Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

Dompredigerin Cornelia Götz

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Predigten

  Rogate

Rogate

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.05.2021

Rogate! Betet! - heißt dieser Sonntag.
Lasst uns also über das Beten reden, so gut es eben geht oder vielmehr wohlwissend, dass das eigentlich nicht geht.
Beten ist keine Technik, die man erlernen und perfektionieren kann.
Beten ist kein rhetorisches oder poetisches Vermögen.
Sondern mit Jörg Zink: „In dir sein Gott, das ist alles.“ Oder wie Martin Buber übersetzte: „Ich bin Gebet“ statt: „ich bete“.
Beten ist Sein, ist Existenz und Erfahrung, unsere Art Gott zu begegnen und darin mir selbst – mit all dem, was mich umtreibt und ich mir in mir bewahre: meine Geschichte und meine Erinnerungen, meine Hoffnung und meine Träume, meine Sorge, meine Liebe – und die Löcher in mir, durch die der Wind pfeift.
Beten heißt sich gefunden wissen. Durch das Dunkle hindurch. Durch das Licht auch.
Kyrie und Gloria.
Über das Beten reden heißt, über Gott zu reden.
Das macht es nicht einfacher, nicht gewisser.
Christian Lehnert, Theologe und Dichter hat geschrieben:
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Ich bin diesen Worten vor einigen Wochen begegnet, sie haben sich mir eingebrannt, sind mir wichtig und schwer verdaulich, sperrig – ich fühle, in ihnen steckt Wahrheit. Sie passen in schwere Zeit und übersteigen sie weit.
Gott gibt es nicht, wie einen greifbaren Menschen neben mir, nicht als Wind und nicht als Feuer, nicht als hand, die ich greifen kann. Er ist unerfahrbar für meine Sinne – einerseits. Und andererseits:
Gott ist unzweifelhaft da.
Gott ist da, wenn er mir fehlt.
Gott ist da, wenn ich ungeborgen und unbehaust bin.
Gott ist da, wenn ich es nicht mehr aushalten kann.
Ganz nah an meiner Seele, die nicht ins Leere klingt.
Ein dunkler Riß. Ein Gebet.
Wie oft mag solcher Riß Gebet geworden sein – wortlos, mühsam, tröstend - auf dem Weg zwischen Magdeburg und Braunschweig?
Ich bin heute Morgen ganz leicht herübergefahren.
Aber meine Großeltern fuhren auf dieser Strecke mit klammen Herzen immer auf eine Grenze zu – die sie von ihren Kindern und Enkeln unbarmherzig trennte.
Meine Mutter fuhr auf dieser Strecke auf eine Grenze zu, die sie von dem Leben trennte, dass sie sich für ihre Kinder wünschte und versuchte auszuhalten, was es bedeutet auf dieser Seite hier zu bleiben. Heute ahne ich, wie schwer solche Last sein mag – zerrissene Familien, Fremdheit, Angst, Sehnsucht, Liebe, Heimatverlust und auch die Bürde, das Leben meiner Kinder mit meinen Entscheidungen zu beschweren. Dazu die Angst vor demütigenden Kontrollen, der Mut, den es brauchte Bücher und Texte, Gedanken, Ideen und Musik hin und herzutragen. Bindung.
Und alles andere, was hilft, auch.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen / und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten.
Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
So heißt es im Predigttext für diesen Tag bei Jesus Sirach.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Die Allerärmsten. Wahrscheinlich sind wir das nicht.
Oder sind wir es alle? Verlorengegangen in den dunklen Rissen, die Menschen auseinandergetrieben haben – angestachelt von Ideologie, eingeschüchtert von Diktatur, zermürbt von Krieg, größenwahnsinnig geworden, geldgierig, maßlos oder ausgehungert, verletzt, zermürbt, verraten.
Diese Grenze zwischen Magdeburg und Braunschweig hat so viele arm gemacht – an Leben und Zukunft.
Und dieses Virus jetzt auch: Es bringt Kinder dazu, nicht mehr leben zu wollen und reißt Erwachsenen das Fundament ihres Lebens unter den Füßen weg. Es trennt Reiche und Arme, frißt Lebenszeit.
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Es betet in mir. Und hört:
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Gott ist nicht voreingenommen.
Er fragt nicht, ob wir uns da selbst reingeritten haben. Es geht ihm nicht um
Schuld und Versagen. Er ist da und „und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten. Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
Menschen sehen nicht davon ab, wer ihnen Leid zufügt. Seltene Ausnahmen mag es geben und damit ein Gedenken, an Sophie Scholl, die heute 100 Jahre alt geworden wäre.
Aber die allermeisten rasen auf die Grenze zu und haben Angst und kalte zitternde Hände, fühlen sich ohnmächtig und unendlich traurig, sind zornig und bitter gegenüber den Mächtigen, schweigen und tragen daran ihr ganzes Leben.
Und in all dem und als all das steigt Gebet zum Himmel. Und in ihm und mit ihm, mein ganzes Leben und die Geschichten derer, die ich in mir trage.
Das muss Gott doch hören! Jetzt muss doch etwas geschehen.
Im Predigttext heißt es dazu:
„Menschen, die Gott dienen, werden mit Freude angenommen, / und ihre Bitte dringt bis zu den Wolken. Das Gebet erniedrigter und entwürdigter Menschen dringt durch die Wolken, / und es lässt nicht nach, bis es sein Ziel erreicht hat; es gibt nicht auf, bis Gott es wahrnimmt, und ihnen Recht verschafft.“
Die Bitten derer, die Gott dienen, an denen Gott Wohlgefallen hat, dringen bis an die Wolken. Bis dorthin. Nur bis dorthin. Und dort bleiben sie.
Ungehört? Wirkunglos? Nutzlos?
Aber das Gebet der Ärmsten und Unglücklichsten, das dringt hindurch. Das erreicht ihn, das gibt nicht auf. Das verändert die Welt.
Hier hat sich einer gewagt aufzuschreiben, dass es Zwischenzeiten gibt – da dringt das Gebet nicht durch. Hier hat sich einer getraut zu sagen: ich weiß nicht, ob mein Gebet nützt und gehört wird. Hier hat einer nicht aufgehört zu glauben, dass denen die Ungerechtigkeit erfahren, die ohnmächtig ausgeliefert sind, die das Leben nicht mehr aushalten können, Hilfe zuteil wird.
Ich bin von Braunschweig hierher gefahren. Die unbarmherzige Grenze ein grünes Band. Georg Oswald Cott, ein Braunschweiger Dichter schrieb: „Wundklee blüht, dem Kolonnenweg wächst ein Bart aus Moos.“ Diese Bitten sind durchgedrungen. Gott hat sie gehört. Nicht gleich. Aber doch. „Denn Gott ist unserer Seele nah, so oft wir ihn vermissen“ und wir sind in ihm. Das ist alles. Amen

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  Karfreitag

Karfreitag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.04.2021

Da steht Petrus nun am Feuer vor dem Gebäude, in dem Jesus verhört wird, einsam, ratlos, traurig und wärmt seine Hände, seine Seele, seine Eingeweide.
„Bist du nicht einer von ihnen?“ Wird er gefragt.
Da leugnet Petrus, so steht es, und sagt: „Ich bin es nicht.“
Ich bin es nicht.
Ich bin nicht der, der hier ganz allein dazwischen steht, übriggebliebener Rest einer Hoffnungsbewegung. Ich will auch nicht dazugehören, nicht zu denen, die ihn verurteilen, nicht zu denen, die ihn bedauern. Ich will keiner sein, der mit ihn in den Untergang gerissen wird. Ich will schon gar nicht, dass jemand meinetwegen leiden und sterben muss…
Das „bin ich nicht.“
So schlecht und so schlimm, dass einer für meine Schuld am Kreuz sterben muss, bin ich nicht. So gerade und mutig, seinetwegen in Gefahr zu geraten, auch nicht.
Ist Petrus womöglich gar nicht der elende Lügner, sondern einfach nur sehr ehrlich?
Er ist ein Mensch wie wir.
Ein Mensch, der in Lebenswüsten gerät, falsche Entscheidungen trifft und Freundschaften verliert. Ein Mensch, ihn Herbert Grönemeyer unnachahmlich beschreiben hat:
„Und der Mensch heißt Mensch / Weil er vergisst / Weil er verdrängt / Und weil er schwärmt und glaubt / Sich anlehnt und vertraut / Und weil er hofft und liebt / Weil er mitfühlt und vergibt / Und weil er lacht / Und weil er lebt…“
Und weil er solch ein Mensch ist, einer der leben will, hält Petrus Abstand:
„Das bin ich nicht.“
Das kann ich verstehen. Vielleicht hätte ich es auch so gemacht.
Und da kräht der Hahn und Petrus überfällt in all der Lüge die Wahrheit seines Lebens.
Geht er in die Knie?
So wie ich vorhin es vorhin gemacht habe – weil uns das die Liturgie des Lebens mit Gott eingeschrieben hat: „Ich armer elender sündiger Mensch bekenne dir …“
Das sind nicht meine Worte. Aber sie passen in meinen Mund.
Wenn ich das bete, lüge ich nicht, sondern bin näher an meiner Wahrheit als sonst oft. Wenn ich das bete, berge ich mich auch in der Geschichte des Petrus, der es so gern gut machen wollte.
Und der draußen geblieben ist.
Draußen im Hof. Vor der Tür. Zuhause.
Denn er ist nur Petrus. Zum Glück: nur Petrus!
Nicht Jesus.
Diesem Petrus hallten vielleicht die alten Jesajaworte in den Ohren, die auch wir heute drehen und wenden, hören und verinnerlichen sollen:
„Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.“
Wir sahen ihn, bespuckt, ausgelacht, misshandelt.
In einem modernen Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich seh im Spiegel seiner Schrift, die Wahrheit, die mein Leben trifft.“
Wir sahen ihn…
Ich sehe heute im Spiegel der Schrift all das, was wir Menschen an uns selbst nicht sehen und wahrhaben wollen. Ich seh im Spiegel seiner Schrift den, der all das auf sich versammelt, was uns hindert die zu sein, die wir sein wollen, sein sollten.
Ich sehe Petrus und den armen elenden sündigen Menschen, von dem Jesaja schreibt und den am Kreuz um dann die Wahrheit zu hören, die mein Leben trifft:
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unseretwillen verwundet und zerschlagen. … auf dass wir Frieden hätten.“
Ich sehe Jesus Christus, und in ihm die, die wir auch sind: im Schweiße des Angesichtes, in den Tränen der Einsamkeit, in der Hingabe an andere Menschen.
Ich sehe im Spiegel seines Lebens, dass man Versuchungen widerstehen und zugleich darum bitten kann, dass es endlich aufhört.
Und schließlich sehe ich einen, der seinen Frieden macht.
Mit seinem Leben und seinem Schicksal, mit den Menschen, die zu ihm gehören.
Er macht Frieden – nicht als ästhetische Geste sondern weil er darum gerungen und gebeten hat.
Er macht Frieden mit sich, damit ich auch Frieden mit meinem Leben machen kann.
Kein Hahn kräht mehr. Stille. Das ist die Wahrheit, die mein Leben betrifft.
Karfreitag 2021.
„Bist Du nicht die…?“
Bin ich die, deren Leben unterm Kreuz heil werden will?
Bin ich die, für die das geschehen muss?
Wer bin ich?
„Wer bin ich? Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? … Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür … umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne…
Wer bin ich? …
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Auch das sind nicht meine Worte, sondern die Dietrich Bonhoeffers.
Heute passen sie in meinen Mund. Damit gehe ich und so vergehe ich nicht. Bis es wieder hell wird – am Ostermorgen.“



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  Palmarum

Palmarum

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.03.2021

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
So schreibt einer im sogenannten Hebräerbrief drei, vier Generationen nach Jesu Tod an seine Zeitgenossen. Sie waren - wie wir - keine Augenzeugen Jesu aber ihre Welt war seiner bei weitem ähnlicher als unserer. Manches muss sich aber sehr ähnlich angefühlt haben, denn dass einer schreibt, dass der christliche Glaube auf Hoffnung aus ist und mit Zuversicht einhergeht, nicht mit Angstmacherei und Weltuntergangszenarien, das braucht auch heute keine Übersetzung.
Wer damals oder jetzt davon redet, dass es keine Hoffnung gibt, der gründet sich woanders als im Glauben an den, der gestorben und auferstanden ist.
Damals und heute bedeutet zu glauben, nicht zu zerzweifeln was nicht mit eigenen Augen besehen werden kann.
Nicht sehen können macht den manchmal schwer erträglichen und manchmal erleichternden Unterschied zwischen Glauben und Wissen aus. Wir wissen es nicht, aber wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint. Zweifel daran hilft in keiner Richtung.
Und darum heißt es weiter:
„In diesem Glauben haben auch die Alten Gottes Zeugnis empfangen…“
Mit anderen Worten: so ist es von Anfang an und immer schon gewesen.
Wir mögen denken, dass es in der alten Zeit leichter war zu glauben, das Gott näher war und direkter redete. Aber egal ob mit den „Alten“ die Zeitgenossen Jesu oder unsere Eltern, Großmütter und Großväter, gemeint sind – immer musste man sich dafür entscheiden, glauben und hoffen zu wollen und immer musste man ertragen, dass vieles nicht bewiesen kann.
Das geht mit Blick auf die Bibel, Gottes Zeugnis, mal leichter und mal schwerer, je nachdem ob wir an eigene Erfahrungen anknüpfen können: Familiengeschichten wie die von Jakob und Esau, Naomi und Ruth, dem verlorenen Sohn oder auch die lange zermürbende Wüstenwanderung, das Gefühl da nie wieder rauszukommen, kennen wir. Auch dass Durchhalten: „Sagt meinen Kindern, dass sie weiterziehen!“ Selbst der Übermut des Petrus, der auf dem Wasser laufen will, ist uns nicht fremd, nicht mal seine Angst und Feigheit als er verleugnet.
Glauben fällt da leichter – denn wir hoffen ja auch irgendwie zu unseren Gunsten: Wenn Gott mit all diesen zutiefst menschlichen unvollkommenen Figuren seine Geschichte mit uns Menschen fortschreiben kann, warum dann nicht mir uns? Gerade jetzt, wo wir die Taube alle halbe Stunde aus der Arche losschicken, wäre Zweifel Luxus wenn nicht lebensgefährlich.
Und dann gibt es die anderen Kirchenjahreszeiten und Bibelgeschichten, in denen es so viel schwerer ist, zu glauben und nicht zu zweifeln, weil nichts im eigenen Erleben und Empfinden Parallelen findet, ganz zu schweigen vom Verstand, der es gern logisch hat und begreifen will: die wahnsinnige Sintflut und das geteilte Schilfmeer, der gleißende Engel Gabriel im Zimmer eines Mädchens, das schwanger wird ohne intim zu sein, das freiwillige Sterben am Kreuz, das leere Grab, der Auferstandene mit Wunden an Händen und Füßen.
Das kann man mit unseren Hirnen nicht denken. Das muss man als moderner Mensch eigentlich bezweifeln. Oder eben glauben wollen.
Jetzt, in der Passions- und Osterzeit bewegen wir uns ständig auf diesem Grat – es gibt Geschichten, da ahnen wir, was seinerzeit erlebt worden ist und welche, da geht das nicht. Jetzt balancieren wir auf dem Grat zwischen Verstehen können, Nichtzweifeln sollen und Glauben müssen oder wollen – rechts und links geht es tief runter in die Hoffnungslosigkeit aller irdischen Grenzen, diesseitiger Debatte.
An Palmarum fängt der Hochseilakt an:
Ja, wir verstehen, dass Menschen jemandem, den sie lange ersehnt haben, begeistert entgegenlaufen. Wir haben schon erlebt, wie schnell der Funke überspringen kann, wie gern sich Menschen begeistern lassen. Aber wir wissen auch, wie gefährlich solche Dynamik manchmal ist und wie schrecklich wir uns schon geirrt haben. Darum müssen wir glauben wollen und Hoffnung behalten, dass wir in dem armen friedfertigen jungen Mann auf einem Esel tatsächlich den Richtigen zum König ausrufen, obwohl man ihm nicht ansehen kann, dass seinetwegen etwas grundsätzlich Anderes und Gutes Neues.
Es gehört feste Zuversicht dazu, darauf zu vertrauen, dass uns hier Wahrheit begegnet, nicht Manipulation, dass sich nicht doch die Erotik der Macht oder die Angst davor am überzeugendsten bleibt…
Es braucht tapferes Gegenhalten, wenn einen der Zweifel überfällt, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben, obwohl alles in seiner Wehrlosigkeit nach einem enttäuschenden bestürzenden Ende aussieht.
Hosianna ist ja auch ein Befreiungsruf! Hilf uns!!!
Palmarum: Da sind wir, mit den Palmzweigen in der Hand, voller Hoffnung und Zuversicht aber auch angefochten von den Ohnmachtserfahrungen, den Versuchen und Mühen, die nichts besser gemacht haben, dem vergeblichen Vertrauen, sorgenvoll, ob das alles noch was werden kann. Hin- und hergerissen.
„Hosianna“ und „Kreuzige ihn!“ liegen nah beieinander.
Es ist nicht so abwegig, dass es dieselben rufen…
Ach, das kennen wir.
Ein irrsinniges Hin und Her…
Man weiß nicht mehr, was denken und wem vertrauen, Zweifel nagen. Die lange Vereinzelung tut ihr Übriges – seit Wochen bestätigen wir uns am Widerhall des eigenen Echos. Wir stehen keineswegs in jubelnden oder kritischen Menschenmengen. Am Anfang der Karwoche erleben wir eher, was Reinhard Mey in einem gänzlich anderen Leben so besang:
„Allein / Wir sind allein / Wir kommen und wir gehen ganz allein / Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein / Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein…“
Allein. Allein Hoffnung und Zuversicht bewahren, allein nicht verzweifeln. Ist das die Herausforderung der Passionszeit 2021? Ja, in gewisser Weise gehen wir gerade sehr allein durch die Zeit. Jede und jeder muss für sich selbst entschieden, ob wir heute hier sein wollen, Gottesdienst feiern, präsentisch. Jede und jeder muss dauernd abwägen, losgehen, zurückrudern, sich loyal verhalten und trotzdem selber denken und verantworten.
So stehen wir an der Straße unseres Lebens, denn „der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
Hat unsere Mütter und Väter das durch die Stürme ihrer Zeit, ihres Lebens mit all seinen Nöten und Krisen getragen? Vielleicht nicht besser als uns – aber doch bis hierher. Und also heißt es in dem uralten Brief weiter: „Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben … lasst uns laufen mit Geduld.“
Und da fallen mir die orthodoxen Geschwister ein, die nie ganz allein sind, weil all die Heiligen, die sie sich in ihren Kirchen und Kapellen an die Wände malen, selbstverständlich lebendig sind und mitgehen. Eine Wolke derer, die zuversichtlich blieb und nicht zweifelte. Solche haben wir hier auch. Der ganze Dom ist voll davon…




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  Laetare 2021

Laetare 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.03.2021

Laetare! Freut euch, heißt dieser Sonntag. Mitten in der Passionszeit: freut euch! Nicht einfach nur so oder endlich mal, nein: richtig! Es gibt Grund zur Hoffnung und Grund für echte erleichternde Herzensfröhlichkeit! Stellen wir uns vor, es wäre wie in Salomos Hohelied der Liebe: „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel…!“ Leichtfüßig und glücklich, erwartungsvoll kommt da einer angesprungen – es gibt ja lauter gute Nachrichten: dieser Jesus Christus heilt Blinde und Lahme, er sättigt die Hungernden und hat einen Toten geheilt, den Lazarus. Nicht etwas einen Scheintoten, sondern einen der schon gestunken hat! Da muss man doch herangesprungen kommen, überperlend vor Lebensfreude – denn endlich ist Land in Sicht und wird alles gut, endlich müssen Menschen nicht mehr an schrecklichen Krankheiten sterben oder verhungern, endlich können sich die wieder bewegen, denen die Füße schon ganz taub geworden sind und die wieder sehen, deren Augen schon ganz trüb waren, die vor lauter Kummer und Einsamkeit nichts mehr wahrgenommen haben.
Das ist ansteckend – im besten einzig guten Sinne des Wortes!
Solche Freude verbreitet Hoffnung und Lebensmut auch unter denen, die bisher gar nichts auf den Glauben an Jesus Christus und die Osterfreude gegeben haben und nichts damit anfangen können, dass der große Schöpfergott seinen Segen auf einmal durch einen ganz normalen Menschen verströmt.
Das muss man erleben! Da muss man dabeigewesen sein – später wird sich das nie mehr in Worte fassen lassen.
Und so kommen die Fernen, um sich mitreißen zu lassen.
Jetzt kommen auch die, die nicht dabei waren als er Brot und Fisch verteilte…
Das Johannesevangelium erzählt:
„Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.“
Griechen, Menschen aus dem Volk der Sportler und Philosophen, mit eigenen Gedankengebäuden, Sagen und Göttern.
Griechen, Menschen aus einer anderen Kultur und vielleicht auch einer anderen Zeit.
Sie wollen dabei sein und den selbst sehen, von dem all die Wunder erzählt werden. Sie spüren, dass etwas in Bewegung gekommen ist.
Sie sind gespannt auf den mitreißenden Superstar – so wie zu allen Zeiten Menschen zusammenströmen, um ihre Idole zu feiern, Begabungen zu bestaunen, mitzusingen und zu tanzen.
Sie kommen extra her.
Aber dann haben sie doch Scheu und trauen sich nicht.
Das kennen wir auch. Da kommt jemand, nach dem man sich so sehr gesehen hat und dann fehlen uns die Worte vor lauter Schüchternheit, da kommt jemand, den man ewig schon erleben wollte und dann guckt man von Ferne, wagt sich nur näher, wenn es Vermittler gibt – solche, die eine Signierstunde vorbreitet haben oder irgend sowas in der Art.
So ist es auch in der alten Geschichte.
Die Griechen wenden sich an einen der Jünger, sicherheitshalber den mit den griechischen Namen – Philippus – und bitten ihn, mit Jesus bekannt gemacht zu werden. Das wird der nicht zum ersten Mal erleben, trotzdem fragt er erst noch den Andreas und dann tragen sie Jesus gemeinsam das Anliegen der Fremden vor.
Das geht schon erstaunlich indirekt zu. Als wäre es eine ungewöhnliche oder ungehörige Bitte. Merkwürdig…
Und Jesus reagiert auch merkwürdig, als hätte er das Anliegen nicht verstanden:
„Er antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“
Jesus geht gar nicht darauf ein. Die Griechen werden ihn nicht sehen. Wozu auch.
An ihm gibt es nichts Besonderes zu sehen. Er ist einer wie sie, wie wir. Mit Schwielen und Blasen an den Füßen, mit Sonnenbrand und Augenringen, mit Hunger und Durst. An seinem Äußeren kann man nur sehen, dass er wirklich ein Mensch ist. Ums Sehen geht es jetzt klar und deutlich nicht. Gut zu wissen, denn das ist auch unsere Rolle, wir können ihn auch nicht sehen…
Trotzdem ist das Ansinnen der Fremden nicht egal:
Denn in dem Moment, als diese Bitte an Jesus herangetragen wird, erfüllt sich etwas.
Die Stunde ist gekommen.
Jetzt ist die Zeit reif. Endlich! Laetare! Freut euch!
Worüber?
Weil Menschen endlich begreifen, welche besondere Zeit sie erleben, dass sie Zeugen sind, dass Jesus Christus sie etwas angeht? Oder ist es genau andersherum? Ist das der Moment, an dem Jesu Leben und Wirken die Welt schon so gründlich verändert hat, dass es gar nicht mehr wichtig ist, ob er noch dazwischen ist? Kann er sein Werk jetzt in andere Hände legen? Ist das der Augenblick, in dem er nicht nur fremde Zeitgenossen sondern auch fremde Nachgeborene erreicht?
Freut euch! Jetzt endlich wird er nicht kleingeredet und angezweifelt, sondern verherrlicht! Jetzt kann es gut werden und funktionieren unter uns, denn:
Und nun kommt eine schwierige Erklärung:
Denn „Wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Also doch Passionszeit. Also doch alles zuende. Also doch Kummer und Tränen.
Jesus Christus wird sterben.
Jetzt liefert er selbst die Deutung.
In dem Augenblick, als Menschen ihn sehen wollen, ihm immer näher kommen wollen, lenkt er den Blick weg von seiner Person – auf das was durch ihn kommen wird: viel Frucht! Nicht nur ein Korn, sondern ein ganzes wogendes Feld!
Er ist nach Jerusalem gekommen, weil er sich entschieden hat, diesen Weg zu gehen, zu sterben, damit Leben möglich wird. Er nimmt den Kelch selbst.
Er tut das, wie es Menschen seither in seiner Nachfolge immer wieder getan haben. Sie entscheiden sich, ihm treu zu bleiben so wie er sich selbst und uns treu geblieben ist.
Sie entscheiden sich zu leben wie er gelebt hat, weil sie die Freiheit dieser Entscheidung haben, es ist nicht alternativlos. Es ist nicht umsonst.
So nimmt er den Mächtigen die Macht.
Das ist der Moment der Saat.
Jetzt wird das Korn eingesenkt. In die Erde, in die Herzen der Menschen, in ihre Lebensgeschichten und Seelenlandschaften. Das wird Frucht tragen.
Am Horizont scheint schon Karfreitag auf. Aber es ist nicht die quälende Hinrichtung von der hier die Rede ist, sondern eine tief greifende Wahrheit: Tod und Sterben sind nicht die Feinde des Lebens, sondern seine Voraussetzung. Sterben und Werden gehören zusammen, wie Nacht und Tag, Himmel und Erde, Angst und Hoffnung.
Oder: so heißt es weiter im großen Liebenslied des Alten Testamentes:
„Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind aufgegangen und die Turteltaube lässt sich hören.“

