Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

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Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Predigten

  Kain und Abel

Kain und Abel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.08.2021

Das Leben ist nicht fair.
So hat es Herbert Grönemeyer gesungen als die Mutter seiner Kinder an Krebs starb. So denke ich manchmal, wenn ich einer Lebensgeschichte zugehört habe, die von Krieg, Flucht und Heimweh geprägt ist. Das frage ich mich, wenn ich warmherzige tatkräftige Frauen erlebe, die sich immer wieder verletzen lassen, weil irgendjemand irgendwann ihr Selbstbewusstsein zerstört hat. Das verwirrt mich, wenn ich sehe in welchem Reichtum Manche vollkommen unbedarft und arglos leben ohne je einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das gerecht ist.
Das mag ich nicht zu Ende denken mit Blick auf Afghanistan…
Unverdientes Glück, dass mein Kind da nicht dienen musste.
Unverdientes Glück, dass die Angst um geliebte Menschen nicht an meinem Herzen frisst und es nicht an mir war, Entscheidungen zu treffen oder zu hinterfragen.
Das Leben ist nicht fair.
War es schon immer nicht.
Die Bibel erzählt von Adam und Eva, die das vollkommene Leben verwirkt haben, weil es ihnen irgendwie nicht genügt hat. Gott verweist sie seiner heilen Welt und straft sie mit der Realität: Arbeit ohne Erfolgsgarantie, Schweiß und Schmerz, Scham und Sterben. Das trifft sie beide und nach ihnen alle. Das Leben ist nicht fair.
Mit der Ungleichheit als Prinzip sind schon die allerersten Seiten der Bibel voll, der Urgeschichte all unserer Fragen und Konflikte:
„Eva wurde schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.“
Adam und Eva bekommen einen Sohn und die Freude ist überschwänglich. „Ich habe einen Mann gewonnen“ sagt Eva. Kain, der „Erworbene.“ Nicht geschenkt. Schon eher verdient - nach entsprechendem Einsatz. Die Rechnung stimmt – für Eva jedenfalls.
Und dann kommt Abel. Noch einer. Einer, von den vielen, die geboren werden und sterben und dazwischen mehr oder weniger behaust über die Erde ziehen. Immerhin, er ist nicht namenlos. Aber sein Name ist Programm: „Der Windhauch“, heißt er. „Der Vergängliche.“
„Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.“ Kain beackert – seinen? - Grund und Boden, hat Wurzeln und ein Zuhause. Und Abel? Der zieht umher mit seinen Herden, bleibt nirgendwo, hinterlässt kaum Spuren, der Vergängliche eben.
Das Leben ist nicht fair.
Dass es gerecht zugeht, jeder seines Glückes Schmied sein kann, die gleichen Chancen bekommt oder das, was er verdient – wie kommen wir eigentlich darauf, dass die Welt so eingerichtet wäre?
Und auch: Wer sagt, dass geborene Verlierer vom Leben betrogen werden müssen oder geborene Sieger zwingend auf der Sonnenseite bleiben, mit Erbrecht.
Von Kain und Abel jedenfalls wissen wir wenig mehr, als dass sie auf unterschiedliche Weise versucht haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie beide brauchen, so erzählt es die alte Geschichte „etliche Zeit“ bis sie überhaupt Erträge ihrer Arbeit sehen. Und dann: „brachte Kain dem Herrn von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“
Unfassbar! Ist Gott selbst die Ursache von all dem Leid, das Menschen sich gegenseitig antun? Provoziert er es gar? Ist die Strafe, in der wirklichen Welt leben zu müssen – jenseits des Paradieses - eigentlich die? Mit Krieg und Mord und Totschlag?
Das mag man nicht erleben und nicht denken. Aber genauso kommt es.
Der Frust, der Neid, der Zorn, dass das nicht fair ist, geht mit Kain durch und so ermordet er seinen Bruder. Nicht aus Notwehr, nicht aus Gründen, die wir mühsam „gerechten Krieg“ nennen – sondern aus niedrigsten Motiven.
Es gibt Auslegungsversuche, Gott oder doch wenigstens das eigene Gottesbild aus der Schusslinie zu nehmen und zu erklären, warum der Kains Opfer nicht angesehen hat.
Einer ist dieser: Es waren Erstlingsopfer, keine Dankopfer. Sie sind eine Bitte um das Gelingen der Arbeit. Dass die Ernte trotz aller Mühe ausbleiben kann, ist eine der Ungleichheitserfahrungen unserer Welt. Es ist nicht fair.
Gottes weiß und sieht, dass es unter uns so ist. Opfer jeder Art ändern das nicht. Deshalb muss es nicht für immer bei Abel gut und bei Kain schlecht laufen. Aber dieses Mal.
Ein anderer Deutungsversuch sagt:
Gott sieht den Abel. Zu ihm schaut er hin. Ganz und gar. Darum sieht er Kain jetzt nicht. Vielleicht hat das also mit Kain viel weniger zu tun als der denkt. Schlussfolgert Kain falsch, wenn er denkt, weil Gott jetzt den Abel sieht bin ich ihm egal?
So kann man es versuchen, aber das wird kaum dazu beitragen, aus dieser alten schlimmen Geschichte etwas zu ziehen, das uns zum Leben hilft.
Denn einerseits sind Gottes Beweggründe ohnehin jenseits dessen, was wir verstehen können - ich sage es am Ende jeder Predigt. Und andererseits: steckt in uns allen nicht auch ein Kain?
„Der ergrimmt und senkte finster seinen Blick. Da sprach Gott: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür; du aber herrsche über sie!“
Jetzt wendet sich Gott dem Kain zu. Er sieht seinen Neid und seinen Zorn. Das Leben ist nicht fair. Ja. Aber lass dich davon nicht beherrschen! Lass diese Wahrnehmung nicht groß werden in deinem Leben! Wenn Du dich treiben lässt vom Vergleich, von Neid und Frust, von dem Gefühl benachteiligt und vernachlässigt zu sein, dann wirst du Früchte des Zorns ernten, dann schreit das Blut!
Dann wirst Du nicht sehen, was gut ist und gelingt.
Wenn es uns gelingt durch Gottes Augen auf die Welt und unsere Geschwister und nicht immer nur auf uns selbst zu sehen, dann hätte Kain vielleicht durch Gottes Augen voller Stolz und Liebe und nicht voller Neid auf seinen kleinen Bruder geguckt. Es wäre nicht weniger ungerecht gewesen aber anders weitergegangen!
Es liegt auch an uns, welche Folgen die Ungleichheit hat!
Zuletzt: Es ist eine Geschichte, in der zuviel geschwiegen wird. Kain antwortet Gott nicht. Er spricht auch nicht mit Abel. Er schlägt zu. Gewalt wirkt. Aber sie klärt nichts. Nichts ist gut.
Kann macht sich schuldig.
Dabei hätte er seines Bruders Hüter sein sollen.
Jetzt ist das Zeichen auf seiner Stirn, die Bitte an alle anderen, die es nun in der Hand haben, ihn zu hüten und zu schonen. Ihn zu sehen.
Werden so aus Einzelkämpfern doch noch Geschwister?
Es ist eine große schlimme Schuldgeschichte.
Eine voller verhängnisvollem Schweigen.
Aber Zukunft möglich. Es gibt eine zweite wieder unverdiente Chance.
Kain gründet die erste Stadt - Inbegriff eines Gemeinwesens, das auf Zusammenleben und Kommunikation ausgerichtet ist, darauf dass wir uns sehen und gegenseitig hüten.

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  10.S.n. Trinitatis

10.S.n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.08.2021

Heute ist „Israelsonntag“. Es geht um das Gottesvolk. Es geht um die uralte Geschichte des Volkes Israel, in der auch wir uns wiedererkennen, die heute noch Geschichte prägt und ferne Vergangenheit ist.
Hören wir aus dem 2. Buch Mose::
„Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.“
Im dritten Monat. Genau an diesem Tag. Präzise datierbar erweist Gott sich in der Weltgeschichte. Sein Volk, Menschen, mit denen er durch die Zeit geht, sind nicht aller irdischen Probleme ledig oder herausgehoben aus all dem. Ganz im Gegenteil – Blüte und Niedergang, Krieg und Frieden, Unterjochung und Vertreibung, Naturgewalten, Krankheiten, nationale Katastrophen gehören dazu. Wir leben nicht im Paradies und nicht im Garten Eden, sondern in der Zeit, mit Sorgen und Nöten, Erfolg und Scheitern, Glück… und Daten auf dem Grabstein, die eine bestimmte Epoche markieren.
In diesem Bewusstsein hat sich Generation zu Generation weitererzählt, was geschehen ist. Menschen haben sich im Schicksal ihrer Vorfahren wiedererkannt und Gottes Spuren lesen gelernt. Sie haben ihn - wie wir oft auch - vergessen, wenn es gut lief und mit ihm gehadert, wenn es schlecht ging, sie haben ihm überraschende Rettung gedankt.
So muss es damals in der Wüste auch gewesen sein. Ich stelle mir vor:
Die Zeit in Ägypten liegt lange zurück, die Sklaverei, die Heuschrecken, die Krankheit, das Sterben. Und auch: die Euphorie der Rettung am Schilfmeer, die Befriedigung über die Niederlage der Bedrücker. Freiheit war wirklich möglich geworden! Sie sind ins Weite aufgebrochen und haben an blühende Landschaften geglaubt. Klaus Peter Hertzsch hat nach einer ähnlichen Erfahrung im letzten Jahrhundert geschrieben:
„Die neuen Tage öffnen ihre Türen / Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen: / Der erste Schritt. Ins Land. Zum Horizont.“
Aufbruch. Sich hochrappeln und losgehen. Schwere Zeit hinter sich lassen, wieder aufbauen. Schritt für Schritt. Manchmal sogar beflügelt: einen historischen Moment miterlebt! So wandern wir durch Alltage und Festtage, mal leichten und mal schweren Herzens und Fußes. Wir haben nur das eine Leben. Es wird Abend und Morgen, ein neuer Tag. Aufstehen, weiter geht‘s.
Und zwischen uns die Nörgler, Besserwisser, die Pessimisten...
Aber mindestens einer ist immer da, der die Idee nährt, dass es lohnt zu gehen und mitzumachen, dass es nicht für umsonst ist.
Mindestens einer ist immer da, der träumt und mit seinem Traum andere mitreißt: ein vereinigtes Deutschland, ein starkes Europa, eine gerechte Gesellschaft, ein liebenswertes sanftmütiges kreatives Land, in dem auch unsere Enkel noch wohnen können, sauberes Wasser, gute Luft.
Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Dorthin geht es: Schritt für Schritt.
Aber dann kommen andere Tage. Und es geht nichts. Die Ernte verloren und das Schuljahr, das Weihnachtsgeschäft und die Wahl. Man beginnt rumzustolpern und den Sinn vom Ganzen infrage zu stellen. Ressourcen werden knapp. Kräfte erst recht. Der Blick zurück zeigt eine endlose Reihe von Menschen, die scheinbar auf der Stelle treten und wenn es gut ging, ist deren Leben Mühe und Arbeit gewesen.
So war es immer und wird sich nie ändern. Es lohnt sich nicht.
Ist das die Stimme des Versuchers?
Jetzt hast du dich so weit geschleppt, und nun?
Jetzt hast du dich doch noch mal aufgerappelt, und wofür?
Jetzt hast du gedacht, Gott führt dich in die Freiheit.
Es kommt sein Reich. Es kommt sein Frieden.
Und wo hat dich das alles hingebracht?
An den Fuß eines Berges. Na super. Sollen wir da jetzt etwa auch noch rauf?
Heute nicht mehr. Wir nicht mehr. Dann lieber lagern und bleiben. Es ist wie es ist. Die nächsten können wieder einen Anlauf machen. Wege ins Weite… - Lernen wie in Helsinki, Fahrradfahren wie in Kopenhagen, Wohnen wie in Wien – so kleben die Plakate derzeit auf meinem Weg.
Und darunter lagern sie. Hängen durch. Hochsaison für Kritiker.
Aber wie gesagt: es gibt immer einen, der träumt, der liebt, der noch was kann.
Es gibt immer noch einen, der fühlt sich gerufen. Vom Berg, vom Horizont. Getrieben von einer unbegreiflichen Motivation, dem Gewissen, Glauben sogar!
Der steigt hoch. Er hat ja nur ein Leben.
Und weiter wird erzählt.
„Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“
Mose sucht Gott, noch immer. Er rechnet mit ihm und erfährt ihn als Gegenüber.
Gott ruft ihm entgegen als hätte er gewartet. Hier. Jetzt. Am Auftsieg aber noch vor dem Gipfel. Datierbar.
Und Gott erinnert den Mose, dass alle erlebt haben, wie er Israels geleitet und beschützt hat. Und sagt damit: Richte das denen aus, die meinen sie hätten es aus eigener Kraft geschafft und auch denen, die bezweifeln, dass ich da bin oder mich kleineren. Richte das denen aus, die nicht mehr können oder wollen. Und dann sagt Gott:
„Ihr habt gesehen … wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“
Von wegen hergeschleppt. Allein und aus eigener Kraft. Auf Adlerflügeln geflogen seid Ihr! Hierher. Das glaubt ihr nicht? Das fühlt sich nicht so an?
Besonders Textkundige könnten jetzt sagen: Stimmt ja auch nicht. Wer das Hebräische genau liest, merkt, es waren vermutlich Geierflügel. Was da als Adler gelesen wird, war wohl ein Gänsegeier….
Es gibt Auslegungen, die das betonen, denn Geier sollen ganz besonders fürsorgliche Eltern sein. Gott hatte seine Menschen mit Wachteln und Manna gefüttert, sie begleitet als Wolken und Feuersäule - fürsorglich, Tag und Nacht, wie eine gute Mutter, ein guter Vater. Darum haben wir es bis hierher geschafft. So kann man denken und lesen.
Andere halten am Adler fest, denn nur der trägt seine Jungen auf den den Flügeln und nicht unter sich - nur der hat nichts zu fürchten von oben, nur von unten…. - dem kann nichts Böses von Menschen widerfahren, der ist in Gottes Hand geborgen - beim Flug durch die Zeit. Ihr habt es gesehen!!!
Hab ich das? hab ich die Momente der Bewahrung gesehen, die Fürsorge, den Segen?
Von den Hirten in der Weihnachtsgeschichte wird erzählt, dass sie nachdem sie „gesehen“ hatten, das Wort ausbreiteten, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Sie kehrten wieder um und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.
Ihre Füße werden immer noch staubig gewesen sein, ihre Unterkunft bescheiden, ihr Leben Mühe und Arbeit. Aber dass sie all das erleben durften, dass ihr eines Lebens solche Fülle barg - vielleicht sind sie doch ein Stück geflogen.
Oder ist es mit Klaus Peter Hertzsch eher so:
„Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen. / Doch gehen wir los. Doch reiht sich Schritt an Schritt. / Und wir verstehn zuletzt: das Ziel ist mitgegangen; denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen, / der Herr der Zeit geht alle Tage mit.“


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  9. S. nach Trinitatis

9. S. nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2021

Wenn eine Geschichte aus dem Zusammenhang gerissen wird, dann ist es nicht verwunderlich, wenn man eigenes Erleben als Hintergrund und Resonanzraum ergänzt. Andernfalls fliegt sie vorbei, berührt uns nicht.
Der Predigttext für diesen Sonntag aus dem Matthäusevangelium wird Sie deshalb wahrscheinlich genauso unmittelbar anspringen, wie mich beim ersten Lesen: „Wer nun diese meine Rede hört und entsprechend handelt, wird einer klugen Frau, einem vernünftigen Mann ähnlich sein, die ihr Haus auf Felsen bauten. Und Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen und überfallen dieses Haus – und es stürzt nicht ein! Denn es ist auf Felsen gegründet. Wer nun diese meine Worte hört und sie nicht befolgt, wird einer unvernünftigen Frau, einem dummen Mann ähnlich sein, die ihr Haus auf Sand bauten. Und Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen und prallen an dieses Haus – da stürzt es in einem gewaltigen Zusammenbruch ein!«
Das haben wir gerade erlebt und die aktuelle Deutung heißt dann:
Wer sein Haus zu nah am Fluss oder am Hang gebaut hat, wer sein Auto unter Bäumen parkt, wer… - der muss sich nicht wundern, wenn das Unwetter alles wegreißt.
Wer nicht hören will, dass eine Jahrhundertflut die nächste jagt, ein Hitzerekord auf den nächsten folgt genauso wie ein Sturmtief auf ein anderes. Wer also nicht zur Kenntnis nehmen will, dass unser gemäßigtes Klima zunehmend zu Extremen neigt, der wird böse überrascht, wenn nicht noch schlimmer.
„Der“ und „man“ sind dabei wir alle - nicht nur die, deren Leben aus den Fugen geraten ist.
Ja, mag man antworten und sich hartherzig angesprochen und unverstanden fühlen; solche Katastrophe hat erstens keiner kommen sehen und zweitens hat es keineswegs nur die Häuser in potentiellen Überschwemmungsgebieten getroffen, sondern auch solche, die sicher standen.
Dieses Mal sieht es nicht so aus, wie nach dem Elbe-Hochwasser vor zwanzig Jahren in Dresden - da konnte man geradeso trockenen Fußes auf dem Hausstein der alten Bischofskanzlei in Blasewitz sitzen und den Unterschied sehen: Die alten Villen standen - oft auf einen Felssporn - hochwasserfest und klug gegründet. Die jüngeren Häuser dazwischen versanken im Wasser, falsches Fundament eben.
Dieses Mal - im Westen und Südwesten - traf es alle.
Egal, wie einer gerüstet war für den Fall, dass womöglich das Wetter kommt. Es machte keinen Unterschied. Wie auch? Und da hakt sich der alte Text ein:
Es hieß nicht: wenn dann ein Platzregen fallen sollte…
Jesus Christus sagt vielmehr: „Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen“ - so wird es sein. Es ist keine Frage des „ob“. Das Wasser, die Bewährungsprobe für das Fundament kommt in jedem Fall und betrifft alle, Häuslebauer oder nicht.
Haus auf Stein oder Haus auf Sand.
Es geht nicht um das Gehäuse, in dem wir leben.
Es geht um unser Lebenshaus schlechthin.
Es geht um das Fundament unseres Lebens.
Es geht um das Bewusstsein dafür, wie gut unser Lebenshaus gegründet ist.
Aber haben wir das überhaupt in der Hand? Jedenfalls was das Fundament betrifft?
Finden wir uns da nicht vielmehr vor, die einen auf Fels, die anderen auf Sand?
Bei manchen Menschen ist dieses Fundament unerschütterlich stabil, weil die Familie heil ist, die Gesundheit robust, die materiellen Verhältnisse üppig. Wer hat eine Art Elementarsschadenversicherung - von vornherein.
Andere dagegen werden in wacklige Verhältnisse geboren, sind Katastrophen ungeschützt ausgeliefert, immer wieder gefährdet.
Keiner von beiden hat irgendetwas dafür getan, dass sein Lebenshaus so oder so gegründet ist. Erst recht funktioniert die Zuordnung von wegen klug oder töricht so nicht. Eher beschreibt der Text auf den zweiten Blick sehr realistisch, dass einem Menschen, der unter schwierigen Umständen starten muss, Angst und Not drohen. Falsch wäre das nicht. Aber warum sollte Jesus Christus, der doch immer denen besonders nah war und ist, deren Lebenshaus gefährdet ist, die aus eigener Kraft nicht weiterwissen und -können, auf einmal solche Ungerechtigkeit festschreiben?
So stehen wir vor ein paar bildgewaltigen Versen und wehren eine fragwürdige Aktualisierung ab.
Neuer Anlauf zum Text. Der dritte:
„Wer diese meine Rede hört und tut sie, der wird einem Menschen ähnlich…“
Der wird einem Menschen ähnlich, der klug oder töricht ist….
Er ist es nicht. Noch nicht.
Es geht nicht darum, wo wir herkommen.
Es geht darum, wer wir sein und wem wir ähnlich werden.
Es geht darum, ob wir hören und handeln.
Kurzsichtig und tief eingegraben in unsere eigenen Lebensbezüge überhören wir womöglich aus lauter Angst um Haus und Hof, aus Sorge um Zukunft und Lebenschancen das Wichtigste:
„Wer diese meine Rede hört und tut sie…“
DAS ist der Zusammenhang auf den es ankommt. Immer.
Damals und heute braucht es viele Anläufe und Umwege bis die Nachricht durch das Getöse des Lebens zu uns durchdringt: wir sind dann fest gegründet, wenn wir auf Jesus Christus hören und das tun, was er sagt. Wir werden dann klugen und verständigen Menschen immer ähnlicher, wenn wir seine Ansagen zum Maßstab unseres Handelns machen.
Es geht nicht um den Felssporn für unsere Trutzburg. Wir müssen die Zumutung aushalten, dass es von sehr vorläufiger Bedeutung ist, ob wir auf dem Hausstein einer solide gebauten immer noch sehr wertvollen Villa sitzen oder mit den Füßen im Wasser stehen.
Eine harte und zynische Haltung? Ja, wenn man den Zusammenhang nicht sieht.
„Wer diese meine Rede hört…“
Es ist vielleicht die berühmteste Rede überhaupt, die Jesus gerade gehalten hat:
Die Bergpredigt.
Wer einem klugen Menschen ähnlich werden will, wessen Lebenshaus gut gegründet sein soll, wer Sturm Wasser nicht fürchten muss, der höre Folgendes und handle danach:
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden …
Wahrlich, ich sage euch … wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder… Vertrage dich sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist. …
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern … sondern so beten: Vater unser, unser tägliches Brot gib uns heute und führe uns nicht in Versuchung. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz….“
Es ist eine lange Rede. Sie zu hören und danach leben ist ein lebenslanger Prozess, ein langsames Ähnlichwerden mit denen, die wir sein sollen - ohne Angst vor Sturm und Wasser aber verantwortlich für das, was wir tun und lassen.
Amen





