Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

Dompredigerin Cornelia Götz

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Predigten

  17.Sonntag nach Trinitatis

17.Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.10.2019

Was für eine Woche liegt hinter da hinter uns!
Im Hallenser Paulusviertel macht ein junger Mann sich auf den Weg, um ein Blutbad anzurichten. Er hat sich darauf vorbereitet, Lebenszeit, Kreativität und Intelligenz darauf verwendet, sich zu überlegen, wie er das genau machen will, wer daran teilhaben und davon wissen soll, wie Andere diese Tat einordnen sollen und wie sie möglichst viele Nachahmer findet. Das schien ihm naheliegender zu sein, als ins Kino zu gehen oder zum Sport, Blumen für ein Mädchen zu kaufen oder den goldenen Oktober zu fotografieren. Nichts davon: Er fand es plausibel, Juden zu erschießen, möglichst viele.
Und wir? Wir stöhnen auf.
In derselben Woche spielt der amerikanische Präsident mit der Verfassung, twittert er einen Krieg zwischen Türkei und Syrien herbei als würde das nicht Menschenleben kosten. Und ein britischer Premierminister opfert die Früchte jahrzehntelanger Versöhnungsarbeit nach dem zweiten Weltkrieg in einem Sündenbockspiel als gäbe es kein Morgen.
In derselben Woche wird schließlich einmal mehr die völlig überflüssige Debatte geführt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Das Wort ist ungenau. Die DDR war eine Diktatur. Und sie wollte eine sein. Wer das infrage stellt, verharmlost und verwischt.
Wir brauchen aber dringend Klarheit und gerade Haltung.
Wir brauchen keine Rücksicht auf Befremden oder klug formulierte Ressentiments. Wir sollten die bürgerliche Mitte nicht verklären. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, zu meinen, dass nichts schief gehen kann, weil die Mehrheit in diesem Land solche Taten verabscheut.
Wir brauchen Deutlichkeit.
Und wir brauchen Vergewisserung,
dass jede und jeder etwas dafür tun kann, dass der gesellschaftliche Frieden in unserem Land gewahrt bleibt,
dass wir uns friedensdienlicher Kommunikationsformen bedienen,
dass Menschenrechte, also auch das Recht auf Unversehrtheit, das Recht auf Asyl, das Recht auf Religionsfreiheit, tatsächlich unantastbar sind.
Wir brauchen die Vergewisserung, dass wir uns immer entscheiden können, ob wir uns so oder so verhalten. Wir brauchen Klarheit darüber, dass es politische Neutralität nicht gibt, denn dann überlasse ich die Entscheidung anderen und auch das hat Folgen.
Und wir brauchen nicht zuletzt ein klares Bekenntnis.
Dabei müssen wir unsere Richtungsentscheidung nicht aus schmerzlicher Erfahrung oder ungutem Bauchgefühl schöpfen, wir haben das ungeheure Privileg, dass unser Gott durch sein Wort zu uns spricht, dass er uns Wege weist und Beispiele gibt.
Eines steht im Predigttext für diesen Tag.
Sie haben die Geschichte aus dem Josuabuch vorhin gehört.
Natürlich, Kontext und Rahmen sind ein anderer und keiner, der es einfacher macht. Im Gegenteil: Die Geschichte der Hure Rahab verzichtet von vornherein darauf zu suggerieren, dass ganz und gar eindeutiges Leben, vollkommene Moral möglich wäre, denn es ist eine Geschichte von Verrat im Rahmen der sogenannten Landnahme Israels. Das Wort „Landnahme“ klingt harmlos: Die Israeliten nehmen sich das Land, von dem ihnen gesagt ist, dass sie dort wohnen sollen egal wer jetzt dort Zuhause ist. Die Anordnung lautet in verstörender Klarheit: „Aber in den Städten, die der Herr, dein Gott, dir zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat.“
Das Alte Testament berichtet deshalb von der Vollstreckung dieses Banns, der gewaltsamen Auslöschung der Fremden. Sie wird zum Maßstab des Gehorsams Israels.
Hier müsste ich aufhören. Denn ich will nicht predigen, dass unser Gott das so sagt. Ich will nicht dazugehören, wenn Glaubensgehorsam mit derartiger Gewalt einhergeht. Auch wenn ich selbst in einer heillosen Welt lebe. So nicht.
Was dann?
Die alttestamentliche Forschung ist sich schon sehr lange einig, dass diese Texte aus einer Zeit stammen, in der es nicht um historische Berichterstattung ging, sondern um ein verfestigtes Bild, eine symbolische Haltung: Verschiedene können danach nicht zusammenleben. Fremde bleiben Fremde und als solche immer eine Gefahr für die eigene Identität, die man bekämpfen muss.
Geleitet von dieser Logik kann man nicht miteinander leben.
Trotzdem. Für mich bleibt falsch, dass Männer, Frauen, Kinder, Vieh sterben müssen, weil sie anders sind. Lässt sich Hoffnung schöpfen, dass hier eine hilfreiche Handlungsanleitung zu finden ist? Tatsächlich zeigt der Textbefund, dass der gewaltsame Bann offenbar schon im kanonischen Erzählkontext als unerträglich empfunden wurde, denn bereits im zweiten Kapitel des Josuabuches gilt eine völlig andere Logik; fast möchte man das einen Antikriegsbericht nennen.
Sehen wir uns die Geschichte genauer an: Josua schickte zwei Kundschafter aus, die zu Rahab gingen, einer Hure. Direkt und ohne Umwege kehren sie bei einer Fremden ein, obwohl jede Art des Miteinanders, strengstens verboten war. Und nicht nur das: Sie gehen auch noch zu einer Prostituierten...
In der theologischen Literatur ist alles versucht worden, aus Rahab eine anständige Frau zu machen, wenn sie schon eine so große Rolle in Gottes Heilsplan spielen soll, denn Matthäus wird sie später unter Jesu Ahnen aufführen. Aber Rahab ist, daran besteht überhaupt kein Zweifel, eine Frau, die ihren Körper verkauft. Deshalb lebt sie am Stadtrand, wie alle, die nicht ganz dazugehören.
Deshalb ist sie aber auch ein Symbol dafür, dass für die Frage danach, ob Gott uns brauchen kann, ob wir uns in seinen Augen bewähren und anständig verhalten, nicht relevant ist, ob wir nach den Maßstäben der Welt, fragwürdig, gescheitert, unmoralisch, marginalisiert sind.
So nimmt die Geschichte ihren eigentümlichen Lauf: Die beiden Kundschafter erfahren nichts, was von strategischer oder militärischer Bedeutung wäre. Aber sie hören aus dem Munde ausgerechnet dieser Frau. „Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“
Es ist also schon sein Land und braucht gar keine gewaltsame Eroberung.
Er ist der eine Herr, es braucht keine strukturelle und grundsätzliche Abgrenzung von den Fremden. Im Gegenteil. Die Hure Rahab sieht das und trifft ihre Entscheidung. Sie rettet den beiden Kundschaftern das Leben, indem sie sie mit einem Seil aus dem Fenster lässt und so außerhalb der Stadtmauer bringt, wenn diese im Gegenzug den mörderischen Bann nicht vollstrecken. Ein eigennütziger Handel? Ja. Aber auch ein Friedensvertrag.
So kommt es. So zieht es sich von da an durch die alten Texte. Als der Prophet Jeremia später in eine Grube geworfen wird und um eine Leiter bittet, antwortet ihm Gott: Warum eine Leiter, Rahab hat doch auch ein Seil genommen …
Dieses Seil verbindet uns mit den Mutigen. Es hilft uns, uns selbst herauszuziehen, wenn wir in Kleinmut und Angst versinken wollen und uns nicht trauen. Auch Rahab lebte in einer gewalttätigen Zeit, in einer schwierigen persönlichen Situation.
Aber als sie die Wahl hatte, Fremde zu retten oder zu verraten, zögert sie nicht.
Als sie die Wahl hat, Fremden zu vertrauen und ihr Leben in deren Hand zu legen, zögert sie nicht. Als sie gefragt wird, bekennt sie sich zu dem einen Gott.
Das macht sie zur Urgroßmutter Jesu. Und zu unser aller Patin.

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  Michaelis

Michaelis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.09.2019

Wenn einem Kind etwas gelungen ist, eine gute Arbeit geschrieben, einen perfekten Pilz gefunden, Seepferdchen gemacht – dann kommt es stolz und glücklich angerannt, mit leuchtenden Augen und glühenden Bäckchen, überperlend von Eifer und Freude.
Bei Erwachsenen sieht man das auch manchmal: Stolz und Freude, wenn etwas gelungen ist, erfolgreich erledigt oder man sich überwunden und eine Sache angepackt hat – Erwachsene kommen dann nicht im Hopserlauf; aber sie gehen ein bisschen gerader, sie genießen die Anerkennung und leuchten; manchmal wie Kinder.
Denn so sind wir.
Menschen: begabt mit Kreativität und Kraft, Verstand und Humor, es geht was mit uns und die allermeisten möchten gern etwas gut können und dann auch richtig gut machen. Darum ist es wichtig, dass Kinder gestärkt und nicht ausgebremst und erdrückt werden, dass wir Großen einander nicht die Saat zertrampeln oder die Ernte verderben sondern im Gegenteil: uns miteinander und übereinander freuen.
Auch die Jünger Jesu werden sich danach gesehnt haben, dass ihnen gelingt, wozu sie beauftragt waren. Auch sie hofften, Früchte ihrer Arbeit zu sehen, Wirksamkeit ihrer Worte zu spüren. Und sicherlich haben auch sie, obwohl sie so nah dran waren, gespürt, wie schwer es ist, dem Evangelium ALLES zuzutrauen.
Daran hat sich durch die Jahrhunderte nicht viel geändert.
Wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben uns diese Woche von den jungen Kollegen fragen lassen müssen: „Brennt Ihr noch?“ Das hat geschmerzt.
Unsere katholischen Geschwister ringen derweil mit ganz neuer Dringlichkeit um die Glaubwürdigkeit ihrer Kirche. Manchen von ihnen kann man abspüren, dass sie all ihre Kraft geben, um Bewegung zu ermöglichen, Klarheit und Transparenz zu schaffen, Strukturen, die weniger anfällig sind für Gewalt und Machtmissbrauch.
Es wäre großartig, wenn es gelingt – aber kein Grund stolz zu sein. Vielmehr einer zur Freude.
Das ist ein feiner Unterscheidung, den wir mit unserer inflationären Rede von der Wertschätzung verwischen. Es lohnt aber, diesen Punkt genauer anzusehen.
Hören wir also auf den Predigttext für diesen Sonntag aus dem Lukasevangelium. Der Evangelist hatte erzählt, dass Jesus zweiundsiebzig Menschen jeweils zu zweit ausgesandt hatte, um Kranke zu heilen und das Reich Gottes zu verkündigen. Einige Verse später berichtet Lukas:
„Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen.“
Da kommen sie und sind stolz und glücklich!
Kein Wort über den eigentlichen Auftrag. Das interessiert Lukas jetzt nicht oder scheint allen klar zu sein. Die zweiundsiebzig jedenfalls haben einen guten Job gemacht und kommen voller Freude heim. Mehr noch! Sie haben die Dämonen, die bösen Geister, die dunklen Mächte, all das, was uns verwirrt und aus der Spur schmeißt, das Herz verhärtet und den Verstand vernebelt, alles, was uns zynisch und lethargisch macht, beherrschbar gemacht.
Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes darüber.
Wären wir in unserer Kirche soweit, dann würden wir barmherziger miteinander umgehen, mutiger auf Gottes Wort setzen, selbst wenn es befremdet – wir wären dann nicht gefangen von Kleinmut und Zukunftsangst. Diese Dämonen hielten wir in Schach wie die zweiundsiebzig es vermochten. Und wie würden wir stolz sein!
Das muss man sich bewusst machen, um zu ahnen, wie erwartungsvoll die zweiundsiebzig sind, wie sie hoffen, gesehen und gelobt zu werden, wie sie sich nach Anerkennung sehnen. Sie sind ja Menschen!
Aber Jesus sagt nur:
„ICH sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“
Ich, nicht ihr. Und das schärft er noch, indem er weiter sagt:
„Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.“
Was soll das? Darf man nicht stolz und glücklich sein, wenn man etwas für diesen Herrn und seine Kirche, seine Welt, seine Geschöpfe geschafft hat? Muss man sich immer noch sagen lassen: Spiel Dich nicht auf, so bedeutend war das nicht? Sind wir immer weiter Empfänger von pädagogischen und moralischen Einhegungsversuchen, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen?
Ganz wenige Worte genügen, um alles zu relativieren. Kein Grund, stolz zu sein.
Zwei Sätze reichen, dann hat er klargestellt, wessen Vollmacht dieser Erfolg zu danken ist und auch, dass es Eines ist, Schlangen und Skorpione zu zertreten aber ein Anderes, das Böse schlechthin aus dem Himmel stürzen zu sehen.
Das Vermögen dieser zweiundsiebzig war erstaunlich und genügte, die Brut des Bösen zu zertreten. Aber es vermag nicht, dem Bösen entgegenzutreten.
Mal wieder scheint die uralte Grenze auf: Glaubt nicht, ihr wärt wie Gott selbst!
Selbst der berühmte Erzengel, Michael, der Drachentöter, unter dessen Füssen sich nicht nur Schlangen und Skorpione kringeln sondern ganze schreckliche Lindwürmer, trägt diese Grenze mit sich, denn sein Name heißt übersetzt:
Wer ist wie Gott? Wer könnte so sein?
Er, Michael, nicht. Die zweiundsiebzig nicht. Wir auch nicht.
Böses zu zertreten, nicht wachsen und mächtig werden zulassen, ist unbedingt richtig und wichtig. Aber Grund zur Freude ist anderes, denn Jesus sagt:
„Freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind.
Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Ist das vorstellbar? Dass einer eifrig und glücklich, strahlend wie ein Kind, leuchtend vor Freude daherkommt, weil MEIN NAME im Himmel aufgeschrieben ist???

Die Namen der zweiundsiebzig kennen wir nicht.
Sie sind nicht großgeworden nach den Regeln der Welt.
Aber Gott kennt sie. Bei ihm sind sie aufgeschrieben. Er weiß, was es gekostet hat, die Dämonen untertan zu machen. Er weiß, was sie investiert haben an Kraft und Liebe. Er weiß, wie sehr sie hoffen, dass das alles nicht umsonst war, dass einer sie sieht. Und er weiß auch, dass Stolz schnell kippt und selbstgefällig auf der Habenseite wuchert, bis er uns kalt und starr macht.
Freude aber, richtige Freude, macht aus uns Kinder.
Kinder, denen Gottes Reich verheißen ist.
Kinder, die einen Namen bekommen haben und dazugehören.
Wenn ein Kind angesprungen kommt, überperlend vor Freude, weil etwas gelungen ist, dann kommt es – wenn nicht alles kaputtgemacht worden ist – nach Hause.
Wir sind Kinder Gottes, er hat Freude an uns ist und wir können uns freuen und zu ihm kommen. Der Satan ist aus dem Himmel gefallen, die bösen Geister zertreten, Gottes Engel lagern um uns her – wer wollte da nicht leuchten und glühen, funkeln und brennen. Vor Begeisterung im Wortsinne und Freude!






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  13. Sonntag nach Trinitatis

13. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2019

Blut ist dicker als Tinte.
Familie hält zusammen.
Familie kann man sich nicht aussuchen.
Und bei uns hieß es noch, wenn Gäste da waren: Familie hält zurück.
Familie haben wir alle.
Wir hängen und leiden aneinander.
Wir kaschieren die Fassade und haben feste Rollen.
Familienstreitigkeiten sind normal und tabu zugleich.
Und weil wir heute noch viel vorhaben, kommt der Übergang abrupt:
Auch Jesus Christus hatte eine Familie.
Seine Eltern Maria und Josef kennt noch fast jedes Kind.
Ob er Geschwister hatte? Wer weiß, vieles klingt danach.
Das Kind Jesus hat seinen Eltern Sorgen und Freude gemacht – wahrscheinlich beides im Übermaß. Seinetwegen mussten sie nach Ägypten fliehen, diesen Jungen haben sie in Jerusalem zwischen zahllosen Menschen verloren, weil er im Tempel vergessen hatte oder vergessen wollte, dass sie auf ihn warteten und ihn suchen würden, sein Name ist bekannt geworden, hat einen schwierigen Beiklang bekommen und wurde bei der Obrigkeit unliebsam, am Ende sind sie Zeuge seiner Hinrichtung gewesen und hatten womöglich Angst vor der Sippenhaft.
Sie waren Menschen, wie wir.
Werkzeuge Gottes aber keine Götter.
Nun möchte man meinen, dass gerade einer wie Jesus Christus, der Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte auch ein warmherziger Sohn gewesen wäre, ein Jude, der das alte Gebot, Eltern zu lieben und zu ehren, lebte. Aber so verstörend es ist, die Texte klingen anders und hart. Über diesem Tag heute steht es im Markusevangelium so:
„Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Zunächst ist es noch eine fast normale Situation. Einer radikalisiert sich und die anderen versuchen, ihn zurückzuhalten. Oder: ein Familienmitglied bringt sich in Gefahr und die anderen wollen ihn vor sich selbst beschützen, herausreißen… Oder: Einer ist krank geworden, verrückt, auffällig und die Familie will ihn heimholen.
Alles denkbar, denn manchmal weiß man nicht, was die Nächsten treibt.
Oft zerreißt so etwas eine Familie. Man schweigt übereinander und spricht nicht mehr miteinander.
Aber hier nicht. Hier ist eine Familie, die sich Sorgen macht und dem einen, der anders ist, nachgeht.
Hier ist eine Mutter, sind Geschwister, die einander nicht abgeschrieben haben, sondern füreinander einstehen wollen. Ich weiß, dass solches Zusammenhalten manchmal sehr gewaltsam sein kann und nicht danach fragt, warum der eine anders ist. Ich weiß, dass Zugehörigkeit in manchen Familien bedeutet, nicht der sein zu dürfen, der man sein will.
Aber hier scheint es so nicht zu sein. Hier geht die Härte nicht von Eltern oder Brüdern und Schwestern aus, sondern von dem einen Anderen. Denn als die Nachricht, dass sich seine Familie sorgt und mit ihm reden will, Jesus erreicht, ist seine Antwort harsch: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“
Mutter? Brüder? Schwestern? Wer soll das sein? Deren Sorge geht mich nichts an. Deren Aufregung betrifft mich nicht. Ich brauche sie nicht, hab schon Ersatz gefunden…
Das muss wehtun und schmerzen. Sehr sogar.
Dieser Sohn ist radikal.
Er geht an die Wurzel. Das bedeutet radikal sein wörtlich. Er reißt seine eigene Wurzel aus. Dort, aus dieser Familie, kommt er her aber hier bleibt er nicht, weil er sich neu gründet und das auch von uns verlangt.
Brüder und Schwestern, Nächste, um die man sich sorgt, an denen man hängt und die man kennt, sind die, so sagt er, die Gottes Willen tun, nicht die, deren Stammbaum ich teile.
Dicker als Blut und Tinte, bestimmender ist Gottes Geist.
Was er von uns verlangt, wozu er uns treibt, entscheidet darüber, mit wem wir zusammengehören.
Sie haben es vorhin im Evangelium gehört: Wer an einem vorübergeht, der unter die Räuber gefallen ist, egal welche Art Räuber (ein Dieb, ein Drogendealer, ein Schleuser, ein Seelenfänger) es war, wer da nicht hilft, kann nicht meine Schwester oder mein Bruder, meine Eltern, mein Kind sein.
Das ist knochenhart. Nicht mehr und nicht weniger. Das Wort „Familie“ zeigt es übrigens an. Es kommt von lat. Famulus – Diener – und meint die Gesamtheit der Dienerschaft. Man darf, glaube ich ergänzen: die Gesamtheit der Dienerschaft eines Herrn, des einen Herrn.
Geht das? Halten wir das aus? Wollen wir solch eines Bruders Geschwister sein?
Die Nachricht bleibt knochenhart.
Ich würde sie gern ein bisschen erweichen. Denn vielleicht ist ja die Liebe und Fürsorge, die wir in unseren kleinen Familien füreinander empfinden, ein Zugeständnis an unsere menschliche Schwäche, die Basis ohne die wir nicht können. Vielleicht kann eine gute Familie das Urbild dafür sein, wie es gehen könnte, miteinander und für Andere.
Die Schweizer Theologin Ina Praetorius, eine, die nicht zu Sentimentalität neigt, hat eine solche Denkmöglichkeit vorgeschlagen. Sie schreibt über sich und ihren familiären Zusammenhang:
„Im März des Jahres 1956 bin ich als blutiger, schleimiger, schreiender, scheissender Neuling aus dem Bauch meiner Mutter herausgekommen. Jahrelang haben Ältere mich mit Nahrung, Schutz, Wärme und Lebenssinn versorgt. Ich habe Wörter wie "Gott", "Liebe" oder "Jesus Christus" geschenkt bekommen, um mich in der Welt orientieren und meinem Leben einen Sinn geben zu können. Seit ich selbst sprechen und alleine stehen und gehen kann, gebe ich, was ich bekommen habe, auch an andere weiter. Fast jeden Morgen stehe ich auf, und fast jeden Abend gehe ich ins Bett. Dazwischen esse, trinke, denke, putze, schreibe, lese, reise... ich, während andere Menschen für mich Gesetze schreiben, Strassen bauen, Ställe ausmisten, Gemüse pflanzen, Bilder malen, Wasserleitungen reparieren ... Irgendwann werde ich sterben.“




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  7. Sonntag nach Trinitatis

7. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2019

Manchmal legt einem das Leben Bilder vor die Augen die man lange nicht vergisst…
In dem Dom kommt ganz regelmäßig ein altes Paar, jede Woche einmal sehe ich die beiden nebeneinander sitzen. Sein gut geschnittenes Gesicht lässt ahnen, was da mal möglich war. Sie haben sich gegenseitig durchgeholfen, mal klapperte er, dann schwächelte sie. Jetzt ist er dement geworden…
Aber sie kommen noch immer und sitzen nebeneinander. Neulich sah ich, wie er beim Orgelspiel ihre Hand nahm, das Innere behutsam entlangstrich, jeden Finger nachging – der Körper vergisst nicht. Eine vertraute Zärtlichkeit. Und sie schloss die Augen, hütete diesen besonderen Moment.
Vielleicht für die Zeit, die noch kommt…
Oder in Erinnerung daran, was mal war.
Es war ein Moment der Nähe und der Fülle.
Es war ein Moment, den nicht spürt, wer Hunger und Sehnsucht nicht kennt.
Ein Bild, das etwas davon erzählt, das Menschen eben doch nicht vom Brot allein leben . Aber ohne Brot geht es auch nicht. Eine andere Geschichte von einem altgewordenen Paar erzählte Wolfgang Borchert im Späterbst 1946 – eher er 1947 erst 26-jährig, starb. Kurz nach Kriegsende war Hungerzeit, kam ein Hungerwinter. Die Erzählung heißt: „Das Brot“. Und beginnt so:
„Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. … In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. .. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich… Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller … Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg. Ich dachte, hier wäre was, sagte er und sah in der Küche umher….
Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. … Ich dachte, hier wäre was, sagte er noch einmal … aber es war wohl nichts. …“
Auch eine Hungergeschichte…
Dieser Hunger verbindet nicht. Er gefährdet die Beziehung. Vielleicht weil der knurrende Magen sich mit anderer Dringlichkeit meldet. Er lässt sich nicht verdrängen, nicht beruhigen. Er treibt Menschen in beschämende Situationen…
Menschen, die nach Brot oder Reis hungern, können keine Umwege gehen und auch nicht warten …
An diesem Hunger stirbt man zuerst.
Aber Hunger hat viele Gesichter
Menschen, die nach Gerechtigkeit, nach einer guten Nachricht, nach einer Berührung, nach Heilung …
Und da ist da noch das Heimweh, die Trauer…
Den Menschen, die tagelang mit Jesus mitgingen, mangelte es zunächst an Brot und Fisch, dann aber auch an Zukunft, an Hoffnung.
Im wörtlichen und übertragenen Sinne gingen sie durch die Wüste. Letztes Jahr in Chicago haben wir solche Wüsten kennengelernt, Stadtteile, in denen es nichts, gar nichts zu kaufen gibt, kein Kiosk, keine Kneipe, nichts. Es gab keine Schule, kein Krankenhaus – dafür fehlten fast alle Männer zwischen 18 und 25. Sie waren im tot, im Knast oder wenn es gut gegangen war, fort…
Dahinter lag Methode, Grundstücksgier.
Aber es gab Kirchen. Dort klingen die alten Geschichten ganz nah. Und man hört noch einmal ganz anders, wie die Menschen Jesus bedrängen und wissen wollen – Sie haben es vorhin in der Evangeliumslesung gehört:
„Was tust du??? Was bewirkst du?“
Das ist eine berechtigte Frage. In der Wüste, in Hungerszeit, am Ende eines Lebens, am Rande einer Beziehung braucht man direkte Hilfe. Dann ist es eine wichtige Frage: Auf wen richten wir unsere Hoffnung?
Und wenn dann einer kommt, der um unser Vertrauen wirbt, um unsere Treue, muss man dann nicht fragen: Was hat er vor? Wie will er die Welt verändern? Missbraucht er die Not oder sieht er tiefer?
Diese Frage stellt sich auch hier …
Wer von der Grundrente redet, sieht er die, die aus Scham ihre Armut verstecken? Oder sieht er den Moment, wenn zur Wahlurne gegangen werden muss? Wer von Lehrermangel redet, sieht er die vielen Kinder, die nicht nur ein Recht auf Bildung haben sondern auch kleine Menschen sind, die sich auf ihren Lebensweg machen und Startkapital brauchen? Oder sieht er nur Profilierungspotential? Wer von Pflegenotstand redet, von Wohnungsmangel, von Sicherheit auf Bahnhöfen – was hat der vor mit dem Gehör, das ihm Menschen schenken, mit der Lebenszeit, der Hoffnung, die ihm Menschen anvertrauen?
Hunger, Sehnsucht, Mangel schafft Abhängigkeit. Umso heikler ist die Beziehung, die daraus entsteht.
Wie gesagt: es ist eine völlig berechtigte Frage:
„Was tust du??? Was bewirkst du?“
Die Frau in der Erzählung von Wolfgang Borchert, baut ihrem Mann eine Brücke. Es wird der Wind gewesen sein, der an der der Dachrinne ruckelte, was sie gehört hat. Und am nächsten Tag, so erzählt Wolfgang Borchert: „Als er nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können. Du kannst ruhig vier essen, sagte sie und ging von der Lampe weg. Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf …“
Die Menschen um Jesus machen Vorschläge. Sie erinnern an ihre Väter, die in der Wüste Manna gegessen haben, „Brot vom Himmel“ ein Wunder.
„Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. … Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“
Ich bin das Brot des Lebens, sagt er.
In meiner Nähe werdet ihr den Mangel, der Euch in Angst und Einsamkeit, in die kalte Küche, in die Lüge treibt, nicht mehr erleiden.
Mehr verspricht er nicht. Kein Wunder, kein überwältigendes Zeichen, kein Programm, keine Prämie…
Nur eine magere Möglichkeit: Wer zu mir kommt …
Das ist Gottes Gabe. Dieser eine Mensch, der sagt: „Wer zu mir kommt…“
Es hatte Heilungen gegeben, Wunder und Zeichen. Das wussten sie. Darauf hofften sie. Aber all das kam nicht von oben herab, wie ein Regen von Wahlgeschenken. Es erwuchs aus der Nähe. Aus Vertrauen auf ihn. Aus der Zuversicht, dass wir mit ihm Wege in die Freiheit finden, dass wir mit ihm wirklich Menschlich werden, dass der der Hunger, die Einsamkeit, die Not aufhören wird.
Dann werden sich unsere Hände berühren, als hätten wir nie vergessen, wer der Andere ist. Bei Wolfgang endet die Geschichte ganz schlicht:
„Nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.“






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  6. Sonntag nach Trinitatis

6. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2019

Viel brauchen wir nicht, am Anfang des Lebens: Ein paar Hände, Hände, die ins Leben helfen, halten und wärmen, Nahrung, Trost, Geborgenheit und Schlaf, Geduld.
Und eine Stimme, die unseren Namen sagt, ihn zärtlich in unser Ohr flüstert.
Dieser Name. Du bist mein Kind.
Da schwingt alles mit. Die großen Hoffnungen und auch die großen Sorgen. Das Wunder jedes Neuanfangs und das Ausgeliefertsein.
Am Anfang sind wir dem noch gewachsen: Nahrung, Trost, Geborgenheit – das schaffen wir. Aber dann kommt die Ich-werdung. Wohin wird es gehen, was wird aus all den Gaben und Schwächen, den vertanen Gelegenheiten? Was wird aus diesem Kind, wenn es gerade meiner Erziehung ausgeliefert ist? Was wird aus ihm in dieser Welt …?
Je älter man wird, desto mehr versteht man vom Sorgen und dass Luther ganz recht hatte, wenn er meinte, dass wir das Kreisen der Sorgenvögel über unseren Köpfen zwar nicht verhindern können aber es immerhin nicht soweit kommen muss, dass sie sich in unseren Haaren ein Nest bauen…
Manchmal ist es dennoch knapp davor, weil die Zukunft immer ungewiss ist und das Neue, was da werden will, fremd und verunsichernd. Wer eingesperrt und eingeengt lebt, kann sich nicht entfalten. Wer die große Freiheit hat, schleppt die Qual der Wahl mit sich. Alles, was nicht wird, scheint eigenes Versagen zu sein. Gestaltungsfreiheit geht einher mit Gestaltungspflicht. Wenn man Fragen und Probleme der eigenen Zeit aufgespießt hat, ist das noch lange keine Antwort …
Woher kommt unseren Kindern dann Hilfe?
Wie ist es mit der Tragkraft ihres kleinen Glaubens???
Und geht es unserem Gott, der jede und jeden einzelnen von uns ins Leben und beim Namen gerufen hat, mit uns womöglich genauso?
Wir sind seine Geschöpfe, seine Kinder, seine Gedanken. Er entlässt uns in das Leben in dieser Welt an einem konkreten Ort für eine endliche Zeit. Er weiß, dass wir nur die kleinen Horizonte im Auge behalten können. Er weiß, welche Zuversicht und welche Unruhe, welchen Mut und welche Zaghaftigkeit er in unser Herz gelegt hat, wieviel Eitelkeit und Feigheit. Er weiß, dass Wissen, Wollen, Können und schließlich Tun oft sehr weit auseinander liegen und auch das Mitgefühl und Verständnis begrenzte Ressourcen sind. Er sieht, wie es werden wird…
Er sieht noch viel weiter als Menscheneltern das tun. Und trotzdem sagt er:
„Fürchte dich nicht…“
Mir ist es ein freundlicher Gedanke, dass Gott diese drei Worte vielleicht auch sich selbst zum Trost sagt, jedenfalls dann, wen er uns ähnlich ist. Eltern müssen sich das manchmal sagen: lass dich nicht von Angst und Furcht leiten, sondern von Vertrauen.
Aber Gott ist uns nicht nur ähnlich. Er ist auch der ganz Andere. Er sagt zu uns: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
Ich bin sein. Mag es auch noch so viele Menschen mit meinem Namen geben, er unterscheidet uns und kennt auch mich. Ich bin sein. Sein. In unserem Leben hier wollen wir das nicht sein, Eigentum von irgendwem. Aber das einer solche Klarheit und Verbindlichkeit aufbringt: du gehörst zu mir – das ist schon schön, schenkt Geborgenheit.
Aber in diesem Vers steckt noch mehr: Gott sei Dank, sagt er das zu mir, zu Ihnen, denn leicht lässt sich untendrunter noch etwas anderes hören – das ist kein Automatismus, keine Selbstverständlichkeit. Es hat etwas mit dem zu tun, was Theologen „Erwählung“ nennen.
Gott hat ein Volk erwählt. Und er erwählt sich Menschen. In der Taufe ruft er uns – mit dem Sakrament antworten wir. Darum kann man zwar aus der Kirche austreten. Aber die Gotteskindschaft können wir nicht kündigen…
Denn er tut das Wesentliche. Wir reagieren nur. Gott ruft Menschen bei ihrem Namen und in seinen Dienst. Aber heißt das nicht auch, dass er manche Menschen auch nicht ruft?
Die eine haben darüber gestritten, andere unter der Frage gelitten:
Kann es sein, dass Gott die einen zum Heil und die anderen zur Verdammnis oder gar nicht ruft? Kann es sein, dass er meines Bruders Kind meint und mein eigenes nicht? Nicht nur die Bibel ist voller dieser Fragen: Warum hat Gott Abels Opfer freundlich angesehen aber nicht das des Kain? Warum können die einen bis zur Naivität fröhlich und vertrauensvoll glauben und die anderen obwohl sie es sich so sehr wünschen nicht??? Warum erleben die einen Geborgenheit und die anderen Verlassenheit?
Das sind schwere und zermürbende Fragen. Sie lassen sich nicht einfach wegwischen. Das ist kein Privileg, um das sich handeln lässt, keine Bürgerschaft, die sich verdienen lässt.
Es ist Gnade und völlig unverfügbar.
Es ist Gnade und nicht selbstverständlich.
Es ist Gnade und nicht zu begreifen.
Es ist Gnade und wahrscheinlich muss man so tapfer sein, dranzuhängen: Und nicht Gerechtigkeit.
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; … Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“
Fürchte dich nicht! Wenn du durchs Wasser gehst oder ins Feuer…
Es heißt nicht einfach nur: Wasser soll dich nicht ersäufen, Feuer soll dich nicht verbrennen. Es heißt nicht, wenn Unheil dich überfällt, ich bin da.
Hier steht: Wenn Du hineingehst, wenn Du dich – aktiv – hineinbegibst in die Gefahr…, dann …
Warum sollten wir uns das tun???
Gott sieht weiter. Wir sind seine Kinder. Er kennt uns. Er hat vermutlich allen Grund sich dauernd Sorgen zu machen. Er sieht die großen Fluten der Zweifel und brennenden Fragen, in die wir uns begeben, wenn wir verstehen wollen, warum er dies oder das mit uns tut, warum er unsere Kinder nicht ruft oder zulässt, dass sie es nicht hören, warum …
Er sieht: Darin haben wir keine Chance und werden untergehen in Verzweiflung oder verbrennen in Eifer und Zorn. Da hinein sagt der heilige große Gott:
„Fürchte dich nicht!“
Und er sagt übrigens nicht: Vermeide das Wasser oder das Feuer…
Sondern: Ich habe dich erlöst. Aus dieser Gefahr und aus anderer auch.

