Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

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Landesbischof Dr. Christoph Meyns

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Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Predigten

  Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Predigt am 5. SONNTAG NACH TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 01.07.2018

„Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“

Wenn wir biblische Texte nicht nur als Berichte einer uralten Zeit, Begründungen von Familientraditionen oder Herkunft lesen, also als ein Dokument, in dem die, die vor uns waren, aufgeschrieben haben, was Glauben je zu ihrer Zeit in ihrem Leben für eine Bedeutung hatte, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns in den alten Worten suchen, dann hören wir immer auch Gegenwart und Zukunft mit.
Die uralte Geschichte von Abraham ist dann nicht nur die der Väter, die irgendwann in die Geschichte Israels mündet, sondern auch eine, die uns jetzt geschieht oder wenigstens, die heute deutet was heute geschieht.
Darum wird jeder von uns, je nachdem an welchem Punkt seines Lebens er gerade steht, etwas anderes darin hören. Das ist, glaube ich, nicht Beliebigkeit, sondern ein konsequentes Weiterdenken dessen, dass wir einzigartig und unverwechselbar sind – in allem, dem Gelingen und dem Scheitern, dem Suchen und Fragen, Hören und Finden, unserem Lebensweg.
Ich selbst höre in diesem Sommer meines Lebens zuerst in der alten Geschichte, dass da einer aufbricht und fortgeht, aus seinem Elternhaus, weg von denen, die mit ihm verbunden sind, weg von dem Ort, wo er gelebt hat. Und ich höre, dass es zum Leben dazugehört, dass Menschen nicht nur dazukommen, so wie Geschwister, Freunde, Partner, Kinder dazukommen und mit mir Leben und Gegenwart teilen, sondern dass sie auch wieder gehen. Ich selbst höre, dass es irgendwann Zeit ist, Kinder wirklich gehen zu lassen und frei zu geben, so zu leben, wie sie es für richtig halten, dass Eltern gehen werden und Freunde … aber auch, dass damit nicht alles zu Ende ist, sondern Neues wächst und gedeiht. Und ein bisschen denke ich: grade bin ich nicht Sara, die mit Abraham geht. Ich werde bleiben, wie Sten Nadolny so schön sagt, nicht irgendwo sondern irgendwohin, weil ja auch meine Leben weitergeht.
Bei anderen wird es anders sein. Ich kenne Menschen, von denen ich mir vorstellen kann, dass dieser Text ihnen Mut macht, noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen, dass es sie beglückt und bestärkt, dass Gott einen sehr alten und noch dazu kinderlosen Mann, also einen von dem man vermuten sollte, dass er dort, wo er ist, nicht mehr so dringend gebraucht wird und nicht mehr so viel ausrichten kann, also nach den harten Kriterien unserer Welt eher ein Versorgungsfall ist als eine Ressource dennoch für den genau Richtigen hält, einen Aufbruch zu wagen, Segen zu bescheren. Dieser Text erzählt, dass Gott uns gebrauchen kann, egal wer und was wir nach dem Urteil der Welt sind…
Aber dann gibt es noch ein anderes Moment, dass mich daran erinnert, nicht meine Sehnsucht, meine Trauer, meine Hoffnung zum Zentralgestirn zu machen, sondern nicht zu vergessen, dass wie der große Gelehrte, Gottfried Wilhelm Leibniz sagte, „der Ort des Anderen der wahre Standpunkt ist, sowohl in der Politik als auch der Moral.“
Und heißt das nicht, noch einmal neu und anders hinzuhören, mithin anzunehmen, dass Gott zu einem anderen spricht und dass wir oder ich die sind, denen dieser dann begegnet, die er segnet oder verflucht, je nachdem. Vielleicht bedeutet dieser Text ja für Sie und mich, auszuwandern aus dem Vertrauten, aus den Denk- und Lebensgewohnheiten, den Ansprüchen und der Selbstgerechtigkeit unserer Gesellschaft. Wenn der Ort des Anderen der wahre Standunkt ist, dann hat Gott vielleicht so zu einem derer gesprochen, die jetzt aus dem Mittelmeer gerettet wurden und nirgendwo an Land gehen durften.
Es mag für uns nach einer Zumutung klingen, nach einer kaum schaffbaren Herausforderung, aber es ist nicht mindestens genauso wahrscheinlich, dass Gott zu einem armen Afrikaner spricht wie dass er zu uns redet? Und wenn er dann zu einem, der Zuhause nicht mehr weiter weiß sagt: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“
Vielleicht hat einer von denen, die da unterwegs sind und die wir Flüchtlinge nennen auch versucht, in der Bibel einen Rat und eine Wegweisung zu hören und dann ist dieser Text in sein Herz gefallen und er hat sich aufgemacht? Ganz im Ernst: nicht nur uns ist gesagt, dass Gott sich in seinem Wort zeigt, nicht nur uns will er trösten, nicht nur auf unserer Lebenswanderung geht er mit. Und sollte er unser schönes Land diesem Fremden zeigen wollen, dann, ja was dann? Dürfen wir dann dicht machen und Lager bauen und…?
Wirklich, ich weiß nicht, wie es hier gehen kann. Aber ich kann nicht überhören, dass Gott womöglich zu einem, der sich auf die lange schwere Reise gemacht hat, weg aus seinem Vaterland in ein fremdes Land, sagt:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Wird also Gott uns verfluchen, wenn wir die verfluchen, die auf dem Weg zu uns sind?
Ja, das klingt steil.
Ja, keiner weiß, wie es gehen soll und
ja, so kann man den großen Elendswanderungen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich weder strategisch begegnen noch politisch beikommen.
Aber mir fällt wirklich nichts ein, wie ich mich – nachdem ich einmal die Perspektive gewechselt, einmal anderen zugestanden habe, was ich sonst mir vorbehalte, nämlich Gottes Wort als direkt an mich adressiert zu hören – rausziehen könnte. Oder noch ein allerletztes Mal andersherum: Wenn wir diese Geschichte nicht als Bericht aus uralter Zeit, Begründung von Familientraditionen oder Herkunft lesen, sondern wenn wir Gott und seine Wegweisung für uns heute in den alten Worten suchen, dann sagt er uns im Sommer 2018 während des großen Politikstreites um Flüchtlinge und Asyl geradewegs, dass er uns Menschen schickt, zu denen er gesagt hat:
„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
An anderer Stelle heißt es, Gottes Wort sei den einen ein Ärgernis, den Anderen eine Torheit. Das mag so sein. Dass der Friede Gottes, der damit einhergeht. Größer ist als das, was wir denken können, ist gewiss.
Amen.

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  Predigt am Sonntag TRINITATIS

Predigt am Sonntag TRINITATIS

Dompredigerin Cornelia Götz - 27.05.2018

Da sind wir wieder mal hier an einem Sonntagmorgen. Die Konfirmanden haben sogar die ganze Nacht im Dom verbracht; es wird ein heißer Tag, die Freibäder werden brummen und wer kann ist draußen.
Da hinein hören wir, dass Paulus uns schreibt:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte…“
Sie sind ausgestiegen, oder?
Solche Texte am Morgen – das geht nicht. Finde ich auch. Ich hab ihn x-mal gelesen, laut und leise, mit der Hand abgeschrieben, versucht, mir einen klaren Gedanken zu merken. Es geht nicht. Wirklich nicht. Aber wie geht es dann, dass das Hören auf Gottes Wort, dass Gottesdienst überhaupt gelingt?
Muss man dafür ganz den Modus wechseln und aus dem eigenen Leben aussteigen? Was braucht es, damit wir diese Stunde hier als etwas erleben, was für unser Leben heilsam und wirklich wichtig ist. Wie kann es gehen, dass wir rausfinden aus all unserem menschlichen Alltagskram und bereit und offen und ruhig genug sind, um dem Heiligen zu begegnen?

Zunächst: Hilfreich sind Randbedingungen. Zum Beispiel, dass dieser Raum nicht verzweckt ist für andere Dinge des täglichen Bedarfs, sondern nur geschmückt, besonders ist – weil er nichts anderes sein soll als ein Ort, an dem Gott gegenwärtig sein kann, damit sich unser Leben, unsere Zeit, unser Raumgefühl verändert, wenn wir+ hier sind.
Und: Es gibt eine Liturgie, die wie ein Weg ist, damit wir das Heilige nicht zuerst als Tabu erleben, dass uns fremd ist und bleiben wird, weil wir ihm eh nicht zu nah kommen sollten…
Liturgie hilft, dass wir im im wahrsten Sinne des Wortes reinkommen.
Darum beginnt der Gottesdienst mit Musik, weil Musik alles zum Ausdruck bringen kann, womit wir hier ankommen – Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht und zugleich dafür sorgt, dass es dann schon nicht mehr Kummer, Zerrissenheit, Glück, Anspannung, Sehnsucht ist.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit wir jetzt da sein können.
Es ist, als wird all das aufgefangen, damit es hier aufgehoben ist..
Dann kommt die Begrüßung. Ich heiße Sie willkommen – das gehört sich so aber vor allem gebe ich einen liturgischen Gruß weiter. Er kommt aus uralter Zeit, vielleicht sogar aus Gottes Ewigkeit her: „Der Friede Gottes sei mit euch allen“ und heißt: fürchtet euch nicht, entängstigt euch! Denn erst, wenn die Angst weg ist, kann man wirklich da sein, hören, heil werden, dem Heiligen begegnen.
Solange wir in Deckung gehen, wollen wir ja überhaupt gar nicht wahrgenommen oder gesehen werden. Im Gegenteil…
Darum muss es jetzt ein Lied geben, damit wir nicht passiv bleiben, sondern uns einschwingen und ins Atmen kommen. Einer der Denker unserer Kirche, Eberhard Jüngel, sagte ein bisschen abgewandelt: „Wenn wir atmen, wenn wir Luft holen und tief durchatmen, dann erfahren wir, dass im Atemholen ... zweierlei Gnaden sind: das Einatmen-Müssen und das Ausatmen-Können“ Einatmend geht man in sich, tankt, schöpft Luft und Lebenskraft, ausatmend geht man aus sich heraus und lässt andere spüren, was uns treibt, begeistert, sorgt. So entsteht Beziehung. So entsteht Bewegung. So entsteht Hinwendung zu Gott. So wird Gottesdienst. So beten wir,
zuerst mit dem Kyrie, zu Deutsch „Herr erbarme dich“:
Jetzt, wo wir in die Musik gelegt haben, womit wir gekommen sind, wo wir wissen, dass wir hier keine Angst haben müssen, uns nicht schämen oder hässlich und dumm fühlen müssen, jetzt ist der Moment, in Gottes Hände zu legen, was heil und besser werden soll. Jetzt können wir ganz ehrlich sein und müssen das auch sein, weil es für hilfreiche Wege nötig ist, bei der Wahrheit zu bleiben.
Und die Wahrheit unseres Lebens ist ja, dass es oft wenn nicht sogar immer an uns liegt, dass wir Menschen nicht in Frieden, Schönheit und Harmonie miteinander leben, so wie Gott es am Anfang mit uns vorhatte, weil wir uns fast immer auf uns selbst verlassen und nicht auf ihn. Wenn dann aber unser Leben – wenig überraschend - nicht gelingt, plagen wir uns und andere mit unfruchtbaren manchmal sogar hässlichen Gedanken, Gefühlen oder Worten.
Das muss man ausräumen und um Entschuldigung bitten, ehe es heil und gut werden kann. Darum das Kyrie. In der Liturgie folgt darauf immer ein Bibelwort: Das Wort der Güte und der Gnade Gottes. Es ist eine Antwort auf unser Kyrie, denn wer hält schon nach einer Entschuldigung Schweigen aus.
Und wenn dann eine Antwort kommt, dann seufzen wir vor Erleichterung – auch das geht nicht ohne Lebensatem. Also steigen wir ein in das Gloria, den Lobgesang Gottes.
Wieder wird gesungen – damit das drinnen und draußen in Bewegung kommt, damit Gott hört, dass wir wenigstens jetzt mal kurz verstanden haben, dass von ihm alles Gute kommt, dass ihm die Ehre gilt – nicht den Reichen und Mächtigen dieser Erde.
Kommen wir nicht von genau daher in diesemen Gottesdienst?
Hören wir also nochmal und jetzt vielleicht anders:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn.
In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.
In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“
Und wenn wir das jetzt nur fühlen können aber nicht verstehen, dann macht das nichts, denn der heilige Gott ist größer als alles, was wir denken können.
Amen.

