Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

Das Wort zum Alltag als App für Android™

Android ist eine Marke von Google LLC

Worte zum Alltag

  VOLKSTRAUERTAG, BUSS- UND BETTAG, TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

VOLKSTRAUERTAG, BUSS- UND BETTAG, TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.11.2020

Wir haben sie hinter uns, die besonderen Tage im November am Ende des Kirchenjahres: den Volkstrauertag, den Buß- und Bettag und gestern den Toten- und Ewigkeitssonntag. Nur noch ein paar Tage, dann wird das Dunkel dieser Zeit abgelöst durch das Licht des Advents.
Es geht in diesen letzten Wochen des Kirchenjahres um die existenziellen Dinge: um Tod und ewiges Leben aber eben auch um die Wiederkunft Jesu. Wir sollen darauf vorbereitet sein – aber wie? Jesus erzählt uns dazu das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen:
Sie alle gehen dem Bräutigam entgegen, doch der verspätet sich und so müssen sie warten, bis das Hochzeitsfest endlich beginnt. Als es dann endlich soweit ist, da haben die klugen Jungfrauen ausreichend Öl in ihren Lampen und Krügen, um eingelassen zu werden, die törichten sind im wahrsten Sinne des Wortes leergebrannt. Sie müssen draußen bleiben, ihnen wird der Zutritt zum Fest und damit in Gottes Reich verwehrt. Und als sie dann Öl kaufen gehen und zurückkommen, ist die Tür verschlossen und auf ihr Klopfen hin antwortet Jesus: „Ich kenne euch nicht!“
Das klingt ganz schön heftig. Die törichten Jungfrauen haben nichts Furchtbares getan, kein Verbrechen, oder dergleichen. Sie haben lediglich kein Öl dabei. Und die Konsequenz ist, dass Jesus sie nicht einmal mehr kennt.
Die Auslegung des Gleichnisses ist schwierig und es gibt viele verschiedene Ansätze. Ich denke, dass Jesus uns daran erinnern möchte, dass wir gut daran tun, wachsam und vorbereitet zu sein. Es gibt diese Geschichte von einem Rabbi, der seinen Schülern dringend ans Herz legt, einen Tag vor ihrem Tod, Buße zu tun. Die berechtigte Frage der Schüler lautet: „Ja woher weiß ich denn, welches der Tag vor meinem Tod ist?“ Und der Rabbi lächelt seinen Schüler an und sagt: „Siehst Du?“
Ich denke, dass das Öl in Jesu Gleichnis sinnbildlich für unser geistliches Leben steht, für unser Leben im Glauben, für unser Leben, dass wir an christlichen Werten ausrichten. Das ist keine einmalige Sache, so, wie das hektische Loslaufen der törichten Jungfrauen, um schnell noch Öl zu kaufen. Christliches Leben ist ein Prozess, ein Unterwegssein, ein Suchen und Finden und Verwerfen und Neuentdecken. Auf diesem Weg füllen sich unsere Ölvorräte von ganz allein. Auf diesem Weg lernen wir Jesus kennen und er uns.
Wenn wir unser Leben so führen, dann sind wir ganz automatisch vorbereitet und müssen uns keine Sorgen darum machen, dass Jesus uns abweisen könnte, weil er uns nicht kennt. Nein, er wird vor uns stehen mit offen Armen und uns willkommen heißen.
Über dieser Woche heiß es: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.“ So sei es! Amen

Download als PDF-Datei

  Ein Lied aus Licht

Ein Lied aus Licht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.11.2020

Es sind ambivalente Tage. All die Novemberthemen machen sich gnadenlos breit und sie erfahren jede Menge Illustration.
Während wir hier am Montagabend in tiefster Einsamkeit den Gemeinsampreis verliehen haben, droht in Äthiopien – wo eines der Projekte seinen Ort hat – ein militärischer Konflikt zum Flächenbrand zu werden.
Während wir hier versuchen, die Domsingschule am Leben zu halten, Trostraum zu sein, stürze ich meine Konfirmanden ungewollt in ein dunkles Loch: „Wenn ihr wüsstet, dass es zuende geht, was würdet ihr unbedingt noch tun wollen?“ Ein Junge sagt. Ins Kino gehen. Mehr nicht? Nein, mehr nicht. Zwei Mädchen fangen an zu weinen…
Während wir hier für den Frieden beten, um friedliche Sprache und einen wohltuenden Ort ringen, entgleist in Berlin der letzte Rest ziviler Umgangsformen.
Woher nehmen, was trägt und erhellt? Wenn man doch nicht singen kann, um es leichter zu glauben: „Es ist gewisslich an der Zeit, dass Gottes Sohn wird kommen…“
Eva Strittmatter dichtet:
„Ich mach ein Lied aus Stille / Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille / Geht ein in mein Gedicht.
Der See und die Libelle / Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle / Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne. / Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne. / Was es auch immer sei.
Das über uns die Räume / Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume / In einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille. / Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter. / Und so vergeh ich nicht.
So geht es schon besser. Weil man sich bergen kann in Worten, die andere gefunden haben als der November zu dicht auf die Haut kam.
So geht es noch nicht gut genug.
Aber dann heißt es über diesem Tag: „Gott, deine Güte ist besser als Leben.“ Da klingen schon die riesigen Räume mit. Aber Güte, die besser ist als Leben? Wozu könnte die gut sein. Ist es nicht Güte im Leben und zum Leben, die wir brauchen? Aber dann heißt es: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“
Aber dann erklingt die Orgel. Und macht ein Lied aus Licht.

Download als PDF-Datei

  Es bleibt...

Es bleibt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.11.2020

Wort zum Alltag 20. November 2020

Heute jährt sich der Auftakt der Nürnberger Prozesse zum 75. Mal.
Die Süddeutsche hat die Erinnerung übertitelt: „Was bleibt“. Ohne Fragezeichen.
Es bleibt eine Leerstelle in Nürnberg, weil man sich nicht einigen kann, wer die Einrichtung eines „lebendigen Erinnerungsortes“ finanziert. Die originale Möblierung ist schnell beseitigt wurden wegen unguter Assoziationen mit Siegerjustiz.
Es bleibt ein heute 100-jähriger Mann, seinerzeit Chefankläger im SS-Einsatzgruppenprozess, der damals in Deutschland vergeblich darauf gewartet hat, wenigstens ein einziges Mal das Wort „Entschuldigung“ zu hören und der noch immer nicht begreift, dass ein zum Tode Verurteilter kein Wort für Frau und Kinder findet und statt dessen sagt: „Sie werden sehen, dass ich recht hatte.“
Es bleibt ein Novembermorgen im Jahr 2020, der im Bundestag mit einer Debatte über die Störung der Würde des deutschen Parlamentes durch „Gäste“ von Mitgliedern der AFD-Fraktion und der Forderung, es wäre Zeit, den Anfängen zu wehren, beginnt. Es wäre längst höchste Zeit gewesen…
Es bleibt die Befürchtung, dass das Gedankengut derer Anklagten in Nürnberg noch immer gepflegt und verteidigt wird.
Es bleibt, dass Corona vielen Menschen verhindert hat, die Hannah-Arendt-Ausstellung in Berlin zu sehen. Im Katalog lese ich: „Wenn ich etwas beurteile, führe ich objektives Wissen und subjektives Meinen zusammen. Sprechen ist dann kein spontaner Impuls persönlicher Ansichten … sondern begründete politische Intervention. Ich werfe meine persönliche Integrität in die Waagschale … und übernehme Verantwortung.“
Das ist dringend nötig, wenn wir nicht denen das Feld überlassen wollen, die von Lügenpresse reden, von Verschwörungstheorien, von Ermächtigungsgesetz.
Es bleibt, dass wir in einen anderen Horizont gestellt sind. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Download als PDF-Datei

  November

November

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2020

Das Kirchenjahr geht zuende…
Novembertage sind solche, an denen wir hier die vorletzten Dinge bedenken.
Wie verletzlich und gefährdet unser Leben ist, wie vorläufig all unser Planen, das haben wir dieses Jahr zur Genüge gehabt. Auch dass wir in der Schuld stehen – derer, die für uns sorgen während wir uns schützen, derer, die entscheiden, während wir zweifeln.
Und langsam dämmert uns auch, dass sich unsere Welt gerade sehr gründlich verändert, dass eben nicht nur Menschenleben endlich sind, sondern auch Kulturformen, Lebensentwürfe, Weltbilder, Heimat, wie wir sie kannten.
Manches davon erzählt auch die Ausstellung um uns herum. Am Montag wird sie abgehängt werden. Wir hatten immerhin ein paar Wochen zwischen Bildern und Texten der Lebensgeschichten zweier Künstler. Eigentlich konzipiert zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, endlich realisiert dreißig Jahre nach der Deutschen Einheit, hängen manche der Texte noch ganz anders richtig in diesem Jahr.
Denn es sind auch Heimweh- und Sehnsuchtsbilder. Sie erinnern Flüsse und Gerüche, Landschaftsbilder. Wenn die Luft hier nach Zucker riecht, dann tut sie es dort, wo ich nicht hinkann, ein paar Kilometer weiter, vielleicht auch.
Diese Gedichte erzählen von der Freiheit der Vögel, denen Grenzen nichts anhaben können und auch Kontaktsperren nicht, sie erzählen von der Frechheit mancher Flaschenpost, die trotz allem irgendwie durchkommt.
Und immer wieder wirkt die Natur in diesen Texten wie ein Trostraum, ein Garant dafür, dass im Werden und Vergehen nicht nur Endlichkeit und Vergessen liegen sondern auch Anfang und Heilung, Veränderung, Zauber des Neuwerdens.
Im allerletzten Gedicht heißt es: „Wundklee blüht / dem Kolonnenweg / wächst ein Bart aus Moos.“ Endlich. Da muss keiner mehr lang. Manche schmerzliche Spur wird nicht mehr gebraucht.
Dazwischen verwundert und schmerzt, dass nichts ist und nichts bleibt wie es war: „Schwarzerde das tägliche Brot / weithin wellt Ackerland
Überlanddrähte morsen / die Elbe führt Niedrigwasser …
oberirdisch Fernheizungsrohre / verschlingen das Bild von früher
dennoch wiedererkannt den / Glockenturm von Sankt Mauritius.“
Dennoch. Der Kirchturm. Das ist verlässlich. So wie auch der Dom steht – durch die Jahre und Zeiten verweist, wie es in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag steht:
„Seht, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut.“

Download als PDF-Datei

  Wie spielt man Frieden?

Wie spielt man Frieden?

Henning Böger, Pfarrer - 17.11.2020

Beim Theologen Jörg Zink ist folgende Begebenheit nachzulesen:
„Ein alter Mann ging über einen großen Platz. Er setzte sich auf eine Bank und beobachtete eine Gruppe Kinder, die offensichtlich ‚Krieg‘ spielten. Mit Stöcken und gellendem ‚Peng-Peng-Geschrei‘ rannten sie aufeinander los. Auch ganz Kleine waren dazwischen. Nachdenklich sah der Mann eine Weile dem Treiben zu. Dann stand er auf und ging entschlossen auf die Gruppe: ‚Kinder, spielt nicht Krieg! Spielt doch Frieden!‘ Die Stimme des alten Mannes ließ die Kinder aufhorchen. Sie unterbrachen ihr Spiel, zogen sich an eine Mauer zurück und berieten eine Weile miteinander. Dann kamen sie zum Mann, der sich wieder auf die Bank gesetzt hatte. Und ein kleiner Junge stellte sich vor ihn und fragte: ‚Du, wie spielt man Frieden?‘“
Keine leichte Frage, finde ich: Wie spielt man Frieden? Krieg zu spielen, erscheint dagegen „kinderleicht“: einander zu jagen, sich mit einem Stock und einem „Peng“ mächtig zu fühlen, die eigene Welt einzuteilen in Starke und Schwache, Sieger und Besiegte. Aber was ist mit Frieden: Wie spielt man den? Welche Gesten und Regeln braucht das Friedensspiel?
Erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen sagen: Die Aufgabe, Kindern Wege zum friedlichen Miteinander aufzuzeigen und diese miteinander spielerisch einzuüben, wird immer wichtiger in Zeiten, in denen der Ton zwischen Menschen zunehmend rauer, lauter, friedloser wird. Ich höre das so: Frieden kann man üben. Und man kann ihn erlernen!
Fragt man Kinder danach, dann sind gute Ideen und nützliche Regeln für ein friedliches Spiel schnell bei der Hand: „Alle müssen zufrieden sein beim Spielen.“ Und: „Man darf nicht hauen und keine Schimpfwörter sagen.“ Vor allem aber: „Alle dürfen mitspielen und jeder ist mal der Bestimmer.“
Das sind wertvolle Regel, die sicher nicht nur auf dem Kinderspielplatz für den Frieden wichtig sind. Sie sollten auch auf den großen Bühnen unserer Welt gelten: miteinander zufrieden sein, nicht immer gleich auf alles und jeden schimpfen, andere mitbestimmen lassen, auch unbequeme Meinungen hören. So könnte es gehen mit dem Friedensspiel!
Die Fähigkeit zum Frieden entsteht dort, wo wir selbst entdecken, dass auch anderen Menschen sind; wo sich zeigt, dass Liebe möglich ist oder wenigstens die Achtung vor dem anderen; wo wir von anderen nur das erwarten, was sie auch von uns erwarten dürfen.
Auf die Frage, wie man den, bitte schön, Frieden spielt, sollte keiner von uns ohne Antwort bleiben. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.11.2020

Gestern war Volkstrauertag, ein staatlicher Feiertag, kein kirchlicher, und dennoch spielt er berechtigterweise auch im gottesdienstlichen Leben eine wichtige Rolle. Der Tag geht zurück auf einen Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahr 1919. Der Volksbund hatte angeregt, an einem festen Tag im Jahr der Toten des Ersten Weltkrieges zu gedenken. 1922 fand die erste Feierstunde im Reichstag statt. Unter den Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag dann der Heldengedenktag. Das Erinnern beschränkte sich ausschließlich auf deutsche gefallene Soldaten und aus dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurden alle politisch Andersdenkenden und insbesondere auch alle jüdischen Mitglieder herausgedrängt. Mit Kriegsende 1945 wurde der Volksbund dann zunächst aufgelöst.
Fast jede Familie hatte Tote aus den beiden Weltkriegen zu beklagen. Und so wuchs der Wunsch, den Volkstrauertag in seinem ursprünglichen Duktus in Deutschland wieder zu etablieren. Und so wurde dieser in einigen Gegenden Deutschlands bereits 1946 wieder begangen, seit Anfang der 1950er Jahre bundeseinheitlich am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres.
Aus Fehlern zu lernen, zählt nicht unbedingt zu den herausragendsten menschlichen Fähigkeiten. Bei den eigenen Fehltritten ist die Chance eines Lernerfolges etwas höher – schließlich waren wir selbst daran schuld, dass wir uns eine blutige Nase eingefangen haben. Doch das Lernen aus den Fehlern der Anderen, insbesondere dann, wenn diese schon Jahrzehnte zurückliegen, fällt offenbar schwer. Wie ist es sonst zu erklären, dass wir Menschen angesichts der vielen Millionen Toten nicht längst aufgehört haben, einander mit Krieg, Gewalt und Terror zu überziehen?
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge arbeitet gegen das Vergessen. Wichtig dabei ist, dass die Toten und das Gedenken nicht für irgendeine politische Richtung instrumentalisiert werden. Die Toten dürfen niemals Mittel zum Zweck werden. Jeder Name auf jedem Kreuz steht um seiner selbst willen. Jeder Name bedeutet eine abgerissene Lebenslinie, ein nicht zu Ende gelebtes Leben, jeder Name steht für Leid, Trauer und Verzweiflung bei den Hinterbliebenen. Und wenn sich dann gestern am Abend des Volkstrauertages in unser Stadt Rechtsradikale zur Demonstration versammeln, dann kann man denen nur sehr deutlich sagen, dass wir sie und so etwas hier nicht wollen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist die Jugendarbeit. Neben umfangreichen Informationsangeboten werden junge Menschen aus verschiedenen Ländern in sogenannten Workcamps an den Gräbern der Kriegstoten zusammengeführt, um so Erinnerung wach zu halten und Freundschaft und Wertschätzung zu stiften, über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Das ist aktive und wirksame Friedensarbeit, die deshalb auch kirchlicherseits unterstütz wird. Denn Jesus Christus spricht: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Nobody is perfect

Nobody is perfect

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.11.2020

Nobody is perfect! Dieses geflügelte Wort ist – trotz der fremden Sprache auch bei uns sehr geläufig. Gern wird, um seine Richtigkeit zu unterstreichen, noch ein Rechtschreibfehler eingebaut. Doch ob nun mit oder ohne – der Inhalt stimmt, niemand ist perfekt. So manch einer hat seine Schwierigkeiten damit, das anzunehmen. Anzuerkennen, dass wir nicht fehlerfrei sind, dass uns trotz aller Anstrengungen nicht alles gelingt, dass wir unsere Grenzen im Können und Begreifen haben, das ist nicht jedermanns Sache.
Paulus tröstet. „Ihr alle seid Kinder des Lichtes“, schreibt er im 1. Thessalonicherbrief und man kann hinzudenken: obwohl ihr nicht perfekt seid. Fehler, Scheitern, Zweifel und Irrwege gehören zu jedem Leben dazu, auch zum Leben eines aufrechten Christenmenschen. Das wissen Sie und das weiß ich und das weiß vor allem Gott.
Das klingt einerseits wohltuend entlastend, darf uns andererseits aber nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass wir nun tun und lassen können, was wir wollen. „Nobody is perfect“ ist nicht die Überschrift für eine Generalabsolution für das, was wir mutwillig und vorsätzlich falsch machen.
Adam und Eva haben verbotenerweise Früchte vom Baum der Erkenntnis gegessen. Seitdem kennen wir Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse und seitdem haben wir es in der Hand, uns zu entscheiden für das eine oder das andere. Und nicht nur das: Wir haben es in der Hand, darauf zu achten, wann die Waage zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe aus der Balance zu geraten droht. Wir haben es in der Hand, unser Tun und Lassen an Jesu Beispiel auszurichten.
Wir sind in der Mitte der diesjährigen Friedensdekade angekommen. Zehn Tage lang stehen unsere Gottesdienste und Andachten im Zeichen des Gebets für den Frieden – bis zum Buß- und Bettag. Ja, wir bitten Gott um Frieden. Wie nötig das ist, haben die letzten Wochen und Monate noch einmal ganz eindringlich gezeigt. Doch wir können diese Aufgabe nicht nur ihm überlassen. Wir alle sind gefordert, für den Frieden einzutreten. Und das geht eben deutlich über das Erheben des eigenen Zeigefingers hinaus: Die andern müssen jetzt endlich mal… Nein, wir sind dran!
Frieden beginnt bei jedem einzelnen, Frieden beginnt im Kleinen: in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundes- und Bekanntenkreis und vor allem anderen bei uns selbst. Es ist wichtig, dass wir mit uns selbst im Frieden sind, dass wir unsere kleinen Schwächen und Macken annehmen können, dass wir dazu bereit sind, uns unsere eigenen Fehler auch selbst zu vergeben. Nobody is perfect – und ich bin es eben auch nicht. Nur dann, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann auch friedvoll und liebevoll auf meine Mitmenschen zu- und mit ihnen umgehen.
Ich glaube fest daran, dass Gott von uns erwartet, dass wir seinem Frieden auf dieser Erde Gehör verschaffen. Und ich bin mir sicher, dass wir ihn an unserer Seite haben, sobald wir uns dafür einsetzen. Jesus Christus sagt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Selig sind...

Selig sind...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.11.2020

„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen …“
So heißt es in den Seligpreisungen.
So hat es die Friedensdekade über diesen Donnerstag gestellt.
Selig, glücklich, glückselig – das sind doch eigentlich Verliebte oder solche, die etwas endlich geschafft haben oder die, die vor lauter Erleichterung tanzen möchten.
Aber die Sanftmütigen?
Sanftmut ist ein altes Wort. Das Verständnis von Sanftmut bewegt sich je nach kulturellem Hintergrund und Deutungshorizont irgendwo zwischen Freundlichkeit, Demut und Milde. Mit Letzterem beschrieb man Tugenden, auch das ein altes Wort. Wir verbinden damit eher Charaktereigenschaften und Wesenszüge. Ein sanfter Mensch ist nicht laut, nicht gewalttätig, nicht rechthaberisch, nicht brutal, nicht zynisch.
Es ist naheliegend, dass Menschen besser miteinander auskommen und in Frieden leben können, wenn sie freundlich und milde sind. Aber werden wir davon die Erde besitzen? Wollen das die sanftmütigen überhaupt? Müsste man sich dann nicht anlegen mit denen, die sich allermeist durchsetzen, weil sie schneller sind oder lauter, weil weniger Skrupel haben und mit härterer Hand regieren?
Aber so heißt es und so wird es sein:
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen …“
Es geht um das hier auf Erden, diese Welt. Darum hat diese sanftmütige Bitte eine durchaus politische Dimension.
Es geht um Gewaltfreiheit.
Es geht um die Rehabilitation von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren.
Es geht um das Gebot „Du sollst nicht töten“.
Es geht um das Grundrecht, sich dem Töten zu verweigern.
Es geht nicht um naiven Pazifismus, sondern um den weg, der hier Zukunft haben kann. Denn es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Seligpreisungen sehr fein unterscheiden: Das Himmelreich gehört denen, die geistlich arm sind oder wie Walter Jens und die Basisbibel übersetzen: „die arm sind vor Gott und es wissen.“ Aber die Erde denen, die sanftmütig sind.

Download als PDF-Datei

  Poppy Day

Poppy Day

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.11.2020

Heute wird bei unseren englischen Nachbarn und Freunden der Remembrance Day begangen. Er erinnert an das Ende des Ersten Weltkrieges. Im „Waffenstillstand von Compiègne“ wurde zwischen Frankreich, Großbritannien und Deutschland vereinbart, dass die Kriegshandlungen am „elften Tag des elften Monats um elf Uhr“ enden sollten, was dann auch geschah. Der Erste Weltkrieg kostete insgesamt fast zehn Millionen Menschen das Leben. Großbritannien war besonders in die Schlachten in Frankreich und Belgien involviert. Viele britische Soldaten verloren dort ihr Leben. Der heutige Gedenktag wird auch „Poppy Day“ genannt, in Anlehnung an die Poppies, die Mohnblumen, die auf den Feldern blühten, auf denen der Krieg tobte. Der kanadische Leutnant John McCrae hat hierzu das folgende Gedicht geschrieben.

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn
Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,
Die unseren Platz markieren; und am Himmel
Fliegen die Lerchen noch immer tapfer singend
Unten zwischen den Kanonen kaum gehört.

Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch
Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang,
Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir
Auf Flanderns Feldern.

Führt fort unseren Streit mit dem Feind:
Aus sinkender Hand werfen wir Euch
Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.
Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben,
So werden wir keine Ruhe finden, obwohl der Mohn wächst
Auf Flanderns Feldern.

Führt fort unseren Streit mit dem Feind, so beginnt der dritte Vers des Gedichtes. Glücklicherweise sind wir in Europa dabei nicht stehengeblieben. Es herrscht Frieden seit über 75 Jahren. Bis es soweit kam, hat ein weiterer Weltkrieg und ein Terrorregime in Deutschland mehr als 70 Millionen Tote gefordert und Zerstörung und unsagbares Leid über Menschen in vielen, vielen Ländern dieser Erde gebracht.
In diesen Tagen beten wir dafür, dass so etwas nicht wieder passiert und auch dafür, dass es an so vielen Orten dieser Welt endlich wieder ein friedliches Miteinander der Menschen geben kann. Dafür sorgen müssen wir Menschen schlussendlich selbst. Doch ohne Gottes Hilfe wird uns das kaum gelingen, wie die Erfahrung zeigt. Wir fühlen uns heute ganz besonders unseren englischen Freunden verbunden. Jesus Christus sagt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Das Lied vom heiligen Umsturz

Das Lied vom heiligen Umsturz

Henning Böger, Pfarrer - 10.11.2020

„Umkehr zum Frieden“ Wer das diesjährige Motto der ökumenische Friedensdekade als Anforderung an das eigene Handeln hört, der weiß sogleich ein Zweites: wie mühsam diese Umkehr schon im Kleinen ist, wie oft sie guter Vorsatz und frommer Wunsch bleibt.
Wie anders klingt das Lied, das die schwangere Maria singt. Sie singt von einer Welt in anderen Umständen:
„Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen.
Alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. Gott hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg.bEr stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.“ (Lukas 1,46-55)
Rettung und Neuanfang, Gerechtigkeit und Frieden kommen hier aus der Kraft Gottes. Umkehr ist hier Umsturz, Umwälzung der Welt und ihrer Ordnungen, mit denen wir uns und andere so fein und säuberlich sortieren in die Muster von oben und unten, arm und reich, mächtig und machtlos.
„Wie gut, dass es Maria gibt“, schreibt der Journalist Heribert Prantl. Denn was sie sage, sei buchstäblich umwerfend, ihr Magnificat nicht weniger als ein Lied vom heiligen Umsturz. Maria sei, so Prantl, mit ihrer Art zu singen, vergleichbar den wuchtigen Gedanken des jungen Karl Marx. Auch dieser verlangte ja, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes Wesen ist“.
Wo jedoch bei Marx für die Religion nur Kritik bleibt, da liegt für Maria der Anfang ihres Glaubens: in der Erwartung einer von Gott her endlich auf die Füße gestellten Welt, in der den Knechten die Freiheit versprochen ist, den Hungrigen Brot und den Niedrigen die Fülle des Lebens.
Wie gut, dass es Maria gibt! Ein Gedanke, der gut passt in diese 40. Friedensdekade mit ihrem Nachdenken darüber, wie uns und unserer Welt die Umkehr zum Frieden gelingen kann.
Marias Lied ist ein Danklied, „es tut das, was alle wirkliche Frömmigkeit immer tut: Es lobt Gott. Es sagt Ja zum Leben, zum Glück und zu den Schmerzen. Es sagt Nein zur Unterdrückung und zum Hunger“ (Dorothee Sölle). Wie gut, dass sich unsere eigene Lust auf Veränderung, die Hoffnung auf eine neue Zeit an diesem Widerstandslied nähren kann.
Amen.

Download als PDF-Datei

  Allein zur Synagoge...

Allein zur Synagoge...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.11.2020

Wissen Sie, wo die Braunschweiger Synagoge ist?
Waren Sie schon drin?
Vermutlich werden mehr Menschen mit dem Kopf schütteln als nicken.
Das hat seinen Grund. Es gibt kein Interesse der Jüdischen Gemeinde daran, dass das gewusst wird oder die Synagoge einfach so zugänglich ist.
Aus Sicherheitsgründen.
Noch immer. Und wie es scheint noch unabsehbar lange. Denn es ist und bleibt gefährlich, eine Kippa zu tragen. Auch in unserer Stadt.
Heute wird trotzdem der eine oder die andere im Laufe des Tages den Weg zur Synagoge finden, um Blumen und Kränze abzulegen – wie alle Jahre zuvor auch. Wir werden uns nicht sehen, wenn das Kaddisch gesprochen wird, die Namen der Konzentrationslager laut werden.
Dieses Jahr gehen wir allein.
Ein deutliches Bild dafür, dass man zuletzt immer allein geht und für sich selbst entscheiden muss, wo man mit geht und hingeht, wo nicht.
Unter welche Lösungen und Forderungen man sich einreiht oder nicht.
Welche Tonart man verstärkt.
Dieses Jahr geht jede und jeder allein durch die Braunschweiger Innenstadt, mit Maske, die nicht verhüllt sondern schützt.
Wir gehen durch die Straßen unserer schönen und gezeichneten Stadt, in der am 9. November 1938 zutiefst beschämende Zerstörungswut gegenüber jüdischen Geschäften und Einrichtungen wütete. Braunschweiger und Braunschweigerinnen demütigten ihre Nachbarn und Mitbürger, versetzten sie in Angst und Schrecken, zerstörten ihre Lebensgrundlage und heiligen Orte. Es gab Massenverhaftungen. Schon im Frühjahr hatte eine Artikelserie in der Braunschweiger Tageszeitung Hass geschürt. Ende Oktober 1938 waren Kinder und Erwachsene verhaftet und fortgebracht worden.
All das geschah nicht nur hier.
Aber hier im vorauseilenden Gehorsam.
All das geschah, das ist besonders schmerzlich, genau hier.
Der Dom war ein Leuchtturm dieser schrecklichen und unmenschlichen Zeit.
Grund genug, sich immer wieder bewusst zu machen, wie schnell eine Gesellschaft den Kurs verliert, wie schrecklich es werden kann, wenn die Mehrheit schweigt oder mitläuft und dass Mehrheiten dann entstehen, wenn wir sie lassen und nicht verhindern.
Der neunte November ist ein vielschichtiger Tag in unserer Geschichte.
Manchmal fühlt sich das erinnern fröhlicher an.
Dieses Jahr scheint der Monatsspruch aus Jeremia besonders aktuell zu sein: „Gott spricht. Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.“ So wird es hoffentlich sein – wie eine große Umkehr. Hin zu einem anderen offen friedlichen Miteinander.

