Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Die Lüge

Die Lüge

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.05.2020

Der Mensch und die Wahrheit – ein weites Feld; der Mensch und die Lüge – ein vielleicht noch weiteres. Würde wir Menschen vom Lügen lange Nasen kriegen, so wie bei Pinocchio, wir sähen alle sehr verändert aus. Denn wissenschaftlich belegt ist kein Mensch frei davon, ab und zu mal bei der Wahrheit in Stolpern zu geraten, ein wenig zu flunkern, nicht das zu sagen, was tatsächlich stimmt. Dabei passiert das gar nicht immer in böser Absicht. Manchmal bleiben wir aus reiner Höflichkeit nicht bei der Wahrheit, um unseren Gegenüber nicht zu verletzen oder zu beleidigen. Manchmal fehlt auch der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Angst ist der häufigste Grund, warum wir uns in Unwahrheiten flüchten.
Die Bedeutung der Lüge bzw. der Wert, den wir der Wahrheit beimessen, werden sehr unterschiedlich beurteilt. Für viele Menschen ist eine bewusste und in böser Absicht ausgesprochene Lüge ein absolutes Sakrileg. Andere Menschen haben diesbezüglich eine hohe Toleranz. Manche Lügen werden gezählt, so zum Beispiel von der Zeitung Washington Post in Bezug auf Donald Trump – die letzte Zahl, die ich gesehen habe lag bei rund 17.000 falschen oder irreführenden Aussagen seit Beginn seiner Amtszeit.
Auch der Umgang mit eigenen Lügen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Viele quält es im Nachhinein sehr, wenn sie nicht bei der Wahrheit geblieben sind. Und so sind in diesem Zusammenhang oftmals schwere und schmerzliche innere Kämpfe durchzustehen, insbesondere dann, wenn die Motivation zur Lüge Angst ist. Bin ich bereit, auch negative Konsequenzen zu tragen und zu ertragen, um meinem eigenen Wert der Wahrheitsliebe treu zu bleiben? Nicht selten müssen wir diese beiden Elemente gegeneinander abwägen und wir müssen, so oder so, mit den Folgen leben.
Im Buch Hiob heißt es: „Meint ihr, dass ihr Gott täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?“ Von Hiob selbst stammen diese Worte und er prophezeit denen, die vor Gott unredlich sind, dessen Zorn. Aber warum sollte man vor Gott lügen? Gott ist ein Gesprächspartner, bei dem wir alles Berechnende, alle Pläne und Strategien, mit denen wir in einem besonders guten Licht vor ihm dastehen, getrost beiseitelegen können. Gott anzulügen, ist ebenso verwerflich wie sinnlos. Wir können Gott die Wahrheit nicht vorenthalten, weil er sie viel besser kennt, als wir selbst. Wir müssen in unseren Gesprächen mit ihm keine Höflichkeitsfilter, keine Political Correctness und keine Qualitätskontrolle beachten, weil Gott durch all das hindurchsieht.
Ich empfinde das als sehr entlastend. Wir dürfen und wir sollen Gott alles sagen, was uns auf der Seele liegt – ungefiltert, ungeschönt und ohne jedes Wort vorher auf die Goldwaage legen zu müssen. Bei ihm ist alles gut aufgehoben was uns bedrückt, uns Angst macht und uns belastet. Genau dazu sind wir eingeladen, wenn Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ Amen.

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  Exaudi, Domine!

Exaudi, Domine!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.05.2020

Jetzt ist der eine weg und der andere noch nicht da. Der eine hinterlässt eine Lücke, die der andere noch nicht wieder gefüllt hat. Man fühlt sich so ein bisschen wie in einem Vakuum. Die Zeit erinnert fast an „zwischen den Jahren“ nach Weihnachten und vor dem Neujahrsfest. Christus ist aufgefahren gen Himmel. Das haben wir am vergangenen Donnerstag gefeiert und wir warten beinahe adventlich auf das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten, aber das ist nun einmal noch knapp eine Woche hin.
In diese Zeit hinein fällt der Sonntag Exaudi, den wir gestern gefeiert haben. Er hat seinen Namen aus Worten des 27. Psalms. Dort heißt es: “Exaudi, Domine, vocem meam!” „Höre, Herr, meine Stimme!“ Ich finde das sehr passend. Denn in der kirchenjahreszeitlichen Dramaturgie sind wir momentan tatsächlich ziemlich alleine, nach Jesu Verschwinden am Himmelfahrtstag und vor dem Ausgießen des Heiligen Geistes. Aus dieser Einsamkeit heraus, aus diesem Gefühl der beinahe Gott-Verlassenheit, da macht es durchaus Sinn zum Herrn zu rufen und ihn darum zu bitten, auf uns zu hören.
Wie mag es den Jüngern in diesen Tagen gegangen sein? Was werden sie gemacht haben in ihrem Versteck in Jerusalem? Uns in sie hinein zu versetzen, ist nicht ganz leicht, denn wir haben den Vorteil, dass wir den Fortgang der Geschichte kennen. Wir wissen das in sechs Tagen Pfingsten ist, das wussten die Jünger nicht. Und warten, ohne ein konkretes Ziel zu haben, das ist nicht leicht. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Jünger nach wie vor in großer Angst gelebt haben, von den Mächtigen in Jerusalem entdeckt und bestraft zu werden. Sie werden schwere Zeiten auszuhalten gehabt haben, bis es dann endlich Pfingsten wurde. Und sie werden zu Gott gerufen haben: „Exaudi, Domine!“ – „Höre, Herr!“
Zeiten des ungewissen Wartens kennen wir wahrscheinlich alle. Gerade in diesen Wochen sind wir gezwungen, auf Veränderungen zu warten, deren Eintreten nicht genau zu terminieren ist. Wenn wir krank sind, können wir selten Tag und Stunde benennen, zu der es uns dann wieder richtig gut gehen wird. Oder denken wir an die vielen Menschen die auf der Flucht sind oder in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt leben – sie alle werden auf bessere Zeiten warten, ohne zu wissen, ob und wann sie beginnen.
Höre, Herr, meine Stimme! Diese Möglichkeit bleibt uns zum Glück immer. Wir können uns an Gott wenden und ihm unser Leid klagen, um Hilfe bitten, auf seine Liebe und Barmherzigkeit hoffen. Und wir dürfen gewiss sein, dass er uns hört und uns antwortet. Die Woche des Exaudi-Sonntages will uns daran erinnern und uns diesen Rettungsanker ins Gedächtnis rufen. Gut, dass wir diese Zeit zum Warten haben zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Höre, Herr, meine Stimme! Amen.

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  Himmelfahrt

Himmelfahrt

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.05.2020

Gestern war Christi Himmelfahrt und das haben wir gefeiert. Aber ist das tatsächlich ein guter Grund für ein fröhliches Fest? Wenn man sich die Himmelfahrtsgeschichte vor Augen führt, die Lukas berichtet, dann kann man daran schon seine Zweifel haben. Denn dort wird geschildert, wie Jesus verschwindet. Das ganze passiert 40 Tage nach Ostern. In diesen 40 Tagen, da waren die Jünger mit dem Auferstandenen zusammen. Immer wieder gab es Kontakte, gemeinsame Gespräche über das Reich Gottes, wie es die Bibel berichtet, gemeinsam verbrachte Zeit unter Freunden.
Was muss das für eine unfassbare Erleichterung gewesen sein! Nach dem Schock des Karfreitags, an dem alle Hoffnung zerbrochen ist, war Jesus wieder aufgetaucht als strahlender Sieger über den Tod. Ganz sicher haben die Jünger neue Pläne geschmiedet, waren fest davon überzeugt, dass nun doch noch alles wieder gut werden wird, haben in Gedanken zuversichtlich die Befreiung Israels in ihren Köpfen geplant.
Und dann das! Jesus verspricht ihnen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen!“ Und dann verschwindet er in einer Wolke. Er wird vor den Augen der Jünger aufgehoben in den Himmel, wie Lukas berichtet, und dann ist er weg. Das mag für einige Jünger noch schmerzlicher gewesen sein, als die Ereignisse der Karwoche, denn da hatten sich die meisten, bevor es richtig kritisch wurde, ja bereits zurückgezogen und irgendwo versteckt. Sie mussten Jesu qualvollen Tod am Kreuz nicht mit ansehen. Aber jetzt verschwindet er vor ihren Augen. Und zwei Gestalten in weißen Gewändern erklären Ihnen reichlich diffus, dass er schon irgendwann mal wiederkommen wird. Und damit werden die Jünger in die Warteschleife geschickt. Und in dieser Warteschleife befinden wir uns irgendwie heute ja immer noch, genauso wie die Jünger, sie und ihr und ich. Ist er nun also tatsächlich weg, endgültig, dauerhaft, unerreichbar? Die Antwort wird Sie nicht überraschen: Nein, natürlich nicht!
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Auch diese Zusage stammt vom auferstandenen Jesus Christus und die gilt! Ja, natürlich ist Jesus jetzt anders bei uns, als er es 40 Tage lang bis zum Himmelfahrtstag bei den Jüngern war. Aber eben durch dieses Himmelfahrtsfest ist es überhaupt erst möglich geworden, dass Jesus tatsächlich immer und überall bei uns sein kann. Natürlich muss es für die Jünger großartig gewesen sein, ihn nach seiner Auferstehung körperlich bei sich gehabt zu haben. Aber da war er in Jerusalem und nirgends sonst. Seine Himmelfahrt hat ihm eine neue Art der Präsenz ermöglicht. Seit Christi Himmelfahrt ist Jesus omnipräsent – als persönlicher Begleiter jedes einzelnen Menschen, als persönlicher Begleiter auch für Sie und für mich.
Das haben wir gestern gefeiert und ich finde, dass dieses wunderbare Geschenk dafür auch Grund genug war. Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Halleluja. Amen.

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  Einmal Christ – immer Christ!

Einmal Christ – immer Christ!

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.05.2020

In diesen Corona-Zeiten präsentieren uns die Medien immer wieder aktuelle Meinungsumfragen zu dem Thema, wie sich die politischen Entscheidungen auf das Ansehen der Parteien und das Wählerverhalten auswirken. Bei der sogenannten Sonntagsfrage ist es dann auch immer wichtig, auf das Verhalten der Wechselwähler zu schauen, also zu untersuchen, welche Menschen unter welchen Voraussetzungen jetzt ihre Stimme einer anderen Partei geben würden, als sie es sonst getan haben.
Der Verfasser des Hebräerbriefes setzt sich mit religiösen Wechselwählern auseinander und sagt, dass er sich so etwas im christlichen Lager nicht vorstellen kann. Es ist für ihn nicht nachzuvollziehen, dass Menschen, die, wie er sagt, „einmal vom Heiligen Geist und vom gutem Wort Gottes und von der Kraft der zukünftigen Welt geschmeckt haben“, sich davon wieder abwenden können. Und wenn‘s dann trotzdem mal passiert, dann ist der Bruch nach seiner Auffassung so groß, so tief und so nachhaltig, dass ein erneutes Zurückfinden zur christlichen Überzeugung und zum christlichen Glauben nicht machbar ist. Über diese Aussage kann man durchaus ins Grübeln kommen, wie ich finde. Denn wo fängt ein Abkehren an? Sind bereits unsere Zweifel kritisch, machen wir uns allein durch unregelmäßige Gottesdienstbesuche angreifbar, bewegen wir uns auf dünnem Eis, wenn wir die Institution Kirche kritisieren? Und wie sieht es aus, wenn unser Glaube in unserem Leben zwar immer unterschwellig da ist, aber eben bisweilen nicht eine strahlende und alles überragende Rolle spielt?
Glücklicherweise formuliert der Briefeschreiber im Folgenden versöhnlicher. Denn über dem heutigen Tag heißt es: „Gott ist nicht ungerecht, dass er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient.“ Das klingt entlastend und schafft, wie ich finde, auch ausreichend Raum für meine eigenen, ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Denn zu denen gehören eben auch Anfechtungen, Zeiten, in denen ich Gott ferner bin und Lebensphasen, in denen andere Fragen und Themen mein Leben bestimmen, die eben nicht zuallererst mit meinem Glauben zu tun haben.
Doch das ist völlig in Ordnung! Denn Gott vergisst es nicht, wenn wir seine Liebe an unsere Mitmenschen weitergegeben haben, wenn wir in seinem Sinne gedacht, gehandelt und gelebt haben. Wir sind auch dann Gottes Kinder, wenn unser Glaubensleben mal etwas gedämpfter, leiser und unauffälliger verläuft. All das gehört zu unserem Dasein dazu. Das wissen Sie, das weiß ich und das weiß vor allem auch Gott. Wir haben die Freiheit, unsere Zeit auf dieser Welt zu gestalten. Und auch diese Freiheit ist ein Gottesgeschenk – mit allem, was dazugehört. Aber immer bewegen wir uns unter dem Schirm der göttlichen Liebe. Oder wie Paulus es sagt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Amen.

