Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

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Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Predigten

  11. Sonntag nach Trinitatis

11. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.08.2020

Sie haben es vorhin gehört. Da steht der Pharisäer und sagt sich: Ein Glück, dass
„ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.“ Und vermutlich denken die meisten unter uns ganz spontan: Ein Glück, dass ich nicht bin wie dieser hochmütige arrogante Pharisäer. Und – patsch! - sind wir es.
Predigt beendet.
Kommt mir sehr gelegen, denn ich will los und fort – endlich in den Urlaub.

Aber da sind noch Jana und Karen und das Pflichtbewusstsein einer treuen Hüterin des Wortes, also muss jetzt doch noch auf dieser bekannten Geschichte, die so schön schwarz-weiß klingt, rumgekaut werden.
Das haben vor uns schon viele getan und dabei in den letzten Jahrzehnten Skrupel gehabt. Man wollte nicht auf dem frommen Juden, dem Pharisäer, rumhacken und auch nur sehr ungern denken, dass Jesus Christus – der doch zu Feindesliebe aufrief - einen anderen Menschen so bloßstellt.
Aber dem Gleichnis machen unsere Bedenken nichts aus. Es steht da und stört und zwar von Anfang an, denn es richtet sich – so schreibt der Autor – „an gewisse Leute“, die da offenbar in Hörweite waren.
Leute also, die vielleicht ganz interessiert daran waren, was der denn zu sagen hat. Leute, die „von sich selber überzeugt waren, gerecht zu sein.“
Leute, die eigentlich zufrieden mit sich selbst waren und nicht unbedingt Notwendigkeit sahen, ihr Leben zu ändern, sich Fehler oder Krisen einreden zu lassen. Warum auch: es ist ja durchaus in Ordnung, wenn einer der sein Zeug gründlich macht und ernstnimmt, der sein Leben im Griff hat und mit seinen Mitmenschen anständig umgeht, auch mit sich selbst einverstanden und in Frieden ist. Aber da scheint es einen schmalen Grat zu geben:
Es waren Leute, die „die anderen verachteten.“
Offenbar wird der Blick dieser Leute schneller hart als einem lieb sein kann. Der schmale Grat verläuft „zwischen gesundem Selbstvertrauen und zerbrechlicher Arroganz“. Es geht um sozialen Dünkel und ein ungerechtfertigt gutes Gewissen oder ein bisschen verdichtet um die Frage, ob sich unser Leben nach unserem Gewissen richtet oder unser Gewissen nach unserem Leben.
Mit anderen Worten:
Es geht um einen Grat, auf dem wir wahrscheinlich auch unterwegs sind und deshalb ist es nicht so abwegig, dass Jesus uns auch zu den gewissen Leuten zählt, denen er diese Beispielgeschichte gibt.
Er erzählt:
Da stiegen also zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit der gleichen Absicht den Weg hinauf. Sie wollten zum Tempel und beten.
Einer ist Pharisäer, ein Experte des jüdischen Glaubens, der Einhaltung der Gesetze. Der andere ein Zöllner, ein Mann im weltlichen Beruf, der Obrigkeit verpflichtet, kein betont frommer Mann, einer wie viele.
Der eine steht ausdrücklich aufrecht. Wer weiß, ob es jemand wagen würde, ihm zu nahe zu kommen, ihn beim Beten zu stören. Er ist unerreichbar und will es auch gern sein.
Wer weiß allerdings auch, ob er sich mit dieser Haltung nicht isoliert: von sich selbst, von anderen und womöglich auch von Gott.
Social distancing mit anderem Vorzeichen. Ausdruck einer vorbildlichen Haltung und Selbstvergewisserung. „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“
Was ist daran falsch?
Es ist doch richtig, wenn Frömmigkeit Gehorsam ist, man das tut, was man sagt und denkt. Es ist doch ein ernsthafter gut Weg, wenn er nicht der Show oder des guten Rufes wegen gegangen wird. Was meint Nachfolge sonst?
Alles gut.
Aber ist es wirklich so? Was treibt Dich wirklich?
Die Sehnsucht nach Anerkennung oder eine Überzeugung, Statusfragen oder Dein Gewissen?

Der andere hält Abstand.
Er hebt nicht einmal den Kopf. Er scheint weit davon weg zu sein, dass einer ihm sagt: „Seht auf und erhebt eure Häupter!“ Er will weder nach oben sehen, noch nach vorn, er wird so auch den Pharisäer nicht sehen …
Was drückt er damit aus?
Scham? Angst? Bescheidenheit? Fremdheit? Respekt? Wissen um das eigene Ungenügen?
Vermutlich jedenfalls eine Art Zurückhaltung oder Vorsicht in der Nähe des Heiligen, unter Gottes Angesicht, die wahrscheinlich mehr Menschen nachvollziehen können als den demonstrativen Einklang. Die Distanz, die dieser zweite Mensch hält, hat Potential: Entwicklung, Bewegung, Dialog bleiben möglich.
Aber zunächst geht es nicht darum. Erst einmal schlägt sich der Zöllner auf die Brust. Eine feine Pointe. Mann machte das in der Antike nicht. Nur Frauen. Es ist ein Zeichen von Trauer und Reue, das einem Mann nicht steht. Radikaler kann der Haltungsunterschied zum Pharisäer nicht sein.
Gott, bittet der Zöllner, sei mir gnädig und mit mir versöhnt. Sieh mich freundlich an auch wenn ich bin wie ich bin.
Und Jesus schließt: „Ich sage euch: Dieser, der Zöllner, ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, eher als jener.“
Dieser erlebte eine Veränderung.
Dieser spürte, dass Gott ihn sieht und hört. Dass er Gott recht ist.
Dieser kam nach Hause.
Eher als jener.
Jener steht noch und braucht nicht Isolation sondern den Mut, einen Schritt beiseite zu treten von der Stelle, die er so perfekt ausfüllt. Jener braucht noch die Erfahrung, sich aus der Hand zu geben.
Dann geht er auch.
Nach Hause. Wie die gewissen Leute. Wie wir. Wenn wir verstanden haben, warum wir so oder so vor Gott stehen, wenn wir vertrauen lernen, dass wir ihm recht sind, wenn wir die Distanz wagen, in der man klarer sieht und auf unser Gewissen hören – nicht auf den Beifall der Welt.
Wie gesagt. Es ist eine Bespielgeschichte. Gerichtet an gewisse Leute erzählt sie von zwei Menschen. Das wäre eine zweite Predigt, denn das Wort „Leute“ ist ein bisschen ungenau, ein bisschen abwertend – zwei Menschen aber, zum Beispiel diese beiden, haben jeder für sich alle Würde.
Darum: Lasst uns nicht gewisse Leute sondern Menschen sein, die hinaufsteigen und näher rankommen.


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  9. S. n. Trinitatis

9. S. n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.08.2020

Vor ungefähr 2500 Jahren wurde wenige Kilometer nordöstlich von Jerusalem Jeremia geboren. Seine Heimat, das Land Juda, war in schwerem Fahrwasser – existentiell bedrängt von den benachbarten Großmächten war eine Schaukelpolitik zwischen Babylon und Ägypten nicht länger möglich, man musst sich für die eine oder andere Seite entscheiden – und wiegte sich in Sicherheit. Man wollte nicht sehen, wie brüchig und gefährdet das Konstrukt war, man wollte schon gar nichts vom Untergang der vertrauten Welt hören. Im Gegenteil, die eingeübten Rituale, der Tempelkult, schienen Sicherheit genug zu geben – platter gesagt: man besoff sich aneinander und gönnte sich die Idee, Zeit zu haben und Herr der Lage zu bleiben.
Da hinein spricht Gott zu Jeremia, der – so nimmt man an – zu diesem Zeitpunkt ungefähr achtzehn Jahre alt und sagt:
„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten. Ich aber sprach: Ach, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Ein junger Mann, der Sohn eines Priesters – mithin einer, dessen gesellschaftliche Stellung im Moment stabil war, der aber die meiste Zeit seines Lebens noch vor sich hatte, Anwalt der eigenen Zukunft war.
Gott spricht und Jeremia hört. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sich kurz aufschreiben lässt: Gott spricht und Jeremia hört. An anderen Stelle der Bibel muss Gott viele Male rufen, bis er gehört wird. Wir schließlich halten vermutlich alles andere als Ursache existentieller Unruhe für wahrscheinlicher zu als einen Ruf Gottes. Jeremia aber spürt offenbar etwas Unabweisliches, dem er nicht ausweichen kann auch wenn er das nur zu gerne würde.
Er ahnt, dass eine Positionierung sein Leben schwer und unbequem machen wird. Er fühlt sich nicht gerüstet und hält sich für ungeeignet
„Ich tauge dafür nicht. Ich bin zu jung.“
Mit anderen Worten. Man wird mir nicht zuhören und mich nicht ernstnehmen. Man wird nicht glauben, dass ich etwas zu sagen habe, was nicht schon gesagt ist, sonst nicht laut wird. Lebenserfahrung und Lebensleistung der Alten, der Mächtigen, der Würdenträger haben Gewicht. Aber ich, welche Berechtigung sollte ich haben, meinen Worten Notwendigkeit zuzumessen. Wie könnte ich mir erlauben anzuzweifeln, dass die, die das Land und die die Geschicke der Menschen lenken, das Richtige tun?
Kleiner Schnitt:
Vor einem Jahr etwa redete Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen. Die Welt schaute auf ein Mädchen mit geflochtenem Zopf und vor Empörung gerötetem Gesicht, dass den Regierungschefs entgegenschleuderte: „Wie könnt Ihr es wagen? Menschen sterben! Ganz Ökosysteme kollabieren. Wir stehen am Anfang eines Massensterbens, und alles worüber ihr reden könnt, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Mit den heutigen Emissionswerten wird das verbleibende CO2-Budget in 8,5 Jahren aufgebraucht sein. Wie könnt ihr es wagen! Die Veränderung kommt, ob es euch gefällt oder nicht.“
Das Thema „Klimawandel“ stand auf der Tagesordnung mit einer Dringlichkeit wie schon lange nicht mehr. Und eine sehr junge Frau prophezeite Unheil. Eigentlich ein Kind noch – zu jung, um Klimaexperten, Wirtschaftsbosse und Politiker herauszufordern.
Greta Thunberg, ein Mensch, dem ein Thema unabweislich auf den Nägeln brennt, Anwältin der Zukunft, die uns alle betrifft. Auch diesem Problem, dem Klimakipppunkt in nunmehr 7,5 Jahren, wird man nicht mit Schaukelpolitik beikommen.…
Greta Thunberg musste sich als „kleine Schulschwänzerin“ titulieren lassen. Zu jung.
Immerhin attestierte man gönnerhaft, sich ganz ordentlich in das komplexe Klimathema eingearbeitet zu haben. Dass sie „anders“ ist, schob man auf ihren Asberger-Autismus, der erklärt, warum dies Mädchen naturwissenschaftlich begabt und dabei so unbeirrbar ist.
Die Debatten um die Schülerbewegung „Fridays for future“ hatten viele Facetten nicht zuletzt den Vorwurf: Wohlstandskinder würden aus der veganen Bioblase heraus ihre SUV-fahrenden-Eltern anzählen, die doch immerhin das Geld für I-Pads, Fair-Trade-Produkte und schicke Fahrräder verdienen…
Wer darauf setzte, dass sich diese jugendliche Aufregung verfliegen würde, bekam recht – durch eine Pandemie, die der Bewegung den Schwung genommen, wenn nicht sogar den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Aber das kann für niemanden gut sein – im Gegenteil: die Zeit rennt weiter, die Erde erwärmt sich, einerseits schmelzen Pole ab und tauen Permafrostböden auf, andererseits sinkt der der Grundwasserspiegel, breiten sich Wüsten aus, verdursten Bäume und Tiere…
Das führt zu Hungerkatastrophen und Flüchtlingsströmen, dem Kampf um Trinkwasser. Corona und die Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie führen jetzt zwar zu radikalen Entscheidungen (Flugzeuge am Boden, Kreuzfahrtschiffe im Hafen) und einer Mobilisierung von Geld, die sich keiner als Antwort auf Greta Thunberg hätte vorstellen können. Aber ein Umdenken ist das nicht und beruhigend schon gar nicht.
Die Ernte der nächsten Jahre wenn nicht Jahrzehnte ist bereits auf dem Halm verkauft. Klimaziele klingen wieder nach Kür, erst muss der Konsum angekurbelt werden. Die Wirtschaft muss auf die Beine. Die Menschen auch. Es drohen Massenarbeitslosigkeit, verstärkte Kinderarmut, Endsolidarisierung. Ganz zu schweigen von dem Zusammenbruch innernationaler Kooperationen.
Aber all das juckt weder das Virus noch das Klima. Wir werden unser Leben radikal ändern müssen ob wir wollen oder nicht – die letzten Monate sind wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack.
Zeit für Propheten?
„Der Herr sprach aber zu Jerermia: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Sprich es aus! Sagt Gott zu Jeremia. hab keine Angst. Ich bin da.
Zuspruch und Anspruch – so steht es auch über dieser Woche: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“
Ob also Greta Thunberg eine Prophetin ist, darüber kann man trefflich streiten. Aber das wäre wahrscheinlich ein Ablenkungsmanöver. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, ob wir selbst auf das Unabweisliche reagieren, ob wir hören, wenn Gott uns ruft und sein Wort in den Mund legt, ob uns klar ist, dass uns viel anvertraut und deshalb viel von uns gefordert ist.
Ob wir erkennen, wenn wir in eine prophetische Situation gestellt sind und dann den Mut haben zu reden. Unbequem ist das bestimmt.
Oder mit Martin Buber: „Es mag sein, dass die Propheten eine Stechbremse auf dem Nacken des Volkes waren … aber wenn diese Bremse nicht gewesen wäre, wenn die unbarmherzige Vertretung der lebendigen Idee, des Gottesgebotes nicht gewesen wäre … was wäre überhaupt noch da?“

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  1. SONNTAG NACH TRINITATIS

1. SONNTAG NACH TRINITATIS

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.06.2020

Roger Willemsen, Übersetzer, Moderator, Regisseur, Produzent wurde nicht alt.
Er starb vor vier Jahren in Hamburg. Seine letzte Rede, gehalten im Sommer 2015 hieß: „Wer wir waren.“
Es sollte eine Zukunftsrede sein. Ob diese Zukunft schon vorbei ist?
Damals schrieb er jedenfalls auf uns selbst zurückblickend:
„Wir wussten viel und fühlten wenig … Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen …
Wir waren jene, die wussten aber nicht verstanden … voller Informationen aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen aber mager an Erfahrung. So gingen wir - nicht aufgehalten von uns selbst.“
Inzwischen sind ein deutliches Stück näher am Klimakipppunkt und auch mit Blick Hunger und Flüchtlingsnot, Vermüllung der Meere oder Abholzung der Regenwälder sind die letzten fünf Jahre weidlich ungenutzt vorübergegangen.
Immerhin haben wir gelernt, dass wir ruckartig unser gesamtes Leben ändern und verzichten können. Dafür brauchte es das Gefühl, nicht das Wissen, echter Bedrohung und existentieller Angst. Wir wurden von einem Virus aufgehalten, nicht von uns selbst. Da hat Willemsen klar gesehen.
Nun stecken wir in einer globalen Krise und blickten wir auf die zurück, die wir waren, dann käme wohl noch hinzu:
Wir waren die, die digital nicht gut aufgestellt waren und vom Stillstand des gesellschaftlichen Lebens kalt erwischt wurden.
Wir waren die, denen es so gut ging, dass sie Schulden machten und die Ernte von Jahrzehnten auf dem Halm verkauften.
Wir waren die, die sich abhängig gemacht hatten von weltweiten Lieferketten und auf einmal wieder nähen lernen mussten.
Wir waren die, die im Keller, auf dem Boden und oft auch noch das eigene Leben aufräumten.
Wir waren die, die die Kirchen schlossen und keine Gottesdienste feierten.
Wir waren ziemlich von der Rolle.
Wir hatten keine Idee, keine Vision, kein Programm – nur Geld.
Da waren die ersten Christen besser dran. Sie waren, so haben wir es vorhin in der Apostelgeschichte gehört, „Ein Herz und eine Seele. Keiner behauptete, dass etwas ihm allein gehört, sie bezeugten die Auferstehung kraftvoll und ohne Zweifel, keiner litt Mangel und wer Grund und Boden oder Immobilien besaß, verkaufte das alles zugunsten der Gemeinschaft und jeder bekam, was er nötig brauchte.“
So waren wir nie.
Wir sind jeder mit ein paar wichtigen Lebensmenschen ein Herz und eine Seele, wir haben in diesen letzten Wochen den einen oder anderen dazu entdeckt, aber mit der ganzen Gemeinde, mit all den anderen in dieser Kirche? Nein, eher nicht.
In Gütergemeinschaft leben wir erst nicht, weder unter Geschwistern noch in der EU.
Es hat nie geklappt. Jedenfalls nicht außerhalb von Klostermauern. Im Gegenteil, früher oder später hat die Vergesellschaftung von Eigentum zu Gewalt geführt, zu Diktatur und Unterdrückung und nebenher zu heimlichem beschämenden stetig wachsenden Privatbesitz.
Aber vergessen wurde die Idee trotzdem nicht.
Auch wenn dieser Text jahrelang beiseitegelegt wurde und es erst jetzt in die Reihe der Predigttexte geschafft hat. Offenbar schien er bisher zu idealistisch, Kommunismus verdächtig, unbrauchbar…
Jetzt ist er auf einmal da und erzählt, dass Menschen – als zentralen Ausdruck ihres Christseins - auf Besitz verzichteten.
Jetzt scheint der Gedanke, dass ausgerechnet die Idee der Gütergemeinschaft ins kollektive christliche Gedächtnis einsickern sollte, nicht mehr so abwegig.
Ausgerechnet jetzt - wo wir wie verrückt konsumieren sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln und höchstens über die Vergemeinschaftung von Schulden reden – wird uns vorgeschlagen, Privatbesitz grundsätzlich infrage zu stellen und nicht zuerst unsere Privatsphäre und eigene Meinung zu hüten, sondern davon zu träumen, ein Herz und eine Seele zu sein.
Das ist starker Tobak!
Und urchristlich – im besten Sinne des Wortes „pfingstlich“.
Denn zu Pfingsten, dann wenn wir bekennen, dass uns dieser Geist zu einer Gemeinde, zu einem Christi Leib, womöglich sogar einem Herz und einer Seele – huu! – ist es nicht abwegig sondern im Gegenteil sogar sehr naheliegend, wenn man sich fragt, wie verändert dieser Geist die Welt? Wie verändert er unser Leben?
Wie waren nie so, wie es die Apostelgeschichte beschreibt – aber was hindert uns, es endlich zu werden?
Längst haben wir doch verstanden, dass die meisten von uns hier, im ständigen Zuviel leben. Wir wissen, dass die Güter dieser Welt reichen, damit niemand mehr Hungers sterben muss. Warum machen wir daraus nicht Erfahrung? Was hindert uns, anders teilen zu lernen als nur das abzugeben, was wir nicht mehr brauchen oder wollen?
Die Gütergemeinschaft, von der die Bibel uns erzählt, denkt nicht vom Flohmarkt oder dem Second-Hand-Shop her, sondern von wirklicher Gerechtigkeit mit der wir es bisher nie probiert haben.
Wann werden wir endlich so wie wir nie waren?
Wann fangen wir an, die Sehnsucht dahinter nicht als naiv zu begreifen, sondern als Hoffnung für die Welt?
Wann fangen wir an, unserem Glauben zuzutrauen, dass er uns wirklich befreit?
So vieles ist zu viel.
So vieles drückt uns und macht uns Angst, einsam und leer.
Dabei lebt mitten unter uns der, der den Tod überwunden hat. Noch einmal und ein bisschen anders Roger Willemsen:
„Wir wussten viel über unseren Glauben und fühlten wenig … Als brauchten wir, um danach zu leben statt der Auferstehungshoffnung einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. …
Wir waren jene, die von Jesus Christus wussten aber nicht verstanden … voller Informationen über den Heiligen Geist aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen über Nächstenliebe und Barmherzigkeit aber mager an Erfahrung.“
Wir waren die, die von einem neuen Himmel und einer Erde sangen.
Wir waren die, die unter Gottes Segen lebten.
Wir waren die, denen der Heilige Geist gesandt war.
Und mit denen, der Friede Gottes ist, der größer ist als unsere Zweifel und Berechnungen, als unser Kleinmut und auch als unser Verstand. Amen.

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  Trinitatis 2020

Trinitatis 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.06.2020

Trinitatis ist ein schwieriges Kirchenfest.
Es gibt keine spezielle biblische Geschichte und keine Bräuche wie zu Ostern oder Weihnachten, dafür Theologenmühsal. Man sieht die rauchenden Köpfe und Schriftsätze mit unzähligen Verbesserungen und Ausstreichungen, all die Versuche den allmächtigen himmlischen Gott, seinen menschlichen verletzlichen sterblichen Sohn und den heiligen Geist irgendwie mit dem Grundbekenntnis, dass wir doch nur an den EINEN Gott glauben, zusammenzubringen.
Heilige Dreifaltigkeit. Drei in einem. EINER in jedem. Man muss es glauben wollen und sollte einsehen, dass es unmöglich ist, sich ein Bild zu machen. Trotzdem sind unsere Kirchen, und nicht nur die, voller Bilder. Allein hier im Dom gibt es reichlich verschiedene und sehr anrührende Darstellungen des EINEN Gottes zu sehen. Sie sind Ausdruck dessen, dass wir Menschen trotz Gottes verschiedener Naturen Gottesbilder mit uns herumtragen. Menschen treibt, ergründen und wissen zu wollen, wem wir uns da mit Leib und Leben anvertrauen und in die Hände geben, wer unsere Wege lenkt.
Das ist schon aus Überlebensinstinkt nötig. Jede unserer Begegnungen ist doch davon geprägt, dass wir in Sekundenbruchteilen herausfinden müssen, mit wem wir es zu tun haben, wie sie oder er uns gesonnen sind, was der Andere als Nächstes tun wird.
Sollte das nicht erst recht für Gott gelten?
Müssen wir nicht ergründen wollen, ob er der ist, für den ich ihn halte?
Je nachdem, wie es uns ergeht, wird diese Fragen dringender und schärfer. Ist er ein blindes dunkles Schicksal oder doch nur ein ohnmächtiges Kind? Einer, der eifersüchtig über unsere Liebe wacht oder einer, wer weint, wenn er uns zusieht? Allmächtig und erhaben, rätselhaft, unbegreiflich, anders oder doch nur lieb?
So fragend merkt man immerhin: es kommt nicht darauf an, wie er aussieht, sondern, was er tut, wie er wirkt.
Darum ist es im ersten Moment womöglich verblüffend aber dann plausibel, dass uns an diesem Sonntag als eine Antwort, die sehr viel von dem enthält, was wir von Gott wissen können, der Aaronitsche Segen vorgeschlagen wird. Im vierten Buch Mose heißt es: Und der Herr sprach. So sollt ihr reden, wenn ihr segnet: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Gott behütet uns und wendet uns sein Gesicht zu, er lässt es leuchten.
Gott hebt sein Angesicht auf uns – als rückte er auf Augenhöhe, in Blickkontakt und schenkt Frieden.
In dieser Zugewandtheit zeigt und erklärt sich Gott.
Mit seinem Gesicht …
Darauf sollen wir hören, ausgerechnet in diesen Tagen, in denen wir das halbe Gesicht, Mund und Nase hinter einer Maske verbergen – und viel mehr Mühe haben als sonst andere zu entziffern.
Merkwürdig allerdings, dass wir damit nicht schon begonnen haben, als Apple auf seinen I-Phones die Gesichtserkennung, FaceID – das Gesicht als Ausweis, installierte. Perfekt vermessen gleicht unser Gesicht einem Barcode, mit dem sich womöglich noch viel mehr auslesen lässt als nur, ob genau ich das bin. TrueDepth, wahre Tiefe heißt diese Methode, mit der nicht die Oberfläche berechnet sondern möglichst auch Tiefenstrukturen unserer Identität ergründet werden sollen.
Es geht um Profile und Durchschaubarkeit, den fragwürdigen Versuch, vom äußeren Erscheinungsbild auf Wesen und Charakter zu schließen. Dieser mutmaßliche Zusammenhang ist so alt wie die Menschheit.
Darum nahm man an, dass schöne Menschen einen edlen Charakter haben…
Darum verwendete das griechische Theater Masken. Sie typisieren Rollen und verändern sich nicht.
Das lebendige Gesicht eines Menschen dagegen, erzählt seine Geschichte. Erst Mimik, Blick und Stimme im Kontakt zu anderen Gesichtern bringen ein menschliches Antlitz hervor. Ein lebendiges Gesicht zeigt und verbirgt, leuchtet oder verdunkelt.
Das ist das Bild im Segenswort!
Wenn Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt, dann sieht er uns an und nimmt uns wahr, sucht Begegnung. Das ist etwas ganz anderes als uns von Ferne auszulesen, um uns kontrollieren, vermarkten, bewerben zu können.
Unglaublich, dass Gott – der doch zu Mose sagte, mein Angesicht kannst Du nicht sehen – in diesem Segenswort sein leuchtendes Antlitz zuwendet. Es ist wie eine Versicherung heilsamer Nähe – und vielleicht eine ferne Erinnerung und zugleich Distanzierung von den Sonnengöttern in Israels Umgebung, in denen die Sonne als lebensnotwendige Kraft verehrt wurde, ohne die man nicht leben und der man doch nicht nah kommen kann.
Der EINE Gott ist ganz nah, in seinem Sohn und in dem Menschen neben uns.
Der EINE Gott ist ganz nah, auch in den trockenen Wüsten unseres Lebens. Dort hat der vertraute Segen seine Ursprungsgeschichte. Unter unsagbar lebensfeindlichen Bedingungen schenkt Gott den Menschen die bedingungslose Möglichkeit, einander zu segnen und gesegnet zu werden. Die biblische Wüstenwanderung dauert Jahrzehnte – ein Menschenleben lang. Alle sind unterwegs. Manche wissen noch, dass sie das Land der Freiheit suchen. Andere haben es längst vergessen und trotten vor sich hin. Manche träumen noch. Andere haben sich arrangiert mit dem wie es ist. So sind wir alle unterwegs, irgendwo am Anfang oder Ende unserer Beziehungen, mittendrin in Lebenskonstellationen, Erziehungsprozessen, Suchbewegungen, Ausbildungsverhältnissen, beruflichen Stationen, beim Altwerden, im Sterben. Wir alle sind unterwegs in dieser Geschichte Gottes mit uns Menschen.
Wann wenn nicht jetzt, wo so vieles seine Selbstverständlichkeit verloren hat, wo wir überhaupt nicht wissen, wo uns das alles hinführen wird, wird einem bewusst, dass Gottes Segen brauchen, um zu leben.
Sag es so, sagt Gott zu uns. Sag es dem neben Dir: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Trinitatis. Was für ein Gott ist er, wie wirkt er?
Im Segen blitzt es auf.
Gott zeigt, dass er durch uns wirkt dem neben uns zugute. Denn segnen kann jeder. Aber keiner sich selbst. Segen kann man nicht besitzen, verteilen oder vorenthalten. Segen fließt durch uns, aber er kommt nicht von uns sondern von Gott.
Deshalb hoben die Priester im Jerusalemer Tempel ihre Hände nie höher als bis zur Stirn, auf der Gottes Name geschrieben stand. Deshalb sind vielleicht gerade dann, wenn wir einander Segen zusprechen, Gott am Ähnlichsten.
Trinitatis. Heilige Dreifaltigkeit. Es gibt nichts zu sehen aber das Lebensnotwendige zu wissen. Gott schenkt uns seinen Segen durch den Menschen neben uns mit seinem Geist.
Auch jetzt, gerade jetzt.

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  Pfingstmontag

Pfingstmontag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.06.2020

Jan Vogler, ein fantastischer Cellist, sagte gestern im Radio-Café, er könne nicht für die Gestrigen spielen oder so musizieren, wie man vielleicht in zehn Jahren einmal hören wird, er spielt jetzt, für die Menschen jetzt – denn er ist nicht Komponist, sondern Interpret. Das könnte auch ein Merksatz fürs Bibellesen sein. Jetzt lesen, hier und heute darauf hören, was die Bibel sagt, so wird sie – genauso wie die Musik – lebendig. Und überraschend aktuell.
Der Predigttext, der in diesen Pfingstmontag, ins Irgendwo zwischen Anfang und Ende der Coronakrise spricht, steht im Johannesevangelium:
„Am Abend aber waren die Jünger versammelt und hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden. Da kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Da sitzen sie also in geschlossenen Räumen, verbarrikadiert, in Quarantäne und haben schreckliche Angst. Sie haben eine Schockerfahrung hinter sich. Sie trauen sich nicht raus. Sie fürchten sich. Und wissen nicht weiter.
Ewig geht das so nicht…
Irgendwann wird die Brust zu eng und die Luft knapp.
Irgendwann liegt die Angst ist wie ein schwerer Stein auf der Brust, drückt wie ein Kloß im Hals. So kann keiner mehr atmen. Atemnot kennzeichnet Corona und Angst gleichermaßen. Fulbert Steffensky, Theologe, Dichter und weiser alter Mann warnte deshalb dieser Tage: macht nicht die Angst zum Gott, nicht das Virus zum alles bestimmenden Götzen. Aber so leicht ist das nicht, wenn Angst Seele frisst.
In solcher Not sitzen die Jünger und sitzen wir.
Es ist kaum noch auszuhalten.
Schmerz und Sehnsucht treiben uns in die Ambivalenz von Resignation und Hoffnung, Einverständnis und Widerstand. So kann es nicht bleiben. Es muss anders werden. Es kann anders werden!
Da tritt Jesus mitten unter sie. Er durchbricht die Verbarrikadierung und Zurückgezogenheit und grüßt mit dem vertrauten: „Schalom!“ – „Friede sei mit euch!“
Mit dem Alltagsgruß bringt er Normalität zurück, erinnert die frühere Nähe. Schon das ein Aufatmen: Allein durch seine Gegenwart öffnet Jesus Chrustus die enge geschlossene Welt, macht sie weit.
Danach zeigt er ihnen seine Wunden. Daran erkennen sie ihn. Die Wundern erinnern sie an die gemeinsame Geschichte, an geteilte Geschichte. Wund sind die Jünger auch. Sie haben eine große Hoffnung begraben, geweint und gelitten. Sie wissen, was es heißt, wund und allein, krank und traurig zu sein. Zuerst erkennen sie sich danran: am geteilten Leid.
Aber nicht, um sich noch tiefer hineinzugraben!
Ihn anzusehen, hilft, die eigene Verletzlichkeit zu ertragen. Ihn anzusehen hilft, nicht nur zu verstehen, was wir sind – solche die krank werden können, an Leib und Seele, solche die friedlos, unbehaust, lieblos, einsam, hungrig sind … - ihn anzusehen, wie er da trotz allem steht, hilft zu verstehen, wie wir sein könnten, wie wir trotz allem gemeint sind: Lebendig und so, dass sich die Wirklichkeit ändert!
Weil wir eine Gemeinschaft von Verwundeten sind, sind wir auch eine Gemeinschaft der Auferstandenen!
Das kann den Blick freimachen! Das tröstet ungemein.
Aber davon sind wir noch nicht wieder draußen.
Allein davon geht es noch nicht wieder weiter hier unter uns.
Jesus Christus weiß das. Er schickt sie darum raus und los. Wieder teilt er mit ihnen seine Geschichte und seine Erfahrung: „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“
Und dann – ganz im Sinne von Jan Vogler – das Wunder für 2020:
„Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Ein Beatmungsgeschichte! Ausgerechnet! Es ist heilsamer Atem, der uns anweht, keiner der krank macht, keiner der Angst macht, keiner, der verantwortungslos und gefährlich ist, sondern Rettung! Er, der erstickt ist, schafft Zukunft durch seinen Atem. Ganz nah und sehr intim.
Ausgerechnet jetzt, wo wir uns nicht um den Hals fallen und in den Arm nehmen, rettet er durch körperliche Nähe, stillt Schmerz und Sehnsucht, weckt Hoffnung und Mut und schickt uns los, nach draußen, zurück ins Leben, das er mit uns teilt – so wie es ist unvollkommen aber nicht am Ende, voller Gefahren aber auch erfüllt vom Heiligen Geist .

