Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Sehen und gesehen werden

Sehen und gesehen werden

Dompredigerin Cornelia Götz - 24.02.2020

Manchmal schafft die Ungleichzeitigkeit der Ereignisse auch neue Sichtbarkeiten. Am Samstag hatten wir hier das Mittagsgebet. Die Orgelmusik – mit Bedacht schon vor einigen Tagen ausgesucht, sollte heiter und fröhlich stimmen, Karnevalsmusik eben mit aller schrägen Buntheit egal wie das Wetter ist.
Aber dann kam Hanau. Nichts passte mehr. Ein schneller Umschwenk sollte es nicht werden. Es ist ja nicht wahr, dass man nur kurz Vorzeichen und Tempi ändern muss und schon würde man zehn Morden gerecht und einem gefährlichen Klimawandel in unserem Land. Also markieren was ist – auch und gerade im Alltag der Welt, im Lauf des Jahres.
Erst recht, weil ja gerade Karneval – das Fest der Masken und Kostüme – eine perfekte und immer wieder auch sehr politische Möglichkeit ist, Themen zu platzieren, Schmerz oder Trauer zu zeigen? Trotz Sturm und Regen. Grau, nass und ungemütlich mag es sein, deswegen wird trotzdem auf der Straße vorgefahren was auf die Schippe gehört, Beachtung verdient.
Währenddessen wurde in Hamburg gewählt. Heute werden die Wahlergebnisse kommentiert, bei Kontrovers im DLF über die mögliche Unterschätzung des Rechtsterrorismus debattiert und wieder parallel: Rosenmontagsumzüge!
Sehen und gesehen werden, sich verkleiden, um nicht erkannt zu werden oder endlich einmal so sein zu können, wie man gern wäre, cool, gefährlich, sexy, altmodisch, tierisch, niedlich, zart. Sich verkleiden, und eine Rolle ausprobieren: Sicherheitsdienst sein oder Gangster, Königin oder Nutte…
Das ist mehr als ein Spiel. Es ist auch ein Ausbruch von Sehnsucht und von Zorn, von Selbstkritik, von Freiheit und Hellsichtigkeit.
Eine Augenweide – jedenfalls immer mal wieder.
Und ich wundere mich bei all der Ungleichzeitigkeit über den Predigttext gestern, der ja auch noch dazukommt: da sitzt ein Blinder an der Straße. Einer, der nicht viel sieht und doch so viel wahrnimmt. Einer, der übersehen wird und sich doch Gehör verschafft. Einer, der den Augenschein nicht zur Verfügung hat, um eine Maskerade von einem ernstgemeinten Auftritt zu unterscheiden, eine Gefahr von einem Spaß, eine anhaltende Irritation von der fünften Jahreszeit.
Dieser Blinde schreit: Herr erbarme Dich! Und er bittet: Lass mich sehend werden! Das brauchen wir Beides. Gottes Erbarmen und einen klaren Blick! Damit wir nicht in die Irre laufen, nicht verführbar oder manipulierbar sind, Spaß und Ernst auseinanderhalten.

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  Nach Hanau

Nach Hanau

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.02.2020

Morgen wird der Karnevalsumzug durch Braunschweig ziehen, dann folgen Rosenmontag, Fasching und Aschermittwoch, der Beginn der Passionszeit. Es wird dann heißen: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem…“, denn dort wird alles vollendet werden. Dort wird der, der die Aussätzigen und Ausgestoßenen, die Engstirnigen und die Hartherzigen von den Straßenrändern und Bäumen gesammelt hat, der die Liebe predigte, die Barmherzigkeit und die Zukunft, die im Teilen liegt, hingerichtet werden.
Ihn wird kein Blitz umbringen, der ihn aus heiterem Himmel trifft, auch kein Virus, das bis dahin niemand kannte – es werden Menschen sein, Zeitgenossen, die das tun.
Die große Menge wird dabei sein und „Hosianna“ „rufen“ oder „kreuzige ihn“, sie wird mitlaufen, mal gröhlend und mal schweigend und weil es eben die große Menge ist, werden Menschen aus allen Schichten und allen Milieus, die Begabten und die Dummen, die Erfolgreichen und die Gescheiterten, die Hellsichtigen und die Verführten, die Geliebten und die Verlassenen dabei sein, die psychisch Kranken und die, die sich für gesund und normal halten – alle.
Sie sind die Vielen, sie sind wir.
Aus dieser Masse, genauer aus der Mitte der gutbürgerlichen Gesellschaft, wie wir das nennen – als wäre es eine Art Impfstatus – höre ich sowas:
Da kannst Du nicht wohnen, da klauen die die Teppichhändler dein Fahrrad.
Da kannst du nicht zu Fuß gehen, da stehen die Messerstecher rum.
Ich will ja nicht, dass Kinder ertrinken aber hier kann nicht jeder herkommen.
Warum hat er denn kein deutsches Mädchen gefunden?
Es fiele mir noch viel mehr ein, aber das alles laut werden zu lassen, machte die Luft noch schmutziger.
Ich höre das, denn sich stehe mittendrin.
Ich höre das, denn ich gehöre dazu – zu den Vielen, die mitgehen und sich mal empören und mal schweigen, mal zögern, mal reden.
Natürlich kann man jetzt das Versagen der Zuständigen in den Blick nehmen oder das böse Internet verfluchen, natürlich kann man auch seine Hände in Unschuld waschen und später den Besitz verlosen.
Aber schon damals wusste man und steht im neuen Testament über diesem Tag im ersten Johannesbrief: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Das abschreibend habe ich einen Freudschen Fehler gemacht: „Wenn wir sagen, wir haben keine Stimme, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“–
Doch, wir haben eine Stimme, wir haben Augen und Ohren, Herz und Verstand, es ist uns gesagt, was gut ist und wir können nicht behaupten, wir wüssten nicht, was wir tun. Ja, wir gehören zur großen Menge.
Aber wir sind jeder Einzelne bei unserem Namen gerufen, haben jede und jeder eine Stimme, ein Herz und ein Gewissen. Das muss man doch endlich merken!

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  Was hülfe es dem Menschen…?

Was hülfe es dem Menschen…?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.02.2020

Die Seele hat es schwer im 21. Jahrhundert.
Und diese Woche erst recht.
Yuval Noah Harari schreibt in „Homo Deus“: „Die Evolutionstheorie kann die Vorstellung einer Seele nicht akzeptieren, zumindest wenn wir mit Seele etwas unteilbares, Unveränderliches und potenziell Ewiges meinen. Ein solches Gebilde kann schlicht nicht aus einer schrittweisen Evolution erwachsen.
Biochemisch nachweisbar ist die Seele auch nicht geschweige denn in einen binären Code zu zwingen.
Müssen wir uns also zwischen Seele und Naturwissenschaft entscheiden?
Sollen wir uns seelenlos denken?
Oder müssen wir uns gerade deshalb wagen, deutlicher von der Seele zu sprechen? Andernfalls würde das Geheimnis des Menschen verschwinden. Oder – auch heute mit Johanna Haberer: „Wer aufhört, von der Seele zu sprechen, hilft die Seele selbst zum Verschwinden zu bringen … dann steht viel mehr auf dem Spiel als nur ein Wort mit einer langen metaphysischen Geschichte.“
Vielleicht ist also die Rede von der Seele, ohne die Gotteserfahrung und Widerstand gegen alle möglichen Mechanismen kaum denkbar ist, umso dringender. Gerade die Seele steht doch für das, was uns zutiefst ausmacht ohne dass man es sehen und messen kann. Sie beschreibt unser zutiefst Inneres, das was uns heiligt, den Raum in uns, der Gott Wohnung gibt.
Kein Wunder, dass es schon bei Matthäus heißt:
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“
Was hülfe es uns, wenn wir das Weltwissen und Weltgedächtnis sammeln und speichern können, alle Daten aller Menschen vergleichen und analysieren könne, wenn wir dabei unserer Seele verlieren, die „Sakralität der Person?“. So der Sozialphilosoph Hans Joas.
Wir würden unsere Freiheit einbüßen, unsere Originalität, die Menschenliebe, den Gottesbezug. Wir würden arm und leer. Es würde kalt.
Es wird sein wie in Halle und Hanau…

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  Kälte

Kälte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.02.2020

Es ist scheußlich draußen. Die nasse Kälte kriecht einem in die Knochen, die Zwischenrippenmuskeln tun weh und ich denke abwechselnd darüber nach, warum Kälte im Februar, wenn’s doch schon fast Frühling ist, so schlechter auszuhalten geht als im November und ob ich nachher in die Sauna fahren oder nicht doch nach nebenan zu Jack Wolfskin gehen sollte und mir einen Bürofleece kaufen. Am Ende genügt es meistens, die Heizung aufzudrehen und eine Tasse Tee zu kochen und mich zusammenzureißen, denn das sind Wehwehchen – und alle Überlegungen echte Möglichkeiten, die ich nur nicht realisiere, weil ich zu faul, zu geizig oder anflugsweise vernünftig in.
Mit anderen Worten: ich habe Luxusprobleme.
Aber in Syrien, in Idlib, erfrieren Kinder.
Neun Jahre nach Ausbruch des Kriegs hat das Elend einen neuen Höhepunkt erreicht. Wieder trifft es Zivilsten, Alte, Frauen und Kinder und dass in einem Land, in dem alle Infrastruktur kaputt ist, Nachbarn Grenzen geschlossen haben, Flüchtlingslager im wahrsten Sinne des Wortes hoffnungslos überfüllt sind. Tausende stranden irgendwo – ohne sanitäre Anlagen, ohne Versorgung, Heizmaterial. Und sie kommen nicht gesund und stark an, wie einer, der in schlimmen Zeiten noch etwas zuzusetzen hat.
Im Gegenteil…
Auch sie werden an warme Anziehsachen, Suppen, Öfen, Zimmer, Betten denken – Bilder aus einer unerreichbar fernen heilen Welt. Und müssen stattdessen zusehen, wie Kinder immer stiller und weißer werden.
Hier mögen alte Bilder hochsteigen, wenn man davon hört: der Winter 1945 war grausam kalt. Menschen blieben einfach sitzen und erfroren, Kinderwagen blieben stehen, kein Laut mehr…
Wir hier mögen uns ohnmächtig fühlen. Aber wir können gegen das Vergessen anreden, Spenden sammeln und beten. Wir sollten all das tun.

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  Namen und Nummern

Namen und Nummern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.02.2020

Notgedrungen aber gar keineswegs lustlos steige ich wieder in den Konfirmandenunterricht ein, grabe in alten Ordnern nach Unterrichtsentwürfen und finde es genauso spannend wie vor fünfzehn Jahren, mit Mädchen und Jungen nicht nur zu erarbeiten, was denn nun im Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis, den zehn Geboten oder Psalm 23 steht, sondern vor allem danach zu fragen, was das das alles mit unserem Leben zu tun hat:
Gibt es einen Ort in meinem Leben, wo ich spüre, was eine Zuflucht ist und ahne dass Gott mir dort besonders nah ist?
Wann, wie oft haben andere für mich das Vaterunser gebetet? Zum Schulanfang, bei der Taufe, jeden Abend, als ich einmal schlimm krank war?
Welche Worte im Glaubensbekenntnis kann ich gut mitsprechen und welche nicht?
Was bedeutet Gottebenbildlichkeit? Was ist denn an mir besonders, einzigartig und unverwechselbar?
Immer ist bei solchen Fragen wichtig, dass die Jungen und Mädchen – gerade in einem Alter, in dem alles schrecklich unklar ist, Körper und Gehirn eine einzige große Baustelle sind – hören: Genau du bist Gott recht, genau Dich hat er gewollt, so wie du bist, unvollkommen und nicht immer perfekt, nicht die Beste in allem, der Schönste, die Schnellste. Darum hat er dich bei deinem Namen gerufen.
Das gilt noch immer. Und trotzdem ist alles anders.
Wir leben im digitalen Zeitalter und sind längst Nummern geworden. Kaum zählbar sind die Zahlenkombinationen, mit denen wir unser Leben organisieren. Hinzukommen die Algorithmen, die uns navigieren, uns mit mathematischer Eindeutigkeit als Kunden, Risiken, Ressource im Blick haben.
Darum gilt mit Johanna Haberer, Theologin und Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung: „Was sagst Du, wenn Dich deine Kinder und Enkel fragen: Warum hast du nichts getan gegen die Vermessung des menschen und die Monetarisierung seiner Daten? Warum hast du nichts gesagt, als Menschen zu Nummern wurden und zu Objekten digitaler Erzieher?“
Es wird nicht darum gehen können, das Internet zu verteufeln oder sich den digitalen Medien entziehen zu wollen. Aber wir müssen scharfe Fragen stellen, denn wenn wir nur noch Nummern sind, dann habe ich „meine Individualität verloren. Die Nummer steht für den Verlust der Persönlichkeit, den seelenlosen Blick auf meine Existenz.“
Und dann vergessen wir, was es heißt, beim Namen gerufen zu sein, unverwechselbare Geschöpfe zu sein – mit Seele und gewissen, Kreativität, Liebe, Widerstandskraft.

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  Wertvoll…

Wertvoll…

Marc Bühner, Prädikant - 17.02.2020

Ein Professor startete einmal seine Vorlesung, indem er einen Scheck über 40,- € hoch hielt. Der Hörsaal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Er fragte: “Wer möchte diesen Scheck haben?” Alle Hände gingen hoch. Er sagte: “Ich werde diesen 40,- € Scheck einem von Euch geben, aber zuerst lasst mich eins tun.” Er zerknitterte den Scheck. Dann fragte er: “Möchte ihn immer noch einer haben?” Die Hände waren immer noch alle oben. Also erwiderte er: “Was ist, wenn ich das tue?” Er warf ihn auf den Boden und rieb den Scheck mit seinen Schuhen am dreckigen Untergrund. Er hob ihn auf, den Scheck; er war zerknittert und völlig dreckig. “Nun, wer möchte ihn jetzt noch haben?” Es waren immer noch alle Arme in der Luft. Dann sagte er: “Wir haben soeben eine sehr wertvolle Lektion gelernt. Was auch immer mit dem Scheck geschah: Ihr wolltet ihn haben, weil er nie an seinem Wert verloren hat. Er war und blieb stets 40,- € wert. Es passiert oft in unserem Leben, dass wir abgestoßen, zu Boden geworfen, zerknittert, und in den Dreck geschmissen werden. Das sind Tatsachen aus dem alltäglichen Leben. Dann fühlen wir uns, als ob wir wertlos wären. Aber egal was passiert ist oder was passieren wird, DU wirst niemals an Wert verlieren. Schmutzig oder sauber, zerknittert oder fein gebügelt, DU bist immer noch unbezahlbar für all jene, die dich über alles lieben. Der Wert unseres Lebens wird nicht durch das bewertet, was wir tun oder wen wir kennen oder wie wir aussehen … sondern dadurch wer wir sind. Du bist was Besonderes und wertvoll – Vergiss das niemals!”

Wie Recht doch dieser Professor hat und wie anschaulich er es seinen Studenten vor Augen führte. Ich muss zugeben: Ich kann mich in seinen Ausführungen gut wieder finden und das auf beiden Seiten. Ich kann mich auf der Seite derjenigen wieder finden, die andere bewerten. Wie schnell urteilt man über andere, nur auf Grund des Aussehens oder des Eindruckes, den man von jemand hat. Ich kann mich aber auch gut auf der Seite wieder finden, auf der man von anderen bewertet wird. Aber nicht nur von anderen bewertet. Oft gibt es Momente, in denen man sich selbst betrachtet und meint, wie “zerknittert oder dreckig“ man doch ist. Man urteilt dann über sich selbst und es fällt einem schwer, den eigenen Wert zu erkennen. In solchen Momenten ist es gut, wenn man sich daran erinnert, dass es da jemanden gibt, für den man so wertvoll ist, dass er sogar seinen eigenen Sohn in den Tod gegeben hat und der einen so wollte, wie man ist. In einem Lied heißt es: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal ob du dein Lebenslied in Moll singt oder in Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du, das ist der Clou, du bist du. Ja, du bist du.“
Ja, ich bin ich. Genau so und nicht anders: Ob nun schmutzig oder sauber, zerknittert oder fein gebügelt. Ganz egal. So wie ich bin, bin ich wertvoll in Gottes Augen, kostbar und einmalig und er sagt mir, dass er mich lieb hat (Jesaja 43, 11). Und so kann ich einstimmen in die Worte des Psalmbeters: „Ich danke dir, Herr, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele!“ (Psalm 139, 14)

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  Dünnes Eis

Dünnes Eis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.02.2020

Mit Valentinstag fang ich nicht erst an. Dünnes Eis. Verliebte brauchen fraglos Schutzengel, weil sie gerne den einen oder anderen Alltagsaspekt ausblenden und deshalb ein bisschen gefährdeter sind, unter Straßenbahnen zu laufen oder sich beim Schmusen zu verkühlen – aber einen extra Tag brauchen sie eigentlich nicht. Wer von Blume 2000 aufgefordert werden muss, Schokoladenherzen, Sekt oder Rosen zu verschenken, der ist wahrscheinlich gar nicht verliebt…
Aber einen Extratag für alle Helden und Heldinnen des Alltags, die sich in unserem Leben wacker halten obwohl sie oft über dünnes Eis gehen, den fände ich gut und dann könnte ich auch Sonderangebote von Blume 2000 gebrauchen, denn solche kenne ich viele.
Die einen kämpfen sich durch Krankheiten, halten Schmerzen, schlaflose Nächte und die Angst vor schlimmen Prognosen aus und machen ganz nebenbei vor, wie man sich freut an allem was geht und möglich ist.
Die anderen haben ihren Liebsten verloren und der Schmerz lässt nicht nach, die Lücke wird nicht kleiner, die Leere größer. So vieles fühlt sich dann nur noch halb an. Manches geht gar nicht mehr aus lauter Angst vor den Erinnerungen, die zu wehtun. Und immer wieder überfällt einen unverhofft ein Schriftzug, ein Geruch, ein Bild… und trotzdem sind sie verlässlich und treu da, wo sie gebraucht werden.
Und was ist mit denen, die Sorgen um ihre Liebsten tragen und vor lauter Herzenserschöpfung schon kaum noch zu hoffen wagen und dennoch jeden Tag Mut machen und Frühstück?
Und all die auf dünnem Eis, die wissen, dass darunter das tiefe schwarze Loch der Depression oder der Sucht liegt und die trotzdem gehen und sich Schritt für Schritt vorwärts wagen?
Eine junge Frau schrieb: „Und ich frage dich: ich habe so oft alles gegeben. Aber war es am Ende genug? Und du sagst. Ja, das ist doch dein erstes Mal Leben und deshalb dein bester Versuch.“
Und ich denke: ja, wir sind alle Menschen, unvollkommen, verletzlich, auf dünnem Eis. Aber auch: einzigartig, besonders, kostbar, tapfer.

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  Verleih uns Frieden

Verleih uns Frieden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.02.2020

Meine Großmutter wuchs in Dresden auf; das Ende des Krieges erlebte sie in Dippoldiswalde, einer Kleinstadt am Fuße des Osterzgebirges. Darum gehören zu den Erzählungen meiner Kindheit auch die vom roten Himmel über der brennenden Stadt, von Menschen, die in Flammen standen und in die Elbe sprangen und einem Urgroßvater, der im Schutt seines Hauses nach seiner goldenen Taschenuhr suchte. Allmählich ahnte ich, was die Brachen zwischen den Häusern in Karl-Marx-Stadt bedeuteten. Beim Schulausflug hielten wir vor der schwarzen Ruine der Dresdner Frauenkirche. Ein Mahnmal.
Ich habe mich nicht gewundert, wenn Menschen von der Zerstörung Dresdens redeten als wäre keine Stadt schlimmer bombardiert worden. Später las ich in den Tagebüchern Victor Klemperers aus dem Februar 1945: „… und dann kam Entwarnung. Draußen war es taghell. Am Pinaischen Platz, in der Marschallstrasse und irgendwo an oder über der Elbe brannte es lichterloh…“ und lernte in der Ostschule: Angloamerikanische Bomber zerstörten eine Kunststadt voller Zivilisten.
So entsteht ein Weltbild.
Erwachsen geworden stand ich dann in der Ruine der Kathedrale von Coventry und lernte, was coventrieren heißt. Paul Österreicher, der große Versöhnungsarbeiter, erzählte von seinem Netzwerk von Nagelkreuzgemeinden. Auch hier ein Mahnmal und ein Strahlort für Friedensarbeit.
Das Unglück der Stadt der Stadt Dresden relativierte sich auf schauerliche Weise. Ich habe gelernt zu staunen, wenn eine Stadt unversehrt geblieben ist…
Heute wird der Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren gedacht.
Vielleicht waren Sie dabei als wir am 14. Oktober im letzten Jahr hier saßen und auf Töne hörten, die in Mark und Bein fuhren, Bilder an den Wänden liefen – London, Palmyra, Hiroshima…
Und noch immer werden Waffen gebaut und damit Geld verdient, werden sie in die Hände derer gegeben, die Städte in Schutt und Asche legen. Noch immer ist es dringend, dass wir die Geschichten der Anderen hören und die Wahrheit darin suchen, noch immer tut es händeringend not für den Frieden mit den uralten Worten des Franz von Assisi beten: „O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens…“




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  Heuschrecken

Heuschrecken

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.02.2020

Als junge Dorfpfarrerin erschreckte ich meinen Mitarbeiter, der sich um die Gemeindefinanzen und das Büro kümmerte, eines Tages mit der Mitteilung, ich würde gern einen Wassereimer voller grüner Knete bestellen. Er muss wohl an meinem Verstand gezweifelt haben aber rückblickend veränderte das unsere Zusammenarbeit grundlegend. Er verstand und hielt mir den Rücken frei wo er nur konnte. Ich brauchte die Knete für die Kinderkirche. Wir waren bei den sieben Plagen angekommen, mit denen Gott der Herr den Pharao zwang, sein Volk aus Ägypten wegziehen zu lassen. So kam es, dass mitten in der Dorfkirche im Puppenbett unserer Tochter der Barbieprinz lag und von allen Seiten zahllose kleine grüne Tiere Knettiere über ihn krochen. Eine Plage.
Es waren wie gesagt, Dorfkinder. Sie kannten Heuschrecken und manche von ihnen ahnten wohl auch, dass ihre Eltern in der Landwirtschaft Sorgen hatten. Aber dass die kleinen Heuschrecken ein Land so kahl fressen können, dass eine Hungersnot ausbricht, schien unvorstellbar.
Es waren Kinder und sie fanden es in Ordnung, dass Gott den bösen Pharao so quälte, damit die armen Israeliten endlich in die Freiheit ziehen konnten, in ein besseres Leben. Dass eben dieser Gott in seiner Unbegreiflichkeit auch alle ganz normalen Menschen seines Landes mit den schlimmen Plagen hungern und sterben ließ, gehörte nicht in die Kinderkirche. Zu unbegreiflich und unbarmherzig ist das Mittel, mit dem er seinen Willen durchsetzt.
Heuschrecken sind infolge dieser biblischen Geschichte sinnbildich geworden – für die Verwüstung, was Menschen einander antun können: Wenn Holdings ganze Straßen jahrelang hin- und her verkaufen, um mit diesen Immobilien Gewinne zu machen ohne dass jemand darin wohnen kann oder ein Grundstück gepflegt wird, dann verwahrlosen ganz Viertel – eine Heuschreckenplage.
Aber die scheint harmlos angesichts der jüngsten Bilder aus Afrika. Dort wütet die schlimmste Heuschreckenplage seit langem. Riesige Schwärme fressen alles kahl. Wie Wolken senken sich die Tiere auf die Felder – dort wo Menschen ohnehin hungern und in äußerster Armut leben.
Wir sind keine Kinder mehr. Uns sollte man nicht mit halben Geschichten schonen. Was immer die Ursachen dieser Katastrophe sein mögen, sie wird einmal mehr das Ungleichgewicht unserer Welt verstärken. Wäre das ein Bibliodrama, dann stünde die reiche westliche Welt sicher für den Pharao, den es endlich zu erweichen gilt so hart und unbegreiflich das alles ist.

