Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

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Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Predigten

  1. Advent 2018

1. Advent 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2018

Advent. Wieder ein Jahr vorbei.
Es gab einen ungeheuer langen heißen Sommer, Waldbrände in Schweden und später in Kalifornien, es gab zermürbende Zeiten in der Regierungskoalition und den Anfang vom Ende der Ära Merkel, eine für Deutschland unerquickliche WM und einen sagenhaften Blutmond, der NSU-Prozess ging zuende, es gab Fahrverbote für Diesels und üble Zusammenstöße in Chemnitz, Begegnungen von Staats- und Regierungschefs, Attentate, Razzien, Hochzeiten, Kriege, privates Glück und Leid, Katastrophen und Wunder im Große und im Kleinen …
Und hier im Dom haben wir das neue Jahr begrüßt, am Gründonnerstag beim Tischabendmahl zusammengesessen, uns an Karfreitag unter Jesu Kreuz gebeugt und in der Osternacht Auferstehung gefeiert, es gab Konzerte, Lesungen, Sommernächte, Bachkantaten, den unglaublichen Belsazar und jetzt hängt der Adventsstern und Kerzen und Weihnachtsprogramme liegen hundertfach parat…
Die Welt ist nicht untergegangen und unser Wirtschaftssystem nicht zusammengebrochen, der Dom steht und wir sind da. Alles wie immer.
Oder verändert sich etwas? Würden wir es merken?
Wieder steht derselbe Text über dem ersten Advent – obwohl die Kommission, die Predigttexte aussucht ewig getagt hat und alles anders machen wollte. Darum haben wir auch dies Jahr gehört, wie die Jünger und Jesus „in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg“.
Advent ist die Zeit KURZ DAVOR.
„Kurz vor was“? Halbwegs erwachsen geworden ahnen wir ja, dass nicht Weihnachtsbaum und Geschenke gemeint sind. So oft haben wir schon Advent gefeiert, sind aus der komplexen Gemengelage unseres Lebens hierhergekommen. Und?
Vielleicht ging es den Menschen zur Zeit Jesu genau so. Sie kannten die alten Verheißungen. Sie erinnerten mit Festen und Bräuchen jedes Jahr wieder an Gottes Geschichte mit den Menschen. Sie hofften auf Veränderung. Als solche sind die Jünger, seine Freunde und Schüler, auch unterwegs. Sie kommen aus der Fülle des Lebens, aus der Begegnung mit Schmerz und Leid, Krankheit und Tod, aus der Erfahrung tiefer stärkender Freundschaft. Sie hatten Gottes- und Menschenwort gehört, bestimmt auch abends oder beim Gehen miteinander gesungen. Sie haben politische Verhältnisse und den Druck sozialer Ungerechtigkeit am eigenen Leib gespürt und den Hunger nach Brot und Gerechtigkeit. Sie haben viele Kilometer in den Knochen. Jetzt ist Jerusalem ganz nah.
Sie sind KURZ DAVOR.
Und stoppen. Als müssten sie sich sammeln und innehalten, in sich hinein horchen oder auf etwas anders aufmerken, vielleicht auch Kräfte sammeln.
Es ist nicht irgendeine Rast.
Dieser Sonntag ist eine Zäsur.
Jetzt ändert sich die Richtung.
Spüren wir das auch?
Vor nur einer Woche haben wir noch Kerzen für unsere Verstorbenen angezündet und waren auf dem Friedhof. Mancher wird ein bisschen länger geblieben sein. Es ist nicht so einfach, dort umzudrehen und wegzugehen, die Richtung zu ändern. Aber wenn, dann fangen Menschen neu an, mit der Kraft des Lebens zur rechnen, etwas zu erwarten, etwas zu hoffen, etwas für möglich zu halten.
Dann kann es sein, dass noch etwas Wichtiges in unserem Leben passiert und wir etwas finden, was trägt und dass sich grundsätzlich etwas ändert. Es ist ohnehin nichts mehr wie zuvor. Wir müssen es nur zur Kenntnis nehmen.
Jesus sagt an diesem Punkt: „Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!“
Ein Tier klauen zu sollen, ist jetzt vielleicht nicht die große Lebensveränderung auf die man hofft. Aber so ist es eben auch. Es bleibt uns trotz aller Sehnsucht verborgen, wo es mit unserem Leben hingeht und kann merkwürdige Wendungen nehmen. Jesus würgt mögliche Fragen daher auch sofort ab – und mehr wird er heute nicht sagen! Als: „Wenn jemand fragt: der Herr bedarf ihrer.“ Punkt.
Jesus braucht ein Lasttier. Das letzte Stück Weges ist er nicht mehr der Aktive, nicht mehr der, der das Tempo vorgibt oder die Situation erklärt. Auf diesem letzten Stück ist er nicht der starke charismatische Führer, sondern nur ein Mensch, der sich tragen lasst – von einem Tier, von einer Verheißung, von der Begleitung seiner Freunde.
Die legen – so erzählt es Matthäus – ihre Kleider auf den Rücken des Esels. Nun wären zwölf Jacken für Jesus nicht nötig, um halbwegs bequem zu reiten. Er ist ja keine Prinzessin auf der Erbse. Aber für die Jünger ist es nötig. Etwas von ihnen soll ganz nah dran bleiben, Kontakt halten, Körperwärme aufnehmen und sei es nur ein Stück Stoff – jetzt in diesem Moment, von dem sie spüren, dass gleich etwas anders wird. Und Jesus schweigt.
Als erwartet er, dass wir selbst merken: Es ist KURZ DAVOR.
Jesus schweigt, weil wir selbst merken müssen, dass es so nicht weitergeht, dass wir unsere Lebensrichtung ändern sollten und ihm nachgehen.
In der alten Geschichte passiert etwas Erstaunliches. Es war damals ja keine so spektakuläre Sache, dass einer auf einem Esel in die Stadt reitet. Im Gegenteil: es war ein sehr alltäglicher Anblick. Da kommt ein Mensch. Nur ein Mensch. Aber alle anderen spüren auf einmal: wenn so einer kommt, wenn wir so einem hinterhergehen – nicht den Großen und Mächtigen, den G 20 und Milliardären, den Weltsteuerleuten, den Machtmenschen, den Größenwahnsinnigen – wenn wir so einem nachfolgen, dann wird es anders, wirklich anders.
Wenn es viele machen, erst recht. Und so breiten sie „ihre Kleider auf den Weg; hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.“ Und riefen: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“
Es ist der Anfang einer großen Heilsgeschichte. Wir leben davon jeden Tag und sind trotzdem immer noch KURZ DAVOR – heute am 2. Dezember 2018, trotz allem, was in diesem Jahr war. Wir stehen noch vor der Stadt. Vielleicht, weil wir noch an den Gräbern toter Ideen stehen, falscher Erfolgskonzepte, ungerechter Logik.
Aber alle Jahre wieder kommt dieser Moment, der uns auffordert, etwas zu erwarten und zu hoffen, umzudrehen, zurück ins wirkliche Leben zu gehen, Gott gibt uns nicht auf. Er ist da und geht mit. Legen wir ein Tuch auf den Esel. Behalten wir ihn im Auge. Es täte uns gut. Denn: Es ist KURZ DAVOR!




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  TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.11.2018

Der Tod kommt oft plötzlich. Es ist seltsam.
Selbst wenn jemand lange krank war oder sehr alt, wenn wir wissen, dass der Abschied nicht fern sein kann, selbst dann kommt der Tod plötzlich. Sich einstellen geht nicht. Zumindest nicht beim Tod des Anderen. Beim eigenen vielleicht schon. Irgendwann traf ich eine Frau, die wartete auf den Tod. „Frau Pfarrerin, wie geht das – sterben?“, fragte sie mich. Sie hatte schon lange auf den Tod gewartet – und zwei Tage, nachdem sie mir die Frage gestellt hatte, starb sie. Als ob die Worte ihr den Weg bereitet hätten.
Aber wir sprechen insgesamt ungern vom Tod. Und manchmal vermute ich, dass, weil es noch nie leichter fiel, über ihn hinwegzusehen als in dieser Zeit, als in dieser Gesellschaft, er deshalb umso härter trifft. Aber – ehrlicherweise – wurde der Rede vom Tod schon immer gern ausgewichen: Entschlafen seien die Toten; oder im Krieg gefallen, sagt man. Dass solche Worte nichts weiter als ausweichende Beschreibungen sind, lässt sich lernen, wenn Kinder auf sie reagieren. Mir erzählte mal jemand, dass er viele Jahre nicht habe einschlafen können, bis ihm irgendwann aufgegangen sei, dass seine Eltern ihm vom Tode eines geliebten Menschen gesagt hätten, er sei eingeschlafen. Fortan weigerte sich das kindliche Köpfchen einzuschlafen. Und erst als der erwachsene Kopf viel später den Zusammenhang erfasste, kam für diesen Menschen der ruhige Schlaf zurück. Und mir selbst leuchtete nie ein, warum der im Krieg gefallene Mensch nicht einfach wieder aufgestanden ist. Bis mir erklärt wurde, dass hier nicht das Hinfallen, sondern der Tod gemeint sei.
Der Tod ist so hässlich und schrecklich, dass wir ihn kaum ansehen wollen. Und wenn er da ist und Raum greift, trifft er uns. Unvorbereitet, plötzlich. Er tut weh. In ihrem Gedicht „Memento“ schreibt Mascha Kaléko:
"Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang.
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben."
So ist es. Punkt.
Lässt sich auf so etwas überhaupt vorbereiten?
In unserem Wochenspruch aus dem 90. Psalm heißt es: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Doch wozu klug werden?
Um das Leben besser zu nutzen?
Um es mehr zu genießen?
Um uns weniger aufzuregen?
Ist das die Klugheit, die gemeint ist?
Ich denke, die Antwort lautet: auch. Es ist schließlich ein Wort aus der Zeit vor Christus. Mit dem Tod des Jesus von Nazareth erweiterte sich seine Bedeutung. Denn jene, die sich Christen nennen, glauben an das Evangelium. Und darin geht es um den Tod. Oder besser gesagt um die Überwindung des Todes.
Denn das Evangelium verheißt, was der Auferstandene im Evangelium des Johannes spricht: „Ich lebe. Und ihr sollt auch leben.“
Das Evangelium spricht nur auch von Nächstenliebe.
Es spricht nur auch von einer Ethik, die niemanden übersehen und sich für Schwache einsetzen will.
Es spricht nur auch davon, dass wir mit unserem Leben und dem, was uns in ihm geschenkt ist, großzügig umgehen soll. Dass wir großzügig lieben, schenken, großzügig essen und trinken, großzügig leben sollen.
Nur auch erzählt es all das. In seinem Kern aber verheißt es die große Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, die leben soll.
Jetzt und dann.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Das ist die frohe Botschaft. Das ist das Evangelium.
Das ist, woran unser christlicher Glaube hängt.
Alles andere ist nur auch wichtig.
Das ist schwer zu begreifen. Und deshalb stellten die Leute Fragen.
Berechtigte Fragen.
Sie wollten es genau wissen.
Wie wird es aussehen nach dem Tod, Paulus?
Ist das nicht unlogisch, wenn einer auferstehen und bei Gott leben soll? Stell dir doch mal vor: Da stirbt einer, seine Frau heiratet sei-nen Bruder. Der stirbt auch. Und wessen Frau ist sie dann im ewigen Leben? Das geht doch gar nicht. Das muss doch Unsinn sein.
Die Leute haben gefragt. Sie wollten’s genau wissen.
Und dann geschieht in der urchristlichen Theologie, im urchristlichen Nachdenken über Gott etwas, worüber ich immer wieder neu dankbar bin:
Die Fragen werden als nicht zu beantworten zurückgewiesen.
Denn die Grenze des Todes ist nicht zu überschreiten.
Sie ist. Unüberwindbar.
So weh es tut.
Und deshalb antwortet Jesus im Evangelium des Matthäus:
„Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.
Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel.
Habt ihr denn nicht gelesen von der Auferstehung der Toten, was euch gesagt ist von Gott, der da spricht (2.Mose 3,6):
»Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«? Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“
Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Deshalb wird er das Leben bewahren. Punkt. Nichts weiter. Kein Wort zu viel. Nichts, von dem ich heute in Predigten sagen müsste, naja, so hat man sich das damals eben vorgestellt. Keine Offenbarung des Johannes mit einem himmlischen Jerusalem, in dem nur einhundert-zwanzigtausend Leute Platz haben. Kein Paradies mit Jungfrauen. Kein Hades. Kein Götterberg. Nur: Leben.
„Aber, Paulus, wie ist das mit diesem Leben? Sag es uns, wenn wir dir und deinem Evangelium trauen, ja unser Leben dafür aufs Spiel setzen sollen…. Hier in Korinth hat niemand den Auferstandenen gesehen. Wir haben nur dein Wort, Paulus. Sag uns, wie ist es mit der Auferstehung?“
Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?
Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.
Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.
Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.
So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.
Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.
Paulus sagt von sich, dass ihm der Christus erschienen sei. Und er predigt die leibliche Auferstehung des Menschen. Nicht die Auferstehung dieses Leibes.
Der ist ihm egal, genauso wie er über die gern diskutierte Frage, ob das Grab Christi voll oder leer gewesen sei, wahrscheinlich nur seufzend den Kopf geschüttelt hätte.
Es geht bei der Auferstehung nicht um unseren Leib hier auf Erden.
Sondern um uns.
Um das, worin wir, die wir doch alle irgendwie Hand, Fuß, Bein, Arm, Kopf und Herz sind, uns unterscheiden.
Wir sterben – unser Körper und unser Geist.
Aber weil Gott kein Gott der Toten ist, werden wir leben.
Paulus nimmt zur Erklärung dieses Lebens das Bild des Saatkorns. Was wir auf Erden sind, erstirbt. Und doch bleibt es. Denn wie aus einem Sonnenblumenkern nicht plötzlich eine Kastanie erwachsen wird, wird das, was wir auf Erden waren, bleiben. Und doch wird es anders sein. Wie die Engel schreibt der eine. Geistlich der andere. Im Gericht aufgerichtet der dritte.
All diese Worte sind unzulänglich. Aber gerade deshalb sind sie gut.
Die Worte der Heiligen Schrift sind klug.
Sie bleiben dem Nichtwissen, der nicht zu überwindenden Grenze treu.
Und geben uns deshalb Raum zu hoffen.
Das, was kommt, ist Leben.
Es wird anders sein.
Vervollkommnet.
Aufgerichtet.
Von Angesicht zu Angesicht.
Wir werden sehen.
„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Mit dem Auferstandenen ist dies mehr als ein Wort der Mahnung. Denn die Klugheit meint jetzt auch die innere Vorbereitung darauf, dass der Tod zwar schrecklich bleibt, aber dass er nicht das Ende ist. Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Das macht stark angesichts des eigenen Todes.
Und es tröstet, weil wir uns im Glauben an Jesus unseren Toten als neu Werdenden verbunden denken können.
So lasst uns dem anvertrauen, dessen Friede höher ist als alles, was wir uns denken und ausdenken können. Er bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben.
Amen.

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  Buß- und Bettag 2018 (Jesaja 1, 10-17)

Buß- und Bettag 2018 (Jesaja 1, 10-17)

Dr. h.c. Nikolaus Schneider, Präses i.R. - 21.11.2018

Liebe Gemeinde!
Volkstrauertag – Buß- und Bettag – Toten- oder Ewigkeitssonntag, das sind die Novemberfeiertage, die unser Kirchenjahr beschließen.
Innerhalb einer Woche setzen wir uns mit Buße, Trauer, Tod und Auferstehung auseinander: Wir stellen uns unserer Schuld als deutsches Volk. Wir trauern um die Opfer von Gewaltherrschaft und Kriegen – in diesem Jahr besonders um die 17 Millionen Toten des 1. Weltkrieges, der vor 100 Jahren zu Ende ging. Wir denken an unsere eigene Sterblichkeit. Wir gedenken der Verstorbenen in unserem Familien- und Freundeskreis und in den Kirchengemeinden. Bei alledem richten wir uns auf die Ewigkeit aus. Wir versichern uns der Hoffnung, dass wir vom Tod nicht endgültig vernichtet werden. Wir stellen uns auch unserem persönlichen Versagen in unserem privaten Leben. Und wir verdrängen die Schuldverstrickungen unserer Kirche nicht mehr -aktuell die sexualisierte Gewalt, mit der die Seelen von Kindern und Jugendlichen verletzt oder zerstört wurden.
Bei alledem trägt uns die Glaubensgewissheit, dass Schuld, Trauer und Tod nicht das endgültige Urteil über unser Leben sind – wir hoffen vielmehr auf deren Überwindung! Wir hoffen auf Vergebung und Neuanfang. Wir hoffen auf die Auferstehung der Toten. Wir hoffen auf Gottes Reich in Ewigkeit. Diese Hoffnung führt zu einer Lebenshaltung, die Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen so beschrieben hat: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ (Matth. 4, 17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“
Nun hat das Wort Buße, liebe Gemeinde, für viele Menschen keinen guten Klang. Es klingt nach Strafe, nach Übungen, die uns mit Zwang auferlegt werden. Und so wurde „Buße“ ja auch oft genug missverstanden und missbraucht! Biblisch gesehen zielt Buße aber auf etwas ganz anderes: auf Veränderung zum Besseren, auf Befreiung aus üblen Verstrickungen, auf Umkehr von den Wegen des Todes auf die Wege zum Leben!
Ein Tag der Hoffnung soll der Bußtag sein - und ein Tag der Ermutigung! Die frohen Botschaften dieses Tages lauten: Es muss nicht alles so weiterlaufen wie es läuft!
Veränderungen sind möglich. Sogar wir selbst können uns ändern, trotz aller eingeschliffenen Gewohnheiten, trotz unserer Festlegungen durch Herkunft und Geschlecht, Beruf und Lebensort, durch gute und schlechte Erfahrungen.
Martin Luther hat das so gesagt: „Das christliche Leben ist nicht fromm sein, sondern fromm werden, nicht Gesundheit, sondern ein gesund werden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind es noch nicht, wir werden es aber sein. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg…“
Ein Tag der Verheißung und ein Tag der Hoffnung ist der Buß- und Bettag. Das ist das Erste, was heute zu sagen ist!
Zum Zweiten: Buße ist mehr als eine spirituelle geistliche Übung. Buße im biblischen Sinn verlangt von uns auch eine Neuausrichtung in unserem Alltagsleben. Unsere persönliche Frömmigkeit und die Gottesdienste der Gemeinden lassen sich nicht von unserer Verantwortung in Gesellschaft und Politik trennen! Hören wir Gottes Ruf zur Buße, wie er uns beim Propheten Jesaja überliefert ist. Ich lese die Verse 10 bis 17 des ersten Kapitels aus dem Prophetenbuch: „Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unseres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer? Spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe keinen Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk(also Weihrauch) ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten;
sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!“
Jesajas Botschaft, liebe Gemeinde, ist kultkritisch und gesellschaftskritisch zugleich. Der Prophet verwirft das religiöse Leben seiner Zeit. Er lässt keine Form der Opfer im Tempel aus, auch nicht den Festkalender seiner Zeit. Ja sogar das Gebet des Einzelnen wird der Kritik unterworfen. Jesaja macht klar: Gott erträgt keine Frömmigkeit, die zur hohlen Form wird, weil sie Rechtlosigkeit und Willkür verdecken will. Ihm sind Gottesdienste zuwider, die Er als Verhöhnung seines Bundes mit dem Volk Israel versteht.
Gebete mit Blut an den Händen sind Ihm so unerträglich, dass er sich nur noch abwenden kann „Sodom und Gomorrha“ – diese provokative Bezeichnung muss Jerusalem sich gefallen lassen. Und wohin der Weg von Sodom und Gomorrha führte, das war bekannt.
Jesaja – wie später auch Jesus Christus – machen unmissverständlich klar:
- Gottesliebe und Nächstenliebe lassen sich nicht voneinander trennen.
- Ein Rückzug auf innerliche Frömmigkeit entspricht nicht dem Willen und der Weisung Gottes.
- Kult ohne Ethik ist Gott ein Gräuel.
- Beten und das Tun des Gerechten gehören zusammen.

Mit drei Schritten leitet Jesaja zur Buße an: Aufwachen aus dem frommen Rausch der Opfer, der Feste und der Gebete, der reinen Lobpreisgottesdienste, die den Blick auf die Realität verstellen.
Das ist das Erste. Das ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass es besser werden kann. Die Realität wahr-nehmen, sie aus der Perspektive Gottes sehen – so wie ER sie in seinen Geboten, in seinen Regeln für ein gelingendes Leben, dem Volk bekannt gemacht hat. Sich frei machen durch Abwendung vom Bösen ist das Zweite. Frei werden von der Herrschaft böser Taten und Gedanken in uns, selbstsüchtiger Theorien im gesellschaftlichen Diskurs, die dem eigenen Vorteil dienen. Und die dem Egoismus das Kleid wissenschaftlich begründeter Notwendigkeit etwa in der Volkswirtschaftslehre umhängen: rational wird dann zu selbstsüchtig, weil Menschen immer egoistisch und nie altruistisch seien! Das Böse ist wie ein Geflecht, das Menschen einfängt und gefangen hält. Neues ist nur möglich, wenn Menschen davon freiwerden wie Vögel aus den Netzen der Fänger.
Lernen steht an dritter Stelle. Neues Denken und Handeln muss gelernt und eingeübt werden. Mit dem Verstand, aber auch mit dem Herzen. Durch Bildung und Vorbild, durch Erziehung und Sozialisation. Damit wir verstehen: Gottes-Dienst besteht auch darin, Recht zu üben und Hilfe zu leisten.
In heutiger Sprache klingt das so: Im Namen Gottes fordert der Prophet soziale Gerechtigkeit – und zwar im Blick auf Benachteiligte, Arme, Flüchtlinge und Asylanten.
Und zum Dritten: Gott will uns seine Gnade und seine Liebe schenken – ohne dass wir sie uns durch unsere guten Taten verdienen müssten. Allerdings müssen wir uns auf den Weg machen, auf den Gottes Wort uns ruft.
Buße ist der Weg, auf dem Gott uns seine Gnade und Liebe immer neu erfahren lässt. Buße ist der Weg, auf den auch Christus uns im Namen Gottes ruft.

Wie geht Buße praktisch? Was können wir dazu tun? Oder ist es Gottes Werk, dass wir verändert werden?
Buße als Zusammenwirken von Gott und Mensch beschreibt ein jüdischer Text so: „Jetzt erscheint der Mensch … wie ein Schwimmer, der um sein Leben ringt. Er kann das Ufer nur erreichen, wenn sich ihm eine Hand entgegenstreckt. Aber der Retter kann auch nur helfen, wenn der Ertrinkende gegen den Untergang kämpft. So braucht der Mensch Gottes Gnade und ist ohne sie, nur auf seine schwache Kraft angewiesen, verloren. Aber auch Gott braucht die Anstrengung des Menschen, Reue, Buße, Wiedergutmachung. Wenn nicht der Mensch Gottes ausgestreckte Hand ergreift, kann auch Gott nicht erlösen.“
(Max Eschelbacher, zitiert nach Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, S. 398)

Das Werben Gottes um sein Volk und die Geschichte Gottes mit allen Menschen ging nach dem Auftreten des Propheten Jesaja weiter. Es lief zentral auf das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi zu. Sein Reden und sein Handeln ist für uns die verbindliche Interpretation der Geschichte Gottes mit Israel und allen Menschen, so wie sie im AT vermittelt ist.
Jesus Christus verstehen wir als die ausgestreckte Hand Gottes für alle Menschen! Wenn wir unseren Glauben an Jesus Christus festmachen, dann erreichen wir das rettende Ufer. Unser Handeln wird durch Christus zum Beten und Tun des Gerechten.
Im Glauben an Christus kann Gottes Geist uns auf den Weg bringen, auf dem wir Gottes Gnade und Liebe immer neu erfahren.
Dann wird dieser Buß- und Bettag für uns zu einem Tag der Verheißung und der Hoffnung.
„Gott rufet noch“ (>Lied nach der Predigt!! EG 392).
Lasst uns sein Wort hören und tun!

Amen.