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  Kantate 2020

Kantate 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.05.2020

Kantate - ausgerechnet! Leib- und Magensonntag am Braunschweiger Dom, an dem man eigentlich fast gar nicht predigen, sondern vor allem singen muss – aber nun sind wir aus der Gewohnheit gerissen und nicht nur die Jahresplanung ist hinfällig. Nichts geht einfach so wieder weiter.
Das merkt man nicht nur an am Stadtbild und der Sitzordnung, sondern auch beim Schreiben eines GD-Ablaufes: immerzu singen wir irgendwie hin und her, Kyrie und Gloria, Rahmen des Evangeliums, Zwischenruf in der Fürbitte – da sind die Lieder noch gar nicht bei und dann gibt es auch noch einen neue Reihe von Predigttexten – als hätte man geahnt, dass es in diesem Jahr ohnehin nicht wie immer in stetiger Wiederkehr weitergeht.
Ausgerechnet zu Kantate gibt es nun den alttestamentlichen Bericht der Tempelweihe. Meinem Gefühl nach hätte das besser in den Herbst zu Kirchweih / Kirmes gepasst aber wie so Vieles dies Jahr anders und intensiver klingt, weil die Wirklichkeit nach Deutung schreit, lohnt es auch hier hinzuhören.
Im zweiten Buch der Chronik wird erzählt:
„Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten … Und es versammelten sich beim König alle zum Fest … Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät…“
Ein Gotteshaus wird eingeweiht, so genutzt, wie es doch gedacht ist und ist endlich kein leerer Sakralbau mehr. Darum Menschen von überallher zusammen und bringen mit, was heilig ist und an diesen Ort gehört. Das ist sehr nah an unserer Situation heute: wir alle haben gewartet, dass die Glocken läuten und in die Stadt rufe: lasst uns das Haus Gottes mit Leben füllen!
Es war ein mühsames Warten, das Beherrschung im Wortsinne verlangt. Wie seinerzeit Salomo den Startschuss gab, so lag es auch jetzt bei der Obrigkeit. Die Verbindung zwischen oben und unten ist in den letzten Wochen steiler geworden. Das entspricht unserer Vorstellung von Eigenverantwortung und Bürgerrechten, Partizipation und Demokratie nicht wirklich und lässt sich nur aushalten, solange damit eine größere Not gebannt wird. Darum rufen wir noch „kommt!“ und nicht „kommt alle!“. Es würde zu eng.
Aber ansonsten: ja, es ist ein Fest! Gott zur Ehre, uns zur Erleichterung!
Es hat schmerzhaft gefehlt, gemeinsam Gottesdienst feiern zu können. Dass es diesen Schmerz wirklich gab, will mancher, der Kirche nun für endgültig irrelevant hält, nicht sehen. Recht hat der Kritik aber darin, dass wir Christen zu leise in die Schockstarre geglitten sind.
Immerhin, viele Menschen haben begonnen, eine eigene Glaubenspraxis für das Alleinsein einzuüben. Die einen haben Hausgottesdienste gefeiert, die anderen Fernsehgottesdienste angesehen, Menschen haben füreinander gebetet und dazu Kerzen ins Fenster gestellt. Wir haben dabei Kargheit erlebt und waren froh über den Schutz dieses Raumes.
Erst Ostern 2020 haben wir mit voller Kraft erlebt, was es bedeutet, sich von Angesicht zu Angesicht zu sagen: Der HERR ist auferstanden. Das alles waren Provisorien, ja, denn wir hatten anderes vor. Aber es waren nicht nur Provisorien, sondern wie Lade und Stiftshütte als portable Heiligtümer genau richtig für ein umherziehendes Gottesvolk waren, brauchten wir etwas, das taugt, wenn wir überhaupt nirgendwo rumziehen oder hingehen.
So kommen wir nicht mit leeren Händen an diesem Sonntag, sondern voller neuer Erfahrung, geschärfter Sinne und klarerem Blick für das, was nottut und wir zum Leben brauchen und das, was unnützer zeitraubender kraftzehrender Überfluss ist, Lärm macht. Wir kommen ein bisschen gereinigt und jedenfalls mit blitzsauberen Händen.
Und dann – so erzählt es das Alte Testament – hebt ein gewaltiges Spektakel an:
„Alle, die Sänger waren, standen, angetan mit feiner Leinwand, östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.“
Eh die Traurigkeit kommt, schnell weiterlesen:
„Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.“
Lasst es uns heute so hören: es braucht die Leiblichkeit und wirkliche physische Anwesenheit von Menschen, um Gottesdienst zu feiern. Das haben wir zu Recht entbehrt. Aber es muss nicht aus hundert Kehlen klingen. Es kann sogar sein, dass alle unsere Seelen in einem Ton singen und wir mit einer Stimme Gott loben so wie wir auch ganz allein mit Leib und Seele und unserer einen Stimme vor Gott treten konnten. Die Theologin Luise Schrotthoff hat nach einer schweren Krankheit, von der sie stets dachte, dass sie sie nicht treffen würde geschrieben: „Ich hatte auf einmal ganz andere Augen. Denn die die talmudischen Weisen haben gesagt: Lobt Gott mit allen Gliedern. Sie haben zweihundertachtundvierzig Glieder gezählt. Ich weiß jetzt, was sie meinen…“
Stimmbänder; Kehlkopf, Luftröhre, Lungen, Zwerchfell, Zunge, Lippen, Zähne – es fehlt sicherlich noch was – sind alles Glieder, die wir zum Gesang brauchen. Und Gott singend zu loben ist ein Glück und eine Freude! Aber wir haben noch viele Glieder mehr! Es wird uns etwas einfallen, Gott zu loben und unsere Seele zu erheben, ganz bestimmt!
Der alte Text weist noch eine Richtung, die gerade in diesem Jahr gut tut, denn es heißt weiter: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“
Es ist mitten in all den Klängen und Trompetensignalen, in all den Gesängen und der großen Musik ausgerechnet ein Sprechakt! In dem Moment in dem alle eines sind und Gott loben, in dem sich darin alle einander verbunden wissen, ist Gott gegenwärtig.
Die alte Geschichte schließt: „Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“
Gott ist so präsent, dass man nichts anderes wahrnehmen kann.
Den Israeliten, denen Gott in der Wolkensäule vorausgegangen war, war die Wolke ein Bild tiefster Vertrautheit. Mitten im Neuen, mitten im Ungewohnten gibt es ein uraltes Bild und eine gemeinsame Stimme, die Gott lobt und der sich alle Herzen anschließen.
Kantate 2020. So kann es sein.
Und 2021 werden uns die alten Texte dann hoffentlich wieder erklären dürfen, dass es am besten ist, Gott zur Ehre zu singen. Heute tun das für uns Solisten der Jugendkantorei und die Kantoren und wir jeweils mit unseren übrigen 238 Gliedern.
Amen

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  Lätare 2020

Lätare 2020

Lars Dedekind, Propst - 22.03.2020

Trost als Antwort auf die Angst
Als ich noch ein kleines Kind war, lebte unter meinem Bett ein Rudel Schattenwölfe. Gefährliche und finstere Gestalten, die immer dann hervorkamen, wenn meine Eltern das Licht ausgeknipst und die Tür zugezogen hatten. Ich erinnere mich, wie ich mir ängstlich die Bettdecke über Kopf zog, mich in meine Daunenhöhle kuschelte, damit mich die Schattenwölfe nicht finden konnten. Manchmal, wenn die irrationale, kindliche Angst zu groß wurde, bin ich wagemutig aus meinem Bett gesprungen und zu meiner Mutter gelaufen, um mich in ihrem Schoss zu bergen. Dort war ich sicher.
Gestern habe ich mich mit Menschen über ihre Ängste unterhalten. Keine Schattenwölfe, aber eine für uns im Alltag ebenfalls nicht sichtbare und doch sehr reale Bedrohung: das SARS-CoV-2, der Corona-Virus. - Einige meiner Gesprächspartner hatte ihre Angst dazu getrieben, sich in Chatforen und auf Internetseiten, wie sie meinten, tiefer mit den wahren Hintergründen der Corona-Pandemie auseinanderzusetzen. Das Resultat: sie hatten sich nun durch hanebüchenen Verschwörungstheorien auch noch mit dem Virus der Angst infiziert.
Wohin also, wenn die Angst übergroß wird? Wohin, wenn meine zwischenmenschlichen Kontakte heruntergefahren sind, ich alleine bin, allein zu Haus, allein mit meinem PC, allein mit all den irritierenden Botschaften aus den Weiten des Internets? Wo finde ich da Orientierung? Wer nimmt mir die Angst? Wer tröstet mich?
Im heutigen Predigttext heißt es: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)
Gott adressiert diese Trostworte an die Israeliten, die nach Krieg und langer Gefangenschaft in ihre zerstörte Heimat zurückkehren.
Trost und Zuwendung, wie sie eine Mutter gibt, können auch wir erfahren. Zum Beispiel wenn jeden Mittag um 12:00 Uhr die Glocken in unserer Stadt zum stillen Gebet läuten. Oder wenn Menschen einander kenntlich machen, dass sie gerade jetzt an die anderen denken, seien es Telefonanrufe, Videobotschaften oder auch das Applaudieren für die in der medizinischen Versorgung Tätigen jeden Abend um 21:00 Uhr vom geöffneten Fenster oder Balkon.
Trösten ist eine gute Antwort gegen die Angst. Denn Trösten ignoriert nicht die Angst, sondern lässt sie zu und kanalisiert sie neu. Trost erfahre ich, weil ich mich aufgehoben weiß beim Anderen - der mit mir fühlt, der an mich denkt - und weil ich mich aufgehoben weiß bei Gott.
Wer so getröstet ist, der überwindet die Angst. Wer so getröstet ist, weiß sich geborgen im Tod und im Leben, so wie es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 in seinem geistlichen Gedicht vier Monate vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 zum Ausdruck gebracht hat:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

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  Okuli

Okuli

Sabine Dressler, Oberkirchenrätin - 15.03.2020

Liebe Gemeinde,
eigentlich wären wir heute Morgen hier zusammen an diesem wunderschönen Ort, dem Braunschweiger Dom. Würden miteinander singen und beten, auf Gottes Wort und auf wunderbare Musik lauschen, würden einander begrüßen und uns über manches Wiedersehen freuen, würden uns miteinander im Abendmahl vergewissern, dass Jesus Christus mitten unter uns ist, uns aufnimmt, uns vergibt, uns schützt und tröstet, uns in Brot und Wein Stärke und Zuversicht gibt für das, was vor uns liegt.
Eigentlich wollten wir uns hier und heute in diesem Gottesdienst nicht auf uns selbst konzentrieren – womit wir oft schon mehr als genug zu tun haben. Sondern wollten den Blick richten auf eine besondere Region in dieser geschundenen Welt, und auf die Menschen dort, die geschunden sind an Leib und Seele. Wollten zeigen, dass wir eben weitersehen als auf das Eigene, wollten uns solidarisch zeigen mit denen, die zwar weit weg von uns leben, deren Leid uns aber durch die Nachrichten, die Bilder in den sozialen Medien und durch die politischen Debatten sehr nah kommen. Und deren katastrophale Situation von uns erwartet, im Namen der Menschlichkeit zu handeln. Eigentlich…

Nun ist alles ganz anders, jedenfalls bei uns.
Sie, die Gemeinde, sind nicht da, ich als Predigerin bin nicht da, in diesem Gottesdienst am 15. März 2020.
Die Ausbreitung des Corona-Virus hat dazu geführt, dass das öffentliche Leben massiv eingeschränkt wird, zum Schutz von uns allen.
Ich habe noch nie erlebt, dass flächendeckend auch Gottesdienste abgesagt wurden, und dies mit einer unvorstellbaren Schnelligkeit. Seit Freitagmittag hat eine Landeskirche nach der nächsten gemeldet, dass, um der der Verbreitung des Virus zu begegnen, auch Zusammenkünfte in unseren Kirchen nicht mehr stattfinden können. Weil wir uns gegenseitig schützen wollen und deshalb auch besonders Rücksicht nehmen auf Menschen, die einer möglichen Ansteckung nicht so viel entgegenzusetzen haben.

Während wir in der vergangenen Woche noch irritiert bis erschrocken auf die Bilder der italienischen Städte – Venedig, Mailand, Rom, Palermo – geschaut haben, wo nichts mehr geht als öffentliche Räume zu meiden und deshalb gähnende Leere und der Ausnahmezustand herrschen, mögen wir uns noch in Sicherheit gewähnt haben: so weit kommt das bei uns nicht. Das erreicht uns nicht.
Aber in einer mobilen Welt, an der wir alle mehr oder wenig exessiv teilnehmen, haben Viren es leicht, sich zu verbreiten.
Und so erleben wir jetzt das bisher Unbekannte, das uns verunsichert, das Angst macht. Das ruft bei den einen deshalb noch mehr Egoismus hervor, der bis zum Klau von Desinfektionsmitteln in öffentlichen Gebäuden reicht, während andere ihren Gemeinsam kreativ einsetzen und Einkaufshilfen anbieten für ältere, kranke, überlastete Nachbarn, für Alleinstehende oder Familien mit kleinen Kindern.

Was also tun, wenn dann auch noch Orte der Zuflucht und des Kraftschöpfens nicht mehr zugänglich sind, wie eben Kirchräume und Gottesdienste?
Im Zeitalter von Internet und Digitalisierung nutzen wir deshalb andere Wege, wie diesen, das gemeinsame Hören – oder Lesen – von Gottes Wort am Bildschirm, und hören auf die Ansagen aus dem Buch des Predigers, im 3. Kapitel. Der sagt:

„Für alles gibt es eine bestimmte Stunde.
Und jedes Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Zeit:
…Eine Zeit zum Weinen
und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen
und eine Zeit zum Tanzen…
Eine Zeit, sich zu umarmen,
und eine Zeit, sich zu trennen….
Eine Zeit zum Schweigen
und eine Zeit zum Reden.
(Prediger 3, 1.4-5.7.)

Unterbrochen im Rhythmus unseres Alltags und unserer Gewohnheiten ist Zeit für etwas anderes, Gegenteiliges, Ungeübtes, vielleicht schon Vergessenes. Bei aller Verunsicherung: Auch diese Zeit ist unsere Zeit, ist Gottes Zeit, ist uns geschenkte Zeit: zum Weinen – und hoffentlich auch noch Lachen – zum Tanzen – das geht auch im eigenen Wohnzimmer – zum Umarmen und zum Erfinden von neuen Gesten des Ausdrucks der Freundschaft – zum schweigenden Nachdenken, zum Einanderanderzuhören statt hektisch von einem Termin zum nächsten zu hetzen.
Ganz sicher erleben wir eine Zeit, die sehr anders ist, als wir sie uns vorgestellt hatten, etwa wenn Familienfeiern oder ein besonderes Ereignis, auf das wir uns lange gefreut haben, nicht stattfinden können. Wenn Kinder schon halb den Koffer gepackt hatten, um Freizeiten oder Ferien an einem schönen Ort zu erleben und diese nun gestrichen sind. Wenn Organisationen ihren Mitarbeitern/innen Reisestopp verordnen oder sie gar ganz nach Hause schicken und bestimmte Abläufe nicht mehr funktionieren, wichtige Termine nicht stattfinden können. All das bedeutet Stress, schlechte Laune, Panik.
Aber, nochmal anders ist es, wenn Arbeitsalltag und Familienleben komplett umstrukturiert werden müssen, weil Kitas und Schulen geschlossen sind.
Für viele sind die Absagen von Veranstaltungen, das Schließen von öffentlichen Einrichtungen, von Geschäften, Restaurants und Kneipen existenzgefährdend.
Ärzte und Pflegepersonal müssen sich auf große Herausforderungen in der medizinischen Versorgung einstellen.
Wer erkrankt ist, braucht hingegen die ganze Aufmerksamkeit und Liebe derer, die sich um sie sorgen und für sie sorgen.
Vor allem aber brauchen sie und die vielen Menschen, die jetzt hochbelastet sind, unsere Solidarität und Unterstützung.
Wenn wir uns also zurückziehen, zu Hause bleiben, quasi zwangsentschleunigt werden, dann heißt das noch lange nicht, dass wir nur noch um uns selbst kreisen sollen. Im Gegenteil.
Versuchen wir, erfinderisch zu sein in neuen Formen von Gemeinschaft, von Mitgefühl, vom Für-einander-Dasein.

Eigentlich, so hatte ich begonnen, wollten wir heute und hier etwas anderes tun: für Menschen in Syrien, die seit 9 Jahren! einen der schlimmsten Kriege erleben, beten. Wir wollten an die humanitäre Katastrophe erinnern, die in der nordsyrischen Provinz Idlib stattfindet, schon seit langem. An die Kinder, Frauen und Männer, die vor den Bomben des syrischen Regimes, den Bomben Russlands und der Türkei bis an die türkische Grenze geflohen sind und die jetzt in der Falle sitzen, in der Kälte, wo die Babies erfrieren, im Dreck, in Schutt und Asche. An sie, die nirgends mehr hinkönnen, wollten wir erinnern. Manche von ihnen haben versucht, über die Grenze zu gelangen, um dem Terror zu entfliehen. Vermutlich hätte ich das auch versucht, wenn ich seit Jahren auf der Flucht wäre und niemand, wirklich niemand da ist, der mir hilft. Wenn das einzige, was noch am Leben hält, die Hoffnung ist, dass es auf der anderen Seite eine wenn auch noch so geringe Chance auf Zukunft gibt.
Aber die andere Seite, auf der wir auch stehen, macht die Grenzen dicht, noch dichter. Nicht noch mehr Flüchtlinge, nicht noch mehr Probleme, nicht erkennen müssen, das ihr Schicksal etwas mit uns zu tun hat, nicht teilen müssen, was wir haben und meinen, dass es uns ewig gehört…
Eigentlich hatte ich Ihnen auch von der früheren Schönheit dieses kaputten Landes erzählen wollen, von der Schönheit seiner uralten und ganz modernen Kultur, von vielen wunderbaren Menschen, von denen ich auch manche persönlich kenne. Wir hatten dafür ein Materialheft im Dom ausgelegt, dass Ihnen einiges davon hätte vermitteln sollen. Immerhin gibt es dieses auch online, so können Sie es sich hier anschauen: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/reminiszere_2020_syrien.pdf

Eigentlich sollte diese Woche ganz anders beginnen…
Was aber – und das lehrt uns ein Krieg oder ein Virus – egal zu welcher Zeit und unter welchen Umständen für uns alle lebensnotwendig ist:
das ist Gemeinschaft, das ist das Bewusstsein dafür, dass wir aufeinander angewiesen sind. Das ist Achtung und Respekt vor dem Leben unserer Mitmenschen, ob neben mir oder weit entfernt, das ist Mitgefühl und die Fähigkeit, von mir selbst absehen zu können, wenn jemand anderes, jemand Verletzlicheres, mich braucht, egal, wer er ist, egal, woher sie kommt. Und das nicht eigentlich, sondern tatsächlich, immer, überall.
Bleiben Sie wohlbehalten in aller Zeit,
Amen.

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  Invokavit

Invokavit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.03.2020

Passionszeit. Wir gehen Stück für Stück, Schritt für Schritt mit nach Golgatha. Bis wir am Karfreitag unterm Kreuz stehen und wieder versuchen müssen, zu begreifen, was das mit uns zu tun hat, mit unserer Schuld, mit unserem Leben.
Wir werden unterm Kreuz stehen, wir, Sie und ich, obwohl wir uns Mühe geben, anständige Menschen zu sein, richtig zu machen, was in unserer Hand liegt, gut zu sein zu denen, die wir lieben, fair zu denen neben uns.
So schlimme Figuren sind wir doch eigentlich nicht.
Muss tatsächlich einer an unserer Stelle den Foltertod sterben? Genügt es nicht, dass auch wir alle sterben müssen und dass wir alle Menschen an den Tod verlieren? Genügt es nicht, dass wir mir Krankheiten zu kämpfen haben, mit Krieg und Flüchtlingsleid, Hunger, Angst, Einsamkeit? Genügt es nicht, dass wir merken, dass wir immer wieder Versuchungen erliegen, mit uns selbst unzufrieden sind, uns Sorgen machen, wie es weitergehen soll, wenn wir uns nicht endlich ändern…?
Sind wir trotzdem daran schuld?
Große Fragen, die wir mitschleppen durch die Passionszeit; Fragen, die in diesen Wochen eher schwerer werden und heute sehr grundsätzlich eingeführt werden: mit dem Anfang, mit Adam und Eva und der Schlange.
Sie haben die uralte Geschichte, die wir den Sündenfall nennen, obwohl von Sünde darin gar keine Rede ist, eben schon gehört. Lassen Sie uns noch einmal ein bisschen genauer hinhören – nicht wie man auf eine uralte Geschichte hört, sondern als solche, die wir heute sind: im März 2020 am Anfang der Passionszeit – in einer der reichsten Gegenden der Erde, wo Menschen nicht hungern, sondern abnehmen wollen, sich viele nicht krumm und lahm arbeiten sondern eher keine Ort finden, wo sie gebraucht werden, wo wir Angst vor einem Virus haben und uns fragen, ib wr gerade in einen Blockbuster geraten, wo wir nicht begreifen, wie die gründlich die Digitalisierung unser Leben verändert, wo Hanau ein Problem markiert, dass kein Einzelner hatte sondern wir alle und wo das Bundesverfassungsgericht Selbstbestimmung, Autonomie so stark aufgewertet hat, dass einem mulmig werden kann, wohin das führen wird.
Da flüstert uns die Schlange, das Böse, der Größenwahn, unser alter oder unser aller Ego ein: „Sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht alles?“
Sollte uns tatsächlich etwas verboten sein? Gibt es womöglich wirklich Grenzen dessen, was Menschen dürfen, Tabus, unberührbar, heilig, unverfügbar, nicht von uns gesetzt?
Eva antwortet so, wie wir das wahrscheinlich auch tun würden: Eigentlich können wir alles, wir machen es ja auch. „Wir essen von den Früchten der Bäume in Gottes Garten.“
Aber:
Wir ahnen, es gibt einen Kern, an den sollten wir nicht rühren.
Wir wissen, wenn wir es tun, dann passiert Unabsehbares, dann können wir die Folgen nicht abschätzen, schon gar nicht einfangen.
Wir spüren, es braucht eine höhere Instanz, die diesen Kern schützt und uns zurückhält, uns zu vergreifen.
Und auch: Wir sind nicht wie Gott, nicht ewig, nicht allmächtig, nicht allwissend.
Wir verstehen, dass dieser Kern mit der einzigen Warnung markiert ist, die uns Menschen wirklich schreckt: Achtung! Lebensgefahr! „Rühret nicht daran, dass ihr nicht sterbet!“
Aber die Schlange weiß, was wir auch wissen: Es kommt auf einen Versuch an.
Erst probieren wir mal, ob der Weidezaun, der unter Strom steht, wirklich so weh tut.
Dann probieren wir mal, was passiert, wenn wir die Gene von Saatgut verändern.
Dann gucken wir mal ganz vorsichtig, wie das beim Menschen wäre.
Erst lesen wir heimlich Postkarten. Dann spähen wir einander aus. Und schließlich geben wir freiwillig alle Daten preis, die man über uns wissen kann.
Erst stellen wir spannende theologische Fragen. Dann erklären wir, dass es Gott nicht gibt, dann setzen wir die Autonomie des Menschen absolut.
Und die Schlange hat offenbar recht: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben.“
Darum treibt sie es weiter. Sie rührt an unsere Neugier, unseren Wissensdurst und Größenwahn, der uns die Vorsicht und alle böse Ahnung vergessen lässt: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“
Die Sehnsucht zu wissen und zuerkennen ist eine ungeheure Triebkraft. Menschen haben wahnsinnige Expeditionen gewagt, Experimente, Selbstversuche, sind Risiken eingegangen, haben Schmerzen ausgehalten – nur um zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.
So kommt, was kommen muss. Die Frau isst und der Mann auch. Sie rühren an den Kern, die Mitte. Aber es geschieht etwas anderes als erhofft: Adam und Eva werden nicht allwissend. Sondern sie werden gewahr, „dass sie nackt waren“.
Als sie an das Tabu gerührt haben, merken sie, merken wir, dass wir schutzlos sind, nackt, verletzlich, ausgeliefert – keineswegs Herren über Leben und Tod, Gut und Böse. Wir haben gelernt zu hören, sie täten das aus Scham. Aber davon ist nicht die Rede. Erzählt wird nur: sie machen sich Schurze, versuchen also ihre Nacktheit, ihre totale Blöße zu verbergen.
Erst voreinander, dann vor Gott.
So kommt es, dass Gottes allererste Worte an uns Menschen überhaupt – und auch die ersten, die wir am Beginn dieser Passionszeit, am Anfang des Fragens danach, warum Jesus Christus um unseretwillen am Kreuz sterben muss, hören:
„Wo bist du?“
Ja, wo sind wir? Wo sind wir nur hingeraten? Hinter welchen Schutzwallen, Argumentationsketten, hinter welchem Selbstbetrug haben wir uns eigentlich versteckt? Wie schlimm ist es gekommen, dass wir Gottes Nähe nicht suchen, sondern ihm lieber aus dem Weg und aus den Augen gehen?
Hier könnte alles zuende sein. Gott könnte uns aufgeben, sich abwenden uns unseren Irrwegen und Irrtümern, uns uns selbst und all unserem Autonomiestreben überlassen. Aber er tut es nicht. Er ruft.
„Wo bist du?“
Und wir können es hören und ahnen, was wir angerichtet haben. Wir Menschen wissen, dass Gott uns sieht, weil er ja um uns weiß. Wir haben nicht in der Hand, seine Gegenwart, seine Frage abzustellen. So antwortet Adam auch. Es ist ein Geständnis, wie man es abgibt, wenn man nicht weiter weiß.
Was dann folgt ist eine andere – im Wortsinne peinliche, qualvolle, schmerzhafte - Geschichte. Keiner übernimmt Verantwortung. Schuld wird immer weiter geschoben, bis sie bei dem landet, der diesen und allen anderen Versuchungen widersteht, der die Schuld auf sich nimmt und trägt. So endet der Tabubruch in unserer Wirklichkeit:
Es gibt giftige Schlangen, Mühsal, Schmerzen, Machstrukturen, Schweiß, Dornen.
Es gibt Kinder, Brot, Leben.
Wir werden sterben. An Organversagen oder Lebensmüdigkeit, an Leere oder Überfluss, denn „Staub sind wir und zum Staub kehren wir zurück.“ Und es bleibt dabei. Bis Ostern. Dann wird Gott sich erbarmen und ein Wunder tun. Er. Nicht wir.




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  Bachzeit März

Bachzeit März

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.03.2020

Aus der Tiefe rufe ich Herr, zu dir…
Aus der Tiefe der Ratlosigkeit und der Grenzen dessen, was wir überschauen können, mittragen, verantworten – vielleicht auch fühlen.
Aus der Tiefe all der Irritationen, die wir erleben und die uns zurückwerfen auf unsere Grenzen und unsere Endlichkeit, rufe ich zu Dir Herr!
So ist die Kantate überschrieben – als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass wir Gott suchen, wenn wir nicht weiterwissen, als würden wir nicht eigentlich denken, selbst gebildet, verantwortlich, autonom genug zu sein, um letzte Fragen zu ordnen, letzten Ängsten ins Gesicht zu sehen.
An diesem ersten Sonntag der Passionszeit geht es um Versuchung. Eine ist die, Herr über Leben und Tod sein zu können.
Letzte Woche hat das Bundesverfassungsgericht das Recht den eigenen selbstgewählten Tod zu sterben bestätigt … - das Thema stand aus gutem Grund auf der Tagesordnung: Denn es gibt Menschen, die sterben wollen und dabei Hilfe erbitten. Am Freitag habe ich hier eine kleine Andacht dazu gehalten und begonnen, dem schweren Thema nachzugehen, seinen Tiefen nachzuspüren - Tiefen des Schmerzes, der Unsicherheit, des Zweifels – Untiefen.
Ich will noch einmal dort anknüpfen. Predigend nach Antworten suchen, wohl
wissend, es könnte sein, dass ich dabei versucht werde, auf das Falsche zu hören…
Darum: Lass deine Ohren Gott, merken auf die Stimme meines Flehens.
Erlaube, dass wir vor dir aussprechen, was wir allein nicht fertig denken können, hilf uns einen Weg zu finden, bei dem wir uns nicht vor dir verstecken müssen – aber eben auch nicht vor denen, die in solcher Notlage sind.
Ich fange beim Sterbenwollen an. Als Pfarrerin bleibt man in aller Regel nicht verschont davor, einen Menschen beerdigen zu müssen, der sterben wollte – nicht alt und lebenssatt – sondern, weil er nicht mehr weiterleben wollte, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie Leben überhaupt weitergehen noch kann. So stand ich vor vielen Jahren am Grab einer Frau. Die Frühlingssonne schien und die Luft war mild. Niemandem wäre es eingefallen, ihr die Beerdigung mitten auf dem kirchlichen Friedhof zu verwehren, weil sie Selbstmord begangen hatte.
Gott sei Dank.
Keiner verurteilte diese arme Frau. Keiner sagte, dass sie das nicht hätte tun dürfen. Aber alle fragten sich: Wie hatte es sein können, dass mitten unter uns eine nicht mehr weiterleben will, wie hatte es sein können, dass man so nah beieinander lebt und doch so wenig von der Verzweiflung des anderen weiß. Wie hatte es sein können, dass das Luft von Leben erfüllt war und sie so allein starb? Es fühlte sich schrecklich falsch an. Hätten wir ihr leben helfen können?
Erbarm dich mein in solcher Last! Nimm sie aus meinen Herzen…“
So erklingt es in der Kantate heute.
Wäre es einfacher gewesen, wenn die Frau totkrank am Leib gewesen wäre, nicht an der Seele? Wenn sie Tabletten genommen hätte, um dem Krebs ein Ende zu machen? Macht das einen Unterschied?
Hat dieser Fall mit der aktuellen Debatte weniger zu tun, weil dieser Mensch sich selbst umbringen konnte? Wo geht die Grenze lang? Was darf ein Mensch tun, was nicht?
Aus der Tiefe rufe ich Herr…
„Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.“
Wir haben uns damals an ein Jesuswort aus dem Johannesevangelium gehalten. „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Vor ihm und seiner Wahrheit müssen wir verantworten, was wir tun. Bei ihm ist unsere Wahrheit aufgehoben, wie einsam sie auch immer sein mag.
Das gilt für die, die sterben wollen, denn keiner von uns kennt ihre Wahrheit, ihren Schmerz und kann ermessen, was sie durchgemacht haben, was ihnen die Kraft zum Leben genommen, den Mut zu Sterben gegeben hat.
Ihre Tiefe hatten wir nicht durchschritten.
Aber es gilt auch uns: Wir haben die eine Wahrheit nicht zur Verfügung. Wir haben nicht das letzte Wort über Leben und Tod. Wir können Leben nicht ermöglichen.
Wir sind Menschen.
Wir sind ganz und gar an der Grenze, dessen was wir können und dürfen, wenn Menschen sterben und wir spüren das zutiefst, wenn sie nicht alt und lebenssatt sterben, sondern gehen, weil sie nicht mehr weiterkönnen.
Das passiert ja, immer wieder.
Dieser Tage hat das Bundesverfassungsgericht bestätigt, was wir schon längst leben, seitdem wir Menschen, die Hand an sich selbst gelegt haben, nicht mehr außerhalb der Friedhofsmauer beerdigen: solches Sterben dürfen wir nicht kriminalisieren. Der Staat ist nicht Herr über Leben und Tod. Darum wird man von nun straffrei beim Sterben helfen dürfen.
Was jetzt?
„Herr, höre die Stimme meines Flehens!“
Herr höre unsere Bitte für eine Wegweisung, die barmherzig ist und doch vor deinen Augen bestehen kann. Ich finde dafür eine erste Markierung in dem Satz aus dem Urteil: „Selbstbestimmung ist relational.“
Selbstbestimmung löst unsere Beziehungen nicht auf – nicht die zu den Menschen, nicht die zu Gott. Selbstbestimmung ist geprägt von diesen Beziehungen. Darum werden wir auch durch den Schutz der Freiheitsrechte und Autonomie des Einzelnen nicht zu Herren über Leben und Tod. Keiner von uns kann seinem Leben eine Stunde hinzufügen oder wegnehmen. Keiner lebt sich selbst.
Wir sind – Gott sein Dank - auch in der größten Not aufgehoben in der Beziehung zu Gott. Ihm bleibt vorbehalten, ob er einen Mensch heimholen will oder nicht. Wir mitgehen, bis zu dieser Grenze.
Und dort klingt es – so wie es in der Passionszeit immer deutlicher zu hören ist, weil wir auf Gnade angewiesen bleiben, so oder so – „aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir.“
Vielleicht ist Ihnen das als Antwort zuwenig. Mir auch. Ich ahne, dass eine Antwort von Ostern herkommt. Sie scheint in diese Welt. Aber sie ist nicht von dieser Welt. Amen

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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.02.2020