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  Schuldkult

Schuldkult

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.02.2020

Das Jahr ist noch jung aber es ist schon genug Bestürzendes geschehen, um sich für den Rest des Jahres Sorgen zu machen. Die politischen Eruptionen der letzten Tage haben gezeigt, dass kaum etwas selbstverständlich ist und wir schneller als gedacht in Situationen geraten, von denen wir hofften, nie wieder …
Jenseits aller politischen Diskussionen über Personal, Bündnisse und Koalitionen sollten wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen und glauben, beliebig lange taktieren, abwarten oder mit dem Feuer spielen zu können. Mit anderen deutlicheren und meinen Worten: eine Partei, die eine geschichtspolitische Wende und damit auch eine Neubewertung des Nationalsozialismus fordert, darf nicht in Verantwortung kommen.
Ich weiß, dass Mancher ein politisches Statement von der Kanzel für falsch hält. Ich teile das sofern es sich um Wahlkampf handelt, Partei- oder Kandidateninteressen. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es Haltungen gibt, die mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind und darum hierher gehören.
Weil dies nur eine kleine Andacht ist, tut es Not, schnell zum Punkt zu kommen: Eines der neuerdings häufiger verwendeten und scheußlichen Wörter (ein Unwort ist es leider nicht, denn es ist mit Bedeutung gefüllt, wird ausgesprochen und verstanden) ist der Begriff „Schulkult.“ Er stammt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Damals versuchten Unverbesserliche die Entnazifizierung zu verhindern, weil sie eben Ausdruck von Siegerjustiz und Schukdkult sei. Heute taucht das Wort vor allem im Zusammenhang der Gedenkkultur an Orten wir Bergen-Belsen oder Dachau wieder auf. Es markiert die Spitze eines Eisberges.
Indem die Erinnerungskultur als Schuldkult beschrieben wird, beansprucht man Reinwaschung und einen Schlussstrich, wenn nicht gar Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle. Das dürfen wir nicht mitmachen, weder als Deutsche noch als Christen. „Und vergib uns unsere Schuld“ – so beten wir wohl wissend dass wir nicht leben könnten, wenn sie uns angerechnet würde. Dass wir dennoch leben dürfen danken wir dem, der an unsere Stelle alle Schuld auf sich genommen hat. Nur da entlang führt der Weg. Es ist ein Weg hier durch unsere Zeit in unserem Land. Es geht um Wahrheit, Verantwortung, Würde und auch klare Worte, Haltung, Widerstand.

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  Wellenbrecher

Wellenbrecher

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.02.2020

Gestern Morgen war ich noch auf Hiddensee, einem meiner Seelenorte und hätten wir nicht das allererste Boot genommen, wäre ich heute nicht hier, sondern würde den Sturm abwarten müssen und dann und wann die Wucht des Meeres bestaunen. Dort, wo ich zuerst hingehe, wenn ich ankomme und zuletzt, ehe ich fahre, gibt es riesige Wellenbrecher zum Schutz der Steilküste. An ihnen kann man gut sehen, was sich im Alltag einer Landratte sonst nicht so deutlich zeigt:
Die ungeheure Kraft der Natur. Wir erahnen sie, wenn die Wellenkämme auf den Strand rollen und der Wind tost. Aber das Krachen an den Wellenbrechern, das meterhohe Anstürmen sehen wir sonst nicht. Die innewohnende Kraft ist aber immer da. Hinter den Brechern dagegen ist es ruhig. Viel geschützter als am Strand sonst irgendwo. Dort kommt und geht das Wasser, mal sanfter, mal heftiger, mal bringt es Tang, mal Steine, manchmal Schätze - Muscheln, Bernsteine, Hühnergötter. Hinter den Brechern dagegen dümpelt das Restwasser und dort wird es oft schaumig. Auch der Schmutz zeigt sich eben in der Schutzzone überraschend deutlich.
Wenn es schließlich stürmt wie in diesen Tagen, dann schützt auch der Wellenbrecher nicht, dann braucht es andere im wahrsten Sinne des Wortes umfriedete Zufluchtsorte. Vielleicht sehen Kirchen in Norddeutschland dieses Standhaltens wegen oft so ungeheuer trutzig und mächtig aus. Sie könne sich nicht biegen wie Bäume und sollten nicht schief drücken lassen vom Wind. Die Stralsunder Marienkirche jedenfalls sieht man schon von weitem und wenn man davor steht, muss man nicht nur den Kopf in den Nacken legen oder etliche Schritte zur Umrundung einplanen, es ist auch verblüffend, wie groß die Fenster am Ende doch sind, wieviel Licht sie hineinlassen .
Es ist ein Kirche, keine Burg, die Feinden trotzt.
So ist es auch hier mit unserem Dom. Ohne Frage ist er eine sichere Zuflucht vor Sturm und Regen, Hagel und Hitze und ein Wellenbrecher, der uns vor den Sturmfluten des Lebens schützt. Hier drinnen gibt es eine Schutzzone und darf sich zeigen, was schmerzt und zerrt, was zurückbleibt, wenn das Wetter vorüber ist. Hier drinnen gilt Gottes Wucht und die Unerklärlichkeit seines Ratschlusses, die Fülle seines Segens und die manchmal schreckliche Andersartigkeit seines Wirkens. Natürlich. Aber hier erinnern wir uns, dass wir nicht steinharte Wellenbrecher sind oder sein müssen, sondern Menschen bleiben, die mit Daniel beten, so wie es über dieser Woche steht: „Wir liegen vor Dir mit unserer Gerechtigkeit und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

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  Revolution!

Revolution!

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.02.2020

„Ihr mit Eurem Gerede von „Wir haben uns alle lieb“. Eure Kuschelbotschaft ist doch viel zu weichgespült. Damit erreicht ihr gar nichts.“ Solcherlei Entgegnungen sind bisweilen zu hören, wenn es um christliche, wenn es um biblische Botschaft im Zusammenhang mit den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit geht. Kuschelbotschaft, viel zu weichgespült, damit erreicht ihr gar nichts. Zugegeben: In ihrer Geschichte hat sich Kirche das eine oder andere Mal in diesem Zusammenhang nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es seitens der Kirche versäumt, sich klar gegen das Unrechtsregime der Nazis zu stellen – unser Landesbischof hat dies in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag sehr deutlich kritisiert. Und es ließen sich weitere Beispiele nennen, in denen Kirche aus meiner Sicht zu vorsichtig, zu wenig mutig und zu zögerlich reagiert hat. Aber woran liegt das? Gibt es Gottes Wort nicht her?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Aus dem Magnifikat, dem Lobgesang der Maria stammen diese Worte. Gott stößt die Gewaltigen vom Thron. Die Gewaltigen, diejenigen also, die die Gewalt, die die Macht, die das Sagen haben, deren Throne wackeln, singt Maria. Und diejenigen, die vor diesen Thronen im Staub liegen, die im Staub liegen müssen, weil sie nicht anders können, weil sie von Mächtigen dazu gezwungen werden, die wird Gott erheben. Aus diesen Worten ist nun so gar keine vornehme Zurückhaltung herauszuhören. Ganz im Gegenteil: Das klingt ja schon fast nach Revolution!
Und ich glaube, dass das auch genauso gemeint ist. Gott will nicht, dass Menschen über andere Menschen in einer Weise herrschen, dass es nur denen da oben gut geht und diese zu Lasten und auf Kosten derer da unten leben. „Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein“, schreibt uns Jesus Christus höchstpersönlich in die Bücher. Das gilt natürlich auch für unser eigenes Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Wir sollen uns nicht aufschwingen zu Herrschern über andere. Doch es klingt eben auch mit: „Und da, wo ihr solch einen Missstand vorfindet, da sorgt dafür, dass es sich ändert.“
Die Bibel ist keine Einladung zum religiösen Gruppenkuscheln. Sie ist in vielem sehr radikal und, wie gesagt, in Marias Lobgesang beinahe revolutionär. Und sie ist es immer dann, wenn es um Dinge auf dieser Welt geht, die mit der christlichen Botschaft nicht übereinzubringen sind. Überall dort, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohen, überall dort, wo Gottes Schöpfung gefährdet und zerstört wird, da ruft uns Gott zum Widerstand auf.
Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Wenn wir in diesem Sinne als Christinnen und Christen und als Kirche unterwegs sind, haben wir Gott auf unserer Seite. Wir dürfen uns was trauen und wir dürfen uns was zutrauen. In Jesu Namen.

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  Helgoland

Helgoland

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.02.2020

Wir waren in der vergangenen Woche ein paar Tage auf Helgoland. Ich liebe diese Insel gerade um diese Jahreszeit. An einem Nachmittag haben wir einen Spaziergang entlang der Steilküste auf dem Oberland gemacht: strammer Wind aus Nordwest, graugrünes Meer, Schaumkronen auf den Wellen, Gischt, Weite, ungebändigte Naturkräfte – sichtbar, hörbar, spürbar. An der Nordspitze, wo man auf die Lange Anna schaut, sind wir lange stehengeblieben und haben dieses Schauspiel auf uns wirken lassen. Es erdet mich immer wieder, wenn ich das erleben kann und es macht mich dankbar und demütig zugleich.
Wenn ich dort an der Steilküste stehe und auf die scheinbare Unendlichkeit der See schaue, wird mir jedes Mal von Neuem deutlich, dass wir Menschen so einiges sein mögen, das Maß aller Dinge auf jeden Fall aber nicht. Es ist dem Meer egal, ob dort ein Mensch steht und schaut, es ist dem Sturm egal und den Möwen, die im Aufwind der Steilküste ihre Kunstflüge vollführen ebenso. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel“, diese Worte aus dem 104. Psalm sind mir durch den Kopf gegangen. Ja, groß und viel, so war das, was wir dort erleben durften.
Wir durften es erleben und hatten keinen Einfluss darauf. Niemand, der dort an der Nordspitze Helgolands steht, kann den Wind stoppen, das Meer beruhigen oder den Flug der Vögel bremsen. Und doch war da in mir kein Gefühl von Machtlosigkeit, nein, ich habe mich in ganz besonderer Weise geborgen gefühlt in dieser rauen Umgebung und den bewegten Elementen. Wir Menschen sind Teil davon und dürfen teilnehmen und teilhaben auch an dieser besonders beeindruckenden Ausprägung der Schöpfung.
Der Natur mag es egal sein, ob dort jemand im Sturm steht und auf das Meer schaut, Gott ist es nicht egal. Auch dort, wo wir Menschen scheinbar keine Rolle zu spielen scheinen, wo es nicht auffällt, wenn wir verschwinden, wo wir für den Lauf der Dinge offensichtlich bedeutungslos sind, ist Gott bei uns und um uns. Angesichts unserer eigenen Winzigkeit im Angesicht der Unendlichkeit des Meeres und seiner beeindruckenden Kraft, kann man wirklich nur fragen: „Mein Gott, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“
Ja, die Wertschätzung, die Gott uns entgegenbringt ist beschämend groß. Wir sind Teil seiner Schöpfung und er hat uns aus allem herausgehoben, weil er uns liebt. Und so dürfen wir uns groß fühlen, auch dann, wenn alles um uns herum viel größer ist, als wir selbst. Wir dürfen uns stark fühlen, auch dann, wenn alles um uns herum viel stärker ist. Der Beter des 8. Psalms beschreibt es so: „Gott, du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als dich selbst und mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“
Helgoland im Januar, wenn es so richtig rau ist: Ein guter Ort, um Gottes Gegenwart und Gottes Liebe spürbar zu erleben.

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  Verlässlich

Verlässlich

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.02.2020

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, so lautet ein deutsches Sprichwort. Es will uns sagen, dass Neuigkeiten eben keine mehr sind, wenn alle sie bereits kennen. Im Englischen heißen Zeitungen newspaper, „Neuigkeitspapiere“, die ihrem Namen eben wirklich nur dann gerecht werden, wenn sie solche enthalten – Neuigkeiten meine ich.
Vieles ist schnelllebiger geworden in unseren Zeiten, auch die Nachrichtenlagen sind es. Dauerte es vor 200 Jahren noch Wochen oder Monate, bis uns Informationen aus Übersee oder Fernost erreichten, haben wir heute alles in Sekundenschnelle zur Verfügung. Das hat durchaus positive Seiten, erfordert unsererseits aber auch deutlich schnelle Reaktionen als früher. Denn nicht nur die Übermittlungsgeschwindigkeit von Informationen ist rasant wie nie, auch die Infragestellungen verbreiten sich in Echtzeit über den Globus – die Mail aus Japan und die Whatsapp-Nachricht aus Neuseeland brauchen im Wortsinne nur einen Augenblick und schon sind sie da.
Und so verändern sich Information und Wissen in kürzester Zeit, weil Menschen gestellte Fragen umgehend beantworten, auf neue Gegebenheiten reagieren und all das ebenso schnell in der Welt bekannt wird. Vieles kommt und bleibt und ist im Fluss und dauerhaft verlässliche Ankerpunkte in unserem Leben werden rarer. Dafür nimmt aber Anzahl der Menschen zu, die genau danach suchen, nach Verlässlichem, nach Dauerhaftem, nach Beständigem. Ich denke, dass wir Menschen etwas brauchen, auf das wir im wahrsten Sinne des Wortes bauen können, dass wir etwas brauchen, was uns trägt, was uns hält, auf das wir uns zurückziehen können, wenn alles andere um uns herum uns nur noch verunsichert.
Über dem heutigen Tag heiß es: „Jesus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“ In diesem Vers aus dem Markusevangelium klingt genau so etwas an. Jesu Wort, Gottes Wort, wie wir es in der Bibel wiederfinden können, ist unvergänglich, verspricht uns Jesus. Wenn wir uns auf nichts mehr verlassen können, darauf schon!
Gemeint ist damit natürlich nicht einfach nur das Wort. Gemeint ist damit auch die biblische Botschaft, die es transportiert. Sie ist ewig. Und es ist eine Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und seiner unbedingten Liebe zu uns Menschen, zu jedem einzelnen von uns. Es ist die Botschaft von Vergebung und von Frieden auf Erden und es ist die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod.
Nichts mag so alt sein, wie die Zeitung von gestern und die Nachrichten und Neuigkeiten, die sie enthielt. Immer brandaktuell ist und bleibt, was Gott uns zuteilwerden lässt – nachzulesen selbst auf Facebook, Instagram und Twitter aber auch ganz analog im Buch der Bücher.
Jesus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

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  Wassermangel

Wassermangel

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.02.2020

Vor ein paar Tagen war in unserer Braunschweiger Zeitung zu lesen, dass die Talsperren im Harz, aus denen unser Trinkwasser kommt, deutlich zu leer sind. Gerade mal zu gut 50% sind sie gefüllt, im Mittel der Vorjahre waren es um diese Jahreszeit über 70%. Schuld sind die beiden vergangenen, viel zu trockenen Sommer und auch der Winter hat bis jetzt nicht ausreichend Niederschlag gebracht. Klar, trockene Jahre gab es immer mal. Aber es war dann eben mal so ein einzelnes Jahr, dass aus der Reihe fiel, nun scheint es sich zu häufen.
Sicherlich geht es uns allemal besser als den Menschen in den Trockengebieten unserer Erde. Niemand wird hier bei uns in absehbarer Zeit um sein Leben fürchten müssen, weil das Wasser knapp wird. Aber wir sehen deutliche Folgen in der Landwirtschaft, in den öffentlichen Grünanlagen und in unseren heimischen Gärten. Wasser ist existenziell – Leben ohne Wasser hat keine Zukunft.
Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Die Elenden und Armen suchen Wasser und es ist nichts da, ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der HERR, will sie erhören.“ Sehr bildhaft schildert Jesaja hier die Not der Menschen: Ihre Zunge verdorrt vor Durst. Über 2.700 Jahre sind diese Worte alt und doch haben wir sofort eine Vorstellung von dem, was Jesaja uns vermitteln will. Die Elenden und Armen suchen nach Wasser, sie suchen nach einer der Grundlagen des Lebens. Und weil sie solchen Mangel haben, sind sie elend und arm.
Wie gesagt, auf uns hier im Braunschweiger Land wird das glücklicherweise so schnell nicht zutreffen. Doch auch uns kann Durst quälen, obwohl wir noch genug zu trinken haben. Menschen können auch Durst nach Gerechtigkeit, nach Anerkennung, nach Frieden oder nach Liebe haben. Auch all das ist existenziell für unser Leben. Ohne Wasser kommen wir höchstens ein paar Tage aus, ohne Frieden, Gerechtigkeit und Liebe wahrscheinlich länger. Aber wir können dauerhaft auch darauf nicht verzichten, wenn wir ein einigermaßen gutes Leben leben wollen. Ohne Frieden, Gerechtigkeit und Liebe werden wir über kurz oder lang innerlich verdorren, so wie unsere Zunge, wenn wir nicht ausreichend zu trinken haben.
Doch Gott verspricht uns, dass er uns erhören wird, wenn wir arm und elend sind. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass sich das nicht nur auf zu leere Talsperren im Harz bezieht. Gott weiß, wessen wir bedürfen. Doch er wirft es uns nicht nach. Jesaja sagt, dass sie Elenden uns Armen suchen. Das müssen wir dann bitteschön wenigstens auch tun. Wir müssen suchen nach Frieden, Gerechtigkeit und Liebe, dann wird Gott uns helfen und uns genau das finden lassen.
Und selbst, wenn wir an dieser Zusage Zweifel haben: Ich finde, einen Versuch ist es allemal wert.

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  Weltkrebstag

Weltkrebstag

Prädikant Heiko Frubrich - 04.02.2020

„Ich bin … und ich werde …“ – unter dieses Motto hat die Deutsche Krebshilfe den heutigen internationalen Weltkrebstag gestellt. Vor 20 Jahren wurde der Gedenktag auf einer Konferenz in Paris ins Leben gerufen. Ziel ist es, Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebskrankheiten stärker ins Bewusstsein zu rufen. Denn eines zeigen Forschungsergebnisse ganz deutlich: Wir alle können einiges tun, um uns vor dieser Krankheit zu schützen – durch einen bewussteren Lebenswandel und durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. 40% aller Krebserkrankungen sind nach Expertenmeinungen hierdurch vermeidbar.
Ohne Frage ist es richtig und wichtig, darauf zu achten, gesund zu leben. Ohne Frage ist es erstrebenswert, eine Krankheit wie Krebs so weit als irgend möglich zurückzudrängen. Doch ebenso klar ist aber auch, dass Menschen auch zukünftig erkranken werden und dass manche Krankheiten eben auch tödlich verlaufen. Aller medizinische Fortschritt kann uns nicht von der Endlichkeit unseres irdischen Lebens freisprechen. Krankheit und Tod gehören zum Leben genauso dazu wie Zeiten bester Gesundheit und überbordender Lebensfreude, nur, dass uns letzteres eben erheblich lieber ist.
Krankheit und Tod passen nicht so recht in unsere Zeit, in der es doch eher darum geht, dynamisch und flexibel beim „Höher-Schneller-Weiter“ mitzumischen. Und so schieben wir diese unangenehmen Themen gern mal in den Hintergrund. Wir wollen uns nach Möglichkeit nicht die Laune verderben lassen von so negativen Dingen und bisweilen ebenso nicht von Menschen, die davon betroffen sind.
Schwere Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs sind nicht selten damit verbunden, dass sich Freunde und Bekannte von den Erkrankten abwenden. Und so kommt zu der Last der Krankheit oftmals auch noch die Einsamkeit hinzu, die das Leid nur noch vergrößert. Krankheit wird als Makel gesehen, makellos sind nur die Gesunden. Mit denen umgibt man sich gern, zu den Leidenden wird eher Distanz aufgebaut.
Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass christliches Leben anders geht. Jesus hat sich zu allererst um die gekümmert, die seine Hilfe brauchten. Und dazu gehörten natürlich auch die Kranken. Die Evangelien sind voll von Geschichten, in denen sich Jesus Kranken zuwendet und sie heilt. Und an keiner Stelle gibt es einen Bericht etwa darüber, dass er sich von Menschen abwendet, denen es schlecht geht.
Und so kann uns der heutige Weltkrebstag eben an mehrerlei erinnern: Wir können uns selbst Gutes tun, wenn wir auf unsere Gesundheit achten, doch Krankheit an sich ist weder eine Strafe für irgendetwas noch eine Schwäche oder gar ein Kainsmal. Gerade kranke und auch sterbende Menschen brauchen die Zuwendung und die Liebe ihrer Mitmenschen. Die Redewendung „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hat durchaus ihre Berechtigung. Oder wie Paulus es sagt: „Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Der heutige Weltkrebstag ist eine gute Gelegenheit, uns das in Erinnerung zu rufen.