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  8. Sonntag n. Trinitatis

8. Sonntag n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.07.2021

Friedrich Rückert dichtete:
„Du meine Seele, du mein Herz, / Du meine Wonn, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe, / Mein Himmel du, darein ich schwebe,
Du bist die Ruh, du bist der Frieden, / Du bist der Himmel mir beschieden. …
Daß du mich liebst, macht mich mir wert, / Dein Blick hat mich vor mir verklärt … Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“
Das klingt nach: Ohne Dich ist alles nichts! Durch dich ist alles möglich!
Oder wie im Evangelium eben:
Du bist das Salz der Erde!
Du bist das Licht der Welt!
Durch dich wird die Welt hell, hat das Leben Geschmack und Kraft.
Ohne Salz und ohne Licht will und kann keiner leben. Was für eine Liebeserklärung!
Ein Mensch macht sie einem anderen. Gott uns.
Mehr braucht es nicht…
Aber Liebende sehnen sich nach Bestätigung, nach Antwort. Liebe will sich verströmen. Sie ist kein Besitz, der wie ein Schmuckstück glänzend und kostbar bleibt. Auch ungetragen. Im Gegenteil: sie ist eine Kraft, die Früchte tragen und die Zukunft ausleuchten will. Sie treibt uns vor sich her. Friedrich Rückert endet:
„Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“
Eine Welt, in der Menschen lieben, muss doch eine bessere werden! So viel Liebe kann doch nicht folgenlos bleiben!
Darum heißt es an diesem Sonntag auch:
Lebt wie Geliebte! Lebt als Kinder des Lichts! Lebt und sorgt dafür, dass Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit die Welt erfüllen, lasst leuchten!!!
Das muss die Welt doch merken: jede, jeder von uns ein Kind der Liebe!
Und wie gut das tut - umgeben von Liebe zu sein!
Dann wenn wir uns elend und mutterseelenallein fühlen.
Dann, wenn das Gebälk wackelt und das Haus nicht mehr sicher steht, wenn wir verunsichert sind durch das, was geschieht, wenn wir uns und unser Tun infragegestellt erleben. Es tut gut, sich ein bisschen besser angesehen zu wissen als wir selbst uns finden. Das tröstet uns auch über uns selbst. Liebe ist ja keine Augenwischerei sondern Ermutigung.
Aber da kommt Paulus.
Einer, der so sehr dafür gearbeitet hat, alles richtig zu machen und der so mächtig zwischen Selbstliebe und Selbsthass hin- und herschwankt. Einer, der unglaubliche Worte - das Hohelied - für die Liebe gefunden hat, der Liebe denken können will. Einer, der seine eigene Liebesbedürftigkeit verbirgt und sich doch so sehr wünscht, dass Menschen so als Geliebte miteinander leben, wie es Gott gefällt.
Einer, der so radikal denkt, dass Enttäuschung vorprogrammiert ist.
Paulus sieht Gottes geliebte Kinder, die Licht der Welt und Salz der Erde sein sollen.
Und er kann sie sich nicht schönsehen. Also schreibt er:
„Ihr wisst offenbar nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben.“
Das ist wahrlich kein verliebter Blick, auch kein liebevoller.
Paulus sieht Menschen, die ihr Herz an Anderes gehängt haben als an Gott; er sieht solche, die ihre Beziehungen und andere Menschen mit ihrem Begehren zerstören, die kein Maß kennen und keine Grenze. Man könnte sich rausreden und sagen: er sieht die antike Gesellschaft - aber uns schwant: Er würde nicht groß anders klingen, wenn er uns vor Augen hätte: Auch wir leben auf Kosten anderer und unser Reichtum hat seinen - bedenklichen - Preis. Auch wir spotten und lästern, reden böse, missbrauchen Macht und Vertrauen. Wir begehren, was uns nicht zusteht. Wir sind mithin keine geeigneten Bewohnerinnern des Reiches Gottes.
Wenn die Welt durch uns heller und charaktervoller werden soll, wird es noch lange fad und schummrig bleiben. Das weiß Paulus. Aber er ist ein Kämpfer, ein unermüdlicher Überzeugungstäter, einer der weiter sieht. Darum braucht und will er ein „aber“.
Aber: so müsste es nicht sein!
Aber: Ihr habt ganz andere Vorraussetzungen
Aber ihr seid doch „reingewaschen, geheiligt und gerecht!“ So schreibt er.
Denn das ist der Kern unseres Glaubens und das Herzstück der paulinischen Theologie: Gott sieht nicht die, die wir sind, sondern die die wir sein sollen. Er liebt uns. Noch einmal Friedrich Rückert: „Daß du mich liebst, macht mich mir wert…“ und das heißt doch: wir dürfen durch Gottes Augen auf uns in warmem Licht sehen und uns neu begreifen. Gott schenkt uns Würde und Freiheit! Er hält uns noch immer und trotz allem für brauchbar, Licht der Welt und der Erde zu sein - segensreich für das hier und jetzt.
Wohlgemerkt! Das schreibt derselbe Paulus, der sich von Dieben und anderen fragwürdigen Figuren umgeben sieht. Das schreibt der Mann, der mit ganzer Seele und aller seiner Kraft gedacht hat, dass strengste Gesetze helfen, in der Spur zu bleiben und dabei gescheitert ist. Das schreibt der, der bis zum Zusammenbruch versucht hat, ein guter Mensch zu sein und dann gemerkt hat: er kann mit Menschen- und Engelszungen reden, aber er hat die Liebe nicht.
Erst musste er sich zu dem bekennen, der die Gescheiterten, in Not geratenen, Kranken und Kraftlosen besonders liebte: Jesus Christus
Der Glaube an ihn hilft ihm, den Missmut und Frust, den Eifer und Zorn loszuwerden.
Dieser Glaube hilft ihm, barmherzig zu sein mit Anderen und mit sich selbst.
Dieser Glaube hilft ihm, Frieden damit zu schließen, wie Menschen nun mal sind und trotzdem nicht aufzugeben.
So versucht er es noch einmal anders und zeigt nicht mehr mit dem Finger auf andere. Er verzichtet auf das moralinsaure Urteil und sich die Selbstüberhebung. Er versucht nicht gerechter als der rechtfertigende Gott zu sein. Jetzt sagt er: versucht es inmitten dieser verrückten, verführerischen, inkonsequenten, korrupten, zerstörerischen, herrlichen Welt so: Sagt Euch: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“
Ja, es geht Vieles. Es ist nicht verboten von dieser Welt zu sein und sich an dem zu freuen, zu genießen, was das Leben uns schenkt. Aber: lass dich nicht beherrschen! Und weil es alles mit dem Leben hier und jetzt zu tun hat, darum merkt ihr ob das gelingt an eurem eigenen Leib.
„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist.“
Seid gut zu Euch selbst. Glaubt nicht, der Leib sei nicht wichtig, sondern nur mühselige Zutat, in jämmerlichem Zustand, mehr Last als Freude und ohnehin stets im Rückbau begriffen. Unser Körper macht uns wirklich! Wir sind nicht nur Gottes gute Ideen, sondern seine sehr echten geliebten Menschen.
Wir sind Licht und Salz, füreinander und für die Welt. Denn:
„Daß du mich liebst, macht mich mir wert, / Dein Blick hat mich vor mir verklärt…Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“


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  4.So.n. Trinitatis - Josef

4.So.n. Trinitatis - Josef

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.06.2021

Einer trage des Anderen Last, was siehst Du den Splitter im Auge der Anderen und nicht den Balken in deinem Auge - so klingt es an diesem Sonntag in den alten Worten, die noch immer bedeuten:
Das, was Andere zu tragen haben, betrifft mich auch - so oder so. Entweder, weil sich ein Mensch neben mir mit einer Bürde abmüht, die er allein nicht tragen kann oder weil seine Last mit mir zu tun hat. Und auch: Das, was Andere falsch machen, kann fraglos falsch sein - vielleicht sehe ich es sogar deutlicher, weil ich nicht in drin stecke aber das bedeutet noch lange nicht, dass das, was ich tue nicht auch falsch ist, vielleicht sogar noch schlechter und ich in meiner Haut schon gar nicht gut sehn und beurteilen kann, was andere durchzustehen oder zu entscheiden haben.
All das birgt Gefahr, unerbittlich gegenüber anderen zu werden; ist Grund für Vergebungsbedürftigkeit.
Davon erzählt auch der Predigttext: die Josefsgeschichte. Vielleicht als hilfreiche Illustration, vielleicht auch als weiteres Fragezeichen.
Ich gehe mal davon aus, dass jedenfalls alle hier, die in der Domsingschule großgeworden sind, irgendwann auch das Josefmusical gesungen haben: „Simeon und Sebulon und Issachar gab‘s schon, da bekam auch Rahel endlich ihren ersten Sohn - Josef, der kleine Josef, von Anfang an des Vaters Lieblingskind“. Ging es da los? Mit großem Abstand kommt noch ein Prinzchen hinterher. In manchen Familien gab es nach dem Krieg solch ein „Friedenskind“. Die Nesthäkchen werden verwöhnt und verhätschelt, müssen sich nicht mehr mit den altersmilden oder schlappen Eltern abkämpfen, längst sind die Spielregeln und Freiräume durchgesetzt, so denken es die Großen, die staunend erleben, dass manches bei weitem komfortabler für die Kleinen läuft.
Gut möglich, dass da ein Balken im Auge die Sicht trübt.
Denn so sonnig ist der Platz auf der Bank im Abendsonnenschein gar nicht. Dort nagt das Gefühl, immer nicht dabei gewesen zu sein, wenn die Großen Geschichten von früher erzählen und Erinnerungen teilen. Im Nachzüglerparadies wurmt, dass mancher Fortschritt und Erfolg, der bei den Großen noch mit Aaahs und Oohs bestaunt und dokumentiert wurde, nun kaum mehr wahrgenommen wird. Alles schon mal dagewesen. Und wenn dann die Oma stirbt, dass wissen die Großen schon, was wertvoll ist oder zur Familiengeschichte gehört und der Kleine wird das Gefühl nicht los, irgendwie übers Ohr gehauen worden zu sein...
So leicht ist nicht auszumachen, wer wessen Last trägt - und auch Eltern haben ihre blinden Flecken und meinen, an den richtigen Stellen zu korrigieren - aber: siehe oben...
So oder so ähnlich mag es auch in der alttestamentlichen Familie um Josef und seine Brüder zugegangen sein und wir wissen, wie es weitergeht:
Die Großen überlassen den Kleinen einem einsamen Schicksal - soll er doch verrecken. Dem verzweifelten Vater, Jakob, tischen sie eine Lüge von wegen eines tragischen Unfalls auf und dann mag Gras wachsen über die alte Geschichte.
Das tut es - aber nicht auf gute Weise.
Denn Jakob schweigt, wie so oft geschwiegen wird, wenn Katastrophen über Familien hereinbrechen.
Jakob schweigt, wie sein Vater geschwiegen hat, als er seinen Bruder Esau um seinen Segen und sein Erbe betrogen hat. Jakob weiß, was Geschwisterrivalitäten sind und hat sie bei seinen Kindern nicht verhindern können.
So schwelt die alte Geschichte weiter, schleppen alle an ihrer Last.
Und trösten sich daran, dass „das Leben“ oft von ganz allein für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. Josef wurde jedenfalls nicht von wilden Tieren zerrissen oder verdurstete, sondern Fremde nahmen ihn mit nach Ägypten. Dort nimmt er einen rasanten Aufstieg, wird ein hochangesehener schwerreicher Mann, der - als eine schreckliche Dürre und Hungersnot die ganze Region bedroht - sogar seine schwierige Familie retten kann. Es kommt schließlich zu einer tränenreichen Wiederbegegnung mit den Brüdern und auch dem greisen Vater. Jakob stirbt und Josef begräbt ihn Zuhause. Alles gut. So scheint es.
Auf der Oberfläche. Denn dass Wunden wirklich heilen, dass Wiedergutmachung gelingt, Vergebung und Versöhnung Wirklichkeit prägen, braucht Zeit.
Und so wird erzählt:
„Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: „So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist … Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“
Wenn die Generation, die alles zusammengehalten hat, stirbt und man auf einmal selbst dafür einstehen muss, dass es weitergeht, spätestens dann merkt man, dass die alten Geschichten noch immer mitgehen. Josefs Brüder haben wieder Kontakt, aber sie trauen sich selbst nicht zu, Versöhnungswege zu gehen. Vielleicht wissen sie, was mancher Politiker oder Bischof auch spürt: man kann sich nicht selbst entschuldigen. Man kann nur bitten.
Darum schieben sie einen letzten väterlichen Willen vor.
Aber von diesen letzten Worten ist nirgendwo die Rede.
Die Rabbinen haben daraus abgeleitet, dass Notlügen erlaubt sind, wenn sie zum Frieden führen… Hm. Der Bibel ist nichts Menschliches fremd. Unterhalb dessen könnte man lesen: Die Brüder sprechen indirekt. Es ist ein Prozess, in dem sie zu den Worten finden, die noch gesagt werden müssen, damit Versöhnung geschieht, damit die Unerbittlichkeit der Geschichte eine Ende hat.
Vorher sind noch viele Tränen nötig. Und Josef weint sie.
Aber auch er sagt nichts. Noch immer Schweigen.
So weint Josef zum siebenten und letzten Mal.
Erst dann kommen seine Brüder. Und fallen auf die Knie. Da ist sie – diese Geste, die noch immer mehr als jede andere bewegt, weil sie so eindeutig ist.
Und endlich reden die Brüder miteinander.
Und sie sprechen aus, was wir wohl auch wissen:
Unterwerfung erleichtert nicht. Aber sie hilft, Versöhnung und Frieden den Weg zu bahnen.
„Ich bin nicht Gott“ – so wehrt Josef ab. Ich habe auch Splitter im Auge. Nicht ich wende die Geschichte. Gott ist es. Aber wenn er daraus Gutes wachsen lässt, dann will ich es einbringen, damit es unter uns gut wird.
Die Brüder haben gekniet, aber Gott hat sich so tief erniedrigt, dass er gestorben ist, damit wir leben können. Und er hat uns sein Wort und Sakrament geschenkt, damit das Schweigen aufhört und wir einander nicht immer weiter Schuld aufbürden, sondern unsere Last gemeinsam tragen und Vergebung möglich wird.

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  1. Sonntag n.Trinitatis

1. Sonntag n.Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.06.2021

Jona! Die Geschichte von dem Mann im Fischbauch ist endlich Predigttext und das, nachdem wir solange festgesessen haben – hinter meterdickem Walfischspeck, ganz mit uns allein!
Wahrscheinlich gehört die alte Erzählung noch zum Grundbestand dessen, was Menschen aus der Bibel kennen, umso mehr lohnt es genauer hinzusehen und all das in Gedanken mitzunehmen, wovor wir wegrennen und was wir nicht bearbeiten wollen, was uns hindert aufzustehen, dass Entscheidungen oft lange Wege und Umwege, Einsamkeit brauchen. Dieser Text wird sich für manche auch mit Gedanken an Reinhard Kardinal Marx in München verbinden, denn dieser Amtsverzicht gibt zu denken. Es ist ja auch eine Art Rückzug in den Fischbauch.
Jona also.
Einer, von dem bis dahin keine Rede war. An den geht Gottes Wort und Jona hört: „Steh auf! Geh in die Stadt! Sprich aus, dass ihre Bosheit bis vor mein Angesicht hinaufgedrungen ist.“.
„Steh auf, mach den Rücken gerade, so geht es nicht weiter!“ So klingt es im Moment der Krise, in dem Lebensgeschichten Knicke kriegen, Umwege beginnen, Entscheidungen fallen. Kardinal Marx spricht von einem toten Punkt, der ein Wendepunkt sein kann.
Wo kommt dieser Impuls her? Spricht eine innere Stimme und bringt Unruhe, Grübelei, Gewissensnot? Hören wir durch die Worte eines anderen Menschen auf einmal: Was bedeutet das für Dich? Musst du nicht Konsequenzen ziehen?
Oder geschieht es tatsächlich, dass wir merken: jetzt will Gott etwas von mir. Jetzt kann ich ihn nicht länger überhören.
In der biblischen Geschichte spricht Gott: steh auf, geh hin, sprich es aus - es stinkt zum Himmel stinkt!
Und Jona steht auf. Er spürt, dass er sich dem entziehen kann. Aber er versucht es trotzdem. Die Furcht vor dem, was die Auseinandersetzung, was das mitten-hinein-ins-Problem zu Tage fördern könnte, ist zu groß.
Das kennen wir auch: man weiß eigentlich, dass es so nicht weitergeht – aber probiert man kleine und große Fluchten, alle möglichen Ausweichmanöver. Jona tut das auch. Nur von hier weg, so weit wie möglich!
Dabei haut er nicht als schwarzer Passagier ab oder verschwindet nach einer kurzen Nachricht: Uuups. Ich bin weg. Jonas Flucht verläuft sehr ordentlich, er geht zum Hafen, sucht sich ein Schiff, kauft ein Ticket und steigt ein.
Sehr nachvollziehbar und trotzdem total absurd. Denn Jona weiß und wir wissen es auch: Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge bis zum äußersten Meer, so wäre Gott da. Er kennt unserer Gedanken schon vor uns…
Darum könnte Gott auch nochmal reden: Jona, lass das! Zieh es nicht noch länger hinaus! Aber das tut er nicht. Gott schickt vielmehr einen Sturm, der das Schiff in Seenot bringt, damit Jona und jeder anderer begreift: Mit seiner Verzögerungstaktik, seiner Hinhalterei, dem Wegducken und dem Versuch, seiner Verantwortung auszuweichen, bringt er anderer Menschen in Lebensgefahr. Sie zahlen den Preis, verlieren ihr Hab und Gut, womöglich ihre Existenzgrundlage und damit ihr Leben. Aber noch ist Jona das nicht klar. Denn:
„Jona war in das Innere des Schiffes hinabgestiegen. Er hatte sich hingelegt und schlief tief.“
Jona hat sich tief ins Innere verzogen, immer weiter zurück. Macht dicht vor den drängenden Problemen seines Lebens und seiner Gegenwart. Er geht in die innere Emigration, verschwindet einmal mehr von der Bildfläche. Und nimmt in Kauf, dass es immer schlimmer wird! Und erstaunlicherweise schläft er!
In der frühen DDR gab es Schlafkammern im großen Stil, so erzählt es Ines Geipel. Schlaf, so lehrte der russische Physiologe Iwan Pawlow, ist „ausgebreitete Hemmung, Diktatur der Großhirnrinde“. Schlafend verschleifen sich traumatische Erlebnisse, wird der Geist in Narkose versetzt wird. Kommunisten, die aus den russischen Gulags heimkehrten, sollten so zu neuen Menschen werden, Dagebliebene Krieg und Diktatur vergessen. Der Schlaf sollte Erinnerungen löschen.
Die radikalste Form der Flucht vor dem, was war.
Jona schläft auch. Er ist nicht zu sprechen. So muss er nicht denken, nicht entscheiden. So verliert er als Einzelperson an Bedeutung.
Die Menschen, die er in Gefahr gebracht hat, beten indessen zu ihren Göttern. Sie suchen Hilfe jeder dort, wo er sie zu finden glaubt. Es ist ein heilloses Durcheinander. Alle suchen panisch nach einer Ursache, nach einem Schuldigen. Und das Los zeigt auf Jona:
„Klär uns auf!“ fordern sie. Erkläre Dich und das, was Du mit diesem Unglück zu tun hast! Bring Licht ins Dunkel. Bleib bei der Wahrheit! Sag uns, was du weißt!
Das Meer tobt, es bleibt eigentlich keine Zeit – typisch wäre: das geht jetzt nicht! Keine Zeit für Diskussion oder langwieriges gründliches Denken.
Nicht so in der alten Geschichte! Die Frage nach der Wahrheit, nach ehrlicher Aufklärung ist dringender als alles andere. Erst wenn man weiß, wovon man spricht, kann man entscheiden, was geschehen soll.
Und Jona steht auf. Ein zweites Mal. Und er bekennt sich. Es ist sein nächster Schritt. „Ich bin einer, der Gott fürchtet.“ Vielleicht sogar: ich bin einer, der Grund hat Gott, zu fürchten. Das hat mit mir zu tun. Ich muss die Konsequenzen tragen. Nicht ihr. Werft mich ins Meer!
Und da passiert etwas Merkwürdiges: die, die wegen ihm in existentielle Not geraten sind, entsolidarisieren sich nicht, überlassen ihn nicht seinem Schicksal – obwohl der Sturm tobt. Die Bibel erzählt:
„Aber die Männer legten sich ins Zeug, um ans Festland zurückzukehren. Doch sie vermochten es nicht. … „
Bis zu diesem Punkt haben sie im Guten wie im Bösen alles Menschenmögliche getan. Sie haben gehadert und gehandelt, gepokert und gekämpft. Umsonst. Erst jetzt werfen sie Jona ins Meer, Gott in die Arme.
Das Meer wird ruhig. Die Menschen sind in Sicherheit. Als Jona begriffen hat, dass er sich seinen Fragen und denen Gottes, stellen muss, wird es friedlich – draußen und für alle, die er mit hineingerissen hat.
Aber Jona selbst erlebt, dass seine Flucht, weg von Gott, in das Innere des Schiffsbauchs erst der Anfang war. Dass das Aufstehen allein nicht genügt.
Er muss noch viel tief tiefer ins Innere hinein, er muss sich der Stille ausliefern, der Dunkelheit und seinen Themen.
„Gott aber bestimmte einen großen Fisch, Jona zu verschlingen und Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches. Da flehte Jona zu Gott, aus dem Bauch des Fisches.“
Jona muss beten lernen. Das hat er bis hierher nicht getan. Erst als sein Flehen sich an Gott richtet und daraus ein Gebet wird, spricht Gott zu dem Fisch.
Und er spie Jona aufs Trockene.
Und erst dann fängt es an.
Erst dann kann er tun, was Gott von ihm will.
Jona. Sein Name heißt Taube. Noah hatte eine Taube ausgesandt, als der Regen aufhörte. Sie fand keineswegs beim ersten Anlauf Boden unter den Füßen. Aber sie versucht wieder und wird zum Symbol, dass es weitergeht. Mit Gott und den Menschen, jedem einzelnen von uns und allen unseren Fischbauchgeschichten.

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  Rogate

Rogate

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.05.2021

Rogate! Betet! - heißt dieser Sonntag.
Lasst uns also über das Beten reden, so gut es eben geht oder vielmehr wohlwissend, dass das eigentlich nicht geht.
Beten ist keine Technik, die man erlernen und perfektionieren kann.
Beten ist kein rhetorisches oder poetisches Vermögen.
Sondern mit Jörg Zink: „In dir sein Gott, das ist alles.“ Oder wie Martin Buber übersetzte: „Ich bin Gebet“ statt: „ich bete“.
Beten ist Sein, ist Existenz und Erfahrung, unsere Art Gott zu begegnen und darin mir selbst – mit all dem, was mich umtreibt und ich mir in mir bewahre: meine Geschichte und meine Erinnerungen, meine Hoffnung und meine Träume, meine Sorge, meine Liebe – und die Löcher in mir, durch die der Wind pfeift.
Beten heißt sich gefunden wissen. Durch das Dunkle hindurch. Durch das Licht auch.
Kyrie und Gloria.
Über das Beten reden heißt, über Gott zu reden.
Das macht es nicht einfacher, nicht gewisser.
Christian Lehnert, Theologe und Dichter hat geschrieben:
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Ich bin diesen Worten vor einigen Wochen begegnet, sie haben sich mir eingebrannt, sind mir wichtig und schwer verdaulich, sperrig – ich fühle, in ihnen steckt Wahrheit. Sie passen in schwere Zeit und übersteigen sie weit.
Gott gibt es nicht, wie einen greifbaren Menschen neben mir, nicht als Wind und nicht als Feuer, nicht als hand, die ich greifen kann. Er ist unerfahrbar für meine Sinne – einerseits. Und andererseits:
Gott ist unzweifelhaft da.
Gott ist da, wenn er mir fehlt.
Gott ist da, wenn ich ungeborgen und unbehaust bin.
Gott ist da, wenn ich es nicht mehr aushalten kann.
Ganz nah an meiner Seele, die nicht ins Leere klingt.
Ein dunkler Riß. Ein Gebet.
Wie oft mag solcher Riß Gebet geworden sein – wortlos, mühsam, tröstend - auf dem Weg zwischen Magdeburg und Braunschweig?
Ich bin heute Morgen ganz leicht herübergefahren.
Aber meine Großeltern fuhren auf dieser Strecke mit klammen Herzen immer auf eine Grenze zu – die sie von ihren Kindern und Enkeln unbarmherzig trennte.
Meine Mutter fuhr auf dieser Strecke auf eine Grenze zu, die sie von dem Leben trennte, dass sie sich für ihre Kinder wünschte und versuchte auszuhalten, was es bedeutet auf dieser Seite hier zu bleiben. Heute ahne ich, wie schwer solche Last sein mag – zerrissene Familien, Fremdheit, Angst, Sehnsucht, Liebe, Heimatverlust und auch die Bürde, das Leben meiner Kinder mit meinen Entscheidungen zu beschweren. Dazu die Angst vor demütigenden Kontrollen, der Mut, den es brauchte Bücher und Texte, Gedanken, Ideen und Musik hin und herzutragen. Bindung.
Und alles andere, was hilft, auch.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen / und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten.
Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
So heißt es im Predigttext für diesen Tag bei Jesus Sirach.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Die Allerärmsten. Wahrscheinlich sind wir das nicht.
Oder sind wir es alle? Verlorengegangen in den dunklen Rissen, die Menschen auseinandergetrieben haben – angestachelt von Ideologie, eingeschüchtert von Diktatur, zermürbt von Krieg, größenwahnsinnig geworden, geldgierig, maßlos oder ausgehungert, verletzt, zermürbt, verraten.
Diese Grenze zwischen Magdeburg und Braunschweig hat so viele arm gemacht – an Leben und Zukunft.
Und dieses Virus jetzt auch: Es bringt Kinder dazu, nicht mehr leben zu wollen und reißt Erwachsenen das Fundament ihres Lebens unter den Füßen weg. Es trennt Reiche und Arme, frißt Lebenszeit.
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Es betet in mir. Und hört:
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Gott ist nicht voreingenommen.
Er fragt nicht, ob wir uns da selbst reingeritten haben. Es geht ihm nicht um
Schuld und Versagen. Er ist da und „und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten. Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
Menschen sehen nicht davon ab, wer ihnen Leid zufügt. Seltene Ausnahmen mag es geben und damit ein Gedenken, an Sophie Scholl, die heute 100 Jahre alt geworden wäre.
Aber die allermeisten rasen auf die Grenze zu und haben Angst und kalte zitternde Hände, fühlen sich ohnmächtig und unendlich traurig, sind zornig und bitter gegenüber den Mächtigen, schweigen und tragen daran ihr ganzes Leben.
Und in all dem und als all das steigt Gebet zum Himmel. Und in ihm und mit ihm, mein ganzes Leben und die Geschichten derer, die ich in mir trage.
Das muss Gott doch hören! Jetzt muss doch etwas geschehen.
Im Predigttext heißt es dazu:
„Menschen, die Gott dienen, werden mit Freude angenommen, / und ihre Bitte dringt bis zu den Wolken. Das Gebet erniedrigter und entwürdigter Menschen dringt durch die Wolken, / und es lässt nicht nach, bis es sein Ziel erreicht hat; es gibt nicht auf, bis Gott es wahrnimmt, und ihnen Recht verschafft.“
Die Bitten derer, die Gott dienen, an denen Gott Wohlgefallen hat, dringen bis an die Wolken. Bis dorthin. Nur bis dorthin. Und dort bleiben sie.
Ungehört? Wirkunglos? Nutzlos?
Aber das Gebet der Ärmsten und Unglücklichsten, das dringt hindurch. Das erreicht ihn, das gibt nicht auf. Das verändert die Welt.
Hier hat sich einer gewagt aufzuschreiben, dass es Zwischenzeiten gibt – da dringt das Gebet nicht durch. Hier hat sich einer getraut zu sagen: ich weiß nicht, ob mein Gebet nützt und gehört wird. Hier hat einer nicht aufgehört zu glauben, dass denen die Ungerechtigkeit erfahren, die ohnmächtig ausgeliefert sind, die das Leben nicht mehr aushalten können, Hilfe zuteil wird.
Ich bin von Braunschweig hierher gefahren. Die unbarmherzige Grenze ein grünes Band. Georg Oswald Cott, ein Braunschweiger Dichter schrieb: „Wundklee blüht, dem Kolonnenweg wächst ein Bart aus Moos.“ Diese Bitten sind durchgedrungen. Gott hat sie gehört. Nicht gleich. Aber doch. „Denn Gott ist unserer Seele nah, so oft wir ihn vermissen“ und wir sind in ihm. Das ist alles. Amen