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  Predigt am Sonntag EXAUDI

Predigt am Sonntag EXAUDI

Dompredigerin Cornelia Götz - 13.05.2018

Propheten passen nie in ihre Zeit. Es liegt in ihrer Natur zu sehen und auszusprechen oder einordnen zu können, was den allermeisten anderen – wenn nicht sogar allen anderen - verborgen bleibt. Sie sind mit Hellsichtigkeit begabt oder bestraft. Sie wissen, wohin etwas führt und sind getrieben oder beauftragt, das nicht verschweigen zu können.
So reden sie und ihre Worte können gar nicht anders sein als störend oder beunruhigend. Das überträgt sich auf den, der sie sagt. Darum sind Propheten meist Einzelne wenn nicht sogar Einsame, Gemiedene, denn wer ausspricht, was andere nicht hören wollen, was deren Lebensentwurf infrage stellt oder Zukunft gefährdet, wird überhört oder mundtot gemacht. Mindestens aber wird er verspottet, weil er entweder naivem Idealismus frönt oder gnadenlos pessimistisch ist. Ansonsten hätt er ja recht…
Gleich werden wir auf einen der ganz großen und auch ziemlich verzweifelten Propheten – auf Jeremia – zu sprechen kommen aber vorher lohnt es vielleicht, sich an Momente in unserem Leben zu erinnern, denen Spuren solcher Hellsichtigkeit zugrunde liegen:
Manchmal sieht man eben im Gesicht eines vertrauten Menschen Vorzeichen:
• wenn er beginnt zu vergessen und das Wissen um sich selbst zu verliert, wir sagen heute, wenn er dement wird, dann kann man das in manchen Augenblicken schon lange vorher sehen: es sieht aus wie ratloses Horchen.
• Oder wenn eine Liebesgeschichte zu Ende geht und der warme Glanz in den Augen verschwindet.
• Andersherum - schöne Vorzeichen gibt es auch: eine sehr erhoffte Schwangerschaft kann man sehen, Verliebtheit – es ist ein Leuchten.
Banaler betrachtet kann man auch Versetzungsprobleme in der Schule oder drohende Insolvenzen frühzeitig erkennen. Manchmal wird das sogar dankbar wahrgenommen.
Den einsamen Rufern der Bibel dagegen verzweifelt ähnlich sehen sich Wissenschaftler, die Flüchtlingsströme, Klimaveränderungen, Hungerkatastrophen präzise vorhersagen – aber eben nicht gehört werden wollen.
Schon im Kleinen kann einen also wahnsinnig machen, wenn man ein Problem kommen sieht und überhört wird. Wenn es um große gesellschaftliche Fragen geht, muss die Ignoranz der Vielen quälend sein, denn prophetische Rede ist keine Rechthaberei sondern Warnung, Zeitansage.
Jeremia schließlich, der ganze Untergangsszenarien vorhergesehen und angesagt hat, kannte diese Verzweiflung und Ablehnung. Er litt unter dieser Aufgabe oder besser gesagt „Sehergabe“ so sehr, dass er sich wünschte, nie geboren worden zu sein. Man nimmt an, dass er im 7. Jahrhundert vor Christus in der Nähe von Jerusalem geboren wurde und Zeuge der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung der Einwohner der Stadt ins babylonische Exil wurde. Es sind also Erfahrungen von Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung, vor denen, aus denen heraus und in die hinein Jeremia redete:
Martin Luther schrieb über ihn: „Diesen Propheten zu verstehen, bedarf‘s nicht vieler Glossen … Er ist ein elender, betrübter Prophet gewest, hat zu jämmerlichen, bösen Zeiten gelebt, dazu ein trefflich schwer Predigtamt geführt … hat müssen schelten und doch wenig Nutzen schaffen, sondern zusehen, dass sie je länger je ärger wurden und immer ihn töten wollten und ihm viel Plage anlegten. Zudem hat er erleben und mit ansehen müssen die Verstörung des Lands und das Gefängnis des Volks und viel großen Jammer und Blutvergießung…“
Es muss eine schreckliche Ohnmachtserfahrung gewesen sein.
Nicht unwahrscheinlich, dass er selbst sein Leben für verfehlt gehalten hat.
Steil formuliert klingt seine Klage manchmal, als hätte Gott ihn missbraucht. Denn der wusste, dass Jeremias Zeichenhandlungen und Predigen umsonst sein würden. Aber dann klingt auf einmal alles ganz anders, so als würde etwas völlig Neues möglich sein und könnte die Logik der Macht und der Zerstörung außer Kraft gesetzt werden. Denn Gott lässt Jeremia ausrichten:
„Siehe, es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund schließen, nicht wie der alte Bund gewesen ist …
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Und es wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr.“
Es kommt eine Zeit und dann, so klingt es doch, wird alles wieder gut - auch wenn nichts mehr so sein wird, wie es war. Es kommt eine Zeit und dann wird es gut sein, dass nichts ist und nichts bleibt wie es war, denn „gute alte Zeiten“ scheint es nicht wirklich zu geben.
Es wird nicht so sein, wie vormals. Erinnern wir uns: Die Regeln des alten Bundes hatte Mose nach Gottes Diktat auf Tafeln geschrieben. Es beginnt als Gesetzbuch.
Bis ins Detail ordneten Anweisungen den Alltag und sämtliche Lebensvollzüge – wer sich dran hält kann nicht vom gottgefälligen Weg abweichen. So die Logik. Väter unterwiesen ihre Söhne und erzählten die Geschichten ihrer Väter, vom Auszug aus Ägypten, der Wüstenwanderung, die Gott als Wolken- und Feiersäule begleitete. Sie lehrten einander, dass Gott Einer ist und sein Name heilig.
Aber, so scheint es Gott nun selbst zu finden, all das führt nicht zu Gerechtigkeit und Frieden. Läge einem an intellektueller Haarspalterei, könnte man darüber diskutieren, warum der allwissende Gott dann überhaupt einen solchen Bund geschlossen hat. Hat er zu große Hoffnungen in uns und unsere Entscheidungen gesetzt?
Hat Gott gedacht, wenn er Propheten schicken würde, eindringliche, kluge, weitsichtige Mahner – dann würden wir hören?
Mitnichten. Aber: es kommt eine Zeit!
Noch scheint sie nicht da zu sein. Noch leben wir zwischen Gesetzen und Verträgen, die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Freiheit und Würde garantieren sollen und sind doch kaum einen Schritt weiter. Jeremia ruft zwar aus uralter Zeit, irrelevant geworden ist das alles nicht. Aber noch immer sieht er weiter als wir. Und bleibt allein damit.
„Siehe, es kommt die Zeit, …“ sagt er, „und dann will Gott sein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben, und keiner den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn….“
Irgendwann wird es soweit sein, dass wir aus uns heraus anders leben und glauben, anders hören und sehen, dann wird – ohne dass es einer eintrichtern muss – von ganz allein aus uns erwachsen, einander barmherzige liebevolle Mitgeschöpfe und Gottes Kinder zu sein, dann werden wir Fremde, Arme und Kranke in unsere Häuser holen, dann werden wir teilen und Gerechtigkeit lernen…
Siehe, es kommt eine Zeit!
Propheten passen nie in ihre Zeit.
Mindestens werden sie verspottet, weil es nach naivem Idealismus klingt von solch einer Welt zu reden. Wir können Jeremia überhören und müssen ihm nicht glauben.
Aber die Bibel erzählt, dass eingetroffen ist, was Propheten angekündigt haben.
Amen.

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  Predigt am Sonntag JUBILATE

Predigt am Sonntag JUBILATE

Dompredigerin Cornelia Götz - 22.04.2018

Noch nicht lange her – aber gefühlt für den einen oder die andere vielleicht doch schon eine kleine Ewigkeit, war Palmarum. Zu diesem letzten Sonntag der Passionszeit gehört die Geschichte der Frau mit dem Salböl. Markus erzählte von einer gemeinsamen Mahlzeit auf den letzten gemeinsamen Metern, die Jesus damals mit seinen Jüngern ging. Es wird ein Moment gewesen sein, der die Erschöpfung und Resignation unterm Kreuz schon in sich trug.
Sie saßen im Hause eines Aussätzigen, den jedenfalls noch der Name dieser schrecklichen Krankheit zeichnete und aßen. Da kam eine Frau – offenbar mit größter Selbstverständlichkeit in die Männerrunde, die – so erzählt es der Evangelist: „hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. …“
Schockstarre. Dann wurde es laut, denn die Männer lamentierten wegen der sinnlosen Verschwendung des kostbaren Öls oder weil sie geizig waren mit der wenigen Zeit, die mit Jesus bleibt oder neidisch auf die Nähe, die diese Frau zu Jesus bekommt.
Egal wie, Jesus nimmt die Frau in Schutz und Markus schließt seinen Bericht mit der für ihn denkbar höchsten Autorität, einem Jesuswort:
„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch daran erinnern, was sie getan hat.“
Das ist eigentlich eine liturgische Aufforderung, die Erinnerung an die Salbölgeschichte so wie das Vaterunser oder den aaronitischen Segen in jeden Gottesdienst einzubauen. Ich will jetzt der Versuchung, dem Gendergedankenspiel, ob das umgesetzt worden wäre, wenn Jesus solch einen Kommentar zu Petrus Seewandel gemacht hätte, nicht nachgeben, sondern lieber hier für diesen Gottesdienst das Exempel versuchen.
Der Predigttext, der heute die Erinnerung an die ferne Frau mit dem Salböl mitdenkt, klingt so:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Es sind Wortpaare, die diese wenigen Zeilen prägen:
Innen und außen, zeitlich und ewig, sichtbar und unsichtbar und sie legen nahe, den äußeren Schein zu relativieren. Durch die Augen jener Frau gesehen, ist es also kein Moment der Trübsal und des Abschiedes, auch keine Störung oder Verschwendung was sie da tut, sondern ein innerliches Geschehen vor einem anderen Horizont.
Aber Schritt für Schritt:
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Frau mit dem Salböl, wenn sie dabeigewesen wäre, als der Paulusbrief vorgelesen wurde, abgeschaltet hätte.
Zu schwer, zu verkopft… Vielleicht wäre sie dort hängengeblieben, was auch mir zuerst nachklingt, dass es irgendwie um Müdigkeit, Alter und das Schwinden körperlicher Kräfte geht. Das wird sie gekannt haben so wir das kennen:
Müdigkeit nach einem langen Tag kann schwer in den Knochen stecken. Und ja: jünger wird keiner und egal, wie alt wir so sind, die Gelenkigkeit lässt nach, die Ausdauer, die Sehkraft. Ganz zu schweigen von der seelischen Müdigkeit, die einen befallen kann, wenn alles schon mal dagewesen ist, Situationen sich nicht bewegen, Ereignisse nicht rückgängig gemacht werden können und man von Entwicklungen überholt wird, die man nicht mehr nachvollziehen, verstehen kann.
Die Jünger in dieser Runde damals konnten – wie wir wohl auch - von solcher Müdigkeit ein Lied singen: kaputte Füße, gescheiterte Pläne, zerschlissene Hoffnung – wenn man einmal in Fahrt kommt, sich in all das so richtig reinzureden, dann ist kein Land mehr in Sicht. Sollte man das Leben und die Welt eigentlich doch ganz schön finden oder gar Gründe wissen, dankbar zu sein und sich zu freuen, hat man in solcher Runde einen schweren Stand.
Vielleicht deshalb berichtet Markus nichts davon, dass die Frau irgendetwas gesagt hätte.
Denn außen, zeitlich und sichtbar ist die Lage aussichtlos. Später sagt man nach solchen Erfahrungen, wie es das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 formulierte: „daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Und man ahnt, dass das was damit zu tun hat, welche Macht wir dem äußeren Schein geben.
Die Frau mit dem Salböl hingegen scheint das Innere, Ewige, uUsichtbare zu spüren. Es hilft ihr zu leben und zu handeln. Und so tut sie etwas aus ihrem Glauben heraus, wirkt aus innerer Überzeugung auf eine Weise, dass Jesus sagt: „Achtung, nicht vergessen.“
Die Frau mit dem Salböl wird Paulus nicht gekannt haben. Der aber kannte womöglich dieses Jesuswort, denn seine Zeilen werden eingedenk der salbenden Frau nicht nur klarer, sondern auch hilfreicher:
„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt und dahinsiecht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.“
Mit anderen Worten: ja, wir werden alt oder sind es schon, das mag man hinauszögern oder kaschieren können, aber nicht verhindern. Und: es wird der äußere Mensch alt und das ist nicht dasselbe, wie innerlich müde zu werden.
Wie wir leben und glauben, fühlen und entscheiden, zurückschauen und nach vorn leben – das hat nur etwas mit dem inneren Menschen zu tun und aus welchen Quellen wir schöpfen – wache fröhliche Augen können einen auch aus einem hundertjährigen Gesicht anstrahlen. NACH Ostern erst recht!
Denn, „unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Das schluckt sich erstmal schwer.
Bedrängnis ist nie leicht, sonst wäre es keine.
Bedrängnis war damals in der Jüngerrunde eine schwere Bürde und ist es heute auch. Aber: Was uns leben hilft, braucht den Blickwechsel vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Äußerlich nach innen, zum dahinterliegenden Glauben, der darunterliegenden Hoffnung, der innewohnenden Liebe, denn – auch das ein Jesuswort:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“
Also: Glücklich, die sich nicht vom äußeren Schein müde und mürbe machen lassen, sondern salben und heiligen, was ihnen kostbar ist, denn über diesem Sonntag Jubilate heißt es: „Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“
Amen.

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  PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

PREDIGT am OSTERSONNTAG ÜBER RÖMER 8, 31-39

Landesbischof Dr. Christoph Meyns - 01.04.2018

Im Inneren eines der Türme im Deutschen Museum in München hängt knapp über dem Boden eine 30 kg schwere Bleikugel an einem 60 m langen Seil. Sie schwingt in langsamen Pendelbewegung hin und her über einem Kreisblatt mit einer Gradeinteilung von 0 bis 360 Grad. Beobachtet man diese Kugel längere Zeit, sieht man, dass die Pendelbewegung nicht an der gleichen Stelle bleibt. Sie wandert vielmehr langsam im Uhrzeigersinn um das Kreisblatt herum.
Dem Augenschein nach dreht sich das Pendel. Das ist jedoch nicht der Fall. Eine Pendelbewegung, einmal ausgelöst, behält ihre Richtung konstant bei. Es ist vielmehr die Erdkugel, die sich unter dem Pendel weg dreht.
Der französische Physiker Léon Faucault erdachte dieses Experiment. Auf diese Weise führte er seinen Zeitgenossen eine Bewegung sinnlich vor Augen, die in der Realität zu groß ist, als dass wir sie direkt erleben könnten: die Rotation der Erde.
Als Beobachter dreht man sich sozusagen samt dem Fußboden, dem Museum und dem gesamten Erdball langsam um das Pendel herum.
Mit dem Osterfest verhält es sich so ähnlich wie mit einem Faucaultschen Pendel. Es zeigt eine neue, überraschende Perspektive auf das Leben, die zu groß und zu fundamental ist, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten. Wir leben tagtäglich in unseren persönlichen Lebenssituationen. Wir wohnen in unseren Häusern, wir kochen, schlafen, leben mit unsere Familien, wir gehen zur Schule, wir fahren zu unserem Arbeitsplatz, wir erleben Freude und Trauer, Lust und Frust in unzähligen kleinen Episoden, jeder von uns auf seine Weise. Darunter, zu umfassend, als dass wir sie direkt wahrnehmen könnten, liegt eine fundamentale Ebene menschlicher Existenz. Es ist die Situation, in der wir uns als Menschen vor Gott befinden. Die wiederum strahlt aus auf unsere Lebenssituationen. Die Osterbotschaft ist wie die Bewegung eines Pendels, das sichtbar anzeigt, wie es um diese Grundsituation vor Gott bestellt ist.

Der Apostel Paulus beschreibt sie im Römerbrief in folgender Weise:
„Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Menschen zur Zeit des Paulus dachten: Das Leben ist nur ein Moment zwischen Geburt und Tod. Es ist kurz und voller Schmerz. Vielleicht gibt es ein paar fröhliche Momente, aber im Grunde regiert der Tod. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“, so lautete ein Sprichwort. Die Götter sind launisch, oft genug mit sich selbst beschäftigt und verteilen Glück und Unglück willkürlich nach Gutdünken. Einzelne Lebenssituationen mögen gut sein, aber die Grundsituation ist ohne Hoffnung.
Mit Jesus Christus, so beschreibt es Paulus, hat sich das seit Ostern fundamental verschoben. In ganz tiefer, geheimnisvoller Weise hat sich die Situation von uns Menschen vor Gott grundlegend zum Guten gewandelt, auch wenn das in unserer aktuellen Lebenssituation nicht immer sichtbar ist.
Der Tod hat nicht das letzte Wort, seine Macht ist durch Jesus Christus gebrochen. Deshalb kann uns nichts von Gott trennen: nicht das Böse und Zerstörerische und Unvollkommene, das im Menschen lebt, nicht irgendwelche Mächte, nicht einmal unser Tod. Denn er führt nicht ins Nichts, sondern hinein in das ewige Leben. Unser Leben kommt vom Licht und es geht auf das Licht zu. Am Osterfest erinnern wir uns an diese neue, hoffnungsvolle Grundsituation und preisen, loben und danken Gott dafür.