Download als PDF-Datei

  Der verwundete Engel

Der verwundete Engel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2020

Auf meinem Schreibtisch im Dompfarramt steht schon seit langem eine Kunstportkarte. Sie zeigt das Gemälde „Der verwundete Engel“ des finnischen Malers Hugo Simberg aus dem Jahr 1903. Die Finnen haben es 2006 als ihr „Nationales Gemälde“ ausgewählt.
Eine Aktion, die ich für Deutschland auch spannend fände…
Das finnische Ölgemälde zeigt zwei Jungen, schon fast Jugendliche, die an einem dämmrigen Frühlingstag – noch ist die Dunkelheit des langen Winters im hohen Norden spürbar – einen Engel auf einer Bahre durch karge flache Landschaft tragen. Der Kleinere, der vorn geht, ist ganz schwarz gekleidet, mit Anzug und Hut. Ein Schatten liegt auf seinem Gesicht. Der Hintere in braunen Alltagssachen guckt den Betrachter an. Ernsthaft, fast ein bisschen aufgebracht. Die Augen hell. Dazwischen der Engel. Ganz hell.
Fast ein Mädchen. Sitzend und mit hängendem Kopf und Flügeln. Einer scheint verletzt zu sein. Die Arme aufgestützt, um nicht abzustürzen. Das dünne Gewand schleift…
Die Augen verbunden. Was mag da passiert sein?
Der Maler hat sein Bild nicht gedeutet. Aber man weiß, dass er sich von einer schweren Krankheit erholte, als er es malte.
Ich sehe es an und denke. Ja, der Engel ist müde, wund und erschöpft. Es war ein schweres Jahr. Soweit kann es kommen, dass wir mal einen Engel mit durchschleppen müssen und am ehesten machen das vielleicht wirklich Kinder und Jugendliche. Wer sonst …?
Ich erinnere mich an den Anfang des Jahres: da hatte sich beim Aufstellen der Weihnachtskrippe hier im Dom ein Engel mit unter die Hirten gemischt. Er stand in der Krippe und blieb da als die Himmlischen Heerscharen schon wieder fort waren. Damals habe ich hier gesagt: „ Der Engel ist da – damit wir hier mitten im Alltag nicht vergessen, dass unser Leben hier noch einen anderen Horizont hat.“
Dass unser Alltag so anders werden würde, konnte ich nicht ahnen. Und auch nicht, wie aktuell die Tageslosung bei Jesaja heute sein würde:
„Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin er der Herr, der dies alles tut.“
Der Engel war vielleicht schon im Januar flügellahm, er ist ja ein Bote und ahnte, was kommen wird – vielleicht blieb er gerade deshalb. Als Hinweis und letztlich auch als einer, der unsere Hilfsbereitschaft und Energie neu hervorkitzelt. Als Erinnerung an den anderen Horizont und hellere Tage, die kommen werden, weil Gott all das tut.

Download als PDF-Datei

  Aber dann...

Aber dann...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.11.2020

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden sondern überwinde das Böse mit Gutem…“
So steht es über dieser Woche, die so ambivalent und mühselig zugleich daherkommt. Der Himmel gibt sich Mühe und leuchtet in erstaunlichen Farben, die letzten goldenen Blätter glühen richtiggehend. Es ist mild, auf beinahe ungeheuerliche Weise – als wollte uns das Wetter den Lockdown versüßen, den November enttrüben.
Aber dann verschärft sich der Ton hier, wird zynisch und bitter. Warum dürfen die das und sogar das und andere müssen geschlossen bleiben.
Aber dann weigern sich die einen Masken zu tragen und ihr Leben von einem Virus einschränken lassen, der die anderen trifft.
Aber dann bewaffnet sich einer in Wien mit Gewehren und Machete und bringt Menschen um. Tötet. Wird getötet. Wie auch in Frankreich einige Tage zuvor.
Aber dann verkündet der Präsident einer demokratisch verfassten Weltmacht, dass er eine Wahl gewonnen hat, die nicht vollständig ausgezählt ist, dass er sie anfechten wird, falls er verloren hat.
Aber dann fühlen sich Millionen Menschen von einem Präsidenten gut vertreten, der alles mit Füssen tritt, was ein gedeihliches und gerechtes Miteinander zum Existieren braucht.
Wie soll man da nicht das Gefühl haben, dass das Böse alle Dynamik und Erfolgschance auf seiner Seite hat? Muss man da nicht größenwahnsinnig sein um zu glauben, wir könnten mit unserer kleinen Kraft all das Böse überwinden?
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden sondern überwinde das Böse mit Gutem…“
Vielleicht muss man das Bibelwort noch ein bisschen nachklingen lassen.
Lass dich nicht dazu bringen, in Zynismus, Hass und Bitterkeit einzustimmen. Las Dich nicht davon in Besitz nehmen. Halt deine Zunge und dein Herz davon sauber. Das immerhin steht in deiner Macht.
Und auch: Mach dir bewusst, dass man Bösem nicht mit Bösem, mit Hass, mit Gewalt, Verachtung beikommen kann. Davon wird es schlimmer.
Sondern nur mit Gutem.
Carolin Emcke schreibt: „Zum zivilen Widerstand gegen den Hass“ und eben das Böse „gehört … Geschichten vom Glück, vom gelungen Leben und Lieben zu erzählen, damit sich … die Möglichkeit des Glücks als etwas festsetzt, das es für jeden und jede geben könnte, als eine Aussicht, auf die zu hoffen, jede und jeder ein Anrecht hat.“
Denn da wohnt ein Sehnen tief in uns… Dass es gut werden möge und wir das Böse überwinden können.

Download als PDF-Datei

  Solidarität

Solidarität

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.11.2020

Drei Tage dauert er nun an, der „Lock-down light“, das zweite Herunterfahren des öffentlichen Lebens in unserem Land. Theater, Kinos, Sportstätten und die Gastronomie sind geschlossen, in den nächsten vier Wochen wird das dort sonst übliche Leben fehlen. Als die Maßnahmen in der vergangenen Woche verkündet wurden, war es den Politikerinnen und Politikern anzumerken und anzusehen, dass ihnen die getroffenen Entscheidungen ganz sicher nicht leichtgefallen sind. Da gab es tiefe Sorgenfalten in den Gesichtern. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die sich dieser Verantwortung stellen und sie dann auch besonnen wahrnehmen.
Ja, es gibt sicherlich Punkte, die zu kritisieren sind. Aber das ist bei jeder Entscheidung so, die unter hohem Druck getroffen werden muss und deren Auswirkungen in jedem Fall weitreichend, aber eben im Zeitpunkt der Entscheidung nicht final kalkulierbar sind. Wie dem auch sei – Kritik ist erlaubt, in einer Demokratie, wie der unseren sogar gewünscht und notwendig, um gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen und daran mitzuwirken.
Völlig fehl am Platz sind allerdings persönliche Anfeindungen und Bedrohungen gegen diejenigen, die in den Regierungen, Behörden, Parlamenten und Verwaltungen ihren Dienst tun. Wer Galgen mit Politikerbildern durch die Straßen trägt, wie am vergangenen Wochenende wieder zu sehen war, oder im Schutz der Anonymität der sozialen Netzwerke zu Gewalt aufruft, der hat den gemeinsamen Boden unseres Miteinanders verlassen.
Es muss doch vielmehr in den kommenden Wochen unsere gemeinsame Aufgabe sein, so durch diese Zeiten zu kommen, dass wir das Virus soweit irgend möglich zurückdrängen, gleichzeitig aber darauf achten, dass der wirtschaftliche Schaden so gering wie möglich bleibt, insbesondere doch aber, dass Menschen bei alledem nicht unter die Räder geraten.
Es droht wieder schmerzhafte Einsamkeit, weil viele soziale Kontakte nicht mehr möglich sind. Der Besuch in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen ist nur noch stark eingeschränkt erlaubt. Die Angst vor Ansteckung lässt Menschen seltener als sonst ihr zu Hause überhaupt verlassen. Ich denke, dass wir nun alle gefordert sind, einander gute Wegbegleiter zu sein, Kontakte zu halten oder wieder aufleben zu lassen, gerade zu den Menschen, die besonders betroffen sind. Das geht ohne großen Aufwand – durch ein Telefonat, einen Brief, eine E-Mail. Gerade jetzt im November mit seinen auch schweren und dunklen Tagen, kann so etwas wirklich segensreich sein.
Paulus schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Das klingt so groß, doch es sind eben auch und gerade die vielen kleinen Schritte der Solidarität, die uns in der richtigen Richtung beständig und sicher nach vorne bringen. Jetzt ist die Zeit, das wieder einzuüben – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Die Welt von gestern und heute

Die Welt von gestern und heute

Henning Böger, Pfarrer - 03.11.2020

„Ich meinte, alles Furchtbare vorausgefühlt zu haben, was geschehen könnte, wenn Hitlers Hasstraum sich erfüllen und er Wien, die Stadt, die ihn als jungen Menschen arm und erfolglos von sich gestoßen, als Triumphator besetzen würde. Aber wie zaghaft, wie klein, wie kläglich erwies sich meine, erwies sich jede menschliche Phantasie gegen die Unmenschlichkeit, die sich entlud an dem Tage, da Österreich und damit Europa der nackten Gewalt zur Beute fiel!“
Diese Zeilen schreibt der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Buch „Die Welt von Gestern“. Er blickt zurück auf das unvorstellbare Ausmaß an Terror, das die Nationalsozialisten über die Wiener Stadtgesellschaft brachten beim Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland im Jahr 1938.
„Jetzt sank die Maske“, notiert Stefan Zweig über die Gewalt an jüdischen Mitbürgern und Andersdenkenden. Und weiter: „Damals war unsere Welt schon so sehr an Inhumanität, an Rechtlosigkeit und Brutalität gewöhnt wie nie zuvor in Hunderten Jahren. Während vordem allein, was in dieser unglückseligen Stadt Wien geschehen, genügt hätte zur internationalen Ächtung, schwieg das Weltgewissen nun oder murrte nur ein wenig, ehe es vergaß …“
Wie nah ist diese Welt von gestern in den Erinnerungen Zweigs dem Geschehen von heute in den Nachrichten. Wir richten unseren Blick nach Wien, in jene wunderbare Stadt an der Donau, die zurecht so stolz ist auf ihre kulturelle und religiöse Vielfalt. Der Terror am gestrigen Abend mitten in der Wiener Innenstadt kam nicht von rechts. Er scheint religiös motiviert. Aber gestern wie heute ist das Erschrecken tief über das inhumane und brutale Vorgehen der Täter. Auch hier sinkt die Maske und der Hass zeigt seine Fratze.
Dass das Weltgewissen, auch unser eigenes, dazu nicht schweigt, nicht nur ein wenig murrt, ehe es vergisst, daran soll uns allen gelegen sein. Möge unser Wunsch und Willen zum Frieden nicht der Gewalt zur Beute fallen.
In einem Gebet zur Friedensdekade, die am kommenden Sonntag beginnt, lese ich folgende Gedanken: „Hören wollen wir, Gott, auf dein schönstes Wort: Frieden - Schalom - Salam. Umkehren zum Frieden wollen wir. Zusammenstehen als Glaubende, einander die Hand reichen über alle Grenzen hinweg. Deinem schönsten Wort trauen. Du, unser Friede, Gott.“
Heute Abend im Braunschweiger Dom, halten wir einen Moment lang inne.
Wir gedenken in der Stille der Toten und Verletzten in der Stadt Wien.
Dann lasst uns mit wachen Sinnen hören und bitten: „Dona nobis pacem! Gib uns Frieden, Gott!“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Liebe anstatt Gewalt

Liebe anstatt Gewalt

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.11.2020

Frankreich wird dieser Tage erneut von islamistisch motivierten Anschlägen heimgesucht und erschüttert. Im September erfolgt ein Messerangriff vor der Redaktion des Satiremagazins Charlie-Hebdo, im Oktober wird ein Lehrer auf offenen Straße brutal ermordet und drei Menschen sterben nach einer Messerattacke in der Kathedrale in Nizza. Die Opfer: Menschen, denen Meinungs- und Glaubensfreiheit wichtig waren, teilweise offenbar auch ganz willkürlich ausgewählt. Die Täter: drei junge Männer, noch nicht einmal 20 Jahre alt. Das Ergebnis: Zerstörte Menschenleben – die der Opfer und die der Täter gleichermaßen.
Es fällt schwer, auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wie dieser Hass, der zu den Taten führte, entstehen kann; es fällt schwer, eine derartige Gewaltbereitschaft zu verstehen. Ja, es sind auch die Rahmenbedingungen, unter denen Leben stattfindet, die so etwas ermöglichen. Es sind der Mangel an Lebensperspektiven, nicht gelungene Integration, persönliche Not und Hoffnungslosigkeit, die den Nährboden bilden. Doch es sind eben auch diejenigen, die ihn nutzen und ihre Saat des Hasses darauf ausbringen. Ich will niemandem zu nahe treten, aber ein junger Mensch von noch nicht einmal 20 Jahren kann für mein Dafürhalten nicht aus eigenem Ratschluss, aus eigener Erfahrung und Überzeugung und schon gar nicht aus einer fundierten theologischen Reflexion heraus zu der Überzeugung kommen, dass es jetzt an der Zeit ist, Menschen in Gottes Namen umzubringen. Da tragen andere Verantwortung, die Scharfmacher und Hassprediger, diejenigen, die diese jungen Menschen für ihre eigenen Ziele missbrauchen.
Und das Bemänteln dieser Taten als Gottes Wunsch und Gottes Auftrag kann nicht mehr sein, als eine verharmlosende Verpackung für das, worum es den Drahtziehern wirklich geht: darum, ihre eigenen Ideen von einer Gesellschaft umzusetzen, in der es eben keinen Raum mehr gibt für die Freiheit der Meinung und des Glaubens, keinen Raum mehr für die Freiheit zur Gestaltung des eigenen Lebens, die im Übrigen eines der größten Geschenke ist, das wir von Gott erhalten haben.
Ja, auch Christen waren derart fehlgeleitet unterwegs und haben Elend und Tot über andere Menschen gebracht. Und man muss gar nicht bis zu den Kreuzzügen und den Hexenverbrennungen des Mittelalters zurück. Die tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland sind noch keine 25 Jahre her. Und es zeigt sich immer wieder, dass es Absolutheitsansprüche sind, die Überzeugung, die alleinige Wahrheit zu kennen und sie für sich gepachtet zu haben, die später in Gewalt gegen die Andersdenkenden, Andersglaubenden, Anderslebenden umschlagen. Gott ist nicht so! Spätestens in Jesus Christus wird deutlich, dass Gott Raum für Unterschiedlichkeit bietet. Jesus hat sich ganz bewusst mit den Außenseitern und Ungeliebten umgeben. Er war bei Zachäus, dem Zöllner, hat die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt und hat noch am Kreuz dem Verbrecher neben sich die Tür zum Paradies geöffnet.
Unser Gott ist ein Gott der Vielfalt, der offenen Arme, der Liebe und der Zuflucht. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Das ist seine Botschaft und gleichzeitig auch unser Auftrag. Menschen aus ihrer Perspektivlosigkeit herauszuhelfen, denen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, denen Hoffnung fehlt und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Freiheit und Gerechtigkeit nicht unter die Räder geraten – ich glaube, dass es das ist, was Gott von seiner Kirche und von uns erwartet. Und ich glaube ebenso, dass das den Nährboden austrockenen kann, auf dem Terror und Gewalt gedeihen. Mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Grenzen

Grenzen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.10.2020

Im Konfirmandenunterricht am vergangenen Dienstag – der nun in ganz, ganz kleinen Gruppen stattfindet – haben wir gemeinsam diese Ausstellung hier angesehen und Stacheldraht in die Hand genommen – um sich physisch bewusst zu machen, was es bedeutet, wenn Menschen damit (womöglich noch unter Strom) außen vor gehalten werden sollen.
Zuvor saßen wir mit großem Abstand wie in der Häschenschule im Gemeinderaum und ich habe gefragt. Was fällt euch bei „Grenzen“ ein?
An sich ist das eine fitte Gruppe. Aber diese Frage? Zögerlich und mit Bohren haben wir gesammelt: Urlaubsreisen in andere Länder, unterschiedliche Währungsräume und Geltungsbereiche von Gesetzen, Nationen.
Persönliche Grenzen. Unfreiwillige, weil man irgendetwas nicht schafft. Dringend Notwenige zum Schutz der eigenen Räume, der Intimsphäre.
Grenzerfahrungen, die mit Stacheldraht und Willkür, Passvergehen, Angst und Tod einhergehen gehören nicht zum Assoziationsraum dieser jungen Menschen.
Gott sei Dank!
Letzte Woche habe ich in einem kurzen Moment als noch so vieles möglich war, mit meinen Eltern einen Ausflug nach Bad Muskau zu Schloß und Park in vielerlei Hinsicht fantastischen Fürst Pückler unternommen. Das Anwesen an der Neiße reicht bis nach Polen hinein. Darum spaziert man hin und her, nur die bunten Grenzpfähle und die unterschiedlichen Wildzäune bringen dann und wann ins Bewusstsein, dass man gerade in tiefstem Frieden und ohne jede Behelligung eine Staatsgrenze umschlendert.
Gott sei Dank!
Heute Morgen schließlich im Radio: Thomas Bille, 2015 hier zu Gast im Dom am Tag der Deutschen Einheit, spricht mit einem Filmemacher, der die Grenze zwischen Deutschland und Polen vor dreißig Jahren dokumentiert hat und nun dieselben orte und Menschen wieder aufsuchte. Migrationsgebiet. Gelingen und Scheitern, mehr Kommen als Gehen, so klingt es. Und dann fragt Bille, was er dort in weiteren dreißig Jahren vermutet vorzufinden, wenn denn die Grenze dann noch offen ist…
Was für ein Nebensatz. Vielleicht nur ein Gedankenspiel. Vielleicht eine Warnung. Vielleicht Erschütterung aller Gewissheiten in dieser Zeit.
Wie erleben eine schlimme weltweite Krise und haben viel zu verlieren.
Hoffentlich fällt auch der nächsten Generation von Konfirmanden bei dem Stichwort Grenzen Sport, Privatsphäre und Schule ein und nicht Angst und Not, Hunger und Stacheldraht.

Download als PDF-Datei

  Trost

Trost

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.10.2020

Gestern habe ich hier gesagt, dass es in der Tageslosung aus dem Propheten Jesaja hieß: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Da hatte ich schon einen Monat Vorsprung vor mir selbst, denn der Text gehört eigentlich zum 28. November – aber er passte so gut, darum fiel mir das nicht auf.
Und er ging mir auch noch nach, als ich gestern Abend in den Nachrichten eine Neunundneunzigjährige sah, die ganz klar und tapfer mit der Situation, von all ihren Lieben getrennt zu sein, umging – aber das die Berührungen fehlen, das trieb ihr die Tränen in die Augen.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Ich weiß, nicht allen Menschentut dieses Wort gut. Nicht alle Kinder werden geborgen in unerschütterlicher Liebe groß. Aber ich habe so eine Mutter. Sie tröstete mich, indem sie ich in den Arm nahm, streichelte und wiegte, leise „heile, heile Segen“ sang und „schuh, schuh“ sagte – mit einem ganz weichen Zischlaut. Vielleicht kam aus dem Ostpreußischen meiner Vorfahren…
So habe ich es auch mit meinen Kindern gemacht.
Auch als sie schon lange nicht mehr über zerschürfte Knie und kaputtes Spielzeug weinten, sondern Liebeskummer hatten, Erwachsenensorgen…
In den Arm nehmen, streicheln, behutsam, zärtlich.
So tröstet eine Mutter. So höre ich dieses Wort.
Aber jetzt??? Jetzt kann man kaum zusammenkommen und Berührungen, Umarmungen, Zärtlichkeit und Küsse bleiben nur ganz wenigen menschen vorbehalten.
Aber darum leben wir nicht in trostloser Zeit.
Im Gegenteil! „Gott hat uns ja nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
Und er schickt uns menschen, die uns Gutes tun und trösten. So wie Georg Oswald Cott, der heute Morgen in meinem Büro stand und mir ein Gedicht schenkte:
„Das Gleichgewicht halten / ist ohnehin schwer / für einen allein
Wie aber kommt es / dass einer den Nächsten / huckepack nimmt
Und noch die Hand reicht / einen Dritten zu stützen.“

Download als PDF-Datei

  Das Apfelbäumchen

Das Apfelbäumchen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.10.2020

Manchmal suche ich meinen Weg durch diese Stadt extra hinter Ägidien entlang, weil dort hinter dem Zaun ein schmächtiges aber tapferes Apfelbäumchen steht. Der ehemalige Landesbischof Friedrich Weber hat es im Rahmen der Reformationsdekade (der Marathon auf dem Weg zum 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017) an seinem letzten Arbeitstag Ende April 2014 gepflanzt. Es ist ein sogenanntes Korrespondenzbäumchen zu einem anderen Baum in Wittenberg und verlebendigt das berühmte Lutherzitat: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Wenn ich wüsste, dass morgen alles stillsteht, würde ich heute dennoch eine Verabredung treffen, Adventsprogramm überlegen, Bahntickets kaufen, damit die Kinder zu Weihnachten nach Hause kommen können…
Das Apfelbäumchen hat eine trotzige Note – als könnte man den Zeichen der Zeit widerstehen und es hat etwas unverdrossen Optimistisches: Wir leben. Es geht noch viel. Heute und warum nicht auch morgen.
Lasst uns der Zukunft vertrauen. Gerade jetzt. Noch geht die Welt nicht unter.
Ein Beispiel dieser nicht unverdrossenen aber tapferen Apfelbäumchenhaltung kann man derzeit im Staatstheater erleben. Gregor Zöllig hat mit seinen Tänzerinnen und Tänzern einen Parcours durch das leere Theater erarbeitet: „Die Zeit ist reif.“ Es soll ein „Manifest“ für die Unsterblichkeit der Gemeinschaftsidee sein. Das ist es für mich nicht – aber die einzelnen Bilder sind ein beredter Ausdruck für das Lebensgefühl dieses Jahres, der nachgeht und tief sitzt. Es sind Bilder von Einsamkeit und Sehnsucht, Drehen um sich selbst, eingeschränkten Möglichkeiten und blanken Nerven…
Es sind Bilder, bei denen der Zuschauer auf der Bühne sitzt und in ein leeres Theater blickt, den letzten verbleibenden Akteuren beim Ersticken zusieht. Dann Wandern in Kleingruppen durch Flure und Treppenhäuser, die den Besuchern der geliebten Scheinwelt sonst eigentlich versperrt sind. Ein junger Mann müht sich mit Puppen, sucht Nähe. Dann wieder kommt man unter einer Folie zu liegen und sieht einer Bewegung darüber zu, Erinnerung an etwas, das mal war. Zuletzt Wege über Sicherheitsglas. Darunter Tänzer, die sich nicht aufrichten können, die man tunlichst nicht treten will…
Traurig das alles. Aber kraftvoll. Und die Besucher gehen immerhin durch ein gemeinsames erleben verbunden nach Hause.
Das war, so klingt es heute, vermutlich eine seltene Erfahrung in diesem Jahr. Die Beklemmung nimmt zu. Ich werde öfter an dem kleinen zähen Bäumchen vorbeigehen müssen, mich erinnern und zurüsten lassen.
Gott sei Dank heißt es ja über diesem Tag in den Herrnhuter Losungen:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66) und dazu aus dem Johnnesevangelium: „Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“



Download als PDF-Datei

  Pandemie der Einsamkeit

Pandemie der Einsamkeit

Pfarrer Henning Böger - 27.10.2020

Neben der Corona-Pandemie, die uns weiter in Atem hält, droht unserer Gesellschaft eine weitere Pandemie: die „Pandemie der Einsamkeit“. Davor warnt der Pädagoge und Zukunftsforscher Horst Opaschowski. Die Zahl der Menschen, die fast ohne jeden zwischenmenschlichen Kontakt leben, sei größer, als man denkt - und sie wachse beständig.
Diese erschreckende Wahrnehmung bestätigen auch Caritas, Diakonie und Telefonseelsorge. Viele Anrufe, sagt ein Mitarbeiter der Telefonseelsorge, seien Ausdruck tiefer Einsamkeit von Menschen. Und der Zukunftsforscher Opaschowski ergänzt: In einer Gesellschaft längeren Lebens werde die größte Armut im Alter die „Kontaktarmut“.
Wer die Lebensumstände vieler ältere Menschen weiterdenkt, wird dem Forscher zustimmen: Einsamkeit wird, vor allem in den Städten, zu einem immer größeren Problem. Ein wichtiger Grund dafür sind keine oder immer kleinere Familien, die zudem oft weit verstreut in Deutschland oder im Ausland wohnen. Eltern und Kinder, Großeltern und Enkelkinder sehen sich oft nur noch selten und unter Corona oft lange Zeit gar nicht mehr.
Dazu kommt, dass es vielen Menschen nicht gut oder gar nicht gelingt, neue soziale Kontakte zu knüpfen und diese zu pflegen, was wiederum in Städten noch schwerer fällt als in Dörfern. Daraus ergibt sich ein gefährlicher Zirkelschluss: Je einsamer man sich dann fühlt, desto weniger wagt man, unter Leute zu gehen. Und wird dadurch noch einsamer.
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt, heißt es gleich am Anfang der Bibel. Gott sagt diesen Satz mit liebevollem Blick auf den Menschen, der als Beziehungs- und Begegnungswesen geschaffen ist. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt! Dieser Satz gilt seit Adam und Eva nicht nur für Paare.
Er gilt für alle Menschen. Und er sollte an jedem Mietshaus stehen, über jedem Vereinsheim und natürlich an unseren Kirchen und Gemeindehäusern.
Leider gibt es kein überall gültiges Rezept, wie man Menschen in Gemeinschaft bringt. Aber es gibt ein gutes Hilfsmittel, über das wir alle verfügen. Es ist unsere eigene Achtsamkeit. Sie ist wertvoll und hilft zweifach: Wenn ich auf Menschen achte, die vielleicht vereinsamen, bleibe ich interessiert. Das ist das Eine. Das Andere ist: Solange mich Menschen in meiner Nähe interessieren, vereinsame ich selber nicht, sondern pflege meine sozialen Netze.
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt! Wachsende Einsamkeit betrifft uns alle. Die Achtsamkeit für Menschen auch. Geben wir gemeinsam darauf acht, dass niemand verloren geht.

Download als PDF-Datei

  Klare Ansagen gefällig?

Klare Ansagen gefällig?

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.10.2020

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Dieses Bibelwort aus dem Buch des Propheten Micha steht über der neuen Woche. Na endlich mal eine klare Ansage – kurz, knackig, unmissverständlich. Damit kann man doch umgehen, oder?
Manchmal helfen klaren Anweisungen. Große Entscheidungs- und Interpretationsspielräume bieten zwar Platz für die eigene Kreativität, sie lassen uns aber auch allein mit der Situation, die wir dann eben selbst zu durchdringen, zu klären, zu entscheiden haben. Zum Glück haben wir den Propheten Micha, der uns sagt, wie wir gut durchs Leben kommen.
Aber geht das wirklich so einfach? Ich will das Prophetenwort nicht unangemessen relativieren. Aber Leben ist nicht nur schwarz-weiß. Dazwischen gibt es unendlich viele Graustufen und mit denen müssen wir klarkommen. Da gilt es dann, kompromissbereit zu sein, die Dinge abzuwägen nach Wichtigkeit und Dringlichkeit, zu prüfen, ob ich mit mir selbst und meinen Werten noch auf Kurs bin.
Die Bibel ist keine detaillierte Gebrauchsanweisung für unser Leben. Sie gibt uns Orientierungshilfen. Doch diese dann im Alltag anzuwenden und umzusetzen, das bleibt unsere ganz persönliche Aufgabe, jeden Tag aufs Neue. Wir haben diese Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit geschenkt bekommen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, so heißt es im 31. Psalm. Und das ist auch gut so.
Was wäre unser Leben, wenn es für ausnahmslos jede Situation eine klare Regel gäbe? Wir wären gefangen in einem undurchdringlichen Netz von Vorschriften, Anweisungen, Geboten und Verboten. Und wie ich uns Menschen kenne, hätten wir mittlerweile auch die passenden Formulare dazu erfunden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich möchte das so nicht haben.
Ich denke vielmehr, dass Leben und im besonderen christliches Leben bedeutet, auf der Suche zu sein – nach dem richtigen Weg, der besten Lösung, nach fairen Kompromissen. Unsicherheiten gehören genauso dazu wie Fehler, die uns unterlaufen. Aus denen dürfen und sollten wir dann auch lernen und wir sollten bereit sein, sie uns gegenseitig zu vergeben.
Es gilt, sich zurechtzufinden im Spannungsfeld zwischen Michas Regeln und dem freien Raum, den wir haben, um unser Leben zu gestalten. Und wenn wir nicht mehr weiterwissen, hilft vielleicht die Frage, wie Jesus sich wohl entschieden hätte. Das eröffnet mitunter völlig neue und überraschende Perspektiven und ich bin mir sicher, dass er gern unser Ratgeber ist. Amen.