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  Umkehr

Umkehr

Heiko Frubrich - 19.05.2020

„Mit dem bin ich fertig bis in die Steinzeit!“ Dieser inhaltlich etwas schräge Satz ist zu hören, wenn ein Mensch so richtig verärgert wurde, wenn er unversöhnlich gekränkt ist, enttäuscht oder beleidigt. Ja, wir Menschen tun einander bisweilen nicht nur Gutes, wir können einander verletzen mit Worten und mit Taten; manchmal tun wir es mit Vorsatz und manchmal versehentlich. Und wir können Dinge nicht rückgängig machen. Was passiert ist, ist passiert und wir müssen damit leben.
Allerdings haben wir die Chance, die grundlegende Richtung unseres Lebens immer wieder kritisch zu hinterfragen und auch zu verändern. Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, stammt aus einer solchen Veränderungsgeschichte. Es lautet: „Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Lukas berichtet uns diese Geschichte. Zachäus ist der Chef der Zöllner in Jericho und dürfte damit einer der meistgehassten Leute in dieser Stadt gewesen sein, denn seinen Reichtum verdankte er im Wesentlichen Betrug und Erpressung.
Als nun Jesus nach Jericho kommt, will Zachäus ihn sehen. Mir persönlich ist sehr sympathisch, wie er das anstellt, denn Zachäus ist, so wie auch ich, nicht besonders groß. Also klettert er auf einen Baum. Als Jesus ihn dann dort oben sitzen sieht, spricht er ihn an und lädt sich für den Abend zu Zachäus zum Essen ein. Das führt zu großem Unverständnis bei den Menschen, die das mitkriegen, weil sie überhaupt nicht nachvollziehen können, warum Jesus sich ausgerechnet bei diesem Sünder einquartiert. Doch das stört Jesus nicht. Ganz im Gegenteil – die Geschichte hat ein Happy End. Denn Jesus sagt: „Heute ist dem ganzen Hause des Zachäus Heil widerfahren.“ Spannender Weise ist das nicht Jesu Antwort auf Zachäus Großzügigkeit, die Hälfte seines Besitzes den Armen zu geben und von ihm Betrogene vierfach zu entschädigen. Das Heil ist Zachäus widerfahren, weil er sich Jesus zugewendet und ihn bei sich aufgenommen hat.
Ich mag diese Geschichte sehr, denn sie bringt kurz und knackig zum Ausdruck, wie es so ist mit Gottes Gnade und mit seiner Liebe. Wir müssen sie uns nicht erkaufen oder durch sonstige fromme Heldentaten verdienen. Es reicht vollkommen aus, wenn wir uns Jesus zuwenden und ihm einen Platz in unserem Leben einräumen. Es reicht vollkommen aus, wenn wir an ihn glauben und bereit sind, ihn in unseren Häusern und unseren Herzen willkommen zu heißen. Und da Jesus Christus seit seiner Himmelfahrt überall präsent ist, brauchen wir auch nicht mehr auf irgendwelche Bäume zu klettern, ihn ihm nahe zu sein. Amen.

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  Betet!

Betet!

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.05.2020

Der gestrige Sonntag trug den Namen Rogate, übersetzt: Betet! Es gibt in der Bibel diese wunderbare Geschichte von einer Witwe, die immer und immer wieder zu einem Richter kommt und ihr Recht einfordert. Der Richter wird als ziemlich unangenehmer Zeitgenosse beschrieben, der noch nicht einmal Gott fürchtet, wie die Bibel es sagt. Die gesellschaftliche Stellung der Witwen zur damaligen Zeit war schlecht. Sie hatten keine Lobby, waren bestenfalls geduldet und auf die Unterstützung anderer angewiesen – kurz: Sie mussten und sollten sich mit dem zufriedengeben, was man ihnen an Almosen zukommen ließ. Dass eine solche Witwe aufbegehrt und nachhaltig, lautstark und vehement ihr Recht einfordert, dürfte die absolute Ausnahme und eine echte Sensation gewesen sein. Doch schlussendlich hat sie Erfolg. Der Richter ist genervt von ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Geschrei und hat sogar Angst, dass die Witwe handgreiflich werden könnte. Und so verhilft er ihr tatsächlich zu ihrem Recht. Eine schöne biblische Erzählung mit Happy end; Lukas, Kapitel 18; viel Spaß bei der Lektüre!
Und die Moral von der Geschicht? Jesus erzählt uns dieses Gleichnis nicht, weil die Geschichte so spektakulär ist. Nein, wir sollen uns von den Protagonisten und hier eben ganz konkret von der beharrlichen Witwe etwas abgucken. Wir sollen ebenso beharrlich sein, wenn es darum geht, die Dinge vor Gott zu bringen, die uns belasten, die uns ärgern, die wir nicht gerecht finden. Wir sollen beharrlich sein im Gebet und nicht nachlassen darin, mit Gott zu sprechen. Und ja, wir dürfen Jesus beim Wort nehmen und Gott wirklich mit unseren Anliegen auf die Nerven gehen.
Und Jesus sagt: Wenn schon dieser ungerechte Richter irgendwann eingeknickt ist, um wie viel großzügiger wird dann ein liebender Gott auf unsere Gebete reagieren. Gott wird seinen Auserwählten, also uns, Recht verschaffen in Kürze, sagt Jesus.
Hier meldet sich jetzt wahrscheinlich unsere Lebenserfahrung und wendet ein: Und was ist mit den Menschen, die Tag und Nacht gebetet haben, und deren Gebete nicht erhört wurden? Ja, es gibt unendlich viel Not und Elend auf dieser Welt und uns allen ist sicher schon einmal die Frage durch den Kopf gegangen: Wo ist Gott in diesen Situationen? Aber dennoch! Selbst, wenn unsere Gebete nach unserer eigenen Einschätzung von Gott nicht gehört werden mögen: Das ist noch lange kein Grund, um mit dem Beten aufzuhören. Denn wie vielen Menschen und wie oft auch Ihnen und mir hat Gott in unserem Gebet verborgene Reserven an Glaube, Mut und Vertrauen gezeigt? Wie oft hat er uns dann eben doch zugehört und geholfen!
Beten ändert immer etwas – mal stärker und mal schwächer spürbar, mal so, wie wir es uns erhofft haben und mal auch ganz anders. Bittet, so wird euch gegeben. Hinter diese Zusage geht Gott nicht zurück. Nehmen wir ihn beim Wort und lassen ihn wissen, wo wir ihn brauchen. Amen.

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  Internationaler Tag der Familie 2020

Internationaler Tag der Familie 2020

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.05.2020

Heute ist der internationale Tag der Familie. Er wurde 1993 von den Vereinten Nationen ausgerufen und wird in jedem Jahr unter ein besonderes Motto gestellt. Für 2020 haben die Vereinten Nationen den Klimaschutz gewählt. Ganz konkret geht es darum, herauszustellen, welche Rolle die Familie beim Klimaschutz spielt und welche Beiträge sie leisten kann. Doch auch die Rahmenbedingungen, die dazu erforderlich sind, werden beleuchtet, so zum Beispiel der weltweite Ausbau des Bildungssystems, die Schärfung des Bewusstseins für die Ursachen des Klimawandels sowie nationale und internationale Maßnahmen, ihn zu begrenzen.
Gerade in diesen Zeiten wird uns in positiver Weise eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Auswirkungen menschliches Handeln auf Klima und Umwelt hat. Die weltweiten coronabedingten Einschränkungen wirken entlastend auf Natur und Klima. Die Schadstoffbelastung der Luft hat deutlich abgenommen, das Wasser ist sauberer geworden – man kann in Venedig in den Kanälen auf einmal wieder bis auf den Grund schauen – und die Luft ist so klar, dass man seit über 30 Jahren von Indien aus erstmals wieder den Himalaja sieht.
Wir haben als Reaktion auf das Virus gezwungenermaßen kräftig an den Schrauben gedreht, die ganz unmittelbar auf die negativen Klimaeinflüsse wirken, die von uns Menschen ausgehen. Das zur Kenntnis zu nehmen und daraus zu lernen, ist durchaus erlaubt, wie ich finde. Denn es hängen das Wohlergehen und die Lebenschancen von vielen Menschen genau davon ab. Ein Fortschreiten des Klimawandels steigert den Hunger und die Not in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Auch diesen Zusammenhang greift der heutige internationale Tag der Familie auf.
Als Christinnen und Christen tragen wir in besonderer Weise Verantwortung für Gottes Schöpfung, die er uns Menschen anvertraut hat. Und wenn im Alten Testament steht, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, dann verbinde ich damit das Bild eines gütigen und zugewandten Regenten, dem in erster Linie und zu allererst das Wohl seiner Untertanen am Herzen liegt. Das tatsächliche Handeln der Menschheit ließe vermuten, dass wir das Bibelwort falsch verstanden haben. Wir haben uns die Erde nicht zum Untertan, sondern zum Sklaven gemacht. Dass das nicht in Gottes Sinne ist, können wir an den Konsequenzen ablesen.
Internationaler Tag der Familie zum Thema Klimaschutz – auch eine Mahnung, dass wir verantwortungsvoll mit dieser Erde umgehen sollen. Denn erstens haben wir nur diese eine und zweitens ist die uns nicht zur Ausbeutung anvertraut, sondern damit alle Menschen jetzt und in Zukunft auf ihr ein gutes Leben führen können, so, wie es Gott für seine Menschen gedacht hat. Amen.

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  Seht ihr den Mond dort stehen...?

Seht ihr den Mond dort stehen...?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.05.2020

„Seht ihr den Mond dort stehen, / er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön. / So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen.“
So heißt es in Matthias Claudius‘ berühmten Abendlied. Vielen Menschen sehr vertraut und doch beim Genauen-auf-den-Text-hören ein bisschen unrund, denn warum sollte man den Mond belachen?
Vertraut und geheimnisvoll gleichermaßen, unendlich weit weg und doch allabendlich am Fenster, gehört der Mond zu den wundersamen Dingen unseres Lebens, die wir gar nicht so dringend ergründen müssen. Wir lieben ihn gerade weil er so nah und so fern ist, leuchtend und doch ganz ohne Licht.
Trotzdem macht die Rückseite des Mondes Appetit. Denen zum Beispiel, die ins All horchen und geforscht, verglichen, gezählt, Wahrscheinlichkeiten ausgerechnet haben und meinen, dass es soo unwahrscheinlich gar nicht ist, dass es irgendwo noch intelligentes Leben gibt. Aber wer von unserer Erde aus ins All funkt, wird keine Antwort zu hören bekommen – wir sind selbst viel zu laut. Auf der Rückseite des Mondes dagegen ist es still, kostbar still, einzigartig still.
Daran hat Matthias Claudius wahrscheinlich nicht gedacht. Einen Himmel voller Signale und Daten, für menschliche Ohren unhörbarem Rauschen, konnte er sich vermutlich nicht vorstellen. Phänomene, die man nicht sehen kann und trotzdem ernstnehmen muss, kannte er dagegen sehr wohl.
Wir stecken diesbezüglich gerade in der Reifeprüfung.
Das Virus ist zwar omnipräsent, aber keiner kann es sehen.
Das Virus diktiert radikale Veränderungen unseres Lebens und unserer Welt und wir wissen trotzdem nicht, ob es uns narrt oder ob wir es in Griff kriegen.
Das Virus lässt uns fast vergessen, dass die meisten unter uns – wie übel es jetzt auch immer sein mag – sich auf der sonnenbeschienenen Seite des Lebens befinden.
Umso wichtiger nicht zu vergessen, dass es die dunkle Rückseite gibt.
Dass es Aspekte gibt, die wir nicht sehen, Fragen und Sorgen, die wir nicht hören und auch, dass unsere Sicht auf die Dinge bestenfalls die halbe Wahrheit ist.
Darum heißt es weiter (und ist ein Schatz, auf den Text zu hören, wenn man grade nicht gemeinsam singen soll):
„Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel arme Sünder / und wissen gar nicht viel. / Wir spinnen Luftgespinste / und suchen viele Künste / und kommen weiter von dem Ziel.“

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  Die Nacht

Die Nacht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.05.2020

In ihrem kleinen Roman „Über Meereshöhe“ erzählt Francesca Melandri von Paolo und Luise, die sich auf einer Gefängnisinsel begegnen. Paolo besucht seinen Sohn, Luisa ihren Mann – beide sitzen im Hochsicherheitstrakt und haben lebenslänglich, der eine ein Mörder, der andere ein Terrorist.
Ihre Heimreise verzögert sich durch einen schlimmen Sturm.
So sitzen sie fest, isoliert und bewacht.
Unfreiwillig zum Innehalten gezwungen, ohne Außenkontakt und Ablenkung, erzählen sie einander, suchen Worte, finden Gesten.
Francesca Melandri schreibt:
„Als Paolo seinen Sohn zum ersten Mal auf der Insel besuchte, hatte dieser ihm ein Geständnis gemacht. Das Schlimmste am Gefängnis, der härteste Verzicht, das, was am schwersten zu ertragen war, sagte er, sei nicht die Nähe der fremden, elenden Körper. Auch nicht die Schikanen der Wärter. Oder die Gewalt, die Machtkämpfe und Verschwörungen unter den Häftlingen. Genauso wenig das fade Essen. Oder das Fehlen einer Frau. Das Verkümmern aller Gefühle. ‚Es ist die Nacht‘, hatte sein Sohn zu ihm gesagt, ‚es ist vor allem die Nacht, die mir fehlt.“
In der Nacht, wenn es wirklich still und dunkel ist, wenn Schlaf nicht ausgeleuchtet und überwacht wird oder Atemzüge gezählt werden, wenn es keine schweren Träume plagen oder Sorgen und Erinnerungen den Schlaf rauben, dann können wir zur Ruhe kommen, forttreiben, loslassen.
Solche Nächte sind in der Bibel immer wieder Momente größter Gottesnähe. Gott spricht voller Verheißung und Wegweisung.
Am Anfang spricht er zu Jakob von der Himmelsleiter als der mutterseelenallein in der Wüste liegt, unter seinem Kopf ein Stein und auf seinem Gewissen ein Stein. Am Ende zu Josef, der nicht weiter weiß, weil seine Liebste ein fremdes Kind bekommt.
Immer ordnet und befriedet dies Sprechen, hilft den nächsten Schritt zu sehen.
In diesen Tagen schlafen viele Menschen schlecht. Den einen fehlt der gewohnte Lebensrhythmus, anderen der Sport, dritte können erst in Ruhe arbeiten, wenn Kinder schlafen und finden danach selbst keine Ruhe mehr. Und manche Menschen leben jetzt in solcher Stille und solchem Gleichmaß, dass der Schlaf sie flieht.
So werden sich gerade jetzt Menschen – wie der Gefangene bei Francesca Melandri - nach der bergenden Stille einer durchgeschlafenen Nacht sehnen. Und wohltuend dann aus dem 121. Psalm zu hören:
„Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“