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  5. Sonntag nach Trinitatis

5. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.07.2019

Als Wolf Biermann sang: „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, du lass dich nicht verbittern in dieser bitteren Zeit…“ hing bei meiner damals noch ziemlich jungen Mutter zur Ermutigung im DDR-Leben eine Postkarte über der Spüle mit einem Zitat nach Jean Paul Sartre: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“ Ermutigung war das, geteiltes Leid.
Ich brauche solche Hilfe für meinen Alltag nicht so dringend. Mein ganz persönliches Leben ist unvergleichlich viel besser geworden als ihres. Wirklich, ich habe allen Grund dankbar zu sein.
Aber dann steht im Matthäusevangelium als Predigttext für diesen Sonntag, und ich kann nicht anders als zu glauben, dass diese Worte uns gelten, heute hier:
„Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“
Da zieht er durchs Land und geht in alle, in alle! Städte und Dörfer. Er macht sich ein Bild von den Lebensumständen der Menschen, von ihren Krankheiten und Leiden. Und er tut das gründlich. Und was er sieht und ahnt, was er wahrnimmt und versteht führt dazu, dass es ihn jammerte.
Nun waren die Verhältnisse zur Zeit Jesu in Palästina andere als heute. Das Land war von einer fremden Großmacht besetzt, die Menschen wirklich arm. Aber wenn ich ernst nehme, dass Gottes Wort eben nicht nur eine Erzählung aus sehr alter Zeit ist, sondern dass Gott sich uns in seinem Wort zeigt und durch sein Wort zu uns spricht, dann muss ich hören: Er zog durch alle Städte und Dörfer, Braunschweig, Hannover, Hildesheim, Goslar, Schladen, Heiningen, Ahlum, Schandelah, Meine, Vordorf, Gifhorn… und was er sah, das jammert ihn.
Das jammerte ihn. Nicht: es gab ihm zu denken. Oder: er sah große Unterschiede. Nein. Es jammerte ihn.
So schlimm ist es also. Das hätte ich nicht gedacht. Es gibt sicherlich Weltgegenden, in denen es einem das Herz bricht, wenn man ein mitfühlender verständnisvoller warmherziger Mensch ist. Aber hier?
Leben wir nicht auf der Sonnenseite der Welt, in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde, einem demokratischen Rechtsstaat?
Es tut offenbar Not nochmal hinzusehen…
Es tut Not, zu lernen, mit seinen Augen zu sehen.
Er sieht ängstliche und verstreute Menschen.
Er sieht also Menschen, die sich fürchten vor der Zukunft oder vor dem Leben, vor der Liebe und vor Verbindlichkeit, die Angst haben um das gute Leben oder um ihre Privatsphäre oder…
Er sieht verstreute Menschen ohne Hirten …
Er sieht Menschen, die den Weg verloren haben und ihre Herde, ihre Gemeinde, solche, mit denen man gute Wege findet. Er sieht Verstreute, Einsame, Verstiegene, Gefährdete.
Ich befürchte, man kann es drehen und wenden wir man will:
So sieht er uns.
Und es jammert ihn. Aber überraschender Weise kommentiert er den Befund mit den Worten: „Die Ernte ist groß. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“
Ich hätte gedacht, er sagt: Die Ratlosigkeit ist groß. Die Ohnmacht ist groß. Die Orientierungslosigkeit ist groß. Der Unverstand ist groß. Die Hartherzigkeit ist groß…
Aber er sagt: Die Ernte ist groß!
Ich vermute, er kann das sagen, weil er anders hinsieht:
Er sieht nicht Kirchenaustritte und verfehlte Kampagnen. Er sieht nicht Resignation und Erschöpfung.
Er sieht Sehnsucht und Veränderungsbereitschaft, Heilungschancen, Hoffnung.
Er sieht das, was werden will. Das, was werden kann. Die Möglichkeiten dieser unserer Zeit.
Er sieht, dass es niemals an der Zeit ist, einen Menschen aufzugeben und fallenzulassen.
Es gibt zu tun.
Es braucht Menschen, die sich auf Jesu Art zu sehen einlassen.
Es braucht, so sagt er, Erntehelfer. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist entlastend und begrenzend. Das bewahrt uns vor dem Scheitern an einer zu großen Aufgabe und auch vor Größenwahn und Weltenretterpose.
Denn „Herr der Ernte“ sind nicht wir.
Aber wir werden gebraucht! Für viele Menschen gibt es nichts Schöneres und sie haben recht: wer gebraucht wird, der fehlt auch und wird vermisst. Wer gebraucht wird, muss sich nicht sorgen um den Sinn seines Lebens machen.
Wir werden gebraucht, dort wo Gott uns hingesetzt hat und mit folgendem Arbeitsauftrag versieht:
„Geht aber und predigt: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.“
Ich habe mich an dieser Stellenbeschreibung ein paar Tage gequält, denn ich kann nicht heilen und Tote aufwecken, auch keine Dämonen austreiben.
Dafür kriege ich Geld und gehe materiell gut ausgestattet meiner Arbeit nach…
Eine schmerzhafte Infragestellung, die sich nicht so leicht ausräumen lässt.
Sie stehen zu lassen und einfach weiterzumachen, geht glaube ich, nicht.

Ich versuche, etwas zu hören, das den Text nicht beugt:
Dass ich die Ernte nicht beurteilen soll und auch nicht einrechnen, besitzen werde.
Dass es auf das ankommt, was wir sagen und Heilsames tun, nicht auf Ausstattung und Equipment.
Dass ich achtgeben muss, weil die Aktualisierung der Worte Jesu meist zu Abschwächung führt.
Dass ich kein Selbstmitleid haben muss. Gott hat, auch wenn ich ihn jammere, etwas mit mir vor.
Einmal mehr: Dass ich aus Gnade lebe.
Und ja! Es gibt schönere Zeiten, denn der Herr der Ernte sagt: Das Himmelreich ist nahe!

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  4. Sonntag nach Trinitatis

4. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.07.2019

4. Sonntag nach Trinitatis

Meine Mutter hat ein altes Buch, ich vermute, es gehörte meiner Urgroßmutter, die im Dreikaiserjahr 1888 geboren war: „100 kleine moralische Geschichten für Kinder“. Ich habe es geliebt, vor allem seiner zauberhaften Illustrationen wegen. Alle paar Seiten gab es ein stärkeres Blatt mit einem einseitigen bunten Druck, kleine Mädchen und Jungen mit Hut, Schnürstiefelchen und Matrosenkragen…
Die Geschichten dazu waren kurz und allesamt drastische Beispiele für artige kleine Mädchen, die ihr blütenweißes Strickzeug sofort beiseitelegten, um hilfreich herzuspringen, wenn dies oder das nötig war, die niemals geschwätzig oder neidisch waren, dafür aber ihren Singvogel oder ihr Rosenstöcken liebevoll pflegten. Auch die Jungen waren höflichen und bescheidenen, mutig und sportlich, sie verpetzten den Freund nicht und gingen brav neben ihren Großvätern spazieren. Zu allen gab es selbstverständlich das Gegenteil: wilde unordentliche vorlaute Pippi-Langstrumpfmädchen und freche faule Michels…
Einfache schwarz-weiß Pädagogik, Lob und Strafe folgte immer auf dem Fuße…
In meinen Kinderbüchern und denen unserer Kinder waren die Hauptfiguren selbstbestimmte individuelle kleine Persönlichkeiten, die in ihren eigenen Welten gern ganz ohne Erwachsene (oder wenn dann nur als Nebenfiguren) gefährliche Abenteuer an der Seite ihrer besten Freunde bestehen. In diesen Büchern hat alles Vor- und Nachteile, ist die Welt kompliziert.
Hinter beidem liegen pädagogischen Konzepte, Erziehungsideale und Wertvorstellungen, moralische Urteile oder freiheitliche Prinzipien, die neben dem Blidungs- oder Unterhaltungsanspruch von Hoffnung getragen sind, dass Kinder zu selbständigen und verantwortlichen Menschen heranwachsen, die miteinander eine menschenfreundliche Gesellschaft bauen. Gesetze kommen dazu, Verfassungspräambeln, Ethikkommissionen. Und natürlich auch die Religion und ihre Texte. Die Bibel schließlich ist voller exemplarischer Geschichten, Regeln und Haustafeln, die Geländer sein wollen oder doch wenigstens Erinnerung…
Einer dieser Texte steht bei Lukas, Sie haben ihn vorhin als Evangeliumslesung gehört. Er beginnt mit der Aufforderung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ und weicht dabei von der Parallele bei Matthäus ab, der sagt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater vollkommen ist.“
Ein sehr klarer Unterschied in der Zielvorstellung!
Ob Lukas den Anspruch vollkommen sein zu wollen, unmenschlich fand, unerreichbar sowieso? Oder hielt er das Ziel, vollkommen zu sein für ungeeignet, um miteinander zu leben? Sorgte er sich, dass die eigene Perfektionierung alles Tun und Lassen zentrieren würde und Menschen nur noch auf sich selbst schauen, nebeneinander vereinsamen, Gemeinde unmöglich bliebe? War er selbst an dem Vollkommenheitsanspruch gescheitert und hatte lernen müssen, mit sich selbst und dann auch mit anderen barmherzig zu sein?
Oder theologisch betrachtet: Meinte Lukas, der Autor unser aller Weihnachtsgeschichte, der Zeitgenosse antiker Schönheits- und Bildungsideale, von denen manche noch immer unseren Vollkommenheitsbegriff prägen, dass ein Gott, der unter uns unvollkommenen Menschen geboren wird, grade nicht Vollkommenheit braucht sondern Barmherzigkeit?
Offenbar braucht es diese Voraussetzung für das, was er dann schreibt:
„Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben... Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“
Vom Funktionsmuster her, ist das den alten moralischen Geschichten ziemlich ähnlich. Wenn - dann… Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es hinaus. Handle so, wie Du selbst behandelt werden willst, es lohnt.
Aber da ist noch mehr:
Masse dir nicht an, Dich an Gottes Stelle zu setzen.
Du wirst in ein Loch stürzen.
Lass Dich nicht leiten von anderen Klügere, die meinen, dass sie das könnten.
Ihr werdet gemeinsam scheitern.
Lass es! Richte nicht über andere Menschen! Auch wenn dich anspringt, dass einer seine Lebenszeit und seine Gaben verspielt, dass er für seinen Nächsten kein Segen ist. Richte nicht.
Gott hat einen Unterschied zwischen uns und unseren Werken und Taten gemacht. Er sieht, was wir tun. Er beweint unser Scheitern. Aber er rechnet es uns nicht an. Mit uns Menschen hat er sich versöhnt. Dafür ist sein Sohn gestorben.
Anders ist es mit den Taten. Hier steht nicht und ist auch nicht gemeint, dass wir keine Haltung zu den Taten Anderer haben sollen. Ob das, was einer tut dem Frieden dient, ist nicht egal. Ob es gemein ist, ungerecht, böse – ist nicht egal. Wir sollen nicht blind mitlaufen, nicht dumpf nachmachen, nicht hartherzig tolerieren und machen lassen.
Vergebungsbereitschaft und Gerechtigkeitswillen gehören zu Gottes Heilsplan und sollen sich unter uns durchsetzen. Nirgendwo ist davon die Rede, die Veränderung dieser Welt auf das Jenseits zu vertagen. Wir sind zur Freiheit befreit UND in die Nachfolge gerufen. Entscheidungen können und müssen jetzt und hier getroffen werden.
Aber: es steht uns in all dem nicht an, über einen anderen Menschen zu richten. Dafür sind wir nicht geeignet. Das nachfolgende Gleichnis sagt es überdeutlich:
„Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?
Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?“
Unsere Wahrnehmung ist getrübt.
Die Selbstwahrnehmung erst recht.
Darum, wenn wir über andere richten, werden wir ihnen nicht gerecht werden – irgendwas können wir nicht sehen, irgendwas wollen wir nicht wahrhaben. Wir werden zwangsläufig unbarmherzig sein…
Sich des Urteils zu enthalten ist schwer, egal ob es um Carola Rackete, Urrsula von der Leyen, Donald Trump, die Lehrer meiner Kinder oder unsere Kollegen geht. Trotzdem müssen wir uns zu den Tatsachen verhalten, uns entscheiden, ob wir sie mittragen oder widersprechen, ehrlich sein, tapfer.
Das bleibt schwer. Ich kann froh sein, wenn ich nur einen Splitter im Auge habe und nicht gleich einen Riesenbalken…
Vollkommmenheit ist unmöglich.
Aber wenn wir es schafften, barmherzig zu sein? Jedenfalls müssen wir neu sehen lernen. Damit sind wir nicht allein. Selbst von den Jüngern wurde nach Ostern in der Emmausgeschichte erzählt, dass ihnen erst die Augen geöffnet werden mussten, ehe sie verstanden…
Aber einen Schritt weiter als wir waren sie schon. Sie fragten sich: „Brannte nicht unser Herz?“

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  Trinitatis 2019

Trinitatis 2019

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.06.2019

Dass es mal knallt und man sich streitet,
dass man einander Dinge an den Kopf wirft, die lieber ungesagt geblieben wären, dass man sich im Eifer des Gefechtes um Kopf und Kragen geredet und ordentlich verrannt hat,
dass man endlich etwas aussprechen und klären musste,
all das kommt, wie man so schön sagt, in den besten Familien vor und kennen wir vermutlich alle.
Aber wie kriegt man sich dann wieder ein?
Wie verhindern wir, dass mit dem Ärger gleich die ganze Beziehung den Bach runtergeht?
Wie knüpfen wir wieder an?
Es gibt verschiedene Modelle:
- Der Klügere gibt nach.
- Unvertragen wird nicht schlafen gegangen.
- Schweigen
Das Modell „Paulus“ lässt sich auf den allerletzten Metern seines durchaus griffigen zweiten Korintherbriefes nachvollziehen. Er hat das gesamte Arsenal aufgeboten, will den Brief um der Sache trotzdem abschließen und schreibt zum Schluss:
„Zuletzt, Brüder und Schwestern …“ – keine Anrede, die einen Liebesbrief erwarten lässt aber doch ein zutiefst verbindendes und nicht aufzulösendes Element. Dann schreibt er weiter: „Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!“
Das klingt zwar noch einmal nach einer ordentlichen Packung von Aufträgen und Imperativen und könnte dazu führen, dass das Gegenüber endgültig nichts mehr von ihm wissen will. Immerhin häuft er jetzt aber Verben aufeinander und sagt so: Lasst uns nicht den Status fixieren, sondern auf Bewegung setzen, Veränderung riskieren, weitermachen, Frieden wagen, denn dann – so schreibt er weiter:
„So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein“, dann werden wir Gott näher kommen, dann haben wir eine segensreiche Perspektive, dann geht es wieder miteinander – erst recht, wenn man bedenkt, dass es im Leben ja nicht nur um Argumente, sondern auch um Anerkennung, Zugehörigkeit, Gefühle geht.
So schließt sogar Paulus, der Mann der scharfen Worte, mit der Aufforderung: Gebt einander ein versöhnliches Zeichen: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.“
So war das mal in der Urchristenheit….
Wir Norddeutsche lassen es soweit nicht kommen – aber ein Handschlag oder eine Umarmung sind schon drin.
Versöhnliche Zeichen und Gesten … - oft kommt das vor oder statt Worten.
Denn Zeichen, Symbole und Gebärden erreichen tiefere Schichten, wirken wie Wege nach innen. Formen formen uns Menschen, aber auch Situationen.
Auch wir haben solche Zeichen, manche kennen nur unsere Allernächsten.
Andere gehören zu den Verabredungen unserer Gesellschaft oder zur Liturgie des Gottesdienstes.
Wir nutzen sie, um immer wieder anzuknüpfen – an unsere Gottesbeziehung oder an den Menschen neben uns.
Am deutlichsten ist der Friedensgruß.
Manchem mag das unangenehm oder peinlich sein, weil man sich einem Fremden zuwenden muss oder weil man das vielleicht überzogen findet: als würde eine Nähe suggeriert, die man so gar nicht meint. Andere mögen sich sorgen, dass sie niemanden übersehen oder selbst übersehen werden.
Aber – vielleicht, hoffentlich stimmen Sie da mit mir überein – je öfter man es tut, desto leichter geht es, vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen, desto besser fühlt es sich an. Und manchmal ist es richtiggehend ein Segen, dass es diese Geste gibt.
Tatsächlich hat diese Wirkung etwas mit der Wiederholung zu tun.
Man holt wieder, was drohte, verlorenzugehen: Gemeinschaftsgefühl, Versöhnungsbereitschaft, Friedensfähigkeit…
Wiederholungen holen uns wieder oder zurück in den Raum des Heiligen, sie gehen tiefer, weil wir sie kennen und uns nicht mit dem Verstand wehren. So beziehen sie Herz und Gemüt mit ein, bringen uns Gott ein Stück näher auch wenn wir manchmal von sehr weit her kommen.
Wiederholungen bringen es schließlich mit sich, dass wir etwas auswendig können und deshalb auch inwendig zur Verfügung haben.
Wiederholungen schaffen Vertrautheit und Beheimatung.
So kann man sich in das Ritual bergen.
Und so geht es mit dem Friedensgruß und erst recht mit dem Abendmahl: je öfter wir es feiern, nebeneinander stehen und Brot und Wein teilen, umso deutlicher erfahren wir, dass wir nicht nur einen Leib haben, sondern auch einer sind, dass wir geheiligt sind. Eine Gemeinschaft der Heiligen. Sie, ich, alle – egal wie heilig wir uns finden und fühlen.
In den alten Gesten und Gebärden kann man das sehen! Es wird im wahrsten Sinne des Wortes augenscheinlich.
Insofern ist es fast schade, dass wir Protestanten diesbezüglich so zurückhaltend sind: wir nehmen kein Weihwasser, wir knien und bekreuzigen uns nicht, aber immerhin: wir geben einander den Friedensgruß.
So wird an uns sichtbar, dass unser Gott ein Gott der Beziehung ist. Diese merkwürdige Trinität, Dreifaltigkeit, sagt nichts anderes: Unser Gott ist in sich, so wie er mit uns ist und wie wir untereinander sein sollen:
Voller Gnade, Liebe, Gemeinschaft – und wenn wir es oft genug wiederholen, dann wird das aus-und inwendig, erzählen nicht nur Worte, sondern auch unsere Gesten und Gebärden davon, hier und überall dort, wo das Leben uns hinstellt. Darum schließt Paulus seinen Brief mit den berühmten Worten: „Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“

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  Ostern

Ostern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.04.2019

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, / Im Tale grünet Hoffnungsglück…
Jeder sonnt sich heute so gern. / Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden: …
Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht….“

Ans Licht gebracht, ja das sind wir auch und feiern hier im lichten Dom die „Auferstehung des Herrn.“ Und was immer das ist, man kann Auferstehung nicht klein genug denken als Auferstehung von Mensch und Tier nach dem grauen Winter und erst nicht groß genug! Es ist das Wunder und die Hoffnung schlechthin! In der Auferstehungsgeschichte mündet das Evangelium, die gute Nachricht. Besseres ist nicht. Kein Wunder, dass wir das nicht fassen können und alle Jahre neu staunen und nachbuchstabieren!
Dies Jahr tun wir das mit Johannes, dem Theologen unter den Evangelisten, dem, der immer eine eigene Perspektive hinzufügt, dem die Berichte der anderen drei als Rahmen genügen, von dem man schon gehört haben sollte.
Auferstehung, so werden wir von ihm sehen lernen, hat etwas mit der Kunst des Loslassens zu tun, denn die Uhr wird nicht zurückgedreht werden, damit alles ist wie es einmal war.

Gehen wir also Schritt für Schritt mit Johannes ohne zu vergessen, dass die, für die er erzählt, wissen, wie das ausgeht:
Maria hatte Petrus und einem anderen der Jünger erzählt, dass sie das Grab leer vorgefunden hatte. Die beiden Männer hatten sich eilends davon überzeugt und sind wieder heimgegangen. Die Leerstelle allein, dieser Moment war folgenlos geblieben. Damit tatsächlich Glaube entsteht, damit Menschen davon als einer großen Gewissheit erzählen, es heißt ja nicht für umsonst: „Zeugnis ablegen“ muss mehr und anderes passieren!
Darum steigert Johannes seinen Bericht:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.
Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Da steht Maria am Grab und weint. Der Ort des unmittelbaren Gedenkens für die Erinnerung funktioniert nicht, weil er beschädigt ist. Aber Kummer hindert, dieses Zeichen zu deuten. Jesus hatte zwar in seiner Abschiedsrede gesagt: „Weinen und klagen werdet ihr, aber die Welt wird sich freuen.“
Aber jetzt beschreibt er damit nur, was ist und eröffnet nichts Neues. Jetzt trennt die Trauer vom Rest der Welt, der in Ordnung findet, dass der Verbrecher tot ist. Später sagt Jesus noch einmal deutlicher: „Eure Trauer soll zur Freude werden.“ Rückblickend kann man da schon hören, wie unnötig diese Tränen sind. Rückblickend hört man den Klang der Frage mit: „Warum weinst du denn nur so bitterlich??? Es gibt doch gar keinen Grund!“ Aber eben nur rückblickend. Im Moment ist das nur die Anerkenntnis menschlicher Erfahrung, wenn der Tod in unser Leben einbricht. Es ist unsäglich traurig. Das bildet sich keiner ein.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Engel bei Johannes keine Osterboten sind, denn Johannes weiß selbst gut genug, dass diese Tränen auch von Christen, die der Auferstehungshoffnung etwas zutrauen wollen, erstmal geweint werden müssen. Maria trauert. Weder der weggerollte Stein noch die beiden Engel können sie aus der nüchternen Wahrnehmung reißen: Jesus ist tot. Sein Leichnam wurde weggenommen…
Wir sind also nicht allein damit, dass es uns schwerfällt, die Auferstehung von den Toten wirklich zu glauben. Dieser Aspekt muss Johannes wichtig sein. Denn im Folgenden verstärkt Johannes ihn und erzählt:
„Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.“
Zum leeren Grab und den beiden Engeln tritt nun Jesus selbst. Wieder kann Maria durch die Tränen nichts erkennen, nichts begreifen. Sie wiederholt den Irrtum, mit dem lebendigen Jesus nicht zu rechnen und kommt nicht von der Stelle. Im Gegenteil: Vor allem anderen will sie den Leichnam zurückholen, so wie man sich eine Reliquie sichert, um den Gedenkort zu stärken. Das ist ihre und oft auch unsere Methode, mit dem Tod zu leben.
Johannes weiter: „Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um“
Das ist eigentlich total unsinnig. Eben noch hat Maria mit dem vermeintlichen Gärtner gesprochen und ihn mit Sicherheit dabei angesehen. Kein Wort, dass sie sich weggedreht hätte. Warum dann dieses Umdrehen? Johannes, der Worte genau wählt, wird das nicht aus Versehen gesagt haben.
Er macht damit vielmehr physisch klar, dass Maria hier am Grab nichts mehr erwartete und aufgegeben hatte, zurückgegangen war in das Leben, indem Jesus fehlt, weil er tot ist. Indem sie sich umwendet, erzwingt Maria unfreiwillig, dass Jesus sich ihr und ihrer Resignation in den Weg stellt. Er liegt nicht, er ist nicht beigesetzt. Er steht. Weil er lebendig ist! Und er ruft sie beim Namen, weil er es so von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen.“
Da erst, hörend, nicht sehend, erkennt ihn Maria. Das ist die Brücke für uns: Wir sehen ihn nicht, aber auch wir hören. Die Gegenwart ist dieselbe. Maria begreift hörend wie wir jetzt, in diesem Moment, dass Jesus vor ihr steht.
Gegenwart hat zu tun mit gewärtig-sein.
Maria versucht das und nimmt den alten Faden auf, indem sie sagt: „Rabbuni! das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an!“
Was wäre menschlicher, um sich zu vergewissern, dass ein schmerzlich entbehrter Mensch endlich oder überhaupt da ist, als ihn anzufassen?! Nichts. Aber: so ist er auch nicht da! Der Auferstandene war weder scheintot noch ist er jetzt wieder lebendig wie einer, der das Sterben noch vor sich hat.
Dieser Gedanke ist nicht zu halten, wir müssen ihn loslassen. Mit unseren Kategorien hat diese neue Wirklichkeit nichts zu tun. Es ist nicht alles gut, weil es ist wie es vorher war. Nicht Vergangenheit beschwören sondern Gegenwart zulassen! Erst, wenn Maria und mit ihr die Gemeinschaft der Christen das begriffen hat, wird er gehen. Darum sagt er:
„Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.“
Maria geht und verkündigt die Auferstehung den Brüdern.
Hier begönne eine zweite Predigt. Der Ausblick zeigt: Maria geht und sagt es mit eigenen Worten »Ich habe den Herrn gesehen«, so wie wir eigene Worte finden müssen. Und: Johannes begründet in diesem Moment, in dem er die Jünger / die Schüler zum ersten Mal „Brüder“ nennt eine geschwisterliche Kirche, in der eine Frau in vielerlei Hinsicht die erste war: die Erste am leeren Grab, die Erste die dem Auferstandenen begegnet, die Erste, die ihn bezeugt.
Im Sinne des Osterlächelns würde ich sagen, in solch einer Kirche „ist des Volkes wahrer Himmel, / zufrieden jauchzet groß und klein: / Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“

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  Okuli

Okuli

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.03.2019

Jemand sagte letzte Woche, dass er das Gefühl habe, das der Bibel nichts fremd ist, dass es zu allem auch eine Geschichte gibt. Heute klingt das aus dem Mund des Jeremia so:
„GOTT, Du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen.“
Wer kennt das nicht? Sich überreden zu lassen, kann manchmal charmant und großzügig sein, aber wenn man nicht ganz und gar von rosaroten Wolken eingelullt ist, dann hat man nicht vergessen, dass „überredet werden“ nicht dasselbe ist wie „überzeugt werden“. Wer überredet wird, weiß es eigentlich besser oder will etwas Anderes. Darum geht das Überreden allermeist mit Zweifeln und oft auch Reue einher; man hat nicht gegenhalten können und irgendwann beigegeben. So ist das sich-Überredenzulassen der Königsweg in Beziehungsprobleme, unvernünftige Investitionen, Überforderungssituationen und manchmal existentielle Not.
Bei Jerermia heißt es denn auch weiter:
„Gott, Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“
Wer sich überreden lässt, kann, wenn es dann schiefgeht, nicht allzu viel Verständnis erwarten, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Dabei ist der Spott oft gar nicht das Schmerzhafteste. Viel mehr tut weh, dass man den Eindruck nicht loswird, dass da einer, Schwäche ausgenutzt, Gutmütigkeit missbraucht, einen Dummen gefunden hat…
Unter Menschen passiert sowas dauernd.
Aber es ist schwer vorstellbar, dass Gott so mit uns umgehen sollte.
Dennoch, der hier spricht, ist Jeremia, sein Prophet.
Gott hatte ihn ausgesucht und überredet, in einer äußerst schweren Zeit seine Worte, Wahrheit, Warnungen auszurichten. Er brauchte den Jeremia, ob der wollte oder nicht, weil Menschen schwierige Konsequenzen vermeiden, weil sie sich auch in misslichen Umständen einrichten, Schuld auf andere schieben, genießen und nutzen, was der Tag eben hergibt. Nach uns die Sintflut.
Gott brauchte aber solche, der nicht verharmlosen, nicht schönreden, sich ihrem Gewissen und der Wahrheit verpflichtet fühlen. Gott musste einen überreden, in seinem Namen das drohende Unheil anzukündigen, wenn nicht endlich der Hebel rumgerissen würde, weil das, was er zu sagen hätte, milde formuliert, nur ungern gehört werden würde.
Also Jeremia.
Und der erlebt sehr schnell, dass solche Worte nicht folgenlos bleiben, der spürt, dass sein Leben schwierig wird, wenn man seinen Namen mit der Wahrheit verbindet, der wehrt sich und hadert mit Gott „Du hast mich überredet, weil Du gewusst hast, dass mich die Umstände dermaßen umtreiben werden, dass ich eh nicht schweigen kann! Du hast meine Schwäche, meine Ratlosigkeit, meine Verzweiflung ausgenutzt!
In Jeremias Worten klingt das so:
„Denn sooft ich rede, muss ich schreien; Frevel und Gewalt! muss ich rufen.“
Jeremia hat keine Wahl. Es bricht aus ihm raus. Er kann nicht anders als zu sagen, was er sieht. Er weiß, dass ihn diese Worte zeichnen und isolieren werden.
Gott hat ihn dem Leben, den Menschen ausgesetzt.
So ähnlich muss zu allen Zeiten denen gehen, die ihr Leben riskiert und oft genug verloren haben, weil sie nicht mehr hinter die sichere Linie, dorthin, wo geschwiegen wird und man sich einrichten kann, zurückkönnen.
Wenn man redet, wird es gefährlich. Wer, wie Dietrich Bonhoeffer es sagte, dem Rad in die Speichen fällt, wird nicht unbeschadet weiterleben.
So erging es Asli Erdogan, die wir letztes Jahr hier im Dom zu Gast hatten.
So ergeht es Journalisten, die überall auf der Welt in Gefängnissen sitzen.
So erging es den ostdeutschen Autorinnen und Autoren, die zu DDR-Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen wurden und deren Texte endlich in der „verschwiegenen Bibliothek“ publitziert wurden.
So erging und ergeht es politischen Gefangenen, deren Wege sich verlieren.
Eine, deren Namen und Geschichte wir noch kennen, die vom Leben, von Gott, von einem Gewissen, das stärker war als alle Angst, überredet wurde, war Sophie Scholl. Im Sommer 1942 fällt einer der Freunde ihres Bruders in Russland. Von Sophie wird überliefert, dass sie in diesem Moment gesagt haben soll: „Schluss, jetzt werde ich etwas tun!“ In Jeremias Worten:
„Es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen.“
Wir wissen, wie das endet.
Sophie Scholl wird wie ihr Bruder und ihre Freunde hingerichtet werden.
Asli Erdogan verlor ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Familie, Gesundheit.
Die DDR-Autorinnen der verschwiegenen Bibliothek starben in der Haft oder an ihren Folgen, nahmen sich das Leben…
Die namenlosen politischen Häftlinge der Gegenwart genauso wie die des 20. Jahrhunderts warten noch darauf, dass einer sich ihrer erinnert…
Sie alle werden die schreckliche Angst gekannt haben, von der Jeremia sagt:
„Ich will nicht mehr … Denn ich höre, wie viele heimlich reden: Schrecken ist um und um! Verklagt ihn! Wir wollen ihn verklagen!“
Sophie Scholl schrieb in ihr Tagebuch „So schwach bin ich, dass selbst das von mir Erkannte nicht wahr und wirksam wird…“ Und an anderer Stelle: „ich habe keine Ahnung von Gott, kein Verhältnis zu ihm.“
Gott sucht sich für sein Wirken, für den Dienst an der Wahrheit und an der Menschlichkeit nicht solche aus, die von vornherein so stark sind, dass sie alles aushalten könnten. Die gibt es wohl auch nicht. Es gibt nur uns. Und Menschen fühlen sich dann, wie Sophie Scholl sagte, winzig klein, ohnmächtig… Auch die Mutigen sind nicht in Drachenblut gefallen und verletzlich. Aber sie erleben: Gott überredet nicht nur. Er rüstet seine Menschen auch zu.
Jeremia kann trotz allem sagen:
„Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“
Sophie Scholl schreibt: „Denn gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet und sei es noch so arm und klein….“ Und weiß irgendwann ganz fest: „Es gibt nur in Gott oder außer Gott.“
Und während Hans und Sophie Scholl auf die Hinrichtung warten, lesen die Eltern zu Hause in Ulm in den Apokryphen und finden im 2. Makkabäerbuch ihre Trostgeschichte vom Überredetwerden. Ein König verlangt dort von einer Mutter und ihren Söhnen Unterwerfung indem sie Schweinefleisch zu essen. Einer nach dem anderen widersteht und bezahlt das mit seinem Leben. Als der Jüngste an der Reihe ist, sagt der König, die Mutter könne ihren Sohn doch überreden, zu essen und sein Leben zu retten. Aber sie sagt: „Mein Kind, sieh Himmel und Erde an und alles was ist. Gott hat alles aus nichts gemacht und wir sind auch so gemacht. Darum fürchte dich nicht vor diesem Henker….“

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  Reminiscere

Reminiscere

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.03.2019

Erinnere Dich! Das ist meistens eine dringende Aufforderung…
Manchmal braucht man sie, um dem Gedächtnis einen Schub zu geben, weil man etwas vergessen oder einen Menschen aus den Augen verloren hat: Erinnere Dich! Wann war das gleich? Wo hab ich das hingelegt? Oder: Wo hab ich ihn das letzte Mal gesehen?
Manchmal ist dies „erinnere Dich“ auch ein Appell an unser Gewissen: Erinnere Dich, Du hast es gesagt, Du hast es versprochen! Jetzt halt dich dran und tu es auch!
Und manchmal verbindet sich dies „Erinnere dich“ auch mit der Suche nach der Wahrheit: Erinnere dich, wie es gewesen ist! Erinnere dich daran, wer du warst und was du wolltest! Erinnere dich doch daran, wie wir miteinander gestartet sind und was wir miteinander erlebt haben!
Bitte!!! Erinnere Dich!
Wer so ansetzt, dem ist nicht egal, was wird.
Wer so drängt, der will einen anderen in eine bestimmte Richtung schieben.
Wer so rüttelt, der sucht und bohrt und fragt, der hofft.
Erinnere Dich!
Über diesem Sonntag steht es so.
Reminiscere!
Denk daran, Erinnere Dich! Ja, das ist naheliegend.
Wir haben es aus all den oben genannten Gründen nötig, uns wieder einmal an Gott zu erinnern.
Damit wir unser Gedächtnis schärfen und ihm in unserem Alltag Aufmerksamkeit einräumen.
Damit wir unser Gewissen schärfen und uns erinnern, dass wir leben wollten, wie er es uns vorgelebt hat.
Damit wir wieder auf seinen Weg finden.
Reminiscere! Erinnere Dich!
Ja, das wäre nötig, aber darum geht es erstaunlicherweise gar nicht, denn diese Bitte richtet sich an Gott, er soll sich an uns erinnern, nicht wir an ihn. Als ahnte man, dass es schlimm ist, wenn wir Gott vergessen aber noch viel schlimmer, wenn er uns vergisst.
Reminiscere! „Gedenke Herr, an deine Barmherzigkeit“
Worte aus dem 25. Psalm.
Bitte erinnere Dich, es ist wichtig für uns, existentiell!
Erinnere Dich Gott an Deine Barmherzigkeit und deine Liebe, daran, dass Du nicht nur ratlos, verzweifelt und zornig gewesen bist über uns Menschen, unsere Gier und unseren Hochmut, unsere Undankbarkeit, sondern erinnere Dich, dass Du uns gemacht und gut gefunden hast, dass Du sogar wolltest, dass wir dir ähnlich sind, dass Du einen Bund mit uns geschlossen und uns deinen Segen für unsere Kinder und Enkel versprochen hast, dass Du uns so sehr geliebt hast, dass Du deinen Sohn geschickt hast.
Bitte! Erinnere Dich!
Lass nicht zu, dass wir versuchen, selbst Herren über Leben und Tod zu sein.
Erinnere Dich, damit wir unsere schöne Erde nicht ganz und gar zugrunde richten und unsere Geschwister verhungern lassen, damit wir unseren Kindern nicht eine erbarmungswürdige abgewirtschaftete Müllhalde hinterlassen.
Bitte, erinnere dich, weil wir sonst, endgültig den Versuchungen erliegen, denen dein Sohn widerstanden hat und dem Bösen gehorchen, das uns ungerecht, selbstsüchtig und hartherzig macht.
Erinnere Dich, Gott!
Nicht von ungefähr stehen diese Worte über einem der Sonntage in der Passionszeit, denn wenn wir uns erinnern, wird uns wieder einfallen, dass wir auf dem Weg nach Jerusalem sind und zu befürchten steht, dass auch wir zu denen gehören werden, die Jesus verleugnen und verlassen, die ihn verraten und mit der Masse „kreuzige ihn!“ brüllen werden.
Wir haben es nötig, dass Gott sich an seine Barmherzigkeit erinnert. Immer wieder.