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  Volkstrauertag 2018

Volkstrauertag 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.11.2018

Im Predigttext heißt es für diesen Sonntag: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Es ist nicht irgendein Sonntag im Kirchenjahr – sondern Volkstrauertag.
Überall im Lande werden Gestecke an den Mahnmalen der Gefallenen niedergelegt. In manchem Dorf sind die Listen so lang, dass man sich kaum vorstellen kann, dass überhaupt irgendeiner von diesen allermeist blutjungen Männern wieder nach Hause gekommen ist. Sie waren alle „getreu bis in den Tod.“
Sie starben, so stand es dann in den Briefen an Eltern und Witwen, dem Vaterland treu den Heldentod. Man gedachte ihrer am Heldengedenktag. Und manche, vielleicht sogar die allermeisten waren dazu erzogen worden zu glauben, dass es in Gottes Augen nichts Besseres geben könnte als für das Vaterland zu sterben.
Zur Eröffnung der Reichstagssitzung im August 1914 rief im Berliner Dom der evangelische Oberhofprediger Ernst von Dryander zu den Waffen "für die deutsche Gesittung - gegen die Barbarei!" In Kriegspredigten hieß es "Wer heute gesund ist und die Waffen tragen kann, der gehört in die Schützengräben."
Der renommierte Berliner Theologe Reinhold Seeberg (Doktorvater von Dietrich Bonhoeffer) hat bis 1918 die These vertreten: Wenn man im Zuge der "Verteidigung des Vaterlandes" einen belgischen Soldaten erschießt, vollstreckt man das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm.
So dachten nicht nur ein paar Verblendete, sondern viele.
Käthe Kollwitz schrieb in ihrem Tagebuch im Herbst 1916: „Nie wird mir das alles klar werden. Wahr ist nur, dass die Jungen … mit Frömmigkeit in den Krieg gingen, und dass sie es wahrmachten, für Deutschland sterben zu wollen. Sie starben – fast alle.“
Reichswehr und Wehrmacht hatten auf ihrem Koppelschloss stehen: „Gott mit uns.“ So zogen sie in den Krieg.
So rutscht alles in eins: Nationalismus und Christlicher Glaube, Gott und Vaterland, Kriegsdienst und Verkündigung.
Wie konnte es dazu kommen?
Der kurhessische Landesbischof Martin Hein hat vor ein paar Jahren am Volkstrauertag gesagt: „Treue, Tod, Krone des Lebens – all diese Worte ließen sich ja scheinbar bruch-los übertragen auf ein Nationalbewusstsein mit Werten wie Treue zur Heimat und Tod für das Vaterland …“
Kriege mit all ihren sinnlosen Opfern schienen so mit Gottes Willen vereinbar zu sein. Gott ist ja mit uns…
Dabei geschieht nur eines: Gottes Name wird vereinnahmt und die Rede von ihm missbraucht, um einen Zweck zu heiligen, der sich mit ihm, der durch seine Propheten Kriegsfolgen ausgemalt und durch seinen Sohn Gewaltlosigkeit und Feindesliebe gepredigt und gelebt hat, nicht vereinbaren lässt.
Der Volkstrauertag mahnt also angesichts all der Toten:
Wenn wir Gott für unsere Anliegen verzwecken, dann verlieren wir den Weg, laufen in die Irre und wenn es ganz schlimm kommt, bringen wir millionenfaches Unheil in die Welt.
Was sollen wir also anfangen mit diesem:
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“?
Es steht ja genauso in der Bibel.
So stand es schon vor hundert Jahren dort.
Die Worte entstammen folgendem Zusammenhang aus der Offenbarung des Johannes, dem allerletzten Buch der Bibel: „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig geworden ist: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – … Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet … Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“
Der Autor dieser Zeilen, der Seher Johannes, war Zeitzeuge der ersten wirklich schlimmen Christenverfolgungen. Er erlebte, dass der Kaiser gewaltsame Mittel nutzte, um den Herrscherkult durchzusetzen. Er wusste, dass die Mächtigen grausame Methoden haben, um Menschen zu brechen. Darum ging es dem Seher Johannes nicht um persönliche Lebensführung und erst recht nicht um Vaterlandsliebe, sondern um eine gefährliche Wahrheit: das Bekenntnis zum christlichen Glauben kann lebensgefährlich sein.
Damit muss man rechnen. Wer Jesus Christus nachfolgen will, hat sich entschieden – egal was Regierungen oder Oberhofprediger erwarten. Wer Jesus Christus nachfolgen will, kann es nicht allen recht machen.
Im Deutschland der Gegenwart muss Gott sei Dank keiner seine Überzeugung mit dem Leben bezahlen – aber so ist es noch nicht lange. Anderswo sind die Verhältnisse viel schlimmer. Morgen werden wir Asli Erdogan zu Gast haben, eine Frau, die von solcher Gefahr gezeichnet ist.
Sie ist eine Ausnahmepersönlichkeit.
Solche Treue ist nicht selbstverständlich.
Denn schon Johannes wusste, was wir auch wissen: wenn es ernst wird, wenn das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Zugehörigkeit zu seiner Kirche uns wirklich etwas kostet, dann gehen wir nicht alle treu und singend in den Heldentod, verzichten auf Wohlstand und Karriere, sondern schleichen uns lieber leise weg, weinend vielleicht wie Petrus, nachdem er Jesus verleugnet hatte.
Petrus hat sich aus Angst weggeduckt und gelogen. Bei uns gibt es für solche Furcht keinen Grund und trotzdem ist die Frage nach der Treue zu unserem Glauben aktuell und brennend, das lehrt die Erinnerung am Volkstrauertag.
Nach 1945 haben Christen voller Scham formuliert: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Das gilt noch immer. Auch wir werden schnell untreu und schwächen die Unmissverständlichkeit des Evangeliums von Jesus Christus ab, legen die Texte „situationsbezogen“ aus und tun so, als wären Jesu Worte eine mögliche Meinung in der Stimmenvielfalt unserer pluralen Welt.
Blieben wir aber treu, würde Kirche sich nicht selbst kleinreden, sondern ein deutlich hörbarer Anwalt für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sein. Kirche wäre ein menschenfreundlicher Arbeitgeber und beherzte Kritikerin. Wir wären nicht gefährdet, wie unsere Kollegen vor 100 Jahren in nationalistischen Taumel zu fallen oder durch Anbiederung an alle Möglichkeiten unserer Zeit, Menschen verlocken zu wollen. Wir glaubten nämlich, dass Christus stärker ist als der Tod und alle Mächte und Gewalten.
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Das wird nicht mein Lieblingsbibelwort werden. Ich spüre mich scheitern ehe ich beginne. Lieber sind mir die Psalmworte, die über dem kommenden Jahr stehen werden: „Suche Frieden und jage ihm nach!“
Ist das womöglich dasselbe? Wird die Krone des Lebens Frieden sein, wenn wir ihm getreu nachgejagt sind …? Es wird ohne lebenslange Treue zu Gottes Wort bei der Friedenssuche nicht vorwärtsgehen.
Eins ist sicher: Wir bleiben angewiesen auf Gottes Gnade.
Das gilt erst recht am Volkstrauertag.

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  Hiob 14,1-6

Hiob 14,1-6

Cornelia götz, Dompredigerin - 11.11.2018

Heute vor hundert Jahren wurde in Compiegne der Waffenstillstand unterschrieben. Das war das Ende des ersten Weltkrieges. Europa war ein Schlachtfeld, Tote und Versehrte überall, der Untergang des Abendlandes.
Nichts war mehr wie zuvor. Musik, Malerei, Literatur, Architektur, Theologie - es ging nicht mehr um schöne Formen, harmonische Klänge und Gottes Offenbarung in der Schöpfung. Nichts davon stimmte mehr. Krieg und Verfall wurden jetzt Themen, Hässlichkeit, Abstraktion, Disharmonie. Und Gott war nicht mehr der, der uns nah ist und wir ihm ähnlich, sondern der Fremde, ganz Andere. Sein Wort wohnt nicht in uns, sondern kommt senkrecht von oben…
Der Tiefpunkt des Jahrhunderts war dabei noch lange nicht erreicht. Nach 1945 dichtete Matthias Hermann:
„Herr, Dein Atem ist ins Nichts vergeudet. / Von Deinem Weltturm dröhnt der letzte Schlag. / Zurück zu dir fehln mir die Flügel; / Es wurde Nacht am ersten Tag.“
Worte voller Finsternis, die auch nachsprechen kann, wer am Grab seines Kindes steht, wem Krankheit, Unglück, Naturkatstrophe das Leben zerstört…
Immer dann, im Großen wie im Kleinen, stellt sich die Frage nach dem Bösen. Wo kommt es her und warum bricht es ein in unser Leben? Warum verhindert Gott es nicht? Kann er nicht? Ist er gar nicht allmächtig und barmherzig? Wo ist er überhaupt in all dem Leid? Wer also wollte noch allabendlich dem „lieben Gott für einen schönen Tag danken“ und sich im Schatten seiner Flügel bergen?
So fragen wir, so frage ich, so fragen Menschen schon lange, vermutlich schon immer. Ein frühes tief beeindruckendes Dokument dieses verzweifelten Haderns ist das Hiobbuch im Alten Testament.
Hiob ist heute der sprichwörtlich mit Unglück Geschlagene, nichts kann schwerwiegender sein als eine Hiobsbotschaft, ich kenne keinen Menschen, der sein Kind Hiob nennen würde. Dabei war er ein gerechter, grundanständiger, frommer und in jeder Weise gesegneter Mann. Aber eines Tages bricht die Katastrophe über ihn herein, sein Land wird versehrt, die Arbeiter erschlagen, das Vieh geraubt. Bei einem Unwetter stürzt sein Haus ein und begräbt alle seine Kinder. Schließlich wird er schwer krank.
Wie kann das sein? Es galt der zwingende Zusammenhang zwischen dem, was man tut und dem, wie es einem ergeht. Es galt, dass Gott die vor allem Bösen bewahrt, die ihn ehren und ihm gehorchen…
Warum dann Hiob?
Weil es so nicht ist und so nie war. Das Hiobbuch ist einfach nur ehrlich. Das Böse trifft eben nicht nur die Bösen und die Gottlosen. Menschliche Versuche, mit dieser schweren Wahrheit umzugehen, dokumentiert das Hiobbuch.
Da sind zunächst die alttestamentlichen Autoren, die einen Gott, der den Guten quält, nicht denken wollen oder können und dem Text deshalb eine Rahmenhandlung verpassen. Die erzählt: Schuld ist der Satan, denn der wettet mit Gott, dass Hiob ihm nur deshalb treu ist, weil es ihm gutgeht. Wenn Gott ihm alles wegnehmen würde, seine Lieben, seine Gesundheit und seinen Besitz, dann würde Hiob sich abwenden. Ein Gott, der den wohlverdienten Segen nicht verlässlich gewährt, wäre dem Menschen unnütz…
Wohlgemerkt: in der Urfassung gab es diese faustisch anmutende Wette nicht. In der ersten Fassung stand nicht infrage, dass alles von Gott kommt, dass es also auch keinen anderen Verursacher des Bösen gibt.
Wenn das so ist, so beschwört Hiobs Frau ihren Mann, dann soll er diesen Gott endlich hinter sich zu lassen. Was hilft ein Gott, der böse oder ohnmächtig ist. Er verdient Hiobs Treue nicht. Diesem Schluss folgen Menschen noch immer. Sie geben ihren Glauben auf, weil sie sich von Gott verlassen fühlen.
Soweit gehen Hiobs Freunde nicht. Aber sie dringen in ihn, nachzudenken, wofür er solche Strafe verdient hat. Anders können sie sich das Unglück nicht vorstellen. Gott ist gerecht und darum muss sich etwas finden. Auch das Muster quält Menschen noch heute…
Aber Hiob weiß, dass er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Und er will keiner anderen Macht in seinem Leben Raum geben. Er hat sich auf Gott verlassen und ihm vertraut, darum ist er mit ihm auch nicht am Ende. Ganz im Gegenteil: Dieser Gott ist der einzig wichtige Adressat in seinem Leben. Es gibt nichts außerhalb und deshalb erwartet Hiob, dass Gott sich ihm erklärt. Er ringt nicht mit seiner Frau und nicht mit seinen Freunden. Er ringt mit Gott und sagt, schreit, weint oder singt:
„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
Geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!
Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“
Mit anderen Worten:
Ja Herr, ich bin ein endliches unvollkommenes elendes Geschöpf, voller Sorgen und Zweifel. Wie sollte es auch anders sein. Ich bin ein Mensch, Kind zweier Menschen, die Fehler und Schwächen haben. Ja, ich kann nichts dazu tun, wann und in welche Familie ich geboren wurde oder wann es vorbei ist. Alles liegt bei dir, Gott. Aber wenn deine Anwesenheit Gott in meinem Leben soviel Unglück bringt, dann bitte wende dich ab. So will ich nicht, dass es zwischen uns ist. Geh weg, solange du zornig bist und komm wieder, wenn es anders ist.
Hiob nimmt absolut ernst, dass eine wirkliche Beziehung zu Gott möglich ist. Und darum kämpft er. Er bringt keine Schuldfrage auf den Tisch, er betreibt keine Ursachenforschung. Er nimmt zur Kenntnis, dass das Böse in seinem Leben ist. Aber er will sich nicht damit abfinden, dass Gott ihm das antut oder es dabei belässt. Er will diesen Gott erweichen. Er glaubt fest, dass auch das Gute von ihm kommt und dass das am Ende stärker sein wird als das Böse.
Hilft uns diese Haltung weiter?
Ja, ich glaube es hilft, die Schuld am Bösen nicht fremden Mächten und Gewalten zu geben. Sie werden diese Macht nutzen, wenn es sie gibt und durch unser Zutun größer werden. Ja, ich glaube es hilft, Gott anzuklagen und ihm unsere Klage vor die Füße zu werfen, mit ihm zu ringen, denn nirgendwo anders gehört unsere Traurigkeit und Verzweiflung hin.
Und nein, ich glaube nicht, dass es hilft, Gedankengebäude zu stricken, in denen ein Gott so lieb ist, dass er nichts Schlimmes zulassen würde. Und nein, es hilft nicht, zu glauben, man hätte das Unglück verdient.
Es hilft zu vertrauen, dass das nicht das letzte Wort ist, dass Gott mit uns anderes vorhat als Leid und Unglück.
Es hilft zu glauben, dass nach der Finsternis des Karfreitags, nach der Grabesstille des Karsamstags ein neuer Tag beginnt. Ja, es hilft, uns in die Tradition dieses Klägers, des Hiob zu stellen und auch in die des Jakob, der sich mit Gott schlägt, der hinkend aus der Auseinandersetzung geht und nicht fortläuft, sondern sagt: „Ich lasse dich nicht, Du segnest mich denn.“

Zurück zum Anfang.
100 Jahre nach Compiegne. 80 Jahre nach der Pogromnacht. Mitten unter Menschen, die unsagbar Schlimmes erleben, fragte Marie Luise Kaschnitz: „Wie war das eigentlich als wir noch Verse machen konnten?“
Wie war das? Schrecklich. Denn ohne Worte verlernt man das Klagen, das Beten, das Leben. Aber wir können es Gott sei Dank noch.
Bei Friederike Roth klingt es so:
„Groß geblieben ist meine Sehnsucht nach Leuchtendem. / Man will sie mir aber nehmen. / Man erzählt mir von den Übeln der Welt, als wäre das ein Beweis. / ich werde stumm. / Längst bin ich weggeflogen auf Leuchtendes zu. / Aber im Zentrum des Leuchtenden / war natürlich die schwarze / die sternlose Nacht. / Und doch ist die Sehnsucht geblieben.“

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  "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat" - Röm 13,1-7

"Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat" - Röm 13,1-7

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.11.2018

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.



„Es war eine Schnupftabakdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst aus geschnitzelt aus Nußbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nußbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
„Was geht mich Friedrich der Große an!“

1912 schrieb Joachim Ringelnatz diese Verse, sechs Jahre bevor Deutschland das verlor, was als klassische Obrigkeit galt: Den Kaiser, der gottbefohlen über seine Untertanen herrschte. Im Idealfall milde und weise, in Realiter aber leider auch so, dass am Ende Geschichten wie die von des Kaisers neuen Kleidern entstanden.

Hitlers Deutschland wollte auch als Obrigkeit anerkannt sein – und grüßte gar mit dem Wörtlein „Heil“.

Und dann stand Nachkriegsdeutschland verwirrt – ohne Kaiser und ohne Führer und durfte und sollte und musste gleichermaßen Demokratie werden und Obrigkeit sein. Keine starken Männer mehr, auf die sich als gottgegebene Obrigkeit verweisen ließ.

In diesem neuen Deutschland wuchsen dann wir als Kinder auf. Und wir hatten Geschichten wie die vom Räuber Hotzenplotz von Ottfried Preußler. Fünfzig Jahre ist diese Erzählung in diesem Jahr alt geworden. Und der Polizist, der in ihr für die Obrigkeit steht, ist zu meinem inneren Bild des Begriffs Obrigkeit geworden: ein verpeilter Typ, der sich selbst viel zu wichtig nimmt, der sich verspottet fühlt, wenn ihm komplizierte Sachverhalte erläutert werden, und dessen Hauptaugenmerk darauf liegt, dass Uniformrock, Pickelhaube und Säbel stets tipptopp sind…. Er selbst meint, dass die Leute ihm allen Respekt schuldig seien – und zwar aufgrund seines Amtes und seiner Stellung. Weil er als Beamter Teil der Obrigkeit ist. Und gleichzeitig ist er als kleiner Beamter auf tumbe Art und Weise seiner Obrigkeit hörig. Da fällt der Respekt schwer, wenn man über den behäbigen Beamten eigentlich nur lachen und den Kopf schütteln kann.

Kurzum: meine Generation ist im Geist von Ringelnatz und Preußler aufgewachsen. Wir halten nicht viel von gottgegebenen Obrigkeiten. Umso mehr überraschte es mich, als ich sah, dass auch in der neuen Perikopenordnung, die mit dem 1. Advent beginnen wird, der alte Römertext immer noch dabei ist. Jener Briefabschnitt, in dem es heißt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut.“

Da denkt sich das Kind des späten Zwanzigsten Jahrhunderts natürlich: a ja. Nein. Schließlich haben wir gelernt, wohin das führt. Zu Leuten, die schweigen, wenn ihre Nachbarn abgeholt werden. Die nicht hören und nicht sehen und nicht widersprechen.

Ja, es ist leicht, gegen die Worte des Predigttextes aus unserer heutigen Perspektive bashing zu betreiben. Sie wegzuschlagen als irrelevant und dumm, weil von der Geschichte längst widerlegt.

Es ist leicht, sich holzwurmartig nach der Nussbaumdose, jetzt durch die Seiten dieses Papiers zu fressen und zu fragen: Was kümmern mich die alten Worte vom Gehorsam gegenüber einer Obrigkeit, die es schon längst nicht mehr gibt? Schließlich leben wir in einer Demokratie.

Aber gerade wenn etwas so leicht und selbstverständlich scheint, lohnt ja meist der zweite Blick. Was ist an diesem Text dran, dass wir von ihm lernen könnten?

Paulus war schließlich jemand, dem von der damaligen Obrigkeit nicht nur Freundlichkeit widerfuhr. Im Gegenteil, in seinem ersten Brief an die Thessalonicher erzählt er von Gefängnisaufenthalten und Gewalt gegen ihn. Die Obrigkeit seiner Zeit konnte nicht viel mit diesen Christen anfangen. Und ging regelmäßig auch gewaltsam gegen sie vor. Trotzdem schreibt Paulus: Jedermann sei untertan der Obrigkeit!

Ich halte Paulus für keinen, der sich weg duckt. Im Gegenteil: wenn Paulus etwas für sich als Aufgabe erkannt hatte, stand er dafür mit breiter Brust und großer Bereitschaft ein. Er tat und sagte, was er für richtig hielt. Und auf die Obrigkeit schielte er dabei ganz gewiss nicht.

Was also treibt ihn zu seinen Worten im Brief an die Römer?
Ich denke, es sind zwei Interessen: Das eine ist der Anlass des Briefes. Der alte Querulant Paulus will verhindern, dass die Menschen in Rom seinen Brief sofort wegwerfen. Denn wer gegen Rom war, der lief Gefahr, Leib und Leben zu gefährden. Paulus schreibt also: Ist doch alles gut! Wir Christen sind nicht gegen den Staat. Wir sind nicht gegen Rom. Wir sind keine neue Seperatistengruppe, die sich von Rom befreien will. Aber: Rom ist Gott untergeordnet. Wenn wir uns jetzt einen Augenblick lang daran erinnern, dass der Kaiser von Rom selbst als Gott galt und eines der Probleme der Christen ja genau darin bestand, ihn nicht anbeten zu wollen, dann lässt sich ahnen, dass Worte subversiver sind, als ihre Wirkungsgeschichte vermuten lässt.

Und das zweite ist, dass Paulus mit diesem Text klärt, worin das christliche Interesse besteht und worin es nicht besteht: Christen wollen keinen Staat machen. Zumindest wollen sie ihn nicht christlich beherrschen. Sondern sie sind Teil eines Staates und gestalten ihn, indem sie sind, die sie sind – und ihren Mitmenschen Gutes tun.

Oder um es vielleicht klarer zu formulieren: In diesem Text wird deutlich, dass die Trennung von Staat und Kirche dem Christentum nie eine Anfechtung war. Und es wird deutlich, was Christen von ihrem Staat erwarten: nämlich Gerechtigkeit und gute Ordnung.

Und durchaus frech erklärt Paulus, was dem Staat positiv an Aufgaben aufgegeben ist, wie er sein sollte! Mal ganz unabhängig davon, wie die Wirklichkeit alltäglich aussehen konnte. Er schaut den Staat mit großen Augen an und sagt: So bist du doch, nicht wahr? Ich habe dich als gerechten Staat doch ganz richtig dargestellt, oder? Du bist ein guter und wunderbarer, ja gottgegebener Staat. Nicht wahr? Oder bist du etwas ungerecht, willkürlich und schlecht…. Und verfolgst Du etwa Christen, die gar nichts anderes wollen als das Beste für die Menschen, die im Staat leben…. ?!

Ich vermute, der Paulus war viel mehr Schlitzohr denn behäbig-dummer obrigkeitsbeflissener Narr. Für Paulus – und so endet unser Predigttext dann ja auch nicht nur subversiv, sondern in aller Klarheit, gab es nur eine Obrigkeit: „So gebt nu jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem Steuer gebührt; Zoll, dem Zoll gebührt; Furcht, dem Furcht gebührt; Ehre, dem Ehre gebührt.“

Und natürlich hatten die Menschen, wie wir heute auch, dabei die Erzählung von Jesus im Ohr, der sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist; und Gott, was Gottes ist“. Und Furcht und Ehre gebühren alleine Gott. Keinem Staat.

Für uns heute empfinde ich die Worte trotz aller Fremdheit durch überkommene Begriffe wie Obrigkeit und Untertan sein, auf den zweiten Blick als gewinnbringend. Denn positiv ist doch in ihnen gesagt, dass es einen Staat braucht, der die Dinge zum Guten ordnet. Der darauf Acht gibt, dass Böses nicht ungestraft bleibt, und Gutes befördert wird. Und dass ein solcher Staat auch das Recht hat, z.B. Steuern zu erheben für die Aufgaben, die er übernimmt. Und dass wir uns als Christen nicht einfach aus einem solchen Gemeinwesen herauslösen können, sondern wir Teil des Ganzen sind. Unabhängig davon ob und wie Christen Aufgaben in einem Staatswesen übernehmen, geht es in ihrem Tun aber stets um die Ehre Gottes.

In einem demokratischen Staatswesen sind wir also Teil des Ganzen. Und sollten das auch selbstbewusst sein. Denn wir können davon sprechen, wie gutes Zusammenleben zwischen Menschen aussehen kann.
Und so sind Christen – meinem Textverständnis nach – Menschen, die nicht um der Macht willen nach Macht streben, aber den Staat in seinem Tun kritisch begleiten.

Einmal indem sie davon ausgehen, dass er seine Aufgaben erledigt, also eine gute Ordnung schafft und Gerechtigkeit wirkt; wo er das aber nicht tut, das können und sollten Christen dann auch widersprechen!, aber wieder, nicht zur Machtergreifung um der Macht willen, sondern damit es allen gut gehe im Staate und zur Ehre Gottes; und weiter sind Christen Leute, die um ihres Glaubens und um der Ehre Gottes willen, ihren Nächsten Gutes tun. Und das meint für mich tatsächlich dann auch die Arbeit der Erzieherinnen und Erziehern in christlichen Kindergärten, von Lehrerinnen und Lehrern in christlichen Schulen, die Arbeit in der Diakonie – vom Krankenhaus bis hin zur Versorgung und kritischen Begleitung derer, die kein Zuhause haben, sondern sich irgendwie durchschlagen – oder auch nachts vor unserem Dom schlafen.

Noch einmal: Nicht alle Kindergärten müssen christlich sein, aber wir Christen bieten auch von unserer Seite diese Arbeit als Teil dieser Gesellschaft an. Darum geht es. Um Teilhabe und kritische Begleitung bei gleichzeitiger Anerkennung der Notwendigkeit von Staatswesen. Und bei all dem Politikerbashing unserer Tage, ist das doch vielleicht auch wieder einmal gut, sich klarzumachen. Es braucht ein funktionierendes Staatswesen, dessen Teil wir sein können – und meinetwegen auch Untertan. Na gut. Kritischer Untertan.

Und so bewahre unser aller Herzen der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, in Christus Jesus und dessen Nachfolge. Amen.

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  Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober 2018 über Galater 5, 1-6

Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober 2018 über Galater 5, 1-6