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  Reminiscere

Reminiscere

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.02.2021

Es ist ein alter und wuchtiger Text, den wir an diesem Sonntag erinnern sollen – das Weinberglied. Sie haben es eben gehört. Als Lied kann ich es mir nicht so richtig denken – wenn dann am ehesten als Ballade mit Wolf Biermanns Stimme. Zornig und verletzt, großartig irgendwie.
Es wird von einem Weinberg erzählt; in der Bibel – nicht nur hier bei Jesaja - Inbegriff des Ortes, an dem der Mensch seiner Arbeit nachgeht und seinen Lebensunterhalt verdient. Nicht alle sind Weinbergbesitzer, manche sind auch Arbeiter im Weinberg. Für die meisten gilt, dass in den Weinberg Lebenszeit, Kraft und Kreativität investiert werden muss, Energie und Schweiß, Geld natürlich auch und dass es Geduld braucht. Nie ist gewiss, ob die Mühe die erwarteten Früchte bringt.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Können und Ergebnis – aber zuletzt liegt es nicht in unserer Hand. Darum heißt es ja auch in Matthias Claudius‘ Lied für Erntedank: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachsen und Gedeihen steht in des Himmels Hand“
So erlebt es auch der Weingärtner in der alten Geschichte. Er tut, was er nur kann. Er bearbeitet den Boden auf das Gründlichste, sammelt Steine und schafft sie beiseite, kauft wertvolle sorgsam gezogene Pflanzen und richtet sich ein Quartier.
Er baut sich einen Turm – vielleicht, damit wenig Bodenfläche verschwendet und versiegelt werden muss – um vor Ort zu sein und schließlich eine Kelter, um die Ernte zu verarbeiten.
Dann wartet er. Und hofft. Erst auf gutes Wetter, dann auf die Weinbeeren. Aber der Weinberg trägt keine gute Frucht. Es sind schlechte Trauben, Stinklinge, habe ich in einem Kommentar gelesen.
Ein unvermuteter grausamer Ernteausfall.
Genau das, was viele Menschen jetzt erleben:
Sie haben eingekauft und in ihren Geschäften die nächste Saison vorbreitet, aber sie dürfen nichts verkaufen. Sie haben Theaterstücke ausgesucht und geprobt, aber sie dürfen ihre Kunst keinem zeigen. Sie haben gearbeitet und versucht vorzusorgen aber jetzt frisst der Verdienstausfall die Reserve vor der Zeit…
Sie haben nicht spekuliert oder billig produziert, nicht schlampig oder lieblos gearbeitet, sie haben sich gemüht und Ernte ausgerechnet – aber es gibt keine Frucht- Eine bittere Erfahrung. Eine schwere Enttäuschung. Woran liegt das? Ist der Weinberg schuld? Das Theaterstück? Die Mode? Die Speisekarte?
Es scheint fast so – jedenfalls in dem alttestamentlichen Lied: denn der Sänger wechselt die Perspektive und nun nicht mehr von seinem Freund, dem Weingärtner, sondern von sich selbst, von seinem vergeblich vergossenen Herzblut und Schweiß, und sagt: „Nun richtet …. zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“
Richtet, zwischen mir und meinem Laden, mir und meiner Arbeit. Ein merkwürdiges Ansinnen. Was gibt es da zu richten und zu urteilen? Es gab keine gute Ernte.
Hilft da die Schuldfrage weiter? Wo soll man anfangen? Hätten wir ernsthafter damit rechnen müssen, dass auch schlechte Zeiten kommen können?
Was wäre dann die Antwort unseres Lebens gewesen?
Den Weinberg nicht mehr bebauen?
Es ist ein Moment großer Hilflosigkeit, der sich da auftut. Sie geht einher mit
Ohnmacht und Erschöpfung. Dann kommt die Wut. Keine kalte Teilnahmslosigkeit, sondern ein sehr existentielles starkes Gefühl. Auch den biblischen Weingärtner überkommt sie und er sagt:
„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen …“
Denn es ist alles die Mühe nicht wert. Soll der Weinberg doch verrotten.
So rabiat geht es nicht immer zu. Der Gärtners, der an anderer Stelle in der Bibel des mickernden Feigenbäumchens an anderer Stelle bittet: lass es mich nochmal versuchen! Das Bäumchen ist nicht schlecht, es wird schon noch Frucht bringen! Und auch die Menschen ohne Ernte um mich herum geben nicht auf: Sie üben weiter auf ihren Instrumenten, renovieren ihre Gaststuben, gestalteten ihre Schaufenster und denken sich beständig neue Arten aus, ihren Weinberg zu bebauen, ihm Früchte zu entlocken. Vielen von ihnen bedeutet ihre Arbeit mehr als nur Broterwerb.
Sie können sie nicht so einfach liegenlassen, aufgeben.
Der biblische Weingärtner offenbar schon. Er wird noch viel radikaler:
„Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Sagt er und jetzt ahnen wir: Hier spricht Gott und der Weinberg ist die „Pflanzung, an der sein Herz hing.“
Sollte Gott Grenzerfahrungen machen wie wir? Es ist ein ungewohntes und ein beunruhigendes Bild. Hier spricht ein emotionaler und verletzter Gott, der das, worein er so viel Herzblut gesteckt hat, seine Schöpfung, seine Menschen, das Volk Israel, sich selbst überlässt und alle Hoffnung begräbt.
Es ist ein enttäuschter Gott, der sich abwendet…
Kann man das verstehen? Ja, einerseits – wir wissen, dass vieles nicht gut ist unter uns. Aber andererseits: Wir sind doch da! Bereit zu hören und ihm zu vertrauen. Voller Sehnsucht nach guter Nachricht.
Was hilft uns in diesen Tagen, dass auch Gott die enttäuschte Erwartungen und gescheiterte Mühen kennt? Was hilft es, dass wir hören, dass ein liebender Gott, weil Liebe ein so starkes Gefühl ist, nicht einfach lieb ist?
Er selbst ist doch der Gärtner. Er selbst ist es, der den Weinberg geschaffen hat und es regnen lassen kann. Wenn es trotzdem keine guten Früchte gibt, wo bleibt da die Hoffnung? Muss erst Gottes Wut und Zorn vergehen, muss er erst Frieden schließen mit sich, seinem Weinberg und uns, ehe es wieder besser wird?

„Reminiscere“ heißt dieser Sonntag. Erinnere Dich!
Erinnere Dich Gott an deine Barmherzigkeit!
Erinnere Dich an den Regenbogen und deinen Bund mit uns, deinen Segen!
Ja, die Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen ist immer gefährdet, weil wir auf Menschenweise lieben, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich nicht, die Erde wird nicht gut gehütet – aber der Weinberg ist nur ein Weinberg, der Mensch nur ein Mensch.
Das weißt Du doch, Gott. Wo bleibt die Hoffnung? Wozu lässt Gott den Jesaja dieses Lied singen? Vielleicht wegen des offenen Endes: Der Weingärtner verkauft den Weinberg nicht. Er behält ihn. Er zürnt und wütet. Er droht. Aber er macht es nicht. Die gemeinsame Geschichte hat einen Schlag aber sie ist nicht zu Ende. Sie ist auch nicht zuende erzählt. Wir sind noch drüber. Es ist Passionszeit.
Und die Nachbarn? Mit ihren Geschäften und Restaurants, ihren Ausstellungen und all den vergeblichen Bemühungen? Es gibt keinen billigen Trost und keine einfache Antwort. Aber es gibt Hoffnung. Wir gehen darauf zu.


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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.02.2021

Wer glauben und hoffen will, wer den Verheißungen der Propheten, dem Reich Gottes, dem Ostermorgen etwas zutrauen will, wer sich wagt, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, wer Lebenskraft in Reformprozesse investiert, der muss sich etwas anderes vorstellen können als das, was gegenwärtig ist, der muss für möglich halten, dass es noch ganz anders kommt.
Nur so kann man Mut schöpfen, um weiter zu leben.
Nur so kann man Zeit nutzen wenn man sie noch hat, schärfer gesagt: Zeit als existentielle Krisenwährung begreifen. Andernfalls passiert was wir jetzt erleben: Sorglosigkeit, weil irgendetwas hier bei uns noch nicht eingetroffen ist,
verlorene Zeit weil wissenschaftliche Vorhersagen nicht ernstgenommen werden, leere Zeit, weil das was immer ging nicht mehr geht.
So kommt man nicht raus ins Weite.
Carolin Emcke, Publizistin, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und immer lesenswert, schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung: „Provinziell ist nicht mehr jenes Denken, das nicht über die eigene Örtlichkeit hinausreicht, die Nachbarschaft oder die Gegend, in der man lebt. Provinziell ist jene Vorstellung, die nicht über die Gegenwart hinausreicht.“
Und sie meint: provinziell im Sinne von beschränkend. Zu enge Kreise im Kopf und im Herzen führen in die Krise wenn nicht die Katastrophe. Man kann das durcharbeiten am Umgang mit den Virusmutationen, am Impfdesaster oder dem späten Lieferkettengesetz, am Verdrängen der Folgen von Temperaturschwankungen für die Wirtschaft oder …
All das ist nicht neu. Wir sehen es im Moment nur wie im Zeitraffer.
Umso dringender ist es, sonntäglich herzukommen und zu beten und Gott zu bitten um Ganzheit und Heilung, um Frieden und Freude, um seine Nähe.
Und er antwortet und sagt zunächst erstmal zu Jesaja, seinem Propheten – so steht es über diesem Tag heute:
„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und
verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit … Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.“
Du musst laut und eindringlich sein, wenn du durchdringen willst. Die leisen Töne scheinen zu verhallen. Dies sagt derselbe Gott, von dem der Prophet Elia sagte, er habe ihn erfahren als eine Stimme verschwebenden Schweigens. Es ist der Gott, der als stille Wolkensäule mitgeht, der in einem neugeborenen Kind zu uns kommt und allein und verlassen in Gethsemane weint. Dieser Gott sagt jetzt: „Schrei, damit man Dich hört.“
Wirkt das? Ich persönlich hasse es, angebrüllt zu werden. Meistens liegen dann die Nerven ohnehin schon blank. Nach Gebrüll folgen erfahrungsgemäß Tränen. Und dann? Dann folgt oft sowas wie Einsicht oder immerhin ist ein Steinchen in der harten Wand locker geworden. Manchmal wirkt das wie ein reinigendes Gewitter. Manchmal merke ich erst dann, wie festgefahren ich bin. Und jetzt, wo jeder in seiner Blase lebt und die allmählich dicke Wände hat, jetzt, wo jeder für sich auf seiner Insel treibt, muss da womöglich wirklich gebrüllt werden?
Ich mag das ungern denken aber offenbar tut es not uns herauszureißen – aus unserer Selbstgerechtigkeit, die nicht nur „Made in Germany“ ruiniert sondern eben auch unsere Fähigkeit erstickt, neu zu denken, uns etwas anderes vorzustellen. Es stimmt einfach nicht, dass wir immer unser Bestes tun und Gott suchen, nach seinen Wegen fragen und sie gehen wollen. All das wollen wir, aber mit halbem Herzen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass das geht – aber dass Gott da ist, uns nah und uns hört und hilft, das wollen wir ganz.
Estomihi heißt heute also erstens: Sei mir ein Weckruf, ein Trompetensignal, ein Warnschuss, ein Alphorngruß!
Und dann heißt es weiter bei Jesaja – und darin kann man buchstäblich lesen, wie genau Gott uns hört und zusieht, dass er weiß, dass wir uns fragen:
„Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“ – Warum tun wir uns all das an? Warum geben wir uns Mühe, es Dir Gott recht zu machen, wenn es nichts nützt? Gott antwortet:
„Wenn ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr … Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?“
Es nützt nichts, wenn wir feststecken in Halbheiten und Absicherungsbemühungen, wenn wir alles nur ein bisschen machen, wenn wir uns nicht trauen, wirklich zu entscheiden, wirklich loszugehen, wirklich anders zu fischen als wir es immer gemacht haben. Es wird auch nicht gutgehen, wenn wir der Wirtschaft, egal was wir sonst sagen, den Vorrang geben – dann wird man die Welt gewinnen und Schaden an der Seele nehmen. Fasten und reich werden schließt sich aus, dieser Versuchung hat Jesus Christus in der Wüste exemplarisch widerstanden.
Vor allem aber. Gott freut sich nicht daran, wenn wir uns vor lauter Rechtmachereri streiten oder beschämt kleinmachen und den Kopf hängen lassen, weil ja doch keiner schafft zu leben, wie er es uns vorgemacht hat.
Estomihi die zweite: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Nehmt eine andere Haltung ein, weil anderes geschehen wird!) gilt weiter!
Und dann sagt Gott sehr genau, wie „richtiges“ Fasten geht. Dass er von uns nicht mit hängenden Köpfen und Schultern hören und sehen will, dass das unmachbar ist, hatten wir eben schon! Er spricht zu uns als solche, die den Tag heute lebn und auf morgen hoffen:
„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Richtiges Fasten hat offenbar nur sehr wenig mit dem zu tun, was wir damit meinen, wenn wir uns selbstreinigend in Verzicht üben. Richtiges Fasten weist von uns selbst weg, weist weltwärts und verschenkt sich. Fulbert Steffensky sagt deshalb. Fasten ist nicht Selbsterfahrung, sondern Selbstvergessenheit. Gottsuchen heißt umkehren – nicht nach innen in den abgeschlossen Zirkel, sondern ins Weite hinaus, in das was möglich sein wird.
Das geht alles nicht? Ist zu radikal? Macht eh keiner?
Kann schon sein aber wahrschienlich ist das - siehe oben: Emcke - provinzieller Kleinmut, selbstgenügsames Kopf-hängen-lassen.
Üben wir also unsere Vorstellungs- und Hoffnungskraft, denn:
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“


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  1. Sonntag nach Epiphanias

1. Sonntag nach Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.01.2021

Die Texte dieses Sonntages erzählen von Gottes Bestätigung des Weihnachtswunders – der Himmel tut sich auf und Gott selbst sagt: „Dies ist mein lieber Sohn…“ und sie sagen, dass wir alle uns in diesem Gotteskind wiederfinden – viele Glieder dieses einen Leibes sind.
Das klingt einer Beschwörung des WIR-Gefühls, das wir im Alltag derzeit nur mit unseren Allernächsten erleben und hier, im Gottesdienst. WIR. Das sind wir, wenn wir auf dieselben Worte hören und zusammen beten, uns gemeinsam von derselben Musik anrühren lassen. Wir, das sind wir, wenn wir Sorgen teilen und Hoffnung, Begeisterung und Haltung. WIR. „Ein Manifest für Gemeinschaft“ hat Gregor Zöllig sein letztes Stück im Staatstheater genannt. WIR werden überstehen.
Hoffentlich. Denn es gibt Anlass zur Sorge: Menschen verschwinden in ihren eigenen Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. Jede entscheidet selbst, was sie für gefährlich oder sinnvoll hält, ob Bestimmungen mich betreffen oder nicht. Erst ich, dann wir. Oder genauso bedenklich: erst wir dann die anderen. Ursula von der Leyen erklärt den Ankauf neuer Impfdosen mit „Wir können nur gemeinsam durchkommen.“ Dieses WIR endet an den Grenzen Europas.
Der eine Leib scheint amputiert.
Über all dem kommt eine Jahreslosung zu stehen, die sich erst noch in Wirklichkeit verwandeln muss, bisher eher Ermunterungs- und Aufforderungscharakter hat:
„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Plural. Lasst Barmherzigkeit Ausdruck des WIR-Gefühls sein, Lebensäußerung des einen Leibes. Gott ist es ja auch. Heimliches leises Fragezeichen…

Und dann hat mich im Rumdenken an den Texten für heute einer von Friedrich Dürrenmatt angesprungen, der dazuzugehören scheint.
MDR-Kultur widmete die Lesezeit der vergangenen Woche dem Schweizer Dramatiker, der am vergangenen Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre und sendete die surrealistischen Kurzgeschichte „Der Tunnel“.
Die Geschichte stammt aus dem Jahr 1952. Dürrenmatt war Anfang dreißig und wie das WIR seiner Zeit dabei, die Schrecken der vorangegangen Jahre zu verarbeiten. Ein Aspekt darin ist die noch immer wichtige Frage, warum Menschen sehenden Auges in die Katastrophe gehen und die radikale Verdunklung der Umstände verdrängen und weiterleben als wäre nichts.
Dürrenmatt erzählt aus der Perspektive eines 24-jährigen Studenten Folgendes: Er

„stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt
siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig … Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel, da er seinen Heimatort verließ.“

Der Mensch sucht nach einem Platz, findet ihn schließlich am Zugende. Dort sitzt noch jemand, der über einem Schachspiel grübelt und ein rothaariges Mädchen, in einen Roman vertieft. Er steckt sich eine Zigarre an. Der Reisende kennt die Strecke. Der Zug fährt planmäßig in einen kleinen Tunnel. Dies Mal kommt er ihm länger vor.
Es ist dunkel im Abteil.
Lange genug, damit dem Reisenden die Finsternis bewusst wird. Er nimmt die Situation deshalb deutlicher wahr als sonst, wundert sich, dass der Zug den Tunnel noch nicht verlassen hat. Immerhin geht das Abteillicht an. Die Sitznachbarn können weiterlesen oder Schachspielen. Nur der junge Mann ist verwirrt. Er geht auf den Gang, schaut in andere Abteile. Alles scheint normal zu sein.
Wenn nur er die Situation beunruhigend findet, sitzt er offenbar im falschen Zug, denn auf der vertrauten Strecke gibt es einen so langen Tunnel nicht. Er fragt nach. Doch, das ist der richtige Zug. In der Schweiz gibt es halt viele Tunnel. Er möge bitte nicht nerven.
Der Schaffner kommt. Es ist der richtige Zug.
Aber der würde doch nicht durch so einen langen Tunnel fahren!!! Merkt das denn keiner??? Will niemand zur Kenntnis nehmen, dass etwas nicht stimmt?
Keiner will sich stören zu lassen. Keiner will wahrnehmen, dass es Probleme gibt.
Der Zug fährt doch. Der Speisewagen ist voll. Es wird gut gegessen und getrunken. Warum unkt er da eine Krise herbei?
Es hat keinen Sinn. Er kann keinen seiner Mitmenschen für die besorgniserregenden Umstände der Gegenwart interessieren. Darum sucht er einen Experten, der es wissen muss. Den Zugführer. Er findet ihn am Anfang des Zuges. Man spendiert sich eine weitere Zigarre und begibt sich in den Packwagen gleich hinter der Lok.
Der Zug rast mit zunehmender Geschwindigkeit noch immer durch einen Tunnel.
Der Zugführer füllt Tabellen aus.

„Mein Herr, sagte er endlich und trat nah an den jungen Mann …mein Herr, ich habe Ihnen wenig zu sagen. Wie wir in diesen Tunnel geraten sind, weiß ich nicht, ich habe dafür keine Erklärung. Doch bitte ich Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muss also irgendwo hinführen….“

Alles klar. Wir fahren auf vorgezeichneter Spur. Eigentlich ist alles in Ordnung, wenn man davon absieht, dass keiner weiß, wo oder wie die Reise enden wird. Ist das nicht der Moment, die Notbremse zu ziehen? Aber da stürzen sie schon durcheinander. Der Zug fährt jetzt abwärts. Eigentlich müsste er jeden Moment verunglücken. Aber das geschieht nicht. Die Waggontür zum Speisewagen geht auf. Dort prosten die Menschen einengender zu. Dann wird die Strecke wieder ebener. Sie zünden sich eine weitere Zigarre an, klammern sich daran wie an eine Erinnerung an frühere Alltäglichkeit…
Zeit zum Nachdenken, meint der Zugführer, bietet dann aber doch an, nach vorn zum Lokführer zu gehen. Der Führerstand ist leer. Natürlich. Der Zug rast mit nie dagewesener Geschwindigkeit. Die beiden rütteln an Hebeln. Die Maschine gehorcht nicht mehr. Die Notbremse schon gar nicht.

„Der Lokomotivführer? schrie der junge Mann. „Abgesprungen“, schreit der Zugführer zurück. „Schon nach fünf Minuten. Der im Packraum ist auch abgesprungen. Und Sie? fragte der Vierundzwanzigjährige. Ich bin der Zugführer, antwortete der andere, auch habe ich immer ohne Hoffnung gelebt. … Was sollen wir tun? schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hindurch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, … Nichts, antwortete der … Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“


Friedrich Dürrenmatt hat diese Geschichte, ich sagte es schon, 1952 geschrieben. Nicht etwas 1933. Die Erfahrung, dass die Welt in die Finsternis stürzt, dass alle Menschlichkeit abhanden kommt, lag hinter ihm. Wo war Gott darin? Hat er den Führerstand verlassen? Wollte er nicht mehr unser Gott sein, ein Leib in diesen Menschen?
Dürrenmatt soll gesagt haben, dass er Gott für das Fruchtbarste und Furchtbarste hielte.
Dass es nach allem weiterging, lag nicht an der Hoffnungskraft der Menschen, auch nicht an ihrem Verstand, ihrer Hellsichtigkeit, schon gar nicht ihrer Barmherzigkeit.
Es lag an Gottes Barmherzigkeit. Er lässt seine Menschen nicht fallen – sondern auf sich zustürzen. Vielleicht damit wir lernen, barmherzig zu sein. Nur so sind wir ein WIR. Gerade jetzt – wo wir auf Licht am Ende des Tunnels hoffen.
Mehr weiß ich heute auch nicht.
Aber ich weiß, dass der Friede Gottes größer ist als alles…


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  Vierter Advent - Sara juchzt ...

Vierter Advent - Sara juchzt ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.12.2020

Das erste Buch Mose erzählt von Gottes Anfang mit den Menschen, die er schafft und vernichtet, an die er sich bindet. Es erzählt eine Familiengeschichte mit allem: Liebe und Eifersucht, Grundstückserwerb, Erbstreitigkeiten, Geschwisterkonflikten, Ortswechseln … Mittendrin, genauer gesagt, im Wurzelwerk des Stammbaums finden sich Abraham und Sara, die Urahnen – Isaak, Jakob, Josef, David, Salomo, Jesus – sie alle stammen von diesen beiden ab. Aber beinahe wäre es gar kein Baum geworden, denn Sarah war kinderlos, wurzelverstockt – wie Martin Buber übersetzte.
Bis eines Tages in der Mittagshitze drei Männer vor Abraham Zelt erschienen. Wer sie waren, bleibt für uns undeutlich – aber Abraham erkannte sie sofort und bat, zu bleiben und zu rasten – denn, so sagt er: „Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.“
Schon da blitzt die Weihnachtsgeschichte auf. Komm, nimm Wohnung bei uns, bleib hier – mit deiner Gnade und deinem Segen. Dass Weihnachtskrippen mitten in dem Ensemble zu stehen kommen, wo Menschen Zuhause sind – sei es eine neapolitanische Straße oder eine Szene in Lappland mit Rentieren, ein erzgebirgischer Weihnachtsberg – immer verbindet sich damit die Sehnsucht, dass Gott nicht vorübergeht, sondern einkehrt und bleibt, genau bei uns.
Und dieses Jahr erst recht.
Dass wir Weihnachten nicht selbst machen können, nicht mal mit hundert Kerzen und Quempas, wissen wir eigentlich – aber dieses Jahr merken wir, was es bedeutet. Dieses Jahr merken wir, dass Weihnachten wird, weil Gott etwas entscheidet und tut, weil Gott nicht an unseren Häusern vorübergeht.
Das ist der eigentliche Grund zum Feiern! Und so geschieht es auch in der alten Geschichte. Abraham bereitet seinen Gästen ein Festmahl. Sie essen – und dann fragen sie: Wo ist Sara?
Das ist sehr ungewöhnlich. Frauen erscheinen nicht auf der Bildfläche, schon gar nicht, wenn Männer miteinander essen – nicht in dieser Szene und auch nicht beim letzten Abendmahl. Vielleicht ist das aber der Moment, in dem auch wir Gott in den Besuchern erkennen können: Denn ganz so klangen seine ersten direkt an Menschen gerichteten Worte. Wo bist du Adam? Wo bist du Mensch?
Als Adam und Eva sich im Paradiesgarten versteckten, da fragte Gott nach ihnen.
Als Sara im Zelt bleibt, fragt Gott nach ihr.
Nicht weil er es nicht wüsste, sondern weil er uns alle immer wieder fragt. Es ist wichtig für uns. Wir müssen uns bewusst machen: Wo sind wir eigentlich? Was machen wir gerade? An welcher Stelle unseres Lebens sind wir im Moment und haben wir unseren Ort gefunden?
Sind wir gerade dabei, uns wie Adam und Eva erschrocken vor den Konsequenzen unseres Tuns zu verstecken? Als träfe es uns nicht wenn wir nicht gesehen werden? Verstecken wir uns, weil wir fürchten, dass Strafe das Einzige ist, was wir von einer Gottesbegegnung zu erwarten haben?
Oder ist es mit uns wie mit Sara, die drinnen im Zelt ist – Zuhause im Rhythmus des Alltags ihrer kleinen Kreise, geschützt vor den Widrigkeiten der äußeren Welt, arrangiert mit den Grenzen des eigenen Lebens?
Gott weiß das alles längst. Er hat, wie Generationen später die junge Maria singt, die Niedrigkeit seiner Magd gesehen.
Er weiß, dass sie im Zelt ist an dem Platz, den Zeit und Umstände ihr zugewiesen haben.
Er weiß, dass sie alt ist.
Er weiß, dass sie vermutlich von diesem Leben nicht mehr viel erwartet, vielleicht Erinnerungen durchgeht, Gedanken ordnet, sich auf den letzten Weg vorbereitet.
Aber er ist gekommen, ihrem Leben einen neuen Horizont gegeben.
Er ist gekommen, dem Tod, dem die alte Sara entgegensieht, Grenzen zu setzen und Leben zu verheißen. Es blitzt nicht nur Weihnachten auf, sondern auch Ostern!
Er ist gekommen, dafür zu sorgen, dass Sara noch einmal ihren Kopf hebt, weil sich ihre Erlösung naht – und sie sich nicht länger unter der schweren Not der Kinderlosigkeit beugen muss.
Er ist gekommen, etwas Neues anzusagen und also verheißt er:
„Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“
Sara hört das drinnen im Zelt. Und dann heißt es: „Und Sara lachte.“
Sie lacht, sie kann es nicht unterdrücken, es überkommt sie einfach.
Sie lacht, weil die alten Männer nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass alles irgendwann zu Ende geht und Menschen, selbst wenn sie klug, reich und mächtig sind, es irgendwann nicht mehr richten können.
Sie lacht vor Erleichterung, weil der Schmerz eines langen Frauenlebens ohne eigene Kinder endlich nachlässt, jetzt wo sie merkt, dass sie schon vor langer Zeit aufgehört hat zu hoffen.
Sie lacht sich frei von der Bitterkeit, dass sie immer nur die Frau drinnen im Zelt war, die nicht dafür taugte, Söhne zu gebären und die doch so schön war, dass Abraham sie vor lauter Angst als seine Schwester ausgab.
Sie lacht, weil das Bild, das mit dieser Zukunftsvision einhergeht ihr komisch vorkommt. Zwei alte Leute und ein kleines Kind…
Sie lacht, weil es nun auch egal ist. Ein langes Leben liegt hinter ihr. Es ist Zeit, loszulassen. Sie lacht das Leben aus und die Männer, vielleicht auch sich selbst.
„Da sprach Gott zu Abraham: Warum lacht Sara? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich…“
Schade eigentlich.
Das Lachen hat so gut getan. Jetzt schämt sie sich dafür als wäre sie nur eine dumme alte Frau. Aber Sara, die „Wurzelverstockte“ wird ein Kind bekommen. Isaak wird es heißen, der der lacht.
Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Er kann Zukunft und Leben schenken, wenn wir am Ende sind, verbraucht, kraftlos, hoffnungslos.
Amen?
Nein, noch nicht – denn die Lutherübersetzung verwischt einen kleinen aber sehr adventlichen Aspekt. Viel näher am hebräischen Urtext liegt die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. Dort heißt es: „Da juchzte Sara innerlich.“
Sie juchzt. Ist das nicht etwas ganz Anderes? Ist das nicht helle Vorfreude?
Auf die Liebe, die in ihrem Leben ganz groß werden wird?
Auf die Freude, die mit einem Kind ins Haus kommt?
Sara juchzt wie ein junges Mädchen – sie juchzt einen Moment ohne Sorge, wie es werden wird; sie juchzt einen Moment nur glücklich, weil Gott zu ihrem Zelt gekommen ist und nach ihr gesehen hat. Vorfreude. Es wird Weihnachten, denn Gott kommt nicht nur – wie Luther übersetzte, übers Jahr, sondern – BIGS – „Zur Zeit, die das Leben braucht“, zur rechten Zeit. Amen.