Gott zu bitten, sich an uns zu erinnern und daran, dass er es doch gut mit uns meinen wollte obwohl wir sind wie wir sind, ist eine wiederkehrende und zentrale Struktur unserer Gottesdienste.
Im Kyrie rufen wir, nachdem wir aufgezählt haben, warum wir es verdient hätten, dass Gott uns vergisst: Erbarme dich! Erinnere dich an deine Barmherzigkeit!
In der Fürbitte lenken wir Gottes Aufmerksamkeit auf die konkreten Sorgen unseres Lebens, möge er sie nicht vergessen!
Im Vaterunser vergewissern wir uns, dass Gott nicht vergisst, dass wir Brot brauchen und Vergebung.
Und unser Erinnern hat seinen Ort im Abendmahl. Wir teilen Brot und Wein zu seinem Gedächtnis.

Christian Lehnert, Theologieprofessor in Leipzig, schreibt in einem Buch über das Gebet von einer Begegnung mit einer sehr alten Frau, „deren Gebrechen mit einer Art durchsichtigen Schönheit einhergehen, deren Haut nichts mehr verbergen will, von blauen Adern allerorts durchzogen, feinfühlig, offen und rein.“ Sie war nach einer langen Bewusstlosigkeit noch einmal zurückgekommen und erinnerte sich, dass im langsamen Aufwachen „das Zuerst und das Später nicht mehr zu unterscheiden waren … dass sie Erinnerungen auskostete in der verlässlichen Wiederkehr und“… dass es sie tröstete „Einzelheiten der Vergangenheit neu zusammenzusetzen, ohne dass dabei eine neue Geschichte entstanden wäre.“ So wurde sie „empfänglich für Erinnerungen, die weiter reichten als sie selbst.“
Sehr poetisch sagt er also: Gottes Geschichte mit uns ist so gut, dass wir keine andere zum Leben brauchen. Wir müssen sie nur immer wieder ins Gedächtnis rufen.
In Gebet und Segen erinnern wir uns aneinander und finden zurück in die heilsame Verbindung zwischen Gott und Mensch, die weiter reicht und größer ist, als dass was wir denken können, die in Ewigkeit da war und immer wieder kehrt. Amen



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  Invokavit

Invokavit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.03.2019

Im Hebräerbrief steht:
„Wir haben einen, der mitleidet mit uns …
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht, wenn wir Hilfe nötig haben.“

Wenn wir Hilfe nötig haben, wo gehen wir dann hin???
Wenn Kinder Hilfe brauchen, dann gehen sie – wenn sie das Glück haben, in einem liebevollen Elternhaus groß zu werden – allermeist dorthin. Kinder vertrauen arglos, dass ihnen von Mutter und Vater nichts Böses widerfährt und glauben, dass Eltern alles richten und in Ordnung bringen können.
Von dieser ersten Beziehung leiten wir für unser Leben, und unseren Glauben Vieles ab. Gottes Kind sein zu dürfen, ist nur tröstlich, wenn Kindheit Geborgenheit kannte.
Auch darum ist es so unvorstellbar grausam, wenn Eltern ihren Kindern Gewalt antun – denn sie verletzten nicht nur Leib und Seele, sondern verstümmeln auch das innere Vermögen, darauf vertrauen zu können, ein bedingungslos geliebter und liebenswerter Mensch zu sein, nicht von bösen sondern guten Mächten umgeben.
Erwachsen geworden wird dieses Fundament immer nötiger und gefährdeter.
Erwachsen geworden sehen wir menschliche Möglichkeiten klarer.
Erwachsen geworden sehen wir auch unsere Eltern-Kind-Beziehung vielleicht nicht mit anderem Herzen aber sicherlich mit anderen Augen.
Die Tochter von Ulrike Meinhof hat ihrer Mutter einen Brief geschrieben, in dem steht: „Es gab ein Mutter-Kind-Verhältnis, und wenn es nur wir Kinder waren, die es noch aufrechterhielten… Ich war hundertprozentig sicher, dass wir uns wiedersehen würden. Ich habe gewartet und auf die Liebe, die zwischen uns ist, vertraut.“ Da klingt schon an, dass Gewissheiten fehlen; da ahnt man, dass es viel Lebenszeit kosten wird, sich von der Geschichte dieser Mutter zu befreien.
Die Schriftstellerin Jagoda Marinic schrieb ihrer Mutter, die es gewagt hatte, aus ihrer kleinen Welt auszubrechen und trotzdem ihrer eigenen Kraft nicht traute: „Als Mutter durftest du sanft sein, als Frau sahst du dich schwach. Heute, … verstehe ich dich. … Du hast mir das Meer gezeigt, obwohl du selbst nicht schwimmen konntest.“
Und Natascha Wodin, deren Mutter, eine ehemalige Zwangsarbeiterin, sich das Leben genommen hatte, schreibt ihr: „“Du hast gewusst, dass wir außer dir keinen Schutz besaßen, … dass wir allein auf der Welt zurückblieben, die uns nicht haben wollte und bist trotzdem gegangen … Ich habe dich mit meiner ganzen Kraft festgehalten, aber alles hat nichts genutzt.“ Am Ende des Weges kann sie sagen: „Wir, Du und ich, haben uns gegenseitig geborgen, wir sind einander Kind und Mutter zugleich geworden. Du, meine kleine, chancenlose, an der Welt zerschellte Mama.“
All diese Briefe, erschienen vorgestern im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Sie erzählen von großer Liebe, von Verstehensrozessen, die manchmal in Bekenntnissen enden und vor allem davon, dass wir nur Menschen sind.
Mir bauen sie eine Brücke zu diesem Sonntag, mit dem die Passionszeit beginnt, weil auch Jesus Christus von jetzt an nicht mehr nur der sein wird, der heilt und zurechtbringt, der Wunder wirken und Menschen satt und froh machen kann. Jetzt gerät er an die Grenzen dessen, was Menschen aushalten können, jetzt erlebt er Angst und Einsamkeit…
Jetzt muss unser Glaube erwachsen werden, denn das Bild vom „lieben Gott“ wird nicht ausreichen, so wie es immer an die Grenze kommt, wenn es schwer wird.

Und so gehören eben zu diesem Sonntag jene Zeilen aus dem Hebräerbrief. Sie entstanden am Ende des ersten Jahrhunderts. Keiner weiß, wer diesen Brief geschrieben hat. Offenbar war es ein Mensch, der Angst hatte, dass das Fundament seines Lebens nicht mehr trägt, dass die Tragkraft des Glaubens nachlassen, dass Menschen müde und schwerhörig werden würden, nicht mehr wissen, woher sie Kraft und Mut schöpfen können. Darum fragte er:
Wohin, wenn wir Hilfe nötig haben?
Wohin, wenn das eigene Leben zerdrückt wird?
Wohin, wenn man die, die man liebt nicht retten kann?
Wohin, wenn wir Wege gehen müssen, die uns einsam machen?
Wohin, wenn wir Hilfe zum Leben brauchen?
Wohin, wenn wir Angst vorm Sterben haben?

Kann uns die Geschichte des Mannes aus Galiläa, der so elend sterben wird, Hoffnung und Mut schenken? Ist dieses Ende nicht der Inbegriff aller menschlichen Grenzen, an die auch wir nach und nach stoßen: bei uns selbst, bei unseren Eltern, bei denen, die wir lieben, bei denen, die wir fürchten. Liegt Jesu Geschichte nicht zu weit zurück, um noch in unserer Zeit wirksam zu sein? Haben nicht zu viele längst vergessen, was damals geschah?
Aber Geschichten, die vor uns waren, prägen unser Leben durchaus, auch und gerade dann, wenn sie schwer waren.
Dem Fremden, der den Hebräerbrief, schrieb, scheint tatsächlich geholfen zu haben, dass Jesus Christus kein Übermensch war. Ja, er konnte, was wir nicht können, er war besonders, begabt, anbetungswürdig – aber er litt und kannte dass das Gefühl, versucht zu werden, Angst und Leid nicht mehr durchstehen zu wollen …
Er war eben, wie Natascha Wodin schrieb, Mutter und Kind zugleich.
Darum schreibt der Unbekannte: „Wir haben einen, der mitleidet mit uns … , der versucht worden ist in allem wie wir … Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht … damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Und ein Stück weiter vorn heißt es: „Wir haben einen, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat….“

Auch diesen Brief hat kein Kind geschrieben, sondern einer, der schon Grenzen und Not erlebt hat, für den es wichtig ist, zu wissen, woher Hilfe kommt.
Es ist kein Brief eines Kindes an den lieben Gott, von dem man noch denkt, dass er uns aus allem, was nur irgendwie schwer und beängstigend werden kann, raushalten wird.
Es ist der Brief eines Menschen, der denselben Glauben, denselben Gott bekannte wie wir. Und der tut am Anfang der Passionszeit etwas sehr Ungewöhnliches und zugleich sehr Menschliches. Er blättert vor. Er denkt vom Ende her. Ganz ähnlich wie die Frauen, von denen ich vorhin erzählt habe, sieht er die Geschichte als Ganzes. Von hinten gesehen, weiß er schon, dass ihn diese Verbindung stärker gemacht haben wird, trotz allem, denn am Ende wird Jesus Christus den Himmel durchschreiten. Er wird nicht zerschellen an dieser Welt. Darum können wir zuversichtlich sein. Hoffnungsvoll.
Zu ihm können wir kommen, wenn wir Hilfe nötig haben…

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  Maria und Marta

Maria und Marta

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.03.2019

Maria und Marta also – Sie haben es gerade als Evangelium gehört. Jesus kommt in das Haus der beiden Schwestern. Marta tut, was sie kann, damit es der Gast behaglich hat. Maria nutzt seine seltene Nähe und versucht, was er sagt, zu hören. Marta ärgert sich über ihre Schwester und sagt zu Jesus: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Vielleicht gibt es wenige biblische Geschichten, an denen so deutlich wird, dass man sie je nach Situation und Zeitgeist unterschiedlich hören kann, dass sich ein Text unterschiedlich aktualisiert und Verschiedenes offenbart, sich immer neu je nachdem wer ihn wann und wo hört als lebendig erweist.
Tun und Lassen, Aktiv und Passiv, Dienst am Haus und Dienst am Wort, Arbeit und Meditation, Aufopferung und Hingabe, Frauenrollen….
Im Frühjahr 2019 könnte einen anspringen, ob es tatsächlich Arbeit ist, mit der man den Wert oder Sinn eines Lebens beschreiben kann und ob nicht gerade wir Protestanten der Arbeit und damit dem Status, den einer in der Arbeitswelt hat, zu große Bedeutung für gelingendes Leben beimessen. Eine Frage, der man sich stellen sollte, ehe man sich über das bedingungslose Grundeinkommen unterhält. Ich werde darauf noch einmal zurückkommen.
Andere wieder mögen vielleicht so etwas wie ein „carpe diem“ hören: nutze den Tag, lass kostbare und womöglich unwiederbringliche Momente nicht vorübergehen nur weil Du im Alltagstrott bist oder deinen Plan und Anspruch nicht aufgeben willst. Es kann gut sein, dass es wichtiger als alles andere ist, alles stehen und liegen zu lassen und Gott zuzuhören, wenn er deinem Leben so nahe gekommen ist, dass Du ihn wirklich hören kannst.
Und noch andere mögen auf dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung die Geschwisterbeziehung sehen: wenn Marta die Rolle der verantwortungsbewussten und fleißigen Hausfrau schon besetzt hat, ist es für Maria vielleicht am allerklügsten, damit gar nicht erst zu konkurrieren, sondern eine eigene Rolle zu finden, eben die der hingebungsvollen Zuhörerin… - auch das verläuft nicht konfliktfrei, aber immerhin birgt solches Sich-absetzen eigene Möglichkeiten.
Auch darin birgt sich eine Spur im Text. Der Dienst am Wort ist offenbar nicht Männern vorbehalten.
Ich möchte an diesem Sonntag, heute, ein anderes Moment betonen: Es lohnt, zu reden. Es lohnt, dass was uns umtreibt, auszusprechen. Es lohnt, das Gespräch zu suchen, wenn eine Situation schwierig ist.
Und erst recht: Es lohnt, mit Gott, mit Jesus Christus zu reden! Es lohnt, ihm zu klagen, was wir ungerecht und mühsam finden. Er hört es. Und er antwortet.
Gerade diese kleine Geschichte der beiden Schwestern, in deren Leben Gott unmittelbar gegenwärtig ist, zeigt: Es gehört zu einer lebendigen Gottesbeziehung und zum Resonanzraum des Gebetes nicht nur, auf ihn zu hören, sondern auch mit ihm zu reden.
Beides. Maria ist die Hörende. Sie kommt zum Wort aber nicht zu Wort.
Marta ist die Redende. Sie hätte direkt zu Maria sagen können „hilf mir bitte“ – aber das tut sie nicht. Sie sagt zu Jesus: Kümmert es dich nicht? Und Jesus überhört sie nicht sondern wendet sich ihr zu. Wir mögen in seinem „Marta, Marta“ das Kopfschütteln über ihre Unzufriedenheit hören, aber damals drückte die doppelte Anrede Ehrerbietung, Verbundenheit und Respekt aus. Seine Antwort haben wir vermutlich vorauseilend immer schon falsch im Ohr: Er sagt eben nicht: Marta, du hast zu viele Sorgen und deshalb das schlechte Teil. Sondern er bestätigt, ja, du hast Sorge und Mühe, wörtlich übersetzt „du bist nach allen Seiten gezerrt“ – ja, es gibt Vieles, worum du dich kümmern musst, was du gutmachen willst, denn Du bist hier die Hausherrin. Aber du musst dein Lebensrecht nicht durch deine Arbeit erkämpfen, es ist dir ohnehin geschenkt – aus Liebe. (das könnte ein Aspekt, ich sagte es, bei der Debatte über das Grundeinkommen sein.)
Und weiter sagt er: Maria hat das gute Teil ausgesucht, nicht das beste, das gute. Gönne es ihr. Auch das braucht es.
Und dann sagt er noch: „Eins aber ist not.“
Vielleicht heißt das auch. Es muss nicht alles gleichzeitig sein.
Heute ist Zeit zu hören, dass es not tut, im Gespräch zu bleiben, jeder auf seine Weise: Maria ist passiv im Reden und aktiv im Hören. Marta hört passiv und redet aktiv. Beide sind mit Jesus im Gespräch verbunden. Darum antwortet Jesus Marta direkt. Das hatte sie gar nicht erbeten. Ihr hätte eine Aufforderung seinerseits an Maria genügt. Aber die braucht das in diesem Moment gar nicht. Sie hört ja ohnehin. Marta aber braucht das direkte Wort, seine Zuwendung, sie braucht die Erinnerung, dass auch für sie gesorgt ist, damit ihre Sorge nicht überhandnimmt. Sie braucht seine Worte und sie bekommt sie. Jesus findet ihr Tun nicht falsch, sondern rät nur aufzupassen, dass sie die Freude daran nicht verliert.
Sein Wort ordnet und befriedet, es ist hilfreich und zärtlich, man kann es aktiv erbitten n oder passiv erwarten. Beides tut not.


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  4. Sonntag vor der Passionszeit

4. Sonntag vor der Passionszeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 10.02.2019

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir haben es gerade in der Lesung gehört: Heute wird uns die Erzählung einer Sturmstillung als Predigttext vorgeschlagen. Eine Wundererzählung. Also lassen Sie uns wundern: Z.B. darüber, dass es in unserer Erzählung von Stille und Sturm gleich drei verschiedene Formen der Stille gibt. Ist Ihnen das aufgefallen?

Zu Beginn ist es die Suche nach einem stillen Ort. Jesus zieht sich des Öfteren in die Berge oder auf den See zurück, wenn er Stille braucht, um Ruhe zu finden. Die Menschenmengen scheinen ihm zuzusetzen. Er braucht Abstand, um Kraft zu schöpfen von seinem Alltag. Und so wird der Weg ans andere Ufer von Jesus genutzt: Er setzt sich in eines der Boote und schläft ein. Ich stelle ihn mir er-schöpft vor. Und weil die Fischer unter seinen Jüngern wahrscheinlich ohnehin besser als der Zimmermann mit dem Boot umgehen können, braucht es ihn in den kommenden Stunden nicht. Also kann er schlafen, ruhen, bevor er den Menschen am anderen Ufer am Morgen neu begegnen wird. Die erste Stille ist also eine erschöpfte Stille.

Die zweite Stille ist jene, in der die Jünger sich allein und auch alleingelassen fühlen. Gottesferne. Könnte man diese Stille nennen. Mir scheint sie als ein gutes Sinnbild unserer Gegenwart.

Solange es gut geht, schippern wir fröhlich vor uns hin. Gelassen, Wind und Himmel genießend. Vielleicht sogar übermütig die Wellen kreuzend. Aber wehe, wenn der Sturm uns erreicht…. Dann kommt die Furcht, vielleicht sogar die nackte Angst. Gefühle von Machtlosigkeit und Weltuntergangsstimmung. Blicke ich auf die Geschichte der Menschheit zurück, dann hatte jede Zeit ihre eigene Plage. Unsere Plagen scheinen mir die der rasanten Veränderung und oft auch die der Vielzahl der Möglichkeiten.

Wie also im Zustand der Gottesferne dem Sturm begegnen? Ein Versuch, der Veränderung etwas entgegenzusetzen, scheint mir der neu erwachende Nationalismus. Es ist die sehnsüchtige, aber irreale Hoffnung, man könnte in eine Zeit zurückkehren, die es so ohnehin so nie gegeben hat. Es ist ein wildes, furchtsames und nutzloses Aufbegehren. Spitz formuliert denke ich, dass wir unseren alten Steinzeitmenschen wieder auspacken, dem es darum geht, dass am Ende er den Gegner niederschlagen und so den Kampf um Ressourcen gewinnen wird.
Es ist gerade so, als ob wir die Lehren aus den Schrecken und auch der Schuld des 20. Jahrhunderts zwar weiter mit den Lippen bekennen, vorsichtshalber aber lieber doch wieder die alte Keule abstauben und betriebsbereit machen. Nur mal so zur Sicherheit. So fällt mir in der letzten Zeit auf, dass wir derzeit ganz schön viel über den Zustand unseres militärischen Materials diskutieren. Es kann sein, dass es nur daran liegt, dass die Zeit tatsächlich für längst notwendige Neuanschaffungen reif ist. Aber manchmal habe ich den zynischen Verdacht, dass es unsere durch Schuldfragen verschämt heimliche Weise ist, um in der Gegenwart militärisch auch mitzurüsten.

Die Furcht unserer Zeit ist eine heimliche Furcht, die sich hinter lautem „so geht’s“-Geplapper und hinter der behaupteten Selbstsicherheit, der Mensch sei der Herr seiner selbst, versteckt. Und doch empfinden Menschen ein vages Unruhegefühl, das sich in Umfragen in der negativen Antwort auf die Frage ausdrückt, ob man denn glaube, dass die Zukunft Besseres oder Schlechteres bringen werde. Oder auch darin, dass vielen neu bewusst wird, dass Leben wahrscheinlich doch mehr als Wohlstand und Anerkennung, Wachstum, Erfolg und Leistung ist. So lautet der Schlusssatz eines Artikels aus einem alten GEO Wissen Heft, das ich kürzlich beim Aufräumen wiedergefunden habe. Das Heft steht unter der Überschrift: „Zeit für die Seele“. Der Untertitel: „Wie wir unser Leben entschleunigen – und erkennen, was wirklich wichtig ist.“

Vorgeschlagen werden dann – wenig überraschend – die traditionellen Wege der Lebenszufriedenheit: Zurück zum Handwerk. Zurück zur Natur. Zurück zur Gemeinschaft, die einander erzählt und Zeit miteinander teilt. Und zwar ganz analog. Zurück zur Lebensdeutung. Und zurück zu – und nun gerate ich ins Stottern, richtig wäre nämlich zu sagen „zurück zur Spiritualität“, aber das wollen die Autoren des Heftes nicht. Der eben benannte Artikel steht stattdessen unter der Überschrift: „endlich ruhe. wie ich lernte die gegenwart zu spüren“. Autor ist der Redakteur Bertram Weiß. Er versuchte als Gegenmittel zu seinem hektischen Leben ein achtwöchiges Trainingsprogramm namens MBSR, „mindfulness-based stress reduction“, also „achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“. Ein Trend, der an mir als zufriedener Christin völlig vorbeigegangen ist - und der meines Erachtens unter neuem Namen alte Wege der Spiritualität anbietet. Aber, so der Autor: „Die Verfechter von Achtsamkeitstechniken sehen in der MBSR keine esoterische Geheimlehre, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren. In Hunderten Studien haben Forscher untersucht, ob MBSR auf die Gesundheit einwirkt. Und sie fanden Erstaunliches: Es verbessert tatsächlich das Wohlbefinden bei Erkrankungen wie chronischem Schmerz oder Krebs, lindert psychische Beschwerden wie Ängste, Depressionen und Erschöpfung.“ Ich frage mich manchmal, woher unsere Furcht kommt, diese spirituelle Kraft einfach Gott zu nennen. Aber gut, wahrscheinlich ist das nur mein auch neidisches Genervtsein, wir mir als Christin ja oft das Hängen an veralteten Traditionen nachgesagt wird und wirklich viele Menschen gleichzeitig ihren Frieden genau dort finden, wo ich ihn auch finde: in der ruhigen Konzentration auf das, was über mich selbst hinausgeht. Sie glauben, es sei nicht mehr als eine Körperübung. Ich meine, es ist eine Körperübung, die uns in Kontakt zum Ewigen bringt – und die deshalb stärkt.

Und doch finde ich es wirklich ärgerlich, dass dem Raum einer Arztpraxis, in dem das Ganze stattfindet, mehr Autorität zugesprochen wird, als unseren traditionellen Orten der Spiritualität. Unser Dom ist dafür nämlich ganz wunderbar. Und jede andere Kirche auch. Aber vielleicht sollte ich lieber meinen Frieden mit Bewegungen wie der MBSR schließen und akzeptieren, dass viele Boote auf dem See unterwegs sind, Jesus aber nur in einem der Boote sitzt.
... Aber ja, trotzdem wünsche ich mir, wenn ich ehrlich bin, natürlich, dass mehr Menschen die Macht des Gebets und der Meditation in der christlichen Tradition wieder neu für sich entdecken, weil ich glaube, dass wir im Christentum einen Gedanken mehr haben als die anderen, nämlich den, dass Selbsterlösung am Ende nicht funktioniert. Die wahren Stürme können letztlich nicht wir, sondern doch nur Gott allein stillen. Und damit sind wir bei der dritten Form der Stille aus der Erzählung:

Das ist die Stille, die sich endlich Ruhe nennen darf. Die Jünger, in deren Boot Jesus sitzt, wecken ihn voller Furcht. Sie haben für sich erkannt, dass sie aus eigener Kraft dem Sturm nichts entgegen zu setzen haben. Es braucht das Gotteswort, um den Sturm zu stillen. Jesus tut, worum er gebeten wird und gebietet dem Sturm Einhalt. Und doch endet die Erzählung noch einmal mit dem Wort, dass die Jünger sich sehr fürchten: Es ist nicht mehr die Furcht vor dem, was sie aktuell angeht, sondern es ist die Furcht der Gotteserkenntnis. Denn wo Gott auf Erden begegnet, da findet sich mehr als der liebe, treudoofe, nette Typ in Jesuslatschen, zu dem wir Gott in unseren Predigten der achtziger und neunziger Jahre gemacht haben; da findet sich mehr als der Symbolgott des Ankers, des Herzens, des Schlüssels und was ich noch so in den Predigthilfen meiner Vikariatszeit vorgeschlagen bekommen habe; da, wo Gott begegnet, ist Macht. Echte, große, lebensverändernde, treibende Macht. Eine Macht, der sich nicht entziehen lässt, die in die Ehrfurcht zwingt, weil mensch erkennt, dass allein diese Macht die Stürme stillen und Ruhe und Frieden schaffen kann.

Dieser Friede Gottes aber, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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  Letzter Sonntag nach Epiphanias

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.01.2019

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was für eine Erzählung. Ein Predigttext, in dem Gott selbst spricht…. Aber halt. Wer sitzt da im Dornbusch? Der Engel des Herrn oder der Herr selbst? Beides steht im Text – und damit gehört er zu jenen, anhand derer in der Aufklärung erstmals laut gerufen wurde: Lest doch. Denn wer liest, wird in der Bibel ganz viele solcher Widersprüche finden. Und das ist wahr.
Bis heute gibt es Menschen, die solche Widersprüche weg zu erklären versuchen, aber wahrscheinlicher ist doch, dass hier eine Textdublette vorliegt. Das bedeutet, dass zwei verschiedene Generationen von Glaubenden Erzähler sind. Während in der ersten Generation noch Gott selbst sprechen konnte, war dieser Gedanke einer späteren Generation verpönt. Gott war zu heilig, zu transzendent, zu ewig, als dass seine Stimme zu irgendjemandem direkt aus einem Dornbusch heraus hätte sprechen können. Also muss es ein Mittler, der Engel des Herrn, gewesen sein. Einfach den alten Text streichen und durch einen neuen ersetzen wäre den Menschen wie ein Sakrileg vorgekommen, und so haben sie ihren Ansatz gleich einem Kommentar neben den alten in den Fließtext gestellt.

Wegen solcher Dubletten gibt es immer wieder die Kritik, dass die ganze Heilige Schrift nicht heilig sei. Fragt sich nur, was die Kritiker damals und wir heute damit meinen. Denn das führt weiter zu der Frage, wie wir eigentlich heute noch denken können, wie Gott in der Welt wirkt und begegnet.

Da wir kein Semester lang Zeit haben, sondern mir wahrscheinlich alle dankbar sind, wenn ich mich in etwa zehn Minuten wieder auf meinen Platz setze, wird’s ehrlich gesagt schwierig. Aber vielleicht reichen ja Stichworte:

Los geht es mit der Lehrmeinung der lutherischen Orthodoxie, die sich im Anschluss an Luther, vor allem aber in der Anfangsphase der Aufklärung entwickelt hat. Das war genau die Truppe, die Gott bis ins Detail beschrieb und erklärte. Ihre Grundlage dafür war die Schrift. Als nun die Kritik laut wurde, dass die Schrift doch in sich selbst widersprüchlich und deshalb menschengemacht sei, ging ihnen die Grundlage ihres Denkens und ihres so entwickelten Gottesbildes verloren. Deshalb wehrten sie sich mit Händen und Füßen gegen jene Denker, die Gott nicht mehr menschlich-personal, sondern anders denken wollten. So gab es eine Strömung, die Gottes Sein mit der Natur gleichsetzte. Pantheismus nennt man das: Gott ist alles und alles zusammen ist Gott. Und dann gab es jene, die sagten: Ja, Gottes Sein und die Natur sind eins, aber Gott geht noch darüber hinaus. Panentheismus nennt sich das: also Gott ist in allem, aber er ist nicht nur alles. Und den Dritten ist das alles viel zu spekulativ: sie wollen es mit Gottes Sein lieber ganz sein lassen und stattdessen lieber nur von seinem Tun in der Welt und angesichts seiner Existenz sprechen.

Einer der deutlichsten Denker eines solchen Gottesbildes war Friedrich Schleiermacher. Er schreibt in seinen Reden über die Religion: „Alle Begebenheiten in der Welt als Handlungen eines Gottes vorstellen, das ist Religion, es drückt ihre Beziehung auf ein unendlich Ganzes aus, aber über das Sein dieses Gottes vor der Welt und außer der Welt grübeln, mag in der Metaphysik gut und nötig sein, aber in der Religion wird auch das nur leere Mythologie, eine weitere Ausbildung desjenigen, was nur Hilfsmittel der Darstellung ist.“

Schleiermacher schrieb in einer Zeit, die ihm gottfern erschien. Und er fand, dass die Menschen angesichts all der vorliegenden Vorschläge, wie Gott zu denken sei, Recht hätten. Und doch, so sagt er, muss er sprechen, weil es ihm angesichts seines Gottes eine Notwendigkeit ist. Was aber schlägt er statt des Bisherigen vor?

Das wohl wichtigste ist für ihn, dass von Gott nicht allgemein-theoretisch, sondern nur individuell-erfahrungsbezogen geredet wer-den kann. Zuerst muss man sich dazu in Richtung des Unendlichen aufmachen und darin vertiefen, sonst lässt sich konsequenterweise nichts erfahren; erst dann kann in solchem Vertiefen Gott begegnet werden. Und wem das geschieht, der wird von dem, was ihm wider-fahren ist, reden müssen. Allein: auch hier wird alle Rede nur so weit kommen, wie es das Denk- und Sprachvermögen dieses Menschen hergibt. Und so gibt es viel Rede, die von der Wahrheit spricht, aber selbst auf doch sehr verschiedenem Niveau wahr ist.

Schleiermacher sagt: Theoretisch lässt sich nicht von Gott denken, weil Gott Gott und der Mensch Mensch ist. Und wer von Gott zu genau spricht, der hat am Ende nichts als leere Mythologie geschaffen. Und auch die Flucht ins Praktische, die sein Zeitgenosse Kant vorschlägt, helfe vielleicht dem ethischen Handeln des Menschen auf, aber in der Gottesfrage nicht weiter. Und wie soll’s nun gehen? Ich zitiere noch einmal:
„Das Wesen der Religion ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. … Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

Jetzt müsste ich eigentlich ganz viel über den Gefühlsbegriff bei Schleiermacher erzählen, der alles andere als Gefühlsduselei meint. Aber das übersteigt die Möglichkeit einer Predigt.

Wichtig ist mir an dem, was Schleiermacher sagt, dass ich mit dieser Herangehensweise plötzlich wieder ganz wunderbar aus den Erzählungen der Bibel Wahrheit gewinnen kann. Denn gerade weil es sich hier um das Erzählen von Menschen handelt, die dem Unendlichen begegnet sind und diesem Erleben auf ihre jeweilige Weise Sprache geben, liegt in diesen Erzählungen Wahrheit. In, mit und unter. Nicht als historisches Geschehen, sondern als Deutung des Lebens angesichts des Unendlichen.

Und so ließe sich aus unserem Predigttext hören:
Erstens: Gott ist nicht im abstrakten Denken zu haben, sondern es braucht einen Anlass. Sei es ein brennender Dornbusch – oder aber z.B. die Existenz einer Bibel, die von Glaubenserfahrungen spricht, ein Gespräch oder ein anderes Erleben.
Zweitens: Wer mit Gott handelt, kann das nicht in seinen gewohnten Schuhen tun. Sondern es gilt: Schuhe aus, hier ist Heiliger Boden – und damit kategorial Anderes, als womit wir es sonst zu tun haben. Wer Gott in den menschlichen Schuhen sucht, der wird ihn nicht finden, sondern schlicht den Heiligen Boden zertrampeln.
Drittens: Heiliger Boden meint – erst einmal die Klappe halten und zuhören; das Herz öffnen für die Unendlichkeit.
Viertens: Das Gehörte muss auf das eigene Leben angewandt werden. Und nein, das ist nicht einfach. Mose ziert und windet sich. Wer bin ich, dass ich dem Pharao entgegen trete? Unzumutbar, was du, Gott, mir zumutest. Oder: Was soll ich denn den Leuten sagen? Wer bist du überhaupt, in dessen Namen ich reden soll?
Und damit kommen wir zu sechstens, der wohl großartigsten Leistung dieser alten Gottesredner: Sie sprechen von Gott als dem Gott des Seins – und zwar keines statischen Seins, sondern eines wandel-baren Seins. Damit wird zum einen jeder Mensch und jede Generation darauf verpflichtet selbst und neu herauszufinden, wer ihnen Gott ist; und zum anderen wehrt das aller Mythologie, die Gott auf eine bestimmte Existenzweise festzulegen versucht.