Dr. Heiner Wilmer, Bischof - 31.10.2018

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
heute vor einem Jahr war ich auch in einer evangelischen Kirche zu Gast, in der lutherischen Christuskirche in Rom. Ich war eingeladen, die Predigt zu halten. Niemals hätte ich mir damals vorstellen können, ein Jahr später hier mit Ihnen in Braunschweig den Reformationstag zu begehen.
Am 31. Oktober 2017 war mitnichten davon die Rede, dass ich zum Bischof von Hildesheim gewählt werden würde. Ich freue mich sehr, dass Sie mich gerade heute als für diese Region zuständigen Bischof der römisch-katholischen Kirche zu sich eingeladen haben. Dies zeigt, dass wir schon jetzt da und dort – und hier konkret - Einheit leben im Sinne Jesu, der uns auf den Weg schickte mit den Worten: „Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,21).
Der Dom zu Braunschweig erinnert uns an die konfessionellen Auseinandersetzungen in der Geschichte, die überwunden sind, weil wir als Getaufte wieder den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus neu entdeckt haben. Ja, die Erinnerung geht noch weiter zurück: Der siebenarmige Leuchter hat schon vielen Generationen vor uns verdeutlicht, dass der Gott, den Jesus verkündete, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, der Gott, der das Volk Israel durch Mose aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit geführt hat.
Zur Freiheit befreit zu sein - entfesselt eingezwängte Kräfte.
Energie wird frei, um das Leben eigenverantwortlich zu gestalten, Gesellschaft und Welt neu zu formen, zu reformieren.
Doch - und das ist für uns Menschen zeitlos zutreffend: Ungestüme Freiheit geht oft auf Kosten anderer. So entstand auch das Gesetz des Mose, um die wiedergewonnene Freiheit zu regulieren.
Und bei Paulus?
Der emphatische Ausruf Pauli „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ mündet paar Verse später ein in das Korrektiv: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht - einer vom andern - aufgefressen werdet.“ (Gal 5,13.15).
Freiheit, so Paulus, erfährt ihre Grenze dort, wo sie den Mitmenschen bedroht. „Denn“, so Paulus, „das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Gal 5,14).
Vor 2000 Jahren wurde von vielen das zeitgenössisch und zeitbedingt ausgelegte Gesetz des Mose als bedrückende Last empfunden. Um die Zehn Gebote herum entstand eine Unzahl von Gesetzen mit strengen Verboten. Diese jedoch nahmen Menschen die Luft zum Atmen. Viele sahen in Gott den Moral-Gott, der fordert, zürnt und bestraft.
Jesus schenkte den so bedrückten, meist einfachen, schlichten und armen Menschen mit seiner Frohen Botschaft ein neues Selbstbewusstsein. Auch wenn ihnen von den Gebildeten, den Schriftgelehrten, den Theologen eingeredet wurde, sie seien Sünderinnen und Sünder, sind sie aber in den Augen des barmherzigen Vaters im Himmel dessen geliebte Kinder! Und um dies deutlich zu machen, bricht Jesus selbst das vorgegebene religiöse Gesetz und begründet dies mit dem markanten Satz: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27). Jesus will den Menschen zu sich selbst hin befreien in der Gottes- und in der Nächstenliebe. Das ist der Kern der Frohen Botschaft Jesu von Rechtfertigung und Erlösung!
Paulus verstärkt dieses Anliegen Jesu: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ In der mit dem Gesetz des Mose verbundenen Beschneidung der Männer sieht Paulus das Symbol für Unfreiheit: Die Menschen machen sich zu Sklaven Gottes; sie sollten aber Gottes geliebte Töchter und Söhne sein! Das ist die Freiheit der Christenmenschen!
In den verschiedenen Ortskirchen des 1. Jahrhunderts entwickelte sich das Freiheitsideal der Frohen Botschaft. Doch es kam da und dort an seine Grenzen: Wie weit sollte die Freiheit gehen, das eigene Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten? Wird Freiheit nicht auch zur Last? Braucht es nicht eine die Freiheit regulierende deutliche Führung? Der Ruf nach Sicherheit und Klarheit führte gerade in den folgenden Jahrhunderten immer mehr zur Frage nach der wahren Lehre und nach der wahren Moral. Immer genauere Definitionen von Gott und seinem Willen schränken ein und grenzen aus und verdunkeln die Freude am Evangelium. So kam es auch zu schlimmen Auseinandersetzungen unter den Christen.
Doch immer wieder gab und gibt es innovative Kräfte in der Kirche Jesu Christi, die zum Ursprung zurückführen. Wenn Kirche im Laufe der Jahrhunderte im Gesetzeswerk zeitbedingter Regeln zu erstarren drohte und das Joch der Knechtschaft die Getauften einzwängte und bevormundete, erinnerten Frauen und Männer daran, dass der Herr die Kirche als ein Haus aus lebendigen Steinen auferbaut hat (1 Petr 2,5).
Die Kirche ist eine ecclesia semper reformanda.
Martin Luther hat wortgewaltig und temperamentvoll die Reform eingefordert und auf die Freiheit aus dem Glauben hingewiesen. Die damals in der Kirche Verantwortlichen haben den tiefen Sinn seines Anliegens verkannt. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beschreibt Martin Luther die Wirkung eines solchen freien und eigenverantworteten Glaubens so (27):
„Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein freies, bereitwilliges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen." Es ist „der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“, wie Paulus sagt.
Erst spät haben wir in der katholischen Kirche die theologische Intention Martin Luthers richtig verstanden und mit dem II. Vatikanischen Konzil und seitdem als Bereicherung erfahren. So können auch wir Katholiken den Reformationstag mitfeiern. Als Getaufte, welcher Konfession wir auch angehören, haben wir ein wesentliches Grundprinzip der Kirche Jesu Christi erkannt, das für Martin Luther so wichtig war: der Glaube!
Paulus schreibt: „Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.“ (Gal 5,5).
Es ist ein komplizierter Satz, den ich so interpretieren möchte: Im Geist dürfen wir darauf vertrauen, dürfen wir daran glauben, dass Gott uns zutiefst liebt und annimmt.
Um von Gott geliebt zu werden, bedarf es keiner Vorleistungen unsererseits, keiner Ein-Schnitte, die wir vornehmen müssen. Die Liebe Gottes geht unseren Anstrengungen immer voraus. Das bedeutet hier Freiheit von: Ich brauche nicht zu fragen, wie ich vor Gott dastehe, was ich leisten muss, um geliebt, um angenommen zu werden. Es ist durch Christus alles getan. Ich bin schon frei - im Hier und im Jetzt!
Wenn wir auf Paulus schauen, wird deutlich, dass es ihm um die innere Dimension der Freiheit geht: Die Erfahrung, innerlich frei zu sein, ist Geschenk. Vor meinem inneren Auge steht der freie Mensch aufrecht. Er hat Luft zum Atmen, den Blick nach vorne oder nach oben gerichtet. Er ist nicht in sich gekrümmt. Diese innere Freiheit wirkt ansteckend. Ihr sind andere Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten nicht egal. Diese innere Freiheit hat die Qualität, sich für die Freiheit anderer einzusetzen.
Ich sehe in dieser Perspektive auch eine neue Aufgabe für die Ökumene. Wir sind als Kirche Christi – ich wähle hier ganz bewusst den Singular – aufgerufen, die Liebe Gottes und die Botschaft der Freiheit zu verkündigen.
Im Blick auf meine katholische Kirche muss ich zugeben, dass uns dies in den letzten Jahren nicht gelungen ist. Wir haben die Liebe Gottes mit menschlicher schwerer Schuld verdeckt.
Und dennoch: Es ist uns geschenkt, uns immer wieder von der Liebe Gottes anstecken zu lassen und diese Liebe nicht für uns zu behalten.
Als einzelne und als Kirche dürfen wir aufatmen, durchatmen, aufrecht stehen, weil Gott uns Atem gibt und den Rücken stärkt. In dieser Freiheit haben wir einen gemeinsamen Auftrag zur Freiheit zu - zur Freiheit zu handeln.
Hier sehe ich auch den Reformationstag verortet. Aus der Erfahrung der geschenkten innerlichen Freiheit heraus ist es uns aufgetragen, gemeinsam auf die Unfreiheiten, Ungerechtigkeiten und Schieflagen unserer Gesellschaft hinzuweisen. Und wir sind um des Ökumenischen Zeugnisses willen gefordert, die Einheit im Glauben schon jetzt zu leben!
Der Herr befreit uns von der Last traditionsreicher schwieriger theologischer Denkstrukturen, indem er uns zuruft: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3). Er empfiehlt uns das unkomplizierte Fühlen und Denken der Kinder – als Kinder Gottes! Kindern sind hochkomplizierte Sachverhalte fremd. Kinder lassen uns Erwachsene oft das Wesentliche entdecken, weil Kinder sich oft ungehemmt frei fühlen! So freuen wir uns als Kinder Gottes über die versöhnte Verschiedenheit unserer konfessionellen Traditionen in der einen Kirche Jesu Christi. So freuen wir uns, dass Getaufte einen Glaubeneben, der durch die Liebe tätig ist.
So freuen wir uns, dass Getaufte etwa als konfessionsverbundene (Ehe-)Paare sich in evangelischen und katholischen Kirchen zuhause fühlen und am Abendmahl und an der Kommunion teilnehmen. So freuen wir uns über die große Vielfalt der Charismen, der Geistesgaben. Diese machen die Wirklichkeit der einen Kirche Jesu Christi aus! Sie ist nicht getrennt in verschiedene Gemeinschaften und Traditionen, sondern in ihnen verbunden!
Es gibt verschiedene Dienste und Ämter, z.B. Pfarrerinnen und Priester, Bischöfinnen und Bischöfe, es gibt verschiedene Liturgien, es gibt verschiedene Lehrtraditionen und noch viele weitere Verschiedenheiten, aber nur den einen Herrn Jesus Christus. So freuen wir uns darüber, dass wir uns gegenseitig bereichern in bunter und versöhnter Verschiedenheit!
Nehmen wir diese Wirklichkeit wahr als Kinder Gottes! Huldigen wir nicht der realitätsfernen Idee einer „reinen Lehre“, die nur wieder spaltet in evangelisch, lutherisch, reformiert, altkatholisch und römisch-katholisch!
Franziskus, Bischof von Rom, schrieb in „Evangelii Gaudium“:
„Die Wirklichkeit steht über der Idee.“ (233) -
und
„Die Unterschiede zwischen den Menschen und den Gemeinschaften sind manchmal lästig, doch der Heilige Geist, der diese Verschiedenheiten hervorruft, kann aus allem etwas Gutes ziehen und es in eine Dynamik der Evangelisierung verwandeln, die durch Anziehung wirkt.“ (131)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – So lasst uns einander Gehilfen zu unserer gemeinsamen Freude am Evangelium sein! (vgl. 2 Kor 1,24).
Amen.

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  20.Sonntag n.Tr.

20.Sonntag n.Tr.

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.10.2018

Die ZEIT titelt „Einer, der fehlt – zum 100. Geburtstag von Helmut Schmidt, wie er war und was von ihm bleibt“ In Bayern rennt die CSU heute mutmaßlich mit Riesenschritten in ihr Fiasko und draußen ist eine Jahreszeit, für die wir noch kein Wort haben - aber vielleicht schleunigst eins finden sollten.
Dazwischen wir, mal aufgekratzt und fröhlich, mal voller Sorgen, ernst und traurig, Lebenskünstler oder solche, die es sich immer schwer machen, welche, die sich in Rage reden können, was aus unserem Land werden soll, andere, die bedächtig an ihrem Urteil feilen und dritte, denen beinahe alles egal zu sein scheint…
Zeit rast und plötzlich ist es vorbei.
Und was war es dann, dieses Leben? Was haben wir damit gemacht? Was bleibt?
Hoffentlich bleibt was von ihm, sagte mir der Vater eines verunglückten Freundes. Ich vermute, dass mancher Politiker sich heute Abend fragt. Was bleibt?
Sabine Rückert malt in der ZEIT aus, wie Helmut Schmidt den Dieselgate, die Asylfrage, die AFD angehen würde. Von ihm bleibt ein Mythos.
Was bleibt von uns? Kommt es darauf an, was wir gebaut, geschrieben, gepflanzt, besessen haben, damit es weitergeht – mit unserer Familie, dieser Stadt, den Kirchengemeinden…?
Wofür sollen wir unsere Kraft, Kreativität und Liebe geben?
Es ist uns gesagt, was gut ist, was zu tun ist – so heißt es über diesem Tag.
Ja. Aber die Zeit rast und das Heute verschwindet, ehe man so richtig realisiert hat, was die Herausforderung des Augenblicks war. Rückblickend begreift man dann oft nicht, geglaubt zu haben, dass noch Zeit ist, dass alles noch wird.
Und dabei fühlt sich dieses Leben nicht an wie Apokalypse.
Die Bäume leuchten golden, der Himmel ist bestrickend blau …
Trotzdem hat uns etwas hergetrieben, heute Morgen. Vielleicht ist es das sonntägliche Vergewisserungsritual, das Heimkommen können in den Worten und Liedern. Und bestimmt auch die Unruhe, dass etwas passieren muss, dass es nicht dabei verbleiben kann, dass es nur uns gut geht…
Ich könnte noch ein bisschen weiter mit Sinnfragen durch die Predigt jagen. Verfolgt von den Texten dieses Sonntages. Denn es geht in ihnen stets und ständig um Zeit, weil alles vergeht. Wir haben ja gehört:
„Denk an deinen Schöpfer…
ehe die bösen Tage kommen,
ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden
ehe der Strick zerreißt und die Schale zerbricht und der Eimer zerschellt und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.“
Denk an ihn, ehe es zu spät.
Denk an ihn beizeiten, im Frühling des Lebens, „dann wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denk an ihn in deiner Jugend.“
Denk an den Schöpfer beizeiten. Da wird der weise Prediger Salomo Recht haben. Für die meisten von uns kommt das vermutlich trotzdem zu spät. Unsere Jugend und Mandelblüte ist mehrheitlich vorbei.
Womöglich ist Gott also eine Metapher
für all das, was wir nicht rechtzeitig getan haben,
für all das, was wir sehenden Auges haben laufen lassen,
für all das, was wir dachten, nicht beeinflussen zu können…,
für all das, was wir hätten machen können aber nicht gemacht haben.
Und jeden Moment fällt davon wieder etwas an.
Denn es scheint ja schon zu sein, dass die Demokratie in unserem Land und unserer Welt gefährdet ist und wir endlich widersprechen müssen, laut und deutlich, wenn Populisten, Nationalisten, Diktatoren Menschenrechte beugen…
Es scheint schon so zu sein, dass wir Deutschen, die wir so stolz auf unseren Erfindergeist und unsere Technikaffinität sind, uns bewegen müssen und sehr grundsätzlich über Mobilität, Energie, Ernährung nicht nur nachdenken müssen, sondern neu und anders handeln.
Es scheint so zu sein, dass wir nicht einfach weitermachen können.
Und auch:
Wir wissen schon lange, wenn nicht schon immer, was gut ist. Und auch schon lange steht in unserer Bibel auch folgender Paulustext:
„Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Darum sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“
Leben als ob all das, was unser Leben prägt, nicht wichtig wäre.
Leben als ob es keine Bedeutung hat, mit wem wir leben, ob wir lachen oder weinen, wer wir sind und was wir haben… -
Kann das gemeint sein?
In einem Kommentar heißt es: Weil alles vergeht, weil Zeit eben rast, sollen wir uns weder an das was wir sind und haben, klammern noch es desinteressiert bagatellisieren und abqualifizieren. …
Entscheidend ist das das ob, sondern WIE wir leben, denn IN unseren Lebens- und Weltbezügen müssen wir christliche Freiheit realisieren, nicht daneben, davor oder danach.“
Entscheidend ist nicht, ob wir mit jemandem zusammenleben, sondern WIE. Entscheidend ist nicht, ob wir lachen oder weinen, sondern was Freude oder Schmerz jetzt auslösen und bewirken.
Entscheidend ist nicht, was wir besitzen, sondern dass wir nicht glauben, dass unser Besitz über unsere Zukunft entscheidet.
Weil alles vergeht, sind wir frei von den Strukturen dieser Welt.
Im Umkehrschluss: Das Streben nach dem, was bleibt, schnürt uns ein, nimmt uns gefangen.
Leben als ob.
Das klingt nach Leben in Distanz.
Das meint das wahre Leben im Falschen, das Leben in letzter Freiheit.
Was wir sind und haben, gehört zum Vorletzten, so wichtig es uns sein mag.
Das zu begreifen, gewährt Freiheit, um das zu tun, was heute noch getan werden muss.
Draußen ist eine Jahreszeit, für die wir noch kein Wort haben.
Aber es ist unsere Zeit und unsere Gegenwart. Es kommt darauf an, wie wir jetzt leben, was wir jetzt tun, ob wir jetzt Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig sind.
Was bleibt, liegt in seiner Hand.

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  Erntedank

Erntedank

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.10.2018

Es regnet immer noch nicht. Jedenfalls heute ganz in der Früh nicht.
Aber wenn ich über den Markt gehe, wenn ich unseren wunderbaren Altar ansehe, dann erlebe ich die Fülle der Ernte, ganz zu schweigen von den Äpfeln, Pflaumen, Beeren und Weintrauben, die in diesem Jahr so überreichlich gediehen sind. Der Tisch ist reich gedeckt. Lasst uns Erntedank feiern.
Aber: das ist meine Wahrnehmung und meine Wahrheit.
Für manchen Landwirt ist es ein schweres, wenn nicht sogar schlimmes Jahr. Wirklichkeit klafft auseinander, einmal mehr.
Manche Familie weiß nicht, ob sie morgen noch etwas zu essen haben wird.
In Chicago haben wir erlebt, dass viele Afroamerikaner in Gebieten leben, die man Fooddeserts nennt, Nahrungswüste, weil man dort nichts, wirklich nichts zu essen kaufen kann und wir haben gehört, dass Häftlinge in der Untersuchungshaft eine Tagesration bekommen, die sich ausschließlich am lebensnotwendigen Kalorienbedarf orientiert. Keine Rede von Vitaminen oder Eiweißen. Eine Packung Erdnüsse reicht da schon…
Anderswo gibt es nicht einmal die. Fast eine Milliarde Menschen hungert.
Und in Deutschland werden pro Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet, 300 kg pro Nase pro Sekunde – so die aktuelle WWF Studie. Eine irrsinnige Zahl.
Und irgendwo dazwischen sind heute auch wir.
Am Erntedanktag.
Wir haben Grund zu danken. Wirklich und in fast jeder Hinsicht – es ist vieles gut, manches wunderbar, herzerwärmend und ungeheuer beglückend.
Aber muss man, um reinen Herzens danken zu können, womöglich den Rest der Welt ausblenden?
Was ist mit denen, deren Hände leer geblieben sind?
Was ist mit denen, deren Herzen leer geblieben sind?
Was ist mit denen, deren Lebensernte ausgeblieben ist?
Manchmal stehen wir doch ratlos vor der Menge des Unglücks, dass sich in einer einzigen Lebensgeschichte versammelt hat, vor der Zerstörungswut, mit der Menschen einander wehtun, vor all der Ignoranz und Engherzigkeit, der Angst, die in unserem Land umgeht.
Wie soll man ein Dankfest feiern angesichts der Ernteausfälle, der Fruchtlosigkeit mancher Lebensgeschichte, angesichts der mageren Ernte all derer, die für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung leben und arbeiten?
Grade haben wir noch gesungen, dass wir nur pflügen und streuen aber Wachsen und Gedeihen in Gottes Hand liegen. Man könnte sich also bequem rausziehen, weil es so gesehen nicht an uns ist, ob unser Leben, das Miteinander in unserem Land und unserer Gesellschaft gelingt oder nicht. Gott gibt und nimmt, beschenkt und versagt nach seinem Ratschluss.
Sind wir schlicht machtlos? Dabei braucht es nicht viel, um zu begreifen: das Unglück, die Dürre, das Scheitern verschwindet nicht aus unserem Leben, wenn wir die Rechnung genauso bekommen, wie wir sie haben möchten.
Und außerdem: es regnet ja immer noch nicht…
Sollen wir etwa für die Trockenheit danken???
Ja, ich glaube fast, irgendsowas sollen wir. So jedenfalls klingt der Predigttext für diesen Tag. Er kommt sehr knapp daher und es heißt:
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Wenige Worte, aber eine dicke Packung.
Alles, so wird uns geschrieben, ist gut – wenn wir es dankbar empfangen.
Ich halte diese Worte für eine Zumutung und kann mir nicht vorstellen, dass Menschen nur dankbar sein müssen, um mit ihrem Leben, seinen Schwierigkeiten, im besten Sinne des Wortes Frieden schließen zu können.
Genauer: ich würde mich nicht trauen, einem Menschen, der mir von seiner Angst und Not erzählt, zu sagen, er möge nur dankbar sein …
Das kann den Menschen vor fast 2000 Jahren unmöglich anders ergangen sein. Sie haben Ernteausfälle, vorzeitiges Sterben, Hunger und Nor erlitten und werden dafür nicht dankbar gewesen sein. Der Schlüssel für die Bedeutung dieser Zeilen muss an einer anderen Stelle liegen:
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird…“
Alles, was Gott geschaffen hat. Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt, so heißt es im Nicänum. Gott hat all das gut eingerichtet und uns anvertraut. Es ist noch immer seine wunderbare Schöpfung, die alle ernähren kann, die unentdeckte Wunder und Möglichkeiten birgt und gesunden menschenfreundlichen Lebensraum, wenn wir sie nicht kaputtmachen. Sollten wir nicht dankbar sein trotz allem, weil Gott nichts Verwerfliches, nichts Böses kommt? Ein alter Mann sagte mir letzte Woche in einem seelsorglichen Gespräch: Das Schlimme, das Böse, das Leid, kommt all das nicht aus uns selbst? Ja, Neid, Hass, Gier, das sicher. Aber Krankheit und Tod? Ich habe keine Antwort darauf und ob die Menschen, die die biblischen Texte aufgeschrieben haben, einen Antwort hatten, - ich glaube es fast nicht.
Aber sie haben uns einen doppelten Rat gegeben:
1. Empfangt mit Dankbarkeit, denn das ist eine Haltung, die sehen hilft, was nicht selbstverständlich ist, was in allem – sei es noch so schwer – doch da ist. Das mag billig und zu wenig klingen, aber oft erlebt man, dass gerade die Menschen, die es unsagbar schwer haben, viel besser sehen wo Gnade und Segen in ihrem Leben ist. Sie wissen mehr davon, darum sollten wir auf sie hören…
2. Was dankbar empfangen wird, wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
… es wird geheiligt. Dankbarkeit ist eine Haltung, die etwas heraushebt, heiligt. Heiligt. Was meinen wir damit? Wenn unsere katholischen Geschwister „heilig“ sagen, dann meinen sie heilige Orte und heilige Zeiten. Das Heilige ist kraftvoll. Menschen wussten, was zu tun ist und was nicht, wann welcher Heilige anzurufen, in welcher Not welcher Ort aufgesucht werden muss und fühlten sich in dieser Ordnung geborgen. Reformation und Aufklärung haben dieses System entzaubert. Nun gehören Entscheidungen in unsere Herzen und Gewissen und sind nicht verbunden mit heiligen Orte, Zeiten und Formeln. Nur Gott ist heilig.
Aber alles was ist, so sagt es Fulbert Steffensky, ist ein Echo Gottes, hat Anteil an seiner Heiligkeit und ist seine Spur. Wenn wir den Sonntag heiligen, das Wasser, die Ernte, das Leben, dann sind wir – so sagt er kühn - Koproduzenten der Heiligkeit, dann kommt uns der Sonntag, das Wasser, die Ernte, das Leben als heilig entgegen. Was wir als heilig wahrnehmen, dass so sagt er „figuriert unsere Innerlichkeit.“
Wenn wir unser Leben vor den heiligen Gott bringen, dann heben wir es heraus, weil besonders ist und kostbar, was heilig ist. Wenn wir unsere Lebensernte vor den heiligen Gott bringen und ihn darauf sehen lassen, wird es sein barmherziger Blick sein, der heiligt und heilt und uns so hilft.
Dankbarkeit ist dann ganz einfach, weil das nicht selbstverständlich ist.
Es regnet ein bisschen. Es ist nicht alles gut.
Aber der Tisch ist reich gedeckt. Wir dürfen herzu kommen. Amen




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  GD zum Schöpfungstag

GD zum Schöpfungstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2018

Im Hambacher Forst wurden gewaltsam Baumhäuser geräumt, in deutschen Städten droht das Dieselfahrverbot, allüberall produzieren wir zu viel Müll, verbrauchen fossile Brennstoffe, verschwenden Trinkwasser, Klimaflüchtlinge suchen hier Zuflucht und nach diesem Sommer muss auch der Letzte zur Kenntnis nehmen, dass sich das Klima ändert – mithin es scheint zwei vor zwölf zu sein und wir hocken gefesselt von unserer Lebensgewohnheiten, Wirtschafts- und Energieversorgungsmodellen, Ratlosigkeiten und Wohlstandsfragen wie Petrus, von dem der Predigttext an diesem Sonntag sprich, im Gefängnis. Die Apostelgeschichte erzählt:
„Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis….“
Es ist zwei vor zwölf. Mögen die Menschen draußen auch ohne Unterlass beten – und immerhin, das tun sie! – alles spricht dafür, dass mit der neue Tag die Hinrichtung des Petrus bringt, der Lauf der Dinge zeichnet sich überdeutlich ab und es ist nicht absehbar, dass die Mächtigen und Einflussreichen, diejenigen, die an der Situation verdienen, ihre Meinung oder Politik ändern. Die Prognose ist schlecht, die Verbündeten schwach und Petrus? Der schläft.
Man sollte doch denken, dass Angst und Sorgen ihn um die Nachtruhe bringen!
Man sollte doch denken, dass er betet oder an seinen Ketten rüttelt oder …
Aber nein. Er schläft. Vielleicht ist es der Schlaf der Erschöpfung. Vielleicht hat er sich längst leer gepredigt und keine Kraft mehr. Vielleicht fügt er sich in das Unvermeidliche, weil er es nicht ändern kann. Er wird wissen, dass die Menschen draußen, manche jedenfalls, Passahfest feiern und sich erinnern an ihre Errettung und Befreiung. Vielleicht weiß er sogar, dass sie für ihn beten. Aber das hält ihn nicht wach. Vielleicht braucht es solche haarsträubende Passivität, um dem Wunder den Weg zu ebnen? Dann wären wir ja gut dran. Denn es wird weiter erzählt:
Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Wirf deinen Mantel um und folge mir!
Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter und alsbald verließ ihn der Engel….“
Petrus wird aufgeweckt, angerührt und angesprochen, befreit. Alles geschieht an ihm. Fesseln fallen ab. Türen öffnen sich automatisch. Er selbst sagt nichts und tut nichts. Aber der Gottesbotel bringt ihn ins Laufen: „Steh auf! Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um und folge mir!“
Der verläuft in unmittelbarer Nähe der Mächtigen, durch eigentlich unpassierbare Tore, hinein in die Stadt. Erst glaubt Petrus, dass er träumt, dann werden seine Schritte fester. Es ist ein Befreiungswunder wie man es aus Abenteuergeschichten kennt. Und es ist eine Umkehr, ein Weg in die Nachfolge.
Ein neuer Tag in Freiheit bricht an. Damit konnte Petrus nicht rechnen. Und wir am Schöpfungstag auch nicht. Denn auch wir sitzen fest und finden nicht vom Reden ins Handeln, vom Begreifen ins Tun. Wir kriegen die Füße frei, weil wir sie in einen Zementeimer gestellt haben als wir uns angewöhnten, den Schöpfungsauftrag als Herrschaftsauftrag zu hören. Wir fühlten uns im Recht, denn es heißt ja: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht….“
Aber: gewaltsame Unterwerfung ist damit nicht gemeint. Der hebräische Text intendiert keine Inbesitznahme sondern treusorgende Haushalterschaft – auch dafür muss man die Füße auf den anvertrauten Boden setzen. Aber eben nicht, indem man alles niedertrampelt.
Wenn wir endlich rausgerissen werden und neu losgehen wollen, müssen wir Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung zusammendenken und wie Petrus sehr nah an den bewaffneten Wachen vorbei, gilt es einige Tore und Nadelöhre zu passieren, mit anderen Worten: Wege in die Nachfolge suchen.
Und das heißt: Wir müssen aufhören, von uns her zu denken und zu entscheiden, von der Natur her. Sie ist Quelle, nicht Kontext. Nicht Verfügemasse, sondern Gegenüber, nicht Es sondern Du. Deshalb führen unsere anthropozentrischen Denkmodelle, Erziehungs-und Bildungskonzepte in die Irre, weil sie vergessen, dass wir Teil der Schöpfung sind und ohne sie nicht leben können.
Von Petrus heißt es: Als er „und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.“
Er steigt nicht radikal aus. Er bleibt mit denen unterwegs, mit denen er seine Zeit und sein Leben teilt. Er sucht ihre Gemeinschaft und sie die beten, um gute Wege zu finden.
Deshalb soll Schöpfungstag als Gottesdienst gefeiert werden und Liturgie und Ethik, Schöpferlob und menschliches Gelingen und Versagen, zusammenbringen. Deshalb preisen wir Gott, singend und vervollkommnet durch das Vokalensemble. Deshalb verorten wir uns vor Gott in seinem je weiteren Horizont und das schließt kurzfristiges, am schnellem Effekt und Gewinn orientiertes Denken aus, deshalb wissen wir uns vor ihm als sterbliche Mitgeschöpfe, die ohne Erde und ohne einander nicht leben können.
Ist also noch Zeit, ein Apfelbäumchen zu pflanzen?
Ich sagte es ja schon. Wahrscheinlich ist es gar kein Lutherwort, sondern entstand in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Belegt werden kann das Wort jedenfalls erst in einer Predigt eines Pfarrers der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1944. Damals sahen die Menschen ihre Welt untergehen. Vielleicht hat sich jener Prediger an die Petrusgeschichte erinnert, daran dass Gott in einem Moment, in dem keine Zukunft möglich schien und weiter so ausgeschlossen war, einen Engel schickte, der sagte: „Steh auf! Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um und folge mir!“ Und dann die wichtigsten Schritte voranging…
Mir geht es nicht darum, zu vergleichen, welche Geschichte am dramatischsten ist. Aber auch wir befinden uns am Scheidewege, auf der Suche nach Wegen in die Freiheit, nach einen neuen Anfang.
Es mag zwei vor zwölf sein. Aber es kann in Jesu Nachfolge alles neu und anders werden.