Download als PDF-Datei

  Verborgene Talente

Verborgene Talente

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.10.2020

Wie ist es eigentlich um Ihr Selbstbewusstsein so bestellt? Was trauen Sie sich zu? Sind Sie eher der Springinsfeld, der sich nicht lange hin und her überlegt, sondern gleich drauflos marschiert? Oder sind Sie eher etwas zurückhaltend, weil Sie sich keine Blöße geben möchten und unsicher sind, ob Sie die Aufgabe, die vor Ihnen steht, auch gut bewältigt bekommen?
Wir Menschen sind da ganz unterschiedlich aufgestellt und im Grunde ist das auch gut so. Wir brauchen die Forschen und Mutigen, die Innovativen und Risikobereiten. Wir brauchen aber auch die Vorsichtigen, die Bewahrer und Mahner. Eine gute Mischung aus beiden Charaktertypen macht es aus, was eine Gemeinschaft weiterbringt, ohne dass dabei Schaden entsteht oder jemand auf der Strecke bleibt, weil das Tempo zu hoch wird.
Kritisch wird es immer dann, wenn entweder die Zurückhaltung oder aber auch der Tatendrang keinen Gegenpol finden. Bei letzterem laufen Menschen Gefahr, sich selbst und andere zu schädigen, weil der Übermut zu groß wird. Und die eher Furchtsamen müssen aufpassen, dass sie nicht dauerhaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Über dem heutigen Tag heiß es: „Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist.“ Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an seinen Begleiter Timotheus stammt dieses Bibelwort und ich finde, dass nicht nur er es hören sollte. Vielfach ahnen wir ja tatsächlich nicht, wozu wir in der Lage sind. Manches müssen wir einfach mal machen, um festzustellen, ob wir es können, ob es uns liegt uns vielleicht ja sogar Freude macht.
Es gibt einen Gebetstext aus dem 4. Jahrhundert, das gut zu diesem Thema passt. Und der geht so: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unser Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unser Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.
In der Tat setzt Gott auf unsere Unterstützung. Er will durch uns Menschen handeln und dazu hat er uns eben mit ganz unterschiedlichen Gaben und Charakteren ausgestattet. Da gibt es die, die gut anpacken können, die, die gut sind im Zuhören, die Helfer, die Empathischen, die Weisen, die Begeisternden, und, und, und. Doch damit wir wissen, was in uns steckt, müssen wir in uns hineinhorchen und uns trauen, auch mal was Neues zuzulassen, anzufangen, auszuprobieren. Gott hat mit uns etwas vor, mit Ihnen, mit Euch und mit mir, und er traut uns vieles zu – vielmehr, als wir uns manchmal selbst zutrauen. Was wir brauchen, hat er uns mitgegeben und wir haben ihn immer an unserer Seite, wenn es mal eng wird.
Also trauen wir uns, etwas aus dem zu machen, was Gott uns an Gaben und Talenten geschenkt hat. Vielleicht sind gerade diese besonderen Zeiten, in denen wir leben, dafür eine gute Gelegenheit – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Das Wort, dass mit "Sch" anfängt

Das Wort, dass mit "Sch" anfängt

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.10.2020

Es gibt Worte, die jeder kennt, die jeder in seinem aktiven und passiven Wortschatz hat, die höchst populär sind, die man aber eigentlich nicht laut sagt und das schon gar nicht in der Kirche. Eines dieser beschriebenen Worte ist das Ihnen wohlbekannte, das mit „Sch“ anfängt. Doch so unliturgisch, ungottesdienstlich und unfein es auch sein mag, heute gehört es hierher, denn Paulus hat es in seinem Brief an die Philipper verwendet, über den ich heute spreche. Ich kann also nichts dafür.
Paulus zieht hier so richtig vom Leder. Mit dem „Sch-Wort“ beschreibt er sein altes Leben, das Leben, das er geführt hat, bevor er vor Damaskus auf den auferstandenen Jesus Christus traf. Bis dahin gehörte Paulus zu den konsequentesten und brennendsten Verfolgern der jungen christlichen Gemeinden, ein absoluter Feind ihrer Anhänger, durch und durch.
Paulus war frommer Jude. Doch er sagt von sich selbst, dass er in dieser Zeit ein Spiel gespielt hat, dass ihm beinahe zum Verhängnis wurde: Das Spiel der eigenen Gerechtigkeit, das Spiel der Selbstgerechtigkeit. Paulus hatte sich in seiner eigenen Gedanken- und Regelwelt so gut eingerichtet, dass alles das, was er tat, für ihn vollkommen logisch und richtig erschien. Selbstzweifel und ein Hinterfragen des eigenen Standpunktes fanden nicht statt, weil das aus seiner Perspektive heraus auch gar nicht notwendig war.
Solche Menschen gibt es auch heute. Solche, die sich ihre eigene Welt aus eigenen Werten, Regeln und eigenen Wahrheiten zusammengebastelt haben, die in sich so aufeinander aufbauen, dass alles andere an ihnen abperlt. Das kann dann in wüste Verschwörungstheorien, fundamentale und radikale Religiosität oder sonstige Arten von Extremismus münden, weil die Fähigkeit, sich anderen Positionen gegenüber zu öffnen, verschüttet wurde unter dem Fundament der eigenen neuen Weltanschauung.
Doch das Spiel der Selbstgerechtigkeit funktioniert auch im Kleinen, dann nämlich, wenn wir unsere eigenen Ideale definieren, unsere Ziele festlegen und bestimmen, wonach wir leben wollen. Da ist es dann oft das große und schicke Auto, das eigene Häuschen, die Karriere im Beruf, das gut bestückte Bankkonto dem wir alles andere unterordnen. Doch nicht selten müssen wir schmerzlich erkennen, dass wir auf das falsche Pferd gesetzt haben, wenn uns Krankheit, Einsamkeit und Trauer unausweichlich vor Augen führen, dass es eben weit wichtigeres gibt als das, dem wir ein Leben lang hinterhergelaufen sind.
Und in dem Moment dieser Erkenntnis ist dann das „Sch-Wort“ so, wie für Paulus, eine treffende Bezeichnung für den ganzen Mist, der unser Leben bestimmt hat. Wie gut, zu wissen, dass wir es nicht soweit kommen lassen müssen, sondern uns vorher und rechtzeitig darauf besinnen können, worauf es im Leben tatsächlich ankommt. Für Paulus sind es Glaube, Hoffnung und Liebe. Und ich denke, damit hat er es schon sehr gut umrissen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Eine Perspektive auf die Ewigkeit

Eine Perspektive auf die Ewigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.10.2020

„Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!“ Dieses Bibelwort aus dem 39. Psalm steht über dem heutigen Tag.
Meine Tage sind eine Handbreit bei dir und mein Leben ist wie nichts – so wirklich aufbauend klingt das nicht. Ein einzelnes Leben scheint bei Gott eher unbedeutend, so, wie es hier König David singend verkündet. In den folgenden Versen bringt er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass eben dieser Eindruck so nicht stimmen und Gott sich seiner gnädig annehmen möge. Alles in allem klingen in Davids Gebet schon auch Angst und Verzweiflung durch.
Teilen Sie seine Auffassung? Sind Sie auch der Meinung, dass unser Leben vor Gott so wenig zählt, wie der alttestamentliche König es hier darstellt? Ich denke, wir kommen zu einem anderen Schluss, denn wir haben ihm gegenüber einen großen Wissensvorteil: Wir kennen Gottes neuen Bund mit uns Menschen, den er in Jesus Christus gestiftet hat.
Ja, natürlich kann man die Frage stellen, was denn ein einzelner Mensch ausmacht vor der Zahl von über Siebenmilliarden. Man kann die Frage stellen, was denn eine Lebenspanne von 80 Jahren ausmacht vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Planeten. Aber wir dürfen uns seit Jesus Christus sicher sein, dass bestenfalls wir Menschen selbst es sind, die diese Fragen stellen. Gott fragt das nicht! Vor ihm ist jedes einzelne Leben wichtig und wertvoll, jeder einzelne Mensch liebenswert. „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch“, sagt Jesus Christus. Und was man liebt, ist immer wertvoll. Das sollte uns doch als Bestätigung genug sein.
Ich erkenne in König Davids Worten eher einen Fingerzeig auf die Ewigkeit. Klar, hier auf dieser Erde ist unsere Zeit begrenzt. Das im Blick zu behalten, ist richtig und wichtig. Aber wir haben eine klare Perspektive, dass es weitergeht. Jesus Christus hat im Licht des Ostermorgens den Tod für uns besiegt, ein für alle Mal. Und so können wir der Endlichkeit unseres irdischen Lebens in großer Gelassenheit entgegensehen. Auch nach unseren ganz persönlichen Karfreitagen wird es ein Ostern geben.
Aus dieser Gelassenheit heraus muss ich dann auch aus diesem Leben nicht alles herauspressen. Ich muss nicht durch die Tage hetzen, um bloß nichts zu versäumen. Ich nehme mit, was sich ergibt, setze eigene Schwerpunkte und versuche mein Leben so zu gestalten, wie Gott es für mich gedacht hat. Das genügt.
Und im Übrigen vertraue ich auf seine Fürsorge, seine Barmherzigkeit und seine Liebe und fühle mich darin bestens aufgehoben. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie das auch so sehen und annehmen können. Amen.

Download als PDF-Datei

  Komm, iss.

Komm, iss.

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.10.2020

Über diesem Tag heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 1. Buch der Könige: „Ein Engel rührte Elia an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er stand auf uns aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte…“
Ohne diesen Engel, seine Ermutigung und seine Nahrung wären die Tage des Elia vermutlich gezählt gewesen, denn er hatte sich erschöpft und resigniert unter einen Baum gelegt, er wollte nicht mehr. Absolut ernüchtert von sich selbst hatte er aufgegeben.
Bis dahin war Elia mit vielen schwierigen Situationen umgegangen, war weiter gegangen, hatte immer neu angefangen. Jetzt langt es.

Als dieser Bibelspruch in Herrnhut aus ca 1800 Versen ausgelost wurde, als zum 290. Mal Bibelworte für jeden einzelnen Tag des Jahres zusammengestellt und in 47 verschiedenen Sprachen gedruckt wurden, konnte keiner ahnen, dass dieses Jahr uns allen überall auf der Welt so schwer entgegenkommen würde und dass wir schließlich im Herbst gefühlt wieder am Anfang der Pandemie stehen würden – nur dass jetzt das Frühlingslicht fehlt, die Tage dunkler und nicht heller werden.
Immerhin weiß man jetzt ein bisschen mehr; hat Hygienekonzepte erarbeitet und Masken genäht, manche hat gelernt die soziale Isolation auch als Chance zu begreifen.
Aber viele sind mürbe. Sie haben sich angestrengt und abgestrampelt, um ein Cafè oder ein Geschäft, ein Hotel über die Zeit zu bringen. Andere haben endlich wieder regelmäßigen Kontakt zu den alten Angehörigen gefunden, die ohnehin oft gar nicht mehr richtig wissen, was um sie herum geschieht und Berührung brauchen, um zu erkennen. Viele, Große und Kleine, haben Zeit gebraucht, die Angst und Verunsicherung der Tage im Frühjahr zu verkraften.
Reserven sind verbraucht. Materielle, physische, seelische.
Und jetzt steigen die Zahlen wieder…
Wer könnte da nicht nachvollziehen, dass einer sich hinlegt und nicht mehr kann und will? Da hinein erzählt die Bibel: „Ein Engel rührte ihn an.“ Behutsam, geduldig, vorsichtig, zart.
„Komm, iss etwas“, sagt er, auch wenn Du keinen Appetit hast. Nur einen Bissen. Und nun einen Schluck. Komm, mach den Mund auf und noch einen Löffel voll. Spürst Du, wie dich das wärmt, wie die Lebensgeister wiederkommen?
Elia lässt sich pflegen. Dann steht er auf, geht das Leben weiter. Es ist nicht alles gut, es bleibt anstrengend. Elia wird vierzig Tage und Nächte laufen müssen.
Aber die Kraft reicht. Es geht noch was. Wir werden durchkommen, denn so heißt es heute im Lehrtext aus dem 2. Korintherbrief: „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei…“

Download als PDF-Datei

  Gegen die Hoffnungslosigkeit anglauben

Gegen die Hoffnungslosigkeit anglauben

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.10.2020

Warum ausgerechnet ich? Wieso passiert gerade mir sowas? Kennen Sie diese Gedankengänge, wenn Ihnen irgendetwas widerfahren ist, was Ihnen so gar nicht in den Kram passt oder was Ihnen sogar schadet? Es ist so eine menschliche Eigenart, dass wir das Unglück der Anderen distanziert betrachten, es durchaus zur Kenntnis nehmen, auch mitleiden, aber dann doch in der Lage sind, weiterzugehen auf unseren eigenen Wegen. Grundsätzlich ist das ja auch gut so. Wenn es uns nicht gelänge, schlechte Nachrichten auch wieder zu vergessen, könnten wir die Last bald nicht mehr tragen.
Unsere Haltung verändert sich dramatisch, wenn es auf einmal uns selbst angeht. Dann bricht unser Weltbild zusammen, dass schwere Krankheiten, der Verlust eines lieben Menschen, wirtschaftliche Not und dergleichen mehr ja immer nur andere Leute treffen und betreffen. Und dann kommt schnell dieser Gedanke auf: Warum ausgerechnet ich?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Ein Blick auf das Elend und die Not auf dieser Welt lassen diese Worte Paulus‘ fast zynisch klingen. Wie kann es sein, dass Krieg, Gewalt und Terror, die den Menschen die Lebensperspektive nehmen und sie in tiefe Not stürzen, ihnen zum Besten dienen? Meint der Apostel das wirklich ernst?
Nun, auch Paulus wusste, dass unser Leben Glück und Unglück kennt. Er hat gerade letzteres oft und intensiv erfahren. Er wurde verfolgt, eingesperrt, geschlagen und mit dem Tode bedroht. Diese Zeiten des Leidens in seinem Leben hat er sicherlich weder herbeigesehnt noch genossen. Doch was ihn immer hindurchgetragen hat, war die Hoffnung darauf, dass Gott es am Ende gut machen würde.
Dass das mit der Hoffnung gerade in schweren Zeiten so eine Sache ist, war Paulus durchaus klar. Doch er sagt, dass Hoffnung auf etwas, was greifbar und sichtbar vor uns steht, keine Hoffnung ist. Hoffnung, die aus unserem Glauben erwächst, die ist auf das gerichtet, was man eben gerade nicht sieht.
Und ja, es braucht Kraft und Geduld, auf Hilfe und Besserung zu hoffen, wenn es so richtig dicke kommt. Und die Frage nach dem Warum ist dann häufig unvermeidbar. Sie drängt sich auf und ist zutiefst menschlich.
Und doch hilft es, wenn wir glauben dürfen, dass Paulus recht behält, dass uns eben tatsächlich alle Dinge zum Besten dienen – alle Dinge! Auf diese Hoffnung hin ist unser Glaube ausgerichtet und es gehört dazu, auch gegen die vermeintliche Hoffnungslosigkeit anzuglauben. Das ist eine große Herausforderung. Doch Gott hat uns geschenkt, dass wir darin erfolgreich sein können.
Denn wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Nicht aufgeben!

Nicht aufgeben!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.10.2020

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!“ Dieses Bibelwort steht über dieser neuen Woche. Vom Propheten Jeremia stammt dieser Ausspruch und es ist kein Ausruf der Begeisterung, der Freude und des Jubels, nein, es ist ein Hilferuf, vielleicht sogar ein Zeugnis des Haderns und des Protestes, den der Prophet hier vor Gott bringt.
Er wird von seinen Landleuten ausgelacht, weil das, was er ihnen prophezeit, nicht eintritt. Sie machen sich über ihn lustig und verachten ihn. Und darüber beschwert er sich laut und deutlich bei seinem Gott, der ja schlussendlich sein Auftraggeber ist. Jeremia ist offenbar mit seinem Latein am Ende und erwartet weder von sich selbst und schon gar nicht von seinen Mitmenschen irgendwelche Hilfe. Er hat die Nase voll und sieht seine letzte Rettung bei Gott. „Hilf du mir, dann ist mir wirklich geholfen!“
Gottes Antwort kam, aber ganz anders, als es sich Jeremia gewünscht hatte. Der hatte schwere Strafen für seine Zeitgenossen gefordert, wenn die nicht endlich mal glauben wollten, was er ihnen sagte. „Lass den Tag des Unheils über sie kommen und zerschlage sie zwiefach!“ So lautete Jeremias Forderung.
Doch anstatt das zu tun, erteilt Gott Jeremia nur einen weiteren Auftrag. Er soll nach Jerusalem gehen und den Menschen sagen, dass sie fortan den Sabbat heiligen sollen. Über Jeremias Gesichtsausdruck berichtet die Bibel nichts – Begeisterung wird darin aber wohl kaum zu lesen gewesen sein.
Ist das eigentlich immer so, wenn wir Gott um etwas bitten? Stoßen wir immer auf augenscheinliche Ignoranz bei ihm? Sie werden sich nicht wundern – die Antwort lautet: Nein, natürlich nicht. Aber wir müssen eben immer wieder erkennen, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind und seine Wege nicht unsere Wege. Gott hilft – in aller Regel aber anders, als wir es uns erwartet haben.
Gott hilft uns, doch dazu läuft er nicht höchstpersönlich über diese Erde. Gott will durch uns Menschen handeln. Und dazu ruft er uns in seinen Dienst, mal leiser, mal lauter und es liegt an uns Menschen, seinen Ruf zu hören und dann auch darauf zu reagieren, so, wir Jeremia vor 2.600 Jahren.
Doch auch heute gibt es dazu Gelegenheiten genug. Ehrenamtliches Engagement beispielsweise, der freiwillige Dienst am Nächsten, das Einbringen von Kraft und Zeit – von Lebenszeit – für andere Menschen, all das sind sichtbare Zeichen für Gottes Handeln in dieser Welt.
Jeremia hat Gottes Ruf verstanden und sich immer wieder von ihm in seinen Dienst rufen lassen. Leicht gehabt hat er es dabei nicht. Aber er hat nicht aufgegeben und wenn die Anfeindungen seiner Mitmenschen noch so groß waren. Und er gehört am Ende zu den von Gott geretteten – seine Gegner hingegen nicht. Gott hat ihm geholfen, Gott hat ihn heil gemacht – viel später und ganz anders als erwartet, doch es ist passiert. Darauf hat Jeremia immer vertraut und wir dürfen das auch. Amen.

Download als PDF-Datei

  Das Zachäus-Projekt

Das Zachäus-Projekt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.10.2020

Neben allem, was in diesem Jahr aus dem Ruder läuft oder doch bisher vorstellbare Dimensionen sprengt, werden auch Gelder, Billionen Euro, verplant, vergeben, versprochen, die uns nicht wirklich gehören. Es sind Anleihen auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel oder Erträgnisse aus einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung.
Letzteres ist eines der vielen Themen, die wir übersehen und im Coronajahr ganz und gar an den Rand schieben. Bitte nicht heute, bitte nicht jetzt….
Kein Wunder also, dass uns das „Zachäus-Projekt“, eine 2019 gestartete weltweite ökumenische Kampagne, nicht erreicht hat. Es geht um Ungleichheit und ökologische Schulden, Reparationen, Kolonialismus, Sklaverei, Steuerhinterziehung und um ein neues globales Steuer- und Wirtschaftssystem, um Steuergerechtigkeit.
In dem Aufruf heißt es: „Wir fordern die zunehmende Konzentration des Reichtums in den Händen immer mächtigerer Weniger einzudämmen.“
Es folgen sehr präzise Ansagen.
Das Projekt ist biblisch begründet. Der kleine reichgewordene Zöllner Zachäus auf dem Maulbeerbaum steht dabei symbolisch für die Konsequenzen biblischer Ethik. Denn es wird im Lukasevangelium erzählt: „Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Das stößt auf Unmut und Unverständnis. Hat der nicht schon alles? Muss Jesus ausgerechnet ihm seine Nähe zuteil werden lassen? „Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“
Es geht nicht um den Weg durchs Nadelör. Es geht auch nicht um Nachfolge. Es geht um Wiedergutmachung und Gerechtigkeit.
Das Projekt Zachäus richtet sich an uns und mahnt, bei aller Angst um unsere wirtschaftliche Existenz hier, bei aller Sorge um unsere Zukunft, nicht die aus den Augen zu verlieren, in deren Schuld wir schon lange stehen, auf deren Kosten wir reich geworden sind.

Download als PDF-Datei

  Verschleppungstaktik

Verschleppungstaktik

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.10.2020

Ich muss zum Zahnarzt und nun eilt es, denn ich habe den Gang so lange wie möglich hinausgezögert, weil ich feige bin und immer noch – wider besseres Wissen und Erfahrung dachte – dass das schon wieder vorbeigehen wird.
Jetzt ist es, wie der Leiter der hiesigen Abteilung System Immunologie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung Michael Meyer-Hermann vorgestern im Kanzleramt sagte: „Nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf.“ Jetzt bleibt nur: mehr Glück als Verstand haben ganz im Sinne der Lebensweisheit „mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen“ und den Zahnärzten dankbar sein, die mir solchen unnötigen Stress und Unverstand nicht unter die Nase reiben.
Kein Grund, stolz zu sein und leider auch kein Einzelfall, denn im Grunde operieren wir dauernd so. Erst, wenn nichts mehr geht, erst wenn es unausweichlich nötig ist, zu handeln, begreifen wir den Ernst der Lage…
Dass die Friedensnobelpreisträger 2020 angesichts der weltweiten Coronakrise von einer daraus resultierenden Pandemie des Hungers reden, hören wir und denken: ist ja erst acht vor zwölf.
Dass Klimaexperten warnen, dass der Kipppunkt keine Rücksicht auf Viren nimmt, die unsere Aufmerksamkeit fesseln, hören wir und denken: ist ja erst sechs vor zwölf.
Dass manche menschen, kleine und große, sich in den letzten Monaten sehr verändert haben, stiller geworden sind, dicker, trauriger – merken wir und halten erschrocken inne: da rasen die Sekunden...
Mithin: so lange es nicht weh tut, geht alles seinen normalen Gang.
Vorsorge und Weitsicht sind nicht unsere Königsdisziplinen.
Wenn wir uns selbst dabei nüchtern betrachten, dann scheint das normal zu sein und im Kontext biblischer Geschichten erst recht: Denn sogar Bileam, der gottesfürchtige Prophet wollte den warnenden Engel am Weg nicht wahrhaben, sondern haute lieber seinen erschrockenen Esel, der die Zeichen richtig deutete und nicht weiter wollte.
Umso erstaunlicher, dass der Pharao in der Josefsgeschichte sofort hört und handelt als Josef ihm seinen Träume von den fetten und den mageren Kühen, den fetten und den mageren Ähren deutet und rät, genau jetzt – wenn obwohl es allen gut geht, Wohlstand überfließt, Leben sicher und gediegen scheint – für die Zukunft vorzusorgen, den eigenen Lebensstil zu ändern, Gefährdung ernst zu nehmen.
Im Jakobusbrief heißt es: „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein.“
Und in einem der modernen Kirchenlieder wider alle Verschleppungstaktik: „Die Zeit zu beginnen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier.“

Download als PDF-Datei

  Kraniche

Kraniche

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.10.2020

Gestern Mittag sammelten sich Kraniche über unserem Haus. Erst hört man sie trompeten, dann sieht man sie auch – immer wieder faszinierend zuzusehen, wie sich die Formation ordnet und neu sortiert, Rollen und Funktion gewechselt werden und damit auch die Bürde der einzelnen Positionen, vorn oder hinten. Jedem Vogel wird so nach getragener Verantwortung auch der bergende Schutz in der Mitte der Gruppe zuteil. Dabei schraubt sich das Ganze in Kreisen in die Höhe und nimmt irgendwann Kurs nach Süden…
Es scheint uraltes Wissen in diesen erhabenen Vögeln zu stecken, die die Menschen schon seit der Antike bestaunen. Kein Wunder, dass Kraniche Eingang in große Erzählungen und Märchen fanden, zu Fabelwesen und Symbolen für Glück, Klugheit und Wachsamkeit wurden. Priester deuteten ihre Flugformationen. Kraniche künden von Frühling und Licht. Sie sind, seitdem Sadako Sasaki mit dem Falten von Origami-Kranichen gegen den Krebs kämpfte, der durch die Strahlung der Atombombe verursacht war, ein Symbol der Friedensbewegung und des Widerstands.
All das mag einem durch den Kopf gehen, denn es ist Freude, diesen Geschöpfen zuzusehen. Und dann überfällt mich ein Gedankenspiel – was mögen die Vögel sehen, die sich alljährlich hier sammeln, um weiter zu fliegen?
Sehen sie unsere Welt aus Gottes Augen?
Sehen sie die braunen Bäume und die leeren Talsperren?
Sehen sie den Wegen der Menschen an, dass ihr Leben anders geworden ist?
Oder fliegen sie doch gleichmütig über uns hinweg, weil alles schon mal da gewesen ist – Sommer und Winter, Krankheit und Heilung, Dürre und Flut?
Und während sie wegfliegen und ihnen vielleicht anderswo jemand nachsehen wird, den ich gern sehen würde aber grade nicht treffen kann, denke ich, wie unerforschlich Gottes Schöpfung doch ist –staunenswert, ewig, unerschütterlich, verletzlich und ja, auch gefährlich…
Aber Gott, der über allem wacht, der diese Welt gut eingerichtet hat, der sieht uns – grade jetzt in all den mühseligen Nachrichten und ist da. Mit seiner Gnade und seinem Segen.

Download als PDF-Datei

  Erinnern tut not!

Erinnern tut not!

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.10.2020

In der heutigen Nacht vor 76 Jahren verlor Braunschweig sein Gesicht. Nach Schätzungen kamen etwa 1.000 Menschen ums Leben, Zigtausende wurden obdachlos, ihre Wohnungen, ihre Häuser, ihr „zu Hause“ wurden zerstört.
Warum daran erinnern? Warum alte Wunden erneut aufreißen? Warum all das Leid immer und immer wieder in Erinnerung rufen? Nun, weil unsere Zukunft nur dann gut werden kann, wenn wir aus der Geschichte lernen. Weil wir Jüngeren, die damals nicht dabei waren, die das Grauen des Krieges nur von Bildern kennen, leicht dem Trugschluss erliegen könnten, dass Krieg und Terror und Gewalt niemals bei uns, sondern immer nur bei den anderen stattfinden. Darum erinnern wir an die Bombennacht des 14. Oktobers 1944.
Am 16. Oktober war dann in der Braunschweiger Tageszeitung vom „Schweren Terrorangriff“ zu lesen und von der „Teuflischen Fratze des Gegners“. Terrorangriff – war man denn nicht selbst schuld? Waren denn die Luftangriffe auf deutsche Städte und so auch auf Braunschweig nicht die logische Konsequenz und gerechtfertigte Antwort auf die Zerstörungen, auf das Elend und die Not, die Deutschland über ganz Europa ausgebreitet hatte?
Ich habe Augenzeugenberichte gelesen über das, was sich in Braunschweig ereignete. Da kamen Menschen zu Wort, die die Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 als Kinder erlebt hatten, Menschen, die davon berichten, dass das mittlerweile zur Familie gehörende russische Hausmädchen nicht in den Bunker gelassen wurde, Menschen, die mit nichts als dem nackten Leben vor den Trümmern ihrer Vergangenheit standen.
Nein, Krieg kann niemals gerecht und kriegerisches Handeln niemals gerechtfertigt sein. Und eine der grausamen Gesetzmäßigkeiten jedes Krieges ist, dass Menschen sehr leicht Täter und Opfer gleichermaßen sein können.
Wir sind heute hier, um uns zu erinnern: an die Toten jener Nacht, an die Menschen, die ihr Leben lang von den erlittenen Traumata gequält wurden, an das, was in unserer Stadt unwiederbringlich ausgelöscht wurde. Wir sind aber auch hier, um uns an unsere Verantwortung zu erinnern, die wir alle tragen, um den Anfängen zu wehren, die seinerzeit dieses Inferno erst heraufbeschworen haben.
Wir sind hier als Christinnen und Christen, um klar und deutlich zu sagen, dass es Frieden ist, den Gott uns wünscht und den er uns in Jesus Christus vorgelebt hat. Das Erinnern an die Schrecken der Bombennacht von 1944 kann uns hierzu Aufruf und Mahnung sein. Amen.