Wenn wir heute über die Fragen des Glaubens nachdenken, lässt sich von solch altem Denkern viel lernen. Unsere westliche Gesellschaft ist geprägt von einer tiefen Säkularisierung. Wer aber Gott gestrichen hat, der wird weder nach einer Sprache für ihn suchen noch nach einer Ethik noch nach dem, wo und wie wir angesichts seiner Unendlichkeit stehen. Und so bleibt man und guckt nicht weiter als bis zu den eigenen Füßen. Vielleicht fällt es uns Menschen derzeit ja auch deshalb so schwer, jene Frage mutig negativ zu beantworten, ob wir wirklich alles tun sollten, wozu wir technisch inzwischen in der Lage sind. Und vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, kritisch an-zugehen, was uns eigentlich davon abhält endlich mit all dem aufzuhören, wodurch wir diese Welt in einer rasenden Geschwindigkeit vor die Wand fahren. Weil sie im Kern der säkularen Welt fehlt, die Perspektive, dass es in dieser Welt um mehr als den Menschen geht.

Meine zehn Minuten sind längst um und ich werde schließen. Und hoffe einfach, dass wir Glaubenden nicht aufhören, der Welt ein Stachel zu sein – ein Anlass, um selbst ins Denken zu geraten. Auf dass durch unseren Glauben wieder und wieder die Frage im Raum steht:
Was gewinnt man eigentlich, wenn man Gott in Gänze über Bord wirft – ohne sich seiner Nicht-Existenz wirklich sicher sein zu können. Und was verliert man, wenn Menschen aufhören, sich selbst als nur einen kleinen Teil der geschaffenen Welt zu betrachten und nicht mehr bereit sind, sich in ein wohlgeordnetes Gefüge des Unendlichen zu stellen?

So bewahre in den Untiefen dieser Zeit der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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  1. Sonntag nach Epiphanias

1. Sonntag nach Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.01.2019

Im Kino läuft ein merkwürdiger Film: „Adam und Evelyn“. Er erzählt nach einem Roman von Ingo Schultze die Geschichte eines Liebespaares im Sommer 1989 in Ungarn. Damals warteten dort viele DDR-Bürger auf eine Möglichkeit, in den Westen auszureisen. Es waren turbulente, dramatische und unwirkliche Tage. Der Film verlangsamt all das ins Unerträgliche. Vielleicht, um die Idylle des verschlafenen Osten zu erinnern oder die endlose Langsamkeit, mit der Zeit tropfen kann, wenn man wartet und Leben dabei verrinnt und vergeht.
Man malt sich aus, wie es werden könnte.
Man vergisst, dass die Zeiten des irdischen Paradieses ein für alle Mal hinter uns liegen.
Man ist voll angespannter Erwartung, dass das eigentliche Leben, was immer sich dahinter verbergen mag, noch vor einem liegt.
Von solchen Zeiten erzählen auch die alten Geschichten von der Wüstenwanderung der Israeliten. Irgendwann war man aufgebrochen zu einem besseren Ort wohl wissend, dass die Reise mühselig und unabsehbar werden würde, dass man das vertraute Zuhause, wie problematisch die Verhältnisse dort auch immer gewesen sind, verlassen und wahrscheinlich niemals zurückkommen würde.
Damals, im Moment der Entscheidung und des Aufbruchs, ist es das alles wert gewesen. Aber dann kamen Verzögerungen und Umwege, unerwartete Schwierigkeiten. Dann lagen die Nerven blank und Erschöpfung macht sich bemerkbar. Streit flammte auf. Wessen bescheuerte Idee ist das eigentlich gewesen… Dann kommt Lethargie und mit ihr wird alles gleichgültig. Zurück kann man eh nicht mehr.
Und auf einmal passiert es dann doch.
Die Reise, die Warterei geht zu Ende! Die Bibel erzählt: „Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun…“
Morgen schon! Also heiligt euch, bereitet euch vor, räumt in euren Herzen und Seelen auf. Begrabt den Unmut der langen Reise, den Frust, die Ungeduld und freut euch: Morgen schon. Endlich! Jetzt muss doch passieren, wo nach man sich so lange gesehnt hat.
Jetzt kommt die Erfüllung, der Lohn der Mühe, jetzt wird alles gut.
Die Hoffnung ist nicht unterzukriegen.
Man vergisst, dass der Moment ganz kurz davor in der Regel der Pik ist. Und aus irgendeinem überlebensdienlichen Grund hat der Mensch hier keine Enttäuschungslernkurve. Ich weiß es, denn als Kind habe ich große Teile meiner Ferien bei meiner Großmutter verbracht, die in einem Kurort im Osterzgebirge lebte. Dort war ich fasziniert, von den herrlichen Zielen auf den Wegweisern: „Sonnenhügel, Waldidyll, Bergfrieden…“ Dort wollte ich hin, egal, wie weit es war. Immer neu bin ich aufgebrochen, voller Hoffnung, etwas Wunderbares zu finden oder zu erleben. Aber immer kam ich nur zu gewöhnlichen Häusern, die eben Gästebetten vermieteten. Haus „Sonnenhügel“…
Das Ziel war unspektakulär und enttäuschend.
Adam und Evelyn landen irgendwo in Bayern.
Die Israeliten stehen auf einmal am Jordan.
Was nun?
Als Kind konnte ich mich umdrehen und damit trösten, dass es eines meiner Lieblingsessen geben würde. Aber im Erwachsenenleben muss man den nächsten Schritt tun. Das heißt manchmal Abschied zu nehmen von unrealistischen Träumen und sich arrangieren, mit dem was ist. Das heißt, bei der Wahrheit zu bleiben und sich selbst oder andere nicht zu belügen.
Vor urlanger Zeit ordnete Josua die Gruppe und sagt zu den Priestern: „Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. … Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still“ Und mit den Priestern stand das Wasser, nicht ganz so aufregend wie seinerzeit, als sich das Schilfmeer teilte, aber immerhin und dann heißt es: „Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.“
Das wars. Am Ende der generationenlangen Wüstenwanderung wird noch durch den eher flachen Jordan gewatet und dann ist man da. Die Landschaft sieht nicht großartig anders aus, die Sonne und der Mond haben denselben Glanz. Es gibt Staub an den Füßen und Steine …
Es geht weiter. Ist das das Wunder? Ist das das Ziel?
Was soll ich nun predigen? Soll ich das kleine Brötchen der Genügsamkeit predigen und uns daran erinnern, dass es manchmal wirklich ein Wunder ist, dass es weitergeht und ein neuer Tag anbricht? Dass man immerhin trockenen Fußes hinübergekommen und das Heiligste nicht nass geworden ist? Dass es nicht geknallt hat, man sich nicht endgültig zerstritten, nicht vollständig verrannt, total aufgegeben hat?
Aber was ist mit Israel? Noch immer leben die Menschen in Unfrieden und ungeklärter Nachbarschaft. Was ist mit dem Gottesvolk, mit uns? Noch immer scheinen wir im Jordan zu stehen und nicht zu wissen, wie es an Land gehen und die anvertraute Welt gestalten soll.
Aber Gott spielt nicht mit uns. Er kündigt nicht Könige im Purpurmantel an und schickt dann nur ein armes Flüchtlingskind. Er verheißt nicht das Schlaraffenland und beschert uns dann einen Ort in dieser Welt. Er kommt nicht zu uns, um zu gehen.
Er tut, was er gesagt hat.
Er erwartet, dass wir genau hinhören und auf ihn bauen. Dass wir nicht unseren Träumen und Hingesprinsten nachjagen, sondern seine Wege suchen. Dass wir nicht unserer Idee eines guten Lebens glauben sondern seiner Art zu behüten und zu bewahren. Dass nicht wir entscheiden, wann das Ziel erreicht ist, sondern dass wir uns in Anspruch nehmen lassen, sein Reich zu bauen. Dass wir uns finden lassen.
Und dann scheint manchmal der nächste Schritt auf und zeigt er uns, was not tut und worum wir bitten sollen: Als ich jedenfalls gestern Morgen „loben ohne lügen“ – ein Gebet von Dorothee Sölle googelte – weil ich es für das Mittagsgebet gesucht habe, zeigte mein Rechner – warum auch immer, denn „loben“ oder „lügen“ kommt darin nicht vor, folgenden Text an und ich bin so frei, ihn als Zeichen zu nehmen:
„vielleicht haben wir uns das zu einfach gedacht / als wir losgingen damals
auf dem langen marsch durch die wüste / um bessere methoden zu finden füreinander dazusein
o herr haben wir gedacht mach uns zum werkzeug / deines friedens
aber was kam war der lästige streit mit der behörde / die ordnung will und nicht frieden
die tägliche mühsal um nichtigkeiten / und das schreckliche / alleingelassenwerden …
viele haben es satt und wünschen sich nach ägypten / wo steuern flossen wie milch und honig …
wie lange soll der marsch noch dauern / was bedeutet das vierzig jahre
ist es unsere generation die verheizt wird / oder die nächste noch und wozu
lohnt sich das ziel für ein ganzes leben …
kommen wir je heraus aus der erstarrung / immer nur sand und steine …
o herr mach uns zum werkzeug deines friedens /
werkzeug der konflikte nicht der einstimmigkeit /
werkzeug der wahrheit nicht der umschreibenden / verhüllung
werkzeug des glücks nicht der einschläferung …


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  Silvester 2018

Silvester 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.12.2018

Vor einer Woche haben die Hirten auf dem Feld Nachtwache gehalten, vielleicht haben sie sich angeschwiegen, vielleicht auch darüber unterhalten, was war und was kommt, was überstanden ist und was man hoffen muss, worauf man sich verlassen kann im Leben und im Sterben.
Sie haben einander sicherlich beim Namen gekannt und vielleicht ein bisschen voneinander gewusst, sie lebten in derselben Gegend.
Sie haben den Stern von Bethlehem nicht wochenlang stehen sehen, schon gar nicht Engel erwartet. Die Nacht ist völlig unvermutet eine heilige geworden und hat ihnen ein lichtes Wunder beschert. Sie haben sich erschreckt und großartige unglaubliche Dinge gehört. Sie haben jedem, den sie seither getroffen haben, davon erzählt.
Jetzt sind sie zurück und sitzen wieder am Feuer und hüten ihre Herden bei den Hürden. Sie werden nicht weit sehen können, es ist wieder Nacht geworden.
Jetzt gilt es aus dem zu schöpfen, was war und dann aufzubrechen in ein neues Jahr.
Sie sind uns ziemlich ähnlich.
Auch wir haben unseren Alltag unterbrochen, sind zur Krippe gekommen, haben Licht mitgenommen, mit Heerscharen gesungen, uns erzählen lassen.
Und auch wir sind schon wieder ein Stück von der Krippe weg und schauen auf das, was war und das, was kommen mag, was wir erhoffen für unsere Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde und unsere Welt, unser Leben.
Im Eingangsgebet vorhin gab es eine Pause und Gelegenheit, in Gottes Hände zurückzulegen was war in 2018.
Die innere Landschaft des Jahres wird bei jedem anders aussehen - mancher ist vertraute wiederkehrende Wege gegangen und hat Blüten und Früchte dort gefunden, wo sie man sie erwartet; vor anderen haben sich tiefe Löcher aufgetan, fast wären sie hineingestürzt; die einen haben sich wochenlang durch Treibsand geschleppt und andere sind wie verzaubert durch fremde Landschaft traumgewandelt…
Es gab überraschende und bestürzende Bilder, große Freude, tiefes Leid, Feste und Alltag. Jetzt sind wir hier, mancher zu Gast und mancher ganz Zuhause und es wird guttun, sich des Bezugspunktes unserer inneren Bilder zu vergewissern.

Dazu gibt es einen Jesajatext, der an Menschen gerichtet ist, die ganz bewusst noch einmal hinsehen wollen, die versuchen, nicht ohne Punkt und Komma durchs Leben zu jagen, sondern Zäsuren suchen, Klarheit erhoffen, die irgendwie mit Gott rechnen. Zu denen, zu uns, sagt der Prophet:
„Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren….“
Schaut, wo Ihr herkommt, denn wir sind ja nicht unverbunden und plötzlich da. Wir sind nicht geschichtslos, ohne Kultur, Glauben, Identität, ohne Wurzeln, Heimat, Herkunft. Jeder entstammt einer Familie, in der Begabungen aufgeblitzt sind und Scheitern überstanden wurde, in der man seine Art, mit Unglück fertig zu werden und Streit zu beizulegen, zu lieben und zu leben hat. Jeder entstammt einer Gegend und einem Sprachraum, ist zu erkennen an der Melodie seiner Sprache, fühlt sich heimatlich oder fremd unter jagenden Wolken, dunklen Bäumen, weitem Land.
Und jeder wird groß mit Werten und Deutungsmodellen, dass die Familie immer schon diesen Acker bestellte oder dass man stets das Neue wagte, dass man nicht stehenbleiben darf und weitergehen muss, dass es wichtig ist, was die Leute sagen oder egal, dass nichts ist außer Fakten, Naturgesetzen oder dass der große Gott einen Weg für uns weiß und wir in seiner Hand aufgehoben sind.
So oder so sind das die Felsen und Brunnen unseres Lebens. All das bestimmt und prägt uns.
Aber Jesaja sagt noch mehr. Es klingt wie: täuscht Euch nicht, ihr alle, wir alle kommen von Abraham und Sara. Wir sind vielleicht verschieden aber wir alle haben unseren Anfang in Gottes unerforschlichem Tun und unsere Geschichte ist gezeichnet von seinen Weisungen. Wir alle sind Zeichen seines Segens, der auf denen lag, die vor uns waren. Als solche ist zu uns gesagt:
Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.
Diese Worte brauchen eigentlich keine große Auslegung Sie sind auf dankbares Einverständnis aus und klingen verwandt den Liedzeilen vom Erntedankfest: „Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, von ihm sind Wind und Wetter und Korn und Brot von ihm…“
Es sind Zeilen, die wie eine Ouvertüre daran erinnern, dass Gott uns nicht nur ungeahnte und manchmal schwierige Wege führt, dass er Menschen, die wir lieben, plötzlich heimruft und uns Leid und Ungerechtigkeit nicht abnimmt, sondern dass auch der Erfolg und die Früchte des Lebens von ihm kommen, dass er heilt und hilft.
Dessen eingedenk lässt er den Propheten ausrichten:
„Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen … meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten … Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen…“
Merkt auf, hört zu, seht genau hin – das ist die Aufforderung zum Jahreswechsel.
Verlieren wir uns nicht in individuellen Perspektiven, dem Horizont unserer kleinen Welt. Manches, was wir erhoffen, mag sich nicht einstellen, Himmel und Erde mögen wanken, aber:
Merkt auf, hört zu, seht genau hin - Gott ist am Werk, auch dort, wo wir es uns nicht vorstellen können. Das ist seine Welt und wir sind seine Menschen. Seine Gerechtigkeit ist nahe. Sein Heil tritt hervor. Sein Arm wird ordnen.
Dieser Blick hilft leben, wo immer wir herkommen, wo immer uns das neue Jahr hinführen mag. Dieser Blick schenkt Hoffnung, dass es ein gutes behütetes neues Jahr werden kann.

Dieser Tage erinnern protestantische Theologen an Karl Barth. Am 8. Dezember hat sich sein Todestag zum 50. Mal gejährt. Kurz vor der Nachtruhe telefonierte er noch einmal mit seinem Freund Eduard Thurneysen. Weil die Weltlage Grund zur Sorge gab, sagte Barth zum Schluss:
„Aber nur ja nicht die Ohren hängen lassen. Nie. Denn es wird regiert.“
Oder mit dem 27. Psalm: „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn!“ und auch mit den Hirten von Bethlehem, denn die priesen und lobten Gott für alles, was sie gemerkt, gehört und gesehen hatten.
Und der Friede Gottes…
Ihnen allen ein gesegnetes und behütetes neues Jahr.

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  Christvesper

Christvesper

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2018

Christvesper 2018
„Und des Herrn Engel trat zu ihnen und der Engel sprach: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn du, die du klein bist unter den Städten, aus dir soll mir der kommen, der Herr sei. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, verbrannt wurde. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, auf dass seine Herrschaft groß werde und da sprachen die Hirten untereinander: „Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“ …
War es so? Oder wenn nicht, wie dann? Sind das die Reste, die hängenbleiben und redet tatsächlich keiner mehr von dem Kind und dem Frieden, der möglich ist?
Worum geht es heute?
Was bedeutet uns Weihnachten?
Gibt es ein unverrückbares Wissen und ein unbeeindruckbares Hoffen oder rutscht alles durcheinander im Wirrwarr unserer Zeit, der Vielfältigkeit aller Werte und Anspruchshaltungen, der Toleranz gegenüber den verschiedenen Lebensentwürfen?
Was bedeutet uns dieser heilige Abend???
Heilig ist ja genau das Gegenteil von irdisch, hiesig, endlich.
Heilig ist rein, unantastbar, göttlich – einen solchen Abend beschert uns heute der Herr. Und wir? Wir essen Würstchen …
„Aber uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und wir werden ihn finden in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, in Windeln gewickelt bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
Ich könnte noch lange so weiter machen. Aber gleich bricht das Chaos aus, denn es geht nicht alles gleichzeitig; man kann wohl Texte ineinanderweben, aber gelebtes Leben geht hier oder dort, mit dir oder mit einem anderen, heute oder heute nicht.
Wir müssen uns entscheiden.
Welcher Nachricht wollen wir trauen.
Welche Hoffnung soll uns erfüllen.
Welches Licht weist uns den Weg.
Was erzählen wir weiter.
Wo kommt uns Rettung her?
Halten wir das Wunder der Weihnacht für groß genug, unser Leben und unsere Welt zu verändern? Oder neigen wir dazu, den großen Gott zu verniedlichen und seine umstürzende Parteinahme für die niedrige schwangere Magd, die armselig lebenden und hart arbeitenden Hirten zu verharmlosen?
Wir lieben es ja, zu singen: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Aber meinen wir auch: „Ich komme bring und schenke dir, was Du mir hast gegeben?“
Das betrifft alles. So kurz so klar.
Alles, was ich bin und habe, alles, was ich liebe und kann, alles mich ausmacht und andere in mir sehen, alles was ich an Erinnerungen, Schätzen, Gedanken und Bildern in mir hüte. Alles.
Sind wir bereit, uns so bedingungslos zu verschenken, uns so bedingungslos einer – da wird es schon schwierig – Idee, Hoffnung, Wahrheit? - zu widmen?
Das ist hochriskant und widerstrebt unserer wohldosierten Art, uns auf irgendetwas einzulassen. Einen Rest behalten wir uns vor. Darum sind wir im Zweifel doch lieber versichert gegen dies und das und heiraten nur, weil wir wissen, dass es notfalls auch einzeln wieder weitergeht. Darum relativieren wir klug, damit andere uns nicht für unreflektierte Schwärmer halten.
Mit Haut und Haar verschreibt man sich doch nur in jugendlichen Sturm- und Drang-Zeiten. Aber vielleicht ist es genau das, was händeringend fehlt:
- dass wir glauben und vertrauen auch wenn das unzeitgemäß erscheint
- dass unsere Versprechen gelten
- dass wir unseren Einsichten Taten folgen lassen
- dass wir uns bekennen
- dass wir einstehen für das, was wir für richtig oder eben auch für falsch halten
Andernfalls wird es finster um uns.
Andernfalls werden wir versinken in der Dunkelheit schmutziger Geschäfte, dreckigen Gelds, ideologischer Grabenkämpfe, nicht endender Kriege und Flüchtlingsströme, seelischer Angst und Perspektivlosigkeit, demütigender Abhängigkeit, gravierender Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit.
Andernfalls werden wir nicht mehr wissen, wem wir trauen und worauf wir bauen können, was wahr ist und verlässlich.
Andernfalls wird es finster um uns.
An „andernfalls“ sind wir nah dran.
Deshalb ist uns gesagt:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
Ich finde, das ist eine großartige und sehr barmherzige Ansage. Sie sagt so viel mehr über Weihnachten als wir begreifen und mutet uns nicht zu, an unserem schwachen Verstand zu verzweifeln, wenn wir es nicht schaffen mit den Kategorien unseres Denkens nachzuvollziehen, was es genau bedeutet, dass Gott Mensch wird, dass eine unberührte Frau ihn unter Schmerzen zur Welt bringt, dass Wörter Fleisch werden.
Es wird hell, denn das Joch, diese ungeheure schwere niederdrückenden Last auf unseren Schultern, die uns hindert den, Kopf zu heben und knechtet und in die Spur zwingt, ist zerbrochen. Es wir hell, wir können uns aufrichten, so dass man uns sieht!
Es wird hell, weil die Militärstiefel und Gewaltsymbole verschwinden und wir uns nicht mehr verbarrikadieren müssen.
Es wird hell, weil ein Kind geboren wird – ein gleiches unter Gleichen, denn wir alle sind Geborene. Mit ihm wird uns bewusst, wie wir gemeint sind. An seiner Seite werden wir Wege gehen können, die die Welt verändern.
„Denn er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Und er wird der Friede sein. Und die Klarheit des Herrn leuchtete. Und der Engel sprach: Euch ist heute der Heiland geboren.“
Und wir behielten die Worte bewegen sie in unserem Herzen.
Gesegnete Weihnachten!

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  4. Advent 2018

4. Advent 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.12.2018

Manche Filme hab ich unzählige Male gesehen und trotzdem sehe ich immer etwas zum ersten Mal. So ist es auch mit guten Geschichten. Sie werden bei aller Wiederholung nicht langweilig, weil man immer wieder was Neues wahrnimmt, weil sie erzählen, was wir kennen und erleben und weil sich das ändert – durch die Zeit und das wirkliche Leben.
So ist es auch mit den alten Geschichten der Weihnacht. Sie haben gehört:
„Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.“
Dieses Jahr höre ich: Kaum, dass der Engel den Raum verlassen hat, bricht Maria auf. Eilig. Sie weiß, wie Frauen immer schon wissen, dass ihr nicht viel Zeit bleiben wird, bis andere merken, dass sie schwanger ist. Sie muss sich dringend ordnen, ehe sie ihrem Verlobten begegnet. Sie braucht Unterstützung und Hilfe, denn allein wird sie es nicht schaffen, mit dieser Situation umzugehen.
Eine Teenagerschwangerschaft ist ein Tabu.
Tabus markieren Grenzen und signalisieren Aussonderung.
An Tabus rührt man nicht, genauso wenig wie an tabuisierte Themen, an tabuisierte Menschen. Wer ein Tabu bricht, braucht Kraft und innere Klarheit.
Viel zu jung und ledig schwanger zu werden ist auch heute schwer und mit sozialen Risiken verbunden. Aber es gab Zeiten, in denen das bedeutete, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden.
Im Kino läuft derzeit „Astrid“, die Geschichte der jungen Astrid Lindgren, die in den 20er Jahren als blutjunge Volontärin schwanger von ihrem verheirateten Chef wird. Zuhause ist dieser Situation trotz aller Liebe keiner gewachsen. Astrid muss fort und wird das Kind in Dänemark zur Welt bringen. Dass sie nicht für ihr Kind sorgen kann, ist eine Seelennot, die in jedem ihrer weltberühmten Kinderbücher aufscheint. Immer wieder müssen die Hauptfiguren allein und ohne Eltern durchschlagen.
So sind ihre Geschichten Resonanzraum dieser bitteren, sehr persönlichen Erfahrung so vieler Frauen überall.
In dieser Situation steht auch Maria. Deshalb sucht die Frauensolidarität und geht zu der Frau, die die Erfahrung kennt, an den Rand der Gesellschaft geraten zu sein: zu Elisabeth, die unfruchtbar war und ihrem Mann keinen Sohn schenken konnte. Das ist auch heute ein schweres Unglück. Damals war es eine Katastrophe, die den Sinn ihres Lebens infrage stellte. Nun war Elisabeth schwanger. Aber als alte Frau - jenseits der natürlichen Zyklen…
Wenn es also jemanden gab, der Marias Angst vor dem Stigma des Tabubruches und damit vor der sozialen Ausgrenzung verstehen konnte, dann war es Elisabeth.
Doch als sie ankommt, versinken die beiden nicht in sorgenvoller Klage.
Lukas erzählt vielmehr:
Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!
Die Begegnung der beiden ist ein Segen. Zunächst vor allem für Elisabeth, die auf einmal das Kind und seine Bewegungen spürt. Vielleicht waren diese Zeichen bisher ausgeblieben? Vielleicht hatte die alte Frau Angst, doch kein gesundes Kind mehr austragen zu können? Vielleicht hat sie keinen Menschen gehabt, mit dem sie diese schreckliche Angst teilen konnte??? Aber da, als Maria kommt – diejenige, die ihre Situation kennt und teilt, die sie nicht verurteilt – da kann auch Elisabeth das Segensreiche dieser Schwangerschaft spüren, die Kraft der Zukunft, das sich bewegende Kind!
So stärken sie sich aneinander.
Noch halten da nur zwei Menschen, die nicht mit der Unterstützung der Gesellschaft rechnen können, zusammen.
Noch ist das nur eine private Geschichte, wie sie Menschen kennen, die Unrecht, Angst und Gefahr deshalb durchgestanden haben, weil sie nicht allein waren.
Die russische Dichterin Anna Achmatowa schrieb 1957:
„In den schrecklichen Jahren des Justizterrors habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise erkannte mich jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau... und flüsterte mir ins Ohr: … Und Sie können das beschreiben?
Und ich sagte: Ja.
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“
Auch das ist im ersten Moment nur geteiltes Leid zweier erniedrigter Frauen.
Aber, weil das beschreibbar ist, wird aus dem privaten Moment ein politischer, wird aus der geteilten Erfahrung gestärkte Wahrnehmung, aus der inneren Erfahrung eine Botschaft, die auch andere angeht.
Genau das passiert, als Maria zu singen anhebt:
„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen….“
Da steht sie, die ledige Schwangere, das junge Mädchen, das ahnt, was Hoffärtige reden werden. Da steht sie, die Adressatin der Botschaft des Engels und spürt, dass sich etwas ändern wird, dass mit ihrem Kind ein Anfang gemacht und ihre eigene Niedrigkeit aufgehoben ist.
Das ist sie guter Hoffnung!
Da kommt ein Text über ihre Lippen, der auch anderen nach ihr Leben helfen wird und Würde schenkt, der die Verhältnisse umdeutet und Ungerechtigkeit beim Namen nennt.
Elisabeth spürt, was Anna Achmatowa im Gefängnis erlebt.
Jetzt leuchtet ihr Angesicht, weil sie vom Heiligen Geist erfüllt und begeistert wird, weil auch in ihr eine große Zuversicht und Freude zu leuchten beginnt, weil ihrer beider Situation nicht mehr tabuisiert ist, sondern im Gegenteil: Sie ruft: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“
Nicht ausgestoßen, nicht zur Schande, nicht sich selbst überlassen, kein Armutsrisiko. Sondern gesegnet! Und mit ihr alle Niedrigen und Hungrigen, denn „Gott gedenkt seiner Barmherzigkeit.“
Und dann endet der Text so präzise am wahren Leben entlang, wie er begonnen hat. Maria war eilig aufgebrochen, weil sie sich ordnen musste, weil sie Unterstützung und Hilfe brauchte. Das hat sie gefunden. In Elisabeth und in ihrer eigenen Sprachfähigkeit. Jetzt kann sie sich gönnen, innezuhalten, Kraft zu sammeln, unterzuschlupfen, Geborgenheit in Anspruch zu nehmen, in sich zu horchen.
Lukas schreibt:„Sie blieb etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.“
Danach wird sie stark sein.
Danach werden andere gestärkt werden, weil sie es war. Danach wird es anders sein.

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  1. Advent 2018

1. Advent 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2018

Advent. Wieder ein Jahr vorbei.
Es gab einen ungeheuer langen heißen Sommer, Waldbrände in Schweden und später in Kalifornien, es gab zermürbende Zeiten in der Regierungskoalition und den Anfang vom Ende der Ära Merkel, eine für Deutschland unerquickliche WM und einen sagenhaften Blutmond, der NSU-Prozess ging zuende, es gab Fahrverbote für Diesels und üble Zusammenstöße in Chemnitz, Begegnungen von Staats- und Regierungschefs, Attentate, Razzien, Hochzeiten, Kriege, privates Glück und Leid, Katastrophen und Wunder im Große und im Kleinen …
Und hier im Dom haben wir das neue Jahr begrüßt, am Gründonnerstag beim Tischabendmahl zusammengesessen, uns an Karfreitag unter Jesu Kreuz gebeugt und in der Osternacht Auferstehung gefeiert, es gab Konzerte, Lesungen, Sommernächte, Bachkantaten, den unglaublichen Belsazar und jetzt hängt der Adventsstern und Kerzen und Weihnachtsprogramme liegen hundertfach parat…
Die Welt ist nicht untergegangen und unser Wirtschaftssystem nicht zusammengebrochen, der Dom steht und wir sind da. Alles wie immer.
Oder verändert sich etwas? Würden wir es merken?
Wieder steht derselbe Text über dem ersten Advent – obwohl die Kommission, die Predigttexte aussucht ewig getagt hat und alles anders machen wollte. Darum haben wir auch dies Jahr gehört, wie die Jünger und Jesus „in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg“.
Advent ist die Zeit KURZ DAVOR.
„Kurz vor was“? Halbwegs erwachsen geworden ahnen wir ja, dass nicht Weihnachtsbaum und Geschenke gemeint sind. So oft haben wir schon Advent gefeiert, sind aus der komplexen Gemengelage unseres Lebens hierhergekommen. Und?
Vielleicht ging es den Menschen zur Zeit Jesu genau so. Sie kannten die alten Verheißungen. Sie erinnerten mit Festen und Bräuchen jedes Jahr wieder an Gottes Geschichte mit den Menschen. Sie hofften auf Veränderung. Als solche sind die Jünger, seine Freunde und Schüler, auch unterwegs. Sie kommen aus der Fülle des Lebens, aus der Begegnung mit Schmerz und Leid, Krankheit und Tod, aus der Erfahrung tiefer stärkender Freundschaft. Sie hatten Gottes- und Menschenwort gehört, bestimmt auch abends oder beim Gehen miteinander gesungen. Sie haben politische Verhältnisse und den Druck sozialer Ungerechtigkeit am eigenen Leib gespürt und den Hunger nach Brot und Gerechtigkeit. Sie haben viele Kilometer in den Knochen. Jetzt ist Jerusalem ganz nah.
Sie sind KURZ DAVOR.
Und stoppen. Als müssten sie sich sammeln und innehalten, in sich hinein horchen oder auf etwas anders aufmerken, vielleicht auch Kräfte sammeln.
Es ist nicht irgendeine Rast.
Dieser Sonntag ist eine Zäsur.
Jetzt ändert sich die Richtung.
Spüren wir das auch?
Vor nur einer Woche haben wir noch Kerzen für unsere Verstorbenen angezündet und waren auf dem Friedhof. Mancher wird ein bisschen länger geblieben sein. Es ist nicht so einfach, dort umzudrehen und wegzugehen, die Richtung zu ändern. Aber wenn, dann fangen Menschen neu an, mit der Kraft des Lebens zur rechnen, etwas zu erwarten, etwas zu hoffen, etwas für möglich zu halten.
Dann kann es sein, dass noch etwas Wichtiges in unserem Leben passiert und wir etwas finden, was trägt und dass sich grundsätzlich etwas ändert. Es ist ohnehin nichts mehr wie zuvor. Wir müssen es nur zur Kenntnis nehmen.
Jesus sagt an diesem Punkt: „Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!“
Ein Tier klauen zu sollen, ist jetzt vielleicht nicht die große Lebensveränderung auf die man hofft. Aber so ist es eben auch. Es bleibt uns trotz aller Sehnsucht verborgen, wo es mit unserem Leben hingeht und kann merkwürdige Wendungen nehmen. Jesus würgt mögliche Fragen daher auch sofort ab – und mehr wird er heute nicht sagen! Als: „Wenn jemand fragt: der Herr bedarf ihrer.“ Punkt.
Jesus braucht ein Lasttier. Das letzte Stück Weges ist er nicht mehr der Aktive, nicht mehr der, der das Tempo vorgibt oder die Situation erklärt. Auf diesem letzten Stück ist er nicht der starke charismatische Führer, sondern nur ein Mensch, der sich tragen lasst – von einem Tier, von einer Verheißung, von der Begleitung seiner Freunde.
Die legen – so erzählt es Matthäus – ihre Kleider auf den Rücken des Esels. Nun wären zwölf Jacken für Jesus nicht nötig, um halbwegs bequem zu reiten. Er ist ja keine Prinzessin auf der Erbse. Aber für die Jünger ist es nötig. Etwas von ihnen soll ganz nah dran bleiben, Kontakt halten, Körperwärme aufnehmen und sei es nur ein Stück Stoff – jetzt in diesem Moment, von dem sie spüren, dass gleich etwas anders wird. Und Jesus schweigt.
Als erwartet er, dass wir selbst merken: Es ist KURZ DAVOR.
Jesus schweigt, weil wir selbst merken müssen, dass es so nicht weitergeht, dass wir unsere Lebensrichtung ändern sollten und ihm nachgehen.
In der alten Geschichte passiert etwas Erstaunliches. Es war damals ja keine so spektakuläre Sache, dass einer auf einem Esel in die Stadt reitet. Im Gegenteil: es war ein sehr alltäglicher Anblick. Da kommt ein Mensch. Nur ein Mensch. Aber alle anderen spüren auf einmal: wenn so einer kommt, wenn wir so einem hinterhergehen – nicht den Großen und Mächtigen, den G 20 und Milliardären, den Weltsteuerleuten, den Machtmenschen, den Größenwahnsinnigen – wenn wir so einem nachfolgen, dann wird es anders, wirklich anders.
Wenn es viele machen, erst recht. Und so breiten sie „ihre Kleider auf den Weg; hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.“ Und riefen: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“
Es ist der Anfang einer großen Heilsgeschichte. Wir leben davon jeden Tag und sind trotzdem immer noch KURZ DAVOR – heute am 2. Dezember 2018, trotz allem, was in diesem Jahr war. Wir stehen noch vor der Stadt. Vielleicht, weil wir noch an den Gräbern toter Ideen stehen, falscher Erfolgskonzepte, ungerechter Logik.
Aber alle Jahre wieder kommt dieser Moment, der uns auffordert, etwas zu erwarten und zu hoffen, umzudrehen, zurück ins wirkliche Leben zu gehen, Gott gibt uns nicht auf. Er ist da und geht mit. Legen wir ein Tuch auf den Esel. Behalten wir ihn im Auge. Es täte uns gut. Denn: Es ist KURZ DAVOR!