Sie haben den Bericht des Lukas eben schon gehört. So alt er ist, es braucht nur kleine Varianten und schon klingt es verstörend aktuell. Es ist uns gesagt: Es wird alles vollendet werden, alles eintreten, was Mahner und Analysten nun schon lange beschwören … er, sie werden Menschen ausgeliefert sein, die nicht denken können und wollen, dass die Würde eines jeden unantastbar ist, die ihre eigene Weltsicht absolut setzen und glauben, andere verspotten und misshandeln, hinrichten zu dürfen und sie werden geißeln und töten. Die Jünger aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Das ist im Sprachgebrauch der Bibel eine Leidensankündigung – Worte zum Hören für alle, die die Katastrophe nicht kommen sehen: Jesus zieht nach Jerusalem, er liefert sich und Menschen aus und stirbt daran.
Jetzt beginnt es wieder. Die alte Geschichte des Lukas ist nicht vorbei.
Er hatte gesagt, was ihr einem meiner geringsten Brüder tut, dass tut ihr mir.
Was ihr einem anderen Menschenkind antut, das tut ihr mir an.
Wenn ihr einen von ihnen tötet, dann tötet ihr mich.
Seine Brüder in Hanau waren Gökhan, das Glücksind, der sich gerade verloben wollte und Ferhat, der junge Anlagenmechaniker, der Stolz der Familie. Dann ist da noch Mercedes, eine junge Mutter und Faith und noch sechs Menschen mehr. Sie eint, dass sie die falsche Haut- und Haarfarbe hatten, mutmaßlich die des Juden Jesus.
Und die anderen? Sie verstanden nichts. Sie begreifen immer noch nicht, was offensichtlich passiert und möglich ist. Und ja: Ich habe die Auferstehungsankündigung weggelassen. Das ist noch keine Ostergeschichte.
Erstmal geht das so weiter:
Die Unverständigen und Begriffsstutzigen, die Jesu Worte gehört und sein Tun gesehen hatten, die Gottes Nähe unmittelbar erleben, die seine Nachfolge organisieren werden, fühlen sich gestört von einem, der schreit.
Ein Blinder, der nichts sieht, der kein Bild von Jesus Christus hat, nur Worte, die er hört – der aber Unruhe und Bewegung spürt und näherkommen will. Aber er wird abgedrängt, von denen, die sich für die Mitte halten...
Der Blinde weiß, dass er am Rand steht, weil er von sich weiß, dass er nichts sieht, dass er sich nicht auf Augenschein verlassen kann.
Aber er hört Nuancen:
Er hört, dass hochrangige Politiker nach Hanau noch immer von Fremdenfeindlichkeit statt von Rassismus reden. Als wären Menschen, die hier aufgewachsen und Zuhause sind, Fremde. Er hört Reden als wären Migranten eine Gruppe, ein Haufen, eine undefinable Masse – nicht Individuen, jede und jeder einzigartig, mit Würde begabt. Der Blinde hört zu und fragt sich: sind Arabisch und Türkisch weniger wertvolle Fremdsprachen als Englisch, Französisch oder Spanisch. Ist Zweisprachlichkeit nur dann ein Bildungsgut, wenn es um die westliche Welt geht? Er hat schon lange zugehört, wenn über das Deutschland als Einwanderungsland geredet wurde und man die Migration als Mutter aller Probleme beschrieb. Er spürte die Kälte des Hasses und wunderte sich, dass man das verharmlosen kann.
Aber auch:
Er fühlt Unruhe. Er fühlt, dass Gott da ist und nah, dass in Gottes Nähe Anderes möglich wird, weil er Wege der Friedfertigkeit, der Gewaltlosigkeit, der Barmherzigkeit, der Liebe geht. Er spürt, dass da einer Menschen bewegt …
Mag er auch nichts sehen, er weiß, mit diesem ist die Wahrheit.
Vielleicht weiß er es ja, weil er sich nicht mit massenhaft Bildern zumüllt, die Selbstperfektion suggerieren, die Wirklichkeit verzerren, Angst schüren, Kampagne machen. Vielleicht weiß er es, weil er nicht sehen kann und seinen Ohren trauen muss, weil er dem Wort glaubt und also ruft er nach Jesus Christus.
Je mehr man ihn mundtot machen will, desto mehr schreit er:
„Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Und fragt ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.“
Fast möchte man sich wundern. Dieser Blinde sieht doch schon klar und begreift. Und Jesus sieht das wohl auch. Denn was passiert ist kein Wunder, es gibt keine Handauflegung, keine Geisteraustreibung. Eher Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist eine Vergewisserungsgeschichte. Denn Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
Dieser Mensch will sehen lernen! Dieser will mit weit offenen Augen durch die Welt gehen und erkennen, was ist. Dieser will genau hingucken. Wollen wir das auch?
Wollen wir sehend werden? Es wird wehtun. Es wird schmerzen. Es wird schwerer.
„Es kann nicht Aufgabe sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen … man muss ihn im Gegenteil wahrhaben wollen und … damit wir sehen können, wahr machen.“
So Ingeborg Bachmann 1958 in einer Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Ausgerechnet. Zu denen, die nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts nichts mehr sehen, sagte sie brennend aktuell:
„Denn wir wollen alle sehend werden. … Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und sie schließt: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt…“
Es ist eine Trostrede an die, die ihr Augenlicht verloren haben und an die, die keiner fragt. Und es ist eine Ermutigungrede an die, die ihre Augen verschließen, die nicht wissen wollen, was sie sehen.
Ingeborg Bachmann selbst, war eine, die sehen konnte aber den Schmerz und die Dunkelheit nicht ausgehalten hat. Sie starb nur 47-jährig nach einem Brand, schmerzunempfindlich in der Folge ihrer Tablettenabhängigkeit.
Wollen wir also wirklich sehend werden? Trotzdem?
„SEHT!“ Heißt es über dieser Woche. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.“
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo Menschen diesen exemplarisch Unschuldigen ans Kreuz nageln werden.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo dieser eine, der wirklich ein menschliches Antlitz hat, durch das Dunkel gehen wird, damit wir sehen können.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo der Himmel sich verfinstern wird und doch der Ostermorgen anbricht.
SEHT, es helfen auf diesem Weg keine Zauberkunst und keine Wunder, keine Machtstreitereien – es hilft nur der Glaube an den, der gelehrt hat:
Was SIEHST du den Splitter im Auge der anderen und den Balken in deinem eigenen Auge SIEHST du nicht? Dieser fragt uns: Was willst du, dass Gott für dich tut?
Es wäre schon gut, wenn auch wir endlich SEHEN wollten, wenn auch wir uns von unserem Glauben helfen lassen wollten?

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  Ansprache über J. S. Bach „Herr, bleibe bei uns“ (BWV 6)

Ansprache über J. S. Bach „Herr, bleibe bei uns“ (BWV 6)

Britta Taddiken, Pfarrerin Thomaskirche (Leipzig) - 02.02.2020

Chor:
Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.

Arie Alt:
Hochgelobter Gottessohn, lass es dir nicht sein entgegen, dass wir itzt vor deinem Thron eine Bitte niederlegen: Bleib, ach bleibe unser Licht, weil die Finsternis einbricht.

Choral Sopran:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist, dein göttlich Wort, das helle Licht, laß ja bei uns auslöschen nicht.
In dieser letzt'n betrübten Zeit verleih uns, Herr, Beständigkeit, dass wir dein Wort und Sakrament rein b'halten bis an unser End.

Rezitativ Bass:
Es hat die Dunkelheit an vielen Orten überhand genommen. Woher ist aber dieses kommen? Bloß daher, weil so wohl die Kleinen als die Großen nicht in Gerechtigkeit vor dir, o Gott, gewandelt und wider ihre Christenpflicht gehandelt. Drum hast du auch den Leuchter umgestoßen.

Arie Tenor:
Jesu, laß uns auf dich sehen, dass wir nicht auf den Sündenwegen gehen. Lass das Licht deines Worts uns heller scheinen und dich jederzeit treu meinen.

Choral:
Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, der du Herr aller Herren bist; beschirm dein arme Christenheit, dass sie dich lob in Ewigkeit.


Die Emmausjünger (Lukas 24,13-35) - Evangelium für den zweiten Osterfesttag:
Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.


Liebe Gemeinde,
ich bin jetzt im zehnten Jahr in Leipzig – aber ich habe es noch nie zur Weihnachtszeit bis ins Erzgebirge geschafft. Am heutigen 2. Februar feiert man dort ausgiebig das Ende der Weihnachtszeit. Um 18.00 Uhr werden in den Kirchen die Weihnachtspyramiden angehalten. Die Weihnachtsbäume verlöschen mit dem Ruf: „Licht aus!“ Nun, in diesem Jahr ist es wieder nichts geworden, denn ich bin ja hier. Was auch schön, mindestens genauso schön. Denn: Mit Blick auf die Kantate für den zweiten Osterfesttag könnte man meinen, lieber Gerd-Peter Münden, Ihr seid hier in Braunschweig Eurer Zeit weit voraus.
Nun, aber wie wir gleich sehen und hören werden, gibt es in der Tat gute Gründe dafür, diese Kantate in der liturgisch und vielleicht auch anderweitig lichtlosen Zeit aufzuführen. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ – so bitten die Emmausjünger den Auferstanden. Noch haben sie ihn nicht erkannt. Aber offenbar haben sie schon gemerkt, dass langsam Licht hineinkommt in ihr verdunkeltes Gemüt. Haben angefangen etwas zu verstehen von diesem unbekannten Begleiter Richtung Emmaus. Er legt ihnen alles aus, den „Toren zu trägen Herzens“ und fängt ganz von vorne an: Bei Mose und den Propheten. Die Dinge sortieren im Leben und plötzlich fällt Licht herein – eine Erkenntnis, für die man nicht Christ sein muss. Die Jünger merken, wie gut ihnen das tut und wie sehr sie das brauchen: „Bleibe bei uns denn es will Abend werden.“
Genau darauf spitzt diese Kantate sich zu. Dass wir das brauchen, das unsere zu trägen Herzen wieder auf Trab gebracht werden und anfangen zu brennen. Und so ist unter anderem heute genau der richtige Zeitpunkt, diese Kantate aufzuführen. „Es will Abend werden“. In Bachs Zeit war die die Nacht, die Dunkelheit ein Symbol für die Sphäre der Verunsicherung und Versuchung. Oder für die eigene Endlichkeit. Das alles klingt in Musik und Worten mit, wie ein roter Faden zieht sich die dringende Bitte hier durch, in all dem geleitet zu sein, die Richtung zu erkennen. Dass das Licht eben nicht aus ist, sondern an, wirklich an. So wird die dringende Bitte der Altarie „Bleib, ach bleibe unser Licht“ im ersten Choral noch gesteigert: „Weil es nun Abend worden ist, dein göttlich Wort, das helle Licht, lass ja bei uns auslöschen nicht.“ Dass es ja nicht ausgehe! Denn in der Tat ist es so, wie der Bass weiß: „Es hat die Dunkelheit an vielen Orten überhand genommen.“
An einem der dunkelsten Orte der Menschheitsgeschichte wurde in letzter Woche dessen gedacht – in Auschwitz. Es wurde gedacht dessen, wohin es führt. Wohin es führt, wenn wir Menschen zulassen, dass die finsteren Schmuddelecken, die wir alle in uns haben, ungeniert ans Licht kommen: Hass, Häme, andere abwerten um uns gut, groß und richtig zu fühlen, Schadenfreude, Rachegedanken, Größenwahn und das Verlangen, einen Sündenbock für all das zu suchen, womit wir in uns selbst unzufrieden sind. All das hässlich dunkle Potential in uns, das in manchen Bach-Kantaten ja noch viel drastischer bezeichnet wird als in dieser, z.B. als „stinkender Sündenpfuhl“. Hier im Bassrezitativ geht es eher vornehm zu: Dass es so viel Dunkelheit gibt, weil alle „nicht in Gerechtigkeit vor dir, o Gott, gewandelt und wider ihre Christenpflicht gehandelt“ hätten. Aber es ist einfach viel mehr als das. Es ist das, was aus Menschen immer wieder herausbrechen kann. In Auschwitz wurde immer wieder zurecht beton: „Es ist geschehen - und daher kann es immer wieder geschehen.“ Und Bundespräsident Steinmeier hat in seiner bemerkenswerten Rede im Bundestag gesagt: „Ich wünschte, ich könnte sagen: Wir Deutschen haben verstanden.“ Aber wo sich Hass und Hetze wieder ausbreiten, wenn das Gift des Nationalismus wieder in Debatten einsickert, auch bei uns", dann sei das nicht so einfach. Die "bösen Geister der Vergangenheit" zeigen sich heute im "neuen Gewand", mahnt Steinmeier, sie präsentieren ihr "völkisches, ihr autoritäres Denken als Vision, als die bessere Antwort auf die offenen Fragen unserer Zeit". Ein Appell, genau hinzuschauen bei Licht, der sich in einem Satz bündelt: Seine Sorge sei nicht, dass die Deutschen die Vergangenheit leugneten. Sondern "dass wir die Vergangenheit inzwischen besser verstehen als die Gegenwart".
Ein starker Satz! Licht an, wo es antisemitische Bemerkungen und Übergriffe auf Schulhöfen gibt. Licht an, wo demokratische Prozesse und Errungenschaften verächtlich gemacht werden. Licht an, wo Hass und Hetze in Sprache und Gedanken einsickern. Licht an und erkennen: Wo ist der Punkt, wo das kippt. Wo ist der Punkt, wo andere anfangen mitzumachen. Weit vor diesem Punkt, wo es kippt, gilt es, ihn vorherzusehen und in der Tat zu verstehen, was los ist. Dieser Finsternis dürfen wir keinen Raum lassen. So gilt es heute am letzten Tag der Weihnachtszeit unter dem österlichen Licht dieser Kantate von hier mitzunehmen: Keinesfalls Licht aus, sondern Licht an! Das helle Licht über den Feldern von Bethlehem im Herzen bewahren. Den Ruf der Engel an die Hirten: „Fürchtet Euch nicht“. Fürchtet Euch nicht vor dem Dunkel, tretet ihm entgegen. Lebt im Alltag die Botschaft: Gott ist Mensch geworden, damit wir auch wir es werden. „Lass das Licht Deines Worts uns helle scheinen“, heißt es am Schluss der Tenorarie. Lass es uns bloß scheinen, lass es uns ja scheinen, mag man miteinstimmen. Oder auch in die Bitte der Emmausjünger: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Und mögen wir erfahren, wie sie, was Lukas in seiner Geschichte fast wie in einem Nebensatz erzählt. Ein Satz, auf den aber sehr viel Licht fallen sollte, um zu erkennen: Er gilt auch für uns. „Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“
Amen.


Gebet (EG 854)
Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.
(Georg Christian Dieffenbach)

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  Erster Sonntag nach Weihnachten

Erster Sonntag nach Weihnachten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.12.2019

Man möchte denken, nun ist erstmal alles gesagt aber ehe wir uns in der behaglichen Weihnachtsrührseligkeit gemütlich einrichten und die schwierigen Glaubensfragen von einem kleinen Kind einlullen lassen, das uns vergessen lässt, wie anders, groß und unbegreiflich Gott in jedem Falle ist, kommt die neue Predigtreihe an diesem Sonntag mit Hiob daher.
Mit Hiob.
Erinnern Sie sich: Hiob war ein frommer Mann, den nicht die Not beten lehrte, sondern das Glück, der Wohlstand, die Freude an seiner großen Familie. Der Reichtum hat ihn auch nicht kalt und leer gemacht oder ängstlich auf Sicherheit bedacht – im Gegenteil, seine Frömmigkeit und sein Anstand, seine großherzige Haltung war auf eine Weise untadelig, die es herausfordert, wider den Stachel zu löcken. So war es zu jener verstörenden Wette gekommen, bei der Gott dem Teufel erlaubt hatte, Hiob so lange zu quälen bis er begönne zu fluchen und seinen Glauben an den Nagel hängen würde.
Und dann begann, was später sprichwörtlich wurde: das Hereinbrechen von Hiobsbotschaften. Alle nur denkbaren Katastrophen brachen über den Mann herein: Krankheit, Tod, Ruin bis er verwaist und einsam, arm und elend übrig blieb.
Immerhin seine Frau war noch da, allerdings voller Unverständnis, dass Hiob Gott immer noch die Treue hielt. Und drei Freunde, die stellvertretend all die Fragen stellen, die dieses biblische Buch nötig gemacht haben:
Wie kann es sein, dass treuer Glaube und Gebet, Dankbarkeit und Frömmigkeit nicht vor Unheil schützen? Wie kann es sein, das der gute Gott Menschen nicht vor dem Bösen zu bewahren vermag, sondern im Gegenteil Willkür und Leid mindestens zulässt wenn nicht sogar ermöglicht? Sind wir nur Spielball der Mächte und Gewalten, ihnen ohnmächtig ausgeliefert?
Und all das Zweifeln und Grübeln gipfelt in der unauflöslichen Feststellung:
Entweder ist Gott nicht gut oder er ist nicht allmächtig.
Das Böse kommt entweder direkt von ihm oder er kann es nicht hindern.
Wenn er der eine ist und neben ihm kein anderer Gott, dann ist er auch böse oder aber wir sollten doch auch fremde Götter und Mächte ernstnehmen…
Die Fragen sind so alt wie die Ungerechtigkeit der Welt, die unerklärliche Wucht des Schicksals, die Unberechenbarkeit von Glück und Leid in einem Menschenleben.
Hiob lässt sie uns alle durchbuchstabieren.
Aber wir bleiben ohne Antwort.
Und dann kommt Weihnachten und scheint endlich die Auflösung all der intellektuellen und existentiellen Not zu bringen. Denn es fällt offenbar eine Entscheidung: Gott ist gut. Aber ohnmächtig. Guckt euch das Kind an! Das Böse kommt nicht von ihm, er ist das unschuldige Kind einer reinen und zarten Jungfrau. Das Böse kommt von uns Menschen für die der grausame machtbesessene Herodes steht.
Sie ahnen: so einfach ist es auch nicht.
Im Gegenteil: so nah uns dieses fest ist - es gilt schwere theologische Kost zu verdauen, die wir in diesen Tagen immerhin längst besungen haben:
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein.“
Was für ein Wechsel ist das?
Ganz offensichtlich der vom allmächtigen unsichtbaren ewigen Gott hin zum verletzlichen zarten Kind in der Krippe.
Aber wer genau vollzieht welchen Wechsel?
Da hinein kommt Hiob verblüffenderweise gerade richtig:
Denn der hatte mit Gott gerungen und gestritten, hatte die weisheitliche Logik verteidigt, seine ganze Verstandeskraft ins Spiel gebracht und gegen seine Freunde und den großen Gott argumentiert:
Mein Tun und mein Ergehen hängen zusammen, alles andere hat keinen Sinn. Gott straft nicht blind. Ich habe nichts getan und nichts übersehen. Es muss eine andere Erklärung für mein Unglück geben und Gott ist mir diese Erklärung schuldig. Seitenweise geht das so und dann kapituliert Hiob. Er gibt auf. Er hat Gott nichts mehr entgegenzusetzen. Begreifen ist das nicht, nur Müdigkeit. Darum beschließt er, fortan zu schweigen.
Da aber redet Gott. Er hat sich als der Überlegene gezeigt. Hiob ist in die Knie gegangen. Aber Gott will mehr von ihm. Er will, dass Hiob versteht und führt ihn über sich selbst hinaus bis Hiob sagt - und das ist der Predigttext heute und nicht weniger als eine verwandelte Gotteswahrnehmung, ein Wechsel - „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. So höre nun, ich will dich fragen, lehre mich! Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“
„Es ist zu mir zu hoch und zu schwer. Ich gebe auf.“
Das soll mehr sein als Resignation?
Ja, denn es hat sich Grundlegendes verändert:
Zunächst anerkennt Hiob den Maßstab der Dinge. Bisher hatte er sich an seinem eigenen Ergehen orientiert, davon hatte er abgeleitet, ob Gott gut und gerecht ist oder böse und unbegreiflich und ihn so klein und handhabbar gemacht. Jetzt aber setzt er neu an: Gott ist größer. Sein Maß und Horizont ist weiter. Wenn wir die Zusammenhänge nicht sehen und nicht verstehen, liegt das an unseren Grenzen. Gott regiert. Keiner könnte das von uns.
Unerforschlich bleibt er trotzdem. Aber nicht unnahbar. Gott will, dass wir nach ihm fragen, das Gespräch mit ihm suchen. Er lässt uns nicht im Schweigen und der Abkehr. Auch hier setzt Hiob neu an: Ich will dich fragen, lehre mich! Und er meint: Ich brauche eigene Erfahrung, eigene Anschauung!
Bisher hatte Hiob gegengehalten, Antwort verlangt, Recht haben wollen - jetzt bittet er um Einsicht und Verstehen. Das macht sein Leiden nicht nachvollziehbar, sein Unglück nicht sinnvoller. Aber Hiob hat eine neue Haltung gefunden, die ein neues Bekenntnis vorbreitet: Er findet von der Klage zur Frage. Martin Heidegger nannte das Fragen, die „Frömmigkeit des Denkens“, denn das Fragen rechnet mit anderen und größeren Horizonten, mit Möglichkeiten, die mein Verstand nicht fassen kann.
Hiob riskiert, seinen gewohnten Glauben aufzugeben um Gott festhalten zu können. Er bereut sein bisheriges Denken und gibt es auf. Er vollzieht den Wechsel.
Hiob geht zur Krippe und sieht:
Es ist alles noch ganz anders. Gott wird Mensch, ist Mensch und Gott zugleich. Das eine gibt es nicht ohne das Andere. Aber es bleibt ein fundamentaler Unterschied. Auch wenn Gott sich elend, nackt und bloß zeigt, ist er immer noch der, der Himmel und Erde geschaffen hat und erhält.
Hiob hat sich leer geklagt. Das musste sein. Aber jetzt – zu Weihnachten – schließt er Frieden mit Gott und sich selbst, mit seinem Zorn, seiner Verlassenheit. Er spürt, mit Margarete Susman: „Noch die Kraft, die wir Gott entgegensetzen, ist seine.“
Wir überwinden durch ihn. Das wendet sein Leid. Das wird ihm zum Segen.
Amen






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  Heiligabend

Heiligabend

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2019

Vor ein paar Tagen traf ich einen in der Stadt, mit dem es sich fröhlich plaudern lässt. Zwischendurch sagte er – ach an Heiligabend kommt er lieber nicht, da wird er ja nur angeschimpft, dass er sonst nicht da ist…
Ich hab ihm Mut gemacht, es nochmal zu versuchen  - denn ich habe ein gewisses weihnachtliches Harmoniebedürfnis, warum sollte ich da schimpfen…?
Aber interessant ist trotzdem: warum kommen gerade zu Weihnachten so viele Menschen zu den Gottesdiensten? Sicher hat das was damit zu tun, dass der Kirchgang ja ein schönes Ritual ist, um in den festlich hochgestimmt in den Abend zu kommen, ich jedenfalls brauche Noel und „O du fröhliche“, damit Weihnachten ist…
Denn das eine gehört zu Weihnachten im Braunschweiger Dom, das andere zu meinen Wurzeln, zu Kindheit und Heimat, es fühlt sich fast an wie Heimweh…
Offenbar bringt Weihnachten in uns etwas zum Klingen, mit dem wir mehr anfangen können als mit dem Karfreitagsschmerz, dem Osterwunder, der pfingstlichen Sprachverwirrung… -
Denn selbst wenn es in unseren Kopf nicht hineingeht, dass Gott selbst Mensch wird,
selbst wenn es uns an Glauben mangelt, der dies Kind anbeten kann:
das Bild dieser kleinen von den Mächten der Welt umhergschubsten Familie,
das Bild des Neugeborenen in seinem erbärmlichen Bett,
das Bild der Menschen, die auf die Knie fallen, weil es so naheliegend ist –
das rührt uns an, das erinnert uns daran,
dass auch wir uns eigentlich vor lauter Liebe verschenken und verschwenden möchten,
dass auch wir endlich irgendwo ganz und gar Zuhause sein und die beste Version unseres Selbst werden wollen...
„Nimm hin, es ist mein Leib und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin“ –
Das haben wir tatsächlich grade alle gesungen!
Wir alle waren ein paar Takte voller uneingeschränkter Hingabe!
Wegen dieser Momente sind Sie doch da, oder?
Und deshalb kommen wir auch alle Jahre wieder, weil wir immer noch hoffen, dass alle Härte und Verrohung, aller Zynismus und auch die Gier, mit der wir unsere Herzen und unsere Welt verdorben haben, wieder auf Null gestellt werden können und wir den liebensfähigen arglosen Menschen wieder ähnlich werden, die wir mal waren! Leider geraten wir ja übers Jahr doch immer wieder auf Abwege, fühlen uns, als würden wir verschleppt aus der Welt und dem Leben, das wir eigentlich wollen und richtig und gut wollten finden,
verschleppt von Mächten und Gewalten, die wir unterschätzt haben, denen wir zuviel Raum eingeräumt haben, nichts gegenhalten konnten. Schleichend und unerbittlich geraten wir so immer wieder in ein Leben, in dem wir nicht Zuhause sein wollen,
weil Hass und Gewalt uns entwurzelt haben
weil Globalisierung, Konsum und Uniformität uns verwechselbar und leer machen
weil wir uns mit dem, was uns umgibt, nicht identifizieren wollen
weil wir in unseren Beziehungen Fremde geblieben sind
weil Sprache und Politik Dammbrüche zulassen, die wir nicht wahrhaben wollen
weil wir genau betrachtet alle irgendwie im Exil sind und fremd dort, wo wir leben – weit weg von der Wirklichkeit, die Heimat ist.
Und wenn es uns schon so geht, wie muss es erst für diejenigen sein, die hier so fremd sind, dass nicht mal die Lieder vertraut klingen!!!
Der Stern und die Glocken bringen uns zu Weihnachten zurück, weil wir an der Krippe der Wirklichkeit nahekommen, nach der wir uns sehnen. Deshalb ist es voll.
Es tut gut zu hören, dass doch und trotz allem die Luft erfüllt ist vom:
Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens…
Und es ist verblüffend aber auch aus unserem eigenen Munde kommt:
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann ich nicht sattsehen und weil ich so nicht weiterkann, bleib ich anbetend stehen…“
Es ist wahr! Ich bin da, weil ich sonst nicht weiterkann…
Und dann sitzen wir hier und die Fülle der Verheißungen hat kein Ende, denn mit diesem Kind ist nicht einfach nur gesagt, dass es doch weitergeht, dass doch Neues und Gutes beginnt, dass doch Zukunft möglich ist – diese Verheißung hat auch etwas Gründendes und Stabiles, weil nicht wir Erfüllung garantieren, sondern mit den uralten Wortende des Hesekiel:
„ER soll euer König sein und der einzige Hirte für euch alle.
Und ich will mit euch einen Bund des Friedens schließen…
Meine Wohnung soll unter euch sein, und ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“
Gott kommt, um unter uns zu bleiben.
Gott kommt, damit wir sicher und in Frieden wohnen können.
Gott kommt, damit wir in uns selbst und beieinander Zuhause sein können.
Das Kind in der Krippe ist ein Sinnbild dafür, dass Gott unsere Erde für uns alle zur Heimat werden lässt.
In seiner Nähe können wir endlich Zuhause sein, wurzeln und bleiben.
In seiner Nähe können wir endlich großherzig, vergebungsbereit und barmherzig sein.
In seiner Nähe gehen wir auf die Knie, weil uns die Augenhöhe mit einem neugeborenen Kind so viel besser tut als die vermessene Sprunghöhe unserer machtbesessenen besitzgierigen Welt.
Auf Augenhöhe mit einem Neugeborenen, das sich staunend umsieht und uns als seine Familie erkennt, fällt es so viel leichter sich erkennen zu lassen – auch wenn wir das sonst lieber vermeiden…
Auf Augenhöhe mit diesem Neugeborenen ist es ganz selbstverständlich auch die Sehnsucht Anderer nach Heimat und Frieden, Zugehörigkeit und Wurzeln, Anerkennung und Herzenswärme zu verstehen.
Auf Augenhöhe mit diesem Kind merken wir, was wir alles zu geben haben!

Zu Weihnachten wissen wir wieder, was gut und böse ist, als würde unser innerer Kompass geeicht. Und wir wissen auch, dass es nicht aus uns allein heraus gut wird.
Hier an der Krippe spüren wir Gottes Nähe und seine Anwesenheit wie sonst kaum.
Und es ist völlig in Ordnung, dass uns dies Kind in die Knie zwingt, denn schließlich brauchen wir solche die Anbetung, weil dann Worte aus unserem Herzen über unsere Lippen fließen, die wir nicht ins uns vermutet hätten und die für uns alle so viel heilsamer sind als das was wir sonst reden.
„Eins aber hoff ich, wirst Du mir, mein Heiland nicht versagen, dass ich dich möge für und für, in, bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein, dich und all deine Freuden.“
Ein Jahr lang haben wir das fast vergessen.
Aber jetzt hat es uns hergezogen, so viele, wie gut.
Amen




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  Magnifikat

Magnifikat

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.12.2019

Gerade klingt uns noch das Magnifikat in den Ohren:
„SEINE Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht.“ Von einer Generation zur nächsten, von uns zu unseren Kindern. Von uns, die wir in Verantwortung sind, Entscheidungen treffen, Kinder erziehen, Geld verdienen und ausgeben, Glauben, Werte, Widerstand vorleben, Angst haben, planlos sind –
hin zu unseren Kindern, die von uns das Ruder übernehmen und Sorge tragen werden für die, die dann kommen.
„Denn ER hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“ und kennt ihre Gaben und Grenzen, weiß von ihrer Einsamkeit und Ohnmacht. Weiß, wie es sich anfühlt, angewiesen zu sein auf die Solidarität derer, die mit im System stecken, weiß von der Sorge, wie es weitergehen soll, wenn andere sich verlassen, dass man funktioniert und auch von der Verletzlichkeit, wenn man gutwillig aber nicht gut gerüstet ist.
Und ER hört, wie Maria singt: von ihrer Angst und ihrer Hoffnung, von der Umkehrung der Verhältnisse, von dem besonderen Moment, in dem alles anders wird. ER hört den Mut und die Klarheit, er hört, dass Maria immer deutlicher wird, eindeutig!
Denn das ist es ja, was einem ganz schnell verlorengeht, wenn einem das eigene kleine Leben, die Sorge um die, die uns anvertraut sind oder die Zukunftsfragen unserer Zeit über den Kopf wachsen: Es fehlt Klarheit und Eindeutigkeit.
Man weiß nicht mehr, was zumutbar ist, was nicht.
Man weiß nicht mehr, was noch gilt und Wert hat, was man aufgeben oder opfern kann.
Man weiß nicht mehr, worauf Hoffnung setzen im Leben und im Sterben.
Woher kommt uns Klarheit und Deutlichkeit?
Woher kommt das Einverständnis, zu dem Maria in der Lage war:
„Ja. Mir geschehe, wie DU gesagt hast.“
Zu diesem vierten Advent gehören neben den eindrücklichen und aufwühlenden Worten des Magnifikat auch einige wenige Verse aus der Feder des Paulus, dem zu wünschen ist, dass er das Lied der Maria kannte. Paulus schreibt: „Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus … der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Auf alle Gottesverheißungen war Ja in Ihm, darum sprechen wir auch das Amen.“
Amen. Ja, mir geschehe, wie DU gesagt hast.
Als Paulus das schrieb, hatte er Ärger. Es gab keineswegs tiefes Einverständnis und auch keine Klarheit. Es gab Streit. Paulus versucht, einen Weg zu finden, der von Gnade und Barmherzigkeit erzählt, von Frieden, von Liebe, Behutsamkeit – aber er trägt darüber seine Haut zu Markte, seine Kraft, seine Zuversicht.
Ich will darauf verzichten, die Situation des Paulus auszumalen und lieber einen Konflikt beschreiben, der in unsere Zeit gehört, von dem ich und Sie auch mehr verstehen, weil er sich überall abspielt:
Da ist ein Paar – sie könnten Ärzte sein oder Postboten, Fluglotsen, Kindererzieher, Polizisten, Lokführer, Pfarrer – und die beiden brennen für ihren Beruf. Sie arbeiten mit Leidenschaft und Hingabe. Die Liebe zu ihrem Beruf schenkt ihnen Freude und gibt Kraft. Sie halten zusammen. Andere sehen das, bestaunen die Verlässlichkeit und Energie der beiden. Die schaffen das, heißt es, und so schiebt man ihnen noch ein bisschen mehr zu. Hier geht ein Kollege in Rente, dort eine sensible Angelegenheit, alles ist bei ihnen in guten Händen. So wächst der Berg und irgendwann ist es zu viel: der Magen schmerzt, der Rücken auch, die Ohren sausen, sie schlafen schlecht, knurren sich aus purer Erschöpfung an…
Und nun?
Woher kommt jetzt Hilfe? Den Gutwilligen drumherum geht es ähnlich. Die anderen sagen entweder: „Ich hab mühsam selbst gelernt „nein“ zu sagen“ oder „lass doch was weg!“ Ja, aber was? Den Zug stehen lassen, das kranke Kind nicht pflegen, die Beerdigung ablehnen, die Kindergartengruppe schließen, die Tiere nicht versorgen, die Post nicht austragen…?
Nichts ist klar. Was ist wichtig und was nicht?
Nichts ist eindeutig. Was darf ich, was kann ich, was hilft?
Wie können wir durchkommen ohne einander zu verraten und im Stich zu lassen?
Auch Maria wird das gespürt haben: schwanger und ledig, mit einem zweifelnden Mann an der Seite, umhergetrieben vom Verwaltungswahnsinn einer Zählung, ohne helfende Struktur, ohne Perspektive – aber mit immensem Druck: lange geht es so nicht mehr weiter, dann wird das Kind geboren werden…
Ein Narr, der sagt, mir geschehe wie DU gesagt hast!
Aber wie sonst?

Ich habe dieser Tage „Eleni“, die Geschichte einer Frau währendes des griechischen Bürgerkriegs gelesen. Nicholas Gage hat den Lebensweg seiner Mutter aufgeschrieben und am Ende zusammengefasst: „Bis der Krieg ihr das zu nehmen drohte, was ihr das liebste auf der Welt war – ihre Kinder – war sie eine ganz normale Bäuerin gewesen, mit allen Zweifeln, Ängsten und Vorurteilen, die für ihre Erziehung und ihre Umgebung typisch waren. Doch als sie sich in einer Zwickmühle gefangen und ihre Familie von der Vernichtung bedroht sah, entwickelte sie einen klaren Blick für das, was sie zu tun hatte, und dazu die Kraft, es auch zu tun. Das war ihr Kairos, ihr entscheidender Moment…“
Da ist sie – die Klarheit. Die Eindeutigkeit.
Für Eleni gab es ab einem bestimmten Punkt kein Aber, kein Vielleicht, kein Zögern mehr. Sie entscheidet sich dafür ihre Kinder außer Landes zu bringen und bezahlt das mit ihrem Leben. In diesem Augenblick ist sie vollkommen klar. Sie weiß genau, was geschehen wird. Sie stirbt mit einer Liebeserklärung an ihre Kinder, nicht indem sie ihre Mörder verflucht. Sie pflanzt die Unfähigkeit zur Rache in ihre Kinder: Mitlieben, nicht mithassen – wird deren Leitschnur werden.