Download als PDF-Datei

  Der große Diktator

Der große Diktator

Henning Böger, Pfarrer - 13.10.2020

Vor achtzig Jahren, im Oktober 1940, kommt in Amerika der Film „Der große Diktator“ in die Kinos. Der Komiker Charlie Chaplin parodiert darin Adolf Hitler und zeigt seinem Publikum, was der Führer von Nazi-Deutschland für ihn in Wahrheit ist: ein Gernegroß in Uniform.
In einer Szene findet Hynkel, wie Hitler im Film heißt, eine große Weltkugel. Er spielt mit ihr wie mit einem Luftballon, tanzt um sie herum, wirft sie hoch, umarmt sie, traktiert sie solange, bis sie schließlich platzt. Die Botschaft ist klar: Der größte Feldherr aller Zeiten ist ein Narr, dessen gefährliches Spiel die Welt zerstören kann.
Wie vor achtzig Jahren ist Chaplins „Großer Diktator“ auch heute noch ein sehenswertes Lehrstück über die Kraft des Humors gerade in Zeiten der eigenen Ohnmacht. Charlie Chaplin, der kleine Mann aus London, wagt es, den großen Führer herauszufordern. Er tut es, indem er ihm mit Humor begegnet.
Beim Theologen Helmut Thielicke lese ich dazu einen treffenden Gedanken: Der Humor sei wie der Glaube eine Seelenhaltung, ein innerer Widerspruch gegen alles, was in dieser Welt mit letztem Ernst nach uns Menschen greift
Wer lacht, der tritt einen oder zwei Schritte von der Ernsthaftigkeit der Welt zurück und sieht sie unter der Perspektive ihrer Vorläufigkeit. Das Fernrohr der Lebens- und Weltbetrachtung wird sozusagen umgedreht, so dass das scheinbar Große und Imposante plötzlich viel kleiner und harmloser aussieht. Nicht selten verliert das Bedrängende dadurch etwas von seinem Schrecken, weil es zurechtgestutzt wird auf seine wahre Größe. Und die ist oft eher lächerlich klein.
Wer Humor hat, geht nicht unter. Wer noch lachen kann, ist nicht nur ohnmächtig. Charlie Chaplin konnte diese innere Haltung wie kein zweiter verkörpern: Manchmal steht er da mit Melone und Spazierstock, den ausgelatschten Schuhen und dem kleinen Bärtchen und sieht aus wie ein Verlierer. Aber er verliert nicht, geht nicht unter, gibt nicht auf. Sondern lacht über den Größenwahn seiner Zeit und wehrt sich gegen ihn mit Humor.
Dort, wo ich am Zustand unserer Welt eigentlich nur verzweifeln kann, will ich mir das gesagt sein lassen: Wer die Welt ernst nehmen will, darf sie nicht zu ernst nehmen. Und das gilt auch im Blick auf die eigene Person. Wer humorvoll von sich selbst absehen kann, der hat freien Blick auf das, was unser Leben im Letzten begründet und trägt. Amen.

Download als PDF-Datei

  Menschenliebe

Menschenliebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.10.2020

„Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe.“ Dieses Bibelwort aus dem 1. Johannesbrief steht über der neuen Woche. „Von ihm“ bedeutet: von Jesus Christus. Er hat die feste Verbindung zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen immer wieder betont. Im Doppelgebot der Liebe kommt dies zum Ausdruck. Ist doch eigentlich auch logisch, oder? Denn ist es überhaupt vorstellbar, dass ein Mensch Gott liebt, seine Mitmenschen aber nicht? Schwierig, wie ich finde; denn das, was uns Jesus Christus vorgelebt hat, nämlich ein von Liebe, Respekt und Wertschätzung geprägtes Miteinander, beinhaltet genau das: die Liebe zum Bruder und zur Schwester, die Liebe zum Nächsten.
Doch immer wieder haben Menschen es auch versucht, das Doppelgebot der Liebe auf der Seite, auf der uns um die Menschen geht, einzuschränken. Da wird dann differenziert, sortiert, ausgegrenzt. Da werden Kriterien konstruiert, nach denen man die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll einteilt.
Gerade wir Deutschen haben in unserer eigenen Geschichte gelernt, wohin so etwas führt. Die schrecklichen Vokabeln, derer sich die Nazis bedienten, waren hieraus abgeleitet „lebensunwertes und minderwertiges Leben“. Lebensunwert war gemünzt auf Menschen mit Behinderungen, auf Kranke und Schwache. Minderwertig waren Menschen jüdischen Glaubens, Sinti, Roma, Homosexuelle und auch die politischen Gegner.
Wer Gott liebt, der möge auch seine Geschwister lieben. Das steht menschenverachtender Ideologie gleich welcher Couleur diametral entgegen. Und dennoch gab es auch im Dritten Reich viele, ja zu viele Kirchenleute, die mit dieser Unvereinbarkeit keine Probleme hatten. Auch Protestanten, wie die Deutschen Christen unter Reichsbischof Müller, waren Verfechter einer Synthese von Christentum und Nationalsozialismus. Sie sagten sich von unseren gemeinsamen jüdischen Wurzeln los und verbogen Gottes Wort und Gottes frohe Botschaft in unsäglicher Art und Weise.
So etwas geht nur, wenn man sich über den Tenor des Wochenspruches hinwegsetzt, ihn ignoriert und ganz bewusst dagegenhandelt. Aber Menschenliebe kann nicht wählerisch sein, sie kann nicht spalten, missachten oder ausgrenzen. Menschenliebe, die aus einer christlichen Grundüberzeugung heraus erwächst, erkennt an, dass alle Menschen Gotteskinder sind – von ihm gewollt, getragen und geliebt.
Menschenliebe, die auf Jesus Wort aufbaut, wird sich nicht anmaßen, über Menschen zu urteilen – über ihre Taten und ihr Verhalten vielleicht, aber niemals über den Menschen an sich.
Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe. Dieses Bibelwort entzieht jeder Art von Menschenverachtung den Boden und ist Quelle für ein friedvolles und barmherziges Miteinander. Möge es so sein – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gott sei Dank!

Gott sei Dank!

Joachim Hempel, Domprediger em. - 10.10.2020

Die einen können's nicht mehr hören, die anderen wollen's gar nicht wissen, und die dritten meinen, das sei eh alles nur Panikmacherei: Was so ein vitales Virus alles anstellen kann; wer hätte das gedacht! Wir hatten uns doch eigentlich eingerichtet in unserem Leben, ging alles so seinen Gang – irgendwie; die kleinen und größeren Sorgen im Privaten reichten schon aus; und dann waren da noch Klima und Rechtsradikale, Flüchtlinge und Kriege irgendwo, Rentenerhöhung und die tägliche Ration an Pillen zur Gesundheit oder Schönheit. Das alles war doch eigentlich genug, und dann das: Schauen Sie sich nur um hier im Dom, dieses ganze Abstand halten und Maske tragen, irgendwann muss es doch mal genug sein...
Aber Leben ist lebensgefährlich vom ersten Augenblick an; dieses Wunder, dass aus einem Ei und einem Samen so wunderbar gemachte Menschen werden, wie Sie und auch ich, dass wir in unserer individuellen Persönlichkeit ein Leben lang so viele Möglichkeiten und Fähigkeiten der Entwicklung und Gestaltung in uns tragen, manches ererbt, manches gelernt, manches geschenkt, manches abgeguckt, manches ausprobiert, manches erlitten, manches errungen – das ist immer unter dem Verdikt geschehen, dass wir nie wissen, wie der nächste Augenblick wird, und wann dieses Leben sein irdisches Ziel erreicht. Leben ist gefährdet, deswegen braucht es Schutz und Schirm, Hilfe und Rat, Erfahrung und Wagemut.
In all dem ging uns oftmals das Wissen verloren, dass unser Leben endlich ist, dass es keine Garantie für alt und älter und noch älter gibt; wir taten und tun so, als ob wir alles selbst in der Hand hätten und haben vergessen, wie verletzlich und verletzbar wir sind. Hoffentlich hat das Virus wenigstens das erreicht, dass wir nachdenklicher geworden sind und die Selbstverständlichkeiten im Leben hinterfragen. Letztens war Erntedankfest und kaum einer und eine hat's bemerkt vor lauter 30 Jahre Einheitsbrei (der gleiche Kram wie zum 25.), Trump-Eskapaden, Krieg im Kaukasus und Eintrachts Niederlage in Hannover (was so alles wichtig ist....); Dank für das zum täglichen Leben Notwendige vom Brot zur sauberen Luft, vom Frieden zu guten Mitmenschen, vom Dach über'm Kopf bis zur Gesundheit: Gott sei Dank! Darum begegnen wir einander mit Abstand und Anstand: Respekt!

Download als PDF-Datei

  Regen

Regen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.10.2020

Regen ist eine ambivalente Sache. Mit „schönem“ Wetter assoziieren wir eher Sonnenschein und blauen Himmel. Dabei weiß jeder, dass es regnen muss –aber eben am liebsten nachts und als warmer Sommerregen.
Insofern hatten die Landfrauen zum Erntedankfest am vergangenen Sonntag ganz und gar recht, wenn sie sagten, wir sollten unsere Worte wägen. Trockenes Wetter sei nicht automatisch gutes Wetter. Regen ist dringend nötig und deshalb wunderschön. Bäume, Wiesen, Felder, Moore, Talsperren – überall fehlt Regen.
Im 84. Psalm heißt es:
„Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.“
Mit dem Regen kommt der Segen.
Wir singen ja auch: „Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein.“
Es ist also segensreicher Tag heute.
Und trotzdem wird es einem – jetzt im Herbst - in der Seele grau und traurig, wenn es lange regnet und kommt es nicht von ungefähr, dass wir sagen: „Der Himmel weint“
Herbert Grönemeyer sang vor ein paar Jahren:
„Liegt der Nebel müde auf den Straßen / Und der Regen rinnt und rinnt
Menschen sind zu traurig, um sich noch zu hassen / Und es hüstelt irgendwo ein Kind
In den Gärten liegen halbverfaulte Blätter / Stehen Bänke, traurig, naß und grau / Kommt die Sonne immer seltener und später
Nimmt's der Mond mit Scheinen nicht genau…“
Kein Frühregen eher Spätregen.
Hier singt einer, der mit dem Regen auch Tränen rinnen lässt.
Es rinnt und rinnt. Es schüttet nicht aus Eimern. Er kommt nicht mit Gewalt und Schlamm. Er rinnt und rinnt. Sanft. Unermüdlich. Staub wird weggespült und das, was die Kinder mit Kreide geschrieben haben. Kummer. Zeit auch.
Es wird ein bisschen leiser.
Das Kirchenjahr neigt sich. Wir kommen wieder bei unseren ureigenen sehr menschlichen Themen an. Es ist kein einfaches Jahr.
Aber Grönemeyer irrt trotzdem. Der Mond nimmt es genau. Denn trotz allem gilt:
„Gott spricht: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Es wird wieder heller werden – um uns und in uns.


Download als PDF-Datei

  Beten

Beten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.10.2020

Wenn wir beten, dann formen sich in uns nicht nur Worte sondern Wahrheit.
Im Gebet ist nicht wichtig, was andere davon halten – ob sie meine Bitten wichtig finden oder nebensächlich, meine Sorgen für ernstzunehmend, meine Freude oder mein Glück für erzählenswert halten.
Gebete sollen nicht werben oder überzeugen, andere gewinnen – man kann sie nicht verzwecken. Sie sind Zwiesprache mit Gott, der jedes Wort kennt, ehe wir es sagen oder denken. Gebete gehen weit über das hinaus, was wir redend bewirken können.
Im Gebet finden wir uns unmittelbar vor und wissen, auch das Unausgesprochene findet Gehör, das Unbegreifliche findet Verständnis, die Scham findet einen Ort, die Sehnsucht ein Ziel, die Hoffnung ihren Grund.
Im Gebet finden wir zu Haltungen, die wir uns im Alltag nicht wagen oder nicht durchhalten. Das Gebet ordnet und gründet uns, richtet uns aus, auf das was gut ist und das, was Not tut.
Betend erleben wir Gemeinschaft mit denen, die vor uns waren, die neben uns sind, den Nahen und den Fernen, denen die uns brauchen, denen die wir enttäuschen, denen die wir lieben.
Am Dienstag habe ich folgendes Gebet für Moria in meinem Mailfach gefunden. Sabine Dreßler hat es geschrieben - um ihrem Herzen Luft zu machen und weil Beten das ist, was man tun kann.
„Ich bete für Moria. / Nein, nicht für Moria, dieses Gefängnis, den Nicht-Ort, draußen im Meer, / Ort unserer Schande. /
Ich bete für die Menschen, eingesperrt, ausgesetzt, Dreck im Dreck.
Kinder wachsen dort auf, zwischen Plastikplanen und Gewalt:
So ist das Leben. Die Welt, in der sie nicht willkommen sind.
Gott, schütze Du, was wir nicht schützen wollen.
Ich bete für die, die sie dennoch lieben. / Ihre Mütter und Väter, wenn es sie noch gibt / und für die, die ihnen ein wenig Wärme geben
da draußen, in der der Kälte, / im Gestank der Verachtung.
Ich bete für die, / die in der Asche sitzen, / und für die, die bei ihnen geblieben sind, / jetzt, nach dem Feuer von Moria - diesem erbärmlichen Fanal / für unser Zusehen und Wegsehen, für das Nichts-Tun.
Ich bete für die, / die uns der Mühe nicht wert sind. / Und für die, die sich auch jetzt noch herausreden, / und schachern um Menschenleben.
Gott, mische Dich ein, in unsere Unmenschlichkeit, in unser Versagen.
Komm, Gott – lass nicht zu, dass dies das Ende ist.“
Moria. … ???
Betend erinnern wir uns, stimmen ein, finden Klarheit, Gnade vielleicht.
In das Gebet anderer einzustimmen, ist eine Herzens- und Gewissensübung und Trost und manchmal sehr politisch.
Betend üben wir uns darin ein zu teilen – das, was uns wirklich angeht.

Download als PDF-Datei

  Wie man Menschen glücklich macht

Wie man Menschen glücklich macht

Henning Böger, Pfarrer - 06.10.2020

Man kann Menschen glücklich machen: Kinder und Erwachsene. Und das ist gar nicht so schwer, wie es zunächst vielleicht klingen mag. Es gibt ein leichtes Mittel, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Denn glücklich wird, wer so sein darf, wie er ist!
Der bekannte Wissenschaftler, dessen Bücher oft Bestseller sind, sagt das zunächst über Eltern im Gegenüber zu ihren Kindern. Aber ich finde, wir sollten diesen Gedanken ruhig viel grundsätzlicher höre, auch bezogen auf den Umgang von Menschen untereinander: Man wird eher glücklich, wenn man sein darf, wie man ist.
Oft machen wir Menschen es leider anders. Wir sagen zu unseren Kindern oder Enkeln: „Natürlich haben wir dich lieb, aber bitte: Zieh dich doch anders an; träum‘ doch so viel; sorge für ein gutes Zeugnis.“ Das bringt oft eher Unzufriedenheit als Glück hervor. Auch Erwachsene können das gut, dieses Ansprüche Stellen aneinander.
Gerald Hüther mahnt: Menschen empfinden heute so viel Druck und erleben so viele Ansprüche von allen Seiten im Beruf oder Zuhause oder in der Schule, dass es oft eine große Befreiung sei, wenn man sein darf, wie man ist oder sein will.
Was das für ihn konkret bedeutet, sagt der Hirnforscher auch: Kinder, die noch spielen dürfen. Erwachsene, die nicht dauernd von anderen erzogen werden. Kleine und große Menschen, die einfach sein dürfen und sich nicht andauernd gegenüber anderen behaupten müssen. Glücklich wird, wer so sein darf, wie er ist. Erst einmal jedenfalls.
Im Grunde ist das schon eine alte biblische Einsicht. Kurz und bündig formuliert lese ich sie in Psalm 139: „Ich danke dir, Gott, dass ich so wunderbar gemacht bin!“ Für mich ist das einer der schönsten, weil ermutigendsten Bibelsätze überhaupt. Er erinnert an eine Einsicht, die allem Glauben zugrunde liegt: Vor jedem „Du musst“ steht bei Gott das „Du bist“: angenommen und wertgeschätzt mit deinen starken Seiten und schwachen Momenten, deinen Möglichkeiten und dem, was dir bisweilen unmöglich ist. So, wie wir sind, sind wir Gott recht!
In biblischer wie neurologischer Hinsicht gilt: Es macht Menschen glücklicher, wenn sie empfinden: Ich darf sein, wie ich bin! Und ich kann doch jeden Tag anders, vielleicht auch besser werden. Aber eben nicht unter Druck oder weil die Liebe anderer davon abhängt.
Das allein schon ist Glück: Zu wissen, man genügt!

Download als PDF-Datei

  Suchet der Stadt Bestes

Suchet der Stadt Bestes

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.10.2020

Bei uns im Dom startet morgen eine Reihe mit politischen Abendandachten. „Die Dinge beim Namen nennen“, so ist sie überschrieben. Pfarrerin Sabine Dressler, Referentin für Menschenrechte, Migration und Integration bei der EKD und Dompredigerin Cornelia Götz gestalten gemeinsam die Abende.
Politische Abendandachten – gehört so etwas in den Dom? Andacht, na klar, aber politisch? Immer wieder wird Kirche von unterschiedlichsten Seiten schräg angesehen, zurechtgewiesen, ja sogar angefeindet, wenn sie sich politisch engagiert. Das reicht von wohlgemeinter Kritik bis hin zu massiven Drohungen. Besonders Kirchenleute, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, bekommen dies immer wieder zu spüren. Der Tenor aller Kritik ist immer gleich: Haltet euch raus aus der Tagespolitik. Kümmert euch um die Bibel und ums Beten, aber mischt euch gefälligst nicht ein in die aktuellen Themen der Weltbühne. Dafür gibt es die Politik. Eure Baustelle ist eine andere.
Stimmt das so? Haben die Kritiker Recht und wäre somit auch unser neues Andachtsformat hier am Dom eine Fehlentwicklung? Nein, so ist es ganz sicher nicht. Über dem Monat Oktober heißt es: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“
Aus dem Buch des Propheten Jeremia stammen diese Worte und der hat sie sich nicht etwa selbst ausgedacht, nein, es ist Gottes Wort, das hier zitiert wird. Suchet der Stadt Bestes. Das klingt nicht nach: Nun bettet mal fromm und fleißig im stillen Kämmerlein. Das klingt nicht nach: Sorgt dafür, dass alle Leute das Glaubensbekenntnis und das Vater Unser auswendig können. Das klingt nicht nach: Verhaltet euch ruhig, bleibt in euren internen Zirkeln und haltet euch im Übrigen mal schön zurück.
Suchet der Stadt Bestes, heißt: Bringt euch ein. Gestaltet mit und arbeitet daran, dass es der Stadt, der Gesellschaft, uns allen gut geht. Suchet der Stadt Bestes ist ein klarer Auftrag, dass wir Menschen, die wir uns zu Gott und Jesus Christus bekennen, uns beteiligen sollen am Diskurs zu den aktuellen Fragen unserer Zeit, auch den politischen.
Nichts Anderes hat im Übrigen Jesus Christus getan. Er hat sich eingemischt. Überall da, wo es gegen Menschen und gegen Gottes Schöpfung ging, war er da und hat seine Stimme erhoben. Er hat protestiert gegen falsch verstandene Regeln, gegen Ungerechtigkeit, gegen Gewalt. Er war da als Anwalt der Schwachen und Ausgegrenzten und hat sich für sie stark gemacht. Er hat die Dinge beim Namen genannt und so ist der Titel der Andachtsreihe bestens gewählt.
Suchet der Stadt Bestes, seid aktiv dabei, Ihr Christinnen und Christen, um der Menschen und um des Evangeliums willen. Das ist Teil des Auftrages, den Gott seiner Kirche gegeben hat – den Menschen zum Wohl und Gott zur Ehre.

Download als PDF-Datei

  Eine große Seereise

Eine große Seereise

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.10.2020

Vor drei Wochen waren wir wieder einmal für ein paar Tage auf Helgoland. Ich habe mich ein bisschen verliebt in diese Insel, die zu jeder Jahreszeit ihren ganz besonderen Charme hat. Traditionell gehörte auch der sonntägliche Gottesdienst in der Inselkirche St. Nicolai dazu und bei diesem Mal gab es eine kleine Bastelaufgabe am Eingang, nämlich ein Blatt Papier, das zu einem Boot gefaltet werden sollte. Wenn man es richtigmachte, war auf der Außenseite des Papierschiffes folgender Segensspruch zu lesen: „Mögest du auf die hohe See hinausfahren und den Wind im Rücken spüren; möge die Sonne dein Gesicht wärmen und dein Herz – in der Zuversicht und Gewissheit, dass Gott dich begleitet und bei deiner Rückkehr am Ufer steht.“
Ich habe dieses Wort als ein Bild für unser Leben verstanden. Wir werden in diese Welt hineingeboren und die Zeit, die wir hier haben, ist wie eine große und lange Seefahrt. Alles, was dazugehört, ist wiederzufinden: Da laufen wir lange in ruhigem Fahrwasser bei strahlendem Wetter. Wenn sich das über große Zeiträume erstreckt, kann es fast langweilig werden. Sollten wir das so spüren, kann es hilfreich sein, sich selbst zu fragen, ob wir nicht dankbar sein können für das sanfte Gleiten durch die Zeit, dafür, dass einfach mal alles gut ist. Es kann hilfreich sein, sich zu fragen, ob wir in diesen ruhigen Lebensphasen nicht auch einfach mal genießen sollen und dürfen, was uns das Leben so präsentiert – denn andere Zeiten kommen ganz sicher auch wieder.
Es sind dann die, in denen wir mit Stürmen und hohen Wellen zu tun bekommen. Es sind die Zeiten, die uns existenziell herausfordern durch Sorgen, Krankheit, Angst, Verlust. Diese Zeiten sind nicht langweilig, nicht erstrebenswert, nicht schön und dennoch erkennen wir manchmal im Nachhinein, dass sie uns weitergebracht haben – durch neue Erfahrungen, durch die Bestätigung, dass wir derartiges auf unserem Lebensschiff aushalten und durchstehen können; wir erkennen im Nachhinein, dass uns solche Zeiten weitergebracht haben durch neue Freude und Dankbarkeit darüber, dass es vorbei ist.
Weder das eine noch das andere, weder die Schönwetterzeiten noch die Stürme müssen wir allein meistern. Es gibt den Steuermann auf unserem Schiff, denjenigen, der die Ruhe und den Überblick behält, denjenigen, der auf uns schaut und sieht, wie es uns geht und was wir brauchen: Gott an unserer Seite.
Und wenn wir dann irgendwann einmal am Ende unserer Seereise angekommen sind, sich unsere Kreise hier auf dieser Erde schließen, dann steht er am Ufer, winkt uns freudig zu und erwartet uns auf der anderen Seite des Lebensmeeres. So darf es für mich sein und Ihnen und Euch wünsche ich das ebenso:
„Mögest du auf die hohe See hinausfahren und den Wind im Rücken spüren; möge die Sonne dein Gesicht wärmen und dein Herz – in der Zuversicht und Gewissheit, dass Gott dich begleitet und bei deiner Rückkehr am Ufer steht.“

Download als PDF-Datei

  Weltmusiktag

Weltmusiktag

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.10.2020

Sie konnten es eben erleben und es ist hier bei uns am Dom gängige Praxis: Wir singen unsere Psalmen anstatt sie zu sprechen. „Ist das nicht sehr katholisch?“, werden wir oft gefragt und die Antwort darauf lautet: „Nein, das ist sehr jüdisch.“ Wenn Sie einmal im Alten Testament im Buch der Psalmen lesen, dann werden Sie feststellen, dass wir am Anfang oft Regieanweisungen haben, die wir gern beim Beten weglassen. Und die lauten zum Beispiel: „Ein Psalm Davids, vorzusingen, beim Saitenspiel.“ Oder „Ein Klagelied Davids, das er dem HERRN sang“. Ja, es ist überlieferte jüdische Tradition, die Psalmen zu singen. Überhaupt spielt der Gesang und die Musik eine wesentliche Rolle, wenn wir mit Gott ins Gespräch kommen. Viele liturgische Teile des Gottesdienstes, in denen wir uns direkt an den Herrn wenden, sind gesungen, um ihre besondere Bedeutung zu unterstreichen, um herauszustellen, wie wichtig und wie würdevoll sie für uns sind.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Nun, heute ist Weltmusiktag. Er wurde unter Yehudi Menuhin 1975 vom Internationalen Musikrat, einem Beratungsgremium der UNESCO, ins Leben gerufen. Er soll die Bedeutung der Musik weltweit stärken und so, im Sinne der UNESCO, den Frieden und die Freundschaft der Völker untereinander durch die gegenseitige Anerkennung künstlerischer Werte fördern.
Über einen solchen Tag muss man hier bei uns am Dom einfach sprechen, denn die Musik spielt hier eine herausragende Rolle. Unsere Domsingschule ist die größte evangelische Einrichtung für Kirchenmusik in ganz Deutschland. Die Arbeit, die hier geleistet wird, ist vielfältig. Neben der Förderung des Musizierens insgesamt von Menschen vom Vorschul- bis ins Rentenalter und der Pflege kirchenmusikalischer Kultur in unserer Landeskirche und unserer Region ist es ganz klar eine besondere Form der Verkündigung des Evangeliums, die hier stattfindet. Hier wird Gott zur Ehre musiziert und es werden Inhalte aus Gottes froher Botschaft an uns Menschen in vielfältiger Weise transportiert. Es passiert nicht um seiner selbst willen, sondern in Erfüllung der Aufgabe, die Gott seiner Kirche gegeben hat – aber eben in einer ganz besonders schönen und wertvollen Form – nämlich der, der Musik.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott uns die Musik ganz bewusst und mit besonderer Vorsehung geschenkt hat. Denn in ihr entfaltet sich eine Kraft, die mit bloßen Worten nicht erreichbar ist. Musik öffnet uns Türen, die uns auf neue Wege führen können – auch auf Wege zu Gott und zum Glauben. Hoffentlich können wir bald auch wieder in unseren Gottesdiensten unbeschränkt gemeinsam singen, denn alles, was wir stattdessen versuchen, kann kein angemessener Ersatz sein und bleibt stets nur zweitbeste Lösung.
Aber es geht ja schon wieder so einiges, auch bei uns in der Domsingschule hat der Probenbetrieb wieder begonnen und ein aufbauender Choral zum Start in den Tag unter der heimischen Dusche geschmettert, war und ist ja immer möglich. Probieren Sie es aus, gleich morgen früh oder am heutigen Weltmusiktag auch nochmal gleich nachher zu Hause; das hebt die Stimmung – bei Ihnen und bei Gott ganz sicher auch.