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  GOTTESDIENST ZUR BEGRÜSSUNG UND SEGNUNG DER MÄDCHEN- UND JUNGENKANTOREIEN I

GOTTESDIENST ZUR BEGRÜSSUNG UND SEGNUNG DER MÄDCHEN- UND JUNGENKANTOREIEN I

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.08.2018

Heute geht’s rund um den Segen. Die Jungs I und Mädels I der Kinderkantoreien sind gerade im Kreise ihrer Familien gesegnet worden – und auch Ihr anderen habt entweder im letzten oder vorletzten Jahr den Segen empfangen. Und gleich, da werden wir Laura und Anna segnen und ganz zum Schluss, da werden noch einmal alle gesegnet. Aber was meint das eigentlich, wenn man unter dem „Segen Gottes“ geht? Woran macht sich das in einem Leben fest?
Vielleicht braucht es zur Beschreibung erst einmal, was es ist nicht ist. Segen meint nicht, von Gott alle Wünsche erfüllt zu bekommen. Denn, mal Hand aufs Herz: was würdet Ihr Euch heute wünschen, wenn einer käme, der jeden Wunsch erfüllen könnte?
Wäre es etwas, das man anfassen kann? Wie ein Spiel oder ein eigener Computer oder ein Buch? Oder wäre es etwas, um das Ihr mit Euren Eltern manchmal streitet? Wie die Erhöhung der Spiel-zeit am Computer oder die Erlaubnis, endlich einmal einen bestimmten Film sehen zu dürfen? Oder wäre es etwas Grundlegen-des – vielleicht dass Eure Familien gesund bleiben oder dass Ihr Euch mit Euren Freunden immer gut versteht? Was würdet Ihr Euch wünschen, wenn Ihr die freie Wahl hättet?
Wir alle wissen, dass Wünsche ganz zum Augenblick gehören. Und dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können, ja nicht einmal soll-ten. Was aber dann ist Segen?
Ich denke, es kommt dem nahe, was viele Eltern sich in unseren Taufgesprächen für ihre Kinder erhoffen: nämlich dass ihr Kind wohlbehalten, gesund, unbeschadet, selbstbewusst und rücksichts-voll seine eigenen Wege zu gehen lernt. Dass es seine Stärken findet und nutzt, dass es mit viel Lachen und Freude zu einem fröhlichen und freundlichen Menschen heranwächst. Geld und Wohlstand erhoffen Eltern für ihre Kinder in diesem Zusammenhang nur auch. Noch mehr hoffen sie aber, dass ihr Kind an dem Ort, den es für sich im Leben findet, zufrieden sein wird und mit Menschen zusammen lebt, die es mag. Und die meisten hoffen auch, dass ihr Kind den Nächsten im Blick behält und achtsam durch das Leben geht.
Was aber hilft zu solchem Segen? Wie können Hoffen und Tun Hand in Hand gehen, damit am Ende tatsächlich eine Kindheit steht, die schön und manchmal schwer, die stärkend und wertevermittelnd, die auf Zukunft vertraut und gut ist?
Denn dass das Ganze gar nicht so leicht ist, fällt auf, wenn das normale Leben an die eigenen Hoffnungen und Vorsätze brandet. So saß ich z.B. am letzten Wochenende mit einer Freundin im Garten und blickte mit ihr auf ihren anderthalbjährigen Sohn, der mit unserem Zehnjährigen auf dem Rasen spielte: Bobbycar-Rennen. Irgendwann meinte ich, dass wir viele Fahrzeuge unseres Kinderfuhrparks eigentlich gar nicht mehr brauchen und ob sie nicht einiges davon einpacken und mitnehmen wolle. Sie stockte kurz und antwortete, dass Ihr Sohn das einzige Kind der ganzen Familie sei – und es ihr schon jetzt schwerfiele, die große Familie in ihrer Schenkfreude zu bändigen und zu organisieren. Da würden Geschenkideen fast schon mehr helfen als das Mitnehmen von Dingen. Ihr Problem ist das Zuviel, und die Sorge, bei ihrem Sohn könnte sich eine große Selbstverständlichkeit herausbilden, dass er immer alles zu jeder Zeit haben könnte, weil es schon immer jemanden geben wird, der bereit ist, ihm das Gewünschte zu schenken.
Und anders gibt es natürlich – auch in Braunschweig – jene Kinder, die entgegengesetzt leben. Weihnachtsaktionen wie die von Parkbank eV, wo Kinder ihre Wünsche an einen Weihnachtsbaum hängen können und andere diese Wünsche dann abnehmen und erfüllen, zeugen davon. Genauso wie jene Familien, die bei uns klingeln und oft sehr leise und voller Scham fragen, ob wir sie nicht beim Kauf von Schulbüchern oder mit Hilfe von Kleidung für die Kinder unterstützen könnten. Wir tun das, für solche Zwecke und für andere, wo hier vor Ort Hilfe gebraucht wird, sammeln wir in jedem Gottesdienst. Und wir sind froh, dass andere Partner in der Stadt wie die Diakonie mit von der Partie sind. Kleidung gibt es in Läden wie Zweimalschön und Ersthilfe in Ansprechstationen wie der Tagesstätte IGLU. Essen im Madamenhofweg usw. Und die Diakonie ist nicht allein, noch andere Partner sind im Bereich der Wohlfahrt unterwegs. Ein großer Wert für ein Gemeinwesen.
So brandet die Wirklichkeit also an die Wahrheiten des Zuviel hier und des Zuwenig dort. Aber alle miteinander sollen die Kinder lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden und sich selbstbewusst zu bewegen lernen. Und wahrlich, wo das gelingt, ist Segen. Im Guten wie im Bösen vertrauensvoll und aufrecht zugleich dem Morgen entgegen gehen zu können.
Wir sitzen heute im Gottesdienst in einer Kirche. Und Ihr seid einzeln gesegnet worden oder werdet am Ende alle miteinander gesegnet. Hilft das? Hilft Euch das, oder uns als Eltern?
Es wird Sie wenig überraschen, wenn ich sage: Ja!
Und dieses „Ja“ hat zwei Gründe – und beide resultieren letztlich aus Erfahrung. Zum einen stamme ich aus einer Familie, die nicht wirklich zu den Sonntagskirchgängern gehörte; der aber christliche Werte in ihrem Grundverhalten durchaus bewusst waren. Und das waren erst einmal so schlichte Dinge wie: der Ellenbogen muss nicht ausgefahren werden, nur weil man’s kann. Sondern wenn jemand schwächer ist als du, dann kümmere dich besser um ihn. Oder: es ist gut und es gehört sich, Dinge auch einmal unentgeltlich zu tun. Gemeinschaft ist wichtig. Und wenn man z.B. in einem Verein ist, dann muss irgendjemand auch irgendwann einmal bereit sein, das Klo zu putzen. Überhaupt galt es als gut, sich einzusetzen, zu tun, aktiv zu sein. Das war gut, aber noch kein Segen.
Und damit komme ich zu der anderen Erfahrung, die irgendwann dazu führte, in meinem Leben auf Gott zu setzen: Diese Erfahrung gilt den Andachten und Gottesdiensten: denn damals habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, in allem Treiben von Schule, Freizeit, Freunden und Familie auch einmal innezuhalten und Zeit für mich zu haben; Zeit um mich zu sortieren und neu auszurichten. Gerade so wie Jesus sich in der Bibel aus dem ganzen Treiben seines Lebens immer wieder einmal herauslöst und zurückzieht – in die Wüste, auf den Berg, ans Wasser. Im Gebet vertraute er sich Gott an und ging als Gesegneter aus dieser Stille hervor. Erwachsene, aber auch Heranwachsende brauchen – Zeit. Und schöne Rituale. Und gute Geschichten. So wie die vom barmherzigen Samariter, die wir vorhin gehört haben! Oder die vom verlorenen Schaf. Oder die von den Lilien auf dem Felde. Oder die von Jesus als einem, der gerne gegessen und getrunken und mit Leuten geredet hat. Oder die von Zachäus, zu dem Jesus ins Haus geht, obwohl ihn niemand leiden kann. Oder jene von den Wölfen und Schafen, die friedlich beieinander weiden. Und dass Feinde einander lieben sollen. Oder die Geschichte von der Hoffnung, die noch im Tod an das Leben glaubt. Oder dass Gott in der Normalität einer Zimmermannsfamilie das Licht der Welt erblickte. Nun, ich hoffe, dass Ihr zumindest einige der Erzählungen kennt. Sonst sollten wir sie gemeinsam kennen lernen. Denn sie vermögen das Denken zu prägen und am Ende Gesellschaften zu formen.
Wenn Geschichten wie diese einer Gesellschaft verloren gehen, dann erinnert sich niemand mehr, warum er eigentlich nicht – wo möglich – seinen Nächsten übervorteilen und die Ellenbogen einsetzen sollte. Wenn sie verloren gehen, dann liegt es nicht nahe, jemandem zu helfen, den man nicht kennt. Wenn man noch nie etwas von der Feindesliebe gehört hat, dann geht es vielleicht so wie einer meiner Konfirmandinnen vor einigen Jahren, als wir diesen Teil der Bergpredigt gelesen haben, und sie spontan ganz ehrlich mit den Worten reagierte: „Was ist das denn für ein Quatsch?“ Die Kraft, die in der Kombination von Demut und geradem Rücken liegt, wie soll sie ohne das Wissen um den Nazarener bewusst wer-den? Oder Beispiele von Menschen, die seinem Weg – als Christen oder auch nicht – aber seinem Weg folgten: Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder unsere eigene friedliche Revolution 1989 sind doch Beispiele, wie man ohne Waffen und ohne Gewalt die Welt in Bewegung bringen kann. Menschen, die dieser Welt auf dem Weg des Friedens zum Segen wurden.
Aber die Werte des Christentums scheinen heute nicht besonders populär, anders kann ich die Nachrichten nicht deuten, wenn ich da von einem amerikanischen Präsidenten lese, dessen Integrität fraglich ist, oder von einem russischen Rechtssystem, das bei Leuten aus der Oppositionsbewegung besonders gerne gefängniswürdige Verfehlungen findet, oder von einem Schiff, das Menschen vor dem Ertrinken rettet, und dem deshalb tagelang die Einfahrt in den eigenen Hafen verboten wird, usf..
Ich denke, ein bisschen mehr Bildung der Persönlichkeit im Sinne Jesu täte gut. Denn sie meint, sich nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Heilung und Heil, nach Nächstenliebe und Selbstliebe zu sehnen. Und wenn wir Gott – ernsthaft und mit dem Herzen – denken, dann denken wir auch den Rest. Und erfahren so seinen Segen, um ihn weiterzutragen.
Bestimmt sind wir Christen derzeit keine Massenbewegung, aber wir bleiben das Salz der Erde. Und als Salz der Erde sollten wir nicht aufhören einfach treu weiter unsere Geschichten zu erzählen und Gott dafür zu loben, dass er uns die Wege zum Leben gelehrt hat. So werden wir selbst stark und selbstbewusst, fröhlich, gelassen und achtsam für unsere Nächsten. Und so lässt sich Welt gestalten. Zuerst im Kleinen, aber dann auch im Großen.
Amen.

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  6. Sonntag nach Trinitatis, Gal 2,16-21

6. Sonntag nach Trinitatis, Gal 2,16-21

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.08.2018

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wo findet sich Heil?
Darum geht’s in unserem Predigttext, der, zugegeben, nur wenig zugänglich ist. Irgendwie bekommt man mit, dass es um das Gesetz geht, aber was und wie genau? Eher nicht.
Und es legt sich die Frage nahe, ob das alles überhaupt unser Problem ist – oder nicht vielleicht doch nur das des Juden Paulus, der sich als steter Musterschüler daran abarbeitet, dass er die für die jüdische Religion so wichtigen Gesetze und Regeln nicht mehr befolgt.

Wir aber leben doch in einer freiheitlichen Welt. Jede und jeder ist für das eigene Tun verantwortlich. Und der Satz, dass die eigene Freiheit da endet, wo die des Nächsten beginnt, ist zum Standardsatz ethischen Handelns geworden. Aber wie sieht es im Alltag denn aus? Sind wir wirklich so frei wie wir uns behaupten?

Ein Beispiel aus der Gegenwart: Wir haben in Deutschland genug zu essen und zu trinken. Nicht nur das, eigentlich haben wir sogar zu viel. Und die Produktion dieses „zu viel“ geht nicht selten mit unwürdigen Bedingungen in der Tierhaltung einher oder einer Ackerwirtschaft, die für das Gleichgewicht der Natur problematisch ist. Das erkennen inzwischen nicht wenige Menschen. Und sie reagieren mit dem Wunsch, sich richtig ernähren zu wollen. Eine an und für sich gute Idee. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Frage der Ernährung plötzlich zu einer Heilsfrage wird.

„Orthorexie“ ist ein Begriff, der 1997 geprägt wurde und eine möglicherweise krankhafte Fixierung auf gesundes Essen und die richtige Ernährung meint. Die Zeit berichtet in einem ihrer Artikel von einer jungen Frau, die in Stress geriet, weil sie sich in ihrem Wunsch nach gesunder Ernährung irgendwann vegan, glutenfrei, ölfrei, frei von raffiniertem Zucker, mehlfrei und dressingfrei ernährte. Der Arzt Steven Bratman, der den Begriff der Orthorexie prägte, war sich ebenfalls selbst Patient. Er sagt von sich: "Ich wurde so ein Snob, dass ich nur noch Gemüse aus eigenem Anbau aß, das maximal 15 Minuten vor Verzehr geerntet worden war. Ich ernährte mich rein vegetarisch, kaute jeden Bissen 50-mal, aß immer an einem ruhigen Ort – also alleine."
Der Soziologe Simon Reitmeier befasste sich aufgrund solcher Tendenzen mit der Soziologie der Ernährung und kommt zu dem Schluss: "Ein gesunder Lebensstil im Allgemeinen und eine gesunde Ernährung im Speziellen werden zur moralischen Pflicht des Individuums. Gesundheit und Krankheit gelten nicht als schicksalhafte Bestimmung, sondern als gestaltbare beziehungsweise vermeidbare Zustände, wenn sich das Individuum an die Erkenntnisse und Ratschläge der Wissenschaft hält. Ebenso definieren sich viele Menschen heute darüber, was oder was sie nicht essen, und fühlen sich so einer bestimmten Gruppe zugehörig oder grenzen sich von anderen ab.“ Ähnlich der Arzt Bratman: „Menschen mit solcher Lebenseinstellung fühlen sich nicht hilfsbedürftig, sondern überlegen, da sie sich vermeintlich besser, gesünder, nachhaltiger oder sinnvoller ernähren als der Rest der Welt.“ Von sich selbst erinnert er: "Da ich mich verpflichtet fühlte, meine schwächeren Brüder zu erleuchten, unterrichtete ich fortwährend Freunde und Familie."

Menschen, die eine Orthorexie entwickelt haben, sind nicht unbedingt krank. Sich gesund und richtig zu ernähren ist schließlich, wie schon gesagt, erst einmal eine gute Idee. Zumindest solange, wie dieser Wunsch nicht in die Mangelernährung treibt. Oder im Gefängnis eines selbstgebauten Regelwerks gefangen hält. Oder in die Einsamkeit führt, die oft mit ewiger Besserwisserei einhergeht.

Noch einmal. Warum das lange Beispiel? Weil ich denke, dass es für unsere Zeit sprechend ist. Der Blick auf die langen Wände der Ratgeberliteratur für nahezu jedes Lebensthema zeugt davon, dass wir anscheinend tatsächlich meinen, dass das richtige Tun zum gewünschten Ergebnis führen wird. In unserer Freiheit schaffen wir uns im schlechten Fall Gesetze und Regelwerke, die nicht mehr großzügig die Richtung weisen, sondern bissig und krampfhaft mit Hilfe der selbstgeschaffenen Überzeugungen das Heil machen wollen. Gnade fehlt als gedanklicher Ansatz.

Damit sind solche Regelwerke quasi-religiöse Handlungen. Und in solchen Systemen – so unser Predigttext von heute – drohen wir das wahre Heil zu verpassen. Denn das liegt in der Gnade.

Das Essen ist ein gutes Beispiel dafür, weil es damals Juden und Nichtjuden voneinander trennte und ins Gegeneinander trieb. Heute trennt es Menschen, wenn Freunde oder Familienmit-glieder nicht mehr wissen, was sie einander zu essen anbieten können. Noch einmal: natürlich ist es sinnvoll, sich über gutes Essen Gedanken zu machen. Sowohl was seine Herkunft betrifft, als auch die Art der Zubereitung als auch die Mengen. Aber in dem Augenblick, in dem es wichtiger ist, das „richtige“ Essen zu mir zu nehmen als mit einem Freund gemeinsam zu essen, läuft etwas schief. Und in dem Augenblick, in dem ich vor einem gefüllten Kühlschrank aufgrund von Prinzipien in Mangelernährung gerate, wird das Unheil der Überzeugung vom machbaren Heil sichtbar.

Paulus sagt an anderer Stelle: „Der Herr ist Geist. Wo aber der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit.“

Wir sind frei, richtig zu handeln. Nicht weil irgendein äußeres oder inneres Gesetz uns zwingt. Denn Zwanghaftigkeit führt wohl in allen Bereichen am Ende ins Unheil. Wenn ein Regelwerk in die gedankliche Unfreiheit führt, ist der Geist Gottes fern. Der Geist Gottes treibt nämlich zum Leben. Und das kennt viele Formen. Alles aber, das zum Leben führt, kann und soll getan werden. Und so ist die alltäglich notwendige Ethik eine, in der man sich grundsätzlich, aber nicht zwanghaft an erkanntes richtiges Tun hält und es in Grenzsituationen auf den Prüfstand stellt.

Damit ist unser Glaube einer der anspruchsvollsten, die ich kenne. Denn was in einem Fall goldrichtig ist, ist im nächsten grenzwertig und im dritten falsch.
Zwar stellt die christliche Moral einen moralischen Rahmen zur Verfügung, aber gleichzeitig denkt sie sich frei von ihm, wenn sie sagt: In Christus liegt die Freiheit. Und zwar die einzig wahre.

Deshalb kann, wer Christus nachfolgt, sich gegenüber den Regeln und Gesetzen der Welt frei verhalten. Im Miteinander auf Erden sollen wir seinem Vorbild folgen. Ja. Demütig, aufmerksam, nachgiebig sollen wir sein – und das mit aller Klarheit und Festigkeit.

Demut meint dabei das Wissen um die eigene Begrenztheit. Ich bleibe eine Suchende. Die Demut liegt nicht in der blinden Unterordnung oder einer Selbstaufgabe, sondern in der Anerkenntnis, selbst genauso viel oder wenig und manchmal auch weniger als meine Mitmenschen zu wissen. Die Demut liegt darin, lernwillig und zuhörend zu bleiben. Solche Demut schützt davor, in neue Gesetzlichkeit zu verfallen, in die Gesetzlichkeit der selbst erschaffenen Überzeugungen nämlich.

Es ist kein leichter Weg, aber ein lohnender. Denn einerseits gebietet die Demut, die Erkenntnisse der Welt zu prüfen und in den meisten Fällen auch ihnen zu folgen. Andererseits aber weiß sie sich frei von ihnen und bleibt damit flexibel. Es ist die Demut vor dem Leben selbst, die uns Jesus vorgelebt und der zu folgen er uns befohlen hat. Und darin liegt sein Heil.

Der Friede Gottes aber ist höher ist als all unsere Vernunft; so bewahre er unsere Herzen und Sinne in der demütigen Freiheit Christi. Amen.

Predigttext Gal 2,16-21:
16 Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

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  Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 01.07.2018

„Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“

Wenn wir biblische Texte nicht nur als Berichte einer uralten Zeit, Begründungen von Familientraditionen oder Herkunft lesen, also als ein Dokument, in dem die, die vor uns waren, aufgeschrieben haben, was Glauben je zu ihrer Zeit in ihrem Leben für eine Bedeutung hatte, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns in den alten Worten suchen, dann hören wir immer auch Gegenwart und Zukunft mit.
Die uralte Geschichte von Abraham ist dann nicht nur die der Väter, die irgendwann in die Geschichte Israels mündet, sondern auch eine, die uns jetzt geschieht oder wenigstens, die heute deutet was heute geschieht.
Darum wird jeder von uns, je nachdem an welchem Punkt seines Lebens er gerade steht, etwas anderes darin hören. Das ist, glaube ich, nicht Beliebigkeit, sondern ein konsequentes Weiterdenken dessen, dass wir einzigartig und unverwechselbar sind – in allem, dem Gelingen und dem Scheitern, dem Suchen und Fragen, Hören und Finden, unserem Lebensweg.
Ich selbst höre in diesem Sommer meines Lebens zuerst in der alten Geschichte, dass da einer aufbricht und fortgeht, aus seinem Elternhaus, weg von denen, die mit ihm verbunden sind, weg von dem Ort, wo er gelebt hat. Und ich höre, dass es zum Leben dazugehört, dass Menschen nicht nur dazukommen, so wie Geschwister, Freunde, Partner, Kinder dazukommen und mit mir Leben und Gegenwart teilen, sondern dass sie auch wieder gehen. Ich selbst höre, dass es irgendwann Zeit ist, Kinder wirklich gehen zu lassen und frei zu geben, so zu leben, wie sie es für richtig halten, dass Eltern gehen werden und Freunde … aber auch, dass damit nicht alles zu Ende ist, sondern Neues wächst und gedeiht. Und ein bisschen denke ich: grade bin ich nicht Sara, die mit Abraham geht. Ich werde bleiben, wie Sten Nadolny so schön sagt, nicht irgendwo sondern irgendwohin, weil ja auch meine Leben weitergeht.
Bei anderen wird es anders sein. Ich kenne Menschen, von denen ich mir vorstellen kann, dass dieser Text ihnen Mut macht, noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen, dass es sie beglückt und bestärkt, dass Gott einen sehr alten und noch dazu kinderlosen Mann, also einen von dem man vermuten sollte, dass er dort, wo er ist, nicht mehr so dringend gebraucht wird und nicht mehr so viel ausrichten kann, also nach den harten Kriterien unserer Welt eher ein Versorgungsfall ist als eine Ressource dennoch für den genau Richtigen hält, einen Aufbruch zu wagen, Segen zu bescheren. Dieser Text erzählt, dass Gott uns gebrauchen kann, egal wer und was wir nach dem Urteil der Welt sind…
Aber dann gibt es noch ein anderes Moment, dass mich daran erinnert, nicht meine Sehnsucht, meine Trauer, meine Hoffnung zum Zentralgestirn zu machen, sondern nicht zu vergessen, dass wie der große Gelehrte, Gottfried Wilhelm Leibniz sagte, „der Ort des Anderen der wahre Standpunkt ist, sowohl in der Politik als auch der Moral.“
Und heißt das nicht, noch einmal neu und anders hinzuhören, mithin anzunehmen, dass Gott zu einem anderen spricht und dass wir oder ich die sind, denen dieser dann begegnet, die er segnet oder verflucht, je nachdem. Vielleicht bedeutet dieser Text ja für Sie und mich, auszuwandern aus dem Vertrauten, aus den Denk- und Lebensgewohnheiten, den Ansprüchen und der Selbstgerechtigkeit unserer Gesellschaft. Wenn der Ort des Anderen der wahre Standunkt ist, dann hat Gott vielleicht so zu einem derer gesprochen, die jetzt aus dem Mittelmeer gerettet wurden und nirgendwo an Land gehen durften.
Es mag für uns nach einer Zumutung klingen, nach einer kaum schaffbaren Herausforderung, aber es ist nicht mindestens genauso wahrscheinlich, dass Gott zu einem armen Afrikaner spricht wie dass er zu uns redet? Und wenn er dann zu einem, der Zuhause nicht mehr weiter weiß sagt: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“
Vielleicht hat einer von denen, die da unterwegs sind und die wir Flüchtlinge nennen auch versucht, in der Bibel einen Rat und eine Wegweisung zu hören und dann ist dieser Text in sein Herz gefallen und er hat sich aufgemacht? Ganz im Ernst: nicht nur uns ist gesagt, dass Gott sich in seinem Wort zeigt, nicht nur uns will er trösten, nicht nur auf unserer Lebenswanderung geht er mit. Und sollte er unser schönes Land diesem Fremden zeigen wollen, dann, ja was dann? Dürfen wir dann dicht machen und Lager bauen und…?
Wirklich, ich weiß nicht, wie es hier gehen kann. Aber ich kann nicht überhören, dass Gott womöglich zu einem, der sich auf die lange schwere Reise gemacht hat, weg aus seinem Vaterland in ein fremdes Land, sagt:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Wird also Gott uns verfluchen, wenn wir die verfluchen, die auf dem Weg zu uns sind?
Ja, das klingt steil.
Ja, keiner weiß, wie es gehen soll und
ja, so kann man den großen Elendswanderungen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich weder strategisch begegnen noch politisch beikommen.
Aber mir fällt wirklich nichts ein, wie ich mich – nachdem ich einmal die Perspektive gewechselt, einmal anderen zugestanden habe, was ich sonst mir vorbehalte, nämlich Gottes Wort als direkt an mich adressiert zu hören – rausziehen könnte. Oder noch ein allerletztes Mal andersherum: Wenn wir diese Geschichte nicht als Bericht aus uralter Zeit, Begründung von Familientraditionen oder Herkunft lesen, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns heute in den alten Worten suchen, dann sagt er uns im Sommer 2018 während des großen Politikstreites um Flüchtlinge und Asyl geradewegs, dass er uns Menschen schickt, zu denen er gesagt hat:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
An anderer Stelle heißt es, Gottes Wort sei den einen ein Ärgernis, den Anderen eine Torheit. Das mag so sein. Dass der Friede Gottes, der damit einhergeht. Größer ist als das, was wir denken können, ist gewiss.
Amen.

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  Predigt am Sonntag TRINITATIS

Predigt am Sonntag TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 27.05.2018

Da sind wir wieder mal hier an einem Sonntagmorgen. Die Konfirmanden haben sogar die ganze Nacht im Dom verbracht; es wird ein heißer Tag, die Freibäder werden brummen und wer kann ist draußen.
Da hinein hören wir, dass Paulus uns schreibt:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte…“
Sie sind ausgestiegen, oder?
Solche Texte am Morgen – das geht nicht. Finde ich auch. Ich hab ihn x-mal gelesen, laut und leise, mit der Hand abgeschrieben, versucht, mir einen klaren Gedanken zu merken. Es geht nicht. Wirklich nicht. Aber wie geht es dann, dass das Hören auf Gottes Wort, dass Gottesdienst überhaupt gelingt?
Muss man dafür ganz den Modus wechseln und aus dem eigenen Leben aussteigen? Was braucht es, damit wir diese Stunde hier als etwas erleben, was für unser Leben heilsam und wirklich wichtig ist. Wie kann es gehen, dass wir rausfinden aus all unserem menschlichen Alltagskram und bereit und offen und ruhig genug sind, um dem Heiligen zu begegnen?