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  Karfreitag

Karfreitag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.04.2021

Da steht Petrus nun am Feuer vor dem Gebäude, in dem Jesus verhört wird, einsam, ratlos, traurig und wärmt seine Hände, seine Seele, seine Eingeweide.
„Bist du nicht einer von ihnen?“ Wird er gefragt.
Da leugnet Petrus, so steht es, und sagt: „Ich bin es nicht.“
Ich bin es nicht.
Ich bin nicht der, der hier ganz allein dazwischen steht, übriggebliebener Rest einer Hoffnungsbewegung. Ich will auch nicht dazugehören, nicht zu denen, die ihn verurteilen, nicht zu denen, die ihn bedauern. Ich will keiner sein, der mit ihn in den Untergang gerissen wird. Ich will schon gar nicht, dass jemand meinetwegen leiden und sterben muss…
Das „bin ich nicht.“
So schlecht und so schlimm, dass einer für meine Schuld am Kreuz sterben muss, bin ich nicht. So gerade und mutig, seinetwegen in Gefahr zu geraten, auch nicht.
Ist Petrus womöglich gar nicht der elende Lügner, sondern einfach nur sehr ehrlich?
Er ist ein Mensch wie wir.
Ein Mensch, der in Lebenswüsten gerät, falsche Entscheidungen trifft und Freundschaften verliert. Ein Mensch, ihn Herbert Grönemeyer unnachahmlich beschreiben hat:
„Und der Mensch heißt Mensch / Weil er vergisst / Weil er verdrängt / Und weil er schwärmt und glaubt / Sich anlehnt und vertraut / Und weil er hofft und liebt / Weil er mitfühlt und vergibt / Und weil er lacht / Und weil er lebt…“
Und weil er solch ein Mensch ist, einer der leben will, hält Petrus Abstand:
„Das bin ich nicht.“
Das kann ich verstehen. Vielleicht hätte ich es auch so gemacht.
Und da kräht der Hahn und Petrus überfällt in all der Lüge die Wahrheit seines Lebens.
Geht er in die Knie?
So wie ich vorhin es vorhin gemacht habe – weil uns das die Liturgie des Lebens mit Gott eingeschrieben hat: „Ich armer elender sündiger Mensch bekenne dir …“
Das sind nicht meine Worte. Aber sie passen in meinen Mund.
Wenn ich das bete, lüge ich nicht, sondern bin näher an meiner Wahrheit als sonst oft. Wenn ich das bete, berge ich mich auch in der Geschichte des Petrus, der es so gern gut machen wollte.
Und der draußen geblieben ist.
Draußen im Hof. Vor der Tür. Zuhause.
Denn er ist nur Petrus. Zum Glück: nur Petrus!
Nicht Jesus.
Diesem Petrus hallten vielleicht die alten Jesajaworte in den Ohren, die auch wir heute drehen und wenden, hören und verinnerlichen sollen:
„Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.“
Wir sahen ihn, bespuckt, ausgelacht, misshandelt.
In einem modernen Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich seh im Spiegel seiner Schrift, die Wahrheit, die mein Leben trifft.“
Wir sahen ihn…
Ich sehe heute im Spiegel der Schrift all das, was wir Menschen an uns selbst nicht sehen und wahrhaben wollen. Ich seh im Spiegel seiner Schrift den, der all das auf sich versammelt, was uns hindert die zu sein, die wir sein wollen, sein sollten.
Ich sehe Petrus und den armen elenden sündigen Menschen, von dem Jesaja schreibt und den am Kreuz um dann die Wahrheit zu hören, die mein Leben trifft:
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unseretwillen verwundet und zerschlagen. … auf dass wir Frieden hätten.“
Ich sehe Jesus Christus, und in ihm die, die wir auch sind: im Schweiße des Angesichtes, in den Tränen der Einsamkeit, in der Hingabe an andere Menschen.
Ich sehe im Spiegel seines Lebens, dass man Versuchungen widerstehen und zugleich darum bitten kann, dass es endlich aufhört.
Und schließlich sehe ich einen, der seinen Frieden macht.
Mit seinem Leben und seinem Schicksal, mit den Menschen, die zu ihm gehören.
Er macht Frieden – nicht als ästhetische Geste sondern weil er darum gerungen und gebeten hat.
Er macht Frieden mit sich, damit ich auch Frieden mit meinem Leben machen kann.
Kein Hahn kräht mehr. Stille. Das ist die Wahrheit, die mein Leben betrifft.
Karfreitag 2021.
„Bist Du nicht die…?“
Bin ich die, deren Leben unterm Kreuz heil werden will?
Bin ich die, für die das geschehen muss?
Wer bin ich?
„Wer bin ich? Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? … Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür … umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne…
Wer bin ich? …
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Auch das sind nicht meine Worte, sondern die Dietrich Bonhoeffers.
Heute passen sie in meinen Mund. Damit gehe ich und so vergehe ich nicht. Bis es wieder hell wird – am Ostermorgen.“



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  Palmarum

Palmarum

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.03.2021

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
So schreibt einer im sogenannten Hebräerbrief drei, vier Generationen nach Jesu Tod an seine Zeitgenossen. Sie waren - wie wir - keine Augenzeugen Jesu aber ihre Welt war seiner bei weitem ähnlicher als unserer. Manches muss sich aber sehr ähnlich angefühlt haben, denn dass einer schreibt, dass der christliche Glaube auf Hoffnung aus ist und mit Zuversicht einhergeht, nicht mit Angstmacherei und Weltuntergangszenarien, das braucht auch heute keine Übersetzung.
Wer damals oder jetzt davon redet, dass es keine Hoffnung gibt, der gründet sich woanders als im Glauben an den, der gestorben und auferstanden ist.
Damals und heute bedeutet zu glauben, nicht zu zerzweifeln was nicht mit eigenen Augen besehen werden kann.
Nicht sehen können macht den manchmal schwer erträglichen und manchmal erleichternden Unterschied zwischen Glauben und Wissen aus. Wir wissen es nicht, aber wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint. Zweifel daran hilft in keiner Richtung.
Und darum heißt es weiter:
„In diesem Glauben haben auch die Alten Gottes Zeugnis empfangen…“
Mit anderen Worten: so ist es von Anfang an und immer schon gewesen.
Wir mögen denken, dass es in der alten Zeit leichter war zu glauben, das Gott näher war und direkter redete. Aber egal ob mit den „Alten“ die Zeitgenossen Jesu oder unsere Eltern, Großmütter und Großväter, gemeint sind – immer musste man sich dafür entscheiden, glauben und hoffen zu wollen und immer musste man ertragen, dass vieles nicht bewiesen kann.
Das geht mit Blick auf die Bibel, Gottes Zeugnis, mal leichter und mal schwerer, je nachdem ob wir an eigene Erfahrungen anknüpfen können: Familiengeschichten wie die von Jakob und Esau, Naomi und Ruth, dem verlorenen Sohn oder auch die lange zermürbende Wüstenwanderung, das Gefühl da nie wieder rauszukommen, kennen wir. Auch dass Durchhalten: „Sagt meinen Kindern, dass sie weiterziehen!“ Selbst der Übermut des Petrus, der auf dem Wasser laufen will, ist uns nicht fremd, nicht mal seine Angst und Feigheit als er verleugnet.
Glauben fällt da leichter – denn wir hoffen ja auch irgendwie zu unseren Gunsten: Wenn Gott mit all diesen zutiefst menschlichen unvollkommenen Figuren seine Geschichte mit uns Menschen fortschreiben kann, warum dann nicht mir uns? Gerade jetzt, wo wir die Taube alle halbe Stunde aus der Arche losschicken, wäre Zweifel Luxus wenn nicht lebensgefährlich.
Und dann gibt es die anderen Kirchenjahreszeiten und Bibelgeschichten, in denen es so viel schwerer ist, zu glauben und nicht zu zweifeln, weil nichts im eigenen Erleben und Empfinden Parallelen findet, ganz zu schweigen vom Verstand, der es gern logisch hat und begreifen will: die wahnsinnige Sintflut und das geteilte Schilfmeer, der gleißende Engel Gabriel im Zimmer eines Mädchens, das schwanger wird ohne intim zu sein, das freiwillige Sterben am Kreuz, das leere Grab, der Auferstandene mit Wunden an Händen und Füßen.
Das kann man mit unseren Hirnen nicht denken. Das muss man als moderner Mensch eigentlich bezweifeln. Oder eben glauben wollen.
Jetzt, in der Passions- und Osterzeit bewegen wir uns ständig auf diesem Grat – es gibt Geschichten, da ahnen wir, was seinerzeit erlebt worden ist und welche, da geht das nicht. Jetzt balancieren wir auf dem Grat zwischen Verstehen können, Nichtzweifeln sollen und Glauben müssen oder wollen – rechts und links geht es tief runter in die Hoffnungslosigkeit aller irdischen Grenzen, diesseitiger Debatte.
An Palmarum fängt der Hochseilakt an:
Ja, wir verstehen, dass Menschen jemandem, den sie lange ersehnt haben, begeistert entgegenlaufen. Wir haben schon erlebt, wie schnell der Funke überspringen kann, wie gern sich Menschen begeistern lassen. Aber wir wissen auch, wie gefährlich solche Dynamik manchmal ist und wie schrecklich wir uns schon geirrt haben. Darum müssen wir glauben wollen und Hoffnung behalten, dass wir in dem armen friedfertigen jungen Mann auf einem Esel tatsächlich den Richtigen zum König ausrufen, obwohl man ihm nicht ansehen kann, dass seinetwegen etwas grundsätzlich Anderes und Gutes Neues.
Es gehört feste Zuversicht dazu, darauf zu vertrauen, dass uns hier Wahrheit begegnet, nicht Manipulation, dass sich nicht doch die Erotik der Macht oder die Angst davor am überzeugendsten bleibt…
Es braucht tapferes Gegenhalten, wenn einen der Zweifel überfällt, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben, obwohl alles in seiner Wehrlosigkeit nach einem enttäuschenden bestürzenden Ende aussieht.
Hosianna ist ja auch ein Befreiungsruf! Hilf uns!!!
Palmarum: Da sind wir, mit den Palmzweigen in der Hand, voller Hoffnung und Zuversicht aber auch angefochten von den Ohnmachtserfahrungen, den Versuchen und Mühen, die nichts besser gemacht haben, dem vergeblichen Vertrauen, sorgenvoll, ob das alles noch was werden kann. Hin- und hergerissen.
„Hosianna“ und „Kreuzige ihn!“ liegen nah beieinander.
Es ist nicht so abwegig, dass es dieselben rufen…
Ach, das kennen wir.
Ein irrsinniges Hin und Her…
Man weiß nicht mehr, was denken und wem vertrauen, Zweifel nagen. Die lange Vereinzelung tut ihr Übriges – seit Wochen bestätigen wir uns am Widerhall des eigenen Echos. Wir stehen keineswegs in jubelnden oder kritischen Menschenmengen. Am Anfang der Karwoche erleben wir eher, was Reinhard Mey in einem gänzlich anderen Leben so besang:
„Allein / Wir sind allein / Wir kommen und wir gehen ganz allein / Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein / Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein…“
Allein. Allein Hoffnung und Zuversicht bewahren, allein nicht verzweifeln. Ist das die Herausforderung der Passionszeit 2021? Ja, in gewisser Weise gehen wir gerade sehr allein durch die Zeit. Jede und jeder muss für sich selbst entschieden, ob wir heute hier sein wollen, Gottesdienst feiern, präsentisch. Jede und jeder muss dauernd abwägen, losgehen, zurückrudern, sich loyal verhalten und trotzdem selber denken und verantworten.
So stehen wir an der Straße unseres Lebens, denn „der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
Hat unsere Mütter und Väter das durch die Stürme ihrer Zeit, ihres Lebens mit all seinen Nöten und Krisen getragen? Vielleicht nicht besser als uns – aber doch bis hierher. Und also heißt es in dem uralten Brief weiter: „Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben … lasst uns laufen mit Geduld.“
Und da fallen mir die orthodoxen Geschwister ein, die nie ganz allein sind, weil all die Heiligen, die sie sich in ihren Kirchen und Kapellen an die Wände malen, selbstverständlich lebendig sind und mitgehen. Eine Wolke derer, die zuversichtlich blieb und nicht zweifelte. Solche haben wir hier auch. Der ganze Dom ist voll davon…




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  Laetare 2021

Laetare 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.03.2021

Laetare! Freut euch, heißt dieser Sonntag. Mitten in der Passionszeit: freut euch! Nicht einfach nur so oder endlich mal, nein: richtig! Es gibt Grund zur Hoffnung und Grund für echte erleichternde Herzensfröhlichkeit! Stellen wir uns vor, es wäre wie in Salomos Hohelied der Liebe: „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel…!“ Leichtfüßig und glücklich, erwartungsvoll kommt da einer angesprungen – es gibt ja lauter gute Nachrichten: dieser Jesus Christus heilt Blinde und Lahme, er sättigt die Hungernden und hat einen Toten geheilt, den Lazarus. Nicht etwas einen Scheintoten, sondern einen der schon gestunken hat! Da muss man doch herangesprungen kommen, überperlend vor Lebensfreude – denn endlich ist Land in Sicht und wird alles gut, endlich müssen Menschen nicht mehr an schrecklichen Krankheiten sterben oder verhungern, endlich können sich die wieder bewegen, denen die Füße schon ganz taub geworden sind und die wieder sehen, deren Augen schon ganz trüb waren, die vor lauter Kummer und Einsamkeit nichts mehr wahrgenommen haben.
Das ist ansteckend – im besten einzig guten Sinne des Wortes!
Solche Freude verbreitet Hoffnung und Lebensmut auch unter denen, die bisher gar nichts auf den Glauben an Jesus Christus und die Osterfreude gegeben haben und nichts damit anfangen können, dass der große Schöpfergott seinen Segen auf einmal durch einen ganz normalen Menschen verströmt.
Das muss man erleben! Da muss man dabeigewesen sein – später wird sich das nie mehr in Worte fassen lassen.
Und so kommen die Fernen, um sich mitreißen zu lassen.
Jetzt kommen auch die, die nicht dabei waren als er Brot und Fisch verteilte…
Das Johannesevangelium erzählt:
„Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.“
Griechen, Menschen aus dem Volk der Sportler und Philosophen, mit eigenen Gedankengebäuden, Sagen und Göttern.
Griechen, Menschen aus einer anderen Kultur und vielleicht auch einer anderen Zeit.
Sie wollen dabei sein und den selbst sehen, von dem all die Wunder erzählt werden. Sie spüren, dass etwas in Bewegung gekommen ist.
Sie sind gespannt auf den mitreißenden Superstar – so wie zu allen Zeiten Menschen zusammenströmen, um ihre Idole zu feiern, Begabungen zu bestaunen, mitzusingen und zu tanzen.
Sie kommen extra her.
Aber dann haben sie doch Scheu und trauen sich nicht.
Das kennen wir auch. Da kommt jemand, nach dem man sich so sehr gesehen hat und dann fehlen uns die Worte vor lauter Schüchternheit, da kommt jemand, den man ewig schon erleben wollte und dann guckt man von Ferne, wagt sich nur näher, wenn es Vermittler gibt – solche, die eine Signierstunde vorbreitet haben oder irgend sowas in der Art.
So ist es auch in der alten Geschichte.
Die Griechen wenden sich an einen der Jünger, sicherheitshalber den mit den griechischen Namen – Philippus – und bitten ihn, mit Jesus bekannt gemacht zu werden. Das wird der nicht zum ersten Mal erleben, trotzdem fragt er erst noch den Andreas und dann tragen sie Jesus gemeinsam das Anliegen der Fremden vor.
Das geht schon erstaunlich indirekt zu. Als wäre es eine ungewöhnliche oder ungehörige Bitte. Merkwürdig…
Und Jesus reagiert auch merkwürdig, als hätte er das Anliegen nicht verstanden:
„Er antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“
Jesus geht gar nicht darauf ein. Die Griechen werden ihn nicht sehen. Wozu auch.
An ihm gibt es nichts Besonderes zu sehen. Er ist einer wie sie, wie wir. Mit Schwielen und Blasen an den Füßen, mit Sonnenbrand und Augenringen, mit Hunger und Durst. An seinem Äußeren kann man nur sehen, dass er wirklich ein Mensch ist. Ums Sehen geht es jetzt klar und deutlich nicht. Gut zu wissen, denn das ist auch unsere Rolle, wir können ihn auch nicht sehen…
Trotzdem ist das Ansinnen der Fremden nicht egal:
Denn in dem Moment, als diese Bitte an Jesus herangetragen wird, erfüllt sich etwas.
Die Stunde ist gekommen.
Jetzt ist die Zeit reif. Endlich! Laetare! Freut euch!
Worüber?
Weil Menschen endlich begreifen, welche besondere Zeit sie erleben, dass sie Zeugen sind, dass Jesus Christus sie etwas angeht? Oder ist es genau andersherum? Ist das der Moment, an dem Jesu Leben und Wirken die Welt schon so gründlich verändert hat, dass es gar nicht mehr wichtig ist, ob er noch dazwischen ist? Kann er sein Werk jetzt in andere Hände legen? Ist das der Augenblick, in dem er nicht nur fremde Zeitgenossen sondern auch fremde Nachgeborene erreicht?
Freut euch! Jetzt endlich wird er nicht kleingeredet und angezweifelt, sondern verherrlicht! Jetzt kann es gut werden und funktionieren unter uns, denn:
Und nun kommt eine schwierige Erklärung:
Denn „Wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Also doch Passionszeit. Also doch alles zuende. Also doch Kummer und Tränen.
Jesus Christus wird sterben.
Jetzt liefert er selbst die Deutung.
In dem Augenblick, als Menschen ihn sehen wollen, ihm immer näher kommen wollen, lenkt er den Blick weg von seiner Person – auf das was durch ihn kommen wird: viel Frucht! Nicht nur ein Korn, sondern ein ganzes wogendes Feld!
Er ist nach Jerusalem gekommen, weil er sich entschieden hat, diesen Weg zu gehen, zu sterben, damit Leben möglich wird. Er nimmt den Kelch selbst.
Er tut das, wie es Menschen seither in seiner Nachfolge immer wieder getan haben. Sie entscheiden sich, ihm treu zu bleiben so wie er sich selbst und uns treu geblieben ist.
Sie entscheiden sich zu leben wie er gelebt hat, weil sie die Freiheit dieser Entscheidung haben, es ist nicht alternativlos. Es ist nicht umsonst.
So nimmt er den Mächtigen die Macht.
Das ist der Moment der Saat.
Jetzt wird das Korn eingesenkt. In die Erde, in die Herzen der Menschen, in ihre Lebensgeschichten und Seelenlandschaften. Das wird Frucht tragen.
Am Horizont scheint schon Karfreitag auf. Aber es ist nicht die quälende Hinrichtung von der hier die Rede ist, sondern eine tief greifende Wahrheit: Tod und Sterben sind nicht die Feinde des Lebens, sondern seine Voraussetzung. Sterben und Werden gehören zusammen, wie Nacht und Tag, Himmel und Erde, Angst und Hoffnung.
Oder: so heißt es weiter im großen Liebenslied des Alten Testamentes:
„Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind aufgegangen und die Turteltaube lässt sich hören.“

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  Reminiscere

Reminiscere

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.02.2021

Es ist ein alter und wuchtiger Text, den wir an diesem Sonntag erinnern sollen – das Weinberglied. Sie haben es eben gehört. Als Lied kann ich es mir nicht so richtig denken – wenn dann am ehesten als Ballade mit Wolf Biermanns Stimme. Zornig und verletzt, großartig irgendwie.
Es wird von einem Weinberg erzählt; in der Bibel – nicht nur hier bei Jesaja - Inbegriff des Ortes, an dem der Mensch seiner Arbeit nachgeht und seinen Lebensunterhalt verdient. Nicht alle sind Weinbergbesitzer, manche sind auch Arbeiter im Weinberg. Für die meisten gilt, dass in den Weinberg Lebenszeit, Kraft und Kreativität investiert werden muss, Energie und Schweiß, Geld natürlich auch und dass es Geduld braucht. Nie ist gewiss, ob die Mühe die erwarteten Früchte bringt.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Können und Ergebnis – aber zuletzt liegt es nicht in unserer Hand. Darum heißt es ja auch in Matthias Claudius‘ Lied für Erntedank: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachsen und Gedeihen steht in des Himmels Hand“
So erlebt es auch der Weingärtner in der alten Geschichte. Er tut, was er nur kann. Er bearbeitet den Boden auf das Gründlichste, sammelt Steine und schafft sie beiseite, kauft wertvolle sorgsam gezogene Pflanzen und richtet sich ein Quartier.
Er baut sich einen Turm – vielleicht, damit wenig Bodenfläche verschwendet und versiegelt werden muss – um vor Ort zu sein und schließlich eine Kelter, um die Ernte zu verarbeiten.
Dann wartet er. Und hofft. Erst auf gutes Wetter, dann auf die Weinbeeren. Aber der Weinberg trägt keine gute Frucht. Es sind schlechte Trauben, Stinklinge, habe ich in einem Kommentar gelesen.
Ein unvermuteter grausamer Ernteausfall.
Genau das, was viele Menschen jetzt erleben:
Sie haben eingekauft und in ihren Geschäften die nächste Saison vorbreitet, aber sie dürfen nichts verkaufen. Sie haben Theaterstücke ausgesucht und geprobt, aber sie dürfen ihre Kunst keinem zeigen. Sie haben gearbeitet und versucht vorzusorgen aber jetzt frisst der Verdienstausfall die Reserve vor der Zeit…
Sie haben nicht spekuliert oder billig produziert, nicht schlampig oder lieblos gearbeitet, sie haben sich gemüht und Ernte ausgerechnet – aber es gibt keine Frucht- Eine bittere Erfahrung. Eine schwere Enttäuschung. Woran liegt das? Ist der Weinberg schuld? Das Theaterstück? Die Mode? Die Speisekarte?
Es scheint fast so – jedenfalls in dem alttestamentlichen Lied: denn der Sänger wechselt die Perspektive und nun nicht mehr von seinem Freund, dem Weingärtner, sondern von sich selbst, von seinem vergeblich vergossenen Herzblut und Schweiß, und sagt: „Nun richtet …. zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“
Richtet, zwischen mir und meinem Laden, mir und meiner Arbeit. Ein merkwürdiges Ansinnen. Was gibt es da zu richten und zu urteilen? Es gab keine gute Ernte.
Hilft da die Schuldfrage weiter? Wo soll man anfangen? Hätten wir ernsthafter damit rechnen müssen, dass auch schlechte Zeiten kommen können?
Was wäre dann die Antwort unseres Lebens gewesen?
Den Weinberg nicht mehr bebauen?
Es ist ein Moment großer Hilflosigkeit, der sich da auftut. Sie geht einher mit
Ohnmacht und Erschöpfung. Dann kommt die Wut. Keine kalte Teilnahmslosigkeit, sondern ein sehr existentielles starkes Gefühl. Auch den biblischen Weingärtner überkommt sie und er sagt:
„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen …“
Denn es ist alles die Mühe nicht wert. Soll der Weinberg doch verrotten.
So rabiat geht es nicht immer zu. Der Gärtners, der an anderer Stelle in der Bibel des mickernden Feigenbäumchens an anderer Stelle bittet: lass es mich nochmal versuchen! Das Bäumchen ist nicht schlecht, es wird schon noch Frucht bringen! Und auch die Menschen ohne Ernte um mich herum geben nicht auf: Sie üben weiter auf ihren Instrumenten, renovieren ihre Gaststuben, gestalteten ihre Schaufenster und denken sich beständig neue Arten aus, ihren Weinberg zu bebauen, ihm Früchte zu entlocken. Vielen von ihnen bedeutet ihre Arbeit mehr als nur Broterwerb.
Sie können sie nicht so einfach liegenlassen, aufgeben.
Der biblische Weingärtner offenbar schon. Er wird noch viel radikaler:
„Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Sagt er und jetzt ahnen wir: Hier spricht Gott und der Weinberg ist die „Pflanzung, an der sein Herz hing.“
Sollte Gott Grenzerfahrungen machen wie wir? Es ist ein ungewohntes und ein beunruhigendes Bild. Hier spricht ein emotionaler und verletzter Gott, der das, worein er so viel Herzblut gesteckt hat, seine Schöpfung, seine Menschen, das Volk Israel, sich selbst überlässt und alle Hoffnung begräbt.
Es ist ein enttäuschter Gott, der sich abwendet…
Kann man das verstehen? Ja, einerseits – wir wissen, dass vieles nicht gut ist unter uns. Aber andererseits: Wir sind doch da! Bereit zu hören und ihm zu vertrauen. Voller Sehnsucht nach guter Nachricht.
Was hilft uns in diesen Tagen, dass auch Gott die enttäuschte Erwartungen und gescheiterte Mühen kennt? Was hilft es, dass wir hören, dass ein liebender Gott, weil Liebe ein so starkes Gefühl ist, nicht einfach lieb ist?
Er selbst ist doch der Gärtner. Er selbst ist es, der den Weinberg geschaffen hat und es regnen lassen kann. Wenn es trotzdem keine guten Früchte gibt, wo bleibt da die Hoffnung? Muss erst Gottes Wut und Zorn vergehen, muss er erst Frieden schließen mit sich, seinem Weinberg und uns, ehe es wieder besser wird?