Download als PDF-Datei

  Offenheit zählt

Offenheit zählt

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.09.2020

Sind Sie eigentlich zufrieden mit Gott? Ich meine, macht er nach Ihrer Einschätzung einen guten Job oder sehen Sie an der einen oder anderen Stelle noch Luft nach oben? Wenn Sie das so empfinden sollten, müssen Ihnen diese Gefühle nicht unangenehm oder gar peinlich sein. Ich glaube, es gibt kein einziges Glaubensleben, dass nicht auch Phasen kennt, die von Zweifeln, vom Hadern mit Gott und erlöschendem Gottvertrauen geprägt sind. Selbst Jesus Christus höchstpersönlich kannte solche Momente. Denken Sie an die Ereignisse am Gründonnerstag im Garten Gethsemane, wo er vor Angst zitternd zu Gott betet: „Herr, ist es möglich, so lasse diesen Krug an mir vorübergehen.“
Doch nicht nur persönliche Erlebnisse, auch ein Blick auf das, was auf dieser Welt um uns herum jeden Tag aufs Neue passiert, kann Zweifel schüren. Warum lässt Gott so viel Elend und Not zu? Warum greift er nicht ein und beendet Krieg, Gewalt und Terror, sozusagen per Ordre de Mufti?
Die Beantwortung dieser Fragen ist Stoff genug für viele weitere Andachten. Ich möchte damit auch nur deutlich machen, dass es ausreichend Gründe gibt, in Gottes Richtung auch kritische Fragen zu stellen und dass die Motivation, das zu tun, eine sehr menschliche ist, die auch Gottes Sohn gut kannte. Außerdem bin ich mir sicher, dass Gott uns diese Fragen nicht übelnimmt. Ganz im Gegenteil: Ich denke, dass er von uns erwartet, dass wir konstruktiv kritisch durch unser Leben gehen und Fragen zu stellen, gehört eben einfach dazu.
Ich meine, dass es wichtig ist, Zweifel auch zuzulassen, sie nicht einfach wegzudrücken oder den Versuch zu starten, sie zu verdrängen. Das funktioniert erstens nicht auf Dauer und hinterlässt zweitens einen negativen Beigeschmack, unser Verhältnis zu Gott betreffend. Eine gute Beziehung lebt von gegenseitiger Offenheit und Ehrlichkeit und das gilt auch und vielleicht sogar ganz besonders für unsere Beziehung zu Gott. Abgesehen davon dürfen wir einfach mal davon ausgehen, dass er sehr genau weiß, was uns gerade bedrückt und womit wir uns innerlich auseinandersetzen. „Du verstehst meine Gedanken von ferne“, heißt es im 139. Psalm.
Und Gott wird uns dabei helfen, unsere Zweifel wieder zu zerstreuen, wenn wir ihm und uns selbst gegenüber offen damit umgehen. Über dem heutigen Tag heißt es: „Selig ist, wer Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben.“ Von Jakobus stammen diese Worte und sie können uns motivieren, auch mit unserer Kritik Gott gegenüber nicht hinter dem Berg zu halten, sondern sie auszusprechen und sie so zu klären.
Meine Oma sagte immer, dass aller Streit und aller Ärger zwischen uns und unseren Lieben aus der Welt sein sollte, bevor wir am Abend zu Bett gehen. Ich glaube, dass das Gott gegenüber genauso richtig und wichtig ist. Amen.

Download als PDF-Datei

  Zum Michaelistag: „Vierzehn Engel um mich stehn“

Zum Michaelistag: „Vierzehn Engel um mich stehn“

Pfarrer Henning Böger - 29.09.2020

Mit 80 Jahren blickt sie auf ihr Leben zurück und erzählt dabei eine Geschichte aus ihrer Kindheit: Über ihrem Bett hing damals ein einfaches Bild. Darauf war ein altes Kinderbett zu sehen, eines noch mit Gittern zu allen Seiten. Im Bettchen schlief friedlich ein Kind, eingehüllt in eine Decke. Um das Bett herum standen lichte, große Wesen mit Flügeln: vierzehn Engel, wie im Abendsegen aus der Oper „Hänsel und Gretel“.
Die Verse dieses Liedes kann sie noch immer auswendig: „Abends will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zweie die mich decken, zweie dich mich wecken, zweie die mich weisen zu Himmels Paradeisen.“
Und dann sagt die alte Dame einen Satz, der berührt: „Dieses Bild mit den vierzehn Engeln, die um das Kinderbettchen stehen, um das schlafende Kindlein zu behüten, hat ein Leben lang um meine Seele gelegen. Es ist doch verblüffend, wie klein manche Dinge sind, die ein schweres Leben mittragen.“
Manchmal sind es nur kleine Dinge - Bilder, Worte, Erinnerungen an Menschen -, die ein Leben prägen und tragen können. Und manche dieser Bilder oder Begegnungen sind in unserer Vorstellung wie Engel, wie der Schutz und die Begleitung des Himmels.
„Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus.“ (Psalm 34,8) So sagt es das Bibelwort für diesen Michaelistag. Er ist im Kirchenjahr der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Früher war Michaeli ein hoher kirchlicher Feiertag am Ende des Sommers. In der evangelischen Kirche war er über lange Zeit eher vergessen. Heute ist er wiederentdeckt - und mit ihm die Engel als Boten Gottes und Sinnbilder dafür, dass wir Menschen aus dem Himmel heraus geschützt und bewahrt sind.
Um den Engelfürsten Michael ranken sich dabei viele Erzählungen. Michael ist jener Engel, der mit flammendem Schwert den Paradiesgarten bewacht, den Stammvater Abraham besucht und die verstoßene Hagar neu zum Leben ermutigt. Und Michael wird, so erzählt die Bibel, am Ende der Zeit mit göttlicher Kraft das Böse besiegen.
Michael heißt ins Deutsche übersetzt „Wer ist wie Gott?“ Er ist der Engel, der uns daran erinnert, dass wir Menschen nicht alles selbst können, auch nicht unsere eigenen Lebensmeister sein müssen, weil wir im Letzten bei Gott wohl geborgen sind.
Muss man an Engel glauben? Nein, sicher nicht, aber man darf sich mit ihnen von Gottes Kreativität überraschen zu lassen, mit der er uns Menschen als seinen Geschöpfen nahekommt, anrühren und beschützen will: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.“
Noch kürzer weiß es der Reformator Martin Luther: „Wer einen Engel zum Freund hat, der braucht die Welt nicht zu fürchten.“
Amen.

Gebet zum Michaelistag

Gott, sende deine Engel,
dass sie alle dunklen Mächte vertreiben
und uns beschützen auf unseren Wegen.
Gott, sende deine Engel,
dass sie die zerrissenen Herzen heilen
und die niedergeschlagenen Gemüter stärken.
Gott, sende deine Engel,
dass sie deinen Frieden in alle Länder der Erde bringen
und den Mächtigen Wege weisen zur Gerechtigkeit.
Gott, sende deine Engel,
dass sie uns ermutigen,
dir mehr zu gehorchen als den Menschen,
dass sie uns dein Wort verkündigen,
damit wir deine Boten werden.
Amen.

Download als PDF-Datei

  Konfirmation

Konfirmation

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.09.2020

Gestern haben wir hier bei uns im Dom Konfirmation gefeiert, coronabedingt verspätet, dafür aber gleich doppelt, in zwei festlichen Gottesdiensten. 15 junge Menschen haben sich vor Gott und der Festgemeinde zum christlichen Glauben bekannt, sie haben bestätigt, dass sie Gott einen Platz in ihrem Leben geben wollen. „Ja, mit Gottes Hilfe“, so lautete ihre Antwort auf die Konfirmationsfrage.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment, ja ein bewegendes Wochenende, das wir am Sonnabend mit einem abendlichen Rüstgottesdienst begonnen haben. Wir haben gemeinsam Abendmahl gefeiert und um Gottes Geleit und Segen und um Kraft für die eigentliche Konfirmation gebeten. Es tat gut, sich noch einmal in den Familien zu treffen, eine Stunde herauszukommen aus der Aufgeregtheit der heimischen Vorbereitungen. Es tat gut, eine Stunde Zeit zu finden, um auf Gottes Wort zu hören, gemeinsam Liedtexte zu beten und sich im Abendmahl zu vergegenwärtigen, dass es der Gott, zu dem sich unsere Konfis gestern bekannt haben, gut mit uns meint.
Am Sonntag dann schicke Garderobe und vor allem viele strahlende Gesichter, aufgeregt, gerührt, freudig und fröhlich. Ja, es war ganz offenbar ein gutes Gefühl für diese jungen Leute, sich noch einmal aus eigener Überzeugung und nach eigenem Ratschluss zu Gott zu bekennen, zu erklären, dass sie einverstanden sind mit der Entscheidung ihrer Eltern, sie vor Jahren in die christliche Gemeinschaft hineintaufen zu lassen und hier nun öffentlich zu sagen: Ja, Gott soll mein Lebensbegleiter sein, ganz egal, was passiert.
War’s das dann jetzt? Ich meine, reicht so eine Bestätigung, so eine Konfirmation für immer und ewig? Ich denke: ja und nein. Wir Christinnen und Christen wiederholen unser Bekenntnis zu Gott und zu unserem Glauben öffentlich in jedem Gottesdienst und der eine oder die andere vielleicht auch für sich allein im Zwiegespräch mit Gott.
Wir Menschen brauchen das. Schnell ist der Glaube aus dem Blick geraten, wenn auf einmal wieder alltäglicher Stress und Ärger uns den Eindruck vermitteln, dringender und wichtiger zu sein als alles andere. Gottes frohe Botschaft tritt in den Hintergrund, weil vordergründig anderes in unserem Leben die erste Geige spielt. Um uns selbst daran zu erinnern, was uns trägt und hält, ist es gut, dass wir an jedem Sonntag laut und vernehmlich sagen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Was den angeht, dem gegenüber wir unseren Glauben bestätigen, braucht es diese Wiederholungen nicht. Wenn uns Gott einmal in seine Obhut genommen hat, wenn er einmal „Ja!“ zu uns gesagt hat, dann bleibt es dabei – ohne Wenn und Aber. Gott ist treu. „Denn siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, verspricht uns Jesus Christus. Und er fügt nicht hinzu: „Aber nur, wenn ihr mir sonntagvormittäglich bestätigt, dass ihr das auch so wollt.“
Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben gestern gesagt, dass sie das genauso wollen. Möge Gott sie begleiten auf ihren Lebenswegen – mit seiner Barmherzigkeit, mit seiner Vergebungsbereitschaft und mit ganz viel Liebe – und uns alle im Übrigen auch. Amen.

Download als PDF-Datei

  Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.09.2020

Im achten Psalm heißt es: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
An diesem Wochenende feiern wir endlich Konfirmation. Eigentlich hatten wir das im April machen wollen aber dann kam es anders, wir mussten erst einmal durch die Zeit, in der es gar kein öffentliches Leben gab, hindurch. Gerade für Kinder und Jugendliche war das gravierend.
Ohne Gemeinschaft, Schulklasse, Freunde, Sportverein, ohne Chor – ziemlich allein mit sich selbst und der nächsten Familie, mit anderen irgendwie verbunden durch digitale Medien – da wird man gründlich auf sich selbst zurückgeworfen.
Manches blitzt dann mit einer Klarheit auf, die im Alltagstrubel nicht möglich ist. Können wir Zuhause wirklich miteinander reden? Wie geht Streiten und Versöhnen eigentlich, wenn man nicht zum Runterkommen ins Kino oder aufs Stadion kann, essen gehen oder ein bisschen shoppen – und wie ist es mit der Hausarbeit, wenn man sich nicht verdrücken kann und oder mit dem unaufgeräumten Zimmer, wenn man immer drin sein muss.
Ist Leere vielleicht doch anstrengender als eine ausgefüllte Woche? Und wie kann ich mich anderen offenbaren, wenn ich mein halbes Gesicht verbergen muss – wieviel Wahrheit und Wärme können Worte transportieren – ohne Umarmungen und habe all die Küsschen eigentlich was bedeutet?
Für manche war das Erwachsenwerden in Hochgeschwindigkeit.
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
Ist der Mensch vor allem ein Organismus, den Viren befallen können oder ein Objekt der Unterhaltungsindustrie, ist er ein politisches Gegenüberwesen oder ein sich selbst genügendes Individuum. Wonach sehnen wir uns, wenn nichts mehr normal ist?
Alles Fragen, die einem sehr viel deutlicher als sonst bewusst machen, dass Konfirmation eben auch ein Passageritus ist – ein Übergangsritual - vom Kindsein ins Erwachsenenleben, von einer Zeit, in der andere für mich einstehen und sprechen, dorthin, wo ich selbst Verantwortung übernehme.
Später wird man dann zurückschauen und sich vielleicht fragen, wo sind wir eigentlich hergekommen, was hat uns zu denen gemacht die wir sind.
Herta Müller sagte bei ihrer Tischrede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises: „Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr.“
Wer weiß welche Bögen die Lebensgeschichten unserer Konfirmandinnen nehmen werden. Sie sind hier zwischen und unter uns gestartet, viele sind dieses Jahr ziemlich allein gewesen. Hoffentlich bleibt nicht prägend, was Herta Müller von sich sagte: „Jeder war eine Insel.“ Hoffentlich verbindet sie eine neue kostbare Gemeinschafts- und Glaubenserfahrung und Freude, wie sie den Psalmbeter fortfahren lässt: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name.“

Download als PDF-Datei

  Glaubwürdig bleiben

Glaubwürdig bleiben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.09.2020

Zu den wichtigen Zusammenhängen unseres Glaubenslebens gehört die Zusage, dass uns unsere Schuld vergeben wird und wir neu anfangen dürfen, dass deshalb die guten Werke, die wir tun, keine Strafzahlung sind sondern Ausdruck von etwas Neuem – einem anderen hoffentlich besseren Weg in unserem Leben.
Der Vergebung unserer Schuld – wie es Im Vaterunser heißt – und auch unserem Vergeben gegenüber denen, die an uns schuldig geworden sind, die uns etwas schuldig geblieben sind – geht die contritio cordis und confessio oris, also die Zerknirschung des Herzens und das Bekenntnis des Mundes voraus.
Damit es gut werden kann unter uns, damit wir glaubhaft bleiben und andere uns abnehmen können, dass wir es ernstlich gut machen wollen und Gottes Vergebung etwas zutrauen, braucht es alle drei: Schmerz und Scham – das Aussprechen – gute Taten. Wenn eines davon fehlt, wird es nicht gelingen.
Das gilt in unserem privaten Leben genauso wie in den großen Zusammenhängen. Wenn mich nicht wirklich bedrückt und schmerzt, wo ich versagt habe oder gescheitert bin, kann ich noch so viel reden, noch so große Geschenke machen, es wir nichts nützen.
Wenn ich mich zwar unsäglich schäme und unglücklich über das bin, was ich getan habe aber zu feige bin, es auch auszusprechen, beim Namen zu nennen und um Vergebung zu bitten, wird alles, was ich dann versuche wertlos sein, weil etwas Zentrales fehlt.
Wenn ich mich schließlich schleppe und quäle, wenn ich öffentlich anerkenne, was mein Anteil am Leid eines anderen ist aber daraus nichts folgt, wird man mir nicht glauben.
Darum ist alle Betroffenheitsrede angesichts des Flüchtlingselends nichts wert, wenn wir vor allem versuchen, uns das vom Hals zu halten. Darum wird man eine Ehe nicht retten können, wenn man schweigt. Ich könnte viele Beispiele anfügen.
Nach dem gestrigen Tag gibt es wohl ein weiteres. Die späte Entscheidung der Bischofskonferenz, Missbrauchsopfern eine „Anerkennung“ von maximal 50000,00€ zu zahlen, bleibt weit hinter dem zurück, was Not täte um glaubwürdig zu sein. Es fehlen wichtige Worte und Konsequenzen.
Das ist schlimm für die Menschen, deren Körper und Seelen so gelitten haben. Es ist auch schlimm für uns alle, die wir dabei einmal mehr erleben, dass Kirche als Apparat agiert, nicht als Leib, der leidet, wenn eins seiner Glieder leidet…
Dass es unsere katholischen Geschwister betrifft ist, tut dabei nichts zur Sache. Es ist Kirche, sind unsere Nächsten.


Download als PDF-Datei

   „Sei klug und halte dich an Wunder.“

„Sei klug und halte dich an Wunder.“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.09.2020

Von Mascha Kaléko stammt die Gedichtzeile:
„Sei klug und halte dich an Wunder.“
So irrational wie das klingt, so wahr ist es doch – sonst müssten wir endgültig den Kopf in den Sand stecken und jede Hoffnung aufgeben, resignieren, weil alles immer nicht geht.
Wir brauchen viele Wunder:
Ein Impfstoff wäre gut, der schnell und für jeden zu haben wäre.
Eine Lösung für die Flüchtlingsfrage im Großen und jedes einzelne Schicksal im Kleinen und Konkreten ist dringend nötig. Es sind viel zu viele Lebensgeschichten, die in die Sackgasse geraten ganz zu schweigen von denen, die bei dem Versuch, irgendwo ein neues und besseres Leben zu beginnen, ihr Leben verlieren.
Für das Klima wird nur ein Wunder nicht reichen. Wir brauchen ein paar Wunder - geniale Erfindungen, beherzte politische Entscheidungen, grundsätzliche Veränderungen in unserem Lebensstil.
Dann sind da die jungen Leute überall auf der Welt, die eine Perspektive brauchen, sinnvolle Arbeit, bezahlbare Wohnungen, Trinkwasser, Frieden, satt zu essen. Und die Alten, die einen Ort brauchen, an dem sie ihre Würde nicht verlieren.
Wunder braucht es, damit die eine nicht an Krebs sterben muss und der andere endlich jemanden findet, der die Einsamkeit aufbricht. Wunder braucht es, damit Kinder Kinder sein können, Mädchen sich nicht mager hungern, Jungs sich nicht zudröhnen.
Wunder braucht es, damit wir den Glauben nicht verlieren, dass unser Leben nicht umsonst ist, dass wir etwas verändern und besser machen können.
„Sei klug und halte dich an Wunder.“
So irrational das klingt, so wahr ist es doch. Jedes Menschenkind ist ein Wunder und jeder neue Tag, jede Liebesgeschichte und jede Freundschaft. Musik ist ein Wunder.
Unser Glaube erzählt von Wundern, von Heilung und Versöhnung und Auferstehung, von Menschen, die einander entgegenlaufen und Bäumen, die am Wasser stehen, von einem Gott, der unter uns Mensch wird und den Tod überwindet, von Vergebung in Brot und Wein.
„Sei klug und halte dich an Wunder.“
Wird davon irgendwas gut? Hilft das dem Wetter und den Flüchtlingen, den Kranken und den Hungernden? Denen, die diese Pandemie in Angst und Not bringt?
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
So heißt es in der Jahreslosung. Der das sagt, hofft auf ein Wunder. Der das sagt erlebt ein Wunder.

Download als PDF-Datei

  Hunger nach Leben

Hunger nach Leben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.09.2020

Heute Morgen habe ich an einem Totenbett gestanden. Gemeinsam mit den Angehörigen haben wir Abschied genommen und die stillstehende Zeit ausgehalten, gebetet. Letzte Berührung, letzte Körperwärme.
Als es für mich nichts mehr zu tun gab, bin ich aufgebrochen in diesen sonnigen Herbsttag quer über den Wochenmarkt mit al den Sonnenblumen und Astern, Weintrauben, Pflaumen, Äpfeln, Pilzen, Kürbissen…
Und merkte auf einmal, wie ungeheuer hungrig ich bin.
Als wäre mein Leib ganz und gar leergesogen.
Hunger nach Brot und Wurst, danach zu kauen und zu schlucken.
Hunger nach etwas, das Kraft gibt und Energie.
Hunger nach Leben.
So deutlich habe ich das noch nie gespürt.
Es ist als würde man so ins Leben gezogen, dass man sich für eine kleine Zeit auf nichts anderes konzentrieren kann als Leben zu tanken und Lebenskraft nachzufüllen.
Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass wir nicht nur die Hülle sind, die am Ende bleibt. Der Mensch, den wir kannten, dessen Gesicht geleuchtet hat vor Freude und dessen Augen sich verdunkelt haben vor Kummer, dessen Gedanke wir gelesen und Gefühle gespürt haben, dem wir zugesehen haben, wenn er Worte fand, dessen Stimme die Farbe seiner Seele hatte, dieser Mensch ist so viel mehr, als der Leichnam, der an ihn erinnert.
Mit dem Hunger springt die Zeit wieder an.
Erst nach dem ich gegessen hatte, folgte ein Blick in die Tageslosung:
Da steht bei Jesaja: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig.“
Und dazu aus dem 2. Korintherbrief: „“Wir sind bedrückt und stöhnen, solange wir noch in diesem Körper leben; wir wollen aber nicht von unserem sterblichen Körper befreit werden, sondern in den unvergänglichen Körper hineinschlüpfen. Was an uns vergänglich ist, soll vom Leben verschlungen werden.“
So viel verschlingen. Der Hunger ist groß. Das Leben ist größer.





Download als PDF-Datei

  Bitte hinhören beim Earth Speakr!

Bitte hinhören beim Earth Speakr!

Pfarrer Henning Böger - 22.09.2020

Mit dem Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ging er im Juli online: der „Earth Speakr“, ins Deutsche frei übersetzt: der Erd-Lautsprecher. Er ist ein digitales Kunst- und Kulturprojekt. Der dänischen Künstlers Olafur Eliasson hat es im Auftrag der Bundesregierung erdachte.
Seine Idee des „Earth Speakr“ einfach und groß zugleich: Mit Hilfe einer kleinen digitalen Anwendung sollen Kinder und Jugendliche ihre Wünsche und Vorstellungen zum Klima, der Welt und Politik spielerisch artikulieren und so ihrer Hoffnungen für die Zukunft Europas und des Planenten Erde erzählen.
Denn, so sagt es Olafur Eliasson, selbst Vater einer Tochter: „Kinder sind Experten. Wir sollten uns an sie wenden, uns von ihrer Vorstellungskraft inspirieren lassen, ihnen wirklich zuhören und von ihnen lernen.“
Den Kleinen eine Stimme! Das ist ein Gedanken, der auch der Bibel wesentlich ist. An nicht wenigen Stellen dieses großen Glaubensbuches hat Gott gerade ein Ohr für die kleinen Leute, oder wie die Bibel sagen würde, die Geringen. Das ist so, weil sie vor allem wissen, was es bedeutet, kein Recht und keine Stimme zu bekommen, wie es sich anfühlt, wenn Zukunft und Hoffnung mit Füßen getreten werden.
Vom Gott der kleinen Leute etwa singt die schwangere Maria ein Loblied, das unter die Haut geht und das Herz berührt: von Gott, der die Gewaltigen vom Thron stößt, die Gierigen in die Schranken weist und die Niedrigen erhebt, damit alle in Recht und Gerechtigkeit leben können.
Aus dem Erd-Lautsprecher lässt Olafur Eliasson derweil Kinder und Jugendliche aus allen 24 EU-Ländern zu Wort kommen. Und das auf eine wirkliche kreative Art und Weise: Sie sprechen ihre Wünsche und Ideen für eine lebenswerte Zukunft per Telefon ein und filmen dazu einen Gegenstand, der ihre Botschaft weitersagen soll.
Und so erzählen nun Steine, Bäume, Strohballen, Straßenwegweiser und Plastikflaschen davon, was Kinder und Jugendliche sich wünschen mit Blick auf unseren Lebensraum Erde. Der „Earth Speakr“ wird so zu einem kleinen, aber feinen Lehrstück über die Hoffnung auf ein lebenswertes Morgen.
Darum, liebe Mit-Große: Der Zukunft zuhören und dann, bitte schön, weiter-sagen, was uns in Herz und Verstand erreicht hat.
Hören Sie der Zukunft zu auf https://earthspeakr.art/de!

Download als PDF-Datei

  Herbst

Herbst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.09.2020

Wir leben in unseren Breiten mit Jahreszeiten. Alle Jahre wieder gehen wir von der großen Kargheit und dem ersten zarten Grün, zu üppiger Blütenpracht, Ernte und Reife, Vergehen.
Jetzt wird es Herbst. Laub raschelt, die Blätter färben sich wunderbar, das Abendlicht leuchtet ganz anders als in anderen Tagen des Jahres. Man kann das genießen und sich daran freuen, aber Herbst ist auch eine Zeit in der Menschen näher ans Herz rückt, das wir vergehen, das noch nicht alles gut ist, das unsere Welt erlösungsbedürftig bleibt.

Mascha Kaléko hat in einem Herbstlied gedichtet:

„Klopfet der Regen und tropft von den Steinen,
Klagen die Bäume und jammert der Wind.
Wie viele Tränen muss ich noch weinen,
Bis wir in Frieden beisammen sind.

Sieh, all die Vögel, sie zogen gen Süden,
Flohen den Winter und wichen dem Frost,
Aber uns ist keine Sonne beschieden,
Ruhlos durchwandern wir Nord, West und Ost.

Der du gebietest dem Mond und den Sternen,
Der du die Lilie im Feld nicht verlässt,
Sei du mit uns in der fernsten der Fernen!
Gib deine Hand uns, beschirm unser Nest.“

Es ist nötig, gerade für uns, die wir hier beten und Fürbitte halten, nicht aus den Augen zu verlieren, dass es viele Menschen gibt, für die „Herbst“ bedeutet, unter freiem Himmel zu sein, nass zu werden, zu frieren, nicht Nachhause zu können. Dass es Menschen gibt für „Herbst“ bedeutet, dass wieder ein Jahr zu Ende geht, in dem nichts gut geworden ist, in dem warten oder sich sorgen, um die, die sie noch immer nicht wiedergesehen haben.
Es gibt Menschen für die „Herbst“ bedeutet, dass die Ernte ausgeblieben ist und keiner weiß, wie es nun weiter gehen soll.
All das sollten wir nicht vergessen.
Darum ist eine unserer ganz wichtigen Aufgaben, wenn wir hier zusammen sind und tagtäglich miteinander beten, den Blick zu weiten und unseren Gott zu bitten, für die, die wir nicht kennen aber mit denen wir verbunden sind.

Download als PDF-Datei

  Schicht für Schicht

Schicht für Schicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.09.2020

Mittagsgebet 19. September 2020
Vielleicht kennen Sie das auch:
Es gibt Menschen, mit denen kann man, selbst wenn man sich ewig nicht gesehen hat, sofort wieder anknüpfen als hätte man erst gestern zusammengesessen. Die Vertrautheit einer langen gemeinsamen Geschichte ist stärker als das Fehlen alltäglichen Zusammenseins.
Und es gibt andere Menschen, dir kennt man auch sein Leben lang und da braucht man Stunden und Tage, um sich durch alles, was aktualisiert und berichtet werden muss - was ist daraus geworden, wie war jenes und wie geht es dem und dem – hindurchwühlen muss, bis man endlich wieder dabei ist, über das zu reden, was eigentlich wichtig ist. Es ist, als müsste man Schichte für Schicht abtragen, um zum Wesenskern einer Beziehung vorzudringen. Und wenn es dann soweit ist, ist die Zeit vorbei und die Wege trennen sich wieder.
Und schließlich sind da noch die, mit denen wir unseren Alltag teilen und bei denen es passieren kann, dass wir überrascht feststellen, irgendetwas gar nicht geahnt oder verstanden zu haben.
Dieses Jahr lehrt uns manches darüber, wie wir mit Nähe und Distanz umgehen, wieviel Unterbrechungen und Entfernung unsere Beziehungen vertragen und auch, dass mit manchen Menschen Nähe ohne Berührung nicht geht oder man sich gar nicht bewusst gewesen ist, dass man eigentlich schon seit langer Zeit nur noch über Berührung oder durch gemeinsames Erleben kommuniziert.
So ist es, obwohl so vieles nicht geht, doch ein sehr besonderes und eben oft auch sehr emotionales Jahr. Wir tragen zwar Masken aber sind doch viel stärker zurückgeworfen auf all das, was wir in uns tragen und so vielleicht viel offener und berührbarer als wenn wir uns ungeschützt begegnen.
Ist es so auch mit unserer Gottesbeziehung?
Müssen wir Schicht um Schicht all der Dinge, die uns wichtig scheinen abtragen, abtragen, um ihn in unserem Leben zu spüren. Oder ist Nähe zu Gott nur möglich, wenn wir schweigen oder singen? Gibt es geprägte Worte an, die wir anknüpfen oder haben wir doch eine lange Geschichte?
Viele Fragen und eine Antwort im 139. Psalm, die zum Ankerplatz werden kann: „HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht wüsstest. … Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, wenn ich aufwache, bin ich noch immer bei dir.“
So alt diese Worte sind, so viel Gelassenheit und Geborgenheit können sie schenken – von daher werden wir trotz all der Mühsal dieses Jahres, aller Abstände und Entfernungen - einander finden und begleiten können.

Download als PDF-Datei

  Gedichte! Sofort!