Was bedeutet diese neue Grundsituation für mein Leben?
Für Paulus und seine Gemeinden war klar: Wenn über Leben und Tod in Christus bereits entschieden ist, dann ist das zuerst einmal ein Grund zum Feiern. Sie trafen sich regelmäßig am frühen Morgen an dem Wochentag, an dem der Tradition zufolge Christus auferstanden war, und feierten fröhlich, ja gerade zu ekstatisch miteinander mit Liedern, Lobgesängen, mit Wein und einem guten Essen. Auf diese Sitte geht der Gottesdienst am Sonntagmorgen zurück. Diese Freude und die Kraft, die davon ausgeht, ist das, was im Kern das Christentum ausmacht.
Zugleich erlebten die ersten Christen, dass aus der Osterfreude heraus nationale, kulturelle und soziale Unterschiede ihre Bedeutung verlieren: Ob nun Jude, Grieche oder Römer, Sklave oder freier Bürger, Mann oder Frau, sie sind als vom Tod gerettete Kinder Gottes eine große Familie. So begannen sie, einander als Brüder und Schwestern anzureden und entsprechend alles genossenschaftlich miteinander zu teilen. Es waren ersten Formen dessen, was wir heute Diakonie nennen.
Jede Zeit hat dabei eigene Akzente gesetzt. Die Mönche des Mittelalters zogen sich aus der Welt zurück und machten aus der Freude ihr berühmtes „Ora et labora“, beten und arbeiten. Die Reformation entdeckte in einer Zeit der Angst die befreiende Kraft von Glaube und Zuversicht. Aufklärung und 19. Jahrhundert setzten sich wiederum vor allem mit den ethischen Folgen des Glaubens auseinander.
Freude und Verantwortung, Zuversicht und Zuwendung, Halt und Verhalten, zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Christenheit. Das klingt fröhlich und friedlich. Und das ist es auch. In der Realität bedeutete der Glaube und die aus ihm fließende Liebe jedoch immer auch, in Widerspruch zu geraten zum Zeitgeist. Die ersten Christen betrachteten heidnische Kulte und Opferhandlungen als sinnlos und stießen damit auf Unverständnis und Ablehnung. Sie widersprachen dem Anspruch der römischen Kaiser, Götter zu sein und wurden deshalb zeitweise massiv politisch verfolgt. Intern kam es immer wieder zu Streitereien zwischen verschiedenen Fraktionen in den Gemeinden, weil die Hoffnung nicht stark genug war, um politische, soziale oder menschliche Konfliktlinien zu überwinden.
Im Mittelalter stritt man um die Frage von Reichtum und Armut der Kirche. In der Reformationszeit um das Verhältnis von Glaube und Macht, Religion und Politik. Im 18. und 19. Jahrhundert standen Glaube und Vernunft gegeneinander. Im 20. Jahrhundert ging es um Krieg und Frieden in Auseinandersetzung mit den totalitären Ansprüchen von Nationalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus.

Und heute?
Wir leben in einem Wohlstand, einem Frieden, einer Lebenserwartung und persönlichen Freiheitsräumen, von denen die ersten Christen nicht einmal zu träumen wagten.Das Bildungsniveau ist auf einem historischen Höchststand. Anders als noch in der Generation unserer Großeltern werden wir nicht mehr fast täglich mit Elend und Tod konfrontiert. Es stirbt nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten die Hälfte eines Jahrgangs, bevor er das heiratsfähige Alter erreicht hat. Neun von zehn Menschen erreichen das 60. Lebensjahr, über die Hälfte feiert ihren 80. Geburtstag. Erfahrungen mit Krankheit und Tod, Krieg und Gewalt sind nicht mehr die tägliche Regel, sondern die Ausnahme.
Anders als früher stellt sich die Frage, wo ich im Leben Halt und Orientierung finde, aus diesem Grund für die meisten von uns nicht im Alltag, sondern überwiegend nur noch in Lebenskrisen. Die sind viel seltener und viel später als früher, betreffen uns aber dann umso stärker.
Der Zuspruch der Hoffnung, der vom Osterfest ausgeht, betrifft uns deshalb genauso wie die Menschen anderer Zeiten. Zugleich ist er anders als früher weniger präsent und zugänglich. Für uns Kirchen gewinnen deshalb Orte an Bedeutung, an denen Menschen in Krisen ohne große Hürden schnell Trost und Begleitung finden können: Kirchen, die offen stehen und Möglichkeit zum Beten geben, Bücher und christliche Symbole, die den Glauben stärken, Pfarrer, die Zeit haben für ein persönliches Gespräch, Notfallseelsorge, Telefonseelsorge und Beratungsstellen, Krankenhauspfarrer und Hospize, die Spezialseelsorge für Polizisten und Soldaten.
Zugleich gewinnen mit den zunehmenden Möglichkeiten des Lebens ethische Fragen an Bedeutung. In den letzten Jahren waren es Fragen der Sterbehilfe, der Bioethik und der Friedensethik im Zusammenhang der Auslandseinsätze der Bundeswehr, die uns als Kirche stark beschäftigt haben.
Aktuell steht das Thema Flucht und Einwanderung stark im Fokus der Öffentlichkeit und was wir tun müssen, um Integration und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung zu fördern. Mir persönlich liegt die Flüchtlingshilfe sehr am Herzen. Ich will an dieser Stelle nicht noch einmal auf die Debatte eingehen. Nur so viel: So sehr uns die Unterstützung von Flüchtlingen hier bei uns beschäftigt. Viel wichtiger ist die Hilfe für die vielen, vielen Menschen in den großen Flüchtlingslagern in Pakistan, in der Türkei, im Libannon, in Kenia und Äthiopien, wie sie etwa Brot für die Welt, Miserior oder der Lutherische Weltbund mithilfe unserer Spenden leisten.
Etwas anderes beschäftigt mich viel stärker. In Deutschland leben 17. Mio. Menschen, die älter sind als 65. Was geschieht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte des nächsten Jahrzehnts ins Rentenalter eintreten? Wie wollen wir als Gesellschaft mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung umgehen? Was sind angemessene Wohnformen, damit alte Menschen nicht vereinsamen? Wie wirken wir der zu erwartenden Altersarmut entgegen? Wie schaffen wir es, unser System der Altenpflege so zu gestalten, dass Menschen gerne in diesem Bereich arbeiten und Patienten angemessen versorgt werden? Wie unterstützen wir pflegende Angehörige? Wie begleiten wir schwer kranke und sterbende Menschen, von denen viele keine Familie mehr haben? Die mit diesen Fragen zusammenhängenden Herausforderungen werden uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark beschäftigen und wir tun gut daran, uns ihnen zu stellen. Aus christlicher Perspektive betrachtet ist das Alter keine Zeit zunehmender Schwäche, sondern eine Zeit zunehmender Hoffnung und Freude von Menschen, die auf das Licht zugehen. Sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, ist deshalb Teil unseres Auftrags.

Seit dem Ostermorgen weiß die Menschheit um die große Hoffnung, auf die hin wir leben dürfen. Diese Hoffnung und die Freude, die davon ausgeht, trägt uns im Leben wie im Sterben. Und sie gibt uns die Kraft, sie an andere Menschen weiterzugeben.
Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest.
Amen.

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  Predigt in der Osternacht

Predigt in der Osternacht

Dompredigerin Cornelia Götz - 31.03.2018

„Jetzt gilt es zu reden“ – so hat vor wenigen Wochen einer unserer Kollegen seine Rede, seine Predigt, am Sarg unseres gemeinsamen Freundes begonnen.
„Jetzt gilt es zu reden“, vom Tod und der Auferstehung und zwar so, dass ich mich nicht in kleine Münze flüchte, weil wir doch nichts wissen und am Grab mit leeren Händen stehen, sondern Hoffnung bezeuge, Lebensmut schaffe, Halleluja singe.
Wer bin ich, dass ich das kann oder soll?
Ist Ostern womöglich jedes Jahr neu ein Selbstversuch, um die Tragfähigkeit der eigenen Hoffnung zu prüfen? Wie kann es gehen, dass wir, auch wenn es der Kopf nicht begreifen kann und wir schon deswegen ein liturgisches Hochfest brauchen, das Osterwunder nicht in zu kleine Alltagsmünze umrubeln?
Kann nur von Auferstehung reden, wer gestorben ist?
Kann Auferstehung nur sein, wo Tod ist?
Ja, vielleicht. Denn an Gräbern zu stehen, gehört zu unserem Leben dazu.
An unseren Gräbern fängt die Auferstehungsgeschichte an.
Dort stehen wir. Manchmal in Frieden, weil ein langes Leben zu Ende gegangen ist, weil es Fülle und Glück gegeben hat, weil wir Gründe haben, dankbar zu sein.
Und manchmal stehen wir dort am Ende eines Lebensweges, der mühsam und schwer geworden ist. Dann beugen wir uns unter Gottes Willen und halten uns tapfer daran fest, dass mit dem Tod auch Schmerz und Leid vorbei sind, dass es – so sagen wir es jedenfalls – Erlösung war.
Und manchmal stehen wir dort fassungslos und es geht nicht in unseren Kopf. Man kann sich nicht vorstellen, dass der, der eben noch so voller Leben, Pläne und Zukunft war, jetzt kalt und tot in der Erde liegt… -
Man weiß nur, es ist etwas Unumkehrbares geschehen, von hier aus geht kein Weg zurück, in das was war.
Am Grab Jesu wird von all dem etwas dabei gewesen sein:
• das Staunen darüber, dass es diesen besonderen Menschen gegeben hat und die Dankbarkeit, ihm begegnet zu sein
• die erschöpfte Erleichterung, dass das Leid und die Quälerei nun vorbei sind
• die Fassungslosigkeit, dass das nötig war und überhaupt geschehen ist…
• die Wut, dass es soweit kommen musste
• die Liebe, die keine Zukunft mehr weiß
Ich könnte noch vieles aufzählen, aber schon jetzt ist deutlich: in Jesu Tod sind all unsere Tode aufgehoben. Sie werden nicht einfacher, erträglicher, begreifbarer – aber was immer uns an den Gräbern, derer die unser Leben geteilt haben, umtreibt, es hat auch am Grab Jesu seinen Ort und seine Gültigkeit. Und gültig ist auch, dass es kein Zurück gibt, kein Wunder, dass uns in die Zeit zurückbringt, in der wir noch vollständig waren und dass gestorben werden wird, nur den Horizont markierte.
Zurück geht nicht. Am Grab bleiben auch nicht.
Also nach vorn! Auf in den Ostermorgen!
Die ersten Schritte gehen nicht gut – wenn wir hier im Dunkeln aus der Krypta hochkommen, dann tasten wir uns auch sehr vorsichtig vorwärts. Aber wenn der Osterleuchter brennt, dann sehen wir schon wieder bisschen Boden unter den Füßen, erkennen, wo es lang geht und erinnern uns wie Jünger Jesu dran, dass uns mit dem Toten eine Herzensgeschichte verbunden hat. Die ist noch da, unsere Herzen pochen noch und wir erinnern uns: Brannte nicht unser Herz? Tut es das nicht noch immer? Die Liebe ist noch da! Schon schimmert alles in warmen Kerzenlicht, das große Osterlob erklingt und wir hören, dass der, der eben noch kalt und taub, gemartert und verlassen im Grab lag, zu uns sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
Ostern! Ich lebe!
Eben noch standen wir stehen fassungslos an den Gräbern derer, die zu unserem Leben gehörten und fragten uns, was mit unseren Toten ist. Wir suchten nach Bildern und tröstenden Worten, sagen: Sie sind aufgehoben bei Gott, geborgen in seinem Frieden. Noch suchen wir unsere Toten im nächtlichen Sternenhimmel, im Aufblitzen eines Lichtstrahles, in der Weite des Himmels und in uns selbst. Aber schon dämmert uns, dass wir erst sehen und schauen werden, was mit unseren Toten ist, wenn wir selbst gestorben sind, dass wir jetzt nicht mehr wissen können, als dass Jesus Christus, der gestorben ist und begraben wurde, sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Das könnte doch reichen! Das heißt doch, unsere Toten können wir Gott getrost anvertrauen! Er lebt und sie werden auch leben! Ist das Ostern? Ja unbedingt. Und Auferstehung ist noch viel mehr, denn jetzt wendet sich Jesus uns zu, die wir hier weiterleben müssen, ohne die, die wir geliebt haben und sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Es mag uns so vorkommen, als ob der Tod im Leben überhandnimmt.
Aber wir feiern Ostern, weil wir leben, weil wir eine Hoffnung haben, die Mut und Kraft schenkt, jetzt und hier und weil wir erfahren: ja, wir sind immer noch da, so banal es klingt, so erstaunlich und wundersam ist es auch: das Leben geht weiter!
Jesus Christus lebt und wir hier, wir sollen nicht an den Gräbern stehen bleiben, wir sollen auch leben! Wunderbare Sprache: sollen! nicht müssen, sondern dürfen und vor allem können!
Auferstehung gibt es auch in diesem Leben und das ist wahrlich keine kleine Münze, sondern große Hoffnung.
Sie kommt nicht, durch theologische Lehre oder dogmatische Systeme. Herz und Seele können wir mit Scharfsinn in Schach halten aber überlisten können wir sie nicht. Diese Hoffnung ist unter uns, weil sie lebendig ist und macht! So kommt sie in Bildern, Musik, Umarmung, Liebe und Wärme.
Wir bereiten uns ein Osterfest, jetzt, denn uns ist gesagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“
Manche Bilder schenkt uns schon diese Nacht: aus dem Dunkel der Krypta, der Gräber kommt das Osterlicht zurück, erst allein, aber dann erfüllt es den ganzen Dom, lässt uns die Gesichter der Menschen neben uns sehen, die sind ja wirklich da, lebendig und in unserem Leben! An ihnen sehen wir, mag der Tod auch noch so unweigerlich und endgültig in unser Leben einbrechen, er nimmt nicht überhand, denn wir sind nicht allein.
Ein zweites: wo der Tod einen Menschen aus unserer Leben weggerissen hat, entsteht eine Lücke, die zwingt zusammenzurücken, so entsteht neue Nähe, die die lebendige Kraft und menschliche Wärme der anderen neu spürbar macht.
Und drittens: ja, es wird immer wieder und überall gestorben, oft gewaltsam und deshalb denken wir, sinnlos – aber wächst nicht zugleich aus der Verzweiflung Solidarität, aus dem Zusammenbruch der Aufbruch, aus dem Tod neue Kraft und neues Leben?
Ostern 2018.
Es bleibt uns nicht erspart an Gräbern zu stehen, aber dort wo der Tod ist, dort ist auch Auferstehung, denn Jesus Christus spricht - vielleicht irgendwo in den Himmeln oder unten in den Gräbern zu unseren Toten - aber ganz gewiss hier zu uns: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Halleluja.