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  St. Blasius von Sebaste

St. Blasius von Sebaste

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.02.2020

Evangelisch-lutherische Domkirche St. Blasii, so lautet der offizielle Name unseres Doms. Er ist benannt nach einem seiner Patrone, dem Heiligen Blasius, Bischof von Sebaste, dem heutigen Sivas im Nordosten der Türkei. Blasius soll dort zunächst als Arzt gearbeitet haben. Überliefert ist seine unermüdliche Hilfsbereitschaft und Toleranz. So soll er ohne Ansehen der Person geholfen haben, ganz egal, ob die Hilfesuchenden Juden, Heiden oder Christen waren. All das hat ihn in seinem Helfen nicht interessiert. Und eben diese den Menschen zugewandte Haltung hat dann später dazu geführt, dass er zum Bischof von Sebaste gewählt wurde.
Blasius lebte im dritten und vierten Jahrhundert. Die Zeit war geprägt von massiven Christenverfolgungen durch das Römische Reich. Mehrfach, auch bereits zur der Zeit, als er noch nicht Bischof war, wurde Blasius gefangengenommen und gefoltert, um ihn dem christlichen Glauben entsagen zu lassen. Doch Blasius blieb seinem Glauben und Gott treu. Um das Jahr 316 wurde er deshalb als Märtyrer hingerichtet. Kurz vor seinem Tod soll er dafür gebetet haben, dass Gott allen Menschen helfen möge, die mit Halskrankheiten in seinem Namen um Genesung bitten. Eine Stimme vom Himmel soll ihm diese Bitte gewährt haben und so gilt Blasius als Nothelfer bei Halskrankheiten. Der Heilige wird oft segnend mit zwei gekreuzten Kerzen dargestellt. Noch heute wird diese besondere Segensform als Kranken- und Genesungssegen gespendet.
Viele Kirchen, Krankenhäuser und Altenheime sind nach Blasius von Sebaste benannt. Ich denke, dass es insbesondere seine uneingeschränkte Hilfsbereitschaft ist, die das begründet. Blasius hat allen geholfen, die Hilfe brauchten und das losgelöst von ihrer Person. Ihm war es egal, welche Konfession sie hatten, welche Herkunft, welche Bildung, welchen Status in der Gesellschaft. Er hat den Menschen gesehen, der da vor ihm stand, das war ihm Antrieb und Auftrag genug.
Er hat sich ganz offensichtlich an Jesus ein Beispiel genommen, denn der war genauso unterwegs. Jesus hat geholfen, wo Hilfe notwendig war. Und er hat sich eben oftmals derjenigen angenommen, um die viele seiner Zeitgenossen einen großen Bogen machten – seine Aufmerksamkeit galt den Armen, den Aussätzigen, den Entrechteten. Jesu Liebe war und ist nicht wählerisch und unsere Liebe sollte es auch nicht sein. Wenn das gelingt, erledigen sich eine Vielzahl von Problemen von ganz allein: Menschenliebe, die nur den Menschen sieht, kann nicht ausgrenzen, kann nicht diskriminieren und kann nicht hassen. Menschenliebe, die nur den Menschen sieht, kennt keinen Antisemitismus, keine Fremdenfeindlichkeit und keine Intoleranz.
Jesus hat in dieser Liebe gelebt und von Blasius von Sebaste wird ähnliches berichtet. Und insofern ist es gut, dass unser Dom seinen Namen trägt und uns so immer wieder daran erinnert, wie christliches Miteinander und christliches Leben funktionieren.

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  Wie konnte das passieren?

Wie konnte das passieren?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.01.2020

„Wie konnte das passieren?“ – so drückte Guy Verhofstadt, der Chefunterhändler des Europäischen Parlamentes für die Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich gestern die Fassungslosigkeit so vieler Abgeordneter in Brüssel aus. Nun ist das Abkommen über den Brexit beschlossen, morgen wird er vollzogen.
Als ich im Juli 2014 mein Amt hier als Dompredigerin antrat, musste ich mich nahezu sofort auf den Weg nach Blackburn in der Nähe von Manchester machen. Es galt, am Gedenkgottesdienst zum Ausbruch des ersten Weltkrieges teilzunehmen, als Deutsche, als Geistliche…
Ich wusste nicht, was von mir mich erwartet wurde. Sollte ich stellvertretend für mein Heimatland, das England zweimal im letzten Jahrhundert in fürchterliche Kriege verwickelt hat, um Vergebung bitten? Hatte ich überhaupt einen aktiven Part oder wäre es nur angemessen, schweigend dabei zu sein?
So kam ich nach Blackburn und wurde willkommen geheißen im Hause meines Kollegen Christopher Amstrong und seiner Frau Geraldine. Es würde abends gekocht und kämen Gäste, mir zu Ehren. Ich machte mir Sorgen. Würde mein Englisch reichen, wenigstens um keine schweren Missverständnisse zu erzeugen?
Mit blieb nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn beinahe augenblicklich entspann sich eine emotionale, fürsorgliche, ernste Debatte: Sollte ich, die Fremde, die Deutsche, morgen im Gottesdienst „God save the Queen“ beim Gedenken an die Gefallenen des ersten Weltkrieges mitsingen???
Einerseits kam das nicht infrage. Das ist die Nationalhymne. Gerade einer Deutschen bei solch einem Erinnern stünde das nicht zu. Andererseits ist es ein Gebet und ich bin eine Geistliche. Dann wieder: wir sind hundert Jahre weiter und sitzen hier als Freunde beieinander und doch…
Kinder, Freunde und Gemeindeglieder wurden angerufen: Was denkt Ihr? Wie sollen wir es machen? „Sing mit“ war der Ratschluss nach einem langen Abend.
Am nächsten Tag feierten wie einen großen sehr bewegenden Festgottesdienst mit der wunderbaren anglikanischen Kirchenmusik und viel Weihrauch. Am Ende standen wir nebeneinander an der Säule zum Gedenken an die Toten und ich verlas einen Teil der Namen und sang mit zugeschnürter Kehle „God save the Queen.“
Und dann standen wir an der Tür und unzählige zum Teil sehr alte Menschen kamen auf mich zu. Wir umarmten uns unter Tränen. Manch einer hatte nie mehr Kontakt zu Deutschen gehabt, war niemals nach Deutschland gereist -aber jetzt, nachdem ich dort gestanden, gebetet und gesungen hatte, jetzt endlich würde Versöhnung möglich werden…
Inzwischen lebt eines meiner Kinder in England. Seine Großmutter verbrachte viele Kindheitsnächte im Bunker aus Angst vor englischen Bomben. Nie wäre sie dorthin gereist. Aber jetzt lebt der Enkel dort und so machte sie sich auf den Weg. Auch das eine Versöhnungsreise.
Es wird zahllose solcher Geschichten geben.
Es gab gestern Tränen in Brüssel.
Morgen tritt England aus der EU aus. Wie konnte das passieren?
Bei Jeremia heißt es:
„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ So möge es sein.



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  Jerusalem

Jerusalem

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.01.2020

Wieder einmal in aller Munde. Jerusalem. Israel. Palästina. Zwei-Staaten-Lösung. Friedensplan. Yad Vashem…
Während die Touristen, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter kommen und gehen, Politikergenerationen Status, Ansprüche, Grenzen verhandeln, wächst eine weitere Generation heran.
Mohammed Moussa, im selben Jahr wie mein Sohn, in Gaza geboren, dichtet, fasst wie er selbst sagt, seine Gefühle, Erfahrungen und Erinnerungen in einen friedlich dahinfließenden Fluss, der irgendwann die Welt draußen erreicht. Flaschenpostgedichte…
Eines liegt auf meinem Schreibtisch und es klingt so:
„Ich wage mich voller Tränen nach Jerusalem hinein. / Die Altstadt ist hinter Zäunen eingesperrt, / Wächter verrichten ihre Gebete, / junge Männer mit leeren Vormittagen sind die ganz Nacht unterwegs.
Auf meinem Weg zur al-Aqsa-Moschee / stoppt mich ein Polizist. / Wo willst du hin? / Zum Beten. / Es ist geschlossen um die Zeit. / Wieso denn? / Nicht dein Problem. / Sagst du so, / aber ist es deins? / Wie schön der Sonnenuntergang. / Ich sehe Zypressen und Pinien auf den hohen Bergen, / Walnuss-, Oliven- und Granatapfelbäume.
Eine Katze balgt sich mit einer andern. / Alte Männer trinken Kaffee und lächeln. / Vier Mädchen schicken eine Kusshand / und besingen die Freiheit. / Strassenhändler verkaufen Trauben nach dem Gebet. / Ein Ladenbesitzer verkauft Kindern Mais, / aber er starrt an ihnen vorbei, / wohl in die Vergangenheit. …
Was ist schön an diesem Land? / Alles. / Menschen, Steine, Bäume, Vögel, / Verkäufer, alte Männer, Frauen, Kinder. / Sie alle teilen dieselbe Schönheit, / leuchten wie Zinnen in der Sonne. / Alles in Jerusalem / zeugt von Palästina, von Arabien.
Ich gehe zurück zu den Toren der Stadt. / Ein Polizist mit komischem Gesicht hält mich an. / Du bist nicht aus Jerusalem. / Jerusalem lebt in mir. / Was soll das heißen? / Jerusalem lebt in mir. / Was war der Grund für deinen Besuch? / Ich liebe von fern. Die Sehnsucht treibt mich her.“
Ich wünschte, diese Flaschenpost würde das weiße Haus erreichen.
Ich wünschte, dieses Gedicht würde Donald Trumps Seele erreichen.
Und bin froh, dass über diesem Tag aus dem Propheten Jesaja allem zum Trotz steht: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“


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  Und hätte die Liebe nicht…

Und hätte die Liebe nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.01.2020

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“
So steht es im ersten Korintherbrief und man könnte ergänzen:
Und wenn ich tausendmal recht hätte und fände den richtigen Ton nicht, so wird es nichts bewirken. Und wenn ich für die ganz und gar richtige Sache stritte und meine Stimme wäre voller Haß und mein Gesicht vor Wut verzerrt, so würde mir keiner glauben. Und wenn ich Bündnispartner bräuchte und dringend Unterstützung suchte und würde nicht darauf achten, dass der Stil stimmt, es stärkte mich nicht.
So war es gestern an der Schillstrasse. Eine bestürzend kleine Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern versammelte sich zum Gedenken an den Holocaust.
Kränze wurden niedergelegt, es war kalt und grau, der Himmel weinte.
Und die Antifa störte mit lautem Rufen in schmerzhaftem Staccato und hässlichen Drängeln und Schubsen. So zerstörten sie nicht nur die Würde des Augenblicks, sondern untergruben auch die Berechtigung ihrer Sorge, wo es hinführen soll, immer lauter danach gefragt wird, ob es den Holocaust tatsächlich gegeben habe und solches ungeheuerliche Morden überhaupt möglich gewesen sein kann.
Es brauchte Polizei und deren energisches Eingreifen, um eine Eskalation zu verhindern.
„Und hätte die Liebe nicht…?“
Ich hatte sie nicht. Mir war keine freundliches Zugehen möglich, es schien mir sinnlos und fehl am Platz. Der Liebe habe ich nichts zugetraut. Ohne Sicherheitskräfte wäre ich dieser Situation gestern ratlos ausgeliefert gewesen. Dabei kam der Druck nicht mal von einer sachlich fremden Seite.
Das (!) macht mir Sorgen. Es haben schließlich alle recht, die dieser Tage sagen: „Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen.“ Darum „seid nicht gleichgültig“, „wehret den Anfängen.“
Ich bin nicht gleichgültig aber wie ich dem wehren soll, weiß ich nicht. So bleibt – immerhin du trotz allem – das Gebet.

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  75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.01.2020

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete“ so dichtete Paul Celan.
„Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst…“ so heißt es im achten Psalm und geht heute schwerer über die Lippen als sonst.
Was ist der Mensch? Die zahllosen Ermordeten waren Menschen, deren Namen und Lebensdaten nur mit größter Mühe rekonstruiert werden können. Frau Esch-Jedzini hat gestern davon hier im Dom erzählt.
Was ist der Mensch, dass er sich tatsächlich vorstellen, planen und dann umsetzen kann, Millionen, Kinder, Frauen, Männer, Schwestern, Brüder, Väter, Mütter, Großväter, Großmütter, Geliebte umzubringen, zu vergasen, zu verbrennen?
Was ist der Mensch, dass er damit weiterleben muss?
Was ist der Mensch…
In Auschwitz kommen heute nicht nur Überlebende zusammen, die an diesen schrecklichen Ort zurückkehren – der keineswegs ein Unort ist, wie das Utopien denken, sondern eine sehr realistische Ansammlung von Gebäuden und Plätzen, Infrastruktur – um zu erinnern.
Es kommen Repräsentanten zusammen, die stellvertretend für uns, zuhören, die uns alle repräsentieren dort und hier, in der Erschütterung und Scham mit der Verantwortung für das, was kommt.
„Was ist der Mensch?“
Hoffentlich gedenkt Gott unserer, damit wir nicht noch einmal, nie wieder solche Schuld auf uns laden.

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  Verben

Verben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.01.2020

Im Theater läuft ein höchst unterhaltsames Stück von Felicia Zeller. „Der Fiskus“. Man erlebt Mitarbeiter eines Finanzamtes im Wirrwarr von Bürokratie und Hierarchie, dem wahren Leben. Man sieht ihnen zu, wie sie dem Cum-Ex-Geschäft auf die Spur kommen und dass das den Laden aufhält.
Man hört Texte, denen man immer wieder beipflichten möchte.
Nein, eigentlich will man sie vielmehr vervollkommnen. Denn dauernd fehlt was, weil man es sowieso schon weiß oder tausendmal gesagt hat oder jetzt nicht nochmal…
Es fehlen fast immer die Verben.
Das Tätigkeitswort, so hieß das in der Grundschule.
Aber ohne Verben herrscht nicht nur Chaos sondern auch Stillstand.
Das ist ein ziemlich genialer Kniff der Autorin, die sich Wirtschaftsdramaturgin nennt und mutmaßlich auch eine erhebliche Herausforderung für die Schauspieler, die einen stets und ständig fragmentarischen Text lernen müssen.
Was ohne Verben eigentlich fehlt, ist mir dieser Tage erst so richtig bewusst geworden als ich über eine Konfirmandenunterrichtseinheit zum Glaubensbekenntnis nachgedacht habe. Das Credo funktioniert im Gegensatz zu diesem Theaterstück ohne Verben überhaupt nicht. Genauer, der zweite Artikel über Jesus Christus funktioniert nicht. Denn der heißt ja:
„empfangen durch den Heiligen Geist, / geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus, / gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes, / am dritten Tage auferstanden von den Toten, / aufgefahren in den Himmel; / er sitzt zur Rechten Gottes, / des allmächtigen Vaters; / von dort wird er kommen, / zu richten die Lebenden und die Toten“
Ohne Verben wäre dieser Textteil völlig unverständlich, die Bewegung Gottes nicht nachvollziehbar, bliebe im Dunkeln, wozu das Alles:
durch den Heiligen Geist, / von der Jungfrau Maria, / unter Pontius Pilatus, / in das Reich des Todes, / am dritten Tage von den Toten, / in den Himmel; / zur Rechten Gottes …
Verben, Worte der Bewegung, erzählen von Lebendigkeit und Entwicklung, davon, was es mit uns zu tun hat und was wir damit zu tun haben.
Ohne Verben nicht nur alles fest sondern auch völlig intransparent ohne jede Aussicht dass…
Die Menschen im Finanzamt bei Felicia Zeller, strampeln, kämpfen, ringen. Sie werden da rausfinden. Und wir, die wir zusehen und zuhören, verstehen ein bisschen mehr vom Geldgeschäft. Beim Credo sprechen wir, gehen mit in Gedanken, formen Glaubenssätze, legen uns fest, fühlen Zugehörigkeit. Offenbar sind auch Verben eine gute Gabe Gottes.


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  „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen“

„Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.01.2020

Gestern jährte sich der Todestag Helmuth James von Moltkes zum 75. Mal. Nachdem er am 11. Januar 1945 zum Tode verurteilt worden war, richtete man ihn am 23. Januar 1945 hin. Er, der Mitbegründer des Kreisauer Kreises und Mitglied des deutschen Widerstandes saß zur Zeit des Hitlerattentates am 20. Juli 1944 bereits im Gefängnis. Die Kreisauer Dokumenten lagen noch unentdeckt auf dem heimatlichen Dachboden. So kam es, dass es in seinem Prozess im Januar 1945 vor allem um seine christlich-humanistische Gesinnung ging. Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes, formulierte dabei: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen!“ Dieses Eingeständnis Freislers, dass der christlichen Glaube und die nationalsozialistischen Gesinnung unvereinbar sind, war kostbar und bestärkten Moltke, seine Frau Freya und ihre Freunde darin, dass die Werte der Menschlichkeit am Ende überleben würden. Er starb heiter, voller Liebe zu den Seinen. Zuletzt sorgte er sich noch darum, ob das Vieh Zuhause durchkäme, hoffte, dass eine guten warmen Socken nicht dem Volksopfer anheimfielen, sondern den Heimweg fänden und in der Gewissheit, die seine Frau so formulierte: „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen.“
Moltke liebte das Bild vom Sämann. Darum schrieb er: „Der Same aber, den ich gesät habe, der wird nicht umkommen sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Samen kommt und wer ihn gesät hat.“ Jahrzehnte später sagte seine Frau: „Wir Menschen sind keine Eintagsfliegen, wir kommen woher und gehen wohin. … Darum ist Geschichte so wichtig.“
Helmuth James von Moltke starb 38-jährig. Fast noch ein junger Mann. Menschen wie er, Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl fehlten nicht nur ihren Familien, sondern auch unserem Land in den folgenden Jahrzehnten mit ihrer Glaubenskraft und Klarheit. Aber Freya von Moltke hatte Recht, der Samen trug Frucht.
Eine ist die Rede, die Walter Steinmeier gestern in Yad Vashem gehalten hat. Schmerzlich und wahrheitsgemäß, den Werten derer verpflichtet, die begriffen haben, dass es zwischen dem Bekenntnis unseres Glaubens und rechtem Populismus, denen, die Antisemitismus, Hass und Fremdenfeindlichkeit befördern, keine, überhaupt keine Übereinstimmung gibt.

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  Manchmal kann man sich wundern…

Manchmal kann man sich wundern…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.01.2020

Geschichten, die das Leben schreibt, sind nicht zu überbieten – das gilt auch am Dom, so dass ich hin und wieder mal gefragt werde, ob ich schon die Serienrechte verkauft hätte…
Wo viele Menschen kommen, verweilen und gehen, wo Lachen und Weinen, Glück und Angst, Sehnsucht und Sorge Thema sein dürfen, erlebt man auch allerlei. Normalerweise hören Sie davon nichts. Aus gutem Grund. Denn jeder und jedem steht seelsorgliche Verschwiegenheit zu. Die braucht es auch, wenn man sich von der Seele reden will und muss, womit man es allein nicht mehr aushalten kann.
Aber manchmal passieren dann doch sehr seltsame Dinge:
Im Advent verschwand unser Gebetbuch aus der stillen Ecke. Normalerweise liegt es dort hinten in der Nähe des Schmerzensmanns in einem geschützten Winkel, damit Menschen wenigstens ein bisschen für sich sein können, wenn sie nach Worten suchen für das, was sie Gott – manchmal auch indirekt über uns – sagen möchten. Dass es da nicht mehr lag, habe ich registriert und ein neues Buch ausgelegt ohne mir viel zu denken – im Tohuwabohu der Weihnachtszeit mit all den Kerzen, Kindern, Flyern und Programmen kann schon mal was verlorengehen.
Aber letzte Woche kam ein Anruf der Polizei. Dort läge unser Gebetsbuch. Man hätte es im Bordell gefunden…
Oha. Wie kommt es dorthin? Sehr merkwürdig und fantasieanregend.
Warum nimmt sich überhaupt jemand dieses Buch mit? Papiermangel wird es nicht gewesen sein…
Hat einer beim Blättern eine Handschrift gefunden, die er kennt, eine Bitte, die ihn bewegt, einen vertrauten Namen? Hat eine etwas eintragen wollen und dann doch keine Ruhe gehabt, sich nicht getraut, nicht gewusst wie? Hat einer nach anderen Stimmen gesucht, nach geteiltem Leid oder einer Sprache, die fehlt? Hat eine das Gefühl gehabt, solch ein Buch ist zwar in einer Kirche schön aber anderswo noch viel dringender?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wundere ich mich, dass unser Buch nicht öfter geklaut wird. Wer weiß wieviel Orte es gibt, an denen solch ein Buch gut wäre…
Im ersten Buch Samuel heißt es: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an….“ Wir mögen uns wundern. Aber vielleicht musste dieses Buch eine solche Runde durch Braunschweig drehen, damit jemand zulassen konnte, dass Gott ihm ins Herz sieht und dann hätte sich die Tour je gelohnt.

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  Wenn die Begriffe unklar sind

Wenn die Begriffe unklar sind

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.01.2020

Der Berliner Soziologe und Journalist Mathias Greffrath hat in einem fulminanten Essay zum Jahresrückblick, den er „Saisonschluss“ nannte, nebenbei von seinem Abituraufsatz erzählt. Da sollte er sich über eine Begebenheit auslassen, „bei der Konfuzius dem Fürsten rät, er solle als erste Regierungshandlung die Begriffe richtigstellen. Denn, so der Weise, wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht, stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande, kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht…“
Begriffe richtig stellen…
Welche Begriffe wären das in unserem Land und in dieser Woche während des Weltwirtschaftsforums in Davos auf dem die Staatenlenker (!) miteinander tagen?
Klimakrise, Klimawandel, Energiequellen, Wachstum, Aktivisten, Konsum, Flammen, Panik, Milliardäre, Unrast, Untergang, Globus, Handelskrieg – das sind die Worte, die in den aktuellen Nachrichten dazu auftauchen und man ahnt, dass es schwer werden wird für die Werke und die Moral.
Das hat wohl auch damit etwas zu tun, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes keinen Begriff davon haben, wo es hingehen soll. Die einen reden von Emissionshandel und die anderen von Nullemission, die einen von Zukunft und die anderen von Wohlstand, die einen von Trinkwasser und die anderen?
Konfuzius Aufforderung ist spannend.
Wenn man sich darauf verständigen könnte, dass die Erde bewohnbar bleiben soll, auch für die, die in Davos keine Lobby haben. Wenn man Generationengerechtigkeit als Aufforderung verstünde, nicht immer mehr Lasten in die Zukunft zu verschieben, wenn man … dann müssten auch Worte gefunden werden, die dem Frieden dienen, der Schöpfungsbewahrung, der Mitmenschlichkeit. Solche Worte würden womöglich andere Handlungen bewirken als die, die Worte, die wir jetzt hören.
Über diesem Jahr steht ein Wort aus dem Markusevangelium: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ Das ist nicht nur die pure Verzweiflung, sondern auch Klarheit. Denn da spricht einer, der einen Begriff für seine Ohnmacht und Verwirrung gefunden hat. Er findet Worte, die seine Wirklichkeit verändern werden.