Gedichte! Sofort!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.09.2020

Vor ein paar Jahren saß ich im Herbst in einer Dortmunder Kongresshalle – alles dicht an dicht – unvorstellbar heute – und hörte mir einen Vortrag in Vorbereitung des Reformationsjubiläums an. Ich weiß nicht mehr, worum es genau ging aber es muss irgendwie doch sehr technokratisch und marktförmig gewesen sein, denn irgendwann seufzte mein Nachbar tief auf, erhob sich von seinem Platz und sagte: „Ich brauch jetzt sofort Gedichte.“
Da hatte er recht.
Ich habe danach mit einigen Kollegen zusammengesessen und das kühne Ziel verfolgt, eine Anthologie für unseren Pfarramts-Alltag hier in der braunschweigischen Landeskirche herauszugeben. Soweit haben wir es nicht geschafft – aber immerhin Gedichte gesammelt und einen sehr poetischen Gesamtpfarrkonvent erlebt.
Jetzt ist es mal wieder soweit. Ich brauche Gedichte – denn sie sind verdichtete Lebenserfahrung und geteilte Hoffnung, Konzentrate aus Lebenselixier und Menschlichkeit. Egal, ob wir zuviel arbeiten müssen oder Menschen betrauern, Jugendliche begleiten oder Liebesgeschichten zuhören, ob Corona mal wieder Pläne schrotet oder wir in Erinnerungen versinken ob wir vielleicht doch nur den Mond anheulen: alles geht besser mit Gedichten. Kein Wunder, dass es so viele gibt.
Ich habe für heute – am Ende einer Woche mit vollem Leben und so vielen Nachrichten aus aller Welt - eines gefunden von Juan Ramón Jiménez:
„Wirf den Stein von heute weg. / Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist, / wirst du ihn morgen wiederfinden, / zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.“
Fast hätte ich das freudsch verdorben und statt „Sonne“ „Sorge“ geschrieben. Darum noch einmal:
„Wirf den Stein von heute weg. / Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist, / wirst du ihn morgen wiederfinden, / zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.“
Wenn das mal nicht eine Auslegung des Bibelwortes ist: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“
Während wir schlafen, macht er aus den Steinen unserer Mühen und Sorgen, aus den Brocken unseres Kummers ein Licht - er verwandelt alles, was uns schwer fällt in Hoffnung und Freude, er macht es hell ums uns und in uns, denn was uns leuchtet –am Abend und am Morgen - kommt von Ostern her. Woher denn denn sonst.

Download als PDF-Datei

  Nachdenken über das gute Leben

Nachdenken über das gute Leben

Pfarrer Henning Böger - 17.09.2020

Wie es war, wird es nicht wieder! Diesen Satz hört man jetzt häufiger. Oder auch diesen: Es muss sich etwas ändern! Gemeint ist die Zeit nach Corona. Es wird nicht wieder normal, sagen die einen. Und andere ergänzen: Wir müssen etwas ändern! Aber was?
Darüber hat der Bonner Philosoph Markus Gabriel nachgedacht und ein Buch geschrieben. Sein Titel lautet: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Untertitel: Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Leidenschaftlich erinnert der Philosoph darin an die Zeit der Aufklärung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, also jenen denkerischen Aufbruch des Menschen aus seiner Unmündigkeit mit der Kraft seines Verstandes.
Einen eben solchen Aufbruch brauche es auch jetzt, fordert Markus Gabriel. Man müsse anders, vor allem gemeinsam denken. Denn die Corona-Pandemie zeige, dass ein Virus nicht zwischen nah und fern unterscheidet, dass wir wirklich eine Welt sind und dass die Zukunft dieser einen Welt gemeinsame Aufgabe aller ist. Darum brauche es, so der Philosoph, eine neue Aufklärung, eine Ethik für alle unabhängig von Schulform und Bildungsgrad, unabhängig von Religion, Herkunft, Vermögen, Geschlecht oder persönlicher Meinung.
Wie es war, wird es nicht wieder! Für den Philosophen beginnt der erste Schritt in die Zukunft mit dem gründlichen Nachdenken über gutes Leben mit sich und anderen. Denn, so schreibt er: „Ziel und Sinn des menschlichen Lebens ist das gute Leben.“ Und um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir aufrichtiges Nachdenken über alle Fragen, die Menschen bewegen. Mit schnellen Lösungen ist es nicht getan in Fragen des Klimas, von Armut und Reichtum oder der zunehmenden Alterung unserer Gesellschaft.
Die Menschheit als weltweite Schicksalsgemeinschaft: Das ist für mich ein starkes Bild. Und mir gefällt der Gedanke, dass etwas von der Zukunft dieser Welt auch in meinen Händen liegt; dass uns Menschen durch gemeinsames Nachdenken nachhaltige Entwicklung und heilsamer Fortschritt gelingen können; gerade in dunklen Zeiten, in denen für viele oft erst das eigene Fressen kommt und dann die Moral.
Mein Glaube lehrt mich einen anderen Satz. Er lautet: Wir müssen keine ethischen Analphabeten bleiben! In jeden von uns ist schöpferische Kraft gelegt ist, das Gute zu suchen und zu tun.
Glaube und Ethik, moralische Überzeugung und praktisches Handeln sind nie getrennte Größen, sondern immer zwei untrennbare Seiten des einen guten Lebens. Und dieses Leben wird vor allem dadurch gut, dass es niemals für sich bleibt, sondern immer über sich hinaus will - hin zu Gott und zu den Nächsten.

Download als PDF-Datei

  Übung in Dankbarkeit II

Übung in Dankbarkeit II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2020

„Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
So begann mein Kollege gestern Abend hier seine Andacht. Er ergänzte dieses Bibelwort mit einer Übungsanleitung der Theologin Dorothee Sölle, sich täglich drei Dinge zu suchen, für die wir Gott loben und danken können.
Mit dieser Aufgabe habe ich gestern Nachmittag den Konfirmandenunterricht begonnen und sie begleitet mich weiter.
Drei Dinge:
Erstens: Das Licht dieser Spätsommertage, die wunderbaren Farben. Die Natur ist tröstlich und unbegreiflich schön. Neben allem, was einem manchmal auf die Seele schlagen mag, hält unser Gott so immer wieder Momente bereit, die erinnern, dass unsere Welt gut eingerichtet ist und einer über sie wacht, der es gut mit uns meint.
Zweitens: Ich wundere mich manchmal über mich selbst, dass es bei all den Nachrichten aus aller Welt, möglich bleibt in Gedanken und Herz und Sinn ganz hier zu sein. Das Explosionsunglück im Hafen von Beirut ist angesichts der Katastrophe auf der Insel Lesbos schon fast vergessen. So viele Menschen sind ihrer allerletzten kläglichen Zuflucht beraubt und trotzdem bleibt dürfen wir uns an dem freuen und von dem zehren, was unsere Tage hier füllt. Das mag hartherzig klingen und ist vielleicht ein Schutz für unsere Seelen und Herzen, ein Grund froh und dankbar zu sein.
Drittens: und immer wieder begegnet man Menschen, die einen anstecken mit Lebensfreude und Fröhlichkeit. Ein ganz und gar ungewöhnliches Erlebnis dieser Art bescherte mir eine Klofrau auf Rügen. Ihr Toilettenhäuschen war ein herrlicher Ort: voll Musik und Blumen, mit einem Kofferradio und Boxen vor der Tür. Und einem Gästebuch, wie es sich sonst in Kirchen findet. Seitenweise hatten Menschen dieser Frau für den fröhlichsten und heitersten Toilettenbesuch ihres Lebens gedankt. Diese Begegnung hat mich noch tagelang beschäftigt. Dass ein Mensch an einem solchen Ort, so ausstrahlend wirken kann, das andere noch tagelang davon erzählen.
Gründe Gott zu loben gibt es viele, einmal angefangen zu suchen, finden sich immer mehr. Eine gute Beschäftigung. Das Herz wird weit und licht. Dank an meinen Kollegen und einmal mehr: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Download als PDF-Datei

  Übung in Dankbarkeit

Übung in Dankbarkeit

Pfarrer Henning Böger - 15.09.2020

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
(Psalm 103,2)
Die Theologen Dorothee Sölle hat es einmal als eine geistliche Übung bezeichnet, am Tag drei Dinge zu finden, für die man Gott danken kann. Sie schreibt: „Drei Dinge sind manchmal ganz leicht. Und an anderen Tagen fällt es sogar schwer, einen einzigen Grund zum Danken zu finden. Probieren Sie es doch einmal aus!"
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Eine Kollegin schreibt davon, wie sie dieses bewusste Danken in einer persönlichen Krisenzeit regelrecht trainiert habe. Jeden Morgen sei sie damals zum Laufen aufgebrochen und habe sie sich dabei überlegt, wofür sie gerade dankbar sein kann. Und wenn sie etwas gefunden hatte, habe sie laufenderweise nach einem kleinen oder größeren Stein gesucht. Den trug sie dann so lange mit sich, bis sie ihn mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung abgelegte mit einem Moment des Innehaltens und Dankens. Es sei mit der Zeit ein richtiger Danke-Steinkreis geworden. Als sie nach einem Jahr, längst war die Krise überstanden und ein neuer Lebensort gefunden, auf die Waldlichtung zurückgekehrt sei, da habe sie das, was sie dort sah, bewegt: Andere Menschen hatten ihre Steine entdeckt und daraus auf dem Waldboden ein großes Herz gelegt. Erst da habe sie gemerkt, wie sehr sich durch das tägliche Danken etwas in ihrem Herzen verändert habe.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Nicht alles, was uns widerfährt, erscheint uns dankenswert. Im Gegenteil: Es gibt Geschehnisse, die wir oft nicht verstehen. Und es gibt eigentlich immer irgendwo die Angst, es könnte nicht reichen, die Sorge, wir schaffen es nicht, wir sind zu wenige, die Kraft ist zu klein, die Probleme zu mächtig.
Aber meine eigene Erfahrung ist: Wenn ich mich trotz dieser Dinge entscheide, mit dem Danken zu beginnen, öffnet sich oftmals eine unsichtbare Tür und ich werde zu einer neuen Sicht auf die Dinge befreit. Mein Blick ändert sich: weg von mir, von meinem Mangel und meinen Unmöglichkeiten, hin zu den Menschen, die mir in alldem hilfreich zur Seite stehen.
Und zu Gott, zu seinen Gaben und Möglichkeiten, mit denen er hier und dann auch ewig für mich sorgen will.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Download als PDF-Datei

  Besinnungswege...

Besinnungswege...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2020

„Siehe in die Hände habe ich dich gezeichnet…“
So steht es bei dem Propheten Jesaja. Und es klingt als wäre dann alles klar und deutlich ablesbar. Ohne Zweifel, wohin uns unserer Wege führen werden.
Aber so leicht ist es nicht.
Wohl sind unsere Hände einzigartig und gibt es keinen Menschen, in dessen Hand dieselben Linien stehen – aber das macht sie nicht lesbarer. Nicht für mich.
So bleibt nur der Versuch, selbst die richtigen Wege zu finden, hinzuhören.
Und auszuhalten, dass manche Menschen ein so ungeheuer schweres Leben haben und andere leicht und sorglos vorübergehen.
Vor wenigen Tagen bin ich in Südtirol gewesen und im Ahrntal noch einmal den Besinnungsweg zur Franziskuskapelle hinaufgestiegen – so wie vor fast zwanzig Jahren mit den Konfirmanden meiner ersten Gemeinde. Ganz oben am Weg, der dem Sonnengesang des Franz von Assisi gewidmet ist, ein Weg, der vorbei an Wasserfällen führt und die Schöpfung lobt, der zerborstene Felsen markiert und Frieden erbittet, kurz vor der uralten Kirche. kommt ein Holztor. Ganz oben, am Ende des Weges kommt die Auferstehungsstation.
Über dem Durchgang steht ein Bibelwort aus der Offenbarung:
„Ich habe vor Dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr verschließen kann.“
Dieses Mal habe ich gezögert, hindurchzugehen.
Ich kenne inzwischen zu viele, die diesen Weg mit den Jugendlichen gegangen und – für meine Begriffe – zu früh gestorben sind. In ihren Händen wird es gestanden haben. In meinen kann ich nicht lesen. Jetzt geht mir das an die Substanz. Keine konnte ahnen, geschweige denn in der Hand lesen, dass die die Tür schon offensteht.
Tut sie es jetzt?
Weggehen und Wiederkommen. Heimkommen. Ankommen.
In diesem September begleitet mich die Frage von Menschen, die Angehörige verloren haben und schmerzhaft zweifeln, ob es denn gewiss ist, dass da am Ende ein Ort wartet, an dem alles gut ist.
Ich weiß es nicht.
Aber ich glaube es.
Bei Jesaja steht übrigens noch: „Bis in euer Alter bin ich derselbe…“
Der unsere Wege kennt und die Tür öffnet, er hat uns am Anfang beim Namen gerufen. Sein Segen war mit uns. So bleibt er. Bis wir ankommen bei ihm.

Download als PDF-Datei

  Fürsprache und Fürbitte

Fürsprache und Fürbitte

Werner Busch, Pfarrer - 12.09.2020

Möglicherweise haben Sie an diese Andacht bestimmte Erwartungen. An einem Tag, der Menschen wegen eines Parteitages zu Protesten auf die Straße bringt, hört jeder, was er hören will. Deshalb stelle ich eines an den Anfang. Wir sprechen hier nicht gegen, sondern für. Fürsprache und Fürbitte stehen uns Christenmenschen gut zu Gesicht. Wenn es nach dem Willen und Gebot Jesu Christi geht, sind Fürsprache und Fürbitte für andere unverwüstlich. „Tut Fürbitte und Danksagung für alle Menschen und für alle (!) Obrigkeit“ (1. Timotheus 2). Betet sogar „für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5). Liebt eure Feinde. Verflucht und verdammt sie nicht, sondern segnet sie (Römer 12).
Hass und Rücksichtslosigkeit sind jedoch auch in der Welt und ansteckender als jedes Virus. Die politischen Emotionen Wut und rechthaberischen Zorn kannst Du Dir schlecht vom Leib halten. Diese Aerosole wehen hinter jede Maske. Denn Hass, der einem entgegenschlägt, kontaminiert sogar die Toleranz und verdirbt jeden guten Willen. Sie kontaminiert auch die Vernunft und macht Gespräch und Debatte unmöglich. Hass ist, wenn es keine Brücke mehr zwischen dir und mir gibt. Wer in so eine Situation kommt, steckt fest im Reagierenmüssen, aber lass dich nicht vom Bösen überwinden! Da ist kein Wort mehr miteinander und keines mehr füreinander. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Parolen und Schlagwörter in die Öffentlichkeit gerotzt werden, wird krank und kränker. Unser Land, die ganze Welt braucht Menschen, die Fürbitte halten. Menschen, die segnen können. Unter allen Umständen segnen können. Ich glaube, das ist ein Heilmittel. Es ist kein Impfstoff. Gebet und Glaube machen uns nicht immun. Wir stehen nicht über den Dingen und schon gar nicht über anderen Menschen, sondern sind genauso anfällig für die Sorgen und den Zorn wie alle anderen auch.
Aber wir kennen einen Ort, wo wir wieder genesen. Deshalb kehren wir in unsere Kirchen ein. Denn der Segen Jesu für alle Menschen kann nur mit dem Atem der Auferstehung gesprochen werden. Dieser Segen wird frei verschenkt und kennt kein Maß. Er ergeht ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf Herkunft oder auf politische Meinung. Ohne, dass Menschen von Menschen irgendwo ein- oder aussortiert werden.
Ich gebe zu: Manchmal geht mir die Puste aus. Ich bin nicht Christus und mein Geduldsfaden ist kein Stahlseil. Beim Nachrichtensehen und Zeitunglesen schüttle ich den Kopf über die Dummheit, über den ungebremsten Zorn, der sich in die Welt ergießt, und über die Kaltherzigkeit und Borniertheit, mit der manchmal über Sachfragen und die Not der Bedrängten hinwegdiskutiert wird. Ich merke, wie ich dann selber unerbittlich werde. Herz und Sprache verhärten, Tonfall und Argumente werden rigoros. Ich komme mit meinem Verständnis und meiner Kompromissbereitschaft manchmal schlicht an Grenzen.
Und suche Erholung und Erneuerung. Wir brauchen Atem und Liebe für die Worte, die heute an der Zeit sind. Worte der Fürsprache und Fürbitte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich beten soll angesichts der zunehmenden Polarisierung und der Auseinandersetzungen, die in unserer Gesellschaft anstehen. Außer dieses: Herr, erbarme dich.
Mit diesem kleinen Gebet will ich Fürbitte halten für die, die ohne Obdach sind, auch in unserem Land, und deren Lage sich nicht im Handumdrehen ändern lässt. Auch für die politisch Verantwortlichen will ich beten, die oft genug zwischen souveränen Entscheidungen und peinlicher Überforderung hin- und herschwanken. Herr, erbarme dich auch über sie. Für die Menschen auf Lesbos, die Fremden und die Einheimischen dort, für die Flüchtlinge, die großer Bedrängnis ausweichen und in ihrer Not sich und ihre Kinder in Lebensgefahr bringen. Für sie will ich beten: Herr, erbarme dich. Und für die, die mit Kritik und ehrlichen Fragen auf ungelöste Probleme hinweisen, und sich nach Lösungen sehnen. Es gibt ein Gebet für alle, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Beten wir es auch für uns: Herr, erbarme dich.

Download als PDF-Datei

  ERKLÄRUNG ODER ERHÖRUNG

ERKLÄRUNG ODER ERHÖRUNG

Werner Busch, Pfarrer - 11.09.2020

In Krisen und Notlagen fragen Menschen oft: „Warum?“, "Warum gerade ich?" oder "Warum gerade meine Kinder?"
Die Warumfrage wird allerdings oft missverstanden, als würden mit ihr nach Erklärung gesucht. Wenn mir oder einem geliebten Menschen was Schweres widerfährt, reißt das natürlich eine große Verständnislücke in mein Weltbild. Jedoch ist die Warum-Frage nicht das schnippsende Melden des Schülers, der etwas erklärt haben möchte. „Gott, warum?!“ ist vielmehr ein Notschrei. Wer nach Gott verlangt, braucht nicht unbedingt Erklärungen. Vielmehr ist die “Warum”-Frage manchmal schlicht eine Anklage. Mein Verstand rebelliert gegen Gott, “den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde”. Die Klage-Frage verlangt nicht zuerst Antwort, sondern sie verlangt nach Anhörung. Ratlosigkeit will ernstgenommen und nicht weg erklärt werden. Dafür steht die Hiob-Geschichte in der Bibel. Anfangs schweigt er. Und seine Freunde schweigen mit ihm. Im Schweigen arbeitet die Seele. Im Schweigen trägt sie Schmerzen aus, bis sie Worte gebiert. Es ist so wichtig, sich aussprechen zu können. Manchmal braucht es Zeit, bis die richtigen Worte da sind, in denen die Seele sich verstanden fühlt.
Endlich! Endlich fängt Hiob an zu reden. Er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, sondern spricht alles aus, was in ihm ist. Gott muss sich einiges anhören. Und die Freunde auch. Doch sie halten das nicht aus. Wenn jemand seinen Zweifel, seiner Kränkungen, seiner Wut Luft macht, kommen keine Komplimente dabei heraus. Auch keine wohlgesetzten Gebetsworte. Wenn Herzen wirklich zu sprechen beginnen, wird es manchmal schmutzig, laut. Und schwer erträglich. Also fangen die Freunde an, ihn zu beschwichtigen. Ihm zu widersprechen. Die Stimme der Vernunft soll den Kläger wieder zur Besinnung bringen. „Ihr seid leidige Tröster“, wirft Hiob ihnen entgegen und kann sich nicht beruhigen. Denn sie haben nur Erklärungen für ihn. Sie deuten seine Lage. Sie suchen Sinn in dem, was ihm widerfahren ist. Sie finden Gründe, warum es ihm so ergangen ist. Aber eines haben sie nicht für ihn. Ein offenes Ohr. Am Ende des Hiobbuches sagt Gott selbst zu ihnen: „Ihr habt nicht recht von mir geredet.“
Denn Gott tröstet uns nicht mit Erklärungen. Er tröstet uns, indem er uns anhört. Indem er uns ernst nimmt. Die Losung für den heutigen Tag ist ein Gebet, das genau nach dieser Erfahrung sucht: „Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen.“ Psalm 39,13.

Download als PDF-Datei

  Zum Welttag der Suizidprävention

Zum Welttag der Suizidprävention

Pfarrer Christian Kohn - 10.09.2020

Viele Menschen kümmern sich intensiv darum, dass unser Straßenverkehr immer weniger Opfer fordert. Ebenso sorgen Polizei und Sicherheitskräfte dafür, dass wir relativ sicher und unbehelligt von Gewalt in unserer Gesellschaft leben können. Und auch für Menschen, die in die Abhängigkeit von Drogen geraten sind, gibt es zahlreiche Unterstützungs-angebote, die einen Ausstieg aus dieser Abhängigkeit ermöglichen wollen. Das wissen jedenfalls die meisten von uns. Was die meisten von uns jedoch nicht wissen, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. Statistisch gesehen sind das mehr Menschen als die, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Im Gegensatz zu den anderen Themen scheint der Suizid trotz dieser erschreckenden Zahlen noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft zu sein. Auch wenn es auf der einen Seite sinnvoll erscheint, dass zum Beispiel die Medien darüber nicht berichten, weil sie um den sogenannten Werther-Effekt, den Nachahmer-Effekt wissen, so hilft uns doch dieses Tabu insgesamt auf der anderen Seite sehr wenig.
Denn wenn wir nicht öffentlich darüber reden, wie könnte man dem Suizid dann vorbeugen? Wie könnten wir mit diesem Thema überhaupt angemessen umgehen, wenn wir es in unserer Mitte exkommunizieren? Und wie sonst könnte man drohende Anzeichen erkennen und denen, die sich mit diesem Gedanken tragen, weiterhelfen und andere Wege aufzeigen?
Der heutige Welttag der Suizidprävention möchte dieser tabuisierenden Haltung entgegenwirken und uns alle zu einer höheren Achtsamkeit und Sensibilität füreinander aufrufen! Auch wenn wir den Suizid mit unseren Kräften wohl nicht aus der Welt schaffen werden, so geht es dennoch um das hilfreiche Vorbeugen. Es geht um das Aufzeigen von Alternativen, mit den eigenen Lebens- und Sinnkrisen umzugehen. Und es geht ebenso um eine hilfreiche Begleitung von den Menschen, die durch einen Suizid betroffen sind. Auch sie brauchen Begleitung und Unterstützung, brauchen Orte, an denen ihre Gedanken und ihre Trauer einen Platz hat. Brauchen sie Menschen, die bereit sind, ihnen zuzuhören und sie zu begleiten.
Möglicherweise wäre es ebenso eine hilfreiche Form von Prävention, einmal einen kritischen Blick auf unsere heutigen medial vermittelten Lebensvorstellungen zu werfen, in denen Krisen, Rückschläge und auch Scheitererfahrungen selten oder keinen Platz haben. Gerade die aktuelle Situation macht uns ja mehr als deutlich, wie schnell unser Leben aus den gewohnten Bahnen geworfen kann. Und wie anfällig unser so sicher geglaubtes Leben in Wirklichkeit ist. Doch auch hier ließe sich feststellen, dass unsere Solidarität und unsere Gemeinschaft die wirksamen Mittel sind, mit denen wir diesen Umständen begegnen können.
Wir jedenfalls machen heute öffentlich darauf aufmerksam, dass es zahlreiche Beratungsstellen gibt, die bereit und kompetent sind, Menschen in Krisen zu begleiten. Und die beste Nachricht, die sich auf diese Weise verbreiten würde, wäre wohl: Auch wenn Du denkst, Du bist ganz allein - Du bist es nicht! Und: Sorgen teilen kann helfen!

Download als PDF-Datei

  Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium

Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium

Pfarrer Werner Busch - 09.09.2020

„Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium.“
Ein geflügeltes Wort. Wenn ohne gründliche Planung schnell eine Lösung gefunden werden muss, fliegt dieses Sprichwort durch Gespräche und Köpfe. „Wir machen das erst mal so“. Bevor wir uns eine neue Küche kaufen, stellen wir doch die alte noch mal um.
Seit einigen Monaten gibt es viele Provisorien. In Geschäften und Schulen, an Arbeitsplätzen, in Büros und auch in Kirchengemeinden. Bei uns in St. Katharinen ist das so, hier im Braunschweiger Dom auch. Jeder kann es sehen: Unter normalen Umständen würden wir die Sitzordnung, die Chorpodeste, den Eingangsbereich nicht so handhaben, wie wir es jetzt tun. An solche Provisorien kann man sich gewöhnen. Menschen müssen manchmal eine Zeitlang in Provisorien klarkommen. Vorübergehende Lösungen sind nicht selten, können anregend sein, auch wenn das ein bisschen anstrengend ist. Die inneren Bilder, die alte Routine – das ist alles ist ja noch da, noch in uns. Wir dürfen ihnen z.Zt. nur nicht folgen, und das wird wohl auch noch einige Monate so weitergehen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der innerstädtischen Trümmerwüste erst einmal Buden aufgestellt. Das Handeln ging wieder los. Und wo einst stolze Fachwerkhäuser standen, zog man zunächst einstöckige Flachbauten hoch. Einzelne solche einfachen Gebäude stehen noch heute zwischen den 3-stöckigen Neubauten der 60er und 70er Jahre. Irgendwie musste es ja wieder losgehen. Manches Provisorium ist langlebig. Irgendwann gehörte es zum neuen Stadtbild dazu und wurde Teil des Lebens, das man als gegeben hinnimmt.
Nicht nur unsere Stadt, auch die Bibel beherbergt Geschichten, die genau davon handeln: „Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium.“ Als das Volk Israel Sinai ankam, war das nur eine vorübergehende Station, ein Zwischenstopp. Bald brachen sie wieder auf. Der Weg ins gelobte Land, in die Sesshaftigkeit, war noch lang und beschwerlich. Am Sinai entstand ein besonderes Heiligtum. Gott ließ ein Zelt errichten, genannt die „Stiftshütte“ oder das „Zelt der Begegnung“. Ein provisorisches Gotteshaus, ein Reisetempel, der sich abbauen und an anderen Orten neu errichten ließ. Die biblische Erzählung schildert es so: Jedes Mal beim Aufbruch, rief Mose laut über’s Lager: „Herr, steh auf!“ Und sie bauten das Zelt ab, sie hüllten die heiligen Gegenstände in Decken und Tücher und machten sich auf den Weg. Gott machte sich mit seinem Volk auf den Weg. Wenn sie sich wieder lagerten, rief Mose laut über den Treck der Reisenden: „Herr, komm wieder!“ Gott ließ sich mit seinem Volk nieder. Doch weder das Unterwegssein noch die Lagerplätze waren endgültig.
Auch wir bewegen uns seit Wochen und noch bis 2021 von einem Provisorium zum andern. Das kostet Kraft. Und wir brauchen eigentlich ein bewegliches Gemüt. Jedes Mal, wenn uns die Situation herausfordert, und wir uns umstellen müssen, wo wir beharren möchten, wo wir gebremst werden, obwohl wir lospreschen wollen – jedes Mal haben wir ein Gebet aus diesen alten Geschichten zur Hand. „Herr, steh auf.“ „Herr, komm wieder.“ Wenn unsere Herzen ihn zum Gefährten haben, geht manches leichter und wir halten länger durch.
Amen.

Download als PDF-Datei

  Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.