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  Nelly Sachs

Nelly Sachs

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.05.2020

Über diesem Tag heute heißt es im ersten Buch der Könige: „Bitte, was ich dir geben soll!“ Und die Antwort heißt: „Du wollest deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er … verstehen könne, was gut und böse ist.“
Die Worte erzählen davon, wie Gott dem Salomo seine Weisheit verlieh. Heute klingen sie in einem anderen Zusammenhang, denn wir erinnern an Nelly Sachs. Die jüdische Literaturnobelpreisträgerin ist heute vor 50 Jahren in Stockholm gestorben – am Tag der Beerdigung Paul Celans, der sich in Paris das Leben genommen hatte. Beide Dichter haben versucht, durch ihre Gedichte zu überleben und mit Hilfe ihrer Gedichte, den Schmerz, überlebt zu haben, zu ertragen. Beide sind daran zugrunde gegangen. „Gnade“ schrieb Nelly Sachs: „Gnade des Nicht-mehr-Sein-dürfens. Höchster Wunsch auf Erden: Sterben ohne gemordet zu werden.“
Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin geboren. Als sehr junges Mädchen erlebte sie eine unglückliche Liebe, an der sie fast zerbrach. Ein Arzt riet ihr damals, schreibend den Weg aus der Krise zu suchen. So wurde Nelly Sachs zur Dichterin. Allerdings zählte sie selbst ihre Vorkriegstexte, zu leicht und zu hell, nicht zu ihrem Lebenswerk. Aber schon diese Texte retteten ihr das Leben, weil darüber ein Kontakt zu Selma Lagerlöf entstand, die Nelly Sachs und ihre Mutter im letzten Moment vor der Deportation zur Flucht nach Schweden verhalf.
Erst 25 Jahre nach ihrer Flucht kam Nelly Sachs wieder nach Deutschland, um den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche entgegenzunehmen. In ihrer Preisrede sagte sie: „Lassen Sie uns gemeinsam der Opfer im Schmerz gedenken und hinausgehen aufs neue, um wieder und wieder zu suchen - von Ängsten und Zweifeln geplagt zu suchen, wo vielleicht weit entfernt, aber doch vorhanden, eine neue Aussicht schimmert, ein guter Traum, der seine Verwirklichung in unserem Herzen finden wird.“
Jetzt – in einer Zeit, die nicht nur von Corona, sondern nach wie vor von Flucht und Vertreibung geprägt ist, haben die Texte von Nelly Sachs bestürzende Aktualität: „Da liegt einer / Nichts Schlimmeres als Vorübergehn / Keiner bleibt steht / Nichts zu sagen / Der Jasmin hat nicht seinen Duft gewechselt.“
Heute ist sehr deutlich ein Tag, sich der Bitte Salomos anzuschließen:
„Herr, Du wollest deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er … verstehen könne, was gut und böse ist.“

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  Reformation

Reformation

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.05.2020

Am 11. Mai 1621 starb Johann Arndt, einer der bedeutendsten nachreformatorischen Theologen. Heute ist also sein Todestag. Arndt von 1599 bis 1609 Pfarrer an St. Martini hier in Braunschweig und verfasste auch in dieser Zeit eine Reihe theologischer Schriften, mit denen er schlussendlich die Basis für den deutschen Pietismus legte.
Arndt war also Reformator. Was hat die Menschen, was hat Martin Luther eigentlich dazu veranlasst, einen Prozess anzustoßen, eine Bewegung zu initiieren, die wir heute Reformation nennen? Nun, maßgeblich war wohl der Leidensdruck, den Luther spürte und der aus der immer größer werdenden Unzufriedenheit erwuchs, wenn er darauf schaute, wie die Kirche Gottes Wort für ihre eigenen Zwecke missbrauchte. Dagegen hat Martin Luther aufbegehrt, hat Position bezogen und protestiert.
Damit Menschen sich auf den Weg machen, um Dinge zu verändern, Lebenssituationen neu zu gestalten oder sich selbst und andere dazu bewegen, die eingefahrenen Wege zu verlassen, bedarf es meistens eines Impulses. Luther konnte das Verhalten seiner Kirche nicht mehr ertragen und begehrte auf, bei anderen Menschen ist es vielleicht existenzielle Not, Unterdrückung, der ungestillte Durst nach Freiheit, nach Lebensperspektive, nach Liebe. Wo wir Defizite spüren, da wächst in uns der Wunsch nach Veränderung. Manchmal werden wir auch dazu gezwungen, unsere Lebensweise zu verändern – ein Virus lehrt uns gerade wie so etwas sein kann. Die besten Ergebnisse erzielt man in der Regel, wenn man sich ohne äußeren Druck verändert, aus innerer Überzeugung und aus freien Stücken. Doch auch wenn es aufgezwungen wird, so wie jetzt, dann ist trotzdem nicht alles was aus diesem Handlungsdruck heraus entsteht, automatisch lästig und schlecht und wertlos.
Ich kann einigem, was sich in diesen Corona-Zeiten erlebe, durchaus positive Seiten abgewinnen. Ein leerer Kalender bedeutet nicht automatisch schmerzhaften Verzicht, er kann auch eine Chance sein, Dinge zu tun, für die jetzt endlich Zeit ist, oder Neues zu entdecken. Ein rücksichtsvollerer Umgang miteinander, den ich im alltäglichen deutlich häufiger erlebe als sonst, ist für mich ein wertvolles Gut, dass wir tatsächlich Corona zu verdanken haben. Unser Lebenstempo hat sich verlangsamt und ist dabei durchaus auch menschlicher geworden.
Ich denke, dass auch ein Virus ein Impuls für Reformation sein kann, ich denke, dass Corona dies war und ist. Es liegt an uns, so wie damals an den Menschen der Reformationszeit, die positiven Aspekte zu bewahren und fortzuführen, auch wenn der äußere Anlass nicht mehr da ist. Johann Arndt hat das mit dem gemacht, was Martin Luther initiiert hat. Wir können die positiven Veränderungen aufnehmen und weiterleben lassen, die wir in den letzten Wochen erlernt und erlebt haben. Vielleicht schaffen wir eine kleine „Corona-Reformation“, an deren Ende diese Welt ein wenig lebenswerter und liebevoller ist. Vertraut den neuen Wegen! Amen.

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  Frau Merkel sagt Danke

Frau Merkel sagt Danke

Henning Böger, Pfarrer - 10.05.2020

Frau Merkel sagt: „Danke, von ganzem Herzen Danke!“ Denn sie braucht uns Bürgerinnen und Bürger für den Erfolg ihrer Politik: Wir sollen Abstand halten und müssen mit Einschränkungen leben. Manche von uns leisten außerordentliche Arbeit in den Kliniken, Pflegeheimen und Supermärkten. Darum: Danke! Kaum ein Wort sagt die Bundeskanzlerin zurzeit häufiger.
Bereits vor der Corona-Krise sei Angela Merkel ein Danke-Mensch gewesen, schreibt der Journalist Andreas Rinke. Er begleitet die Bundeskanzlerin häufig und führt im Internet ein „Merkel-Lexikon“. Zum Stichwort „danken“ notiert er: Vielleicht liege es an ihrer christlichen Erziehung, vielleicht sei es ein kluger pädagogischer Trick: Noch nie habe ein deutscher Regierungschef seinen Dank so oft und an so viele Gruppen von Menschen ausgedrückt wie die Bundeskanzlerin. Es ist gut, finde ich, dass Menschen auch in hohen Leitungsämtern nicht vergessen, was für uns alle gilt: Einfach mal Danke sagen!
Auch im Gäste- und Gebetsbuch der Magni-Kirche finden sich zurzeit viele Einträge mit Dankesworten. Menschen danken für Gesundheit und Genesung, für Sicherheit und Bewahrung, auch dafür, dass hier die Türen in den vergangenen Wochen zu stiller Einkehr und Gebet verlässlich offenstanden.
Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt dazu: „Danken ist nicht ganz leicht, weil man den Grund des Dankens nicht immer und manchmal gar nicht am Leben selber ablesen kann. Danken ist eine Form des Glaubens. Im Dank deutet man die Welt besser, als sie ist.“
Nicht alles, was uns widerfährt, erscheint uns dankenswert. Im Gegenteil: Es gibt Geschehnisse, die wir oft nicht verstehen. Corona gehört dazu. Und es gibt eigentlich immer irgendwo die Angst, es könnte nicht reichen, die Sorge, wir schaffen es nicht, wir sind zu wenige, die Kraft ist zu klein, die Probleme zu mächtig.
Aber meine eigene Erfahrung ist: Wenn ich mich trotz dieser Dinge entscheide, mit dem Danken zu beginnen, öffnet sich eine unsichtbare Tür und ich werde zu einer neuen Sicht auf die Dinge befreit. Mein Blick ändert sich: weg von mir, von meinem Mangel und meinen Unmöglichkeiten, hin zu den Menschen, die mir in alldem hilfreich zur Seite stehen. Und zu Gott, zu seinen Gaben und Möglichkeiten, mit denen er hier und ewig für mich sorgen will: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103)
Die Widerstände lösen sich dadurch möglicherweise nicht auf, jedenfalls nicht gleich, aber sie verlieren an Macht, vor allem an Macht, mich zu entmutigen und mein Denken zu blockieren.
Auch Frau Merkel scheint es so zu gehen. Darum sagt sie weiter „Danke!“

Gebet:
Guter Gott, soviel ist auf mich zugekommen in den letzten Wochen. Dankbar bin ich, dass du mit mir diesen Weg gegangen bist. Dankbar bin ich für die Menschen, die hinter mir stehen und mir Halt und Geborgenheit geben. Gott, segne sie alle, die mir lieb sind, und auch die, die uns das Leben schwer machen. Amen.

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  Treue Haushalter

Treue Haushalter

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.05.2020

Haben Sie es auch gern harmonisch? Klar, es ist angenehm, wenn es zwischen uns Menschen friedlich und freundlich zugeht. Und dennoch lassen sich Konflikte nicht vermeiden. Das gilt für alle Lebensbereiche – hier und da kracht es eben immer mal wieder zwischen uns Menschen. Oder haben vielleicht wir Christinnen und Christen die Chance, aus unserem Glauben heraus ein Leben zu führen, das konfliktfrei ist?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“ Von Paulus stammen diese Worte und er schreibt sie an die Gemeinde in Korinth. Der Apostel sieht uns Christinnen und Christen in der Rolle der Haushalter von Gottes Geheimnissen und seiner Frohen Botschaft. Und wir sollen in dieser Rolle für treu befunden werden.
Das klingt jetzt nicht nach der ganz großen Herausforderung. Wenn ich das Evangelium als Gottes große Liebeserklärung zu uns Menschen verstehe, dann fällt es mir leicht, für diese Botschaft ein treuer Haushalter zu sein. Vom liebenden Gott erzähle ich gerne. Doch beim genaueren Hinsehen wird es dann schnell schwieriger. Denn vieles in den Evangelien ist herausfordernd und wenn Jesus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“, dann ahne ich, dass so kein Spaziergang anfängt.
Wenn wir unser eigenes Tun und Lassen an dem ausrichten, was Jesus uns vorgelebt hat, wenn wir uns fragen, ob die Art und Weise wie Menschen miteinander umgehen, tatsächlich Gottes Willen entspricht, dann finden wir sehr schnell Konfliktpotenziale, die einigen Zündstoff enthalten. Doch davon sollen wir uns nicht irritieren lassen, sagt Paulus. Wir sollen das Trachten unseres Herzens offenbar machen, sollen also zeigen, was unsere Überzeugung ist und uns nicht verstecken mit unserem Christsein.
Und dafür wird uns von Gott Lob zuteilwerden, verspricht uns Paulus. Ja, wir müssen in Kauf nehmen, bei unseren Mitmenschen auch mal anzuecken, unbequem zu sein, belächelt zu werden, uns einzumischen, wenn es um unsere Mitmenschen, Gottes Schöpfung und sein Evangelium geht. Gerade wir evangelischen Christen, wir nennen uns nicht „Schweiger“, nein, wir nennen uns „Protestanten“ und das darf man dann auch mal mit Leben erfüllen.
Und in dem wir das tun, können wir unseren Beitrag dazu leisten, um diese Welt ein bisschen menschlicher, ein bisschen lebenswerter und ein bisschen liebevoller zu machen – jeder an seinem Ort und jeder, so gut er kann, als treuer Haushalter eben. In Jesu Namen und mit Gottes Hilfe. Amen.

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  „Wie liegt "Wie Stadt so wüst, die voll Volks war….“

„Wie liegt "Wie Stadt so wüst, die voll Volks war….“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.05.2020

„Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war….“
Wie irritierend menschenleere Städte sind, haben wir alle in den letzten Wochen erlebt. Leer und still war es; manchmal schrien nur die Krähen oder lärmte das Martinhorn. Leer war es, aber wüst war es nicht.
Die Sonne schien und die Häuser waren heil, in vielen Fenstern schien abends das Licht, manchmal leuchteten Kerzen einander zum Gruß.
Am 8. Mai 1945 aber sah es hier in Braunschweig und in vielen, vielen anderen Städten zum Verzweifeln aus. Häuser, Kirchen, Fabriken, Schulen, Theater lagen in Schutt und Asche, was noch stand, war schwarz von Ruß, grau von Asche, verschmort und verkohlt. Bäume verbrannt oder abgeholzt…
Brücken und Gleise zerstört, Straßen aufgerissen.
Es waren kein Erdbeben und kein Wirbelsturm, die über die Behausungen der Menschen hereingebrochen waren, sondern zielgerichteter Zerstörungswille, ein Mensch des anderen Feind.
Wir Deutsche sind darin schuldig, die all das losgetreten, diesen Krieg gewollt oder doch nicht verhindert zu haben.
„Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war….“
Nicht nur Städte und Dörfer waren kaputt – überall war der Boden getränkt vom Blut so vieler Menschen, die in diesem Irrsinn ihr Leben verloren haben. Erstaunlich, dass der Himmel nach all dem Rauch aus den Schornsteinen der KZ-Krematorien wieder blau geworden ist. Paul Celan hatte recht, wenn er kurz und hart sagte: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“
Heute vor 75 Jahren war dieser schreckliche Krieg zuende.
Damit war das Leid noch lange nicht gebannt. Millionen Menschen waren unterwegs und suchten eine neue Bleibe. Zerrissene Familien suchten nach Eltern, Geschwistern, Kindern. Noch heute bekommt der Suchdienst des Roten Kreuzes jedes Jahr tausende Anfragen. Und Vielen hat sich die Angst und Qual der Kriegsjahre so tief in die Seele gebrannt, dass sie Jahrzehnte nicht über all das Leid sprechen konnten, nie wieder friedlich und tief geschlafen haben.
Einerseits.
Andererseits markiert dieser Tag den Beginn einer schier unglaublich langen Friedenszeit. Ich bin seit Generationen die erste in unsere Familie, die keinen Krieg erlebt und mit ihrem Vater aufgewachsen ist. Meine Eltern waren die ersten seit langer Zeit, die Goldene Hochzeit gefeiert haben. Als ich einen Sohn bekam, fiel seiner Großmutter nicht als erstes ein, dass dieses Kind eines Tages schießen lernen muss.
75 Jahre Frieden.
Über diesem Tag heißt es in der Herrnhuter Losung aus dem 119. Psalm:
„Herr, lass mir deine Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe!“
Dieser 8. Mia 2020 ist ein Tag tiefer Dankbarkeit für all die Barmherzigkeit Gottes, die uns hat leben lassen und jeden einzelnen Tag leben hilft.