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  Predigt am Sonntag Kantate über Matthäus 21, 12-16

Predigt am Sonntag Kantate über Matthäus 21, 12-16

Landesbischof Dr. Christoph Meyns - 14.05.2017

Liebe Gemeinde!

Mehrmals habe ich mich auf Urlaubsreisen geärgert: Ich wollte eine Kirche besichtigen und stand vor verschlossenen Türen. Natürlich ist man gefrustet, weil man die Fahrt dorthin umsonst gemacht hat. Aber ich glaube, der Ärger hat noch einen tieferen Grund: Kirche und verschlossene Türen, das passt nicht zusammen.
Man denkt bei Kirche immer an offene Türen, die dazu einladen, durch sie hindurchzugehen und im Kirchenraum zu verweilen, sei es zum Gottesdienst, für eine Andacht, ein Konzert oder ein paar Minuten der Besinnung in der Stille. Eine Kirche, die geschlossen ist, das ist ein Widerspruch in sich selbst.
Um das Problem der geschlossenen und der offenen Türen, im wörtlichen wie im übertragenden Sinne, geht es im Predigttext des heutigen Sonntags, einem Abschnitt aus Mt 21: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
(Mt 21,12-16)

Das Leben im Tempel in Jerusalem war streng geordnet. In den Vorhof durfte im Prinzip jedermann. Dort konnte man sein Geld in die im Tempelbezirk geltende tyrische Währung umtauschen. Dort verkauften Händler Taube, Schafe und Ziegen als Opfertiere. Dort bettelten Kranke und behinderte Menschen um Almosen, in der Menge spielten die Kinder.
Nur erwachsene Juden durften den davon abgetrennten innern Tempelhof betreten, Frauen bis zum sogenannten Vorhof der Frauen. Männer durften noch dichter an den eigentlichen Tempel und den davor liegenden Brandopferaltar herantreten in den Vorhof der Israeliten. Nur sie nahmen aktiv an der Opferliturgie teil. Nur Priester wiederum durften am Altar selbst das Opfer vollziehen und das eigentliche Tempelgebäude betreten, nur der Hohepriester wiederum im Allerheiligsten im Zentrum des Tempelgebäudes einmal im Jahr am Jom Kippur das große Versöhnungsopfer darbringen, wo nach jüdischer Tradition Gott selbst wohnte.
In dieser gestuften Hierarchie war geordnet, wer wie dicht Zugang zu Gott hatte. Sie trennte Heiden und Juden voneinander, Reine und Unreine, Männer und Frauen, Laien und Priestern. Das Synhedrion, der 70-köpfigen Hohen Rat, unter Vorsitz des Hohenpriesters, wachte über diese Ordnung. Er legte fest, wem die Türen offen standen und wer am Rande stehen musste.
Jesus durchbricht mit seiner Aktion die althergebrachte Ordnung. An sich begann der eigentliche Tempel erst mit den Innenhöfen. Der Vorhof war eine Mischung aus Versammlungsplatz und Basar ohne besondere Tabus. Auch Heiden durften ihn betreten. Wenn Jesus gerade hier die Wechseltische und Handelsstände umwirft, hebt er damit die Ordnung des Tempelkultes insgesamt zeichenhaft aus den Angeln.
Es ist ein bisschen so, wie wenn ein Mann im Eintrachtstadion von den Rängen aus auf das Feld springt, dem Schiedsrichter die Pfeife wegnimmt, sich den Ball schnappt, damit das Spiel radikal unterbricht, den Ball auf die Ränge wirft und die Zuschauermenge anregt, sich den Ball gegenseitig mit den Händen zuzuwerfen und ein neues Spiel zu spielen, das die Spieler auf dem Feld, das Spielfeld, die Schiedsrichter, den Trainer, den Manager und alles, was am Spielbetrieb hängt, im Grunde überflüssig macht.
Mit seiner symbolischen Handlung verschiebt sich das Allerheiligste von einem bestimmten Ort im Inneren des Tempels sozusagen hinein in die Person Jesu. Nicht der Ort, wo ursprünglich die Lade des Mose mit den Zehn Geboten stand, kommt Gott den Menschen besonders nahe, sondern dort, wo Jesus ist. In der Heilung der Blinden und Lahmen schwingt die Antwort mit, die Jesus Johannes dem Täufer gibt, als der ihn fragen lässt, ob er der Messias sei, der von Gott prophezeite neue König.
Jesus lässt ihm sagen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Mt 11,5f)
Und eben das geschieht: Die Priester und Schriftgelehrten ärgern sich, vor allem über die Kinder, die wild im Tempel umherlaufen und Jesus öffentlich als König proklamieren. Es ist angesichts dessen, was an diesem Tag geschah, eigentlich ein Wunder, dass Jesus nicht sofort verhaftet wurde, sondern erst einige Zeit später. Denn im Grunde ist es ein völlig neuer Weg zu Gott, für den Jesus steht. Ein Weg, der nicht begrenzt wird durch Tempelmauern, Tore, Türen und Ordnungen, die darüber bestimmen, wer wie dicht zu ihm kommen darf, sondern ein Weg, der einer offenen Tür gleicht. Wie es im Johannesevangelium heißt: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,9) Jesus steht für einen Gott, der keine Mauern kennt, sondern nur offene Türen, keine Grenzen, sondern nur eine Mitte. Es gibt keine Vorbedingungen, keine gestuften Zugangsberechtigungen, keine Kontrollen, keine Hierarchien.

Deshalb ist der einzige sichtbare Akt dafür, zu Gott zu gehören, die Taufe, ein denkbar simpler Akt, den im Prinzip jeder durchführen und jeder empfangen kann. Deswegen sind Gottesdienst öffentlich und für jedermann offen. Deshalb bezahlen wir für Gottesdienste keinen Eintritt. Denn wir dürfen, ja wir sollen eintreten wie wir sind, Mann oder Frau, jung oder alt, reich oder arm, stark oder schwach, gesund oder krank, Inländer oder Ausländer. Hier sind wir willkommen, wie wir sind, mit unserer Freude und unserem Dank, manche voller Kraft, manche blind oder lahm und dürfen gewiss sein, dass Gott sich uns in dieser Stunde zuwendet, im Gebet, in der Musik, in den Worten der Bibel, im Segen.
Und ganz allmählich, im Laufe von Jahrtausenden, verbunden mit vielen Rückschlägen, setzt sich dieses inklusive Grundverständnis des Lebens nach und nach durch. Schon die ersten Gemeinden machten keine Unterschiede. Wie Paulus schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Die Kirche wuchs auch deshalb in der Antike so stark, weil die Mitgliedschaft den Zugang umfangreichen diakonischen Leistungen ermöglichte. Dort, wo sich das kirchliche Leben wie im späten Mittelalter stark von seinen Ursprüngen entfernte, entstanden Reformbewegungen, die dem Geist Christi neue Geltung verschafften.
Entgegen mancher Vorurteile beteiligten sich die Kirchen stark an der durch die Industrialisierung ausgelösten sozialen Problemen bis hin zum Einfluss auf die Sozialgesetzgebung Bismarcks. Heute leben wir in einem Staat, der über das Grundgesetz den Menschen und die Aufgabe des Staates im Sinne eines christlichen Lebensverständnisses beschreibt. Es zeigt sich an den persönlichen Freiheiten und den Diskriminierungsverboten, an der Gleichbehandlung vor Gericht, an der Selbstverständlichkeit, mit der wir Krankheit und Behinderung nicht als Ausdruck persönlicher Schuld sehen, sondern als Anlass zur Hilfe, in der wir Kindern und Jugendliche ohne Unterschied kostenlos Bildung ermöglichen, in der wir Menschen Zuflucht vor Krieg und Verfolgung bieten uvm.

Natürlich ist auch das Gegenteil wahr: Die Kirche hat sich immer wieder vom Geist der offenen Türen abgewendet. Nachdem Konstantin die Kirche legalisierte, folgte manch Bischof lieber dem Prunk weltlicher Herrschaft als seinen seelsorgerlichen Aufgaben. Die Vermischung religiöser und politischer Anliegen führte immer wieder zu Kriegen, von den Feldzügen Karls des Großen gegen die Sachsen mit seinen Zwangstaufen über die Kreuzzüge des Mittelalters bis zum Dreißigjährigen Krieg und den Worten „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Das landesherrliche Kirchenregiment förderte das kirchliche Leben, aber auch die Kontrolle der Untertanen. Manche Gemeinde heute versteht sich eher als geschlossene Gesellschaft Gleichgesinnter denn als Ort der offenen Türen. Und Manches am kirchlichen Leben wirkt unbewusst für andere als Schwelle, die es ihnen schwermacht, Zugang zu finden. Auch ist es in unserem Land noch nicht so lange her, dass für Männer der militärische Rang die soziale Stellung entschied und auf tödliche Weise zwischen Volksgenossen und Untermenschen unterschieden wurde.
Und unsere Gesellschaft mag offener sein, als sie es jemals zuvor in der Geschichte war. Aber zum einen ist eine inklusive Haltung nicht überall anzutreffen. Menschen mit Behinderungen klagen darüber, dass sie in der Öffentlichkeit auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Und wer seine Arbeit verliert, erlebt, wie stark er damit vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist, wenn Kontakte und Zuwendung mit dem Arbeitsplatz verloren gehen. Haltungen der Abschottung statt der Offenheit und Abwertungen statt Akzeptanz erleben wir an vielen Stellen. Zum anderen ist diese Offenheit immer wieder gefährdet: durch Hass und Gewalt Einzelner, durch Wegsehen, durch Angstmacherei oder Rassismus.

Viel ist nötig, um den Geist Christi, den Geist der offenen Türen und der Liebe zur Geltung zu bringen. Heute am Sonntag Kantate will ich auf etwas aufmerksam machen, was man vielleicht nicht automatisch mit dem Widerstand gegen Abgrenzung und Unmenschlichkeit in Verbindung bringt. Es ist das Lob der Kinder, das die Schriftgelehrten und Pharisäer besonders aufregt, für mich ein Hinweis darauf, welche Kraft darin steckt, Gott zu loben. In diesem Sinne sind die Musik und das Singen zum Lobe Gottes eine Form des Widerstands gegen die Unmenschlichkeit. Ich weiß nicht, ob unsere Kantoren, die Mitglieder des Blechbläserensembles oder die Sänger in den Chören sich so sehen. Aber bei Licht betrachtet geht es in der Kirchenmusik nicht nur einfach um das Lob Gottes oder das Gebet oder die schöne Musik, sondern damit zugleich um den Protest gegen Abgrenzungen und Abwertungen, für mich in der Bibel am stärksten symbolisch erzählt in der Kraft, mit der die Posaunen die Mauern von Jericho zum Einsturz brachten.
Und wenn Jesus mit Psalm 8 davon spricht, dass Gott in besonderer Weise von Unmündigen und Säuglingen gelobt wird, dann ist es gut, dass hier am Dom viele Kinderchöre ihre Heimat haben. So lasst uns eben das jetzt gemeinsam tun, Gott mit dem nächsten Lied loben und so die Türen zu ihm weit aufmachen.
Amen.

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  PREDIGT IN DER CHRISTVESPER UM 18.15 UHR