„Reminiscere“ heißt dieser Sonntag. Erinnere Dich!
Erinnere Dich Gott an deine Barmherzigkeit!
Erinnere Dich an den Regenbogen und deinen Bund mit uns, deinen Segen!
Ja, die Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen ist immer gefährdet, weil wir auf Menschenweise lieben, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich nicht, die Erde wird nicht gut gehütet – aber der Weinberg ist nur ein Weinberg, der Mensch nur ein Mensch.
Das weißt Du doch, Gott. Wo bleibt die Hoffnung? Wozu lässt Gott den Jesaja dieses Lied singen? Vielleicht wegen des offenen Endes: Der Weingärtner verkauft den Weinberg nicht. Er behält ihn. Er zürnt und wütet. Er droht. Aber er macht es nicht. Die gemeinsame Geschichte hat einen Schlag aber sie ist nicht zu Ende. Sie ist auch nicht zuende erzählt. Wir sind noch drüber. Es ist Passionszeit.
Und die Nachbarn? Mit ihren Geschäften und Restaurants, ihren Ausstellungen und all den vergeblichen Bemühungen? Es gibt keinen billigen Trost und keine einfache Antwort. Aber es gibt Hoffnung. Wir gehen darauf zu.


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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.02.2021

Wer glauben und hoffen will, wer den Verheißungen der Propheten, dem Reich Gottes, dem Ostermorgen etwas zutrauen will, wer sich wagt, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, wer Lebenskraft in Reformprozesse investiert, der muss sich etwas anderes vorstellen können als das, was gegenwärtig ist, der muss für möglich halten, dass es noch ganz anders kommt.
Nur so kann man Mut schöpfen, um weiter zu leben.
Nur so kann man Zeit nutzen wenn man sie noch hat, schärfer gesagt: Zeit als existentielle Krisenwährung begreifen. Andernfalls passiert was wir jetzt erleben: Sorglosigkeit, weil irgendetwas hier bei uns noch nicht eingetroffen ist,
verlorene Zeit weil wissenschaftliche Vorhersagen nicht ernstgenommen werden, leere Zeit, weil das was immer ging nicht mehr geht.
So kommt man nicht raus ins Weite.
Carolin Emcke, Publizistin, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und immer lesenswert, schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung: „Provinziell ist nicht mehr jenes Denken, das nicht über die eigene Örtlichkeit hinausreicht, die Nachbarschaft oder die Gegend, in der man lebt. Provinziell ist jene Vorstellung, die nicht über die Gegenwart hinausreicht.“
Und sie meint: provinziell im Sinne von beschränkend. Zu enge Kreise im Kopf und im Herzen führen in die Krise wenn nicht die Katastrophe. Man kann das durcharbeiten am Umgang mit den Virusmutationen, am Impfdesaster oder dem späten Lieferkettengesetz, am Verdrängen der Folgen von Temperaturschwankungen für die Wirtschaft oder …
All das ist nicht neu. Wir sehen es im Moment nur wie im Zeitraffer.
Umso dringender ist es, sonntäglich herzukommen und zu beten und Gott zu bitten um Ganzheit und Heilung, um Frieden und Freude, um seine Nähe.
Und er antwortet und sagt zunächst erstmal zu Jesaja, seinem Propheten – so steht es über diesem Tag heute:
„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und
verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit … Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.“
Du musst laut und eindringlich sein, wenn du durchdringen willst. Die leisen Töne scheinen zu verhallen. Dies sagt derselbe Gott, von dem der Prophet Elia sagte, er habe ihn erfahren als eine Stimme verschwebenden Schweigens. Es ist der Gott, der als stille Wolkensäule mitgeht, der in einem neugeborenen Kind zu uns kommt und allein und verlassen in Gethsemane weint. Dieser Gott sagt jetzt: „Schrei, damit man Dich hört.“
Wirkt das? Ich persönlich hasse es, angebrüllt zu werden. Meistens liegen dann die Nerven ohnehin schon blank. Nach Gebrüll folgen erfahrungsgemäß Tränen. Und dann? Dann folgt oft sowas wie Einsicht oder immerhin ist ein Steinchen in der harten Wand locker geworden. Manchmal wirkt das wie ein reinigendes Gewitter. Manchmal merke ich erst dann, wie festgefahren ich bin. Und jetzt, wo jeder in seiner Blase lebt und die allmählich dicke Wände hat, jetzt, wo jeder für sich auf seiner Insel treibt, muss da womöglich wirklich gebrüllt werden?
Ich mag das ungern denken aber offenbar tut es not uns herauszureißen – aus unserer Selbstgerechtigkeit, die nicht nur „Made in Germany“ ruiniert sondern eben auch unsere Fähigkeit erstickt, neu zu denken, uns etwas anderes vorzustellen. Es stimmt einfach nicht, dass wir immer unser Bestes tun und Gott suchen, nach seinen Wegen fragen und sie gehen wollen. All das wollen wir, aber mit halbem Herzen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass das geht – aber dass Gott da ist, uns nah und uns hört und hilft, das wollen wir ganz.
Estomihi heißt heute also erstens: Sei mir ein Weckruf, ein Trompetensignal, ein Warnschuss, ein Alphorngruß!
Und dann heißt es weiter bei Jesaja – und darin kann man buchstäblich lesen, wie genau Gott uns hört und zusieht, dass er weiß, dass wir uns fragen:
„Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“ – Warum tun wir uns all das an? Warum geben wir uns Mühe, es Dir Gott recht zu machen, wenn es nichts nützt? Gott antwortet:
„Wenn ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr … Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?“
Es nützt nichts, wenn wir feststecken in Halbheiten und Absicherungsbemühungen, wenn wir alles nur ein bisschen machen, wenn wir uns nicht trauen, wirklich zu entscheiden, wirklich loszugehen, wirklich anders zu fischen als wir es immer gemacht haben. Es wird auch nicht gutgehen, wenn wir der Wirtschaft, egal was wir sonst sagen, den Vorrang geben – dann wird man die Welt gewinnen und Schaden an der Seele nehmen. Fasten und reich werden schließt sich aus, dieser Versuchung hat Jesus Christus in der Wüste exemplarisch widerstanden.
Vor allem aber. Gott freut sich nicht daran, wenn wir uns vor lauter Rechtmachereri streiten oder beschämt kleinmachen und den Kopf hängen lassen, weil ja doch keiner schafft zu leben, wie er es uns vorgemacht hat.
Estomihi die zweite: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Nehmt eine andere Haltung ein, weil anderes geschehen wird!) gilt weiter!
Und dann sagt Gott sehr genau, wie „richtiges“ Fasten geht. Dass er von uns nicht mit hängenden Köpfen und Schultern hören und sehen will, dass das unmachbar ist, hatten wir eben schon! Er spricht zu uns als solche, die den Tag heute lebn und auf morgen hoffen:
„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Richtiges Fasten hat offenbar nur sehr wenig mit dem zu tun, was wir damit meinen, wenn wir uns selbstreinigend in Verzicht üben. Richtiges Fasten weist von uns selbst weg, weist weltwärts und verschenkt sich. Fulbert Steffensky sagt deshalb. Fasten ist nicht Selbsterfahrung, sondern Selbstvergessenheit. Gottsuchen heißt umkehren – nicht nach innen in den abgeschlossen Zirkel, sondern ins Weite hinaus, in das was möglich sein wird.
Das geht alles nicht? Ist zu radikal? Macht eh keiner?
Kann schon sein aber wahrschienlich ist das - siehe oben: Emcke - provinzieller Kleinmut, selbstgenügsames Kopf-hängen-lassen.
Üben wir also unsere Vorstellungs- und Hoffnungskraft, denn:
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“


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  1. Sonntag nach Epiphanias

1. Sonntag nach Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.01.2021

Die Texte dieses Sonntages erzählen von Gottes Bestätigung des Weihnachtswunders – der Himmel tut sich auf und Gott selbst sagt: „Dies ist mein lieber Sohn…“ und sie sagen, dass wir alle uns in diesem Gotteskind wiederfinden – viele Glieder dieses einen Leibes sind.
Das klingt einer Beschwörung des WIR-Gefühls, das wir im Alltag derzeit nur mit unseren Allernächsten erleben und hier, im Gottesdienst. WIR. Das sind wir, wenn wir auf dieselben Worte hören und zusammen beten, uns gemeinsam von derselben Musik anrühren lassen. Wir, das sind wir, wenn wir Sorgen teilen und Hoffnung, Begeisterung und Haltung. WIR. „Ein Manifest für Gemeinschaft“ hat Gregor Zöllig sein letztes Stück im Staatstheater genannt. WIR werden überstehen.
Hoffentlich. Denn es gibt Anlass zur Sorge: Menschen verschwinden in ihren eigenen Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. Jede entscheidet selbst, was sie für gefährlich oder sinnvoll hält, ob Bestimmungen mich betreffen oder nicht. Erst ich, dann wir. Oder genauso bedenklich: erst wir dann die anderen. Ursula von der Leyen erklärt den Ankauf neuer Impfdosen mit „Wir können nur gemeinsam durchkommen.“ Dieses WIR endet an den Grenzen Europas.
Der eine Leib scheint amputiert.
Über all dem kommt eine Jahreslosung zu stehen, die sich erst noch in Wirklichkeit verwandeln muss, bisher eher Ermunterungs- und Aufforderungscharakter hat:
„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Plural. Lasst Barmherzigkeit Ausdruck des WIR-Gefühls sein, Lebensäußerung des einen Leibes. Gott ist es ja auch. Heimliches leises Fragezeichen…

Und dann hat mich im Rumdenken an den Texten für heute einer von Friedrich Dürrenmatt angesprungen, der dazuzugehören scheint.
MDR-Kultur widmete die Lesezeit der vergangenen Woche dem Schweizer Dramatiker, der am vergangenen Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre und sendete die surrealistischen Kurzgeschichte „Der Tunnel“.
Die Geschichte stammt aus dem Jahr 1952. Dürrenmatt war Anfang dreißig und wie das WIR seiner Zeit dabei, die Schrecken der vorangegangen Jahre zu verarbeiten. Ein Aspekt darin ist die noch immer wichtige Frage, warum Menschen sehenden Auges in die Katastrophe gehen und die radikale Verdunklung der Umstände verdrängen und weiterleben als wäre nichts.
Dürrenmatt erzählt aus der Perspektive eines 24-jährigen Studenten Folgendes: Er

„stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt
siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig … Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel, da er seinen Heimatort verließ.“

Der Mensch sucht nach einem Platz, findet ihn schließlich am Zugende. Dort sitzt noch jemand, der über einem Schachspiel grübelt und ein rothaariges Mädchen, in einen Roman vertieft. Er steckt sich eine Zigarre an. Der Reisende kennt die Strecke. Der Zug fährt planmäßig in einen kleinen Tunnel. Dies Mal kommt er ihm länger vor.
Es ist dunkel im Abteil.
Lange genug, damit dem Reisenden die Finsternis bewusst wird. Er nimmt die Situation deshalb deutlicher wahr als sonst, wundert sich, dass der Zug den Tunnel noch nicht verlassen hat. Immerhin geht das Abteillicht an. Die Sitznachbarn können weiterlesen oder Schachspielen. Nur der junge Mann ist verwirrt. Er geht auf den Gang, schaut in andere Abteile. Alles scheint normal zu sein.
Wenn nur er die Situation beunruhigend findet, sitzt er offenbar im falschen Zug, denn auf der vertrauten Strecke gibt es einen so langen Tunnel nicht. Er fragt nach. Doch, das ist der richtige Zug. In der Schweiz gibt es halt viele Tunnel. Er möge bitte nicht nerven.
Der Schaffner kommt. Es ist der richtige Zug.
Aber der würde doch nicht durch so einen langen Tunnel fahren!!! Merkt das denn keiner??? Will niemand zur Kenntnis nehmen, dass etwas nicht stimmt?
Keiner will sich stören zu lassen. Keiner will wahrnehmen, dass es Probleme gibt.
Der Zug fährt doch. Der Speisewagen ist voll. Es wird gut gegessen und getrunken. Warum unkt er da eine Krise herbei?
Es hat keinen Sinn. Er kann keinen seiner Mitmenschen für die besorgniserregenden Umstände der Gegenwart interessieren. Darum sucht er einen Experten, der es wissen muss. Den Zugführer. Er findet ihn am Anfang des Zuges. Man spendiert sich eine weitere Zigarre und begibt sich in den Packwagen gleich hinter der Lok.
Der Zug rast mit zunehmender Geschwindigkeit noch immer durch einen Tunnel.
Der Zugführer füllt Tabellen aus.

„Mein Herr, sagte er endlich und trat nah an den jungen Mann …mein Herr, ich habe Ihnen wenig zu sagen. Wie wir in diesen Tunnel geraten sind, weiß ich nicht, ich habe dafür keine Erklärung. Doch bitte ich Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muss also irgendwo hinführen….“

Alles klar. Wir fahren auf vorgezeichneter Spur. Eigentlich ist alles in Ordnung, wenn man davon absieht, dass keiner weiß, wo oder wie die Reise enden wird. Ist das nicht der Moment, die Notbremse zu ziehen? Aber da stürzen sie schon durcheinander. Der Zug fährt jetzt abwärts. Eigentlich müsste er jeden Moment verunglücken. Aber das geschieht nicht. Die Waggontür zum Speisewagen geht auf. Dort prosten die Menschen einengender zu. Dann wird die Strecke wieder ebener. Sie zünden sich eine weitere Zigarre an, klammern sich daran wie an eine Erinnerung an frühere Alltäglichkeit…
Zeit zum Nachdenken, meint der Zugführer, bietet dann aber doch an, nach vorn zum Lokführer zu gehen. Der Führerstand ist leer. Natürlich. Der Zug rast mit nie dagewesener Geschwindigkeit. Die beiden rütteln an Hebeln. Die Maschine gehorcht nicht mehr. Die Notbremse schon gar nicht.

„Der Lokomotivführer? schrie der junge Mann. „Abgesprungen“, schreit der Zugführer zurück. „Schon nach fünf Minuten. Der im Packraum ist auch abgesprungen. Und Sie? fragte der Vierundzwanzigjährige. Ich bin der Zugführer, antwortete der andere, auch habe ich immer ohne Hoffnung gelebt. … Was sollen wir tun? schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hindurch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, … Nichts, antwortete der … Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“


Friedrich Dürrenmatt hat diese Geschichte, ich sagte es schon, 1952 geschrieben. Nicht etwas 1933. Die Erfahrung, dass die Welt in die Finsternis stürzt, dass alle Menschlichkeit abhanden kommt, lag hinter ihm. Wo war Gott darin? Hat er den Führerstand verlassen? Wollte er nicht mehr unser Gott sein, ein Leib in diesen Menschen?
Dürrenmatt soll gesagt haben, dass er Gott für das Fruchtbarste und Furchtbarste hielte.
Dass es nach allem weiterging, lag nicht an der Hoffnungskraft der Menschen, auch nicht an ihrem Verstand, ihrer Hellsichtigkeit, schon gar nicht ihrer Barmherzigkeit.
Es lag an Gottes Barmherzigkeit. Er lässt seine Menschen nicht fallen – sondern auf sich zustürzen. Vielleicht damit wir lernen, barmherzig zu sein. Nur so sind wir ein WIR. Gerade jetzt – wo wir auf Licht am Ende des Tunnels hoffen.
Mehr weiß ich heute auch nicht.
Aber ich weiß, dass der Friede Gottes größer ist als alles…


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  Vierter Advent - Sara juchzt ...

Vierter Advent - Sara juchzt ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.12.2020

Das erste Buch Mose erzählt von Gottes Anfang mit den Menschen, die er schafft und vernichtet, an die er sich bindet. Es erzählt eine Familiengeschichte mit allem: Liebe und Eifersucht, Grundstückserwerb, Erbstreitigkeiten, Geschwisterkonflikten, Ortswechseln … Mittendrin, genauer gesagt, im Wurzelwerk des Stammbaums finden sich Abraham und Sara, die Urahnen – Isaak, Jakob, Josef, David, Salomo, Jesus – sie alle stammen von diesen beiden ab. Aber beinahe wäre es gar kein Baum geworden, denn Sarah war kinderlos, wurzelverstockt – wie Martin Buber übersetzte.
Bis eines Tages in der Mittagshitze drei Männer vor Abraham Zelt erschienen. Wer sie waren, bleibt für uns undeutlich – aber Abraham erkannte sie sofort und bat, zu bleiben und zu rasten – denn, so sagt er: „Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.“
Schon da blitzt die Weihnachtsgeschichte auf. Komm, nimm Wohnung bei uns, bleib hier – mit deiner Gnade und deinem Segen. Dass Weihnachtskrippen mitten in dem Ensemble zu stehen kommen, wo Menschen Zuhause sind – sei es eine neapolitanische Straße oder eine Szene in Lappland mit Rentieren, ein erzgebirgischer Weihnachtsberg – immer verbindet sich damit die Sehnsucht, dass Gott nicht vorübergeht, sondern einkehrt und bleibt, genau bei uns.
Und dieses Jahr erst recht.
Dass wir Weihnachten nicht selbst machen können, nicht mal mit hundert Kerzen und Quempas, wissen wir eigentlich – aber dieses Jahr merken wir, was es bedeutet. Dieses Jahr merken wir, dass Weihnachten wird, weil Gott etwas entscheidet und tut, weil Gott nicht an unseren Häusern vorübergeht.
Das ist der eigentliche Grund zum Feiern! Und so geschieht es auch in der alten Geschichte. Abraham bereitet seinen Gästen ein Festmahl. Sie essen – und dann fragen sie: Wo ist Sara?
Das ist sehr ungewöhnlich. Frauen erscheinen nicht auf der Bildfläche, schon gar nicht, wenn Männer miteinander essen – nicht in dieser Szene und auch nicht beim letzten Abendmahl. Vielleicht ist das aber der Moment, in dem auch wir Gott in den Besuchern erkennen können: Denn ganz so klangen seine ersten direkt an Menschen gerichteten Worte. Wo bist du Adam? Wo bist du Mensch?
Als Adam und Eva sich im Paradiesgarten versteckten, da fragte Gott nach ihnen.
Als Sara im Zelt bleibt, fragt Gott nach ihr.
Nicht weil er es nicht wüsste, sondern weil er uns alle immer wieder fragt. Es ist wichtig für uns. Wir müssen uns bewusst machen: Wo sind wir eigentlich? Was machen wir gerade? An welcher Stelle unseres Lebens sind wir im Moment und haben wir unseren Ort gefunden?
Sind wir gerade dabei, uns wie Adam und Eva erschrocken vor den Konsequenzen unseres Tuns zu verstecken? Als träfe es uns nicht wenn wir nicht gesehen werden? Verstecken wir uns, weil wir fürchten, dass Strafe das Einzige ist, was wir von einer Gottesbegegnung zu erwarten haben?
Oder ist es mit uns wie mit Sara, die drinnen im Zelt ist – Zuhause im Rhythmus des Alltags ihrer kleinen Kreise, geschützt vor den Widrigkeiten der äußeren Welt, arrangiert mit den Grenzen des eigenen Lebens?
Gott weiß das alles längst. Er hat, wie Generationen später die junge Maria singt, die Niedrigkeit seiner Magd gesehen.
Er weiß, dass sie im Zelt ist an dem Platz, den Zeit und Umstände ihr zugewiesen haben.
Er weiß, dass sie alt ist.
Er weiß, dass sie vermutlich von diesem Leben nicht mehr viel erwartet, vielleicht Erinnerungen durchgeht, Gedanken ordnet, sich auf den letzten Weg vorbereitet.
Aber er ist gekommen, ihrem Leben einen neuen Horizont gegeben.
Er ist gekommen, dem Tod, dem die alte Sara entgegensieht, Grenzen zu setzen und Leben zu verheißen. Es blitzt nicht nur Weihnachten auf, sondern auch Ostern!
Er ist gekommen, dafür zu sorgen, dass Sara noch einmal ihren Kopf hebt, weil sich ihre Erlösung naht – und sie sich nicht länger unter der schweren Not der Kinderlosigkeit beugen muss.
Er ist gekommen, etwas Neues anzusagen und also verheißt er:
„Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“
Sara hört das drinnen im Zelt. Und dann heißt es: „Und Sara lachte.“
Sie lacht, sie kann es nicht unterdrücken, es überkommt sie einfach.
Sie lacht, weil die alten Männer nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass alles irgendwann zu Ende geht und Menschen, selbst wenn sie klug, reich und mächtig sind, es irgendwann nicht mehr richten können.
Sie lacht vor Erleichterung, weil der Schmerz eines langen Frauenlebens ohne eigene Kinder endlich nachlässt, jetzt wo sie merkt, dass sie schon vor langer Zeit aufgehört hat zu hoffen.
Sie lacht sich frei von der Bitterkeit, dass sie immer nur die Frau drinnen im Zelt war, die nicht dafür taugte, Söhne zu gebären und die doch so schön war, dass Abraham sie vor lauter Angst als seine Schwester ausgab.
Sie lacht, weil das Bild, das mit dieser Zukunftsvision einhergeht ihr komisch vorkommt. Zwei alte Leute und ein kleines Kind…
Sie lacht, weil es nun auch egal ist. Ein langes Leben liegt hinter ihr. Es ist Zeit, loszulassen. Sie lacht das Leben aus und die Männer, vielleicht auch sich selbst.
„Da sprach Gott zu Abraham: Warum lacht Sara? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich…“
Schade eigentlich.
Das Lachen hat so gut getan. Jetzt schämt sie sich dafür als wäre sie nur eine dumme alte Frau. Aber Sara, die „Wurzelverstockte“ wird ein Kind bekommen. Isaak wird es heißen, der der lacht.
Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Er kann Zukunft und Leben schenken, wenn wir am Ende sind, verbraucht, kraftlos, hoffnungslos.
Amen?
Nein, noch nicht – denn die Lutherübersetzung verwischt einen kleinen aber sehr adventlichen Aspekt. Viel näher am hebräischen Urtext liegt die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. Dort heißt es: „Da juchzte Sara innerlich.“
Sie juchzt. Ist das nicht etwas ganz Anderes? Ist das nicht helle Vorfreude?
Auf die Liebe, die in ihrem Leben ganz groß werden wird?
Auf die Freude, die mit einem Kind ins Haus kommt?
Sara juchzt wie ein junges Mädchen – sie juchzt einen Moment ohne Sorge, wie es werden wird; sie juchzt einen Moment nur glücklich, weil Gott zu ihrem Zelt gekommen ist und nach ihr gesehen hat. Vorfreude. Es wird Weihnachten, denn Gott kommt nicht nur – wie Luther übersetzte, übers Jahr, sondern – BIGS – „Zur Zeit, die das Leben braucht“, zur rechten Zeit. Amen.