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  Vom Klang der Glocken....

Vom Klang der Glocken....

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.05.2020

„Vom Klang der Glocken haben Sie sich einladen lassen, seien Sie uns herzlich willkommen.“ So ungefähr hat Katja Witte-Knoblauch ihre Andachten hier im Dom begonnen. Hunderte Male hat sie das gesagt und keiner hätte gedacht, wie besonders dieser Gruß klingen kann.
Endlich dürfen die Glocken Menschen wieder hierher einladen, endlich kann ich Sie wieder willkommen heißen, endlich können wir wieder miteinander Gottesdienst feiern.
Als ich vor beinahe sechs Jahren hier als Dompredigerin mein erstes „Wort zum Alltag“ in die Welt entließ, zitierte ich damals – auch als Gruß an unseren Oberbürgermeister, der am selben Tag nebenan seinen Dienst antrat – Hermann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben.“
Die Verszeile war damals Starthilfe am Anfang eines neuen Lebensabschnittes, ein Pfeifen im Keller angesichts all der unbekannten Herausforderungen und mutmaßlichen Ärgernisse, ein prickelndes Glas Sekt voll fröhlichem Übermut. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass wir nochmal anfangen werden. Neuanfangen nach einer Zeit ohne Gottesdienst und Glocken, ohne Osternacht und Konfirmation!
Erst wenn es fehlt, begreift man die Kostbarkeit des Selbstverständlichen und ahnt: Gottesdienst und Andacht sind Lebensmittel im ursprünglichen Sinne des Wortes. O ja – das waren Wochen, in denen man mit Haut und Haar begreifen konnte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Brot gab es ja und mancher hat gelernt, es selbst zu backen.
Es braucht auch Hoffnung und Zukunft, eine warme Hand und herzliche Umarmung, einen klugen Gedanken und Musik, etwas Unverhofftes, Plötzliches. Es braucht Atem und freie Lungen, um zu leben.
Es braucht die Hand, die uns birgt und den Geist, der erfüllt.
Vieles davon haben wir geglaubt, entbehren zu müssen – aber wenn ich es recht besehe, dann war und ist uns auch Vieles geschenkt.
Hier sind wir doch und sind behütet geblieben.
Jetzt ist wieder ein Anfang und heute klingt er mit Erich Fried so:
„Vor dem leeren Baugrund / mit geschlossenen Augen warten
bis das alte Haus / wieder dasteht und offen ist
Die stillstehende Uhr / so lange ansehen / bis der Sekundenzeiger
sich wieder bewegt
An Dich denken / bis die Liebe / zu dir / wieder glücklich sein darf
Das Wiedererwecken / von Toten / ist dann / ganz einfach“
Als wäre das eine Auslegung des Spruches über dieser Woche aus dem zweiten Korintherbrief:
„Siehe, das Alte ist vergangen. Neues ist geworden.“
So war es – uns zum Trost
So ist es – sonst wären wir jetzt nicht hier.
So wird es sein - wo auch immer uns die nächste Zeit noch hinführen mag.



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  Die Herzhaut...

Die Herzhaut...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.05.2020

Hilde Domin hat gedichtet.
„Wir werden eingetaucht / und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt / bis auf die Herzhaut. …“
Ja, irgendsowas passiert uns im Moment. Ich spüre anderen ab und spüre es selbst, dass diese Tage und Wochen an die Substanz gehen. Wir werden eingetaucht in einen großen Pott von Desinfektionsmitteln aber das, was die Herzhaut nass macht, ist wohl eher die Frage, wo das alles hinführen wird. Und auch: was die Herzhaut nass macht, reinigt und klärt.
„Der Wunsch nach der Landschaft / diesseits der Tränen / taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten. / der Wunsch, verschont zu bleiben, / taugt nicht.“
All das sind legitime Wünsche, verständliche Wünsche, vielleicht sogar unvermeidliche weil zutiefst menschliche Wünsche. Aber angesichts unserer Wirklichkeit, erwächst aus solchen Wünschen noch kein Bild, das Gestaltungskraft entfaltet. Dankbarkeit ist eher angezeigt: Wir sind ja weitestgehend verschont geblieben. Und in dieser Woche, in der im Dom das War Requiem aufgeführt worden wäre, bekommt solche Verschonung noch eine ganz andere Dimension: 75 Jahre nach Kriegsende, 75 Jahre Frieden – manchen Menschen muss das wie ein ewiger Blütenfrühling vorkommen. Darum:
„Es taugt die Bitte, / dass bei Sonnenaufgang die Taube, / den Zweig vom Ölberg bringe. … Und dass wir aus der Flut, dass wir aus der Löwengrube … immer versehrter und immer heiler / stets von neuem / zu uns selbst / entlassen werden.“
Es taugt die Bitte nach Klarheit und Vergewisserung, einander und unserer selbst. Es taugt die Bitte nach Heilung und einem neuen Anfang. Und es taugt Dankbarkeit.
Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich. Von morgen an läuten die Glocken wieder, werde ich meine Bitten und meinen Dank wieder direkt und unmittelbar vor Gott und zum Marienaltar des Braunschweiger Doms bringen. Darum ist dies hier mein letztes „Wort zum Alltag“ in der Braunschweiger Zeitung. Sie war mir keine Löwengrube, sondern ein fester Grund und ein Zelt, ein Sprachrohr und eine Brieftaube, ein Begegnungsraum. Ich danke dem Chefredakteur von ganzem Herzen für diese besondere Gastfreundschaft. Ich werde wieder in den Dom entlassen und lade Sie herzlich ein, dort die Herzhaut jeden Tag ein bisschen trocknen zu lassen. „Das Wort zum Alltag“ und auch den Abendsegen finden Sie auf der Seite des Braunschweiger Doms.
Bleiben Sie behütet!


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  Europatag

Europatag

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.05.2020

5. Mai – Europatag. Er erinnert an die Gründung des Europarates am 5. Mai 1949 in London. Heute gehören 47 Staaten dem Europarat an, deutlich mehr also, als der Europäischen Union. In der Satzung heißt es: "Der Europarat hat die Aufgabe, einen engeren Zusammenschluss unter seinen Mitgliedern zu verwirklichen." Tatsächlich ist der Europarat ein Forum für Debatten über allgemeine europäische Fragen. Seit Anfang der 90er Jahre widmet sich der Rat verstärkt der Wahrung der demokratischen Sicherheit. Themen sind die Menschenrechte, rechtsstaatliche Grundprinzipien sowie die Förderung des Umwelt- und Naturschutzes.
Der Zusammenhalt in Europa ist in den letzten Jahren deutlich brüchiger geworden. Wirtschaftliche Schwierigkeiten insbesondere bei den südeuropäischen Ländern, Fragen zur Aufnahme von aus ihrer Heimat geflüchteten Menschen und nicht zuletzt ganz aktuell der Umgang mit den Folgen der Coronakrise machen dies deutlich. Dabei sollte man bei allen Diskussionen und bei aller zugegebenermaßen auch berechtigter Kritik nicht aus den Augen verlieren, was wir dem Miteinander vieler europäischer Staaten in den vergangenen Jahrzehnten zu verdanken haben: Wir leben seit 75 Jahren im Frieden!
Unsere Welt wird immer vernetzter und komplexer, die Herausforderungen vor denen wir stehen, werden dies auch. Und es zeigt sich immer stärker, dass eben die großen Problemstellungen unserer Zeit im nationalen Alleingang überhaupt nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Denken wir an den Klimawandel, den Hunger auf dieser Welt, das Erfordernis eines funktionierenden internationalen Wirtschaftsverkehrs und nicht zuletzt auch an Corona. Und wenn dann ein amerikanischer Präsident versucht, deutsche Laboreinrichtungen zu kaufen, damit der Impfstoff nur seinen eigenen Landsleuten zur Verfügung gestellt werden kann, ist dies nur ein einzelnes trauriges Beispiel dafür, dass Solidarität anders geht. Wir brauchen Europa als ausgleichendes Element zwischen Groß und Klein, Stark und Schwach, Arm und Reich. Und wir brauchen Europa um gemeinsam und zielorientiert zu handeln und uns nicht in nationaler Kleinstaaterei zu verlieren.
Der Apostel Paulus schreibt: „Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.“ Paulus bezieht das auf uns Menschen in unserer Beziehung zu Jesus Christus. Doch es kann auch, wie ich finde, ein gutes Bild für Europa sein. Die Länder Europas sind mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen und mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten ausgestattet. Und in einer Verbindung können die Stärkeren Schwächeren unterstützen und alle von den Vorzügen einzelner profitieren.
Ja, das klingt alles sehr einfach, wenn nicht sogar naiv. Und dennoch denke ich, dass ein gutes Miteinander auf unserem Kontinent alternativlos und überlebensnotwendig ist. Vergessen wir neben aller Kritik nicht auch, was auf dem Spiel steht. Gott will, dass wir Menschen einander helfen, jeder so gut er eben kann. Europa ist eine gute Möglichkeit, dass ganz praktisch in die Tat umzusetzen. Amen

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  Exit?!

Exit?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.05.2020

In der Zeitung lese ich ein Plädoyer für „Vernetzung im kleinen Kreis“ bzw. vorsichtige Vergrößerung der Infektionsgemeinschaft, um sich die schwierig gewordenen Aufgaben ein bisschen besser aufteilen zu können, denn selbst sehr einsichtige und verständige Menschen zeigen allmählich Ermüdungserscheinungen. Man will zurück ins alte Leben.
Wer hier schon lange mitliest weiß, ich schreibe nebenher die Bibel ab. Inzwischen bin ich bei Jakob und Esau. Jakob hatte seinen Bruder um den väterlichen Segen betrogen und hatte deshalb nach Aramäa, in die Heimat seiner Mutter Rebekka fliehen müssen. Dort hat er seinem Onkel gedient, jeweils sieben Jahre um Rahel und Lea und dann noch weitere sechs Jahre. Er hat sich eingerichtet in der anderen und fremden Normalität, es hatte gute und schlechte Tage gegeben und für Jakob durchaus auch materiellen Gewinn. Aber dann kommt der Moment, an dem Jakob dieses Leben leid ist und müde. Er will zurück, nach Hause.
Jakob sucht eine Exitstrategie aus der Notlösung nach der Flucht für den Rückweg ins alte Leben. Dort will er hin, unbedingt, auch wenn er nach der ganzen Zeit gar nicht weiß, ob die Welt, die er verlassen hat, überhaupt noch da ist und ob er darin noch funktioniert.
Abschreibend hat man ein gutes Gespür für die Länge eines Kapitels. Das über diesen Aufbruch, Gen 31, ist sehr lang. Es beginnt mit Entschädigungsverhandlungen für den Lohnausfall der vergangenen Zeit. Das dauert und gelingt auch nicht so ehrbar, wie man sich das erhoffen würde. Dazu kommt die Unsicherheit, ob es eigentlich der richtige Moment ist, ob Jakob überhaupt losgehen kann. Er bricht trotzdem auf, aber heimlich und hektisch und wird eingeholt. Ehe er weiter gehen kann, braucht es klare Verabredungen, Grenzsteine und Markierungen, später dann noch viele kostbare Geschenken. Jakob wird es schaffen, aber er wird darüber ein anderer geworden sein – ein Hinkender und ein Gesegneter.
Es ist eine lange kraftzehrende Reise von einem Ort, an dem man nicht auf ewig bleiben kann, dorthin zurück, woher man ursprünglich kam. Es ist eine Reise die müde macht aber auch Einsicht lehrt. Es braucht andere Grenzen und neue Bündnisse.
Wir stehen da auch, am Anfang des Kapitels. So wie es ist, kann es nicht bleiben. Also gilt es, langen Rückweg zu strukturieren und Lebensformen für diese Wanderung durch die dürre Ebene zu finden. Dazu gehören Andachten morgens und abends, ein Plan für die nächste Etappe, Achtsamkeit gegenüber Leib und Seele, Solidarität und Gottes Zuspruch, sein Segen. Ohne den geht Jakob nicht los.
Den braucht es. Den brauchen auch wir. Mit ihm werden wir es schaffen bis zur nächsten Tränke und dann zum Horizont und dann werden wir weitersehen. Und bis dahin möge ER sein

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  Jubilate!

Jubilate!