Muss es so hart kommen?
Müssen wir erst zerbrechen?
Muss alles dem Untergang geweiht sein?
Es scheint fast so: Das Kind, das in Maria lebt und wächst, während sie singt, wird selbst sterben – an der Unbarmherzigkeit der Welt, an der Unredlichkeit und Feigheit der Verantwortlichen, an der Angst aller. Aber dieses Sterben ist kein Beweis für die Gewalt des Nein. Es ist Gottes Ja über uns Menschen.
Gottes Ja zu unserem Leben und auch zu unseren Versuchen, es gut zu machen.
Gottes Ja zu unseren Fehlern, wenn es uns über den Kopf wächst.
Gottes Ja zu unserem Zorn, wenn wir uns alleingelassen fühlen.
Gottes Ja zu unseren Tränen, wenn wir nicht weiterwissen.
Gottes Ja zu allem, was wir nicht können.
Sein Ja hilft uns, barmherzig zu sein. Mit uns selbst. Mit denen, an denen wir scheitern. Mit denen, denen wir nicht gerecht werden. Sein Ja macht den Blick frei.
Sein Ja ist anders als unseres, klar und eindeutig:
„Denn, Ja, er hat große Dinge an mir getan, / der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und ja, seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Ja, Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Ja, er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Ja, die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ja, mir geschehe, wie du gesagt hast. Amen.



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  Erster Advent

Erster Advent

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2019

Im Brief des Apostel Paulus an die Römer heißt es:
„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Jochen Klepper hat daraus ein wunderbares Adventslied gemacht: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern – so sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern.“ Er hatte allen Grund, sich an diese Hoffnung zu klammern, denn als Ehemann einer Jüdin wurde die Nacht in seinem Leben während des Dritten Reiches immer dunkler. Seither haben Menschen sich an seinen Worten festgehalten, genauso wie sie an Dietrich Bonhoeffers „Lass warm und hell die Kerze heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht…“
All das sind Worte und Lieder für Notzeiten, die überall auf der Welt und auch in jedem Menschenleben gibt. Notzeiten werden manchmal sehr einsam durchlitten, dann wieder von anderen instrumentalisiert, manchmal nicht wahrgenommen, dann wieder bewusst ignoriert. Adventszeit hat etwas damit zu tun, sich der Not und ihrer Ursachen bewusst zu werden. Advent ist Fastenzeit, lila Parament, Vorbereitung - es ist dran, sich klar zu machen, warum Gott dringend, direkt und unmittelbar zu uns kommen und unter uns bleiben muss, angewiesen auf unsere Liebe und Zärtlichkeit. Anders begreifen wir es scheinbar nicht.
Adventszeit ist Bußzeit.
Aber! Mit roten Kerzen, sattem Tannengrün, Amaryllis, Jugendkantorei, Blechbläsern, Weihnachtsmusik, Weihnachtsmarkt, leuchtenden erwartungsvollen Kindergesichtern, Marzipan und Glühwein…
Haben wir nicht ein wirklich gutes Leben?
Haben wir nicht allen Grund uns zu freuen und dankbar zu sein, zu leuchten?
Nach Buße und Fasten sieht es nicht aus, riecht auch nicht so.
Wir hungern und frieren nicht, unsere Häuser stehen unversehrt und oft liebevoll adventlich geschmückt, wir können hingehen, wohin wir wollen und sagen, was wir denken, wir können für unsere Meinung streiten bis der Verkehr lahm liegt, wir müssen nicht bangen, ob unsere Angehörigen gefoltert oder verjagt werden, wir können uns aussuchen, was wir essen und anziehen wollen, denen die wir lieben, Geschenke machen…
Vielen unter uns geht es wirklich gut.
Das liegt nicht zuletzt an Frieden und Wohlstand. Beides genießen wir – vermutlich ohne alltäglich bewusste Dankbarkeit - seit Jahrzehnten in unserem Land und auch im Osten ist inzwischen eine Generation in Freiheit herangewachsen.
Aber nichts davon ist selbstverständlich. Frieden muss immer neu gesucht und gestiftet werden. Freiheit braucht eine Kultur des Miteinanders, sonst wird sie entstellt und unverantwortlich. Wohlstand allein garantiert noch kein erfülltes und gelingendes Leben.
Das muss man sich dann und wann hinter die Ohren schreiben – oder wie an diesem Wochenende hier in Braunschweig – gemeinsam bewusst machen.
Einer, der nicht nur eifrig sondern eifernd danach zu suchte, wie man so gut, wie es im Anfang, gedacht war, leben kann und dabei Gott die Ehre geben, war Paulus. Lange Jahre seines Lebens hat er geglaubt, dass er gutes sinnvolles Leben führen kann, wenn er Gottes Gesetze streng befolgt, selbst dann, wenn ihn das hart und unbarmherzig macht. Er hat an diesen Weg geglaubt. Er mit jeder Faser seines Wesens und jedem Energiefunken, den er in sich hatte, für die Einhaltung dieser Ordnung gekämpft um eines Tages feststellen zu müssen, dass es so nicht geht, dass er mit Blindheit geschlagen war.
Fortan predigte er anders und jetzt klingt es so:
Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“
„Seid niemandem etwas schuldig.“ Das ist eine erstaunliche Aufforderung, denn wer von uns wäre nicht einem anderen etwas schuldig und sei es nur die Kraft und Lebenszeit, die Zuwendung und Fürsorge, die wir unseren Eltern schulden, sonst wären wir längst verkümmert und gar nicht erst groß geworden. Oder die Mühe und Arbeit, die Polizisten, Straßenbahnfahrer, Pflegerinnen und Bäcker aufwenden, damit wir leben können. Die Liste ließe sich lange fortsetzen…
All diese Schulden kann keiner zurückzahlen, schon gar nicht die, die wir bei Gott haben, weil der uns aus Situationen gerettet hat, die uns das Leben hätten kosten können , weil der uns Begegnungen ermöglicht hat, von denen wir ein ganzes Leben lang zehren, weil der uns vor Unglück bewahrt, das wir gar nicht kommen sehen oder uns durchträgt und leben hilft, weil der uns liebevoll ansieht, egal…
Wie wollte man das glattziehen? Darum hat Paulus recht, wenn er sagt: Gebt all das, was ihr anderen schuldet als Liebe zurück – und zwar dem, der neben euch ist: So wie ich die Fürsorge meines Vaters, der uns morgendlich echten Kakao machte (ohne dass die Milch dabei kochte!!!) und am Bahnhof ohne Handy die Beine in den Bauch stand, so wie die Liebe meiner Mutter, die so vieles Ersehnte ahnte und möglich machte, die tröstete und Wunden versorgte, nicht zurückgeben aber meinen Kindern schenken kann, so kann ich die Großzügigkeit, den Mut, die Loyalität, die Lebenszeit, die andere mir schenken, weitergeben an die, die es jetzt brauchen.
Paulus hat recht, wenn er sagt, den Nächsten zu lieben, gut zu ihm zu sein, versöhnlich, warmherzig, verlässlich – darin ist alles enthalten, auch dass wir unsere Ehen nicht brechen und unsere Versprechen halten, wenn einander nicht betrügen, bestehlen, verletzen, demütigen, belügen, töten…
Paulus hat recht, wenn er sagt: wenn wir uns bewusst werden, was wir anderen und nicht zuletzt Gott schuldig sind und daraus eine Haltung finden, die dankbar zurückgibt, die fröhlich und leichten Herzens Menschen nehmen kann als das, was sie sind – unvollkommene fehlerhafte wunderbare liebenswerte Nebenmenschen – dann wird es heller, dann leben wir mit Paulus Worten im Licht des anbrechenden Tages!
Dann und darum haben wir ein gutes Leben!
Und Paulus schließt „Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt…
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Amen

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  Ewigkeitssonntag

Ewigkeitssonntag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2019

Letzter Sonntag im Kirchenjahr: Totensonntag – nach allem, was sein kann in einem Menschenleben, kommt die Erinnerung daran, dass wir sterben müssen, dass es immer wieder schrecklich und nicht zu begreifen ist, wenn der Tod in unser Leben einbricht, Menschen wegreißt, die wir lieben…
Letzter Sonntag im Kirchenjahr: Ewigkeitssonntag – der Tag, an dem sich eine Tür öffnet, ein Blick in den Himmel möglich wird, eine neue Hoffnung aufscheint
für unser Leben, für die, die darin fehlen.
Zu diesem Tag gehört eine Geschichte, die sie vorhin schon gehört haben. Zehn Jungfrauen machen sich auf – die einen klug, die anderen töricht, um zu einem Hochzeitsfest zu gehen – dem Bräutigam entgegen. Sie nehmen Öllampen mit, denn es wird Abend werden. Sie warten, werden müde, schlafen ein, allesamt. Endlich – um Mitternacht – kommt der Bräutigam. Die Lampen sind längst ausgegangen. Die Klugen haben auch Öl mitgebracht und füllen nach. Die anderen bitten vergeblich um ein bisschen Öl und gehen schließlich, so raten es die Klugen, um Nachschub zu holen. Währenddessen beginnt das Fest, die einen gehen hinein in Freude und Herrlichkeit. Die anderen gehen lange Wege durch die Nacht und klopfen schließlich wieder an die Tür. „Ich kenne Euch nicht“ sagt der Bräutigam. Und: „Darum wachet!“
Eine schwierige Geschichte, die einen Berg von Fragen und Widersprüchen beschert:
• Zehn junge Leute machen sich auf. Da eine Hälfte geht offenbar gut vorbereitet durchs Leben, sie wissen, was nottut und was sie brauchen. Können gut für sich sorgen. Hat ihnen das jemand gezeigt oder vorgelebt?
• Die anderen stehen im Dunkeln und mit leeren Händen, lassen sich wegschicken. Warum versuchen sie nicht wenigstens, den Bräutigam selbst zu bitten, vielleicht nimmt er sie ja mit hinein ins Licht…?
• Und was ist das überhaupt für eine Zeit? Mitternacht – 0.00 Uhr – zwischen den Tagen und Jahren, nicht gestern, nicht heute und doch genau bestimmt…
• Wo ist überhaupt die Braut?
• Wie kann der Bräutigam, der Heiland, der Tröster, der, der spricht: Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan, einfach sagen: ich kenne euch nicht?!
• Und zuletzt: was soll das „wachet“, wenn doch das Öl fehlt… ?
Fragen über Fragen,
Szenenwechsel: ich hatte in den letzten beiden Wochen das ungeheure Glück, auf Kreta lernen zu dürfen, wie man eine Ikone malt. Es galt Pinselstrich für Pinselstrich eine sehr alte Ikone abzuschreiben – wie man einen Text abschreibt oder nach Noten spielt und dabei zu lernen, es geht nicht um mich, meine Originalität und Kreativität. Es geht um das Heilige. Ikonenschreiben ist nicht Kunst, sondern Gebet. Unterbrochen wurden an der Staffelei, wenn wir losgezogen, um in Kirchen und Klöstern, Ikonen zu bestaunen und sie sehen zu lernen. So kamen wir auch in ein Frauenkloster mit sehr berühmten Ikonen – von denen zum Leidwesen der Schwestern eine besonders Kostbare an Anthony Quinn verschenkt worden war, weil der Kreta in Alexis Sorbas so unsterblich gemacht hat…
Dort entdeckten wir eine Ikone über die Geschichte der zehn Jungfrauen, berückend gemalt, wie sie schlafen, um den Tisch sitzen, klopfen und rufen.
Die Schwester, eine Frau mit klarem Gesicht, dunklen Augen und der schwarzen Nonnentracht, erzählt von der leidvollen und wundersamen Geschichte des Ortes und ihrem Glauben, der die Heiligen dieser Bilder lebendig werden lässt. Und ich erzähle ihr, dass ich predigen will zu dieser Geschichte, stelle ihr alle meine Fragen. Es ist eine seltene besondere Begegnung und für einen Moment lichtet sich der Nebel in meinem Hirn.
Sie erklärt: in der Orthodoxie gehört diese Geschichte zu Gründonnerstag, die Frauen schlafen, alle zehn, sowie die Jünger im Garten Gethsemane schlafen. Bleibet hier und wachet mit mir, singen wir hier dann. Und das heißt jetzt: es mag dunkle Nacht sein, aber sie wird hell werden. Darum wagt Hoffnung und Vertrauen, rechne damit, dass alles ganz anders wird, neu. Ja, das verstehe ich – aber was ist mit denen, die nicht hineinkommen???
Sind wir das nicht alle irgendwie? Geht uns nicht immer wieder das Öl aus, weil wir zweifeln oder keinen richtigen Zugang finden, weil die Logik der Welt plausibler ist? Was ist mit denen, die so sehr bitten, glauben zu dürfen und doch nicht können???
Zu den Jungfrauen und in ihrer Kirche also zur Karwoche, so sagt mir die Schwester, gehört außerdem die Geschichte von Josef, den die Brüder in den Brunnen warfen und Fremden überließen, der verloren ging und sich den Brüdern erst, als die ihn ahnungslos um Hilfe anflehen, zu erkennen gibt und so heimkommt zu seinem alten Vater. Und es gehört das Gleichnis vom verloren Sohn dazu, der sein Erbe durchbringt und in tiefstem Elend begreift, dass er umkehren und heimgehen muss, den sein Vater schon weitem erkennt.
Die Schwester hält inne, sieht mich an, nimmt meine Hand und legt sie sich ans Herz: „Es ist nicht Strafe – es ist Freiheit.“ Mein Hirn rattert. Ich ahne einen Schlüssel und versuche neu zu lesen und anders zu fragen.
Vielleicht so: Es gibt zwei Arten mit der guten Nachricht vom Himmelreich, mit dem Glauben an Jesus Christus, daran, dass er die Tür ist, das Licht und die Auferstehung umzugehen: Entweder ich kann darauf trauen, dass diese Hoffnung trägt, dass auch in der dunkelsten Nacht ein Wunder möglichst, dass die Freude wiederkommt, obwohl ich nicht mehr kann und leer und müde bin. Das Öl ist ein Bild für die Zuversicht, die Licht entzünden kann.
Oder: die andere Art – dann finde ich schon gut, dass es den Glauben und die alten Geschichten gibt – aber ich habe vergessen, wie man Glauben nährt, ich habe vergessen, dass dieses Licht Leben hilft und Türen öffnet, ich sorge nicht mehr dafür, dass der Hoffnungsfunke nicht verlischt. Das Öl der Anderen hilft dann nicht. Vertrauen und Glaube wagen muss ich schon selbst. Der Rat, noch einmal loszugehen, ist darum vielleicht nicht gemein, sondern einfach nur ehrlich. Vielleicht braucht es die Wege und Umwege, unfreiwillig wie bei Josef und seinen Brüdern, selbst gewählt wie beim verlorenen Sohn, bis wir mit ausreichend Öl vor der Tür stehen. Und gerade an diesem Sonntag wissen wir ja auch, in der Nähe des Todes, wenn wir Menschen, die wir lieben hergeben müssen, wenn alles Bitten nicht geholfen hat – dann frisst die Lampe unheimlich viel Öl bis wir im Dunklen stehen.
Aber wenn er dann sagt, ich kenne euch nicht, dann ist das kein Urteil, keine Strafe, sondern einfach die Wahrheit. So kann er uns nicht erkennen.
Die schlimmste Qual in der Hölle, so hab ich auf Kreta gelernt, ist es, Rücken an Rücken aneinander gekettet zu sein – wenn man sich nicht sieht, nicht kennen und erkennen, sehen und entgegensehen kann. „Jetzt“, so heißt es im ersten Korintherbrief, „sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
„Christlike“ – sagt die kretische Schwester. Sein wie er, ihm ähnlich. Ein Mensch, der umdreht und zurückkommt, der sich zu erkennen gibt und erkannt werden will, dessen Angesicht leuchtet so wie er auf uns und über uns. Dann wird er uns schon von weitem erkennen! „Christlike.“ Können wir das werden? Reicht unser Öl dafür???
Dafür schreibt man Ikonen. Sie zeigen heilige Menschen, die in orthodoxen Kirchen – nicht wie hier weit oben – auf Augenhöhe hängen als direktes lebendiges Gegenüber. Sie sind vorausgegangen und trotzdem unter uns. Gemeinschaft der Heiligen erleben wir mit ihnen, mit denen die vor uns waren, denen die mit uns waren, denen jetzt da sind.
Es ist nicht alles klar, es sind nicht alle Fragen beantwortet. Wir bleiben am Anfang. Wir sind noch hier und heute traurig, wir sind noch die, die nicht mit hineingegangen sind in Gottes Herrlichkeit – wir haben noch ein Stück des Weges vor uns.
Die Ikone, die wir geschrieben haben war übrigens eine des Propheten Elia. Der kehrte auf Gottes Geheiß bei einer Witwe ein, die mit ihrem Kind am Verhungern war. Von da an ging ihr das Mehl nicht mehr aus. Das Öl auch nicht. das gilt auch uns. Das Öl wird reichen, um uns zum Licht zu führen.
Es kommt Advent.





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  Reformationsfest 2019

Reformationsfest 2019

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies - 31.10.2019

Alles anders, liebe Domgemeinde – alles anders, so ist man versucht zu sagen, alles anders am Reformationstag 2019. Der Predigttext, der für den heutigen Gedenktag der Reformation vorgeschlagen ist, stammt aus dem Alten Testament. Aber hat nicht Martin Luther seine reformatorischen Erkenntnisse aus dem Römerbrief des Apostels bezogen, also aus dem Neuen Testament? Und war nicht zentraler Kern dieser reformatorischen Erkenntnisse seine fröhliche Gewissheit, dass nicht wir Gott gnädig stimmen müssen, weil er uns längst, bevor wir irgendetwas getan haben, gnädig zugewandt ist? Die Evangelische Kirche im Rheinland verbreitet seit gestern über die Social Media allerdings ein Video, in dem eine ebenso sympathische wie kluge Pfarrerin erklärt, dass wir heute ganz andere Fragen haben als die Reformatoren vor fünf-hundert Jahren – wir würden heute nämlich fragen, wie wir es schaffen, dass wir uns selbst gnädig zugewandt sind und uns mit allen Fehlern annehmen können, mit an-deren Worten nicht immer so ungnädig zu uns selbst sind. „Denn der ungnädige Richter sitzt für die meisten Menschen heute nicht mehr im Himmel, sondern im eigenen Kopf“, sagt die Pfarrerin und steht dabei offenkundig vor einem Modegeschäft. Und tatsächlich fragen sich viele meiner Berliner Studentinnen und Studenten ganz unbarmherzig: Bin ich schön? Gut angezogen? Mache ich etwas her? Und schaffen es nicht, die hässliche Stimme im Kopf zu verdrängen, die da leise flüstert: Nein, das alles bist du nicht und wenn du dir noch so viel Mühe gibst.
Alles anders am Reformationstag 2019 als damals vor fünfhundert Jahren. Wirklich alles anders, liebe Gemeinde? Hören wir (noch einmal) auf den Predigttext, über den heute in den allermeisten evangelischen Gottesdiensten hierzulande gepredigt wird, er steht im Alten Testament, im sechsten Kapitel des fünften Buchs Mose, die Verse 4 bis 9:
"Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."
Hören sollen wir also, liebe Domgemeinde, und liebhaben sollen wir und uns alles zu Herzen nehmen sollen wir und das auch noch auf Zettel schreiben sollen wir und auf Hände und Pfosten und Türen im Haus. Das alles sollen wir, ziemlich viel Sollen für ein paar Verse biblischen Textes. Und angesichts von so viel Sollen könnten uns natürlich jetzt alle Karikaturen von schlechter Erziehung in den Kopf kommen, Film, Funk, Fernsehen und Buch: Da sollen Kinder gefälligst hören, denn wer nicht hört, der muss fühlen; da prügelt ein preußischer König seine Untertanen mit dem Krückstock durch, wenn sie verschreckt vor ihm davonlaufen und schreit: „Lieben sollt ihr mich, ihr Canaillen“, ihr Pack (und so sprach der Soldatenkönig, der Vater Friedrichs des Großen, der als sein Sohn unendlich unter dieser Erziehung litt und mit seiner Braunschweiger Gattin nicht glücklich wurde), da höre ich den wütenden Satz: „Schreib dir das gefälligst hinter die Ohren, Junge“, und sehe vor meinem geistigen Auge Hausordnungen, die an die Türen getackert werden, und in Schwaben, wo ich studiert habe, dazu gleich noch die Reihenfolge der Kehrwoche. Du sollst. Du sollst kehren. Du sollst hören, lieben, Du sollst Dir das alles hinter die Ohren schreiben und für alle sichtbar ans Schwarze Brett.
Passt eine solche Predigt auf das Reformationsfest? Passt sie überhaupt in eine evangelische Kirche, noch dazu in einen Dom? Tatsächlich scheint, wenn man unseren Predigttext so liest und so auslegt, heute Morgen alles anders als gewohnt. Alles anders, liebe Domgemeinde – denn reformatorisch, evangeliumsgemäß und also evangelisch wäre eine solche Mahnpredigt voller ernster Ermahnungen ganz gewiss nicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass Eltern, die so ihre Kinder mit Kaskaden von Er-mahnungen erziehen wollten, vermutlich gnadenlos scheitern, einmal ganz abgesehen davon, dass überall öffentlich plakatierte Mahnungen besonders gern übersehen werden – inzwischen haben wir uns soweit ökumenisch angenähert, dass wir eine solche Kaskade von Mahnungen, eine solche Drohpredigt nicht einmal mehr für katholisch halten, sondern nur noch für Karikatur. Als am vergangenen Wochenende im Präsidium des dritten Ökumenischen Kirchentages 2021 ein biblisches Leitwort für das Treffen gesucht wurde, waren es die römisch-katholischen Schwestern und Brüder, die davor warnten, Verse auszusuchen, die nur aus Aufforderungen bestehen – da fehle doch, so sagten diese katholischen Laienchristen, die tröstliche Verheißung Gottes, das Evangelium. Wie gesagt, liebe Gemeinde, alles anders. Reformationsfest 2019 feiern wir nicht mehr gegen unsere römisch-katholischen Schwestern und Brüder, sondern gemeinsam mit ihnen.
Aber was wir wahrscheinlich noch viel mehr lernen müssen, liebe Domgemeinde, ist, das Reformationsfest auch nicht implizit gegen unsere jüdischen Geschwister zu feiern. Allzu oft hat eine angebliche jüdische Gesetzlichkeit als die dunkle Folie gedient, von der sich die Evangeliumsverkündigung hell strahlend abhob. Hier – bei uns, in der Kirche – das getroste Vertrauen auf Gottes bedingungslose gnädige Zuwendung, dort – da drüben, in der Synagoge – das ängstliche Hoffen auf die versöhnende Kraft der eigenen Werke. Jüdische Observanzfrömmigkeit versus evangelische Freiheit – so habe ich das als Student noch von mancher Kanzel gehört. Das „Du sollst“ als Kern des Gesetzes, das „Du wirst“ und „Du kannst“ als der Kern des Evangeliums. Ein solches Gesetz spricht uns angeblich vor allem im Alten Testament an, das Evangelium finden wir dann vor allem im Neuen Testament – so steht das zwar nicht bei Luther, aber nicht jeder und auch nicht jeder Theologieprofessor ist in der Lage, Luthers feine Differenzierungen nachzuverfolgen. Wenn wir unseren Predigttext aber nicht nach dieser lange üblichen antijüdischen Karikatur auslegen wollen, auch nicht anti-katholisch, und trotzdem evangeliumsgemäß, evangelisch und reformatorisch, wie dann? Nun, eben noch einmal: alles anders, jedenfalls in diesem Jahr.
„Höre Israel“ – unser Text beginnt auch im Hebräischen mit einem Imperativ. Aber wenn man nur ein wenig in der Bibel gelesen hat, liebe Gemeinde, weiß man, dass es Gott selbst ist, der uns am Morgen das Ohr öffnet und uns so überhaupt möglich macht zu hören. „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr“ – so lauten Verse aus einem anderen alttestamentlichen Buch, dem Buch des Propheten Jesaja, in der bekannten Form, in die sie Jochen Klepper im Jahre 1938 gebracht hat. Menschen können hören, weil schon an der Dämmerung Pforte, ganz früh am Morgen, Gott sich vernehmen lässt und in die von ihm geöffneten Ohren spricht. Jedenfalls dann, wenn wir die Ohren nicht mutwillig verschließen, zornig verstopfen, ärgerlich anderen Stimmen oder bloßem Geräusch zuwenden. Das Ohr wird uns geweckt beispielsweise durch einen biblischen Satz, wie er sich in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine findet, durch ein Kirchenlied, das wir morgens im Bad auf den Lippen haben, durch ein Gebet, das wir vor dem Frühstück sprechen. Und das, was wir hören, weckt zunächst unseren Glauben und bestärkt dann unseren Glauben, wie der Apostel Paulus im Römerbrief ganz im Sinne der zitierten Passagen aus dem Jesajabuch schreibt. Auch wenn unser Predigttext heute Morgen also mit einem Imperativ, einer Befehlsform, beginnt, wird mit dem Hinweis auf das Hören ein Raum der Verheißung eröffnet – Wenn Du nur Dein Ohr nicht mutwillig verschließt, lässt Dich Gott wunderbar tröstliche und fröhlich machende Worte hören.
Und gerade so verheißungsvoll geht unser Text weiter, wenn wir auf den Wortlaut achten: In unserer deutschen Übersetzung steht „Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“. Aber das Hebräische kennt gar keine eigene Verbform für das „Sollen“, sondern markiert nur unabgeschlossene Handlungen. Man kann also auch gut übersetzen: „Du wirst den Herrn, deinen Gott, ganz gewiss und immerzu lieb haben“. Jedenfalls dann, wenn Du Dir Dein Ohr schon am frühen Morgen öffnen lässt, es nicht mutwillig verschließt und Dich durch biblische Texte in welcher Form auch immer anrühren lässt. Dann wirst Du Gott liebhaben und Dir muss niemand den Befehl geben zu lieben oder Dir ein Sollen vorhalten.
Also, liebe Domgemeinde: Wir sollen nicht hören, wir werden hören. Andauernd zuhören. Und wir sollen nicht lieben, wir werden lieben. Ausdauernd lieben. Und dann muss uns auch niemand auffordern, in jeder Situation davon zu reden, es auf Zettel zu schreiben und an Türen zu heften, was wir von unserem Gott gesagt bekommen. Wir wollen diese kostbaren Worte immerzu festhalten, andauernd im Herzen bewegen, ausdauernd mit anderen teilen und immer vor Augen haben. Keine Gardinen-predigt mit Kaskaden von Ermahnungen und Aufforderungen, sondern die Erinnerung an etwas, was uns vom frühen Morgen an begeistern kann.
Unser Predigttext wird in jüdischen Gebeten und Gottesdiensten immer wieder zitiert, er wird in einer kleinen Kapsel an jede Tür eines Hauses montiert (außer der Bad- und Toilettentür) und heißt daher gern das jüdische Grundgebet. Der Jude Jesus verwies selbstverständlich auch auf dieses Grundgebet, als er nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, wie uns in den Evangelien in parallelen Erzählungen überliefert ist. Und auch wir können es, wenn wir es recht verstehen und nicht zum Zwecke der Abgrenzung gegen das Judentum mutwillig missverstehen, fröhlich beten und befolgen.
Wenn wir unseren Predigttext, das jüdische Grundbekenntnis, das Grundbekenntnis Jesu von Nazareth, so – und also vielleicht einmal ganz anders als sonst – lesen, dann lädt er uns ein. Er lädt uns dazu ein, nicht die Ohren zu verschließen, aber dann auch mutig mit dem, was wir in den biblischen Texten gehört haben, zu anderen Menschen zu gehen, in die Familien, in die Nachbarschaften und in die Öffentlichkeit. Der recht verstandene Predigttext lädt uns auch dazu ein, uns die biblischen Worte ein-zuprägen, zu Hause zu notieren und im Herzen zu bewegen. Und er lädt uns schließlich dazu ein, nicht nur zu hören, sondern auch zu handeln, bewegt von Gottes Wort.
So, liebe Domgemeinde, sahen das die Reformatoren vor fünfhundert Jahren und es spricht sogar Manches dafür, dass in dieser uns aufstachelnden Wirkung biblischer Texte, die, wenn sie unsere Ohren erreichen und wir sie hören, für uns zum Wort Gottes werden, das Zentrum reformatorischer Einsicht liegt. Aber zugleich sind solche Gedanken auch ganz und gar aktuell, wie übrigens auch die sympathische und kluge Pfarrerin im Video der Rheinischen Kirche erklärt. Denn es gibt sicher auch in Braunschweig genügend Orte, in denen ein biblischer Satz, den wir uns gemerkt haben, weil er uns geholfen hat, auch anderen Menschen hilft – jedenfalls wenn wir uns an ihn erinnern und ihn anderen Menschen freundlich und direkt weitergeben können. Beispielsweise auch den eingangs erwähnten Menschen, die ganz und gar un-gnädig mit sich umgehen, weil sie nicht so schön, so gut angezogen, so erfolgreich sind, wie sie es selbst gern wären. Und vielleicht gibt es auch in dieser Stadt Orte, in denen bestimmte biblische Sätze, die wir gehört haben, öffentlich wiederholt werden müssen, um Unrecht, Ungerechtigkeit und Unfrieden Widerstand zu leisten. Wenige Tage, nachdem viele Menschen in einem Bundesland eine rechtsextreme Partei gewählt haben und wenige Wochen nachdem eine Synagoge ohne jeden Polizeischutz fast zum Opfer eines antisemitischen Massenmörders geworden wäre, muss ich dar-über wenige Worte machen.
Aber am Ende einer Predigt zum Reformationsfest sollten keine Mahnungen stehen, die man gegenwärtig so häufig hört und liest. Auch am Ende dieser Predigt sollte alles anders sein – und wir sollten uns alle gegenseitig daran erinnern, dass nach biblischem Zeugnis Gottes Wort lebendig und kräftig und scharf ist und daher nicht leer zurückkommt, sondern in den Händen derer, die es hören und danach handeln, viel-fältigen Segen bringt, zu unserem Nutzen, aber auch zum Nutzen vieler Menschen in dieser Stadt Braunschweig und im ganzen Land. Und diesen Segen schenke uns der ewig reiche Gott auch an diesem Tage.
Amen.