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  Totensonntag

Totensonntag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2020

Toten- und Ewigkeitssonntag. Was bleibt? Was vergeht? Worauf können wir Hoffnung setzen im Leben und im Sterben?
Sie haben es im Predigttext gehört. Der Seher Johannes teilt sein Bild, seine Hoffnung wie es sein wird unter uns. Irgendwann am Ende der Zeit und hier im Advent und zu Weihnachten. Er hört, sieht und schreibt:
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … und der auf dem Thron wird bei ihnen wohnen und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein…“
„Einen neuen Himmel und eine neue Erde…“
Manchmal steigen im Umhergehen mit einem Text Ohrwürmer aus dem Assoziationskosmos des unergründlichen Gedächtnisses auf und haken sich fest. Von meinem alten Predigtlehrer hab ich gelernt: ernstnehmen, nicht wegwischen wie Tränen. Nachhaken im wahrsten Sinne des Wortes – warum hat sich dieser Einfall angedockt? Wo ist die Verbindung?
(Kleine Anekdote am Rande: so bestand dann einer meiner Freunde dank des professoralen Humors eine Prüfung: irgendwo lag er total falsch und konterte dann: er habe gelernt, mit seinen Assoziationen würd es schon seine Richtigkeit haben, er habe schließlich nicht geraten…)
Mir fiel folgendes Lied ein:
„Ein neuer Himmel, eine neue Erde, neue Menschen, neues Land,
ein neuer Geist, eine neue Sicht, die den Tod, die den Tod durchbricht …“
Ich habe es eine Weile vor mich hingesungen, bis ich es überhaupt merkte und dann verwundert festgestellt: ich kann das Lied nicht leiden.
Es braucht meinen Moment und dann weiß ich es:
Neue Menschen? In meinen Ohren klingt das gefährlich und ideologisch: neue Menschen schreiten hoch erhobenen Hauptes und strammen Schrittes ihrer strahlenden Zukunft entgegen. Bessere Menschen. Jung und gesund. Straff und schlank. Vollkommen an Körper und Geist. Überlebensgroß. In Bronze.
Weh dem, der schwach ist oder zweifelt. Dem die Statur fehlt oder die Eignung.
Weh dem, der nicht dazugehört…
Aber: es ist christliches Lied, das von christlicher Hoffnung erzählt, anknüpft an den wunderbaren Text aus der Offenbarung. Vielfach und gern gesungen. Von mir auch. Es hat mich nie gestört. Das Land war ja hell und weit. Und wir gesund und ohne Angst. Gemeinschaft der Heiligen. Getaufte.
Aber jetzt wird es mir schal im Mund, hinter der Maske.
Ist das wirklich unsere Hoffnung?
Jetzt, am Ende eines Jahres, in dem wir lernen mussten, wie endlich und vorläufig ist, was wir sind und tun, in einem Jahr, in dem jeden Tag die Zahl der Toten genannt wird als wären es Gefallene, da geht mir das Lied vom neuen Menschen, seinem neuen Land und seiner neuen Sicht nicht mehr so ohne Weiteres über die Lippen.
Es verunsichert mich und tröstet nicht. Im Gegenteil.
Müssen wir nicht endlich lernen, Menschen zu sein, die nicht anders werden?
Was können wir also hoffen, was erzählt der Seher?
Er sieht, was wir allmählich ahnen: „Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“ Diese Welt geht vorbei. Kulturen vergehen und Arten sterben aus. Selbst das Meer, Inbegriff von Unendlichkeit und Ewigkeit, Geheimnis und Unergründlichkeit ist nicht mehr.
Alles hat seine Zeit. Warum sollte unsere Welt, wie wir sie lieben davon ausgenommen sein? Oder ich?
Aber! Dieser Text ganz am Ende der Bibel keine Sintflutgeschichte! Es geht nicht um Sodom und Gomorrha, den Weltuntergang und das große Sterben: Im Gegenteil! Das ist eine Schöpfungsgeschichte! Die ersten und die letzten Seiten der Bibel erzählen von dem großen Gott, dem Schöpfer, der Anfang und Ende ist, vor aller Zeit, der es gut meint und gut macht in der Zeit. Der die geschundene Erde sieht und uns, der Himmel und Erde neu macht. Sogar ein neues Jerusalem: „Und ich sah die heilige Stadt aus dem Himmel herabkommen…“
Johannes wusste um die Tragik der Stadt, Schmelztiegel der Völker und Religionen. Ihnen allen heilig. Ein Ort, in dieser Welt, der nicht mit politischen Instrumentarien zu begreifen oder zu ordnen ist. Ein Sehnsuchtsort, der Heilung braucht. Und Frieden.
Und auch hier:
Keine Rede von Zerstörung oder Gewalt, von Ins-Recht-setzen, von Reparatur oder Siegern. Geld. Erkenntnis. Gott selbst schafft etwas Neues. Eine andere Wirklichkeit, als wir sie denken können. Eine Wirklichkeit, in der Gott nicht fremd und fern ist, nicht unverständlich und unerforschlich, sondern ganz nah. Er wohnt da. Er wohnt hier. Zwischen denen, die weinen und schreien, die leiden. Zwischen uns. Er wohnt hier. Nicht in kostbaren Prunkbauten, nicht aussortiert aus dem alltäglichen Leben in Räume und Liturgien, die nur wenigen offen stehen, er wohnt hier – in der rumpligen Werkstatt unseres Lebens und Glaubens (das sieht man auch dem Dom an) und tröstet. Es wird nicht mehr so schrecklich wehtun. Es wird nicht mehr so schrecklich traurig sein. Dieser Tod, der die, die wir lieben, kalt und fremd und starr werden lässt, den wird es nicht mehr geben. Denn: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird ihr Gott sein und wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Es ist ein wirkliches Hoffnungsbild.
Aber keine Rede von einem neuen Menschen. Kein einziges Wort.
Wir bleiben die Menschen, die wir sind. Unvollkommen und ungenau. Ratlos und ungerecht. Verletzlich und sterblich. Aber auch: Humorvoll, kreativ und warmherzig. Zur Liebe begabt. Geheiligt und heil. Wir sind noch immer nicht allwissend, noch immer nicht unsterblich. Wir sind immer wieder und immer nur Geschöpfe. Gottes Geschöpfe. Erbarmungswürdig im wahrsten Sinne des Wortes.
Wir sind und bleiben die, die Trost brauchen und Gnade. Wir müssen nicht verdrängen, dass wir sterben werden. Wir müssen keine Angst haben, wenn sich unsere Welt ändert. Wir können Lieder schreiben und uns durchhelfen, wir können erzählen, davon wie es ein Mensch zu sein.
Noch ein Lied, dass mit eingefallen ist:
„Wenn Du im Trüben fischst, / Und es tropft in Dein Gemüt, / Wenn alle Geheimnisse verraten sind, / Und Du Dich verloren fühlst.
Ich dreh mich um Dich, / Stell mich vor den bösen Blick. / Deine Tränen werd ich übernehmen, / Alle Qualen, alle Foltern überstehen.
Auch wenn Du greinst, / Du Dich kasteist, / Auch wenn Du haderst, / Du Dich zerreist, / Wenn sich alles verdunkelt, / Bring ich Dich durch die Nacht.“
Ein Liebeslied an der Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Menschenlied von einem, der einem anderen zuliebe das Unmögliche versucht: Ich bring Dich durch die Nacht und darum mitgehen muss durch das Dunkel, weil nicht wir den Tod durchbrechen. Ein Menschenlied in Menschenleid. Aber dieses Leid wird vergehen, Anfang und Ende liegen nicht in unserer Hand und unserer Dunkelheit, denn unser Gott spricht: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

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  Eröffnung Friedensdekade

Eröffnung Friedensdekade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2020

1982 ging Rainer Eppelmann in der DDR mit der Initiative „Frieden schaffen ohne Waffen an die Öffentlichkeit“, in Bonn demonstrierte eine halbe Million Menschen anlässlich des Staatsbesuches von Ronald Reagan gegen den Nato Doppelbeschluss, im April beginnt der Falklandkrieg, im Juni der erste Libanonkrieg, im Juli gibt es einen Sprengstoffanschlag in der Abfertigungshalle des Münchner Flughafens auf Reisende nach Israel.
Die Friedensdekade war zwei Jahre alt und Hans Hartz sang seinen ersten Hit:
„Komm her Marie ein letztes Glas. / Genießen wir den Augenblick.
Ab morgen gibt's statt Wein nur Wasser.
Komm her und schenk uns noch mal ein. / So viel wird morgen anders sein - Marie die Welt wird langsam blasser.
Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer.
Jedoch die Falken fliegen weiter. / Sie sind so stark wie nie vorher
und ihre Flügel werden breiter und täglich kommen immer mehr.
Nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.
Bleib noch Marie.
Der letzte Rest reicht für uns beide allemal. / Ab morgen gibt's statt Brot nur Steine. / Komm her und schenk uns noch mal ein. / Denn so wie heut' wird's nie mehr sein - Marie die Welt reißt von der Leine.
Die weißen Tauben sind müde. / Sie fliegen lang schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer…
Sieh dort Marie das leere Bett - der Spiegel unsrer großen Zeit. / Ab morgen gibt's statt Glas nur Scherben. / Komm her und schenk uns noch mal ein.
Den letzten Schluck vom letzten Wein. / Marie die Welt beginnt zu sterben.
Die weißen Tauben sind müde ….“
Da kommen wir her.
Die Friedenstaube weiß auf blauen Grund war zweidimensional aber immerhin stabil. Jetzt ist sie auf dem Plakat nur noch ein hauchdünnes Abziehbildchen, noch nicht mal sicher aufgeklebt. Ein Motiv aus einer so alten Welt, dass die nach 1982 Geborenen gar nicht mehr wissen werden, wie das mit den Abziehbildchen ging. Man kann sich fragen, ob diese Generation von der Friedensdekade überhaupt erreicht werden soll.
Da kommen wir her. Die Welt ist überm Sterben. So lange schon.
Der Kampf gegen Aufrüstung und den wahnsinnigen Waffenhandel scheint schon so alt wie die Menschheit zu sein. In den USA war und die Frage, ob die Waffenlobby und das Recht, sich selbst schwer zu bewaffnen, eingeschränkt werden, für Unzähligen Menschen von erheblicher Bedeutung. Auch hier wird das Rüstungsthema uns demnächst erheblich beschäftigen, wenn Europa sich stärker wappnen will und also aufrüsten wird.
Die Zähne sind stumpf geworden.
Die vor uns waren scheinen sich ausschließlich von sauren Trauben ernährt zu haben. Oder wir lassen uns doch zu schnell anstecken von Passivität und Ohnmachtsgefühl oder von einer Rhetorik einschüchtern, die irgendwas mit Stumpf und Stiel ausrotten will, einer Stimme, die sich überschlägt vor Wut über Lügner, Verschwörungstheoretiker…
Im 120. Psalm heißt es:
„Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not und er erhört mich. HERR, errette mich von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen. Was soll er dir antun, du falsche Zunge, und was dir noch geben? Scharfe Pfeile eines Starken und feurige Kohlen! Weh mir! … Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen. Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.“
Auch hier singt einer. Vermutlich nicht mit so knarzig-rauchiger Stimme wie Hans Hartz, aber doch ein ähnliches Lied: Krieg und Hassrede machen ihn kaputt. Darum wünscht er seinen Feinden Pfeile und feurige Kohlen und erschrickt, dass er das tut. Weh mir! Hass und Gewalt haben auch in meiner Seele Früchte getragen. Ich kann nicht länger darin wohnen.
Weh mir, auch unserer Fantasie entspringen viel mehr und viel leichter Kriegsbilder, als solche vom Frieden. Da scheint die Vorstellungskraft erlahmt, müde, ein Abziehbildchen …
Es tut not, auf diesem Befund, herumzukauen.
Welche Worte wirken auf uns ein. Welche Töne bewegen uns. Wie denken, reden, argumentieren wir. Wie verteidigen wir uns?
Mithin: Wie scharf und gefährlich, wie rachsüchtig sind unsere Worte und Gedanken und irgendwann auch Taten?
Wie kommen wir da raus und in gute kraftvolle friedensfähige Gesellschaft?
Wie schaffen wir die „Umkehr zum Frieden?“
Die Psalmen gehen das zunächst mit einer Haltungsfrage, der Veränderung im eigenen Körper, an. Der nächste Psalm beginnt mit den berühmten Worten:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“
Mit der körperlichen Bewegung wird der Blick frei, verändert sich der Horizont. Kommen neue Gedanken und auch neue Anknüpfungen.
Die Trauben sind nicht nur sauer.
Die Tauben sind nicht nur müde.
Ich muss nicht nur ich sein. Andere gehen mit. Und sie finden neue Worte und daraus eine andere Haltung. So wie die ökumenische Christenheit 1990 in Seoul. Dort, in Korea, dem immer noch durch eine grausame Grenze, geteilten hochmilitarisierten Land, wurden Worte gesucht, die verbinden. Der Ökumenische Rat der Kirchen traf sich 1990 ausgerechnet dort. Die Blocksysteme waren zerbrochen, der Kalte Krieg zuende, die Welt öffnete sich. In Südafrika endete die Apartheit und Nelson Mandela wusste, dass wir nicht auf die sauren Trauben unserer Väter festgelegt bleiben, sondern auch anders können. Er setze die Wahrheits- und Versöhnungskommission ein, weil, wie er sagte: „Wir glaubten, dass alle Menschen, selbst Gefängnisaufseher, fähig wären, sich zu ändern.“
Auch da kommen wir her.
Menschen erlebten sich in die Freiheit geführt und trotz allem zur Versöhnung fähig. Sie wussten, dass das sehr viel mit unserem Gott zu tun. Ihr Bekenntnis haben auch wir vorhin gesprochen (merkwürdig, dass wir es nicht auswendig gelernt haben):
„Ich glaube an Gott, der die Liebe ist und der die Erde allen Menschen geschenkt hat.
Ich glaube nicht an das Recht des Stärkeren, an die Stärke der Waffen, an die Macht der Unterdrückung.
Ich glaube an Jesus Christus, der gekommen ist, uns zu heilen, und der uns aus allen tödlichen Abhängigkeiten befreit.
Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidbar sind, dass Friede unerreichbar ist.
Ich glaube nicht, dass Leiden umsonst sein muss, dass der Tod das Ende ist, dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat. Ich glaube an Gottes Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Ich glaube an die Schönheit des Einfachen, an die Liebe mit offenen Händen, an den Frieden auf Erden.“ Amen

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  21. Sonntag nach Trinitatis

21. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.11.2020

Manche Bibelwörter verbinden sich mit unserer Lebensgeschichte. Wir haben sie uns ausgesucht als Konfirmations- oder Trauspruch, sie standen über wichtigen Tagen unseres Lebens in den Herrnhuter Tageslosungen oder waren Kirchentagsmotto als wir angefangen haben uns selbst als homo politicus wahrzunehmen.
Se begleiten Geschichte – im Großen und im Kleinen.
So geht es mir mit dem Jeremiatext für diesen Sonntag, an dessen Anfang es heißt: „Suchet der Stadt Bestes“ und mit der Verheißung schließt „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen.“
Erlauben Sie mir also einen Moment aus meiner Geschichte zu erzählen.
1989 wohnte ich im „Heimchenzimmer“ der Evangelischen Studentengemeinde in Erfurt im der Altstadt. Nebenan steht die Michaeliskirche, eine Predigtstätte Martin Luthers. Am Ende der DDR trafen sich dort „Ausreisewillige“, Menschen, die Ausreiseanträge gestellt hatten. Sie wurden von einem Pfarrer begleitet, der sich vieler Gruppen angenommen hatte und von dem ich den existentiell wichtigen Rat mit Blick auf die Staatssicherheit bekam: „Wenn du mit denen zu tun kriegst. Erzähl davon. Ein Geheimdienst kann nichts so wenig leiden wie Öffentlichkeit.“
Damals bot die Kirche Dach und Zuflucht nicht nur zum stillen Gebet sondern auch Umweltgruppen, Kriegsdienstverweigerern oder eben auch Ausreisewilligen. Und vielen folgten dem Motto „Kirche ist offen für alle aber nicht für alles.“
Unter Letzteres fiel für manche, für mich damals auch, das Ausreisebegehren. Wir glaubten, hierher in die DDR gestellt zu sein, weil Gott uns genau da braucht und nicht weggehen zu dürfen. Damals fühlte ich mich zugerüstet von dem unerschrockenen und klugen Theologen Heino Falcke, der den Kommunismus und die DDR-Diktatur scharf kritisierte aber dennoch einen „verbesserlichen Sozialismus“ für denkbar hielt. Wir, die wir dableiben wollten, versammelten uns unter dem Motto „Suchet der Stadt Bestes! Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien.“
Mit anderen Worten: Wohnt hier und engagiert Euch! Für Frieden und Abrüstung, für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Belebt und nutzt die Rechte, die ihr habt. Geht wählen und kontrolliert die Auszählung… Lasst uns dieses Land besser machen und alle bestärken, die das mittun. Es war ja eine Zeit, in der aus Gorbatschows Sowjetunion ermutigende Signale kamen, die auf Transparenz, Demokratie und Öffnung schließen ließen. Und nicht zuletzt: hier waren wir Zuhause.
1999 ging ich doch weg und lebe nun schon fast die Hälfte meines Lebens jenseits der Grenze. Hier fand mich das Ende des Jeremiatextes: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen.“
Es war eines der Segensworte, mit dem ich hier im Dom ordiniert wurde. Es war das Motto des ersten Konfirmandenferienseminars in Südtirol, auf das ich als junge Pfarrerin mit meiner ersten Gemeinde fuhr. Dort erlebte ich Kirche und Kollegen, die so arbeiteten, wie ich mir das auch erhoffte. Dass es sich um ein Modell handelt, bei dem man wegfährt und jenseits der Berge das Beste sucht, fiel mir erst später auf.  Erst einmal verkörperte dieses Wort eine Haltung, wie ich – die ich das eigentlich nie hatte werden wollen – Pfarrerin sein konnte. Suchen und gefunden werden.
Schließlich kam unserer Tochter damit als Konfirmationsspruch an. Die Kollegen hatten die Jungs und Mädchen für mehrere Stunden mit der Bibel losgeschickt und gesagt, sie sollten darin blättern und rumlesen und sollten darauf vertrauen, dass sie einen Spruch finden würden, der ihnen gefiele und zu ihnen passt. Zwischen zigtausend Wörtern lässt sich mein Kind von dem Vers finden, der auch mir oft weitergeholfen hat: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen…“

Und nun stehen diese Zeilen also über diesem Sonntag. Morgen wird zum zweiten Mal das öffentliche Leben unserer Gesellschaft heruntergefahren. Wir stecken mitten in einer Krise unbegreiflichen Ausmaßes und erleben die Erschütterung der Grundfesten unserer Welt. Allmählich überfällt einen Ratlosigkeit, Traurigkeit, Angst und die Ahnung, dass es nicht wieder so schnell gut wird und schon gar nicht so wie es war. Und wieder heißt es „Suchet der Stadt Bestes!“
Ausgerechnet jetzt, wo wir doch möglichst gar nichts suchen und zu Hause bleiben sollen. Es klingt nach einem neuen Knoten, den dieser Text hinterlassen will…
Schauen wir auf die Wörter drumherum. Jeremias Brief beginnt so:
„So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter...“
Erste neue Einordnung: Es ist mitnichten ein Brief an die, die Zuhause sind und ihr Leben hier gestalten und verbessern wollen, sondern einer an Menschen, die Gott selbst rausgeführt hat – aus ihrer vertrauten Welt - in ein fremdes unbegreifliches Leben und in Lebensumstände, die keiner auch nur einen Moment erträumt oder erhofft hat. Gott selbst. Ich kann und will nicht so weit gehen zu sagen, dass Gott uns dieses schreckliche Virus geschickt hat – aber ich kann und will auch nicht dahinter zurück, dass er uns jetzt führt – in und durch diese Krise. Der unbegreifliche Gott hat uns diese Katastrophe nicht erspart aber: Hier endet sein Weg mit uns nicht. Hier ist nicht alles aus. Vielmehr werden wir ermutigt, uns einzurichten. Nicht provisorisch sondern für lange Zeit. Baut Häuser sagt er. Pflanzt und erntet, esst. Ihr braucht Kraft. Es wird dauern. Und: es geht weiter. Darum gründet Familien und bekommt Kinder.
„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“
Das nehme ich wörtlich, denn heute – am ersten November 2020 – höre ich darin: Steck die Kraft nicht darein, zu boykottieren, was die fremden Regelungen um uns herum jetzt verlangen – nimm zur Kenntnis, dass du darin jetzt lebst. Aber bete für die, die es gestalten und verantworten, für das Gemeinwesen so wie es ist. Trage,
was Du kannst dazu bei, dass es aufwärts und gut geht. Für alle und so auch für dich. In dieser Reihenfolge. Haltet durch, denn es geht vorbei. Gott wird uns da auch wieder herausführen. Denn er sagt:
„Wenn siebzig Jahre voll sind, so will ich mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.“ Siebzig Jahre? Das klingt schrecklich – aber wenn wir bedenken, dass es erst reichliche siebzig Jahre sind, seitdem der zweite Krieg vorbei ist… dann kann es schon Jahrzehnte dauern. Oder vier lange Wintermonate, wie die Kanzlerin sagte. Es kommt nicht auf die Zahl an. Sondern auf den Horizont. Es wird Advent. Dort wird es hell.
„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. … „
November 2020. Gedanken des Friedens und nicht des Leides. So steht es über diesen Tagen und stand es über der Geschichte unsere Eltern und Großeltern, unserer Mütter und Väter im Glauben. Sie alle sind immer wieder durch in schwere Zeiten, manchmal sehr schwere Zeiten, geführt wurden. Sie haben darin gelebt, Häuser gebaut und Kinder gezeugt. Uns. Für alle galt und gilt: es gibt Zukunft und Hoffnung: „Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.“