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.05.2020

Jesus, der wahre Weinstock. Dieses Bild steht über dem Sonntag Jubilate. Das ist in sich durchaus schlüssig, lassen sich doch mit Wein positive Bilder verbinden – von fröhlichen Festen, von Ausgelassenheit und Lebensfreude. Doch es geht um mehr als um fröhliche Feste. Jesus nutzt das Bild des Weinstocks, um die enge Verbundenheit von uns Menschen mit ihm zu beschreiben. Wir sind die Reben, die am Weinstock wachsen und die eben nur dann wachsen können, wenn die Verbindung besteht und stabil ist. Wichtig finde ich, dass Jesus auch hier die Freiwilligkeit unterstreicht und herausstellt, dass eine Trennung von ihm möglich ist.
Ja, die Konsequenzen sind schwerwiegend. Wir können keine Frucht bringen aus uns selbst, wenn wir nicht bei Jesus bleiben. Sobald die Trennung erfolgt ist, versiegt die Quelle, aus der uns unsere Lebenskraft zufließt. Wir sind abgeschnitten von Gottes Liebe, seinem Zuspruch und seiner Fürsorge und damit ist ein Leben, wie Gottes für uns gedacht hat, zum Scheitern verurteilt. Und mehr noch: Wir werden weggeworfen von Gott, müssen verdorren und werden schlussendlich ins Feuer geworfen. Das sind harte und grausame Folgen. Jesus sagt damit, dass sich Gott auch aktiv von uns abwenden wird, wenn wir uns aktiv von ihm abwenden.
Immer wieder haben Menschen versucht, sich von Gott loszusagen, ihm seinen Platz im eigenen Leben und in dieser Welt zu verwehren, ja sich selbst Gott gleichzustellen. Wenn solche Menschen dann Macht bekommen, sind die Konsequenzen nicht selten so, wie Jesus sie im Gleichnis drastisch beschreibt. Wir haben in diesem Jahr bereits eine Reihe von traurigen 75. Jahrestagen begangen, deren Ursache in der deutschen Geschichte liegen und für die Menschen Verantwortung tragen, die sich von Gott losgesagt und somit gottlos gedacht, geredet und gehandelt haben. Und dennoch ist die Trennung von Gott grundsätzlich möglich. Gott drängt sich nicht auf und er zwingt uns nicht in die Gemeinschaft mit ihm. Es ist und bleibt schlussendlich unser freier Wille, der wiederum ebenfalls ein Gottesgeschenk ist.
Am Ende des Gleichnisses lädt Jesus dann ein zum großen Wunschkonzert. Ihr werdet bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. So sagt er es uns zu. Doch so einfach scheint es nicht zu sein, denn sonst wäre die Zahl der christlichen Lottomillionäre sicher deutlich höher. Jesus leitet die Einladung zum „Wünsch-Dir-Was mit einer Bedingung ein. Und diese lautet: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann wird Jesus unser Bitten erhören. Das bedeutet doch, dass unsere Bitten erfüllt sein sollen von dem, was Jesus uns vorlebt: Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Toleranz und Demut gegenüber Gott und unseren Mitmenschen. Damit sind selbstsüchtige Bitten von vornherein ausgeschlossen.
Ich verstehe Jesus hier so, dass er uns seine Hilfe anbietet auf unserem Weg in seiner Nachfolge. Wenn wir in seinem Sinn und seinem Namen handeln wollen, dann dürfen wir ihn bitten und er wird uns unterstützen und begleiten, wo es für uns schwierig wird. Und das ist doch dann wiederum ganz eindeutig ein Grund zur Freude, zur Dankbarkeit und zum jubilieren. Jubilate!
Amen.

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  Ein Genie an Demut

Ein Genie an Demut

Henning Böger, Pfarrer - 02.05.2020

Es ist das Jahr 1936, Sommer in Ostende in Belgien. Zwei ungleiche Freunde treffen sich, beide sind Österreicher, Schriftsteller, die vor den Nationalsozialisten geflohen sind, beide in der Heimat mit Schreibverbot belegt, ohne die Erlaubnis, dass ihre Bücher weiter gedruckt und verkauft werden.
Der eine der beiden Freunde ist Stefan Zweig, als Schriftsteller bereits zu Ansehen und Vermögen gekommen, weil seine Bücher noch überall sonst in der Welt verkauft werden. Der andere ist Joseph Roth, bettelarm im Exil, weil er wenige Bücher verkauft und viel Geld braucht für die Pflege seiner kranken Frau und den Genuss von zu viel Alkohol.
Im belgischen Ostende treffen die beiden Freunde im Sommer 1936 aufeinander. Stefan Zweig, so wird er-zählt, führt seinen Freund Roth, dessen Kleidung ärmlich aussieht, zu einem Schneider, der Roth eine neue Hose schneidern soll.
Am folgenden Tag trägt Joseph Roth seine neue Ho-se, dazu aber seine alte, zerschlissene Jacke. Im Café bestellt er drei Gläschen Likör – und schüttet diese über seiner alten Jacke aus. Was machen Sie da, wird er gefragt. Und Roth sagt: So sind sie, die Millionäre. Führen sie uns schon zum Schneider, so vergessen sie, uns zu den Hosen auch eine neue Jacke schneidern zu lassen! Drei Tage später lässt Stefan Zweig, dem das zu Ohren gekommen war, seinem Freund eine neue Jacke anfertigen. Dabei sagt er: Roth ist ein Genie!
Ein merkwürdiges Genie, dachte ich mir beim Lesen dieser Anekdote. Ein Genie der Demut, könnte man auch sagen. Denn Joseph Roth soll sehr stolz darauf gewesen sein, dass er sich gegenüber seinem vermögenden Freund nicht nur demütig gezeigt hat. Genauer: nicht zu demütig.
Demut braucht, so verstehe ich es, immer einen Rest an Stolz, an Eigenwert und Würde. Demut ist niemals Unterwerfung, sondern behält aufrechte und wache Sinne für die eigene Lage und die Hilfe anderer darin. Demut lehrt uns, vor anderen nicht in den Staub zu versinken und doch aus tiefstem Herzen für ihre Hilfe dankbar zu sein.

Gebet:
Du, Gott, lässt dich nicht täuschen von schönen Fassaden. Du kennst die Wahrheit, die wir manchmal selbst nicht wahrhaben wollen. Wir bitten dich: Löse uns gnädig aus unserer Selbsttäuschung und gib uns den Mut zu echter Demut und zu gesundem Stolz.
Amen.

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  Bin doch kein Angsthase!

Bin doch kein Angsthase!

Henning Böger, Pfarrer - 30.04.2020

Im Zoo brüllt der Löwe. Im Schlafzimmer bewegen sich unheimliche Schatten an der Wand. In der Menschenmenge kann man leicht verloren gehen. Für sein Bilderbuch „Bin doch kein Angsthase“ erinnert sich der französische Illustrator Barroux an Situationen, in denen er als Kind Angst hatte.
Die Hauptfigur seines Buches aber ist frei davon. Der Junge spricht die kleinen und großen Leser direkt an: „Angst? Ich doch nicht! Weißt du, warum?“ Der Grund für seine Furchtlosigkeit liegt in seinen Armen: „Hab‘ ja mein Kuscheltier dabei.“
„Bin doch kein Angsthase!“ Diese kesse Lippe vergisst man nicht so schnell. Und ich finde, sie täte uns allen zurzeit häufiger ganz gut als mutige Antwort auf die vielen kleinen und großen Fragen im Corona-Alltag: Wie soll das gehen mit Familie und Beruf unter einem Hut, wenn Krippen, Kitas und Grundschulen weiter geschlossen bleiben? Wie kommt die berufliche Existenz vom seidenen Faden wieder auf sichere Füße, wenn der Laden zu ist und die Küche seit Wochen kalt? Wie lange kann man Kinder und Enkel nicht sehen dürfen, ohne dass man ins seelische Tief abrutscht? Jeder und jede wird diese Liste für sich ergänzen können. Fragen, viele Fragen, bei denen einem angst und bange werden könnte.
„Angst? Ich doch nicht! Weißt du, warum?“ Ja, warum eigentlich nicht? Die Frage, die der Zeichner Barroux mit leichter Feder stellt, ist einfach und schwer zugleich. Sie lautet: Was tragt ihr mit und in euch als Heilmittel gegen das ängstliche Fragen, die Sorgen und den Zweifel? Und zwar auch dann noch, wenn ihr dem Kuscheltieralter längst entwachsen seid?
Darum drehen sich zurzeit viele Gespräche, die ich als Pastor in St. Magni und am Dom führe. Danach gefragt, was sie mutig und zuversichtlich sein lässt, erzählen Menschen von prägenden Erinnerungen und positiven Erlebnissen in ihrem Leben, aber auch von Geschichten, Gedichten, Bibelworten, die sie als liebgewonnene Begleiter und persönliche Heilmittel gegen die Angst mit sich tragen.
Meine Kollegin am Braunschweiger Dom, Cornelia Götz, hat dafür ein schönes Bild gefunden. Sie schreibt: „Es ist gut, einen kleinen Vorrat an guten Worten zu haben!“ Dieser Vorrat macht den eigenen Horizont ein wenig heller und weiter, als man ihn sich selbst gerade denken oder machen könnte.
Meinen eigenen Vorrat an guten Worten habe ich in den vergangenen Wochen mit Worten des Apostels Paulus aufgefüllt. Der schreibt im Römerbrief im achten Kapitel: „Ich bin ganz sicher, dass nichts uns von Gottes Liebe trennen kann: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen noch andere Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle.“
Das sind starke und tröstende Worte von der Liebe Gottes, mit der ich hier und ewig untrennbar verbunden bleibe. Und das ist ein wirklich guter Grund, gerade jetzt kein Angsthase zu sein. Danke, Barroux, für diesen Gedanken!

Gebet:
Leuchte mir einen Weg. Zeige mir deine Furt. Gib mir eine Handbreit Stand. Löse mich von der Angst. Ich möchte freihändig leben. Ich möchte aufrecht gehen, Gott. Amen.

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  Im Fischbauch

Im Fischbauch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.04.2020

Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt. Man wartet auf die nächste Runde im Kanzleramt oder unter den Ministerpräsidenten, auf die Entscheidung über die Rahmenbedingungen für Gottesdienste und Konfirmandenunterricht, auf Infektionszahlen und Regen.
Nebenher bin ich immer auf der Suche nach Texten, Gedichten und Geschichten, die helfen und wohltuen. Einer, der unglaublich vielen Menschen gute Worte schenkte war Klaus Peter Hertzsch. Viele kennen ihn durch den Liedtext von „Vertraut den neuen Wegen.“
Ich habe ihn als Professor für praktische Theologie in Jena erlebt. Ehe ich in seinen Vorlesungen über Predigtlehre, Seelsorge und Liturgik saß, hörte ich aber seine Literaturvorlesung. Er, der wusste, dass Menschen in der DDR zu viele gute Bücher nicht zur Hand haben, erzählte von Böll und Brecht, rezitierte – weil er fast blind war - seitenweise auswendig. Literatur als täglich Brot.
Und er konnte dichten. Nicht nur zu Festen, sondern auch entlang der Bibel.
Jetzt in diesen Tagen fallen mir Zeilen aus seiner Ballade über die „schöne Stadt Ninive“ wieder ein. Es ging um den Propheten Jona. Der hatte den Menschen ansagen sollen, dass es so, wie sie leben, nicht weitergehen würde. Aber der Auftrag, war Jona zu schwer und so war er, aus lauter Angst, Überbringer so schlechter Nachrichten zu sein, abgehauen und hatte sich eingeschifft. Aber das Schiff, auf dem er floh, geriet in Seenot. So warf man das Los, um zu klären, wer dem Meer geopfert sollte, um es zu beruhigen. Natürlich musste Jona über Bord. Aber er wurde gerettet und von einem großen Fisch verschluckt.
Da saß er. Da sitzen wir nun. Immerhin in Sicherheit. Aber allein, jeder in seinem Fischbauch und keiner weiß, wie lange noch und wie das Land aussehen wird, wenn wir irgendwann wieder ausgespuckt werden.
Was tut man in solchen Zeiten???
Über Jona dichtete Klaus Peter Hertzsch:
„Dort saß er, glitschig, aber froh: / denn naß war er ja sowieso.
Da hat er in des Bauches Nacht / ein schönes Lied sich ausgedacht.
Das sang er laut und sang er gern. / Er lobte damit Gott den Herrn.
Der Fischbauch war wie ein Gewölbe: / das Echo sang noch mal dasselbe.
Die Stimme schwang, das Echo klang, / der ganze Fisch war voll Gesang.“
Singen ist ja im Moment leider auch nur etwas für den Fischbauch. Chöre werden wohl noch eine ganze Weile warten müssen, bis sie große Gewölbe wieder mit Gesang füllen können. Singen hilft trotzdem. Aus dem Fenster, im Garten oder in der Küche. Singend schöpft man Hoffnung und erinnert sich, dass Gott doch auch gesagt hatte (noch einmal in Hertzschs Worten):
Und „sollte ich die Stadt nicht schonen, / in der so viele Menschen wohnen, /
so viele Eltern, viele Kinder, / so viele arme, dumme Sünder, / so viele fröhliche Gesellen – / dazu die Tiere in den Ställen?“ Ja, das wird ER!
Man wird wieder fröhlich mit diesen Gedichten. Und also: Weiter geht’s! Ein neuer Tag!

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  Lass leuchten

Lass leuchten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.04.2020

In der alten Zeit musste man einen Film oder Serie dann ansehen, wenn sie kam. Hatte man das verpasst, half nur noch die Erzählung anderer. Die diversen Berichte und Auswertungsgespräche gehörten zu den allerwichtigsten Gesprächsthemen morgens vor der Schule. Denn alles lebte von der Gleichzeitigkeit des Erlebens.
So ist es mit besonderen Augenblicken immer noch, denn wir leben davon, dass wir sie teilen – mit allen Sinnen.
Natürlich kann man ein Fußballspiel im Fernsehen angucken, aber es ist doch etwas anderes, wenn im Stadion alle gleichzeitig die Luft anhalten und die Spannung mit Händen zu greifen ist. Der wohlige Schauer läuft einem eben nur dann den Rücken runter, wenn wir gemeinsam singen und gemeinsam jubeln. Auch Scheitern lässt sich besser aushalten, wenn wir gemeinsam aufjaulen. Im Gottesdienst ist das auch so: mein Herz kann sich leichter erheben, wenn wir gemeinsam aus ganzer Seele singen und miteinander zum Segen aufstehen. Ganz zu schweigen von der Zärtlichkeit fremder Hände beim Friedensgruß, der Innigkeit einer aufgelegten Hand.
Das geht nicht gut am Laptop und ist auf dem Sofa nicht das Gleiche. Da hatte ein kluger Kommentator schon Recht, wenn er schrieb, der Unterschied zwischen analog und digital sei ungefähr so groß wie der zwischen Liebe und Liebensfilm. Wobei gegen gute Liebesfilme nichts einzuwenden ist…
Und trotzdem ist es ein wirklicher Segen, dass wir jetzt solche unglaublichen technischen Möglichkeiten haben! Wir können erleben, was andere für uns ins Internet eingestellt haben, ihre Leidenschaft sehen, die Sorgfalt und liebevolle Mühe, mit der sie ein Format überlegt und gestaltet haben.
Im Dom haben wir inzwischen einen Abendsegen aufgenommen, den Sie hoffentlich auch sehen können. Die Bilder dabei verdanken wir einem, der mit sehr viel Herzblut und Begeisterung dem Licht im Dom nachgegangen ist und auf den Moment gewartet hat, bis die Abendsonne genau durch die Mitte der Rosette in den Dom scheint. Ein einzelner Moment, den er unbedingt einfangen wollte – um ihn später mit Vielen teilen zu können.
Ohne diese merkwürdige Zeit hätte ich nicht mit ihm gewartet, hätte ich dieses Leuchten nie gesehen! Dieses Warten hat mich an einen meiner Konfirmanden erinnert, der den 31. Psalm falsch und doch wundersam richtig zitierte. Er sagte statt „Meine Zeit steht in deinen Händen, Herr, lass leuchten dein Angesicht“: „Lass leuchten meine Zeit!“ oder hieß es gar: „Herr, lass leuchten deine Zeit“?