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  Totensonntag

Totensonntag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2020

Toten- und Ewigkeitssonntag. Was bleibt? Was vergeht? Worauf können wir Hoffnung setzen im Leben und im Sterben?
Sie haben es im Predigttext gehört. Der Seher Johannes teilt sein Bild, seine Hoffnung wie es sein wird unter uns. Irgendwann am Ende der Zeit und hier im Advent und zu Weihnachten. Er hört, sieht und schreibt:
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … und der auf dem Thron wird bei ihnen wohnen und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein…“
„Einen neuen Himmel und eine neue Erde…“
Manchmal steigen im Umhergehen mit einem Text Ohrwürmer aus dem Assoziationskosmos des unergründlichen Gedächtnisses auf und haken sich fest. Von meinem alten Predigtlehrer hab ich gelernt: ernstnehmen, nicht wegwischen wie Tränen. Nachhaken im wahrsten Sinne des Wortes – warum hat sich dieser Einfall angedockt? Wo ist die Verbindung?
(Kleine Anekdote am Rande: so bestand dann einer meiner Freunde dank des professoralen Humors eine Prüfung: irgendwo lag er total falsch und konterte dann: er habe gelernt, mit seinen Assoziationen würd es schon seine Richtigkeit haben, er habe schließlich nicht geraten…)
Mir fiel folgendes Lied ein:
„Ein neuer Himmel, eine neue Erde, neue Menschen, neues Land,
ein neuer Geist, eine neue Sicht, die den Tod, die den Tod durchbricht …“
Ich habe es eine Weile vor mich hingesungen, bis ich es überhaupt merkte und dann verwundert festgestellt: ich kann das Lied nicht leiden.
Es braucht meinen Moment und dann weiß ich es:
Neue Menschen? In meinen Ohren klingt das gefährlich und ideologisch: neue Menschen schreiten hoch erhobenen Hauptes und strammen Schrittes ihrer strahlenden Zukunft entgegen. Bessere Menschen. Jung und gesund. Straff und schlank. Vollkommen an Körper und Geist. Überlebensgroß. In Bronze.
Weh dem, der schwach ist oder zweifelt. Dem die Statur fehlt oder die Eignung.
Weh dem, der nicht dazugehört…
Aber: es ist christliches Lied, das von christlicher Hoffnung erzählt, anknüpft an den wunderbaren Text aus der Offenbarung. Vielfach und gern gesungen. Von mir auch. Es hat mich nie gestört. Das Land war ja hell und weit. Und wir gesund und ohne Angst. Gemeinschaft der Heiligen. Getaufte.
Aber jetzt wird es mir schal im Mund, hinter der Maske.
Ist das wirklich unsere Hoffnung?
Jetzt, am Ende eines Jahres, in dem wir lernen mussten, wie endlich und vorläufig ist, was wir sind und tun, in einem Jahr, in dem jeden Tag die Zahl der Toten genannt wird als wären es Gefallene, da geht mir das Lied vom neuen Menschen, seinem neuen Land und seiner neuen Sicht nicht mehr so ohne Weiteres über die Lippen.
Es verunsichert mich und tröstet nicht. Im Gegenteil.
Müssen wir nicht endlich lernen, Menschen zu sein, die nicht anders werden?
Was können wir also hoffen, was erzählt der Seher?
Er sieht, was wir allmählich ahnen: „Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“ Diese Welt geht vorbei. Kulturen vergehen und Arten sterben aus. Selbst das Meer, Inbegriff von Unendlichkeit und Ewigkeit, Geheimnis und Unergründlichkeit ist nicht mehr.
Alles hat seine Zeit. Warum sollte unsere Welt, wie wir sie lieben davon ausgenommen sein? Oder ich?
Aber! Dieser Text ganz am Ende der Bibel keine Sintflutgeschichte! Es geht nicht um Sodom und Gomorrha, den Weltuntergang und das große Sterben: Im Gegenteil! Das ist eine Schöpfungsgeschichte! Die ersten und die letzten Seiten der Bibel erzählen von dem großen Gott, dem Schöpfer, der Anfang und Ende ist, vor aller Zeit, der es gut meint und gut macht in der Zeit. Der die geschundene Erde sieht und uns, der Himmel und Erde neu macht. Sogar ein neues Jerusalem: „Und ich sah die heilige Stadt aus dem Himmel herabkommen…“
Johannes wusste um die Tragik der Stadt, Schmelztiegel der Völker und Religionen. Ihnen allen heilig. Ein Ort, in dieser Welt, der nicht mit politischen Instrumentarien zu begreifen oder zu ordnen ist. Ein Sehnsuchtsort, der Heilung braucht. Und Frieden.
Und auch hier:
Keine Rede von Zerstörung oder Gewalt, von Ins-Recht-setzen, von Reparatur oder Siegern. Geld. Erkenntnis. Gott selbst schafft etwas Neues. Eine andere Wirklichkeit, als wir sie denken können. Eine Wirklichkeit, in der Gott nicht fremd und fern ist, nicht unverständlich und unerforschlich, sondern ganz nah. Er wohnt da. Er wohnt hier. Zwischen denen, die weinen und schreien, die leiden. Zwischen uns. Er wohnt hier. Nicht in kostbaren Prunkbauten, nicht aussortiert aus dem alltäglichen Leben in Räume und Liturgien, die nur wenigen offen stehen, er wohnt hier – in der rumpligen Werkstatt unseres Lebens und Glaubens (das sieht man auch dem Dom an) und tröstet. Es wird nicht mehr so schrecklich wehtun. Es wird nicht mehr so schrecklich traurig sein. Dieser Tod, der die, die wir lieben, kalt und fremd und starr werden lässt, den wird es nicht mehr geben. Denn: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird ihr Gott sein und wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Es ist ein wirkliches Hoffnungsbild.
Aber keine Rede von einem neuen Menschen. Kein einziges Wort.
Wir bleiben die Menschen, die wir sind. Unvollkommen und ungenau. Ratlos und ungerecht. Verletzlich und sterblich. Aber auch: Humorvoll, kreativ und warmherzig. Zur Liebe begabt. Geheiligt und heil. Wir sind noch immer nicht allwissend, noch immer nicht unsterblich. Wir sind immer wieder und immer nur Geschöpfe. Gottes Geschöpfe. Erbarmungswürdig im wahrsten Sinne des Wortes.
Wir sind und bleiben die, die Trost brauchen und Gnade. Wir müssen nicht verdrängen, dass wir sterben werden. Wir müssen keine Angst haben, wenn sich unsere Welt ändert. Wir können Lieder schreiben und uns durchhelfen, wir können erzählen, davon wie es ein Mensch zu sein.
Noch ein Lied, dass mit eingefallen ist:
„Wenn Du im Trüben fischst, / Und es tropft in Dein Gemüt, / Wenn alle Geheimnisse verraten sind, / Und Du Dich verloren fühlst.
Ich dreh mich um Dich, / Stell mich vor den bösen Blick. / Deine Tränen werd ich übernehmen, / Alle Qualen, alle Foltern überstehen.
Auch wenn Du greinst, / Du Dich kasteist, / Auch wenn Du haderst, / Du Dich zerreist, / Wenn sich alles verdunkelt, / Bring ich Dich durch die Nacht.“
Ein Liebeslied an der Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Menschenlied von einem, der einem anderen zuliebe das Unmögliche versucht: Ich bring Dich durch die Nacht und darum mitgehen muss durch das Dunkel, weil nicht wir den Tod durchbrechen. Ein Menschenlied in Menschenleid. Aber dieses Leid wird vergehen, Anfang und Ende liegen nicht in unserer Hand und unserer Dunkelheit, denn unser Gott spricht: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

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  Eröffnung Friedensdekade

Eröffnung Friedensdekade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2020

1982 ging Rainer Eppelmann in der DDR mit der Initiative „Frieden schaffen ohne Waffen an die Öffentlichkeit“, in Bonn demonstrierte eine halbe Million Menschen anlässlich des Staatsbesuches von Ronald Reagan gegen den Nato Doppelbeschluss, im April beginnt der Falklandkrieg, im Juni der erste Libanonkrieg, im Juli gibt es einen Sprengstoffanschlag in der Abfertigungshalle des Münchner Flughafens auf Reisende nach Israel.
Die Friedensdekade war zwei Jahre alt und Hans Hartz sang seinen ersten Hit:
„Komm her Marie ein letztes Glas. / Genießen wir den Augenblick.
Ab morgen gibt's statt Wein nur Wasser.
Komm her und schenk uns noch mal ein. / So viel wird morgen anders sein - Marie die Welt wird langsam blasser.
Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer.
Jedoch die Falken fliegen weiter. / Sie sind so stark wie nie vorher
und ihre Flügel werden breiter und täglich kommen immer mehr.
Nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.
Bleib noch Marie.
Der letzte Rest reicht für uns beide allemal. / Ab morgen gibt's statt Brot nur Steine. / Komm her und schenk uns noch mal ein. / Denn so wie heut' wird's nie mehr sein - Marie die Welt reißt von der Leine.
Die weißen Tauben sind müde. / Sie fliegen lang schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer…
Sieh dort Marie das leere Bett - der Spiegel unsrer großen Zeit. / Ab morgen gibt's statt Glas nur Scherben. / Komm her und schenk uns noch mal ein.
Den letzten Schluck vom letzten Wein. / Marie die Welt beginnt zu sterben.
Die weißen Tauben sind müde ….“
Da kommen wir her.
Die Friedenstaube weiß auf blauen Grund war zweidimensional aber immerhin stabil. Jetzt ist sie auf dem Plakat nur noch ein hauchdünnes Abziehbildchen, noch nicht mal sicher aufgeklebt. Ein Motiv aus einer so alten Welt, dass die nach 1982 Geborenen gar nicht mehr wissen werden, wie das mit den Abziehbildchen ging. Man kann sich fragen, ob diese Generation von der Friedensdekade überhaupt erreicht werden soll.
Da kommen wir her. Die Welt ist überm Sterben. So lange schon.
Der Kampf gegen Aufrüstung und den wahnsinnigen Waffenhandel scheint schon so alt wie die Menschheit zu sein. In den USA war und die Frage, ob die Waffenlobby und das Recht, sich selbst schwer zu bewaffnen, eingeschränkt werden, für Unzähligen Menschen von erheblicher Bedeutung. Auch hier wird das Rüstungsthema uns demnächst erheblich beschäftigen, wenn Europa sich stärker wappnen will und also aufrüsten wird.
Die Zähne sind stumpf geworden.
Die vor uns waren scheinen sich ausschließlich von sauren Trauben ernährt zu haben. Oder wir lassen uns doch zu schnell anstecken von Passivität und Ohnmachtsgefühl oder von einer Rhetorik einschüchtern, die irgendwas mit Stumpf und Stiel ausrotten will, einer Stimme, die sich überschlägt vor Wut über Lügner, Verschwörungstheoretiker…
Im 120. Psalm heißt es:
„Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not und er erhört mich. HERR, errette mich von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen. Was soll er dir antun, du falsche Zunge, und was dir noch geben? Scharfe Pfeile eines Starken und feurige Kohlen! Weh mir! … Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen. Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.“
Auch hier singt einer. Vermutlich nicht mit so knarzig-rauchiger Stimme wie Hans Hartz, aber doch ein ähnliches Lied: Krieg und Hassrede machen ihn kaputt. Darum wünscht er seinen Feinden Pfeile und feurige Kohlen und erschrickt, dass er das tut. Weh mir! Hass und Gewalt haben auch in meiner Seele Früchte getragen. Ich kann nicht länger darin wohnen.
Weh mir, auch unserer Fantasie entspringen viel mehr und viel leichter Kriegsbilder, als solche vom Frieden. Da scheint die Vorstellungskraft erlahmt, müde, ein Abziehbildchen …
Es tut not, auf diesem Befund, herumzukauen.
Welche Worte wirken auf uns ein. Welche Töne bewegen uns. Wie denken, reden, argumentieren wir. Wie verteidigen wir uns?
Mithin: Wie scharf und gefährlich, wie rachsüchtig sind unsere Worte und Gedanken und irgendwann auch Taten?
Wie kommen wir da raus und in gute kraftvolle friedensfähige Gesellschaft?
Wie schaffen wir die „Umkehr zum Frieden?“
Die Psalmen gehen das zunächst mit einer Haltungsfrage, der Veränderung im eigenen Körper, an. Der nächste Psalm beginnt mit den berühmten Worten:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“
Mit der körperlichen Bewegung wird der Blick frei, verändert sich der Horizont. Kommen neue Gedanken und auch neue Anknüpfungen.
Die Trauben sind nicht nur sauer.
Die Tauben sind nicht nur müde.
Ich muss nicht nur ich sein. Andere gehen mit. Und sie finden neue Worte und daraus eine andere Haltung. So wie die ökumenische Christenheit 1990 in Seoul. Dort, in Korea, dem immer noch durch eine grausame Grenze, geteilten hochmilitarisierten Land, wurden Worte gesucht, die verbinden. Der Ökumenische Rat der Kirchen traf sich 1990 ausgerechnet dort. Die Blocksysteme waren zerbrochen, der Kalte Krieg zuende, die Welt öffnete sich. In Südafrika endete die Apartheit und Nelson Mandela wusste, dass wir nicht auf die sauren Trauben unserer Väter festgelegt bleiben, sondern auch anders können. Er setze die Wahrheits- und Versöhnungskommission ein, weil, wie er sagte: „Wir glaubten, dass alle Menschen, selbst Gefängnisaufseher, fähig wären, sich zu ändern.“
Auch da kommen wir her.
Menschen erlebten sich in die Freiheit geführt und trotz allem zur Versöhnung fähig. Sie wussten, dass das sehr viel mit unserem Gott zu tun. Ihr Bekenntnis haben auch wir vorhin gesprochen (merkwürdig, dass wir es nicht auswendig gelernt haben):
„Ich glaube an Gott, der die Liebe ist und der die Erde allen Menschen geschenkt hat.
Ich glaube nicht an das Recht des Stärkeren, an die Stärke der Waffen, an die Macht der Unterdrückung.
Ich glaube an Jesus Christus, der gekommen ist, uns zu heilen, und der uns aus allen tödlichen Abhängigkeiten befreit.
Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidbar sind, dass Friede unerreichbar ist.
Ich glaube nicht, dass Leiden umsonst sein muss, dass der Tod das Ende ist, dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat. Ich glaube an Gottes Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Ich glaube an die Schönheit des Einfachen, an die Liebe mit offenen Händen, an den Frieden auf Erden.“ Amen

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  21. Sonntag nach Trinitatis

21. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.11.2020

Manche Bibelwörter verbinden sich mit unserer Lebensgeschichte. Wir haben sie uns ausgesucht als Konfirmations- oder Trauspruch, sie standen über wichtigen Tagen unseres Lebens in den Herrnhuter Tageslosungen oder waren Kirchentagsmotto als wir angefangen haben uns selbst als homo politicus wahrzunehmen.
Se begleiten Geschichte – im Großen und im Kleinen.
So geht es mir mit dem Jeremiatext für diesen Sonntag, an dessen Anfang es heißt: „Suchet der Stadt Bestes“ und mit der Verheißung schließt „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen.“
Erlauben Sie mir also einen Moment aus meiner Geschichte zu erzählen.
1989 wohnte ich im „Heimchenzimmer“ der Evangelischen Studentengemeinde in Erfurt im der Altstadt. Nebenan steht die Michaeliskirche, eine Predigtstätte Martin Luthers. Am Ende der DDR trafen sich dort „Ausreisewillige“, Menschen, die Ausreiseanträge gestellt hatten. Sie wurden von einem Pfarrer begleitet, der sich vieler Gruppen angenommen hatte und von dem ich den existentiell wichtigen Rat mit Blick auf die Staatssicherheit bekam: „Wenn du mit denen zu tun kriegst. Erzähl davon. Ein Geheimdienst kann nichts so wenig leiden wie Öffentlichkeit.“
Damals bot die Kirche Dach und Zuflucht nicht nur zum stillen Gebet sondern auch Umweltgruppen, Kriegsdienstverweigerern oder eben auch Ausreisewilligen. Und vielen folgten dem Motto „Kirche ist offen für alle aber nicht für alles.“
Unter Letzteres fiel für manche, für mich damals auch, das Ausreisebegehren. Wir glaubten, hierher in die DDR gestellt zu sein, weil Gott uns genau da braucht und nicht weggehen zu dürfen. Damals fühlte ich mich zugerüstet von dem unerschrockenen und klugen Theologen Heino Falcke, der den Kommunismus und die DDR-Diktatur scharf kritisierte aber dennoch einen „verbesserlichen Sozialismus“ für denkbar hielt. Wir, die wir dableiben wollten, versammelten uns unter dem Motto „Suchet der Stadt Bestes! Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien.“
Mit anderen Worten: Wohnt hier und engagiert Euch! Für Frieden und Abrüstung, für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Belebt und nutzt die Rechte, die ihr habt. Geht wählen und kontrolliert die Auszählung… Lasst uns dieses Land besser machen und alle bestärken, die das mittun. Es war ja eine Zeit, in der aus Gorbatschows Sowjetunion ermutigende Signale kamen, die auf Transparenz, Demokratie und Öffnung schließen ließen. Und nicht zuletzt: hier waren wir Zuhause.
1999 ging ich doch weg und lebe nun schon fast die Hälfte meines Lebens jenseits der Grenze. Hier fand mich das Ende des Jeremiatextes: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen.“
Es war eines der Segensworte, mit dem ich hier im Dom ordiniert wurde. Es war das Motto des ersten Konfirmandenferienseminars in Südtirol, auf das ich als junge Pfarrerin mit meiner ersten Gemeinde fuhr. Dort erlebte ich Kirche und Kollegen, die so arbeiteten, wie ich mir das auch erhoffte. Dass es sich um ein Modell handelt, bei dem man wegfährt und jenseits der Berge das Beste sucht, fiel mir erst später auf.  Erst einmal verkörperte dieses Wort eine Haltung, wie ich – die ich das eigentlich nie hatte werden wollen – Pfarrerin sein konnte. Suchen und gefunden werden.
Schließlich kam unserer Tochter damit als Konfirmationsspruch an. Die Kollegen hatten die Jungs und Mädchen für mehrere Stunden mit der Bibel losgeschickt und gesagt, sie sollten darin blättern und rumlesen und sollten darauf vertrauen, dass sie einen Spruch finden würden, der ihnen gefiele und zu ihnen passt. Zwischen zigtausend Wörtern lässt sich mein Kind von dem Vers finden, der auch mir oft weitergeholfen hat: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen…“

Und nun stehen diese Zeilen also über diesem Sonntag. Morgen wird zum zweiten Mal das öffentliche Leben unserer Gesellschaft heruntergefahren. Wir stecken mitten in einer Krise unbegreiflichen Ausmaßes und erleben die Erschütterung der Grundfesten unserer Welt. Allmählich überfällt einen Ratlosigkeit, Traurigkeit, Angst und die Ahnung, dass es nicht wieder so schnell gut wird und schon gar nicht so wie es war. Und wieder heißt es „Suchet der Stadt Bestes!“
Ausgerechnet jetzt, wo wir doch möglichst gar nichts suchen und zu Hause bleiben sollen. Es klingt nach einem neuen Knoten, den dieser Text hinterlassen will…
Schauen wir auf die Wörter drumherum. Jeremias Brief beginnt so:
„So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter...“
Erste neue Einordnung: Es ist mitnichten ein Brief an die, die Zuhause sind und ihr Leben hier gestalten und verbessern wollen, sondern einer an Menschen, die Gott selbst rausgeführt hat – aus ihrer vertrauten Welt - in ein fremdes unbegreifliches Leben und in Lebensumstände, die keiner auch nur einen Moment erträumt oder erhofft hat. Gott selbst. Ich kann und will nicht so weit gehen zu sagen, dass Gott uns dieses schreckliche Virus geschickt hat – aber ich kann und will auch nicht dahinter zurück, dass er uns jetzt führt – in und durch diese Krise. Der unbegreifliche Gott hat uns diese Katastrophe nicht erspart aber: Hier endet sein Weg mit uns nicht. Hier ist nicht alles aus. Vielmehr werden wir ermutigt, uns einzurichten. Nicht provisorisch sondern für lange Zeit. Baut Häuser sagt er. Pflanzt und erntet, esst. Ihr braucht Kraft. Es wird dauern. Und: es geht weiter. Darum gründet Familien und bekommt Kinder.
„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“
Das nehme ich wörtlich, denn heute – am ersten November 2020 – höre ich darin: Steck die Kraft nicht darein, zu boykottieren, was die fremden Regelungen um uns herum jetzt verlangen – nimm zur Kenntnis, dass du darin jetzt lebst. Aber bete für die, die es gestalten und verantworten, für das Gemeinwesen so wie es ist. Trage,
was Du kannst dazu bei, dass es aufwärts und gut geht. Für alle und so auch für dich. In dieser Reihenfolge. Haltet durch, denn es geht vorbei. Gott wird uns da auch wieder herausführen. Denn er sagt:
„Wenn siebzig Jahre voll sind, so will ich mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.“ Siebzig Jahre? Das klingt schrecklich – aber wenn wir bedenken, dass es erst reichliche siebzig Jahre sind, seitdem der zweite Krieg vorbei ist… dann kann es schon Jahrzehnte dauern. Oder vier lange Wintermonate, wie die Kanzlerin sagte. Es kommt nicht auf die Zahl an. Sondern auf den Horizont. Es wird Advent. Dort wird es hell.
„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. … „
November 2020. Gedanken des Friedens und nicht des Leides. So steht es über diesen Tagen und stand es über der Geschichte unsere Eltern und Großeltern, unserer Mütter und Väter im Glauben. Sie alle sind immer wieder durch in schwere Zeiten, manchmal sehr schwere Zeiten, geführt wurden. Sie haben darin gelebt, Häuser gebaut und Kinder gezeugt. Uns. Für alle galt und gilt: es gibt Zukunft und Hoffnung: „Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.“