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  19. Sonntag nach Trinitatis

19. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.10.2019

In der vergangenen Woche war ich auf der Citykirchenkonferenz in Hamburg. Die Tagung begann in der Katharinenkirche. Ganz hell und schlicht, auf dem Gewölbe einzelne erhabene goldene Sterne, wirkt die 1943 zerbombte Hauptkirche wie ein Auferstehungsbild. Im Seitenschiff war gerade eine Ausstellung eröffnet worden: „Seelenvögel und Wächterinnen“. Wie ein Wald recken sich Hände und ragen Flügel dunkler Seelenvögel in den Raum. Sie sind aus Thujabäumen, Lebensbäumen gemacht – mit Kettensäge und Flammenwerfer. Die Künstlerin war in ihrem ersten Berufsleben Stewardess und erlebte so als sehr junge Frau 1977 die Entführung der Landshut mit. Ihre Kunst erzählt von den Seelennarben, die das Geiseldrama hinterlassen hat, von der Sehnsucht nach Leichtigkeit und Freiheit, von Heilung…
Die Seelenvögel sind Ausdruck von Menschenleid und Menschenschmerz. Es mag einen ratlos machen, dass dieses Thema offenbar niemals an Dringlichkeit verliert aber die Kraft dieser Kunst erzählt eben auch davon, dass Heilung in Gottes Nähe möglich ist und so stand diese Ausstellung sehr zu recht in einer Kirche und am Konferenzauftakt…
Auch der Predigttext dieses Sonntages erzählt eine Heilungsgeschichte. Sie kommt zunächst von sehr weit her. Der Handlungsort dieser Geschichte liegt an einem Teich in Jerusalem. Dort gab es Hallen, in den Kranke lagen, die auf die Heilkraft des Wassers hofften. Einer von ihnen, so berichtet Johannes, lag da seit 38 Jahren – wenn man die Lebenserwartung der Menschen zur Zeit Jesu bedenkt, kann man sagen – er lag da ein Menschenleben lang. Und auch eine symbolische Zeit lang: 38 Jahre waren die Israeliten durch die Wüste gezogen, weil Gott sie strafte, dass die Menschen ihm nicht vertraut hatten – die Generation die unterwegs war, sollte nicht mehr ankommen. Darum dauerte die Wanderung in aller Gottverlassenheit eine Generation, ein Menschenleben, 38 Jahre lang.
Da liegt also ein Mensch. Und dann heißt es: „ Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?“ Vielleicht überrascht diese Frage, manch einer mag sie für überflüssig halten, aber diese Frage entspricht einer wichtigen Lebenserfahrung, ohne die es auch die Seelenvögel in Hamburg nicht geben würde: man muss gesund werden wollen. Das genügt zwar nicht um dann tatsächlich auch zu genesen aber ein Mensch, der nicht wieder auf die Füße kommen will, wird nicht gesund werden.
Es ist eine klare Frage. Und dennoch schwer zu beantworten:
Wer so lange gelegen hat, dessen Muskeln haben sich zurückgebildet, der wird gar nicht so ohne weiteres aufstehen können. Wer so lange die Perspektive dessen eingenommen hat, der passiv ist oder sich ohnmächtig fühlt, schärfer formuliert, wer sich in der Rolle des Schwachen und vom Leben Benachteiligten eingerichtet hat, braucht mehr als nur einen Impuls, um aufzustehen, sein Leben in die Hand zu nehmen, es lebenswert zu finden und loszugehen. So eine muss sich helfen lassen wollen. So gehört kommt diese Geschichte ganz nah.
Willst Du heil werden?
Willst Du Kraft haben?
Willst Du beitragen, was Du kannst?
Willst Du aufstehen und einstehen?
Der Gefragte beantwortet diese Frage nicht. Vielleicht ist ihm das „Ja“ zu groß und das „Nein“ unmöglich. Aber er zeigt an, was ihn bisher gehindert hat. Johannes schreibt: „Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich an den Teich bringt. Wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.“
Gefragt, ob er leben will, sagt er: Ich habe niemanden. Es gibt keinen, der an mich glaubt und mir Mut macht. Es gibt keinen, dessentwegen ich alle Kraft mobilisieren könnte. Ich habe verlernt für meine eigenen Interessen einzustehen und zu sagen, was ich brauche, mir wünsche und ersehne. Ich kann nicht. Ich komme immer zu spät.
Und er sagt damit auch: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mehr, ob ich gesund werden will, ob ich leben will. Ich weiß nicht, ob ich zu etwas nütze bin.
Er sagt nicht: Hilf mir bitte! Wie er auch zuvor, nicht um Jesu Anteilnahme und Aufmerksamkeit gebeten hat. Der war ja von allein auf ihn aufmerksam geworden…
Darum folgt nichts, was nach einer Heilungsgeschichte klingt – kein Berührung oder sonst etwas in der Art. Jesus sagt nur: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“
Und es klingt nach: Du schaffst das! Mach es einfach! Hör auf, dich für unbrauchbar zu halten, für schwach und krank, ungeliebt, hässlich oder dumm. Er sagt: Steh auf und leg dos. Ich glaube, dass du kannst. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, Bestärkung durch Vertrauen und Zutrauen. Ermutigung, Gnade.
Das allein wirkt Wunder! Denn „sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.“ Dass er sein Bett wegräumen soll, hilft auch: Die Option, sich wieder hinzulegen, fällt von vornherein aus. Dieses Aufstehen ist kein Versuch. Es ist ein neues Leben. Da geht er. Mitten unter den Menschen. Alle können es sehen: Heilung ist möglich. Neuanfang ist möglich. Weiterleben ist möglich.
Hier könnte die Geschichte zuende sein.
Es wäre ein Hohelied auf unser Miteinander, wenn wir uns gegenseitig und selbst nicht aufgeben, eine Erziehungsanleitung im besten Sinne, eine zutiefst menschliche Geschichte. Denn wer Jesus ist, zeigt sich bis dahin nicht und der Kranke weiß es auch nicht. Aber schon der nächste Vers ändert die Lage.
„Es war aber Sabbat an diesem Tag. Da sprachen die Juden Heute ist es dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen. Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat. Sie fragten ihn: Wer war das? Er aber wusste es nicht, denn Jesus war fortgegangen... Später fand ihn Jesus und sagte: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre…“
Dass Sabbat war, also die Zeit, für die das jüdische Gesetz vorschreibt, nicht zu arbeiten und schon gar kein Bett durch die Gegend zu tragen, war bisher nicht wichtig. Es scheint nur bedeutsam zu sein für die, die fürchten, ihr System könnte kollabieren, wenn die, die bisher am Boden lagen, sich auf einmal ihrer selbst und ihrer Kraft bewusst werden oder wenn die, die bisher nur zugesehen haben, hingehen, aufrecht: Siehe, da ist ein Mensch!
Und diese Hinzufügung ist bedeutsam für die, die wie Johannes, seine Zeitgenossen und Christen seit jeher verstehen wollen, wie Jesus wirkt, ob Gott es ist, der in und durch ihn handelt. Es ist bedeutsam für alle, die damit rechnen, dass Gott nicht Gesetze schenkt, sondern Freiheit, dass er nicht blinden Gehorsam will sondern bewusste Nachfolge.
Und noch etwas bergen diese Zeilen:
Jesus war nicht zu sehen und nicht zu finden. Aber er findet uns. Und er verbindet das Auffinden mit der Aufforderung: Werde Dir bewusst, was passiert ist. Gefährde Dich nicht wieder. Ich bin da. Die Verlassenheit von Gott und den Menschen ist zu Ende. Darum bist Du gesund. Die Kraft, die uns vorantreibt und Leben hilft, kommt aus der Begegnung mit Gott. Der Mut, der uns aufrecht hält, ist längst in uns gepflanzt, denn Du stehst doch, denn: „Siehe, du bist gesund geworden.“
Amen.

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  17.Sonntag nach Trinitatis

17.Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.10.2019

Was für eine Woche liegt hinter da hinter uns!
Im Hallenser Paulusviertel macht ein junger Mann sich auf den Weg, um ein Blutbad anzurichten. Er hat sich darauf vorbereitet, Lebenszeit, Kreativität und Intelligenz darauf verwendet, sich zu überlegen, wie er das genau machen will, wer daran teilhaben und davon wissen soll, wie Andere diese Tat einordnen sollen und wie sie möglichst viele Nachahmer findet. Das schien ihm naheliegender zu sein, als ins Kino zu gehen oder zum Sport, Blumen für ein Mädchen zu kaufen oder den goldenen Oktober zu fotografieren. Nichts davon: Er fand es plausibel, Juden zu erschießen, möglichst viele.
Und wir? Wir stöhnen auf.
In derselben Woche spielt der amerikanische Präsident mit der Verfassung, twittert er einen Krieg zwischen Türkei und Syrien herbei als würde das nicht Menschenleben kosten. Und ein britischer Premierminister opfert die Früchte jahrzehntelanger Versöhnungsarbeit nach dem zweiten Weltkrieg in einem Sündenbockspiel als gäbe es kein Morgen.
In derselben Woche wird schließlich einmal mehr die völlig überflüssige Debatte geführt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Das Wort ist ungenau. Die DDR war eine Diktatur. Und sie wollte eine sein. Wer das infrage stellt, verharmlost und verwischt.
Wir brauchen aber dringend Klarheit und gerade Haltung.
Wir brauchen keine Rücksicht auf Befremden oder klug formulierte Ressentiments. Wir sollten die bürgerliche Mitte nicht verklären. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, zu meinen, dass nichts schief gehen kann, weil die Mehrheit in diesem Land solche Taten verabscheut.
Wir brauchen Deutlichkeit.
Und wir brauchen Vergewisserung,
dass jede und jeder etwas dafür tun kann, dass der gesellschaftliche Frieden in unserem Land gewahrt bleibt,
dass wir uns friedensdienlicher Kommunikationsformen bedienen,
dass Menschenrechte, also auch das Recht auf Unversehrtheit, das Recht auf Asyl, das Recht auf Religionsfreiheit, tatsächlich unantastbar sind.
Wir brauchen die Vergewisserung, dass wir uns immer entscheiden können, ob wir uns so oder so verhalten. Wir brauchen Klarheit darüber, dass es politische Neutralität nicht gibt, denn dann überlasse ich die Entscheidung anderen und auch das hat Folgen.
Und wir brauchen nicht zuletzt ein klares Bekenntnis.
Dabei müssen wir unsere Richtungsentscheidung nicht aus schmerzlicher Erfahrung oder ungutem Bauchgefühl schöpfen, wir haben das ungeheure Privileg, dass unser Gott durch sein Wort zu uns spricht, dass er uns Wege weist und Beispiele gibt.
Eines steht im Predigttext für diesen Tag.
Sie haben die Geschichte aus dem Josuabuch vorhin gehört.
Natürlich, Kontext und Rahmen sind ein anderer und keiner, der es einfacher macht. Im Gegenteil: Die Geschichte der Hure Rahab verzichtet von vornherein darauf zu suggerieren, dass ganz und gar eindeutiges Leben, vollkommene Moral möglich wäre, denn es ist eine Geschichte von Verrat im Rahmen der sogenannten Landnahme Israels. Das Wort „Landnahme“ klingt harmlos: Die Israeliten nehmen sich das Land, von dem ihnen gesagt ist, dass sie dort wohnen sollen egal wer jetzt dort Zuhause ist. Die Anordnung lautet in verstörender Klarheit: „Aber in den Städten, die der Herr, dein Gott, dir zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat.“
Das Alte Testament berichtet deshalb von der Vollstreckung dieses Banns, der gewaltsamen Auslöschung der Fremden. Sie wird zum Maßstab des Gehorsams Israels.
Hier müsste ich aufhören. Denn ich will nicht predigen, dass unser Gott das so sagt. Ich will nicht dazugehören, wenn Glaubensgehorsam mit derartiger Gewalt einhergeht. Auch wenn ich selbst in einer heillosen Welt lebe. So nicht.
Was dann?
Die alttestamentliche Forschung ist sich schon sehr lange einig, dass diese Texte aus einer Zeit stammen, in der es nicht um historische Berichterstattung ging, sondern um ein verfestigtes Bild, eine symbolische Haltung: Verschiedene können danach nicht zusammenleben. Fremde bleiben Fremde und als solche immer eine Gefahr für die eigene Identität, die man bekämpfen muss.
Geleitet von dieser Logik kann man nicht miteinander leben.
Trotzdem. Für mich bleibt falsch, dass Männer, Frauen, Kinder, Vieh sterben müssen, weil sie anders sind. Lässt sich Hoffnung schöpfen, dass hier eine hilfreiche Handlungsanleitung zu finden ist? Tatsächlich zeigt der Textbefund, dass der gewaltsame Bann offenbar schon im kanonischen Erzählkontext als unerträglich empfunden wurde, denn bereits im zweiten Kapitel des Josuabuches gilt eine völlig andere Logik; fast möchte man das einen Antikriegsbericht nennen.
Sehen wir uns die Geschichte genauer an: Josua schickte zwei Kundschafter aus, die zu Rahab gingen, einer Hure. Direkt und ohne Umwege kehren sie bei einer Fremden ein, obwohl jede Art des Miteinanders, strengstens verboten war. Und nicht nur das: Sie gehen auch noch zu einer Prostituierten...
In der theologischen Literatur ist alles versucht worden, aus Rahab eine anständige Frau zu machen, wenn sie schon eine so große Rolle in Gottes Heilsplan spielen soll, denn Matthäus wird sie später unter Jesu Ahnen aufführen. Aber Rahab ist, daran besteht überhaupt kein Zweifel, eine Frau, die ihren Körper verkauft. Deshalb lebt sie am Stadtrand, wie alle, die nicht ganz dazugehören.
Deshalb ist sie aber auch ein Symbol dafür, dass für die Frage danach, ob Gott uns brauchen kann, ob wir uns in seinen Augen bewähren und anständig verhalten, nicht relevant ist, ob wir nach den Maßstäben der Welt, fragwürdig, gescheitert, unmoralisch, marginalisiert sind.
So nimmt die Geschichte ihren eigentümlichen Lauf: Die beiden Kundschafter erfahren nichts, was von strategischer oder militärischer Bedeutung wäre. Aber sie hören aus dem Munde ausgerechnet dieser Frau. „Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“
Es ist also schon sein Land und braucht gar keine gewaltsame Eroberung.
Er ist der eine Herr, es braucht keine strukturelle und grundsätzliche Abgrenzung von den Fremden. Im Gegenteil. Die Hure Rahab sieht das und trifft ihre Entscheidung. Sie rettet den beiden Kundschaftern das Leben, indem sie sie mit einem Seil aus dem Fenster lässt und so außerhalb der Stadtmauer bringt, wenn diese im Gegenzug den mörderischen Bann nicht vollstrecken. Ein eigennütziger Handel? Ja. Aber auch ein Friedensvertrag.
So kommt es. So zieht es sich von da an durch die alten Texte. Als der Prophet Jeremia später in eine Grube geworfen wird und um eine Leiter bittet, antwortet ihm Gott: Warum eine Leiter, Rahab hat doch auch ein Seil genommen …
Dieses Seil verbindet uns mit den Mutigen. Es hilft uns, uns selbst herauszuziehen, wenn wir in Kleinmut und Angst versinken wollen und uns nicht trauen. Auch Rahab lebte in einer gewalttätigen Zeit, in einer schwierigen persönlichen Situation.
Aber als sie die Wahl hatte, Fremde zu retten oder zu verraten, zögert sie nicht.
Als sie die Wahl hat, Fremden zu vertrauen und ihr Leben in deren Hand zu legen, zögert sie nicht. Als sie gefragt wird, bekennt sie sich zu dem einen Gott.
Das macht sie zur Urgroßmutter Jesu. Und zu unser aller Patin.

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  Michaelis

Michaelis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.09.2019

Wenn einem Kind etwas gelungen ist, eine gute Arbeit geschrieben, einen perfekten Pilz gefunden, Seepferdchen gemacht – dann kommt es stolz und glücklich angerannt, mit leuchtenden Augen und glühenden Bäckchen, überperlend von Eifer und Freude.
Bei Erwachsenen sieht man das auch manchmal: Stolz und Freude, wenn etwas gelungen ist, erfolgreich erledigt oder man sich überwunden und eine Sache angepackt hat – Erwachsene kommen dann nicht im Hopserlauf; aber sie gehen ein bisschen gerader, sie genießen die Anerkennung und leuchten; manchmal wie Kinder.
Denn so sind wir.
Menschen: begabt mit Kreativität und Kraft, Verstand und Humor, es geht was mit uns und die allermeisten möchten gern etwas gut können und dann auch richtig gut machen. Darum ist es wichtig, dass Kinder gestärkt und nicht ausgebremst und erdrückt werden, dass wir Großen einander nicht die Saat zertrampeln oder die Ernte verderben sondern im Gegenteil: uns miteinander und übereinander freuen.
Auch die Jünger Jesu werden sich danach gesehnt haben, dass ihnen gelingt, wozu sie beauftragt waren. Auch sie hofften, Früchte ihrer Arbeit zu sehen, Wirksamkeit ihrer Worte zu spüren. Und sicherlich haben auch sie, obwohl sie so nah dran waren, gespürt, wie schwer es ist, dem Evangelium ALLES zuzutrauen.
Daran hat sich durch die Jahrhunderte nicht viel geändert.
Wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben uns diese Woche von den jungen Kollegen fragen lassen müssen: „Brennt Ihr noch?“ Das hat geschmerzt.
Unsere katholischen Geschwister ringen derweil mit ganz neuer Dringlichkeit um die Glaubwürdigkeit ihrer Kirche. Manchen von ihnen kann man abspüren, dass sie all ihre Kraft geben, um Bewegung zu ermöglichen, Klarheit und Transparenz zu schaffen, Strukturen, die weniger anfällig sind für Gewalt und Machtmissbrauch.
Es wäre großartig, wenn es gelingt – aber kein Grund stolz zu sein. Vielmehr einer zur Freude.
Das ist ein feiner Unterscheidung, den wir mit unserer inflationären Rede von der Wertschätzung verwischen. Es lohnt aber, diesen Punkt genauer anzusehen.
Hören wir also auf den Predigttext für diesen Sonntag aus dem Lukasevangelium. Der Evangelist hatte erzählt, dass Jesus zweiundsiebzig Menschen jeweils zu zweit ausgesandt hatte, um Kranke zu heilen und das Reich Gottes zu verkündigen. Einige Verse später berichtet Lukas:
„Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen.“
Da kommen sie und sind stolz und glücklich!
Kein Wort über den eigentlichen Auftrag. Das interessiert Lukas jetzt nicht oder scheint allen klar zu sein. Die zweiundsiebzig jedenfalls haben einen guten Job gemacht und kommen voller Freude heim. Mehr noch! Sie haben die Dämonen, die bösen Geister, die dunklen Mächte, all das, was uns verwirrt und aus der Spur schmeißt, das Herz verhärtet und den Verstand vernebelt, alles, was uns zynisch und lethargisch macht, beherrschbar gemacht.
Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes darüber.
Wären wir in unserer Kirche soweit, dann würden wir barmherziger miteinander umgehen, mutiger auf Gottes Wort setzen, selbst wenn es befremdet – wir wären dann nicht gefangen von Kleinmut und Zukunftsangst. Diese Dämonen hielten wir in Schach wie die zweiundsiebzig es vermochten. Und wie würden wir stolz sein!
Das muss man sich bewusst machen, um zu ahnen, wie erwartungsvoll die zweiundsiebzig sind, wie sie hoffen, gesehen und gelobt zu werden, wie sie sich nach Anerkennung sehnen. Sie sind ja Menschen!
Aber Jesus sagt nur:
„ICH sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“
Ich, nicht ihr. Und das schärft er noch, indem er weiter sagt:
„Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.“
Was soll das? Darf man nicht stolz und glücklich sein, wenn man etwas für diesen Herrn und seine Kirche, seine Welt, seine Geschöpfe geschafft hat? Muss man sich immer noch sagen lassen: Spiel Dich nicht auf, so bedeutend war das nicht? Sind wir immer weiter Empfänger von pädagogischen und moralischen Einhegungsversuchen, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen?
Ganz wenige Worte genügen, um alles zu relativieren. Kein Grund, stolz zu sein.
Zwei Sätze reichen, dann hat er klargestellt, wessen Vollmacht dieser Erfolg zu danken ist und auch, dass es Eines ist, Schlangen und Skorpione zu zertreten aber ein Anderes, das Böse schlechthin aus dem Himmel stürzen zu sehen.
Das Vermögen dieser zweiundsiebzig war erstaunlich und genügte, die Brut des Bösen zu zertreten. Aber es vermag nicht, dem Bösen entgegenzutreten.
Mal wieder scheint die uralte Grenze auf: Glaubt nicht, ihr wärt wie Gott selbst!
Selbst der berühmte Erzengel, Michael, der Drachentöter, unter dessen Füssen sich nicht nur Schlangen und Skorpione kringeln sondern ganze schreckliche Lindwürmer, trägt diese Grenze mit sich, denn sein Name heißt übersetzt:
Wer ist wie Gott? Wer könnte so sein?
Er, Michael, nicht. Die zweiundsiebzig nicht. Wir auch nicht.
Böses zu zertreten, nicht wachsen und mächtig werden zulassen, ist unbedingt richtig und wichtig. Aber Grund zur Freude ist anderes, denn Jesus sagt:
„Freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind.
Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Ist das vorstellbar? Dass einer eifrig und glücklich, strahlend wie ein Kind, leuchtend vor Freude daherkommt, weil MEIN NAME im Himmel aufgeschrieben ist???

Die Namen der zweiundsiebzig kennen wir nicht.
Sie sind nicht großgeworden nach den Regeln der Welt.
Aber Gott kennt sie. Bei ihm sind sie aufgeschrieben. Er weiß, was es gekostet hat, die Dämonen untertan zu machen. Er weiß, was sie investiert haben an Kraft und Liebe. Er weiß, wie sehr sie hoffen, dass das alles nicht umsonst war, dass einer sie sieht. Und er weiß auch, dass Stolz schnell kippt und selbstgefällig auf der Habenseite wuchert, bis er uns kalt und starr macht.
Freude aber, richtige Freude, macht aus uns Kinder.
Kinder, denen Gottes Reich verheißen ist.
Kinder, die einen Namen bekommen haben und dazugehören.
Wenn ein Kind angesprungen kommt, überperlend vor Freude, weil etwas gelungen ist, dann kommt es – wenn nicht alles kaputtgemacht worden ist – nach Hause.
Wir sind Kinder Gottes, er hat Freude an uns ist und wir können uns freuen und zu ihm kommen. Der Satan ist aus dem Himmel gefallen, die bösen Geister zertreten, Gottes Engel lagern um uns her – wer wollte da nicht leuchten und glühen, funkeln und brennen. Vor Begeisterung im Wortsinne und Freude!






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  13. Sonntag nach Trinitatis

13. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2019

Blut ist dicker als Tinte.
Familie hält zusammen.
Familie kann man sich nicht aussuchen.
Und bei uns hieß es noch, wenn Gäste da waren: Familie hält zurück.
Familie haben wir alle.
Wir hängen und leiden aneinander.
Wir kaschieren die Fassade und haben feste Rollen.
Familienstreitigkeiten sind normal und tabu zugleich.
Und weil wir heute noch viel vorhaben, kommt der Übergang abrupt:
Auch Jesus Christus hatte eine Familie.
Seine Eltern Maria und Josef kennt noch fast jedes Kind.
Ob er Geschwister hatte? Wer weiß, vieles klingt danach.
Das Kind Jesus hat seinen Eltern Sorgen und Freude gemacht – wahrscheinlich beides im Übermaß. Seinetwegen mussten sie nach Ägypten fliehen, diesen Jungen haben sie in Jerusalem zwischen zahllosen Menschen verloren, weil er im Tempel vergessen hatte oder vergessen wollte, dass sie auf ihn warteten und ihn suchen würden, sein Name ist bekannt geworden, hat einen schwierigen Beiklang bekommen und wurde bei der Obrigkeit unliebsam, am Ende sind sie Zeuge seiner Hinrichtung gewesen und hatten womöglich Angst vor der Sippenhaft.
Sie waren Menschen, wie wir.
Werkzeuge Gottes aber keine Götter.
Nun möchte man meinen, dass gerade einer wie Jesus Christus, der Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte auch ein warmherziger Sohn gewesen wäre, ein Jude, der das alte Gebot, Eltern zu lieben und zu ehren, lebte. Aber so verstörend es ist, die Texte klingen anders und hart. Über diesem Tag heute steht es im Markusevangelium so:
„Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Zunächst ist es noch eine fast normale Situation. Einer radikalisiert sich und die anderen versuchen, ihn zurückzuhalten. Oder: ein Familienmitglied bringt sich in Gefahr und die anderen wollen ihn vor sich selbst beschützen, herausreißen… Oder: Einer ist krank geworden, verrückt, auffällig und die Familie will ihn heimholen.
Alles denkbar, denn manchmal weiß man nicht, was die Nächsten treibt.
Oft zerreißt so etwas eine Familie. Man schweigt übereinander und spricht nicht mehr miteinander.
Aber hier nicht. Hier ist eine Familie, die sich Sorgen macht und dem einen, der anders ist, nachgeht.
Hier ist eine Mutter, sind Geschwister, die einander nicht abgeschrieben haben, sondern füreinander einstehen wollen. Ich weiß, dass solches Zusammenhalten manchmal sehr gewaltsam sein kann und nicht danach fragt, warum der eine anders ist. Ich weiß, dass Zugehörigkeit in manchen Familien bedeutet, nicht der sein zu dürfen, der man sein will.
Aber hier scheint es so nicht zu sein. Hier geht die Härte nicht von Eltern oder Brüdern und Schwestern aus, sondern von dem einen Anderen. Denn als die Nachricht, dass sich seine Familie sorgt und mit ihm reden will, Jesus erreicht, ist seine Antwort harsch: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“
Mutter? Brüder? Schwestern? Wer soll das sein? Deren Sorge geht mich nichts an. Deren Aufregung betrifft mich nicht. Ich brauche sie nicht, hab schon Ersatz gefunden…
Das muss wehtun und schmerzen. Sehr sogar.
Dieser Sohn ist radikal.
Er geht an die Wurzel. Das bedeutet radikal sein wörtlich. Er reißt seine eigene Wurzel aus. Dort, aus dieser Familie, kommt er her aber hier bleibt er nicht, weil er sich neu gründet und das auch von uns verlangt.
Brüder und Schwestern, Nächste, um die man sich sorgt, an denen man hängt und die man kennt, sind die, so sagt er, die Gottes Willen tun, nicht die, deren Stammbaum ich teile.
Dicker als Blut und Tinte, bestimmender ist Gottes Geist.
Was er von uns verlangt, wozu er uns treibt, entscheidet darüber, mit wem wir zusammengehören.
Sie haben es vorhin im Evangelium gehört: Wer an einem vorübergeht, der unter die Räuber gefallen ist, egal welche Art Räuber (ein Dieb, ein Drogendealer, ein Schleuser, ein Seelenfänger) es war, wer da nicht hilft, kann nicht meine Schwester oder mein Bruder, meine Eltern, mein Kind sein.
Das ist knochenhart. Nicht mehr und nicht weniger. Das Wort „Familie“ zeigt es übrigens an. Es kommt von lat. Famulus – Diener – und meint die Gesamtheit der Dienerschaft. Man darf, glaube ich ergänzen: die Gesamtheit der Dienerschaft eines Herrn, des einen Herrn.
Geht das? Halten wir das aus? Wollen wir solch eines Bruders Geschwister sein?
Die Nachricht bleibt knochenhart.
Ich würde sie gern ein bisschen erweichen. Denn vielleicht ist ja die Liebe und Fürsorge, die wir in unseren kleinen Familien füreinander empfinden, ein Zugeständnis an unsere menschliche Schwäche, die Basis ohne die wir nicht können. Vielleicht kann eine gute Familie das Urbild dafür sein, wie es gehen könnte, miteinander und für Andere.
Die Schweizer Theologin Ina Praetorius, eine, die nicht zu Sentimentalität neigt, hat eine solche Denkmöglichkeit vorgeschlagen. Sie schreibt über sich und ihren familiären Zusammenhang:
„Im März des Jahres 1956 bin ich als blutiger, schleimiger, schreiender, scheissender Neuling aus dem Bauch meiner Mutter herausgekommen. Jahrelang haben Ältere mich mit Nahrung, Schutz, Wärme und Lebenssinn versorgt. Ich habe Wörter wie "Gott", "Liebe" oder "Jesus Christus" geschenkt bekommen, um mich in der Welt orientieren und meinem Leben einen Sinn geben zu können. Seit ich selbst sprechen und alleine stehen und gehen kann, gebe ich, was ich bekommen habe, auch an andere weiter. Fast jeden Morgen stehe ich auf, und fast jeden Abend gehe ich ins Bett. Dazwischen esse, trinke, denke, putze, schreibe, lese, reise... ich, während andere Menschen für mich Gesetze schreiben, Strassen bauen, Ställe ausmisten, Gemüse pflanzen, Bilder malen, Wasserleitungen reparieren ... Irgendwann werde ich sterben.“




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  7. Sonntag nach Trinitatis

7. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2019

Manchmal legt einem das Leben Bilder vor die Augen die man lange nicht vergisst…
In dem Dom kommt ganz regelmäßig ein altes Paar, jede Woche einmal sehe ich die beiden nebeneinander sitzen. Sein gut geschnittenes Gesicht lässt ahnen, was da mal möglich war. Sie haben sich gegenseitig durchgeholfen, mal klapperte er, dann schwächelte sie. Jetzt ist er dement geworden…
Aber sie kommen noch immer und sitzen nebeneinander. Neulich sah ich, wie er beim Orgelspiel ihre Hand nahm, das Innere behutsam entlangstrich, jeden Finger nachging – der Körper vergisst nicht. Eine vertraute Zärtlichkeit. Und sie schloss die Augen, hütete diesen besonderen Moment.
Vielleicht für die Zeit, die noch kommt…
Oder in Erinnerung daran, was mal war.
Es war ein Moment der Nähe und der Fülle.
Es war ein Moment, den nicht spürt, wer Hunger und Sehnsucht nicht kennt.
Ein Bild, das etwas davon erzählt, das Menschen eben doch nicht vom Brot allein leben . Aber ohne Brot geht es auch nicht. Eine andere Geschichte von einem altgewordenen Paar erzählte Wolfgang Borchert im Späterbst 1946 – eher er 1947 erst 26-jährig, starb. Kurz nach Kriegsende war Hungerzeit, kam ein Hungerwinter. Die Erzählung heißt: „Das Brot“. Und beginnt so:
„Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. … In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. .. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich… Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller … Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg. Ich dachte, hier wäre was, sagte er und sah in der Küche umher….
Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. … Ich dachte, hier wäre was, sagte er noch einmal … aber es war wohl nichts. …“
Auch eine Hungergeschichte…
Dieser Hunger verbindet nicht. Er gefährdet die Beziehung. Vielleicht weil der knurrende Magen sich mit anderer Dringlichkeit meldet. Er lässt sich nicht verdrängen, nicht beruhigen. Er treibt Menschen in beschämende Situationen…
Menschen, die nach Brot oder Reis hungern, können keine Umwege gehen und auch nicht warten …
An diesem Hunger stirbt man zuerst.
Aber Hunger hat viele Gesichter
Menschen, die nach Gerechtigkeit, nach einer guten Nachricht, nach einer Berührung, nach Heilung …
Und da ist da noch das Heimweh, die Trauer…
Den Menschen, die tagelang mit Jesus mitgingen, mangelte es zunächst an Brot und Fisch, dann aber auch an Zukunft, an Hoffnung.
Im wörtlichen und übertragenen Sinne gingen sie durch die Wüste. Letztes Jahr in Chicago haben wir solche Wüsten kennengelernt, Stadtteile, in denen es nichts, gar nichts zu kaufen gibt, kein Kiosk, keine Kneipe, nichts. Es gab keine Schule, kein Krankenhaus – dafür fehlten fast alle Männer zwischen 18 und 25. Sie waren im tot, im Knast oder wenn es gut gegangen war, fort…
Dahinter lag Methode, Grundstücksgier.
Aber es gab Kirchen. Dort klingen die alten Geschichten ganz nah. Und man hört noch einmal ganz anders, wie die Menschen Jesus bedrängen und wissen wollen – Sie haben es vorhin in der Evangeliumslesung gehört:
„Was tust du??? Was bewirkst du?“
Das ist eine berechtigte Frage. In der Wüste, in Hungerszeit, am Ende eines Lebens, am Rande einer Beziehung braucht man direkte Hilfe. Dann ist es eine wichtige Frage: Auf wen richten wir unsere Hoffnung?
Und wenn dann einer kommt, der um unser Vertrauen wirbt, um unsere Treue, muss man dann nicht fragen: Was hat er vor? Wie will er die Welt verändern? Missbraucht er die Not oder sieht er tiefer?
Diese Frage stellt sich auch hier …
Wer von der Grundrente redet, sieht er die, die aus Scham ihre Armut verstecken? Oder sieht er den Moment, wenn zur Wahlurne gegangen werden muss? Wer von Lehrermangel redet, sieht er die vielen Kinder, die nicht nur ein Recht auf Bildung haben sondern auch kleine Menschen sind, die sich auf ihren Lebensweg machen und Startkapital brauchen? Oder sieht er nur Profilierungspotential? Wer von Pflegenotstand redet, von Wohnungsmangel, von Sicherheit auf Bahnhöfen – was hat der vor mit dem Gehör, das ihm Menschen schenken, mit der Lebenszeit, der Hoffnung, die ihm Menschen anvertrauen?
Hunger, Sehnsucht, Mangel schafft Abhängigkeit. Umso heikler ist die Beziehung, die daraus entsteht.
Wie gesagt: es ist eine völlig berechtigte Frage:
„Was tust du??? Was bewirkst du?“
Die Frau in der Erzählung von Wolfgang Borchert, baut ihrem Mann eine Brücke. Es wird der Wind gewesen sein, der an der der Dachrinne ruckelte, was sie gehört hat. Und am nächsten Tag, so erzählt Wolfgang Borchert: „Als er nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können. Du kannst ruhig vier essen, sagte sie und ging von der Lampe weg. Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf …“
Die Menschen um Jesus machen Vorschläge. Sie erinnern an ihre Väter, die in der Wüste Manna gegessen haben, „Brot vom Himmel“ ein Wunder.
„Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. … Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“
Ich bin das Brot des Lebens, sagt er.
In meiner Nähe werdet ihr den Mangel, der Euch in Angst und Einsamkeit, in die kalte Küche, in die Lüge treibt, nicht mehr erleiden.
Mehr verspricht er nicht. Kein Wunder, kein überwältigendes Zeichen, kein Programm, keine Prämie…
Nur eine magere Möglichkeit: Wer zu mir kommt …
Das ist Gottes Gabe. Dieser eine Mensch, der sagt: „Wer zu mir kommt…“
Es hatte Heilungen gegeben, Wunder und Zeichen. Das wussten sie. Darauf hofften sie. Aber all das kam nicht von oben herab, wie ein Regen von Wahlgeschenken. Es erwuchs aus der Nähe. Aus Vertrauen auf ihn. Aus der Zuversicht, dass wir mit ihm Wege in die Freiheit finden, dass wir mit ihm wirklich Menschlich werden, dass der der Hunger, die Einsamkeit, die Not aufhören wird.
Dann werden sich unsere Hände berühren, als hätten wir nie vergessen, wer der Andere ist. Bei Wolfgang endet die Geschichte ganz schlicht:
„Nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.“






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  6. Sonntag nach Trinitatis

6. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2019

Viel brauchen wir nicht, am Anfang des Lebens: Ein paar Hände, Hände, die ins Leben helfen, halten und wärmen, Nahrung, Trost, Geborgenheit und Schlaf, Geduld.
Und eine Stimme, die unseren Namen sagt, ihn zärtlich in unser Ohr flüstert.
Dieser Name. Du bist mein Kind.
Da schwingt alles mit. Die großen Hoffnungen und auch die großen Sorgen. Das Wunder jedes Neuanfangs und das Ausgeliefertsein.
Am Anfang sind wir dem noch gewachsen: Nahrung, Trost, Geborgenheit – das schaffen wir. Aber dann kommt die Ich-werdung. Wohin wird es gehen, was wird aus all den Gaben und Schwächen, den vertanen Gelegenheiten? Was wird aus diesem Kind, wenn es gerade meiner Erziehung ausgeliefert ist? Was wird aus ihm in dieser Welt …?
Je älter man wird, desto mehr versteht man vom Sorgen und dass Luther ganz recht hatte, wenn er meinte, dass wir das Kreisen der Sorgenvögel über unseren Köpfen zwar nicht verhindern können aber es immerhin nicht soweit kommen muss, dass sie sich in unseren Haaren ein Nest bauen…
Manchmal ist es dennoch knapp davor, weil die Zukunft immer ungewiss ist und das Neue, was da werden will, fremd und verunsichernd. Wer eingesperrt und eingeengt lebt, kann sich nicht entfalten. Wer die große Freiheit hat, schleppt die Qual der Wahl mit sich. Alles, was nicht wird, scheint eigenes Versagen zu sein. Gestaltungsfreiheit geht einher mit Gestaltungspflicht. Wenn man Fragen und Probleme der eigenen Zeit aufgespießt hat, ist das noch lange keine Antwort …
Woher kommt unseren Kindern dann Hilfe?
Wie ist es mit der Tragkraft ihres kleinen Glaubens???
Und geht es unserem Gott, der jede und jeden einzelnen von uns ins Leben und beim Namen gerufen hat, mit uns womöglich genauso?
Wir sind seine Geschöpfe, seine Kinder, seine Gedanken. Er entlässt uns in das Leben in dieser Welt an einem konkreten Ort für eine endliche Zeit. Er weiß, dass wir nur die kleinen Horizonte im Auge behalten können. Er weiß, welche Zuversicht und welche Unruhe, welchen Mut und welche Zaghaftigkeit er in unser Herz gelegt hat, wieviel Eitelkeit und Feigheit. Er weiß, dass Wissen, Wollen, Können und schließlich Tun oft sehr weit auseinander liegen und auch das Mitgefühl und Verständnis begrenzte Ressourcen sind. Er sieht, wie es werden wird…
Er sieht noch viel weiter als Menscheneltern das tun. Und trotzdem sagt er:
„Fürchte dich nicht…“
Mir ist es ein freundlicher Gedanke, dass Gott diese drei Worte vielleicht auch sich selbst zum Trost sagt, jedenfalls dann, wen er uns ähnlich ist. Eltern müssen sich das manchmal sagen: lass dich nicht von Angst und Furcht leiten, sondern von Vertrauen.
Aber Gott ist uns nicht nur ähnlich. Er ist auch der ganz Andere. Er sagt zu uns: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
Ich bin sein. Mag es auch noch so viele Menschen mit meinem Namen geben, er unterscheidet uns und kennt auch mich. Ich bin sein. Sein. In unserem Leben hier wollen wir das nicht sein, Eigentum von irgendwem. Aber das einer solche Klarheit und Verbindlichkeit aufbringt: du gehörst zu mir – das ist schon schön, schenkt Geborgenheit.
Aber in diesem Vers steckt noch mehr: Gott sei Dank, sagt er das zu mir, zu Ihnen, denn leicht lässt sich untendrunter noch etwas anderes hören – das ist kein Automatismus, keine Selbstverständlichkeit. Es hat etwas mit dem zu tun, was Theologen „Erwählung“ nennen.
Gott hat ein Volk erwählt. Und er erwählt sich Menschen. In der Taufe ruft er uns – mit dem Sakrament antworten wir. Darum kann man zwar aus der Kirche austreten. Aber die Gotteskindschaft können wir nicht kündigen…
Denn er tut das Wesentliche. Wir reagieren nur. Gott ruft Menschen bei ihrem Namen und in seinen Dienst. Aber heißt das nicht auch, dass er manche Menschen auch nicht ruft?
Die eine haben darüber gestritten, andere unter der Frage gelitten:
Kann es sein, dass Gott die einen zum Heil und die anderen zur Verdammnis oder gar nicht ruft? Kann es sein, dass er meines Bruders Kind meint und mein eigenes nicht? Nicht nur die Bibel ist voller dieser Fragen: Warum hat Gott Abels Opfer freundlich angesehen aber nicht das des Kain? Warum können die einen bis zur Naivität fröhlich und vertrauensvoll glauben und die anderen obwohl sie es sich so sehr wünschen nicht??? Warum erleben die einen Geborgenheit und die anderen Verlassenheit?
Das sind schwere und zermürbende Fragen. Sie lassen sich nicht einfach wegwischen. Das ist kein Privileg, um das sich handeln lässt, keine Bürgerschaft, die sich verdienen lässt.
Es ist Gnade und völlig unverfügbar.
Es ist Gnade und nicht selbstverständlich.
Es ist Gnade und nicht zu begreifen.
Es ist Gnade und wahrscheinlich muss man so tapfer sein, dranzuhängen: Und nicht Gerechtigkeit.
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; … Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“
Fürchte dich nicht! Wenn du durchs Wasser gehst oder ins Feuer…
Es heißt nicht einfach nur: Wasser soll dich nicht ersäufen, Feuer soll dich nicht verbrennen. Es heißt nicht, wenn Unheil dich überfällt, ich bin da.
Hier steht: Wenn Du hineingehst, wenn Du dich – aktiv – hineinbegibst in die Gefahr…, dann …
Warum sollten wir uns das tun???
Gott sieht weiter. Wir sind seine Kinder. Er kennt uns. Er hat vermutlich allen Grund sich dauernd Sorgen zu machen. Er sieht die großen Fluten der Zweifel und brennenden Fragen, in die wir uns begeben, wenn wir verstehen wollen, warum er dies oder das mit uns tut, warum er unsere Kinder nicht ruft oder zulässt, dass sie es nicht hören, warum …
Er sieht: Darin haben wir keine Chance und werden untergehen in Verzweiflung oder verbrennen in Eifer und Zorn. Da hinein sagt der heilige große Gott:
„Fürchte dich nicht!“
Und er sagt übrigens nicht: Vermeide das Wasser oder das Feuer…
Sondern: Ich habe dich erlöst. Aus dieser Gefahr und aus anderer auch.

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  5. Sonntag nach Trinitatis

5. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.07.2019

Als Wolf Biermann sang: „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, du lass dich nicht verbittern in dieser bitteren Zeit…“ hing bei meiner damals noch ziemlich jungen Mutter zur Ermutigung im DDR-Leben eine Postkarte über der Spüle mit einem Zitat nach Jean Paul Sartre: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“ Ermutigung war das, geteiltes Leid.
Ich brauche solche Hilfe für meinen Alltag nicht so dringend. Mein ganz persönliches Leben ist unvergleichlich viel besser geworden als ihres. Wirklich, ich habe allen Grund dankbar zu sein.
Aber dann steht im Matthäusevangelium als Predigttext für diesen Sonntag, und ich kann nicht anders als zu glauben, dass diese Worte uns gelten, heute hier:
„Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“
Da zieht er durchs Land und geht in alle, in alle! Städte und Dörfer. Er macht sich ein Bild von den Lebensumständen der Menschen, von ihren Krankheiten und Leiden. Und er tut das gründlich. Und was er sieht und ahnt, was er wahrnimmt und versteht führt dazu, dass es ihn jammerte.
Nun waren die Verhältnisse zur Zeit Jesu in Palästina andere als heute. Das Land war von einer fremden Großmacht besetzt, die Menschen wirklich arm. Aber wenn ich ernst nehme, dass Gottes Wort eben nicht nur eine Erzählung aus sehr alter Zeit ist, sondern dass Gott sich uns in seinem Wort zeigt und durch sein Wort zu uns spricht, dann muss ich hören: Er zog durch alle Städte und Dörfer, Braunschweig, Hannover, Hildesheim, Goslar, Schladen, Heiningen, Ahlum, Schandelah, Meine, Vordorf, Gifhorn… und was er sah, das jammert ihn.
Das jammerte ihn. Nicht: es gab ihm zu denken. Oder: er sah große Unterschiede. Nein. Es jammerte ihn.
So schlimm ist es also. Das hätte ich nicht gedacht. Es gibt sicherlich Weltgegenden, in denen es einem das Herz bricht, wenn man ein mitfühlender verständnisvoller warmherziger Mensch ist. Aber hier?
Leben wir nicht auf der Sonnenseite der Welt, in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde, einem demokratischen Rechtsstaat?
Es tut offenbar Not nochmal hinzusehen…
Es tut Not, zu lernen, mit seinen Augen zu sehen.
Er sieht ängstliche und verstreute Menschen.
Er sieht also Menschen, die sich fürchten vor der Zukunft oder vor dem Leben, vor der Liebe und vor Verbindlichkeit, die Angst haben um das gute Leben oder um ihre Privatsphäre oder…
Er sieht verstreute Menschen ohne Hirten …
Er sieht Menschen, die den Weg verloren haben und ihre Herde, ihre Gemeinde, solche, mit denen man gute Wege findet. Er sieht Verstreute, Einsame, Verstiegene, Gefährdete.
Ich befürchte, man kann es drehen und wenden wir man will:
So sieht er uns.
Und es jammert ihn. Aber überraschender Weise kommentiert er den Befund mit den Worten: „Die Ernte ist groß. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“
Ich hätte gedacht, er sagt: Die Ratlosigkeit ist groß. Die Ohnmacht ist groß. Die Orientierungslosigkeit ist groß. Der Unverstand ist groß. Die Hartherzigkeit ist groß…
Aber er sagt: Die Ernte ist groß!
Ich vermute, er kann das sagen, weil er anders hinsieht:
Er sieht nicht Kirchenaustritte und verfehlte Kampagnen. Er sieht nicht Resignation und Erschöpfung.
Er sieht Sehnsucht und Veränderungsbereitschaft, Heilungschancen, Hoffnung.
Er sieht das, was werden will. Das, was werden kann. Die Möglichkeiten dieser unserer Zeit.
Er sieht, dass es niemals an der Zeit ist, einen Menschen aufzugeben und fallenzulassen.
Es gibt zu tun.
Es braucht Menschen, die sich auf Jesu Art zu sehen einlassen.
Es braucht, so sagt er, Erntehelfer. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist entlastend und begrenzend. Das bewahrt uns vor dem Scheitern an einer zu großen Aufgabe und auch vor Größenwahn und Weltenretterpose.
Denn „Herr der Ernte“ sind nicht wir.
Aber wir werden gebraucht! Für viele Menschen gibt es nichts Schöneres und sie haben recht: wer gebraucht wird, der fehlt auch und wird vermisst. Wer gebraucht wird, muss sich nicht sorgen um den Sinn seines Lebens machen.
Wir werden gebraucht, dort wo Gott uns hingesetzt hat und mit folgendem Arbeitsauftrag versieht:
„Geht aber und predigt: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.“
Ich habe mich an dieser Stellenbeschreibung ein paar Tage gequält, denn ich kann nicht heilen und Tote aufwecken, auch keine Dämonen austreiben.
Dafür kriege ich Geld und gehe materiell gut ausgestattet meiner Arbeit nach…
Eine schmerzhafte Infragestellung, die sich nicht so leicht ausräumen lässt.
Sie stehen zu lassen und einfach weiterzumachen, geht glaube ich, nicht.

Ich versuche, etwas zu hören, das den Text nicht beugt:
Dass ich die Ernte nicht beurteilen soll und auch nicht einrechnen, besitzen werde.
Dass es auf das ankommt, was wir sagen und Heilsames tun, nicht auf Ausstattung und Equipment.
Dass ich achtgeben muss, weil die Aktualisierung der Worte Jesu meist zu Abschwächung führt.
Dass ich kein Selbstmitleid haben muss. Gott hat, auch wenn ich ihn jammere, etwas mit mir vor.
Einmal mehr: Dass ich aus Gnade lebe.
Und ja! Es gibt schönere Zeiten, denn der Herr der Ernte sagt: Das Himmelreich ist nahe!

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  4. Sonntag nach Trinitatis

4. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.07.2019

4. Sonntag nach Trinitatis

Meine Mutter hat ein altes Buch, ich vermute, es gehörte meiner Urgroßmutter, die im Dreikaiserjahr 1888 geboren war: „100 kleine moralische Geschichten für Kinder“. Ich habe es geliebt, vor allem seiner zauberhaften Illustrationen wegen. Alle paar Seiten gab es ein stärkeres Blatt mit einem einseitigen bunten Druck, kleine Mädchen und Jungen mit Hut, Schnürstiefelchen und Matrosenkragen…
Die Geschichten dazu waren kurz und allesamt drastische Beispiele für artige kleine Mädchen, die ihr blütenweißes Strickzeug sofort beiseitelegten, um hilfreich herzuspringen, wenn dies oder das nötig war, die niemals geschwätzig oder neidisch waren, dafür aber ihren Singvogel oder ihr Rosenstöcken liebevoll pflegten. Auch die Jungen waren höflichen und bescheidenen, mutig und sportlich, sie verpetzten den Freund nicht und gingen brav neben ihren Großvätern spazieren. Zu allen gab es selbstverständlich das Gegenteil: wilde unordentliche vorlaute Pippi-Langstrumpfmädchen und freche faule Michels…
Einfache schwarz-weiß Pädagogik, Lob und Strafe folgte immer auf dem Fuße…
In meinen Kinderbüchern und denen unserer Kinder waren die Hauptfiguren selbstbestimmte individuelle kleine Persönlichkeiten, die in ihren eigenen Welten gern ganz ohne Erwachsene (oder wenn dann nur als Nebenfiguren) gefährliche Abenteuer an der Seite ihrer besten Freunde bestehen. In diesen Büchern hat alles Vor- und Nachteile, ist die Welt kompliziert.
Hinter beidem liegen pädagogischen Konzepte, Erziehungsideale und Wertvorstellungen, moralische Urteile oder freiheitliche Prinzipien, die neben dem Blidungs- oder Unterhaltungsanspruch von Hoffnung getragen sind, dass Kinder zu selbständigen und verantwortlichen Menschen heranwachsen, die miteinander eine menschenfreundliche Gesellschaft bauen. Gesetze kommen dazu, Verfassungspräambeln, Ethikkommissionen. Und natürlich auch die Religion und ihre Texte. Die Bibel schließlich ist voller exemplarischer Geschichten, Regeln und Haustafeln, die Geländer sein wollen oder doch wenigstens Erinnerung…
Einer dieser Texte steht bei Lukas, Sie haben ihn vorhin als Evangeliumslesung gehört. Er beginnt mit der Aufforderung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ und weicht dabei von der Parallele bei Matthäus ab, der sagt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater vollkommen ist.“
Ein sehr klarer Unterschied in der Zielvorstellung!
Ob Lukas den Anspruch vollkommen sein zu wollen, unmenschlich fand, unerreichbar sowieso? Oder hielt er das Ziel, vollkommen zu sein für ungeeignet, um miteinander zu leben? Sorgte er sich, dass die eigene Perfektionierung alles Tun und Lassen zentrieren würde und Menschen nur noch auf sich selbst schauen, nebeneinander vereinsamen, Gemeinde unmöglich bliebe? War er selbst an dem Vollkommenheitsanspruch gescheitert und hatte lernen müssen, mit sich selbst und dann auch mit anderen barmherzig zu sein?
Oder theologisch betrachtet: Meinte Lukas, der Autor unser aller Weihnachtsgeschichte, der Zeitgenosse antiker Schönheits- und Bildungsideale, von denen manche noch immer unseren Vollkommenheitsbegriff prägen, dass ein Gott, der unter uns unvollkommenen Menschen geboren wird, grade nicht Vollkommenheit braucht sondern Barmherzigkeit?
Offenbar braucht es diese Voraussetzung für das, was er dann schreibt:
„Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben... Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“
Vom Funktionsmuster her, ist das den alten moralischen Geschichten ziemlich ähnlich. Wenn - dann… Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es hinaus. Handle so, wie Du selbst behandelt werden willst, es lohnt.
Aber da ist noch mehr:
Masse dir nicht an, Dich an Gottes Stelle zu setzen.
Du wirst in ein Loch stürzen.
Lass Dich nicht leiten von anderen Klügere, die meinen, dass sie das könnten.
Ihr werdet gemeinsam scheitern.
Lass es! Richte nicht über andere Menschen! Auch wenn dich anspringt, dass einer seine Lebenszeit und seine Gaben verspielt, dass er für seinen Nächsten kein Segen ist. Richte nicht.
Gott hat einen Unterschied zwischen uns und unseren Werken und Taten gemacht. Er sieht, was wir tun. Er beweint unser Scheitern. Aber er rechnet es uns nicht an. Mit uns Menschen hat er sich versöhnt. Dafür ist sein Sohn gestorben.
Anders ist es mit den Taten. Hier steht nicht und ist auch nicht gemeint, dass wir keine Haltung zu den Taten Anderer haben sollen. Ob das, was einer tut dem Frieden dient, ist nicht egal. Ob es gemein ist, ungerecht, böse – ist nicht egal. Wir sollen nicht blind mitlaufen, nicht dumpf nachmachen, nicht hartherzig tolerieren und machen lassen.
Vergebungsbereitschaft und Gerechtigkeitswillen gehören zu Gottes Heilsplan und sollen sich unter uns durchsetzen. Nirgendwo ist davon die Rede, die Veränderung dieser Welt auf das Jenseits zu vertagen. Wir sind zur Freiheit befreit UND in die Nachfolge gerufen. Entscheidungen können und müssen jetzt und hier getroffen werden.
Aber: es steht uns in all dem nicht an, über einen anderen Menschen zu richten. Dafür sind wir nicht geeignet. Das nachfolgende Gleichnis sagt es überdeutlich:
„Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?
Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?“
Unsere Wahrnehmung ist getrübt.
Die Selbstwahrnehmung erst recht.
Darum, wenn wir über andere richten, werden wir ihnen nicht gerecht werden – irgendwas können wir nicht sehen, irgendwas wollen wir nicht wahrhaben. Wir werden zwangsläufig unbarmherzig sein…
Sich des Urteils zu enthalten ist schwer, egal ob es um Carola Rackete, Urrsula von der Leyen, Donald Trump, die Lehrer meiner Kinder oder unsere Kollegen geht. Trotzdem müssen wir uns zu den Tatsachen verhalten, uns entscheiden, ob wir sie mittragen oder widersprechen, ehrlich sein, tapfer.
Das bleibt schwer. Ich kann froh sein, wenn ich nur einen Splitter im Auge habe und nicht gleich einen Riesenbalken…
Vollkommmenheit ist unmöglich.
Aber wenn wir es schafften, barmherzig zu sein? Jedenfalls müssen wir neu sehen lernen. Damit sind wir nicht allein. Selbst von den Jüngern wurde nach Ostern in der Emmausgeschichte erzählt, dass ihnen erst die Augen geöffnet werden mussten, ehe sie verstanden…
Aber einen Schritt weiter als wir waren sie schon. Sie fragten sich: „Brannte nicht unser Herz?“

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  Trinitatis 2019

Trinitatis 2019

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.06.2019

Dass es mal knallt und man sich streitet,
dass man einander Dinge an den Kopf wirft, die lieber ungesagt geblieben wären, dass man sich im Eifer des Gefechtes um Kopf und Kragen geredet und ordentlich verrannt hat,
dass man endlich etwas aussprechen und klären musste,
all das kommt, wie man so schön sagt, in den besten Familien vor und kennen wir vermutlich alle.
Aber wie kriegt man sich dann wieder ein?
Wie verhindern wir, dass mit dem Ärger gleich die ganze Beziehung den Bach runtergeht?
Wie knüpfen wir wieder an?
Es gibt verschiedene Modelle:
- Der Klügere gibt nach.
- Unvertragen wird nicht schlafen gegangen.
- Schweigen
Das Modell „Paulus“ lässt sich auf den allerletzten Metern seines durchaus griffigen zweiten Korintherbriefes nachvollziehen. Er hat das gesamte Arsenal aufgeboten, will den Brief um der Sache trotzdem abschließen und schreibt zum Schluss:
„Zuletzt, Brüder und Schwestern …“ – keine Anrede, die einen Liebesbrief erwarten lässt aber doch ein zutiefst verbindendes und nicht aufzulösendes Element. Dann schreibt er weiter: „Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!“
Das klingt zwar noch einmal nach einer ordentlichen Packung von Aufträgen und Imperativen und könnte dazu führen, dass das Gegenüber endgültig nichts mehr von ihm wissen will. Immerhin häuft er jetzt aber Verben aufeinander und sagt so: Lasst uns nicht den Status fixieren, sondern auf Bewegung setzen, Veränderung riskieren, weitermachen, Frieden wagen, denn dann – so schreibt er weiter:
„So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein“, dann werden wir Gott näher kommen, dann haben wir eine segensreiche Perspektive, dann geht es wieder miteinander – erst recht, wenn man bedenkt, dass es im Leben ja nicht nur um Argumente, sondern auch um Anerkennung, Zugehörigkeit, Gefühle geht.
So schließt sogar Paulus, der Mann der scharfen Worte, mit der Aufforderung: Gebt einander ein versöhnliches Zeichen: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.“
So war das mal in der Urchristenheit….
Wir Norddeutsche lassen es soweit nicht kommen – aber ein Handschlag oder eine Umarmung sind schon drin.
Versöhnliche Zeichen und Gesten … - oft kommt das vor oder statt Worten.
Denn Zeichen, Symbole und Gebärden erreichen tiefere Schichten, wirken wie Wege nach innen. Formen formen uns Menschen, aber auch Situationen.
Auch wir haben solche Zeichen, manche kennen nur unsere Allernächsten.
Andere gehören zu den Verabredungen unserer Gesellschaft oder zur Liturgie des Gottesdienstes.
Wir nutzen sie, um immer wieder anzuknüpfen – an unsere Gottesbeziehung oder an den Menschen neben uns.
Am deutlichsten ist der Friedensgruß.
Manchem mag das unangenehm oder peinlich sein, weil man sich einem Fremden zuwenden muss oder weil man das vielleicht überzogen findet: als würde eine Nähe suggeriert, die man so gar nicht meint. Andere mögen sich sorgen, dass sie niemanden übersehen oder selbst übersehen werden.
Aber – vielleicht, hoffentlich stimmen Sie da mit mir überein – je öfter man es tut, desto leichter geht es, vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen, desto besser fühlt es sich an. Und manchmal ist es richtiggehend ein Segen, dass es diese Geste gibt.
Tatsächlich hat diese Wirkung etwas mit der Wiederholung zu tun.
Man holt wieder, was drohte, verlorenzugehen: Gemeinschaftsgefühl, Versöhnungsbereitschaft, Friedensfähigkeit…
Wiederholungen holen uns wieder oder zurück in den Raum des Heiligen, sie gehen tiefer, weil wir sie kennen und uns nicht mit dem Verstand wehren. So beziehen sie Herz und Gemüt mit ein, bringen uns Gott ein Stück näher auch wenn wir manchmal von sehr weit her kommen.
Wiederholungen bringen es schließlich mit sich, dass wir etwas auswendig können und deshalb auch inwendig zur Verfügung haben.
Wiederholungen schaffen Vertrautheit und Beheimatung.
So kann man sich in das Ritual bergen.
Und so geht es mit dem Friedensgruß und erst recht mit dem Abendmahl: je öfter wir es feiern, nebeneinander stehen und Brot und Wein teilen, umso deutlicher erfahren wir, dass wir nicht nur einen Leib haben, sondern auch einer sind, dass wir geheiligt sind. Eine Gemeinschaft der Heiligen. Sie, ich, alle – egal wie heilig wir uns finden und fühlen.
In den alten Gesten und Gebärden kann man das sehen! Es wird im wahrsten Sinne des Wortes augenscheinlich.
Insofern ist es fast schade, dass wir Protestanten diesbezüglich so zurückhaltend sind: wir nehmen kein Weihwasser, wir knien und bekreuzigen uns nicht, aber immerhin: wir geben einander den Friedensgruß.
So wird an uns sichtbar, dass unser Gott ein Gott der Beziehung ist. Diese merkwürdige Trinität, Dreifaltigkeit, sagt nichts anderes: Unser Gott ist in sich, so wie er mit uns ist und wie wir untereinander sein sollen:
Voller Gnade, Liebe, Gemeinschaft – und wenn wir es oft genug wiederholen, dann wird das aus-und inwendig, erzählen nicht nur Worte, sondern auch unsere Gesten und Gebärden davon, hier und überall dort, wo das Leben uns hinstellt. Darum schließt Paulus seinen Brief mit den berühmten Worten: „Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“

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  Ostern

Ostern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.04.2019

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, / Im Tale grünet Hoffnungsglück…
Jeder sonnt sich heute so gern. / Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden: …
Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht….“

Ans Licht gebracht, ja das sind wir auch und feiern hier im lichten Dom die „Auferstehung des Herrn.“ Und was immer das ist, man kann Auferstehung nicht klein genug denken als Auferstehung von Mensch und Tier nach dem grauen Winter und erst nicht groß genug! Es ist das Wunder und die Hoffnung schlechthin! In der Auferstehungsgeschichte mündet das Evangelium, die gute Nachricht. Besseres ist nicht. Kein Wunder, dass wir das nicht fassen können und alle Jahre neu staunen und nachbuchstabieren!
Dies Jahr tun wir das mit Johannes, dem Theologen unter den Evangelisten, dem, der immer eine eigene Perspektive hinzufügt, dem die Berichte der anderen drei als Rahmen genügen, von dem man schon gehört haben sollte.
Auferstehung, so werden wir von ihm sehen lernen, hat etwas mit der Kunst des Loslassens zu tun, denn die Uhr wird nicht zurückgedreht werden, damit alles ist wie es einmal war.

Gehen wir also Schritt für Schritt mit Johannes ohne zu vergessen, dass die, für die er erzählt, wissen, wie das ausgeht:
Maria hatte Petrus und einem anderen der Jünger erzählt, dass sie das Grab leer vorgefunden hatte. Die beiden Männer hatten sich eilends davon überzeugt und sind wieder heimgegangen. Die Leerstelle allein, dieser Moment war folgenlos geblieben. Damit tatsächlich Glaube entsteht, damit Menschen davon als einer großen Gewissheit erzählen, es heißt ja nicht für umsonst: „Zeugnis ablegen“ muss mehr und anderes passieren!
Darum steigert Johannes seinen Bericht:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.
Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Da steht Maria am Grab und weint. Der Ort des unmittelbaren Gedenkens für die Erinnerung funktioniert nicht, weil er beschädigt ist. Aber Kummer hindert, dieses Zeichen zu deuten. Jesus hatte zwar in seiner Abschiedsrede gesagt: „Weinen und klagen werdet ihr, aber die Welt wird sich freuen.“
Aber jetzt beschreibt er damit nur, was ist und eröffnet nichts Neues. Jetzt trennt die Trauer vom Rest der Welt, der in Ordnung findet, dass der Verbrecher tot ist. Später sagt Jesus noch einmal deutlicher: „Eure Trauer soll zur Freude werden.“ Rückblickend kann man da schon hören, wie unnötig diese Tränen sind. Rückblickend hört man den Klang der Frage mit: „Warum weinst du denn nur so bitterlich??? Es gibt doch gar keinen Grund!“ Aber eben nur rückblickend. Im Moment ist das nur die Anerkenntnis menschlicher Erfahrung, wenn der Tod in unser Leben einbricht. Es ist unsäglich traurig. Das bildet sich keiner ein.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Engel bei Johannes keine Osterboten sind, denn Johannes weiß selbst gut genug, dass diese Tränen auch von Christen, die der Auferstehungshoffnung etwas zutrauen wollen, erstmal geweint werden müssen. Maria trauert. Weder der weggerollte Stein noch die beiden Engel können sie aus der nüchternen Wahrnehmung reißen: Jesus ist tot. Sein Leichnam wurde weggenommen…
Wir sind also nicht allein damit, dass es uns schwerfällt, die Auferstehung von den Toten wirklich zu glauben. Dieser Aspekt muss Johannes wichtig sein. Denn im Folgenden verstärkt Johannes ihn und erzählt:
„Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.“
Zum leeren Grab und den beiden Engeln tritt nun Jesus selbst. Wieder kann Maria durch die Tränen nichts erkennen, nichts begreifen. Sie wiederholt den Irrtum, mit dem lebendigen Jesus nicht zu rechnen und kommt nicht von der Stelle. Im Gegenteil: Vor allem anderen will sie den Leichnam zurückholen, so wie man sich eine Reliquie sichert, um den Gedenkort zu stärken. Das ist ihre und oft auch unsere Methode, mit dem Tod zu leben.
Johannes weiter: „Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um“
Das ist eigentlich total unsinnig. Eben noch hat Maria mit dem vermeintlichen Gärtner gesprochen und ihn mit Sicherheit dabei angesehen. Kein Wort, dass sie sich weggedreht hätte. Warum dann dieses Umdrehen? Johannes, der Worte genau wählt, wird das nicht aus Versehen gesagt haben.
Er macht damit vielmehr physisch klar, dass Maria hier am Grab nichts mehr erwartete und aufgegeben hatte, zurückgegangen war in das Leben, indem Jesus fehlt, weil er tot ist. Indem sie sich umwendet, erzwingt Maria unfreiwillig, dass Jesus sich ihr und ihrer Resignation in den Weg stellt. Er liegt nicht, er ist nicht beigesetzt. Er steht. Weil er lebendig ist! Und er ruft sie beim Namen, weil er es so von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen.“
Da erst, hörend, nicht sehend, erkennt ihn Maria. Das ist die Brücke für uns: Wir sehen ihn nicht, aber auch wir hören. Die Gegenwart ist dieselbe. Maria begreift hörend wie wir jetzt, in diesem Moment, dass Jesus vor ihr steht.
Gegenwart hat zu tun mit gewärtig-sein.
Maria versucht das und nimmt den alten Faden auf, indem sie sagt: „Rabbuni! das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an!“
Was wäre menschlicher, um sich zu vergewissern, dass ein schmerzlich entbehrter Mensch endlich oder überhaupt da ist, als ihn anzufassen?! Nichts. Aber: so ist er auch nicht da! Der Auferstandene war weder scheintot noch ist er jetzt wieder lebendig wie einer, der das Sterben noch vor sich hat.
Dieser Gedanke ist nicht zu halten, wir müssen ihn loslassen. Mit unseren Kategorien hat diese neue Wirklichkeit nichts zu tun. Es ist nicht alles gut, weil es ist wie es vorher war. Nicht Vergangenheit beschwören sondern Gegenwart zulassen! Erst, wenn Maria und mit ihr die Gemeinschaft der Christen das begriffen hat, wird er gehen. Darum sagt er:
„Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.“
Maria geht und verkündigt die Auferstehung den Brüdern.
Hier begönne eine zweite Predigt. Der Ausblick zeigt: Maria geht und sagt es mit eigenen Worten »Ich habe den Herrn gesehen«, so wie wir eigene Worte finden müssen. Und: Johannes begründet in diesem Moment, in dem er die Jünger / die Schüler zum ersten Mal „Brüder“ nennt eine geschwisterliche Kirche, in der eine Frau in vielerlei Hinsicht die erste war: die Erste am leeren Grab, die Erste die dem Auferstandenen begegnet, die Erste, die ihn bezeugt.
Im Sinne des Osterlächelns würde ich sagen, in solch einer Kirche „ist des Volkes wahrer Himmel, / zufrieden jauchzet groß und klein: / Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“