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  Wohnzimmerkonzert gegen die Angst

Wohnzimmerkonzert gegen die Angst

Henning Böger, Pfarrer - 27.04.2020

Als Konzerte wegen der Corona-Krise abgesagt werden, ist Igor Levit einer der Ersten: Unter dem Motto „No Fear“ sendet er aus seinem Wohnzimmer Klaviermusik via Internet in alle Welt. Leger gekleidet, in Pulli und Socken, spielt der 33-Jährige am Flügel Liszt, Schubert oder Beethoven. Und erhält dafür viel dankbare Rückmeldung von denen, die in großer Zahl ebenfalls von zuhause aus seine Konzerte genießen.
No Fear. Keine Angst. Für viele Menschen ist Musik in diesen Corona-Wochen gerade darum besonders wichtig: Weil sie Angst nehmen kann und ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit vermittelt. Und Musik eignet sich hervorragend, um nach außen, mit anderen zu kommunizieren: "So geht es mir gerade!" So singen Menschen verschiedener Sprache und Kultur zurzeit gemeinsam an Fenstern, auf Balkonen und Terrassen. In der Karwoche haben wir das auch in den Braunschweiger Kirchengemeinden ausprobiert.
Wer nun summend die Bibel zur Hand nimmt, der kann ein Buch voller Musik entdecken, mit Tönen für alle Lebenslagen: Lieder, die Gott loben und von Herzen dafür danken, dass dieser Gott mit seinem Schutz und Segen nahe ist. Aber auch leise, klagenden Töne, wenn ein Mensch sich einsam, verlassen, krank oder dem Tode nahe fühlt und sich bittend an Gott wendet: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom EINEN, der Himmel und Erde gemacht hat. Siehe, dein Hüter schläft und schlummert nicht ..." So klingt der 121. Psalm, für mich eines der schönsten Lieder, die es gibt.
Nichts ist kräftiger und wirkungsvoller als die Musik, wenn es darum geht, „die Traurigen fröhlich und die Verzagten beherzt zu stimmen", so der Reformator Martin Luther, für den der Glaube und die Musik engverbundene Geschwister waren.
Der Pianist Igor Levit sagt, er wolle mit seiner Musik die Kette der Einsamkeit durchbrechen. Das scheint ihm zu gelingen, denn seine Wohnzimmer-Konzerte haben längst Kultcharakter. Sie halten schützenden Abstand und überwinden doch Distanzen. So spielt er weiter Stücke wie die „Moments Musicaux“ oder die Mondscheinsonate – als „heilendes, ja rettendes Moment“, wie er sagt, für sich selbst und für andere.
Das ist ein starkes, klingendes Zeichen der Zuversicht dem Virus zum Trotz. Wer Igor Levit zuhört, der spürt: Da trifft einer genau den richtigen Ton! Gott sei Dank dafür.

Gebet zum Tag:
Gott, stimme uns neu, dass wir taugen als deine Instrumente. Gib uns Lebensbrot, dass wir dein Lied singen. Lege uns Begeisterung ins Herz und zaubere ein neues Lied in unsere Seele. Amen.

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  Hirten und Schafe

Hirten und Schafe

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.04.2020

Jesus, der gute Hirte. Das ist das Leitbild dieses Sonntages. Ich habe Bilder aus der Lüneburger Heide im Kopf mit einer Herde Heidschnucken, begleitet von einem in derbem Zeug gekleideten Schäfer, mit langem Schäferstab und mit seinem achtsamen Hund an seiner Seite. Ich kann Jesus in dieser Rolle gut annehmen. Er, als besorgter Wächter, der sich kümmert, kein Schaf aufgibt, versorgt, pflegt, schützt. So ein wenig Probleme habe ich mit meiner Rolle, die ich in diesem Bild spiele: ich, ein Schaf? Das, was wir landläufig mit Schafen verbinden, ist nicht das, was ich sein möchte. Schafe gelten nicht als ausgesprochen clever sie lassen alles mit sich machen und beim kleinsten Versuch, aus der Herde auszubrechen, laufen sie Gefahr, vom Hirtenhund gezwickt und zur Raison gebracht zu werden. Das finde ich insgesamt nicht erstrebenswert. Kann es tatsächlich sein, dass Jesus mich so will?
Nein, bin fest davon überzeugt, dass das nicht sein Wunsch ist. Dieser Jesus von Nazareth war einer, der sich eingemischt hat, der aufbegehrt hat, der Partei ergriffen hat für die Armen, die Ausgegrenzten und die Schwachen. Er hat kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum ging, auf Missstände hinzuweisen und er hat Verantwortung übernommen für seine Mitmenschen und auch für uns. Sein Verantwortungsbewusstsein war so groß, dass es ihn ans Kreuz geführt hat wo er, beladen mit all unseren Lasten, qualvoll gestorben ist.
Jesus will uns Orientierung geben und Vorbild sein. Und damit ist für mich ganz klar, dass er sich keine Menschen wünscht, die leben, wie die Schafe – ruhig und brav und duckmäuserisch. Ich bin fest davon überzeugt, dass Jesus von uns erwartet, dass auch wir Verantwortung übernehmen für unsere Mitmenschen und für uns selbst.
Wir stehen vor bisher ungekannten Herausforderungen. Ganz aktuell müssen wir verantwortlich miteinander umgehen, um die Gesundheit unseres Nächsten nicht zu gefährden. Und wir werden in der Zukunft mit großer Sorgfalt darauf achten müssen, dass die Folgen von Corona unsere Gesellschaft und auch das Weltgefüge nicht so verändern, dass Leid und Schmerz und Not freie Bahn haben. Gerade in diesen und den vor uns liegenden Zeiten wird es wichtig sein, uns Gottes Botschaft immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und bei all unserem Tun und Lassen seine Maßstäbe von Barmherzigkeit und Liebe im Blick zu behalten. Und ich ahne, dass das oftmals kein Spaziergang werden wird.
Doch gerade in dieser Situation hilft mir das Bild vom guten Hirten. Er passt auf mich auf und er stärkt mir den Rücken in allem, was ich tue. Ich muss keine Angst haben, dass ich mich verirre, denn ich darf mich darauf verlassen, dass er Achtsam auf mein Leben schaut und mich begleitet – liebevoll, manchmal vielleicht auch sorgenvoll. Aus dieser Gewissheit heraus, kann ich mir dann auch wirklich zutrauen mich einzumischen, mich einzubringen und darauf hinzuweisen, wenn Dinge so laufen, wie sie nicht laufen sollen. Ich kann mutige Schritte wagen, denn er achtet auf mich. Mit Jesus an meiner Seite darf ich ein emanzipiertes Schaf sein und ich denke, dass es genau das ist, was er von uns erwartet.

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  Welttag des Buches

Welttag des Buches

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.04.2020

Gestern war Welttag des Buches und mit einem Ohr habe ich im Radio noch gehört, dass jemand – ein Kinderbuchverlag? – Kinder aufforderte, anderen ihren Lieblingssatz aus ihrer Lieblingsgeschichte zu schenken. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich keinen Moment gezögert und es wäre der letzte Satz aus „Pippi Langstrumpf“ geworden: „liebe kleine Kumelnus, niemals will ich werden grus“. Ich krieg Pippis sensationelle Rechtschreibung nicht mehr hin und mein Exemplar ist auf dem Boden. Aber ungefähr so muss es gewesen sein. Jetzt bin ich groß geworden und der erste Satz, eigentlich nur ein Halbsatz, der mir heute einfällt, stammt von Uwe Johnson, der im August 1983 über den Kamm des Heidbergs in Güstrow schreibt: „Obschon ich dieses Bildes gewärtig zu sein hoffe in der Stunde meines Sterbens…“
Ich bin unzufrieden mit mir, weil mir nichts Heiteres zuerst einfällt und krame noch ein bisschen in Gedanken, lande schon wieder bei Uwe Johnson und Jakob, der „doch immer über die Gleise gegangen war“.
Es scheint nichts zu helfen. Also beherzige ich einen Rat aus meiner Predigt- und Seelsorgeausbildung, erste Einfälle und Gedanken ernst zu nehmen und nicht Zeit und Kraft darauf zu verschwenden, sie zu verdrängen, sondern lieber der Frage nachzugehen, was mir da eigentlich in den Kopf gekommen ist.
Ich bin noch nicht so trübsinnig, dass ich übers Sterben nachdenke – aber ich mache in dieser Zeit viele Gedankenreisen. Ein Ort, den ich am Ende gerne vor meinem inneren Auge hätte, wäre der Inselblick auf Hiddensee oder einer der Wiesengründe im Vogtland. Merkwürdig, es sind gar nicht die überwältigenden Anblicke, die ich im Laufe meines Lebens zu sehen bekommen habe, irgendwo auf der Welt, er sind auch keine besonderen oder gar heiligen Räume, die mir einfallen, sondern heimatliche zutiefst vertraute Landschaften.
Welttag des Buches. Da kann man mal sehen, wieviel Bücher mit Beheimatung zu tun haben, mit Wurzeln. Ich schenke meinen Halbsatz meiner Mutter, die ihn verstehen würde. Sie ist keine Frau, die viele Worte macht, aber die wichtigsten Bücher meines Lebens, „Pippi Langstrumpf“, Uwe Johnsons „Jahrestage“, die Gedichtsammlung vom „Goldenen Überfluss“ und Fritz Reuters „Das Leben auf dem Lande“ habe ich von ihr. Jetzt muss ich sie ganz dringend mal wieder in den Arm nehmen dürfen.
Und dann gibt es noch einen Vers aus der Bibel. Die Liebe zu ihm teile ich mit einer Freundin und meiner Tochter (…ist dies Worte verschenken vielleicht eine Frauensache???): „Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen…“
Wenn das mal keine Gedankenreise nach Hause wird.

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  Schule

Schule

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.04.2020

Gerade wird viel darüber diskutiert, wann und wie die Schulen wieder geöffnet werden. Besonders für die Schülerinnen und Schüler, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, ist es wichtig, in einem geordneten Prozess ihren Hauptschulabschluss, die mittlere Reife oder das Abitur erwerben zu können. Der Schulabschluss ist ja quasi das Fundament für das sich anschließende Studium oder die Berufsausbildung, das Sprungbrett hinein ins weitere Leben.
Bevor es damit losgeht, sind dann meist noch Auswahlverfahren zu absolvieren, Tests zu bestehen und die Chancen hierbei sind mit einem Schulabschluss, der einen „Corona-Makel“ hat, natürlich nicht besser. Es sind immer wieder Hürden zu nehmen, wenn man im Leben, insbesondere im Berufsleben, weiterkommen will. Und wer daran scheitert, gerät leicht ins Hintertreffen. Bei Gott ist das zum Glück anders. Über dem heutigen Tag heißt es: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“ Von Paulus stammen diese Worte, er hat sie an die Gemeinden in Galatien geschrieben.
Ich finde diesen Satz bemerkenswert, besagt er doch, dass wir, anders als bei vielem, eben keinerlei Prüfungen abzulegen haben, bevor wir Gottes Kinder sind, sondern dass das einfach so ist, wenn wir glauben. Und unseren Glauben, den bekommen wir geschenkt, ohne großes Zutun unsererseits, ohne, dass wir dafür etwas Besonderes tun oder gar bezahlen müssten. Glaube ist unverdienbar und damit eben auch unverdient. Und den Ehrentitel, Gottes Kind zu sein, bekommt man dann noch mit dazu.
Wobei es „Ehrentitel“ nicht trifft. Es ist für mich die höchste Auszeichnung, die man überhaupt bekommen kann. Als Gottes Kinder sind wir hineingenommen in die Heilige Familie mit Gott als unserem Vater und unserer Mutter und mit Jesus Christus als unserem Bruder. In dieser Position dürfen wir uns seiner Liebe sicher sein, können wir uns auf seine Fürsorge verlassen und dürfen wir uns geborgen fühlen in seiner großen Freundlichkeit und Barmherzigkeit. Ist das nicht einfach im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar?
Ich finde es gerade in diesen Tagen, in denen so vieles anders und schwerer und fremder ist als sonst, besonders tröstlich, dass uns unsere Gotteskindschaft begleitet und trägt. Und sie kann uns nicht genommen werden durch irgendwelche Viren, Kontaktbeschränkungen oder sonst was.
Gott ist für uns da, auch und gerade in diesen besonderen Zeiten – und das im Übrigen auch völlig unabhängig von unserem Schulabschluss. Amen.