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  TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.11.2018

Der Tod kommt oft plötzlich. Es ist seltsam.
Selbst wenn jemand lange krank war oder sehr alt, wenn wir wissen, dass der Abschied nicht fern sein kann, selbst dann kommt der Tod plötzlich. Sich einstellen geht nicht. Zumindest nicht beim Tod des Anderen. Beim eigenen vielleicht schon. Irgendwann traf ich eine Frau, die wartete auf den Tod. „Frau Pfarrerin, wie geht das – sterben?“, fragte sie mich. Sie hatte schon lange auf den Tod gewartet – und zwei Tage, nachdem sie mir die Frage gestellt hatte, starb sie. Als ob die Worte ihr den Weg bereitet hätten.
Aber wir sprechen insgesamt ungern vom Tod. Und manchmal vermute ich, dass, weil es noch nie leichter fiel, über ihn hinwegzusehen als in dieser Zeit, als in dieser Gesellschaft, er deshalb umso härter trifft. Aber – ehrlicherweise – wurde der Rede vom Tod schon immer gern ausgewichen: Entschlafen seien die Toten; oder im Krieg gefallen, sagt man. Dass solche Worte nichts weiter als ausweichende Beschreibungen sind, lässt sich lernen, wenn Kinder auf sie reagieren. Mir erzählte mal jemand, dass er viele Jahre nicht habe einschlafen können, bis ihm irgendwann aufgegangen sei, dass seine Eltern ihm vom Tode eines geliebten Menschen gesagt hätten, er sei eingeschlafen. Fortan weigerte sich das kindliche Köpfchen einzuschlafen. Und erst als der erwachsene Kopf viel später den Zusammenhang erfasste, kam für diesen Menschen der ruhige Schlaf zurück. Und mir selbst leuchtete nie ein, warum der im Krieg gefallene Mensch nicht einfach wieder aufgestanden ist. Bis mir erklärt wurde, dass hier nicht das Hinfallen, sondern der Tod gemeint sei.
Der Tod ist so hässlich und schrecklich, dass wir ihn kaum ansehen wollen. Und wenn er da ist und Raum greift, trifft er uns. Unvorbereitet, plötzlich. Er tut weh. In ihrem Gedicht „Memento“ schreibt Mascha Kaléko:
"Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang.
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben."
So ist es. Punkt.
Lässt sich auf so etwas überhaupt vorbereiten?
In unserem Wochenspruch aus dem 90. Psalm heißt es: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Doch wozu klug werden?
Um das Leben besser zu nutzen?
Um es mehr zu genießen?
Um uns weniger aufzuregen?
Ist das die Klugheit, die gemeint ist?
Ich denke, die Antwort lautet: auch. Es ist schließlich ein Wort aus der Zeit vor Christus. Mit dem Tod des Jesus von Nazareth erweiterte sich seine Bedeutung. Denn jene, die sich Christen nennen, glauben an das Evangelium. Und darin geht es um den Tod. Oder besser gesagt um die Überwindung des Todes.
Denn das Evangelium verheißt, was der Auferstandene im Evangelium des Johannes spricht: „Ich lebe. Und ihr sollt auch leben.“
Das Evangelium spricht nur auch von Nächstenliebe.
Es spricht nur auch von einer Ethik, die niemanden übersehen und sich für Schwache einsetzen will.
Es spricht nur auch davon, dass wir mit unserem Leben und dem, was uns in ihm geschenkt ist, großzügig umgehen soll. Dass wir großzügig lieben, schenken, großzügig essen und trinken, großzügig leben sollen.
Nur auch erzählt es all das. In seinem Kern aber verheißt es die große Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, die leben soll.
Jetzt und dann.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Das ist die frohe Botschaft. Das ist das Evangelium.
Das ist, woran unser christlicher Glaube hängt.
Alles andere ist nur auch wichtig.
Das ist schwer zu begreifen. Und deshalb stellten die Leute Fragen.
Berechtigte Fragen.
Sie wollten es genau wissen.
Wie wird es aussehen nach dem Tod, Paulus?
Ist das nicht unlogisch, wenn einer auferstehen und bei Gott leben soll? Stell dir doch mal vor: Da stirbt einer, seine Frau heiratet sei-nen Bruder. Der stirbt auch. Und wessen Frau ist sie dann im ewigen Leben? Das geht doch gar nicht. Das muss doch Unsinn sein.
Die Leute haben gefragt. Sie wollten’s genau wissen.
Und dann geschieht in der urchristlichen Theologie, im urchristlichen Nachdenken über Gott etwas, worüber ich immer wieder neu dankbar bin:
Die Fragen werden als nicht zu beantworten zurückgewiesen.
Denn die Grenze des Todes ist nicht zu überschreiten.
Sie ist. Unüberwindbar.
So weh es tut.
Und deshalb antwortet Jesus im Evangelium des Matthäus:
„Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.
Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel.
Habt ihr denn nicht gelesen von der Auferstehung der Toten, was euch gesagt ist von Gott, der da spricht (2.Mose 3,6):
»Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«? Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“
Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Deshalb wird er das Leben bewahren. Punkt. Nichts weiter. Kein Wort zu viel. Nichts, von dem ich heute in Predigten sagen müsste, naja, so hat man sich das damals eben vorgestellt. Keine Offenbarung des Johannes mit einem himmlischen Jerusalem, in dem nur einhundert-zwanzigtausend Leute Platz haben. Kein Paradies mit Jungfrauen. Kein Hades. Kein Götterberg. Nur: Leben.
„Aber, Paulus, wie ist das mit diesem Leben? Sag es uns, wenn wir dir und deinem Evangelium trauen, ja unser Leben dafür aufs Spiel setzen sollen…. Hier in Korinth hat niemand den Auferstandenen gesehen. Wir haben nur dein Wort, Paulus. Sag uns, wie ist es mit der Auferstehung?“
Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?
Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.
Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.
Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.
So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.
Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.
Paulus sagt von sich, dass ihm der Christus erschienen sei. Und er predigt die leibliche Auferstehung des Menschen. Nicht die Auferstehung dieses Leibes.
Der ist ihm egal, genauso wie er über die gern diskutierte Frage, ob das Grab Christi voll oder leer gewesen sei, wahrscheinlich nur seufzend den Kopf geschüttelt hätte.
Es geht bei der Auferstehung nicht um unseren Leib hier auf Erden.
Sondern um uns.
Um das, worin wir, die wir doch alle irgendwie Hand, Fuß, Bein, Arm, Kopf und Herz sind, uns unterscheiden.
Wir sterben – unser Körper und unser Geist.
Aber weil Gott kein Gott der Toten ist, werden wir leben.
Paulus nimmt zur Erklärung dieses Lebens das Bild des Saatkorns. Was wir auf Erden sind, erstirbt. Und doch bleibt es. Denn wie aus einem Sonnenblumenkern nicht plötzlich eine Kastanie erwachsen wird, wird das, was wir auf Erden waren, bleiben. Und doch wird es anders sein. Wie die Engel schreibt der eine. Geistlich der andere. Im Gericht aufgerichtet der dritte.
All diese Worte sind unzulänglich. Aber gerade deshalb sind sie gut.
Die Worte der Heiligen Schrift sind klug.
Sie bleiben dem Nichtwissen, der nicht zu überwindenden Grenze treu.
Und geben uns deshalb Raum zu hoffen.
Das, was kommt, ist Leben.
Es wird anders sein.
Vervollkommnet.
Aufgerichtet.
Von Angesicht zu Angesicht.
Wir werden sehen.
„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Mit dem Auferstandenen ist dies mehr als ein Wort der Mahnung. Denn die Klugheit meint jetzt auch die innere Vorbereitung darauf, dass der Tod zwar schrecklich bleibt, aber dass er nicht das Ende ist. Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Das macht stark angesichts des eigenen Todes.
Und es tröstet, weil wir uns im Glauben an Jesus unseren Toten als neu Werdenden verbunden denken können.
So lasst uns dem anvertrauen, dessen Friede höher ist als alles, was wir uns denken und ausdenken können. Er bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben.
Amen.

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  Buß- und Bettag 2018 (Jesaja 1, 10-17)

Buß- und Bettag 2018 (Jesaja 1, 10-17)

Dr. h.c. Nikolaus Schneider, Präses i.R. - 21.11.2018

Liebe Gemeinde!
Volkstrauertag – Buß- und Bettag – Toten- oder Ewigkeitssonntag, das sind die Novemberfeiertage, die unser Kirchenjahr beschließen.
Innerhalb einer Woche setzen wir uns mit Buße, Trauer, Tod und Auferstehung auseinander: Wir stellen uns unserer Schuld als deutsches Volk. Wir trauern um die Opfer von Gewaltherrschaft und Kriegen – in diesem Jahr besonders um die 17 Millionen Toten des 1. Weltkrieges, der vor 100 Jahren zu Ende ging. Wir denken an unsere eigene Sterblichkeit. Wir gedenken der Verstorbenen in unserem Familien- und Freundeskreis und in den Kirchengemeinden. Bei alledem richten wir uns auf die Ewigkeit aus. Wir versichern uns der Hoffnung, dass wir vom Tod nicht endgültig vernichtet werden. Wir stellen uns auch unserem persönlichen Versagen in unserem privaten Leben. Und wir verdrängen die Schuldverstrickungen unserer Kirche nicht mehr -aktuell die sexualisierte Gewalt, mit der die Seelen von Kindern und Jugendlichen verletzt oder zerstört wurden.
Bei alledem trägt uns die Glaubensgewissheit, dass Schuld, Trauer und Tod nicht das endgültige Urteil über unser Leben sind – wir hoffen vielmehr auf deren Überwindung! Wir hoffen auf Vergebung und Neuanfang. Wir hoffen auf die Auferstehung der Toten. Wir hoffen auf Gottes Reich in Ewigkeit. Diese Hoffnung führt zu einer Lebenshaltung, die Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen so beschrieben hat: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ (Matth. 4, 17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“
Nun hat das Wort Buße, liebe Gemeinde, für viele Menschen keinen guten Klang. Es klingt nach Strafe, nach Übungen, die uns mit Zwang auferlegt werden. Und so wurde „Buße“ ja auch oft genug missverstanden und missbraucht! Biblisch gesehen zielt Buße aber auf etwas ganz anderes: auf Veränderung zum Besseren, auf Befreiung aus üblen Verstrickungen, auf Umkehr von den Wegen des Todes auf die Wege zum Leben!
Ein Tag der Hoffnung soll der Bußtag sein - und ein Tag der Ermutigung! Die frohen Botschaften dieses Tages lauten: Es muss nicht alles so weiterlaufen wie es läuft!
Veränderungen sind möglich. Sogar wir selbst können uns ändern, trotz aller eingeschliffenen Gewohnheiten, trotz unserer Festlegungen durch Herkunft und Geschlecht, Beruf und Lebensort, durch gute und schlechte Erfahrungen.
Martin Luther hat das so gesagt: „Das christliche Leben ist nicht fromm sein, sondern fromm werden, nicht Gesundheit, sondern ein gesund werden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind es noch nicht, wir werden es aber sein. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg…“
Ein Tag der Verheißung und ein Tag der Hoffnung ist der Buß- und Bettag. Das ist das Erste, was heute zu sagen ist!
Zum Zweiten: Buße ist mehr als eine spirituelle geistliche Übung. Buße im biblischen Sinn verlangt von uns auch eine Neuausrichtung in unserem Alltagsleben. Unsere persönliche Frömmigkeit und die Gottesdienste der Gemeinden lassen sich nicht von unserer Verantwortung in Gesellschaft und Politik trennen! Hören wir Gottes Ruf zur Buße, wie er uns beim Propheten Jesaja überliefert ist. Ich lese die Verse 10 bis 17 des ersten Kapitels aus dem Prophetenbuch: „Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unseres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer? Spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe keinen Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk(also Weihrauch) ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten;
sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!“
Jesajas Botschaft, liebe Gemeinde, ist kultkritisch und gesellschaftskritisch zugleich. Der Prophet verwirft das religiöse Leben seiner Zeit. Er lässt keine Form der Opfer im Tempel aus, auch nicht den Festkalender seiner Zeit. Ja sogar das Gebet des Einzelnen wird der Kritik unterworfen. Jesaja macht klar: Gott erträgt keine Frömmigkeit, die zur hohlen Form wird, weil sie Rechtlosigkeit und Willkür verdecken will. Ihm sind Gottesdienste zuwider, die Er als Verhöhnung seines Bundes mit dem Volk Israel versteht.
Gebete mit Blut an den Händen sind Ihm so unerträglich, dass er sich nur noch abwenden kann „Sodom und Gomorrha“ – diese provokative Bezeichnung muss Jerusalem sich gefallen lassen. Und wohin der Weg von Sodom und Gomorrha führte, das war bekannt.
Jesaja – wie später auch Jesus Christus – machen unmissverständlich klar:
- Gottesliebe und Nächstenliebe lassen sich nicht voneinander trennen.
- Ein Rückzug auf innerliche Frömmigkeit entspricht nicht dem Willen und der Weisung Gottes.
- Kult ohne Ethik ist Gott ein Gräuel.
- Beten und das Tun des Gerechten gehören zusammen.

Mit drei Schritten leitet Jesaja zur Buße an: Aufwachen aus dem frommen Rausch der Opfer, der Feste und der Gebete, der reinen Lobpreisgottesdienste, die den Blick auf die Realität verstellen.
Das ist das Erste. Das ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass es besser werden kann. Die Realität wahr-nehmen, sie aus der Perspektive Gottes sehen – so wie ER sie in seinen Geboten, in seinen Regeln für ein gelingendes Leben, dem Volk bekannt gemacht hat. Sich frei machen durch Abwendung vom Bösen ist das Zweite. Frei werden von der Herrschaft böser Taten und Gedanken in uns, selbstsüchtiger Theorien im gesellschaftlichen Diskurs, die dem eigenen Vorteil dienen. Und die dem Egoismus das Kleid wissenschaftlich begründeter Notwendigkeit etwa in der Volkswirtschaftslehre umhängen: rational wird dann zu selbstsüchtig, weil Menschen immer egoistisch und nie altruistisch seien! Das Böse ist wie ein Geflecht, das Menschen einfängt und gefangen hält. Neues ist nur möglich, wenn Menschen davon freiwerden wie Vögel aus den Netzen der Fänger.
Lernen steht an dritter Stelle. Neues Denken und Handeln muss gelernt und eingeübt werden. Mit dem Verstand, aber auch mit dem Herzen. Durch Bildung und Vorbild, durch Erziehung und Sozialisation. Damit wir verstehen: Gottes-Dienst besteht auch darin, Recht zu üben und Hilfe zu leisten.
In heutiger Sprache klingt das so: Im Namen Gottes fordert der Prophet soziale Gerechtigkeit – und zwar im Blick auf Benachteiligte, Arme, Flüchtlinge und Asylanten.
Und zum Dritten: Gott will uns seine Gnade und seine Liebe schenken – ohne dass wir sie uns durch unsere guten Taten verdienen müssten. Allerdings müssen wir uns auf den Weg machen, auf den Gottes Wort uns ruft.
Buße ist der Weg, auf dem Gott uns seine Gnade und Liebe immer neu erfahren lässt. Buße ist der Weg, auf den auch Christus uns im Namen Gottes ruft.

Wie geht Buße praktisch? Was können wir dazu tun? Oder ist es Gottes Werk, dass wir verändert werden?
Buße als Zusammenwirken von Gott und Mensch beschreibt ein jüdischer Text so: „Jetzt erscheint der Mensch … wie ein Schwimmer, der um sein Leben ringt. Er kann das Ufer nur erreichen, wenn sich ihm eine Hand entgegenstreckt. Aber der Retter kann auch nur helfen, wenn der Ertrinkende gegen den Untergang kämpft. So braucht der Mensch Gottes Gnade und ist ohne sie, nur auf seine schwache Kraft angewiesen, verloren. Aber auch Gott braucht die Anstrengung des Menschen, Reue, Buße, Wiedergutmachung. Wenn nicht der Mensch Gottes ausgestreckte Hand ergreift, kann auch Gott nicht erlösen.“
(Max Eschelbacher, zitiert nach Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, S. 398)

Das Werben Gottes um sein Volk und die Geschichte Gottes mit allen Menschen ging nach dem Auftreten des Propheten Jesaja weiter. Es lief zentral auf das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi zu. Sein Reden und sein Handeln ist für uns die verbindliche Interpretation der Geschichte Gottes mit Israel und allen Menschen, so wie sie im AT vermittelt ist.
Jesus Christus verstehen wir als die ausgestreckte Hand Gottes für alle Menschen! Wenn wir unseren Glauben an Jesus Christus festmachen, dann erreichen wir das rettende Ufer. Unser Handeln wird durch Christus zum Beten und Tun des Gerechten.
Im Glauben an Christus kann Gottes Geist uns auf den Weg bringen, auf dem wir Gottes Gnade und Liebe immer neu erfahren.
Dann wird dieser Buß- und Bettag für uns zu einem Tag der Verheißung und der Hoffnung.
„Gott rufet noch“ (>Lied nach der Predigt!! EG 392).
Lasst uns sein Wort hören und tun!

Amen.

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  Volkstrauertag 2018

Volkstrauertag 2018

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.11.2018

Im Predigttext heißt es für diesen Sonntag: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Es ist nicht irgendein Sonntag im Kirchenjahr – sondern Volkstrauertag.
Überall im Lande werden Gestecke an den Mahnmalen der Gefallenen niedergelegt. In manchem Dorf sind die Listen so lang, dass man sich kaum vorstellen kann, dass überhaupt irgendeiner von diesen allermeist blutjungen Männern wieder nach Hause gekommen ist. Sie waren alle „getreu bis in den Tod.“
Sie starben, so stand es dann in den Briefen an Eltern und Witwen, dem Vaterland treu den Heldentod. Man gedachte ihrer am Heldengedenktag. Und manche, vielleicht sogar die allermeisten waren dazu erzogen worden zu glauben, dass es in Gottes Augen nichts Besseres geben könnte als für das Vaterland zu sterben.
Zur Eröffnung der Reichstagssitzung im August 1914 rief im Berliner Dom der evangelische Oberhofprediger Ernst von Dryander zu den Waffen "für die deutsche Gesittung - gegen die Barbarei!" In Kriegspredigten hieß es "Wer heute gesund ist und die Waffen tragen kann, der gehört in die Schützengräben."
Der renommierte Berliner Theologe Reinhold Seeberg (Doktorvater von Dietrich Bonhoeffer) hat bis 1918 die These vertreten: Wenn man im Zuge der "Verteidigung des Vaterlandes" einen belgischen Soldaten erschießt, vollstreckt man das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm.
So dachten nicht nur ein paar Verblendete, sondern viele.
Käthe Kollwitz schrieb in ihrem Tagebuch im Herbst 1916: „Nie wird mir das alles klar werden. Wahr ist nur, dass die Jungen … mit Frömmigkeit in den Krieg gingen, und dass sie es wahrmachten, für Deutschland sterben zu wollen. Sie starben – fast alle.“
Reichswehr und Wehrmacht hatten auf ihrem Koppelschloss stehen: „Gott mit uns.“ So zogen sie in den Krieg.
So rutscht alles in eins: Nationalismus und Christlicher Glaube, Gott und Vaterland, Kriegsdienst und Verkündigung.
Wie konnte es dazu kommen?
Der kurhessische Landesbischof Martin Hein hat vor ein paar Jahren am Volkstrauertag gesagt: „Treue, Tod, Krone des Lebens – all diese Worte ließen sich ja scheinbar bruch-los übertragen auf ein Nationalbewusstsein mit Werten wie Treue zur Heimat und Tod für das Vaterland …“
Kriege mit all ihren sinnlosen Opfern schienen so mit Gottes Willen vereinbar zu sein. Gott ist ja mit uns…
Dabei geschieht nur eines: Gottes Name wird vereinnahmt und die Rede von ihm missbraucht, um einen Zweck zu heiligen, der sich mit ihm, der durch seine Propheten Kriegsfolgen ausgemalt und durch seinen Sohn Gewaltlosigkeit und Feindesliebe gepredigt und gelebt hat, nicht vereinbaren lässt.
Der Volkstrauertag mahnt also angesichts all der Toten:
Wenn wir Gott für unsere Anliegen verzwecken, dann verlieren wir den Weg, laufen in die Irre und wenn es ganz schlimm kommt, bringen wir millionenfaches Unheil in die Welt.
Was sollen wir also anfangen mit diesem:
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“?
Es steht ja genauso in der Bibel.
So stand es schon vor hundert Jahren dort.
Die Worte entstammen folgendem Zusammenhang aus der Offenbarung des Johannes, dem allerletzten Buch der Bibel: „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig geworden ist: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – … Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet … Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“
Der Autor dieser Zeilen, der Seher Johannes, war Zeitzeuge der ersten wirklich schlimmen Christenverfolgungen. Er erlebte, dass der Kaiser gewaltsame Mittel nutzte, um den Herrscherkult durchzusetzen. Er wusste, dass die Mächtigen grausame Methoden haben, um Menschen zu brechen. Darum ging es dem Seher Johannes nicht um persönliche Lebensführung und erst recht nicht um Vaterlandsliebe, sondern um eine gefährliche Wahrheit: das Bekenntnis zum christlichen Glauben kann lebensgefährlich sein.
Damit muss man rechnen. Wer Jesus Christus nachfolgen will, hat sich entschieden – egal was Regierungen oder Oberhofprediger erwarten. Wer Jesus Christus nachfolgen will, kann es nicht allen recht machen.
Im Deutschland der Gegenwart muss Gott sei Dank keiner seine Überzeugung mit dem Leben bezahlen – aber so ist es noch nicht lange. Anderswo sind die Verhältnisse viel schlimmer. Morgen werden wir Asli Erdogan zu Gast haben, eine Frau, die von solcher Gefahr gezeichnet ist.
Sie ist eine Ausnahmepersönlichkeit.
Solche Treue ist nicht selbstverständlich.
Denn schon Johannes wusste, was wir auch wissen: wenn es ernst wird, wenn das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Zugehörigkeit zu seiner Kirche uns wirklich etwas kostet, dann gehen wir nicht alle treu und singend in den Heldentod, verzichten auf Wohlstand und Karriere, sondern schleichen uns lieber leise weg, weinend vielleicht wie Petrus, nachdem er Jesus verleugnet hatte.
Petrus hat sich aus Angst weggeduckt und gelogen. Bei uns gibt es für solche Furcht keinen Grund und trotzdem ist die Frage nach der Treue zu unserem Glauben aktuell und brennend, das lehrt die Erinnerung am Volkstrauertag.
Nach 1945 haben Christen voller Scham formuliert: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Das gilt noch immer. Auch wir werden schnell untreu und schwächen die Unmissverständlichkeit des Evangeliums von Jesus Christus ab, legen die Texte „situationsbezogen“ aus und tun so, als wären Jesu Worte eine mögliche Meinung in der Stimmenvielfalt unserer pluralen Welt.
Blieben wir aber treu, würde Kirche sich nicht selbst kleinreden, sondern ein deutlich hörbarer Anwalt für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sein. Kirche wäre ein menschenfreundlicher Arbeitgeber und beherzte Kritikerin. Wir wären nicht gefährdet, wie unsere Kollegen vor 100 Jahren in nationalistischen Taumel zu fallen oder durch Anbiederung an alle Möglichkeiten unserer Zeit, Menschen verlocken zu wollen. Wir glaubten nämlich, dass Christus stärker ist als der Tod und alle Mächte und Gewalten.
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Das wird nicht mein Lieblingsbibelwort werden. Ich spüre mich scheitern ehe ich beginne. Lieber sind mir die Psalmworte, die über dem kommenden Jahr stehen werden: „Suche Frieden und jage ihm nach!“
Ist das womöglich dasselbe? Wird die Krone des Lebens Frieden sein, wenn wir ihm getreu nachgejagt sind …? Es wird ohne lebenslange Treue zu Gottes Wort bei der Friedenssuche nicht vorwärtsgehen.
Eins ist sicher: Wir bleiben angewiesen auf Gottes Gnade.
Das gilt erst recht am Volkstrauertag.

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  Hiob 14,1-6

Hiob 14,1-6

Cornelia götz, Dompredigerin - 11.11.2018

Heute vor hundert Jahren wurde in Compiegne der Waffenstillstand unterschrieben. Das war das Ende des ersten Weltkrieges. Europa war ein Schlachtfeld, Tote und Versehrte überall, der Untergang des Abendlandes.
Nichts war mehr wie zuvor. Musik, Malerei, Literatur, Architektur, Theologie - es ging nicht mehr um schöne Formen, harmonische Klänge und Gottes Offenbarung in der Schöpfung. Nichts davon stimmte mehr. Krieg und Verfall wurden jetzt Themen, Hässlichkeit, Abstraktion, Disharmonie. Und Gott war nicht mehr der, der uns nah ist und wir ihm ähnlich, sondern der Fremde, ganz Andere. Sein Wort wohnt nicht in uns, sondern kommt senkrecht von oben…
Der Tiefpunkt des Jahrhunderts war dabei noch lange nicht erreicht. Nach 1945 dichtete Matthias Hermann:
„Herr, Dein Atem ist ins Nichts vergeudet. / Von Deinem Weltturm dröhnt der letzte Schlag. / Zurück zu dir fehln mir die Flügel; / Es wurde Nacht am ersten Tag.“
Worte voller Finsternis, die auch nachsprechen kann, wer am Grab seines Kindes steht, wem Krankheit, Unglück, Naturkatstrophe das Leben zerstört…
Immer dann, im Großen wie im Kleinen, stellt sich die Frage nach dem Bösen. Wo kommt es her und warum bricht es ein in unser Leben? Warum verhindert Gott es nicht? Kann er nicht? Ist er gar nicht allmächtig und barmherzig? Wo ist er überhaupt in all dem Leid? Wer also wollte noch allabendlich dem „lieben Gott für einen schönen Tag danken“ und sich im Schatten seiner Flügel bergen?
So fragen wir, so frage ich, so fragen Menschen schon lange, vermutlich schon immer. Ein frühes tief beeindruckendes Dokument dieses verzweifelten Haderns ist das Hiobbuch im Alten Testament.
Hiob ist heute der sprichwörtlich mit Unglück Geschlagene, nichts kann schwerwiegender sein als eine Hiobsbotschaft, ich kenne keinen Menschen, der sein Kind Hiob nennen würde. Dabei war er ein gerechter, grundanständiger, frommer und in jeder Weise gesegneter Mann. Aber eines Tages bricht die Katastrophe über ihn herein, sein Land wird versehrt, die Arbeiter erschlagen, das Vieh geraubt. Bei einem Unwetter stürzt sein Haus ein und begräbt alle seine Kinder. Schließlich wird er schwer krank.
Wie kann das sein? Es galt der zwingende Zusammenhang zwischen dem, was man tut und dem, wie es einem ergeht. Es galt, dass Gott die vor allem Bösen bewahrt, die ihn ehren und ihm gehorchen…
Warum dann Hiob?
Weil es so nicht ist und so nie war. Das Hiobbuch ist einfach nur ehrlich. Das Böse trifft eben nicht nur die Bösen und die Gottlosen. Menschliche Versuche, mit dieser schweren Wahrheit umzugehen, dokumentiert das Hiobbuch.
Da sind zunächst die alttestamentlichen Autoren, die einen Gott, der den Guten quält, nicht denken wollen oder können und dem Text deshalb eine Rahmenhandlung verpassen. Die erzählt: Schuld ist der Satan, denn der wettet mit Gott, dass Hiob ihm nur deshalb treu ist, weil es ihm gutgeht. Wenn Gott ihm alles wegnehmen würde, seine Lieben, seine Gesundheit und seinen Besitz, dann würde Hiob sich abwenden. Ein Gott, der den wohlverdienten Segen nicht verlässlich gewährt, wäre dem Menschen unnütz…
Wohlgemerkt: in der Urfassung gab es diese faustisch anmutende Wette nicht. In der ersten Fassung stand nicht infrage, dass alles von Gott kommt, dass es also auch keinen anderen Verursacher des Bösen gibt.
Wenn das so ist, so beschwört Hiobs Frau ihren Mann, dann soll er diesen Gott endlich hinter sich zu lassen. Was hilft ein Gott, der böse oder ohnmächtig ist. Er verdient Hiobs Treue nicht. Diesem Schluss folgen Menschen noch immer. Sie geben ihren Glauben auf, weil sie sich von Gott verlassen fühlen.
Soweit gehen Hiobs Freunde nicht. Aber sie dringen in ihn, nachzudenken, wofür er solche Strafe verdient hat. Anders können sie sich das Unglück nicht vorstellen. Gott ist gerecht und darum muss sich etwas finden. Auch das Muster quält Menschen noch heute…
Aber Hiob weiß, dass er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Und er will keiner anderen Macht in seinem Leben Raum geben. Er hat sich auf Gott verlassen und ihm vertraut, darum ist er mit ihm auch nicht am Ende. Ganz im Gegenteil: Dieser Gott ist der einzig wichtige Adressat in seinem Leben. Es gibt nichts außerhalb und deshalb erwartet Hiob, dass Gott sich ihm erklärt. Er ringt nicht mit seiner Frau und nicht mit seinen Freunden. Er ringt mit Gott und sagt, schreit, weint oder singt:
„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
Geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!
Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“
Mit anderen Worten:
Ja Herr, ich bin ein endliches unvollkommenes elendes Geschöpf, voller Sorgen und Zweifel. Wie sollte es auch anders sein. Ich bin ein Mensch, Kind zweier Menschen, die Fehler und Schwächen haben. Ja, ich kann nichts dazu tun, wann und in welche Familie ich geboren wurde oder wann es vorbei ist. Alles liegt bei dir, Gott. Aber wenn deine Anwesenheit Gott in meinem Leben soviel Unglück bringt, dann bitte wende dich ab. So will ich nicht, dass es zwischen uns ist. Geh weg, solange du zornig bist und komm wieder, wenn es anders ist.
Hiob nimmt absolut ernst, dass eine wirkliche Beziehung zu Gott möglich ist. Und darum kämpft er. Er bringt keine Schuldfrage auf den Tisch, er betreibt keine Ursachenforschung. Er nimmt zur Kenntnis, dass das Böse in seinem Leben ist. Aber er will sich nicht damit abfinden, dass Gott ihm das antut oder es dabei belässt. Er will diesen Gott erweichen. Er glaubt fest, dass auch das Gute von ihm kommt und dass das am Ende stärker sein wird als das Böse.
Hilft uns diese Haltung weiter?
Ja, ich glaube es hilft, die Schuld am Bösen nicht fremden Mächten und Gewalten zu geben. Sie werden diese Macht nutzen, wenn es sie gibt und durch unser Zutun größer werden. Ja, ich glaube es hilft, Gott anzuklagen und ihm unsere Klage vor die Füße zu werfen, mit ihm zu ringen, denn nirgendwo anders gehört unsere Traurigkeit und Verzweiflung hin.
Und nein, ich glaube nicht, dass es hilft, Gedankengebäude zu stricken, in denen ein Gott so lieb ist, dass er nichts Schlimmes zulassen würde. Und nein, es hilft nicht, zu glauben, man hätte das Unglück verdient.
Es hilft zu vertrauen, dass das nicht das letzte Wort ist, dass Gott mit uns anderes vorhat als Leid und Unglück.
Es hilft zu glauben, dass nach der Finsternis des Karfreitags, nach der Grabesstille des Karsamstags ein neuer Tag beginnt. Ja, es hilft, uns in die Tradition dieses Klägers, des Hiob zu stellen und auch in die des Jakob, der sich mit Gott schlägt, der hinkend aus der Auseinandersetzung geht und nicht fortläuft, sondern sagt: „Ich lasse dich nicht, Du segnest mich denn.“

Zurück zum Anfang.
100 Jahre nach Compiegne. 80 Jahre nach der Pogromnacht. Mitten unter Menschen, die unsagbar Schlimmes erleben, fragte Marie Luise Kaschnitz: „Wie war das eigentlich als wir noch Verse machen konnten?“
Wie war das? Schrecklich. Denn ohne Worte verlernt man das Klagen, das Beten, das Leben. Aber wir können es Gott sei Dank noch.
Bei Friederike Roth klingt es so:
„Groß geblieben ist meine Sehnsucht nach Leuchtendem. / Man will sie mir aber nehmen. / Man erzählt mir von den Übeln der Welt, als wäre das ein Beweis. / ich werde stumm. / Längst bin ich weggeflogen auf Leuchtendes zu. / Aber im Zentrum des Leuchtenden / war natürlich die schwarze / die sternlose Nacht. / Und doch ist die Sehnsucht geblieben.“

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  "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat" - Röm 13,1-7

"Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat" - Röm 13,1-7

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.11.2018

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.



„Es war eine Schnupftabakdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst aus geschnitzelt aus Nußbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nußbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
„Was geht mich Friedrich der Große an!“

1912 schrieb Joachim Ringelnatz diese Verse, sechs Jahre bevor Deutschland das verlor, was als klassische Obrigkeit galt: Den Kaiser, der gottbefohlen über seine Untertanen herrschte. Im Idealfall milde und weise, in Realiter aber leider auch so, dass am Ende Geschichten wie die von des Kaisers neuen Kleidern entstanden.

Hitlers Deutschland wollte auch als Obrigkeit anerkannt sein – und grüßte gar mit dem Wörtlein „Heil“.

Und dann stand Nachkriegsdeutschland verwirrt – ohne Kaiser und ohne Führer und durfte und sollte und musste gleichermaßen Demokratie werden und Obrigkeit sein. Keine starken Männer mehr, auf die sich als gottgegebene Obrigkeit verweisen ließ.