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  Sodom und Gomorra

Sodom und Gomorra

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.01.2020

„Hier geht es ja zu wie in Sodom und Gomorra!“ Diesen Satz dürften Sie sicherlich schon einmal gehört oder sogar selbst gesagt, gerufen, ja vielleicht sogar geschrien haben. Der Ursprung des Satzes ist biblisch und die dahinterstehende Geschichte stammt aus dem ersten Buch Mose. Dort wird berichtet, dass Lot, der Neffe Abrahams, mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Sodom lebte. Lot, so sagt die Bibel, war ein gerechter Mann. Damit war er anders als die meisten seiner Mitmenschen in Sodom. Denn die, so die Bibel, lebten egoistisch, kannten nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse und waren durch und durch rücksichtslos.
Eines Abends bekommt Lot Besuch von zwei Engeln, die ihn auffordern, die Stadt zu verlassen. Gottes Plan sei es, Sodom und Gomorra auszulöschen, weil die Menschen dort diesen liederlichen Lebensstil zeigten. Als Lot sich zunächst weigert, werden er und seine Familie von den Engeln aus der Stadt geführt. Sie erhalten allerdings die klare Ansage, sich keinesfalls umzudrehen und auf das zu schauen, was sich hinter ihren Rücken abspielen wird. Gott lässt nun Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorra regnen und zerstört so beide Städte. Und Lots Frau will sehen, was dort passiert, sie dreht sich entgegen der Weisung der Engel um und erstarrt augenblicklich zur Salzsäule.
Leicht könnte man jetzt den moralischen Zeigefinger heben und sagen: „Naja, selbst Schuld. Warum ist sie nicht einfach weitergegangen, ohne sich umzudrehen.“ Ich rate an dieser Stelle zur Vorsicht. Wann sind sie das letzte Mal auf der Autobahn an einer Unfallstelle vorbeigefahren? Und, haben Sie hingesehen? Oder haben Sie zumindest zur Kenntnis nehmen müssen, dass es auf Ihrer und auch auf der gegenüberliegenden Fahrbahn zum Stau gekommen ist, weil Gaffer, weil sensationsgierige Autofahrer schön langsam an der Unfallstelle vorbeigefahren sind, um besser sehen zu können, was dort passiert ist? Wie oft lesen wir in der Zeitung, dass Feuerwehr, Rettungsdienste oder die Polizei nicht zum Einsatzort gelangen konnten, weil Schaulustige den Weg versperrt hatten?
Ich glaube, viele unserer Zeitgenossen, wären damals vor Sodom und Gomorra auch zur Salzsäule erstarrt. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich nicht auch zumindest versucht hätte, einen kurzen Blick über die Schulter zu riskieren. Doch warum ist das so? Warum zieht uns das Zerstörerische so in seinen Bann, warum können wir uns so schwer abwenden vom Schlechten und Bösen? Die Antwort ist nicht leicht zu finden. Aber wir haben im Gegensatz zu Lots Frau einen riesigen Vorteil: Wir erstarren nicht zur Salzsäule, wenn wir Fehlen machen. Wir bekommen immer wieder eine neue Chance! Wir dürfen unseren Kurs korrigieren und uns ausrichten an Lot, der auf Gottes Weisung gehört hat und so sein eigenes und das Leben seiner Töchter retten konnte. Er hat dem Untergang und der Zerstörung den Rücken zugewandt und ist aufgebrochen in eine friedliche Zukunft. Beispielhaft, oder?

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  Damit Neues wird

Damit Neues wird

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.01.2020

Wenn man heute vorankommen will, wenn man sich zurechtfinden will, dann muss man flexibel sein. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Welt um uns herum und auch unser ganz persönliches Leben in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit verändern. Das liegt unter anderem am technischen Fortschritt, der mit Themen wie Digitalisierung, Automation oder „Robotics“, wie man Neudeutsch sagt, eine neue Dimension erreicht hat, zum anderen aber auch daran, wie ich finde, dass wir Menschen des 21. Jahrhunderts Themen und Sachverhalte schneller wieder loslassen und uns von ihnen verabschieden als früher.
Das kann durchaus zu einer gewissen Oberflächlichkeit führen, weil wir uns einfach nicht mehr die Zeit nehmen, um uns mit dem, was gerade ist, intensiv und längerfristig zu beschäftigen. Viele Vereine, Verbände und sonstige Institutionen und auch wir als Kirche bekommen diese Entwicklung in Form von sinkenden Mitgliederzahlen zu spüren. Menschen sind weniger bereit, sich dauerhaft und nachhaltig an irgendetwas zu binden.
Ob das nun gut oder schlecht ist, bleibt schwer zu beantworten und hängt auch sehr vom persönlichen Blickwinkel ab. Traditionell und im Wortsinne konservativ orientierte Menschen werden diese Entwicklung eher kritisch sehen und man könnte voreilig zu dem Schluss kommen: „Na, und die Kirche ganz sicher auch.“ Zugegebenermaßen hat Kirche immer mal wieder den Eindruck hinterlassen, Veränderungen gegenüber nicht gerade in überschwänglicher Weise offen zu sein. Dabei sollte uns ein Blick in die Bibel und insbesondere auf das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, eines Besseren belehren. Es stammt von Paulus und lautet: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Das klingt nach massiver Veränderung. Das Alte, von dem Paulus spricht, ist nicht etwa nur irgendwie anders geworden, nein, es ist vergangen – weg, erledigt, ein für alle Mal. Und Neues ist geworden. Nicht Menschen haben es gebaut, erdacht, erschaffen, es ist geworden. Es ist geworden, ob wir es nun wollen oder nicht, ob wir es gut finden oder nicht, ob wir es mit vorbereitet haben oder nicht – es ist einfach geworden.
Paulus redet hier vom neuen Bund, den Gott mit uns Menschen in Jesus Christus eingegangen ist. Ihn hat er in unsere Welt gesandt, um uns zu zeigen, wie wichtig wir ihm sind und dass er uns nicht allein lassen wird, ganz egal, was auch kommen mag. Doch Paulus Aussage gilt auch für andere Neuerungen in unserem Leben. Manche sind einfach nicht zu verhindern und wir sind gut beraten, wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen und nicht auf verlorenem Posten einen erfolglosen Kampf dagegen antreten, der nichts bringt, außer, dass er uns Kraft kostet.
Veränderungen gehören zu unserem Leben und sie gehören in diese Welt und sie sind zwingend erforderlich, damit wir gemeinsam weiterkommen, gemeinsam Herausforderungen meistern und Probleme lösen. Wir sollten nur zusehen, dass wir uns in die richtige Richtung verändern, damit das Alte vergehen kann, was belastend und schwer ist und das Neue wird, nach dem wir uns sehnen.

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  Zu große Zahlen

Zu große Zahlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2020

Diese Woche ist teuer. Gerade hat Ursula von der Leyen von einer Billion Euro gesprochen, eine Billion – 1000 000 000 000, zwölf Nullen! – die sie für den klimagerechten Umbau Europas braucht. Gestern tagte die Kohlekommission in Berlin und bezifferte die Kosten für Strukturwandel und Entschädigung der Energiekonzerne auf 44,35 Milliarden Euro.
Und fast zeitgleich schlich sich noch eine leise aber große Zahl in die Nachrichten: 45 Millionen, nicht Euro sondern Menschen – 45 Millionen sind im südlichen Afrika von Unterernährung bedroht und noch schlimmer: in den nächsten zehn Jahren werden 56 Millionen Kinder an vermeidbaren Ursachen sterben, 56 Millionen Kinder…
Das alles sind Zahlen, die unsere Vorstellungskraft sprengen, die unendlich weit über das hinausgehen, was wir begreifen, gestalten, verantworten können. Und doch sind es Zahlen, mit denen wir operieren und kalkulieren, warnen, drohen, erinnern. Sie lassen kalt oder schocken.
Vielleicht heißt es bei dem Propheten Jesaja deswegen:
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Das klingt einigermaßen überschaubar: der Hungrige ist in der Einzahl, der Nackte auch, Elende und Obdachlose gibt es ein paar mehr… aber nur so viele, wie ins Haus passen.
Man mag solche Horizontverkürzung für naiv halten aber womöglich ist das ein Ansatz, der dem menschlichen Maß folgt und daher am ehesten gelingen kann: eins zu eins. Jeder tut das, was er kann, dort wo er lebt. Die Welt und sogar das Klima müssten sich radikal ändern; wenn wir uns der Aufforderung uns nicht rauszuziehen, stellen.
Brot für die Welt hat 2018 übrigens fast 64 Millionen Euro Spenden und Kollekten eingesammelt. Ist das viel? Ja ohne Frage aber angesichts all der anderen Zahlen ahnen wir auch, dass es nicht reicht und wissen einmal mehr:
Wir sind endlich und haben Grenzen für das was wir denken und schaffen, was wir uns vorstellen können. Hoffentlich finden wir auch welche für das, was wir anrichten. Darum ist es heilsam uns dann und wann daran zu erinnern, dass der Friede Gottes größer ist als alles, was wir denken oder in Zahlen ausdrücken können.

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  Organspende?!

Organspende?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.01.2020

Christine Brückner erzählt in „Jauche und Levkojen“ die Geschichte einer Frau, geboren auf einem Gut in Hinterpommern während des ersten Weltkrieges. Die Predigt zu ihrer Hochzeit endet mit den berühmten Worten aus dem Galaterbrief: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Und dann wird erzählt, dass die Braut sich wundert. Die Worte fliegen nicht einfach vorbei, sondern bleiben hängen: Warum einer des anderen Last? Warum nicht jeder seine?
Eine naheliegende Frage, die auch in die heutige Debatte im Bundestag hineingespielt hat. Selbstbestimmung, Mündigkeit, persönliche Verantwortung sind hohe Güter in unserer Gesellschaft. Eingriffe in Persönlichkeitsrechte tabu oder mindestens streng geordnet. Darum ist jede und jeder aufgefordert, sich Gedanken darüber zu machen, wie im Falle eines plötzlichen Todes mit den eigenen Organen verfahren werden soll. Ein Gedankengang, der vielen schwerfällt und dessen Ergebnis nicht einmal die Hälfte der Volljährigen in unserem Land dokumentiert hat. Darum standen im letzten 9004 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan, wurden in Deutschland aber nur 2995 Organe gespendet und starben 885 wartende Patienten. Über 200 Organe aus dem Ausland deutschen Patienten implantiert, aber Deutschland kann nahezu nie mit einem Organ helfen. Die Zahlen zeigen: Es gibt eine erhebliche Unwucht zwischen Bedarf und Bereitschaft, die größer wird, wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit ein Organ zu brauchen deutlich größer ist als die, durch tragische Umstände zum Spender zu werden…
Das macht die Debatte nicht einfacher. Natürlich sähe es schon anders aus, wenn tatsächlich alle, die sich zu dieser Frage im Klaren sind, einen Spenderausweis bei sich hätten. Aber es gibt auch Ängste und nicht zuletzt religiöse Vorbehalte, die Klarheit erschweren: Wenn mein Leib und meine Seele eins sind, was wird dann, fragen die einen, leibliche Auferstehung ohne Haut und Augen fragen die anderen? Dein Name ist aufgehoben bei Gott antworten die einen, leibliche Auferstehung glauben wir doch auch für die, die durch Krieg, Gewalt, Krankheit oder Unfall versehrt oder gänzlich zerfetzt sind, da ist kein Unterschied, sagen die anderen.
Und nicht genug: Darf der Staat über meine Organe oder die meines Nächsten verfügen? Wiegt das Recht zu leben stärker als alles andere? Debattieren wir so auch in anderen Zusammenhängen wie Sterbehilfe oder Abtreibung und wenn nicht, was macht den Unterschied?
In Berlin herrschte heute kein Fraktionszwang. Es wurde argumentiert und gestritten. Am Ende haben sich 379 Abgeordnete dafür entschieden, dass die Entscheidung bei jedem Einzelnen bleibt, sie haben das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gestärkt und die Verantwortung in je unseren eigenen Händen gelassen.
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Es ist eine weise Aufforderung, denn kaum eine Entscheidung betrifft nur mich. Was ich selbst nicht ordne, müssen andere tun; was ich gebe, können andere nehmen, was ich verweigere, fehlt, was ich zugestehe, schmerzt, was ich befürchte, hindert, was ich kläre, ordnet. Irgendwer wird auch meine Last zu tragen haben. Wohl dem, der ein Gebet in sich hat, eine Richtschnur, Halt. Der Rest ist Hochleistungsmedizin, menschliche Begabung und handwerkliches Können, Forschergeist – auch das sind Gottes Gaben.

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  Du baust mich auf!

Du baust mich auf!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.01.2020

Hören Sie gern auch mal emotionale Lieder und Gedichte? Ich gestehe: Ich ab und zu schon. Und vor ein paar Tagen ist mir so ein Lied im Radio begegnet, dass mich sehr berührt hat. Es heißt „You raise me up“, was auf Deutsch so viel heißt wie: „Du baust mich auf“, oder „Du ermunterst mich“. Vielleicht kennen Sie es ja, die Melodie werden wir gleich im Anschluss hören.
Das Lied stammt ursprünglich aus Norwegen. Der Komponist Rolf Lövland hat es 2001 geschrieben und es war eigentlich für ein Instrumentalduo vorgesehen. Allerdings verstarb die Mutter des Komponisten während der Entstehungszeit des Liedes und so wurde es auf ihrer Trauerfeier erstmals öffentlich gespielt. Der irische Komponist und Schriftsteller Brendan Graham schrieb schließlich den Text. Und der geht so:
„Wenn ich ganz unten bin und meine Seele so müde, wenn Sorgen kommen und mein Herz schwer ist, dann bin ich ganz ruhig und warte hier in der Stille, bis du kommst und eine Weile bei mir sitzt.“
„Du baust mich auf, dass ich auf den Bergen stehen kann, Du baust mich auf, um auf stürmischen Meeren zu gehen. Ich bin stark, wenn ich auf deinen Schultern bin, Du baust mich auf zu mehr, als ich je sein kann.“
Ist doch schön, oder? Und es ist für mich ein Glaubenslied, dass meiner Vorstellung und meiner Erfahrung von Gott sehr nahe kommt. Ich glaube, dass Gott in eben diesen Momenten, von denen das Lied spricht, ganz besonders für uns da sein will, in den Momenten und Lebensphasen, in denen wir ganz unten sind, mit müder Seele und einem von Sorgen schweren Herzen. Leben spielt sich nicht nur auf der Sonnenseite ab, das wissen wir alle und haben wir wahrscheinlich auch schon alle selbst erfahren. Und ich finde es zutreffend beschrieben, dass es dann vollkommen in Ordnung ist, still zu werden und abzuwarten. Panik, Hektik und Verzweiflung bringen uns im Zweifel nicht weiter. Zur Ruhe zu kommen, Ruhe zu finden und in all dem Belastendem hinzuhören, auf das was sich verändert, auf das, was in uns hörbar wird, hinzuhören auf das, was Gott uns in solchen Momenten zu sagen hat, das kann helfen.
Und dann kann es tatsächlich sein, dass wir Entlastung erleben, dass es uns besser geht, dass Sorgen und Ängste kleiner werden. Gott und unser Glaube an ihn können uns Kraft und Zuversicht geben, die es uns leichter machen, unsere Lebenskrisen zu meistern. So kommen wir wieder heraus aus den dunklen Tälern unserer Lebenswege, werden aufgerichtet, so dass wir wieder auf den Bergen stehen und über stürmische Meere gehen können, wie der Liedtext es sagt.
Ja, all das ist sehr prosaisch und vielleicht auch ein wenig kitschig formuliert. Aber dennoch ist es wahr und es entspricht dem, was Gott für uns tut, für uns sein will und uns schenken kann. Du baust mich auf – you raise me up.

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  Zeit für Gott

Zeit für Gott

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.01.2020

Als ich neulich morgen an der Tankstelle meine Rechnung bezahlte, fing plötzlich das Smartphone einer Dame, die direkt hinter mir stand, laut an zu piepen. Es war allerdings kein Anruf, sondern eine Erinnerung. Die Dame kramte ihr Handy aus der Tasche und schaltete es aus mit den Worten: „Entschuldigung, ich hatte vergessen, den Alarm stumm zu schalten. Aber gleich geht die Sonne auf und dann ist Gebetszeit.“
Die Frau war eine Muslima und wir haben uns noch ein wenig unterhalten, bevor wir unserer Wege gegangen oder besser: gefahren sind. Mich hat die Frömmigkeit dieser Frau beeindruckt, die sich im Alltag eben auch darin manifestiert, dass es reservierte Zeiten gibt, die dem Glauben gehören, Zeiten, die Gott geschenkt werden. Und dafür wird alles andere unterbrochen.
In unserer christlichen Tradition gab es früher auch feste Gebetszeiten. Der Tag war strukturiert durch Tagzeitgebete und damit die Menschen diese nicht vergaßen, wurden sie von den Kirchenglocken daran erinnert. Nur weniges davon ist geblieben, so zum Beispiel das Läuten der Gebetsglocke jeden Tag um 12:00 Uhr, hier bei uns am Dom aber auch in anderen Kirchen unsers Landes. Und vereinzelt hören wir ebenfalls am Abend von einigen Kirchtürmen die Glocken läuten.
Leider hat unser Lebensrhythmus die Tagzeitgebete aus unserem Alltag verdrängt. Dabei waren sie nicht nur für die Strukturierung des Tages sehr hilfreich, sie haben uns auch dabei unterstützt, unseren Glauben zu festigen und Gott direkt hineinzulassen in unser Leben. Wenn wir am Sonntag zum Gottesdienst gehen, ist das schon etwas Besonderes. Wir bereiten uns vor, verlassen unser Zuhause und machen uns auf den Weg. Ja, auch das bietet Struktur und Unterbrechung, aber wir begeben uns an einen besonderen Ort zu einem besonderen Zweck. Bei den Tagzeitgebeten war das anders. Die wurden dort gebetet oder gefeiert, wo man gerade war. Auf dem Feld, im Büro, in der Schule, zu Hause. Wenn die Glocke läutete, legte man beiseite, was einen gerade beschäftigte und schenkte Gott ein paar Minuten im Gebet – um Danke zu sagen, um für etwas oder für jemanden zu bitten, um seine Sorgen und Ängste loszuwerden und sie vor Gott zu bringen, um sich des eigenen Glaubens und der Gegenwart Gottes zu versichern.
Manche von uns haben sich solche Rituale im Persönlichen bewahrt oder für sich neu entdeckt. Das Gebet am Morgen, bevor wir das Haus verlassen, das Gebet vor dem Schlafengehen, in dem wir alles Gute und Schlechte des Tages zurück in Gottes Hand legen. Ganz egal was es ist, wie es abläuft und wann es stattfindet: Gespräche mit unserem Schöpfer sind immer gut und hilfreich – und empfehlenswert. Und wenn wir schon alle so wunderbare Smartphones in der Tasche haben, warum lassen wir uns nicht von ihnen auch daran regelmäßig erinnern: „Hallo Mensch, hier ist dein Telefon. Es wäre mal wieder ein guter Moment, um mit Deinem Schöpfer zu reden!“

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  St.-Knut-Tag

St.-Knut-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.01.2020

Kennen Sie die Fernsehwerbung dieses schwedischen Möbelhauses, in der aus ganz vielen Fenstern Weihnachtsbäume auf die Straße geworfen werden? „In Schweden begehen wir das Ende der Weihnachtszeit mit einem Fest, das man Knut nennt.“ So wird der Fernsehzuschauer über den Hintergrund der tieffliegenden Weihnachtsbäume informiert. Heute ist Knut, oder besser der St.-Knut-Tag, der Feiertag des Endes der Weihnachtszeit in Skandinavien.
r geht zurück auf den dänischen König Knut IV., der angeordnet hat, die Weihnachtszeit auf 20 Tage zu verlängern. In vielen Regionen der Welt endet Weihnachten mit dem Epiphaniasfest am 6. Januar, Knut IV. fand das zu früh und ließ noch eine Woche dranhängen. Eine sehr weise Entscheidung, wie ich finde. Denn je mehr Zeit wir Menschen haben, uns mit der weihnachtlichen Botschaft zu befassen und sie zu verinnerlichen, desto besser. Ich möchte die Gelegenheit des heutigen St.-Knuts-Tages nutzen, um mit Ihnen noch einmal einen Blick zurück zu werfen auf das, was wir vor 20 Tagen gefeiert haben.
Wenn Sie im Alten Testament der Bibel lesen, werden Sie an vielen Stellen darauf stoßen, dass es im Verhältnis zwischen uns Menschen und Gott nicht immer zum Besten stand. Adam und Eva fliegen kurz nach Abschluss der Schöpfungsgeschichte aus dem Paradies, weil sie sich nicht nach Gottes Regeln verhalten haben, der Herr schickt die Sintflut, gießt Pech und Schwefel über Sodom und Gomorra, schickt Plagen und Elend auf die Welt und, und, und. Das ist mitunter ganz weit weg von eitel Sonnenschein und erinnert eher an eine ziemlich heftige Beziehungskrise.
Doch Gott gibt uns Menschen noch einmal eine gigantische zweite Chance, in dem er seinen Bund mit uns erneuert. Und er tut dies dadurch, dass er einer von wird. Er kommt als Mensch in diese Welt und erlebt so auch alles, was menschliches Leben mit sich bringt an Gutem und Bösem, Schwerem und Leichtem. Und er zeigt uns in seinem Sohn wie gutes Leben gelingen kann: „Nehmt Euch an ihm ein Beispiel. Er lebt Euch vor, wie ich mir die Welt für euch Menschen gedacht habe.“ Und in dem, wie die Geschichte unseres Freundes und Bruders Jesus Christus weitergeht, zeigt uns Gott wie unbedingt und wie groß sein Liebe zu uns ist. Sein eigener Sohn muss qualvoll sterben, damit für uns alle der Tod ein für allemal besiegt werden kann, damit wir wissen dürfen, dass nach unseren ganz persönlichen Karfreitagen berechtigte Hoffnung auf das Licht des Ostermorgens bleibt.
Das ist weihnachtliche Botschaft und es wäre doch unglaublich schade, wenn wir dies aus dem Blick verlören, nur, weil wir keinen Baum mehr im Wohnzimmer und keinen Lichterbogen mehr im Fenster stehen haben. Und deshalb kann ich König Knuts Entscheidung gut nachvollziehen. Denn und ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende!