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  SONNE UND SCHILD

SONNE UND SCHILD

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.04.2020

Die Sprecherin im Radio macht es beim Wetterbericht kurz: „Überall sonnig und trocken.“ In der Tat. Wolkenloser blauer Himmel draußen.
Vor ein paar Wochen war ich noch tief drin in den Fragen von Schöpfungsbewahrung und Klimawandel, meinem Lebensstil und der nicht so leicht bezwingbaren Freude an hübschen Dingen der Saison, die ich eigentlich nicht brauche. Ich war dabei, mehr zu lernen über biodynamische Landwirtschaft und die Funktion der Wiederkäuer, Bodenwerte und das Gewicht von Landmaschinen. Plastikmüll wurde weniger. Wir haben uns an den jeweiligen Theken angestellt und „unverpackt“ in Angriff genommen, Reisen quer durch Europa mit dem Zug statt mit dem Flieger gebucht. Das alles ist jetzt in den Hintergrund geraten. Nicht gut, sagt mir der Blick auf die Wetterkarte.
Dies Thema ist nach wie vor drängend und wird uns die nächste Krise bescheren. Spätestens aus der aktuellen Krise müssen wir lernen, wie teuer uns verspielte Zeit zu stehen kommt. Also!
Und trotzdem bin ich froh über Sonne ohne Regen.
Wegen der Trauerfeiern und Beerdigungen.
Draußen zu stehen, ohne Geläut und Orgel, ohne den bergenden Schutz eines befriedenden Raumes, vor allem aber ohne das Geleit derer, mit denen wir trauern, ist schwer erträglich und bei grauem Nieselwetter unvorstellbar. Wir tragen ja nicht nur sterbliche Überreste zu Grabe. Jede Beerdigung ist auch ein Hindurchgehen, ein Passageritus, von einem Leben ins andere. Die wir lieben und hergeben müssen, gehen vom Leben hier ins Leben dort. Wir gehen vom Leben mit ihnen ins Leben ohne sie.
Dazu braucht es Geleit. Einer der, der vorgeht aber vor allem die, die mitgehen. Gerade dann, wenn wir am Grab stehen, braucht man warme Hände, sich festzuhalten und Menschen neben sich zu spüren und hinterher tut es gut, einander lachend und weinend zu erzählen, welche Erinnerungen uns jetzt überschwemmen. Und ja, es braucht auch ganz dringend das gemeinsame Essen, den Leichenschmaus.
„Gott, der Herr, ist Sonne und Schild“ heißt es im 84. Psalm. Diese Sonne ist jetzt ein Schutzschild, jedenfalls auf dem Friedhof. Aber leuchtet auch anderes aus, damit wir begreifen: so kann es nicht bleiben weder im Blick auf die Beerdigung unserer Lieben noch mit Blick auf die arme Erde. Das wusste der Psalmbeter auch. Denn „Frühregen hüllt das dürre Tal in Segen.“

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  Jetzt im Lehrplan...

Jetzt im Lehrplan...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.04.2020

Telefonat mit einer Geschichtslehrerin, die jetzt lehrplanmäßig mit dem Holocaust beginnen würde. Wie soll das gehen, online und Zuhause?
Wie soll das gehen in den Elternhäusern, in denen darüber nicht gesprochen wird, ganz zu schweigen von den Eltern, die zu diesem schwierigen Thema selbst nicht über ein Geschichtsbild verfügen, das zum Weitererzählen geeignet ist.
Wie soll gehen bei diesen schrecklichen Fakten.
Ich erinnere mich an den Schock unserer Tochter, die im Jüdischen Museum in Prag mit mir vor der Wand mit den vielen Namen stand. Und an ihre Tränen nach der Lektüre des ausgezeichneten Kinderbuches „Warten auf Anja“. Es gab nichts Tröstendes zu sagen, außer dass wir aufpassen müssen, dass so etwas nie wieder passiert.
Später waren wir in Amsterdam im Anne-Frank-Haus. Man steht in Annes Zimmer, sieht die Poster und Bilder an der Wand und versteht, das war ein ganz normales Mädchen. Jetzt in diesen Tagen, an denen sich viele Jugendliche so eingesperrt fühlen, wie Anne damals, wird noch viel schärfer bewusst, was sie erlitten hat. Alles, womit wir uns jetzt durchhelfen, nichts ging: Telefonate, Post, Kerzen im Fenster. Im Gegenteil: kein Spazieren, schon gar keine laute Musik oder weit offenstehende Fenster. Keine Kontakte, gar keine Aussicht auf Lockerung. Totale Abhängigkeit von den Helfern.
Wir wissen auch nicht, wann es wieder „normal“ wird und wie das dann sein wird. Aber für Anne war unabsehbar, wie schwer sich die große Feindschaft draußen, deren Ziel sie war, noch auf ihr Leben legen würde. Die Lebensgefahr, in der sie und ihre Familie schwebten, hatte eine ganz andere grausige Dimension.
Anne Frank hat ein „danach“ nicht mehr erlebt. Sie starb in Bergen-Belsen.
Am vergangenen Wochenende ist der Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers im April 1945 gedacht worden. Es ist das Erinnern derer, die verschont geblieben sind und die doch nichts wissen. Elke Lasker-Wallfisch sagte: „Nur wer damals hier in Bergen-Belsen war, kann wirklich wissen, wovon wir Überlebenden reden… Nichts als Leichen, Leichen, Leichen.“ Wie soll man davon reden? Wie soll man das erklären?
Die Spitze dieses Eisberges macht nicht nur sichtbar, wie dringend nötig gute Bildung ist und was unserer Gesellschaft engagierten Lehrerinnen und Lehrern verdankt, sie zeigt auch, dass wir uns vor ein paar Wochen noch vor wiedererstarkendem Nationalismus und Populismus gefürchtet haben und nicht vergessen sollten, dass rechte Ideologie kein Corona kriegt sondern unser aller Abwehrkräfte braucht.
An diesem Wochenende hätten wir Konfirmation, Wegsegen für junge Erwachsene, gefeiert: „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten.“ Diesen Segen brauchen wir alle, was auch immer wir jetzt angehen müssen.

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  Geh aus mein Herz

Geh aus mein Herz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.04.2020

Samstagvormittag ist jetzt Spazierzeit. Ein seltener herrlicher Genuss – und eine von den Besonderheiten dieser stillen Zeit, die ich vermissen werde. Wir sind auf dem Weg ins Warnetal und reden über die anstehende Schulöffnung. Gerade habe ich eine Lehrerin getroffen, die den Kopf schüttelte – allein die Schultoiletten – wie soll das gehen mit der groß angelegten Hygiene? Wir haben uns schaudernd an manche solcher Örtlichkeiten erinnert: „Erbarmungswürdig!“ Oder doch nur “erbärmlich“?
Gibt es einen tieferen Unterschied zwischen diesen beiden Worten? Der Duden hält die beiden Adjektive offenbar für höchstens hinsichtlich des Sprachniveaus unterschieden. Als Synonyme zählt er Gleiches auf: beide Worte bezeichnen etwas Jämmerliches in sehr schlechtem Zustand, elend, armselig, heruntergekommen, mitleiderregend.
Wir hängen dem noch ein bisschen nach und neigen dazu, dass Schultoiletten doch eher erbärmlich und die Kinder, die sie nutzen müssen erbarmungswürdig sind, da sagt mein Mann sich umsehend: „Das Erdreich decket seien Staub mit einem grünen Kleide…“ Was für eine Assoziationskette sein Hirn da gebastelt hat! Aber er hat ja recht. Der Raps blüht, überall frisches Grün und dazwischen Blüten, gelb und weiß und jetzt auch lila. Paul Gerhard hat das wunderbar bedichtet. Dank ihm haben wir ein Lied, das wirklich viele Menschen lieben: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit…“
Und schon sind wir in der nächsten Wortklauberei. Warum heißt es „Sommerszeit?“ wenn das ganze Lied doch voller Frühlingsbilder steckt? Kannte Paul Gerhard das Wort „Frühling“ nicht? „Märzen“ und „Maien“ hätten metrisch auch gepasst. Nun singen wir das schöne Lied meistens viel zu spät im Jahr – nur wegen des Aufmachers. Spannend, war uns bisher gar nicht aufgefallen. Es ist ein herrlicher weg. Im Mischwald blühen wilde Kirschen, am Wegrand eine Goldammer und ein Graureiher, über dem Feld ein Falke und unten ein Hase. Dicke Hummeln. Soviel Schönheit um uns herum. Kein Gedanke mehr an Schultoiletten – dafür aber an Narzissen und Tulpen, das Täubchen in den Wäldern…
Dann wird das Reden wieder ernster. Aber die Erfahrung bleibt. Solches Hellwerden muss mit „Erbauung“ gemeint sein.
Beim Schreiben später denke ich: Vielleicht ist es ja eigentlich ein Osterlied?
„Hilf mir uns segne meinen Geist, mit Segen der vom Himmel fleußt“ heißt es in der dreizehnten Strophe. Den werden wir brauchen: Segen auf unserem Verstand und Geist, damit wir jetzt gute segensreiche Wege finden und das Adjektiv „erbärmlich“ nicht zu viel Anwendung finden muss.

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  Quasimodogeniti

Quasimodogeniti

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.04.2020

Quasimodogeniti, so lautet der Name des Sonntags in dieser Woche. Das klingt schöner als 23. Sonntag nach Trinitatis, finde ich. Schade, dass unseren Altvorderen ab dem Trinitatisfest nur noch das Zählen eingefallen ist, um unsere Sonntage zu benennen. Wie auch immer – freuen wir uns am Namen des aktuellen Sonntags: Quasimodogeniti. Wie die neugeborenen Kinder, so lautet die Übersetzung. Er wird auch Weißer Sonntag genannt in Anlehnung an die weißen Kleider, die die Täuflinge in der Osternacht zur Taufe getragen haben. Und die Täuflinge sollen sich wie neugeboren fühlen nach ihrer Taufe, in der der alte Mensch im Taufwasser untergeht und der neue daraus hervorkommt.
Doch es geht nicht nur um frisch Getaufte. Wir allen sollen und dürfen uns wie neugeboren fühlen an diesem ersten Sonntag nach Ostern. Das Fest der Auferstehung liegt nur eine Woche hinter uns, wir sind in der österlichen Freudenzeit und wir dürfen glücklich und dankbar sein für den Sieg, den Jesus für alle über den Tod errungen hat. Wie neugeboren dürfen wir uns fühlen, weil die drückende Last unserer Endlichkeit von uns genommen wurde und wir nun eine Perspektive haben, die weit über alles Vergängliche, Irdische, Verwesliche, wie es Paulus nennt, hinausreicht.
Schade, dass uns daran nur ein einzelner Sonntag erinnert, oder? Nein, es ist nicht schade, weil es nicht stimmt. Natürlich ist der Sieg des Lebens an Ostern durch nichts zu übertreffen. Doch wie neugeboren dürfen wir uns öfter fühlen. Immer dann, wenn wir Bedrückendes hinter uns gelassen haben, wenn wir uns befreien konnten von unserer Angst, von unserer Trauer, von unserem Leid, immer dann, wenn uns neue Hoffnung erwachsen ist, dürfen wir uns fühlen wie die neugeborenen Kinder.
Wenn wir erste, vorsichtige Schritte in der Corona-Krise in Richtung „Normalität“ wagen dürfen, wenn die ersten Geschäfte wieder öffnen, es eine Perspektive darauf gibt, dass unsere Mitmenschen in den Alten- und Pflegeheimen wieder besucht werden können, wenn die Zahl der Erkrankten immer langsamer steigt, wenn es konkreter wird, dass wir hier im Dom bald wieder richtige Gottesdienste miteinander erleben können, dann dürfen wir diese Entlastungen feiern. Wenn wir die warmen Strahlen der Sonne beim Spaziergang spüren, den blühenden Raps riechen und das Lächeln hinter den Schutzmasken erahnen können, dann dürfen wir uns fühlen wie die neugeborenen Kinder.
Ich denke, dass wir unsere Wahrnehmung für die positiven Dinge auf dieser Welt und in unserem Leben schulen sollten damit wir unsere Gedanken zwar auch, aber eben nicht nur, auf all das richten, was gerade schwierig ist. Es tut uns gut, wach zu sein und zu bleiben für all das Schöne, Heitere und Leichte, wovon es selbst in diesen besonderen Zeiten mannigfach gibt. Und wenn wir es entdeckten, dann sollten wir uns dankbar darüber freuen und uns ein wenig fühlen wie neugeboren: Quasimodogeniti. Amen.

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  Warten und Umkehren

Warten und Umkehren

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.04.2020

Immer noch keine Gottesdienste oder wenigstens Andachten, immer noch keine Kitas und Grundschulen offen und Eltern allein mit fast allem. Immer noch kein Land in Sicht.
Noah schickte den Raben aus der Arche, damit er sucht, ob es Land gäbe, irgendwo. Aber er kommt nicht zurück. Er bringt keinen Zweig. Ist er vor Erschöpfung verlorengegangen? Dann schickt die Taube. Nicht gleich. Dazwischen wartet er. Und wartet noch länger. Die Taube kommt zurück, weil sie kein Land gefunden hat. Ehe sie ein zweites Mal losfliegt, ehe sie den Ölzweig bringt, wartet Noah wieder, wochenweise. Und dann wartet er, bis das Wasser endlich gesunken ist.
Er wartet, so wie wir warten. Von Termin zu Termin, nun bis Anfang Mai.
Wie geht diese Warten?
Das Bild von der Arche taugt nur beinahe. Wir sind ja nicht die Auserwählten, die so untadelig gelebt haben, wir sind alle mittendrin – auf die eine oder andere Weise betroffen, ausgeknockt. Wir spüren, wie sich Gewohnheiten ändern oder verlieren. Worauf warten wir jetzt? Worauf hoffen wir?
Mir hilft immer wieder Dorothee Sölle (und es hat mir gutgetan zu lesen, dass einer wie Heiner Wilmer, Bischof in Hildesheim, bei ihr auch eine Kraftquelle hat). Sie hat ein Gedicht für die Tage nach Ostern geschrieben, Song auf dem Weg nach Emmaus:
„So lange gehen wir schon / weg von der stadt unserer hoffnung / in ein dorf wo es besser sein soll
Haben wir nicht geglaubt / wir könnten die angst überwinden…
So lange gehen wir schon / in dieselbe die falsche richtung / weg von der stadt unserer hoffnung / in das dorf wo wasser sein soll
Haben wir nicht gedacht wir wären frei…“
So lange sind wir gegangen / in dieselbe die falsche richtung …“
So lange schon. Das dämmert uns in all der Warterei ja auch. Es ist eine lange Geschichte, wir gehen schon lange falsche Wege. Es geht jetzt also nicht nur darum zu warten, sondern auch umzukehren.
Dorothee Sölle: „Da kehrten wir um und gingen / in die stadt der begrabenen hoffnung - Der mit dem wasser geht mit / der mit dem brot geht mit / wir werden das wasser finden / wir werden das wasser sein.“