In diesem neuen Deutschland wuchsen dann wir als Kinder auf. Und wir hatten Geschichten wie die vom Räuber Hotzenplotz von Ottfried Preußler. Fünfzig Jahre ist diese Erzählung in diesem Jahr alt geworden. Und der Polizist, der in ihr für die Obrigkeit steht, ist zu meinem inneren Bild des Begriffs Obrigkeit geworden: ein verpeilter Typ, der sich selbst viel zu wichtig nimmt, der sich verspottet fühlt, wenn ihm komplizierte Sachverhalte erläutert werden, und dessen Hauptaugenmerk darauf liegt, dass Uniformrock, Pickelhaube und Säbel stets tipptopp sind…. Er selbst meint, dass die Leute ihm allen Respekt schuldig seien – und zwar aufgrund seines Amtes und seiner Stellung. Weil er als Beamter Teil der Obrigkeit ist. Und gleichzeitig ist er als kleiner Beamter auf tumbe Art und Weise seiner Obrigkeit hörig. Da fällt der Respekt schwer, wenn man über den behäbigen Beamten eigentlich nur lachen und den Kopf schütteln kann.

Kurzum: meine Generation ist im Geist von Ringelnatz und Preußler aufgewachsen. Wir halten nicht viel von gottgegebenen Obrigkeiten. Umso mehr überraschte es mich, als ich sah, dass auch in der neuen Perikopenordnung, die mit dem 1. Advent beginnen wird, der alte Römertext immer noch dabei ist. Jener Briefabschnitt, in dem es heißt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut.“

Da denkt sich das Kind des späten Zwanzigsten Jahrhunderts natürlich: a ja. Nein. Schließlich haben wir gelernt, wohin das führt. Zu Leuten, die schweigen, wenn ihre Nachbarn abgeholt werden. Die nicht hören und nicht sehen und nicht widersprechen.

Ja, es ist leicht, gegen die Worte des Predigttextes aus unserer heutigen Perspektive bashing zu betreiben. Sie wegzuschlagen als irrelevant und dumm, weil von der Geschichte längst widerlegt.

Es ist leicht, sich holzwurmartig nach der Nussbaumdose, jetzt durch die Seiten dieses Papiers zu fressen und zu fragen: Was kümmern mich die alten Worte vom Gehorsam gegenüber einer Obrigkeit, die es schon längst nicht mehr gibt? Schließlich leben wir in einer Demokratie.

Aber gerade wenn etwas so leicht und selbstverständlich scheint, lohnt ja meist der zweite Blick. Was ist an diesem Text dran, dass wir von ihm lernen könnten?

Paulus war schließlich jemand, dem von der damaligen Obrigkeit nicht nur Freundlichkeit widerfuhr. Im Gegenteil, in seinem ersten Brief an die Thessalonicher erzählt er von Gefängnisaufenthalten und Gewalt gegen ihn. Die Obrigkeit seiner Zeit konnte nicht viel mit diesen Christen anfangen. Und ging regelmäßig auch gewaltsam gegen sie vor. Trotzdem schreibt Paulus: Jedermann sei untertan der Obrigkeit!

Ich halte Paulus für keinen, der sich weg duckt. Im Gegenteil: wenn Paulus etwas für sich als Aufgabe erkannt hatte, stand er dafür mit breiter Brust und großer Bereitschaft ein. Er tat und sagte, was er für richtig hielt. Und auf die Obrigkeit schielte er dabei ganz gewiss nicht.

Was also treibt ihn zu seinen Worten im Brief an die Römer?
Ich denke, es sind zwei Interessen: Das eine ist der Anlass des Briefes. Der alte Querulant Paulus will verhindern, dass die Menschen in Rom seinen Brief sofort wegwerfen. Denn wer gegen Rom war, der lief Gefahr, Leib und Leben zu gefährden. Paulus schreibt also: Ist doch alles gut! Wir Christen sind nicht gegen den Staat. Wir sind nicht gegen Rom. Wir sind keine neue Seperatistengruppe, die sich von Rom befreien will. Aber: Rom ist Gott untergeordnet. Wenn wir uns jetzt einen Augenblick lang daran erinnern, dass der Kaiser von Rom selbst als Gott galt und eines der Probleme der Christen ja genau darin bestand, ihn nicht anbeten zu wollen, dann lässt sich ahnen, dass Worte subversiver sind, als ihre Wirkungsgeschichte vermuten lässt.

Und das zweite ist, dass Paulus mit diesem Text klärt, worin das christliche Interesse besteht und worin es nicht besteht: Christen wollen keinen Staat machen. Zumindest wollen sie ihn nicht christlich beherrschen. Sondern sie sind Teil eines Staates und gestalten ihn, indem sie sind, die sie sind – und ihren Mitmenschen Gutes tun.

Oder um es vielleicht klarer zu formulieren: In diesem Text wird deutlich, dass die Trennung von Staat und Kirche dem Christentum nie eine Anfechtung war. Und es wird deutlich, was Christen von ihrem Staat erwarten: nämlich Gerechtigkeit und gute Ordnung.

Und durchaus frech erklärt Paulus, was dem Staat positiv an Aufgaben aufgegeben ist, wie er sein sollte! Mal ganz unabhängig davon, wie die Wirklichkeit alltäglich aussehen konnte. Er schaut den Staat mit großen Augen an und sagt: So bist du doch, nicht wahr? Ich habe dich als gerechten Staat doch ganz richtig dargestellt, oder? Du bist ein guter und wunderbarer, ja gottgegebener Staat. Nicht wahr? Oder bist du etwas ungerecht, willkürlich und schlecht…. Und verfolgst Du etwa Christen, die gar nichts anderes wollen als das Beste für die Menschen, die im Staat leben…. ?!

Ich vermute, der Paulus war viel mehr Schlitzohr denn behäbig-dummer obrigkeitsbeflissener Narr. Für Paulus – und so endet unser Predigttext dann ja auch nicht nur subversiv, sondern in aller Klarheit, gab es nur eine Obrigkeit: „So gebt nu jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem Steuer gebührt; Zoll, dem Zoll gebührt; Furcht, dem Furcht gebührt; Ehre, dem Ehre gebührt.“

Und natürlich hatten die Menschen, wie wir heute auch, dabei die Erzählung von Jesus im Ohr, der sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist; und Gott, was Gottes ist“. Und Furcht und Ehre gebühren alleine Gott. Keinem Staat.

Für uns heute empfinde ich die Worte trotz aller Fremdheit durch überkommene Begriffe wie Obrigkeit und Untertan sein, auf den zweiten Blick als gewinnbringend. Denn positiv ist doch in ihnen gesagt, dass es einen Staat braucht, der die Dinge zum Guten ordnet. Der darauf Acht gibt, dass Böses nicht ungestraft bleibt, und Gutes befördert wird. Und dass ein solcher Staat auch das Recht hat, z.B. Steuern zu erheben für die Aufgaben, die er übernimmt. Und dass wir uns als Christen nicht einfach aus einem solchen Gemeinwesen herauslösen können, sondern wir Teil des Ganzen sind. Unabhängig davon ob und wie Christen Aufgaben in einem Staatswesen übernehmen, geht es in ihrem Tun aber stets um die Ehre Gottes.

In einem demokratischen Staatswesen sind wir also Teil des Ganzen. Und sollten das auch selbstbewusst sein. Denn wir können davon sprechen, wie gutes Zusammenleben zwischen Menschen aussehen kann.
Und so sind Christen – meinem Textverständnis nach – Menschen, die nicht um der Macht willen nach Macht streben, aber den Staat in seinem Tun kritisch begleiten.

Einmal indem sie davon ausgehen, dass er seine Aufgaben erledigt, also eine gute Ordnung schafft und Gerechtigkeit wirkt; wo er das aber nicht tut, das können und sollten Christen dann auch widersprechen!, aber wieder, nicht zur Machtergreifung um der Macht willen, sondern damit es allen gut gehe im Staate und zur Ehre Gottes; und weiter sind Christen Leute, die um ihres Glaubens und um der Ehre Gottes willen, ihren Nächsten Gutes tun. Und das meint für mich tatsächlich dann auch die Arbeit der Erzieherinnen und Erziehern in christlichen Kindergärten, von Lehrerinnen und Lehrern in christlichen Schulen, die Arbeit in der Diakonie – vom Krankenhaus bis hin zur Versorgung und kritischen Begleitung derer, die kein Zuhause haben, sondern sich irgendwie durchschlagen – oder auch nachts vor unserem Dom schlafen.

Noch einmal: Nicht alle Kindergärten müssen christlich sein, aber wir Christen bieten auch von unserer Seite diese Arbeit als Teil dieser Gesellschaft an. Darum geht es. Um Teilhabe und kritische Begleitung bei gleichzeitiger Anerkennung der Notwendigkeit von Staatswesen. Und bei all dem Politikerbashing unserer Tage, ist das doch vielleicht auch wieder einmal gut, sich klarzumachen. Es braucht ein funktionierendes Staatswesen, dessen Teil wir sein können – und meinetwegen auch Untertan. Na gut. Kritischer Untertan.

Und so bewahre unser aller Herzen der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, in Christus Jesus und dessen Nachfolge. Amen.

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  Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober 2018 über Galater 5, 1-6

Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober 2018 über Galater 5, 1-6

Dr. Heiner Wilmer, Bischof - 31.10.2018

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
heute vor einem Jahr war ich auch in einer evangelischen Kirche zu Gast, in der lutherischen Christuskirche in Rom. Ich war eingeladen, die Predigt zu halten. Niemals hätte ich mir damals vorstellen können, ein Jahr später hier mit Ihnen in Braunschweig den Reformationstag zu begehen.
Am 31. Oktober 2017 war mitnichten davon die Rede, dass ich zum Bischof von Hildesheim gewählt werden würde. Ich freue mich sehr, dass Sie mich gerade heute als für diese Region zuständigen Bischof der römisch-katholischen Kirche zu sich eingeladen haben. Dies zeigt, dass wir schon jetzt da und dort – und hier konkret - Einheit leben im Sinne Jesu, der uns auf den Weg schickte mit den Worten: „Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,21).
Der Dom zu Braunschweig erinnert uns an die konfessionellen Auseinandersetzungen in der Geschichte, die überwunden sind, weil wir als Getaufte wieder den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus neu entdeckt haben. Ja, die Erinnerung geht noch weiter zurück: Der siebenarmige Leuchter hat schon vielen Generationen vor uns verdeutlicht, dass der Gott, den Jesus verkündete, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, der Gott, der das Volk Israel durch Mose aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit geführt hat.
Zur Freiheit befreit zu sein - entfesselt eingezwängte Kräfte.
Energie wird frei, um das Leben eigenverantwortlich zu gestalten, Gesellschaft und Welt neu zu formen, zu reformieren.
Doch - und das ist für uns Menschen zeitlos zutreffend: Ungestüme Freiheit geht oft auf Kosten anderer. So entstand auch das Gesetz des Mose, um die wiedergewonnene Freiheit zu regulieren.
Und bei Paulus?
Der emphatische Ausruf Pauli „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ mündet paar Verse später ein in das Korrektiv: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht - einer vom andern - aufgefressen werdet.“ (Gal 5,13.15).
Freiheit, so Paulus, erfährt ihre Grenze dort, wo sie den Mitmenschen bedroht. „Denn“, so Paulus, „das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Gal 5,14).
Vor 2000 Jahren wurde von vielen das zeitgenössisch und zeitbedingt ausgelegte Gesetz des Mose als bedrückende Last empfunden. Um die Zehn Gebote herum entstand eine Unzahl von Gesetzen mit strengen Verboten. Diese jedoch nahmen Menschen die Luft zum Atmen. Viele sahen in Gott den Moral-Gott, der fordert, zürnt und bestraft.
Jesus schenkte den so bedrückten, meist einfachen, schlichten und armen Menschen mit seiner Frohen Botschaft ein neues Selbstbewusstsein. Auch wenn ihnen von den Gebildeten, den Schriftgelehrten, den Theologen eingeredet wurde, sie seien Sünderinnen und Sünder, sind sie aber in den Augen des barmherzigen Vaters im Himmel dessen geliebte Kinder! Und um dies deutlich zu machen, bricht Jesus selbst das vorgegebene religiöse Gesetz und begründet dies mit dem markanten Satz: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27). Jesus will den Menschen zu sich selbst hin befreien in der Gottes- und in der Nächstenliebe. Das ist der Kern der Frohen Botschaft Jesu von Rechtfertigung und Erlösung!
Paulus verstärkt dieses Anliegen Jesu: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ In der mit dem Gesetz des Mose verbundenen Beschneidung der Männer sieht Paulus das Symbol für Unfreiheit: Die Menschen machen sich zu Sklaven Gottes; sie sollten aber Gottes geliebte Töchter und Söhne sein! Das ist die Freiheit der Christenmenschen!
In den verschiedenen Ortskirchen des 1. Jahrhunderts entwickelte sich das Freiheitsideal der Frohen Botschaft. Doch es kam da und dort an seine Grenzen: Wie weit sollte die Freiheit gehen, das eigene Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten? Wird Freiheit nicht auch zur Last? Braucht es nicht eine die Freiheit regulierende deutliche Führung? Der Ruf nach Sicherheit und Klarheit führte gerade in den folgenden Jahrhunderten immer mehr zur Frage nach der wahren Lehre und nach der wahren Moral. Immer genauere Definitionen von Gott und seinem Willen schränken ein und grenzen aus und verdunkeln die Freude am Evangelium. So kam es auch zu schlimmen Auseinandersetzungen unter den Christen.
Doch immer wieder gab und gibt es innovative Kräfte in der Kirche Jesu Christi, die zum Ursprung zurückführen. Wenn Kirche im Laufe der Jahrhunderte im Gesetzeswerk zeitbedingter Regeln zu erstarren drohte und das Joch der Knechtschaft die Getauften einzwängte und bevormundete, erinnerten Frauen und Männer daran, dass der Herr die Kirche als ein Haus aus lebendigen Steinen auferbaut hat (1 Petr 2,5).
Die Kirche ist eine ecclesia semper reformanda.
Martin Luther hat wortgewaltig und temperamentvoll die Reform eingefordert und auf die Freiheit aus dem Glauben hingewiesen. Die damals in der Kirche Verantwortlichen haben den tiefen Sinn seines Anliegens verkannt. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beschreibt Martin Luther die Wirkung eines solchen freien und eigenverantworteten Glaubens so (27):
„Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein freies, bereitwilliges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen." Es ist „der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“, wie Paulus sagt.
Erst spät haben wir in der katholischen Kirche die theologische Intention Martin Luthers richtig verstanden und mit dem II. Vatikanischen Konzil und seitdem als Bereicherung erfahren. So können auch wir Katholiken den Reformationstag mitfeiern. Als Getaufte, welcher Konfession wir auch angehören, haben wir ein wesentliches Grundprinzip der Kirche Jesu Christi erkannt, das für Martin Luther so wichtig war: der Glaube!
Paulus schreibt: „Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.“ (Gal 5,5).
Es ist ein komplizierter Satz, den ich so interpretieren möchte: Im Geist dürfen wir darauf vertrauen, dürfen wir daran glauben, dass Gott uns zutiefst liebt und annimmt.
Um von Gott geliebt zu werden, bedarf es keiner Vorleistungen unsererseits, keiner Ein-Schnitte, die wir vornehmen müssen. Die Liebe Gottes geht unseren Anstrengungen immer voraus. Das bedeutet hier Freiheit von: Ich brauche nicht zu fragen, wie ich vor Gott dastehe, was ich leisten muss, um geliebt, um angenommen zu werden. Es ist durch Christus alles getan. Ich bin schon frei - im Hier und im Jetzt!
Wenn wir auf Paulus schauen, wird deutlich, dass es ihm um die innere Dimension der Freiheit geht: Die Erfahrung, innerlich frei zu sein, ist Geschenk. Vor meinem inneren Auge steht der freie Mensch aufrecht. Er hat Luft zum Atmen, den Blick nach vorne oder nach oben gerichtet. Er ist nicht in sich gekrümmt. Diese innere Freiheit wirkt ansteckend. Ihr sind andere Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten nicht egal. Diese innere Freiheit hat die Qualität, sich für die Freiheit anderer einzusetzen.
Ich sehe in dieser Perspektive auch eine neue Aufgabe für die Ökumene. Wir sind als Kirche Christi – ich wähle hier ganz bewusst den Singular – aufgerufen, die Liebe Gottes und die Botschaft der Freiheit zu verkündigen.
Im Blick auf meine katholische Kirche muss ich zugeben, dass uns dies in den letzten Jahren nicht gelungen ist. Wir haben die Liebe Gottes mit menschlicher schwerer Schuld verdeckt.
Und dennoch: Es ist uns geschenkt, uns immer wieder von der Liebe Gottes anstecken zu lassen und diese Liebe nicht für uns zu behalten.
Als einzelne und als Kirche dürfen wir aufatmen, durchatmen, aufrecht stehen, weil Gott uns Atem gibt und den Rücken stärkt. In dieser Freiheit haben wir einen gemeinsamen Auftrag zur Freiheit zu - zur Freiheit zu handeln.
Hier sehe ich auch den Reformationstag verortet. Aus der Erfahrung der geschenkten innerlichen Freiheit heraus ist es uns aufgetragen, gemeinsam auf die Unfreiheiten, Ungerechtigkeiten und Schieflagen unserer Gesellschaft hinzuweisen. Und wir sind um des Ökumenischen Zeugnisses willen gefordert, die Einheit im Glauben schon jetzt zu leben!
Der Herr befreit uns von der Last traditionsreicher schwieriger theologischer Denkstrukturen, indem er uns zuruft: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3). Er empfiehlt uns das unkomplizierte Fühlen und Denken der Kinder – als Kinder Gottes! Kindern sind hochkomplizierte Sachverhalte fremd. Kinder lassen uns Erwachsene oft das Wesentliche entdecken, weil Kinder sich oft ungehemmt frei fühlen! So freuen wir uns als Kinder Gottes über die versöhnte Verschiedenheit unserer konfessionellen Traditionen in der einen Kirche Jesu Christi. So freuen wir uns, dass Getaufte einen Glaubeneben, der durch die Liebe tätig ist.
So freuen wir uns, dass Getaufte etwa als konfessionsverbundene (Ehe-)Paare sich in evangelischen und katholischen Kirchen zuhause fühlen und am Abendmahl und an der Kommunion teilnehmen. So freuen wir uns über die große Vielfalt der Charismen, der Geistesgaben. Diese machen die Wirklichkeit der einen Kirche Jesu Christi aus! Sie ist nicht getrennt in verschiedene Gemeinschaften und Traditionen, sondern in ihnen verbunden!
Es gibt verschiedene Dienste und Ämter, z.B. Pfarrerinnen und Priester, Bischöfinnen und Bischöfe, es gibt verschiedene Liturgien, es gibt verschiedene Lehrtraditionen und noch viele weitere Verschiedenheiten, aber nur den einen Herrn Jesus Christus. So freuen wir uns darüber, dass wir uns gegenseitig bereichern in bunter und versöhnter Verschiedenheit!
Nehmen wir diese Wirklichkeit wahr als Kinder Gottes! Huldigen wir nicht der realitätsfernen Idee einer „reinen Lehre“, die nur wieder spaltet in evangelisch, lutherisch, reformiert, altkatholisch und römisch-katholisch!
Franziskus, Bischof von Rom, schrieb in „Evangelii Gaudium“:
„Die Wirklichkeit steht über der Idee.“ (233) -
und
„Die Unterschiede zwischen den Menschen und den Gemeinschaften sind manchmal lästig, doch der Heilige Geist, der diese Verschiedenheiten hervorruft, kann aus allem etwas Gutes ziehen und es in eine Dynamik der Evangelisierung verwandeln, die durch Anziehung wirkt.“ (131)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – So lasst uns einander Gehilfen zu unserer gemeinsamen Freude am Evangelium sein! (vgl. 2 Kor 1,24).
Amen.

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  20.Sonntag n.Tr.

20.Sonntag n.Tr.

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.10.2018

Die ZEIT titelt „Einer, der fehlt – zum 100. Geburtstag von Helmut Schmidt, wie er war und was von ihm bleibt“ In Bayern rennt die CSU heute mutmaßlich mit Riesenschritten in ihr Fiasko und draußen ist eine Jahreszeit, für die wir noch kein Wort haben - aber vielleicht schleunigst eins finden sollten.
Dazwischen wir, mal aufgekratzt und fröhlich, mal voller Sorgen, ernst und traurig, Lebenskünstler oder solche, die es sich immer schwer machen, welche, die sich in Rage reden können, was aus unserem Land werden soll, andere, die bedächtig an ihrem Urteil feilen und dritte, denen beinahe alles egal zu sein scheint…
Zeit rast und plötzlich ist es vorbei.
Und was war es dann, dieses Leben? Was haben wir damit gemacht? Was bleibt?
Hoffentlich bleibt was von ihm, sagte mir der Vater eines verunglückten Freundes. Ich vermute, dass mancher Politiker sich heute Abend fragt. Was bleibt?
Sabine Rückert malt in der ZEIT aus, wie Helmut Schmidt den Dieselgate, die Asylfrage, die AFD angehen würde. Von ihm bleibt ein Mythos.
Was bleibt von uns? Kommt es darauf an, was wir gebaut, geschrieben, gepflanzt, besessen haben, damit es weitergeht – mit unserer Familie, dieser Stadt, den Kirchengemeinden…?
Wofür sollen wir unsere Kraft, Kreativität und Liebe geben?
Es ist uns gesagt, was gut ist, was zu tun ist – so heißt es über diesem Tag.
Ja. Aber die Zeit rast und das Heute verschwindet, ehe man so richtig realisiert hat, was die Herausforderung des Augenblicks war. Rückblickend begreift man dann oft nicht, geglaubt zu haben, dass noch Zeit ist, dass alles noch wird.
Und dabei fühlt sich dieses Leben nicht an wie Apokalypse.
Die Bäume leuchten golden, der Himmel ist bestrickend blau …
Trotzdem hat uns etwas hergetrieben, heute Morgen. Vielleicht ist es das sonntägliche Vergewisserungsritual, das Heimkommen können in den Worten und Liedern. Und bestimmt auch die Unruhe, dass etwas passieren muss, dass es nicht dabei verbleiben kann, dass es nur uns gut geht…
Ich könnte noch ein bisschen weiter mit Sinnfragen durch die Predigt jagen. Verfolgt von den Texten dieses Sonntages. Denn es geht in ihnen stets und ständig um Zeit, weil alles vergeht. Wir haben ja gehört:
„Denk an deinen Schöpfer…
ehe die bösen Tage kommen,
ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden
ehe der Strick zerreißt und die Schale zerbricht und der Eimer zerschellt und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.“
Denk an ihn, ehe es zu spät.
Denk an ihn beizeiten, im Frühling des Lebens, „dann wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denk an ihn in deiner Jugend.“
Denk an den Schöpfer beizeiten. Da wird der weise Prediger Salomo Recht haben. Für die meisten von uns kommt das vermutlich trotzdem zu spät. Unsere Jugend und Mandelblüte ist mehrheitlich vorbei.
Womöglich ist Gott also eine Metapher
für all das, was wir nicht rechtzeitig getan haben,
für all das, was wir sehenden Auges haben laufen lassen,
für all das, was wir dachten, nicht beeinflussen zu können…,
für all das, was wir hätten machen können aber nicht gemacht haben.
Und jeden Moment fällt davon wieder etwas an.
Denn es scheint ja schon zu sein, dass die Demokratie in unserem Land und unserer Welt gefährdet ist und wir endlich widersprechen müssen, laut und deutlich, wenn Populisten, Nationalisten, Diktatoren Menschenrechte beugen…
Es scheint schon so zu sein, dass wir Deutschen, die wir so stolz auf unseren Erfindergeist und unsere Technikaffinität sind, uns bewegen müssen und sehr grundsätzlich über Mobilität, Energie, Ernährung nicht nur nachdenken müssen, sondern neu und anders handeln.
Es scheint so zu sein, dass wir nicht einfach weitermachen können.
Und auch:
Wir wissen schon lange, wenn nicht schon immer, was gut ist. Und auch schon lange steht in unserer Bibel auch folgender Paulustext:
„Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Darum sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“
Leben als ob all das, was unser Leben prägt, nicht wichtig wäre.
Leben als ob es keine Bedeutung hat, mit wem wir leben, ob wir lachen oder weinen, wer wir sind und was wir haben… -
Kann das gemeint sein?
In einem Kommentar heißt es: Weil alles vergeht, weil Zeit eben rast, sollen wir uns weder an das was wir sind und haben, klammern noch es desinteressiert bagatellisieren und abqualifizieren. …
Entscheidend ist das das ob, sondern WIE wir leben, denn IN unseren Lebens- und Weltbezügen müssen wir christliche Freiheit realisieren, nicht daneben, davor oder danach.“
Entscheidend ist nicht, ob wir mit jemandem zusammenleben, sondern WIE. Entscheidend ist nicht, ob wir lachen oder weinen, sondern was Freude oder Schmerz jetzt auslösen und bewirken.
Entscheidend ist nicht, was wir besitzen, sondern dass wir nicht glauben, dass unser Besitz über unsere Zukunft entscheidet.
Weil alles vergeht, sind wir frei von den Strukturen dieser Welt.
Im Umkehrschluss: Das Streben nach dem, was bleibt, schnürt uns ein, nimmt uns gefangen.
Leben als ob.
Das klingt nach Leben in Distanz.
Das meint das wahre Leben im Falschen, das Leben in letzter Freiheit.
Was wir sind und haben, gehört zum Vorletzten, so wichtig es uns sein mag.
Das zu begreifen, gewährt Freiheit, um das zu tun, was heute noch getan werden muss.
Draußen ist eine Jahreszeit, für die wir noch kein Wort haben.
Aber es ist unsere Zeit und unsere Gegenwart. Es kommt darauf an, wie wir jetzt leben, was wir jetzt tun, ob wir jetzt Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig sind.
Was bleibt, liegt in seiner Hand.

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  Erntedank

Erntedank

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.10.2018

Es regnet immer noch nicht. Jedenfalls heute ganz in der Früh nicht.
Aber wenn ich über den Markt gehe, wenn ich unseren wunderbaren Altar ansehe, dann erlebe ich die Fülle der Ernte, ganz zu schweigen von den Äpfeln, Pflaumen, Beeren und Weintrauben, die in diesem Jahr so überreichlich gediehen sind. Der Tisch ist reich gedeckt. Lasst uns Erntedank feiern.
Aber: das ist meine Wahrnehmung und meine Wahrheit.
Für manchen Landwirt ist es ein schweres, wenn nicht sogar schlimmes Jahr. Wirklichkeit klafft auseinander, einmal mehr.
Manche Familie weiß nicht, ob sie morgen noch etwas zu essen haben wird.
In Chicago haben wir erlebt, dass viele Afroamerikaner in Gebieten leben, die man Fooddeserts nennt, Nahrungswüste, weil man dort nichts, wirklich nichts zu essen kaufen kann und wir haben gehört, dass Häftlinge in der Untersuchungshaft eine Tagesration bekommen, die sich ausschließlich am lebensnotwendigen Kalorienbedarf orientiert. Keine Rede von Vitaminen oder Eiweißen. Eine Packung Erdnüsse reicht da schon…
Anderswo gibt es nicht einmal die. Fast eine Milliarde Menschen hungert.
Und in Deutschland werden pro Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet, 300 kg pro Nase pro Sekunde – so die aktuelle WWF Studie. Eine irrsinnige Zahl.
Und irgendwo dazwischen sind heute auch wir.
Am Erntedanktag.
Wir haben Grund zu danken. Wirklich und in fast jeder Hinsicht – es ist vieles gut, manches wunderbar, herzerwärmend und ungeheuer beglückend.
Aber muss man, um reinen Herzens danken zu können, womöglich den Rest der Welt ausblenden?
Was ist mit denen, deren Hände leer geblieben sind?
Was ist mit denen, deren Herzen leer geblieben sind?
Was ist mit denen, deren Lebensernte ausgeblieben ist?
Manchmal stehen wir doch ratlos vor der Menge des Unglücks, dass sich in einer einzigen Lebensgeschichte versammelt hat, vor der Zerstörungswut, mit der Menschen einander wehtun, vor all der Ignoranz und Engherzigkeit, der Angst, die in unserem Land umgeht.
Wie soll man ein Dankfest feiern angesichts der Ernteausfälle, der Fruchtlosigkeit mancher Lebensgeschichte, angesichts der mageren Ernte all derer, die für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung leben und arbeiten?
Grade haben wir noch gesungen, dass wir nur pflügen und streuen aber Wachsen und Gedeihen in Gottes Hand liegen. Man könnte sich also bequem rausziehen, weil es so gesehen nicht an uns ist, ob unser Leben, das Miteinander in unserem Land und unserer Gesellschaft gelingt oder nicht. Gott gibt und nimmt, beschenkt und versagt nach seinem Ratschluss.
Sind wir schlicht machtlos? Dabei braucht es nicht viel, um zu begreifen: das Unglück, die Dürre, das Scheitern verschwindet nicht aus unserem Leben, wenn wir die Rechnung genauso bekommen, wie wir sie haben möchten.
Und außerdem: es regnet ja immer noch nicht…
Sollen wir etwa für die Trockenheit danken???
Ja, ich glaube fast, irgendsowas sollen wir. So jedenfalls klingt der Predigttext für diesen Tag. Er kommt sehr knapp daher und es heißt:
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Wenige Worte, aber eine dicke Packung.
Alles, so wird uns geschrieben, ist gut – wenn wir es dankbar empfangen.
Ich halte diese Worte für eine Zumutung und kann mir nicht vorstellen, dass Menschen nur dankbar sein müssen, um mit ihrem Leben, seinen Schwierigkeiten, im besten Sinne des Wortes Frieden schließen zu können.
Genauer: ich würde mich nicht trauen, einem Menschen, der mir von seiner Angst und Not erzählt, zu sagen, er möge nur dankbar sein …
Das kann den Menschen vor fast 2000 Jahren unmöglich anders ergangen sein. Sie haben Ernteausfälle, vorzeitiges Sterben, Hunger und Nor erlitten und werden dafür nicht dankbar gewesen sein. Der Schlüssel für die Bedeutung dieser Zeilen muss an einer anderen Stelle liegen:
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird…“
Alles, was Gott geschaffen hat. Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt, so heißt es im Nicänum. Gott hat all das gut eingerichtet und uns anvertraut. Es ist noch immer seine wunderbare Schöpfung, die alle ernähren kann, die unentdeckte Wunder und Möglichkeiten birgt und gesunden menschenfreundlichen Lebensraum, wenn wir sie nicht kaputtmachen. Sollten wir nicht dankbar sein trotz allem, weil Gott nichts Verwerfliches, nichts Böses kommt? Ein alter Mann sagte mir letzte Woche in einem seelsorglichen Gespräch: Das Schlimme, das Böse, das Leid, kommt all das nicht aus uns selbst? Ja, Neid, Hass, Gier, das sicher. Aber Krankheit und Tod? Ich habe keine Antwort darauf und ob die Menschen, die die biblischen Texte aufgeschrieben haben, einen Antwort hatten, - ich glaube es fast nicht.
Aber sie haben uns einen doppelten Rat gegeben:
1. Empfangt mit Dankbarkeit, denn das ist eine Haltung, die sehen hilft, was nicht selbstverständlich ist, was in allem – sei es noch so schwer – doch da ist. Das mag billig und zu wenig klingen, aber oft erlebt man, dass gerade die Menschen, die es unsagbar schwer haben, viel besser sehen wo Gnade und Segen in ihrem Leben ist. Sie wissen mehr davon, darum sollten wir auf sie hören…
2. Was dankbar empfangen wird, wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
… es wird geheiligt. Dankbarkeit ist eine Haltung, die etwas heraushebt, heiligt. Heiligt. Was meinen wir damit? Wenn unsere katholischen Geschwister „heilig“ sagen, dann meinen sie heilige Orte und heilige Zeiten. Das Heilige ist kraftvoll. Menschen wussten, was zu tun ist und was nicht, wann welcher Heilige anzurufen, in welcher Not welcher Ort aufgesucht werden muss und fühlten sich in dieser Ordnung geborgen. Reformation und Aufklärung haben dieses System entzaubert. Nun gehören Entscheidungen in unsere Herzen und Gewissen und sind nicht verbunden mit heiligen Orte, Zeiten und Formeln. Nur Gott ist heilig.
Aber alles was ist, so sagt es Fulbert Steffensky, ist ein Echo Gottes, hat Anteil an seiner Heiligkeit und ist seine Spur. Wenn wir den Sonntag heiligen, das Wasser, die Ernte, das Leben, dann sind wir – so sagt er kühn - Koproduzenten der Heiligkeit, dann kommt uns der Sonntag, das Wasser, die Ernte, das Leben als heilig entgegen. Was wir als heilig wahrnehmen, dass so sagt er „figuriert unsere Innerlichkeit.“
Wenn wir unser Leben vor den heiligen Gott bringen, dann heben wir es heraus, weil besonders ist und kostbar, was heilig ist. Wenn wir unsere Lebensernte vor den heiligen Gott bringen und ihn darauf sehen lassen, wird es sein barmherziger Blick sein, der heiligt und heilt und uns so hilft.
Dankbarkeit ist dann ganz einfach, weil das nicht selbstverständlich ist.
Es regnet ein bisschen. Es ist nicht alles gut.
Aber der Tisch ist reich gedeckt. Wir dürfen herzu kommen. Amen




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  GD zum Schöpfungstag

GD zum Schöpfungstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2018

Im Hambacher Forst wurden gewaltsam Baumhäuser geräumt, in deutschen Städten droht das Dieselfahrverbot, allüberall produzieren wir zu viel Müll, verbrauchen fossile Brennstoffe, verschwenden Trinkwasser, Klimaflüchtlinge suchen hier Zuflucht und nach diesem Sommer muss auch der Letzte zur Kenntnis nehmen, dass sich das Klima ändert – mithin es scheint zwei vor zwölf zu sein und wir hocken gefesselt von unserer Lebensgewohnheiten, Wirtschafts- und Energieversorgungsmodellen, Ratlosigkeiten und Wohlstandsfragen wie Petrus, von dem der Predigttext an diesem Sonntag sprich, im Gefängnis. Die Apostelgeschichte erzählt:
„Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis….“
Es ist zwei vor zwölf. Mögen die Menschen draußen auch ohne Unterlass beten – und immerhin, das tun sie! – alles spricht dafür, dass mit der neue Tag die Hinrichtung des Petrus bringt, der Lauf der Dinge zeichnet sich überdeutlich ab und es ist nicht absehbar, dass die Mächtigen und Einflussreichen, diejenigen, die an der Situation verdienen, ihre Meinung oder Politik ändern. Die Prognose ist schlecht, die Verbündeten schwach und Petrus? Der schläft.
Man sollte doch denken, dass Angst und Sorgen ihn um die Nachtruhe bringen!
Man sollte doch denken, dass er betet oder an seinen Ketten rüttelt oder …
Aber nein. Er schläft. Vielleicht ist es der Schlaf der Erschöpfung. Vielleicht hat er sich längst leer gepredigt und keine Kraft mehr. Vielleicht fügt er sich in das Unvermeidliche, weil er es nicht ändern kann. Er wird wissen, dass die Menschen draußen, manche jedenfalls, Passahfest feiern und sich erinnern an ihre Errettung und Befreiung. Vielleicht weiß er sogar, dass sie für ihn beten. Aber das hält ihn nicht wach. Vielleicht braucht es solche haarsträubende Passivität, um dem Wunder den Weg zu ebnen? Dann wären wir ja gut dran. Denn es wird weiter erzählt:
Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Wirf deinen Mantel um und folge mir!
Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter und alsbald verließ ihn der Engel….“
Petrus wird aufgeweckt, angerührt und angesprochen, befreit. Alles geschieht an ihm. Fesseln fallen ab. Türen öffnen sich automatisch. Er selbst sagt nichts und tut nichts. Aber der Gottesbotel bringt ihn ins Laufen: „Steh auf! Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um und folge mir!“
Der verläuft in unmittelbarer Nähe der Mächtigen, durch eigentlich unpassierbare Tore, hinein in die Stadt. Erst glaubt Petrus, dass er träumt, dann werden seine Schritte fester. Es ist ein Befreiungswunder wie man es aus Abenteuergeschichten kennt. Und es ist eine Umkehr, ein Weg in die Nachfolge.
Ein neuer Tag in Freiheit bricht an. Damit konnte Petrus nicht rechnen. Und wir am Schöpfungstag auch nicht. Denn auch wir sitzen fest und finden nicht vom Reden ins Handeln, vom Begreifen ins Tun. Wir kriegen die Füße frei, weil wir sie in einen Zementeimer gestellt haben als wir uns angewöhnten, den Schöpfungsauftrag als Herrschaftsauftrag zu hören. Wir fühlten uns im Recht, denn es heißt ja: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht….“
Aber: gewaltsame Unterwerfung ist damit nicht gemeint. Der hebräische Text intendiert keine Inbesitznahme sondern treusorgende Haushalterschaft – auch dafür muss man die Füße auf den anvertrauten Boden setzen. Aber eben nicht, indem man alles niedertrampelt.
Wenn wir endlich rausgerissen werden und neu losgehen wollen, müssen wir Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung zusammendenken und wie Petrus sehr nah an den bewaffneten Wachen vorbei, gilt es einige Tore und Nadelöhre zu passieren, mit anderen Worten: Wege in die Nachfolge suchen.
Und das heißt: Wir müssen aufhören, von uns her zu denken und zu entscheiden, von der Natur her. Sie ist Quelle, nicht Kontext. Nicht Verfügemasse, sondern Gegenüber, nicht Es sondern Du. Deshalb führen unsere anthropozentrischen Denkmodelle, Erziehungs-und Bildungskonzepte in die Irre, weil sie vergessen, dass wir Teil der Schöpfung sind und ohne sie nicht leben können.
Von Petrus heißt es: Als er „und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.“
Er steigt nicht radikal aus. Er bleibt mit denen unterwegs, mit denen er seine Zeit und sein Leben teilt. Er sucht ihre Gemeinschaft und sie die beten, um gute Wege zu finden.
Deshalb soll Schöpfungstag als Gottesdienst gefeiert werden und Liturgie und Ethik, Schöpferlob und menschliches Gelingen und Versagen, zusammenbringen. Deshalb preisen wir Gott, singend und vervollkommnet durch das Vokalensemble. Deshalb verorten wir uns vor Gott in seinem je weiteren Horizont und das schließt kurzfristiges, am schnellem Effekt und Gewinn orientiertes Denken aus, deshalb wissen wir uns vor ihm als sterbliche Mitgeschöpfe, die ohne Erde und ohne einander nicht leben können.
Ist also noch Zeit, ein Apfelbäumchen zu pflanzen?
Ich sagte es ja schon. Wahrscheinlich ist es gar kein Lutherwort, sondern entstand in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Belegt werden kann das Wort jedenfalls erst in einer Predigt eines Pfarrers der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1944. Damals sahen die Menschen ihre Welt untergehen. Vielleicht hat sich jener Prediger an die Petrusgeschichte erinnert, daran dass Gott in einem Moment, in dem keine Zukunft möglich schien und weiter so ausgeschlossen war, einen Engel schickte, der sagte: „Steh auf! Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um und folge mir!“ Und dann die wichtigsten Schritte voranging…
Mir geht es nicht darum, zu vergleichen, welche Geschichte am dramatischsten ist. Aber auch wir befinden uns am Scheidewege, auf der Suche nach Wegen in die Freiheit, nach einen neuen Anfang.
Es mag zwei vor zwölf sein. Aber es kann in Jesu Nachfolge alles neu und anders werden.