PREDIGT IN DER CHRISTVESPER UM 18.15 UHR

Dompredigerin Cornelia Götz - 24.12.2015

Weihnachten 2015 – die Luft ist mild und dass Rosen knospen und aufspringen, glaubt man nicht nur, sondern sieht es auch. Weihnachten 2015 – und in der Krippe liegt ein Kind mit dunklen Augen, wahrscheinlich unregistriert aber unter uns geboren. Weihnachten 2015 – und wir Deutschen sind verunsichert und ängstlich, so steht es jedenfalls in der Zeitung, und fürchten um Deutschland und Europa, um den sozialen Frieden und die Sicherheit im Lande, fürchten uns vor Überforderung der Menschen und der Systeme und sehen schwarz für die Zukunft unserer Kindern und Enkel. Es ist ohne Frage höchste Zeit, dass wir hier zusammenkommen, die wunderbaren alten Weihnachtslieder singen und auf die vertraute Geschichte hören, die mehr ist als nur Verheißung heimeliger Geborgenheit oder Geburtslegende eines Religionsstifters mit kosmischen Zeichen und Jungfrauengeburt. Diese Geschichte ereignet sich in unserem Leben, indem wir sie erzählen, sie wird Wirklichkeit und verändert die Welt, denn „ der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie…“ – so heißt es in Weihnachtsgeschichte. Worte, tief eingeprägt – alle Jahre wieder. Es ist Gottes Herrlichkeit, die da leuchtet. Luther hat sie „Klarheit“ genannt. Die Vulgata, die lateinische Bibel, schreibt claritas – und man hörte: es kommt „ein reiner, ein klarer Ton“ in die Welt. Nichts Schräges, nichts Verschattetes, falsch Abgemischtes oder Manipuliertes - sondern Klarheit, die sichtbar macht, was sonst verborgen ist. Klarheit, die nicht ausleuchtet und verunsichert, wie ein unbarmherziges Spotlicht, sondern reinigt, weitet, heilt und befreit von Unsicherheit und Zweifeln. Wenn ich mir klar bin, Klarheit habe, Klarheit um mich herum leuchtet, dann kann ich frei atmen und losgehen, mich entscheiden und erklären, muss mich nicht fürchten. Weihnachten 2015 – und wieder hören wir: „und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Menschen seines Wohlgefallens. Sind wir das? Oder wenn nicht – wie wären die? Unter den Menschen seines Wohlgefallens herrscht Frieden, mit sich selbst und mit anderen und das geht wohl nur, wenn Menschen keine Angst haben. Sagt uns der Engel des Herrn zu Weihnachten 2015 also, dass das der Wunder der Weihnacht nicht hätte geschehen können, wenn die Menschen, derer sich Gott bedient, auf ihre Angst gehört hätten? Denn das taten sie nicht, obwohl es immer Gründe gab und gibt, kleinmütig zu sein, sich zu fürchten, mit Niederlagen und Versagen zu rechnen. Gründe dafür liegen nicht nur im politischen System oder gesellschaftlichen Zusammenhängen, sondern oft in uns selbst. Es gibt ja Nöte und Ängste, die unsere Existenz bedrohen und unser Selbstwertgefühl unterhöhlen. Wenn man nie weiß, wie es morgen weitergeht und ob gleich das nächste Unglück über einen hereinbricht, dann zieht man doch ganz zwingend den Kopf ein. Wenn man spürt, dass eine Beziehung kaputt geht, sich ein Mensch, der uns wichtig ist, entfernt. dann macht uns die Angst klein und feige. Und ja: Es kann einen Angst befallen, die am klaren Denken hindert und uns um den Schlaf bringt, wenn irgendwelche Zellen in unserem Körper sich pathologisch entwickeln oder Gedanken sich festfressen und im Hamsterrad kreisen, wenn es in der Seele immer dunkler wird. Zu unserem Leben gehören Dunkelheiten dazu, die das Potential haben, zu lähmen – aber wenn wir uns ihnen überlassen, dann entfalten die Mechanismen der Angst ihre Kraft und nehmen uns gefangen, verengen Herz und Verstand. Auch die Figuren der Weihnachtsgeschichte hätten guten Grund gehabt, sich aus Angst der Wirklichkeit zu verschließen, die sich da eröffnet. Da sind Maria und Josef, ein unverheiratetes Paar und im Begriff Eltern zu werden. Die Konventionen und Ehrbegriffe ihrer Zeit werden sie zu Außenseitern gemacht haben, deren Zukunft gefährdet wenn nicht gar verloren ist. Hätte Maria auf ihre Angst gehört, dann hätte sie den Engel anflehen müssen, sie vor solch einem Unglück zu verschonen. Und Josef hätte die schwangere junge Frau – mit ihrer ziemlich absurden Geschichte – fallen lassen müssen. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass es eine Grenze gibt, wofür wir uns verantwortlich fühlen müssen und dass man nicht jedem aus der Patsche helfen kann … Und da sind die Hirten auf dem Feld bei ihren Tieren, mutmaßlich ihrem einzigen Hab und Gut. Hätten sie auf ihre Angst gehört, hätten sie sich in ihren Höhlen verkrochen und ihre Tiere um sich geschart, damit ja keines verloren geht, sie wären bei ihren Leisten geblieben, im engen Horizont der Perspektivlosigkeit. Sie hätten sich entsetzlich gefürchtet vor dem Phänomen am Himmel. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass man den eigenen Besitz bewachen und beschützen muss, dass man nicht alles stehen und liegen lassen und aufbrechen kann… Und da sind die Weisen aus dem Morgenland. Hätten sie auf ihre Angst gehört, sich den Mächtigen gebeugt, dann hätten sie das Kind verraten und wären an ihm schuldig geworden. Die Menschen Drumherum hätten das sicher verstanden und sich gegenseitig darin bestärkt, dass man manchmal seine eigene Haut retten muss und manche Mächte zu groß sind, um sich ihnen entgegenzustellen. Und alle in dieser Geschichte hätten, wären sie vor lauter Angst zuhause geblieben, nicht gesehen, dass der Stern von Bethlehem und die Klarheit des Engels die Welt und damit auch ihr eigenes Leben in ein neues anderes Licht taucht. Denn Angst ist das Gegenteil von Freiheit. Maria und Josef haben auf ihr Gewissen gehört und von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht, der Berufung, die sie sie für die richtige hielten, zu folgen. Die Hirten haben sich nicht länger von der Logik ihrer sozialen Stellung bedrängen lassen und sich freigemacht von den Zwängen ihres Lebens. Die Könige haben die Mächtigen ignoriert und geschützt, was sie für schützenswert hielten – sie alle haben gehört und in sich gespürt, dass Angst kein guter Ratgeber ist. Die Klarheit des Herrn war um sie. Weihnachten 2015. Gottes Wort ist keine alte Geschichte, eingezwängt in Rituale und Traditionen, so schön sie auch sein mögen. Gottes Wort ist lebendig, es wohnt unter uns und seine Klarheit leuchtet um uns. In diesem Licht werden wir sehen können, dass Gottes Gnade unter uns heilsam ist und sollte die nicht bewirken können, dass wir aufhören, uns zu sorgen und zu fürchten? „ Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
Amen.

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  Predigt zum Buß- und Bettag

Predigt zum Buß- und Bettag

Wolfgang Thierse - 18.11.2015

Das Thema der diesjährigen Friedensdekade war „Grenzerfahrung“.
Und heute – nach dem Abend vom 13. November in Paris – nach den Mordtaten, die uns alle erschüttern, blicken wir auf eine Grenzerfahrung der entsetzlichsten Art.
Hat Paris alles verändert, wie ein deutscher Politiker getwittert hat?
Wie ist dieses furchtbare Ereignis zu begreifen, zu verstehen? Wie tief ist der Einschnitt, was sind die Folgen?
Vor sechs Wochen erst haben wir am 25. Jahrestag der deutschen Einheit unser historisches Glück gefeiert. Wir haben uns an die friedliche Revolution erinnert, an den nicht nur deutschen, sondern europäischen Aufbruch in Einheit und Freiheit. Vor 25 Jahren haben wir geträumt – von einem goldenen Zeitalter des Friedens (nach Ende des kalten Krieges), von einem weltweiten Siegeszug der Demokratie. Von einem „Ende der Geschichte“ war sogar die Rede.
All das ist nicht eingetreten. Im Gegenteil. An die Stelle der geordneten Welt der Zweiteilung, des gefährlichen Gegensatzes zweier Systeme ist eine Weltunordnung getreten, geprägt durch religiösen Fundamentalismus, extremen Nationalismus, durch Terrorismus, durch alte und neue Konflikte.
Kriege und Bürgerkriege bestimmen das Weltgeschehen (von Exjugoslawien, den Nahostkonflikt, Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen bis zum Kontinent Afrika): Die Terroranschläge nehmen zu und sie kommen näher. Nach 9/11, nach Madrid und London, nach Beirut und über dem Sinai nun in unsere Nachbarstadt Paris im Januar und vor 5 Tagen.
Die Zahl der Terroropfer, so war es in einer Agenturmeldung von gestern zu lesen, ist weltweit auf neuem Höchststand: 2013 waren es 18.211, im Jahr 2014 waren es 32.658 Menschen, die terroristischen Anschlägen zum Opfer fielen. Wie viele werden es in diesem Jahr sein?
Sind wir wehrlos, sind wir hilflos? Ich gestehe, dass mich dieses Gefühl der Ohnmacht beschleicht und will es mir doch nicht eingestehen.
Denn: Wir wissen es, wir können es in Vergangenheit und Gegenwart beobachten: Das kollektive, das heftige Gefühl von Bedrohung und von Hilflosigkeit kann umschlagen in Wut und Hass und auch in Gewalt.
Das Bedürfnis nach radikaler Antwort, nach Rache steigt dramatisch.
Aber ist dieses Bedürfnis eine gute Anleitung zum Handeln in gefährlicher Zeit?
Wenn der französische Präsident und manche andere jetzt von Krieg reden, mag das verständlich sein. Ich bin aber trotzdem nicht sicher, ob das die richtige Antwort, die richtige Reaktion ist. Dabei weiß ich doch auch, dass Gewaltlosigkeit nicht immer die richtige Antwort auf Gewalt sein muss. Und das Recht, sich gegen einen Angriff zu verteidigen, ist Völkerrecht.
Die Rede aber von einen „Krieg“ gegen die westliche Welt auf den man seinerseits mit einem Krieg reagieren müsse – das erinnert mich an die gleiche Reaktion auf die 9/11-Anschläge, die zu den Kriegen in Afghanistan und Irak geführt haben, Kriege, die kein Ende finden.
Schutz und Sicherheit vor terroristischen Anschlägen sind gewiss (und selbstverständlich und zugleich unendlich schwierig) Aufgaben des Staates, der Kampf gegen die terroristischen Verbrecher und ihre Organisationen sind Aufgabe der Staatengemeinschaft.
Der militärische Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist das Eine.
Genauso wichtig und notwendig aber ist die Frage nach den Ursachen des Terrorismus in unserer Gesellschaft selbst. Warum radikalisieren sich Menschen am Rande der westlichen Gesellschaften? Wie entsteht das Milieu radikalisierter, gewaltbereiter Islamisten? Was können wir tun, gegen die Kombination aus mangelnder Lebensperspektive, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Identitätssuche und Einfluss des extremistischen Islam?
Und: Inwieweit hat nicht der Westen selbst durch seine Politik, seine Kriege (z. B. den der USA im Irak) selber zu den Ursachen von Terrorismus beigetragen? Wir müssen deshalb reden über den Waffenhandel (illegal und legal), wir müssen ebenso reden über den Geldfluss (legal und illegal). Ohne kritische Selbsterforschung und politische Konsequenzen daraus, wird Europa, wird der Westen den Terrorismus nicht überwinden können.
Der Schutz vor bereits radikalisierten Islamisten, die in unseren Gesellschaften leben oder in sie eindringen, obliegt den Geheimdiensten und der Polizei und ist, so meine ich, nicht so sehr Sache militärischer Maßnahmen. Jedenfalls haben die kriegerischen Einsätze in Afghanistan, Irak, Syrien Libyen … unseren Schutz vor Terrorismus nicht verbessert!
Eine der Folgen des Gefühls von Bedrohung und Hilflosigkeit ist (unübersehbar) der Verlust von Unterscheidungsvermögen, ist die Mechanik der Verdächtigung: Weil die Terroristen vor ihren Mordtaten „Allah u Akbar“ gerufen haben und den Islam zur Begründung ihrer Gewalttaten missbrauchen, gerät der Islam insgesamt in Verdacht, wird aller Religion als gewaltfördernd misstraut.
Weil unter den Terroristen tatsächlich oder vorgeblich Flüchtlinge sind, wird auf Flüchtlinge überhaupt bezeigt, werden sie unter Generalverdacht gestellt.
Gerade und vor allem wir Christen sollten beidem energisch widersprechen und widerstehen, wir sollten uns nicht der Mechanik der Verdächtigung unterwerfen.
Wir wissen es: Die Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan fliehen vor denselben Schrecken, vor denselben Mordtaten, wie sie Paris zu ertragen hatte. Deswegen darf aus den Anschlägen nicht die Konsequenz gezogen werden, gegen Flüchtlinge härter vorzugehen.
Nein, wir brauchen in den kommenden Wochen und Monaten und Jahren viel mehr an gemeinsamer europäischer Politik nicht nur zur Bekämpfung des Terrorismus, sondern vor allem im Umgang mit Flüchtlingen. Es geht um die faire Verteilung von Lasten und um gemeinsame Politik zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Wir erleben eine dramatische Bewährungsstunde des gemeinsamen Europa: Es ist solidarisch oder es ist nicht!
Wir erleben jedenfalls, wie sich die politische Tagesordnung heftig verändert hat – durch die Hunderttausende die zu uns flüchten, als wäre Deutschland das gelobte Land, das Paradies auf Erden. Welch‘ riesige Hoffnungen, welche zu befürchtenden Enttäuschungen (denn Deutschland kann das Paradies auf Erden nicht sein), welche große Herausforderung!
Könnten wir Deutschen (frage ich mich und Sie) im 25. Jahr unserer Einheit nicht nur überrascht, sondern auch ein wenig stolz darauf sein, dass ausgerechnet unser Land, das verantwortlich war für das größte Massenverbrechen im 20. Jahrhundert, das selbst Flucht- und Vertreibung verursacht hat – dass ausgerechnet dieses Land Ziel der Hoffnung und Sehnsüchte so vieler Menschen geworden ist?! Dass Deutschland das Image der Sicherheit, der Freiheit, der Menschlichkeit hat?! Dafür können wir uns meinetwegen „moralischen Imperialismus“ (Viktor Orban) vorwerfen lassen. (Dieser Vorwurf ist mir lieber, als der Vorwurf anderer Arten von Imperialismus.) Dieser kleine, ganz kleine Stolz soll nichts von den Problemen verdecken, die die Einwanderung von Hunderttausenden Fremden nach Deutschland hervorrufen werden. Und er darf nicht in moralischer Überheblichkeit enden.
Gewiss ging und geht es auch weiterhin zunächst und vor allem um unmittelbare Hilfe und um menschenfreundliche Aufnahme und damit um die Bewältigung immenser praktischer Probleme. Die Willkommenskultur, die freundliche Aufnahme durch eine Mehrheit der Deutschen ist sowohl überraschend wie sympathisch. Sie macht mir das eigene Land unendlich viel sympathischer. Und die Religionsgemeinschaften, die Gemeinden, die Christen waren und sind tatkräftig daran beteiligt. Aber wir können ahnen, wie schwer das durchzuhalten ist und haben auch deshalb keinen Anlass zu moralischer Arroganz.
Könnten wir das miteinander verknüpfen: Empathie mit den Flüchtlingen, menschenfreundliche Aufnahme der aus Krieg und Not zu uns Kommenden, das herzliche Willkommen, das so viele Bürger in Deutschland auf beeindruckende Weise gezeigt haben – mit der nüchternen Einsicht, dass diese so sympathische Willkommenskultur übersetzt werden muss in den prosaischen Alltag von Integration, die nicht ohne viele praktische Probleme, ohne soziale und finanzielle Lasten zu haben sein wird! Hier sind politische Rationalität und Pragmatismus gefragt und nicht der Versuch, parteipolitisch daraus Kapital zu schlagen oder gar Ängste, Unsicherheiten, Vorurteile, Wut auszubeuten für den eigenen politischen Vorteil.
Wir ahnen, dass die deutsche Gesellschaft sich durch Migration stark verändern wird. Sich auf diese Veränderung einzulassen, ist offensichtlich eine anstrengende Herausforderung, erzeugt Misstöne und Ressentiments und macht vielen (Einheimischen) Angst, vor allem unübersehbar und unüberhörbar im östlichen Deutschland.
Der Mechanismus, das Muster ist nichts Neues: In Zeiten von Verunsicherung, von Ängsten werden Menschen besonders empfänglich für die Botschaften der Vereinfachung, der Schuldzuweisung, also des Rassismus, des Antisemitismus, der Ausländerfeindschaft, der Demokratie-Ablehnung und schließlich der Gewalt. Gefährliche Zeiten. Die Bilder aus Dresden, Meißen, Heidenau, Erfurt, Nauen und anderswoher zeigen es: Fremdenfeindliche Exzesse haben eine breitere Basis als in den 90er Jahren. Seit Sommer dieses Jahres hat es eine dramatische Zunahme von Anschlägen auf Flüchtlingsheime gegeben. Den Worten folgen also Taten. Die Grenzen zwischen besorgten Bürgern, die ihre Ängste wütend ausdrücken, und den Rassisten und Demokratiefeinden der Neonaziszene sind fließend geworden. Aus Vorurteilen und Angst wird Wut und Hass wird Gewalt. Jeden Montag, jeden Tag, in Sachsen und anderswo in Deutschland. Bis Ende Oktober gab es bereits 600 Straftaten gegen Flüchtlinge, über das ganze Land verteilt.
Integration ist eine doppelte Aufgabe: Die uns Gekommenen sollen heimisch werden im fremden Land. Und die Einheimischen sollen nicht fremd werden im eigenen Land.
Angst und Hass sind sehr verschiedene Emotionen! Angst überwindet man nicht durch Schulterklopfen oder Beschimpfungen, sondern durch Aufklärung, durch Gespräch, durch Begegnung durch gemeinsames Handeln. Hass (gegen Fremde, gegen Ausländer, gegen Juden, gegen Demokratie) haben wir offensiv zu begegnen, zu widersprechen und zu widerstehen. Die Artikulation von Besorgnissen ist etwas gänzlich anderes als Hetze. Wir sollten sehr auf solche Unterscheidungen achten und danach handeln.
„Niemand kann verlangen, dass unser Land sich ändert“ (Viktor Orban). – Das ist ein Satz der Angst (von der ich vermute, dass viele Menschen auch in unserem Land sie teilen). Es ist aber auch ein fataler Satz. Den wir wissen doch: Nur offene, sich verändernde Gesellschaften sind produktiv und haben Zukunft! Das ist gerade auch die Erfahrung von 1989: Geschlossene, eingesperrte Gesellschaften bedeuten Stillstand, sind nicht überlebensfähig, müssen überwunden werden!
Deshalb ist es unsere Aufgabe gerade als Christen, als demokratische Bürger, die Ängste bei vielen zu überwinden, die Aufgabe der Integration anzunehmen, die „neue Völkerwanderung“ zu gestalten – europäisch und national – durch klare Regeln und europäische Vereinbarungen. Mit menschlichem Anstand, mit Kraft und Ausdauer, mit langem Atem – eben mit Nächstenliebe.
„Ohne Angst und Träumerei“ – so hat es Johannes Rau einmal formuliert.
Nein, Paris ändert nicht alles! Vor allem nicht die biblische Aufforderung, die zugleich eine Verheißung bei Matthäus ist: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen… Amen sage ich euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan:
Das kann, das soll – liebe Schwestern und Brüder – eine Ermutigung sein, die unsere Hilflosigkeit, unsere Angst, unsere Bedrohungsgefühle überwinden hilft! Das gemeinsame Tun der Nächstenliebe ist das eigentliche Mittel, Angst und Ohnmacht zu überwinden!