Pfarrer Werner Busch - 08.09.2020

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.
Auf ein Detail möchte ich Sie gerne hinweisen, das mir selber erst vor kurzem aufgefallen ist. Ein wesentlicher Teil dieses berühmten Gleichnisses spielt am Weg. In der Fußgängerzone. Auf dem Bürgersteig. Auf den Wanderpfaden. „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho … Und es begab sich, dass auch ein Priester hinabzog … Und ein Levit … Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam auch.“
Dort kam es zu einem Vorfall. Einem Überfall. Einem Unfall. Der Mensch ging und fiel … Er „fiel unter die Räuber“. Jetzt die Frage: Wer ist zuständig? Wer kümmert sich um so etwas im öffentlichen Raum. Im Niemandsland. Wenn das vor meiner Haustür passiert, dann bin ich verantwortlich, so wie ich dort ja auch für Schneedienst und Verkehrssicherung sorgen muss. Aber im Irgendwo der Stadt?
Der Priester kam, sah … und ging vorüber. Auch der Levit, ein Tempeldiener, kam, sah und ging. Beides Männer des Hauses. Zwischen vier Wänden ist ihr Element. Unter Dächern fühlen sie sicher. Da ist auch ihr Glaube zu Hause. Da sind sie fromm und redlich. Und manchmal auch redselig. Wo es einen klaren Hausherrn gibt und Stammplätze, Regeln und Etikette. Oder Liturgie. Aber unter freiem Himmel, wo die Geier kreisen, verwunschenes Gelände, wo alle gleich und frei und unberechenbar sind – da machen sie innerlich dicht. Da sind sie fremd und nur auf der Durchreise. Da sind Sie Migranten, nicht heimisch. Dort in der Kommunikationswüste der Fußgängerzonen und dem der Gesprächsarktis an Kassen haben sie im wahrsten Sinn des Wortes nichts verloren.
Aber genau hier passiert’s. Genau hier verwandelt sich ein Samariter, den das Klischee für religiös unterbelichtet erklärt, auf dessen Herkunft durch alte Geschichten ein Stigma liegt … Hier verwandelt sich so ein geistlicher Analphabet in einen Nächsten. Die anderen bleiben Passanten. Da wo etwas passiert, passieren sie, gehen vorbei. Weil ihr Herz nicht geübt hat, bei Wind und Wetter zu lieben. Immerhin: sie sehen. Sie schauen noch hin. Wir Städter haben ja gelernt, mitten im Trubel präzise aneinander vorbeizusehen.

Mit diesem Gleichnis erklärt Jesus den öffentlichen Raum zum Ort des Glaubens. Das freie Gelände, wo es keine Zugangsregeln und Aufenthaltsbestimmungen gibt, wo du nur Mensch bist unter Menschen, Fremder und Fremden: das ist der Ort, über dem Gott sein Gebot und seine Verheißung ausruft. Da draußen, jenseits der Kirchenportale.
Das nächste Mal, wenn Du dort jemanden siehst, dann schau und hör genau hin. Vielleicht verändert dich das auch und du wirst ein Nächster. Eine Nächste. „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam, sah und hatte Erbarmen. Geh hin. Und tu desgleichen!“

Download als PDF-Datei

  Das innere Team

Das innere Team

Pfarrer Werner Busch - 07.09.2020

Manchmal bin ich mit mir selbst nicht einig. Eine Entscheidung ist zu treffen, und ich zaudere etwas und bin zwischen „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht“ hin- und hergerissen. Zweifel und Vorfreude gehen durcheinander. Die Psychologie sagt: Dann ist Selbstklärung nötig. Mit sich selbst in Klausur gehen. Dabei kann es helfen, sich die widerstreitenden Gedankenimpulse und Emotionen wie ein inneres Team vorzustellen. Im eigenen Kopf oder Herzen steckt eine Zweiflerin, ein Bedenkenträger, ein Planer und Manager, eine Problemlöserin usw. Nehmen Sie sich einmal Zeit, und lassen die einzelnen Mitglieder Ihres inneren Teams aussprechen. Welche Zweifel, welche Sorgen stecken in Ihnen? Oder geben Sie Ihrer Problemlöserin, Ihrem begeisterten Planer einmal das Rederecht. Ausreden lassen.
Solche internen Gedankenkonferenzen kennt auch die Bibel. Das Selbstgespräch hat in den Psalmen einen viel besseren Ruf als in unserer Zeit. „Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes / und das Gespräch meines Herzens vor dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser.“ (Psalm 19,15). Beten kann auch heißen: Gott zum Zeugen und Mithörer meines inneren Dialogs zu machen. Gerade wenn das Grübeln losgeht und ich Zeit brauche, den inneren Knoten vorsichtig zu lösen und meine Gedanken zu sortieren. „Lass dir wohlgefallen das Gespräch meines Herzens vor dir.“
Die Bibel geht noch ein bisschen weiter. Sie rät dazu, dass eine Stimme im inneren Team nicht verstimmt. „Lobe den Herrn, meine Seele.“ (Psalm 103). Nicht immer lässt sich Gefühlschaos durch vernünftige Überlegung klären. Manchmal braucht es einen Entschluss, einen inneren Ruck. Wenn alle anderen Stimmen im inneren Team ausgeredet haben – und das dürfen sie - , dann geben Sie dieser Stimme auch noch das Wort: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Denn wir sind nicht die Meisterinnen und Meister unseres eigenen Lebens. Gott hat die ganze Welt in seiner Hand und auch mein kleines Leben. Schon manches Mal sind meine Zweifel widerlegt worden und mein Ärger hat sich in Luft aufgelöst, weil es sich überraschend gefügt hat. Das kann wieder passieren, liebe Seele. Vielleicht darf die Stimme des Glaubens, des Vertrauens, der Hoffnung beim nächsten Mal das Schlusswort haben.
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält, wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!
Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran, was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

Download als PDF-Datei

  Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

Markus Fay-Fürst, Pfarrer - 05.09.2020

„Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen.“ Mit diesen Worten Adolf Hitlers, gesprochen in einer Soldatenuniform im Deutschen Reichstag am Morgen des 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg vor 81 Jahren.
Mit einer Lüge begann der Zweite Weltkrieg. Denn es wurde nicht zurückgeschossen, es wurde sofort geschossen. Die deutsche Regierung erfand einfach einen angeblichen polnischen Überfall auf einen deutschen Radiosender, den in Wahrheit deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen ausführten, um scheinbar berechtigt zurückschlagen zu können.
Wer Krieg will, muss lügen, die Wahrheit verbiegen oder unterschlagen. Denn wer Krieg will, muss in den Köpfen seiner Mitmenschen Feindbilder pflanzen, die ein rigoroses Vorgehen gegenüber den anderen rechtfertigt.
Das galt schon immer für die großen Kriege, aber auch genauso für die kleinen Kriege in der Familie, in der Nachbarschaft, im Verein, im Beruf.
Wer Frieden will, darf nicht lügen. Die Lüge gehört zum Krieg, zum Frieden gehört es, unbedingt aufrichtig zu bleiben, zu bedenken, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat. Dass nicht alles, was man hört, richtig ist. Wer Frieden will, muss auch Verantwortung dafür übernehmen, was er sagt und was er nicht sagt.
Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!
Wenn man „Frieden stiften“ hört, denkt man an Großes, aber es beginnt mit den kleinen Entscheidungen.
Eine kurze Geschichte dazu:
Eines Tages kam Kritias zu Socrates, aufgeregt rief er:
„ Höre, Socrates, das muss ich dir erzählen, ein Freund hat…“
„Halt ein!“, unterbricht ihn der Weise, „lass sehen, ob das, was du erzählen willst, durch die drei Siebe geht.“
„ Drei Siebe?, fragt Kritias voll Verwunderung.
„Ja, mein Freund, drei Siebe! Das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist das, was du mir erzählen willst, wahr?“
„Nun, ich weiß nicht, ich hörte es erzählen, und ….“
„Aber vielleicht hast du es im zweiten Sieb geprüft, dem Sieb der Güte, ist das, was du mir erzählen willst, wenn nicht schon als wahr erwiesen, wenigsten gut, hilfreich für dich oder andere?“ Zögernd sagte Kritias: „ Nein, das nicht, eher im Gegenteil…“
„Dann“, unterbrach ihn der Weise, „lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden: Ist es notwendig, mir zu erzählen, was dich so erregt?“
Notwendig nun gerade nicht…“
„ Also“, lächelt Sokrates, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder erwiesen wahr, noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“
Frieden stiften ist nicht einfach, denn schon ganz am Anfang fordert es von uns den Verzicht auf Klatsch und Tratsch, an dem Weitergeben von Halbwahrheiten nicht teilzuhaben und wenn nötig, dem mit einer klaren Stellungnahme entgegenzutreten.
Kritias macht es deutlich, nicht zu reden, wo schweigen besser wäre, fällt uns Menschen sehr schwer. Vielleicht sollten wir uns gegenseitig daran erinnern, wenn mal wieder ein Gerücht geboren und weitergegeben wird, wenn mal wieder schnell, aus dem Bauch heraus, ein abwertendes Urteil über andere, als Wahrheit verkauft wird. Hier beginnt schon die Unterstützung eines zukünftigen Friedens. Wir Christen müssen auch den Mut haben uns zu unterscheiden.
Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

Download als PDF-Datei

  HEGELS WELTGEIST, ODER: GEGENSÄTZE ZIEHEN SICH AN

HEGELS WELTGEIST, ODER: GEGENSÄTZE ZIEHEN SICH AN

Henning Böger, Pfarrer - 04.09.2020

Er war ein echter Nachtarbeiter und großer Liebhaber der griechischen Antike: der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In der vergangenen Woche, am 27. August jährte sich sein Geburtstag zum 250. Mal.
In Stuttgart geboren, studierte das älteste von drei Geschwisterkindern evangelische Theologie und Philosophie in Tübingen. Später lehrte er als Professor für Philosophie in Berlin.
Seinen Zeitgenossen galt Hegel als etwas umständlicher, dafür aber in die Tiefe bohrender Denker. Bis heute ist er einer der herausragendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Wagen wir heute Abend einen kurzen Blick in sein Denken hinein.
Der von Hegel entwickelte Denkansatz besagt (in aller Kürze), dass gegensätzliche Größen einander nicht ausschließen müssen, sondern in einer „goldene Mitte“ aufgehoben werden. Dieses Prinzip lässt sich ganz lebenspraktisch in vielen Partnerschaften beobachten. Gegensätze ziehen sich an, sagt man ja.
Auch Hegel hat sein philosophisches Prinzip an der Liebe entdeckt. Es sei mit jenem Gefühl beschreibbar, dass man in einem anderen Menschen ganz bei sich selbst sein kann. Hegel formuliert es so: „Es ist das Wesen der Person, sich selbst ganz an ein Gegenüber hinzugeben und sich gerade so im anderen wiederzugewinnen.“
Gegensätze ziehen sich an und führen gemeinsam über sich hinaus: Für den studierten Theologen Hegel war es nur ein kurzer Schritt hin zum Gedanken, auch Gott nach diesem Prinzip zu verstehen: Gott, der die Welt geschaffen hat, überlässt die Schöpfung nicht sich selbst, sondern geht in die Schöpfung ein und schreitet in ihr als „Weltgeist“ immer weiter fort.
Man hat den Philosophen Hegel für seinen Glauben an den ungebrochenen Fortschritt kritisiert. Dass Fortschritt um jeden Preis nicht immer Segen bringt, das wissen wir heute alle. Aber der Gedanke, dass in uns Menschen schöpferische Kraft gelegt ist zur Veränderung, dass wir nicht bleiben müssen, wie wir sind in unseren Lebensentwürfen und Beziehungen zu anderen, auch im Glauben an Gott, der ist noch immer tröstlich und bleiend aktuell:
Wie gut, uns und unsere Welt nicht allein in den Klauen eines kleinen Virus wissen zu müssen, sondern im Innersten von Gott als gutem Weltengeist gehalten und geführt.
Irgendwie passt dazu auch das Ende Hegels: Als die Cholera in Berlin grassiert, unterschätzt der große Denker die Gefährlichkeit der Epidemie.
Zu früh wagt er sich wieder aufs universitäre Katheder, erkrankt schwer und stirbt im November 1831 im Alter von 61 Jahren. Seine Grabstätte findet sich bis heute auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
Aus der letzten Vorlesung Hegels sind folgende Worte überliefert: „Freiheit ist das Innerste, denn aus ihr steigt der ganze Bau der geistigen Welt hervor.“
Wir alle haben diese innere Freiheit zum Leben, Denken und Glauben nötig.

Download als PDF-Datei

  Versöhnung leben

Versöhnung leben

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.09.2020

Dass es uns Menschen nicht immer gelingt, friedlich und freundlich miteinander umzugehen, bedarf keiner weiteren Erklärungen. Ein Blick in die Zeitung, das Hören einer Nachrichtensendung oder nur ein paar Minuten der 20:00-Uhr-Ausgabe der Tagesschau reichen aus, um hierfür hinreichend Belege zu finden. Doch auch in unserer kleinen Welt machen wir immer mal wieder die Erfahrung, dass uns unsere Mitmenschen ärgern, auf den Geist gehen oder sonst wie die Lebensfreude eintrüben.
Kritisch betrachtet sind wir es allerdings manchmal auch selbst, die die Ursache von atmosphärischen Störungen sind. In der Hektik des Alltags, aus Unachtsamkeit oder vielleicht sogar ganz gezielt, verursachen wir auch schon mal Stress im Beziehungsgeflecht zu den Menschen um uns herum. Selbst zwischen Jesus und seinen Jüngern herrschte nicht immer nur eitel Sonnenschein. Auch hier gab es Meinungsverschiedenheiten und blankliegende Nerven – selbst auf Jesu Seite, wenn seine Gefolgsleute ihn mal wieder so gar nicht verstanden. Niemand ist davon frei und wahrscheinlich gehört es zum Leben einfach dazu, so, wie das Amen in der Kirche.
Ich denke auch, dass in unserem Verhältnis zu Gott das eine oder andere Knirschen auftauchen kann. Wir Menschen geben Gott mit unserem Verhalten ganz sicher ausreichend Anlass, zumindest mal – bildlich gesprochen – irritiert den Kopf zu schütteln oder die Augen zu verdrehen, wenn nicht sogar noch mehr. Wie oft kriegen wir es nicht hin, so zu leben, wie Gott es für uns vorgesehen hat und wahrscheinlich auch von uns erwartet?
Auf gut Norddeutsch könnte man jetzt sagen: „Es ist ja mal, wie’s ist!“ Und das stimmt auch. Entscheidend ist doch aber, dass das aus welchem Grund auch immer zerschlagene Porzellan wieder weggeräumt wird. Und dazu braucht es jemanden, der damit anfängt, der bereits ist, nötigenfalls auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Das kann eine echte Herausforderung sein, insbesondere dann, wenn man der festen Überzeugung ist, dass der Andere mit dem ganzen Theater ja schließlich angefangen hat.
Über dem Monat September heißt es: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.“ Von Paulus stammen diese Worte und der Apostel macht deutlich, dass es Gott war und ist und immer wieder sein wird, der von sich aus den ersten Schritt gemacht hat. Er ist in Jesu Christus auf uns zugekommen und hat seine Hand ausgestreckt, um uns zu vergeben. Er ist sich nicht zu schade dafür und er beweist uns damit, wie groß seine Liebe zu uns ist.
Und wenn Gott bereit ist, uns Menschen so unvoreingenommen zu vergeben und sich mit uns zu versöhnen, dann dürfen wir uns davon ruhig eine Scheibe abschneiden – in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Die Wahrheit? Nicht verhandelbar!

Die Wahrheit? Nicht verhandelbar!

Henning Böger, Pfarrer - 01.09.2020

In vielen Länder erleben wir gerade etwas, was besorgt: ein Spiel mit der Wahrheit. Nachrichten werden verbreitet, Erkenntnisse gestreut, die entweder nicht überprüfbar sind oder sogar schlicht falsch.
Quer über die Kontinente ziehen sich diese gefährlichen Spiele: In den USA gibt es Diskussionen um die Briefwahl. Diese lade zum Betrug ein, twitterte Präsident Trump. Belegen will er das nicht. In Weißrussland behauptet der Diktator Lukaschenko wahlweise, die Proteste gegen seine Wiederwahl seien von Drogenabhängigen oder ausländischen Kräften gesteuert. Und weltweit leugnen Menschen die Gefahr des Coronavirus und behaupten, es gehe um eine Weltdiktatur des Microsoft-Gründers Bill Gates, der uns Chips einimpfen und gefügig machen will.
Man kann diese Liste noch fortschreiben. Aber schon so wird deutlich: Mit der Wahrheit wird vielerorts gespielt. Sie wird verdreht, gedehnt, verschleiert, ins Gegenteil verkehrt. Soweit und solange, bis sie nicht mehr gefunden werden kann, bis niemand mehr in der Lage ist, einen Durchblick oder Überblick zu finden. Was wahr ist, wird bestritten und oder vertuscht; was gelogen ist, wird als wahr behauptet.
Die Wahrheit aber ist nicht verhandelbar. Es mag wohl eine Weile gut gehen, wenn man der Wahrheit aus dem Weg geht oder sie leugnet. Aber dann, nach Monaten, Jahren oder Jahrzehnten kommt sie doch ans Licht. Denn die Wahrheit ist nicht ewig unterdrückbar.
Das ist ein Gedanken, der Jesus wichtig war: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird“, sagt er (Lukas 12,2). In diesen Worten liegt Hoffnung für alle, die sich nach Wahrheit sehnen, nach dem rechten Licht, in dem das eigene Leben und alles Leben stehen und bestehen kann.
Es ist eine doppelte Hoffnung. Ihr erster Satz lautet: Das Verlogene wird erkannt werden; die Lüge hat nicht das letzte Wort. Und ihr zweiter, der noch wertvoller ist: Wir können diese Hoffnung jetzt schon leben. Wir können in unseren Worten und Taten, nach bestem Wissen und Gewissen aufrichtig und ehrlich sein. Wer so lebt, lebt im Geiste Jesu, der sagt: „Wer die Wahrheit tut, der kommt zum Licht.“ (Johannes 3,21)

Download als PDF-Datei

  Grenzen aufzeigen

Grenzen aufzeigen

Heiko Frubrich, Prädikant - 31.08.2020

Am vergangenen Wochenende waren in Berlin verstörende Szenen zu sehen. Am Rande der Proteste gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen durchbrachen mehrere der Demonstranten gewaltsam die Absperrungen vor dem Reichstag und stürmten auf die Treppenanlage vor das Parlament. Einige unter ihnen schwenkten die bei den Reichsbürgern gebräuchlichen schwarz-weiß-roten Reichsfahnen, trugen Kleidung mit Aufdrucken rechtsradikalen Inhalts und beschimpften die Polizisten, die vor Ort waren. Denen gelang glücklicherweise, ein Eindringen in das Reichstagsgebäude zu verhindern. Für alles gibt es Grenzen. Und wenn Vertreter von Gruppierungen, die sich ganz klar und eindeutig gegen unsere demokratische Grundordnung stellen, gewaltsam vor unser Parlament vordringen und dort ihre Fahnen schwenken, dann ist so eine Grenze überschritten.
Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Presse- und Religionsfreiheit sind hohe Güter und Werte, ohne die unsere Demokratie nicht vorstellbar wäre. Doch wenn diese Freiheiten von Leuten missbraucht werden, um sich genau gegen diese Werte zu stellen, von denen sie selbst profitieren, dann ist es an der Zeit, sie in ihre Schranken zu verweisen. Unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und Politiker nahezu aller im Bundestag vertretenen Parteien haben dies sehr klar und eindeutig herausgestellt.
Nun mögen Sie sich vielleicht gerade fragen, was dieses Thema hier und heute im Dom zu suchen hat. Ich finde: Sehr viel! Rechtsextreme Tendenzen und rechtsextreme Gewalt nehmen in Deutschland immer mehr zu. Die politischen Ziele, wenn man sie denn überhaupt so bezeichnen kann, sind mit christlichen Werten nicht vereinbar und so sind wir auch als Kirche gefordert, hier klar Position zu beziehen.
Unser Dom ist in seiner Geschichte von Nazis entweiht und als nationale Weihestätte missbraucht worden. Und so ist es eine historische Verpflichtung, in ganz besonderer Weise wachsam zu sein, wenn in unserem Land wieder etwas zu erstarken droht, von dem wir alle wissen sollten, wohin es führt.
Ja, es mögen unter den Demonstranten Menschen gewesen sein, die von Unsicherheit und echter Zukunftsangst getrieben waren. Für all jene müssen wir ansprechbar sein und bleiben und ihre Sorgen ernst nehmen – auch als Kirche. Doch wer Freiheit und Demokratie in Frage stellt, egal ob von rechts oder von links, wird Christinnen und Christen nicht auf seiner Seite haben.
„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Freiheit ist ein Gottesgeschenk, dass Menschen einander nicht verwehren dürfen. Darauf zu achten ist christlicher Auftrag, den wir hier am Dom gern und engagiert wahrnehmen. Amen.

Download als PDF-Datei

  (NOCH) KLEINE HOFFNUNGSTRÄGER

(NOCH) KLEINE HOFFNUNGSTRÄGER

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.08.2020

Heute ist für viele kleinen Menschen in unserer Stadt und unserem Land ein großer und bedeutender Tag: Heute ist vielerorts Einschulung. Auch mein Patenkind ist dabei, ich komme gerade vom Einschulungsgottesdienst aus St. Magni. Es ist wunderbar, die Erstklässler zu beobachten. Sie sind voll von Emotionen – Vorfreude, Aufgeregtheit, Unsicherheit, Stolz. Manche bleiben nah bei ihren Eltern, andere stürmen los zu ihren neuen Klassenkameraden, stürmen los in ihren neuen Lebensabschnitt.
Es ist schon bemerkenswert, wie unterschiedlich wir Menschen mit Veränderungen so umgehen, die sich in unserem Leben ergeben. Manch einer marschiert einfach drauf los, so wie viele der neuen Schulkinder, erwartungsvoll, neugierig, mit hochgekrempelten Ärmeln - manch anderer ist doch eher schüchtern und zurückhaltend, vielleicht sogar ängstlich und sorgenvoll. Wir sind eben alle mit unterschiedlichen Charakteren ausgestattet worden, und das ist auch gut so.
Damit unser Zusammenleben funktioniert, in unseren Familien, in unseren Freundeskreisen, in unseren Kirchengemeinden, in der Wirtschaft, in dieser Welt, brauchen wir diese Vielfalt. Wir brauchen die Forschen, die Innovativen, die Mutigen, die Neues für uns erschließen, wir brauchen aber auch die Nachdenklichen, die Zurückhaltenden, die Risikobewussten, damit nichts und vor allem auch Niemand bei Veränderungsprozessen unter die Räder gerät.
Es ist gut, dass Gott uns so verschieden gemacht hat und dass jeder mit seiner ganz persönlichen Art an seinem ganz persönlichen Platz etwas dazu beitragen kann, dass wir alle miteinander ein gutes Leben haben können. Jeder und jede hat hier die Möglichkeit mitzugestalten und ich finde, auch die Verantwortung, es zu tun.
Wichtig ist allerdings, dass wir diese Verantwortung wahrnehmen. Dass wir auf dieser Welt noch mehr als ausreichend an unerledigten Baustellen haben, liegt auf der Hand. Lebensmittel und Lebenschancen sind höchst ungerecht verteilt und von einem friedlichen Miteinander sind wir ebenfalls in vielen Regionen meilenweit entfernt. Damit es besser wird auf dieser Welt, brauchen wir Menschen, die sich kümmern, die sich engagieren, die sich einbringen und einmischen. Und wir brauchen sie, so, wie sie sind, mit ihren ganz persönlichen Eigenschaften und Eigenarten, ihren Stärken und Schwächen, ihren Talenten und Neigungen.
Heute beginnt für viele kleine Hoffnungsträger die Zeit, in denen sie ihr Handwerkszeug für ihr weiteres Leben zugerüstet bekommen. Und es ist gut, dass wir dazu in vielen Kirchen um Gottes Segen bitten. Denn den brauchen wir, wenn das, was wir tun, Erfolg haben soll. In unserem Gesangbuch heißt es: „Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.“ So sei es! Amen.

Download als PDF-Datei

  Zeichen der Liebe

Zeichen der Liebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.08.2020

Am 15. März 2019 tötete ein Rechtsextremist im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen der Stadt. Gestern wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, ohne eine Möglichkeit, die Haftstrafe vorzeitig zu beenden – das härteste Urteil, das in Neuseeland je verhängt wurde. Der Attentäter wollte die Gesellschaft spalten, sich zum Anführer der guten und richtigen Seite stilisieren, die sich dann gemeinsam gegen die böse und schlechte Seite, auf der in seinem kruden Weltbild unter anderem Muslime standen, erheben sollte.
Leider ist dieser terroristische Anschlag kein Einzelfall. Überall auf der Welt und auch in unserem Land häufen sich derartige Vorgänge, denken wir beispielsweise an Halle, wo ein Rechtsterrorist zwei Passanten tötete, nachdem es ihm nicht gelang, die in ihrer Synagoge betende jüdische Gemeinde zu überfallen und dort ein Massaker anzurichten.
Auch hier war die Motivation Hass, der sich gegen eine bestimmte Glaubensgemeinschaft richtete. Und es ist immer wieder dasselbe: Menschen maßen sich an, andere Menschen einer geringeren Wertigkeit zuzuordnen und sie machen es fest an der Religion, der Herkunft, der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung, der politischen Weltanschauung, oder, oder, oder.
Der Attentäter au Christchurch landet nun also bis zum Ende seines Lebens im Gefängnis. Das mag eine juristisch angemessene Reaktion auf die Tat des Verurteilten sein. Doch viel wichtiger war und ist die Art und Weise, wie unmittelbar nach dem Attentat die Menschen in Neuseeland reagiert haben. Sie haben deutlich gemacht, dass sie sich nicht trennen lassen und dass in ihrem Land jede Form von Rassismus, Mobbing und Spaltung höchst unerwünscht ist. Die Menschen in Neuseeland haben Zeichen der Liebe gesetzt als Antwort auf Terror und Gewalt.
Ich denke, dass es das ist, was wir brauchen und eben nicht nur in Neuseeland. Natürlich ist eine faire und unabhängige Gerichtsbarkeit zwingend notwendig, um den einzelnen Handelnden zu begegnen. Doch ein breiter und vor allem sichtbarer gesellschaftlicher Konsens gegen Rassismus und Ausgrenzung ist mindestens genauso wichtig.
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.", so heißt es bei Mose im Alten Testament. Da stehen keine Einschränkungen. Alle Menschen sind gleich viel wert, jeder Mensch ist für sich unendlich wertvoll, einfach, weil er Mensch ist. Diese Botschaft müssen wir verinnerlichen, denn sie entzieht jeder Form von Gewalt gegen andere den Boden. Die Neuseeländer haben das verstanden und Zeichen gesetzt. Davon zu lernen, ist durchaus erlaubt. Amen.