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  Ruhig auch mal albern sein

Ruhig auch mal albern sein

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.01.2020

Auf der Suche nach einem Thema für die heutige Andacht habe ich ein wenig im Internet gesurft und bin auf einen Kalender gestoßen, der den heutigen 11. Januar als „Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ ausweist. Das habe ich bei mir dann erst einmal so sacken lassen. Es ist nicht erklärt, woher dieser besondere Tag kommt, wer ihn wann und warum ausgerufen hat und wie er denn so zu begehen ist. Und eigentlich wollte ich das alles auch gar nicht so genau wissen. Es gab lediglich den Hinweis, dass man ihn besonders im Süden Europas gut feiern könne, da es dort kaum Eis auf den Pfützen gäbe – na immerhin!
„Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ – ich hab das Thema dann doch irgendwie nicht mehr aus dem Kopf bekommen, weil ich es witzig fand, einen Tag einfach mal einem solchen Blödsinn zu widmen. Es herrscht ja momentan draußen in der Welt kein Mangel an Nachrichten, die alles andere als witzig sind. Und ich persönlich brauche davon auch einfach mal etwas Ablenkung, gerne auch mal mit einer Runde Albernheiten. Leider trauen wir uns das nicht immer, weil wir meinen, mal so richtig albern zu sein, das gehöre sich nicht, sei irgendwie unfein und dürfe man sich als mündiger und verantwortungsbewusster Erwachsener einfach nicht mehr erlauben. Ich glaube, dass das nicht stimmt. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir immer nur ernst und hoch seriös durch die Gegend laufen, hätte er uns ganz bestimmt nicht unseren Humor geschenkt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Gott Humor hat. Wäre sonst diese Welt so schön und bunt und vielfältig? Wüssten wir dann zu lachen und würden wir es so gern tun, wie wir es tun? Gott lässt Abrahams Frau Sara schwanger werden, als sie 90 Jahre alt ist und Sara lachte, als sie es erfuhr, wie die Bibel verrät. Ja, zugegeben, die Bibel ist nicht gerade voll von mehr oder weniger witzigen und humorvollen Begebenheiten. Auch Jesus wird eher ernst und unnahbar dargestellt. Dieses Bild findet sich übrigens auch in vielen Bibelverfilmungen wieder. Jesus als stoischer Held, der seinen Weg ohne große emotionale Regungen geht. Vielleicht hat man aus Ehrfurcht vor der Person darauf verzichtet, ihn allzu menschlich darzustellen, ich weiß es nicht.
Doch er ist Mensch geworden, wir haben es gerade erst gefeiert. Und er hat ganz sicher auch gelacht, war fröhlich und bestimmt auch mal albern. Und wir dürfen das auch. Kinder haben uns da so einiges voraus. Die können ganz unbefangen fröhlich sein und Blödsinn machen. Ich finde, wir sollten das nicht verlernen, denn es macht das Leben reicher und heller – gerade wenn so vieles um uns herum so schwer und traurig ist.
Jesus will uns ein Leben in Fülle schenken, wie er selbst sagt. Und in einem solchen Leben in Fülle darf man ganz sicher auch den „Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ feiern. Ein kleines Lächeln wäre doch schon mal ein schöner Anfang.

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  Solidarisch gegen den Hass

Solidarisch gegen den Hass

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.01.2020

Vor ein paar Tagen hat der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, darüber berichtet, dass er Morddrohungen erhalten habe, insbesondere, weil er sich seit Jahren sehr klar und sehr engagiert für die Seenotrettung von Menschen im Mittelmeer einsetzt. Der Bischof reagierte vergleichsweise gelassen, sagte, dass er die Drohungen gegen ihn nicht besonders ernst nehme. Dennoch: Erschütternd ist der Sachverhalt allemal. Doch es ist nicht nur der EKD-Ratsvorsitzende, der derartig bedroht wird. Viele Menschen des öffentlichen Lebens müssen sich mit solchen Anfeindungen auseinandersetzen. Meist geschieht dies anonym und vielfach in den sogenannten sozialen Netzwerken. Sie bieten Raum für verbale Entgleisungen, für Hetze und Hass, ohne, dass diejenigen, die diese Inhalte veröffentlichen, sich mit ihrem echten Namen dazu bekennen müssten.
Nun könnte man sagen: Sind ja alles nur leere Worte, die da zu lesen sind. Doch ich fürchte, dass wir es uns damit zu leicht machen. Erst sind es Gedanken, dann sind es Worte und am Ende werden Taten daraus. Und es gab eben schon die ersten grausamen Taten in unserem Land, bei denen Menschen, die sich für Flüchtlinge und gegen Hass und Ausgrenzung positionieret haben, verletzt und sogar umgebracht wurden – hier bei uns in Deutschland. Die Forderungen nach strengeren Regeln im Internet sind nicht neu, echte Verbesserungen der Situation lassen allerdings auf sich warten. Und so mancher engagierte Mensch in Politik, Gesellschaft und auch bei uns in den Kirchen hat sich bereits zurückgezogen, weil der Druck und die Drohungen nicht mehr zu ertragen waren. Jüngstes Beispiel ist der Bürgermeister aus dem niedersächsischen Estorf, der ebenfalls rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt war, dessen Auto mit Hakenkreuzen beschmiert wurde und der eben auch Morddrohungen erhalten hat.
Da engagieren sich Menschen ehrenamtlich für ihre, für unsere Mitmenschen, treten ein für Demokratie, für Nächstenliebe, für Menschenrechte und Menschenwürde und werden dafür mit dem Tod bedroht. Es ist nicht leicht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, weil diejenigen, die den Hass säen, nicht so ohne weiteres zu finden sind. Zudem scheint eine gewisse Gewöhnung einzutreten: „Ja, das ist nun mal so. Damit muss man halt rechnen, wenn man sich öffentlich äußert“, so ist mitunter zu hören. Nein, damit muss man nicht rechnen müssen. Ich denke, ein wesentlicher Hebel, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, ist, dass wir uns eben nicht daran gewöhnen, sondern unmissverständlich sagen, dass wir so etwas nicht hinnehmen.
Es ist Aufgabe, auch und gerade von kirchlicher Seite, klar und deutlich unsere Solidarität mit denen zum Ausdruck zu bringen, die sich dem Hass anderer ausgesetzt sehen. Wer sich einsetzt für die Schwachen, für die Bedrohten, für die Angstvollen; wer sich einsetzt für die Demokratie, wer sich einsetzt für das Evangelium und in Jesu Namen und Jesu Sinne handelt, der muss die volle Solidarität von Christinnen und Christen im Rücken haben und sich darauf verlassen können.
Jesus Christus spricht: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um meinetwillen.“ Gerade in Zeiten wie diesen, sollten wir einmal mehr auf dieses Bibelwort hören.

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  Das leben ist riesengroß

Das leben ist riesengroß

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.01.2020

Gestern Abend, Staatstheater, Kleines Haus, krankheitsbedingte Spielplanänderung: „Novencento. Die Legende vom Ozeanpianisten.“ Ein Ein-Mann-Stück mit Götz van Ooyen nach dem Roman von Alessandro Baricco. Es erzählt die Geschichte eines Findelkindes, das im Ballsaal eines Ozeandampfers in einem Karton auf dem Klavier zurückgelassen wird.
„Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“
So steht es im 69. Psalm. So muss es den Auswanderern, den Wirtschaftsflüchtlingen zu allen Zeiten ergangen sein…
Der Junge, kurz Novecento, wächst auf dem Ozeanriesen auf, wird ein großartiger Pianist, eine Legende. Und er geht niemals von Bord; zunächst aus Sicherheitsgründen, denn er hat keine Papiere, später aus Angst vor der entgrenzten Welt.
Denn, wieder im 69. Psalm: „Ich bin fremd geworden meinen Brüdern / und unbekannt den Kindern meiner Mutter“
Als das Stück vor fast zwanzig Jahren in Braunschweig auf die Bühne kam, war Götz van Ooyen dreißig. Es gab noch keine Smartphones und die Geschichten von unbegleiteten Minderjährigen spielten noch in einer anderern Welt. Damals taumelte Götz van Ooyen slapstickartig über die Bühne, so dass man schon von Zugucken seekrank wurde und rast mit dem ungebremsten Klavier durch den Ballsaal. Übermut, Wahnsinn, Genie. Keiner hatte mehr Boden unter den Füßen. Novecento, der die ganze Welt in den Augen der Reisenden sieht und im Kosmos der Musik zum Ausdruck bringt, war kompromisslos und verletzlich, einer der die Welt im Sturm erobern könnte aber darauf verzichtet, der „Amerika“ schreit und man weiß nicht, ob da Sehnsucht mitschwingt…
Zwanzig Jahre später wackelt nichts mehr. Jetzt steht dieser Novecento ganz oben auf der Brücke, die das Schiff mit dem Land verbindet und beim Zusehen bleibt einem das Herz stehen: er wird hoffentlich nicht in den dunklen Zuschauerraum stürzen wie er da so ungesichert auf der schmalen Stufe steht und zurückschreckt: Was soll er in dieser Welt?
„Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen…“
Als das Schiff nach dem zweiten Weltkrieg schließlich nicht mehr fahrtüchtig ist, wird es versenkt und Novecento geht mit unter. Auch das klingt heute schmerzlich aktuell.
Zwanzig Jahre später erzählt Götz van Ooyen diese Geschichte aus den Augen eines Trompeters, der sich alt geworden erinnert: An den heimatlosen Jungen, dem die Weite des Meeres weniger gefährlich schien als die grenzenlose Stadt, der Inbegriff der westlichen Welt. Jetzt erzählt er von einem Musiker, dem das Duell und die Leistungsschau fremd sind, der aber die Lieder der Reisenden durch die Zeit in sich versammelt hat, ihre Geschichten, das was sein wird und deswegen das je größere Lied spielt. Auch 2020 schreit er „Amerika“ aber vor allem: „Das Leben ist riesengroß!“ Oder: „Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied / und will ihn hoch ehren mit Dank.“


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  Sternsinger 2020

Sternsinger 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.01.2020

Wir haben Besuch! Man wird es den Rest des Jahres noch an unserer Domtür sehen können, dass die Sternsinger dagewesen sind und ihren Segen angeschrieben haben. 2020 wird dann neben dem CMB stehen und wir werden im Laufe des Jahres immer wieder durch diese Tür gehen und daran denken, dass wir hier seit 75 Jahren ohne Bombennächte leben dürfen, dass seit dreißig Jahren die kriegsbedingte Spaltung Deutschland zuende ist.
Bis zum achten Mai werden dabei noch einige schwere Tage kommen: das Gedenken an die Ermordung von Helmuth James von Moltke und Dietrich Bonhoeffer oder die Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz. Für unsere Kinder ist das Geschichte. Sie werden nicht mehr ohne Väter und Großväter groß, müssen nicht Brüder oder Liebste beweinen, können zur Schule oder in die Ausbildung statt an die Front. Gott sei Dank!
Wirklich! Gott sei Dank!
Denn das ist keineswegs überall auf der Welt so.
Die Sternsingeraktion 2020 „Frieden im Libanon und weltweit“ erinnert daran und trägt dazu bei, dass unsere Kinder wenigstens davon hören, dass ihre Altersgenossen sich anderswo solche friedliche Normalität wie wir sie hier haben, nicht vorstellen können. Das ist Friedenserziehung im besten Sinne, denn unserer Kinder leben mit den Kindern aus den Kriegsgebieten in einer Welt und werden gemeinsam Verantwortung tragen. Dafür ist wichtig zu wissen, was Andere durchgemacht und erlitten haben, warum sie Manches nicht lernen oder ausprobieren konnten.
Im Materialheft der diesjährigen Aktion habe ich folgenden kleinen Text gelesen:
„Salomon ist zwölf Jahre und sehr schüchtern. Er verwechselt Frieden mit Krieg. Er sagt: „Im ‚Frieden‘ töten die Menschen sich mit dem Messer. Wenn die Person weglaufen will, nimmt man die Machete und schlägt auf sie ein, damit sie stirbt. Manchmal stellt man Fallen mit Kabeln auf und fängt so die Person. Wenn die Menschen sich nicht mehr mit Macheten töten, dann streiten und kämpfen sie miteinander. Mehr weiß ich nicht. Frieden kenne ich nicht.“
Diese Verwechslung nicht zu korrigieren war einfühlsam und klug, denn sie zeigt so überaus deutlich, wie alles wegrutscht, wenn solche Bilder zum Alltag eines Kindes gehören.
Noch steht hier die Krippe, noch ist einem im Ohr, das Jesaja sagt:
„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
Ja, uns ist dies Kind geboren – aber nicht nur uns, sondern uns allen und erst recht den Kindern dieser Welt. Darum ist es gut, dass die Sternsinger kommen, davon hören und singen und uns daran erinnern.


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  Charlie Hebdo

Charlie Hebdo

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.01.2020

Heute jährt sich der Abschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo zum fünften Mal. Im Januar 2015 hatten im Nu zahllose Menschen ein blau-weiß-rotes Profilbild. Der Schreck, dass der Terror nun auch uns so nah gerückt war, verbündete Menschen in einem kurzen Moment der Solidarität.
Inzwischen wissen wir, dieser Anschlag war nur der Auftakt eines schweren Jahres in Frankreich, ganz zu schweigen von all den Opfern von Hass und Gewalt überall auf der Welt.
Im 69. Psalm heißt es:
„Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupte habe. Die mir zu Unrecht Feind sind / und mich verderben wollen, sind mächtig. Ich soll zurückgeben, was ich nicht geraubt habe.“
Ich versinke in tiefen Schlamm… - wohin der Hass führt, kann man tagtäglich sehen. Aktuell bringt er nicht nur den Iran und die Vereinigten Staaten in eine wirkliche gefährliche Situation; der allenthalben salonfähige Hass in den verschiedensten Medien tut sein Übriges.
Schon längst werden wir dieser Flut kaum noch Herr.
Carolin Emcke hat kurz nach dem Anschlag in Paris ein kleines Buch „Gegen den Hass“ veröffentlicht. Darin beschreibt sie, dass es eine Grundstruktur des Hassens ist, möglichst nicht genau hinzusehen, zu verallgemeinern, sich nicht verunsichern zu lassen. „Gehasst wird ungenau. Präzise lässt sich nicht gut hassen. Mit der Präzision käme die Zartheit, das genaue Hinsehen oder Hinhören, mit der Präzision käme die Differenzierung…“
Und vielleicht auch das Interesse füreinander und Verständnis für das jeweilige Anderssein. Diese Erfahrung könnte Renate Künast bestätigen, die davon ausgeht, dass die verbalen Angriffe nicht genau ihr galten, sondern einer wie ihr.
Hass ist keine Meinung, schreibt sie. Deswegen verdient er keine Freiheit, deswegen lässt er sich nicht auf Argumente ein, deswegen macht er blind. „Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“
Schreibt der Psalmist. Nicht blind vor Hass, sondern trüb vor Tränen.
So muss es nicht sein, nicht unter uns.

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  Guter Vorsatz

Guter Vorsatz

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.01.2020

Tag 4 im neuen Jahr. Weihnachtlicher Glanz bestimmt noch immer unsere Wohnungen, unsere Innenstädte und auch unsere Kirchen. Doch spätestens ab der kommenden Woche, wenn wir am 6. Januar Epiphanias gefeiert haben, werden wohl mehr Weihnachtsbäume vor unseren Häusern liegen als noch in den Wohnzimmern stehen und auch die festlichen Beleuchtungen, die uns seit Anfang Dezember begleiten, werden nach und nach verblassen.
Apropos verblassen: Wie sieht es eigentlich so mit Ihren Neujahrsvorsätzen aus, wenn Sie denn welche gefasst haben sollten? Sind noch alle präsent oder gab es schon erste Ausfälle? Wie dem auch sein mag: Wenn Sie mit der Zusammenstellung Ihrer eigenen Ziele für 2020 noch nicht so ganz zufrieden sein sollten: Der 4. Januar ist, wie ich finde, noch immer so dicht an Silvester und Neujahr, dass Korrekturen erlaubt sein sollten.
Vielleicht wollen Sie ja noch etwas richtig Anspruchsvolles und gleichzeitig unglaublich Sinnvolles mit auf die Liste nehmen. Ich hätte da was für Sie, nämlich das Bibelwort der Herrnhuter Losungen, das über dem heutigen Tag steht. Es sind Worte von Jesus Christus höchstpersönlich und der rät uns: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“
Ich könnte verstehen, wenn Sie dann doch lieber bei gesunder Ernährung, mehr Sport oder öfter mal im Haushalt helfen bleiben wollen. Doch Sperrigkeit ist und bleibt eben ein Markenzeichen des Evangeliums und der Botschaft Jesu ebenso. Das, was uns die Bibel als Lebensorientierung mit auf den Weg gibt, das ist nicht zart wie glattgerührte Butter. So manches ist harte Kost und fordert uns massiv heraus, insbesondere dann, wenn wir uns vornehmen, danach zu leben.
Jesus Aufforderung, dass wir unsere Feinde lieben sollen, gehört ganz sicher in diese Kategorie. Und doch ist es ein ganz wesentlicher Schritt, der zum Frieden führt. Wenn wir immer nur Gleiches mit Gleichem vergelten, uns dem Automatismus unterwerfen, der Gewalt mit Gegengewalt beantwortet, dann wird das nichts mit Friede auf Erden. Vielleicht hilft es, das Thema nicht gleich zu groß zu denken mit Beispielen, die auf die Weltbühne gehören. Es wird einfacher und greifbarer, wenn wir im Kleinen anfangen. Wenn mir jemand dumm kommt, mich verletzt, kränkt, beleidigt, warum kann ich im ersten Impuls dann nicht zunächst einmal vergeben, bevor ich über alles mögliche Andere nachdenke? Wenn mir Vergebung gelingt, ist ganz viel Druck aus dem Kessel, dann ist der Wunsch nach Vergeltung weg, denn es gibt nichts mehr, was zu vergelten wäre. Und damit hat die Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von „Wie Du mir, so ich Dir“ keine Energie mehr.
Vielleicht wäre das ja noch so eine Idee für 2020. Erst einmal vergeben, bevor wir unsere Waffen wetzen. Wenn das Schule macht, könnte sich einiges zum Besseren verändern auf dieser Welt.

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  Die Sache mit den guten Vorsätzen

Die Sache mit den guten Vorsätzen

Henning Böger, Pastor an St. Magni - 03.01.2020

„Der schwierigste Weg, den der Mensch zurückzulegen hat, ist der zwischen Vorsatz und Ausführung.“ Dieser Gedanke des Braunschweiger Erzählers Wilhelm Raabe passt ganz gut zu den vielen „guten Vorsätzen“, die Menschen auch in diesem Jahr verwirklichen wollen. Ganz oben auf der Gute-Vorsätze-Liste stehen laut einer aktuellen Umfrage: Stress vermeiden, mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich mehr bewegen. Leider gibt es keine Statistiken darüber, wie viele der guten Vorsätze tatsächlich eingehalten wurden. Schade eigentlich!
Noch einmal Wilhelm Raabe: „Der schwierigste Weg, den der Mensch zurücklegen kann, ist der zwischen Vorsatz und Ausführung.“ Warum ist das so? Warum scheitern unsere guten Vorsätze sooft? Aus eigener Erfahrung vermute ich: Das Schwierige an guten Vorsätzen ist weniger das Gute, das sie anstreben, sondern vielmehr der Umstand, dass sie oft aus Unzufriedenheit gedeihen, also aus dem Gefühl, dass etwas nicht gut oder gut genug ist. Gutes gelingt aber vor allem aus Freude. Auch die Lust auf Veränderung wächst besser aus einem guten Gefühl heraus. Dann könnte unseren guten Vorsätzen folgende biblische Einsicht ganz gut tun: „Ich danke dir, Gott, dass ich so wunderbar gemacht bin.“ Das weiß der Beter des 139. Psalms von sich selbst zu sage. Und er dürfte dabei auch die eigenen Problemzonen nicht aus dem Blick verloren haben.
„Ich danke dir, Gott, dass ich so wunderbar gemacht bin.“ Das ist ein starker Satz zu Jahresbeginn. Ich höre ihn so: Dass gute Vorsätze scheitern können, dass uns längst nicht alles so gelingt, wie wir es wünschen oder wollen, das muss kein Anlass zur Resignation sein, weil wir so, wie wir sind, Gott immer schon gut genug sind. Ganz gleich, wie mir das Leben im neuen Jahr gelingen mag, diesen einen Satz darf ich dafür schon jetzt hören: Gott ist da, und darum ist er auch für mich da! Gott sorgt dafür, dass es mit mir gut ausgeht. Auch da, wo ich mir selbst und meinen Möglichkeiten im Wege stehe.

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  Neustart

Neustart

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2020

Ist irgendetwas anders? Haben Sie eine Veränderung bemerkt an sich selbst, an Ihren Mitmenschen, an Ihrer Umwelt? Schließlich hat ein neues Jahr begonnen und eigentlich könnte man doch erwarten, dass irgendetwas augenfällig anders ist. Schließlich veranstalten wir Menschen ja einigen Zinnober an Silvester: große Party, Feuerwerk, Sekt, Tanz, Trallala. Und doch ist dann der erste Morgen im neuen Jahr nicht anders als der letzte Morgen des abgelaufenen, von einem leichten Kater und etwas verstärkter Müdigkeit vielleicht mal abgesehen.
Und doch verspüren manche unserer Zeitgenossen so etwas wie Aufbruchstimmung an jedem Jahresanfang. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen kann es daran liegen, dass wir uns einige dieser berühmten guten Vorsätze zu eigen gemacht haben. Ich will Sie nicht langweilen damit, deshalb nur ein paar wenige als Beispiel: mehr Sport, gesünder und weniger essen, nicht mehr rauchen, öfter mal bei Tante Elisabeth anrufen, und, und, und.
Unsere Aufbruchstimmung kann aber auch daraus erwachsen, dass wir unter Erlebnisse, Erfahrungen, Begegnungen aus der Vergangenheit am Jahresende einfach ein Strick gemacht haben, sie abschließen und uns von ihnen ein Stück weit distanzieren und verabschieden konnten. Das ist, wie ich finde, ein sehr wichtiger und erleichternder Effekt eines Jahreswechsels.
Ich kann Belastendes hinter mir lassen, so, wie ich das alte Jahr hinter mir gelassen habe. Ich kann Trauer und Sorgen und Angst einen zeitlichen Ort geben und der ist dann eben in der Vergangenheit und damit gehören Trauer, Sorgen und Angst zumindest ursächlich zur Vergangenheit und nicht mehr zum heute. Natürlich heißt das nicht, dass wir alle am 1. Januar wie neugeboren sind, wie ein unbeschriebenes Blatt, ohne irgendwelche Probleme und Nöte. Das ganz sicher nicht. Aber so manches wird leichter, wenn uns ein Jahreswechsel davon trennt.
Unterstützt werden wir dabei von Jesus Christus höchstpersönlich. Petrus schreibt: Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Erfreulicherweise hat Petrus hierbei nicht nur zum Jahreswechsel recht, sondern immer. Jesus lädt uns ein, zu ihm zu kommen, wenn wir mühselig und beladen sind, an 365 Tagen im Jahr, in 2020 sogar an 366. Es fällt uns Menschen aber leichter, uns das zu vergegenwärtigen, wenn es dazu noch einen äußeren Impuls gibt – so, wie an Silvester oder Neujahr.
Ich finde Jesu Einladung einfach großartig. Egal wie schwer unsere Sorgen sind, egal wie groß der Bockmist ist, den wir mal wieder gebaut haben: Unser Freund und Bruder Jesus Christus ist bereit, ihn uns abzunehmen. Und wenn Sie also nun heute Abend oder morgen oder wann auch immer noch irgendwelchen alten belastenden Kram aus 2019 finden: Alle Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.