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  Predigt zum Reformationsfest

Predigt zum Reformationsfest

Katharina Schubert - 31.10.2015

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
liebe Gemeindemitglieder!

Es ist mir eine große Ehre und Freude, mit ihnen heute an diesem besonderen Ort meine Gedanken teilen zu dürfen.
„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“
Beides gibt Klang, wenn es von außen angestoßen wird. Aber geht es bei der Liebe nicht um den Klang aus SICH HERAUS, ohne Anstoß von außen? Die Liebe, die Jesus meint, wirkt aus sich selbst heraus; sie ist die höchste Form der Liebe: die bedingungslose Liebe.
Die Liebe, die wir leben und erleben zu unserem Partner, unseren Kindern, Eltern und Freunden, ist oft tief, manchmal erfüllend und innig, sie kann aber auch eifersüchtig, fordernd und besitzergreifend sein. Und wenn wir ehrlich sind, ist sie meistens mit großen Erwartungen verbunden.
Vermeintliche Liebe erreicht uns überall. Wir sind, so könnte man annehmen, von Liebe" umgeben, mancherorts sogar umzingelt – durch die Berieselung von Popsongs, in denen meistens eine unerfüllte Liebe besungen wird, über unterhaltsame Romane mit Herzschmerz, Verrat und Leidenschaft bis hin zur allgegenwärtigen Werbung, die sich unsere Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit zunutze macht, um uns ein Produkt zu verkaufen.
Auch das Internet scheint voller Liebe zu stecken. Was gibt es nicht für viele Seiten, in denen „Liebe“ angeboten wird! Als würde man sie auf Knopfdruck bestellen können. Ein Computer rechnet aus, ob man „kompatibel“ ist, und die große Liebe scheint gefunden.
Auffällig finde ich auch unsere Liebe für Dinge. Manche lieben sogar ihr Auto oder ihre neue Handtasche! Natürlich ist es schön, sich an Dingen, die mit Liebe gemacht sind, zu erfreuen und sie wertzuschätzen. Etwas anderes ist es allerdings, wenn der Besitz, das Haben, wichtiger wird als die Freude daran oder gar der Nutzen.
Auf die Liebe bezogen sagen wir ja bezeichnenderweise gerne "ich HABE dich lieb".
Wir haben, um mit dem deutschen Philosophen Erich Fromm zu sprechen, eine Sprache und Kultur des HABENS statt einer des SEINS entwickelt. Demnach scheint uns alles Erstrebenswerte ein konsumierbares DING zu sein. Wir können das bei uns selbst überprüfen, indem wir uns fragen: „Habe ich eine Beziehung oder führe ich eine Beziehung? Habe ich Gefühle oder fühle ich? Habe ich Verständnis oder verstehe ich? Habe ich Freude oder freue ich mich?“
Haben wollen heißt, das Glück stets von etwas Äußerem abhängig zu machen, zu erwarten, dass etwas in unser Leben kommt, das uns glücklich macht.
Auch unser Bedürfnis nach Sicherheit ist gerade in der heutigen Zeit, in der sich Veränderungen immer schneller vollziehen, noch größer geworden.
Wenn ich heute einen sicheren Arbeitsplatz habe, kann das morgen ganz anders aussehen. Wenn ich heute ein Haus mein eigen nenne, kann es wieder aus meinem Besitz verschwinden, ob durch Naturgewalten, finanzielle Turbulenzen oder andere Umstände.
Auch Partnerschaften halten heute selten bis zum Lebensende. Genauso wenig Freundschaften oder Versprechen, die wir uns wechselseitig geben.
Sie werden mir zustimmen: Alles, was ich HABE, kann mir wieder genommen werden. Womöglich ahnen wir, dass uns diese Außenorientierung zu schaffen macht.
Gerade auf die Liebe bezogen, taucht damit eine neue Frage auf: Ist diese echte Liebe wirklich etwas, dass wir im Außen, in der Welt, suchen und finden können? Wie wollen wir in einer Welt von Bedingungen bedingungslose Liebe finden?
Von klein auf haben wir gelernt, uns nur dann zu achten, wenn Menschen positiv auf uns reagieren. Wir haben gelernt, Selbstwert kommt von außen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, was bedingungslose Liebe für uns selbst, unabhängig von unserer Leistung und unseren Fehlern ist. Sogar mit der bedingungslosen Liebe von Gott tun wir uns schwer.
Wir haben ein Gedankengebäude um Gott errichtet, das auf menschlichen Erfahrungen gründet, dass er belohnt und bestraft, je nachdem, wie gut wir etwas gemacht haben.
Jesus aber predigt Liebe, Vergebung und Annahme.
Bei Lukas steht: „Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal des Tages wiederkäme zu dir und spräche: es reut mich, so sollst du ihm vergeben.“
Jesus kennt da kein Limit.
Es gibt für ihn keinen Menschen, der Vergebung und Liebe nicht verdient hat.
Stets räumt er dem bedingungslosen Helfen im Namen der Liebe den Vorrang ein und bricht dafür sogar menschengemachte Gesetzte.
Wenn dem so ist, besteht dann nicht die einzige wahre Sünde darin, nicht zu vergeben und nicht zu lieben?
Als ein Schriftgelehrter Jesus nach dem höchsten Gebot fragt, antwortet Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste Gebot. Das andere aber ist ihm GLEICH: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Wenn wir diesen Worten wirklich glauben schenken: Fängt dann nicht alle Liebe bei uns selbst an?
Ja, ich spreche von Selbstliebe.
Können wir einen anderen Menschen wirklich aufrichtig, bedingungslos lieben, wenn wir uns nicht selbst auf diese Weise lieben?
Thomas von Aquin sagte: „Die Wurzel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst.“
Natürlich ist damit nicht die narzisstische, Ego gesteuerte Beziehung zu sich selbst gemeint.
Ein Narzisst verhält sich egozentrisch und wichtigtuerisch, weil er sich eben nicht selbst
liebt, weil er sich für minderwertig hält und deshalb Bestätigung von Außen braucht.
Eigenliebe hingegen bedeutet Selbstannahme und damit ein JA zu Gottes Schöpfung, die uns selbstverständlich mit einschließt.
Wer bin ich, um Nein zu mir, einem Kind Gottes zu sagen?!
Oder glauben wir, Gott hat bei uns einen Fehler gemacht?
Warum fällt es uns so schwer, uns so anzunehmen wie wir sind?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und der Wert einer Person bemisst sich dort am Wert seiner Funktion, seines Status und seiner Leistung. Sobald diese Funktion erlischt, so glauben wir, erlischt dann auch der Wert der Person.
Deshalb werden wir dem Leben gegenüber immer ängstlicher. Wir haben Angst, das Erhoffte und Erwartete nicht zu erreichen, und Angst, das Erreichte wieder zu verlieren.
Aber wie befreien wir uns aus diesem Kreislauf der Angst?
Ich bin überzeugt, der Schlüssel liegt in der Botschaft Jesu. Er hilft uns freiere und damit glücklichere Menschen zu werden. Er zeigt uns, wie wir das Himmelreich in UNS finden.
Für mich beginnt dieses Himmelreich mit dem Vertrauen, dass wir eins sind mit Allem ohne das Gefühl der Trennung von Gott und von Anderen. Ohne beurteilt zu werden und ohne zu verurteilen.
Ohne Angst, das Leben so anzunehmen wie es ist und dass die Liebe in jedem Gedanken und jeder Handlung zum Ausdruck kommt.
Wenn wir die tiefe Gewissheit haben, dass wir so, wie wir sind, Gott gewollt sind, mit all unseren Fehlern und Gott uns immer so annehmen wird, wie wir in jedem Moment unseres Lebens gerade sind.
Wenn wir dies tief verinnerlichen, kann uns Ablehnung unseres Gegenübers nicht wirklich treffen. Wir können ihm dann mit Verständnis und vielleicht sogar mit Liebe begegnen.
Die Liebe zu uns selbst ist untrennbar mit der Liebe zu allen anderen Wesen verbunden.
Ich glaube, durch Jesu Vorbild und seine Ermutigungen können wir wieder lernen, uns selbst zu lieben und Nächstenliebe zu leben.
Ich behaupte, die wahre Liebe braucht das JA zu uns selbst!
Wenn wir uns selbst annehmen mit allen Stärken und Schwächen, wenn wir uns liebevoll und achtsam behandeln, sind wir auch eher zu einer gesunden Selbstreflexion in der Lage, ohne uns dabei abzuwerten oder überzubewerten.
Nach allem, was wir bisher betrachtet haben, hängt für mich unsere Fähigkeit zu lieben und Liebe zuzulassen, von unserer Sichtweise ab: Wie sehen wir uns selbst, wie sehen wir unseren Nächsten, wie betrachten wir das Leben, wie sehen wir Gott?
Schließlich meine ich, sich selbst zu lieben kann den Weg dorthin weisen, wo wir beginnen, nicht Liebe zu haben, sondern Liebe zu SEIN.
Und wenn es uns gelingt, unser wunderbares, herrliches, glanzvolles Wesen zu erkennen und auch das wunderbare, herrliche, glanzvolle Wesen unseres Gegenübers, ich glaube, auf diesem Wege können wir Gott begegnen.

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  Predigt zum Tag der Deutschen Einheit

Predigt zum Tag der Deutschen Einheit

Thomas Bille - 03.10.2015

Dieser 3. Oktober ist tatsächlich ein Feiertag für mich. Ich darf in diesem Raum sprechen - habe mich, liebe Cornelia Götz, sehr über die Einladung gefreut und möchte Geschichten erzählen von Grenzen, von Grenzerweiterungen und Grenzüberschreitungen.
Die früheste Erinnerung an die deutsche Teilung reicht zurück in Grundschulzeit. Ich bin 1967 eingeschult worden und erinnere mich, dass wir Pakete gepackt haben für "arme Menschen hinter einer Grenze". Es sollten haltbare Lebensmittel sein: Kaffee, Tee, Schokolade, Nudeln usw. Ich wußte nicht, was die DDR war... Wir hatten keine Verwandtschaft im Osten, aber mir wurde klar gemacht, dass man helfen kann und muss, wenn irgendwo Mangel herrscht, während man selbst im Überfluss lebt. Wir Kinder haben also die legendären "Westpakete" gepackt, deren Geruch so phänomenal gewesen sein soll.

In den Ferien sind wir, bis ich 13 Jahre alt war, an die Ostsee gefahren und nach Bayern gefahren. Die Ostsee war soweit in Ordnung...aber in Bayern habe ich lernen müssen, dass es Menschen in Deutschland gibt, die ich trotz größter Mühe nicht verstehe! Bayern war ein Rätsel und Franz-Josef Strauß eine politische Provokation für jeden halbwegs links tickenden Menschen. Ich habe jahrelang die Meinung vertreten, dass Deutschland für mich am Main zu Ende ist. Eine saubere Nord-Süd-Teilung...eine ideologische Grenze im Kopf. Intellektuell ziemlich bescheiden.

Die sogenannte deutsche Frage hat mich nicht sonderlich beschäftigt, abgesehen davon, dass ich die hoch umstrittene SPD-Entspannungspolitik des genialen Taktikers Egon Bahr vernünftig fand, das Ritual des Axel-Springer-Verlags, die DDR in Anführungszeichen zu setzen, eher unvernünftig.

Ich wollte mich in den 70er und 80er Jahren nicht als Deutscher fühlen, Patriotismus mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen war noch lange nicht "tänzerisch leicht". Stolz auf das eigene Land halte ich bis heute für unangebracht...stolz kann man auf das sein, was man selbst geleistet hat. Bundespräsident Gustav Heinemann (der letzte Bundespräsident auf einer Briefmarke!) meinte auf die Frage "Lieben Sie ihr Land?" lakonisch: "Ich liebe meine Frau". Das hat mir gut gefallen!

Ich habe mich, und das sehr gern, als Europäer gefühlt. Ich war so gern in Frankreich...mit seinem selbstverständlichen nationalen Selbstbewusstsein und gesegnet mit wunderbaren Klischees: während wir Deutsche als fleißig, zuverlässig und pünktlich galten und gelten, noch dazu als humorlos....war Frankreich aufgeladen mit Savoir vivre, mit gutem Essen, mit Liebe und Sinnlichkeit und Markthallen, die so gut rochen und riechen wie Westpakete... Der Renault 4 meines Bruders war mein Lieblingsauto, mein Französisch-Lehrer war mein Lieblingslehrer und im Urlaub in Frankreich habe ich mich wie ein Schneekönig gefreut, wenn mich die Franzosen für einen Schweizer gehalten haben.
Was dazu kam: mein Vater hat als Soldat im 2. Weltkrieg noch die franzosen-feindlichen Kampflieder gelernt...dann kamen Schumann und Adenauer und EWG mit Hans Joachim Kuhlenkampf und das deutsch-französische Jugendwerk und fertig war eine der ganz bemerkenswerten europäischen Versöhnungsgeschichten - da wurden viele Mauern in den Köpfen eingerissen!