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  Erntedank

Erntedank

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.10.2020

Erntedank 2020 – festlich geschmückt ist nicht nur der Altar, sondern der ganze Altarraum. Gestern sagte jemand: „So schön sei noch nie gewesen“ – das glaube ich zwar nicht – die Landfrauen haben das alle Jahre ganz bezaubernd gemacht – aber vielleicht drückt sich darin doch aus, dass wir die Pracht in diesem Jahr ganz besonders deutlich sehen und uns daran freuen.
Denn wer hätte im Frühjahr gedacht, wie tiefgreifend sich unser Leben verändern würde? Wer hätte sich vorstellen können, dass die Festgottesdienste zu Ostern ausfallen würden und der Tag der Domsingschule auch noch.
Wir sind wirklich reif, einen Festgottesdienst zu feiern und dankbar für diesen zauberhaften Anblick: Trauben und Brot, Kartoffeln, Äpfel, Kürbisse, Blumen, Zucchini, Mangold.
Leben, Fülle, Überfluss, Dankbarkeit. Erleichterung. Freude.
Da rutscht fast weg, dass im Frühjahr Menschen mutterseelenallein gestorben und beerdigt worden sind.
Da rutscht fast weg, dass ohne die großen Gottesdienste die Kollekten für Brot für die Welt wegfallen und anderswo nur mager mit dem geschmückt werden kann, was die Heuschrecken nicht weggefressen haben,
Da rutscht fast weg, dass es so wenig Regen gab, dass die Vogelbeeren schon am Baum trocken.
Und doch sind wir hier, behütet, bewahrt, satt.
„Sei klug und halt dich an Wunder“, sagte die Dichterin Mascha Kaléko.
Seien wir klug – halten wir uns an das Wunder, von dem das Evangelium heute erzählt.
„Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten…“ –
Diese Geschichte hat ihren Ort in einer Zeit des Mangels, des Hungers.
In gewisser Weise ist das für uns eine fremde Situation. Hier haben viel mehr Menschen Probleme mit zu viel Nahrung. Aber der Ansturm auf die Supermärkte im Frühjahr zeigt: die Angst vor Hunger sitzt tief, wenn der Zusammenbruch der Versorgung drohen könnte, werden wir irrational und panisch – wer hätte gedacht, dass sich Menschen hier um Toilettenpapier prügeln würden.
Mangel, Hunger und Leere haben wir eher mit Blick auf die soziale Distanzierung erlebt – gerade dieser Tage überfallen einen ja Erinnerungen, die heute gar nicht mehr denkbar sind. Das Getümmel als die Mauer aufging, Umarmungen zwischen wildfremden Menschen, Rotz und Tränen, Küsse – alles durcheinander.
Undenkbar heute…
Auch damals in Jesu Nähe war eine große Menge beieinander und sie litt. Sie litt Hunger und Not obwohl Jesus unter ihnen war! Seine Anwesenheit ging nicht einher mit Fülle und Segen, mit Wachteln und Manna. Drei Tage lang nicht…
Drei Tage sind eine symbolische und eine existentielle Dauer.
Drei Tage dauert es bis Jesus Christus durch den Tod hindurchgegangen ist und das das Licht des Ostermorgens die Welt hell macht. Drei Tage ohne Nahrung, ohne Trost, ohne Hoffnung, ohne gute Nachricht – das ist schrecklich und endlos.
Auch dieses Jahr haben unter uns viele als eine Zeit erlebt, in der Gott weit weg war, in der sie sich schrecklich allein gefühlt haben, in der Zukunft verschwand und sich Angst und Ratlosigkeit breit machte.
Ganz zu schweigen von denen, die wir schon fast vergessen haben: den Flüchtlingen überall auf der Welt, den politischen Gefangenen, den Obdachlosen, den Opfern von Krieg und Gewalt – sie alle erleben endlos lange drei Tage…
Es ist zum Erbarmen.
Aber es jammert nicht uns. Es jammert Gott. Die alte Geschichte erzählt, dass Jesus zu den Jüngern sagt: „Mich jammert das Volk, denn sie harren bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“
Ihn quält, das zu erleben.
Ihn quält, die Not der Menschen anzusehen.
Ihn quält die Ohnmacht.
Er weiß nicht weiter. Er! weiß nicht weiter.
Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. Menschlicher kann dieser Mensch nicht sein. Voller Mitgefühl, voller Traurigkeit, am Ende seiner Möglichkeiten.
So – in dieser Verfassung – fragt er seine Jünger. Ausgerechnet. Die sind ja mindestens so überrollt von der Situation und dann auch noch unter Erwartungsdruck. Entsprechend antworten sie: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“
Hier, wo der Boden vertrocknet ist,
hier, wo Ideen nicht wurzeln können,
hier, wo die Menschen mutlos und mürbe sind,
hier, wo alle Ressourcen zu Ende gehen,
hier, wo wir ja auch festhängen und nicht weiter wissen,
wo sollen wir hier irgendetwas finden, das satt macht, das stärkt und kräftigt, das fröhlich stimmt und zuversichtlich?
Wo soll das hier herkommen??? Ohne Wunder? Wenn Du, Jesus Christus, es nicht mal weißt, dann sind wir auf uns selbst geworfen…
In der Tat.
Was habt Ihr denn? Fragt Jesus Christus seine Jünger.
Was habt Ihr denn? Werden wir gefragt.
Was haben wir???
Einen geschmückten Altar und einen gedeckten Tisch.Nachbarn und Menschen neben uns. Kreativität, Musik, Bilder, Gedichte, Geschichte, Liebe, Sehnsucht
Und sieben Brote.
All das nimmt er und dankt dafür und teilt es aus und dankt wieder und segnet und irgendwie scheinen über diesem Dank alle zu vergessen, dass es eben noch ums Überleben ging und keiner weiter wusste.
Irgendwie ändert sich durch diesen Dank darüber, was ist und möglich bleibt, was wir haben und mit uns geht – und kommt es uns auch noch so unzureichend und mager vor – die Lage.
„Alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.“
Es so viel mehr als wir glauben.
Zuletzt: Für diese Mahlzeit hieß Jesus Christus die Menschen sich lagern. Zur Ruhe kommen. Still halten. Bleiben. Vollbremsung. Erfahren, was wir wirklich brauchen. Auch das gehört zu den Erfahrungen in diesem Jahr.
Warum nicht auch wahrnehmen, was wir schon haben, Angst beiseitelassen, vertrauen.

Und dann, so heißt es, „ließ er sie gehen….“
Dorthin wo sie hergekommen waren, dorthin, wo jede und jeder von uns seinen Ort hat, satt und gestärkt, getröstet und verblüfft: so viel ist möglich, so viel geht trotz allem, es ist nicht zum Erbarmen, es ist für uns gesorgt.

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  Konfirmation 2020

Konfirmation 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2020

Konfirmation 2020

Konfirmation – ein Vergewisserungstag und ein Fest dafür, dass Ihr gelernt habt für Euch selbst zu sprechen, eigene Entscheidungen zu treffen und sie auch zu verantworten. Das hat viele Facetten und wird nie abgeschlossen sein. Jede von euch hat dabei ihr eigenes Tempo, unterschiedliche Dringlichkeit und Radikalität. Jede von euch steht an einem anderen Punkt: in euren Familien und in eurer Geschwisterrolle, darin wie sicher ihr euch unter anderen fühlt und wieviel ihr wisst wo es hingehen soll, wie sehr euch die Welt lockt oder ihr sie fürchtet, ob ihr grübelt oder hinnehmt wie es ist.
Eine der großen Geschichten, die davon ganz viel erzählen ist die vom verlorenen Sohn. Ihr habt sie vorhin schon gehört. Beim ersten Hören klingt sie vor allem sehr moralisch: einer zieht aus das Geld zu verschwenden, das die vor ihm mühsam erarbeitet haben, er fliegt auf die Schnauze und kriecht wieder heim und da nimmt ihm das fast keiner übel – im Gegenteil. Natürlich kann man immer wieder nach Hause zurückkommen. Meine Mutter sagte, das gilt in jedem Fall, selbst wenn ich einen ermordet haben sollte… Hier gilt es erst recht, denn diese Geschichte ist ein Gleichnis, eine Bildgeschichte, die vor allem erzählt, wie es zwischen Gott und uns ist. Darum ist das die wichtigste Botschaft dieses Tages. Es gibt bei ihm eine Zuflucht und eine Tür, die offen steht. Immer.
Aber es lohnt, genauer hinzusehen:
Ein Vater hat zwei Söhne. Dass es in dieser ganzen Geschichte gar keine Frauen gibt, ist eine markante Leerstelle – heute schlucken wir sie aber mal ganz entspannt runter, weil wir hier den überbordenden Ausgleich haben und so viele schöne junge Frauen konfirmiert werden. 
Es geht um den kleinen Bruder. Der will weg und raus.
Vielleicht ist die Stelle des tollen Kindes, das alles gut macht und den Eltern eine Freude und ein Stolz ist, ja schon perfekt besetzt. Vielleicht ist es nicht Übermut, der den Kleinen wegtreibt sondern Verzweiflung oder Ratlosigkeit? Er bittet also um sein Erbe – keineswegs um etwas, dass ihm nicht zustünde - und damit um die Freiheit, gehen zu dürfen und etwas Eigenes zu probieren. Er bittet um die Chance rauszufinden, wer er eigentlich ist – jenseits aller Erwartungen und festgefügten Familienbilder. Und der Vater gewährt ihm das – ohne Ratschläge oder Auflagen, ohne Zögern. Ob dieser Vater sehenden Auges die Hälfte seines Besitzes aufgibt, ob er das tut aus Angst, sonst sein Kind ganz und gar zu verlieren oder ob er es womöglich selber gern so gemacht hätte – wer weiß.
So zieht der junge Mann aus und er scheitert. Das liegt wohl erstmal daran, dass er nicht gelernt hat, mit Geld umzugehen und sich die falschen Freunde sucht. Aber darunter liegt eine große Unsicherheit. Dieser Sohn hatte kein Ziel, keine Idee, was er eigentlich machen will mit der großen Freiheit. Vielleicht hatte er sich bis dahin zu gut darin eingerichtet, der kleine Liebling zu sein im Schatten des großen Bruders. Vielleicht hat sich auch niemand wirklich für ihn interessiert und gefragt: wer bist du, was kannst du gut, wovon träumst du, wer willst du sein, was willst du machen mit diesem einen Leben, wo hinein willst du deine Kraft und deine Gaben stecken, wovon bist du überzeugt, was glaubst du?
Richtig dringend scheinen solche Fragen nicht zu sein, wenn es einem gut geht. Über die Zukunft macht sich Gedanken, wer sich sorgt, wie es gehen kann, wen etwas treibt. Wohlstand kann suggerieren, dass alles gut ist und bleibt und mich gefährden, weil meine Kraft und Ideen nicht gebraucht werden.
Irgendwas passiert hier auch.
Solange das Geld da ist, hat es auch die Gestaltungshoheit.
Erst als es weg ist – übrigens nicht nur, weil er sich reingeritten hat sondern auch weil drumherum widrige Umstände waren - wird der Junge zum Subjekt, wird er einer, dem klar wird, was ihm fehlt und was er wirklich zum Leben braucht. Das soll keine Rede sein, die Armut verklärt – ganz im Gegenteil, es ist wirklich große Gnade, wenn man sich darum nicht immer Sorgen machen muss. Es ist eher die Anerkenntnis, dass Ihr, denen Euch so viel offensteht und für die so viel möglich ist, es deshalb nicht einfach habt und sollte es nötig sein, dass ihr erst eine Runde in die Irre oder in die Fremde müsst, bis ihr klarer seht, dann ist da nicht das Ende, sondern vielleicht ein Stück auf dem Weg, sich seiner selbst bewusst zu werden und zu vergewissern, wo ihr herkommt und was euch zu den Menschen macht, die ihr sein wollt, dass ihr geliebt werdet.
Der Junge hier muss ganz in den Dreck, er kriecht auf dem Zahnfleisch und ist kurz vorm Verhungern. Ihm fehlt alles, was nottut. Brot und Wein, Liebe, Geborgenheit, Heimat, Zukunft.
Darum ändert er sein Programm. Dafür reicht die Kraft noch. Zum Glück. Denn solange wir leben, steckt immer noch Hoffnung in uns und Sehnsucht.
Dieser Sohn entscheidet sich, wieder anzuknüpfen. Daran, wo er herkommt und wer war. Er weiß, er hat sich verändert und ist nicht mehr derselbe. Er weiß, er hat Fehler gemacht und denen, die ihn lieben, einiges zugemutet. Und er weiß auch, dass er um Vergebung bitten und Verantwortung übernehmen muss, für seine Entscheidungen. Aber er trägt eine unglaublich kostbare Sicherheit im Herzen: Ich kann zurück. Es wird weitergehen. Es gibt eine Familie, in die ich gehöre. Es gibt einen, der wäre glücklich.
So kommt er wieder.
Das ist nicht nur leicht. Da ist ein älterer Sohn, der nicht mehr Bruder sein will, der sich ausgenutzt gefühlt hat, mehr verpflichtet als geliebt. Das ist eine eigene Geschichte. Hier, heute genügt vielleicht festzuhalten, dass auch das zum Leben dazugehört: ob wir wollen oder nicht, was wir tun oder lassen, hat auch Folgen für andere – für die, die mit uns zusammengehören und auch für die, die wir nicht kennen. Wir werden aneinander schuldig.
Eine letzte Beobachtung: Der Weg zurück ist weit, der Weg in ein eigenes mündiges Leben, in das man wirklich gehört und seinen Ort hat, Glaubenswege, dauern länger aus der Ausbruch daraus. Aber sie lohnen sich. Wir werden erwartet.
Die alte Geschichte endet mit einem großen Fest.
Auch deshalb passt sie zu diesem Tag.

Konfirmation. Vergewisserung. Bekenntnis.
Ihr knüpft heute an Eure Taufe an. Dort seid bei Eurem Namen gerufen – der Bedeutung hat und markiert: genau Ihr seid gemeint. Gott hat euch damals gesagt: in seiner Nähe könnt ihr leben, behütet und gesegnet. Dieser Tag heute sagt: Ja, das weiß ich. Ja, das will ich. Aber dieser Tag heute ist – genauso wenig wie die Taufe – ein Schutzzauber, der euch vor Fehlern, Zweifeln und Krisen bewahrt. Dieser Tag heute ist die Vergewisserung: Wenn es uns schlecht geht, sind wir im Begriff von Gott wegzugehen oder wegzutreiben. Dann lohnt es, die Richtung zu ändern, zu ihm hin: Die alte Geschichte sagt. Wir mögen glauben, das wäre eine Kapitulation oder wir müssten uns aufgeben aber im Gegenteil: auf dem Weg zu Gott werdet ihr anders werden – zur besten Version Eurer selbst, uns und anderen ein Segen .

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  11. Sonntag nach Trinitatis

11. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.08.2020

Sie haben es vorhin gehört. Da steht der Pharisäer und sagt sich: Ein Glück, dass
„ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.“ Und vermutlich denken die meisten unter uns ganz spontan: Ein Glück, dass ich nicht bin wie dieser hochmütige arrogante Pharisäer. Und – patsch! - sind wir es.
Predigt beendet.
Kommt mir sehr gelegen, denn ich will los und fort – endlich in den Urlaub.

Aber da sind noch Jana und Karen und das Pflichtbewusstsein einer treuen Hüterin des Wortes, also muss jetzt doch noch auf dieser bekannten Geschichte, die so schön schwarz-weiß klingt, rumgekaut werden.
Das haben vor uns schon viele getan und dabei in den letzten Jahrzehnten Skrupel gehabt. Man wollte nicht auf dem frommen Juden, dem Pharisäer, rumhacken und auch nur sehr ungern denken, dass Jesus Christus – der doch zu Feindesliebe aufrief - einen anderen Menschen so bloßstellt.
Aber dem Gleichnis machen unsere Bedenken nichts aus. Es steht da und stört und zwar von Anfang an, denn es richtet sich – so schreibt der Autor – „an gewisse Leute“, die da offenbar in Hörweite waren.
Leute also, die vielleicht ganz interessiert daran waren, was der denn zu sagen hat. Leute, die „von sich selber überzeugt waren, gerecht zu sein.“
Leute, die eigentlich zufrieden mit sich selbst waren und nicht unbedingt Notwendigkeit sahen, ihr Leben zu ändern, sich Fehler oder Krisen einreden zu lassen. Warum auch: es ist ja durchaus in Ordnung, wenn einer der sein Zeug gründlich macht und ernstnimmt, der sein Leben im Griff hat und mit seinen Mitmenschen anständig umgeht, auch mit sich selbst einverstanden und in Frieden ist. Aber da scheint es einen schmalen Grat zu geben:
Es waren Leute, die „die anderen verachteten.“
Offenbar wird der Blick dieser Leute schneller hart als einem lieb sein kann. Der schmale Grat verläuft „zwischen gesundem Selbstvertrauen und zerbrechlicher Arroganz“. Es geht um sozialen Dünkel und ein ungerechtfertigt gutes Gewissen oder ein bisschen verdichtet um die Frage, ob sich unser Leben nach unserem Gewissen richtet oder unser Gewissen nach unserem Leben.
Mit anderen Worten:
Es geht um einen Grat, auf dem wir wahrscheinlich auch unterwegs sind und deshalb ist es nicht so abwegig, dass Jesus uns auch zu den gewissen Leuten zählt, denen er diese Beispielgeschichte gibt.
Er erzählt:
Da stiegen also zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit der gleichen Absicht den Weg hinauf. Sie wollten zum Tempel und beten.
Einer ist Pharisäer, ein Experte des jüdischen Glaubens, der Einhaltung der Gesetze. Der andere ein Zöllner, ein Mann im weltlichen Beruf, der Obrigkeit verpflichtet, kein betont frommer Mann, einer wie viele.
Der eine steht ausdrücklich aufrecht. Wer weiß, ob es jemand wagen würde, ihm zu nahe zu kommen, ihn beim Beten zu stören. Er ist unerreichbar und will es auch gern sein.
Wer weiß allerdings auch, ob er sich mit dieser Haltung nicht isoliert: von sich selbst, von anderen und womöglich auch von Gott.
Social distancing mit anderem Vorzeichen. Ausdruck einer vorbildlichen Haltung und Selbstvergewisserung. „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“
Was ist daran falsch?
Es ist doch richtig, wenn Frömmigkeit Gehorsam ist, man das tut, was man sagt und denkt. Es ist doch ein ernsthafter gut Weg, wenn er nicht der Show oder des guten Rufes wegen gegangen wird. Was meint Nachfolge sonst?
Alles gut.
Aber ist es wirklich so? Was treibt Dich wirklich?
Die Sehnsucht nach Anerkennung oder eine Überzeugung, Statusfragen oder Dein Gewissen?

Der andere hält Abstand.
Er hebt nicht einmal den Kopf. Er scheint weit davon weg zu sein, dass einer ihm sagt: „Seht auf und erhebt eure Häupter!“ Er will weder nach oben sehen, noch nach vorn, er wird so auch den Pharisäer nicht sehen …
Was drückt er damit aus?
Scham? Angst? Bescheidenheit? Fremdheit? Respekt? Wissen um das eigene Ungenügen?
Vermutlich jedenfalls eine Art Zurückhaltung oder Vorsicht in der Nähe des Heiligen, unter Gottes Angesicht, die wahrscheinlich mehr Menschen nachvollziehen können als den demonstrativen Einklang. Die Distanz, die dieser zweite Mensch hält, hat Potential: Entwicklung, Bewegung, Dialog bleiben möglich.
Aber zunächst geht es nicht darum. Erst einmal schlägt sich der Zöllner auf die Brust. Eine feine Pointe. Mann machte das in der Antike nicht. Nur Frauen. Es ist ein Zeichen von Trauer und Reue, das einem Mann nicht steht. Radikaler kann der Haltungsunterschied zum Pharisäer nicht sein.
Gott, bittet der Zöllner, sei mir gnädig und mit mir versöhnt. Sieh mich freundlich an auch wenn ich bin wie ich bin.
Und Jesus schließt: „Ich sage euch: Dieser, der Zöllner, ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, eher als jener.“
Dieser erlebte eine Veränderung.
Dieser spürte, dass Gott ihn sieht und hört. Dass er Gott recht ist.
Dieser kam nach Hause.
Eher als jener.
Jener steht noch und braucht nicht Isolation sondern den Mut, einen Schritt beiseite zu treten von der Stelle, die er so perfekt ausfüllt. Jener braucht noch die Erfahrung, sich aus der Hand zu geben.
Dann geht er auch.
Nach Hause. Wie die gewissen Leute. Wie wir. Wenn wir verstanden haben, warum wir so oder so vor Gott stehen, wenn wir vertrauen lernen, dass wir ihm recht sind, wenn wir die Distanz wagen, in der man klarer sieht und auf unser Gewissen hören – nicht auf den Beifall der Welt.
Wie gesagt. Es ist eine Bespielgeschichte. Gerichtet an gewisse Leute erzählt sie von zwei Menschen. Das wäre eine zweite Predigt, denn das Wort „Leute“ ist ein bisschen ungenau, ein bisschen abwertend – zwei Menschen aber, zum Beispiel diese beiden, haben jeder für sich alle Würde.
Darum: Lasst uns nicht gewisse Leute sondern Menschen sein, die hinaufsteigen und näher rankommen.


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  9. S. n. Trinitatis

9. S. n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.08.2020

Vor ungefähr 2500 Jahren wurde wenige Kilometer nordöstlich von Jerusalem Jeremia geboren. Seine Heimat, das Land Juda, war in schwerem Fahrwasser – existentiell bedrängt von den benachbarten Großmächten war eine Schaukelpolitik zwischen Babylon und Ägypten nicht länger möglich, man musst sich für die eine oder andere Seite entscheiden – und wiegte sich in Sicherheit. Man wollte nicht sehen, wie brüchig und gefährdet das Konstrukt war, man wollte schon gar nichts vom Untergang der vertrauten Welt hören. Im Gegenteil, die eingeübten Rituale, der Tempelkult, schienen Sicherheit genug zu geben – platter gesagt: man besoff sich aneinander und gönnte sich die Idee, Zeit zu haben und Herr der Lage zu bleiben.
Da hinein spricht Gott zu Jeremia, der – so nimmt man an – zu diesem Zeitpunkt ungefähr achtzehn Jahre alt und sagt:
„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten. Ich aber sprach: Ach, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Ein junger Mann, der Sohn eines Priesters – mithin einer, dessen gesellschaftliche Stellung im Moment stabil war, der aber die meiste Zeit seines Lebens noch vor sich hatte, Anwalt der eigenen Zukunft war.
Gott spricht und Jeremia hört. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sich kurz aufschreiben lässt: Gott spricht und Jeremia hört. An anderen Stelle der Bibel muss Gott viele Male rufen, bis er gehört wird. Wir schließlich halten vermutlich alles andere als Ursache existentieller Unruhe für wahrscheinlicher zu als einen Ruf Gottes. Jeremia aber spürt offenbar etwas Unabweisliches, dem er nicht ausweichen kann auch wenn er das nur zu gerne würde.
Er ahnt, dass eine Positionierung sein Leben schwer und unbequem machen wird. Er fühlt sich nicht gerüstet und hält sich für ungeeignet
„Ich tauge dafür nicht. Ich bin zu jung.“
Mit anderen Worten. Man wird mir nicht zuhören und mich nicht ernstnehmen. Man wird nicht glauben, dass ich etwas zu sagen habe, was nicht schon gesagt ist, sonst nicht laut wird. Lebenserfahrung und Lebensleistung der Alten, der Mächtigen, der Würdenträger haben Gewicht. Aber ich, welche Berechtigung sollte ich haben, meinen Worten Notwendigkeit zuzumessen. Wie könnte ich mir erlauben anzuzweifeln, dass die, die das Land und die die Geschicke der Menschen lenken, das Richtige tun?
Kleiner Schnitt:
Vor einem Jahr etwa redete Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen. Die Welt schaute auf ein Mädchen mit geflochtenem Zopf und vor Empörung gerötetem Gesicht, dass den Regierungschefs entgegenschleuderte: „Wie könnt Ihr es wagen? Menschen sterben! Ganz Ökosysteme kollabieren. Wir stehen am Anfang eines Massensterbens, und alles worüber ihr reden könnt, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Mit den heutigen Emissionswerten wird das verbleibende CO2-Budget in 8,5 Jahren aufgebraucht sein. Wie könnt ihr es wagen! Die Veränderung kommt, ob es euch gefällt oder nicht.“
Das Thema „Klimawandel“ stand auf der Tagesordnung mit einer Dringlichkeit wie schon lange nicht mehr. Und eine sehr junge Frau prophezeite Unheil. Eigentlich ein Kind noch – zu jung, um Klimaexperten, Wirtschaftsbosse und Politiker herauszufordern.
Greta Thunberg, ein Mensch, dem ein Thema unabweislich auf den Nägeln brennt, Anwältin der Zukunft, die uns alle betrifft. Auch diesem Problem, dem Klimakipppunkt in nunmehr 7,5 Jahren, wird man nicht mit Schaukelpolitik beikommen.…
Greta Thunberg musste sich als „kleine Schulschwänzerin“ titulieren lassen. Zu jung.
Immerhin attestierte man gönnerhaft, sich ganz ordentlich in das komplexe Klimathema eingearbeitet zu haben. Dass sie „anders“ ist, schob man auf ihren Asberger-Autismus, der erklärt, warum dies Mädchen naturwissenschaftlich begabt und dabei so unbeirrbar ist.
Die Debatten um die Schülerbewegung „Fridays for future“ hatten viele Facetten nicht zuletzt den Vorwurf: Wohlstandskinder würden aus der veganen Bioblase heraus ihre SUV-fahrenden-Eltern anzählen, die doch immerhin das Geld für I-Pads, Fair-Trade-Produkte und schicke Fahrräder verdienen…
Wer darauf setzte, dass sich diese jugendliche Aufregung verfliegen würde, bekam recht – durch eine Pandemie, die der Bewegung den Schwung genommen, wenn nicht sogar den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Aber das kann für niemanden gut sein – im Gegenteil: die Zeit rennt weiter, die Erde erwärmt sich, einerseits schmelzen Pole ab und tauen Permafrostböden auf, andererseits sinkt der der Grundwasserspiegel, breiten sich Wüsten aus, verdursten Bäume und Tiere…
Das führt zu Hungerkatastrophen und Flüchtlingsströmen, dem Kampf um Trinkwasser. Corona und die Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie führen jetzt zwar zu radikalen Entscheidungen (Flugzeuge am Boden, Kreuzfahrtschiffe im Hafen) und einer Mobilisierung von Geld, die sich keiner als Antwort auf Greta Thunberg hätte vorstellen können. Aber ein Umdenken ist das nicht und beruhigend schon gar nicht.
Die Ernte der nächsten Jahre wenn nicht Jahrzehnte ist bereits auf dem Halm verkauft. Klimaziele klingen wieder nach Kür, erst muss der Konsum angekurbelt werden. Die Wirtschaft muss auf die Beine. Die Menschen auch. Es drohen Massenarbeitslosigkeit, verstärkte Kinderarmut, Endsolidarisierung. Ganz zu schweigen von dem Zusammenbruch innernationaler Kooperationen.
Aber all das juckt weder das Virus noch das Klima. Wir werden unser Leben radikal ändern müssen ob wir wollen oder nicht – die letzten Monate sind wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack.
Zeit für Propheten?
„Der Herr sprach aber zu Jerermia: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Sprich es aus! Sagt Gott zu Jeremia. hab keine Angst. Ich bin da.
Zuspruch und Anspruch – so steht es auch über dieser Woche: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“
Ob also Greta Thunberg eine Prophetin ist, darüber kann man trefflich streiten. Aber das wäre wahrscheinlich ein Ablenkungsmanöver. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, ob wir selbst auf das Unabweisliche reagieren, ob wir hören, wenn Gott uns ruft und sein Wort in den Mund legt, ob uns klar ist, dass uns viel anvertraut und deshalb viel von uns gefordert ist.
Ob wir erkennen, wenn wir in eine prophetische Situation gestellt sind und dann den Mut haben zu reden. Unbequem ist das bestimmt.
Oder mit Martin Buber: „Es mag sein, dass die Propheten eine Stechbremse auf dem Nacken des Volkes waren … aber wenn diese Bremse nicht gewesen wäre, wenn die unbarmherzige Vertretung der lebendigen Idee, des Gottesgebotes nicht gewesen wäre … was wäre überhaupt noch da?“