Zunächst: Hilfreich sind Randbedingungen. Zum Beispiel, dass dieser Raum nicht verzweckt ist für andere Dinge des täglichen Bedarfs, sondern nur geschmückt, besonders ist – weil er nichts anderes sein soll als ein Ort, an dem Gott gegenwärtig sein kann, damit sich unser Leben, unsere Zeit, unser Raumgefühl verändert, wenn wir+ hier sind.
Und: Es gibt eine Liturgie, die wie ein Weg ist, damit wir das Heilige nicht zuerst als Tabu erleben, dass uns fremd ist und bleiben wird, weil wir ihm eh nicht zu nah kommen sollten…
Liturgie hilft, dass wir im im wahrsten Sinne des Wortes reinkommen.
Darum beginnt der Gottesdienst mit Musik, weil Musik alles zum Ausdruck bringen kann, womit wir hier ankommen – Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht und zugleich dafür sorgt, dass es dann schon nicht mehr Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht ist.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit wir jetzt da sein können.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit es hier aufgehoben ist..
Dann kommt die Begrüßung. Ich heiße Sie willkommen – das gehört sich so aber vor allem gebe ich einen liturgischen Gruß weiter. Er kommt aus uralter Zeit, vielleicht sogar aus Gottes Ewigkeit her: „Der Friede Gottes sei mit euch allen“ und heißt: fürchtet euch nicht, entängstigt euch! Denn erst, wenn die Angst weg ist, kann man wirklich da sein, hören, heil werden, dem Heiligen begegnen.
Solange wir in Deckung gehen, wollen wir ja überhaupt gar nicht wahrgenommen oder gesehen werden. Im Gegenteil…
Darum muss es jetzt ein Lied geben, damit wir nicht passiv bleiben, sondern uns einschwingen und ins Atmen kommen. Einer der Denker unserer Kirche, Eberhard Jüngel, sagte ein bisschen abgewandelt: „Wenn wir atmen, wenn wir Luft holen und tief durchatmen, dann erfahren wir, dass im Atemholen ... zweierlei Gnaden sind: das Einatmen-Müssen und das Ausatmen-Können“ Einatmend geht man in sich, tankt, schöpft Luft und Lebenskraft, ausatmend geht man aus sich heraus und lässt andere spüren, was uns treibt, begeistert, sorgt. So entsteht Beziehung. So entsteht Bewegung. So entsteht Hinwendung zu Gott. So wird Gottesdienst. So beten wir,
zuerst mit dem Kyrie, zu Deutsch „Herr erbarme dich“:
Jetzt, wo wir in die Musik gelegt haben, womit wir gekommen sind, wo wir wissen, dass wir hier keine Angst haben müssen, uns nicht schämen oder hässlich und dumm fühlen müssen, jetzt ist der Moment, in Gottes Hände zu legen, was heil und besser werden soll. Jetzt können wir ganz ehrlich sein und müssen das auch sein, weil es für hilfreiche Wege nötig ist, bei der Wahrheit zu bleiben.
Und die Wahrheit unseres Lebens ist ja, dass es oft wenn nicht sogar immer an uns liegt, dass wir Menschen nicht in Frieden, Schönheit und Harmonie miteinander leben, so wie Gott es am Anfang mit uns vorhatte, weil wir uns fast immer auf uns selbst verlassen und nicht auf ihn. Wenn dann aber unser Leben – wenig überraschend - nicht gelingt, plagen wir uns und andere mit unfruchtbaren manchmal sogar hässlichen Gedanken, Gefühlen oder Worten.
Das muss man ausräumen und um Entschuldigung bitten, ehe es heil und gut werden kann. Darum das Kyrie. In der Liturgie folgt darauf immer ein Bibelwort: Das Wort der Güte und der Gnade Gottes. Es ist eine Antwort auf unser Kyrie, denn wer hält schon nach einer Entschuldigung Schweigen aus.
Und wenn dann eine Antwort kommt, dann seufzen wir vor Erleichterung – auch das geht nicht ohne Lebensatem. Also steigen wir ein in das Gloria, den Lobgesang Gottes.
Wieder wird gesungen – damit das drinnen und draußen in Bewegung kommt, damit Gott hört, dass wir wenigstens jetzt mal kurz verstanden haben, dass von ihm alles Gute kommt, dass ihm die Ehre gilt – nicht den Reichen und Mächtigen dieser Erde.
Kommen wir nicht von genau daher in diesemen Gottesdienst?
Hören wir also nochmal und jetzt vielleicht anders:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn.
In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.
In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“
Und wenn wir das jetzt nur fühlen können aber nicht verstehen, dann macht das nichts, denn der heilige Gott ist größer als alles, was wir denken können.
Amen.

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  Predigt am Sonntag EXAUDI

Predigt am Sonntag EXAUDI

Dompredigerin Cornelia Götz - 13.05.2018

Propheten passen nie in ihre Zeit. Es liegt in ihrer Natur zu sehen und auszusprechen oder einordnen zu können, was den allermeisten anderen – wenn nicht sogar allen anderen - verborgen bleibt. Sie sind mit Hellsichtigkeit begabt oder bestraft. Sie wissen, wohin etwas führt und sind getrieben oder beauftragt, das nicht verschweigen zu können.
So reden sie und ihre Worte können gar nicht anders sein als störend oder beunruhigend. Das überträgt sich auf den, der sie sagt. Darum sind Propheten meist Einzelne wenn nicht sogar Einsame, Gemiedene, denn wer ausspricht, was andere nicht hören wollen, was deren Lebensentwurf infrage stellt oder Zukunft gefährdet, wird überhört oder mundtot gemacht. Mindestens aber wird er verspottet, weil er entweder naivem Idealismus frönt oder gnadenlos pessimistisch ist. Ansonsten hätt er ja recht…
Gleich werden wir auf einen der ganz großen und auch ziemlich verzweifelten Propheten – auf Jeremia – zu sprechen kommen aber vorher lohnt es vielleicht, sich an Momente in unserem Leben zu erinnern, denen Spuren solcher Hellsichtigkeit zugrunde liegen:
Manchmal sieht man eben im Gesicht eines vertrauten Menschen Vorzeichen:
• wenn er beginnt zu vergessen und das Wissen um sich selbst zu verliert, wir sagen heute, wenn er dement wird, dann kann man das in manchen Augenblicken schon lange vorher sehen: es sieht aus wie ratloses Horchen.
• Oder wenn eine Liebesgeschichte zu Ende geht und der warme Glanz in den Augen verschwindet.
• Andersherum - schöne Vorzeichen gibt es auch: eine sehr erhoffte Schwangerschaft kann man sehen, Verliebtheit – es ist ein Leuchten.
Banaler betrachtet kann man auch Versetzungsprobleme in der Schule oder drohende Insolvenzen frühzeitig erkennen. Manchmal wird das sogar dankbar wahrgenommen.
Den einsamen Rufern der Bibel dagegen verzweifelt ähnlich sehen sich Wissenschaftler, die Flüchtlingsströme, Klimaveränderungen, Hungerkatastrophen präzise vorhersagen – aber eben nicht gehört werden wollen.
Schon im Kleinen kann einen also wahnsinnig machen, wenn man ein Problem kommen sieht und überhört wird. Wenn es um große gesellschaftliche Fragen geht, muss die Ignoranz der Vielen quälend sein, denn prophetische Rede ist keine Rechthaberei sondern Warnung, Zeitansage.
Jeremia schließlich, der ganze Untergangsszenarien vorhergesehen und angesagt hat, kannte diese Verzweiflung und Ablehnung. Er litt unter dieser Aufgabe oder besser gesagt „Sehergabe“ so sehr, dass er sich wünschte, nie geboren worden zu sein. Man nimmt an, dass er im 7. Jahrhundert vor Christus in der Nähe von Jerusalem geboren wurde und Zeuge der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung der Einwohner der Stadt ins babylonische Exil wurde. Es sind also Erfahrungen von Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung, vor denen, aus denen heraus und in die hinein Jeremia redete:
Martin Luther schrieb über ihn: „Diesen Propheten zu verstehen, bedarf‘s nicht vieler Glossen … Er ist ein elender, betrübter Prophet gewest, hat zu jämmerlichen, bösen Zeiten gelebt, dazu ein trefflich schwer Predigtamt geführt … hat müssen schelten und doch wenig Nutzen schaffen, sondern zusehen, dass sie je länger je ärger wurden und immer ihn töten wollten und ihm viel Plage anlegten. Zudem hat er erleben und mit ansehen müssen die Verstörung des Lands und das Gefängnis des Volks und viel großen Jammer und Blutvergießung…“
Es muss eine schreckliche Ohnmachtserfahrung gewesen sein.
Nicht unwahrscheinlich, dass er selbst sein Leben für verfehlt gehalten hat.
Steil formuliert klingt seine Klage manchmal, als hätte Gott ihn missbraucht. Denn der wusste, dass Jeremias Zeichenhandlungen und Predigen umsonst sein würden. Aber dann klingt auf einmal alles ganz anders, so als würde etwas völlig Neues möglich sein und könnte die Logik der Macht und der Zerstörung außer Kraft gesetzt werden. Denn Gott lässt Jeremia ausrichten:
„Siehe, es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund schließen, nicht wie der alte Bund gewesen ist …
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Und es wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr.“
Es kommt eine Zeit und dann, so klingt es doch, wird alles wieder gut - auch wenn nichts mehr so sein wird, wie es war. Es kommt eine Zeit und dann wird es gut sein, dass nichts ist und nichts bleibt wie es war, denn „gute alte Zeiten“ scheint es nicht wirklich zu geben.
Es wird nicht so sein, wie vormals. Erinnern wir uns: Die Regeln des alten Bundes hatte Mose nach Gottes Diktat auf Tafeln geschrieben. Es beginnt als Gesetzbuch.
Bis ins Detail ordneten Anweisungen den Alltag und sämtliche Lebensvollzüge – wer sich dran hält kann nicht vom gottgefälligen Weg abweichen. So die Logik. Väter unterwiesen ihre Söhne und erzählten die Geschichten ihrer Väter, vom Auszug aus Ägypten, der Wüstenwanderung, die Gott als Wolken- und Feiersäule begleitete. Sie lehrten einander, dass Gott Einer ist und sein Name heilig.
Aber, so scheint es Gott nun selbst zu finden, all das führt nicht zu Gerechtigkeit und Frieden. Läge einem an intellektueller Haarspalterei, könnte man darüber diskutieren, warum der allwissende Gott dann überhaupt einen solchen Bund geschlossen hat. Hat er zu große Hoffnungen in uns und unsere Entscheidungen gesetzt?
Hat Gott gedacht, wenn er Propheten schicken würde, eindringliche, kluge, weitsichtige Mahner – dann würden wir hören?
Mitnichten. Aber: es kommt eine Zeit!
Noch scheint sie nicht da zu sein. Noch leben wir zwischen Gesetzen und Verträgen, die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Freiheit und Würde garantieren sollen und sind doch kaum einen Schritt weiter. Jeremia ruft zwar aus uralter Zeit, irrelevant geworden ist das alles nicht. Aber noch immer sieht er weiter als wir. Und bleibt allein damit.
„Siehe, es kommt die Zeit, …“ sagt er, „und dann will Gott sein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben, und keiner den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn….“
Irgendwann wird es soweit sein, dass wir aus uns heraus anders leben und glauben, anders hören und sehen, dann wird – ohne dass es einer eintrichtern muss – von ganz allein aus uns erwachsen, einander barmherzige liebevolle Mitgeschöpfe und Gottes Kinder zu sein, dann werden wir Fremde, Arme und Kranke in unsere Häuser holen, dann werden wir teilen und Gerechtigkeit lernen…
Siehe, es kommt eine Zeit!
Propheten passen nie in ihre Zeit.
Mindestens werden sie verspottet, weil es nach naivem Idealismus klingt von solch einer Welt zu reden. Wir können Jeremia überhören und müssen ihm nicht glauben.
Aber die Bibel erzählt, dass eingetroffen ist, was Propheten angekündigt haben.
Amen.

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  Predigt am Sonntag JUBILATE

Predigt am Sonntag JUBILATE

Dompredigerin Cornelia Götz - 22.04.2018

Noch nicht lange her – aber gefühlt für den einen oder die andere vielleicht doch schon eine kleine Ewigkeit, war Palmarum. Zu diesem letzten Sonntag der Passionszeit gehört die Geschichte der Frau mit dem Salböl. Markus erzählte von einer gemeinsamen Mahlzeit auf den letzten gemeinsamen Metern, die Jesus damals mit seinen Jüngern ging. Es wird ein Moment gewesen sein, der die Erschöpfung und Resignation unterm Kreuz schon in sich trug.
Sie saßen im Hause eines Aussätzigen, den jedenfalls noch der Name dieser schrecklichen Krankheit zeichnete und aßen. Da kam eine Frau – offenbar mit größter Selbstverständlichkeit in die Männerrunde, die – so erzählt es der Evangelist: „hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. …“
Schockstarre. Dann wurde es laut, denn die Männer lamentierten wegen der sinnlosen Verschwendung des kostbaren Öls oder weil sie geizig waren mit der wenigen Zeit, die mit Jesus bleibt oder neidisch auf die Nähe, die diese Frau zu Jesus bekommt.
Egal wie, Jesus nimmt die Frau in Schutz und Markus schließt seinen Bericht mit der für ihn denkbar höchsten Autorität, einem Jesuswort:
„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch daran erinnern, was sie getan hat.“
Das ist eigentlich eine liturgische Aufforderung, die Erinnerung an die Salbölgeschichte so wie das Vaterunser oder den aaronitischen Segen in jeden Gottesdienst einzubauen. Ich will jetzt der Versuchung, dem Gendergedankenspiel, ob das umgesetzt worden wäre, wenn Jesus solch einen Kommentar zu Petrus Seewandel gemacht hätte, nicht nachgeben, sondern lieber hier für diesen Gottesdienst das Exempel versuchen.
Der Predigttext, der heute die Erinnerung an die ferne Frau mit dem Salböl mitdenkt, klingt so:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Es sind Wortpaare, die diese wenigen Zeilen prägen:
Innen und außen, zeitlich und ewig, sichtbar und unsichtbar und sie legen nahe, den äußeren Schein zu relativieren. Durch die Augen jener Frau gesehen, ist es also kein Moment der Trübsal und des Abschiedes, auch keine Störung oder Verschwendung was sie da tut, sondern ein innerliches Geschehen vor einem anderen Horizont.
Aber Schritt für Schritt:
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Frau mit dem Salböl, wenn sie dabeigewesen wäre, als der Paulusbrief vorgelesen wurde, abgeschaltet hätte.
Zu schwer, zu verkopft… Vielleicht wäre sie dort hängengeblieben, was auch mir zuerst nachklingt, dass es irgendwie um Müdigkeit, Alter und das Schwinden körperlicher Kräfte geht. Das wird sie gekannt haben so wir das kennen:
Müdigkeit nach einem langen Tag kann schwer in den Knochen stecken. Und ja: jünger wird keiner und egal, wie alt wir so sind, die Gelenkigkeit lässt nach, die Ausdauer, die Sehkraft. Ganz zu schweigen von der seelischen Müdigkeit, die einen befallen kann, wenn alles schon mal dagewesen ist, Situationen sich nicht bewegen, Ereignisse nicht rückgängig gemacht werden können und man von Entwicklungen überholt wird, die man nicht mehr nachvollziehen, verstehen kann.
Die Jünger in dieser Runde damals konnten – wie wir wohl auch - von solcher Müdigkeit ein Lied singen: kaputte Füße, gescheiterte Pläne, zerschlissene Hoffnung – wenn man einmal in Fahrt kommt, sich in all das so richtig reinzureden, dann ist kein Land mehr in Sicht. Sollte man das Leben und die Welt eigentlich doch ganz schön finden oder gar Gründe wissen, dankbar zu sein und sich zu freuen, hat man in solcher Runde einen schweren Stand.
Vielleicht deshalb berichtet Markus nichts davon, dass die Frau irgendetwas gesagt hätte.
Denn außen, zeitlich und sichtbar ist die Lage aussichtlos. Später sagt man nach solchen Erfahrungen, wie es das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 formulierte: „daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Und man ahnt, dass das was damit zu tun hat, welche Macht wir dem äußeren Schein geben.
Die Frau mit dem Salböl hingegen scheint das Innere, Ewige, uUsichtbare zu spüren. Es hilft ihr zu leben und zu handeln. Und so tut sie etwas aus ihrem Glauben heraus, wirkt aus innerer Überzeugung auf eine Weise, dass Jesus sagt: „Achtung, nicht vergessen.“
Die Frau mit dem Salböl wird Paulus nicht gekannt haben. Der aber kannte womöglich dieses Jesuswort, denn seine Zeilen werden eingedenk der salbenden Frau nicht nur klarer, sondern auch hilfreicher:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.“
Mit anderen Worten: ja, wir werden alt oder sind es schon, das mag man hinauszögern oder kaschieren können, aber nicht verhindern. Und: es wird der äußere Mensch alt und das ist nicht dasselbe, wie innerlich müde zu werden.
Wie wir leben und glauben, fühlen und entscheiden, zurückschauen und nach vorn leben – das hat nur etwas mit dem inneren Menschen zu tun und aus welchen Quellen wir schöpfen – wache fröhliche Augen können einen auch aus einem hundertjährigen Gesicht anstrahlen. NACH Ostern erst recht!
Denn, „unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Das schluckt sich erstmal schwer.
Bedrängnis ist nie leicht, sonst wäre es keine.
Bedrängnis war damals in der Jüngerrunde eine schwere Bürde und ist es heute auch. Aber: Was uns leben hilft, braucht den Blickwechsel vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Äußerlich nach innen, zum dahinterliegenden Glauben, der darunterliegenden Hoffnung, der innewohnenden Liebe, denn – auch das ein Jesuswort:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“
Also: Glücklich, die sich nicht vom äußeren Schein müde und mürbe machen lassen, sondern salben und heiligen, was ihnen kostbar ist, denn über diesem Sonntag Jubilate heißt es: „Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“
Amen.

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  PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

Landesbischof Dr. Christoph Meyns - 01.04.2018

Im Inneren eines der Türme im Deutschen Museum in München hängt knapp über dem Boden eine 30 kg schwere Bleikugel an einem 60 m langen Seil. Sie schwingt in langsamen Pendelbewegung hin und her über einem Kreisblatt mit einer Gradeinteilung von 0 bis 360 Grad. Beobachtet man diese Kugel längere Zeit, sieht man, dass die Pendelbewegung nicht an der gleichen Stelle bleibt. Sie wandert vielmehr langsam im Uhrzeigersinn um das Kreisblatt herum.
Dem Augenschein nach dreht sich das Pendel. Das ist jedoch nicht der Fall. Eine Pendelbewegung, einmal ausgelöst, behält ihre Richtung konstant bei. Es ist vielmehr die Erdkugel, die sich unter dem Pendel weg dreht.
Der französische Physiker Léon Faucault erdachte dieses Experiment. Auf diese Weise führte er seinen Zeitgenossen eine Bewegung sinnlich vor Augen, die in der Realität zu groß ist, als dass wir sie direkt erleben könnten: die Rotation der Erde.
Als Beobachter dreht man sich sozusagen samt dem Fußboden, dem Museum und dem gesamten Erdball langsam um das Pendel herum.
Mit dem Osterfest verhält es sich so ähnlich wie mit einem Faucaultschen Pendel. Es zeigt eine neue, überraschende Perspektive auf das Leben, die zu groß und zu fundamental ist, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten. Wir leben tagtäglich in unseren persönlichen Lebenssituationen. Wir wohnen in unseren Häusern, wir kochen, schlafen, leben mit unsere Familien, wir gehen zur Schule, wir fahren zu unserem Arbeitsplatz, wir erleben Freude und Trauer, Lust und Frust in unzähligen kleinen Episoden, jeder von uns auf seine Weise. Darunter, zu umfassend, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten, liegt eine fundamentale Ebene menschlicher Existenz. Es ist die Situation, in der wir uns als Menschen vor Gott befinden. Die wiederum strahlt aus auf unsere Lebenssituationen. Die Osterbotschaft ist wie die Bewegung eines Pendels, das sichtbar anzeigt, wie es um diese Grundsituation vor Gott bestellt ist.

Der Apostel Paulus beschreibt sie im Römerbrief in folgender Weise:
„Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Menschen zur Zeit des Paulus dachten: Das Leben ist nur ein Moment zwischen Geburt und Tod. Es ist kurz und voller Schmerz. Vielleicht gibt es ein paar fröhliche Momente, aber im Grunde regiert der Tod. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“, so lautete ein Sprichwort. Die Götter sind launisch, oft genug mit sich selbst beschäftigt und verteilen Glück und Unglück willkürlich nach Gutdünken. Einzelne Lebenssituationen mögen gut sein, aber die Grundsituation ist ohne Hoffnung.
Mit Jesus Christus, so beschreibt es Paulus, hat sich das seit Ostern fundamental verschoben. In ganz tiefer, geheimnisvoller Weise hat sich die Situation von uns Menschen vor Gott grundlegend zum Guten gewandelt, auch wenn das in unserer aktuellen Lebenssituation nicht immer sichtbar ist.
Der Tod hat nicht das letzte Wort, seine Macht ist durch Jesus Christus gebrochen. Deshalb kann uns nichts von Gott trennen: nicht das Böse und Zerstörerische und Unvollkommene, das im Menschen lebt, nicht irgendwelche Mächte, nicht einmal unser Tod. Denn er führt nicht ins Nichts, sondern hinein in das ewige Leben. Unser Leben kommt vom Licht und es geht auf das Licht zu. Am Osterfest erinnern wir uns an diese neue, hoffnungsvolle Grundsituation und preisen, loben und danken Gott dafür.

Was bedeutet diese neue Grundsituation für mein Leben?
Für Paulus und seine Gemeinden war klar: Wenn über Leben und Tod in Christus bereits entschieden ist, dann ist das zuerst einmal ein Grund zum Feiern. Sie trafen sich regelmäßig am frühen Morgen an dem Wochentag, an dem der Tradition zufolge Christus auferstanden war, und feierten fröhlich, ja gerade zu ekstatisch miteinander mit Liedern, Lobgesängen, mit Wein und einem guten Essen. Auf diese Sitte geht der Gottesdienst am Sonntagmorgen zurück. Diese Freude und die Kraft, die davon ausgeht, ist das, was im Kern das Christentum ausmacht.
Zugleich erlebten die ersten Christen, dass aus der Osterfreude heraus nationale, kulturelle und soziale Unterschiede ihre Bedeutung verlieren: Ob nun Jude, Grieche oder Römer, Sklave oder freier Bürger, Mann oder Frau, sie sind als vom Tod gerettete Kinder Gottes eine große Familie. So begannen sie, einander als Brüder und Schwestern anzureden und entsprechend alles genossenschaftlich miteinander zu teilen. Es waren ersten Formen dessen, was wir heute Diakonie nennen.
Jede Zeit hat dabei eigene Akzente gesetzt. Die Mönche des Mittelalters zogen sich aus der Welt zurück und machten aus der Freude ihr berühmtes „Ora et labora“, beten und arbeiten. Die Reformation entdeckte in einer Zeit der Angst die befreiende Kraft von Glaube und Zuversicht. Aufklärung und 19. Jahrhundert setzten sich wiederum vor allem mit den ethischen Folgen des Glaubens auseinander.
Freude und Verantwortung, Zuversicht und Zuwendung, Halt und Verhalten, zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Christenheit. Das klingt fröhlich und friedlich. Und das ist es auch. In der Realität bedeutete der Glaube und die aus ihm fließende Liebe jedoch immer auch, in Widerspruch zu geraten zum Zeitgeist. Die ersten Christen betrachteten heidnische Kulte und Opferhandlungen als sinnlos und stießen damit auf Unverständnis und Ablehnung. Sie widersprachen dem Anspruch der römischen Kaiser, Götter zu sein und wurden deshalb zeitweise massiv politisch verfolgt. Intern kam es immer wieder zu Streitereien zwischen verschiedenen Fraktionen in den Gemeinden, weil die Hoffnung nicht stark genug war, um politische, soziale oder menschliche Konfliktlinien zu überwinden.
Im Mittelalter stritt man um die Frage von Reichtum und Armut der Kirche. In der Reformationszeit um das Verhältnis von Glaube und Macht, Religion und Politik. Im 18. und 19. Jahrhundert standen Glaube und Vernunft gegeneinander. Im 20. Jahrhundert ging es um Krieg und Frieden in Auseinandersetzung mit den totalitären Ansprüchen von Nationalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus.

Und heute?
Wir leben in einem Wohlstand, einem Frieden, einer Lebenserwartung und persönlichen Freiheitsräumen, von denen die ersten Christen nicht einmal zu träumen wagten.Das Bildungsniveau ist auf einem historischen Höchststand. Anders als noch in der Generation unserer Großeltern werden wir nicht mehr fast täglich mit Elend und Tod konfrontiert. Es stirbt nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten die Hälfte eines Jahrgangs, bevor er das heiratsfähige Alter erreicht hat. Neun von zehn Menschen erreichen das 60. Lebensjahr, über die Hälfte feiert ihren 80. Geburtstag. Erfahrungen mit Krankheit und Tod, Krieg und Gewalt sind nicht mehr die tägliche Regel, sondern die Ausnahme.
Anders als früher stellt sich die Frage, wo ich im Leben Halt und Orientierung finde, aus diesem Grund für die meisten von uns nicht im Alltag, sondern überwiegend nur noch in Lebenskrisen. Die sind viel seltener und viel später als früher, betreffen uns aber dann umso stärker.
Der Zuspruch der Hoffnung, der vom Osterfest ausgeht, betrifft uns deshalb genauso wie die Menschen anderer Zeiten. Zugleich ist er anders als früher weniger präsent und zugänglich. Für uns Kirchen gewinnen deshalb Orte an Bedeutung, an denen Menschen in Krisen ohne große Hürden schnell Trost und Begleitung finden können: Kirchen, die offen stehen und Möglichkeit zum Beten geben, Bücher und christliche Symbole, die den Glauben stärken, Pfarrer, die Zeit haben für ein persönliches Gespräch, Notfallseelsorge, Telefonseelsorge und Beratungsstellen, Krankenhauspfarrer und Hospize, die Spezialseelsorge für Polizisten und Soldaten.
Zugleich gewinnen mit den zunehmenden Möglichkeiten des Lebens ethische Fragen an Bedeutung. In den letzten Jahren waren es Fragen der Sterbehilfe, der Bioethik und der Friedensethik im Zusammenhang der Auslandseinsätze der Bundeswehr, die uns als Kirche stark beschäftigt haben.
Aktuell steht das Thema Flucht und Einwanderung stark im Fokus der Öffentlichkeit und was wir tun müssen, um Integration und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung zu fördern. Mir persönlich liegt die Flüchtlingshilfe sehr am Herzen. Ich will an dieser Stelle nicht noch einmal auf die Debatte eingehen. Nur so viel: So sehr uns die Unterstützung von Flüchtlingen hier bei uns beschäftigt. Viel wichtiger ist die Hilfe für die vielen, vielen Menschen in den großen Flüchtlingslagern in Pakistan, in der Türkei, im Libannon, in Kenia und Äthiopien, wie sie etwa Brot für die Welt, Miserior oder der Lutherische Weltbund mithilfe unserer Spenden leisten.
Etwas anderes beschäftigt mich viel stärker. In Deutschland leben 17. Mio. Menschen, die älter sind als 65. Was geschieht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte des nächsten Jahrzehnts ins Rentenalter eintreten? Wie wollen wir als Gesellschaft mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung umgehen? Was sind angemessene Wohnformen, damit alte Menschen nicht vereinsamen? Wie wirken wir der zu erwartenden Altersarmut entgegen? Wie schaffen wir es, unser System der Altenpflege so zu gestalten, dass Menschen gerne in diesem Bereich arbeiten und Patienten angemessen versorgt werden? Wie unterstützen wir pflegende Angehörige? Wie begleiten wir schwer kranke und sterbende Menschen, von denen viele keine Familie mehr haben? Die mit diesen Fragen zusammenhängenden Herausforderungen werden uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark beschäftigen und wir tun gut daran, uns ihnen zu stellen. Aus christlicher Perspektive betrachtet ist das Alter keine Zeit zunehmender Schwäche, sondern eine Zeit zunehmender Hoffnung und Freude von Menschen, die auf das Licht zugehen. Sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, ist deshalb Teil unseres Auftrags.