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  Erntedank

Erntedank

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.10.2020

Erntedank 2020 – festlich geschmückt ist nicht nur der Altar, sondern der ganze Altarraum. Gestern sagte jemand: „So schön sei noch nie gewesen“ – das glaube ich zwar nicht – die Landfrauen haben das alle Jahre ganz bezaubernd gemacht – aber vielleicht drückt sich darin doch aus, dass wir die Pracht in diesem Jahr ganz besonders deutlich sehen und uns daran freuen.
Denn wer hätte im Frühjahr gedacht, wie tiefgreifend sich unser Leben verändern würde? Wer hätte sich vorstellen können, dass die Festgottesdienste zu Ostern ausfallen würden und der Tag der Domsingschule auch noch.
Wir sind wirklich reif, einen Festgottesdienst zu feiern und dankbar für diesen zauberhaften Anblick: Trauben und Brot, Kartoffeln, Äpfel, Kürbisse, Blumen, Zucchini, Mangold.
Leben, Fülle, Überfluss, Dankbarkeit. Erleichterung. Freude.
Da rutscht fast weg, dass im Frühjahr Menschen mutterseelenallein gestorben und beerdigt worden sind.
Da rutscht fast weg, dass ohne die großen Gottesdienste die Kollekten für Brot für die Welt wegfallen und anderswo nur mager mit dem geschmückt werden kann, was die Heuschrecken nicht weggefressen haben,
Da rutscht fast weg, dass es so wenig Regen gab, dass die Vogelbeeren schon am Baum trocken.
Und doch sind wir hier, behütet, bewahrt, satt.
„Sei klug und halt dich an Wunder“, sagte die Dichterin Mascha Kaléko.
Seien wir klug – halten wir uns an das Wunder, von dem das Evangelium heute erzählt.
„Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten…“ –
Diese Geschichte hat ihren Ort in einer Zeit des Mangels, des Hungers.
In gewisser Weise ist das für uns eine fremde Situation. Hier haben viel mehr Menschen Probleme mit zu viel Nahrung. Aber der Ansturm auf die Supermärkte im Frühjahr zeigt: die Angst vor Hunger sitzt tief, wenn der Zusammenbruch der Versorgung drohen könnte, werden wir irrational und panisch – wer hätte gedacht, dass sich Menschen hier um Toilettenpapier prügeln würden.
Mangel, Hunger und Leere haben wir eher mit Blick auf die soziale Distanzierung erlebt – gerade dieser Tage überfallen einen ja Erinnerungen, die heute gar nicht mehr denkbar sind. Das Getümmel als die Mauer aufging, Umarmungen zwischen wildfremden Menschen, Rotz und Tränen, Küsse – alles durcheinander.
Undenkbar heute…
Auch damals in Jesu Nähe war eine große Menge beieinander und sie litt. Sie litt Hunger und Not obwohl Jesus unter ihnen war! Seine Anwesenheit ging nicht einher mit Fülle und Segen, mit Wachteln und Manna. Drei Tage lang nicht…
Drei Tage sind eine symbolische und eine existentielle Dauer.
Drei Tage dauert es bis Jesus Christus durch den Tod hindurchgegangen ist und das das Licht des Ostermorgens die Welt hell macht. Drei Tage ohne Nahrung, ohne Trost, ohne Hoffnung, ohne gute Nachricht – das ist schrecklich und endlos.
Auch dieses Jahr haben unter uns viele als eine Zeit erlebt, in der Gott weit weg war, in der sie sich schrecklich allein gefühlt haben, in der Zukunft verschwand und sich Angst und Ratlosigkeit breit machte.
Ganz zu schweigen von denen, die wir schon fast vergessen haben: den Flüchtlingen überall auf der Welt, den politischen Gefangenen, den Obdachlosen, den Opfern von Krieg und Gewalt – sie alle erleben endlos lange drei Tage…
Es ist zum Erbarmen.
Aber es jammert nicht uns. Es jammert Gott. Die alte Geschichte erzählt, dass Jesus zu den Jüngern sagt: „Mich jammert das Volk, denn sie harren bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“
Ihn quält, das zu erleben.
Ihn quält, die Not der Menschen anzusehen.
Ihn quält die Ohnmacht.
Er weiß nicht weiter. Er! weiß nicht weiter.
Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. Menschlicher kann dieser Mensch nicht sein. Voller Mitgefühl, voller Traurigkeit, am Ende seiner Möglichkeiten.
So – in dieser Verfassung – fragt er seine Jünger. Ausgerechnet. Die sind ja mindestens so überrollt von der Situation und dann auch noch unter Erwartungsdruck. Entsprechend antworten sie: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“
Hier, wo der Boden vertrocknet ist,
hier, wo Ideen nicht wurzeln können,
hier, wo die Menschen mutlos und mürbe sind,
hier, wo alle Ressourcen zu Ende gehen,
hier, wo wir ja auch festhängen und nicht weiter wissen,
wo sollen wir hier irgendetwas finden, das satt macht, das stärkt und kräftigt, das fröhlich stimmt und zuversichtlich?
Wo soll das hier herkommen??? Ohne Wunder? Wenn Du, Jesus Christus, es nicht mal weißt, dann sind wir auf uns selbst geworfen…
In der Tat.
Was habt Ihr denn? Fragt Jesus Christus seine Jünger.
Was habt Ihr denn? Werden wir gefragt.
Was haben wir???
Einen geschmückten Altar und einen gedeckten Tisch.Nachbarn und Menschen neben uns. Kreativität, Musik, Bilder, Gedichte, Geschichte, Liebe, Sehnsucht
Und sieben Brote.
All das nimmt er und dankt dafür und teilt es aus und dankt wieder und segnet und irgendwie scheinen über diesem Dank alle zu vergessen, dass es eben noch ums Überleben ging und keiner weiter wusste.
Irgendwie ändert sich durch diesen Dank darüber, was ist und möglich bleibt, was wir haben und mit uns geht – und kommt es uns auch noch so unzureichend und mager vor – die Lage.
„Alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.“
Es so viel mehr als wir glauben.
Zuletzt: Für diese Mahlzeit hieß Jesus Christus die Menschen sich lagern. Zur Ruhe kommen. Still halten. Bleiben. Vollbremsung. Erfahren, was wir wirklich brauchen. Auch das gehört zu den Erfahrungen in diesem Jahr.
Warum nicht auch wahrnehmen, was wir schon haben, Angst beiseitelassen, vertrauen.

Und dann, so heißt es, „ließ er sie gehen….“
Dorthin wo sie hergekommen waren, dorthin, wo jede und jeder von uns seinen Ort hat, satt und gestärkt, getröstet und verblüfft: so viel ist möglich, so viel geht trotz allem, es ist nicht zum Erbarmen, es ist für uns gesorgt.

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  Konfirmation 2020

Konfirmation 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2020

Konfirmation 2020

Konfirmation – ein Vergewisserungstag und ein Fest dafür, dass Ihr gelernt habt für Euch selbst zu sprechen, eigene Entscheidungen zu treffen und sie auch zu verantworten. Das hat viele Facetten und wird nie abgeschlossen sein. Jede von euch hat dabei ihr eigenes Tempo, unterschiedliche Dringlichkeit und Radikalität. Jede von euch steht an einem anderen Punkt: in euren Familien und in eurer Geschwisterrolle, darin wie sicher ihr euch unter anderen fühlt und wieviel ihr wisst wo es hingehen soll, wie sehr euch die Welt lockt oder ihr sie fürchtet, ob ihr grübelt oder hinnehmt wie es ist.
Eine der großen Geschichten, die davon ganz viel erzählen ist die vom verlorenen Sohn. Ihr habt sie vorhin schon gehört. Beim ersten Hören klingt sie vor allem sehr moralisch: einer zieht aus das Geld zu verschwenden, das die vor ihm mühsam erarbeitet haben, er fliegt auf die Schnauze und kriecht wieder heim und da nimmt ihm das fast keiner übel – im Gegenteil. Natürlich kann man immer wieder nach Hause zurückkommen. Meine Mutter sagte, das gilt in jedem Fall, selbst wenn ich einen ermordet haben sollte… Hier gilt es erst recht, denn diese Geschichte ist ein Gleichnis, eine Bildgeschichte, die vor allem erzählt, wie es zwischen Gott und uns ist. Darum ist das die wichtigste Botschaft dieses Tages. Es gibt bei ihm eine Zuflucht und eine Tür, die offen steht. Immer.
Aber es lohnt, genauer hinzusehen:
Ein Vater hat zwei Söhne. Dass es in dieser ganzen Geschichte gar keine Frauen gibt, ist eine markante Leerstelle – heute schlucken wir sie aber mal ganz entspannt runter, weil wir hier den überbordenden Ausgleich haben und so viele schöne junge Frauen konfirmiert werden. 
Es geht um den kleinen Bruder. Der will weg und raus.
Vielleicht ist die Stelle des tollen Kindes, das alles gut macht und den Eltern eine Freude und ein Stolz ist, ja schon perfekt besetzt. Vielleicht ist es nicht Übermut, der den Kleinen wegtreibt sondern Verzweiflung oder Ratlosigkeit? Er bittet also um sein Erbe – keineswegs um etwas, dass ihm nicht zustünde - und damit um die Freiheit, gehen zu dürfen und etwas Eigenes zu probieren. Er bittet um die Chance rauszufinden, wer er eigentlich ist – jenseits aller Erwartungen und festgefügten Familienbilder. Und der Vater gewährt ihm das – ohne Ratschläge oder Auflagen, ohne Zögern. Ob dieser Vater sehenden Auges die Hälfte seines Besitzes aufgibt, ob er das tut aus Angst, sonst sein Kind ganz und gar zu verlieren oder ob er es womöglich selber gern so gemacht hätte – wer weiß.
So zieht der junge Mann aus und er scheitert. Das liegt wohl erstmal daran, dass er nicht gelernt hat, mit Geld umzugehen und sich die falschen Freunde sucht. Aber darunter liegt eine große Unsicherheit. Dieser Sohn hatte kein Ziel, keine Idee, was er eigentlich machen will mit der großen Freiheit. Vielleicht hatte er sich bis dahin zu gut darin eingerichtet, der kleine Liebling zu sein im Schatten des großen Bruders. Vielleicht hat sich auch niemand wirklich für ihn interessiert und gefragt: wer bist du, was kannst du gut, wovon träumst du, wer willst du sein, was willst du machen mit diesem einen Leben, wo hinein willst du deine Kraft und deine Gaben stecken, wovon bist du überzeugt, was glaubst du?
Richtig dringend scheinen solche Fragen nicht zu sein, wenn es einem gut geht. Über die Zukunft macht sich Gedanken, wer sich sorgt, wie es gehen kann, wen etwas treibt. Wohlstand kann suggerieren, dass alles gut ist und bleibt und mich gefährden, weil meine Kraft und Ideen nicht gebraucht werden.
Irgendwas passiert hier auch.
Solange das Geld da ist, hat es auch die Gestaltungshoheit.
Erst als es weg ist – übrigens nicht nur, weil er sich reingeritten hat sondern auch weil drumherum widrige Umstände waren - wird der Junge zum Subjekt, wird er einer, dem klar wird, was ihm fehlt und was er wirklich zum Leben braucht. Das soll keine Rede sein, die Armut verklärt – ganz im Gegenteil, es ist wirklich große Gnade, wenn man sich darum nicht immer Sorgen machen muss. Es ist eher die Anerkenntnis, dass Ihr, denen Euch so viel offensteht und für die so viel möglich ist, es deshalb nicht einfach habt und sollte es nötig sein, dass ihr erst eine Runde in die Irre oder in die Fremde müsst, bis ihr klarer seht, dann ist da nicht das Ende, sondern vielleicht ein Stück auf dem Weg, sich seiner selbst bewusst zu werden und zu vergewissern, wo ihr herkommt und was euch zu den Menschen macht, die ihr sein wollt, dass ihr geliebt werdet.
Der Junge hier muss ganz in den Dreck, er kriecht auf dem Zahnfleisch und ist kurz vorm Verhungern. Ihm fehlt alles, was nottut. Brot und Wein, Liebe, Geborgenheit, Heimat, Zukunft.
Darum ändert er sein Programm. Dafür reicht die Kraft noch. Zum Glück. Denn solange wir leben, steckt immer noch Hoffnung in uns und Sehnsucht.
Dieser Sohn entscheidet sich, wieder anzuknüpfen. Daran, wo er herkommt und wer war. Er weiß, er hat sich verändert und ist nicht mehr derselbe. Er weiß, er hat Fehler gemacht und denen, die ihn lieben, einiges zugemutet. Und er weiß auch, dass er um Vergebung bitten und Verantwortung übernehmen muss, für seine Entscheidungen. Aber er trägt eine unglaublich kostbare Sicherheit im Herzen: Ich kann zurück. Es wird weitergehen. Es gibt eine Familie, in die ich gehöre. Es gibt einen, der wäre glücklich.
So kommt er wieder.
Das ist nicht nur leicht. Da ist ein älterer Sohn, der nicht mehr Bruder sein will, der sich ausgenutzt gefühlt hat, mehr verpflichtet als geliebt. Das ist eine eigene Geschichte. Hier, heute genügt vielleicht festzuhalten, dass auch das zum Leben dazugehört: ob wir wollen oder nicht, was wir tun oder lassen, hat auch Folgen für andere – für die, die mit uns zusammengehören und auch für die, die wir nicht kennen. Wir werden aneinander schuldig.
Eine letzte Beobachtung: Der Weg zurück ist weit, der Weg in ein eigenes mündiges Leben, in das man wirklich gehört und seinen Ort hat, Glaubenswege, dauern länger aus der Ausbruch daraus. Aber sie lohnen sich. Wir werden erwartet.
Die alte Geschichte endet mit einem großen Fest.
Auch deshalb passt sie zu diesem Tag.

Konfirmation. Vergewisserung. Bekenntnis.
Ihr knüpft heute an Eure Taufe an. Dort seid bei Eurem Namen gerufen – der Bedeutung hat und markiert: genau Ihr seid gemeint. Gott hat euch damals gesagt: in seiner Nähe könnt ihr leben, behütet und gesegnet. Dieser Tag heute sagt: Ja, das weiß ich. Ja, das will ich. Aber dieser Tag heute ist – genauso wenig wie die Taufe – ein Schutzzauber, der euch vor Fehlern, Zweifeln und Krisen bewahrt. Dieser Tag heute ist die Vergewisserung: Wenn es uns schlecht geht, sind wir im Begriff von Gott wegzugehen oder wegzutreiben. Dann lohnt es, die Richtung zu ändern, zu ihm hin: Die alte Geschichte sagt. Wir mögen glauben, das wäre eine Kapitulation oder wir müssten uns aufgeben aber im Gegenteil: auf dem Weg zu Gott werdet ihr anders werden – zur besten Version Eurer selbst, uns und anderen ein Segen .

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  11. Sonntag nach Trinitatis

11. Sonntag nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.08.2020

Sie haben es vorhin gehört. Da steht der Pharisäer und sagt sich: Ein Glück, dass
„ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.“ Und vermutlich denken die meisten unter uns ganz spontan: Ein Glück, dass ich nicht bin wie dieser hochmütige arrogante Pharisäer. Und – patsch! - sind wir es.
Predigt beendet.
Kommt mir sehr gelegen, denn ich will los und fort – endlich in den Urlaub.

Aber da sind noch Jana und Karen und das Pflichtbewusstsein einer treuen Hüterin des Wortes, also muss jetzt doch noch auf dieser bekannten Geschichte, die so schön schwarz-weiß klingt, rumgekaut werden.
Das haben vor uns schon viele getan und dabei in den letzten Jahrzehnten Skrupel gehabt. Man wollte nicht auf dem frommen Juden, dem Pharisäer, rumhacken und auch nur sehr ungern denken, dass Jesus Christus – der doch zu Feindesliebe aufrief - einen anderen Menschen so bloßstellt.
Aber dem Gleichnis machen unsere Bedenken nichts aus. Es steht da und stört und zwar von Anfang an, denn es richtet sich – so schreibt der Autor – „an gewisse Leute“, die da offenbar in Hörweite waren.
Leute also, die vielleicht ganz interessiert daran waren, was der denn zu sagen hat. Leute, die „von sich selber überzeugt waren, gerecht zu sein.“
Leute, die eigentlich zufrieden mit sich selbst waren und nicht unbedingt Notwendigkeit sahen, ihr Leben zu ändern, sich Fehler oder Krisen einreden zu lassen. Warum auch: es ist ja durchaus in Ordnung, wenn einer der sein Zeug gründlich macht und ernstnimmt, der sein Leben im Griff hat und mit seinen Mitmenschen anständig umgeht, auch mit sich selbst einverstanden und in Frieden ist. Aber da scheint es einen schmalen Grat zu geben:
Es waren Leute, die „die anderen verachteten.“
Offenbar wird der Blick dieser Leute schneller hart als einem lieb sein kann. Der schmale Grat verläuft „zwischen gesundem Selbstvertrauen und zerbrechlicher Arroganz“. Es geht um sozialen Dünkel und ein ungerechtfertigt gutes Gewissen oder ein bisschen verdichtet um die Frage, ob sich unser Leben nach unserem Gewissen richtet oder unser Gewissen nach unserem Leben.
Mit anderen Worten:
Es geht um einen Grat, auf dem wir wahrscheinlich auch unterwegs sind und deshalb ist es nicht so abwegig, dass Jesus uns auch zu den gewissen Leuten zählt, denen er diese Beispielgeschichte gibt.
Er erzählt:
Da stiegen also zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit der gleichen Absicht den Weg hinauf. Sie wollten zum Tempel und beten.
Einer ist Pharisäer, ein Experte des jüdischen Glaubens, der Einhaltung der Gesetze. Der andere ein Zöllner, ein Mann im weltlichen Beruf, der Obrigkeit verpflichtet, kein betont frommer Mann, einer wie viele.
Der eine steht ausdrücklich aufrecht. Wer weiß, ob es jemand wagen würde, ihm zu nahe zu kommen, ihn beim Beten zu stören. Er ist unerreichbar und will es auch gern sein.
Wer weiß allerdings auch, ob er sich mit dieser Haltung nicht isoliert: von sich selbst, von anderen und womöglich auch von Gott.
Social distancing mit anderem Vorzeichen. Ausdruck einer vorbildlichen Haltung und Selbstvergewisserung. „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“
Was ist daran falsch?
Es ist doch richtig, wenn Frömmigkeit Gehorsam ist, man das tut, was man sagt und denkt. Es ist doch ein ernsthafter gut Weg, wenn er nicht der Show oder des guten Rufes wegen gegangen wird. Was meint Nachfolge sonst?
Alles gut.
Aber ist es wirklich so? Was treibt Dich wirklich?
Die Sehnsucht nach Anerkennung oder eine Überzeugung, Statusfragen oder Dein Gewissen?

Der andere hält Abstand.
Er hebt nicht einmal den Kopf. Er scheint weit davon weg zu sein, dass einer ihm sagt: „Seht auf und erhebt eure Häupter!“ Er will weder nach oben sehen, noch nach vorn, er wird so auch den Pharisäer nicht sehen …
Was drückt er damit aus?
Scham? Angst? Bescheidenheit? Fremdheit? Respekt? Wissen um das eigene Ungenügen?
Vermutlich jedenfalls eine Art Zurückhaltung oder Vorsicht in der Nähe des Heiligen, unter Gottes Angesicht, die wahrscheinlich mehr Menschen nachvollziehen können als den demonstrativen Einklang. Die Distanz, die dieser zweite Mensch hält, hat Potential: Entwicklung, Bewegung, Dialog bleiben möglich.
Aber zunächst geht es nicht darum. Erst einmal schlägt sich der Zöllner auf die Brust. Eine feine Pointe. Mann machte das in der Antike nicht. Nur Frauen. Es ist ein Zeichen von Trauer und Reue, das einem Mann nicht steht. Radikaler kann der Haltungsunterschied zum Pharisäer nicht sein.
Gott, bittet der Zöllner, sei mir gnädig und mit mir versöhnt. Sieh mich freundlich an auch wenn ich bin wie ich bin.
Und Jesus schließt: „Ich sage euch: Dieser, der Zöllner, ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, eher als jener.“
Dieser erlebte eine Veränderung.
Dieser spürte, dass Gott ihn sieht und hört. Dass er Gott recht ist.
Dieser kam nach Hause.
Eher als jener.
Jener steht noch und braucht nicht Isolation sondern den Mut, einen Schritt beiseite zu treten von der Stelle, die er so perfekt ausfüllt. Jener braucht noch die Erfahrung, sich aus der Hand zu geben.
Dann geht er auch.
Nach Hause. Wie die gewissen Leute. Wie wir. Wenn wir verstanden haben, warum wir so oder so vor Gott stehen, wenn wir vertrauen lernen, dass wir ihm recht sind, wenn wir die Distanz wagen, in der man klarer sieht und auf unser Gewissen hören – nicht auf den Beifall der Welt.
Wie gesagt. Es ist eine Bespielgeschichte. Gerichtet an gewisse Leute erzählt sie von zwei Menschen. Das wäre eine zweite Predigt, denn das Wort „Leute“ ist ein bisschen ungenau, ein bisschen abwertend – zwei Menschen aber, zum Beispiel diese beiden, haben jeder für sich alle Würde.
Darum: Lasst uns nicht gewisse Leute sondern Menschen sein, die hinaufsteigen und näher rankommen.