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  GOTTESDIENST ZUR BEGRÜSSUNG UND SEGNUNG DER MÄDCHEN- UND JUNGENKANTOREIEN I

GOTTESDIENST ZUR BEGRÜSSUNG UND SEGNUNG DER MÄDCHEN- UND JUNGENKANTOREIEN I

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.08.2018

Heute geht’s rund um den Segen. Die Jungs I und Mädels I der Kinderkantoreien sind gerade im Kreise ihrer Familien gesegnet worden – und auch Ihr anderen habt entweder im letzten oder vorletzten Jahr den Segen empfangen. Und gleich, da werden wir Laura und Anna segnen und ganz zum Schluss, da werden noch einmal alle gesegnet. Aber was meint das eigentlich, wenn man unter dem „Segen Gottes“ geht? Woran macht sich das in einem Leben fest?
Vielleicht braucht es zur Beschreibung erst einmal, was es ist nicht ist. Segen meint nicht, von Gott alle Wünsche erfüllt zu bekommen. Denn, mal Hand aufs Herz: was würdet Ihr Euch heute wünschen, wenn einer käme, der jeden Wunsch erfüllen könnte?
Wäre es etwas, das man anfassen kann? Wie ein Spiel oder ein eigener Computer oder ein Buch? Oder wäre es etwas, um das Ihr mit Euren Eltern manchmal streitet? Wie die Erhöhung der Spiel-zeit am Computer oder die Erlaubnis, endlich einmal einen bestimmten Film sehen zu dürfen? Oder wäre es etwas Grundlegen-des – vielleicht dass Eure Familien gesund bleiben oder dass Ihr Euch mit Euren Freunden immer gut versteht? Was würdet Ihr Euch wünschen, wenn Ihr die freie Wahl hättet?
Wir alle wissen, dass Wünsche ganz zum Augenblick gehören. Und dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können, ja nicht einmal soll-ten. Was aber dann ist Segen?
Ich denke, es kommt dem nahe, was viele Eltern sich in unseren Taufgesprächen für ihre Kinder erhoffen: nämlich dass ihr Kind wohlbehalten, gesund, unbeschadet, selbstbewusst und rücksichts-voll seine eigenen Wege zu gehen lernt. Dass es seine Stärken findet und nutzt, dass es mit viel Lachen und Freude zu einem fröhlichen und freundlichen Menschen heranwächst. Geld und Wohlstand erhoffen Eltern für ihre Kinder in diesem Zusammenhang nur auch. Noch mehr hoffen sie aber, dass ihr Kind an dem Ort, den es für sich im Leben findet, zufrieden sein wird und mit Menschen zusammen lebt, die es mag. Und die meisten hoffen auch, dass ihr Kind den Nächsten im Blick behält und achtsam durch das Leben geht.
Was aber hilft zu solchem Segen? Wie können Hoffen und Tun Hand in Hand gehen, damit am Ende tatsächlich eine Kindheit steht, die schön und manchmal schwer, die stärkend und wertevermittelnd, die auf Zukunft vertraut und gut ist?
Denn dass das Ganze gar nicht so leicht ist, fällt auf, wenn das normale Leben an die eigenen Hoffnungen und Vorsätze brandet. So saß ich z.B. am letzten Wochenende mit einer Freundin im Garten und blickte mit ihr auf ihren anderthalbjährigen Sohn, der mit unserem Zehnjährigen auf dem Rasen spielte: Bobbycar-Rennen. Irgendwann meinte ich, dass wir viele Fahrzeuge unseres Kinderfuhrparks eigentlich gar nicht mehr brauchen und ob sie nicht einiges davon einpacken und mitnehmen wolle. Sie stockte kurz und antwortete, dass Ihr Sohn das einzige Kind der ganzen Familie sei – und es ihr schon jetzt schwerfiele, die große Familie in ihrer Schenkfreude zu bändigen und zu organisieren. Da würden Geschenkideen fast schon mehr helfen als das Mitnehmen von Dingen. Ihr Problem ist das Zuviel, und die Sorge, bei ihrem Sohn könnte sich eine große Selbstverständlichkeit herausbilden, dass er immer alles zu jeder Zeit haben könnte, weil es schon immer jemanden geben wird, der bereit ist, ihm das Gewünschte zu schenken.
Und anders gibt es natürlich – auch in Braunschweig – jene Kinder, die entgegengesetzt leben. Weihnachtsaktionen wie die von Parkbank eV, wo Kinder ihre Wünsche an einen Weihnachtsbaum hängen können und andere diese Wünsche dann abnehmen und erfüllen, zeugen davon. Genauso wie jene Familien, die bei uns klingeln und oft sehr leise und voller Scham fragen, ob wir sie nicht beim Kauf von Schulbüchern oder mit Hilfe von Kleidung für die Kinder unterstützen könnten. Wir tun das, für solche Zwecke und für andere, wo hier vor Ort Hilfe gebraucht wird, sammeln wir in jedem Gottesdienst. Und wir sind froh, dass andere Partner in der Stadt wie die Diakonie mit von der Partie sind. Kleidung gibt es in Läden wie Zweimalschön und Ersthilfe in Ansprechstationen wie der Tagesstätte IGLU. Essen im Madamenhofweg usw. Und die Diakonie ist nicht allein, noch andere Partner sind im Bereich der Wohlfahrt unterwegs. Ein großer Wert für ein Gemeinwesen.
So brandet die Wirklichkeit also an die Wahrheiten des Zuviel hier und des Zuwenig dort. Aber alle miteinander sollen die Kinder lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden und sich selbstbewusst zu bewegen lernen. Und wahrlich, wo das gelingt, ist Segen. Im Guten wie im Bösen vertrauensvoll und aufrecht zugleich dem Morgen entgegen gehen zu können.
Wir sitzen heute im Gottesdienst in einer Kirche. Und Ihr seid einzeln gesegnet worden oder werdet am Ende alle miteinander gesegnet. Hilft das? Hilft Euch das, oder uns als Eltern?
Es wird Sie wenig überraschen, wenn ich sage: Ja!
Und dieses „Ja“ hat zwei Gründe – und beide resultieren letztlich aus Erfahrung. Zum einen stamme ich aus einer Familie, die nicht wirklich zu den Sonntagskirchgängern gehörte; der aber christliche Werte in ihrem Grundverhalten durchaus bewusst waren. Und das waren erst einmal so schlichte Dinge wie: der Ellenbogen muss nicht ausgefahren werden, nur weil man’s kann. Sondern wenn jemand schwächer ist als du, dann kümmere dich besser um ihn. Oder: es ist gut und es gehört sich, Dinge auch einmal unentgeltlich zu tun. Gemeinschaft ist wichtig. Und wenn man z.B. in einem Verein ist, dann muss irgendjemand auch irgendwann einmal bereit sein, das Klo zu putzen. Überhaupt galt es als gut, sich einzusetzen, zu tun, aktiv zu sein. Das war gut, aber noch kein Segen.
Und damit komme ich zu der anderen Erfahrung, die irgendwann dazu führte, in meinem Leben auf Gott zu setzen: Diese Erfahrung gilt den Andachten und Gottesdiensten: denn damals habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, in allem Treiben von Schule, Freizeit, Freunden und Familie auch einmal innezuhalten und Zeit für mich zu haben; Zeit um mich zu sortieren und neu auszurichten. Gerade so wie Jesus sich in der Bibel aus dem ganzen Treiben seines Lebens immer wieder einmal herauslöst und zurückzieht – in die Wüste, auf den Berg, ans Wasser. Im Gebet vertraute er sich Gott an und ging als Gesegneter aus dieser Stille hervor. Erwachsene, aber auch Heranwachsende brauchen – Zeit. Und schöne Rituale. Und gute Geschichten. So wie die vom barmherzigen Samariter, die wir vorhin gehört haben! Oder die vom verlorenen Schaf. Oder die von den Lilien auf dem Felde. Oder die von Jesus als einem, der gerne gegessen und getrunken und mit Leuten geredet hat. Oder die von Zachäus, zu dem Jesus ins Haus geht, obwohl ihn niemand leiden kann. Oder jene von den Wölfen und Schafen, die friedlich beieinander weiden. Und dass Feinde einander lieben sollen. Oder die Geschichte von der Hoffnung, die noch im Tod an das Leben glaubt. Oder dass Gott in der Normalität einer Zimmermannsfamilie das Licht der Welt erblickte. Nun, ich hoffe, dass Ihr zumindest einige der Erzählungen kennt. Sonst sollten wir sie gemeinsam kennen lernen. Denn sie vermögen das Denken zu prägen und am Ende Gesellschaften zu formen.
Wenn Geschichten wie diese einer Gesellschaft verloren gehen, dann erinnert sich niemand mehr, warum er eigentlich nicht – wo möglich – seinen Nächsten übervorteilen und die Ellenbogen einsetzen sollte. Wenn sie verloren gehen, dann liegt es nicht nahe, jemandem zu helfen, den man nicht kennt. Wenn man noch nie etwas von der Feindesliebe gehört hat, dann geht es vielleicht so wie einer meiner Konfirmandinnen vor einigen Jahren, als wir diesen Teil der Bergpredigt gelesen haben, und sie spontan ganz ehrlich mit den Worten reagierte: „Was ist das denn für ein Quatsch?“ Die Kraft, die in der Kombination von Demut und geradem Rücken liegt, wie soll sie ohne das Wissen um den Nazarener bewusst wer-den? Oder Beispiele von Menschen, die seinem Weg – als Christen oder auch nicht – aber seinem Weg folgten: Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder unsere eigene friedliche Revolution 1989 sind doch Beispiele, wie man ohne Waffen und ohne Gewalt die Welt in Bewegung bringen kann. Menschen, die dieser Welt auf dem Weg des Friedens zum Segen wurden.
Aber die Werte des Christentums scheinen heute nicht besonders populär, anders kann ich die Nachrichten nicht deuten, wenn ich da von einem amerikanischen Präsidenten lese, dessen Integrität fraglich ist, oder von einem russischen Rechtssystem, das bei Leuten aus der Oppositionsbewegung besonders gerne gefängniswürdige Verfehlungen findet, oder von einem Schiff, das Menschen vor dem Ertrinken rettet, und dem deshalb tagelang die Einfahrt in den eigenen Hafen verboten wird, usf..
Ich denke, ein bisschen mehr Bildung der Persönlichkeit im Sinne Jesu täte gut. Denn sie meint, sich nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Heilung und Heil, nach Nächstenliebe und Selbstliebe zu sehnen. Und wenn wir Gott – ernsthaft und mit dem Herzen – denken, dann denken wir auch den Rest. Und erfahren so seinen Segen, um ihn weiterzutragen.
Bestimmt sind wir Christen derzeit keine Massenbewegung, aber wir bleiben das Salz der Erde. Und als Salz der Erde sollten wir nicht aufhören einfach treu weiter unsere Geschichten zu erzählen und Gott dafür zu loben, dass er uns die Wege zum Leben gelehrt hat. So werden wir selbst stark und selbstbewusst, fröhlich, gelassen und achtsam für unsere Nächsten. Und so lässt sich Welt gestalten. Zuerst im Kleinen, aber dann auch im Großen.
Amen.

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  6. Sonntag nach Trinitatis, Gal 2,16-21

6. Sonntag nach Trinitatis, Gal 2,16-21

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.08.2018

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wo findet sich Heil?
Darum geht’s in unserem Predigttext, der, zugegeben, nur wenig zugänglich ist. Irgendwie bekommt man mit, dass es um das Gesetz geht, aber was und wie genau? Eher nicht.
Und es legt sich die Frage nahe, ob das alles überhaupt unser Problem ist – oder nicht vielleicht doch nur das des Juden Paulus, der sich als steter Musterschüler daran abarbeitet, dass er die für die jüdische Religion so wichtigen Gesetze und Regeln nicht mehr befolgt.

Wir aber leben doch in einer freiheitlichen Welt. Jede und jeder ist für das eigene Tun verantwortlich. Und der Satz, dass die eigene Freiheit da endet, wo die des Nächsten beginnt, ist zum Standardsatz ethischen Handelns geworden. Aber wie sieht es im Alltag denn aus? Sind wir wirklich so frei wie wir uns behaupten?

Ein Beispiel aus der Gegenwart: Wir haben in Deutschland genug zu essen und zu trinken. Nicht nur das, eigentlich haben wir sogar zu viel. Und die Produktion dieses „zu viel“ geht nicht selten mit unwürdigen Bedingungen in der Tierhaltung einher oder einer Ackerwirtschaft, die für das Gleichgewicht der Natur problematisch ist. Das erkennen inzwischen nicht wenige Menschen. Und sie reagieren mit dem Wunsch, sich richtig ernähren zu wollen. Eine an und für sich gute Idee. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Frage der Ernährung plötzlich zu einer Heilsfrage wird.

„Orthorexie“ ist ein Begriff, der 1997 geprägt wurde und eine möglicherweise krankhafte Fixierung auf gesundes Essen und die richtige Ernährung meint. Die Zeit berichtet in einem ihrer Artikel von einer jungen Frau, die in Stress geriet, weil sie sich in ihrem Wunsch nach gesunder Ernährung irgendwann vegan, glutenfrei, ölfrei, frei von raffiniertem Zucker, mehlfrei und dressingfrei ernährte. Der Arzt Steven Bratman, der den Begriff der Orthorexie prägte, war sich ebenfalls selbst Patient. Er sagt von sich: "Ich wurde so ein Snob, dass ich nur noch Gemüse aus eigenem Anbau aß, das maximal 15 Minuten vor Verzehr geerntet worden war. Ich ernährte mich rein vegetarisch, kaute jeden Bissen 50-mal, aß immer an einem ruhigen Ort – also alleine."
Der Soziologe Simon Reitmeier befasste sich aufgrund solcher Tendenzen mit der Soziologie der Ernährung und kommt zu dem Schluss: "Ein gesunder Lebensstil im Allgemeinen und eine gesunde Ernährung im Speziellen werden zur moralischen Pflicht des Individuums. Gesundheit und Krankheit gelten nicht als schicksalhafte Bestimmung, sondern als gestaltbare beziehungsweise vermeidbare Zustände, wenn sich das Individuum an die Erkenntnisse und Ratschläge der Wissenschaft hält. Ebenso definieren sich viele Menschen heute darüber, was oder was sie nicht essen, und fühlen sich so einer bestimmten Gruppe zugehörig oder grenzen sich von anderen ab.“ Ähnlich der Arzt Bratman: „Menschen mit solcher Lebenseinstellung fühlen sich nicht hilfsbedürftig, sondern überlegen, da sie sich vermeintlich besser, gesünder, nachhaltiger oder sinnvoller ernähren als der Rest der Welt.“ Von sich selbst erinnert er: "Da ich mich verpflichtet fühlte, meine schwächeren Brüder zu erleuchten, unterrichtete ich fortwährend Freunde und Familie."

Menschen, die eine Orthorexie entwickelt haben, sind nicht unbedingt krank. Sich gesund und richtig zu ernähren ist schließlich, wie schon gesagt, erst einmal eine gute Idee. Zumindest solange, wie dieser Wunsch nicht in die Mangelernährung treibt. Oder im Gefängnis eines selbstgebauten Regelwerks gefangen hält. Oder in die Einsamkeit führt, die oft mit ewiger Besserwisserei einhergeht.

Noch einmal. Warum das lange Beispiel? Weil ich denke, dass es für unsere Zeit sprechend ist. Der Blick auf die langen Wände der Ratgeberliteratur für nahezu jedes Lebensthema zeugt davon, dass wir anscheinend tatsächlich meinen, dass das richtige Tun zum gewünschten Ergebnis führen wird. In unserer Freiheit schaffen wir uns im schlechten Fall Gesetze und Regelwerke, die nicht mehr großzügig die Richtung weisen, sondern bissig und krampfhaft mit Hilfe der selbstgeschaffenen Überzeugungen das Heil machen wollen. Gnade fehlt als gedanklicher Ansatz.

Damit sind solche Regelwerke quasi-religiöse Handlungen. Und in solchen Systemen – so unser Predigttext von heute – drohen wir das wahre Heil zu verpassen. Denn das liegt in der Gnade.

Das Essen ist ein gutes Beispiel dafür, weil es damals Juden und Nichtjuden voneinander trennte und ins Gegeneinander trieb. Heute trennt es Menschen, wenn Freunde oder Familienmit-glieder nicht mehr wissen, was sie einander zu essen anbieten können. Noch einmal: natürlich ist es sinnvoll, sich über gutes Essen Gedanken zu machen. Sowohl was seine Herkunft betrifft, als auch die Art der Zubereitung als auch die Mengen. Aber in dem Augenblick, in dem es wichtiger ist, das „richtige“ Essen zu mir zu nehmen als mit einem Freund gemeinsam zu essen, läuft etwas schief. Und in dem Augenblick, in dem ich vor einem gefüllten Kühlschrank aufgrund von Prinzipien in Mangelernährung gerate, wird das Unheil der Überzeugung vom machbaren Heil sichtbar.

Paulus sagt an anderer Stelle: „Der Herr ist Geist. Wo aber der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit.“

Wir sind frei, richtig zu handeln. Nicht weil irgendein äußeres oder inneres Gesetz uns zwingt. Denn Zwanghaftigkeit führt wohl in allen Bereichen am Ende ins Unheil. Wenn ein Regelwerk in die gedankliche Unfreiheit führt, ist der Geist Gottes fern. Der Geist Gottes treibt nämlich zum Leben. Und das kennt viele Formen. Alles aber, das zum Leben führt, kann und soll getan werden. Und so ist die alltäglich notwendige Ethik eine, in der man sich grundsätzlich, aber nicht zwanghaft an erkanntes richtiges Tun hält und es in Grenzsituationen auf den Prüfstand stellt.

Damit ist unser Glaube einer der anspruchsvollsten, die ich kenne. Denn was in einem Fall goldrichtig ist, ist im nächsten grenzwertig und im dritten falsch.
Zwar stellt die christliche Moral einen moralischen Rahmen zur Verfügung, aber gleichzeitig denkt sie sich frei von ihm, wenn sie sagt: In Christus liegt die Freiheit. Und zwar die einzig wahre.

Deshalb kann, wer Christus nachfolgt, sich gegenüber den Regeln und Gesetzen der Welt frei verhalten. Im Miteinander auf Erden sollen wir seinem Vorbild folgen. Ja. Demütig, aufmerksam, nachgiebig sollen wir sein – und das mit aller Klarheit und Festigkeit.

Demut meint dabei das Wissen um die eigene Begrenztheit. Ich bleibe eine Suchende. Die Demut liegt nicht in der blinden Unterordnung oder einer Selbstaufgabe, sondern in der Anerkenntnis, selbst genauso viel oder wenig und manchmal auch weniger als meine Mitmenschen zu wissen. Die Demut liegt darin, lernwillig und zuhörend zu bleiben. Solche Demut schützt davor, in neue Gesetzlichkeit zu verfallen, in die Gesetzlichkeit der selbst erschaffenen Überzeugungen nämlich.

Es ist kein leichter Weg, aber ein lohnender. Denn einerseits gebietet die Demut, die Erkenntnisse der Welt zu prüfen und in den meisten Fällen auch ihnen zu folgen. Andererseits aber weiß sie sich frei von ihnen und bleibt damit flexibel. Es ist die Demut vor dem Leben selbst, die uns Jesus vorgelebt und der zu folgen er uns befohlen hat. Und darin liegt sein Heil.

Der Friede Gottes aber ist höher ist als all unsere Vernunft; so bewahre er unsere Herzen und Sinne in der demütigen Freiheit Christi. Amen.

Predigttext Gal 2,16-21:
16 Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

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  Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 01.07.2018

„Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“

Wenn wir biblische Texte nicht nur als Berichte einer uralten Zeit, Begründungen von Familientraditionen oder Herkunft lesen, also als ein Dokument, in dem die, die vor uns waren, aufgeschrieben haben, was Glauben je zu ihrer Zeit in ihrem Leben für eine Bedeutung hatte, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns in den alten Worten suchen, dann hören wir immer auch Gegenwart und Zukunft mit.
Die uralte Geschichte von Abraham ist dann nicht nur die der Väter, die irgendwann in die Geschichte Israels mündet, sondern auch eine, die uns jetzt geschieht oder wenigstens, die heute deutet was heute geschieht.
Darum wird jeder von uns, je nachdem an welchem Punkt seines Lebens er gerade steht, etwas anderes darin hören. Das ist, glaube ich, nicht Beliebigkeit, sondern ein konsequentes Weiterdenken dessen, dass wir einzigartig und unverwechselbar sind – in allem, dem Gelingen und dem Scheitern, dem Suchen und Fragen, Hören und Finden, unserem Lebensweg.
Ich selbst höre in diesem Sommer meines Lebens zuerst in der alten Geschichte, dass da einer aufbricht und fortgeht, aus seinem Elternhaus, weg von denen, die mit ihm verbunden sind, weg von dem Ort, wo er gelebt hat. Und ich höre, dass es zum Leben dazugehört, dass Menschen nicht nur dazukommen, so wie Geschwister, Freunde, Partner, Kinder dazukommen und mit mir Leben und Gegenwart teilen, sondern dass sie auch wieder gehen. Ich selbst höre, dass es irgendwann Zeit ist, Kinder wirklich gehen zu lassen und frei zu geben, so zu leben, wie sie es für richtig halten, dass Eltern gehen werden und Freunde … aber auch, dass damit nicht alles zu Ende ist, sondern Neues wächst und gedeiht. Und ein bisschen denke ich: grade bin ich nicht Sara, die mit Abraham geht. Ich werde bleiben, wie Sten Nadolny so schön sagt, nicht irgendwo sondern irgendwohin, weil ja auch meine Leben weitergeht.
Bei anderen wird es anders sein. Ich kenne Menschen, von denen ich mir vorstellen kann, dass dieser Text ihnen Mut macht, noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen, dass es sie beglückt und bestärkt, dass Gott einen sehr alten und noch dazu kinderlosen Mann, also einen von dem man vermuten sollte, dass er dort, wo er ist, nicht mehr so dringend gebraucht wird und nicht mehr so viel ausrichten kann, also nach den harten Kriterien unserer Welt eher ein Versorgungsfall ist als eine Ressource dennoch für den genau Richtigen hält, einen Aufbruch zu wagen, Segen zu bescheren. Dieser Text erzählt, dass Gott uns gebrauchen kann, egal wer und was wir nach dem Urteil der Welt sind…
Aber dann gibt es noch ein anderes Moment, dass mich daran erinnert, nicht meine Sehnsucht, meine Trauer, meine Hoffnung zum Zentralgestirn zu machen, sondern nicht zu vergessen, dass wie der große Gelehrte, Gottfried Wilhelm Leibniz sagte, „der Ort des Anderen der wahre Standpunkt ist, sowohl in der Politik als auch der Moral.“
Und heißt das nicht, noch einmal neu und anders hinzuhören, mithin anzunehmen, dass Gott zu einem anderen spricht und dass wir oder ich die sind, denen dieser dann begegnet, die er segnet oder verflucht, je nachdem. Vielleicht bedeutet dieser Text ja für Sie und mich, auszuwandern aus dem Vertrauten, aus den Denk- und Lebensgewohnheiten, den Ansprüchen und der Selbstgerechtigkeit unserer Gesellschaft. Wenn der Ort des Anderen der wahre Standunkt ist, dann hat Gott vielleicht so zu einem derer gesprochen, die jetzt aus dem Mittelmeer gerettet wurden und nirgendwo an Land gehen durften.
Es mag für uns nach einer Zumutung klingen, nach einer kaum schaffbaren Herausforderung, aber es ist nicht mindestens genauso wahrscheinlich, dass Gott zu einem armen Afrikaner spricht wie dass er zu uns redet? Und wenn er dann zu einem, der Zuhause nicht mehr weiter weiß sagt: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“
Vielleicht hat einer von denen, die da unterwegs sind und die wir Flüchtlinge nennen auch versucht, in der Bibel einen Rat und eine Wegweisung zu hören und dann ist dieser Text in sein Herz gefallen und er hat sich aufgemacht? Ganz im Ernst: nicht nur uns ist gesagt, dass Gott sich in seinem Wort zeigt, nicht nur uns will er trösten, nicht nur auf unserer Lebenswanderung geht er mit. Und sollte er unser schönes Land diesem Fremden zeigen wollen, dann, ja was dann? Dürfen wir dann dicht machen und Lager bauen und…?
Wirklich, ich weiß nicht, wie es hier gehen kann. Aber ich kann nicht überhören, dass Gott womöglich zu einem, der sich auf die lange schwere Reise gemacht hat, weg aus seinem Vaterland in ein fremdes Land, sagt:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Wird also Gott uns verfluchen, wenn wir die verfluchen, die auf dem Weg zu uns sind?
Ja, das klingt steil.
Ja, keiner weiß, wie es gehen soll und
ja, so kann man den großen Elendswanderungen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich weder strategisch begegnen noch politisch beikommen.
Aber mir fällt wirklich nichts ein, wie ich mich – nachdem ich einmal die Perspektive gewechselt, einmal anderen zugestanden habe, was ich sonst mir vorbehalte, nämlich Gottes Wort als direkt an mich adressiert zu hören – rausziehen könnte. Oder noch ein allerletztes Mal andersherum: Wenn wir diese Geschichte nicht als Bericht aus uralter Zeit, Begründung von Familientraditionen oder Herkunft lesen, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns heute in den alten Worten suchen, dann sagt er uns im Sommer 2018 während des großen Politikstreites um Flüchtlinge und Asyl geradewegs, dass er uns Menschen schickt, zu denen er gesagt hat:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
An anderer Stelle heißt es, Gottes Wort sei den einen ein Ärgernis, den Anderen eine Torheit. Das mag so sein. Dass der Friede Gottes, der damit einhergeht. Größer ist als das, was wir denken können, ist gewiss.
Amen.

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  Predigt am Sonntag TRINITATIS

Predigt am Sonntag TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 27.05.2018

Da sind wir wieder mal hier an einem Sonntagmorgen. Die Konfirmanden haben sogar die ganze Nacht im Dom verbracht; es wird ein heißer Tag, die Freibäder werden brummen und wer kann ist draußen.
Da hinein hören wir, dass Paulus uns schreibt:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte…“
Sie sind ausgestiegen, oder?
Solche Texte am Morgen – das geht nicht. Finde ich auch. Ich hab ihn x-mal gelesen, laut und leise, mit der Hand abgeschrieben, versucht, mir einen klaren Gedanken zu merken. Es geht nicht. Wirklich nicht. Aber wie geht es dann, dass das Hören auf Gottes Wort, dass Gottesdienst überhaupt gelingt?
Muss man dafür ganz den Modus wechseln und aus dem eigenen Leben aussteigen? Was braucht es, damit wir diese Stunde hier als etwas erleben, was für unser Leben heilsam und wirklich wichtig ist. Wie kann es gehen, dass wir rausfinden aus all unserem menschlichen Alltagskram und bereit und offen und ruhig genug sind, um dem Heiligen zu begegnen?

Zunächst: Hilfreich sind Randbedingungen. Zum Beispiel, dass dieser Raum nicht verzweckt ist für andere Dinge des täglichen Bedarfs, sondern nur geschmückt, besonders ist – weil er nichts anderes sein soll als ein Ort, an dem Gott gegenwärtig sein kann, damit sich unser Leben, unsere Zeit, unser Raumgefühl verändert, wenn wir+ hier sind.
Und: Es gibt eine Liturgie, die wie ein Weg ist, damit wir das Heilige nicht zuerst als Tabu erleben, dass uns fremd ist und bleiben wird, weil wir ihm eh nicht zu nah kommen sollten…
Liturgie hilft, dass wir im im wahrsten Sinne des Wortes reinkommen.
Darum beginnt der Gottesdienst mit Musik, weil Musik alles zum Ausdruck bringen kann, womit wir hier ankommen – Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht und zugleich dafür sorgt, dass es dann schon nicht mehr Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht ist.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit wir jetzt da sein können.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit es hier aufgehoben ist..
Dann kommt die Begrüßung. Ich heiße Sie willkommen – das gehört sich so aber vor allem gebe ich einen liturgischen Gruß weiter. Er kommt aus uralter Zeit, vielleicht sogar aus Gottes Ewigkeit her: „Der Friede Gottes sei mit euch allen“ und heißt: fürchtet euch nicht, entängstigt euch! Denn erst, wenn die Angst weg ist, kann man wirklich da sein, hören, heil werden, dem Heiligen begegnen.
Solange wir in Deckung gehen, wollen wir ja überhaupt gar nicht wahrgenommen oder gesehen werden. Im Gegenteil…
Darum muss es jetzt ein Lied geben, damit wir nicht passiv bleiben, sondern uns einschwingen und ins Atmen kommen. Einer der Denker unserer Kirche, Eberhard Jüngel, sagte ein bisschen abgewandelt: „Wenn wir atmen, wenn wir Luft holen und tief durchatmen, dann erfahren wir, dass im Atemholen ... zweierlei Gnaden sind: das Einatmen-Müssen und das Ausatmen-Können“ Einatmend geht man in sich, tankt, schöpft Luft und Lebenskraft, ausatmend geht man aus sich heraus und lässt andere spüren, was uns treibt, begeistert, sorgt. So entsteht Beziehung. So entsteht Bewegung. So entsteht Hinwendung zu Gott. So wird Gottesdienst. So beten wir,
zuerst mit dem Kyrie, zu Deutsch „Herr erbarme dich“:
Jetzt, wo wir in die Musik gelegt haben, womit wir gekommen sind, wo wir wissen, dass wir hier keine Angst haben müssen, uns nicht schämen oder hässlich und dumm fühlen müssen, jetzt ist der Moment, in Gottes Hände zu legen, was heil und besser werden soll. Jetzt können wir ganz ehrlich sein und müssen das auch sein, weil es für hilfreiche Wege nötig ist, bei der Wahrheit zu bleiben.
Und die Wahrheit unseres Lebens ist ja, dass es oft wenn nicht sogar immer an uns liegt, dass wir Menschen nicht in Frieden, Schönheit und Harmonie miteinander leben, so wie Gott es am Anfang mit uns vorhatte, weil wir uns fast immer auf uns selbst verlassen und nicht auf ihn. Wenn dann aber unser Leben – wenig überraschend - nicht gelingt, plagen wir uns und andere mit unfruchtbaren manchmal sogar hässlichen Gedanken, Gefühlen oder Worten.
Das muss man ausräumen und um Entschuldigung bitten, ehe es heil und gut werden kann. Darum das Kyrie. In der Liturgie folgt darauf immer ein Bibelwort: Das Wort der Güte und der Gnade Gottes. Es ist eine Antwort auf unser Kyrie, denn wer hält schon nach einer Entschuldigung Schweigen aus.
Und wenn dann eine Antwort kommt, dann seufzen wir vor Erleichterung – auch das geht nicht ohne Lebensatem. Also steigen wir ein in das Gloria, den Lobgesang Gottes.
Wieder wird gesungen – damit das drinnen und draußen in Bewegung kommt, damit Gott hört, dass wir wenigstens jetzt mal kurz verstanden haben, dass von ihm alles Gute kommt, dass ihm die Ehre gilt – nicht den Reichen und Mächtigen dieser Erde.
Kommen wir nicht von genau daher in diesemen Gottesdienst?
Hören wir also nochmal und jetzt vielleicht anders:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn.
In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.
In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“
Und wenn wir das jetzt nur fühlen können aber nicht verstehen, dann macht das nichts, denn der heilige Gott ist größer als alles, was wir denken können.
Amen.