Seit dem Ostermorgen weiß die Menschheit um die große Hoffnung, auf die hin wir leben dürfen. Diese Hoffnung und die Freude, die davon ausgeht, trägt uns im Leben wie im Sterben. Und sie gibt uns die Kraft, sie an andere Menschen weiterzugeben.
Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest.
Amen.

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  Predigt in der Osternacht

Predigt in der Osternacht

Dompredigerin Cornelia Götz - 31.03.2018

„Jetzt gilt es zu reden“ – so hat vor wenigen Wochen einer unserer Kollegen seine Rede, seine Predigt, am Sarg unseres gemeinsamen Freundes begonnen.
„Jetzt gilt es zu reden“, vom Tod und der Auferstehung und zwar so, dass ich mich nicht in kleine Münze flüchte, weil wir doch nichts wissen und am Grab mit leeren Händen stehen, sondern Hoffnung bezeuge, Lebensmut schaffe, Halleluja singe.
Wer bin ich, dass ich das kann oder soll?
Ist Ostern womöglich jedes Jahr neu ein Selbstversuch, um die Tragfähigkeit der eigenen Hoffnung zu prüfen? Wie kann es gehen, dass wir, auch wenn es der Kopf nicht begreifen kann und wir schon deswegen ein liturgisches Hochfest brauchen, das Osterwunder nicht in zu kleine Alltagsmünze umrubeln?
Kann nur von Auferstehung reden, wer gestorben ist?
Kann Auferstehung nur sein, wo Tod ist?
Ja, vielleicht. Denn an Gräbern zu stehen, gehört zu unserem Leben dazu.
An unseren Gräbern fängt die Auferstehungsgeschichte an.
Dort stehen wir. Manchmal in Frieden, weil ein langes Leben zu Ende gegangen ist, weil es Fülle und Glück gegeben hat, weil wir Gründe haben, dankbar zu sein.
Und manchmal stehen wir dort am Ende eines Lebensweges, der mühsam und schwer geworden ist. Dann beugen wir uns unter Gottes Willen und halten uns tapfer daran fest, dass mit dem Tod auch Schmerz und Leid vorbei sind, dass es – so sagen wir es jedenfalls – Erlösung war.
Und manchmal stehen wir dort fassungslos und es geht nicht in unseren Kopf. Man kann sich nicht vorstellen, dass der, der eben noch so voller Leben, Pläne und Zukunft war, jetzt kalt und tot in der Erde liegt… -
Man weiß nur, es ist etwas Unumkehrbares geschehen, von hier aus geht kein Weg zurück, in das was war.
Am Grab Jesu wird von all dem etwas dabei gewesen sein:
• das Staunen darüber, dass es diesen besonderen Menschen gegeben hat und die Dankbarkeit, ihm begegnet zu sein
• die erschöpfte Erleichterung, dass das Leid und die Quälerei nun vorbei sind
• die Fassungslosigkeit, dass das nötig war und überhaupt geschehen ist…
• die Wut, dass es soweit kommen musste
• die Liebe, die keine Zukunft mehr weiß
Ich könnte noch vieles aufzählen, aber schon jetzt ist deutlich: in Jesu Tod sind all unsere Tode aufgehoben. Sie werden nicht einfacher, erträglicher, begreifbarer – aber was immer uns an den Gräbern, derer die unser Leben geteilt haben, umtreibt, es hat auch am Grab Jesu seinen Ort und seine Gültigkeit. Und gültig ist auch, dass es kein Zurück gibt, kein Wunder, dass uns in die Zeit zurückbringt, in der wir noch vollständig waren und dass gestorben werden wird, nur den Horizont markierte.
Zurück geht nicht. Am Grab bleiben auch nicht.
Also nach vorn! Auf in den Ostermorgen!
Die ersten Schritte gehen nicht gut – wenn wir hier im Dunkeln aus der Krypta hochkommen, dann tasten wir uns auch sehr vorsichtig vorwärts. Aber wenn der Osterleuchter brennt, dann sehen wir schon wieder bisschen Boden unter den Füßen, erkennen, wo es lang geht und erinnern uns wie Jünger Jesu dran, dass uns mit dem Toten eine Herzensgeschichte verbunden hat. Die ist noch da, unsere Herzen pochen noch und wir erinnern uns: Brannte nicht unser Herz? Tut es das nicht noch immer? Die Liebe ist noch da! Schon schimmert alles in warmen Kerzenlicht, das große Osterlob erklingt und wir hören, dass der, der eben noch kalt und taub, gemartert und verlassen im Grab lag, zu uns sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
Ostern! Ich lebe!
Eben noch standen wir stehen fassungslos an den Gräbern derer, die zu unserem Leben gehörten und fragten uns, was mit unseren Toten ist. Wir suchten nach Bildern und tröstenden Worten, sagen: Sie sind aufgehoben bei Gott, geborgen in seinem Frieden. Noch suchen wir unsere Toten im nächtlichen Sternenhimmel, im Aufblitzen eines Lichtstrahles, in der Weite des Himmels und in uns selbst. Aber schon dämmert uns, dass wir erst sehen und schauen werden, was mit unseren Toten ist, wenn wir selbst gestorben sind, dass wir jetzt nicht mehr wissen können, als dass Jesus Christus, der gestorben ist und begraben wurde, sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Das könnte doch reichen! Das heißt doch, unsere Toten können wir Gott getrost anvertrauen! Er lebt und sie werden auch leben! Ist das Ostern? Ja unbedingt. Und Auferstehung ist noch viel mehr, denn jetzt wendet sich Jesus uns zu, die wir hier weiterleben müssen, ohne die, die wir geliebt haben und sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Es mag uns so vorkommen, als ob der Tod im Leben überhandnimmt.
Aber wir feiern Ostern, weil wir leben, weil wir eine Hoffnung haben, die Mut und Kraft schenkt, jetzt und hier und weil wir erfahren: ja, wir sind immer noch da, so banal es klingt, so erstaunlich und wundersam ist es auch: das Leben geht weiter!
Jesus Christus lebt und wir hier, wir sollen nicht an den Gräbern stehen bleiben, wir sollen auch leben! Wunderbare Sprache: sollen! nicht müssen, sondern dürfen und vor allem können!
Auferstehung gibt es auch in diesem Leben und das ist wahrlich keine kleine Münze, sondern große Hoffnung.
Sie kommt nicht, durch theologische Lehre oder dogmatische Systeme. Herz und Seele können wir mit Scharfsinn in Schach halten aber überlisten können wir sie nicht. Diese Hoffnung ist unter uns, weil sie lebendig ist und macht! So kommt sie in Bildern, Musik, Umarmung, Liebe und Wärme.
Wir bereiten uns ein Osterfest, jetzt, denn uns ist gesagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Manche Bilder schenkt uns schon diese Nacht: aus dem Dunkel der Krypta, der Gräber kommt das Osterlicht zurück, erst allein, aber dann erfüllt es den ganzen Dom, lässt uns die Gesichter der Menschen neben uns sehen, die sind ja wirklich da, lebendig und in unserem Leben! An ihnen sehen wir, mag der Tod auch noch so unweigerlich und endgültig in unser Leben einbrechen, er nimmt nicht überhand, denn wir sind nicht allein.
Ein zweites: wo der Tod einen Menschen aus unserer Leben weggerissen hat, entsteht eine Lücke, die zwingt zusammenzurücken, so entsteht neue Nähe, die die lebendige Kraft und menschliche Wärme der anderen neu spürbar macht.
Und drittens: ja, es wird immer wieder und überall gestorben, oft gewaltsam und deshalb denken wir, sinnlos – aber wächst nicht zugleich aus der Verzweiflung Solidarität, aus dem Zusammenbruch der Aufbruch, aus dem Tod neue Kraft und neues Leben?
Ostern 2018.
Es bleibt uns nicht erspart an Gräbern zu stehen, aber dort wo der Tod ist, dort ist auch Auferstehung, denn Jesus Christus spricht - vielleicht irgendwo in den Himmeln oder unten in den Gräbern zu unseren Toten - aber ganz gewiss hier zu uns: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Halleluja.

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  Predigt am Sonntag Kantate über Matthäus 21, 12-16

Predigt am Sonntag Kantate über Matthäus 21, 12-16

Landesbischof Dr. Christoph Meyns - 14.05.2017

Liebe Gemeinde!

Mehrmals habe ich mich auf Urlaubsreisen geärgert: Ich wollte eine Kirche besichtigen und stand vor verschlossenen Türen. Natürlich ist man gefrustet, weil man die Fahrt dorthin umsonst gemacht hat. Aber ich glaube, der Ärger hat noch einen tieferen Grund: Kirche und verschlossene Türen, das passt nicht zusammen.
Man denkt bei Kirche immer an offene Türen, die dazu einladen, durch sie hindurchzugehen und im Kirchenraum zu verweilen, sei es zum Gottesdienst, für eine Andacht, ein Konzert oder ein paar Minuten der Besinnung in der Stille. Eine Kirche, die geschlossen ist, das ist ein Widerspruch in sich selbst.
Um das Problem der geschlossenen und der offenen Türen, im wörtlichen wie im übertragenden Sinne, geht es im Predigttext des heutigen Sonntags, einem Abschnitt aus Mt 21: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
(Mt 21,12-16)

Das Leben im Tempel in Jerusalem war streng geordnet. In den Vorhof durfte im Prinzip jedermann. Dort konnte man sein Geld in die im Tempelbezirk geltende tyrische Währung umtauschen. Dort verkauften Händler Taube, Schafe und Ziegen als Opfertiere. Dort bettelten Kranke und behinderte Menschen um Almosen, in der Menge spielten die Kinder.
Nur erwachsene Juden durften den davon abgetrennten innern Tempelhof betreten, Frauen bis zum sogenannten Vorhof der Frauen. Männer durften noch dichter an den eigentlichen Tempel und den davor liegenden Brandopferaltar herantreten in den Vorhof der Israeliten. Nur sie nahmen aktiv an der Opferliturgie teil. Nur Priester wiederum durften am Altar selbst das Opfer vollziehen und das eigentliche Tempelgebäude betreten, nur der Hohepriester wiederum im Allerheiligsten im Zentrum des Tempelgebäudes einmal im Jahr am Jom Kippur das große Versöhnungsopfer darbringen, wo nach jüdischer Tradition Gott selbst wohnte.
In dieser gestuften Hierarchie war geordnet, wer wie dicht Zugang zu Gott hatte. Sie trennte Heiden und Juden voneinander, Reine und Unreine, Männer und Frauen, Laien und Priestern. Das Synhedrion, der 70-köpfigen Hohen Rat, unter Vorsitz des Hohenpriesters, wachte über diese Ordnung. Er legte fest, wem die Türen offen standen und wer am Rande stehen musste.
Jesus durchbricht mit seiner Aktion die althergebrachte Ordnung. An sich begann der eigentliche Tempel erst mit den Innenhöfen. Der Vorhof war eine Mischung aus Versammlungsplatz und Basar ohne besondere Tabus. Auch Heiden durften ihn betreten. Wenn Jesus gerade hier die Wechseltische und Handelsstände umwirft, hebt er damit die Ordnung des Tempelkultes insgesamt zeichenhaft aus den Angeln.
Es ist ein bisschen so, wie wenn ein Mann im Eintrachtstadion von den Rängen aus auf das Feld springt, dem Schiedsrichter die Pfeife wegnimmt, sich den Ball schnappt, damit das Spiel radikal unterbricht, den Ball auf die Ränge wirft und die Zuschauermenge anregt, sich den Ball gegenseitig mit den Händen zuzuwerfen und ein neues Spiel zu spielen, das die Spieler auf dem Feld, das Spielfeld, die Schiedsrichter, den Trainer, den Manager und alles, was am Spielbetrieb hängt, im Grunde überflüssig macht.
Mit seiner symbolischen Handlung verschiebt sich das Allerheiligste von einem bestimmten Ort im Inneren des Tempels sozusagen hinein in die Person Jesu. Nicht der Ort, wo ursprünglich die Lade des Mose mit den Zehn Geboten stand, kommt Gott den Menschen besonders nahe, sondern dort, wo Jesus ist. In der Heilung der Blinden und Lahmen schwingt die Antwort mit, die Jesus Johannes dem Täufer gibt, als der ihn fragen lässt, ob er der Messias sei, der von Gott prophezeite neue König.
Jesus lässt ihm sagen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Mt 11,5f)
Und eben das geschieht: Die Priester und Schriftgelehrten ärgern sich, vor allem über die Kinder, die wild im Tempel umherlaufen und Jesus öffentlich als König proklamieren. Es ist angesichts dessen, was an diesem Tag geschah, eigentlich ein Wunder, dass Jesus nicht sofort verhaftet wurde, sondern erst einige Zeit später. Denn im Grunde ist es ein völlig neuer Weg zu Gott, für den Jesus steht. Ein Weg, der nicht begrenzt wird durch Tempelmauern, Tore, Türen und Ordnungen, die darüber bestimmen, wer wie dicht zu ihm kommen darf, sondern ein Weg, der einer offenen Tür gleicht. Wie es im Johannesevangelium heißt: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,9) Jesus steht für einen Gott, der keine Mauern kennt, sondern nur offene Türen, keine Grenzen, sondern nur eine Mitte. Es gibt keine Vorbedingungen, keine gestuften Zugangsberechtigungen, keine Kontrollen, keine Hierarchien.

Deshalb ist der einzige sichtbare Akt dafür, zu Gott zu gehören, die Taufe, ein denkbar simpler Akt, den im Prinzip jeder durchführen und jeder empfangen kann. Deswegen sind Gottesdienst öffentlich und für jedermann offen. Deshalb bezahlen wir für Gottesdienste keinen Eintritt. Denn wir dürfen, ja wir sollen eintreten wie wir sind, Mann oder Frau, jung oder alt, reich oder arm, stark oder schwach, gesund oder krank, Inländer oder Ausländer. Hier sind wir willkommen, wie wir sind, mit unserer Freude und unserem Dank, manche voller Kraft, manche blind oder lahm und dürfen gewiss sein, dass Gott sich uns in dieser Stunde zuwendet, im Gebet, in der Musik, in den Worten der Bibel, im Segen.
Und ganz allmählich, im Laufe von Jahrtausenden, verbunden mit vielen Rückschlägen, setzt sich dieses inklusive Grundverständnis des Lebens nach und nach durch. Schon die ersten Gemeinden machten keine Unterschiede. Wie Paulus schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Die Kirche wuchs auch deshalb in der Antike so stark, weil die Mitgliedschaft den Zugang umfangreichen diakonischen Leistungen ermöglichte. Dort, wo sich das kirchliche Leben wie im späten Mittelalter stark von seinen Ursprüngen entfernte, entstanden Reformbewegungen, die dem Geist Christi neue Geltung verschafften.
Entgegen mancher Vorurteile beteiligten sich die Kirchen stark an der durch die Industrialisierung ausgelösten sozialen Problemen bis hin zum Einfluss auf die Sozialgesetzgebung Bismarcks. Heute leben wir in einem Staat, der über das Grundgesetz den Menschen und die Aufgabe des Staates im Sinne eines christlichen Lebensverständnisses beschreibt. Es zeigt sich an den persönlichen Freiheiten und den Diskriminierungsverboten, an der Gleichbehandlung vor Gericht, an der Selbstverständlichkeit, mit der wir Krankheit und Behinderung nicht als Ausdruck persönlicher Schuld sehen, sondern als Anlass zur Hilfe, in der wir Kindern und Jugendliche ohne Unterschied kostenlos Bildung ermöglichen, in der wir Menschen Zuflucht vor Krieg und Verfolgung bieten uvm.

Natürlich ist auch das Gegenteil wahr: Die Kirche hat sich immer wieder vom Geist der offenen Türen abgewendet. Nachdem Konstantin die Kirche legalisierte, folgte manch Bischof lieber dem Prunk weltlicher Herrschaft als seinen seelsorgerlichen Aufgaben. Die Vermischung religiöser und politischer Anliegen führte immer wieder zu Kriegen, von den Feldzügen Karls des Großen gegen die Sachsen mit seinen Zwangstaufen über die Kreuzzüge des Mittelalters bis zum Dreißigjährigen Krieg und den Worten „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Das landesherrliche Kirchenregiment förderte das kirchliche Leben, aber auch die Kontrolle der Untertanen. Manche Gemeinde heute versteht sich eher als geschlossene Gesellschaft Gleichgesinnter denn als Ort der offenen Türen. Und Manches am kirchlichen Leben wirkt unbewusst für andere als Schwelle, die es ihnen schwermacht, Zugang zu finden. Auch ist es in unserem Land noch nicht so lange her, dass für Männer der militärische Rang die soziale Stellung entschied und auf tödliche Weise zwischen Volksgenossen und Untermenschen unterschieden wurde.
Und unsere Gesellschaft mag offener sein, als sie es jemals zuvor in der Geschichte war. Aber zum einen ist eine inklusive Haltung nicht überall anzutreffen. Menschen mit Behinderungen klagen darüber, dass sie in der Öffentlichkeit auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Und wer seine Arbeit verliert, erlebt, wie stark er damit vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist, wenn Kontakte und Zuwendung mit dem Arbeitsplatz verloren gehen. Haltungen der Abschottung statt der Offenheit und Abwertungen statt Akzeptanz erleben wir an vielen Stellen. Zum anderen ist diese Offenheit immer wieder gefährdet: durch Hass und Gewalt Einzelner, durch Wegsehen, durch Angstmacherei oder Rassismus.

Viel ist nötig, um den Geist Christi, den Geist der offenen Türen und der Liebe zur Geltung zu bringen. Heute am Sonntag Kantate will ich auf etwas aufmerksam machen, was man vielleicht nicht automatisch mit dem Widerstand gegen Abgrenzung und Unmenschlichkeit in Verbindung bringt. Es ist das Lob der Kinder, das die Schriftgelehrten und Pharisäer besonders aufregt, für mich ein Hinweis darauf, welche Kraft darin steckt, Gott zu loben. In diesem Sinne sind die Musik und das Singen zum Lobe Gottes eine Form des Widerstands gegen die Unmenschlichkeit. Ich weiß nicht, ob unsere Kantoren, die Mitglieder des Blechbläserensembles oder die Sänger in den Chören sich so sehen. Aber bei Licht betrachtet geht es in der Kirchenmusik nicht nur einfach um das Lob Gottes oder das Gebet oder die schöne Musik, sondern damit zugleich um den Protest gegen Abgrenzungen und Abwertungen, für mich in der Bibel am stärksten symbolisch erzählt in der Kraft, mit der die Posaunen die Mauern von Jericho zum Einsturz brachten.
Und wenn Jesus mit Psalm 8 davon spricht, dass Gott in besonderer Weise von Unmündigen und Säuglingen gelobt wird, dann ist es gut, dass hier am Dom viele Kinderchöre ihre Heimat haben. So lasst uns eben das jetzt gemeinsam tun, Gott mit dem nächsten Lied loben und so die Türen zu ihm weit aufmachen.
Amen.

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  PREDIGT IN DER CHRISTVESPER UM 18.15 UHR

PREDIGT IN DER CHRISTVESPER UM 18.15 UHR

Dompredigerin Cornelia Götz - 24.12.2015

Weihnachten 2015 – die Luft ist mild und dass Rosen knospen und aufspringen, glaubt man nicht nur, sondern sieht es auch. Weihnachten 2015 – und in der Krippe liegt ein Kind mit dunklen Augen, wahrscheinlich unregistriert aber unter uns geboren. Weihnachten 2015 – und wir Deutschen sind verunsichert und ängstlich, so steht es jedenfalls in der Zeitung, und fürchten um Deutschland und Europa, um den sozialen Frieden und die Sicherheit im Lande, fürchten uns vor Überforderung der Menschen und der Systeme und sehen schwarz für die Zukunft unserer Kindern und Enkel. Es ist ohne Frage höchste Zeit, dass wir hier zusammenkommen, die wunderbaren alten Weihnachtslieder singen und auf die vertraute Geschichte hören, die mehr ist als nur Verheißung heimeliger Geborgenheit oder Geburtslegende eines Religionsstifters mit kosmischen Zeichen und Jungfrauengeburt. Diese Geschichte ereignet sich in unserem Leben, indem wir sie erzählen, sie wird Wirklichkeit und verändert die Welt, denn „ der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie…“ – so heißt es in Weihnachtsgeschichte. Worte, tief eingeprägt – alle Jahre wieder. Es ist Gottes Herrlichkeit, die da leuchtet. Luther hat sie „Klarheit“ genannt. Die Vulgata, die lateinische Bibel, schreibt claritas – und man hörte: es kommt „ein reiner, ein klarer Ton“ in die Welt. Nichts Schräges, nichts Verschattetes, falsch Abgemischtes oder Manipuliertes - sondern Klarheit, die sichtbar macht, was sonst verborgen ist. Klarheit, die nicht ausleuchtet und verunsichert, wie ein unbarmherziges Spotlicht, sondern reinigt, weitet, heilt und befreit von Unsicherheit und Zweifeln. Wenn ich mir klar bin, Klarheit habe, Klarheit um mich herum leuchtet, dann kann ich frei atmen und losgehen, mich entscheiden und erklären, muss mich nicht fürchten. Weihnachten 2015 – und wieder hören wir: „und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Menschen seines Wohlgefallens. Sind wir das? Oder wenn nicht – wie wären die? Unter den Menschen seines Wohlgefallens herrscht Frieden, mit sich selbst und mit anderen und das geht wohl nur, wenn Menschen keine Angst haben. Sagt uns der Engel des Herrn zu Weihnachten 2015 also, dass das der Wunder der Weihnacht nicht hätte geschehen können, wenn die Menschen, derer sich Gott bedient, auf ihre Angst gehört hätten? Denn das taten sie nicht, obwohl es immer Gründe gab und gibt, kleinmütig zu sein, sich zu fürchten, mit Niederlagen und Versagen zu rechnen. Gründe dafür liegen nicht nur im politischen System oder gesellschaftlichen Zusammenhängen, sondern oft in uns selbst. Es gibt ja Nöte und Ängste, die unsere Existenz bedrohen und unser Selbstwertgefühl unterhöhlen. Wenn man nie weiß, wie es morgen weitergeht und ob gleich das nächste Unglück über einen hereinbricht, dann zieht man doch ganz zwingend den Kopf ein. Wenn man spürt, dass eine Beziehung kaputt geht, sich ein Mensch, der uns wichtig ist, entfernt. dann macht uns die Angst klein und feige. Und ja: Es kann einen Angst befallen, die am klaren Denken hindert und uns um den Schlaf bringt, wenn irgendwelche Zellen in unserem Körper sich pathologisch entwickeln oder Gedanken sich festfressen und im Hamsterrad kreisen, wenn es in der Seele immer dunkler wird. Zu unserem Leben gehören Dunkelheiten dazu, die das Potential haben, zu lähmen – aber wenn wir uns ihnen überlassen, dann entfalten die Mechanismen der Angst ihre Kraft und nehmen uns gefangen, verengen Herz und Verstand. Auch die Figuren der Weihnachtsgeschichte hätten guten Grund gehabt, sich aus Angst der Wirklichkeit zu verschließen, die sich da eröffnet. Da sind Maria und Josef, ein unverheiratetes Paar und im Begriff Eltern zu werden. Die Konventionen und Ehrbegriffe ihrer Zeit werden sie zu Außenseitern gemacht haben, deren Zukunft gefährdet wenn nicht gar verloren ist. Hätte Maria auf ihre Angst gehört, dann hätte sie den Engel anflehen müssen, sie vor solch einem Unglück zu verschonen. Und Josef hätte die schwangere junge Frau – mit ihrer ziemlich absurden Geschichte – fallen lassen müssen. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass es eine Grenze gibt, wofür wir uns verantwortlich fühlen müssen und dass man nicht jedem aus der Patsche helfen kann … Und da sind die Hirten auf dem Feld bei ihren Tieren, mutmaßlich ihrem einzigen Hab und Gut. Hätten sie auf ihre Angst gehört, hätten sie sich in ihren Höhlen verkrochen und ihre Tiere um sich geschart, damit ja keines verloren geht, sie wären bei ihren Leisten geblieben, im engen Horizont der Perspektivlosigkeit. Sie hätten sich entsetzlich gefürchtet vor dem Phänomen am Himmel. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass man den eigenen Besitz bewachen und beschützen muss, dass man nicht alles stehen und liegen lassen und aufbrechen kann… Und da sind die Weisen aus dem Morgenland. Hätten sie auf ihre Angst gehört, sich den Mächtigen gebeugt, dann hätten sie das Kind verraten und wären an ihm schuldig geworden. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass man manchmal seine eigene Haut retten muss und manche Mächte zu groß sind, um sich ihnen entgegenzustellen. Und alle in dieser Geschichte hätten, wären sie vor lauter Angst zuhause geblieben, nicht gesehen, dass der Stern von Bethlehem und die Klarheit des Engels die Welt und damit auch ihr eigenes Leben in ein neues anderes Licht taucht. Denn Angst ist das Gegenteil von Freiheit. Maria und Josef haben auf ihr Gewissen gehört und von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht, der Berufung, die sie sie für die richtige hielten, zu folgen. Die Hirten haben sich nicht länger von der Logik ihrer sozialen Stellung bedrängen lassen und sich freigemacht von den Zwängen ihres Lebens. Die Könige haben die Mächtigen ignoriert und geschützt, was sie für schützenswert hielten – sie alle haben gehört und in sich gespürt, dass Angst kein guter Ratgeber ist. Die Klarheit des Herrn war um sie. Weihnachten 2015. Gottes Wort ist keine alte Geschichte, eingezwängt in Rituale und Traditionen, so schön sie auch sein mögen. Gottes Wort ist lebendig, es wohnt unter uns und seine Klarheit leuchtet um uns. In diesem Licht werden wir sehen können, dass Gottes Gnade unter uns heilsam ist und sollte die nicht bewirken können, dass wir aufhören, uns zu sorgen und zu fürchten? „ Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
Amen.