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  1. SONNTAG NACH TRINITATIS

1. SONNTAG NACH TRINITATIS

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.06.2020

Roger Willemsen, Übersetzer, Moderator, Regisseur, Produzent wurde nicht alt.
Er starb vor vier Jahren in Hamburg. Seine letzte Rede, gehalten im Sommer 2015 hieß: „Wer wir waren.“
Es sollte eine Zukunftsrede sein. Ob diese Zukunft schon vorbei ist?
Damals schrieb er jedenfalls auf uns selbst zurückblickend:
„Wir wussten viel und fühlten wenig … Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen …
Wir waren jene, die wussten aber nicht verstanden … voller Informationen aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen aber mager an Erfahrung. So gingen wir - nicht aufgehalten von uns selbst.“
Inzwischen sind ein deutliches Stück näher am Klimakipppunkt und auch mit Blick Hunger und Flüchtlingsnot, Vermüllung der Meere oder Abholzung der Regenwälder sind die letzten fünf Jahre weidlich ungenutzt vorübergegangen.
Immerhin haben wir gelernt, dass wir ruckartig unser gesamtes Leben ändern und verzichten können. Dafür brauchte es das Gefühl, nicht das Wissen, echter Bedrohung und existentieller Angst. Wir wurden von einem Virus aufgehalten, nicht von uns selbst. Da hat Willemsen klar gesehen.
Nun stecken wir in einer globalen Krise und blickten wir auf die zurück, die wir waren, dann käme wohl noch hinzu:
Wir waren die, die digital nicht gut aufgestellt waren und vom Stillstand des gesellschaftlichen Lebens kalt erwischt wurden.
Wir waren die, denen es so gut ging, dass sie Schulden machten und die Ernte von Jahrzehnten auf dem Halm verkauften.
Wir waren die, die sich abhängig gemacht hatten von weltweiten Lieferketten und auf einmal wieder nähen lernen mussten.
Wir waren die, die im Keller, auf dem Boden und oft auch noch das eigene Leben aufräumten.
Wir waren die, die die Kirchen schlossen und keine Gottesdienste feierten.
Wir waren ziemlich von der Rolle.
Wir hatten keine Idee, keine Vision, kein Programm – nur Geld.
Da waren die ersten Christen besser dran. Sie waren, so haben wir es vorhin in der Apostelgeschichte gehört, „Ein Herz und eine Seele. Keiner behauptete, dass etwas ihm allein gehört, sie bezeugten die Auferstehung kraftvoll und ohne Zweifel, keiner litt Mangel und wer Grund und Boden oder Immobilien besaß, verkaufte das alles zugunsten der Gemeinschaft und jeder bekam, was er nötig brauchte.“
So waren wir nie.
Wir sind jeder mit ein paar wichtigen Lebensmenschen ein Herz und eine Seele, wir haben in diesen letzten Wochen den einen oder anderen dazu entdeckt, aber mit der ganzen Gemeinde, mit all den anderen in dieser Kirche? Nein, eher nicht.
In Gütergemeinschaft leben wir erst nicht, weder unter Geschwistern noch in der EU.
Es hat nie geklappt. Jedenfalls nicht außerhalb von Klostermauern. Im Gegenteil, früher oder später hat die Vergesellschaftung von Eigentum zu Gewalt geführt, zu Diktatur und Unterdrückung und nebenher zu heimlichem beschämenden stetig wachsenden Privatbesitz.
Aber vergessen wurde die Idee trotzdem nicht.
Auch wenn dieser Text jahrelang beiseitegelegt wurde und es erst jetzt in die Reihe der Predigttexte geschafft hat. Offenbar schien er bisher zu idealistisch, Kommunismus verdächtig, unbrauchbar…
Jetzt ist er auf einmal da und erzählt, dass Menschen – als zentralen Ausdruck ihres Christseins - auf Besitz verzichteten.
Jetzt scheint der Gedanke, dass ausgerechnet die Idee der Gütergemeinschaft ins kollektive christliche Gedächtnis einsickern sollte, nicht mehr so abwegig.
Ausgerechnet jetzt - wo wir wie verrückt konsumieren sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln und höchstens über die Vergemeinschaftung von Schulden reden – wird uns vorgeschlagen, Privatbesitz grundsätzlich infrage zu stellen und nicht zuerst unsere Privatsphäre und eigene Meinung zu hüten, sondern davon zu träumen, ein Herz und eine Seele zu sein.
Das ist starker Tobak!
Und urchristlich – im besten Sinne des Wortes „pfingstlich“.
Denn zu Pfingsten, dann wenn wir bekennen, dass uns dieser Geist zu einer Gemeinde, zu einem Christi Leib, womöglich sogar einem Herz und einer Seele – huu! – ist es nicht abwegig sondern im Gegenteil sogar sehr naheliegend, wenn man sich fragt, wie verändert dieser Geist die Welt? Wie verändert er unser Leben?
Wie waren nie so, wie es die Apostelgeschichte beschreibt – aber was hindert uns, es endlich zu werden?
Längst haben wir doch verstanden, dass die meisten von uns hier, im ständigen Zuviel leben. Wir wissen, dass die Güter dieser Welt reichen, damit niemand mehr Hungers sterben muss. Warum machen wir daraus nicht Erfahrung? Was hindert uns, anders teilen zu lernen als nur das abzugeben, was wir nicht mehr brauchen oder wollen?
Die Gütergemeinschaft, von der die Bibel uns erzählt, denkt nicht vom Flohmarkt oder dem Second-Hand-Shop her, sondern von wirklicher Gerechtigkeit mit der wir es bisher nie probiert haben.
Wann werden wir endlich so wie wir nie waren?
Wann fangen wir an, die Sehnsucht dahinter nicht als naiv zu begreifen, sondern als Hoffnung für die Welt?
Wann fangen wir an, unserem Glauben zuzutrauen, dass er uns wirklich befreit?
So vieles ist zu viel.
So vieles drückt uns und macht uns Angst, einsam und leer.
Dabei lebt mitten unter uns der, der den Tod überwunden hat. Noch einmal und ein bisschen anders Roger Willemsen:
„Wir wussten viel über unseren Glauben und fühlten wenig … Als brauchten wir, um danach zu leben statt der Auferstehungshoffnung einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. …
Wir waren jene, die von Jesus Christus wussten aber nicht verstanden … voller Informationen über den Heiligen Geist aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen über Nächstenliebe und Barmherzigkeit aber mager an Erfahrung.“
Wir waren die, die von einem neuen Himmel und einer Erde sangen.
Wir waren die, die unter Gottes Segen lebten.
Wir waren die, denen der Heilige Geist gesandt war.
Und mit denen, der Friede Gottes ist, der größer ist als unsere Zweifel und Berechnungen, als unser Kleinmut und auch als unser Verstand. Amen.

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  Trinitatis 2020

Trinitatis 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.06.2020

Trinitatis ist ein schwieriges Kirchenfest.
Es gibt keine spezielle biblische Geschichte und keine Bräuche wie zu Ostern oder Weihnachten, dafür Theologenmühsal. Man sieht die rauchenden Köpfe und Schriftsätze mit unzähligen Verbesserungen und Ausstreichungen, all die Versuche den allmächtigen himmlischen Gott, seinen menschlichen verletzlichen sterblichen Sohn und den heiligen Geist irgendwie mit dem Grundbekenntnis, dass wir doch nur an den EINEN Gott glauben, zusammenzubringen.
Heilige Dreifaltigkeit. Drei in einem. EINER in jedem. Man muss es glauben wollen und sollte einsehen, dass es unmöglich ist, sich ein Bild zu machen. Trotzdem sind unsere Kirchen, und nicht nur die, voller Bilder. Allein hier im Dom gibt es reichlich verschiedene und sehr anrührende Darstellungen des EINEN Gottes zu sehen. Sie sind Ausdruck dessen, dass wir Menschen trotz Gottes verschiedener Naturen Gottesbilder mit uns herumtragen. Menschen treibt, ergründen und wissen zu wollen, wem wir uns da mit Leib und Leben anvertrauen und in die Hände geben, wer unsere Wege lenkt.
Das ist schon aus Überlebensinstinkt nötig. Jede unserer Begegnungen ist doch davon geprägt, dass wir in Sekundenbruchteilen herausfinden müssen, mit wem wir es zu tun haben, wie sie oder er uns gesonnen sind, was der Andere als Nächstes tun wird.
Sollte das nicht erst recht für Gott gelten?
Müssen wir nicht ergründen wollen, ob er der ist, für den ich ihn halte?
Je nachdem, wie es uns ergeht, wird diese Fragen dringender und schärfer. Ist er ein blindes dunkles Schicksal oder doch nur ein ohnmächtiges Kind? Einer, der eifersüchtig über unsere Liebe wacht oder einer, wer weint, wenn er uns zusieht? Allmächtig und erhaben, rätselhaft, unbegreiflich, anders oder doch nur lieb?
So fragend merkt man immerhin: es kommt nicht darauf an, wie er aussieht, sondern, was er tut, wie er wirkt.
Darum ist es im ersten Moment womöglich verblüffend aber dann plausibel, dass uns an diesem Sonntag als eine Antwort, die sehr viel von dem enthält, was wir von Gott wissen können, der Aaronitsche Segen vorgeschlagen wird. Im vierten Buch Mose heißt es: Und der Herr sprach. So sollt ihr reden, wenn ihr segnet: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Gott behütet uns und wendet uns sein Gesicht zu, er lässt es leuchten.
Gott hebt sein Angesicht auf uns – als rückte er auf Augenhöhe, in Blickkontakt und schenkt Frieden.
In dieser Zugewandtheit zeigt und erklärt sich Gott.
Mit seinem Gesicht …
Darauf sollen wir hören, ausgerechnet in diesen Tagen, in denen wir das halbe Gesicht, Mund und Nase hinter einer Maske verbergen – und viel mehr Mühe haben als sonst andere zu entziffern.
Merkwürdig allerdings, dass wir damit nicht schon begonnen haben, als Apple auf seinen I-Phones die Gesichtserkennung, FaceID – das Gesicht als Ausweis, installierte. Perfekt vermessen gleicht unser Gesicht einem Barcode, mit dem sich womöglich noch viel mehr auslesen lässt als nur, ob genau ich das bin. TrueDepth, wahre Tiefe heißt diese Methode, mit der nicht die Oberfläche berechnet sondern möglichst auch Tiefenstrukturen unserer Identität ergründet werden sollen.
Es geht um Profile und Durchschaubarkeit, den fragwürdigen Versuch, vom äußeren Erscheinungsbild auf Wesen und Charakter zu schließen. Dieser mutmaßliche Zusammenhang ist so alt wie die Menschheit.
Darum nahm man an, dass schöne Menschen einen edlen Charakter haben…
Darum verwendete das griechische Theater Masken. Sie typisieren Rollen und verändern sich nicht.
Das lebendige Gesicht eines Menschen dagegen, erzählt seine Geschichte. Erst Mimik, Blick und Stimme im Kontakt zu anderen Gesichtern bringen ein menschliches Antlitz hervor. Ein lebendiges Gesicht zeigt und verbirgt, leuchtet oder verdunkelt.
Das ist das Bild im Segenswort!
Wenn Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt, dann sieht er uns an und nimmt uns wahr, sucht Begegnung. Das ist etwas ganz anderes als uns von Ferne auszulesen, um uns kontrollieren, vermarkten, bewerben zu können.
Unglaublich, dass Gott – der doch zu Mose sagte, mein Angesicht kannst Du nicht sehen – in diesem Segenswort sein leuchtendes Antlitz zuwendet. Es ist wie eine Versicherung heilsamer Nähe – und vielleicht eine ferne Erinnerung und zugleich Distanzierung von den Sonnengöttern in Israels Umgebung, in denen die Sonne als lebensnotwendige Kraft verehrt wurde, ohne die man nicht leben und der man doch nicht nah kommen kann.
Der EINE Gott ist ganz nah, in seinem Sohn und in dem Menschen neben uns.
Der EINE Gott ist ganz nah, auch in den trockenen Wüsten unseres Lebens. Dort hat der vertraute Segen seine Ursprungsgeschichte. Unter unsagbar lebensfeindlichen Bedingungen schenkt Gott den Menschen die bedingungslose Möglichkeit, einander zu segnen und gesegnet zu werden. Die biblische Wüstenwanderung dauert Jahrzehnte – ein Menschenleben lang. Alle sind unterwegs. Manche wissen noch, dass sie das Land der Freiheit suchen. Andere haben es längst vergessen und trotten vor sich hin. Manche träumen noch. Andere haben sich arrangiert mit dem wie es ist. So sind wir alle unterwegs, irgendwo am Anfang oder Ende unserer Beziehungen, mittendrin in Lebenskonstellationen, Erziehungsprozessen, Suchbewegungen, Ausbildungsverhältnissen, beruflichen Stationen, beim Altwerden, im Sterben. Wir alle sind unterwegs in dieser Geschichte Gottes mit uns Menschen.
Wann wenn nicht jetzt, wo so vieles seine Selbstverständlichkeit verloren hat, wo wir überhaupt nicht wissen, wo uns das alles hinführen wird, wird einem bewusst, dass Gottes Segen brauchen, um zu leben.
Sag es so, sagt Gott zu uns. Sag es dem neben Dir: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Trinitatis. Was für ein Gott ist er, wie wirkt er?
Im Segen blitzt es auf.
Gott zeigt, dass er durch uns wirkt dem neben uns zugute. Denn segnen kann jeder. Aber keiner sich selbst. Segen kann man nicht besitzen, verteilen oder vorenthalten. Segen fließt durch uns, aber er kommt nicht von uns sondern von Gott.
Deshalb hoben die Priester im Jerusalemer Tempel ihre Hände nie höher als bis zur Stirn, auf der Gottes Name geschrieben stand. Deshalb sind vielleicht gerade dann, wenn wir einander Segen zusprechen, Gott am Ähnlichsten.
Trinitatis. Heilige Dreifaltigkeit. Es gibt nichts zu sehen aber das Lebensnotwendige zu wissen. Gott schenkt uns seinen Segen durch den Menschen neben uns mit seinem Geist.
Auch jetzt, gerade jetzt.

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  Pfingstmontag

Pfingstmontag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.06.2020

Jan Vogler, ein fantastischer Cellist, sagte gestern im Radio-Café, er könne nicht für die Gestrigen spielen oder so musizieren, wie man vielleicht in zehn Jahren einmal hören wird, er spielt jetzt, für die Menschen jetzt – denn er ist nicht Komponist, sondern Interpret. Das könnte auch ein Merksatz fürs Bibellesen sein. Jetzt lesen, hier und heute darauf hören, was die Bibel sagt, so wird sie – genauso wie die Musik – lebendig. Und überraschend aktuell.
Der Predigttext, der in diesen Pfingstmontag, ins Irgendwo zwischen Anfang und Ende der Coronakrise spricht, steht im Johannesevangelium:
„Am Abend aber waren die Jünger versammelt und hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden. Da kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Da sitzen sie also in geschlossenen Räumen, verbarrikadiert, in Quarantäne und haben schreckliche Angst. Sie haben eine Schockerfahrung hinter sich. Sie trauen sich nicht raus. Sie fürchten sich. Und wissen nicht weiter.
Ewig geht das so nicht…
Irgendwann wird die Brust zu eng und die Luft knapp.
Irgendwann liegt die Angst ist wie ein schwerer Stein auf der Brust, drückt wie ein Kloß im Hals. So kann keiner mehr atmen. Atemnot kennzeichnet Corona und Angst gleichermaßen. Fulbert Steffensky, Theologe, Dichter und weiser alter Mann warnte deshalb dieser Tage: macht nicht die Angst zum Gott, nicht das Virus zum alles bestimmenden Götzen. Aber so leicht ist das nicht, wenn Angst Seele frisst.
In solcher Not sitzen die Jünger und sitzen wir.
Es ist kaum noch auszuhalten.
Schmerz und Sehnsucht treiben uns in die Ambivalenz von Resignation und Hoffnung, Einverständnis und Widerstand. So kann es nicht bleiben. Es muss anders werden. Es kann anders werden!
Da tritt Jesus mitten unter sie. Er durchbricht die Verbarrikadierung und Zurückgezogenheit und grüßt mit dem vertrauten: „Schalom!“ – „Friede sei mit euch!“
Mit dem Alltagsgruß bringt er Normalität zurück, erinnert die frühere Nähe. Schon das ein Aufatmen: Allein durch seine Gegenwart öffnet Jesus Chrustus die enge geschlossene Welt, macht sie weit.
Danach zeigt er ihnen seine Wunden. Daran erkennen sie ihn. Die Wundern erinnern sie an die gemeinsame Geschichte, an geteilte Geschichte. Wund sind die Jünger auch. Sie haben eine große Hoffnung begraben, geweint und gelitten. Sie wissen, was es heißt, wund und allein, krank und traurig zu sein. Zuerst erkennen sie sich danran: am geteilten Leid.
Aber nicht, um sich noch tiefer hineinzugraben!
Ihn anzusehen, hilft, die eigene Verletzlichkeit zu ertragen. Ihn anzusehen hilft, nicht nur zu verstehen, was wir sind – solche die krank werden können, an Leib und Seele, solche die friedlos, unbehaust, lieblos, einsam, hungrig sind … - ihn anzusehen, wie er da trotz allem steht, hilft zu verstehen, wie wir sein könnten, wie wir trotz allem gemeint sind: Lebendig und so, dass sich die Wirklichkeit ändert!
Weil wir eine Gemeinschaft von Verwundeten sind, sind wir auch eine Gemeinschaft der Auferstandenen!
Das kann den Blick freimachen! Das tröstet ungemein.
Aber davon sind wir noch nicht wieder draußen.
Allein davon geht es noch nicht wieder weiter hier unter uns.
Jesus Christus weiß das. Er schickt sie darum raus und los. Wieder teilt er mit ihnen seine Geschichte und seine Erfahrung: „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“
Und dann – ganz im Sinne von Jan Vogler – das Wunder für 2020:
„Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Ein Beatmungsgeschichte! Ausgerechnet! Es ist heilsamer Atem, der uns anweht, keiner der krank macht, keiner der Angst macht, keiner, der verantwortungslos und gefährlich ist, sondern Rettung! Er, der erstickt ist, schafft Zukunft durch seinen Atem. Ganz nah und sehr intim.
Ausgerechnet jetzt, wo wir uns nicht um den Hals fallen und in den Arm nehmen, rettet er durch körperliche Nähe, stillt Schmerz und Sehnsucht, weckt Hoffnung und Mut und schickt uns los, nach draußen, zurück ins Leben, das er mit uns teilt – so wie es ist unvollkommen aber nicht am Ende, voller Gefahren aber auch erfüllt vom Heiligen Geist .

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  Kantate 2020

Kantate 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.05.2020

Kantate - ausgerechnet! Leib- und Magensonntag am Braunschweiger Dom, an dem man eigentlich fast gar nicht predigen, sondern vor allem singen muss – aber nun sind wir aus der Gewohnheit gerissen und nicht nur die Jahresplanung ist hinfällig. Nichts geht einfach so wieder weiter.
Das merkt man nicht nur an am Stadtbild und der Sitzordnung, sondern auch beim Schreiben eines GD-Ablaufes: immerzu singen wir irgendwie hin und her, Kyrie und Gloria, Rahmen des Evangeliums, Zwischenruf in der Fürbitte – da sind die Lieder noch gar nicht bei und dann gibt es auch noch einen neue Reihe von Predigttexten – als hätte man geahnt, dass es in diesem Jahr ohnehin nicht wie immer in stetiger Wiederkehr weitergeht.
Ausgerechnet zu Kantate gibt es nun den alttestamentlichen Bericht der Tempelweihe. Meinem Gefühl nach hätte das besser in den Herbst zu Kirchweih / Kirmes gepasst aber wie so Vieles dies Jahr anders und intensiver klingt, weil die Wirklichkeit nach Deutung schreit, lohnt es auch hier hinzuhören.
Im zweiten Buch der Chronik wird erzählt:
„Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten … Und es versammelten sich beim König alle zum Fest … Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät…“
Ein Gotteshaus wird eingeweiht, so genutzt, wie es doch gedacht ist und ist endlich kein leerer Sakralbau mehr. Darum Menschen von überallher zusammen und bringen mit, was heilig ist und an diesen Ort gehört. Das ist sehr nah an unserer Situation heute: wir alle haben gewartet, dass die Glocken läuten und in die Stadt rufe: lasst uns das Haus Gottes mit Leben füllen!
Es war ein mühsames Warten, das Beherrschung im Wortsinne verlangt. Wie seinerzeit Salomo den Startschuss gab, so lag es auch jetzt bei der Obrigkeit. Die Verbindung zwischen oben und unten ist in den letzten Wochen steiler geworden. Das entspricht unserer Vorstellung von Eigenverantwortung und Bürgerrechten, Partizipation und Demokratie nicht wirklich und lässt sich nur aushalten, solange damit eine größere Not gebannt wird. Darum rufen wir noch „kommt!“ und nicht „kommt alle!“. Es würde zu eng.
Aber ansonsten: ja, es ist ein Fest! Gott zur Ehre, uns zur Erleichterung!
Es hat schmerzhaft gefehlt, gemeinsam Gottesdienst feiern zu können. Dass es diesen Schmerz wirklich gab, will mancher, der Kirche nun für endgültig irrelevant hält, nicht sehen. Recht hat der Kritik aber darin, dass wir Christen zu leise in die Schockstarre geglitten sind.
Immerhin, viele Menschen haben begonnen, eine eigene Glaubenspraxis für das Alleinsein einzuüben. Die einen haben Hausgottesdienste gefeiert, die anderen Fernsehgottesdienste angesehen, Menschen haben füreinander gebetet und dazu Kerzen ins Fenster gestellt. Wir haben dabei Kargheit erlebt und waren froh über den Schutz dieses Raumes.
Erst Ostern 2020 haben wir mit voller Kraft erlebt, was es bedeutet, sich von Angesicht zu Angesicht zu sagen: Der HERR ist auferstanden. Das alles waren Provisorien, ja, denn wir hatten anderes vor. Aber es waren nicht nur Provisorien, sondern wie Lade und Stiftshütte als portable Heiligtümer genau richtig für ein umherziehendes Gottesvolk waren, brauchten wir etwas, das taugt, wenn wir überhaupt nirgendwo rumziehen oder hingehen.
So kommen wir nicht mit leeren Händen an diesem Sonntag, sondern voller neuer Erfahrung, geschärfter Sinne und klarerem Blick für das, was nottut und wir zum Leben brauchen und das, was unnützer zeitraubender kraftzehrender Überfluss ist, Lärm macht. Wir kommen ein bisschen gereinigt und jedenfalls mit blitzsauberen Händen.
Und dann – so erzählt es das Alte Testament – hebt ein gewaltiges Spektakel an:
„Alle, die Sänger waren, standen, angetan mit feiner Leinwand, östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.“
Eh die Traurigkeit kommt, schnell weiterlesen:
„Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.“
Lasst es uns heute so hören: es braucht die Leiblichkeit und wirkliche physische Anwesenheit von Menschen, um Gottesdienst zu feiern. Das haben wir zu Recht entbehrt. Aber es muss nicht aus hundert Kehlen klingen. Es kann sogar sein, dass alle unsere Seelen in einem Ton singen und wir mit einer Stimme Gott loben so wie wir auch ganz allein mit Leib und Seele und unserer einen Stimme vor Gott treten konnten. Die Theologin Luise Schrotthoff hat nach einer schweren Krankheit, von der sie stets dachte, dass sie sie nicht treffen würde geschrieben: „Ich hatte auf einmal ganz andere Augen. Denn die die talmudischen Weisen haben gesagt: Lobt Gott mit allen Gliedern. Sie haben zweihundertachtundvierzig Glieder gezählt. Ich weiß jetzt, was sie meinen…“
Stimmbänder; Kehlkopf, Luftröhre, Lungen, Zwerchfell, Zunge, Lippen, Zähne – es fehlt sicherlich noch was – sind alles Glieder, die wir zum Gesang brauchen. Und Gott singend zu loben ist ein Glück und eine Freude! Aber wir haben noch viele Glieder mehr! Es wird uns etwas einfallen, Gott zu loben und unsere Seele zu erheben, ganz bestimmt!
Der alte Text weist noch eine Richtung, die gerade in diesem Jahr gut tut, denn es heißt weiter: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“
Es ist mitten in all den Klängen und Trompetensignalen, in all den Gesängen und der großen Musik ausgerechnet ein Sprechakt! In dem Moment in dem alle eines sind und Gott loben, in dem sich darin alle einander verbunden wissen, ist Gott gegenwärtig.
Die alte Geschichte schließt: „Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“
Gott ist so präsent, dass man nichts anderes wahrnehmen kann.
Den Israeliten, denen Gott in der Wolkensäule vorausgegangen war, war die Wolke ein Bild tiefster Vertrautheit. Mitten im Neuen, mitten im Ungewohnten gibt es ein uraltes Bild und eine gemeinsame Stimme, die Gott lobt und der sich alle Herzen anschließen.
Kantate 2020. So kann es sein.
Und 2021 werden uns die alten Texte dann hoffentlich wieder erklären dürfen, dass es am besten ist, Gott zur Ehre zu singen. Heute tun das für uns Solisten der Jugendkantorei und die Kantoren und wir jeweils mit unseren übrigen 238 Gliedern.
Amen