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  9. S. n. Trinitatis

9. S. n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.08.2020

Vor ungefähr 2500 Jahren wurde wenige Kilometer nordöstlich von Jerusalem Jeremia geboren. Seine Heimat, das Land Juda, war in schwerem Fahrwasser – existentiell bedrängt von den benachbarten Großmächten war eine Schaukelpolitik zwischen Babylon und Ägypten nicht länger möglich, man musst sich für die eine oder andere Seite entscheiden – und wiegte sich in Sicherheit. Man wollte nicht sehen, wie brüchig und gefährdet das Konstrukt war, man wollte schon gar nichts vom Untergang der vertrauten Welt hören. Im Gegenteil, die eingeübten Rituale, der Tempelkult, schienen Sicherheit genug zu geben – platter gesagt: man besoff sich aneinander und gönnte sich die Idee, Zeit zu haben und Herr der Lage zu bleiben.
Da hinein spricht Gott zu Jeremia, der – so nimmt man an – zu diesem Zeitpunkt ungefähr achtzehn Jahre alt und sagt:
„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten. Ich aber sprach: Ach, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Ein junger Mann, der Sohn eines Priesters – mithin einer, dessen gesellschaftliche Stellung im Moment stabil war, der aber die meiste Zeit seines Lebens noch vor sich hatte, Anwalt der eigenen Zukunft war.
Gott spricht und Jeremia hört. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sich kurz aufschreiben lässt: Gott spricht und Jeremia hört. An anderen Stelle der Bibel muss Gott viele Male rufen, bis er gehört wird. Wir schließlich halten vermutlich alles andere als Ursache existentieller Unruhe für wahrscheinlicher zu als einen Ruf Gottes. Jeremia aber spürt offenbar etwas Unabweisliches, dem er nicht ausweichen kann auch wenn er das nur zu gerne würde.
Er ahnt, dass eine Positionierung sein Leben schwer und unbequem machen wird. Er fühlt sich nicht gerüstet und hält sich für ungeeignet
„Ich tauge dafür nicht. Ich bin zu jung.“
Mit anderen Worten. Man wird mir nicht zuhören und mich nicht ernstnehmen. Man wird nicht glauben, dass ich etwas zu sagen habe, was nicht schon gesagt ist, sonst nicht laut wird. Lebenserfahrung und Lebensleistung der Alten, der Mächtigen, der Würdenträger haben Gewicht. Aber ich, welche Berechtigung sollte ich haben, meinen Worten Notwendigkeit zuzumessen. Wie könnte ich mir erlauben anzuzweifeln, dass die, die das Land und die die Geschicke der Menschen lenken, das Richtige tun?
Kleiner Schnitt:
Vor einem Jahr etwa redete Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen. Die Welt schaute auf ein Mädchen mit geflochtenem Zopf und vor Empörung gerötetem Gesicht, dass den Regierungschefs entgegenschleuderte: „Wie könnt Ihr es wagen? Menschen sterben! Ganz Ökosysteme kollabieren. Wir stehen am Anfang eines Massensterbens, und alles worüber ihr reden könnt, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Mit den heutigen Emissionswerten wird das verbleibende CO2-Budget in 8,5 Jahren aufgebraucht sein. Wie könnt ihr es wagen! Die Veränderung kommt, ob es euch gefällt oder nicht.“
Das Thema „Klimawandel“ stand auf der Tagesordnung mit einer Dringlichkeit wie schon lange nicht mehr. Und eine sehr junge Frau prophezeite Unheil. Eigentlich ein Kind noch – zu jung, um Klimaexperten, Wirtschaftsbosse und Politiker herauszufordern.
Greta Thunberg, ein Mensch, dem ein Thema unabweislich auf den Nägeln brennt, Anwältin der Zukunft, die uns alle betrifft. Auch diesem Problem, dem Klimakipppunkt in nunmehr 7,5 Jahren, wird man nicht mit Schaukelpolitik beikommen.…
Greta Thunberg musste sich als „kleine Schulschwänzerin“ titulieren lassen. Zu jung.
Immerhin attestierte man gönnerhaft, sich ganz ordentlich in das komplexe Klimathema eingearbeitet zu haben. Dass sie „anders“ ist, schob man auf ihren Asberger-Autismus, der erklärt, warum dies Mädchen naturwissenschaftlich begabt und dabei so unbeirrbar ist.
Die Debatten um die Schülerbewegung „Fridays for future“ hatten viele Facetten nicht zuletzt den Vorwurf: Wohlstandskinder würden aus der veganen Bioblase heraus ihre SUV-fahrenden-Eltern anzählen, die doch immerhin das Geld für I-Pads, Fair-Trade-Produkte und schicke Fahrräder verdienen…
Wer darauf setzte, dass sich diese jugendliche Aufregung verfliegen würde, bekam recht – durch eine Pandemie, die der Bewegung den Schwung genommen, wenn nicht sogar den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Aber das kann für niemanden gut sein – im Gegenteil: die Zeit rennt weiter, die Erde erwärmt sich, einerseits schmelzen Pole ab und tauen Permafrostböden auf, andererseits sinkt der der Grundwasserspiegel, breiten sich Wüsten aus, verdursten Bäume und Tiere…
Das führt zu Hungerkatastrophen und Flüchtlingsströmen, dem Kampf um Trinkwasser. Corona und die Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie führen jetzt zwar zu radikalen Entscheidungen (Flugzeuge am Boden, Kreuzfahrtschiffe im Hafen) und einer Mobilisierung von Geld, die sich keiner als Antwort auf Greta Thunberg hätte vorstellen können. Aber ein Umdenken ist das nicht und beruhigend schon gar nicht.
Die Ernte der nächsten Jahre wenn nicht Jahrzehnte ist bereits auf dem Halm verkauft. Klimaziele klingen wieder nach Kür, erst muss der Konsum angekurbelt werden. Die Wirtschaft muss auf die Beine. Die Menschen auch. Es drohen Massenarbeitslosigkeit, verstärkte Kinderarmut, Endsolidarisierung. Ganz zu schweigen von dem Zusammenbruch innernationaler Kooperationen.
Aber all das juckt weder das Virus noch das Klima. Wir werden unser Leben radikal ändern müssen ob wir wollen oder nicht – die letzten Monate sind wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack.
Zeit für Propheten?
„Der Herr sprach aber zu Jerermia: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Sprich es aus! Sagt Gott zu Jeremia. hab keine Angst. Ich bin da.
Zuspruch und Anspruch – so steht es auch über dieser Woche: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“
Ob also Greta Thunberg eine Prophetin ist, darüber kann man trefflich streiten. Aber das wäre wahrscheinlich ein Ablenkungsmanöver. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, ob wir selbst auf das Unabweisliche reagieren, ob wir hören, wenn Gott uns ruft und sein Wort in den Mund legt, ob uns klar ist, dass uns viel anvertraut und deshalb viel von uns gefordert ist.
Ob wir erkennen, wenn wir in eine prophetische Situation gestellt sind und dann den Mut haben zu reden. Unbequem ist das bestimmt.
Oder mit Martin Buber: „Es mag sein, dass die Propheten eine Stechbremse auf dem Nacken des Volkes waren … aber wenn diese Bremse nicht gewesen wäre, wenn die unbarmherzige Vertretung der lebendigen Idee, des Gottesgebotes nicht gewesen wäre … was wäre überhaupt noch da?“

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  1. SONNTAG NACH TRINITATIS

1. SONNTAG NACH TRINITATIS

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.06.2020

Roger Willemsen, Übersetzer, Moderator, Regisseur, Produzent wurde nicht alt.
Er starb vor vier Jahren in Hamburg. Seine letzte Rede, gehalten im Sommer 2015 hieß: „Wer wir waren.“
Es sollte eine Zukunftsrede sein. Ob diese Zukunft schon vorbei ist?
Damals schrieb er jedenfalls auf uns selbst zurückblickend:
„Wir wussten viel und fühlten wenig … Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen …
Wir waren jene, die wussten aber nicht verstanden … voller Informationen aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen aber mager an Erfahrung. So gingen wir - nicht aufgehalten von uns selbst.“
Inzwischen sind ein deutliches Stück näher am Klimakipppunkt und auch mit Blick Hunger und Flüchtlingsnot, Vermüllung der Meere oder Abholzung der Regenwälder sind die letzten fünf Jahre weidlich ungenutzt vorübergegangen.
Immerhin haben wir gelernt, dass wir ruckartig unser gesamtes Leben ändern und verzichten können. Dafür brauchte es das Gefühl, nicht das Wissen, echter Bedrohung und existentieller Angst. Wir wurden von einem Virus aufgehalten, nicht von uns selbst. Da hat Willemsen klar gesehen.
Nun stecken wir in einer globalen Krise und blickten wir auf die zurück, die wir waren, dann käme wohl noch hinzu:
Wir waren die, die digital nicht gut aufgestellt waren und vom Stillstand des gesellschaftlichen Lebens kalt erwischt wurden.
Wir waren die, denen es so gut ging, dass sie Schulden machten und die Ernte von Jahrzehnten auf dem Halm verkauften.
Wir waren die, die sich abhängig gemacht hatten von weltweiten Lieferketten und auf einmal wieder nähen lernen mussten.
Wir waren die, die im Keller, auf dem Boden und oft auch noch das eigene Leben aufräumten.
Wir waren die, die die Kirchen schlossen und keine Gottesdienste feierten.
Wir waren ziemlich von der Rolle.
Wir hatten keine Idee, keine Vision, kein Programm – nur Geld.
Da waren die ersten Christen besser dran. Sie waren, so haben wir es vorhin in der Apostelgeschichte gehört, „Ein Herz und eine Seele. Keiner behauptete, dass etwas ihm allein gehört, sie bezeugten die Auferstehung kraftvoll und ohne Zweifel, keiner litt Mangel und wer Grund und Boden oder Immobilien besaß, verkaufte das alles zugunsten der Gemeinschaft und jeder bekam, was er nötig brauchte.“
So waren wir nie.
Wir sind jeder mit ein paar wichtigen Lebensmenschen ein Herz und eine Seele, wir haben in diesen letzten Wochen den einen oder anderen dazu entdeckt, aber mit der ganzen Gemeinde, mit all den anderen in dieser Kirche? Nein, eher nicht.
In Gütergemeinschaft leben wir erst nicht, weder unter Geschwistern noch in der EU.
Es hat nie geklappt. Jedenfalls nicht außerhalb von Klostermauern. Im Gegenteil, früher oder später hat die Vergesellschaftung von Eigentum zu Gewalt geführt, zu Diktatur und Unterdrückung und nebenher zu heimlichem beschämenden stetig wachsenden Privatbesitz.
Aber vergessen wurde die Idee trotzdem nicht.
Auch wenn dieser Text jahrelang beiseitegelegt wurde und es erst jetzt in die Reihe der Predigttexte geschafft hat. Offenbar schien er bisher zu idealistisch, Kommunismus verdächtig, unbrauchbar…
Jetzt ist er auf einmal da und erzählt, dass Menschen – als zentralen Ausdruck ihres Christseins - auf Besitz verzichteten.
Jetzt scheint der Gedanke, dass ausgerechnet die Idee der Gütergemeinschaft ins kollektive christliche Gedächtnis einsickern sollte, nicht mehr so abwegig.
Ausgerechnet jetzt - wo wir wie verrückt konsumieren sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln und höchstens über die Vergemeinschaftung von Schulden reden – wird uns vorgeschlagen, Privatbesitz grundsätzlich infrage zu stellen und nicht zuerst unsere Privatsphäre und eigene Meinung zu hüten, sondern davon zu träumen, ein Herz und eine Seele zu sein.
Das ist starker Tobak!
Und urchristlich – im besten Sinne des Wortes „pfingstlich“.
Denn zu Pfingsten, dann wenn wir bekennen, dass uns dieser Geist zu einer Gemeinde, zu einem Christi Leib, womöglich sogar einem Herz und einer Seele – huu! – ist es nicht abwegig sondern im Gegenteil sogar sehr naheliegend, wenn man sich fragt, wie verändert dieser Geist die Welt? Wie verändert er unser Leben?
Wie waren nie so, wie es die Apostelgeschichte beschreibt – aber was hindert uns, es endlich zu werden?
Längst haben wir doch verstanden, dass die meisten von uns hier, im ständigen Zuviel leben. Wir wissen, dass die Güter dieser Welt reichen, damit niemand mehr Hungers sterben muss. Warum machen wir daraus nicht Erfahrung? Was hindert uns, anders teilen zu lernen als nur das abzugeben, was wir nicht mehr brauchen oder wollen?
Die Gütergemeinschaft, von der die Bibel uns erzählt, denkt nicht vom Flohmarkt oder dem Second-Hand-Shop her, sondern von wirklicher Gerechtigkeit mit der wir es bisher nie probiert haben.
Wann werden wir endlich so wie wir nie waren?
Wann fangen wir an, die Sehnsucht dahinter nicht als naiv zu begreifen, sondern als Hoffnung für die Welt?
Wann fangen wir an, unserem Glauben zuzutrauen, dass er uns wirklich befreit?
So vieles ist zu viel.
So vieles drückt uns und macht uns Angst, einsam und leer.
Dabei lebt mitten unter uns der, der den Tod überwunden hat. Noch einmal und ein bisschen anders Roger Willemsen:
„Wir wussten viel über unseren Glauben und fühlten wenig … Als brauchten wir, um danach zu leben statt der Auferstehungshoffnung einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. …
Wir waren jene, die von Jesus Christus wussten aber nicht verstanden … voller Informationen über den Heiligen Geist aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen über Nächstenliebe und Barmherzigkeit aber mager an Erfahrung.“
Wir waren die, die von einem neuen Himmel und einer Erde sangen.
Wir waren die, die unter Gottes Segen lebten.
Wir waren die, denen der Heilige Geist gesandt war.
Und mit denen, der Friede Gottes ist, der größer ist als unsere Zweifel und Berechnungen, als unser Kleinmut und auch als unser Verstand. Amen.

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  Trinitatis 2020

Trinitatis 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.06.2020

Trinitatis ist ein schwieriges Kirchenfest.
Es gibt keine spezielle biblische Geschichte und keine Bräuche wie zu Ostern oder Weihnachten, dafür Theologenmühsal. Man sieht die rauchenden Köpfe und Schriftsätze mit unzähligen Verbesserungen und Ausstreichungen, all die Versuche den allmächtigen himmlischen Gott, seinen menschlichen verletzlichen sterblichen Sohn und den heiligen Geist irgendwie mit dem Grundbekenntnis, dass wir doch nur an den EINEN Gott glauben, zusammenzubringen.
Heilige Dreifaltigkeit. Drei in einem. EINER in jedem. Man muss es glauben wollen und sollte einsehen, dass es unmöglich ist, sich ein Bild zu machen. Trotzdem sind unsere Kirchen, und nicht nur die, voller Bilder. Allein hier im Dom gibt es reichlich verschiedene und sehr anrührende Darstellungen des EINEN Gottes zu sehen. Sie sind Ausdruck dessen, dass wir Menschen trotz Gottes verschiedener Naturen Gottesbilder mit uns herumtragen. Menschen treibt, ergründen und wissen zu wollen, wem wir uns da mit Leib und Leben anvertrauen und in die Hände geben, wer unsere Wege lenkt.
Das ist schon aus Überlebensinstinkt nötig. Jede unserer Begegnungen ist doch davon geprägt, dass wir in Sekundenbruchteilen herausfinden müssen, mit wem wir es zu tun haben, wie sie oder er uns gesonnen sind, was der Andere als Nächstes tun wird.
Sollte das nicht erst recht für Gott gelten?
Müssen wir nicht ergründen wollen, ob er der ist, für den ich ihn halte?
Je nachdem, wie es uns ergeht, wird diese Fragen dringender und schärfer. Ist er ein blindes dunkles Schicksal oder doch nur ein ohnmächtiges Kind? Einer, der eifersüchtig über unsere Liebe wacht oder einer, wer weint, wenn er uns zusieht? Allmächtig und erhaben, rätselhaft, unbegreiflich, anders oder doch nur lieb?
So fragend merkt man immerhin: es kommt nicht darauf an, wie er aussieht, sondern, was er tut, wie er wirkt.
Darum ist es im ersten Moment womöglich verblüffend aber dann plausibel, dass uns an diesem Sonntag als eine Antwort, die sehr viel von dem enthält, was wir von Gott wissen können, der Aaronitsche Segen vorgeschlagen wird. Im vierten Buch Mose heißt es: Und der Herr sprach. So sollt ihr reden, wenn ihr segnet: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Gott behütet uns und wendet uns sein Gesicht zu, er lässt es leuchten.
Gott hebt sein Angesicht auf uns – als rückte er auf Augenhöhe, in Blickkontakt und schenkt Frieden.
In dieser Zugewandtheit zeigt und erklärt sich Gott.
Mit seinem Gesicht …
Darauf sollen wir hören, ausgerechnet in diesen Tagen, in denen wir das halbe Gesicht, Mund und Nase hinter einer Maske verbergen – und viel mehr Mühe haben als sonst andere zu entziffern.
Merkwürdig allerdings, dass wir damit nicht schon begonnen haben, als Apple auf seinen I-Phones die Gesichtserkennung, FaceID – das Gesicht als Ausweis, installierte. Perfekt vermessen gleicht unser Gesicht einem Barcode, mit dem sich womöglich noch viel mehr auslesen lässt als nur, ob genau ich das bin. TrueDepth, wahre Tiefe heißt diese Methode, mit der nicht die Oberfläche berechnet sondern möglichst auch Tiefenstrukturen unserer Identität ergründet werden sollen.
Es geht um Profile und Durchschaubarkeit, den fragwürdigen Versuch, vom äußeren Erscheinungsbild auf Wesen und Charakter zu schließen. Dieser mutmaßliche Zusammenhang ist so alt wie die Menschheit.
Darum nahm man an, dass schöne Menschen einen edlen Charakter haben…
Darum verwendete das griechische Theater Masken. Sie typisieren Rollen und verändern sich nicht.
Das lebendige Gesicht eines Menschen dagegen, erzählt seine Geschichte. Erst Mimik, Blick und Stimme im Kontakt zu anderen Gesichtern bringen ein menschliches Antlitz hervor. Ein lebendiges Gesicht zeigt und verbirgt, leuchtet oder verdunkelt.
Das ist das Bild im Segenswort!
Wenn Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt, dann sieht er uns an und nimmt uns wahr, sucht Begegnung. Das ist etwas ganz anderes als uns von Ferne auszulesen, um uns kontrollieren, vermarkten, bewerben zu können.
Unglaublich, dass Gott – der doch zu Mose sagte, mein Angesicht kannst Du nicht sehen – in diesem Segenswort sein leuchtendes Antlitz zuwendet. Es ist wie eine Versicherung heilsamer Nähe – und vielleicht eine ferne Erinnerung und zugleich Distanzierung von den Sonnengöttern in Israels Umgebung, in denen die Sonne als lebensnotwendige Kraft verehrt wurde, ohne die man nicht leben und der man doch nicht nah kommen kann.
Der EINE Gott ist ganz nah, in seinem Sohn und in dem Menschen neben uns.
Der EINE Gott ist ganz nah, auch in den trockenen Wüsten unseres Lebens. Dort hat der vertraute Segen seine Ursprungsgeschichte. Unter unsagbar lebensfeindlichen Bedingungen schenkt Gott den Menschen die bedingungslose Möglichkeit, einander zu segnen und gesegnet zu werden. Die biblische Wüstenwanderung dauert Jahrzehnte – ein Menschenleben lang. Alle sind unterwegs. Manche wissen noch, dass sie das Land der Freiheit suchen. Andere haben es längst vergessen und trotten vor sich hin. Manche träumen noch. Andere haben sich arrangiert mit dem wie es ist. So sind wir alle unterwegs, irgendwo am Anfang oder Ende unserer Beziehungen, mittendrin in Lebenskonstellationen, Erziehungsprozessen, Suchbewegungen, Ausbildungsverhältnissen, beruflichen Stationen, beim Altwerden, im Sterben. Wir alle sind unterwegs in dieser Geschichte Gottes mit uns Menschen.
Wann wenn nicht jetzt, wo so vieles seine Selbstverständlichkeit verloren hat, wo wir überhaupt nicht wissen, wo uns das alles hinführen wird, wird einem bewusst, dass Gottes Segen brauchen, um zu leben.
Sag es so, sagt Gott zu uns. Sag es dem neben Dir: „Der HERR segne dich und er behüte Dich, der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“
Trinitatis. Was für ein Gott ist er, wie wirkt er?
Im Segen blitzt es auf.
Gott zeigt, dass er durch uns wirkt dem neben uns zugute. Denn segnen kann jeder. Aber keiner sich selbst. Segen kann man nicht besitzen, verteilen oder vorenthalten. Segen fließt durch uns, aber er kommt nicht von uns sondern von Gott.
Deshalb hoben die Priester im Jerusalemer Tempel ihre Hände nie höher als bis zur Stirn, auf der Gottes Name geschrieben stand. Deshalb sind vielleicht gerade dann, wenn wir einander Segen zusprechen, Gott am Ähnlichsten.
Trinitatis. Heilige Dreifaltigkeit. Es gibt nichts zu sehen aber das Lebensnotwendige zu wissen. Gott schenkt uns seinen Segen durch den Menschen neben uns mit seinem Geist.
Auch jetzt, gerade jetzt.

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  Pfingstmontag

Pfingstmontag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.06.2020

Jan Vogler, ein fantastischer Cellist, sagte gestern im Radio-Café, er könne nicht für die Gestrigen spielen oder so musizieren, wie man vielleicht in zehn Jahren einmal hören wird, er spielt jetzt, für die Menschen jetzt – denn er ist nicht Komponist, sondern Interpret. Das könnte auch ein Merksatz fürs Bibellesen sein. Jetzt lesen, hier und heute darauf hören, was die Bibel sagt, so wird sie – genauso wie die Musik – lebendig. Und überraschend aktuell.
Der Predigttext, der in diesen Pfingstmontag, ins Irgendwo zwischen Anfang und Ende der Coronakrise spricht, steht im Johannesevangelium:
„Am Abend aber waren die Jünger versammelt und hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden. Da kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Da sitzen sie also in geschlossenen Räumen, verbarrikadiert, in Quarantäne und haben schreckliche Angst. Sie haben eine Schockerfahrung hinter sich. Sie trauen sich nicht raus. Sie fürchten sich. Und wissen nicht weiter.
Ewig geht das so nicht…
Irgendwann wird die Brust zu eng und die Luft knapp.
Irgendwann liegt die Angst ist wie ein schwerer Stein auf der Brust, drückt wie ein Kloß im Hals. So kann keiner mehr atmen. Atemnot kennzeichnet Corona und Angst gleichermaßen. Fulbert Steffensky, Theologe, Dichter und weiser alter Mann warnte deshalb dieser Tage: macht nicht die Angst zum Gott, nicht das Virus zum alles bestimmenden Götzen. Aber so leicht ist das nicht, wenn Angst Seele frisst.
In solcher Not sitzen die Jünger und sitzen wir.
Es ist kaum noch auszuhalten.
Schmerz und Sehnsucht treiben uns in die Ambivalenz von Resignation und Hoffnung, Einverständnis und Widerstand. So kann es nicht bleiben. Es muss anders werden. Es kann anders werden!
Da tritt Jesus mitten unter sie. Er durchbricht die Verbarrikadierung und Zurückgezogenheit und grüßt mit dem vertrauten: „Schalom!“ – „Friede sei mit euch!“
Mit dem Alltagsgruß bringt er Normalität zurück, erinnert die frühere Nähe. Schon das ein Aufatmen: Allein durch seine Gegenwart öffnet Jesus Chrustus die enge geschlossene Welt, macht sie weit.
Danach zeigt er ihnen seine Wunden. Daran erkennen sie ihn. Die Wundern erinnern sie an die gemeinsame Geschichte, an geteilte Geschichte. Wund sind die Jünger auch. Sie haben eine große Hoffnung begraben, geweint und gelitten. Sie wissen, was es heißt, wund und allein, krank und traurig zu sein. Zuerst erkennen sie sich danran: am geteilten Leid.
Aber nicht, um sich noch tiefer hineinzugraben!
Ihn anzusehen, hilft, die eigene Verletzlichkeit zu ertragen. Ihn anzusehen hilft, nicht nur zu verstehen, was wir sind – solche die krank werden können, an Leib und Seele, solche die friedlos, unbehaust, lieblos, einsam, hungrig sind … - ihn anzusehen, wie er da trotz allem steht, hilft zu verstehen, wie wir sein könnten, wie wir trotz allem gemeint sind: Lebendig und so, dass sich die Wirklichkeit ändert!
Weil wir eine Gemeinschaft von Verwundeten sind, sind wir auch eine Gemeinschaft der Auferstandenen!
Das kann den Blick freimachen! Das tröstet ungemein.
Aber davon sind wir noch nicht wieder draußen.
Allein davon geht es noch nicht wieder weiter hier unter uns.
Jesus Christus weiß das. Er schickt sie darum raus und los. Wieder teilt er mit ihnen seine Geschichte und seine Erfahrung: „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“
Und dann – ganz im Sinne von Jan Vogler – das Wunder für 2020:
„Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“
Ein Beatmungsgeschichte! Ausgerechnet! Es ist heilsamer Atem, der uns anweht, keiner der krank macht, keiner der Angst macht, keiner, der verantwortungslos und gefährlich ist, sondern Rettung! Er, der erstickt ist, schafft Zukunft durch seinen Atem. Ganz nah und sehr intim.
Ausgerechnet jetzt, wo wir uns nicht um den Hals fallen und in den Arm nehmen, rettet er durch körperliche Nähe, stillt Schmerz und Sehnsucht, weckt Hoffnung und Mut und schickt uns los, nach draußen, zurück ins Leben, das er mit uns teilt – so wie es ist unvollkommen aber nicht am Ende, voller Gefahren aber auch erfüllt vom Heiligen Geist .