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  Predigt zum Buß- und Bettag

Predigt zum Buß- und Bettag

Wolfgang Thierse - 18.11.2015

Das Thema der diesjährigen Friedensdekade war „Grenzerfahrung“.
Und heute – nach dem Abend vom 13. November in Paris – nach den Mordtaten, die uns alle erschüttern, blicken wir auf eine Grenzerfahrung der entsetzlichsten Art.
Hat Paris alles verändert, wie ein deutscher Politiker getwittert hat?
Wie ist dieses furchtbare Ereignis zu begreifen, zu verstehen? Wie tief ist der Einschnitt, was sind die Folgen?
Vor sechs Wochen erst haben wir am 25. Jahrestag der deutschen Einheit unser historisches Glück gefeiert. Wir haben uns an die friedliche Revolution erinnert, an den nicht nur deutschen, sondern europäischen Aufbruch in Einheit und Freiheit. Vor 25 Jahren haben wir geträumt – von einem goldenen Zeitalter des Friedens (nach Ende des kalten Krieges), von einem weltweiten Siegeszug der Demokratie. Von einem „Ende der Geschichte“ war sogar die Rede.
All das ist nicht eingetreten. Im Gegenteil. An die Stelle der geordneten Welt der Zweiteilung, des gefährlichen Gegensatzes zweier Systeme ist eine Weltunordnung getreten, geprägt durch religiösen Fundamentalismus, extremen Nationalismus, durch Terrorismus, durch alte und neue Konflikte.
Kriege und Bürgerkriege bestimmen das Weltgeschehen (von Exjugoslawien, den Nahostkonflikt, Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen bis zum Kontinent Afrika): Die Terroranschläge nehmen zu und sie kommen näher. Nach 9/11, nach Madrid und London, nach Beirut und über dem Sinai nun in unsere Nachbarstadt Paris im Januar und vor 5 Tagen.
Die Zahl der Terroropfer, so war es in einer Agenturmeldung von gestern zu lesen, ist weltweit auf neuem Höchststand: 2013 waren es 18.211, im Jahr 2014 waren es 32.658 Menschen, die terroristischen Anschlägen zum Opfer fielen. Wie viele werden es in diesem Jahr sein?
Sind wir wehrlos, sind wir hilflos? Ich gestehe, dass mich dieses Gefühl der Ohnmacht beschleicht und will es mir doch nicht eingestehen.
Denn: Wir wissen es, wir können es in Vergangenheit und Gegenwart beobachten: Das kollektive, das heftige Gefühl von Bedrohung und von Hilflosigkeit kann umschlagen in Wut und Hass und auch in Gewalt.
Das Bedürfnis nach radikaler Antwort, nach Rache steigt dramatisch.
Aber ist dieses Bedürfnis eine gute Anleitung zum Handeln in gefährlicher Zeit?
Wenn der französische Präsident und manche andere jetzt von Krieg reden, mag das verständlich sein. Ich bin aber trotzdem nicht sicher, ob das die richtige Antwort, die richtige Reaktion ist. Dabei weiß ich doch auch, dass Gewaltlosigkeit nicht immer die richtige Antwort auf Gewalt sein muss. Und das Recht, sich gegen einen Angriff zu verteidigen, ist Völkerrecht.
Die Rede aber von einen „Krieg“ gegen die westliche Welt auf den man seinerseits mit einem Krieg reagieren müsse – das erinnert mich an die gleiche Reaktion auf die 9/11-Anschläge, die zu den Kriegen in Afghanistan und Irak geführt haben, Kriege, die kein Ende finden.
Schutz und Sicherheit vor terroristischen Anschlägen sind gewiss (und selbstverständlich und zugleich unendlich schwierig) Aufgaben des Staates, der Kampf gegen die terroristischen Verbrecher und ihre Organisationen sind Aufgabe der Staatengemeinschaft.
Der militärische Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist das Eine.
Genauso wichtig und notwendig aber ist die Frage nach den Ursachen des Terrorismus in unserer Gesellschaft selbst. Warum radikalisieren sich Menschen am Rande der westlichen Gesellschaften? Wie entsteht das Milieu radikalisierter, gewaltbereiter Islamisten? Was können wir tun, gegen die Kombination aus mangelnder Lebensperspektive, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Identitätssuche und Einfluss des extremistischen Islam?
Und: Inwieweit hat nicht der Westen selbst durch seine Politik, seine Kriege (z. B. den der USA im Irak) selber zu den Ursachen von Terrorismus beigetragen? Wir müssen deshalb reden über den Waffenhandel (illegal und legal), wir müssen ebenso reden über den Geldfluss (legal und illegal). Ohne kritische Selbsterforschung und politische Konsequenzen daraus, wird Europa, wird der Westen den Terrorismus nicht überwinden können.
Der Schutz vor bereits radikalisierten Islamisten, die in unseren Gesellschaften leben oder in sie eindringen, obliegt den Geheimdiensten und der Polizei und ist, so meine ich, nicht so sehr Sache militärischer Maßnahmen. Jedenfalls haben die kriegerischen Einsätze in Afghanistan, Irak, Syrien Libyen … unseren Schutz vor Terrorismus nicht verbessert!
Eine der Folgen des Gefühls von Bedrohung und Hilflosigkeit ist (unübersehbar) der Verlust von Unterscheidungsvermögen, ist die Mechanik der Verdächtigung: Weil die Terroristen vor ihren Mordtaten „Allah u Akbar“ gerufen haben und den Islam zur Begründung ihrer Gewalttaten missbrauchen, gerät der Islam insgesamt in Verdacht, wird aller Religion als gewaltfördernd misstraut.
Weil unter den Terroristen tatsächlich oder vorgeblich Flüchtlinge sind, wird auf Flüchtlinge überhaupt bezeigt, werden sie unter Generalverdacht gestellt.
Gerade und vor allem wir Christen sollten beidem energisch widersprechen und widerstehen, wir sollten uns nicht der Mechanik der Verdächtigung unterwerfen.
Wir wissen es: Die Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan fliehen vor denselben Schrecken, vor denselben Mordtaten, wie sie Paris zu ertragen hatte. Deswegen darf aus den Anschlägen nicht die Konsequenz gezogen werden, gegen Flüchtlinge härter vorzugehen.
Nein, wir brauchen in den kommenden Wochen und Monaten und Jahren viel mehr an gemeinsamer europäischer Politik nicht nur zur Bekämpfung des Terrorismus, sondern vor allem im Umgang mit Flüchtlingen. Es geht um die faire Verteilung von Lasten und um gemeinsame Politik zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Wir erleben eine dramatische Bewährungsstunde des gemeinsamen Europa: Es ist solidarisch oder es ist nicht!
Wir erleben jedenfalls, wie sich die politische Tagesordnung heftig verändert hat – durch die Hunderttausende die zu uns flüchten, als wäre Deutschland das gelobte Land, das Paradies auf Erden. Welch‘ riesige Hoffnungen, welche zu befürchtenden Enttäuschungen (denn Deutschland kann das Paradies auf Erden nicht sein), welche große Herausforderung!
Könnten wir Deutschen (frage ich mich und Sie) im 25. Jahr unserer Einheit nicht nur überrascht, sondern auch ein wenig stolz darauf sein, dass ausgerechnet unser Land, das verantwortlich war für das größte Massenverbrechen im 20. Jahrhundert, das selbst Flucht- und Vertreibung verursacht hat – dass ausgerechnet dieses Land Ziel der Hoffnung und Sehnsüchte so vieler Menschen geworden ist?! Dass Deutschland das Image der Sicherheit, der Freiheit, der Menschlichkeit hat?! Dafür können wir uns meinetwegen „moralischen Imperialismus“ (Viktor Orban) vorwerfen lassen. (Dieser Vorwurf ist mir lieber, als der Vorwurf anderer Arten von Imperialismus.) Dieser kleine, ganz kleine Stolz soll nichts von den Problemen verdecken, die die Einwanderung von Hunderttausenden Fremden nach Deutschland hervorrufen werden. Und er darf nicht in moralischer Überheblichkeit enden.
Gewiss ging und geht es auch weiterhin zunächst und vor allem um unmittelbare Hilfe und um menschenfreundliche Aufnahme und damit um die Bewältigung immenser praktischer Probleme. Die Willkommenskultur, die freundliche Aufnahme durch eine Mehrheit der Deutschen ist sowohl überraschend wie sympathisch. Sie macht mir das eigene Land unendlich viel sympathischer. Und die Religionsgemeinschaften, die Gemeinden, die Christen waren und sind tatkräftig daran beteiligt. Aber wir können ahnen, wie schwer das durchzuhalten ist und haben auch deshalb keinen Anlass zu moralischer Arroganz.
Könnten wir das miteinander verknüpfen: Empathie mit den Flüchtlingen, menschenfreundliche Aufnahme der aus Krieg und Not zu uns Kommenden, das herzliche Willkommen, das so viele Bürger in Deutschland auf beeindruckende Weise gezeigt haben – mit der nüchternen Einsicht, dass diese so sympathische Willkommenskultur übersetzt werden muss in den prosaischen Alltag von Integration, die nicht ohne viele praktische Probleme, ohne soziale und finanzielle Lasten zu haben sein wird! Hier sind politische Rationalität und Pragmatismus gefragt und nicht der Versuch, parteipolitisch daraus Kapital zu schlagen oder gar Ängste, Unsicherheiten, Vorurteile, Wut auszubeuten für den eigenen politischen Vorteil.
Wir ahnen, dass die deutsche Gesellschaft sich durch Migration stark verändern wird. Sich auf diese Veränderung einzulassen, ist offensichtlich eine anstrengende Herausforderung, erzeugt Misstöne und Ressentiments und macht vielen (Einheimischen) Angst, vor allem unübersehbar und unüberhörbar im östlichen Deutschland.
Der Mechanismus, das Muster ist nichts Neues: In Zeiten von Verunsicherung, von Ängsten werden Menschen besonders empfänglich für die Botschaften der Vereinfachung, der Schuldzuweisung, also des Rassismus, des Antisemitismus, der Ausländerfeindschaft, der Demokratie-Ablehnung und schließlich der Gewalt. Gefährliche Zeiten. Die Bilder aus Dresden, Meißen, Heidenau, Erfurt, Nauen und anderswoher zeigen es: Fremdenfeindliche Exzesse haben eine breitere Basis als in den 90er Jahren. Seit Sommer dieses Jahres hat es eine dramatische Zunahme von Anschlägen auf Flüchtlingsheime gegeben. Den Worten folgen also Taten. Die Grenzen zwischen besorgten Bürgern, die ihre Ängste wütend ausdrücken, und den Rassisten und Demokratiefeinden der Neonaziszene sind fließend geworden. Aus Vorurteilen und Angst wird Wut und Hass wird Gewalt. Jeden Montag, jeden Tag, in Sachsen und anderswo in Deutschland. Bis Ende Oktober gab es bereits 600 Straftaten gegen Flüchtlinge, über das ganze Land verteilt.
Integration ist eine doppelte Aufgabe: Die uns Gekommenen sollen heimisch werden im fremden Land. Und die Einheimischen sollen nicht fremd werden im eigenen Land.
Angst und Hass sind sehr verschiedene Emotionen! Angst überwindet man nicht durch Schulterklopfen oder Beschimpfungen, sondern durch Aufklärung, durch Gespräch, durch Begegnung durch gemeinsames Handeln. Hass (gegen Fremde, gegen Ausländer, gegen Juden, gegen Demokratie) haben wir offensiv zu begegnen, zu widersprechen und zu widerstehen. Die Artikulation von Besorgnissen ist etwas gänzlich anderes als Hetze. Wir sollten sehr auf solche Unterscheidungen achten und danach handeln.
„Niemand kann verlangen, dass unser Land sich ändert“ (Viktor Orban). – Das ist ein Satz der Angst (von der ich vermute, dass viele Menschen auch in unserem Land sie teilen). Es ist aber auch ein fataler Satz. Den wir wissen doch: Nur offene, sich verändernde Gesellschaften sind produktiv und haben Zukunft! Das ist gerade auch die Erfahrung von 1989: Geschlossene, eingesperrte Gesellschaften bedeuten Stillstand, sind nicht überlebensfähig, müssen überwunden werden!
Deshalb ist es unsere Aufgabe gerade als Christen, als demokratische Bürger, die Ängste bei vielen zu überwinden, die Aufgabe der Integration anzunehmen, die „neue Völkerwanderung“ zu gestalten – europäisch und national – durch klare Regeln und europäische Vereinbarungen. Mit menschlichem Anstand, mit Kraft und Ausdauer, mit langem Atem – eben mit Nächstenliebe.
„Ohne Angst und Träumerei“ – so hat es Johannes Rau einmal formuliert.
Nein, Paris ändert nicht alles! Vor allem nicht die biblische Aufforderung, die zugleich eine Verheißung bei Matthäus ist: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen… Amen sage ich euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan:
Das kann, das soll – liebe Schwestern und Brüder – eine Ermutigung sein, die unsere Hilflosigkeit, unsere Angst, unsere Bedrohungsgefühle überwinden hilft! Das gemeinsame Tun der Nächstenliebe ist das eigentliche Mittel, Angst und Ohnmacht zu überwinden!

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  Predigt zum Reformationsfest

Predigt zum Reformationsfest

Katharina Schubert - 31.10.2015

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
liebe Gemeindemitglieder!

Es ist mir eine große Ehre und Freude, mit ihnen heute an diesem besonderen Ort meine Gedanken teilen zu dürfen.
„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“
Beides gibt Klang, wenn es von außen angestoßen wird. Aber geht es bei der Liebe nicht um den Klang aus SICH HERAUS, ohne Anstoß von außen? Die Liebe, die Jesus meint, wirkt aus sich selbst heraus; sie ist die höchste Form der Liebe: die bedingungslose Liebe.
Die Liebe, die wir leben und erleben zu unserem Partner, unseren Kindern, Eltern und Freunden, ist oft tief, manchmal erfüllend und innig, sie kann aber auch eifersüchtig, fordernd und besitzergreifend sein. Und wenn wir ehrlich sind, ist sie meistens mit großen Erwartungen verbunden.
Vermeintliche Liebe erreicht uns überall. Wir sind, so könnte man annehmen, von Liebe" umgeben, mancherorts sogar umzingelt – durch die Berieselung von Popsongs, in denen meistens eine unerfüllte Liebe besungen wird, über unterhaltsame Romane mit Herzschmerz, Verrat und Leidenschaft bis hin zur allgegenwärtigen Werbung, die sich unsere Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit zunutze macht, um uns ein Produkt zu verkaufen.
Auch das Internet scheint voller Liebe zu stecken. Was gibt es nicht für viele Seiten, in denen „Liebe“ angeboten wird! Als würde man sie auf Knopfdruck bestellen können. Ein Computer rechnet aus, ob man „kompatibel“ ist, und die große Liebe scheint gefunden.
Auffällig finde ich auch unsere Liebe für Dinge. Manche lieben sogar ihr Auto oder ihre neue Handtasche! Natürlich ist es schön, sich an Dingen, die mit Liebe gemacht sind, zu erfreuen und sie wertzuschätzen. Etwas anderes ist es allerdings, wenn der Besitz, das Haben, wichtiger wird als die Freude daran oder gar der Nutzen.
Auf die Liebe bezogen sagen wir ja bezeichnenderweise gerne "ich HABE dich lieb".
Wir haben, um mit dem deutschen Philosophen Erich Fromm zu sprechen, eine Sprache und Kultur des HABENS statt einer des SEINS entwickelt. Demnach scheint uns alles Erstrebenswerte ein konsumierbares DING zu sein. Wir können das bei uns selbst überprüfen, indem wir uns fragen: „Habe ich eine Beziehung oder führe ich eine Beziehung? Habe ich Gefühle oder fühle ich? Habe ich Verständnis oder verstehe ich? Habe ich Freude oder freue ich mich?“
Haben wollen heißt, das Glück stets von etwas Äußerem abhängig zu machen, zu erwarten, dass etwas in unser Leben kommt, das uns glücklich macht.
Auch unser Bedürfnis nach Sicherheit ist gerade in der heutigen Zeit, in der sich Veränderungen immer schneller vollziehen, noch größer geworden.
Wenn ich heute einen sicheren Arbeitsplatz habe, kann das morgen ganz anders aussehen. Wenn ich heute ein Haus mein eigen nenne, kann es wieder aus meinem Besitz verschwinden, ob durch Naturgewalten, finanzielle Turbulenzen oder andere Umstände.
Auch Partnerschaften halten heute selten bis zum Lebensende. Genauso wenig Freundschaften oder Versprechen, die wir uns wechselseitig geben.
Sie werden mir zustimmen: Alles, was ich HABE, kann mir wieder genommen werden. Womöglich ahnen wir, dass uns diese Außenorientierung zu schaffen macht.
Gerade auf die Liebe bezogen, taucht damit eine neue Frage auf: Ist diese echte Liebe wirklich etwas, dass wir im Außen, in der Welt, suchen und finden können? Wie wollen wir in einer Welt von Bedingungen bedingungslose Liebe finden?
Von klein auf haben wir gelernt, uns nur dann zu achten, wenn Menschen positiv auf uns reagieren. Wir haben gelernt, Selbstwert kommt von außen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, was bedingungslose Liebe für uns selbst, unabhängig von unserer Leistung und unseren Fehlern ist. Sogar mit der bedingungslosen Liebe von Gott tun wir uns schwer.
Wir haben ein Gedankengebäude um Gott errichtet, das auf menschlichen Erfahrungen gründet, dass er belohnt und bestraft, je nachdem, wie gut wir etwas gemacht haben.
Jesus aber predigt Liebe, Vergebung und Annahme.
Bei Lukas steht: „Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal des Tages wiederkäme zu dir und spräche: es reut mich, so sollst du ihm vergeben.“
Jesus kennt da kein Limit.
Es gibt für ihn keinen Menschen, der Vergebung und Liebe nicht verdient hat.
Stets räumt er dem bedingungslosen Helfen im Namen der Liebe den Vorrang ein und bricht dafür sogar menschengemachte Gesetzte.
Wenn dem so ist, besteht dann nicht die einzige wahre Sünde darin, nicht zu vergeben und nicht zu lieben?
Als ein Schriftgelehrter Jesus nach dem höchsten Gebot fragt, antwortet Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste Gebot. Das andere aber ist ihm GLEICH: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Wenn wir diesen Worten wirklich glauben schenken: Fängt dann nicht alle Liebe bei uns selbst an?
Ja, ich spreche von Selbstliebe.
Können wir einen anderen Menschen wirklich aufrichtig, bedingungslos lieben, wenn wir uns nicht selbst auf diese Weise lieben?
Thomas von Aquin sagte: „Die Wurzel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst.“
Natürlich ist damit nicht die narzisstische, Ego gesteuerte Beziehung zu sich selbst gemeint.
Ein Narzisst verhält sich egozentrisch und wichtigtuerisch, weil er sich eben nicht selbst
liebt, weil er sich für minderwertig hält und deshalb Bestätigung von Außen braucht.
Eigenliebe hingegen bedeutet Selbstannahme und damit ein JA zu Gottes Schöpfung, die uns selbstverständlich mit einschließt.
Wer bin ich, um Nein zu mir, einem Kind Gottes zu sagen?!
Oder glauben wir, Gott hat bei uns einen Fehler gemacht?
Warum fällt es uns so schwer, uns so anzunehmen wie wir sind?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und der Wert einer Person bemisst sich dort am Wert seiner Funktion, seines Status und seiner Leistung. Sobald diese Funktion erlischt, so glauben wir, erlischt dann auch der Wert der Person.
Deshalb werden wir dem Leben gegenüber immer ängstlicher. Wir haben Angst, das Erhoffte und Erwartete nicht zu erreichen, und Angst, das Erreichte wieder zu verlieren.
Aber wie befreien wir uns aus diesem Kreislauf der Angst?
Ich bin überzeugt, der Schlüssel liegt in der Botschaft Jesu. Er hilft uns freiere und damit glücklichere Menschen zu werden. Er zeigt uns, wie wir das Himmelreich in UNS finden.
Für mich beginnt dieses Himmelreich mit dem Vertrauen, dass wir eins sind mit Allem ohne das Gefühl der Trennung von Gott und von Anderen. Ohne beurteilt zu werden und ohne zu verurteilen.
Ohne Angst, das Leben so anzunehmen wie es ist und dass die Liebe in jedem Gedanken und jeder Handlung zum Ausdruck kommt.
Wenn wir die tiefe Gewissheit haben, dass wir so, wie wir sind, Gott gewollt sind, mit all unseren Fehlern und Gott uns immer so annehmen wird, wie wir in jedem Moment unseres Lebens gerade sind.
Wenn wir dies tief verinnerlichen, kann uns Ablehnung unseres Gegenübers nicht wirklich treffen. Wir können ihm dann mit Verständnis und vielleicht sogar mit Liebe begegnen.
Die Liebe zu uns selbst ist untrennbar mit der Liebe zu allen anderen Wesen verbunden.
Ich glaube, durch Jesu Vorbild und seine Ermutigungen können wir wieder lernen, uns selbst zu lieben und Nächstenliebe zu leben.
Ich behaupte, die wahre Liebe braucht das JA zu uns selbst!
Wenn wir uns selbst annehmen mit allen Stärken und Schwächen, wenn wir uns liebevoll und achtsam behandeln, sind wir auch eher zu einer gesunden Selbstreflexion in der Lage, ohne uns dabei abzuwerten oder überzubewerten.
Nach allem, was wir bisher betrachtet haben, hängt für mich unsere Fähigkeit zu lieben und Liebe zuzulassen, von unserer Sichtweise ab: Wie sehen wir uns selbst, wie sehen wir unseren Nächsten, wie betrachten wir das Leben, wie sehen wir Gott?
Schließlich meine ich, sich selbst zu lieben kann den Weg dorthin weisen, wo wir beginnen, nicht Liebe zu haben, sondern Liebe zu SEIN.
Und wenn es uns gelingt, unser wunderbares, herrliches, glanzvolles Wesen zu erkennen und auch das wunderbare, herrliche, glanzvolle Wesen unseres Gegenübers, ich glaube, auf diesem Wege können wir Gott begegnen.

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  Predigt zum Tag der Deutschen Einheit

Predigt zum Tag der Deutschen Einheit

Thomas Bille - 03.10.2015

Dieser 3. Oktober ist tatsächlich ein Feiertag für mich. Ich darf in diesem Raum sprechen - habe mich, liebe Cornelia Götz, sehr über die Einladung gefreut und möchte Geschichten erzählen von Grenzen, von Grenzerweiterungen und Grenzüberschreitungen.
Die früheste Erinnerung an die deutsche Teilung reicht zurück in Grundschulzeit. Ich bin 1967 eingeschult worden und erinnere mich, dass wir Pakete gepackt haben für "arme Menschen hinter einer Grenze". Es sollten haltbare Lebensmittel sein: Kaffee, Tee, Schokolade, Nudeln usw. Ich wußte nicht, was die DDR war... Wir hatten keine Verwandtschaft im Osten, aber mir wurde klar gemacht, dass man helfen kann und muss, wenn irgendwo Mangel herrscht, während man selbst im Überfluss lebt. Wir Kinder haben also die legendären "Westpakete" gepackt, deren Geruch so phänomenal gewesen sein soll.

In den Ferien sind wir, bis ich 13 Jahre alt war, an die Ostsee gefahren und nach Bayern gefahren. Die Ostsee war soweit in Ordnung...aber in Bayern habe ich lernen müssen, dass es Menschen in Deutschland gibt, die ich trotz größter Mühe nicht verstehe! Bayern war ein Rätsel und Franz-Josef Strauß eine politische Provokation für jeden halbwegs links tickenden Menschen. Ich habe jahrelang die Meinung vertreten, dass Deutschland für mich am Main zu Ende ist. Eine saubere Nord-Süd-Teilung...eine ideologische Grenze im Kopf. Intellektuell ziemlich bescheiden.

Die sogenannte deutsche Frage hat mich nicht sonderlich beschäftigt, abgesehen davon, dass ich die hoch umstrittene SPD-Entspannungspolitik des genialen Taktikers Egon Bahr vernünftig fand, das Ritual des Axel-Springer-Verlags, die DDR in Anführungszeichen zu setzen, eher unvernünftig.

Ich wollte mich in den 70er und 80er Jahren nicht als Deutscher fühlen, Patriotismus mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen war noch lange nicht "tänzerisch leicht". Stolz auf das eigene Land halte ich bis heute für unangebracht...stolz kann man auf das sein, was man selbst geleistet hat. Bundespräsident Gustav Heinemann (der letzte Bundespräsident auf einer Briefmarke!) meinte auf die Frage "Lieben Sie ihr Land?" lakonisch: "Ich liebe meine Frau". Das hat mir gut gefallen!

Ich habe mich, und das sehr gern, als Europäer gefühlt. Ich war so gern in Frankreich...mit seinem selbstverständlichen nationalen Selbstbewusstsein und gesegnet mit wunderbaren Klischees: während wir Deutsche als fleißig, zuverlässig und pünktlich galten und gelten, noch dazu als humorlos....war Frankreich aufgeladen mit Savoir vivre, mit gutem Essen, mit Liebe und Sinnlichkeit und Markthallen, die so gut rochen und riechen wie Westpakete... Der Renault 4 meines Bruders war mein Lieblingsauto, mein Französisch-Lehrer war mein Lieblingslehrer und im Urlaub in Frankreich habe ich mich wie ein Schneekönig gefreut, wenn mich die Franzosen für einen Schweizer gehalten haben.
Was dazu kam: mein Vater hat als Soldat im 2. Weltkrieg noch die franzosen-feindlichen Kampflieder gelernt...dann kamen Schumann und Adenauer und EWG mit Hans Joachim Kuhlenkampf und das deutsch-französische Jugendwerk und fertig war eine der ganz bemerkenswerten europäischen Versöhnungsgeschichten - da wurden viele Mauern in den Köpfen eingerissen!

Leichtigkeit, zunehmende Liberalisierung fand ich in einer Werbekampagne aus Braunschweig: von 1973 bis 1986 über 3.000 mal "ich trinke Jägermeister, weil..." - ein wunderbares Beipiel dafür, dass Deutsche nicht nur fleißig und pünktlich, sondern auch geistreich und humorvoll - bestenfalls sogar selbstironisch sein können...wenn sie wollen.

Als friedensbewegter junger Europäer habe ich 1980 Abitur und den CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauss mit erbittertem Widerstand in Form eines Aufklebers zur Strecke gebracht.
1981 war ich im Bonner Hofgarten dabei, als 300.000 Menschen den Höhepunkt der westdeutschen Friedensbewegung markierten. Neben Picassos Friedenstaube waren Solidarnoc-Aufkleber und "Schwerter zu Pflugscharen" sehr angesagt. Den Aufkleber "Schwerter zu Pflugscharen" platzierte ich an der Windschutzscheibe des Autos meines Vaters...ein Ford Taunus Baujahr 1966...
Mit diesem Auto und mit diesem Aufkleber, gewürzt mit Parkajacke plus Aufnäher "Atomkraft nein danke" fuhr ich im November 1983 nach West-Berlin, um Freunde eines Kollegen zu besuchen. Die DDR-Grenzerfahrung war niederschmetternd: schlecht gelaunte Grenzbeamte, das lustige gummi-abgedeckte Förderband für die Pässe (super-praktisch, es hat genieselt) und bohrende Blicke auf meiner Windschutzscheibe...die ich mir nicht erklären konnte: ich konnte wissen, dass der Schmied Stefan Nau am 24. September 1983 in Wittenberg in Gegenwart von Richard von Weizsäcker ein Schwert zu einer Pflugschar umgeschmiedet hatte...aber, dass ich deshalb und wegen des Aufklebers eine Tiefenprüfung des Autos verdient habe...das habe ich erst später kombiniert. Beim Tagesbesuch in Ost-Berlin wiederum ist meine Parkajacke mit "Atomkraft nein danke" der Grenzerin am Grenzübergang Friedrichstrasse ins Auge gestochen. Eine forsche und konsequente Leibesvisitation war die Folge. Den Begriff "Willkommenskultur" gab es noch nicht...es war auf jeden Fall das Gegenteil. In der Hauptstadt der DDR nur spannende Erfahrungen: ich komme aus Münster, das ist eine Fahrrad-Hochburg, in der die Autofahrer genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben...vorsichtig und demütig hinter den Fahrrädern bleiben: das Recht des Schwächeren Verkehrsteilnehmers! In Ost-Berlin überquere ich eine Straße, von weitem naht ein lautes, kleines Auto. Ich gehe weiter, die Straße ist breit, der Trabant kommt näher...bremst wohl, fährt mir aber trotzdem ans Bein...ein Volkspolizist grinst sich eins. In dem Moment war mir klar: dieses hier ist ein anderes Land, mit anderen Sitten und Gebräuchen.
Nur nebenbei eine kleine Notiz aus dem Sehnsuchtsland Frankreich: 1984 hat uns Paris-Korrespondent Ulrich Wickert in einem eindrucksvollen Selbstversuch gezeigt, wie man als Piéton, als Fußgänger, den Kreisverkehr Place de la Concorde überquert. Einfach zügig losgehen, nicht nach links und rechts gucken, keine Verunsicherung oder Schwäche zeigen...die Autofahrer passen dann schon auf. Ich habe in Ost-Berlin geguckt und den Trabant-Fahrer provoziert...selbst Schuld also.
Auf der Straße habe ich später, bei einem der ersten Besuche in Leipzig 1990 gelernt, dass es wohl doch Schnittmengen der beiden deutschen Staaten und ihrer Bewohner geben muss: mein Golf 1 war das einzige Auto in der Engert-Straße in Leipzig Plagwitz. Ich parkte gegen die Fahrtrichtung und fand am nächsten Morgen einen Zettel am Scheibenwischer. Kein Kaufangebot sondern die Mitteilung: "Auch für Sie gilt die Straßenverkehrsordnung".....Ich wusste: ich bin in Deutschland!