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  Okuli

Okuli

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.03.2019

Jemand sagte letzte Woche, dass er das Gefühl habe, das der Bibel nichts fremd ist, dass es zu allem auch eine Geschichte gibt. Heute klingt das aus dem Mund des Jeremia so:
„GOTT, Du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen.“
Wer kennt das nicht? Sich überreden zu lassen, kann manchmal charmant und großzügig sein, aber wenn man nicht ganz und gar von rosaroten Wolken eingelullt ist, dann hat man nicht vergessen, dass „überredet werden“ nicht dasselbe ist wie „überzeugt werden“. Wer überredet wird, weiß es eigentlich besser oder will etwas Anderes. Darum geht das Überreden allermeist mit Zweifeln und oft auch Reue einher; man hat nicht gegenhalten können und irgendwann beigegeben. So ist das sich-Überredenzulassen der Königsweg in Beziehungsprobleme, unvernünftige Investitionen, Überforderungssituationen und manchmal existentielle Not.
Bei Jerermia heißt es denn auch weiter:
„Gott, Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“
Wer sich überreden lässt, kann, wenn es dann schiefgeht, nicht allzu viel Verständnis erwarten, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Dabei ist der Spott oft gar nicht das Schmerzhafteste. Viel mehr tut weh, dass man den Eindruck nicht loswird, dass da einer, Schwäche ausgenutzt, Gutmütigkeit missbraucht, einen Dummen gefunden hat…
Unter Menschen passiert sowas dauernd.
Aber es ist schwer vorstellbar, dass Gott so mit uns umgehen sollte.
Dennoch, der hier spricht, ist Jeremia, sein Prophet.
Gott hatte ihn ausgesucht und überredet, in einer äußerst schweren Zeit seine Worte, Wahrheit, Warnungen auszurichten. Er brauchte den Jeremia, ob der wollte oder nicht, weil Menschen schwierige Konsequenzen vermeiden, weil sie sich auch in misslichen Umständen einrichten, Schuld auf andere schieben, genießen und nutzen, was der Tag eben hergibt. Nach uns die Sintflut.
Gott brauchte aber solche, der nicht verharmlosen, nicht schönreden, sich ihrem Gewissen und der Wahrheit verpflichtet fühlen. Gott musste einen überreden, in seinem Namen das drohende Unheil anzukündigen, wenn nicht endlich der Hebel rumgerissen würde, weil das, was er zu sagen hätte, milde formuliert, nur ungern gehört werden würde.
Also Jeremia.
Und der erlebt sehr schnell, dass solche Worte nicht folgenlos bleiben, der spürt, dass sein Leben schwierig wird, wenn man seinen Namen mit der Wahrheit verbindet, der wehrt sich und hadert mit Gott „Du hast mich überredet, weil Du gewusst hast, dass mich die Umstände dermaßen umtreiben werden, dass ich eh nicht schweigen kann! Du hast meine Schwäche, meine Ratlosigkeit, meine Verzweiflung ausgenutzt!
In Jeremias Worten klingt das so:
„Denn sooft ich rede, muss ich schreien; Frevel und Gewalt! muss ich rufen.“
Jeremia hat keine Wahl. Es bricht aus ihm raus. Er kann nicht anders als zu sagen, was er sieht. Er weiß, dass ihn diese Worte zeichnen und isolieren werden.
Gott hat ihn dem Leben, den Menschen ausgesetzt.
So ähnlich muss zu allen Zeiten denen gehen, die ihr Leben riskiert und oft genug verloren haben, weil sie nicht mehr hinter die sichere Linie, dorthin, wo geschwiegen wird und man sich einrichten kann, zurückkönnen.
Wenn man redet, wird es gefährlich. Wer, wie Dietrich Bonhoeffer es sagte, dem Rad in die Speichen fällt, wird nicht unbeschadet weiterleben.
So erging es Asli Erdogan, die wir letztes Jahr hier im Dom zu Gast hatten.
So ergeht es Journalisten, die überall auf der Welt in Gefängnissen sitzen.
So erging es den ostdeutschen Autorinnen und Autoren, die zu DDR-Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen wurden und deren Texte endlich in der „verschwiegenen Bibliothek“ publitziert wurden.
So erging und ergeht es politischen Gefangenen, deren Wege sich verlieren.
Eine, deren Namen und Geschichte wir noch kennen, die vom Leben, von Gott, von einem Gewissen, das stärker war als alle Angst, überredet wurde, war Sophie Scholl. Im Sommer 1942 fällt einer der Freunde ihres Bruders in Russland. Von Sophie wird überliefert, dass sie in diesem Moment gesagt haben soll: „Schluss, jetzt werde ich etwas tun!“ In Jeremias Worten:
„Es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen.“
Wir wissen, wie das endet.
Sophie Scholl wird wie ihr Bruder und ihre Freunde hingerichtet werden.
Asli Erdogan verlor ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Familie, Gesundheit.
Die DDR-Autorinnen der verschwiegenen Bibliothek starben in der Haft oder an ihren Folgen, nahmen sich das Leben…
Die namenlosen politischen Häftlinge der Gegenwart genauso wie die des 20. Jahrhunderts warten noch darauf, dass einer sich ihrer erinnert…
Sie alle werden die schreckliche Angst gekannt haben, von der Jeremia sagt:
„Ich will nicht mehr … Denn ich höre, wie viele heimlich reden: Schrecken ist um und um! Verklagt ihn! Wir wollen ihn verklagen!“
Sophie Scholl schrieb in ihr Tagebuch „So schwach bin ich, dass selbst das von mir Erkannte nicht wahr und wirksam wird…“ Und an anderer Stelle: „ich habe keine Ahnung von Gott, kein Verhältnis zu ihm.“
Gott sucht sich für sein Wirken, für den Dienst an der Wahrheit und an der Menschlichkeit nicht solche aus, die von vornherein so stark sind, dass sie alles aushalten könnten. Die gibt es wohl auch nicht. Es gibt nur uns. Und Menschen fühlen sich dann, wie Sophie Scholl sagte, winzig klein, ohnmächtig… Auch die Mutigen sind nicht in Drachenblut gefallen und verletzlich. Aber sie erleben: Gott überredet nicht nur. Er rüstet seine Menschen auch zu.
Jeremia kann trotz allem sagen:
„Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“
Sophie Scholl schreibt: „Denn gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet und sei es noch so arm und klein….“ Und weiß irgendwann ganz fest: „Es gibt nur in Gott oder außer Gott.“
Und während Hans und Sophie Scholl auf die Hinrichtung warten, lesen die Eltern zu Hause in Ulm in den Apokryphen und finden im 2. Makkabäerbuch ihre Trostgeschichte vom Überredetwerden. Ein König verlangt dort von einer Mutter und ihren Söhnen Unterwerfung indem sie Schweinefleisch zu essen. Einer nach dem anderen widersteht und bezahlt das mit seinem Leben. Als der Jüngste an der Reihe ist, sagt der König, die Mutter könne ihren Sohn doch überreden, zu essen und sein Leben zu retten. Aber sie sagt: „Mein Kind, sieh Himmel und Erde an und alles was ist. Gott hat alles aus nichts gemacht und wir sind auch so gemacht. Darum fürchte dich nicht vor diesem Henker….“

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  Reminiscere

Reminiscere

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.03.2019

Erinnere Dich! Das ist meistens eine dringende Aufforderung…
Manchmal braucht man sie, um dem Gedächtnis einen Schub zu geben, weil man etwas vergessen oder einen Menschen aus den Augen verloren hat: Erinnere Dich! Wann war das gleich? Wo hab ich das hingelegt? Oder: Wo hab ich ihn das letzte Mal gesehen?
Manchmal ist dies „erinnere Dich“ auch ein Appell an unser Gewissen: Erinnere Dich, Du hast es gesagt, Du hast es versprochen! Jetzt halt dich dran und tu es auch!
Und manchmal verbindet sich dies „Erinnere dich“ auch mit der Suche nach der Wahrheit: Erinnere dich, wie es gewesen ist! Erinnere dich daran, wer du warst und was du wolltest! Erinnere dich doch daran, wie wir miteinander gestartet sind und was wir miteinander erlebt haben!
Bitte!!! Erinnere Dich!
Wer so ansetzt, dem ist nicht egal, was wird.
Wer so drängt, der will einen anderen in eine bestimmte Richtung schieben.
Wer so rüttelt, der sucht und bohrt und fragt, der hofft.
Erinnere Dich!
Über diesem Sonntag steht es so.
Reminiscere!
Denk daran, Erinnere Dich! Ja, das ist naheliegend.
Wir haben es aus all den oben genannten Gründen nötig, uns wieder einmal an Gott zu erinnern.
Damit wir unser Gedächtnis schärfen und ihm in unserem Alltag Aufmerksamkeit einräumen.
Damit wir unser Gewissen schärfen und uns erinnern, dass wir leben wollten, wie er es uns vorgelebt hat.
Damit wir wieder auf seinen Weg finden.
Reminiscere! Erinnere Dich!
Ja, das wäre nötig, aber darum geht es erstaunlicherweise gar nicht, denn diese Bitte richtet sich an Gott, er soll sich an uns erinnern, nicht wir an ihn. Als ahnte man, dass es schlimm ist, wenn wir Gott vergessen aber noch viel schlimmer, wenn er uns vergisst.
Reminiscere! „Gedenke Herr, an deine Barmherzigkeit“
Worte aus dem 25. Psalm.
Bitte erinnere Dich, es ist wichtig für uns, existentiell!
Erinnere Dich Gott an Deine Barmherzigkeit und deine Liebe, daran, dass Du nicht nur ratlos, verzweifelt und zornig gewesen bist über uns Menschen, unsere Gier und unseren Hochmut, unsere Undankbarkeit, sondern erinnere Dich, dass Du uns gemacht und gut gefunden hast, dass Du sogar wolltest, dass wir dir ähnlich sind, dass Du einen Bund mit uns geschlossen und uns deinen Segen für unsere Kinder und Enkel versprochen hast, dass Du uns so sehr geliebt hast, dass Du deinen Sohn geschickt hast.
Bitte! Erinnere Dich!
Lass nicht zu, dass wir versuchen, selbst Herren über Leben und Tod zu sein.
Erinnere Dich, damit wir unsere schöne Erde nicht ganz und gar zugrunde richten und unsere Geschwister verhungern lassen, damit wir unseren Kindern nicht eine erbarmungswürdige abgewirtschaftete Müllhalde hinterlassen.
Bitte, erinnere dich, weil wir sonst, endgültig den Versuchungen erliegen, denen dein Sohn widerstanden hat und dem Bösen gehorchen, das uns ungerecht, selbstsüchtig und hartherzig macht.
Erinnere Dich, Gott!
Nicht von ungefähr stehen diese Worte über einem der Sonntage in der Passionszeit, denn wenn wir uns erinnern, wird uns wieder einfallen, dass wir auf dem Weg nach Jerusalem sind und zu befürchten steht, dass auch wir zu denen gehören werden, die Jesus verleugnen und verlassen, die ihn verraten und mit der Masse „kreuzige ihn!“ brüllen werden.
Wir haben es nötig, dass Gott sich an seine Barmherzigkeit erinnert. Immer wieder.

Gott zu bitten, sich an uns zu erinnern und daran, dass er es doch gut mit uns meinen wollte obwohl wir sind wie wir sind, ist eine wiederkehrende und zentrale Struktur unserer Gottesdienste.
Im Kyrie rufen wir, nachdem wir aufgezählt haben, warum wir es verdient hätten, dass Gott uns vergisst: Erbarme dich! Erinnere dich an deine Barmherzigkeit!
In der Fürbitte lenken wir Gottes Aufmerksamkeit auf die konkreten Sorgen unseres Lebens, möge er sie nicht vergessen!
Im Vaterunser vergewissern wir uns, dass Gott nicht vergisst, dass wir Brot brauchen und Vergebung.
Und unser Erinnern hat seinen Ort im Abendmahl. Wir teilen Brot und Wein zu seinem Gedächtnis.

Christian Lehnert, Theologieprofessor in Leipzig, schreibt in einem Buch über das Gebet von einer Begegnung mit einer sehr alten Frau, „deren Gebrechen mit einer Art durchsichtigen Schönheit einhergehen, deren Haut nichts mehr verbergen will, von blauen Adern allerorts durchzogen, feinfühlig, offen und rein.“ Sie war nach einer langen Bewusstlosigkeit noch einmal zurückgekommen und erinnerte sich, dass im langsamen Aufwachen „das Zuerst und das Später nicht mehr zu unterscheiden waren … dass sie Erinnerungen auskostete in der verlässlichen Wiederkehr und“… dass es sie tröstete „Einzelheiten der Vergangenheit neu zusammenzusetzen, ohne dass dabei eine neue Geschichte entstanden wäre.“ So wurde sie „empfänglich für Erinnerungen, die weiter reichten als sie selbst.“
Sehr poetisch sagt er also: Gottes Geschichte mit uns ist so gut, dass wir keine andere zum Leben brauchen. Wir müssen sie nur immer wieder ins Gedächtnis rufen.
In Gebet und Segen erinnern wir uns aneinander und finden zurück in die heilsame Verbindung zwischen Gott und Mensch, die weiter reicht und größer ist, als dass was wir denken können, die in Ewigkeit da war und immer wieder kehrt. Amen



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  Invokavit

Invokavit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.03.2019

Im Hebräerbrief steht:
„Wir haben einen, der mitleidet mit uns …
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht, wenn wir Hilfe nötig haben.“

Wenn wir Hilfe nötig haben, wo gehen wir dann hin???
Wenn Kinder Hilfe brauchen, dann gehen sie – wenn sie das Glück haben, in einem liebevollen Elternhaus groß zu werden – allermeist dorthin. Kinder vertrauen arglos, dass ihnen von Mutter und Vater nichts Böses widerfährt und glauben, dass Eltern alles richten und in Ordnung bringen können.
Von dieser ersten Beziehung leiten wir für unser Leben, und unseren Glauben Vieles ab. Gottes Kind sein zu dürfen, ist nur tröstlich, wenn Kindheit Geborgenheit kannte.
Auch darum ist es so unvorstellbar grausam, wenn Eltern ihren Kindern Gewalt antun – denn sie verletzten nicht nur Leib und Seele, sondern verstümmeln auch das innere Vermögen, darauf vertrauen zu können, ein bedingungslos geliebter und liebenswerter Mensch zu sein, nicht von bösen sondern guten Mächten umgeben.
Erwachsen geworden wird dieses Fundament immer nötiger und gefährdeter.
Erwachsen geworden sehen wir menschliche Möglichkeiten klarer.
Erwachsen geworden sehen wir auch unsere Eltern-Kind-Beziehung vielleicht nicht mit anderem Herzen aber sicherlich mit anderen Augen.
Die Tochter von Ulrike Meinhof hat ihrer Mutter einen Brief geschrieben, in dem steht: „Es gab ein Mutter-Kind-Verhältnis, und wenn es nur wir Kinder waren, die es noch aufrechterhielten… Ich war hundertprozentig sicher, dass wir uns wiedersehen würden. Ich habe gewartet und auf die Liebe, die zwischen uns ist, vertraut.“ Da klingt schon an, dass Gewissheiten fehlen; da ahnt man, dass es viel Lebenszeit kosten wird, sich von der Geschichte dieser Mutter zu befreien.
Die Schriftstellerin Jagoda Marinic schrieb ihrer Mutter, die es gewagt hatte, aus ihrer kleinen Welt auszubrechen und trotzdem ihrer eigenen Kraft nicht traute: „Als Mutter durftest du sanft sein, als Frau sahst du dich schwach. Heute, … verstehe ich dich. … Du hast mir das Meer gezeigt, obwohl du selbst nicht schwimmen konntest.“
Und Natascha Wodin, deren Mutter, eine ehemalige Zwangsarbeiterin, sich das Leben genommen hatte, schreibt ihr: „“Du hast gewusst, dass wir außer dir keinen Schutz besaßen, … dass wir allein auf der Welt zurückblieben, die uns nicht haben wollte und bist trotzdem gegangen … Ich habe dich mit meiner ganzen Kraft festgehalten, aber alles hat nichts genutzt.“ Am Ende des Weges kann sie sagen: „Wir, Du und ich, haben uns gegenseitig geborgen, wir sind einander Kind und Mutter zugleich geworden. Du, meine kleine, chancenlose, an der Welt zerschellte Mama.“
All diese Briefe, erschienen vorgestern im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Sie erzählen von großer Liebe, von Verstehensrozessen, die manchmal in Bekenntnissen enden und vor allem davon, dass wir nur Menschen sind.
Mir bauen sie eine Brücke zu diesem Sonntag, mit dem die Passionszeit beginnt, weil auch Jesus Christus von jetzt an nicht mehr nur der sein wird, der heilt und zurechtbringt, der Wunder wirken und Menschen satt und froh machen kann. Jetzt gerät er an die Grenzen dessen, was Menschen aushalten können, jetzt erlebt er Angst und Einsamkeit…
Jetzt muss unser Glaube erwachsen werden, denn das Bild vom „lieben Gott“ wird nicht ausreichen, so wie es immer an die Grenze kommt, wenn es schwer wird.

Und so gehören eben zu diesem Sonntag jene Zeilen aus dem Hebräerbrief. Sie entstanden am Ende des ersten Jahrhunderts. Keiner weiß, wer diesen Brief geschrieben hat. Offenbar war es ein Mensch, der Angst hatte, dass das Fundament seines Lebens nicht mehr trägt, dass die Tragkraft des Glaubens nachlassen, dass Menschen müde und schwerhörig werden würden, nicht mehr wissen, woher sie Kraft und Mut schöpfen können. Darum fragte er:
Wohin, wenn wir Hilfe nötig haben?
Wohin, wenn das eigene Leben zerdrückt wird?
Wohin, wenn man die, die man liebt nicht retten kann?
Wohin, wenn wir Wege gehen müssen, die uns einsam machen?
Wohin, wenn wir Hilfe zum Leben brauchen?
Wohin, wenn wir Angst vorm Sterben haben?

Kann uns die Geschichte des Mannes aus Galiläa, der so elend sterben wird, Hoffnung und Mut schenken? Ist dieses Ende nicht der Inbegriff aller menschlichen Grenzen, an die auch wir nach und nach stoßen: bei uns selbst, bei unseren Eltern, bei denen, die wir lieben, bei denen, die wir fürchten. Liegt Jesu Geschichte nicht zu weit zurück, um noch in unserer Zeit wirksam zu sein? Haben nicht zu viele längst vergessen, was damals geschah?
Aber Geschichten, die vor uns waren, prägen unser Leben durchaus, auch und gerade dann, wenn sie schwer waren.
Dem Fremden, der den Hebräerbrief, schrieb, scheint tatsächlich geholfen zu haben, dass Jesus Christus kein Übermensch war. Ja, er konnte, was wir nicht können, er war besonders, begabt, anbetungswürdig – aber er litt und kannte dass das Gefühl, versucht zu werden, Angst und Leid nicht mehr durchstehen zu wollen …
Er war eben, wie Natascha Wodin schrieb, Mutter und Kind zugleich.
Darum schreibt der Unbekannte: „Wir haben einen, der mitleidet mit uns … , der versucht worden ist in allem wie wir … Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht … damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Und ein Stück weiter vorn heißt es: „Wir haben einen, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat….“

Auch diesen Brief hat kein Kind geschrieben, sondern einer, der schon Grenzen und Not erlebt hat, für den es wichtig ist, zu wissen, woher Hilfe kommt.
Es ist kein Brief eines Kindes an den lieben Gott, von dem man noch denkt, dass er uns aus allem, was nur irgendwie schwer und beängstigend werden kann, raushalten wird.
Es ist der Brief eines Menschen, der denselben Glauben, denselben Gott bekannte wie wir. Und der tut am Anfang der Passionszeit etwas sehr Ungewöhnliches und zugleich sehr Menschliches. Er blättert vor. Er denkt vom Ende her. Ganz ähnlich wie die Frauen, von denen ich vorhin erzählt habe, sieht er die Geschichte als Ganzes. Von hinten gesehen, weiß er schon, dass ihn diese Verbindung stärker gemacht haben wird, trotz allem, denn am Ende wird Jesus Christus den Himmel durchschreiten. Er wird nicht zerschellen an dieser Welt. Darum können wir zuversichtlich sein. Hoffnungsvoll.
Zu ihm können wir kommen, wenn wir Hilfe nötig haben…

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  Maria und Marta

Maria und Marta

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.03.2019

Maria und Marta also – Sie haben es gerade als Evangelium gehört. Jesus kommt in das Haus der beiden Schwestern. Marta tut, was sie kann, damit es der Gast behaglich hat. Maria nutzt seine seltene Nähe und versucht, was er sagt, zu hören. Marta ärgert sich über ihre Schwester und sagt zu Jesus: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Vielleicht gibt es wenige biblische Geschichten, an denen so deutlich wird, dass man sie je nach Situation und Zeitgeist unterschiedlich hören kann, dass sich ein Text unterschiedlich aktualisiert und Verschiedenes offenbart, sich immer neu je nachdem wer ihn wann und wo hört als lebendig erweist.
Tun und Lassen, Aktiv und Passiv, Dienst am Haus und Dienst am Wort, Arbeit und Meditation, Aufopferung und Hingabe, Frauenrollen….
Im Frühjahr 2019 könnte einen anspringen, ob es tatsächlich Arbeit ist, mit der man den Wert oder Sinn eines Lebens beschreiben kann und ob nicht gerade wir Protestanten der Arbeit und damit dem Status, den einer in der Arbeitswelt hat, zu große Bedeutung für gelingendes Leben beimessen. Eine Frage, der man sich stellen sollte, ehe man sich über das bedingungslose Grundeinkommen unterhält. Ich werde darauf noch einmal zurückkommen.
Andere wieder mögen vielleicht so etwas wie ein „carpe diem“ hören: nutze den Tag, lass kostbare und womöglich unwiederbringliche Momente nicht vorübergehen nur weil Du im Alltagstrott bist oder deinen Plan und Anspruch nicht aufgeben willst. Es kann gut sein, dass es wichtiger als alles andere ist, alles stehen und liegen zu lassen und Gott zuzuhören, wenn er deinem Leben so nahe gekommen ist, dass Du ihn wirklich hören kannst.
Und noch andere mögen auf dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung die Geschwisterbeziehung sehen: wenn Marta die Rolle der verantwortungsbewussten und fleißigen Hausfrau schon besetzt hat, ist es für Maria vielleicht am allerklügsten, damit gar nicht erst zu konkurrieren, sondern eine eigene Rolle zu finden, eben die der hingebungsvollen Zuhörerin… - auch das verläuft nicht konfliktfrei, aber immerhin birgt solches Sich-absetzen eigene Möglichkeiten.
Auch darin birgt sich eine Spur im Text. Der Dienst am Wort ist offenbar nicht Männern vorbehalten.
Ich möchte an diesem Sonntag, heute, ein anderes Moment betonen: Es lohnt, zu reden. Es lohnt, dass was uns umtreibt, auszusprechen. Es lohnt, das Gespräch zu suchen, wenn eine Situation schwierig ist.
Und erst recht: Es lohnt, mit Gott, mit Jesus Christus zu reden! Es lohnt, ihm zu klagen, was wir ungerecht und mühsam finden. Er hört es. Und er antwortet.
Gerade diese kleine Geschichte der beiden Schwestern, in deren Leben Gott unmittelbar gegenwärtig ist, zeigt: Es gehört zu einer lebendigen Gottesbeziehung und zum Resonanzraum des Gebetes nicht nur, auf ihn zu hören, sondern auch mit ihm zu reden.
Beides. Maria ist die Hörende. Sie kommt zum Wort aber nicht zu Wort.
Marta ist die Redende. Sie hätte direkt zu Maria sagen können „hilf mir bitte“ – aber das tut sie nicht. Sie sagt zu Jesus: Kümmert es dich nicht? Und Jesus überhört sie nicht sondern wendet sich ihr zu. Wir mögen in seinem „Marta, Marta“ das Kopfschütteln über ihre Unzufriedenheit hören, aber damals drückte die doppelte Anrede Ehrerbietung, Verbundenheit und Respekt aus. Seine Antwort haben wir vermutlich vorauseilend immer schon falsch im Ohr: Er sagt eben nicht: Marta, du hast zu viele Sorgen und deshalb das schlechte Teil. Sondern er bestätigt, ja, du hast Sorge und Mühe, wörtlich übersetzt „du bist nach allen Seiten gezerrt“ – ja, es gibt Vieles, worum du dich kümmern musst, was du gutmachen willst, denn Du bist hier die Hausherrin. Aber du musst dein Lebensrecht nicht durch deine Arbeit erkämpfen, es ist dir ohnehin geschenkt – aus Liebe. (das könnte ein Aspekt, ich sagte es, bei der Debatte über das Grundeinkommen sein.)
Und weiter sagt er: Maria hat das gute Teil ausgesucht, nicht das beste, das gute. Gönne es ihr. Auch das braucht es.
Und dann sagt er noch: „Eins aber ist not.“
Vielleicht heißt das auch. Es muss nicht alles gleichzeitig sein.
Heute ist Zeit zu hören, dass es not tut, im Gespräch zu bleiben, jeder auf seine Weise: Maria ist passiv im Reden und aktiv im Hören. Marta hört passiv und redet aktiv. Beide sind mit Jesus im Gespräch verbunden. Darum antwortet Jesus Marta direkt. Das hatte sie gar nicht erbeten. Ihr hätte eine Aufforderung seinerseits an Maria genügt. Aber die braucht das in diesem Moment gar nicht. Sie hört ja ohnehin. Marta aber braucht das direkte Wort, seine Zuwendung, sie braucht die Erinnerung, dass auch für sie gesorgt ist, damit ihre Sorge nicht überhandnimmt. Sie braucht seine Worte und sie bekommt sie. Jesus findet ihr Tun nicht falsch, sondern rät nur aufzupassen, dass sie die Freude daran nicht verliert.
Sein Wort ordnet und befriedet, es ist hilfreich und zärtlich, man kann es aktiv erbitten n oder passiv erwarten. Beides tut not.


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  Letzter Sonntag nach Epiphanias

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.01.2019

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was für eine Erzählung. Ein Predigttext, in dem Gott selbst spricht…. Aber halt. Wer sitzt da im Dornbusch? Der Engel des Herrn oder der Herr selbst? Beides steht im Text – und damit gehört er zu jenen, anhand derer in der Aufklärung erstmals laut gerufen wurde: Lest doch. Denn wer liest, wird in der Bibel ganz viele solcher Widersprüche finden. Und das ist wahr.
Bis heute gibt es Menschen, die solche Widersprüche weg zu erklären versuchen, aber wahrscheinlicher ist doch, dass hier eine Textdublette vorliegt. Das bedeutet, dass zwei verschiedene Generationen von Glaubenden Erzähler sind. Während in der ersten Generation noch Gott selbst sprechen konnte, war dieser Gedanke einer späteren Generation verpönt. Gott war zu heilig, zu transzendent, zu ewig, als dass seine Stimme zu irgendjemandem direkt aus einem Dornbusch heraus hätte sprechen können. Also muss es ein Mittler, der Engel des Herrn, gewesen sein. Einfach den alten Text streichen und durch einen neuen ersetzen wäre den Menschen wie ein Sakrileg vorgekommen, und so haben sie ihren Ansatz gleich einem Kommentar neben den alten in den Fließtext gestellt.

Wegen solcher Dubletten gibt es immer wieder die Kritik, dass die ganze Heilige Schrift nicht heilig sei. Fragt sich nur, was die Kritiker damals und wir heute damit meinen. Denn das führt weiter zu der Frage, wie wir eigentlich heute noch denken können, wie Gott in der Welt wirkt und begegnet.

Da wir kein Semester lang Zeit haben, sondern mir wahrscheinlich alle dankbar sind, wenn ich mich in etwa zehn Minuten wieder auf meinen Platz setze, wird’s ehrlich gesagt schwierig. Aber vielleicht reichen ja Stichworte:

Los geht es mit der Lehrmeinung der lutherischen Orthodoxie, die sich im Anschluss an Luther, vor allem aber in der Anfangsphase der Aufklärung entwickelt hat. Das war genau die Truppe, die Gott bis ins Detail beschrieb und erklärte. Ihre Grundlage dafür war die Schrift. Als nun die Kritik laut wurde, dass die Schrift doch in sich selbst widersprüchlich und deshalb menschengemacht sei, ging ihnen die Grundlage ihres Denkens und ihres so entwickelten Gottesbildes verloren. Deshalb wehrten sie sich mit Händen und Füßen gegen jene Denker, die Gott nicht mehr menschlich-personal, sondern anders denken wollten. So gab es eine Strömung, die Gottes Sein mit der Natur gleichsetzte. Pantheismus nennt man das: Gott ist alles und alles zusammen ist Gott. Und dann gab es jene, die sagten: Ja, Gottes Sein und die Natur sind eins, aber Gott geht noch darüber hinaus. Panentheismus nennt sich das: also Gott ist in allem, aber er ist nicht nur alles. Und den Dritten ist das alles viel zu spekulativ: sie wollen es mit Gottes Sein lieber ganz sein lassen und stattdessen lieber nur von seinem Tun in der Welt und angesichts seiner Existenz sprechen.

Einer der deutlichsten Denker eines solchen Gottesbildes war Friedrich Schleiermacher. Er schreibt in seinen Reden über die Religion: „Alle Begebenheiten in der Welt als Handlungen eines Gottes vorstellen, das ist Religion, es drückt ihre Beziehung auf ein unendlich Ganzes aus, aber über das Sein dieses Gottes vor der Welt und außer der Welt grübeln, mag in der Metaphysik gut und nötig sein, aber in der Religion wird auch das nur leere Mythologie, eine weitere Ausbildung desjenigen, was nur Hilfsmittel der Darstellung ist.“

Schleiermacher schrieb in einer Zeit, die ihm gottfern erschien. Und er fand, dass die Menschen angesichts all der vorliegenden Vorschläge, wie Gott zu denken sei, Recht hätten. Und doch, so sagt er, muss er sprechen, weil es ihm angesichts seines Gottes eine Notwendigkeit ist. Was aber schlägt er statt des Bisherigen vor?

Das wohl wichtigste ist für ihn, dass von Gott nicht allgemein-theoretisch, sondern nur individuell-erfahrungsbezogen geredet wer-den kann. Zuerst muss man sich dazu in Richtung des Unendlichen aufmachen und darin vertiefen, sonst lässt sich konsequenterweise nichts erfahren; erst dann kann in solchem Vertiefen Gott begegnet werden. Und wem das geschieht, der wird von dem, was ihm wider-fahren ist, reden müssen. Allein: auch hier wird alle Rede nur so weit kommen, wie es das Denk- und Sprachvermögen dieses Menschen hergibt. Und so gibt es viel Rede, die von der Wahrheit spricht, aber selbst auf doch sehr verschiedenem Niveau wahr ist.

Schleiermacher sagt: Theoretisch lässt sich nicht von Gott denken, weil Gott Gott und der Mensch Mensch ist. Und wer von Gott zu genau spricht, der hat am Ende nichts als leere Mythologie geschaffen. Und auch die Flucht ins Praktische, die sein Zeitgenosse Kant vorschlägt, helfe vielleicht dem ethischen Handeln des Menschen auf, aber in der Gottesfrage nicht weiter. Und wie soll’s nun gehen? Ich zitiere noch einmal:
„Das Wesen der Religion ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. … Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

Jetzt müsste ich eigentlich ganz viel über den Gefühlsbegriff bei Schleiermacher erzählen, der alles andere als Gefühlsduselei meint. Aber das übersteigt die Möglichkeit einer Predigt.

Wichtig ist mir an dem, was Schleiermacher sagt, dass ich mit dieser Herangehensweise plötzlich wieder ganz wunderbar aus den Erzählungen der Bibel Wahrheit gewinnen kann. Denn gerade weil es sich hier um das Erzählen von Menschen handelt, die dem Unendlichen begegnet sind und diesem Erleben auf ihre jeweilige Weise Sprache geben, liegt in diesen Erzählungen Wahrheit. In, mit und unter. Nicht als historisches Geschehen, sondern als Deutung des Lebens angesichts des Unendlichen.

Und so ließe sich aus unserem Predigttext hören:
Erstens: Gott ist nicht im abstrakten Denken zu haben, sondern es braucht einen Anlass. Sei es ein brennender Dornbusch – oder aber z.B. die Existenz einer Bibel, die von Glaubenserfahrungen spricht, ein Gespräch oder ein anderes Erleben.
Zweitens: Wer mit Gott handelt, kann das nicht in seinen gewohnten Schuhen tun. Sondern es gilt: Schuhe aus, hier ist Heiliger Boden – und damit kategorial Anderes, als womit wir es sonst zu tun haben. Wer Gott in den menschlichen Schuhen sucht, der wird ihn nicht finden, sondern schlicht den Heiligen Boden zertrampeln.
Drittens: Heiliger Boden meint – erst einmal die Klappe halten und zuhören; das Herz öffnen für die Unendlichkeit.
Viertens: Das Gehörte muss auf das eigene Leben angewandt werden. Und nein, das ist nicht einfach. Mose ziert und windet sich. Wer bin ich, dass ich dem Pharao entgegen trete? Unzumutbar, was du, Gott, mir zumutest. Oder: Was soll ich denn den Leuten sagen? Wer bist du überhaupt, in dessen Namen ich reden soll?
Und damit kommen wir zu sechstens, der wohl großartigsten Leistung dieser alten Gottesredner: Sie sprechen von Gott als dem Gott des Seins – und zwar keines statischen Seins, sondern eines wandel-baren Seins. Damit wird zum einen jeder Mensch und jede Generation darauf verpflichtet selbst und neu herauszufinden, wer ihnen Gott ist; und zum anderen wehrt das aller Mythologie, die Gott auf eine bestimmte Existenzweise festzulegen versucht.

Wenn wir heute über die Fragen des Glaubens nachdenken, lässt sich von solch altem Denkern viel lernen. Unsere westliche Gesellschaft ist geprägt von einer tiefen Säkularisierung. Wer aber Gott gestrichen hat, der wird weder nach einer Sprache für ihn suchen noch nach einer Ethik noch nach dem, wo und wie wir angesichts seiner Unendlichkeit stehen. Und so bleibt man und guckt nicht weiter als bis zu den eigenen Füßen. Vielleicht fällt es uns Menschen derzeit ja auch deshalb so schwer, jene Frage mutig negativ zu beantworten, ob wir wirklich alles tun sollten, wozu wir technisch inzwischen in der Lage sind. Und vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, kritisch an-zugehen, was uns eigentlich davon abhält endlich mit all dem aufzuhören, wodurch wir diese Welt in einer rasenden Geschwindigkeit vor die Wand fahren. Weil sie im Kern der säkularen Welt fehlt, die Perspektive, dass es in dieser Welt um mehr als den Menschen geht.