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  Predigt am Sonntag EXAUDI

Predigt am Sonntag EXAUDI

Dompredigerin Cornelia Götz - 13.05.2018

Propheten passen nie in ihre Zeit. Es liegt in ihrer Natur zu sehen und auszusprechen oder einordnen zu können, was den allermeisten anderen – wenn nicht sogar allen anderen - verborgen bleibt. Sie sind mit Hellsichtigkeit begabt oder bestraft. Sie wissen, wohin etwas führt und sind getrieben oder beauftragt, das nicht verschweigen zu können.
So reden sie und ihre Worte können gar nicht anders sein als störend oder beunruhigend. Das überträgt sich auf den, der sie sagt. Darum sind Propheten meist Einzelne wenn nicht sogar Einsame, Gemiedene, denn wer ausspricht, was andere nicht hören wollen, was deren Lebensentwurf infrage stellt oder Zukunft gefährdet, wird überhört oder mundtot gemacht. Mindestens aber wird er verspottet, weil er entweder naivem Idealismus frönt oder gnadenlos pessimistisch ist. Ansonsten hätt er ja recht…
Gleich werden wir auf einen der ganz großen und auch ziemlich verzweifelten Propheten – auf Jeremia – zu sprechen kommen aber vorher lohnt es vielleicht, sich an Momente in unserem Leben zu erinnern, denen Spuren solcher Hellsichtigkeit zugrunde liegen:
Manchmal sieht man eben im Gesicht eines vertrauten Menschen Vorzeichen:
• wenn er beginnt zu vergessen und das Wissen um sich selbst zu verliert, wir sagen heute, wenn er dement wird, dann kann man das in manchen Augenblicken schon lange vorher sehen: es sieht aus wie ratloses Horchen.
• Oder wenn eine Liebesgeschichte zu Ende geht und der warme Glanz in den Augen verschwindet.
• Andersherum - schöne Vorzeichen gibt es auch: eine sehr erhoffte Schwangerschaft kann man sehen, Verliebtheit – es ist ein Leuchten.
Banaler betrachtet kann man auch Versetzungsprobleme in der Schule oder drohende Insolvenzen frühzeitig erkennen. Manchmal wird das sogar dankbar wahrgenommen.
Den einsamen Rufern der Bibel dagegen verzweifelt ähnlich sehen sich Wissenschaftler, die Flüchtlingsströme, Klimaveränderungen, Hungerkatastrophen präzise vorhersagen – aber eben nicht gehört werden wollen.
Schon im Kleinen kann einen also wahnsinnig machen, wenn man ein Problem kommen sieht und überhört wird. Wenn es um große gesellschaftliche Fragen geht, muss die Ignoranz der Vielen quälend sein, denn prophetische Rede ist keine Rechthaberei sondern Warnung, Zeitansage.
Jeremia schließlich, der ganze Untergangsszenarien vorhergesehen und angesagt hat, kannte diese Verzweiflung und Ablehnung. Er litt unter dieser Aufgabe oder besser gesagt „Sehergabe“ so sehr, dass er sich wünschte, nie geboren worden zu sein. Man nimmt an, dass er im 7. Jahrhundert vor Christus in der Nähe von Jerusalem geboren wurde und Zeuge der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung der Einwohner der Stadt ins babylonische Exil wurde. Es sind also Erfahrungen von Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung, vor denen, aus denen heraus und in die hinein Jeremia redete:
Martin Luther schrieb über ihn: „Diesen Propheten zu verstehen, bedarf‘s nicht vieler Glossen … Er ist ein elender, betrübter Prophet gewest, hat zu jämmerlichen, bösen Zeiten gelebt, dazu ein trefflich schwer Predigtamt geführt … hat müssen schelten und doch wenig Nutzen schaffen, sondern zusehen, dass sie je länger je ärger wurden und immer ihn töten wollten und ihm viel Plage anlegten. Zudem hat er erleben und mit ansehen müssen die Verstörung des Lands und das Gefängnis des Volks und viel großen Jammer und Blutvergießung…“
Es muss eine schreckliche Ohnmachtserfahrung gewesen sein.
Nicht unwahrscheinlich, dass er selbst sein Leben für verfehlt gehalten hat.
Steil formuliert klingt seine Klage manchmal, als hätte Gott ihn missbraucht. Denn der wusste, dass Jeremias Zeichenhandlungen und Predigen umsonst sein würden. Aber dann klingt auf einmal alles ganz anders, so als würde etwas völlig Neues möglich sein und könnte die Logik der Macht und der Zerstörung außer Kraft gesetzt werden. Denn Gott lässt Jeremia ausrichten:
„Siehe, es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund schließen, nicht wie der alte Bund gewesen ist …
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Und es wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr.“
Es kommt eine Zeit und dann, so klingt es doch, wird alles wieder gut - auch wenn nichts mehr so sein wird, wie es war. Es kommt eine Zeit und dann wird es gut sein, dass nichts ist und nichts bleibt wie es war, denn „gute alte Zeiten“ scheint es nicht wirklich zu geben.
Es wird nicht so sein, wie vormals. Erinnern wir uns: Die Regeln des alten Bundes hatte Mose nach Gottes Diktat auf Tafeln geschrieben. Es beginnt als Gesetzbuch.
Bis ins Detail ordneten Anweisungen den Alltag und sämtliche Lebensvollzüge – wer sich dran hält kann nicht vom gottgefälligen Weg abweichen. So die Logik. Väter unterwiesen ihre Söhne und erzählten die Geschichten ihrer Väter, vom Auszug aus Ägypten, der Wüstenwanderung, die Gott als Wolken- und Feiersäule begleitete. Sie lehrten einander, dass Gott Einer ist und sein Name heilig.
Aber, so scheint es Gott nun selbst zu finden, all das führt nicht zu Gerechtigkeit und Frieden. Läge einem an intellektueller Haarspalterei, könnte man darüber diskutieren, warum der allwissende Gott dann überhaupt einen solchen Bund geschlossen hat. Hat er zu große Hoffnungen in uns und unsere Entscheidungen gesetzt?
Hat Gott gedacht, wenn er Propheten schicken würde, eindringliche, kluge, weitsichtige Mahner – dann würden wir hören?
Mitnichten. Aber: es kommt eine Zeit!
Noch scheint sie nicht da zu sein. Noch leben wir zwischen Gesetzen und Verträgen, die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Freiheit und Würde garantieren sollen und sind doch kaum einen Schritt weiter. Jeremia ruft zwar aus uralter Zeit, irrelevant geworden ist das alles nicht. Aber noch immer sieht er weiter als wir. Und bleibt allein damit.
„Siehe, es kommt die Zeit, …“ sagt er, „und dann will Gott sein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben, und keiner den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn….“
Irgendwann wird es soweit sein, dass wir aus uns heraus anders leben und glauben, anders hören und sehen, dann wird – ohne dass es einer eintrichtern muss – von ganz allein aus uns erwachsen, einander barmherzige liebevolle Mitgeschöpfe und Gottes Kinder zu sein, dann werden wir Fremde, Arme und Kranke in unsere Häuser holen, dann werden wir teilen und Gerechtigkeit lernen…
Siehe, es kommt eine Zeit!
Propheten passen nie in ihre Zeit.
Mindestens werden sie verspottet, weil es nach naivem Idealismus klingt von solch einer Welt zu reden. Wir können Jeremia überhören und müssen ihm nicht glauben.
Aber die Bibel erzählt, dass eingetroffen ist, was Propheten angekündigt haben.
Amen.

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  Predigt am Sonntag JUBILATE

Predigt am Sonntag JUBILATE

Dompredigerin Cornelia Götz - 22.04.2018

Noch nicht lange her – aber gefühlt für den einen oder die andere vielleicht doch schon eine kleine Ewigkeit, war Palmarum. Zu diesem letzten Sonntag der Passionszeit gehört die Geschichte der Frau mit dem Salböl. Markus erzählte von einer gemeinsamen Mahlzeit auf den letzten gemeinsamen Metern, die Jesus damals mit seinen Jüngern ging. Es wird ein Moment gewesen sein, der die Erschöpfung und Resignation unterm Kreuz schon in sich trug.
Sie saßen im Hause eines Aussätzigen, den jedenfalls noch der Name dieser schrecklichen Krankheit zeichnete und aßen. Da kam eine Frau – offenbar mit größter Selbstverständlichkeit in die Männerrunde, die – so erzählt es der Evangelist: „hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. …“
Schockstarre. Dann wurde es laut, denn die Männer lamentierten wegen der sinnlosen Verschwendung des kostbaren Öls oder weil sie geizig waren mit der wenigen Zeit, die mit Jesus bleibt oder neidisch auf die Nähe, die diese Frau zu Jesus bekommt.
Egal wie, Jesus nimmt die Frau in Schutz und Markus schließt seinen Bericht mit der für ihn denkbar höchsten Autorität, einem Jesuswort:
„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch daran erinnern, was sie getan hat.“
Das ist eigentlich eine liturgische Aufforderung, die Erinnerung an die Salbölgeschichte so wie das Vaterunser oder den aaronitischen Segen in jeden Gottesdienst einzubauen. Ich will jetzt der Versuchung, dem Gendergedankenspiel, ob das umgesetzt worden wäre, wenn Jesus solch einen Kommentar zu Petrus Seewandel gemacht hätte, nicht nachgeben, sondern lieber hier für diesen Gottesdienst das Exempel versuchen.
Der Predigttext, der heute die Erinnerung an die ferne Frau mit dem Salböl mitdenkt, klingt so:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Es sind Wortpaare, die diese wenigen Zeilen prägen:
Innen und außen, zeitlich und ewig, sichtbar und unsichtbar und sie legen nahe, den äußeren Schein zu relativieren. Durch die Augen jener Frau gesehen, ist es also kein Moment der Trübsal und des Abschiedes, auch keine Störung oder Verschwendung was sie da tut, sondern ein innerliches Geschehen vor einem anderen Horizont.
Aber Schritt für Schritt:
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Frau mit dem Salböl, wenn sie dabeigewesen wäre, als der Paulusbrief vorgelesen wurde, abgeschaltet hätte.
Zu schwer, zu verkopft… Vielleicht wäre sie dort hängengeblieben, was auch mir zuerst nachklingt, dass es irgendwie um Müdigkeit, Alter und das Schwinden körperlicher Kräfte geht. Das wird sie gekannt haben so wir das kennen:
Müdigkeit nach einem langen Tag kann schwer in den Knochen stecken. Und ja: jünger wird keiner und egal, wie alt wir so sind, die Gelenkigkeit lässt nach, die Ausdauer, die Sehkraft. Ganz zu schweigen von der seelischen Müdigkeit, die einen befallen kann, wenn alles schon mal dagewesen ist, Situationen sich nicht bewegen, Ereignisse nicht rückgängig gemacht werden können und man von Entwicklungen überholt wird, die man nicht mehr nachvollziehen, verstehen kann.
Die Jünger in dieser Runde damals konnten – wie wir wohl auch - von solcher Müdigkeit ein Lied singen: kaputte Füße, gescheiterte Pläne, zerschlissene Hoffnung – wenn man einmal in Fahrt kommt, sich in all das so richtig reinzureden, dann ist kein Land mehr in Sicht. Sollte man das Leben und die Welt eigentlich doch ganz schön finden oder gar Gründe wissen, dankbar zu sein und sich zu freuen, hat man in solcher Runde einen schweren Stand.
Vielleicht deshalb berichtet Markus nichts davon, dass die Frau irgendetwas gesagt hätte.
Denn außen, zeitlich und sichtbar ist die Lage aussichtlos. Später sagt man nach solchen Erfahrungen, wie es das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 formulierte: „daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Und man ahnt, dass das was damit zu tun hat, welche Macht wir dem äußeren Schein geben.
Die Frau mit dem Salböl hingegen scheint das Innere, Ewige, uUsichtbare zu spüren. Es hilft ihr zu leben und zu handeln. Und so tut sie etwas aus ihrem Glauben heraus, wirkt aus innerer Überzeugung auf eine Weise, dass Jesus sagt: „Achtung, nicht vergessen.“
Die Frau mit dem Salböl wird Paulus nicht gekannt haben. Der aber kannte womöglich dieses Jesuswort, denn seine Zeilen werden eingedenk der salbenden Frau nicht nur klarer, sondern auch hilfreicher:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.“
Mit anderen Worten: ja, wir werden alt oder sind es schon, das mag man hinauszögern oder kaschieren können, aber nicht verhindern. Und: es wird der äußere Mensch alt und das ist nicht dasselbe, wie innerlich müde zu werden.
Wie wir leben und glauben, fühlen und entscheiden, zurückschauen und nach vorn leben – das hat nur etwas mit dem inneren Menschen zu tun und aus welchen Quellen wir schöpfen – wache fröhliche Augen können einen auch aus einem hundertjährigen Gesicht anstrahlen. NACH Ostern erst recht!
Denn, „unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Das schluckt sich erstmal schwer.
Bedrängnis ist nie leicht, sonst wäre es keine.
Bedrängnis war damals in der Jüngerrunde eine schwere Bürde und ist es heute auch. Aber: Was uns leben hilft, braucht den Blickwechsel vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Äußerlich nach innen, zum dahinterliegenden Glauben, der darunterliegenden Hoffnung, der innewohnenden Liebe, denn – auch das ein Jesuswort:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“
Also: Glücklich, die sich nicht vom äußeren Schein müde und mürbe machen lassen, sondern salben und heiligen, was ihnen kostbar ist, denn über diesem Sonntag Jubilate heißt es: „Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“
Amen.

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  PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

Landesbischof Dr. Christoph Meyns - 01.04.2018

Im Inneren eines der Türme im Deutschen Museum in München hängt knapp über dem Boden eine 30 kg schwere Bleikugel an einem 60 m langen Seil. Sie schwingt in langsamen Pendelbewegung hin und her über einem Kreisblatt mit einer Gradeinteilung von 0 bis 360 Grad. Beobachtet man diese Kugel längere Zeit, sieht man, dass die Pendelbewegung nicht an der gleichen Stelle bleibt. Sie wandert vielmehr langsam im Uhrzeigersinn um das Kreisblatt herum.
Dem Augenschein nach dreht sich das Pendel. Das ist jedoch nicht der Fall. Eine Pendelbewegung, einmal ausgelöst, behält ihre Richtung konstant bei. Es ist vielmehr die Erdkugel, die sich unter dem Pendel weg dreht.
Der französische Physiker Léon Faucault erdachte dieses Experiment. Auf diese Weise führte er seinen Zeitgenossen eine Bewegung sinnlich vor Augen, die in der Realität zu groß ist, als dass wir sie direkt erleben könnten: die Rotation der Erde.
Als Beobachter dreht man sich sozusagen samt dem Fußboden, dem Museum und dem gesamten Erdball langsam um das Pendel herum.
Mit dem Osterfest verhält es sich so ähnlich wie mit einem Faucaultschen Pendel. Es zeigt eine neue, überraschende Perspektive auf das Leben, die zu groß und zu fundamental ist, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten. Wir leben tagtäglich in unseren persönlichen Lebenssituationen. Wir wohnen in unseren Häusern, wir kochen, schlafen, leben mit unsere Familien, wir gehen zur Schule, wir fahren zu unserem Arbeitsplatz, wir erleben Freude und Trauer, Lust und Frust in unzähligen kleinen Episoden, jeder von uns auf seine Weise. Darunter, zu umfassend, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten, liegt eine fundamentale Ebene menschlicher Existenz. Es ist die Situation, in der wir uns als Menschen vor Gott befinden. Die wiederum strahlt aus auf unsere Lebenssituationen. Die Osterbotschaft ist wie die Bewegung eines Pendels, das sichtbar anzeigt, wie es um diese Grundsituation vor Gott bestellt ist.

Der Apostel Paulus beschreibt sie im Römerbrief in folgender Weise:
„Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Menschen zur Zeit des Paulus dachten: Das Leben ist nur ein Moment zwischen Geburt und Tod. Es ist kurz und voller Schmerz. Vielleicht gibt es ein paar fröhliche Momente, aber im Grunde regiert der Tod. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“, so lautete ein Sprichwort. Die Götter sind launisch, oft genug mit sich selbst beschäftigt und verteilen Glück und Unglück willkürlich nach Gutdünken. Einzelne Lebenssituationen mögen gut sein, aber die Grundsituation ist ohne Hoffnung.
Mit Jesus Christus, so beschreibt es Paulus, hat sich das seit Ostern fundamental verschoben. In ganz tiefer, geheimnisvoller Weise hat sich die Situation von uns Menschen vor Gott grundlegend zum Guten gewandelt, auch wenn das in unserer aktuellen Lebenssituation nicht immer sichtbar ist.
Der Tod hat nicht das letzte Wort, seine Macht ist durch Jesus Christus gebrochen. Deshalb kann uns nichts von Gott trennen: nicht das Böse und Zerstörerische und Unvollkommene, das im Menschen lebt, nicht irgendwelche Mächte, nicht einmal unser Tod. Denn er führt nicht ins Nichts, sondern hinein in das ewige Leben. Unser Leben kommt vom Licht und es geht auf das Licht zu. Am Osterfest erinnern wir uns an diese neue, hoffnungsvolle Grundsituation und preisen, loben und danken Gott dafür.

Was bedeutet diese neue Grundsituation für mein Leben?
Für Paulus und seine Gemeinden war klar: Wenn über Leben und Tod in Christus bereits entschieden ist, dann ist das zuerst einmal ein Grund zum Feiern. Sie trafen sich regelmäßig am frühen Morgen an dem Wochentag, an dem der Tradition zufolge Christus auferstanden war, und feierten fröhlich, ja gerade zu ekstatisch miteinander mit Liedern, Lobgesängen, mit Wein und einem guten Essen. Auf diese Sitte geht der Gottesdienst am Sonntagmorgen zurück. Diese Freude und die Kraft, die davon ausgeht, ist das, was im Kern das Christentum ausmacht.
Zugleich erlebten die ersten Christen, dass aus der Osterfreude heraus nationale, kulturelle und soziale Unterschiede ihre Bedeutung verlieren: Ob nun Jude, Grieche oder Römer, Sklave oder freier Bürger, Mann oder Frau, sie sind als vom Tod gerettete Kinder Gottes eine große Familie. So begannen sie, einander als Brüder und Schwestern anzureden und entsprechend alles genossenschaftlich miteinander zu teilen. Es waren ersten Formen dessen, was wir heute Diakonie nennen.
Jede Zeit hat dabei eigene Akzente gesetzt. Die Mönche des Mittelalters zogen sich aus der Welt zurück und machten aus der Freude ihr berühmtes „Ora et labora“, beten und arbeiten. Die Reformation entdeckte in einer Zeit der Angst die befreiende Kraft von Glaube und Zuversicht. Aufklärung und 19. Jahrhundert setzten sich wiederum vor allem mit den ethischen Folgen des Glaubens auseinander.
Freude und Verantwortung, Zuversicht und Zuwendung, Halt und Verhalten, zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Christenheit. Das klingt fröhlich und friedlich. Und das ist es auch. In der Realität bedeutete der Glaube und die aus ihm fließende Liebe jedoch immer auch, in Widerspruch zu geraten zum Zeitgeist. Die ersten Christen betrachteten heidnische Kulte und Opferhandlungen als sinnlos und stießen damit auf Unverständnis und Ablehnung. Sie widersprachen dem Anspruch der römischen Kaiser, Götter zu sein und wurden deshalb zeitweise massiv politisch verfolgt. Intern kam es immer wieder zu Streitereien zwischen verschiedenen Fraktionen in den Gemeinden, weil die Hoffnung nicht stark genug war, um politische, soziale oder menschliche Konfliktlinien zu überwinden.
Im Mittelalter stritt man um die Frage von Reichtum und Armut der Kirche. In der Reformationszeit um das Verhältnis von Glaube und Macht, Religion und Politik. Im 18. und 19. Jahrhundert standen Glaube und Vernunft gegeneinander. Im 20. Jahrhundert ging es um Krieg und Frieden in Auseinandersetzung mit den totalitären Ansprüchen von Nationalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus.

Und heute?
Wir leben in einem Wohlstand, einem Frieden, einer Lebenserwartung und persönlichen Freiheitsräumen, von denen die ersten Christen nicht einmal zu träumen wagten.Das Bildungsniveau ist auf einem historischen Höchststand. Anders als noch in der Generation unserer Großeltern werden wir nicht mehr fast täglich mit Elend und Tod konfrontiert. Es stirbt nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten die Hälfte eines Jahrgangs, bevor er das heiratsfähige Alter erreicht hat. Neun von zehn Menschen erreichen das 60. Lebensjahr, über die Hälfte feiert ihren 80. Geburtstag. Erfahrungen mit Krankheit und Tod, Krieg und Gewalt sind nicht mehr die tägliche Regel, sondern die Ausnahme.
Anders als früher stellt sich die Frage, wo ich im Leben Halt und Orientierung finde, aus diesem Grund für die meisten von uns nicht im Alltag, sondern überwiegend nur noch in Lebenskrisen. Die sind viel seltener und viel später als früher, betreffen uns aber dann umso stärker.
Der Zuspruch der Hoffnung, der vom Osterfest ausgeht, betrifft uns deshalb genauso wie die Menschen anderer Zeiten. Zugleich ist er anders als früher weniger präsent und zugänglich. Für uns Kirchen gewinnen deshalb Orte an Bedeutung, an denen Menschen in Krisen ohne große Hürden schnell Trost und Begleitung finden können: Kirchen, die offen stehen und Möglichkeit zum Beten geben, Bücher und christliche Symbole, die den Glauben stärken, Pfarrer, die Zeit haben für ein persönliches Gespräch, Notfallseelsorge, Telefonseelsorge und Beratungsstellen, Krankenhauspfarrer und Hospize, die Spezialseelsorge für Polizisten und Soldaten.
Zugleich gewinnen mit den zunehmenden Möglichkeiten des Lebens ethische Fragen an Bedeutung. In den letzten Jahren waren es Fragen der Sterbehilfe, der Bioethik und der Friedensethik im Zusammenhang der Auslandseinsätze der Bundeswehr, die uns als Kirche stark beschäftigt haben.
Aktuell steht das Thema Flucht und Einwanderung stark im Fokus der Öffentlichkeit und was wir tun müssen, um Integration und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung zu fördern. Mir persönlich liegt die Flüchtlingshilfe sehr am Herzen. Ich will an dieser Stelle nicht noch einmal auf die Debatte eingehen. Nur so viel: So sehr uns die Unterstützung von Flüchtlingen hier bei uns beschäftigt. Viel wichtiger ist die Hilfe für die vielen, vielen Menschen in den großen Flüchtlingslagern in Pakistan, in der Türkei, im Libannon, in Kenia und Äthiopien, wie sie etwa Brot für die Welt, Miserior oder der Lutherische Weltbund mithilfe unserer Spenden leisten.
Etwas anderes beschäftigt mich viel stärker. In Deutschland leben 17. Mio. Menschen, die älter sind als 65. Was geschieht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte des nächsten Jahrzehnts ins Rentenalter eintreten? Wie wollen wir als Gesellschaft mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung umgehen? Was sind angemessene Wohnformen, damit alte Menschen nicht vereinsamen? Wie wirken wir der zu erwartenden Altersarmut entgegen? Wie schaffen wir es, unser System der Altenpflege so zu gestalten, dass Menschen gerne in diesem Bereich arbeiten und Patienten angemessen versorgt werden? Wie unterstützen wir pflegende Angehörige? Wie begleiten wir schwer kranke und sterbende Menschen, von denen viele keine Familie mehr haben? Die mit diesen Fragen zusammenhängenden Herausforderungen werden uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark beschäftigen und wir tun gut daran, uns ihnen zu stellen. Aus christlicher Perspektive betrachtet ist das Alter keine Zeit zunehmender Schwäche, sondern eine Zeit zunehmender Hoffnung und Freude von Menschen, die auf das Licht zugehen. Sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, ist deshalb Teil unseres Auftrags.

Seit dem Ostermorgen weiß die Menschheit um die große Hoffnung, auf die hin wir leben dürfen. Diese Hoffnung und die Freude, die davon ausgeht, trägt uns im Leben wie im Sterben. Und sie gibt uns die Kraft, sie an andere Menschen weiterzugeben.
Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest.
Amen.

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  Predigt in der Osternacht

Predigt in der Osternacht

Dompredigerin Cornelia Götz - 31.03.2018

„Jetzt gilt es zu reden“ – so hat vor wenigen Wochen einer unserer Kollegen seine Rede, seine Predigt, am Sarg unseres gemeinsamen Freundes begonnen.
„Jetzt gilt es zu reden“, vom Tod und der Auferstehung und zwar so, dass ich mich nicht in kleine Münze flüchte, weil wir doch nichts wissen und am Grab mit leeren Händen stehen, sondern Hoffnung bezeuge, Lebensmut schaffe, Halleluja singe.
Wer bin ich, dass ich das kann oder soll?
Ist Ostern womöglich jedes Jahr neu ein Selbstversuch, um die Tragfähigkeit der eigenen Hoffnung zu prüfen? Wie kann es gehen, dass wir, auch wenn es der Kopf nicht begreifen kann und wir schon deswegen ein liturgisches Hochfest brauchen, das Osterwunder nicht in zu kleine Alltagsmünze umrubeln?
Kann nur von Auferstehung reden, wer gestorben ist?
Kann Auferstehung nur sein, wo Tod ist?
Ja, vielleicht. Denn an Gräbern zu stehen, gehört zu unserem Leben dazu.
An unseren Gräbern fängt die Auferstehungsgeschichte an.
Dort stehen wir. Manchmal in Frieden, weil ein langes Leben zu Ende gegangen ist, weil es Fülle und Glück gegeben hat, weil wir Gründe haben, dankbar zu sein.
Und manchmal stehen wir dort am Ende eines Lebensweges, der mühsam und schwer geworden ist. Dann beugen wir uns unter Gottes Willen und halten uns tapfer daran fest, dass mit dem Tod auch Schmerz und Leid vorbei sind, dass es – so sagen wir es jedenfalls – Erlösung war.
Und manchmal stehen wir dort fassungslos und es geht nicht in unseren Kopf. Man kann sich nicht vorstellen, dass der, der eben noch so voller Leben, Pläne und Zukunft war, jetzt kalt und tot in der Erde liegt… -
Man weiß nur, es ist etwas Unumkehrbares geschehen, von hier aus geht kein Weg zurück, in das was war.
Am Grab Jesu wird von all dem etwas dabei gewesen sein:
• das Staunen darüber, dass es diesen besonderen Menschen gegeben hat und die Dankbarkeit, ihm begegnet zu sein
• die erschöpfte Erleichterung, dass das Leid und die Quälerei nun vorbei sind
• die Fassungslosigkeit, dass das nötig war und überhaupt geschehen ist…
• die Wut, dass es soweit kommen musste
• die Liebe, die keine Zukunft mehr weiß
Ich könnte noch vieles aufzählen, aber schon jetzt ist deutlich: in Jesu Tod sind all unsere Tode aufgehoben. Sie werden nicht einfacher, erträglicher, begreifbarer – aber was immer uns an den Gräbern, derer die unser Leben geteilt haben, umtreibt, es hat auch am Grab Jesu seinen Ort und seine Gültigkeit. Und gültig ist auch, dass es kein Zurück gibt, kein Wunder, dass uns in die Zeit zurückbringt, in der wir noch vollständig waren und dass gestorben werden wird, nur den Horizont markierte.
Zurück geht nicht. Am Grab bleiben auch nicht.
Also nach vorn! Auf in den Ostermorgen!
Die ersten Schritte gehen nicht gut – wenn wir hier im Dunkeln aus der Krypta hochkommen, dann tasten wir uns auch sehr vorsichtig vorwärts. Aber wenn der Osterleuchter brennt, dann sehen wir schon wieder bisschen Boden unter den Füßen, erkennen, wo es lang geht und erinnern uns wie Jünger Jesu dran, dass uns mit dem Toten eine Herzensgeschichte verbunden hat. Die ist noch da, unsere Herzen pochen noch und wir erinnern uns: Brannte nicht unser Herz? Tut es das nicht noch immer? Die Liebe ist noch da! Schon schimmert alles in warmen Kerzenlicht, das große Osterlob erklingt und wir hören, dass der, der eben noch kalt und taub, gemartert und verlassen im Grab lag, zu uns sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
Ostern! Ich lebe!
Eben noch standen wir stehen fassungslos an den Gräbern derer, die zu unserem Leben gehörten und fragten uns, was mit unseren Toten ist. Wir suchten nach Bildern und tröstenden Worten, sagen: Sie sind aufgehoben bei Gott, geborgen in seinem Frieden. Noch suchen wir unsere Toten im nächtlichen Sternenhimmel, im Aufblitzen eines Lichtstrahles, in der Weite des Himmels und in uns selbst. Aber schon dämmert uns, dass wir erst sehen und schauen werden, was mit unseren Toten ist, wenn wir selbst gestorben sind, dass wir jetzt nicht mehr wissen können, als dass Jesus Christus, der gestorben ist und begraben wurde, sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Das könnte doch reichen! Das heißt doch, unsere Toten können wir Gott getrost anvertrauen! Er lebt und sie werden auch leben! Ist das Ostern? Ja unbedingt. Und Auferstehung ist noch viel mehr, denn jetzt wendet sich Jesus uns zu, die wir hier weiterleben müssen, ohne die, die wir geliebt haben und sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Es mag uns so vorkommen, als ob der Tod im Leben überhandnimmt.
Aber wir feiern Ostern, weil wir leben, weil wir eine Hoffnung haben, die Mut und Kraft schenkt, jetzt und hier und weil wir erfahren: ja, wir sind immer noch da, so banal es klingt, so erstaunlich und wundersam ist es auch: das Leben geht weiter!
Jesus Christus lebt und wir hier, wir sollen nicht an den Gräbern stehen bleiben, wir sollen auch leben! Wunderbare Sprache: sollen! nicht müssen, sondern dürfen und vor allem können!
Auferstehung gibt es auch in diesem Leben und das ist wahrlich keine kleine Münze, sondern große Hoffnung.
Sie kommt nicht, durch theologische Lehre oder dogmatische Systeme. Herz und Seele können wir mit Scharfsinn in Schach halten aber überlisten können wir sie nicht. Diese Hoffnung ist unter uns, weil sie lebendig ist und macht! So kommt sie in Bildern, Musik, Umarmung, Liebe und Wärme.
Wir bereiten uns ein Osterfest, jetzt, denn uns ist gesagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Manche Bilder schenkt uns schon diese Nacht: aus dem Dunkel der Krypta, der Gräber kommt das Osterlicht zurück, erst allein, aber dann erfüllt es den ganzen Dom, lässt uns die Gesichter der Menschen neben uns sehen, die sind ja wirklich da, lebendig und in unserem Leben! An ihnen sehen wir, mag der Tod auch noch so unweigerlich und endgültig in unser Leben einbrechen, er nimmt nicht überhand, denn wir sind nicht allein.
Ein zweites: wo der Tod einen Menschen aus unserer Leben weggerissen hat, entsteht eine Lücke, die zwingt zusammenzurücken, so entsteht neue Nähe, die die lebendige Kraft und menschliche Wärme der anderen neu spürbar macht.
Und drittens: ja, es wird immer wieder und überall gestorben, oft gewaltsam und deshalb denken wir, sinnlos – aber wächst nicht zugleich aus der Verzweiflung Solidarität, aus dem Zusammenbruch der Aufbruch, aus dem Tod neue Kraft und neues Leben?
Ostern 2018.
Es bleibt uns nicht erspart an Gräbern zu stehen, aber dort wo der Tod ist, dort ist auch Auferstehung, denn Jesus Christus spricht - vielleicht irgendwo in den Himmeln oder unten in den Gräbern zu unseren Toten - aber ganz gewiss hier zu uns: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Halleluja.

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Dompfarramt
0531 - 24 33 5-0
dom.bs.buero@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Mo. bis Fr. – 9.00 - 15.00 Uhr

Domkantorat
0531 - 24 33 5-20
domkantorat@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Di. bis Do. – 9.00 - 15.00 Uhr
Fr. – 9.00 - 13.00 Uhr

Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
5 Minuten-ANDACHT
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
20 Minuten Orgelmusik im „MITTAGSGEBET“

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!