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  Kantate 2020

Kantate 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.05.2020

Kantate - ausgerechnet! Leib- und Magensonntag am Braunschweiger Dom, an dem man eigentlich fast gar nicht predigen, sondern vor allem singen muss – aber nun sind wir aus der Gewohnheit gerissen und nicht nur die Jahresplanung ist hinfällig. Nichts geht einfach so wieder weiter.
Das merkt man nicht nur an am Stadtbild und der Sitzordnung, sondern auch beim Schreiben eines GD-Ablaufes: immerzu singen wir irgendwie hin und her, Kyrie und Gloria, Rahmen des Evangeliums, Zwischenruf in der Fürbitte – da sind die Lieder noch gar nicht bei und dann gibt es auch noch einen neue Reihe von Predigttexten – als hätte man geahnt, dass es in diesem Jahr ohnehin nicht wie immer in stetiger Wiederkehr weitergeht.
Ausgerechnet zu Kantate gibt es nun den alttestamentlichen Bericht der Tempelweihe. Meinem Gefühl nach hätte das besser in den Herbst zu Kirchweih / Kirmes gepasst aber wie so Vieles dies Jahr anders und intensiver klingt, weil die Wirklichkeit nach Deutung schreit, lohnt es auch hier hinzuhören.
Im zweiten Buch der Chronik wird erzählt:
„Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten … Und es versammelten sich beim König alle zum Fest … Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät…“
Ein Gotteshaus wird eingeweiht, so genutzt, wie es doch gedacht ist und ist endlich kein leerer Sakralbau mehr. Darum Menschen von überallher zusammen und bringen mit, was heilig ist und an diesen Ort gehört. Das ist sehr nah an unserer Situation heute: wir alle haben gewartet, dass die Glocken läuten und in die Stadt rufe: lasst uns das Haus Gottes mit Leben füllen!
Es war ein mühsames Warten, das Beherrschung im Wortsinne verlangt. Wie seinerzeit Salomo den Startschuss gab, so lag es auch jetzt bei der Obrigkeit. Die Verbindung zwischen oben und unten ist in den letzten Wochen steiler geworden. Das entspricht unserer Vorstellung von Eigenverantwortung und Bürgerrechten, Partizipation und Demokratie nicht wirklich und lässt sich nur aushalten, solange damit eine größere Not gebannt wird. Darum rufen wir noch „kommt!“ und nicht „kommt alle!“. Es würde zu eng.
Aber ansonsten: ja, es ist ein Fest! Gott zur Ehre, uns zur Erleichterung!
Es hat schmerzhaft gefehlt, gemeinsam Gottesdienst feiern zu können. Dass es diesen Schmerz wirklich gab, will mancher, der Kirche nun für endgültig irrelevant hält, nicht sehen. Recht hat der Kritik aber darin, dass wir Christen zu leise in die Schockstarre geglitten sind.
Immerhin, viele Menschen haben begonnen, eine eigene Glaubenspraxis für das Alleinsein einzuüben. Die einen haben Hausgottesdienste gefeiert, die anderen Fernsehgottesdienste angesehen, Menschen haben füreinander gebetet und dazu Kerzen ins Fenster gestellt. Wir haben dabei Kargheit erlebt und waren froh über den Schutz dieses Raumes.
Erst Ostern 2020 haben wir mit voller Kraft erlebt, was es bedeutet, sich von Angesicht zu Angesicht zu sagen: Der HERR ist auferstanden. Das alles waren Provisorien, ja, denn wir hatten anderes vor. Aber es waren nicht nur Provisorien, sondern wie Lade und Stiftshütte als portable Heiligtümer genau richtig für ein umherziehendes Gottesvolk waren, brauchten wir etwas, das taugt, wenn wir überhaupt nirgendwo rumziehen oder hingehen.
So kommen wir nicht mit leeren Händen an diesem Sonntag, sondern voller neuer Erfahrung, geschärfter Sinne und klarerem Blick für das, was nottut und wir zum Leben brauchen und das, was unnützer zeitraubender kraftzehrender Überfluss ist, Lärm macht. Wir kommen ein bisschen gereinigt und jedenfalls mit blitzsauberen Händen.
Und dann – so erzählt es das Alte Testament – hebt ein gewaltiges Spektakel an:
„Alle, die Sänger waren, standen, angetan mit feiner Leinwand, östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.“
Eh die Traurigkeit kommt, schnell weiterlesen:
„Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.“
Lasst es uns heute so hören: es braucht die Leiblichkeit und wirkliche physische Anwesenheit von Menschen, um Gottesdienst zu feiern. Das haben wir zu Recht entbehrt. Aber es muss nicht aus hundert Kehlen klingen. Es kann sogar sein, dass alle unsere Seelen in einem Ton singen und wir mit einer Stimme Gott loben so wie wir auch ganz allein mit Leib und Seele und unserer einen Stimme vor Gott treten konnten. Die Theologin Luise Schrotthoff hat nach einer schweren Krankheit, von der sie stets dachte, dass sie sie nicht treffen würde geschrieben: „Ich hatte auf einmal ganz andere Augen. Denn die die talmudischen Weisen haben gesagt: Lobt Gott mit allen Gliedern. Sie haben zweihundertachtundvierzig Glieder gezählt. Ich weiß jetzt, was sie meinen…“
Stimmbänder; Kehlkopf, Luftröhre, Lungen, Zwerchfell, Zunge, Lippen, Zähne – es fehlt sicherlich noch was – sind alles Glieder, die wir zum Gesang brauchen. Und Gott singend zu loben ist ein Glück und eine Freude! Aber wir haben noch viele Glieder mehr! Es wird uns etwas einfallen, Gott zu loben und unsere Seele zu erheben, ganz bestimmt!
Der alte Text weist noch eine Richtung, die gerade in diesem Jahr gut tut, denn es heißt weiter: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“
Es ist mitten in all den Klängen und Trompetensignalen, in all den Gesängen und der großen Musik ausgerechnet ein Sprechakt! In dem Moment in dem alle eines sind und Gott loben, in dem sich darin alle einander verbunden wissen, ist Gott gegenwärtig.
Die alte Geschichte schließt: „Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“
Gott ist so präsent, dass man nichts anderes wahrnehmen kann.
Den Israeliten, denen Gott in der Wolkensäule vorausgegangen war, war die Wolke ein Bild tiefster Vertrautheit. Mitten im Neuen, mitten im Ungewohnten gibt es ein uraltes Bild und eine gemeinsame Stimme, die Gott lobt und der sich alle Herzen anschließen.
Kantate 2020. So kann es sein.
Und 2021 werden uns die alten Texte dann hoffentlich wieder erklären dürfen, dass es am besten ist, Gott zur Ehre zu singen. Heute tun das für uns Solisten der Jugendkantorei und die Kantoren und wir jeweils mit unseren übrigen 238 Gliedern.
Amen

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  Lätare 2020

Lätare 2020

Lars Dedekind, Propst - 22.03.2020

Trost als Antwort auf die Angst
Als ich noch ein kleines Kind war, lebte unter meinem Bett ein Rudel Schattenwölfe. Gefährliche und finstere Gestalten, die immer dann hervorkamen, wenn meine Eltern das Licht ausgeknipst und die Tür zugezogen hatten. Ich erinnere mich, wie ich mir ängstlich die Bettdecke über Kopf zog, mich in meine Daunenhöhle kuschelte, damit mich die Schattenwölfe nicht finden konnten. Manchmal, wenn die irrationale, kindliche Angst zu groß wurde, bin ich wagemutig aus meinem Bett gesprungen und zu meiner Mutter gelaufen, um mich in ihrem Schoss zu bergen. Dort war ich sicher.
Gestern habe ich mich mit Menschen über ihre Ängste unterhalten. Keine Schattenwölfe, aber eine für uns im Alltag ebenfalls nicht sichtbare und doch sehr reale Bedrohung: das SARS-CoV-2, der Corona-Virus. - Einige meiner Gesprächspartner hatte ihre Angst dazu getrieben, sich in Chatforen und auf Internetseiten, wie sie meinten, tiefer mit den wahren Hintergründen der Corona-Pandemie auseinanderzusetzen. Das Resultat: sie hatten sich nun durch hanebüchenen Verschwörungstheorien auch noch mit dem Virus der Angst infiziert.
Wohin also, wenn die Angst übergroß wird? Wohin, wenn meine zwischenmenschlichen Kontakte heruntergefahren sind, ich alleine bin, allein zu Haus, allein mit meinem PC, allein mit all den irritierenden Botschaften aus den Weiten des Internets? Wo finde ich da Orientierung? Wer nimmt mir die Angst? Wer tröstet mich?
Im heutigen Predigttext heißt es: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)
Gott adressiert diese Trostworte an die Israeliten, die nach Krieg und langer Gefangenschaft in ihre zerstörte Heimat zurückkehren.
Trost und Zuwendung, wie sie eine Mutter gibt, können auch wir erfahren. Zum Beispiel wenn jeden Mittag um 12:00 Uhr die Glocken in unserer Stadt zum stillen Gebet läuten. Oder wenn Menschen einander kenntlich machen, dass sie gerade jetzt an die anderen denken, seien es Telefonanrufe, Videobotschaften oder auch das Applaudieren für die in der medizinischen Versorgung Tätigen jeden Abend um 21:00 Uhr vom geöffneten Fenster oder Balkon.
Trösten ist eine gute Antwort gegen die Angst. Denn Trösten ignoriert nicht die Angst, sondern lässt sie zu und kanalisiert sie neu. Trost erfahre ich, weil ich mich aufgehoben weiß beim Anderen - der mit mir fühlt, der an mich denkt - und weil ich mich aufgehoben weiß bei Gott.
Wer so getröstet ist, der überwindet die Angst. Wer so getröstet ist, weiß sich geborgen im Tod und im Leben, so wie es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 in seinem geistlichen Gedicht vier Monate vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 zum Ausdruck gebracht hat:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

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  Okuli

Okuli

Sabine Dressler, Oberkirchenrätin - 15.03.2020

Liebe Gemeinde,
eigentlich wären wir heute Morgen hier zusammen an diesem wunderschönen Ort, dem Braunschweiger Dom. Würden miteinander singen und beten, auf Gottes Wort und auf wunderbare Musik lauschen, würden einander begrüßen und uns über manches Wiedersehen freuen, würden uns miteinander im Abendmahl vergewissern, dass Jesus Christus mitten unter uns ist, uns aufnimmt, uns vergibt, uns schützt und tröstet, uns in Brot und Wein Stärke und Zuversicht gibt für das, was vor uns liegt.
Eigentlich wollten wir uns hier und heute in diesem Gottesdienst nicht auf uns selbst konzentrieren – womit wir oft schon mehr als genug zu tun haben. Sondern wollten den Blick richten auf eine besondere Region in dieser geschundenen Welt, und auf die Menschen dort, die geschunden sind an Leib und Seele. Wollten zeigen, dass wir eben weitersehen als auf das Eigene, wollten uns solidarisch zeigen mit denen, die zwar weit weg von uns leben, deren Leid uns aber durch die Nachrichten, die Bilder in den sozialen Medien und durch die politischen Debatten sehr nah kommen. Und deren katastrophale Situation von uns erwartet, im Namen der Menschlichkeit zu handeln. Eigentlich…

Nun ist alles ganz anders, jedenfalls bei uns.
Sie, die Gemeinde, sind nicht da, ich als Predigerin bin nicht da, in diesem Gottesdienst am 15. März 2020.
Die Ausbreitung des Corona-Virus hat dazu geführt, dass das öffentliche Leben massiv eingeschränkt wird, zum Schutz von uns allen.
Ich habe noch nie erlebt, dass flächendeckend auch Gottesdienste abgesagt wurden, und dies mit einer unvorstellbaren Schnelligkeit. Seit Freitagmittag hat eine Landeskirche nach der nächsten gemeldet, dass, um der der Verbreitung des Virus zu begegnen, auch Zusammenkünfte in unseren Kirchen nicht mehr stattfinden können. Weil wir uns gegenseitig schützen wollen und deshalb auch besonders Rücksicht nehmen auf Menschen, die einer möglichen Ansteckung nicht so viel entgegenzusetzen haben.

Während wir in der vergangenen Woche noch irritiert bis erschrocken auf die Bilder der italienischen Städte – Venedig, Mailand, Rom, Palermo – geschaut haben, wo nichts mehr geht als öffentliche Räume zu meiden und deshalb gähnende Leere und der Ausnahmezustand herrschen, mögen wir uns noch in Sicherheit gewähnt haben: so weit kommt das bei uns nicht. Das erreicht uns nicht.
Aber in einer mobilen Welt, an der wir alle mehr oder wenig exessiv teilnehmen, haben Viren es leicht, sich zu verbreiten.
Und so erleben wir jetzt das bisher Unbekannte, das uns verunsichert, das Angst macht. Das ruft bei den einen deshalb noch mehr Egoismus hervor, der bis zum Klau von Desinfektionsmitteln in öffentlichen Gebäuden reicht, während andere ihren Gemeinsam kreativ einsetzen und Einkaufshilfen anbieten für ältere, kranke, überlastete Nachbarn, für Alleinstehende oder Familien mit kleinen Kindern.

Was also tun, wenn dann auch noch Orte der Zuflucht und des Kraftschöpfens nicht mehr zugänglich sind, wie eben Kirchräume und Gottesdienste?
Im Zeitalter von Internet und Digitalisierung nutzen wir deshalb andere Wege, wie diesen, das gemeinsame Hören – oder Lesen – von Gottes Wort am Bildschirm, und hören auf die Ansagen aus dem Buch des Predigers, im 3. Kapitel. Der sagt:

„Für alles gibt es eine bestimmte Stunde.
Und jedes Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Zeit:
…Eine Zeit zum Weinen
und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen
und eine Zeit zum Tanzen…
Eine Zeit, sich zu umarmen,
und eine Zeit, sich zu trennen….
Eine Zeit zum Schweigen
und eine Zeit zum Reden.
(Prediger 3, 1.4-5.7.)

Unterbrochen im Rhythmus unseres Alltags und unserer Gewohnheiten ist Zeit für etwas anderes, Gegenteiliges, Ungeübtes, vielleicht schon Vergessenes. Bei aller Verunsicherung: Auch diese Zeit ist unsere Zeit, ist Gottes Zeit, ist uns geschenkte Zeit: zum Weinen – und hoffentlich auch noch Lachen – zum Tanzen – das geht auch im eigenen Wohnzimmer – zum Umarmen und zum Erfinden von neuen Gesten des Ausdrucks der Freundschaft – zum schweigenden Nachdenken, zum Einanderanderzuhören statt hektisch von einem Termin zum nächsten zu hetzen.
Ganz sicher erleben wir eine Zeit, die sehr anders ist, als wir sie uns vorgestellt hatten, etwa wenn Familienfeiern oder ein besonderes Ereignis, auf das wir uns lange gefreut haben, nicht stattfinden können. Wenn Kinder schon halb den Koffer gepackt hatten, um Freizeiten oder Ferien an einem schönen Ort zu erleben und diese nun gestrichen sind. Wenn Organisationen ihren Mitarbeitern/innen Reisestopp verordnen oder sie gar ganz nach Hause schicken und bestimmte Abläufe nicht mehr funktionieren, wichtige Termine nicht stattfinden können. All das bedeutet Stress, schlechte Laune, Panik.
Aber, nochmal anders ist es, wenn Arbeitsalltag und Familienleben komplett umstrukturiert werden müssen, weil Kitas und Schulen geschlossen sind.
Für viele sind die Absagen von Veranstaltungen, das Schließen von öffentlichen Einrichtungen, von Geschäften, Restaurants und Kneipen existenzgefährdend.
Ärzte und Pflegepersonal müssen sich auf große Herausforderungen in der medizinischen Versorgung einstellen.
Wer erkrankt ist, braucht hingegen die ganze Aufmerksamkeit und Liebe derer, die sich um sie sorgen und für sie sorgen.
Vor allem aber brauchen sie und die vielen Menschen, die jetzt hochbelastet sind, unsere Solidarität und Unterstützung.
Wenn wir uns also zurückziehen, zu Hause bleiben, quasi zwangsentschleunigt werden, dann heißt das noch lange nicht, dass wir nur noch um uns selbst kreisen sollen. Im Gegenteil.
Versuchen wir, erfinderisch zu sein in neuen Formen von Gemeinschaft, von Mitgefühl, vom Für-einander-Dasein.

Eigentlich, so hatte ich begonnen, wollten wir heute und hier etwas anderes tun: für Menschen in Syrien, die seit 9 Jahren! einen der schlimmsten Kriege erleben, beten. Wir wollten an die humanitäre Katastrophe erinnern, die in der nordsyrischen Provinz Idlib stattfindet, schon seit langem. An die Kinder, Frauen und Männer, die vor den Bomben des syrischen Regimes, den Bomben Russlands und der Türkei bis an die türkische Grenze geflohen sind und die jetzt in der Falle sitzen, in der Kälte, wo die Babies erfrieren, im Dreck, in Schutt und Asche. An sie, die nirgends mehr hinkönnen, wollten wir erinnern. Manche von ihnen haben versucht, über die Grenze zu gelangen, um dem Terror zu entfliehen. Vermutlich hätte ich das auch versucht, wenn ich seit Jahren auf der Flucht wäre und niemand, wirklich niemand da ist, der mir hilft. Wenn das einzige, was noch am Leben hält, die Hoffnung ist, dass es auf der anderen Seite eine wenn auch noch so geringe Chance auf Zukunft gibt.
Aber die andere Seite, auf der wir auch stehen, macht die Grenzen dicht, noch dichter. Nicht noch mehr Flüchtlinge, nicht noch mehr Probleme, nicht erkennen müssen, das ihr Schicksal etwas mit uns zu tun hat, nicht teilen müssen, was wir haben und meinen, dass es uns ewig gehört…
Eigentlich hatte ich Ihnen auch von der früheren Schönheit dieses kaputten Landes erzählen wollen, von der Schönheit seiner uralten und ganz modernen Kultur, von vielen wunderbaren Menschen, von denen ich auch manche persönlich kenne. Wir hatten dafür ein Materialheft im Dom ausgelegt, dass Ihnen einiges davon hätte vermitteln sollen. Immerhin gibt es dieses auch online, so können Sie es sich hier anschauen: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/reminiszere_2020_syrien.pdf

Eigentlich sollte diese Woche ganz anders beginnen…
Was aber – und das lehrt uns ein Krieg oder ein Virus – egal zu welcher Zeit und unter welchen Umständen für uns alle lebensnotwendig ist:
das ist Gemeinschaft, das ist das Bewusstsein dafür, dass wir aufeinander angewiesen sind. Das ist Achtung und Respekt vor dem Leben unserer Mitmenschen, ob neben mir oder weit entfernt, das ist Mitgefühl und die Fähigkeit, von mir selbst absehen zu können, wenn jemand anderes, jemand Verletzlicheres, mich braucht, egal, wer er ist, egal, woher sie kommt. Und das nicht eigentlich, sondern tatsächlich, immer, überall.
Bleiben Sie wohlbehalten in aller Zeit,
Amen.

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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.02.2020

Sie haben den Bericht des Lukas eben schon gehört. So alt er ist, es braucht nur kleine Varianten und schon klingt es verstörend aktuell. Es ist uns gesagt: Es wird alles vollendet werden, alles eintreten, was Mahner und Analysten nun schon lange beschwören … er, sie werden Menschen ausgeliefert sein, die nicht denken können und wollen, dass die Würde eines jeden unantastbar ist, die ihre eigene Weltsicht absolut setzen und glauben, andere verspotten und misshandeln, hinrichten zu dürfen und sie werden geißeln und töten. Die Jünger aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Das ist im Sprachgebrauch der Bibel eine Leidensankündigung – Worte zum Hören für alle, die die Katastrophe nicht kommen sehen: Jesus zieht nach Jerusalem, er liefert sich und Menschen aus und stirbt daran.
Jetzt beginnt es wieder. Die alte Geschichte des Lukas ist nicht vorbei.
Er hatte gesagt, was ihr einem meiner geringsten Brüder tut, dass tut ihr mir.
Was ihr einem anderen Menschenkind antut, das tut ihr mir an.
Wenn ihr einen von ihnen tötet, dann tötet ihr mich.
Seine Brüder in Hanau waren Gökhan, das Glücksind, der sich gerade verloben wollte und Ferhat, der junge Anlagenmechaniker, der Stolz der Familie. Dann ist da noch Mercedes, eine junge Mutter und Faith und noch sechs Menschen mehr. Sie eint, dass sie die falsche Haut- und Haarfarbe hatten, mutmaßlich die des Juden Jesus.
Und die anderen? Sie verstanden nichts. Sie begreifen immer noch nicht, was offensichtlich passiert und möglich ist. Und ja: Ich habe die Auferstehungsankündigung weggelassen. Das ist noch keine Ostergeschichte.
Erstmal geht das so weiter:
Die Unverständigen und Begriffsstutzigen, die Jesu Worte gehört und sein Tun gesehen hatten, die Gottes Nähe unmittelbar erleben, die seine Nachfolge organisieren werden, fühlen sich gestört von einem, der schreit.
Ein Blinder, der nichts sieht, der kein Bild von Jesus Christus hat, nur Worte, die er hört – der aber Unruhe und Bewegung spürt und näherkommen will. Aber er wird abgedrängt, von denen, die sich für die Mitte halten...
Der Blinde weiß, dass er am Rand steht, weil er von sich weiß, dass er nichts sieht, dass er sich nicht auf Augenschein verlassen kann.
Aber er hört Nuancen:
Er hört, dass hochrangige Politiker nach Hanau noch immer von Fremdenfeindlichkeit statt von Rassismus reden. Als wären Menschen, die hier aufgewachsen und Zuhause sind, Fremde. Er hört Reden als wären Migranten eine Gruppe, ein Haufen, eine undefinable Masse – nicht Individuen, jede und jeder einzigartig, mit Würde begabt. Der Blinde hört zu und fragt sich: sind Arabisch und Türkisch weniger wertvolle Fremdsprachen als Englisch, Französisch oder Spanisch. Ist Zweisprachlichkeit nur dann ein Bildungsgut, wenn es um die westliche Welt geht? Er hat schon lange zugehört, wenn über das Deutschland als Einwanderungsland geredet wurde und man die Migration als Mutter aller Probleme beschrieb. Er spürte die Kälte des Hasses und wunderte sich, dass man das verharmlosen kann.
Aber auch:
Er fühlt Unruhe. Er fühlt, dass Gott da ist und nah, dass in Gottes Nähe Anderes möglich wird, weil er Wege der Friedfertigkeit, der Gewaltlosigkeit, der Barmherzigkeit, der Liebe geht. Er spürt, dass da einer Menschen bewegt …
Mag er auch nichts sehen, er weiß, mit diesem ist die Wahrheit.
Vielleicht weiß er es ja, weil er sich nicht mit massenhaft Bildern zumüllt, die Selbstperfektion suggerieren, die Wirklichkeit verzerren, Angst schüren, Kampagne machen. Vielleicht weiß er es, weil er nicht sehen kann und seinen Ohren trauen muss, weil er dem Wort glaubt und also ruft er nach Jesus Christus.
Je mehr man ihn mundtot machen will, desto mehr schreit er:
„Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Und fragt ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.“
Fast möchte man sich wundern. Dieser Blinde sieht doch schon klar und begreift. Und Jesus sieht das wohl auch. Denn was passiert ist kein Wunder, es gibt keine Handauflegung, keine Geisteraustreibung. Eher Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist eine Vergewisserungsgeschichte. Denn Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
Dieser Mensch will sehen lernen! Dieser will mit weit offenen Augen durch die Welt gehen und erkennen, was ist. Dieser will genau hingucken. Wollen wir das auch?
Wollen wir sehend werden? Es wird wehtun. Es wird schmerzen. Es wird schwerer.
„Es kann nicht Aufgabe sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen … man muss ihn im Gegenteil wahrhaben wollen und … damit wir sehen können, wahr machen.“
So Ingeborg Bachmann 1958 in einer Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Ausgerechnet. Zu denen, die nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts nichts mehr sehen, sagte sie brennend aktuell:
„Denn wir wollen alle sehend werden. … Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und sie schließt: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt…“
Es ist eine Trostrede an die, die ihr Augenlicht verloren haben und an die, die keiner fragt. Und es ist eine Ermutigungrede an die, die ihre Augen verschließen, die nicht wissen wollen, was sie sehen.
Ingeborg Bachmann selbst, war eine, die sehen konnte aber den Schmerz und die Dunkelheit nicht ausgehalten hat. Sie starb nur 47-jährig nach einem Brand, schmerzunempfindlich in der Folge ihrer Tablettenabhängigkeit.
Wollen wir also wirklich sehend werden? Trotzdem?
„SEHT!“ Heißt es über dieser Woche. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.“
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo Menschen diesen exemplarisch Unschuldigen ans Kreuz nageln werden.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo dieser eine, der wirklich ein menschliches Antlitz hat, durch das Dunkel gehen wird, damit wir sehen können.
SEHT, wir sind dahin unterwegs, wo der Himmel sich verfinstern wird und doch der Ostermorgen anbricht.
SEHT, es helfen auf diesem Weg keine Zauberkunst und keine Wunder, keine Machtstreitereien – es hilft nur der Glaube an den, der gelehrt hat:
Was SIEHST du den Splitter im Auge der anderen und den Balken in deinem eigenen Auge SIEHST du nicht? Dieser fragt uns: Was willst du, dass Gott für dich tut?
Es wäre schon gut, wenn auch wir endlich SEHEN wollten, wenn auch wir uns von unserem Glauben helfen lassen wollten?

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Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
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Montag bis Samstag – 14.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!