Meine zehn Minuten sind längst um und ich werde schließen. Und hoffe einfach, dass wir Glaubenden nicht aufhören, der Welt ein Stachel zu sein – ein Anlass, um selbst ins Denken zu geraten. Auf dass durch unseren Glauben wieder und wieder die Frage im Raum steht:
Was gewinnt man eigentlich, wenn man Gott in Gänze über Bord wirft – ohne sich seiner Nicht-Existenz wirklich sicher sein zu können. Und was verliert man, wenn Menschen aufhören, sich selbst als nur einen kleinen Teil der geschaffenen Welt zu betrachten und nicht mehr bereit sind, sich in ein wohlgeordnetes Gefüge des Unendlichen zu stellen?

So bewahre in den Untiefen dieser Zeit der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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  1. Sonntag nach Epiphanias

1. Sonntag nach Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.01.2019

Im Kino läuft ein merkwürdiger Film: „Adam und Evelyn“. Er erzählt nach einem Roman von Ingo Schultze die Geschichte eines Liebespaares im Sommer 1989 in Ungarn. Damals warteten dort viele DDR-Bürger auf eine Möglichkeit, in den Westen auszureisen. Es waren turbulente, dramatische und unwirkliche Tage. Der Film verlangsamt all das ins Unerträgliche. Vielleicht, um die Idylle des verschlafenen Osten zu erinnern oder die endlose Langsamkeit, mit der Zeit tropfen kann, wenn man wartet und Leben dabei verrinnt und vergeht.
Man malt sich aus, wie es werden könnte.
Man vergisst, dass die Zeiten des irdischen Paradieses ein für alle Mal hinter uns liegen.
Man ist voll angespannter Erwartung, dass das eigentliche Leben, was immer sich dahinter verbergen mag, noch vor einem liegt.
Von solchen Zeiten erzählen auch die alten Geschichten von der Wüstenwanderung der Israeliten. Irgendwann war man aufgebrochen zu einem besseren Ort wohl wissend, dass die Reise mühselig und unabsehbar werden würde, dass man das vertraute Zuhause, wie problematisch die Verhältnisse dort auch immer gewesen sind, verlassen und wahrscheinlich niemals zurückkommen würde.
Damals, im Moment der Entscheidung und des Aufbruchs, ist es das alles wert gewesen. Aber dann kamen Verzögerungen und Umwege, unerwartete Schwierigkeiten. Dann lagen die Nerven blank und Erschöpfung macht sich bemerkbar. Streit flammte auf. Wessen bescheuerte Idee ist das eigentlich gewesen… Dann kommt Lethargie und mit ihr wird alles gleichgültig. Zurück kann man eh nicht mehr.
Und auf einmal passiert es dann doch.
Die Reise, die Warterei geht zu Ende! Die Bibel erzählt: „Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun…“
Morgen schon! Also heiligt euch, bereitet euch vor, räumt in euren Herzen und Seelen auf. Begrabt den Unmut der langen Reise, den Frust, die Ungeduld und freut euch: Morgen schon. Endlich! Jetzt muss doch passieren, wo nach man sich so lange gesehnt hat.
Jetzt kommt die Erfüllung, der Lohn der Mühe, jetzt wird alles gut.
Die Hoffnung ist nicht unterzukriegen.
Man vergisst, dass der Moment ganz kurz davor in der Regel der Pik ist. Und aus irgendeinem überlebensdienlichen Grund hat der Mensch hier keine Enttäuschungslernkurve. Ich weiß es, denn als Kind habe ich große Teile meiner Ferien bei meiner Großmutter verbracht, die in einem Kurort im Osterzgebirge lebte. Dort war ich fasziniert, von den herrlichen Zielen auf den Wegweisern: „Sonnenhügel, Waldidyll, Bergfrieden…“ Dort wollte ich hin, egal, wie weit es war. Immer neu bin ich aufgebrochen, voller Hoffnung, etwas Wunderbares zu finden oder zu erleben. Aber immer kam ich nur zu gewöhnlichen Häusern, die eben Gästebetten vermieteten. Haus „Sonnenhügel“…
Das Ziel war unspektakulär und enttäuschend.
Adam und Evelyn landen irgendwo in Bayern.
Die Israeliten stehen auf einmal am Jordan.
Was nun?
Als Kind konnte ich mich umdrehen und damit trösten, dass es eines meiner Lieblingsessen geben würde. Aber im Erwachsenenleben muss man den nächsten Schritt tun. Das heißt manchmal Abschied zu nehmen von unrealistischen Träumen und sich arrangieren, mit dem was ist. Das heißt, bei der Wahrheit zu bleiben und sich selbst oder andere nicht zu belügen.
Vor urlanger Zeit ordnete Josua die Gruppe und sagt zu den Priestern: „Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. … Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still“ Und mit den Priestern stand das Wasser, nicht ganz so aufregend wie seinerzeit, als sich das Schilfmeer teilte, aber immerhin und dann heißt es: „Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.“
Das wars. Am Ende der generationenlangen Wüstenwanderung wird noch durch den eher flachen Jordan gewatet und dann ist man da. Die Landschaft sieht nicht großartig anders aus, die Sonne und der Mond haben denselben Glanz. Es gibt Staub an den Füßen und Steine …
Es geht weiter. Ist das das Wunder? Ist das das Ziel?
Was soll ich nun predigen? Soll ich das kleine Brötchen der Genügsamkeit predigen und uns daran erinnern, dass es manchmal wirklich ein Wunder ist, dass es weitergeht und ein neuer Tag anbricht? Dass man immerhin trockenen Fußes hinübergekommen und das Heiligste nicht nass geworden ist? Dass es nicht geknallt hat, man sich nicht endgültig zerstritten, nicht vollständig verrannt, total aufgegeben hat?
Aber was ist mit Israel? Noch immer leben die Menschen in Unfrieden und ungeklärter Nachbarschaft. Was ist mit dem Gottesvolk, mit uns? Noch immer scheinen wir im Jordan zu stehen und nicht zu wissen, wie es an Land gehen und die anvertraute Welt gestalten soll.
Aber Gott spielt nicht mit uns. Er kündigt nicht Könige im Purpurmantel an und schickt dann nur ein armes Flüchtlingskind. Er verheißt nicht das Schlaraffenland und beschert uns dann einen Ort in dieser Welt. Er kommt nicht zu uns, um zu gehen.
Er tut, was er gesagt hat.
Er erwartet, dass wir genau hinhören und auf ihn bauen. Dass wir nicht unseren Träumen und Hingesprinsten nachjagen, sondern seine Wege suchen. Dass wir nicht unserer Idee eines guten Lebens glauben sondern seiner Art zu behüten und zu bewahren. Dass nicht wir entscheiden, wann das Ziel erreicht ist, sondern dass wir uns in Anspruch nehmen lassen, sein Reich zu bauen. Dass wir uns finden lassen.
Und dann scheint manchmal der nächste Schritt auf und zeigt er uns, was not tut und worum wir bitten sollen: Als ich jedenfalls gestern Morgen „loben ohne lügen“ – ein Gebet von Dorothee Sölle googelte – weil ich es für das Mittagsgebet gesucht habe, zeigte mein Rechner – warum auch immer, denn „loben“ oder „lügen“ kommt darin nicht vor, folgenden Text an und ich bin so frei, ihn als Zeichen zu nehmen:
„vielleicht haben wir uns das zu einfach gedacht / als wir losgingen damals
auf dem langen marsch durch die wüste / um bessere methoden zu finden füreinander dazusein
o herr haben wir gedacht mach uns zum werkzeug / deines friedens
aber was kam war der lästige streit mit der behörde / die ordnung will und nicht frieden
die tägliche mühsal um nichtigkeiten / und das schreckliche / alleingelassenwerden …
viele haben es satt und wünschen sich nach ägypten / wo steuern flossen wie milch und honig …
wie lange soll der marsch noch dauern / was bedeutet das vierzig jahre
ist es unsere generation die verheizt wird / oder die nächste noch und wozu
lohnt sich das ziel für ein ganzes leben …
kommen wir je heraus aus der erstarrung / immer nur sand und steine …
o herr mach uns zum werkzeug deines friedens /
werkzeug der konflikte nicht der einstimmigkeit /
werkzeug der wahrheit nicht der umschreibenden / verhüllung
werkzeug des glücks nicht der einschläferung …


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  Silvester 2018

Silvester 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.12.2018

Vor einer Woche haben die Hirten auf dem Feld Nachtwache gehalten, vielleicht haben sie sich angeschwiegen, vielleicht auch darüber unterhalten, was war und was kommt, was überstanden ist und was man hoffen muss, worauf man sich verlassen kann im Leben und im Sterben.
Sie haben einander sicherlich beim Namen gekannt und vielleicht ein bisschen voneinander gewusst, sie lebten in derselben Gegend.
Sie haben den Stern von Bethlehem nicht wochenlang stehen sehen, schon gar nicht Engel erwartet. Die Nacht ist völlig unvermutet eine heilige geworden und hat ihnen ein lichtes Wunder beschert. Sie haben sich erschreckt und großartige unglaubliche Dinge gehört. Sie haben jedem, den sie seither getroffen haben, davon erzählt.
Jetzt sind sie zurück und sitzen wieder am Feuer und hüten ihre Herden bei den Hürden. Sie werden nicht weit sehen können, es ist wieder Nacht geworden.
Jetzt gilt es aus dem zu schöpfen, was war und dann aufzubrechen in ein neues Jahr.
Sie sind uns ziemlich ähnlich.
Auch wir haben unseren Alltag unterbrochen, sind zur Krippe gekommen, haben Licht mitgenommen, mit Heerscharen gesungen, uns erzählen lassen.
Und auch wir sind schon wieder ein Stück von der Krippe weg und schauen auf das, was war und das, was kommen mag, was wir erhoffen für unsere Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde und unsere Welt, unser Leben.
Im Eingangsgebet vorhin gab es eine Pause und Gelegenheit, in Gottes Hände zurückzulegen was war in 2018.
Die innere Landschaft des Jahres wird bei jedem anders aussehen - mancher ist vertraute wiederkehrende Wege gegangen und hat Blüten und Früchte dort gefunden, wo sie man sie erwartet; vor anderen haben sich tiefe Löcher aufgetan, fast wären sie hineingestürzt; die einen haben sich wochenlang durch Treibsand geschleppt und andere sind wie verzaubert durch fremde Landschaft traumgewandelt…
Es gab überraschende und bestürzende Bilder, große Freude, tiefes Leid, Feste und Alltag. Jetzt sind wir hier, mancher zu Gast und mancher ganz Zuhause und es wird guttun, sich des Bezugspunktes unserer inneren Bilder zu vergewissern.

Dazu gibt es einen Jesajatext, der an Menschen gerichtet ist, die ganz bewusst noch einmal hinsehen wollen, die versuchen, nicht ohne Punkt und Komma durchs Leben zu jagen, sondern Zäsuren suchen, Klarheit erhoffen, die irgendwie mit Gott rechnen. Zu denen, zu uns, sagt der Prophet:
„Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren….“
Schaut, wo Ihr herkommt, denn wir sind ja nicht unverbunden und plötzlich da. Wir sind nicht geschichtslos, ohne Kultur, Glauben, Identität, ohne Wurzeln, Heimat, Herkunft. Jeder entstammt einer Familie, in der Begabungen aufgeblitzt sind und Scheitern überstanden wurde, in der man seine Art, mit Unglück fertig zu werden und Streit zu beizulegen, zu lieben und zu leben hat. Jeder entstammt einer Gegend und einem Sprachraum, ist zu erkennen an der Melodie seiner Sprache, fühlt sich heimatlich oder fremd unter jagenden Wolken, dunklen Bäumen, weitem Land.
Und jeder wird groß mit Werten und Deutungsmodellen, dass die Familie immer schon diesen Acker bestellte oder dass man stets das Neue wagte, dass man nicht stehenbleiben darf und weitergehen muss, dass es wichtig ist, was die Leute sagen oder egal, dass nichts ist außer Fakten, Naturgesetzen oder dass der große Gott einen Weg für uns weiß und wir in seiner Hand aufgehoben sind.
So oder so sind das die Felsen und Brunnen unseres Lebens. All das bestimmt und prägt uns.
Aber Jesaja sagt noch mehr. Es klingt wie: täuscht Euch nicht, ihr alle, wir alle kommen von Abraham und Sara. Wir sind vielleicht verschieden aber wir alle haben unseren Anfang in Gottes unerforschlichem Tun und unsere Geschichte ist gezeichnet von seinen Weisungen. Wir alle sind Zeichen seines Segens, der auf denen lag, die vor uns waren. Als solche ist zu uns gesagt:
Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.
Diese Worte brauchen eigentlich keine große Auslegung Sie sind auf dankbares Einverständnis aus und klingen verwandt den Liedzeilen vom Erntedankfest: „Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, von ihm sind Wind und Wetter und Korn und Brot von ihm…“
Es sind Zeilen, die wie eine Ouvertüre daran erinnern, dass Gott uns nicht nur ungeahnte und manchmal schwierige Wege führt, dass er Menschen, die wir lieben, plötzlich heimruft und uns Leid und Ungerechtigkeit nicht abnimmt, sondern dass auch der Erfolg und die Früchte des Lebens von ihm kommen, dass er heilt und hilft.
Dessen eingedenk lässt er den Propheten ausrichten:
„Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen … meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten … Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen…“
Merkt auf, hört zu, seht genau hin – das ist die Aufforderung zum Jahreswechsel.
Verlieren wir uns nicht in individuellen Perspektiven, dem Horizont unserer kleinen Welt. Manches, was wir erhoffen, mag sich nicht einstellen, Himmel und Erde mögen wanken, aber:
Merkt auf, hört zu, seht genau hin - Gott ist am Werk, auch dort, wo wir es uns nicht vorstellen können. Das ist seine Welt und wir sind seine Menschen. Seine Gerechtigkeit ist nahe. Sein Heil tritt hervor. Sein Arm wird ordnen.
Dieser Blick hilft leben, wo immer wir herkommen, wo immer uns das neue Jahr hinführen mag. Dieser Blick schenkt Hoffnung, dass es ein gutes behütetes neues Jahr werden kann.

Dieser Tage erinnern protestantische Theologen an Karl Barth. Am 8. Dezember hat sich sein Todestag zum 50. Mal gejährt. Kurz vor der Nachtruhe telefonierte er noch einmal mit seinem Freund Eduard Thurneysen. Weil die Weltlage Grund zur Sorge gab, sagte Barth zum Schluss:
„Aber nur ja nicht die Ohren hängen lassen. Nie. Denn es wird regiert.“
Oder mit dem 27. Psalm: „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn!“ und auch mit den Hirten von Bethlehem, denn die priesen und lobten Gott für alles, was sie gemerkt, gehört und gesehen hatten.
Und der Friede Gottes…
Ihnen allen ein gesegnetes und behütetes neues Jahr.

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  Christvesper

Christvesper

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2018

Christvesper 2018
„Und des Herrn Engel trat zu ihnen und der Engel sprach: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn du, die du klein bist unter den Städten, aus dir soll mir der kommen, der Herr sei. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, verbrannt wurde. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, auf dass seine Herrschaft groß werde und da sprachen die Hirten untereinander: „Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“ …
War es so? Oder wenn nicht, wie dann? Sind das die Reste, die hängenbleiben und redet tatsächlich keiner mehr von dem Kind und dem Frieden, der möglich ist?
Worum geht es heute?
Was bedeutet uns Weihnachten?
Gibt es ein unverrückbares Wissen und ein unbeeindruckbares Hoffen oder rutscht alles durcheinander im Wirrwarr unserer Zeit, der Vielfältigkeit aller Werte und Anspruchshaltungen, der Toleranz gegenüber den verschiedenen Lebensentwürfen?
Was bedeutet uns dieser heilige Abend???
Heilig ist ja genau das Gegenteil von irdisch, hiesig, endlich.
Heilig ist rein, unantastbar, göttlich – einen solchen Abend beschert uns heute der Herr. Und wir? Wir essen Würstchen …
„Aber uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und wir werden ihn finden in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, in Windeln gewickelt bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
Ich könnte noch lange so weiter machen. Aber gleich bricht das Chaos aus, denn es geht nicht alles gleichzeitig; man kann wohl Texte ineinanderweben, aber gelebtes Leben geht hier oder dort, mit dir oder mit einem anderen, heute oder heute nicht.
Wir müssen uns entscheiden.
Welcher Nachricht wollen wir trauen.
Welche Hoffnung soll uns erfüllen.
Welches Licht weist uns den Weg.
Was erzählen wir weiter.
Wo kommt uns Rettung her?
Halten wir das Wunder der Weihnacht für groß genug, unser Leben und unsere Welt zu verändern? Oder neigen wir dazu, den großen Gott zu verniedlichen und seine umstürzende Parteinahme für die niedrige schwangere Magd, die armselig lebenden und hart arbeitenden Hirten zu verharmlosen?
Wir lieben es ja, zu singen: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Aber meinen wir auch: „Ich komme bring und schenke dir, was Du mir hast gegeben?“
Das betrifft alles. So kurz so klar.
Alles, was ich bin und habe, alles, was ich liebe und kann, alles mich ausmacht und andere in mir sehen, alles was ich an Erinnerungen, Schätzen, Gedanken und Bildern in mir hüte. Alles.
Sind wir bereit, uns so bedingungslos zu verschenken, uns so bedingungslos einer – da wird es schon schwierig – Idee, Hoffnung, Wahrheit? - zu widmen?
Das ist hochriskant und widerstrebt unserer wohldosierten Art, uns auf irgendetwas einzulassen. Einen Rest behalten wir uns vor. Darum sind wir im Zweifel doch lieber versichert gegen dies und das und heiraten nur, weil wir wissen, dass es notfalls auch einzeln wieder weitergeht. Darum relativieren wir klug, damit andere uns nicht für unreflektierte Schwärmer halten.
Mit Haut und Haar verschreibt man sich doch nur in jugendlichen Sturm- und Drang-Zeiten. Aber vielleicht ist es genau das, was händeringend fehlt:
- dass wir glauben und vertrauen auch wenn das unzeitgemäß erscheint
- dass unsere Versprechen gelten
- dass wir unseren Einsichten Taten folgen lassen
- dass wir uns bekennen
- dass wir einstehen für das, was wir für richtig oder eben auch für falsch halten
Andernfalls wird es finster um uns.
Andernfalls werden wir versinken in der Dunkelheit schmutziger Geschäfte, dreckigen Gelds, ideologischer Grabenkämpfe, nicht endender Kriege und Flüchtlingsströme, seelischer Angst und Perspektivlosigkeit, demütigender Abhängigkeit, gravierender Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit.
Andernfalls werden wir nicht mehr wissen, wem wir trauen und worauf wir bauen können, was wahr ist und verlässlich.
Andernfalls wird es finster um uns.
An „andernfalls“ sind wir nah dran.
Deshalb ist uns gesagt:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
Ich finde, das ist eine großartige und sehr barmherzige Ansage. Sie sagt so viel mehr über Weihnachten als wir begreifen und mutet uns nicht zu, an unserem schwachen Verstand zu verzweifeln, wenn wir es nicht schaffen mit den Kategorien unseres Denkens nachzuvollziehen, was es genau bedeutet, dass Gott Mensch wird, dass eine unberührte Frau ihn unter Schmerzen zur Welt bringt, dass Wörter Fleisch werden.
Es wird hell, denn das Joch, diese ungeheure schwere niederdrückenden Last auf unseren Schultern, die uns hindert den, Kopf zu heben und knechtet und in die Spur zwingt, ist zerbrochen. Es wir hell, wir können uns aufrichten, so dass man uns sieht!
Es wird hell, weil die Militärstiefel und Gewaltsymbole verschwinden und wir uns nicht mehr verbarrikadieren müssen.
Es wird hell, weil ein Kind geboren wird – ein gleiches unter Gleichen, denn wir alle sind Geborene. Mit ihm wird uns bewusst, wie wir gemeint sind. An seiner Seite werden wir Wege gehen können, die die Welt verändern.
„Denn er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Und er wird der Friede sein. Und die Klarheit des Herrn leuchtete. Und der Engel sprach: Euch ist heute der Heiland geboren.“
Und wir behielten die Worte bewegen sie in unserem Herzen.
Gesegnete Weihnachten!

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  4. Advent 2018

4. Advent 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.12.2018

Manche Filme hab ich unzählige Male gesehen und trotzdem sehe ich immer etwas zum ersten Mal. So ist es auch mit guten Geschichten. Sie werden bei aller Wiederholung nicht langweilig, weil man immer wieder was Neues wahrnimmt, weil sie erzählen, was wir kennen und erleben und weil sich das ändert – durch die Zeit und das wirkliche Leben.
So ist es auch mit den alten Geschichten der Weihnacht. Sie haben gehört:
„Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.“
Dieses Jahr höre ich: Kaum, dass der Engel den Raum verlassen hat, bricht Maria auf. Eilig. Sie weiß, wie Frauen immer schon wissen, dass ihr nicht viel Zeit bleiben wird, bis andere merken, dass sie schwanger ist. Sie muss sich dringend ordnen, ehe sie ihrem Verlobten begegnet. Sie braucht Unterstützung und Hilfe, denn allein wird sie es nicht schaffen, mit dieser Situation umzugehen.
Eine Teenagerschwangerschaft ist ein Tabu.
Tabus markieren Grenzen und signalisieren Aussonderung.
An Tabus rührt man nicht, genauso wenig wie an tabuisierte Themen, an tabuisierte Menschen. Wer ein Tabu bricht, braucht Kraft und innere Klarheit.
Viel zu jung und ledig schwanger zu werden ist auch heute schwer und mit sozialen Risiken verbunden. Aber es gab Zeiten, in denen das bedeutete, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden.
Im Kino läuft derzeit „Astrid“, die Geschichte der jungen Astrid Lindgren, die in den 20er Jahren als blutjunge Volontärin schwanger von ihrem verheirateten Chef wird. Zuhause ist dieser Situation trotz aller Liebe keiner gewachsen. Astrid muss fort und wird das Kind in Dänemark zur Welt bringen. Dass sie nicht für ihr Kind sorgen kann, ist eine Seelennot, die in jedem ihrer weltberühmten Kinderbücher aufscheint. Immer wieder müssen die Hauptfiguren allein und ohne Eltern durchschlagen.
So sind ihre Geschichten Resonanzraum dieser bitteren, sehr persönlichen Erfahrung so vieler Frauen überall.
In dieser Situation steht auch Maria. Deshalb sucht die Frauensolidarität und geht zu der Frau, die die Erfahrung kennt, an den Rand der Gesellschaft geraten zu sein: zu Elisabeth, die unfruchtbar war und ihrem Mann keinen Sohn schenken konnte. Das ist auch heute ein schweres Unglück. Damals war es eine Katastrophe, die den Sinn ihres Lebens infrage stellte. Nun war Elisabeth schwanger. Aber als alte Frau - jenseits der natürlichen Zyklen…
Wenn es also jemanden gab, der Marias Angst vor dem Stigma des Tabubruches und damit vor der sozialen Ausgrenzung verstehen konnte, dann war es Elisabeth.
Doch als sie ankommt, versinken die beiden nicht in sorgenvoller Klage.
Lukas erzählt vielmehr:
Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!
Die Begegnung der beiden ist ein Segen. Zunächst vor allem für Elisabeth, die auf einmal das Kind und seine Bewegungen spürt. Vielleicht waren diese Zeichen bisher ausgeblieben? Vielleicht hatte die alte Frau Angst, doch kein gesundes Kind mehr austragen zu können? Vielleicht hat sie keinen Menschen gehabt, mit dem sie diese schreckliche Angst teilen konnte??? Aber da, als Maria kommt – diejenige, die ihre Situation kennt und teilt, die sie nicht verurteilt – da kann auch Elisabeth das Segensreiche dieser Schwangerschaft spüren, die Kraft der Zukunft, das sich bewegende Kind!
So stärken sie sich aneinander.
Noch halten da nur zwei Menschen, die nicht mit der Unterstützung der Gesellschaft rechnen können, zusammen.
Noch ist das nur eine private Geschichte, wie sie Menschen kennen, die Unrecht, Angst und Gefahr deshalb durchgestanden haben, weil sie nicht allein waren.
Die russische Dichterin Anna Achmatowa schrieb 1957:
„In den schrecklichen Jahren des Justizterrors habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise erkannte mich jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau... und flüsterte mir ins Ohr: … Und Sie können das beschreiben?
Und ich sagte: Ja.
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“
Auch das ist im ersten Moment nur geteiltes Leid zweier erniedrigter Frauen.
Aber, weil das beschreibbar ist, wird aus dem privaten Moment ein politischer, wird aus der geteilten Erfahrung gestärkte Wahrnehmung, aus der inneren Erfahrung eine Botschaft, die auch andere angeht.
Genau das passiert, als Maria zu singen anhebt:
„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen….“
Da steht sie, die ledige Schwangere, das junge Mädchen, das ahnt, was Hoffärtige reden werden. Da steht sie, die Adressatin der Botschaft des Engels und spürt, dass sich etwas ändern wird, dass mit ihrem Kind ein Anfang gemacht und ihre eigene Niedrigkeit aufgehoben ist.
Das ist sie guter Hoffnung!
Da kommt ein Text über ihre Lippen, der auch anderen nach ihr Leben helfen wird und Würde schenkt, der die Verhältnisse umdeutet und Ungerechtigkeit beim Namen nennt.
Elisabeth spürt, was Anna Achmatowa im Gefängnis erlebt.
Jetzt leuchtet ihr Angesicht, weil sie vom Heiligen Geist erfüllt und begeistert wird, weil auch in ihr eine große Zuversicht und Freude zu leuchten beginnt, weil ihrer beider Situation nicht mehr tabuisiert ist, sondern im Gegenteil: Sie ruft: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“
Nicht ausgestoßen, nicht zur Schande, nicht sich selbst überlassen, kein Armutsrisiko. Sondern gesegnet! Und mit ihr alle Niedrigen und Hungrigen, denn „Gott gedenkt seiner Barmherzigkeit.“
Und dann endet der Text so präzise am wahren Leben entlang, wie er begonnen hat. Maria war eilig aufgebrochen, weil sie sich ordnen musste, weil sie Unterstützung und Hilfe brauchte. Das hat sie gefunden. In Elisabeth und in ihrer eigenen Sprachfähigkeit. Jetzt kann sie sich gönnen, innezuhalten, Kraft zu sammeln, unterzuschlupfen, Geborgenheit in Anspruch zu nehmen, in sich zu horchen.
Lukas schreibt:„Sie blieb etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.“
Danach wird sie stark sein.
Danach werden andere gestärkt werden, weil sie es war. Danach wird es anders sein.

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  1. Advent 2018

1. Advent 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2018

Advent. Wieder ein Jahr vorbei.
Es gab einen ungeheuer langen heißen Sommer, Waldbrände in Schweden und später in Kalifornien, es gab zermürbende Zeiten in der Regierungskoalition und den Anfang vom Ende der Ära Merkel, eine für Deutschland unerquickliche WM und einen sagenhaften Blutmond, der NSU-Prozess ging zuende, es gab Fahrverbote für Diesels und üble Zusammenstöße in Chemnitz, Begegnungen von Staats- und Regierungschefs, Attentate, Razzien, Hochzeiten, Kriege, privates Glück und Leid, Katastrophen und Wunder im Große und im Kleinen …
Und hier im Dom haben wir das neue Jahr begrüßt, am Gründonnerstag beim Tischabendmahl zusammengesessen, uns an Karfreitag unter Jesu Kreuz gebeugt und in der Osternacht Auferstehung gefeiert, es gab Konzerte, Lesungen, Sommernächte, Bachkantaten, den unglaublichen Belsazar und jetzt hängt der Adventsstern und Kerzen und Weihnachtsprogramme liegen hundertfach parat…
Die Welt ist nicht untergegangen und unser Wirtschaftssystem nicht zusammengebrochen, der Dom steht und wir sind da. Alles wie immer.
Oder verändert sich etwas? Würden wir es merken?
Wieder steht derselbe Text über dem ersten Advent – obwohl die Kommission, die Predigttexte aussucht ewig getagt hat und alles anders machen wollte. Darum haben wir auch dies Jahr gehört, wie die Jünger und Jesus „in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg“.
Advent ist die Zeit KURZ DAVOR.
„Kurz vor was“? Halbwegs erwachsen geworden ahnen wir ja, dass nicht Weihnachtsbaum und Geschenke gemeint sind. So oft haben wir schon Advent gefeiert, sind aus der komplexen Gemengelage unseres Lebens hierhergekommen. Und?
Vielleicht ging es den Menschen zur Zeit Jesu genau so. Sie kannten die alten Verheißungen. Sie erinnerten mit Festen und Bräuchen jedes Jahr wieder an Gottes Geschichte mit den Menschen. Sie hofften auf Veränderung. Als solche sind die Jünger, seine Freunde und Schüler, auch unterwegs. Sie kommen aus der Fülle des Lebens, aus der Begegnung mit Schmerz und Leid, Krankheit und Tod, aus der Erfahrung tiefer stärkender Freundschaft. Sie hatten Gottes- und Menschenwort gehört, bestimmt auch abends oder beim Gehen miteinander gesungen. Sie haben politische Verhältnisse und den Druck sozialer Ungerechtigkeit am eigenen Leib gespürt und den Hunger nach Brot und Gerechtigkeit. Sie haben viele Kilometer in den Knochen. Jetzt ist Jerusalem ganz nah.
Sie sind KURZ DAVOR.
Und stoppen. Als müssten sie sich sammeln und innehalten, in sich hinein horchen oder auf etwas anders aufmerken, vielleicht auch Kräfte sammeln.
Es ist nicht irgendeine Rast.
Dieser Sonntag ist eine Zäsur.
Jetzt ändert sich die Richtung.
Spüren wir das auch?
Vor nur einer Woche haben wir noch Kerzen für unsere Verstorbenen angezündet und waren auf dem Friedhof. Mancher wird ein bisschen länger geblieben sein. Es ist nicht so einfach, dort umzudrehen und wegzugehen, die Richtung zu ändern. Aber wenn, dann fangen Menschen neu an, mit der Kraft des Lebens zur rechnen, etwas zu erwarten, etwas zu hoffen, etwas für möglich zu halten.
Dann kann es sein, dass noch etwas Wichtiges in unserem Leben passiert und wir etwas finden, was trägt und dass sich grundsätzlich etwas ändert. Es ist ohnehin nichts mehr wie zuvor. Wir müssen es nur zur Kenntnis nehmen.
Jesus sagt an diesem Punkt: „Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!“
Ein Tier klauen zu sollen, ist jetzt vielleicht nicht die große Lebensveränderung auf die man hofft. Aber so ist es eben auch. Es bleibt uns trotz aller Sehnsucht verborgen, wo es mit unserem Leben hingeht und kann merkwürdige Wendungen nehmen. Jesus würgt mögliche Fragen daher auch sofort ab – und mehr wird er heute nicht sagen! Als: „Wenn jemand fragt: der Herr bedarf ihrer.“ Punkt.
Jesus braucht ein Lasttier. Das letzte Stück Weges ist er nicht mehr der Aktive, nicht mehr der, der das Tempo vorgibt oder die Situation erklärt. Auf diesem letzten Stück ist er nicht der starke charismatische Führer, sondern nur ein Mensch, der sich tragen lasst – von einem Tier, von einer Verheißung, von der Begleitung seiner Freunde.
Die legen – so erzählt es Matthäus – ihre Kleider auf den Rücken des Esels. Nun wären zwölf Jacken für Jesus nicht nötig, um halbwegs bequem zu reiten. Er ist ja keine Prinzessin auf der Erbse. Aber für die Jünger ist es nötig. Etwas von ihnen soll ganz nah dran bleiben, Kontakt halten, Körperwärme aufnehmen und sei es nur ein Stück Stoff – jetzt in diesem Moment, von dem sie spüren, dass gleich etwas anders wird. Und Jesus schweigt.
Als erwartet er, dass wir selbst merken: Es ist KURZ DAVOR.
Jesus schweigt, weil wir selbst merken müssen, dass es so nicht weitergeht, dass wir unsere Lebensrichtung ändern sollten und ihm nachgehen.
In der alten Geschichte passiert etwas Erstaunliches. Es war damals ja keine so spektakuläre Sache, dass einer auf einem Esel in die Stadt reitet. Im Gegenteil: es war ein sehr alltäglicher Anblick. Da kommt ein Mensch. Nur ein Mensch. Aber alle anderen spüren auf einmal: wenn so einer kommt, wenn wir so einem hinterhergehen – nicht den Großen und Mächtigen, den G 20 und Milliardären, den Weltsteuerleuten, den Machtmenschen, den Größenwahnsinnigen – wenn wir so einem nachfolgen, dann wird es anders, wirklich anders.
Wenn es viele machen, erst recht. Und so breiten sie „ihre Kleider auf den Weg; hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.“ Und riefen: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“
Es ist der Anfang einer großen Heilsgeschichte. Wir leben davon jeden Tag und sind trotzdem immer noch KURZ DAVOR – heute am 2. Dezember 2018, trotz allem, was in diesem Jahr war. Wir stehen noch vor der Stadt. Vielleicht, weil wir noch an den Gräbern toter Ideen stehen, falscher Erfolgskonzepte, ungerechter Logik.
Aber alle Jahre wieder kommt dieser Moment, der uns auffordert, etwas zu erwarten und zu hoffen, umzudrehen, zurück ins wirkliche Leben zu gehen, Gott gibt uns nicht auf. Er ist da und geht mit. Legen wir ein Tuch auf den Esel. Behalten wir ihn im Auge. Es täte uns gut. Denn: Es ist KURZ DAVOR!




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