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  Lätare 2020

Lätare 2020

Lars Dedekind, Propst - 22.03.2020

Trost als Antwort auf die Angst
Als ich noch ein kleines Kind war, lebte unter meinem Bett ein Rudel Schattenwölfe. Gefährliche und finstere Gestalten, die immer dann hervorkamen, wenn meine Eltern das Licht ausgeknipst und die Tür zugezogen hatten. Ich erinnere mich, wie ich mir ängstlich die Bettdecke über Kopf zog, mich in meine Daunenhöhle kuschelte, damit mich die Schattenwölfe nicht finden konnten. Manchmal, wenn die irrationale, kindliche Angst zu groß wurde, bin ich wagemutig aus meinem Bett gesprungen und zu meiner Mutter gelaufen, um mich in ihrem Schoss zu bergen. Dort war ich sicher.
Gestern habe ich mich mit Menschen über ihre Ängste unterhalten. Keine Schattenwölfe, aber eine für uns im Alltag ebenfalls nicht sichtbare und doch sehr reale Bedrohung: das SARS-CoV-2, der Corona-Virus. - Einige meiner Gesprächspartner hatte ihre Angst dazu getrieben, sich in Chatforen und auf Internetseiten, wie sie meinten, tiefer mit den wahren Hintergründen der Corona-Pandemie auseinanderzusetzen. Das Resultat: sie hatten sich nun durch hanebüchenen Verschwörungstheorien auch noch mit dem Virus der Angst infiziert.
Wohin also, wenn die Angst übergroß wird? Wohin, wenn meine zwischenmenschlichen Kontakte heruntergefahren sind, ich alleine bin, allein zu Haus, allein mit meinem PC, allein mit all den irritierenden Botschaften aus den Weiten des Internets? Wo finde ich da Orientierung? Wer nimmt mir die Angst? Wer tröstet mich?
Im heutigen Predigttext heißt es: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)
Gott adressiert diese Trostworte an die Israeliten, die nach Krieg und langer Gefangenschaft in ihre zerstörte Heimat zurückkehren.
Trost und Zuwendung, wie sie eine Mutter gibt, können auch wir erfahren. Zum Beispiel wenn jeden Mittag um 12:00 Uhr die Glocken in unserer Stadt zum stillen Gebet läuten. Oder wenn Menschen einander kenntlich machen, dass sie gerade jetzt an die anderen denken, seien es Telefonanrufe, Videobotschaften oder auch das Applaudieren für die in der medizinischen Versorgung Tätigen jeden Abend um 21:00 Uhr vom geöffneten Fenster oder Balkon.
Trösten ist eine gute Antwort gegen die Angst. Denn Trösten ignoriert nicht die Angst, sondern lässt sie zu und kanalisiert sie neu. Trost erfahre ich, weil ich mich aufgehoben weiß beim Anderen - der mit mir fühlt, der an mich denkt - und weil ich mich aufgehoben weiß bei Gott.
Wer so getröstet ist, der überwindet die Angst. Wer so getröstet ist, weiß sich geborgen im Tod und im Leben, so wie es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 in seinem geistlichen Gedicht vier Monate vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 zum Ausdruck gebracht hat:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

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  Okuli

Okuli

Sabine Dressler, Oberkirchenrätin - 15.03.2020

Liebe Gemeinde,
eigentlich wären wir heute Morgen hier zusammen an diesem wunderschönen Ort, dem Braunschweiger Dom. Würden miteinander singen und beten, auf Gottes Wort und auf wunderbare Musik lauschen, würden einander begrüßen und uns über manches Wiedersehen freuen, würden uns miteinander im Abendmahl vergewissern, dass Jesus Christus mitten unter uns ist, uns aufnimmt, uns vergibt, uns schützt und tröstet, uns in Brot und Wein Stärke und Zuversicht gibt für das, was vor uns liegt.
Eigentlich wollten wir uns hier und heute in diesem Gottesdienst nicht auf uns selbst konzentrieren – womit wir oft schon mehr als genug zu tun haben. Sondern wollten den Blick richten auf eine besondere Region in dieser geschundenen Welt, und auf die Menschen dort, die geschunden sind an Leib und Seele. Wollten zeigen, dass wir eben weitersehen als auf das Eigene, wollten uns solidarisch zeigen mit denen, die zwar weit weg von uns leben, deren Leid uns aber durch die Nachrichten, die Bilder in den sozialen Medien und durch die politischen Debatten sehr nah kommen. Und deren katastrophale Situation von uns erwartet, im Namen der Menschlichkeit zu handeln. Eigentlich…

Nun ist alles ganz anders, jedenfalls bei uns.
Sie, die Gemeinde, sind nicht da, ich als Predigerin bin nicht da, in diesem Gottesdienst am 15. März 2020.
Die Ausbreitung des Corona-Virus hat dazu geführt, dass das öffentliche Leben massiv eingeschränkt wird, zum Schutz von uns allen.
Ich habe noch nie erlebt, dass flächendeckend auch Gottesdienste abgesagt wurden, und dies mit einer unvorstellbaren Schnelligkeit. Seit Freitagmittag hat eine Landeskirche nach der nächsten gemeldet, dass, um der der Verbreitung des Virus zu begegnen, auch Zusammenkünfte in unseren Kirchen nicht mehr stattfinden können. Weil wir uns gegenseitig schützen wollen und deshalb auch besonders Rücksicht nehmen auf Menschen, die einer möglichen Ansteckung nicht so viel entgegenzusetzen haben.

Während wir in der vergangenen Woche noch irritiert bis erschrocken auf die Bilder der italienischen Städte – Venedig, Mailand, Rom, Palermo – geschaut haben, wo nichts mehr geht als öffentliche Räume zu meiden und deshalb gähnende Leere und der Ausnahmezustand herrschen, mögen wir uns noch in Sicherheit gewähnt haben: so weit kommt das bei uns nicht. Das erreicht uns nicht.
Aber in einer mobilen Welt, an der wir alle mehr oder wenig exessiv teilnehmen, haben Viren es leicht, sich zu verbreiten.
Und so erleben wir jetzt das bisher Unbekannte, das uns verunsichert, das Angst macht. Das ruft bei den einen deshalb noch mehr Egoismus hervor, der bis zum Klau von Desinfektionsmitteln in öffentlichen Gebäuden reicht, während andere ihren Gemeinsam kreativ einsetzen und Einkaufshilfen anbieten für ältere, kranke, überlastete Nachbarn, für Alleinstehende oder Familien mit kleinen Kindern.

Was also tun, wenn dann auch noch Orte der Zuflucht und des Kraftschöpfens nicht mehr zugänglich sind, wie eben Kirchräume und Gottesdienste?
Im Zeitalter von Internet und Digitalisierung nutzen wir deshalb andere Wege, wie diesen, das gemeinsame Hören – oder Lesen – von Gottes Wort am Bildschirm, und hören auf die Ansagen aus dem Buch des Predigers, im 3. Kapitel. Der sagt:

„Für alles gibt es eine bestimmte Stunde.
Und jedes Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Zeit:
…Eine Zeit zum Weinen
und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen
und eine Zeit zum Tanzen…
Eine Zeit, sich zu umarmen,
und eine Zeit, sich zu trennen….
Eine Zeit zum Schweigen
und eine Zeit zum Reden.
(Prediger 3, 1.4-5.7.)

Unterbrochen im Rhythmus unseres Alltags und unserer Gewohnheiten ist Zeit für etwas anderes, Gegenteiliges, Ungeübtes, vielleicht schon Vergessenes. Bei aller Verunsicherung: Auch diese Zeit ist unsere Zeit, ist Gottes Zeit, ist uns geschenkte Zeit: zum Weinen – und hoffentlich auch noch Lachen – zum Tanzen – das geht auch im eigenen Wohnzimmer – zum Umarmen und zum Erfinden von neuen Gesten des Ausdrucks der Freundschaft – zum schweigenden Nachdenken, zum Einanderanderzuhören statt hektisch von einem Termin zum nächsten zu hetzen.
Ganz sicher erleben wir eine Zeit, die sehr anders ist, als wir sie uns vorgestellt hatten, etwa wenn Familienfeiern oder ein besonderes Ereignis, auf das wir uns lange gefreut haben, nicht stattfinden können. Wenn Kinder schon halb den Koffer gepackt hatten, um Freizeiten oder Ferien an einem schönen Ort zu erleben und diese nun gestrichen sind. Wenn Organisationen ihren Mitarbeitern/innen Reisestopp verordnen oder sie gar ganz nach Hause schicken und bestimmte Abläufe nicht mehr funktionieren, wichtige Termine nicht stattfinden können. All das bedeutet Stress, schlechte Laune, Panik.
Aber, nochmal anders ist es, wenn Arbeitsalltag und Familienleben komplett umstrukturiert werden müssen, weil Kitas und Schulen geschlossen sind.
Für viele sind die Absagen von Veranstaltungen, das Schließen von öffentlichen Einrichtungen, von Geschäften, Restaurants und Kneipen existenzgefährdend.
Ärzte und Pflegepersonal müssen sich auf große Herausforderungen in der medizinischen Versorgung einstellen.
Wer erkrankt ist, braucht hingegen die ganze Aufmerksamkeit und Liebe derer, die sich um sie sorgen und für sie sorgen.
Vor allem aber brauchen sie und die vielen Menschen, die jetzt hochbelastet sind, unsere Solidarität und Unterstützung.
Wenn wir uns also zurückziehen, zu Hause bleiben, quasi zwangsentschleunigt werden, dann heißt das noch lange nicht, dass wir nur noch um uns selbst kreisen sollen. Im Gegenteil.
Versuchen wir, erfinderisch zu sein in neuen Formen von Gemeinschaft, von Mitgefühl, vom Für-einander-Dasein.

Eigentlich, so hatte ich begonnen, wollten wir heute und hier etwas anderes tun: für Menschen in Syrien, die seit 9 Jahren! einen der schlimmsten Kriege erleben, beten. Wir wollten an die humanitäre Katastrophe erinnern, die in der nordsyrischen Provinz Idlib stattfindet, schon seit langem. An die Kinder, Frauen und Männer, die vor den Bomben des syrischen Regimes, den Bomben Russlands und der Türkei bis an die türkische Grenze geflohen sind und die jetzt in der Falle sitzen, in der Kälte, wo die Babies erfrieren, im Dreck, in Schutt und Asche. An sie, die nirgends mehr hinkönnen, wollten wir erinnern. Manche von ihnen haben versucht, über die Grenze zu gelangen, um dem Terror zu entfliehen. Vermutlich hätte ich das auch versucht, wenn ich seit Jahren auf der Flucht wäre und niemand, wirklich niemand da ist, der mir hilft. Wenn das einzige, was noch am Leben hält, die Hoffnung ist, dass es auf der anderen Seite eine wenn auch noch so geringe Chance auf Zukunft gibt.
Aber die andere Seite, auf der wir auch stehen, macht die Grenzen dicht, noch dichter. Nicht noch mehr Flüchtlinge, nicht noch mehr Probleme, nicht erkennen müssen, das ihr Schicksal etwas mit uns zu tun hat, nicht teilen müssen, was wir haben und meinen, dass es uns ewig gehört…
Eigentlich hatte ich Ihnen auch von der früheren Schönheit dieses kaputten Landes erzählen wollen, von der Schönheit seiner uralten und ganz modernen Kultur, von vielen wunderbaren Menschen, von denen ich auch manche persönlich kenne. Wir hatten dafür ein Materialheft im Dom ausgelegt, dass Ihnen einiges davon hätte vermitteln sollen. Immerhin gibt es dieses auch online, so können Sie es sich hier anschauen: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/reminiszere_2020_syrien.pdf

Eigentlich sollte diese Woche ganz anders beginnen…
Was aber – und das lehrt uns ein Krieg oder ein Virus – egal zu welcher Zeit und unter welchen Umständen für uns alle lebensnotwendig ist:
das ist Gemeinschaft, das ist das Bewusstsein dafür, dass wir aufeinander angewiesen sind. Das ist Achtung und Respekt vor dem Leben unserer Mitmenschen, ob neben mir oder weit entfernt, das ist Mitgefühl und die Fähigkeit, von mir selbst absehen zu können, wenn jemand anderes, jemand Verletzlicheres, mich braucht, egal, wer er ist, egal, woher sie kommt. Und das nicht eigentlich, sondern tatsächlich, immer, überall.
Bleiben Sie wohlbehalten in aller Zeit,
Amen.

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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.02.2020

Sie haben den Bericht des Lukas eben schon gehört. So alt er ist, es braucht nur kleine Varianten und schon klingt es verstörend aktuell. Es ist uns gesagt: Es wird alles vollendet werden, alles eintreten, was Mahner und Analysten nun schon lange beschwören … er, sie werden Menschen ausgeliefert sein, die nicht denken können und wollen, dass die Würde eines jeden unantastbar ist, die ihre eigene Weltsicht absolut setzen und glauben, andere verspotten und misshandeln, hinrichten zu dürfen und sie werden geißeln und töten. Die Jünger aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Das ist im Sprachgebrauch der Bibel eine Leidensankündigung – Worte zum Hören für alle, die die Katastrophe nicht kommen sehen: Jesus zieht nach Jerusalem, er liefert sich und Menschen aus und stirbt daran.
Jetzt beginnt es wieder. Die alte Geschichte des Lukas ist nicht vorbei.
Er hatte gesagt, was ihr einem meiner geringsten Brüder tut, dass tut ihr mir.
Was ihr einem anderen Menschenkind antut, das tut ihr mir an.
Wenn ihr einen von ihnen tötet, dann tötet ihr mich.
Seine Brüder in Hanau waren Gökhan, das Glücksind, der sich gerade verloben wollte und Ferhat, der junge Anlagenmechaniker, der Stolz der Familie. Dann ist da noch Mercedes, eine junge Mutter und Faith und noch sechs Menschen mehr. Sie eint, dass sie die falsche Haut- und Haarfarbe hatten, mutmaßlich die des Juden Jesus.
Und die anderen? Sie verstanden nichts. Sie begreifen immer noch nicht, was offensichtlich passiert und möglich ist. Und ja: Ich habe die Auferstehungsankündigung weggelassen. Das ist noch keine Ostergeschichte.
Erstmal geht das so weiter:
Die Unverständigen und Begriffsstutzigen, die Jesu Worte gehört und sein Tun gesehen hatten, die Gottes Nähe unmittelbar erleben, die seine Nachfolge organisieren werden, fühlen sich gestört von einem, der schreit.
Ein Blinder, der nichts sieht, der kein Bild von Jesus Christus hat, nur Worte, die er hört – der aber Unruhe und Bewegung spürt und näherkommen will. Aber er wird abgedrängt, von denen, die sich für die Mitte halten...
Der Blinde weiß, dass er am Rand steht, weil er von sich weiß, dass er nichts sieht, dass er sich nicht auf Augenschein verlassen kann.
Aber er hört Nuancen:
Er hört, dass hochrangige Politiker nach Hanau noch immer von Fremdenfeindlichkeit statt von Rassismus reden. Als wären Menschen, die hier aufgewachsen und Zuhause sind, Fremde. Er hört Reden als wären Migranten eine Gruppe, ein Haufen, eine undefinable Masse – nicht Individuen, jede und jeder einzigartig, mit Würde begabt. Der Blinde hört zu und fragt sich: sind Arabisch und Türkisch weniger wertvolle Fremdsprachen als Englisch, Französisch oder Spanisch. Ist Zweisprachlichkeit nur dann ein Bildungsgut, wenn es um die westliche Welt geht? Er hat schon lange zugehört, wenn über das Deutschland als Einwanderungsland geredet wurde und man die Migration als Mutter aller Probleme beschrieb. Er spürte die Kälte des Hasses und wunderte sich, dass man das verharmlosen kann.
Aber auch:
Er fühlt Unruhe. Er fühlt, dass Gott da ist und nah, dass in Gottes Nähe Anderes möglich wird, weil er Wege der Friedfertigkeit, der Gewaltlosigkeit, der Barmherzigkeit, der Liebe geht. Er spürt, dass da einer Menschen bewegt …
Mag er auch nichts sehen, er weiß, mit diesem ist die Wahrheit.
Vielleicht weiß er es ja, weil er sich nicht mit massenhaft Bildern zumüllt, die Selbstperfektion suggerieren, die Wirklichkeit verzerren, Angst schüren, Kampagne machen. Vielleicht weiß er es, weil er nicht sehen kann und seinen Ohren trauen muss, weil er dem Wort glaubt und also ruft er nach Jesus Christus.
Je mehr man ihn mundtot machen will, desto mehr schreit er:
„Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Und fragt ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.“
Fast möchte man sich wundern. Dieser Blinde sieht doch schon klar und begreift. Und Jesus sieht das wohl auch. Denn was passiert ist kein Wunder, es gibt keine Handauflegung, keine Geisteraustreibung. Eher Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist eine Vergewisserungsgeschichte. Denn Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
Dieser Mensch will sehen lernen! Dieser will mit weit offenen Augen durch die Welt gehen und erkennen, was ist. Dieser will genau hingucken. Wollen wir das auch?
Wollen wir sehend werden? Es wird wehtun. Es wird schmerzen. Es wird schwerer.
„Es kann nicht Aufgabe sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen … man muss ihn im Gegenteil wahrhaben wollen und … damit wir sehen können, wahr machen.“
So Ingeborg Bachmann 1958 in einer Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Ausgerechnet. Zu denen, die nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts nichts mehr sehen, sagte sie brennend aktuell:
„Denn wir wollen alle sehend werden. … Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und sie schließt: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt…“
Es ist eine Trostrede an die, die ihr Augenlicht verloren haben und an die, die keiner fragt. Und es ist eine Ermutigungrede an die, die ihre Augen verschließen, die nicht wissen wollen, was sie sehen.
Ingeborg Bachmann selbst, war eine, die sehen konnte aber den Schmerz und die Dunkelheit nicht ausgehalten hat. Sie starb nur 47-jährig nach einem Brand, schmerzunempfindlich in der Folge ihrer Tablettenabhängigkeit.
Wollen wir also wirklich sehend werden? Trotzdem?
„SEHT!“ Heißt es über dieser Woche. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.“
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo Menschen diesen exemplarisch Unschuldigen ans Kreuz nageln werden.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo dieser eine, der wirklich ein menschliches Antlitz hat, durch das Dunkel gehen wird, damit wir sehen können.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo der Himmel sich verfinstern wird und doch der Ostermorgen anbricht.
SEHT, es helfen auf diesem Weg keine Zauberkunst und keine Wunder, keine Machtstreitereien – es hilft nur der Glaube an den, der gelehrt hat:
Was SIEHST du den Splitter im Auge der anderen und den Balken in deinem eigenen Auge SIEHST du nicht? Dieser fragt uns: Was willst du, dass Gott für dich tut?
Es wäre schon gut, wenn auch wir endlich SEHEN wollten, wenn auch wir uns von unserem Glauben helfen lassen wollten?

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  Ansprache über J. S. Bach „Herr, bleibe bei uns“ (BWV 6)

Ansprache über J. S. Bach „Herr, bleibe bei uns“ (BWV 6)

Britta Taddiken, Pfarrerin Thomaskirche (Leipzig) - 02.02.2020

Chor:
Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.

Arie Alt:
Hochgelobter Gottessohn, lass es dir nicht sein entgegen, dass wir itzt vor deinem Thron eine Bitte niederlegen: Bleib, ach bleibe unser Licht, weil die Finsternis einbricht.

Choral Sopran:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist, dein göttlich Wort, das helle Licht, laß ja bei uns auslöschen nicht.
In dieser letzt'n betrübten Zeit verleih uns, Herr, Beständigkeit, dass wir dein Wort und Sakrament rein b'halten bis an unser End.

Rezitativ Bass:
Es hat die Dunkelheit an vielen Orten überhand genommen. Woher ist aber dieses kommen? Bloß daher, weil so wohl die Kleinen als die Großen nicht in Gerechtigkeit vor dir, o Gott, gewandelt und wider ihre Christenpflicht gehandelt. Drum hast du auch den Leuchter umgestoßen.

Arie Tenor:
Jesu, laß uns auf dich sehen, dass wir nicht auf den Sündenwegen gehen. Lass das Licht deines Worts uns heller scheinen und dich jederzeit treu meinen.

Choral:
Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, der du Herr aller Herren bist; beschirm dein arme Christenheit, dass sie dich lob in Ewigkeit.


Die Emmausjünger (Lukas 24,13-35) - Evangelium für den zweiten Osterfesttag:
Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.


Liebe Gemeinde,
ich bin jetzt im zehnten Jahr in Leipzig – aber ich habe es noch nie zur Weihnachtszeit bis ins Erzgebirge geschafft. Am heutigen 2. Februar feiert man dort ausgiebig das Ende der Weihnachtszeit. Um 18.00 Uhr werden in den Kirchen die Weihnachtspyramiden angehalten. Die Weihnachtsbäume verlöschen mit dem Ruf: „Licht aus!“ Nun, in diesem Jahr ist es wieder nichts geworden, denn ich bin ja hier. Was auch schön, mindestens genauso schön. Denn: Mit Blick auf die Kantate für den zweiten Osterfesttag könnte man meinen, lieber Gerd-Peter Münden, Ihr seid hier in Braunschweig Eurer Zeit weit voraus.
Nun, aber wie wir gleich sehen und hören werden, gibt es in der Tat gute Gründe dafür, diese Kantate in der liturgisch und vielleicht auch anderweitig lichtlosen Zeit aufzuführen. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ – so bitten die Emmausjünger den Auferstanden. Noch haben sie ihn nicht erkannt. Aber offenbar haben sie schon gemerkt, dass langsam Licht hineinkommt in ihr verdunkeltes Gemüt. Haben angefangen etwas zu verstehen von diesem unbekannten Begleiter Richtung Emmaus. Er legt ihnen alles aus, den „Toren zu trägen Herzens“ und fängt ganz von vorne an: Bei Mose und den Propheten. Die Dinge sortieren im Leben und plötzlich fällt Licht herein – eine Erkenntnis, für die man nicht Christ sein muss. Die Jünger merken, wie gut ihnen das tut und wie sehr sie das brauchen: „Bleibe bei uns denn es will Abend werden.“
Genau darauf spitzt diese Kantate sich zu. Dass wir das brauchen, das unsere zu trägen Herzen wieder auf Trab gebracht werden und anfangen zu brennen. Und so ist unter anderem heute genau der richtige Zeitpunkt, diese Kantate aufzuführen. „Es will Abend werden“. In Bachs Zeit war die die Nacht, die Dunkelheit ein Symbol für die Sphäre der Verunsicherung und Versuchung. Oder für die eigene Endlichkeit. Das alles klingt in Musik und Worten mit, wie ein roter Faden zieht sich die dringende Bitte hier durch, in all dem geleitet zu sein, die Richtung zu erkennen. Dass das Licht eben nicht aus ist, sondern an, wirklich an. So wird die dringende Bitte der Altarie „Bleib, ach bleibe unser Licht“ im ersten Choral noch gesteigert: „Weil es nun Abend worden ist, dein göttlich Wort, das helle Licht, lass ja bei uns auslöschen nicht.“ Dass es ja nicht ausgehe! Denn in der Tat ist es so, wie der Bass weiß: „Es hat die Dunkelheit an vielen Orten überhand genommen.“
An einem der dunkelsten Orte der Menschheitsgeschichte wurde in letzter Woche dessen gedacht – in Auschwitz. Es wurde gedacht dessen, wohin es führt. Wohin es führt, wenn wir Menschen zulassen, dass die finsteren Schmuddelecken, die wir alle in uns haben, ungeniert ans Licht kommen: Hass, Häme, andere abwerten um uns gut, groß und richtig zu fühlen, Schadenfreude, Rachegedanken, Größenwahn und das Verlangen, einen Sündenbock für all das zu suchen, womit wir in uns selbst unzufrieden sind. All das hässlich dunkle Potential in uns, das in manchen Bach-Kantaten ja noch viel drastischer bezeichnet wird als in dieser, z.B. als „stinkender Sündenpfuhl“. Hier im Bassrezitativ geht es eher vornehm zu: Dass es so viel Dunkelheit gibt, weil alle „nicht in Gerechtigkeit vor dir, o Gott, gewandelt und wider ihre Christenpflicht gehandelt“ hätten. Aber es ist einfach viel mehr als das. Es ist das, was aus Menschen immer wieder herausbrechen kann. In Auschwitz wurde immer wieder zurecht beton: „Es ist geschehen - und daher kann es immer wieder geschehen.“ Und Bundespräsident Steinmeier hat in seiner bemerkenswerten Rede im Bundestag gesagt: „Ich wünschte, ich könnte sagen: Wir Deutschen haben verstanden.“ Aber wo sich Hass und Hetze wieder ausbreiten, wenn das Gift des Nationalismus wieder in Debatten einsickert, auch bei uns", dann sei das nicht so einfach. Die "bösen Geister der Vergangenheit" zeigen sich heute im "neuen Gewand", mahnt Steinmeier, sie präsentieren ihr "völkisches, ihr autoritäres Denken als Vision, als die bessere Antwort auf die offenen Fragen unserer Zeit". Ein Appell, genau hinzuschauen bei Licht, der sich in einem Satz bündelt: Seine Sorge sei nicht, dass die Deutschen die Vergangenheit leugneten. Sondern "dass wir die Vergangenheit inzwischen besser verstehen als die Gegenwart".
Ein starker Satz! Licht an, wo es antisemitische Bemerkungen und Übergriffe auf Schulhöfen gibt. Licht an, wo demokratische Prozesse und Errungenschaften verächtlich gemacht werden. Licht an, wo Hass und Hetze in Sprache und Gedanken einsickern. Licht an und erkennen: Wo ist der Punkt, wo das kippt. Wo ist der Punkt, wo andere anfangen mitzumachen. Weit vor diesem Punkt, wo es kippt, gilt es, ihn vorherzusehen und in der Tat zu verstehen, was los ist. Dieser Finsternis dürfen wir keinen Raum lassen. So gilt es heute am letzten Tag der Weihnachtszeit unter dem österlichen Licht dieser Kantate von hier mitzunehmen: Keinesfalls Licht aus, sondern Licht an! Das helle Licht über den Feldern von Bethlehem im Herzen bewahren. Den Ruf der Engel an die Hirten: „Fürchtet Euch nicht“. Fürchtet Euch nicht vor dem Dunkel, tretet ihm entgegen. Lebt im Alltag die Botschaft: Gott ist Mensch geworden, damit wir auch wir es werden. „Lass das Licht Deines Worts uns helle scheinen“, heißt es am Schluss der Tenorarie. Lass es uns bloß scheinen, lass es uns ja scheinen, mag man miteinstimmen. Oder auch in die Bitte der Emmausjünger: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Und mögen wir erfahren, wie sie, was Lukas in seiner Geschichte fast wie in einem Nebensatz erzählt. Ein Satz, auf den aber sehr viel Licht fallen sollte, um zu erkennen: Er gilt auch für uns. „Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“
Amen.