Die friedliche Revolution 1989 habe ich zunächst in Bulgarien miterlebt. Studenten aus Sofia waren zu Gast in Dortmund, wo ich seit 1986 Journalistik studiert habe. Der Gegenbesuch in Sofia war in jeder Hinsicht spannend: Diskussionen der demokratischen Gruppen all überall, Wohnen im Plattenbau, Rockkonzerte, Begegnungen mit orthodoxen Geistlichen...da war viel in Bewegung...befreite Menschen wollten etwas und konnten etwas...aber mindestens ein bitterer Beigeschmack blieb auch: die türkische Minderheit, die zu großen Teilen aus dem Land getrieben wurde...Rache der gekränkten Nation Bulgarien für das 500-jährige osmanische Joch...und ein sehr vitaler Rassismus gegen die Roma...der bei weitem nicht nur Bulgarien betrifft: Klaus-Michael Bogdal hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: "Europa erfindet die Zigeuner - Eine Geschichte von Faszination und Verachtung"....

Am 10. Oktober 1989 habe ich in der Tagesschau Filmaufnahmen aus Leipzig gesehen. Am Vorabend, 9. Oktober, hatten Siegbert Schaefke und Aram Radomski vom Turm der Reformierten Kirche die Montagsdemonstration gefilmt. Die Bilder sind ziemlich dunkel...aber ich habe gesehen: das sind viele...Bürgerbewegung und Neues Forum machen jetzt ihr Ding...dachte ich.
Am 9. November 1989 die Bilder von der Grenzöffnung...ich habe mich gefreut über die Freude...dass wieder eine Grenze weg war....an ein vereintes Deutschland habe nicht gedacht...
Im Februar 1990 kamen Journalistik-Studenten nach Leipzig. Wir haben sie beherbergt, Führungen durch Redaktionen gemacht, Praktikumsplätze wurden mit Freude verteilt...beim Gegenbesuch in Leipzig im März 1990 habe ich eine Frau mit kleinem Sohn kennengelernt und bin geblieben. Wegen der Liebe und weil hier etwas Spannendes - etwas nie dagewesenes passierte. Und zwar in Rekordgeschwindigkeit. Wenn jemand im Sommer 1990 "die Zeitung" verlangte, bekam er anstandslos die "Bild-Zeitung"...auf dem Marktplatz von Leipzig wurden an Tapeziertischen Versicherungsverträge unterschrieben, Autos, gebraucht oder neu mussten nicht verkauft werden...sie wurden verteilt...Goldgräberstimmung! Wenn ich Vertreter des regelfreien Goldgräber-Kapitalismus gesehen habe, mit Dauerwelle, geleastem Mercedes und fettem Autotelefon, war ich immer versucht zu sagen: passt auf, es sind nicht alle Westdeutschen so...was ja auch stimmt...
Klar war: das, was hier passiert, hat mit dem schönen rheinischen Kapitalismus oder mit der katholischen Soziallehre nichts zu tun. Das war etwas Neues...härter, schneller...zahlenbasiert: das rechnet sich nicht, wurde auch im privaten Bereich zum geflügelten Wort. Menschen haben sich oft nicht gerechnet.
Entgrenzung in der Wirtschaft und auch im privaten Leben: Anfang der 90 wechselte eine Bekannte den Arbeitgeber und ging zu Eplus. Ich weiß noch, dass ich ihr abgeraten habe, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Menschen ein Telefon mit sich herumtragen und permanent erreichbar sein wollen, "so bekloppt ist doch niemand!" ...Doch, und zwar fast alle. Durchschnittlich 88mal pro Tag schauen wir auf unser Handy. Da müssen sich Kinder strecken, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen... Soviel zu meiner Begabung, Entwicklungen richtig abzuschätzen. Nicht, dass ich daraus etwas gelernt hätte: bei der Durchdringend der Lebenswelt durch das Internet, lag ich mit meiner Einschätzung wieder daneben....

Das westdeutsche Selbstbewusstsein hatte übrigens Grenzen: schon sehr früh und hartnäckig bis heute wurde und wird von der "ehemaligen DDR" gesprochen und geschrieben...Ja, wie? Gibt es auch eine jetzige? Oder ist sie wieder da, wenn ich das "ehemalige" weglasse? War die panische Umbenennung von Straßennamen wirklich notwendig? War die 19 Meter hohe Lenin-Statue in Berlin so gefährlich, dass sie 1991 abgetragen werden musste...gefährlicher als der Hindenburg-Platz in meiner Heimatstadt Münster? Die 126 Teile der Statue wurden in Berlin-Müggelheim in einer Sandgrube verbuddelt...der Kopf immerhin durfte nach 24 Jahren - ein Beispiel moderner Archäologie, im September wieder ausgegraben werden...zu Ausstellungszwecken...verzögert haben sich die Ausgrabungsarbeiten dadurch, dass die gemeine Zauneidechse es sich auf dem Haufen, mit dem Lenin zugedeckt war, gemütlich gemacht hatte. Die Tiere mussten umgesiedelt werden. Sage niemand, Deutschland wäre nicht satire-begabt.

Zurück zur Wirtschaft: die jahrzehntelang erprobte Deutschland AG löste sich auf...Globalisierung war das Stichwort, die Ausrede, die Entschuldigung für alles...und der ganz private Wahnsinn, manche Leute haben es auch Gier genannt, kam dazu, auch bei mir: zwischen 1998 und 2000 habe ich einen viel zu großen Teil meiner Lebenszeit mit Aktienkursen vergeudet. 1998 hatte ich Intershop Aktien zum Emissionskurs bekommen und staunend verfolgt, wie sie X-fach gesplittet immer weiter stiegen. Der Kurs lag beim Einstieg bei umgerechnet 51,13 Euro...am 13. März 2000 stand die Aktie bei umgerechnet 2105 Euro. Intershop war angeblich 11,3 Milliarden Euro wert, soviel wie Thyssen Krupp. Fantasie schlägt Realwirtschaft. Irre Zeiten. Auch bei den Städten und Gemeinden: Ende der 90er Jahre tauchte ein Zauberinstrument auf, das Geld in klamme Kassen spülen sollte: CBL - cross border leasing - Städte, Leipzig war hier sehr führend, verkaufen ihre Wasserwerke oder Bahnnetze oder Fußballstadien an amerikanische Investoren und leasen die Einrichtungen gleich zurück. Die teilweise 2000 Seiten starken Verträge in Wirtschafts-Englisch hat wohl kaum ein Ratsherr gelesen, geschweige denn verstanden. Wenn diese Geschäfte dann noch mit faulen Kreditpaketen abgesichert waren...und das waren sie, dann wundert man sich etwas weniger, wenn 2008 mit der Lehmann-Pleite die Party vorbei war. Allein Leipzigs Geschäftchen mit den eigenen Wasserwerken - betreut u.a. von der Schweizer UBS - hatte einen Streitwert von 350 Millionen Euro. Leipzig hat im vergangenen Jahr den Prozess vor dem Londoner High Court of Justice gewonnen. Ansonsten wäre die Stadt für alle Zeiten pleite gewesen. Werden jetzt neue Grenzen gezogen? Wird breit und öffentlich diskutiert, was privatisiert werden kann und was öffentliche Aufgabe bleiben muss - oder wieder werden muss? Ich hoffe! Ich hoffe, dass auch hinterfragt wird, ob es so etwas wie eine "win-win-Situation" geben kann...ein Geschäft also, bei dem es nur Gewinner gibt. Nach meiner Erfahrung gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer. Oft leben Gewinner und Verlierer nicht auf demselben Kontinent.

Manchmal hatte der Größenwahn der 90er Jahre auch positive Folgen. Sie erinnern sich vielleicht an den Bauunternehmer Dr. Jürgen Schneider, der mit Bauten in Frankfurt reich wurde und dann etliche Häuser in der Leipziger Innenstadt gekauft und saniert hat...die Kredite, die er von den Banken bekommen hatte, basierten auf gefälschten Zahlen...1994 flog der Schwindel auf, Schneider flüchtete ins Ausland. Die Banken führten die von Schneider angepackten Arbeiten zuende. Ich habe damals einen Beitrag gemacht über Jürgen Schneider als Kunstmäzen...er hatte verschiedenen Künstlern Räume in noch nicht sanierten Häuser kostenlos als Ateliers zur Verfügung gestellt.
Spannend war für mich als damaliger Hauskäufer und Kreditnehmer die Frage, wie eine derartige Täuschung von Banken möglich sein kann? Warum wurde ich bis auf die Unterhose geprüft, Jürgen Schneider hingegen die Milliarden hinterhergeworfen? Vielleicht stimmt der Satz aus Percy Adlons Film "Out of Rosenheim" doch: wenn du 1000 Dollar Schulden hast, ist es Dein Problem, wenn du eine Millionen Dollar Schulden hast, ist es das Problem der Bank"...
Dass viele ostdeutsche Städte über wunderschöne Bauten verfügen und auch deshalb gern besucht werden, hat drei Gründe: 1. die Gründung der Deutschen Denkmalschutz 1985 nach dem Vorbild des britischen National Trust - die Stiftung war also rechtzeitig zur friedlichen Revolution da...und bekam dadurch einen immensen Schub und 2. die Armut der DDR. "Armut ist der beste Denkmalschutz" ist ein irritierender Satz, den ich von dem Leipziger Fotografen Bertram Kober gelernt habe. Wenn Du kein Geld hast, reißt du nicht ab und baust neu...du reparierst notdürftig und hoffst, dass die Vorfahren solide gebaut haben. Dass der Satz stimmt, kann man in fast allen westdeutschen Städten besichtigen...wo teilweise nach dem Krieg mehr abgerissen wurde, als im Krieg zerstört worden ist. 3. Das Engagement einzelner oder kleiner Gruppen gegen das Ende der DDR. Ohne sie wären zum Beispiel große Teile der Fachwerkstadt Quedlinburg nicht mehr da.

Die ostdeutschen Städte wurden schick gemacht, die ostdeutschen Straßen waren neu, die Autobahnen lagen in Beton gegossen wie eine Eins (bis der Betonkrebs kam - und alles wieder in Asphalt gemacht wird...) die Telekommunikationsnetzte auf aktuellstem Stand. Bei Besuchen im Ruhrgebiet habe ich eine gewisse Vernachlässigung gespürt...was dann der Oberbürgermeister von Duisburg thematisierte. Weg vom Ost-West-Vergleich - hin zu einer Förderung nach Bedürftigkeit. Eine kluge Bemerkung, wenn man von einem vereinten Land ausgeht. Übrigens auch klug mit Blick auf diejenigen, die lange dachten, nur die neuen Bundesländer müssten und würden sich verändern. Auch die BRD gibt es nicht mehr...was viele nicht wahrhaben wollten.
Die Ost-West-Statistiken waren sicherlich gut gemeint...für die innere deutsche Einheit aber contra produktiv.
Erst jetzt, zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, formuliert der Jahresbericht der Bundesregierung, dass der Osten den Westen in Sachen Wirtschaftskraft nicht einholen wird: 70 Prozent, mehr werden es nicht.
Richtig interessant wird es 2019 mit dem Ende des Solidarpaktes...gewürzt mit Klagen gegen den Länderfinanzausgleich...die Grenzen der nationalen Solidarität sind offensichtlich erreicht, leider.

In Westdeutschland durften fast alle jahrzehntelang eine wunderbare Kombination erleben: Demokratie und Wohlstand. Dieser Wohlstand bröckelt...und damit werden wir gefährlicher für unsere Umwelt: Bielelder Sozialforscher um Wilhelm Heitmeyer untersuchten 10 Jahre lang Tendenzen "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Islamfeindlichkeit, Sexismus, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen" - die
Ergebnisse sind ernüchternd! Nach unten treten ist wieder Mode...und das nicht nur in Deutschland.
Auch Europa scheint besonders schön gewesen zu sein, als Geld zu verteilen war. Dass Ungarn, wo am 11. September 1989 mit der Öffnung der Grenze zu Österreich der Exodus in Richtung Westdeutschland begann, jetzt wieder einen Grenz-Zaun gegen Flüchtlinge baut...zeigt, dass geschichtlicher Fortschritt vorübergehend sein kann und dass eine Verständigung über europäische Werte (jenseits des Euro und der Subventionen und Förderprogramme) offensichtlich nur unvollkommen stattgefunden hat...
So ist das, wenn die Aufnahme in eine Gemeinschaft überwiegend nach wirtschaftlichen Kennziffern erfolgt...

Die Deutschen haben viel gelernt in den letzten 25 Jahren:
über die Struktur der DDR; die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Hunderte, tausende Bücher sind dazu erschienen. Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Dass Geheimdienste schädlich sind für eine Demokratie? Oder mindestens mehr schaden, als nützen? und in entscheidenden Momenten mit hoher Wahrscheinlichkeit versagen (wie vor dem 11. September 2001)?
Und welche Konsequenzen ziehen wir privat aus den Lehren der Stasiforschung: dass wir Acht geben auf unsere privaten Daten, auf unsere Privatsphäre? Nö!
Wir sind gläserne Bürger, wir sind Verbraucherprofile. Wenn Apple uns eine neue Software und dazu die Allgemeinen Geschäftsbedingungen schickt, klicken wir schnell das Feld "akzeptiert"...es würde lange dauern, den Text zu lesen und uns würde schlecht dabei, weil wir alle Rechte an unseren Daten abgeben. Ich möchte gern dem Präsidenten der Nationalakademie Leopoldina in Halle, Jörg Hacker, glauben...er geht davon aus, dass im wilden Internet irgendwann Regeln eingeführt werden. Ich kann freilich nicht erkennen, wer das machen sollte! Die scheinbar grenzenlose Macht von Google, Apple, Facebook und anderen macht mir Sorgen...
Noch mehr Sorgen macht mir, dass wir sie mit Teilen unserer Persönlichkeit füttern. Irgendwann gibt uns Google nicht nur Antworten, sondern sagt uns die Fragen, die wir stellen werden...und noch mehr Sorgen macht mir, dass Geheimdienste in all diesen Informationen und Daten lesen, wie in einem offenen Buch...obwohl man das, wie unsere Bundeskanzlerin meinte, unter Freunden gar nicht macht!

25 Jahre Deutsche Einheit: für die Bundesregierung ist das eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht wäre es redlicher zu sagen: "wir haben es so gut gemacht, wie wir konnten" - also die Formulierung, die Eltern wählen, wenn sie sich bei ihren Kindern für gewisse Defizite entschuldigen. Das impliziert, dass Fehler gemacht wurden und dass es nicht wenige Verlierer der Einheit gibt.

Ich habe keine Vorstellung, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich 1990 nicht Leipzig gegangen, sondern in Dortmund oder Münster geblieben wäre. Ich bin dankbar, dass ich als Journalist und Moderator in den letzten 23 Jahren viel erlebt und viel erfahren habe, manches nicht verstanden habe, mich oft geärgert habe: vor allen Dingen darüber, wenn Menschen nicht auf Augenhöhe agieren…wozu übrigens immer zwei gehören. Einer, der denkt, er besser und klüger, und ein anderer, der das zulässt. Ich habe mich über die vollständige Ideologisierung der DDR-Geschichte geärgert: Plattenbauten im Osten waren sozialistischer Unrat, Plattenbauten im Westen Bau-gewordene Moderne. Diese Sichtweise hat lange bestanden...sie wird korrigiert. Das ist gut so.
Jugendliche werden sich auf Augenhöhe begegnen - und nur ein bisschen Ost-West-Gestänker pflegen...
Und bei den kleinen Kindern werden wir Schwierigkeiten haben, zu erklären, was das war: BRD, DDR, und wie man gelebt hat und welche Schwierigkeiten es bei der Vereinigung gab.

In Extremsituationen, das stimmt mich zuversichtlich, läuft der deutsche Wohlstandsbürger zur Bestform auf: bei der Flut 2002 und bei der Flut 2013 - unglaubliche Hilfsbereitschaft und vorbildliche Organisation.
Auch die aktuelle Hilfsbereitschaft gegenüber 800.000 Flüchtlingen - möglicherweise mehr - die 2015 nach Deutschland gekommen sein werden, ist mehr als eindrucksvoll. Ob das gut geht, werden in einigen Jahren besser wissen.
Bis dahin werden wieder unvorhergesehene Dinge passieren, die unser Leben mehr beeinflussen, als die Dinge, die wir planen:
Die friedliche Revolution von 1989, Die Öffnung der DDR-Grenze am 9. November 1989, Naturkatastrophen...Jahrhundertfluten kommen ganz schön oft in den letzten Jahren, der tänzerisch leichte Patriotismus der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - "die Welt zu Gast bei Freunden"....2015 hunderttausende Flüchtlinge und die Frage: ist Europa auch eine funktionierende Notgemeinschaft?
Dazu kommen Dinge, die niemand bei einem Vorzeigeunternehmen erwartet hätte - völlig unvorhergesehen, mit noch nicht abschätzbaren Folgen: VW betrügt die Welt...wer hätte das gedacht? Für Braunschweig bedeutet das Haushaltssperre und Sparen - in Kombination mit der Unterbringung von tausenden Flüchtlingen in dieser Stadt eine Herkulesaufgabe.
Der Dramatiker Thomas Brasch lässt in seinem Film "Engel aus Eisen" den Scharfrichter Völpel sagen: "Lieber Gott, erspare mir, in einer uninteressanten Zeit zu leben". Ich habe den Eindruck, dass wir in sehr interessanten Zeiten leben und Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir unsere interessante Zeit nicht nur über uns ergehen lassen, sondern menschlich gestalten.
Der 3. Oktober 2015 ist für mich durch die Einladung des Braunschweiger Doms zu einem Feiertag geworden. Vielen Dank.

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  Predigt an Karfreitag

Predigt an Karfreitag

Dompredigerin Cornelia Götz - 03.04.2015

Karfreitag. Unsere Altäre sind schmucklos, keine Blumen und keine feine Altarwäsche, in der Küche kein fetter Vogel und auch fideles Treiben ist eher nicht angesagt. Meine Elternwaren noch strikt dagegen, am Karfreitag ins Kino oder in den Zirkus zu gehen. Heute geht der gesellschaftliche Konsens bestenfalls dahin, es etwas stiller angehen zu lassen.
Denn die biblischen Passionsgeschichten beschreiben einen dunklen Tag: der Vorhang im Jerusalemer Tempel zerreißt, der Himmel verfinstert sich, die Jünger verraten und verleugnen ihren Herrn, verschwinden nach und nach von der Bildfläche.
Jesus stirbt, verspottet, gedemütigt, einsam und gottverlassen einen grausamen Foltertod.
Und dass alles ist nötig, so bekennt es die Christenheit, damit wir die Strafen für unsere Sünden nicht selbst erleiden müssen, damit wir nicht bekommen, was wir verdienen.
Das alles ist nötig, damit wir aus lauter Gottes Güte behandelt wären, als wären wir die bessere Ausgabe unserer selbst.
Nun denken Sie vielleicht, dass ganz so schlimm mit uns ja nicht steht und dass wir für die Bilanz unserer Lebensführung nicht gleich die Todesstrafe verdient haben.
Ja, das denke ich eigentlich auch und das wissen wohl auch die Autoren und Kommentatoren der Bibel. Und unser Gott, der neben allem Offensichtlichen auch das weiß, was wir verschweigen und vergessen wollen, der hat wohl auch einen klaren Blick für unser tatsächliches Sündenregister.
Aber um die Summe aller Delikte, die man nach geltendem Recht ahnden könnte, geht es heute auch nicht. Dafür wäre es – auch wenn sicherlich eine Menge zusammenkommt - nicht nötig, dass Gott seinen Sohn drangibt.
Jesus stirbt unserer Hybris wegen, zu Deutsch: unserer Anmaßung wegen, sein zu wollen wie Gott.

Jetzt denken Sie vielleicht, dass Sie das doch gar nicht wollen, aber diese – unsere eigentliche Sünde – hat mehr Facetten als man ahnt und wohnt uns tiefer inne, als wir wahrhaben wollen. Denn Sünde meint unseren Irrglauben, verantworten zu können, wo wir
alles meinen, eingreifen zu dürfen; es geht um unsere missverstandene Freiheit, unsere Maßlosigkeit. Sünde hat damit zu tun, dass wir uns Urteile über andere Menschen anmaßen und in die Schöpfung eingreifen, dass wir die Balance der Welt unserem Wohlstand und Wachstumswahn opfern und dafür Kriege führen.
Man kann es auch privater sagen: der Versuch sein zu wollen wie Gott, verleitet uns, unsere Kinder zu Projekten unserer Wertvorstellungen machen oder Andere nach unserem Willen formen zu wollen, über Leben und Sterben selbst entscheiden zu wollen. Und man könnte noch Manches hinzufügen, um am Ende doch nur zu konstatieren, dass Gottes Schöpfung, die gut war, aus dem Lot geraten ist und dass es nicht böse Mächte und Gewalten sind, die alles durcheinanderwirbeln, sondern wir.
Das kriegen wir hin. Aber wir es wäre Größenwahn, Hybris eben, zu glauben, wir könnten unsere Welt auch aus eigener Kraft wieder zurechtbringen. Darum möchte ich einer Religion oder Weltanschauung, die lehrt, dass Menschen durch ihr eigenes Bemühen immer besser und vollkommener werden, nicht angehören. Denn ich glaube nicht, dass es uns aus eigener Kraft gelingt, wirklich ein gottgefälliges Leben zu führen, nicht mehr vergebungsbedürftig zu sein. Die Erfahrung zeigt ja, dass unsere schönsten Utopien und gerechtesten Gesellschaftsentwürfe scheitern, weil Menschen eben sind wie sie sind.
Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass wir uns nicht selbst erlösen können, dass wir auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sind.
Der Wolfsburger Imam, mit dem ich neulich ein langes Gespräch über diese Fragen geführt habe, sagte an dieser Stelle unseres Diskurses: das ist ja ein sehr trauriges Menschenbild und ein sehr vom Misslingen her gedachtes unfreies Leben, in dem es auch gar keinen Sinn macht zu versuchen, ein anständiges Leben zu führen. Er wunderte sich, wieso denn dann unsere christliche Religion für so schön gehalten wird.
Da hätte er recht - wenn man Gottes Geschichte mit uns Menschen ohne Karfreitag und Ostern denkt. Da hätte er recht, wenn man Karfreitag und Ostern wie Goethes Osterspaziergang versteht, der wunderbar beschreibt, wie Menschen sich nach Licht und ins Helle sehnen und den Moment, in dem sie sich menschlicher Vollkommenheit nahe fühlen, einfach nur festhalten wollen, denn die Menschen ahnen, dass sie nachher in das drückende Dunkel ihrer eigenen Grenzen zurückmüssen:
„Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, / Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, / Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht, / Sind sie alle ans Licht gebracht. / Sieh nur sieh / wie behend sich die Menge / durch die Gärten und Felder zerschlägt / wie der Fluss in breit und Länge / so manchen lustigen Nachen bewegt…“. Und das endet mit dem berühmten: „Zufrieden jauchzet groß und klein: / Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Goethes Ostern bleibt ein Frühlingsfest, ein Abglanz dessen, was Gott heute an uns tut. Wenn Menschen überhaupt Worte für Gottes Heilstat finden konnten, dann hat Gott sie vielleicht dem Johannes geschenkt. In seiner Passionsgeschichte kommen zwar all die Marter von denen ich am Anfang berichtete, nicht vor: Der Jesus des Johannesevangeliums bricht nicht unter der Last seines Kreuzes zusammen, so dass ihm ein Anderer tragen helfen muss. Er wird nicht verspottet und gegeißelt, er hier schreit nicht: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“
Dabei ist all das bestimmt passiert. All das gehört zu Karfreitag dazu. All das weiß auch Johannes, denn es zeigt, dass hier ein wirklicher Mensch stirbt. Aber Johannes weiß auch: all das erklärt noch nicht, was passiert und unterscheidet Jesus kaum von den beiden Verbrechern, die rechts und links von ihm starben.
Johannes erzählt nicht wie die anderen Evangelisten als Zeitzeuge, der einen historischen Bericht abfasst. Sondern er tut es aus unserer Perspektive: Er lebt wie wir in der Zeit danach, in der Jesus Christus unter uns nicht mehr anwesend ist – schon erlöst und noch in dieser Welt.
Er lebt wie wir mit all dem, was uns gesagt ist, wie wir leben sollen, was gut und böse ist. Er kennt Taufe und Abendmahl und weiß, dass mit der Taufe Gott neu mit uns beginnt und dass uns das Abendmahl als Zeichen der Vergewisserung durchhilft . Aber er weiß auch, dass wir bei allem guten Willen immer wieder an uns selber scheitern, dass wir nie so sind, wie wir sein wollen und dass Gottes Friede seit Ostern in unserer Welt aufscheint aber keineswegs vorhanden ist. Johannes weiß, dass es dieses Leiden und Sterben braucht, damit uns nicht erdrückt, was wir nicht vermögen. Und darum legt er Jesus in den Mund: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ und sagt damit: von Jesus könnt ihr auf meinen Vater schließen. Dieser Jesus zerbricht nicht an seinem Auftrag, wie Gott nicht an uns zerbricht und wie wir nicht mehr zerbrechen müssen.
Unsere Sünde ist nicht weg, aber sie trennt uns nicht mehr von Gott und dem Leben, das er für uns bestimmt hat.
Und darum vermute ich, ist der Jesus der Johannespassion nicht der zerlittene Jesus des Isenheimer Altars, sondern unserem Imervard ähnlich. Unter seinem Kreuz werden wir heil.
Amen.

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