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  Endspurt

Endspurt

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.12.2019

Endspurt. Dies ist das letzte Wort zum Alltag in 2019, die letzte 5-Minuten-Andacht. Es waren überschlägig 300, die von Montag bis Samstag von dieser Kanzel aus gesprochen wurden und einige Tausend Menschen haben zugehört. Neben diesen Andachten gab es dann noch Gottesdienste, Bläser-, Chor- und Orgel-Vespern, Bach-Zeiten, Sommernächte und so manches mehr. Und immer waren Menschen hier im Dom, haben gemeinsam gesungen und gebetet und auf Gottes Wort gehört.
Wir werden öfter mal gefragt, ob uns denn, gerade für die täglichen Andachten, auch immer etwas einfiele. Und die Antwort ist erstaunlicherweise: Ja! Wobei das so erstaunlich gar nicht mal ist. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Petrus und Johannes gefangen genommen und in Jerusalem vor dem Hohen Rat verhört werden, weil sie von Jesu Auferstehung und seiner frohen Botschaft berichtet hatten. Und das passte den religiösen Führern so gar nicht in den Kram. In diesem Verhör sagen die beiden dann: „Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“
In dieser Tradition verstehen wir uns hier auch. Wir können es auch nicht lassen, immer wieder von Gottes froher Botschaft zu reden und dieser Botschaft so eine Stimme zu geben. Und unsere Andachten heißen dazu aus gutem Grund „Wort zum Alltag“. Denn Gottes Wort und sein Evangelium hat genau da seinen Platz und gehört genau da hin: in unseren Alltag. Ja, natürlich feiern wir hier im Dom die hohen kirchlichen Feste in ganz besonderer Art und Weise – die Weihnachtsfeiertage liegen gerade hinter uns, Epiphanias steht vor der Tür, Ostern, Pfingsten und Trinitatis werden folgen. Doch viel wichtiger ist doch, dass wir uns auch außerhalb dieser Festtage in unserem täglichen Leben von Gott und seiner Liebe begleitet fühlen können. Wichtig ist doch, dass wir die Relevanz des Evangeliums nicht nur sonntags von 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr erleben, sondern täglich von Montag bis Sonntag.
Und weil Evangelium immer erlebbar ist, gibt es auch jeden Tag ein anderes Thema hier bei uns im Dom, ohne dass wir uns ständig wiederholen müssten. Gott wird sichtbar in unser aller Alltag, in den Menschen, die uns begegnen, in den kleinen Episoden, die sich millionenfach ereignen, im Großen wie im Kleinen. Gott wird sichtbar überall dort, wo Menschen sind, sie sich ihrem Leben stellen mit allem, was dazugehört. Und so ist es gar kein Problem, jeden Tag auf neue unsere Aufmerksamkeit mit einem Wort zum Alltag auf unseren Alltag zu lenken und aufzuzeigen, dass das Evangelium keine 2000 Jahre alte Geschichte ist, sondern dass es Bedeutung hat im Hier und Jetzt, dass es aktuell ist wie eh und je und dass uns Gottes Liebe, von der es berichtet, trägt und hält und begleitet.
Auch wir hier am Dom können es nicht lassen, davon zu reden. Das war so in 2019 und das wird so bleiben auch in 2020.

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  Segensreiche Zeit

Segensreiche Zeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.12.2019

Die Weihnachtszeit gilt als segensreiche Zeit. Auch wenn das Wort „segensreich“ wohl inzwischen zu den gefährdeten Wörtern gehört. Segensreich – was soll das schon bedeuten? Im Internet recherchiert, meint die Seite „Wortbedeutung.info“, dass das Wort „etwas Positives bewirkend, etwas Gutes aufweisend“, meine. Und dann gilt das erste Beispiel der Technik. Hm. Denkt sich die Theologin. Segensreich hat doch zuallererst etwas damit zu tun, dass uns – ja!, etwas Positives geschieht, aber doch, dass es uns von Gott geschieht. Es geht um etwas, das uns geschenkgleich widerfährt.

So ist eine echte Begegnung zweier Seelen segensreich.
Segensreich ist, wo Menschen einander zuhören und achtsam miteinander umgehen.
Segensreich ist das freundliche Lächeln, das Antwort findet.
Segensreich ist jenes Vertrauen zueinander, das in Lust gemeinsam Dinge angehen lässt, um sie Wirklichkeit werden zu lassen; ein Vertrauen, das noch Kritik und Meinungsverschiedenheit aushält.
Segensreich ist gemeinsam vertrödelte Zeit.
Segensreich ist das Ringen umeinander. Ich lasse dich nicht, ganz gleich, was geschieht.
Segensreich ist Austausch untereinander: Was denkst du, was glaubst du, worauf hoffst du, was sehnst du? Und interessiert dich, was ich denke, glaube, hoffe, sehne?
Segensreich ist gemeinsames Tun; und wertschätzen, wenn ein anderer etwas für mich tut.

Vermutlich könnte sich diese Liste lange fortsetzen – und spannend wäre es, müsste jede und jeder unter uns zehn segensreiche Dinge seines Lebens benennen. Welche Übereinstimmungen es wohl gäbe? Und trotzdem möchte ich vermuten, dass so eine Liste lang wäre, weil für uns als Individuen eben doch ganz verschiedene Dinge segensreich sind.

Ich für meinen Teil würde z.B. meine Familie ergänzen. Und zwar jene, die mich groß gezogen haben. Meine Eltern und Geschwister; und jene, mit denen ich heute lebe. Dazu Freunde - und überhaupt irgendwie alle, die in Nah und Fern dazu gehören, die Teil meines Gewordenseins sind.
Segensreich sind mir jene, mit denen ich Tag für Tag arbeite.
Jene Menschen, die sich selbst verpflichten, an diesem Ort der Verkündigung mitzutun. Einige von uns werden bezahlt, die meisten aber nicht.
Segensreich ist das Vertrauen im Miteinander, das uns fröhlich denken, streiten, verkündigen, auf diesen Ort aufpassen und von ihm und seiner Geschichte erzählen lässt.
Segensreich war mir in diesen Jahren alles einander begegnen.
In den gemeinsamen Andachten und Gottesdiensten.
Im Konfirmandenunterricht.
Auf der JuKa-Fahrt.
Segensreich ist mir dieser Raum. Der Blick von meinem Stuhl auf das Kreuz des Meisters Imervard. Das Licht, das plötzlich durch die Fenster bricht. Seine Theologie: Heinrich und Mathilde, der Marienaltar, der Leuchter, das Himmlische Jerusalem.
Segensreich waren die vielen gemeinsamen Erlebnisse in Taufen, Vorstellungsgottesdiensten, Konfirmationen, Hochzeiten, auch Beerdigungen, in der Advents- und Weihnachtszeit, zum Abschluss des Weihnachtsmarktes, wenn die Schausteller ihr ganz persönliches Erntedank feiern. Im Polizeigottesdienst. Mit den Chören von außerhalb in der Adventszeit. Beim Tischabendmahl am Gründonnerstag vor dem Osterleuchter. Zu Karfreitag. In der Osternacht. Das Blumenkreuz im Familiengottesdienst. Der Tag der Domsingschule. Pfingsten und unsere Pfingstwanderungen. Die Landfrauen zu Erntedank. Das gemeinsame Bedenken von Themenfeldern wie Krieg und Frieden, wenn die Nacht vom 14. auf den 15. Oktober naht, oder in der Friedensgebetswoche. Die vielen, vielen wunderbaren Konzerte, Konzert-Vespern, BachZeiten, Sommernächte. Das Erleben, dass Chormusik nicht nur gelungenes Event, sondern tatsächlich Ausdruck lebendigen Glaubens sein kann. Weiter: die Überlegungen zur Chororgel, die jetzt durch so viel ehrenamtliches Engagement vielleicht wirklich Wirklichkeit wird. Ich würde es diesem Ort und den Menschen, die sich dafür einsetzen, von Herzen gönnen! Und natürlich: die Kollekten, die hier für andere möglich sind – die Dachziegel-Beschriftung für die Schule in Addis, der Buchstaben-Verkauf unserer Reformationsausstellung zu Gunsten der Kapelle bei der Braunschweiger Hütte oder Jahr für Jahr Sami und Samar, die hier für Mitglieder der christliche Gemeinde in Bethel deren Krippenschnitzereien verkaufen.

Überhaupt habe ich am Dom gelernt, dass Gemeindebilder sich glücklich verändern können, wo wir als Kirche neue Wege beschreiten; der Kern unserer Botschaft aber bleibt über die Zeiten hinweg: Es gibt jene Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt die Sehnsucht nach Licht in der Dunkelheit. Es gibt die Sehnsucht, dass das Leben mehr sein könnte, als wir es aus unseren Alltagsabläufen gewohnt sind; die Sehnsucht, dass die Gegenwart Gottes segensreiche Perspektiven im eigenen Leben aufschließt.

Wenn ich heute hier meine letzte Andacht als Dompfarrerin halte, bevor ich dann in Helmstedt in neuer Funktion predigen und so Gott will auch wirken darf, dann tue ich das mit vollem Herzen und zutiefst dankbar. Segensreich war mir diese Zeit. So viel Gutes, das ich erfahren und hier und da hoffentlich auch geben durfte.

Fragten Sie mich, was mir am wichtigsten von all dem gewesen sei, dann antwortete ich: All jene Momente, in denen wir miteinander und füreinander gerungen haben. Wo wir uns begegnet sind im Austausch – vielleicht nicht immer einer Meinung, aber immer einander wertschätzend. Das ist oft in kleinen Gesprächsrunden geschehen. Dann, wenn wir im Kirchenvorstand über die Zukunft dieses Ortes, über seine Möglichkeiten und Grenzen, vor allem aber über die Menschen nachgedacht haben, die hier ihre kirchliche Heimat finden und die etwas von diesem Ort wollen. Und es war dann, wenn Sie mir in Gesprächen vor Tauf- oder Traugottesdienst, und natürlich auch vor Beerdigungen vertraut und mir erzählt haben. Es geschah in seelsorgerlich-intensiven Phasen oder auch nur im Türrahmen, wenn wir uns über Gott und die Welt austauschten. Für mich lag der größte Segen nicht in den großen Events selbst, sondern im Erleben, dass diese Veranstaltungen an ihren Rändern ermöglichen.

Vielleicht mögen Sie nun gegen Ende meines Redens doch kritisch anmerken: Na, jetzt hat sie ihre Definition von „segensreich“ zwar nicht mit der Technik begonnen, aber von Gott hat sie auch nicht geredet. Also doch nur eine irdische Angelegenheit, der Segen?

Als Gott den Mose beauftragt, da fragt Mose ihn, wer er denn sei, von welchem Gott er den Israeliten denn verkündigen solle? Wie lautet sein Name?
Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3,14)

Gott ist mit, in und unter unserer Wirklichkeit. So drückte es Luther aus.
Wer Gott nicht im Geschenk des Lebens auf Erden findet, und wer ihn nicht im Lebensgeschenk seiner selbst entdeckt, dem lässt sich leider nicht helfen bei seiner Gottsuche. Denn niemand wird Gott extraterrestrisch irgendwo im Universum finden, sondern wir werden ihn nur in uns selbst finden und dann auch mitten unter uns. Und wo das geschieht, da erfahren wir ihn, den reichen Segen, die segensreiche Zeit. Amen.


Gebet:
Himmlischer Vater,
die brücke betreten
zwischen abend und morgen
abschied und ankunft
himmel und krippe
der liebe vertrauen
und spüren: sie trägt

schenke uns solchen Segen in diesen Tagen
zwischen altem und neuem Jahr,
zwischen dem, was war, und dem, was kommt.
Sei uns Schutz und Schirm vor allem Bösen,
Stärke und Hilfe zu allem Guten,
dass wir bewahrt bleiben zum ewigen Leben. Amen.

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  Alles ist gut

Alles ist gut

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.12.2019

Alles vorbei.
Wie schnell die Stunden vergehen.
Zuerst in der Hetze der Vorbereitungen.
Dann im Fluge des Festes.
Und nun liegt Weihnachten schon wieder hinter uns.

Als ich gestern die Kinder vor dem Familiengottesdienst gefragt habe, ob Weihnachten denn schön gewesen sei, da leuchteten die Augen und aus den Mündern erscholl das kleine Wörtlein „Ja!“. Es gibt eben nicht nur Vorfreude, sondern auch Nachfreude. Und es gibt Mit-Freude. Die geschieht nämlich, wenn die Idee eine Freude zu machen, gezündet hat. Und sie geschieht, wo gutes Zusammensein gelingt. Für mich persönlich passiert diese Mit-Freude, wenn ich dem Knaben und seinem Cousin beim Bauen zusehe. Und den Mädels bei der schweren Entscheidung, welches der neuen Bücher denn jetzt wohl zuerst zu lesen wäre. Dieses oder jenes, vielleicht das andere? Oder doch lieber kapitelweise abwechselnd alle gleichzeitig? Sie geschieht in der sich leerenden Süßigkeitenschale, woraus sich alle ganz unverfroren bedienen dürfen – es ist ja schließlich Weihnachten! Sie geschieht beim Spielen und Telefonieren und Fotos Teilen und überhaupt. Und sie geschieht in den vielen Andachten und Gottesdiensten dieser Tage. Da, wo man zwar gemeinsam, aber doch auch irgendwie allein sitzt. Mit sich und seinen Gedanken. Mit dem persönlichen Resümee, mit allem Schönen, genauso wie dem offen Gebliebenen. Hier ist ein Ort, um ganz selbst zu sein. Ein Ort, wo tiefe Fragen leise gestellt werden können: „Was meinst du, Gott, zu diesem oder jenem?“, „Bitte, Gott, hilf mir doch.“, oder: „Danke, Gott, danke!“, und vielleicht sogar: „Lob, Gott, lob sei dir für diese Stunden weihnachtlicher Zeit!“

Diese Tage zwischen den Jahren sind gute Tage, weil wir uns innerlich zurücklehnen können. Sie sind Unterbrechung des üblichen Lebenslaufs, Interim im Alltagstrott. Sie laden dazu ein, zurückzublicken und voraus – und das nicht unter den Vorzeichen von Stress, Zielen, Verbesserungsstrategien, Problemlösungen oder sonst irgendetwas, sondern unter den Vorzeichen von Ruhe und Freude.

Der Schriftsteller Wolfgang Poeplau schreibt wie folgt:
Wenn das Notwendige getan, / und das Überflüssige verworfen,
wenn das Zuviel verschenkt / und das Zuwenig verschmerzt ist,
wenn alle Irrtümer aufgebraucht sind, / kann das Fest des Lebens beginnen.

Über diesen Worten steht als Titel: „Alles ist gut“.
Ja. Alles ist gut – an diesen Tagen danach.
Wenn wir nur unter den Himmel des Friedens Gottes treten,
der für uns aufgespannt worden ist in jener Heiligen Nacht.

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  Fehlinterpretationen

Fehlinterpretationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.12.2019

Und, alles fertig? Alle Geschenke vorbereitet, Kühlschrank ausreichend gefüllt, Baum gekauft und vielleicht sogar schon geschmückt? Morgen ist es dann soweit und so ab 14:00 Uhr ist es wirklich vorbei mit dem Rennen, Kaufen, Vorbereiten. Dann schließen auch die letzten Geschäfte, die ersten Kirchenglocken werden zu hören sein und es beginnt der Heilige Abend mit Krippenspiel, Christvesper, gemeinsamem Essen, gemeinsamem Singen, Bescherung, friedlich harmonischer Familienidylle, leuchtenden Kinderaugen und, und, und. Schön, wenn das morgen Abend bei Ihnen genau so sein wird. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, kein Automatismus, der sich, einmal in Gang gesetzt, einfach so abspielt wie ein Schweizer Uhrwerk. Bei vielen Menschen wird es morgen Abend anders sein, weil sie Weihnachten ohne ihre Familie verbringen, weil Trauer, Krankheit oder Ängste keine Festtagsstimmung aufkommen lassen, weil sich die erwartete weihnachtliche Besinnlichkeit trotz allergrößter Anstrengungen einfach nicht einstellen will.
Und dann? Ist es dann Essig mit Weihnachten? Haben wir sie einfach nur versemmelt diese wunderbare Chance auf fröhliche Weihnachten? Nein, das haben wir ganz sicher nicht. Ich denke, dass wir aufpassen müssen, damit wir uns mit diesem Fest nicht überfordern, aber auch damit wir dieses Fest selbst nicht überfordern. Denn was war da wirklich los vor gut 2020 Jahren im Heiligen Land? Maria wird unehelich schwanger, die erste Katastrophe. Ihr Mann, Josef, will sie verlassen, die zweite Katastrophe. Maria muss hochschwanger im Winter auf einem Esel von Nazareth nach Bethlehem reiten, die dritte Katastrophe, um dann dort in irgendeinem miefigen Stall unter gruseligen hygienischen Bedingungen ihr Kind zur Welt zu bringen. Wo bitteschön finden wir eigentlich in dieser Geschichte unsere mit Weihnachten verbundene süßlich, kitschig, harmonisch verklärte Kuschelatmosphäre wieder? Also ich tue mich damit mehr als schwer.
Aber was Anderes kann ich in dieser Geschichte finden: Da sind zwei miteinander unterwegs, die allen Grund hätten, verzweifelt und frustriert zu sein, weil sich scheinbar die ganze Welt gegen sie verbündet hat. Da sind zwei miteinander unterwegs, bei denen man sich nur wundern kann, dass sie sich überhaupt noch gemeinsam ihrem Schicksal stellen. Doch da sind eben diese beiden miteinander unterwegs und sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie lassen sich nicht unterkriegen, weil sie etwas ganz Wertvolles in sich und bei sich tragen: Gottvertrauen!
Maria und Josef vertrauen auf den, der ihnen verheißen hat, dass am Ende alles gut werden wird. Sie vertrauen auf den, der gesagt hat: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Maria und Josef haben Gott an ihrer Seite. Das macht sie so hoffnungsvoll und stark. Und das dürfen auch wir uns an Weihnachten immer wieder zusprechen lassen, jedes Jahr aufs Neue.
Gott kommt an unsere Seite, mitten hinein in Ihr und in Euer und in mein Leben. Nicht mit süßlich kitschiger Harmoniesoße, sondern mit unbedingter Liebe. Und die können wir spüren völlig unabhängig davon, wie der morgige Abend verläuft. In diesem Sinne und eben wirklich in diesem Sinne wünschen wir vom Dom Ihnen allen: Gesegnete Weihnachten!

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  Ein Weihnachtsgebet

Ein Weihnachtsgebet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.12.2019

Ausnahmsweise beginne ich heute mal mit einem Gebet. Ich habe es in einer Biographie über Dorothee Sölle gefunden, die nicht aus Fließtext, sondern der chronologischen Abfolge von Gedichten und Gebeten besteht.
In der zweiten Hälfte ihres Lebens, Weihnachten 1984, schrieb sie:
„Lass dein licht leuchten / allen einsamem der welt /
allen alleingelassenen und hinterbliebenen /
allen jungen menschen die sich nicht zuhause fühlen /
und allen verlassenen frauen / lass uns nicht an ihnen vorbeisehen /
sondern dein licht des trostes verbreiten /
lass die einsamen wissen / dass keiner allein ist /
nicht im schmerz / nicht in depression /
nicht in der niederlage um der gerechtigkeit willen /
lass uns alle dein licht sehen / damit wir selber licht werden /
mach uns stark in deinem licht…“
Einsam und allein, übrig, ungeborgen – das sind wir wohl alle immer mal wieder und mancher manchmal viel zu sehr.
Als Dorothee Sölle dies Gebet mitten im kalten Krieg, der Hochrüstung und Apartheit schrieb, kam wohl extra noch Frost in die Seele. Jedenfalls meinte sie, dass gegen die Verzweiflung und die Fakten, den Hunger und den Krieg, gegen die Not jedes Einzelnen tatsächlich nur hilft, dass wir uns immer wieder vergewissern, dass wir doch eigentlich eins sind – mit der Schöpfung und dem, wie es wirklich sein sollte.
Letzteres ist oft gar nicht so genau zu fassen, weil die Dinge komplex und verzwirbelt sind, Menschen unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen haben und auch verschieden viel Kraft und Mut.
Zu Weihnachten wird das klarer und irgendwie deutlicher, obwohl wir mitten in der dunklen Jahreszeit sind, dunkler als heut wird es jetzt nicht mehr. Weihnachten erzählt von Licht und Menschlichkeit, Behutsamkeit und Wärme. Dabei ist die Lichtsymbolik nicht nur einleuchtend und tröstlich, sondern auch wohltuend begrenzend. Denn eine Kerze leuchtet nicht den letzten Winkel aus – wohl aber ins nächste Gesicht.
Mit ein bisschen Herzenswärme werden wir dann sehen, dass es so viel um uns herum zu trösten, zu verbinden, zu heilen, zu reden und zu hoffen gibt. Und weil das Licht nicht aus der Steckdose kommt, sondern von dem her, der die Finsternis überwunden hat, darum können wir in seinem Licht gehen und auf sein Licht zuleben und schließlich selber Licht werden.


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  O du schöne Weihnachtszeit

O du schöne Weihnachtszeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.12.2019

Eigentlich singen und hören wir ja in diesen Tagen immer von der fröhlichen und seligen Weihnachtszeit und das ist auch gut so, dahinter möchte ich nicht zurück. Das Wunder der Weihnacht, die frohe Botschaft der Engel ist ein Segen, Freude, Gnade - nicht Happyness weltweit. Aber zugleich bereiten wir auch ein schönes Fest vor ganz im Sinne von Joseph von Eichendorff:
„Markt und Straßen stehen verlassen, / Still erleuchtet jedes Haus, / Sinnend geh ich durch die Gassen, / Alles sieht so festlich aus…“
Festlich geschmückt und schön soll es sein. Auch das braucht es, um das Herz zu heben, sich vom Alltag zu unterscheiden. Fjodor Dostojewski sagte: „Schönheit wird die Welt retten“, weil Schönheit verwandeln, heilen, befrieden kann. Musik lässt etwas davon erahnen. Schmerz wird zu Schönheit.
Wenn wir etwas schön machen, widmen wir dieser Sache unsere Aufmerksamkeit und Hingabe. Darum machen wir einander Geschenke und packen sie schön ein. Es sieht schöner aus, liebevoller. „Geschenkevielfalt“ oder „Geschenkartikel“ sind dagegen schon fast hässliche Worte. Es geht dann nicht mehr darum, sich Gedanken zu machen, was einen anderen freut, was er mag oder sich vielleicht sogar heimlich wünscht, sondern klingt nach der flinken Besorgung dessen, was hin und wieder eben erledigt werden muss.
Dabei kommt das Wort „schön“ von „schauen“. Wenn ich etwas liebevoll anschaue, wird es schön. Das geht so weit, dass ich mir Situationen, Dinge und erst recht Menschen schön schauen kann, die vielleicht gar nicht soo schön sind, weil ich sie liebe.
Und dann ist da ja noch der je ganz eigene Geschmack. Was einer schön findet, ist subjektiv und kann gerade in der Weihnachtszeit heftigst auseinanderfallen. Einigkeit herrscht aber hoffentlich darin, dass es nicht so schön ist, wenn wir hier jeden Tag Müll einsammeln, den Menschen einfach unter den Stuhl fallen lassen – als wäre dies nicht Gottes Haus, ihm zur Ehre schön gemacht.