Leichtigkeit, zunehmende Liberalisierung fand ich in einer Werbekampagne aus Braunschweig: von 1973 bis 1986 über 3.000 mal "ich trinke Jägermeister, weil..." - ein wunderbares Beipiel dafür, dass Deutsche nicht nur fleißig und pünktlich, sondern auch geistreich und humorvoll - bestenfalls sogar selbstironisch sein können...wenn sie wollen.

Als friedensbewegter junger Europäer habe ich 1980 Abitur und den CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauss mit erbittertem Widerstand in Form eines Aufklebers zur Strecke gebracht.
1981 war ich im Bonner Hofgarten dabei, als 300.000 Menschen den Höhepunkt der westdeutschen Friedensbewegung markierten. Neben Picassos Friedenstaube waren Solidarnoc-Aufkleber und "Schwerter zu Pflugscharen" sehr angesagt. Den Aufkleber "Schwerter zu Pflugscharen" platzierte ich an der Windschutzscheibe des Autos meines Vaters...ein Ford Taunus Baujahr 1966...
Mit diesem Auto und mit diesem Aufkleber, gewürzt mit Parkajacke plus Aufnäher "Atomkraft nein danke" fuhr ich im November 1983 nach West-Berlin, um Freunde eines Kollegen zu besuchen. Die DDR-Grenzerfahrung war niederschmetternd: schlecht gelaunte Grenzbeamte, das lustige gummi-abgedeckte Förderband für die Pässe (super-praktisch, es hat genieselt) und bohrende Blicke auf meiner Windschutzscheibe...die ich mir nicht erklären konnte: ich konnte wissen, dass der Schmied Stefan Nau am 24. September 1983 in Wittenberg in Gegenwart von Richard von Weizsäcker ein Schwert zu einer Pflugschar umgeschmiedet hatte...aber, dass ich deshalb und wegen des Aufklebers eine Tiefenprüfung des Autos verdient habe...das habe ich erst später kombiniert. Beim Tagesbesuch in Ost-Berlin wiederum ist meine Parkajacke mit "Atomkraft nein danke" der Grenzerin am Grenzübergang Friedrichstrasse ins Auge gestochen. Eine forsche und konsequente Leibesvisitation war die Folge. Den Begriff "Willkommenskultur" gab es noch nicht...es war auf jeden Fall das Gegenteil. In der Hauptstadt der DDR nur spannende Erfahrungen: ich komme aus Münster, das ist eine Fahrrad-Hochburg, in der die Autofahrer genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben...vorsichtig und demütig hinter den Fahrrädern bleiben: das Recht des Schwächeren Verkehrsteilnehmers! In Ost-Berlin überquere ich eine Straße, von weitem naht ein lautes, kleines Auto. Ich gehe weiter, die Straße ist breit, der Trabant kommt näher...bremst wohl, fährt mir aber trotzdem ans Bein...ein Volkspolizist grinst sich eins. In dem Moment war mir klar: dieses hier ist ein anderes Land, mit anderen Sitten und Gebräuchen.
Nur nebenbei eine kleine Notiz aus dem Sehnsuchtsland Frankreich: 1984 hat uns Paris-Korrespondent Ulrich Wickert in einem eindrucksvollen Selbstversuch gezeigt, wie man als Piéton, als Fußgänger, den Kreisverkehr Place de la Concorde überquert. Einfach zügig losgehen, nicht nach links und rechts gucken, keine Verunsicherung oder Schwäche zeigen...die Autofahrer passen dann schon auf. Ich habe in Ost-Berlin geguckt und den Trabant-Fahrer provoziert...selbst Schuld also.
Auf der Straße habe ich später, bei einem der ersten Besuche in Leipzig 1990 gelernt, dass es wohl doch Schnittmengen der beiden deutschen Staaten und ihrer Bewohner geben muss: mein Golf 1 war das einzige Auto in der Engert-Straße in Leipzig Plagwitz. Ich parkte gegen die Fahrtrichtung und fand am nächsten Morgen einen Zettel am Scheibenwischer. Kein Kaufangebot sondern die Mitteilung: "Auch für Sie gilt die Straßenverkehrsordnung".....Ich wusste: ich bin in Deutschland!

Die friedliche Revolution 1989 habe ich zunächst in Bulgarien miterlebt. Studenten aus Sofia waren zu Gast in Dortmund, wo ich seit 1986 Journalistik studiert habe. Der Gegenbesuch in Sofia war in jeder Hinsicht spannend: Diskussionen der demokratischen Gruppen all überall, Wohnen im Plattenbau, Rockkonzerte, Begegnungen mit orthodoxen Geistlichen...da war viel in Bewegung...befreite Menschen wollten etwas und konnten etwas...aber mindestens ein bitterer Beigeschmack blieb auch: die türkische Minderheit, die zu großen Teilen aus dem Land getrieben wurde...Rache der gekränkten Nation Bulgarien für das 500-jährige osmanische Joch...und ein sehr vitaler Rassismus gegen die Roma...der bei weitem nicht nur Bulgarien betrifft: Klaus-Michael Bogdal hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: "Europa erfindet die Zigeuner - Eine Geschichte von Faszination und Verachtung"....

Am 10. Oktober 1989 habe ich in der Tagesschau Filmaufnahmen aus Leipzig gesehen. Am Vorabend, 9. Oktober, hatten Siegbert Schaefke und Aram Radomski vom Turm der Reformierten Kirche die Montagsdemonstration gefilmt. Die Bilder sind ziemlich dunkel...aber ich habe gesehen: das sind viele...Bürgerbewegung und Neues Forum machen jetzt ihr Ding...dachte ich.
Am 9. November 1989 die Bilder von der Grenzöffnung...ich habe mich gefreut über die Freude...dass wieder eine Grenze weg war....an ein vereintes Deutschland habe nicht gedacht...
Im Februar 1990 kamen Journalistik-Studenten nach Leipzig. Wir haben sie beherbergt, Führungen durch Redaktionen gemacht, Praktikumsplätze wurden mit Freude verteilt...beim Gegenbesuch in Leipzig im März 1990 habe ich eine Frau mit kleinem Sohn kennengelernt und bin geblieben. Wegen der Liebe und weil hier etwas Spannendes - etwas nie dagewesenes passierte. Und zwar in Rekordgeschwindigkeit. Wenn jemand im Sommer 1990 "die Zeitung" verlangte, bekam er anstandslos die "Bild-Zeitung"...auf dem Marktplatz von Leipzig wurden an Tapeziertischen Versicherungsverträge unterschrieben, Autos, gebraucht oder neu mussten nicht verkauft werden...sie wurden verteilt...Goldgräberstimmung! Wenn ich Vertreter des regelfreien Goldgräber-Kapitalismus gesehen habe, mit Dauerwelle, geleastem Mercedes und fettem Autotelefon, war ich immer versucht zu sagen: passt auf, es sind nicht alle Westdeutschen so...was ja auch stimmt...
Klar war: das, was hier passiert, hat mit dem schönen rheinischen Kapitalismus oder mit der katholischen Soziallehre nichts zu tun. Das war etwas Neues...härter, schneller...zahlenbasiert: das rechnet sich nicht, wurde auch im privaten Bereich zum geflügelten Wort. Menschen haben sich oft nicht gerechnet.
Entgrenzung in der Wirtschaft und auch im privaten Leben: Anfang der 90 wechselte eine Bekannte den Arbeitgeber und ging zu Eplus. Ich weiß noch, dass ich ihr abgeraten habe, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Menschen ein Telefon mit sich herumtragen und permanent erreichbar sein wollen, "so bekloppt ist doch niemand!" ...Doch, und zwar fast alle. Durchschnittlich 88mal pro Tag schauen wir auf unser Handy. Da müssen sich Kinder strecken, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen... Soviel zu meiner Begabung, Entwicklungen richtig abzuschätzen. Nicht, dass ich daraus etwas gelernt hätte: bei der Durchdringend der Lebenswelt durch das Internet, lag ich mit meiner Einschätzung wieder daneben....

Das westdeutsche Selbstbewusstsein hatte übrigens Grenzen: schon sehr früh und hartnäckig bis heute wurde und wird von der "ehemaligen DDR" gesprochen und geschrieben...Ja, wie? Gibt es auch eine jetzige? Oder ist sie wieder da, wenn ich das "ehemalige" weglasse? War die panische Umbenennung von Straßennamen wirklich notwendig? War die 19 Meter hohe Lenin-Statue in Berlin so gefährlich, dass sie 1991 abgetragen werden musste...gefährlicher als der Hindenburg-Platz in meiner Heimatstadt Münster? Die 126 Teile der Statue wurden in Berlin-Müggelheim in einer Sandgrube verbuddelt...der Kopf immerhin durfte nach 24 Jahren - ein Beispiel moderner Archäologie, im September wieder ausgegraben werden...zu Ausstellungszwecken...verzögert haben sich die Ausgrabungsarbeiten dadurch, dass die gemeine Zauneidechse es sich auf dem Haufen, mit dem Lenin zugedeckt war, gemütlich gemacht hatte. Die Tiere mussten umgesiedelt werden. Sage niemand, Deutschland wäre nicht satire-begabt.

Zurück zur Wirtschaft: die jahrzehntelang erprobte Deutschland AG löste sich auf...Globalisierung war das Stichwort, die Ausrede, die Entschuldigung für alles...und der ganz private Wahnsinn, manche Leute haben es auch Gier genannt, kam dazu, auch bei mir: zwischen 1998 und 2000 habe ich einen viel zu großen Teil meiner Lebenszeit mit Aktienkursen vergeudet. 1998 hatte ich Intershop Aktien zum Emissionskurs bekommen und staunend verfolgt, wie sie X-fach gesplittet immer weiter stiegen. Der Kurs lag beim Einstieg bei umgerechnet 51,13 Euro...am 13. März 2000 stand die Aktie bei umgerechnet 2105 Euro. Intershop war angeblich 11,3 Milliarden Euro wert, soviel wie Thyssen Krupp. Fantasie schlägt Realwirtschaft. Irre Zeiten. Auch bei den Städten und Gemeinden: Ende der 90er Jahre tauchte ein Zauberinstrument auf, das Geld in klamme Kassen spülen sollte: CBL - cross border leasing - Städte, Leipzig war hier sehr führend, verkaufen ihre Wasserwerke oder Bahnnetze oder Fußballstadien an amerikanische Investoren und leasen die Einrichtungen gleich zurück. Die teilweise 2000 Seiten starken Verträge in Wirtschafts-Englisch hat wohl kaum ein Ratsherr gelesen, geschweige denn verstanden. Wenn diese Geschäfte dann noch mit faulen Kreditpaketen abgesichert waren...und das waren sie, dann wundert man sich etwas weniger, wenn 2008 mit der Lehmann-Pleite die Party vorbei war. Allein Leipzigs Geschäftchen mit den eigenen Wasserwerken - betreut u.a. von der Schweizer UBS - hatte einen Streitwert von 350 Millionen Euro. Leipzig hat im vergangenen Jahr den Prozess vor dem Londoner High Court of Justice gewonnen. Ansonsten wäre die Stadt für alle Zeiten pleite gewesen. Werden jetzt neue Grenzen gezogen? Wird breit und öffentlich diskutiert, was privatisiert werden kann und was öffentliche Aufgabe bleiben muss - oder wieder werden muss? Ich hoffe! Ich hoffe, dass auch hinterfragt wird, ob es so etwas wie eine "win-win-Situation" geben kann...ein Geschäft also, bei dem es nur Gewinner gibt. Nach meiner Erfahrung gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer. Oft leben Gewinner und Verlierer nicht auf demselben Kontinent.

Manchmal hatte der Größenwahn der 90er Jahre auch positive Folgen. Sie erinnern sich vielleicht an den Bauunternehmer Dr. Jürgen Schneider, der mit Bauten in Frankfurt reich wurde und dann etliche Häuser in der Leipziger Innenstadt gekauft und saniert hat...die Kredite, die er von den Banken bekommen hatte, basierten auf gefälschten Zahlen...1994 flog der Schwindel auf, Schneider flüchtete ins Ausland. Die Banken führten die von Schneider angepackten Arbeiten zuende. Ich habe damals einen Beitrag gemacht über Jürgen Schneider als Kunstmäzen...er hatte verschiedenen Künstlern Räume in noch nicht sanierten Häuser kostenlos als Ateliers zur Verfügung gestellt.
Spannend war für mich als damaliger Hauskäufer und Kreditnehmer die Frage, wie eine derartige Täuschung von Banken möglich sein kann? Warum wurde ich bis auf die Unterhose geprüft, Jürgen Schneider hingegen die Milliarden hinterhergeworfen? Vielleicht stimmt der Satz aus Percy Adlons Film "Out of Rosenheim" doch: wenn du 1000 Dollar Schulden hast, ist es Dein Problem, wenn du eine Millionen Dollar Schulden hast, ist es das Problem der Bank"...
Dass viele ostdeutsche Städte über wunderschöne Bauten verfügen und auch deshalb gern besucht werden, hat drei Gründe: 1. die Gründung der Deutschen Denkmalschutz 1985 nach dem Vorbild des britischen National Trust - die Stiftung war also rechtzeitig zur friedlichen Revolution da...und bekam dadurch einen immensen Schub und 2. die Armut der DDR. "Armut ist der beste Denkmalschutz" ist ein irritierender Satz, den ich von dem Leipziger Fotografen Bertram Kober gelernt habe. Wenn Du kein Geld hast, reißt du nicht ab und baust neu...du reparierst notdürftig und hoffst, dass die Vorfahren solide gebaut haben. Dass der Satz stimmt, kann man in fast allen westdeutschen Städten besichtigen...wo teilweise nach dem Krieg mehr abgerissen wurde, als im Krieg zerstört worden ist. 3. Das Engagement einzelner oder kleiner Gruppen gegen das Ende der DDR. Ohne sie wären zum Beispiel große Teile der Fachwerkstadt Quedlinburg nicht mehr da.

Die ostdeutschen Städte wurden schick gemacht, die ostdeutschen Straßen waren neu, die Autobahnen lagen in Beton gegossen wie eine Eins (bis der Betonkrebs kam - und alles wieder in Asphalt gemacht wird...) die Telekommunikationsnetzte auf aktuellstem Stand. Bei Besuchen im Ruhrgebiet habe ich eine gewisse Vernachlässigung gespürt...was dann der Oberbürgermeister von Duisburg thematisierte. Weg vom Ost-West-Vergleich - hin zu einer Förderung nach Bedürftigkeit. Eine kluge Bemerkung, wenn man von einem vereinten Land ausgeht. Übrigens auch klug mit Blick auf diejenigen, die lange dachten, nur die neuen Bundesländer müssten und würden sich verändern. Auch die BRD gibt es nicht mehr...was viele nicht wahrhaben wollten.
Die Ost-West-Statistiken waren sicherlich gut gemeint...für die innere deutsche Einheit aber contra produktiv.
Erst jetzt, zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, formuliert der Jahresbericht der Bundesregierung, dass der Osten den Westen in Sachen Wirtschaftskraft nicht einholen wird: 70 Prozent, mehr werden es nicht.
Richtig interessant wird es 2019 mit dem Ende des Solidarpaktes...gewürzt mit Klagen gegen den Länderfinanzausgleich...die Grenzen der nationalen Solidarität sind offensichtlich erreicht, leider.