Gebet (EG 854)
Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.
(Georg Christian Dieffenbach)

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  Erster Sonntag nach Weihnachten

Erster Sonntag nach Weihnachten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.12.2019

Man möchte denken, nun ist erstmal alles gesagt aber ehe wir uns in der behaglichen Weihnachtsrührseligkeit gemütlich einrichten und die schwierigen Glaubensfragen von einem kleinen Kind einlullen lassen, das uns vergessen lässt, wie anders, groß und unbegreiflich Gott in jedem Falle ist, kommt die neue Predigtreihe an diesem Sonntag mit Hiob daher.
Mit Hiob.
Erinnern Sie sich: Hiob war ein frommer Mann, den nicht die Not beten lehrte, sondern das Glück, der Wohlstand, die Freude an seiner großen Familie. Der Reichtum hat ihn auch nicht kalt und leer gemacht oder ängstlich auf Sicherheit bedacht – im Gegenteil, seine Frömmigkeit und sein Anstand, seine großherzige Haltung war auf eine Weise untadelig, die es herausfordert, wider den Stachel zu löcken. So war es zu jener verstörenden Wette gekommen, bei der Gott dem Teufel erlaubt hatte, Hiob so lange zu quälen bis er begönne zu fluchen und seinen Glauben an den Nagel hängen würde.
Und dann begann, was später sprichwörtlich wurde: das Hereinbrechen von Hiobsbotschaften. Alle nur denkbaren Katastrophen brachen über den Mann herein: Krankheit, Tod, Ruin bis er verwaist und einsam, arm und elend übrig blieb.
Immerhin seine Frau war noch da, allerdings voller Unverständnis, dass Hiob Gott immer noch die Treue hielt. Und drei Freunde, die stellvertretend all die Fragen stellen, die dieses biblische Buch nötig gemacht haben:
Wie kann es sein, dass treuer Glaube und Gebet, Dankbarkeit und Frömmigkeit nicht vor Unheil schützen? Wie kann es sein, das der gute Gott Menschen nicht vor dem Bösen zu bewahren vermag, sondern im Gegenteil Willkür und Leid mindestens zulässt wenn nicht sogar ermöglicht? Sind wir nur Spielball der Mächte und Gewalten, ihnen ohnmächtig ausgeliefert?
Und all das Zweifeln und Grübeln gipfelt in der unauflöslichen Feststellung:
Entweder ist Gott nicht gut oder er ist nicht allmächtig.
Das Böse kommt entweder direkt von ihm oder er kann es nicht hindern.
Wenn er der eine ist und neben ihm kein anderer Gott, dann ist er auch böse oder aber wir sollten doch auch fremde Götter und Mächte ernstnehmen…
Die Fragen sind so alt wie die Ungerechtigkeit der Welt, die unerklärliche Wucht des Schicksals, die Unberechenbarkeit von Glück und Leid in einem Menschenleben.
Hiob lässt sie uns alle durchbuchstabieren.
Aber wir bleiben ohne Antwort.
Und dann kommt Weihnachten und scheint endlich die Auflösung all der intellektuellen und existentiellen Not zu bringen. Denn es fällt offenbar eine Entscheidung: Gott ist gut. Aber ohnmächtig. Guckt euch das Kind an! Das Böse kommt nicht von ihm, er ist das unschuldige Kind einer reinen und zarten Jungfrau. Das Böse kommt von uns Menschen für die der grausame machtbesessene Herodes steht.
Sie ahnen: so einfach ist es auch nicht.
Im Gegenteil: so nah uns dieses fest ist - es gilt schwere theologische Kost zu verdauen, die wir in diesen Tagen immerhin längst besungen haben:
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein.“
Was für ein Wechsel ist das?
Ganz offensichtlich der vom allmächtigen unsichtbaren ewigen Gott hin zum verletzlichen zarten Kind in der Krippe.
Aber wer genau vollzieht welchen Wechsel?
Da hinein kommt Hiob verblüffenderweise gerade richtig:
Denn der hatte mit Gott gerungen und gestritten, hatte die weisheitliche Logik verteidigt, seine ganze Verstandeskraft ins Spiel gebracht und gegen seine Freunde und den großen Gott argumentiert:
Mein Tun und mein Ergehen hängen zusammen, alles andere hat keinen Sinn. Gott straft nicht blind. Ich habe nichts getan und nichts übersehen. Es muss eine andere Erklärung für mein Unglück geben und Gott ist mir diese Erklärung schuldig. Seitenweise geht das so und dann kapituliert Hiob. Er gibt auf. Er hat Gott nichts mehr entgegenzusetzen. Begreifen ist das nicht, nur Müdigkeit. Darum beschließt er, fortan zu schweigen.
Da aber redet Gott. Er hat sich als der Überlegene gezeigt. Hiob ist in die Knie gegangen. Aber Gott will mehr von ihm. Er will, dass Hiob versteht und führt ihn über sich selbst hinaus bis Hiob sagt - und das ist der Predigttext heute und nicht weniger als eine verwandelte Gotteswahrnehmung, ein Wechsel - „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. So höre nun, ich will dich fragen, lehre mich! Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“
„Es ist zu mir zu hoch und zu schwer. Ich gebe auf.“
Das soll mehr sein als Resignation?
Ja, denn es hat sich Grundlegendes verändert:
Zunächst anerkennt Hiob den Maßstab der Dinge. Bisher hatte er sich an seinem eigenen Ergehen orientiert, davon hatte er abgeleitet, ob Gott gut und gerecht ist oder böse und unbegreiflich und ihn so klein und handhabbar gemacht. Jetzt aber setzt er neu an: Gott ist größer. Sein Maß und Horizont ist weiter. Wenn wir die Zusammenhänge nicht sehen und nicht verstehen, liegt das an unseren Grenzen. Gott regiert. Keiner könnte das von uns.
Unerforschlich bleibt er trotzdem. Aber nicht unnahbar. Gott will, dass wir nach ihm fragen, das Gespräch mit ihm suchen. Er lässt uns nicht im Schweigen und der Abkehr. Auch hier setzt Hiob neu an: Ich will dich fragen, lehre mich! Und er meint: Ich brauche eigene Erfahrung, eigene Anschauung!
Bisher hatte Hiob gegengehalten, Antwort verlangt, Recht haben wollen - jetzt bittet er um Einsicht und Verstehen. Das macht sein Leiden nicht nachvollziehbar, sein Unglück nicht sinnvoller. Aber Hiob hat eine neue Haltung gefunden, die ein neues Bekenntnis vorbreitet: Er findet von der Klage zur Frage. Martin Heidegger nannte das Fragen, die „Frömmigkeit des Denkens“, denn das Fragen rechnet mit anderen und größeren Horizonten, mit Möglichkeiten, die mein Verstand nicht fassen kann.
Hiob riskiert, seinen gewohnten Glauben aufzugeben um Gott festhalten zu können. Er bereut sein bisheriges Denken und gibt es auf. Er vollzieht den Wechsel.
Hiob geht zur Krippe und sieht:
Es ist alles noch ganz anders. Gott wird Mensch, ist Mensch und Gott zugleich. Das eine gibt es nicht ohne das Andere. Aber es bleibt ein fundamentaler Unterschied. Auch wenn Gott sich elend, nackt und bloß zeigt, ist er immer noch der, der Himmel und Erde geschaffen hat und erhält.
Hiob hat sich leer geklagt. Das musste sein. Aber jetzt – zu Weihnachten – schließt er Frieden mit Gott und sich selbst, mit seinem Zorn, seiner Verlassenheit. Er spürt, mit Margarete Susman: „Noch die Kraft, die wir Gott entgegensetzen, ist seine.“
Wir überwinden durch ihn. Das wendet sein Leid. Das wird ihm zum Segen.
Amen






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  Heiligabend

Heiligabend

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2019

Vor ein paar Tagen traf ich einen in der Stadt, mit dem es sich fröhlich plaudern lässt. Zwischendurch sagte er – ach an Heiligabend kommt er lieber nicht, da wird er ja nur angeschimpft, dass er sonst nicht da ist…
Ich hab ihm Mut gemacht, es nochmal zu versuchen  - denn ich habe ein gewisses weihnachtliches Harmoniebedürfnis, warum sollte ich da schimpfen…?
Aber interessant ist trotzdem: warum kommen gerade zu Weihnachten so viele Menschen zu den Gottesdiensten? Sicher hat das was damit zu tun, dass der Kirchgang ja ein schönes Ritual ist, um in den festlich hochgestimmt in den Abend zu kommen, ich jedenfalls brauche Noel und „O du fröhliche“, damit Weihnachten ist…
Denn das eine gehört zu Weihnachten im Braunschweiger Dom, das andere zu meinen Wurzeln, zu Kindheit und Heimat, es fühlt sich fast an wie Heimweh…
Offenbar bringt Weihnachten in uns etwas zum Klingen, mit dem wir mehr anfangen können als mit dem Karfreitagsschmerz, dem Osterwunder, der pfingstlichen Sprachverwirrung… -
Denn selbst wenn es in unseren Kopf nicht hineingeht, dass Gott selbst Mensch wird,
selbst wenn es uns an Glauben mangelt, der dies Kind anbeten kann:
das Bild dieser kleinen von den Mächten der Welt umhergschubsten Familie,
das Bild des Neugeborenen in seinem erbärmlichen Bett,
das Bild der Menschen, die auf die Knie fallen, weil es so naheliegend ist –
das rührt uns an, das erinnert uns daran,
dass auch wir uns eigentlich vor lauter Liebe verschenken und verschwenden möchten,
dass auch wir endlich irgendwo ganz und gar Zuhause sein und die beste Version unseres Selbst werden wollen...
„Nimm hin, es ist mein Leib und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin“ –
Das haben wir tatsächlich grade alle gesungen!
Wir alle waren ein paar Takte voller uneingeschränkter Hingabe!
Wegen dieser Momente sind Sie doch da, oder?
Und deshalb kommen wir auch alle Jahre wieder, weil wir immer noch hoffen, dass alle Härte und Verrohung, aller Zynismus und auch die Gier, mit der wir unsere Herzen und unsere Welt verdorben haben, wieder auf Null gestellt werden können und wir den liebensfähigen arglosen Menschen wieder ähnlich werden, die wir mal waren! Leider geraten wir ja übers Jahr doch immer wieder auf Abwege, fühlen uns, als würden wir verschleppt aus der Welt und dem Leben, das wir eigentlich wollen und richtig und gut wollten finden,
verschleppt von Mächten und Gewalten, die wir unterschätzt haben, denen wir zuviel Raum eingeräumt haben, nichts gegenhalten konnten. Schleichend und unerbittlich geraten wir so immer wieder in ein Leben, in dem wir nicht Zuhause sein wollen,
weil Hass und Gewalt uns entwurzelt haben
weil Globalisierung, Konsum und Uniformität uns verwechselbar und leer machen
weil wir uns mit dem, was uns umgibt, nicht identifizieren wollen
weil wir in unseren Beziehungen Fremde geblieben sind
weil Sprache und Politik Dammbrüche zulassen, die wir nicht wahrhaben wollen
weil wir genau betrachtet alle irgendwie im Exil sind und fremd dort, wo wir leben – weit weg von der Wirklichkeit, die Heimat ist.
Und wenn es uns schon so geht, wie muss es erst für diejenigen sein, die hier so fremd sind, dass nicht mal die Lieder vertraut klingen!!!
Der Stern und die Glocken bringen uns zu Weihnachten zurück, weil wir an der Krippe der Wirklichkeit nahekommen, nach der wir uns sehnen. Deshalb ist es voll.
Es tut gut zu hören, dass doch und trotz allem die Luft erfüllt ist vom:
Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens…
Und es ist verblüffend aber auch aus unserem eigenen Munde kommt:
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann ich nicht sattsehen und weil ich so nicht weiterkann, bleib ich anbetend stehen…“
Es ist wahr! Ich bin da, weil ich sonst nicht weiterkann…
Und dann sitzen wir hier und die Fülle der Verheißungen hat kein Ende, denn mit diesem Kind ist nicht einfach nur gesagt, dass es doch weitergeht, dass doch Neues und Gutes beginnt, dass doch Zukunft möglich ist – diese Verheißung hat auch etwas Gründendes und Stabiles, weil nicht wir Erfüllung garantieren, sondern mit den uralten Wortende des Hesekiel:
„ER soll euer König sein und der einzige Hirte für euch alle.
Und ich will mit euch einen Bund des Friedens schließen…
Meine Wohnung soll unter euch sein, und ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“
Gott kommt, um unter uns zu bleiben.
Gott kommt, damit wir sicher und in Frieden wohnen können.
Gott kommt, damit wir in uns selbst und beieinander Zuhause sein können.
Das Kind in der Krippe ist ein Sinnbild dafür, dass Gott unsere Erde für uns alle zur Heimat werden lässt.
In seiner Nähe können wir endlich Zuhause sein, wurzeln und bleiben.
In seiner Nähe können wir endlich großherzig, vergebungsbereit und barmherzig sein.
In seiner Nähe gehen wir auf die Knie, weil uns die Augenhöhe mit einem neugeborenen Kind so viel besser tut als die vermessene Sprunghöhe unserer machtbesessenen besitzgierigen Welt.
Auf Augenhöhe mit einem Neugeborenen, das sich staunend umsieht und uns als seine Familie erkennt, fällt es so viel leichter sich erkennen zu lassen – auch wenn wir das sonst lieber vermeiden…
Auf Augenhöhe mit diesem Neugeborenen ist es ganz selbstverständlich auch die Sehnsucht Anderer nach Heimat und Frieden, Zugehörigkeit und Wurzeln, Anerkennung und Herzenswärme zu verstehen.
Auf Augenhöhe mit diesem Kind merken wir, was wir alles zu geben haben!

Zu Weihnachten wissen wir wieder, was gut und böse ist, als würde unser innerer Kompass geeicht. Und wir wissen auch, dass es nicht aus uns allein heraus gut wird.
Hier an der Krippe spüren wir Gottes Nähe und seine Anwesenheit wie sonst kaum.
Und es ist völlig in Ordnung, dass uns dies Kind in die Knie zwingt, denn schließlich brauchen wir solche die Anbetung, weil dann Worte aus unserem Herzen über unsere Lippen fließen, die wir nicht ins uns vermutet hätten und die für uns alle so viel heilsamer sind als das was wir sonst reden.
„Eins aber hoff ich, wirst Du mir, mein Heiland nicht versagen, dass ich dich möge für und für, in, bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein, dich und all deine Freuden.“
Ein Jahr lang haben wir das fast vergessen.
Aber jetzt hat es uns hergezogen, so viele, wie gut.
Amen




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  Magnifikat

Magnifikat

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.12.2019

Gerade klingt uns noch das Magnifikat in den Ohren:
„SEINE Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht.“ Von einer Generation zur nächsten, von uns zu unseren Kindern. Von uns, die wir in Verantwortung sind, Entscheidungen treffen, Kinder erziehen, Geld verdienen und ausgeben, Glauben, Werte, Widerstand vorleben, Angst haben, planlos sind –
hin zu unseren Kindern, die von uns das Ruder übernehmen und Sorge tragen werden für die, die dann kommen.
„Denn ER hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“ und kennt ihre Gaben und Grenzen, weiß von ihrer Einsamkeit und Ohnmacht. Weiß, wie es sich anfühlt, angewiesen zu sein auf die Solidarität derer, die mit im System stecken, weiß von der Sorge, wie es weitergehen soll, wenn andere sich verlassen, dass man funktioniert und auch von der Verletzlichkeit, wenn man gutwillig aber nicht gut gerüstet ist.
Und ER hört, wie Maria singt: von ihrer Angst und ihrer Hoffnung, von der Umkehrung der Verhältnisse, von dem besonderen Moment, in dem alles anders wird. ER hört den Mut und die Klarheit, er hört, dass Maria immer deutlicher wird, eindeutig!
Denn das ist es ja, was einem ganz schnell verlorengeht, wenn einem das eigene kleine Leben, die Sorge um die, die uns anvertraut sind oder die Zukunftsfragen unserer Zeit über den Kopf wachsen: Es fehlt Klarheit und Eindeutigkeit.
Man weiß nicht mehr, was zumutbar ist, was nicht.
Man weiß nicht mehr, was noch gilt und Wert hat, was man aufgeben oder opfern kann.
Man weiß nicht mehr, worauf Hoffnung setzen im Leben und im Sterben.
Woher kommt uns Klarheit und Deutlichkeit?
Woher kommt das Einverständnis, zu dem Maria in der Lage war:
„Ja. Mir geschehe, wie DU gesagt hast.“
Zu diesem vierten Advent gehören neben den eindrücklichen und aufwühlenden Worten des Magnifikat auch einige wenige Verse aus der Feder des Paulus, dem zu wünschen ist, dass er das Lied der Maria kannte. Paulus schreibt: „Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus … der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Auf alle Gottesverheißungen war Ja in Ihm, darum sprechen wir auch das Amen.“
Amen. Ja, mir geschehe, wie DU gesagt hast.
Als Paulus das schrieb, hatte er Ärger. Es gab keineswegs tiefes Einverständnis und auch keine Klarheit. Es gab Streit. Paulus versucht, einen Weg zu finden, der von Gnade und Barmherzigkeit erzählt, von Frieden, von Liebe, Behutsamkeit – aber er trägt darüber seine Haut zu Markte, seine Kraft, seine Zuversicht.
Ich will darauf verzichten, die Situation des Paulus auszumalen und lieber einen Konflikt beschreiben, der in unsere Zeit gehört, von dem ich und Sie auch mehr verstehen, weil er sich überall abspielt:
Da ist ein Paar – sie könnten Ärzte sein oder Postboten, Fluglotsen, Kindererzieher, Polizisten, Lokführer, Pfarrer – und die beiden brennen für ihren Beruf. Sie arbeiten mit Leidenschaft und Hingabe. Die Liebe zu ihrem Beruf schenkt ihnen Freude und gibt Kraft. Sie halten zusammen. Andere sehen das, bestaunen die Verlässlichkeit und Energie der beiden. Die schaffen das, heißt es, und so schiebt man ihnen noch ein bisschen mehr zu. Hier geht ein Kollege in Rente, dort eine sensible Angelegenheit, alles ist bei ihnen in guten Händen. So wächst der Berg und irgendwann ist es zu viel: der Magen schmerzt, der Rücken auch, die Ohren sausen, sie schlafen schlecht, knurren sich aus purer Erschöpfung an…
Und nun?
Woher kommt jetzt Hilfe? Den Gutwilligen drumherum geht es ähnlich. Die anderen sagen entweder: „Ich hab mühsam selbst gelernt „nein“ zu sagen“ oder „lass doch was weg!“ Ja, aber was? Den Zug stehen lassen, das kranke Kind nicht pflegen, die Beerdigung ablehnen, die Kindergartengruppe schließen, die Tiere nicht versorgen, die Post nicht austragen…?
Nichts ist klar. Was ist wichtig und was nicht?
Nichts ist eindeutig. Was darf ich, was kann ich, was hilft?
Wie können wir durchkommen ohne einander zu verraten und im Stich zu lassen?
Auch Maria wird das gespürt haben: schwanger und ledig, mit einem zweifelnden Mann an der Seite, umhergetrieben vom Verwaltungswahnsinn einer Zählung, ohne helfende Struktur, ohne Perspektive – aber mit immensem Druck: lange geht es so nicht mehr weiter, dann wird das Kind geboren werden…
Ein Narr, der sagt, mir geschehe wie DU gesagt hast!
Aber wie sonst?

Ich habe dieser Tage „Eleni“, die Geschichte einer Frau währendes des griechischen Bürgerkriegs gelesen. Nicholas Gage hat den Lebensweg seiner Mutter aufgeschrieben und am Ende zusammengefasst: „Bis der Krieg ihr das zu nehmen drohte, was ihr das liebste auf der Welt war – ihre Kinder – war sie eine ganz normale Bäuerin gewesen, mit allen Zweifeln, Ängsten und Vorurteilen, die für ihre Erziehung und ihre Umgebung typisch waren. Doch als sie sich in einer Zwickmühle gefangen und ihre Familie von der Vernichtung bedroht sah, entwickelte sie einen klaren Blick für das, was sie zu tun hatte, und dazu die Kraft, es auch zu tun. Das war ihr Kairos, ihr entscheidender Moment…“
Da ist sie – die Klarheit. Die Eindeutigkeit.
Für Eleni gab es ab einem bestimmten Punkt kein Aber, kein Vielleicht, kein Zögern mehr. Sie entscheidet sich dafür ihre Kinder außer Landes zu bringen und bezahlt das mit ihrem Leben. In diesem Augenblick ist sie vollkommen klar. Sie weiß genau, was geschehen wird. Sie stirbt mit einer Liebeserklärung an ihre Kinder, nicht indem sie ihre Mörder verflucht. Sie pflanzt die Unfähigkeit zur Rache in ihre Kinder: Mitlieben, nicht mithassen – wird deren Leitschnur werden.

Muss es so hart kommen?
Müssen wir erst zerbrechen?
Muss alles dem Untergang geweiht sein?
Es scheint fast so: Das Kind, das in Maria lebt und wächst, während sie singt, wird selbst sterben – an der Unbarmherzigkeit der Welt, an der Unredlichkeit und Feigheit der Verantwortlichen, an der Angst aller. Aber dieses Sterben ist kein Beweis für die Gewalt des Nein. Es ist Gottes Ja über uns Menschen.
Gottes Ja zu unserem Leben und auch zu unseren Versuchen, es gut zu machen.
Gottes Ja zu unseren Fehlern, wenn es uns über den Kopf wächst.
Gottes Ja zu unserem Zorn, wenn wir uns alleingelassen fühlen.
Gottes Ja zu unseren Tränen, wenn wir nicht weiterwissen.
Gottes Ja zu allem, was wir nicht können.
Sein Ja hilft uns, barmherzig zu sein. Mit uns selbst. Mit denen, an denen wir scheitern. Mit denen, denen wir nicht gerecht werden. Sein Ja macht den Blick frei.
Sein Ja ist anders als unseres, klar und eindeutig:
„Denn, Ja, er hat große Dinge an mir getan, / der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und ja, seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Ja, Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Ja, er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Ja, die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ja, mir geschehe, wie du gesagt hast. Amen.