Aber zurück zur schönen Weihnacht, denn auch der Schönheit wegen ist es eine wunderbare Idee Gottes als Kind zu uns kommen. Nicht nur, weil wir Menschen, die wir unsere eigenen Kinder am schönsten finden, da eine weiche Stelle haben. Glaubend erkennen wir Gottes Schönheit und Liebe in allen Menschen und den Dingen.
Zu Weihnachten ahnen wir, wie schön es sein könnte – unter uns…

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  Sehnsucht

Sehnsucht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.12.2019

Pater Anselm Grün ist vielen Menschen ein Begriff, nicht nur denen, die gelegentlich zum Seelenreinigen nach Münsterschwarzach kommen, sondern auch als einer, der Worte findet.
In einem Artikel schreibt er: „Adventszeit ist die Zeit, in der wir in Berührung kommen mit unserer Sehnsucht.“ Denn, so erinnert er seine Leserinnen und Leser, wenn man auf Kerzen schaut, dies warme lebendige Licht, dann fallen einem alte Hoffnungen und Sehnsüchte wieder ein – die Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit und nach Heimat.
Alle Tage gönnt man sich das Sehnen nicht; vielleicht aus Sorge, dann nicht ordentlich funktionieren zu können, denn Sehnsucht zieht uns fort, irgendwohin, wo wir noch nicht waren – wo es besser ist oder wir einfach nur selbstverständlich dazu- und hingehören. Sehnsucht macht das Sein im Hier und Jetzt manchmal schwer und wenn es schlimm kommt, bleibt nur die Sucht übrig.
Tina Willms hat das gedichtet:
„Im Dezemberdunkel / tappe ich / meiner Sehnsucht hinterher.
So oft schon / ins Leere gefasst. / Durch Löcher gestolpert. / An dornigen Zweigen mir / das Hoffnungskleid zerrissen.“
Das klingt nach einer bisschen anderen Art des „alle Jahre wieder“.
Alle Jahre wieder wird man im Advent empfindsamer, harmoniesüchtiger, dünnhäutiger. Gerade die dunkle Jahreszeit macht es manchmal schwer zu ertragen, wie es ist…
Aber, so schreibt sie weiter
„Da schweift am Horizont / ein Stern.
Als suche jemand die Erde ab. / Als hoffe er, im Lichtkegel / einen Verlorenen zu entdecken.
Einer hat sich / auf den Weg gemacht / zu mir.“
Da schweift ein Stern. Er steht nicht still. Auch in der endlosen Nacht und dem ewigen Himmel bewegt sich etwas, scheint Licht auf. Als würde Einer eine Kerze anzünden, vor die Tür treten und uns im Dunkeln entgegenkommen, weil Er weiß, dass wir unterwegs sind, weil Er weiß, dass wir uns sonst verlaufen. Lichtkegel sind nicht immer friedlich. Es können auch sehr unbarmherzige und gefährliche Suchscheinwerfer sein…
Aber wer würde sich nicht danach sehnen, dass da einer auf uns wartet.
Denn Adventszeit ist Zeit für eine andere Sehnsucht, eine, die das Hier und Jetzt nicht aufgibt,

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  Süßer die Glocken nie klingen

Süßer die Glocken nie klingen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.12.2019

In einem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert heißt es:
"Seht, wie die Sonne dort sinket hinter dem nächtlichen Wald / Glöckchen zur Ruhe uns winket hört nur, wie lieblich es schallt. / Trauliches Glöcklein du läutest so schön! / Läute, mein Glöckchen, nur zu, läute zur süßen Ruh".
Die Abendglocke läutet den Feierabend ein und wenn man dann noch ein bisschen romantische Verklärung dazutut, sieht man gleich Wilhelm Buschs Figuren „Arm in Arm geschmieget, sorgenlos und still vergnüget“ vor dem Hause sitzen…
Glocken kündigen den neuen Tag an oder rufen Menschen zur Mittagszeit heim vom Feld. Glocken strukturieren die Zeit und tun das nicht nur mit gleichmäßiger vertrauter Präzision sondern sie markieren auch ganz besondere Zeiten. Sie läuten zu Ostern und zu Weihnachten, am Beginn des neuen Kirchenjahres. Sie läuten, wenn Menschen beten oder Gottesdienst feiern. Sie läuten mancherorts, wenn ein Kind geboren ist oder ein Mensch stirbt, zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sowieso. Ich kenne Menschen, die sich überhaupt nicht vorstellen können außerhalb der Hörweite ihrer Heimatglocken zu leben.
Und Glocken waren immer auch Warnerinnen. Sie läuten, wenn es brennt oder andere Gefahr droht und sind zu Kriegszeiten selbst gefährdet, weil sich das kostbare Metall perfekt umgießen und neu zu Waffen verarbeiten lässt. Unzählige kostbare alte Glocken sind so verloren gegangen…
Gut, dass diese Zeiten vorbei sind!
Wer wollte sich einen Heiligen Abend ohne das festliche Geläut der Glocken vorstellen.
Weil Glocken gerade in der Weihnachtszeit so unverzichtbar sind, dichtete der Theologe Friedrich Wilhelm Kritzinger das oben erwähnte Abendlied um und sorgte so dafür, dass die alte Melodie erst richtig berühmt wurde, denn nun singt man überall: „Süßer die Glocken nie klingen
als zu der Weihnachtszeit, / ’s ist, als ob Engelein singen / wieder von Frieden und Freud’. / Wie sie gesungen in seliger Nacht, / Glocken mit heiligem Klang, / klinget die Erde entlang!“


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  Der Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.12.2019

Haben Sie eigentlich schon einen Baum? Wir am Dom: Ja, sogar zwei! Wie in jedem Jahr schmücken sie den hohen Chor und werden den Dom beginnend am Heiligen Abend in ein warmes und weiches Licht tauchen. Weihnachten ohne Baum, das ist nur schwer vorstellbar. Die Fichte oder die Nordmanntanne, sie gehört einfach zum Fest dazu.
In unseren Breiten kam der Brauch, sich zu Weihnachten einen geschmückten Baum ins Zimmer zu stellen, im 16. Jahrhundert auf. Hergeleitet wurde er über den Gedenktag für Adam und Eva, der in der katholischen Kirche am 24. Dezember gefeiert wurde. Es war seinerzeit üblich, einen mit Äpfeln geschmückten Baum aufzustellen. Die Bedeutung des 24. Dezember hat sich kirchenfestlich verändert. Wir feiern an diesem Tag den Heiligen Abend, das Vorabendfest zu Weihnachten. Doch der Baum blieb, veränderte sich im Aussehen und wurde so nach und nach zum heutigen Weihnachtsbaum. Seit dem 18. Jahrhundert hat er dann auch rasant an Popularität zugelegt. Heute, wie schon gesagt, geht Weihnachten ohne Baum irgendwie gar nicht.
Wichtig ist, dass der Baum grün ist und bleibt. Er unterliegt nicht dem jahreszeitlichen Zyklus von Frühling und Herbst, dem Zyklus von belauben und entlauben. Nein, er ist und bleibt grün. Immergrüne Pflanzen waren von alters her ein Symbol für das Leben. Und so dachte man in früheren Jahren, dass man sich Gesundheit und Lebenskraft mit diesen Bäumen ins Haus holen konnte. Christlich interpretiert könnte ein Baum, dessen Blätter im Herbst nicht welken und abfallen, dessen Blätter also nicht sterben, auf das ewige Leben hindeuten. Anders als Laubbäume trotzen Nadelbäume dem Verfall und bleiben auch optisch lebendig.
Der, dessen Geburtstag wir an Weihnachten feiern, hat uns genau dieses ewige Leben versprochen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst, wenn er stirbt“, sagt Jesus Christus. Doch nun stellen wir uns nicht nur einfach so eine Tanne oder Fichte ins heimische Wohnzimmer oder hier in unseren Dom, nein, wir schmücken den Baum mit Licht. Und auch hier liegt der Bezug zu Jesu Botschaft nahe: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“, auch diese Zusage kommt von Jesus Christus höchstpersönlich.
Licht und Leben, das ist die Botschaft des Weihnachtsbaumes und des Weihnachtsfestes natürlich ebenso. Licht und Leben wollen wir feiern in gut einer Woche. Und wenn es Ihnen in Grün und Licht zu wenig ist: Gegen ein paar bunte Kugeln ist ganz bestimmt nichts einzuwenden.

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  Vollkommene Klarheit

Vollkommene Klarheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.12.2019

Dorothee Sölle hat gedichtet: „… als die hirten den engel sahen / bei bethlehem / wussten sie vollkommen deutlich / was tun und was lassen / furcht und verwirrung fielen ab / die klarheit des lichts war um sie / in der zeit / außerhalb jeder zeit …“
Ja, auch das ist ein Aspekt der alten Geschichte, den man – weil sie uns so vertraut ist – leicht überlesen kann. Oft sind es ja gerade die vielen Möglichkeiten, die uns lähmen und verwirren, der Wald, den wir vor lauter Bäumen nicht sehen. Wann man dann erstmal anfängt zu grübeln, wächst die Frage sich in großen Schritten zum Problem aus und wird immer unlösbarer.
Und so ist es auch, wenn etwas Unerwartetes und Besonderes passiert.
Man weiß dann oft gar nicht, dass das jetzt der Moment ist, loszugehen, zu jauchzen und zu frohlocken. Neulich erzählte mir eine Frau, dass sie sich noch einmal Günter Schabowski und dessen Pressekonferenz am neunten November 19889 angehört habe und noch immer völlig verblüfft sei, dass die Menschen seinerzeit daraus gehört haben, es lohnt den Grenzübergang jetzt sofort zu versuchen…
Die Hirten jedenfalls gehörten mutmaßlich zu einer Gesellschaftsschicht, in der selten solche leuchtenden Wunder passieren. Es galt wohl eher das Gegenteil: Verschlechterungen der Lage, Kummer und Sorgen stellten sich mit verlässlicher Regelmäßigkeit ein, nie war wirklich sicher, ob und wie es weitergehen kann. Tiere mussten Tag und Nacht gehütet werden. Wem das nicht in Fleisch und Blut übergegangen war, der war kein guter Hirte…
Darum sollte man annehmen, dass die Nachricht, ein neugeborenes Kind in einer Futterkrippe mithin ein armes und elendes Kind, sei eine große Freude und wäre der Heiland, der Retter, auf Skepsis stößt. Könnten das nicht Fake News sein? So wahrscheinlich klingt es nicht…
Aber die Hirten urteilen nicht nach dem Maßstab dieser Welt. Sie denken auch nicht über das existenzgefährdende Risiko nach, ihre Tiere allein zu lassen. Sie wissen einfach, dass das der Moment ist, der ihr Leben und alle Zusammenhänge, die sie überschauen können, ein für alle Mal verändert.
Sie wissen mit vollkommener Klarheit, dass nichts weder jetzt noch sonst irgendwann wieder so wichtig sein wird, wie diesem Stern nachzugehen.
Verwirrung und Frucht fielen ab.
Und dann? Wird Weihnachten.

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  Die 2. Halbzeit

Die 2. Halbzeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.12.2019

Heute ist der erste Tag der zweiten Hälfte. Am 1. Dezember haben wir den ersten Advent gefeiert, nun liegt schon die Hälfte der Adventszeit hinter uns. Macht Sie das irgendwie unruhig? Es gibt ja so Dinge, Aufgaben oder auf Neudeutsch „To-dos“, die gerne mal auf die berühmte lange Bank geschoben werden. Bei dem einen oder der anderen gehört auch das rechtzeitige Kümmern um Weihnachtsgeschenke dazu. Einen Baum brauchen Sie möglicherweise übrigens auch noch, wenn ich Sie erinnern darf und über das Essen zum Fest könnten Sie sich nun ebenfalls langsam mal Gedanken machen – geht alles, was Sie gern essen oder muss es für die Verwandtschaft, die zu Besuch kommt, laktose- oder glutenfrei, vegetarisch oder vegan sein? Wie sind Sie so unterwegs in diesen Tagen – adventlich besinnlich oder doch eher hektisch und gestresst?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wir sind Bürger im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus.“ Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Philippi. Und er erwähnt dabei denjenigen, dessentwegen wir diesen ganzen Zauber jedes Jahr aufs Neue veranstalten: Jesus Christus. In ihm ist Gott in diese Welt gekommen, mitten hinein in unser aller Leben. Und wenn Sie sich noch einmal vergegenwärtigen möchten, wie das so war, dann schauen Sie gern im Anschluss bei unseren Olivenholzschnitzern hier im Dom vorbei: Gottes Sohn kam als Kind in diese Welt, klein, hilflos, unschuldig – liebevoll und liebenswürdig. Und er wurde nicht in einem 5-Sterne-Hotel oder einer Privatklinik geboren. Nein, es war ein einfacher Stall auf irgendeiner Schafweide im Nahen Osten. Und die ersten, die von den Engeln über Jesu Geburt informiert wurden, waren keine Präsidenten, Bischöfe oder andere hochgestellte Persönlichkeiten, sondern ein paar einfache und bodenständige Hirten.
Es war alles ziemlich unspektakulär, einfach und unprätentiös damals in Bethlehem und vielleicht könnten wir das als kleine Orientierungshilfe für die Art und Weise, wie wir den Advent begehen und Weihnachten feiern, verwenden. Es geht nicht um Pomp und Luxus, es geht nicht um groß und teuer und es geht auch nicht um aufwendig und mühsam. Im Kern von Weihnachten steht vielmehr unsere Dankbarkeit über das große Geschenk, das Gott uns gemacht hat, über seinen Liebesbeweis gegenüber uns Menschen. Darüber sollen und dürfen wir uns freuen und das kann auch ordentlich gefeiert werden.
Doch es kommt auf den Inhalt des Festes an und nicht auf seine Äußerlichkeiten. Es kommt darauf an, dass wir an Weihnachten Gottes Liebe nachspüren und sie auch erlebbar und sichtbar werden lassen zwischen uns Menschen – in unseren Familien aber eben nicht nur dort.
Wir haben noch die zweite Adventshalbzeit, uns auf das Fest so vorzubereiten, dass es tatsächlich das Fest der Liebe wird. Ich wünsche uns allen dazu gutes Gelingen und eine gesegnete Zeit.

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  Ledig und frei

Ledig und frei

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.12.2019

Damit es Advent wird, hat wahrscheinlich jeder und jede von uns die eigenen Traditionen:
Das Schmücken der Wohnung, einen Adventskalender, bestimmte Geschichten und Filme, feste Weihnachtsmarktrundgänge oder Familientreffen. Grußkarten schreiben. Wieder einmal das Gedächtnis durchforsten, bei wem man sich schon lange nicht mehr gemeldet hat. Kekse, Punsch, Schul-, Vereins- und Betriebsfeiern, wieder einmal in eine Andacht oder in einen Gottesdienst gehen. Den festen Auftrittstermin mit dem Chor im Braunschweiger Dom. Und vieles andere mehr.

Vieles davon ist einfach schön. Es macht diese Zeit auf besondere Weise kostbar.
Dieses Bewusstsein des füreinander da und aufeinander bezogen Seins.
Und das Schöne daran, wenn bestimmte Dinge einmal im Jahr verlässlich geschehen.

Für andere ist es gerade deswegen eine schwere Zeit.
Da sind liebe Menschen verstorben und eben das erste Mal nicht mehr da.
Anderen hat es vielleicht den Alltag zerschossen, berufliche oder private Trennungsprozesse machen alte Bräuche unmöglich. Hier fällt dann wahrscheinlich die auffallende Andersheit der Tage schwer und ist schmerzhaft.

Während das Wohlfühlen in Traditionen dazu verleitet zu denken, dass das Gelingen der Advents- und Weihnachtstage von uns selbst abhinge, lässt das zweite doch deutlich fragen: Stimmt das? Geschehen Advent und Weihnachten wirklich ausschließlich im romantischen Bild fröhlicher Gesellschaft?

„Markt und Straßen stehn verlassen, / still erleuchtet jedes Haus, / sinnend geh ich durch die Gassen, / alles sieht so festlich aus. // An den Fenstern haben Frauen / buntes Spielzeug fromm geschmückt, / tausend Kindlein stehn und schauen, / sind so wunderstill beglückt. // Und ich wandre aus den Mauern / bis hinaus ins freie Feld, / hehres Glänzen, heilg’es Schauern! / wie so weit und still die Welt. // Sterne hoch die Kreise schlingen, / aus des Schnees Einsamkeit / steigt’s wie wunderbares Singen – o, du gnadenreiche Zeit!“

Wir alle werden dieses Gedicht von Joseph von Eichendorff kennen, auch romantisch, aber in romantischer Einsamkeit. Was er festhält ist tatsächlich ein alter christlicher Gedanke, wie ihn auch schon Meister Eckhart formulierte auf die Frage hin, wo und wann eigentlich Gott in uns, in unserer Seele geboren wird. Nicht in der Fülle von Licht und Duft und Geschmack und Gemeinschaft, sondern: „Gott wird dann in uns geboren, wenn alle Kräfte der Seele, die vorher durch Gedanken, Bilder und was es auch sei gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden und in uns alle Absicht zum Schweigen kommt.“

Genießen wir all das Schöne dieser Tage, ihre Fülle und Überfülle, wenn es unsere Herzen freut, aber Gott werden wir hier wahrscheinlich nur als Klang im Klang, als Licht im Licht, als Wort inmitten der Worte finden – und so auch leicht einmal Gefahr laufen, ihn zu übersehen. Wer Gott in größerer Klarheit sucht, der sollte sich Zeit nehmen für einige Momente der Stille inmitten der Fülle und auf das hören, was ihm in aller Absichtslosigkeit aus der Seele emporsteigt.

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  Worum geht's?

Worum geht's?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2019

In diesen Zeiten schwirrt der Kopf…. Sind schon alle Geschenke vorbereitet? / Bis wann lässt sich das Fleisch für Weihnachten vorbestellen? / Wann war noch einmal der Adventsnachmittag in der Schule? Und im Sportverein? Und wann ist jetzt das Chorsingen? / Wo ist die Liste für die Weihnachtspost? Haben wir genug Briefmarken? / In der Firma geht’s jetzt auf Jahresschluss. Da ist immer noch einmal extra viel zu tun. / Heute um vier auf dem Weihnachtsmarkt! Du denkst dran, oder?

... „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jes 9,5)...

Worum geht’s eigentlich?
In der Adventszeit, zu Weihnachten?
Und auch zu Ostern und Pfingsten und in der Zeit von Trinitatis.
Es geht darum, dass uns ein Kind geboren wurde.
Ein Kind, das heranwächst.
Das von seinem Vater zu einem Zimmermann ausgebildet wird.
Um einen Mann, der predigt und zuhört und tröstet und segnet
und der uns fragt, worauf es uns ankommt in unserem Leben.
Um einen, dessen Herrschaft auf nichts anderem ruht als auf seinen Worten und Taten für die Menschen und auf seiner Auferstehung.
Es geht um mehr als Tannenduft bei Kerzenschein.
Es geht um das Symbol des immergrünen Zweiges in einer kahlen und tot scheinenden Welt; und es geht das Licht, dem wir schon in diesem Leben folgen sollen.
Es geht um uns.
Darum, dass wir dieses Leben als Geschenk begreifen und leben sollen.
Mit Zeit und Lust, mit leisem Schmunzeln und dreckig lautem Lachen, mit echten Tränen, wenn wir traurig sind, mit geradem Rücken, wenn wir zornig sind, mit trotziger Hoffnung, wenn wir verzweifelt sind, mit Großzügigkeit, mit Barmherzigkeit, aber in Gerechtigkeit. Es geht um uns. Um unser Leben.

Hans Magnus Enzensberger beschreibt mit seinen Worten, natürlich viel schöner, worum’s geht, wenn er schreibt:
Grundsätzlich haben wir nicht viel einzuwenden
gegen Fegfeuer, Reinkarnation, Paradies.
Wenn es sein muss, bitte!
Vorläufig allerdings
haben wir andere Prioritäten.

Um das Katzenklo, den Kontostand
und die unhaltbaren Zustände auf der Welt
müssen wir uns unbedingt kümmern,
ganz abgesehen vom Internet
und den Wasserstandsmeldungen.

Manchmal wissen wir nicht mehr,
wo uns der Kopf steht
vor lauter Problemen.
Immerzu stirbt jemand,
dauernd wird jemand geboren.

Da kommt man gar nicht richtig dazu,
sich Gedanken zu machen
über die eigene Unsterblichkeit.
Erst einmal ein rascher Blick
in den Terminkalender,

dann sehen wir weiter.

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  Verrückte, aber schöne Idee!

Verrückte, aber schöne Idee!

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2019

Kürzlich bin ich auf einen Text gestoßen, in dem jemand erzählt, dass ihn die Frage, was eigentlich er während seines Urlaubs machen könne, während seine Frau beruflich unterwegs war, zu folgendem Inserat in Zeitungen seiner Region bewegt hat:
Unter der Rubrik „Verschenken“ inserierte der Mann: „Biete 1 Tag gratis Hilfe für Haus- oder Gartenarbeit o.ä. in der Zeit vom Mi, 30.8., bis Di, 5.9.2017. Räumen – Reinigen – Streichen. Bin männlich, evangelisch, praktisch, mobil. Melden Sie sich unter“… und dann folgte die Telefonnummer.

Tatsächlich haben sich binnen kürzester Zeit 15 Personen bei dem Herrn gemeldet. Vor allem Alleinstehende, ältere und kranke Menschen waren es, die um Hilfe baten. Und so kam er dazu, Hecken zu schneiden, Decken zu streichen, Böden zu schleifen, Dächer zu decken und Pflanzen zu setzen. Aber nicht nur das, auch zuhören gehörte dazu. Hörbereitschaft sei Hilfsbereitschaft, schreibt er. Und am Ende zieht er das Fazit: „Nach vier Tagen intensiver Arbeit: Muskelkater, aber vor allem Glücksgefühle dank wertvoller Gespräche. Und dann die Nachwirkungen: Kerstin, einer jungen Frau mit abgebrochener Lehre, konnte ich einen Job bei unserem Logistikpartner vermitteln. Frau N. hat meine Frau und mich zum Abendessen eingeladen. Bei Ehepaar G. habe ich noch den Rasen gemäht. Ich hoffe, dass diese Kontakte nicht abreißen werden. Sie bedeuten mir viel.“

Es ist eine verrückt schöne Geschichte, aus einer schönen Geste heraus entstanden, in der jemand Zeit nicht nur für sich nutzen, sondern sie an andere verschenken wollte. Wir verschenken so viel Zeug, dabei sind kleine Gesten der Hilfsbereitschaft und Hörbereitschaft oftmals so viel wichtiger.

Es ist schön, dass einer eine solche Idee hatte – und auch schön, dass Menschen sich darauf eingelassen haben. Denn Hilfe anzunehmen fällt ja manchmal doch schwer.