Download als PDF-Datei

  Monika von Tagaste

Monika von Tagaste

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.08.2020

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht auch eine Mutter hat. Das verbindet die Alten mit den Jungen, die Armen mit den Reichen, die Bedeutenden mit den Otto-Normalverbrauchern. Auch der große Kirchenvater Augustinus hatte eine Mutter, Monika hieß sie und ob Augustinus ohne ihre Unterstützung jemals zu so großer Berühmtheit gekommen wäre, ist zumindest mal fraglich.
Monika von Tagaste war eine fromme und starke Frau, eine überzeugte Christin. Sie wurde um das Jahr 332 in Nordafrika geboren. Als Jugendliche rutscht sie in die Alkoholabhängigkeit, wohl auch, weil ihre Eltern nicht ausreichend auf sie achten. Doch sie besiegt ihre Sucht. Sie heiratet einen römischen Beamten und aus dieser Ehe geht auch Augustinus hervor.
Dieser will sich anfänglich nun so gar nicht zum Christentum bekennen. Er schließt sich den Manichäern an, einer streng reglementierten nicht christlichen religiösen Gemeinschaft, findet dort allerdings auch keine spirituelle Erfüllung. Seine Mutter Monika lässt jedoch nicht ab von ihrem Bemühen, Augustinus für ein christliches Leben zu begeistern und hat schlussendlich auch Erfolg. 387 lässt sich Augustinus zur großen Freude seiner Mutter in Mailand taufen. Monika stirbt noch im selben Jahr mit 56 auf der Rückreise in ihre nordafrikanische Heimat. Auf Bildern wird sie oft mit einem Krug dargestellt. Er soll die Tränen versinnbildlichen, die Monika weinte, bis ihr Sohn sich endlich zum Christentum bekehrte.
Mit der Lebensgeschichte der Monika von Tagaste wird die Frage aufgeworfen, wie das denn so ist, mit dem christlichen Glauben. Kann man ihn zum Beispiel seinen Kindern verordnen? Kann man ihn vorschreiben, so wie es im Mittelalter häufig die Herrscher gemacht haben – cuius regio, eius religio – wem die Herrschaft, dem auch die Religion? Ich denke, so einfach ist das nicht.
Unser Glaube und auch unsere christliche Grundüberzeugung, die sich aus diesem Glauben speist, sind ein Geschenk. Gott entscheidet darüber, wem er es zuteilwerden lässt und wem nicht. Natürlich können und sollen wir Menschen dafür den Weg ebnen, in dem wir von unserem Glauben erzählen, neugierig machen auf das, was Gottes frohe Botschaft ist. Doch Glauben schaffen, können wir nicht.
Das ist einerseits manchmal frustrierend, andererseits für uns Christinnen und Christen aber auch eine große Entlastung. Wir sind nicht allein dafür verantwortlich, den Glauben weiterzugeben. Wir können uns den Mund fusselig reden beziehungsweise predigen – wenn Gott das seine nicht dazugibt, haben wir keine Chance. Doch falls wir mal nicht so ganz die richtigen Worte finden: Gott hilft, sie für unsere Mitmenschen zu übersetzen.
Augustinus Mutter, Monika von Tagaste, war unermüdlich und erfolgreich. Heute ist ihr Gedenktag, weshalb wir gern von ihr erzählen. Und vielleicht motiviert sie uns ja auch, uns an ihrer Beharrlichkeit ein Beispiel zu nehmen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gott ist nicht berechenbar

Gott ist nicht berechenbar

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.08.2020

Ich habe gerade ein Buch gelesen mit dem Titel: „Der Wal uns das Ende der Welt“. Es handelt von einem Investmentbanker, der mehr oder weniger freiwillig mit seinem alten Leben komplett bricht und dann während einer weltweiten Krise, die durch ein aggressives Grippevirus ausgelöst wird, in einem kleinen englischen Küstenort ein komplett neues Leben kennenlernt und dann auch lebt. In diesem Roman erzählt der Chef dieses Bankers seinem Angestellten folgende Episode über den englischen Wissenschaftler Francis Galton:
Dieser initiierte 1906 auf einem Jahrmarkt in Plymouth eine Lotterie, bei der die Jahrmarktbesucher das Gewicht eines Ochsen schätzen sollten. Von den rund 800 Teilnehmern hatte keiner das korrekte Gewicht von 599 kg geraten und viele lagen weit daneben. Allerdings stellte Galton im Nachhinein fest, dass der Durchschnitt aller abgegebenen Tipps bei 598.5 kg lag, also nur 500 Gramm neben dem richtigen Wert. Schwarmintelligenz nennt man diesen Effekt, der tatsächlich in vielen Lebenslagen funktioniert.
Wochen später verbringt der Protagonist des Buches, der selbst nicht besonders religiös ist, eine lange Zeit mit einem Pfarrer und die beiden kommen im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt ins Gespräch. Und dabei entsteht folgende Überlegung: Kein Mensch weiß hundertprozentig, ob es einen Gott gibt, so wie kein Mensch das genaue Gewicht des Ochsen sicher wusste. Würde man aber sehr viele Menschen um eine Schätzung bitten, ob es einen Gott gibt, so wäre das Ergebnis sicherlich positiv.
Ob das wohl ein Weg sein könnte, Gott zu beweisen? So attraktiv dieses Gedankenspiel auch sein mag und so groß unsere Sehnsucht nach einem Beleg für Gottes Existenz auch ist – ich fürchte, dass das so nicht klappt. Denn zum einem wären die Antworten sicherlich vom Wunsch nach Klarheit beeinflusst und zum anderen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Gottes Wesen und Wirken und Sein für derartig banale Herangehensweisen viel zu großartig und im Wortsinne wunderbar ist.
Schade eigentlich. Andererseits aber auch nicht. Denn es gibt genügend Möglichkeiten und Gelegenheiten, Gottes Gegenwart zu spüren: in den vielen Zeichen seiner Gnade, die uns zuteil wird – in den Wegbegleitern, die er uns an die Seite stellt und die uns guttun, in dieser Welt, die er uns anvertraut und in der Liebe, die immer wieder aufleuchtet zwischen uns Menschen.
Gott ist weit mehr als das Ergebnis einer mathematischen Formel, weit mehr als die Summe von Befragungsergebnissen und sei sie noch so groß. Gott ist weit mehr, als unsere menschliche Vernunft fassen kann. Doch er ist da, für Sie, für Euch, für mich – voller Freundlichkeit und Wärme. Amen.

Download als PDF-Datei

  Bitte abstauben!

Bitte abstauben!

Henning Böger, Pfarrer - 25.08.2020

Viele Jahre lang staubte es einfach vor sich hin und nun ist es plötzlich kostbar geworden: das Gemälde „Porträt einer Dame“. Über Jahrhunderte meinte man, es sei von einem Schüler des genialen flämischen Malers Peter Paul Rubens (1577-1640) gemalt worden und deswegen von nur geringerem Wert.
Jetzt aber hat man vorsichtig und gründlich den Staub und die Patina vom Bild entfernt und genau hingesehen. Und siehe da: Die Experten sagen, es sei vom Meister Rubens selbst: Ein kostbares Gemälde haben lange unentdeckt vor sich hin gestaubt.
Den Besitzer, der ungenannt bleiben will, wird es freuen. Er hat das Bild vor Jahren für ein paar Tausend Euro gekauft und will es nun in London versteigern lassen. Versehen mit den neuesten Gutachten, wird ein Erlös von um die drei Millionen Euro erwartet. Ein gutes Geschäft, oder? Nur weil man mal gründlich abgestaubt hat!
Eine feine Geschichte mit tieferem Hintersinn, meine ich. Denn manchmal ist es ja so, dass etwas Jahre oder Jahrzehnte unerkannt oder unbeachtet bleibt, aber unter dem Staub des Vergessens doch seinen wertvollen Glanz behält.
Ich muss dabei an die vielen Bibelverse denken, die wir Menschen uns an besonderen Wegmarken unserer Lebensgeschichten auswählen und ganz wörtlich ins Stammbuch schreiben lassen: oftmals mit großer Sorgfalt ausgesuchte Worte, die das Neue, das mit ihnen beginnt, deuten und dann mit uns gehen sollen: der eigene Konfirmationsspruch, den Jugendliche sich wählen, der gemeinsam gesuchte Trauspruch, die Taufsprüche der Kinder und schließlich auch die letzten Worte im Abschied an den Gräbern gesprochen.
Viele Menschen tragen solche Bibelworte mit sich auf Urkunden oder in Familienbücher geschrieben. Häufig sind sie stille Wegbegleiter, die dann und wann in Gedanken hervortreten, abgestaubt und erinnert werden wollen: „Ach ja, so war das!“ Und oftmals ist mit diesen Bibelworten ein besonderes Gefühl verbunden: von anderen bedacht worden zu sein, die uns gut waren so, wie Gott uns gut ist.
Eine Pfarrkollegin, inzwischen hochbetagt, erzählt bei einem Besuch von „ihrem“ Bibelwort. Es hat sie fast durch ein ganzes Jahrhundert begleitet und steht im 73. Psalm: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ Sie sagt das Wort auswendig auf und wir schweigen danach. Es ist alles gesagt. Und ich merke: Dieses Wort ist kostbarer als alles, was man für Geld erwerben könnte!

Download als PDF-Datei

  Großes passiert oft unbemerkt…

Großes passiert oft unbemerkt…

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.08.2020

Der biblische Lehrtext aus dem Markusevangelium ist heute ein Auszug aus dem Bericht über Jesu Besuch im Hause Simons, des Aussätzigen. Dort heißt es: „Als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Eine bemerkenswerte Geschichte – in vielerlei Hinsicht. Ich möchte Sie aufmerksam machen auf das, was hier an Grundlegendstem passiert: In dieser Szene wird aus Jesus von Nazareth Jesus Christus, Jesus der Gesalbte. Und es vollzieht sich so unspektakulär. Nicht mit direktem göttlichen Eingreifen, wie bei Jesu Taufe, wo eine Stimme vom Himmel zu hören ist. Und es ist auch nicht eine so berühmte Persönlichkeit, wie Johannes der Täufer, der hier agiert. Nein, es ist eine namenlose Frau, die hier Großes vollzieht.
Und auch der Ort des Geschehens ist besonders. Nicht mit großem Publikum, wie damals am Jordan, sondern all das passiert im Hause eines Aussätzigen, um das ganz sicher alle Einwohner Bethaniens einen großen Boden machten – aus Angst vor Ansteckung und aus der Überzeugung heraus, dass Simons Aussatz eine göttliche Strafe für ein schlimmes Vergehen sein musste. Lediglich Jesu Jünger sind Zeugen. Und die sind nicht etwa tief beeindruckt von dem, was da gerade vor ihren Augen passiert. Nein, sie meckern und motzen und nörgeln und werfen der Frau Verschwendung und Leichtfertigkeit vor.
Jesus nimmt die Frau, deren Namen wir nicht kennen, in Schutz. Er und sie sind die beiden einzigen, die verstanden haben, worum es hier geht und was all das auch für unser Leben bedeutet. Es geht um Liebe, es geht um Erkenntnis und es geht darum, deutlich zu machen, dass materielle Werte bei weitem nicht die erste Geige spielen sollten, wenn so viel Größeres im Spiel ist. Hier wird klar, dass Liebe keine berühmten Namen braucht, und dass Gott unsere Taten versteht, wenn sie aus Liebe geschehen, auch wenn sie für die übrige Welt unsinnig, verrückt oder unvernünftig erscheinen.
Eine namenlose Frau zeigt uns hier, worauf es wirklich ankommt in unserem Leben, sie zeigt uns, was wirklich zählt. Und sie lädt uns ein, uns daran ein Beispiel zu nehmen. Und so will es Jesus, denn er sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Eine Grafik erzählt...

Eine Grafik erzählt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.08.2020

In unserem Erker liegt ein Blatt, eine Grafik, von Gerd Winner. Ein Rahmen wie aus Balken, vielleicht eine Tür. Drinnen eine Figur. Diagonal füllt sie den Raum. Sie fällt, sie fliegt, sie jagt. Blick zurück – voller Angst, fette schwarze Farbe markiert das Gesicht. Was liegt da hinter ihr?
Der Mensch, der hier um sein Leben rennt, flieht. Die Tür zur Freiheit wird zum Tunnel. Es ist nicht geschafft. Aber auch: wer immer da hinauswill, es ist ein Unschuldiger. Die Figur ist so licht als würde sie gleich auferstehen. Bis auf Gesicht und Arme. Schwatze Striche, quer. Eine Anmutung von einem Kreuz. Kann man das sagen, schreiben? Ein Kreuz ist niemals anmutig – aber dieses hier?
Das Bild ist unter dem Eindruck des Mauerbaus 1961 entstanden und Ausdruck eines Lebensthemas des Liebenburger Künstlers. Seither hat Gerd Winner Passionen gemalt, Kreuzigungen im Drahtverhau und damit all den Fluchtversuchen ein Denkmal gesetzt. Etliche dieser Werke wird er im Herbst hier im Dom zeigen. Georg Oswald Cott wird Texte hinzufügen, Gedichte aus seinem Band „Marienborn.“
Es wird ein Ausstellungsprojekt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit.
Die Vorgespräche dazu gehen unter die Haut. Gerade jetzt, während dieser Pandemie, in der man noch gar nicht weiß, wohin rennen – zu den Tests oder dem Impfstoff oder vielleicht lieber überhaupt nicht irgendwohin stürzen und in seiner Grube bleiben wie ein erschrockener Hase?
„Wer lebt und glaubt an mich, der wird nicht sterben.“ sagt Jesus Christus. Und auch: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, die Tür dahin.“ Jesus Christus wusste von höchster Todesnot. Und er war großgeworden mit den Erzählungen seiner Väter. Dazu gehörte auch die von Daniel in der Löwengrube. Der hatte solche lebensgefährliche Enge mit Gottes Hilfe überstanden. Ihm hatte der weltliche Herr über Mauern und Grenzen, Gewalt und Gefangenschaft zugestanden, wie es in der Herrnhuter Tageslosung heute heißt: „Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige.“ (Dan 2,47)


Download als PDF-Datei

  Ein Wunsch, den Gott sich erfüllt

Ein Wunsch, den Gott sich erfüllt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.08.2020

Letztes Jahr in Dortmund habe ich in der Kirchentagsbuchhandlung ein Buch mit einem Titel gekauft, der mich irgendwie angesprungen hat: „Du bist ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat…“
Wahrscheinlich dachte ich, dass da sicher ein paar gute Texte für den Pfarrerinnenalltag bei sein werden. Gestern fiel es mir wieder in die Hände als ich einen Taufgottesdienst vorbreiten wollte. Aber eigentlich habe ich dabei an mein Patenkind gedacht. Es hatte Geburtstag, wurde vier und ist in der Piratenphase. Kein klassisches Wunschkind eigentlich. Seine Eltern hatten sich lange ganz dringend und innig noch ein Kind gewünscht. Aber gerade als sie aufgehört haben sich zu wünschen, dass es noch ein Kind gäbe, da kam er. Eine ein wortwörtlich unverhofftes Glück, ein Geschenk.
Wenn man dieses Kind sieht, so voller vitaler Fröhlichkeit und Zuversicht, dann ist es leicht zu glauben, dass Gott sich da selbst einen Wunsch erfüllt hat. Größergeworden wird das schwieriger.
Wir selbst fühlen uns wahrscheinlich manchmal eher wie eine Laune, unausgereift und unfertig, wenn nicht gar misslungen und unbrauchbar. Es ist nicht jedem möglich, zufrieden und guter Dinge in der eigenen Haut zu stecken. Im Gegenteil: so viele Menschen leiden am eigenen Ungenügen, werden von Selbstzweifeln geplagt. Dann liegt wenig ferner als sich selbst als einen Wunsch oder ein Geschenk zu beschreiben.
In dem herrlichen Jugendfilm „Lady Bird“ fragt eine wahrlich verunsicherte und beunruhigte Tochter ihre entnervte Mutter: „Was ist, wenn ich schon die bester Version meiner selbst bin?“ Mit anderen Worten: „Was ist, wenn nicht mehr drin ist“, „Was ist, wenn ich immer nur eine Enttäuschung bin?“, „Was ist, wenn es keinen gibt, der mich besonders findet oder doch wenigstens halbwegs liebenswert, der mich für ein Geschenk hält?“
Ja, was ist dann?
Dann leben wir im hier und jetzt, unvollkommen und angefochten, irritiert, verunsichert – angewiesen darauf, dass nicht nur ein verzerrter Spiegel oder geschönte Fotos auf diese Fragen antworten, sondern ein wirklicher Mensch, einer der in mir das sieht, was ich von Anfang unzweifelhaft war und bin: Eine gute Idee, ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat.
Dann leben wir davon, dass uns gesagt ist, dass wir Gott ebenbildlich sein dürfen, dass wir seine geliebten Kinder sind und dass es nicht schadet, meinen Nebenmenschen dann und wann daran zu erinnern.

Download als PDF-Datei

  Wo ist Zuhause???

Wo ist Zuhause???

Markus Fay-Fürst, Pfarrer - 20.08.2020

Es war auf dem Rückweg. Eine wunderbare Urlaubswoche an der Nordsee lag hinter mir und meiner Frau. Ich fuhr durch die Einfallsstraße eines Dorfes, da waren die Worte in großen Buchstaben an eine fast eingefallene Wand gesprüht.
„Wo ist Zuhause???“ Es war nur ein flüchtiges Lesen aus dem Augenwinkel heraus, aber die Frage blieb in meinem Kopf hängen.
Da war die Ahnung von purer Verzweiflung, die in einem Menschen hoch kommen kann, wenn er auf diesen Satz mit den drei großen Fragezeichen keine, gar keine Antwort mehr in sich findet.
Wo ist Zuhause? Wenn ich im Urlaub bin und die Rückfahrt ansteht, finde ich in mir, neben der Trauer, dass die freien Tage schon dem Ende zugehen, auch immer ein bisschen Freude auf Zuhause, mit dem klaren Bild von dem Haus, in dem ich mit meiner Familie lebe. Allerdings hat sich die Adresse im Laufe des Lebens schon mehrfach geändert. Im Rückblick gar nicht so einfach zu beantworten, an welchem dieser Orte das Gefühl, zu Haus zu sein, am tiefsten verankert war oder ist, an welchem Ort es sich in meinem Herzen zu richtig eingenistet hat?
Neben dem aktuellem Zuhause gibt es einige aus der Vergangenheit, die in uns weiter wirksam sind. Welches Bild taucht vor ihrem geistigen Auge auf bei der Frage: Wo ist zuhause?
Das Elternhaus, die elterliche Wohnung zu der man von der Schule und vom Spielen nach Hause kam. Mit ihrem typischen Geruch, dem Ticken der Wohnzimmeruhr, den Stimmen der Eltern und Geschwister.
Ist dieses erste Zuhause unser wahres Zuhause, in dem man als Kind Geborgenheit erfahren hat? Manchmal könnte man das glauben, ich habe mit Menschen gesprochen, die als Jugendliche im Krieg fliehen mussten, und dieses Zuhause, das sie damals für immer verlassen mussten, noch als alte Menschen als ihr wahres Zuhause bezeichneten.
Oder begann das Gefühl von Zuhause mit der ersten eigenen Wohnung? Auf eigenen Füßen stehen, sich das Leben erobern - allein oder zu zweit. Einen Rückzugspunkt haben, wo man selbst bestimmen kann. Wo der Satz: „Solange du deine Füße unter meinem Tische stellst….“ Keine Gültigkeit mehr hatte. Mein Zuhause - mein Entscheidungsbereich.
Oder ist das wahre Zuhause die Wohnung, in der man die eigenen Kinder großgezogen hat? Die eigene Familie in Freud und Leid erlebt hat, wo man selbst ein Zuhause für die Kinder gestaltet und aufrecht erhalten hat, wo es so viel Leben, so viel Freude, so viel Streit und so viel Versöhnung gab? Ist das unser wahres Zuhause?
All diese Orte kann man mit Adressen angeben, doch wenn sich die Anschrift ändert, das Gefühl aber mitzieht, ist dann das wahre Zuhause vielleicht gar nicht an einen Ort sondern an Menschen gebunden?
Im Sinne, ich bin da zu Hause, wo meine geliebten Menschen sind. Egal wo wir wohnen, wir sind uns gegenseitig ein Zuhause.
Die Frage: „Willst du mich heiraten, mit mir das Leben teilen?“ Ist ja letztendlich gleichbedeutend mit der Frage: „Darf ich dein Zuhause sein, willst du mein Zuhause sein, solange wir leben?“ Das Gegenüber, von dem ich mich geliebt fühle, wie ich bin und bei dem ich mich nicht verstellen muss, der mich wirklich kennt, an den ich mein Herz festmacht habe. Der Ehepartner, die Lebenspartnerin, die Kinder, die Großfamilie, die besten Freunde sind sie unser wirkliches Zuhause?
Eine Erkenntnis trifft mich plötzlich hart tief in der Magenkuhle. All diese Antworten sind dazu bestimmt vergänglich zu sein.
Was ist, wenn die Menschen, die ich liebe mich verlassen oder vor mir sterben, wenn die Kinder weit, weit weg ziehen? Was ist, wenn ich das Familienhaus verkaufen muss, um ins Seniorenheim oder in eine altengerechte Wohnung zu ziehen? Verliere ich dann mein Gefühl zuhause zu sein? Werde ich vielleicht sogar zwangsläufig innerlich heimatlos werden?
War es solch eine Erfahrung, die den Menschen dazu trieb, diese drei Worte mit den Fragezeichen an die Wand zu sprühen?
Die Generation meiner Eltern musste im Konfirmationsunterricht noch den 23. Psalm als Rüstzeug für das Leben auswendig lernen. Ob das Bild von Gott als Hirten tragfähig ist, muss wohl jeder für sich entscheiden, aber der Psalm endet mit einem wunderbaren Vers:
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immer da.
Gott bietet mir in der vertrauensvollen Beziehung zwischen ihm und mir zwischen mir und ihm ein Zuhause an. Ein Zuhause nicht gebunden an Menschen, noch an Adressen, denn es ist verortet tief in mir. Ein Ruhepunkt, ein Hoffnungsschimmer, eine Kraftquelle.
Der Glaube kann uns sicherlich nicht das Zuhause-Sein in der Welt gänzlich ersetzen, aber er kann uns die Angst nehmen, heimatlos zu werden. Gott sein Dank gibt es ein Zuhause, das nicht vergänglich ist, selbst im Tod Bestand haben soll, haben wird.
Drei Worte mit Fragezeichen an eine Wand gesprüht.
Wo ist Zuhause?
Mir ist durch sie deutlich geworden, die Menschen, die mir das Gefühl gegeben haben und gegenwärtig geben zuhause zu sein, waren und sind die wertvollsten Geschenke im Leben und vielleicht sollte man es ihnen öfters sagen- öfters zeigen.
Und darüber hinaus und nicht zu vergessen, wie gut tut es, ein Zuhause in sich zu tragen, das nicht vergänglich ist. Hin und her geschoben von den Geschehnissen des Lebens, mit Hoffnung und mit Angst besetzt, ist es doch gut Kontakt zu haben zu dem Unvergänglichen, zu Gott, der Quelle unseres Lebens. Eine Heimat verortet in meinem Herzen. Amen.

Download als PDF-Datei

  beim Sterben helfen?

beim Sterben helfen?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.08.2020

Helen Mirren und Donald Sutherland spielen ein altgewordenes Ehepaar – Ella und John - in dem Roadmovie „Das Leuchten der Erinnerung“.
Von Massachusetts wollen sie nach Key West und dort das Haus von Ernest Hemingway besuchen. Sie fahren mit dem Wohnmobil wie schon unzählige Male zuvor als die Kinder klein waren. Es ist ein Ausbruch aus Alter und Krankheit, die Vergewisserung einer guten gemeinsamen Geschichte und eine letzte Reise.
Nach vielen heiter-traurigen Erinnerungen und auch schmerzhaften Erkenntnissen, nach Zusammenbrüchen und Havarien kommen sie endlich auf den Keys an. Dort sterben sie. Gemeinsam und freiwillig.
Der Zuschauer sieht es kommen und erwischt sich dabei zu denken: dieses Ende ist auf merkwürdige Weise stimmig. Selbstbestimmt, fürsorglich und angesichts dessen, was noch zu erwarten ist, verständlich. Die erwachsenen Kinder gehen schließlich in der Schlussszene friedlich vom Friedhof, sie scheinen mit ihren Eltern einverstanden zu sein.
Ein guter Film und ein ungeheuer schweres Thema.
Hier in Deutschland haben wir uns in den letzten Jahren immer wieder damit auseinandergesetzt. Beim Sterben helfen. Darf man das? Die evangelische Kirche hat das nicht formulieren wollen. Im Sterben beistehen ja. Unbedingt sogar. Aber nicht mehr. Denn es liegt nicht in unserer Hand, unserem Leben eine Stunde hinzuzufügen oder wegzunehmen.
Vielleicht erinnern Sie noch an das allgemeine Innehalten als der damalige Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider mitteilte, er könne für diese Position nicht länger in der Öffentlichkeit einstehen, denn er habe seiner kranken Frau versprochen, ihr – wenn es denn soweit käme – beim Sterben zu helfen. Die Liebe, das Eheversprechen, war für ihn in diesem Moment, in dem seine Frau das erbat, das höhere Gut.
Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot der organsierten Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärt. Autonome Selbstbestimmung schließe die Entscheidung, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen mit ein. Dieser Tage äußerte sich der Hannoversche Landesbischof Ralf Meister und sagte: „Ich glaube, dass Gott mir mein Leben geschenkt und zugleich in meine Verantwortung gelegt hat. Dies währt – wenn möglich – bis zum letzten Atemzug. So kann ich auch den Zeitpunkt und die Art, wie ich sterbe, mitgestalten.“
Diese Einordnung macht Hilfe im Sterben nicht zur Normalität aber denkbar. Und: solche Sicht nimmt niemandem ab, damit allein fertig zu werden. Es bleibt eine Entscheidung, die ich mit mir vor Gott treffe und vor ihm verantworte. Etwas anderes kann ich darin nicht hören. Grund genug, sich einmal mehr festzuhalten, wie es im Heidelberger Katechismus heißt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Download als PDF-Datei

  Gnade

Gnade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.08.2020

„Der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.“
So heißt es im 100. Psalm in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag.
Gottes Gnade geschieht allein aus ihm an uns. Sie ist nicht berechnend, sie ist nicht an Bedingungen geknüpft, sie hat nach menschlichem Maß keine Grenze. Sie ist eben Gnade.
Nur so ist es Gnade.
Wer sie erfährt, erlebt nicht die Willkür einer Begnadigung – den lass ich leben und den eben nicht, dem bin ich gnädig und dem nicht – sondern die Zugewandtheit Gottes.
Ganz anders Donald Trump.
Seine Wiederwahl ist gefährdet, darum scheint ihm jedes publikumswirksame Mittel recht zu sein, um Stimmen zu gewinnen. Warum sollte er sich also nicht mal mit dem Fall Edward Snowden „beschäftigen“ und laut mit dem Gedanken spielen, dass Snowden vielleicht nicht fair behandelt wird und man den Whistleblower ja begnadigen könnte.
Einfach so – weil man es kann.
Es geht auch nicht um Wahrheit.
Es geht nicht um das sorgfältige und faire Ringen vor Gericht und die Suche nach einem Urteil, das dem Mann gerecht wird, von dem sich ja schwer sagen lässt ob er ein Verräter ist oder uns allen einen notwendigen Dienst erwiesen hat. Ganz zu schweigen von dem komplizierten Zusammenhang von Sicherheit und Freiheit.
Es geht um Macht.
Der Mensch Edward Snowden ist nur ein Objekt. Er interessiert nur solange sich an ihm Macht erweisen lässt. Trump nennt das Gnade und demaskiert sich. Und er gibt uns ein Beispiel, an dem wir verstehen, wie himmelweit der Unterschied zu Gottes Gnade, die genau uns meint, weil er genau uns ansieht und es ihm um uns geht.
Denn:
„Der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.“



Download als PDF-Datei

  Im Gleichgewicht bleiben

Im Gleichgewicht bleiben

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.08.2020

Gestern war als Evangelienlesung das Doppelgebot der Liebe zu hören. Dabei sagt Jesus den berühmten Satz: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Diese Worte stammen übrigens gar nicht von ihm direkt. Jesus zitiert aus dem Alten Testament, aus dem 3. und dem 5. Buch Mose. Als ich mir dessen zum ersten Mal richtig bewusstgeworden bin, war ich ein wenig überrascht. Denn ich dachte, dass die Sache mit der Nächstenliebe schon so eine Art christliche Erfindung ist. Wir denken an die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der Nächstenliebe ganz praktisch umsetzt. Doch weit gefehlt. Die Worte stammen von Gott höchst selbst und er hat sie ursprünglich an Mose und das Volk Israel gerichtet.
Ich finde, dass insbesondere der zweite Teil sehr aufmerksam zu lesen ist. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Gerade Menschen, die die Nächstenliebe in besonderer Weise verinnerlicht haben, neigen dazu, die letzten drei Worte nicht vollumfänglich wahrzunehmen – wie dich selbst. Das, was hier beschrieben wird, stelle ich mir gern wie eine Waage vor. Eigenliebe und Nächstenliebe sollen im Gleichgewicht sein, ja ich meine sogar, sie müssen es.
Wenn ich immer nur für andere da bin, mich aufopfere, verausgabe, alle meine Kraft investiere, dann werde ich das nicht lange durchhalten. Denn irgendwann sind die Akkus leer. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten, zu schauen, dass auch immer genug Raum und Zeit für mich selbst bleibt – Zeit, um zur Ruhe zu kommen, Zeit, um wieder aufzutanken, Zeit für die anderen schönen Dinge des Lebens, die es neben dem Dienst am Nächsten zweifelslos auch noch gibt.
Selbst Jesus war nicht rund um die Uhr und an sieben Tagen der Woche für alle verfügbar. Auch er hat sich seine Auszeiten genommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott es gefällt, wenn es uns gut geht. Er will nicht, dass wir bis zur totalen Erschöpfung für andere da sind, uns selbst ausbeuten bis nichts mehr geht.
Paulus schreibt: „Den fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Das gilt auch für Situationen, in den wir uns selbst hingeben, unsere Zeit und unsere Kraft. Doch wir sollen es so dosieren, dass wir dabei fröhlich bleiben können und nicht kurz vorm Umkippen sind.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ein guter und wertvoller Wegweiser durch unser Leben. Doch es gilt wie beim Beipackzettel in der Tablettenschachtel: Bitte bis zu Ende lesen. Amen.

Download als PDF-Datei

Hier erreichen Sie uns:

Domsekretariat
0531 - 24 33 5-0
dom.bs.buero@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Mo. bis Fr. – 9.00 - 15.00 Uhr

Domkantorat
0531 - 24 33 5-20
domkantorat@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Di. bis Do. – 9.00 - 15.00 Uhr
Fr. – 9.00 - 13.00 Uhr

Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
ABENDSEGEN
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
MITTAGSGEBET mit 20 Minuten Orgelmusik

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 14.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!