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  Erster Advent

Erster Advent

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2019

Im Brief des Apostel Paulus an die Römer heißt es:
„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Jochen Klepper hat daraus ein wunderbares Adventslied gemacht: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern – so sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern.“ Er hatte allen Grund, sich an diese Hoffnung zu klammern, denn als Ehemann einer Jüdin wurde die Nacht in seinem Leben während des Dritten Reiches immer dunkler. Seither haben Menschen sich an seinen Worten festgehalten, genauso wie sie an Dietrich Bonhoeffers „Lass warm und hell die Kerze heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht…“
All das sind Worte und Lieder für Notzeiten, die überall auf der Welt und auch in jedem Menschenleben gibt. Notzeiten werden manchmal sehr einsam durchlitten, dann wieder von anderen instrumentalisiert, manchmal nicht wahrgenommen, dann wieder bewusst ignoriert. Adventszeit hat etwas damit zu tun, sich der Not und ihrer Ursachen bewusst zu werden. Advent ist Fastenzeit, lila Parament, Vorbereitung - es ist dran, sich klar zu machen, warum Gott dringend, direkt und unmittelbar zu uns kommen und unter uns bleiben muss, angewiesen auf unsere Liebe und Zärtlichkeit. Anders begreifen wir es scheinbar nicht.
Adventszeit ist Bußzeit.
Aber! Mit roten Kerzen, sattem Tannengrün, Amaryllis, Jugendkantorei, Blechbläsern, Weihnachtsmusik, Weihnachtsmarkt, leuchtenden erwartungsvollen Kindergesichtern, Marzipan und Glühwein…
Haben wir nicht ein wirklich gutes Leben?
Haben wir nicht allen Grund uns zu freuen und dankbar zu sein, zu leuchten?
Nach Buße und Fasten sieht es nicht aus, riecht auch nicht so.
Wir hungern und frieren nicht, unsere Häuser stehen unversehrt und oft liebevoll adventlich geschmückt, wir können hingehen, wohin wir wollen und sagen, was wir denken, wir können für unsere Meinung streiten bis der Verkehr lahm liegt, wir müssen nicht bangen, ob unsere Angehörigen gefoltert oder verjagt werden, wir können uns aussuchen, was wir essen und anziehen wollen, denen die wir lieben, Geschenke machen…
Vielen unter uns geht es wirklich gut.
Das liegt nicht zuletzt an Frieden und Wohlstand. Beides genießen wir – vermutlich ohne alltäglich bewusste Dankbarkeit - seit Jahrzehnten in unserem Land und auch im Osten ist inzwischen eine Generation in Freiheit herangewachsen.
Aber nichts davon ist selbstverständlich. Frieden muss immer neu gesucht und gestiftet werden. Freiheit braucht eine Kultur des Miteinanders, sonst wird sie entstellt und unverantwortlich. Wohlstand allein garantiert noch kein erfülltes und gelingendes Leben.
Das muss man sich dann und wann hinter die Ohren schreiben – oder wie an diesem Wochenende hier in Braunschweig – gemeinsam bewusst machen.
Einer, der nicht nur eifrig sondern eifernd danach zu suchte, wie man so gut, wie es im Anfang, gedacht war, leben kann und dabei Gott die Ehre geben, war Paulus. Lange Jahre seines Lebens hat er geglaubt, dass er gutes sinnvolles Leben führen kann, wenn er Gottes Gesetze streng befolgt, selbst dann, wenn ihn das hart und unbarmherzig macht. Er hat an diesen Weg geglaubt. Er mit jeder Faser seines Wesens und jedem Energiefunken, den er in sich hatte, für die Einhaltung dieser Ordnung gekämpft um eines Tages feststellen zu müssen, dass es so nicht geht, dass er mit Blindheit geschlagen war.
Fortan predigte er anders und jetzt klingt es so:
Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“
„Seid niemandem etwas schuldig.“ Das ist eine erstaunliche Aufforderung, denn wer von uns wäre nicht einem anderen etwas schuldig und sei es nur die Kraft und Lebenszeit, die Zuwendung und Fürsorge, die wir unseren Eltern schulden, sonst wären wir längst verkümmert und gar nicht erst groß geworden. Oder die Mühe und Arbeit, die Polizisten, Straßenbahnfahrer, Pflegerinnen und Bäcker aufwenden, damit wir leben können. Die Liste ließe sich lange fortsetzen…
All diese Schulden kann keiner zurückzahlen, schon gar nicht die, die wir bei Gott haben, weil der uns aus Situationen gerettet hat, die uns das Leben hätten kosten können , weil der uns Begegnungen ermöglicht hat, von denen wir ein ganzes Leben lang zehren, weil der uns vor Unglück bewahrt, das wir gar nicht kommen sehen oder uns durchträgt und leben hilft, weil der uns liebevoll ansieht, egal…
Wie wollte man das glattziehen? Darum hat Paulus recht, wenn er sagt: Gebt all das, was ihr anderen schuldet als Liebe zurück – und zwar dem, der neben euch ist: So wie ich die Fürsorge meines Vaters, der uns morgendlich echten Kakao machte (ohne dass die Milch dabei kochte!!!) und am Bahnhof ohne Handy die Beine in den Bauch stand, so wie die Liebe meiner Mutter, die so vieles Ersehnte ahnte und möglich machte, die tröstete und Wunden versorgte, nicht zurückgeben aber meinen Kindern schenken kann, so kann ich die Großzügigkeit, den Mut, die Loyalität, die Lebenszeit, die andere mir schenken, weitergeben an die, die es jetzt brauchen.
Paulus hat recht, wenn er sagt, den Nächsten zu lieben, gut zu ihm zu sein, versöhnlich, warmherzig, verlässlich – darin ist alles enthalten, auch dass wir unsere Ehen nicht brechen und unsere Versprechen halten, wenn einander nicht betrügen, bestehlen, verletzen, demütigen, belügen, töten…
Paulus hat recht, wenn er sagt: wenn wir uns bewusst werden, was wir anderen und nicht zuletzt Gott schuldig sind und daraus eine Haltung finden, die dankbar zurückgibt, die fröhlich und leichten Herzens Menschen nehmen kann als das, was sie sind – unvollkommene fehlerhafte wunderbare liebenswerte Nebenmenschen – dann wird es heller, dann leben wir mit Paulus Worten im Licht des anbrechenden Tages!
Dann und darum haben wir ein gutes Leben!
Und Paulus schließt „Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt…
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Amen

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  Ewigkeitssonntag

Ewigkeitssonntag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2019

Letzter Sonntag im Kirchenjahr: Totensonntag – nach allem, was sein kann in einem Menschenleben, kommt die Erinnerung daran, dass wir sterben müssen, dass es immer wieder schrecklich und nicht zu begreifen ist, wenn der Tod in unser Leben einbricht, Menschen wegreißt, die wir lieben…
Letzter Sonntag im Kirchenjahr: Ewigkeitssonntag – der Tag, an dem sich eine Tür öffnet, ein Blick in den Himmel möglich wird, eine neue Hoffnung aufscheint
für unser Leben, für die, die darin fehlen.
Zu diesem Tag gehört eine Geschichte, die sie vorhin schon gehört haben. Zehn Jungfrauen machen sich auf – die einen klug, die anderen töricht, um zu einem Hochzeitsfest zu gehen – dem Bräutigam entgegen. Sie nehmen Öllampen mit, denn es wird Abend werden. Sie warten, werden müde, schlafen ein, allesamt. Endlich – um Mitternacht – kommt der Bräutigam. Die Lampen sind längst ausgegangen. Die Klugen haben auch Öl mitgebracht und füllen nach. Die anderen bitten vergeblich um ein bisschen Öl und gehen schließlich, so raten es die Klugen, um Nachschub zu holen. Währenddessen beginnt das Fest, die einen gehen hinein in Freude und Herrlichkeit. Die anderen gehen lange Wege durch die Nacht und klopfen schließlich wieder an die Tür. „Ich kenne Euch nicht“ sagt der Bräutigam. Und: „Darum wachet!“
Eine schwierige Geschichte, die einen Berg von Fragen und Widersprüchen beschert:
• Zehn junge Leute machen sich auf. Da eine Hälfte geht offenbar gut vorbereitet durchs Leben, sie wissen, was nottut und was sie brauchen. Können gut für sich sorgen. Hat ihnen das jemand gezeigt oder vorgelebt?
• Die anderen stehen im Dunkeln und mit leeren Händen, lassen sich wegschicken. Warum versuchen sie nicht wenigstens, den Bräutigam selbst zu bitten, vielleicht nimmt er sie ja mit hinein ins Licht…?
• Und was ist das überhaupt für eine Zeit? Mitternacht – 0.00 Uhr – zwischen den Tagen und Jahren, nicht gestern, nicht heute und doch genau bestimmt…
• Wo ist überhaupt die Braut?
• Wie kann der Bräutigam, der Heiland, der Tröster, der, der spricht: Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan, einfach sagen: ich kenne euch nicht?!
• Und zuletzt: was soll das „wachet“, wenn doch das Öl fehlt… ?
Fragen über Fragen,
Szenenwechsel: ich hatte in den letzten beiden Wochen das ungeheure Glück, auf Kreta lernen zu dürfen, wie man eine Ikone malt. Es galt Pinselstrich für Pinselstrich eine sehr alte Ikone abzuschreiben – wie man einen Text abschreibt oder nach Noten spielt und dabei zu lernen, es geht nicht um mich, meine Originalität und Kreativität. Es geht um das Heilige. Ikonenschreiben ist nicht Kunst, sondern Gebet. Unterbrochen wurden an der Staffelei, wenn wir losgezogen, um in Kirchen und Klöstern, Ikonen zu bestaunen und sie sehen zu lernen. So kamen wir auch in ein Frauenkloster mit sehr berühmten Ikonen – von denen zum Leidwesen der Schwestern eine besonders Kostbare an Anthony Quinn verschenkt worden war, weil der Kreta in Alexis Sorbas so unsterblich gemacht hat…
Dort entdeckten wir eine Ikone über die Geschichte der zehn Jungfrauen, berückend gemalt, wie sie schlafen, um den Tisch sitzen, klopfen und rufen.
Die Schwester, eine Frau mit klarem Gesicht, dunklen Augen und der schwarzen Nonnentracht, erzählt von der leidvollen und wundersamen Geschichte des Ortes und ihrem Glauben, der die Heiligen dieser Bilder lebendig werden lässt. Und ich erzähle ihr, dass ich predigen will zu dieser Geschichte, stelle ihr alle meine Fragen. Es ist eine seltene besondere Begegnung und für einen Moment lichtet sich der Nebel in meinem Hirn.
Sie erklärt: in der Orthodoxie gehört diese Geschichte zu Gründonnerstag, die Frauen schlafen, alle zehn, sowie die Jünger im Garten Gethsemane schlafen. Bleibet hier und wachet mit mir, singen wir hier dann. Und das heißt jetzt: es mag dunkle Nacht sein, aber sie wird hell werden. Darum wagt Hoffnung und Vertrauen, rechne damit, dass alles ganz anders wird, neu. Ja, das verstehe ich – aber was ist mit denen, die nicht hineinkommen???
Sind wir das nicht alle irgendwie? Geht uns nicht immer wieder das Öl aus, weil wir zweifeln oder keinen richtigen Zugang finden, weil die Logik der Welt plausibler ist? Was ist mit denen, die so sehr bitten, glauben zu dürfen und doch nicht können???
Zu den Jungfrauen und in ihrer Kirche also zur Karwoche, so sagt mir die Schwester, gehört außerdem die Geschichte von Josef, den die Brüder in den Brunnen warfen und Fremden überließen, der verloren ging und sich den Brüdern erst, als die ihn ahnungslos um Hilfe anflehen, zu erkennen gibt und so heimkommt zu seinem alten Vater. Und es gehört das Gleichnis vom verloren Sohn dazu, der sein Erbe durchbringt und in tiefstem Elend begreift, dass er umkehren und heimgehen muss, den sein Vater schon weitem erkennt.
Die Schwester hält inne, sieht mich an, nimmt meine Hand und legt sie sich ans Herz: „Es ist nicht Strafe – es ist Freiheit.“ Mein Hirn rattert. Ich ahne einen Schlüssel und versuche neu zu lesen und anders zu fragen.
Vielleicht so: Es gibt zwei Arten mit der guten Nachricht vom Himmelreich, mit dem Glauben an Jesus Christus, daran, dass er die Tür ist, das Licht und die Auferstehung umzugehen: Entweder ich kann darauf trauen, dass diese Hoffnung trägt, dass auch in der dunkelsten Nacht ein Wunder möglichst, dass die Freude wiederkommt, obwohl ich nicht mehr kann und leer und müde bin. Das Öl ist ein Bild für die Zuversicht, die Licht entzünden kann.
Oder: die andere Art – dann finde ich schon gut, dass es den Glauben und die alten Geschichten gibt – aber ich habe vergessen, wie man Glauben nährt, ich habe vergessen, dass dieses Licht Leben hilft und Türen öffnet, ich sorge nicht mehr dafür, dass der Hoffnungsfunke nicht verlischt. Das Öl der Anderen hilft dann nicht. Vertrauen und Glaube wagen muss ich schon selbst. Der Rat, noch einmal loszugehen, ist darum vielleicht nicht gemein, sondern einfach nur ehrlich. Vielleicht braucht es die Wege und Umwege, unfreiwillig wie bei Josef und seinen Brüdern, selbst gewählt wie beim verlorenen Sohn, bis wir mit ausreichend Öl vor der Tür stehen. Und gerade an diesem Sonntag wissen wir ja auch, in der Nähe des Todes, wenn wir Menschen, die wir lieben hergeben müssen, wenn alles Bitten nicht geholfen hat – dann frisst die Lampe unheimlich viel Öl bis wir im Dunklen stehen.
Aber wenn er dann sagt, ich kenne euch nicht, dann ist das kein Urteil, keine Strafe, sondern einfach die Wahrheit. So kann er uns nicht erkennen.
Die schlimmste Qual in der Hölle, so hab ich auf Kreta gelernt, ist es, Rücken an Rücken aneinander gekettet zu sein – wenn man sich nicht sieht, nicht kennen und erkennen, sehen und entgegensehen kann. „Jetzt“, so heißt es im ersten Korintherbrief, „sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
„Christlike“ – sagt die kretische Schwester. Sein wie er, ihm ähnlich. Ein Mensch, der umdreht und zurückkommt, der sich zu erkennen gibt und erkannt werden will, dessen Angesicht leuchtet so wie er auf uns und über uns. Dann wird er uns schon von weitem erkennen! „Christlike.“ Können wir das werden? Reicht unser Öl dafür???
Dafür schreibt man Ikonen. Sie zeigen heilige Menschen, die in orthodoxen Kirchen – nicht wie hier weit oben – auf Augenhöhe hängen als direktes lebendiges Gegenüber. Sie sind vorausgegangen und trotzdem unter uns. Gemeinschaft der Heiligen erleben wir mit ihnen, mit denen die vor uns waren, denen die mit uns waren, denen jetzt da sind.
Es ist nicht alles klar, es sind nicht alle Fragen beantwortet. Wir bleiben am Anfang. Wir sind noch hier und heute traurig, wir sind noch die, die nicht mit hineingegangen sind in Gottes Herrlichkeit – wir haben noch ein Stück des Weges vor uns.
Die Ikone, die wir geschrieben haben war übrigens eine des Propheten Elia. Der kehrte auf Gottes Geheiß bei einer Witwe ein, die mit ihrem Kind am Verhungern war. Von da an ging ihr das Mehl nicht mehr aus. Das Öl auch nicht. das gilt auch uns. Das Öl wird reichen, um uns zum Licht zu führen.
Es kommt Advent.





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  Reformationsfest 2019

Reformationsfest 2019

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies - 31.10.2019

Alles anders, liebe Domgemeinde – alles anders, so ist man versucht zu sagen, alles anders am Reformationstag 2019. Der Predigttext, der für den heutigen Gedenktag der Reformation vorgeschlagen ist, stammt aus dem Alten Testament. Aber hat nicht Martin Luther seine reformatorischen Erkenntnisse aus dem Römerbrief des Apostels bezogen, also aus dem Neuen Testament? Und war nicht zentraler Kern dieser reformatorischen Erkenntnisse seine fröhliche Gewissheit, dass nicht wir Gott gnädig stimmen müssen, weil er uns längst, bevor wir irgendetwas getan haben, gnädig zugewandt ist? Die Evangelische Kirche im Rheinland verbreitet seit gestern über die Social Media allerdings ein Video, in dem eine ebenso sympathische wie kluge Pfarrerin erklärt, dass wir heute ganz andere Fragen haben als die Reformatoren vor fünf-hundert Jahren – wir würden heute nämlich fragen, wie wir es schaffen, dass wir uns selbst gnädig zugewandt sind und uns mit allen Fehlern annehmen können, mit an-deren Worten nicht immer so ungnädig zu uns selbst sind. „Denn der ungnädige Richter sitzt für die meisten Menschen heute nicht mehr im Himmel, sondern im eigenen Kopf“, sagt die Pfarrerin und steht dabei offenkundig vor einem Modegeschäft. Und tatsächlich fragen sich viele meiner Berliner Studentinnen und Studenten ganz unbarmherzig: Bin ich schön? Gut angezogen? Mache ich etwas her? Und schaffen es nicht, die hässliche Stimme im Kopf zu verdrängen, die da leise flüstert: Nein, das alles bist du nicht und wenn du dir noch so viel Mühe gibst.
Alles anders am Reformationstag 2019 als damals vor fünfhundert Jahren. Wirklich alles anders, liebe Gemeinde? Hören wir (noch einmal) auf den Predigttext, über den heute in den allermeisten evangelischen Gottesdiensten hierzulande gepredigt wird, er steht im Alten Testament, im sechsten Kapitel des fünften Buchs Mose, die Verse 4 bis 9:
"Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."
Hören sollen wir also, liebe Domgemeinde, und liebhaben sollen wir und uns alles zu Herzen nehmen sollen wir und das auch noch auf Zettel schreiben sollen wir und auf Hände und Pfosten und Türen im Haus. Das alles sollen wir, ziemlich viel Sollen für ein paar Verse biblischen Textes. Und angesichts von so viel Sollen könnten uns natürlich jetzt alle Karikaturen von schlechter Erziehung in den Kopf kommen, Film, Funk, Fernsehen und Buch: Da sollen Kinder gefälligst hören, denn wer nicht hört, der muss fühlen; da prügelt ein preußischer König seine Untertanen mit dem Krückstock durch, wenn sie verschreckt vor ihm davonlaufen und schreit: „Lieben sollt ihr mich, ihr Canaillen“, ihr Pack (und so sprach der Soldatenkönig, der Vater Friedrichs des Großen, der als sein Sohn unendlich unter dieser Erziehung litt und mit seiner Braunschweiger Gattin nicht glücklich wurde), da höre ich den wütenden Satz: „Schreib dir das gefälligst hinter die Ohren, Junge“, und sehe vor meinem geistigen Auge Hausordnungen, die an die Türen getackert werden, und in Schwaben, wo ich studiert habe, dazu gleich noch die Reihenfolge der Kehrwoche. Du sollst. Du sollst kehren. Du sollst hören, lieben, Du sollst Dir das alles hinter die Ohren schreiben und für alle sichtbar ans Schwarze Brett.
Passt eine solche Predigt auf das Reformationsfest? Passt sie überhaupt in eine evangelische Kirche, noch dazu in einen Dom? Tatsächlich scheint, wenn man unseren Predigttext so liest und so auslegt, heute Morgen alles anders als gewohnt. Alles anders, liebe Domgemeinde – denn reformatorisch, evangeliumsgemäß und also evangelisch wäre eine solche Mahnpredigt voller ernster Ermahnungen ganz gewiss nicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass Eltern, die so ihre Kinder mit Kaskaden von Er-mahnungen erziehen wollten, vermutlich gnadenlos scheitern, einmal ganz abgesehen davon, dass überall öffentlich plakatierte Mahnungen besonders gern übersehen werden – inzwischen haben wir uns soweit ökumenisch angenähert, dass wir eine solche Kaskade von Mahnungen, eine solche Drohpredigt nicht einmal mehr für katholisch halten, sondern nur noch für Karikatur. Als am vergangenen Wochenende im Präsidium des dritten Ökumenischen Kirchentages 2021 ein biblisches Leitwort für das Treffen gesucht wurde, waren es die römisch-katholischen Schwestern und Brüder, die davor warnten, Verse auszusuchen, die nur aus Aufforderungen bestehen – da fehle doch, so sagten diese katholischen Laienchristen, die tröstliche Verheißung Gottes, das Evangelium. Wie gesagt, liebe Gemeinde, alles anders. Reformationsfest 2019 feiern wir nicht mehr gegen unsere römisch-katholischen Schwestern und Brüder, sondern gemeinsam mit ihnen.
Aber was wir wahrscheinlich noch viel mehr lernen müssen, liebe Domgemeinde, ist, das Reformationsfest auch nicht implizit gegen unsere jüdischen Geschwister zu feiern. Allzu oft hat eine angebliche jüdische Gesetzlichkeit als die dunkle Folie gedient, von der sich die Evangeliumsverkündigung hell strahlend abhob. Hier – bei uns, in der Kirche – das getroste Vertrauen auf Gottes bedingungslose gnädige Zuwendung, dort – da drüben, in der Synagoge – das ängstliche Hoffen auf die versöhnende Kraft der eigenen Werke. Jüdische Observanzfrömmigkeit versus evangelische Freiheit – so habe ich das als Student noch von mancher Kanzel gehört. Das „Du sollst“ als Kern des Gesetzes, das „Du wirst“ und „Du kannst“ als der Kern des Evangeliums. Ein solches Gesetz spricht uns angeblich vor allem im Alten Testament an, das Evangelium finden wir dann vor allem im Neuen Testament – so steht das zwar nicht bei Luther, aber nicht jeder und auch nicht jeder Theologieprofessor ist in der Lage, Luthers feine Differenzierungen nachzuverfolgen. Wenn wir unseren Predigttext aber nicht nach dieser lange üblichen antijüdischen Karikatur auslegen wollen, auch nicht anti-katholisch, und trotzdem evangeliumsgemäß, evangelisch und reformatorisch, wie dann? Nun, eben noch einmal: alles anders, jedenfalls in diesem Jahr.
„Höre Israel“ – unser Text beginnt auch im Hebräischen mit einem Imperativ. Aber wenn man nur ein wenig in der Bibel gelesen hat, liebe Gemeinde, weiß man, dass es Gott selbst ist, der uns am Morgen das Ohr öffnet und uns so überhaupt möglich macht zu hören. „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr“ – so lauten Verse aus einem anderen alttestamentlichen Buch, dem Buch des Propheten Jesaja, in der bekannten Form, in die sie Jochen Klepper im Jahre 1938 gebracht hat. Menschen können hören, weil schon an der Dämmerung Pforte, ganz früh am Morgen, Gott sich vernehmen lässt und in die von ihm geöffneten Ohren spricht. Jedenfalls dann, wenn wir die Ohren nicht mutwillig verschließen, zornig verstopfen, ärgerlich anderen Stimmen oder bloßem Geräusch zuwenden. Das Ohr wird uns geweckt beispielsweise durch einen biblischen Satz, wie er sich in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine findet, durch ein Kirchenlied, das wir morgens im Bad auf den Lippen haben, durch ein Gebet, das wir vor dem Frühstück sprechen. Und das, was wir hören, weckt zunächst unseren Glauben und bestärkt dann unseren Glauben, wie der Apostel Paulus im Römerbrief ganz im Sinne der zitierten Passagen aus dem Jesajabuch schreibt. Auch wenn unser Predigttext heute Morgen also mit einem Imperativ, einer Befehlsform, beginnt, wird mit dem Hinweis auf das Hören ein Raum der Verheißung eröffnet – Wenn Du nur Dein Ohr nicht mutwillig verschließt, lässt Dich Gott wunderbar tröstliche und fröhlich machende Worte hören.
Und gerade so verheißungsvoll geht unser Text weiter, wenn wir auf den Wortlaut achten: In unserer deutschen Übersetzung steht „Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“. Aber das Hebräische kennt gar keine eigene Verbform für das „Sollen“, sondern markiert nur unabgeschlossene Handlungen. Man kann also auch gut übersetzen: „Du wirst den Herrn, deinen Gott, ganz gewiss und immerzu lieb haben“. Jedenfalls dann, wenn Du Dir Dein Ohr schon am frühen Morgen öffnen lässt, es nicht mutwillig verschließt und Dich durch biblische Texte in welcher Form auch immer anrühren lässt. Dann wirst Du Gott liebhaben und Dir muss niemand den Befehl geben zu lieben oder Dir ein Sollen vorhalten.
Also, liebe Domgemeinde: Wir sollen nicht hören, wir werden hören. Andauernd zuhören. Und wir sollen nicht lieben, wir werden lieben. Ausdauernd lieben. Und dann muss uns auch niemand auffordern, in jeder Situation davon zu reden, es auf Zettel zu schreiben und an Türen zu heften, was wir von unserem Gott gesagt bekommen. Wir wollen diese kostbaren Worte immerzu festhalten, andauernd im Herzen bewegen, ausdauernd mit anderen teilen und immer vor Augen haben. Keine Gardinen-predigt mit Kaskaden von Ermahnungen und Aufforderungen, sondern die Erinnerung an etwas, was uns vom frühen Morgen an begeistern kann.
Unser Predigttext wird in jüdischen Gebeten und Gottesdiensten immer wieder zitiert, er wird in einer kleinen Kapsel an jede Tür eines Hauses montiert (außer der Bad- und Toilettentür) und heißt daher gern das jüdische Grundgebet. Der Jude Jesus verwies selbstverständlich auch auf dieses Grundgebet, als er nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, wie uns in den Evangelien in parallelen Erzählungen überliefert ist. Und auch wir können es, wenn wir es recht verstehen und nicht zum Zwecke der Abgrenzung gegen das Judentum mutwillig missverstehen, fröhlich beten und befolgen.
Wenn wir unseren Predigttext, das jüdische Grundbekenntnis, das Grundbekenntnis Jesu von Nazareth, so – und also vielleicht einmal ganz anders als sonst – lesen, dann lädt er uns ein. Er lädt uns dazu ein, nicht die Ohren zu verschließen, aber dann auch mutig mit dem, was wir in den biblischen Texten gehört haben, zu anderen Menschen zu gehen, in die Familien, in die Nachbarschaften und in die Öffentlichkeit. Der recht verstandene Predigttext lädt uns auch dazu ein, uns die biblischen Worte ein-zuprägen, zu Hause zu notieren und im Herzen zu bewegen. Und er lädt uns schließlich dazu ein, nicht nur zu hören, sondern auch zu handeln, bewegt von Gottes Wort.
So, liebe Domgemeinde, sahen das die Reformatoren vor fünfhundert Jahren und es spricht sogar Manches dafür, dass in dieser uns aufstachelnden Wirkung biblischer Texte, die, wenn sie unsere Ohren erreichen und wir sie hören, für uns zum Wort Gottes werden, das Zentrum reformatorischer Einsicht liegt. Aber zugleich sind solche Gedanken auch ganz und gar aktuell, wie übrigens auch die sympathische und kluge Pfarrerin im Video der Rheinischen Kirche erklärt. Denn es gibt sicher auch in Braunschweig genügend Orte, in denen ein biblischer Satz, den wir uns gemerkt haben, weil er uns geholfen hat, auch anderen Menschen hilft – jedenfalls wenn wir uns an ihn erinnern und ihn anderen Menschen freundlich und direkt weitergeben können. Beispielsweise auch den eingangs erwähnten Menschen, die ganz und gar un-gnädig mit sich umgehen, weil sie nicht so schön, so gut angezogen, so erfolgreich sind, wie sie es selbst gern wären. Und vielleicht gibt es auch in dieser Stadt Orte, in denen bestimmte biblische Sätze, die wir gehört haben, öffentlich wiederholt werden müssen, um Unrecht, Ungerechtigkeit und Unfrieden Widerstand zu leisten. Wenige Tage, nachdem viele Menschen in einem Bundesland eine rechtsextreme Partei gewählt haben und wenige Wochen nachdem eine Synagoge ohne jeden Polizeischutz fast zum Opfer eines antisemitischen Massenmörders geworden wäre, muss ich dar-über wenige Worte machen.
Aber am Ende einer Predigt zum Reformationsfest sollten keine Mahnungen stehen, die man gegenwärtig so häufig hört und liest. Auch am Ende dieser Predigt sollte alles anders sein – und wir sollten uns alle gegenseitig daran erinnern, dass nach biblischem Zeugnis Gottes Wort lebendig und kräftig und scharf ist und daher nicht leer zurückkommt, sondern in den Händen derer, die es hören und danach handeln, viel-fältigen Segen bringt, zu unserem Nutzen, aber auch zum Nutzen vieler Menschen in dieser Stadt Braunschweig und im ganzen Land. Und diesen Segen schenke uns der ewig reiche Gott auch an diesem Tage.
Amen.

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