Sagen Sie, was antworten sie eigentlich, falls dieser Tage Sie jemand fragt:
„Was wünscht Du Dir?“
Ich höre dann oft die Antwort: „Ach, nichts, wir haben doch alles.“
Das ist bestimmt wahr. Aber vielleicht wäre die Antwort: „Einmal Fenster putzen“, auch eine wahre Antwort. Oder „drei Mal einkaufen gehen“. Oder: „Gutschein für ein Abendessen bei mir zu Haus“. Oder „Ein gemeinsamer Filmabend“.

Solche Wünsche zu formulieren, das fällt schwer – weiß Gott, warum.

In der Bergpredigt des Matthäusevangeliums heißt es (Mt 7,12):
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.
Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Ich vermute, für unsere Wunschzettel wären sie nicht der schlechteste Ratgeber, denn vielleicht gelänge es dann, uns einander unsere wahre Bedürfnisse zu nennen.

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  Lebenshilfe Braunschweig

Lebenshilfe Braunschweig

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2019

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. So schreibt es Paulus an die Gemeinden in Galatien. Klingt nachvollziehbar, klingt schlüssig, klingt sinnvoll. Doch so eine richtige Gebrauchsanweisung für unser Leben ist es dann doch irgendwie nicht. Des anderen Last tragen, wie geht das? Nun, es hat ganz offensichtlich etwas damit zu tun, anderen Menschen zu helfen, die Hilfe benötigen, die manches nicht so gut alleine hinbekommen, die, nur auf sich gestellt, an ihre Grenzen stoßen.
Nochmal: Menschen, die Hilfe benötigen, irgendwas nicht alleine hinbekommen, an ihre Grenzen stoßen – das betrifft uns doch alle. Ja, genau, so ist es. Jeder und jede von uns ist auf die Unterstützung anderer angewiesen, immer mal wieder und immer und immer wieder. Das Großartige dabei ist, dass wir alle mit ganz unterschiedlichen Talenten ausgestattet wurden. Das heißt, dass das, was der eine nicht so gut kann, dem anderen umso besser und leichter von der Hand geht. Ich persönlich tue mich zum Beispiel unglaublich schwer damit, Geschenke so einzupacken, dass es einigermaßen nach was aussieht. Ich bin deshalb jedes Mal sehr dankbar, wenn mich die freundliche Verkäuferin bei Karstadt dabei unterstützt und aus Papier und Schleifenbad ein kleines Kunstwerk zaubert.
Manchmal ist es leichter zu helfen, wenn es Menschen gibt, die Hilfsbereitschaft organisieren. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Braunschweiger Lebenshilfe. 1960 als Verein gegründet, 1969 dann durch die Gründung einer gemeinnützigen GmbH erweitert, um ehren- und hauptamtliches Engagement zu bündeln und zu ergänzen, leistet die Lebenshilft Braunschweig in vielerlei Hinsicht wertvolle Arbeit. So macht sie zunächst einmal überhaupt darauf aufmerksam, dass es Menschen gibt, die Hilfe brauchen können. Einer trage des anderen Last. Die Lebenshilfe sagt: „Hallo Ihr Leute, hier sind einige, von denen Paulus spricht, einige, die es gerade gut vertragen können, dass ihnen etwas Last abgenommen wird.“
Und dann hilft die Lebenshilfe helfen. Denn dort sind Menschen beieinander, die wissen, wie man’s macht: Es geht darum, Menschen, zu begleiten, zu fördern, mit ihnen gemeinsam Leben zu gestalten, ein selbständiges Meistern des Alltags zu unterstützen und Begegnungen zu ermöglichen zwischen denen, die gerade mal auf Hilfe angewiesen sind, wie gesagt, das sind wir ja alle stets und ständig – und denen die gerade helfen können und wollen. Wenn ich aufzählen würde, was sich an konkreten Aktivitäten dahinter so alles verbirgt, wären wir alle zur Tagesschau noch nicht zu Hause. So vielfältig, individuell und kreativ ist das Angebotsspektrum der Lebenshilfe. Schauen Sie ins Internet oder noch viel besser, gehen Sie doch mal dorthin, wo Sie mit den Menschen der Lebenshilfe ins Gespräch kommen können: im Fairkauf-Laden in der Geysostraße, im Cafe Flora im Hasenwinkel, im Bistro Rehnstoben in der Kaiserstraße, oder, oder, oder.
Einer trage des anderen Last – die Lebenshilfe Braunschweig zeigt, wie’s geht. Das ist ganz konkreter Dienst am Nächsten zum Ansehen aber auch zum Mitmachen. Und singen können sie im Übrigen auch.

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  Zweiundvierzig

Zweiundvierzig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.12.2019

Kennen Sie die Antwort auf alle Fragen? Douglas Adams nennt sie in seinem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort sucht eine außerirdische Existenz die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Siebeneinhalb Millionen Jahre mussten die Außerirdischen auf die Antwort warten, bis endlich das Signal kam, der Rechner sei fertig. Gespannt erwartungsvoll blicken sie auf das Ergebnis. Es lautet: „Zweiundvierzig“ – und diese Antwort, so der Rechner, sei mit absoluter Sicherheit korrekt. Es ist keine zufriedenstellende Antwort, finden die Programmierer, aber, so noch einmal der Rechner, das Problem sei eben, um ehrlich zu sein, dass die Programmierer niemals wussten, wie die Frage lautet.

Es ist eine schöne Parodie der Wirklichkeit, die Adams in seinem inzwischen vierzig Jahre alten Büchlein gelingt. Nicht nur an dieser Stelle, sondern überhaupt. Doch warum nun hier und heute die „Zweiundvierzig“?

Weil ich vermute, dass nicht nur Sie, sondern jedes halbwegs gut informierte Kind mir auf die Frage: „Worauf warten wir im Advent?“, „Weihnachten“, antworten könnte. Aber irgendwie gleicht diese Antwort der Zweiundvierzig. Sie ist nichtssagend, solange sie mir nichts sagt. Auch wenn sie mit absoluter Sicherheit korrekt ist. Doch damit sie für mich zur wirklichen Antwort wird, brauche ich eben die richtige Frage.

Machen wir also den Selbstversuch: Was ist die Frage, damit es mir Weihnachten wird?
Unsere Kinder hätten vor ein paar Jahren wahrscheinlich geantwortet, sie warteten im Advent auf das, was passiert: auf den Tannenbaum, das Zusammensein und die Geschenke. Aber schon heute wäre ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob diese Antwort noch trifft. Denn worauf wartet man mit knapp fünfzehn? Ich erinnere mich, dass diese Jugendtage jene waren, in denen mir langsam aufging, dass das Leben leider und glücklicherweise vielschichtig ist. Und dass deshalb auch die Fragen des Lebens leider und glücklicherweise vielschichtig sind.

Aber weiter im Selbstversuch: Stellen Sie sich vor, Ihnen gelänge es, nur einige wenige Augenblicke lang herzensstill zu werden. Welche Fragen stiegen dann aus der Tiefe zu Ihnen herauf? Verdrängte Fragen? Oder Fragen, für die sonst weder Zeit noch Raum ist? Welche Wünsche?

In mir ist es die Frage, ob ich mir eigentlich oft genug bewusst mache, was für ein Glück ich mit diesem Leben habe? Gerade weil es natürlich auch in meinem Leben Krisen gab und gibt, und gerade auch weil immer so viel zu tun und Zeit knapp ist, und gerade auch, weil vieles sich schon so lange und selbstverständlich eingespielt hat. Bin ich mir des Guten meines Lebens bewusst genug? Und wem eigentlich danke ich für dieses Gute?

Im Johannesevangelium gibt es die sogenannten „Ich bin“-Worte Jesu. Ich bin das Brot, ich bin der gute Hirte, ich bin die Tür. Solche Worte. Bei genauerem Hinsehen, lässt sich bemerken, dass jede dieser Antworten kein Ziel, sondern eine Wegbegleitung beschreibt. Deshalb scheint es mir nicht das Schlechteste, Jesus als jene Tür zu begreifen, die sich in den Tagen der Weihnacht öffnet und hinter der sich neue, aber wesentliche Fragen finden.

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  Nikolaus

Nikolaus

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.12.2019

Heute ist Nikolaus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt, wenn ich „Nikolaus“ höre, immer gleich dieser wunderbare Sketch von Gerhard Polt ein. In dem versucht ein am Ende tobender Vater seinem kleinen Sohn beizubringen, was ein „Osterhasi“ ist. Doch der Kleine ignoriert alle pädagogisch mehr oder weniger wertvollen Bemühungen seines Vaters und sagt trotz vor die Nase gehaltenem Schokoladenosterhasen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit immer wieder „Nikolausi“.
Doch allein mit dieser heiteren Episode werden wir dem Bischof Nikolaus von Myra, auf den der heutige Nikolaustag zurückgeht, keinesfalls gerecht. Nikolaus wurde im 4. Jahrhundert in Myra, nicht weit entfernt vom türkischen Antalya, geboren. Er gehört zu den bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der katholischen Kirche. Der heutige 6. Dezember gilt als sein Todestag und wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Bräuchen begangen. Um Nikolaus ranken sich viele Legenden. Eine davon berichtet, dass ein verarmter Mann seine drei Töchter zu Prostituierten machen wollte, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus erfuhr von diesem Plan und soll in mehreren Nächten Goldklumpen durch die Fenster der drei Mädchen geworfen haben, um sie vor ihrem Schicksal der Prostitution zu bewahren. Auf diese Legende geht unser Brauch zurück, in der Nacht zum Nikolaustag Geschenke in die Stiefel unserer Lieben zu stecken.
Ursprünglich war dann auch der Nikolaustag der Tag der Weihnachtsbescherung. Erst die Ablehnung der Heiligenverehrung im Zuge der Reformation führte dazu, dass der Brauch, sich zu beschenken, auf das Weihnachtsfest verlagert wurde und der Nikolaus als Geschenkebringer durch das Christkind, Knecht Ruprecht oder den Weihnachtsmann abgelöst wurde. Der eine oder andere mag Martin Luther auch hierfür dankbar sein – wir haben so zweieinhalb Wochen mehr Zeit, uns um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Doch auch wenn der Brauch des Beschenkens auf Nikolaus zurückgeht – wir sind dabei meist anders unterwegs als er. Denn Nikolaus hat anonym geschenkt. Im Schutze der Nacht hat er die Goldklumpen durchs Fenster geworfen. Er hat tatsächlich sehr selbstlos gehandelt. Und auch auf der Seite der Beschenkten war etwas anders, denn die hatten keinerlei Erwartungshaltungen, etwas geschenkt zu bekommen.
Und wie sieht das bei uns aus an Weihnachten? Klar, Geschenke gehören dazu. Doch besonders schön wird es doch erst dann, wie ich finde, wenn es uns gelingt, zu schenken, ohne uns in irgendeiner Weise verpflichtet zu fühlen und beschenkt zu werden, ohne dass wir darauf gewartet, ohne dass wir es erwartet hätten. Wenn wir das erreichen, wird das weihnachtliche Schenken auf einmal zum Bumerang, denn der Schenkende bekommt echte Freude als Geschenk zurück und der Beschenkte freut sich tatsächlich von Herzen, weil er nichts erwartet hat.
Wie gesagt, wir haben noch zweieinhalb Wochen Zeit, um uns um Geschenke zu kümmern, aber eben auch zweieinhalb Wochen, um uns, inspiriert vom Heiligen Nikolaus, noch einmal über das Schenken an sich Gedanken zu machen.

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  Ganz leise

Ganz leise

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2019

Die Tageslosung steht im ersten Buch der Könige: „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.“
Diese Worte gehören zur Geschichte des Propheten Elia. Der hatte seinem Gott treu gedient und den Mächten der Welt die Autorität seines Gottes entgegengehalten. Es war nach vielen Drohungen, Hungersnot und Dürre schließlich zu einem Blutbad gekommen und Elia hatte fliehen müssen, bis er erschöpft in der Wüste aufgab und bekannte: „Ich bin nicht besser als meine Väter“ und sterben wollte.
Vielleicht kennen Sie auch etwas von dieser tiefen Erschöpfung und Resignation, die einen im Großen wie im Kleinen befallen kann: Man hat versucht, es gut zu machen, mit seinen Kindern und Eltern, in der Ehe – aber es ist geendet in Streit und Tränen, in der Beziehungswüste.
Man hat sich engagiert und gerungen um politische, soziale, ökologische Vernunft und eine friedliche konfliktfähige Gesellschaft und nun liegt man erschöpft unterm Baum und will nicht mehr.
Und längst ahnt man, dass die großen Umstürze immer auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit einhergehen, Opfer haben. Ganz zu schweigen von den Gräueltaten oder Unterlassungssünden, die wissentlich, absichtlich geschehen…
Zu Elia, der aufgeben will, weil er nicht glaubt, dass es noch gut werden kann in seinem Leben und mit dieser Welt, schickt Gott einen Engel mit Lebensmitteln. Der päppelt ihn auf bis er wieder zuhören und klarer denken kann und dann sagt Gott zu ihm: „Ich bin nicht im Sturm, im Erdbeben, im Feuer“. Also: ich in nicht in den zerstörerischen Kräften, das ist nicht meine Handschrift, daran kannst Du nicht erkennen, wie es sein soll. „Ich bin im stillem sanften Sausen“ oder wie Martin Buber so wunderbar übersetzte: „eine Stimme verschwebenden Schweigens.“ Ganz leise, sehr zart …
Kann sich so etwas ändern? Wird Gott dann nicht erst recht überhört und verkannt? Wird er dann in unserer lauten unbarmherzigen Welt nicht ohnmächtig und wirkungslos bleiben? So kann man sich fragen? So ist es vielleicht auch gewesen. Denn Gott hat noch einen zarten und ganz leisen Versuch gestartet, sich uns so zu zeigen, dass wir endlich verstehen, wie er wirken will: Er kommt als Kind, als Neugeborenes – vollkommen, zart und klein und sorgt so dafür, dass wir leise sind, vorsichtig auftreten und nicht stampfen, sanft berühren und Zärtlichkeit zulassen, statt derb zuzupacken, innehalten und hinsehen, uns anrühren und verändern lassen…
Alle Jahre wieder.

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  Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff geladen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2019

Vor genau 75 Jahren saß Helmuth James von Moltke im Gefängnis. Er gehörte als Begründer und Mitglied des Kreisauer Kreises zum deutschen Widerstand. Im Fragment eines offiziellen Briefes vom 3. Dezember 1944 schreibt Helmuth an seine Frau Freya: „Mir ist heute riesig weihnachtlich zu Mute, so kindlich-weihnachtlich wie seit Jahren nicht, ich möchte den ganzen Tag Weihnachtslieder singen. Ich habe übrigens ein neues Advents-Volkslied entdeckt, das mir sehr gut gefallen hat: Es kommt ein Schiff geladen. Brummelt Konrädchen eigentlich schon mit? Nein, dazu ist er wohl zu klein, aber er sitzt auf Deinem Schoß und hört es sich an.“
Was muss das für ein tapferer Mensch gewesen sein, der aus seiner schweren Situation heraus solche Briefe zu schreiben vermag, die seine Frau und Kinder viele Jahre durchgetragen haben. Es war sein letztes Weihnachten. Helmuth James von Moltke wurde im Januar 1945 hingerichtet.
Das Adventslied gehört für uns zum Kernbestand: „Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters höchstes Wort …“ Wenn man dem Text des Liedes nachgeht ahnt man, wie tröstlich dieses Bild ist. Da kommt ein Schiff unangekündigt und unvermutet. Es bringt den Retter mit sich und ist geeignet gerade dort zu Ankern, wo Menschen in Angst und Not sind.
Der Gedankenschritt zur Rettungsweste, die noch vor wenigen Wochen hier am Portal und in der Laterne hing, ist nicht groß. Damals haben wir gemeinsam mit anderen Braunschweiger Kirchengemeinden darauf aufmerksam gemacht, dass die Seenotrettung im Mittelmeer nicht funktioniert und Tausende ertrunken sind, immer noch ertrinken während wir auf Weihnachten zugehen.
Gestern hat das Aktionsbündnis United4Rescue zum Kauf eines hochseetauglichen Rettungsschiffs, das im Frühjahr 2020 auslaufen soll, gestartet. Nun braucht es Spender und Unterstützer. Bitte sehen Sie sich das im Internet an!
Weihnachten ist ein Fest, bei dem die Reichen und Mächtigen ihre Knie beugen vor dem Kind, das ohne Zuflucht und Herberge angewiesen auf unsere Menschlichkeit geboren ist.
Nicht ohne Grund heißt es in dem alten Lied: „Zu Bethlehem geboren / im Stall ein Kindelein, / gibt sich für uns verloren; / gelobet muß es sein.
Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel.“


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  Stimmungswechsel

Stimmungswechsel

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.12.2019

Vorgestern war der erste Advent. Für mich ist der Beginn des neuen Kirchenjahres immer wieder ein massiver gefühlsmäßiger Bruch, den anzunehmen, zu akzeptieren, für mich durchaus seine Zeit kostet. Von einem Tag auf den anderen endet die Stille und die Dunkelheit des Novembers und wird verdrängt von warmem und strahlendem Licht. Die Stille der vergangenen Wochen wird abgelöst durch wuselige und auch geräuschvolle Geschäftigkeit – rund um unseren Dom herum haben Sie es life und in Farbe erlebt. Das sind die Äußerlichkeiten.
Doch darüber hinaus, und das finde ich besonders bemerkenswert, verändert sich auch die Stimmung ganz massiv, der Duktus, wie wir unser Leben gestalten. Wir kommen aus einer Zeit, die uns mit den letzten Dingen und den existenziellen Fragen konfrontiert hat – Endlichkeit, Trauer und Tod. Der Volkstrauertag, der Buß- und Bettag und der Toten- und Ewigkeitssonntag sind diese Tage im Kirchenjahr, die für diese Themen stehen. Und nun, von jetzt auf gleich, herrschen draußen Jubel, Trubel, Heiterkeit, Weihnachts- und Adventsfeiern bestimmen unsere Abende und Shoppingwochenenden führen uns in knall volle Innenstädte.
Mir geht das irgendwie alles etwas zu schnell. Vielleicht liegt es ja an mir und ich bin nur nicht ausreichend flexibel, um mich umzustellen, das mag sein. Aber es ändert nichts: Ich brauche mehr Zeit, um von dunkel auf hell zu schalten, von leise auf laut und auch, ja, von traurig auf fröhlich.
Umso mehr verstehe ich, warum wir jetzt Advent haben. Wenn Sie mal in den hohen Chor kommen, werden Sie feststellen, dass das Parament am Altar dort oben violett ist. Das hängt da auch in der Passionszeit. Und das hat seinen Grund. Denn so wie die Passionszeit ist auch der Advent eine Zeit der Vorbereitung. Wir sollen uns vorbereiten auf das große Fest, das wir feiern, weil Gott Mensch geworden ist. Wir sollen uns besinnen auf das, was kommt. Wir sollen, wenn Sie so wollen, noch einmal kräftig Schwung holen, Kräfte sammeln und uns konzentrieren, um dann richtig loszulegen, wenn es in drei Wochen soweit ist.
Verstehen Sie das bitte nicht falsch: Kirche will nicht der Spielverderber sein und Ihnen die Freude am Advent verderben. Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, ist ganz sicher immer in Jesu Sinne. Das hat er auch stets und ständig genau so gemacht. Aber sich ab und zu mal eine Auszeit zu gönnen in den kommenden Wochen, mal darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist und die Vorfreude auf Weihnachten zu genießen, dafür sollten Sie sich ebenso Zeit nehmen – in einem Konzert, einem Gottesdienst oder einer Andacht hier bei uns im Dom oder in aller Ruhe zu Hause auf dem Sofa. Gönnen Sie sich einen besinnlichen Advent und erleben und genießen Sie den besonderen Zauber dieser Zeit. Ich glaube, dass Gott es so für uns gedacht hat.

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  Gemeinsam!

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Heiko Frubrich, Prädikant - 02.12.2019

Was war das für ein Wochenende! Nicht nur, dass wir gestern mit einem festlichen Gottesdienst hier im Dom in das neue Kirchenjahr gestartet sind, nicht nur, dass die heiße Phase des Weihnachtsgeschenkekaufens begonnen hat, nicht nur, dass wir die ersten beiden Adventssingen unserer Domsingschule feiern konnten, nein auch politisch war am vergangenen Wochenende mächtig was los hier bei uns in Braunschweig.
Da hat eine Partei als ungebetener Gast ihren Parteitag in unserer Stadt abgehalten. Diese Partei vertritt Positionen, die nicht unsere sind, die mit christlichen Werten und Grundüberzeugungen nicht zusammengehen, die mit der Botschaft Jesu einfach nicht vereinbar sind. Das haben wir hier bei uns im Dom deutlich gemacht – sehr klar, sehr konkret, sehr unmissverständlich. Ebenso klar, konkret und unmissverständlich hat unser Landesbischof aber auch herausgestellt, dass wir für die Menschen, die sich momentan mit dieser Partei identifizieren, ansprechbar bleiben, Respekt zeigen und ihnen die Wertschätzung entgegenbringen, die jedem Menschen zusteht. Respekt und Wertschätzung steht jedem Menschen zu, ganz einfach, weil er Mensch ist, weil jeder Mensch er ein Kind Gottes ist.
Das ist unsere Position und mit der sind wir anders unterwegs als viele der Parteianhänger, die immer wieder versuchen, Menschen, die anders sind, eine andere, eine geringere Wertigkeit anzudichten. Das ist mit uns und das ist vor allem mit Gott nicht zu machen.
Wohltuend und hoffnungsstiftend war, dass wir viele waren. Zum einen waren hier bei uns im Dom über 1.000 Menschen – Kirche schafft es ganz offensichtlich doch, für eine gute Sache zu mobilisieren – zum anderen aber auch in der Stadt vor dem Schloss. Über 20.000 Menschen haben dort für unsere Demokratie, für Meinungs- und Pressefreiheit und gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass demonstriert. Und das wichtigste ist: Sie haben es friedlich getan! Aus allen Teilen der Bevölkerung, aus Stadt und Land und aus allen Altersklassen haben sich Menschen zusammengefunden, die klargemacht haben, wo in unserer Gesellschaft politische Grenzen sind, deren Überschreiten nicht geduldet werden kann und darf. Diese Menschen haben die Motivation und den Mut gehabt, aufzubrechen, Gesicht zu zeigen und ihre Stimme zu erheben für ein friedliches und respektvolles Miteinander und dafür, Unterschiedlichkeit als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu sehen.
Ja, vielleicht ist es ein wenig zu pathetisch, aber ich habe dieses friedvolle Miteinander schon als ein Aufleuchten der frohen Botschaft empfunden, als ein Symbol dafür, wie Solidarität als gemeinsame Grundüberzeugung Dinge in Bewegung setzen kann.
Über diesem Tag heißt es: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Darum geht es: Um ein friedvolles und angstfreies Miteinander, um liebevolle Begegnungen zwischen uns Menschen und darum, dass wir so einer Welt näherkommen, die so ist, wie Gott sie für uns gedacht hat.

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