In Westdeutschland durften fast alle jahrzehntelang eine wunderbare Kombination erleben: Demokratie und Wohlstand. Dieser Wohlstand bröckelt...und damit werden wir gefährlicher für unsere Umwelt: Bielelder Sozialforscher um Wilhelm Heitmeyer untersuchten 10 Jahre lang Tendenzen "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Islamfeindlichkeit, Sexismus, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen" - die
Ergebnisse sind ernüchternd! Nach unten treten ist wieder Mode...und das nicht nur in Deutschland.
Auch Europa scheint besonders schön gewesen zu sein, als Geld zu verteilen war. Dass Ungarn, wo am 11. September 1989 mit der Öffnung der Grenze zu Österreich der Exodus in Richtung Westdeutschland begann, jetzt wieder einen Grenz-Zaun gegen Flüchtlinge baut...zeigt, dass geschichtlicher Fortschritt vorübergehend sein kann und dass eine Verständigung über europäische Werte (jenseits des Euro und der Subventionen und Förderprogramme) offensichtlich nur unvollkommen stattgefunden hat...
So ist das, wenn die Aufnahme in eine Gemeinschaft überwiegend nach wirtschaftlichen Kennziffern erfolgt...

Die Deutschen haben viel gelernt in den letzten 25 Jahren:
über die Struktur der DDR; die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Hunderte, tausende Bücher sind dazu erschienen. Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Dass Geheimdienste schädlich sind für eine Demokratie? Oder mindestens mehr schaden, als nützen? und in entscheidenden Momenten mit hoher Wahrscheinlichkeit versagen (wie vor dem 11. September 2001)?
Und welche Konsequenzen ziehen wir privat aus den Lehren der Stasiforschung: dass wir Acht geben auf unsere privaten Daten, auf unsere Privatsphäre? Nö!
Wir sind gläserne Bürger, wir sind Verbraucherprofile. Wenn Apple uns eine neue Software und dazu die Allgemeinen Geschäftsbedingungen schickt, klicken wir schnell das Feld "akzeptiert"...es würde lange dauern, den Text zu lesen und uns würde schlecht dabei, weil wir alle Rechte an unseren Daten abgeben. Ich möchte gern dem Präsidenten der Nationalakademie Leopoldina in Halle, Jörg Hacker, glauben...er geht davon aus, dass im wilden Internet irgendwann Regeln eingeführt werden. Ich kann freilich nicht erkennen, wer das machen sollte! Die scheinbar grenzenlose Macht von Google, Apple, Facebook und anderen macht mir Sorgen...
Noch mehr Sorgen macht mir, dass wir sie mit Teilen unserer Persönlichkeit füttern. Irgendwann gibt uns Google nicht nur Antworten, sondern sagt uns die Fragen, die wir stellen werden...und noch mehr Sorgen macht mir, dass Geheimdienste in all diesen Informationen und Daten lesen, wie in einem offenen Buch...obwohl man das, wie unsere Bundeskanzlerin meinte, unter Freunden gar nicht macht!

25 Jahre Deutsche Einheit: für die Bundesregierung ist das eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht wäre es redlicher zu sagen: "wir haben es so gut gemacht, wie wir konnten" - also die Formulierung, die Eltern wählen, wenn sie sich bei ihren Kindern für gewisse Defizite entschuldigen. Das impliziert, dass Fehler gemacht wurden und dass es nicht wenige Verlierer der Einheit gibt.

Ich habe keine Vorstellung, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich 1990 nicht Leipzig gegangen, sondern in Dortmund oder Münster geblieben wäre. Ich bin dankbar, dass ich als Journalist und Moderator in den letzten 23 Jahren viel erlebt und viel erfahren habe, manches nicht verstanden habe, mich oft geärgert habe: vor allen Dingen darüber, wenn Menschen nicht auf Augenhöhe agieren…wozu übrigens immer zwei gehören. Einer, der denkt, er besser und klüger, und ein anderer, der das zulässt. Ich habe mich über die vollständige Ideologisierung der DDR-Geschichte geärgert: Plattenbauten im Osten waren sozialistischer Unrat, Plattenbauten im Westen Bau-gewordene Moderne. Diese Sichtweise hat lange bestanden...sie wird korrigiert. Das ist gut so.
Jugendliche werden sich auf Augenhöhe begegnen - und nur ein bisschen Ost-West-Gestänker pflegen...
Und bei den kleinen Kindern werden wir Schwierigkeiten haben, zu erklären, was das war: BRD, DDR, und wie man gelebt hat und welche Schwierigkeiten es bei der Vereinigung gab.

In Extremsituationen, das stimmt mich zuversichtlich, läuft der deutsche Wohlstandsbürger zur Bestform auf: bei der Flut 2002 und bei der Flut 2013 - unglaubliche Hilfsbereitschaft und vorbildliche Organisation.
Auch die aktuelle Hilfsbereitschaft gegenüber 800.000 Flüchtlingen - möglicherweise mehr - die 2015 nach Deutschland gekommen sein werden, ist mehr als eindrucksvoll. Ob das gut geht, werden in einigen Jahren besser wissen.
Bis dahin werden wieder unvorhergesehene Dinge passieren, die unser Leben mehr beeinflussen, als die Dinge, die wir planen:
Die friedliche Revolution von 1989, Die Öffnung der DDR-Grenze am 9. November 1989, Naturkatastrophen...Jahrhundertfluten kommen ganz schön oft in den letzten Jahren, der tänzerisch leichte Patriotismus der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - "die Welt zu Gast bei Freunden"....2015 hunderttausende Flüchtlinge und die Frage: ist Europa auch eine funktionierende Notgemeinschaft?
Dazu kommen Dinge, die niemand bei einem Vorzeigeunternehmen erwartet hätte - völlig unvorhergesehen, mit noch nicht abschätzbaren Folgen: VW betrügt die Welt...wer hätte das gedacht? Für Braunschweig bedeutet das Haushaltssperre und Sparen - in Kombination mit der Unterbringung von tausenden Flüchtlingen in dieser Stadt eine Herkulesaufgabe.
Der Dramatiker Thomas Brasch lässt in seinem Film "Engel aus Eisen" den Scharfrichter Völpel sagen: "Lieber Gott, erspare mir, in einer uninteressanten Zeit zu leben". Ich habe den Eindruck, dass wir in sehr interessanten Zeiten leben und Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir unsere interessante Zeit nicht nur über uns ergehen lassen, sondern menschlich gestalten.
Der 3. Oktober 2015 ist für mich durch die Einladung des Braunschweiger Doms zu einem Feiertag geworden. Vielen Dank.

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  Predigt an Karfreitag

Predigt an Karfreitag

Dompredigerin Cornelia Götz - 03.04.2015

Karfreitag. Unsere Altäre sind schmucklos, keine Blumen und keine feine Altarwäsche, in der Küche kein fetter Vogel und auch fideles Treiben ist eher nicht angesagt. Meine Elternwaren noch strikt dagegen, am Karfreitag ins Kino oder in den Zirkus zu gehen. Heute geht der gesellschaftliche Konsens bestenfalls dahin, es etwas stiller angehen zu lassen.
Denn die biblischen Passionsgeschichten beschreiben einen dunklen Tag: der Vorhang im Jerusalemer Tempel zerreißt, der Himmel verfinstert sich, die Jünger verraten und verleugnen ihren Herrn, verschwinden nach und nach von der Bildfläche.
Jesus stirbt, verspottet, gedemütigt, einsam und gottverlassen einen grausamen Foltertod.
Und dass alles ist nötig, so bekennt es die Christenheit, damit wir die Strafen für unsere Sünden nicht selbst erleiden müssen, damit wir nicht bekommen, was wir verdienen.
Das alles ist nötig, damit wir aus lauter Gottes Güte behandelt wären, als wären wir die bessere Ausgabe unserer selbst.
Nun denken Sie vielleicht, dass ganz so schlimm mit uns ja nicht steht und dass wir für die Bilanz unserer Lebensführung nicht gleich die Todesstrafe verdient haben.
Ja, das denke ich eigentlich auch und das wissen wohl auch die Autoren und Kommentatoren der Bibel. Und unser Gott, der neben allem Offensichtlichen auch das weiß, was wir verschweigen und vergessen wollen, der hat wohl auch einen klaren Blick für unser tatsächliches Sündenregister.
Aber um die Summe aller Delikte, die man nach geltendem Recht ahnden könnte, geht es heute auch nicht. Dafür wäre es – auch wenn sicherlich eine Menge zusammenkommt - nicht nötig, dass Gott seinen Sohn drangibt.
Jesus stirbt unserer Hybris wegen, zu Deutsch: unserer Anmaßung wegen, sein zu wollen wie Gott.

Jetzt denken Sie vielleicht, dass Sie das doch gar nicht wollen, aber diese – unsere eigentliche Sünde – hat mehr Facetten als man ahnt und wohnt uns tiefer inne, als wir wahrhaben wollen. Denn Sünde meint unseren Irrglauben, verantworten zu können, wo wir
alles meinen, eingreifen zu dürfen; es geht um unsere missverstandene Freiheit, unsere Maßlosigkeit. Sünde hat damit zu tun, dass wir uns Urteile über andere Menschen anmaßen und in die Schöpfung eingreifen, dass wir die Balance der Welt unserem Wohlstand und Wachstumswahn opfern und dafür Kriege führen.
Man kann es auch privater sagen: der Versuch sein zu wollen wie Gott, verleitet uns, unsere Kinder zu Projekten unserer Wertvorstellungen machen oder Andere nach unserem Willen formen zu wollen, über Leben und Sterben selbst entscheiden zu wollen. Und man könnte noch Manches hinzufügen, um am Ende doch nur zu konstatieren, dass Gottes Schöpfung, die gut war, aus dem Lot geraten ist und dass es nicht böse Mächte und Gewalten sind, die alles durcheinanderwirbeln, sondern wir.
Das kriegen wir hin. Aber wir es wäre Größenwahn, Hybris eben, zu glauben, wir könnten unsere Welt auch aus eigener Kraft wieder zurechtbringen. Darum möchte ich einer Religion oder Weltanschauung, die lehrt, dass Menschen durch ihr eigenes Bemühen immer besser und vollkommener werden, nicht angehören. Denn ich glaube nicht, dass es uns aus eigener Kraft gelingt, wirklich ein gottgefälliges Leben zu führen, nicht mehr vergebungsbedürftig zu sein. Die Erfahrung zeigt ja, dass unsere schönsten Utopien und gerechtesten Gesellschaftsentwürfe scheitern, weil Menschen eben sind wie sie sind.
Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass wir uns nicht selbst erlösen können, dass wir auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sind.
Der Wolfsburger Imam, mit dem ich neulich ein langes Gespräch über diese Fragen geführt habe, sagte an dieser Stelle unseres Diskurses: das ist ja ein sehr trauriges Menschenbild und ein sehr vom Misslingen her gedachtes unfreies Leben, in dem es auch gar keinen Sinn macht zu versuchen, ein anständiges Leben zu führen. Er wunderte sich, wieso denn dann unsere christliche Religion für so schön gehalten wird.
Da hätte er recht - wenn man Gottes Geschichte mit uns Menschen ohne Karfreitag und Ostern denkt. Da hätte er recht, wenn man Karfreitag und Ostern wie Goethes Osterspaziergang versteht, der wunderbar beschreibt, wie Menschen sich nach Licht und ins Helle sehnen und den Moment, in dem sie sich menschlicher Vollkommenheit nahe fühlen, einfach nur festhalten wollen, denn die Menschen ahnen, dass sie nachher in das drückende Dunkel ihrer eigenen Grenzen zurückmüssen:
„Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, / Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, / Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht, / Sind sie alle ans Licht gebracht. / Sieh nur sieh / wie behend sich die Menge / durch die Gärten und Felder zerschlägt / wie der Fluss in breit und Länge / so manchen lustigen Nachen bewegt…“. Und das endet mit dem berühmten: „Zufrieden jauchzet groß und klein: / Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Goethes Ostern bleibt ein Frühlingsfest, ein Abglanz dessen, was Gott heute an uns tut. Wenn Menschen überhaupt Worte für Gottes Heilstat finden konnten, dann hat Gott sie vielleicht dem Johannes geschenkt. In seiner Passionsgeschichte kommen zwar all die Marter von denen ich am Anfang berichtete, nicht vor: Der Jesus des Johannesevangeliums bricht nicht unter der Last seines Kreuzes zusammen, so dass ihm ein Anderer tragen helfen muss. Er wird nicht verspottet und gegeißelt, er hier schreit nicht: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“
Dabei ist all das bestimmt passiert. All das gehört zu Karfreitag dazu. All das weiß auch Johannes, denn es zeigt, dass hier ein wirklicher Mensch stirbt. Aber Johannes weiß auch: all das erklärt noch nicht, was passiert und unterscheidet Jesus kaum von den beiden Verbrechern, die rechts und links von ihm starben.
Johannes erzählt nicht wie die anderen Evangelisten als Zeitzeuge, der einen historischen Bericht abfasst. Sondern er tut es aus unserer Perspektive: Er lebt wie wir in der Zeit danach, in der Jesus Christus unter uns nicht mehr anwesend ist – schon erlöst und noch in dieser Welt.
Er lebt wie wir mit all dem, was uns gesagt ist, wie wir leben sollen, was gut und böse ist. Er kennt Taufe und Abendmahl und weiß, dass mit der Taufe Gott neu mit uns beginnt und dass uns das Abendmahl als Zeichen der Vergewisserung durchhilft . Aber er weiß auch, dass wir bei allem guten Willen immer wieder an uns selber scheitern, dass wir nie so sind, wie wir sein wollen und dass Gottes Friede seit Ostern in unserer Welt aufscheint aber keineswegs vorhanden ist. Johannes weiß, dass es dieses Leiden und Sterben braucht, damit uns nicht erdrückt, was wir nicht vermögen. Und darum legt er Jesus in den Mund: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ und sagt damit: von Jesus könnt ihr auf meinen Vater schließen. Dieser Jesus zerbricht nicht an seinem Auftrag, wie Gott nicht an uns zerbricht und wie wir nicht mehr zerbrechen müssen.
Unsere Sünde ist nicht weg, aber sie trennt uns nicht mehr von Gott und dem Leben, das er für uns bestimmt hat.
Und darum vermute ich, ist der Jesus der Johannespassion nicht der zerlittene Jesus des Isenheimer Altars, sondern unserem Imervard ähnlich. Unter seinem Kreuz werden wir heil.
Amen.

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