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  Dies ist der Tag

Dies ist der Tag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2020

Helle und lichte Tage sind das jetzt, länger und manchmal auch wärmer, voller gelb und grün, grüngelb und gelbgrün. Herrlich! Ein bisschen Regen wäre gut…
Auch die Ostertexte der Bibel sind voller Fröhlichkeit. In diese Woche gehört Hannas Lobgesang aus dem 1.Samuelbuch: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn … mein Mund hat sich weit aufgetan … denn ich freue mich!“ Darauf antwortet folgender Halleluja-Vers: „Dies ist der Tag, den der HERR macht. Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein!“
Das versuchen wir, oft gelingt es. Wir haben trotz allem immer wieder Grund zur Freude. Es gibt viel Aufmerksamkeit, Nachbarschaft, Dankbarkeit, viel mehr als man sich in normalen Zeiten schenkt. Es gibt um uns herum Natur, die aufatmet und ins Leben drängt.
Und doch, da stört die tiefe Unruhe in uns, die nicht nur aus der Sorge um die Zukunft kommt, sondern auch aus der Sorge um alle, die wir genau jetzt aus den Augen verlieren und nicht sehen.
Dieser Ostertag zum Freuen und Fröhlich Sein ist ja kein Privileg, das Gott genau uns verleiht, damit wir es noch ein bisschen besser haben. Diesen Tag macht der HERR auch und gerade dort, wo die Not zum Himmel schreit. Aber in welcher Situation trifft er die Menschen an? Wo kann da Freude herkommen?
In dieser unserer Zeitung konnte man am Dienstag lesen, dass Christos Christou, Präsident von Ärzte ohne Grenzen, angesichts des Elends der Kinder im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos gesagt hat. „Diese Kinder haben den Appetit auf das Leben verloren, sie sprechen nicht, sie spielen nicht…“ Wie weit muss es kommen, bis Kinder nichts mehr vom Leben erwarten! Kinder, die doch allermeist schon aus kleinen Dingen Freude und Begeisterung schöpfen können! Wer selbst Kinder hat, weiß, dass man stundenlang wach liegt, sich sorgt und nicht klar denken kann, wenn Kinder unglücklich sind, sich aufgeben, sich selbst nicht mögen, keine Kraft zum Leben haben. In solchen Momenten ist man gern breit, auf alles, wirklich alles, zu verzichten, damit es wieder besser wird.
Was lässt uns so zögern, wenn es um fremder Menschen Kinder geht?
Immerhin ist das Kindeswohl der Kinder in unserem Land, die jetzt kein geborgenes Zuhause haben und Schutz brauchen, wieder mehr im Blick.
Aber was ist mit denen, die gar nichts mehr haben? Keine Eltern, kein Zuhause, keinen Kinderarzt, keine Schule, keine Zukunft?
Corona wird eines Tages für eine Zäsur stehen. Hoffentlich ist es im Rückblick keine Zeit, in der wir die Welt um uns herum vergessen haben. Hoffentlich missbrauchen wir Corona nicht als Begründung, uns nur noch auf unsere Bedürfnisse zu konzentrieren. Hoffentlich verlieren nicht noch mehr Menschen den Appetit auf das Leben. Hoffentlich erinnern wir uns an Ostern 2020 als einer Zeit, der man abspüren konnte, dass wir nicht vor lauter Angst blind und hart geworden sind, denn „dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat.“


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  Hinhören

Hinhören

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.04.2020

Nahezu jeder Text, jedes Gedicht, jede Liedzeile klingt dieser Tage anders in unseren Ohren, wir hören andere Nuancen und andere Betonungen, wir hören zwischen den Zeilen. Ganz egal, ob Udo Lindenberg singt „Hinter dem Horizont geht’s weiter, ein neuer Tag … zusammen sind wir stark“ oder Eva Strittmatter dichtet: „Das Lächeln, das den andern meinte, nicht uns und unsre Traurigkeit, die Träne, die dem andern weinte, nicht unserer Vergänglichkeit… das war des Lebens Überfluss“ – man hört genauer hin. So geht es mir auch mit Gebetstexten. Sie klingen auf einmal intensiver, dichter und passen unverhofft in die Zeit.
Im Gottesdienstbuch zur Bibel in gerechter Sprache wird als Eingangsgebet für das Osterfest vorgeschlagen: „Hilf uns bewahren und pflegen, was du uns schenkst: das Leben. Dass Ostern ein Anfang sei und wachse, blühe und gedeihe in unseren Herzen und Händen.“
„Hilf uns, das Leben zu pflegen und zu bewahren!“
In der Tat, darum dreht sich im Moment beinahe jeder Gedanke. Für die einen geht es ganz grundsätzlich und existentiell um Pflege, um Leben und Tod – andere hören eher die Frage, wie man gesellschaftliches, kulturelles, öffentliches Leben bewahren und durchretten kann. Und wer auf dem Friedhof steht, erinnert sich vermutlich schneller als andere daran, dass wir unser Leben aus Gottes Hand nehmen und es am Ende auch dorthin zurücklegen.
Das ist gut so. Aber dazwischen liegt das Leben in unserer Hand. Dazwischen ist Ostern ein Anfang, ein Neubeginn – uns in die Hände und Herzen gelegt, damit diese Hoffnung blüht und gedeiht.
Und das ausgerechnet in dieser Woche, in der alle Welt auf Ostern und die Tage danach wartet! Ostern ist auf einmal zum Inbegriff des Termins geworden, nachdem es weitergehen soll, erleichtert, gelockert, aufatmend.
Ostern ist das Datum, an dem sich zeigen soll, ob unser Alltag dem Leben dient. Unglaublich! Hoffentlich!
Ob und wie es nun wieder weitergehen wird, werden wir morgen ein bisschen genauer wissen. Wir werden uns dann wahrscheinlich unseres menschlichen Maßes neu bewusst werden müssen. Wir werden neu mit der Wahrheit umgehen müssen, dass Jugend und Gesundheit vergänglich sind, dass wir sterben müssen. Wahrscheinlich werden wir neu lernen müssen, dass Umkehr nicht ohne Verzicht möglich ist, großer Wohlstand seines Preis hat.
Alles ist anders. Nach Ostern haben wir in den Händen, dass uns das nicht schrecken muss.



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  Meinungsfragen

Meinungsfragen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.04.2020

Meinungsumfragen gehören genauso zu Ostern wie bunte Eier. Schauen Sie einfach mal im Netz nach und sie werden feststellen, dass alljährlich Menschen zu ihrer ganz persönlichen Beziehung zum Osterfest befragt werden. Ganz weit vorne steht dabei die Frage, ob man denn daran glaube, dass Jesus am Ostermorgen tatsächlich von den Toten auferstanden sei. Für mich überraschenderweise beantworten nur die Hälfte aller befragten Christinnen und Christen diese Frage mit einem klaren Ja. Unter den Gesamtbefragten sind es dann doch immer noch gut ein Drittel. Spannend wird es, wenn man ein bisschen näher hinschaut und die Erklärungs- und Deutungsversuche derer betrachtet, die sich zwar zum christlichen Glauben bekennen, trotzdem aber mit der Auferstehung Jesu Christi so ihre Schwierigkeiten haben. Da ist dann viel von Symbolik die Rede, davon, dass das Geschehen am Ostermorgen bloß ein starkes Bild für berechtigte Hoffnung in allen Lebenslagen sei. Aber eine tatsächliche Auferstehung und auch ein Leben nach dem Tod insgesamt hält man dann doch für eher ausgeschlossen. Wie kommt das?

Nun, ich denke, dass wir uns vielfach mit unserer eigenen Rationalität im Wege stehen, wenn es darum geht, den uns geschenkten Glauben vorbehaltlos anzunehmen. Ja, natürlich ist es mit unseren eigenen Erfahrungen und mit unserem Wissen um die Naturgesetze nicht vereinbar, zu akzeptieren, dass da ein Mensch, der tot war, auf einmal wieder ins Leben zurückkommt. Das gilt für den Einzelfall Jesus von Nazareth genauso wie für alle anderen Menschen und damit auch für uns selbst.

Doch für mich wird in meinen Zweifeln auch immer wieder meine eigene Begrenztheit deutlich. Ich bin vorbehaltlos bereit, Gott all das zuzubilligen, was ich mit meinem eigenen Verstand auch nachvollziehen kann. Dabei laufe ich allerdings in eine fatale Falle. Denn ich denke Gott damit einfach viel zu klein. Alle Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, der Natur, des Universums, sie stammen aus seiner Feder. Wie kann ich nur auf die Idee kommen, auszuschließen, dass Gott nicht auch die Fähigkeit hat, Dinge passieren zu lassen, die sich nicht an diese von ihm selbst gemachten Regeln halten? Wie kann ich nur auf die Idee kommen, dass Gott keine Wunder tun kann? Natürlich ist der Auferstehungsglaube sperrig und herausfordernd. Und dennoch oder gerade deswegen ist er Zentrum und Basis und Rahmen meines Glaubens schlechthin. Was bliebe vom Evangelium, wenn die Auferstehung nicht stattgefunden hätte, wenn Jesus unter dem öffentlichen Druck eingeknickt und als friedlicher Rentner in hohem Alter gestorben wäre einfach so?

Die befreiende Kraft der frohen Botschaft ist für mich ohne Auferstehung und ohne eine Perspektive, die über mein irdisches Sein hinausweist, nicht erlebbar. Gott sei Dank kann ich das leere Grab glauben und bin dankbar dafür. Und ich spreche den alten Ostergruß aus vollem Herzen und mit voller Überzeugung: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

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  Nach Ostern

Nach Ostern

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.04.2020

Nun ist Ostern vorbei und der Alltag beginnt wieder. So hätte dieser Andachtstext beginnen können – zu normalen Zeiten. Doch wir gehen nach dem Osterfest in eine für uns noch immer ungewohnte, unsichere und im Wortsinne fragwürdige Zukunft. Das Virus bestimmt und verändert unser Leben und von Normalität sind wir gefühlt ganz weit entfernt.

Ich habe mich gefragt, wie denn wohl das Leben im Heiligen Land vor rund 2000 Jahren gewesen sein mag nach diesem alles verändernden Ostermorgen. Die Bibel berichtet uns wenig darüber, allerdings gibt es ein paar Eindrücke davon, was Jesu Jünger so gemacht haben. Und das ist durchaus bemerkenswert und hat die eine oder andere Parallele zu unserer Zeit. Das Leben der Jünger war nach Jesu Tod und Auferstehung geprägt von Unsicherheit und Angst. Sie glaubten zunächst nicht, was ihnen Maria von Magdala berichtete – diese Geschichte vom leeren Grab, von der Begegnung mit dem Auferstandenen und von seinem Auftrag, allen davon zu erzählen. Und sie versteckten sich aus Furcht vor den Machthabern in Jerusalem, aus Furcht, dasselbe Schicksal zu erleiden, wie ihr Freund Jesus.

Angst, Ungläubigkeit und Rückzug, davon ist auch heute, so kurz nach Ostern, das Leben vieler Menschen geprägt. Und es ist sehr unterschiedlich, wie damit umgegangen wird. Bei vielen herrscht Einsicht, dass es momentan nur so gehen kann, und dennoch schmerzen die Maßnahmen, drückt die Einsamkeit, wollte es nicht so recht Ostern werden ohne Gottesdienste, gemeinsame Familienfrühstücke, Besuche im Freundes- und Bekanntenkreis.

Bei den Jüngern löst Jesus selbst die belastende Situation auf. Er erscheint ihnen in ihrem Versteck und liefert so höchstpersönlich den Beweis für das Wunder, dass Gott an ihm vollbracht hat. Selbst der Jünger Thomas, der Zurückhaltendste unter ihnen, glaubt, als Jesus ihm anbietet, seine Wundmale zu berühren. In der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus löst sich die Angst und die Verzweiflung der Jünger. Das ihnen zugesprochene „Friede sei mit euch!“ befreit die Jünger aus ihrer inneren und äußeren Lähmung und hilft Ihnen zurück ins Leben. Jesus schenkt ihnen Mut und Zuversicht, er lässt sie teilhaben an seinem Sieg über den Tod und an der Hoffnung, die daraus für sie alle erwächst.

Wir haben gute Chancen, dass das bei uns auch so werden kann. Die Osterbotschaft verspricht uns, dass wir uns darauf verlassen können, dass es hell werden wird um uns und in uns, weil das Licht des Ostermorgens auch unsere ganz persönlichen Karfreitage beenden und zu einem guten Schluss führen wird. Und wenn wir denn diese Corona-Krise wie eine Leidenszeit empfinden, dann dürfen wir gewiss sein, dass sie ein Ende haben wird. Das Osterfest erinnert uns daran, dass immer Hoffnung bleibt und dass keine Dunkelheit ewig dauert.

„Friede sei mit euch!“, sagt Jesus zu seinen Jüngern und er sagt es auch zu uns. Und wo Friede ist, da haben Angst und Verzweiflung keinen Platz mehr. Hören wir auf Ostern und hören wir auf Jesus Christus und seien wir offen für seine Botschaft. Friede sei mit euch! Amen.

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  Brannte nicht unser Herz?

Brannte nicht unser Herz?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.04.2020

Ostern 2020. Wir werden es nicht vergessen. Es gab viele Leerstellen und war doch wirklich Ostern. Hilde Domin schrieb in einem ihrer Gedichte. „Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“ So ungefähr war es am Sonntagmorgen auf dem Dom- und Burgplatz.
Irgendwie musste man seinen Fuß in die Luft setzen und hoffen, dass sie trägt, dass Ostern geschieht. Wir hatten drinnen die Osterkerze und den großen Leuchter angezündet. Als das große Geläut verklang, stand in jeder Tür ein Bläser, drinnen toste die Orgel und so schallte es auf die sonnenbeschienenen Plätze im Herzen unserer Stadt: „Christ ist erstanden.“ Die Menschen – natürlich im gebührenden Abstand – sangen dazu. Ich ging zwischen ihnen her mit dem alten Ostergruß auf den Lippen: „Der Herr ist auferstanden!“ Alle lächelten, fast alle mit Tränen in den Augen. Erleichtert. Ja! „Er ist wahrhaftig auferstanden.“
Und dann erging es wohl den meisten wie den Emmausjüngern aus dem Lukasevangelium. Sie gingen, zu zweit!, weg zurück in das Leben, in dem derzeit so vieles fehlt und der Horizont so eng gezogen ist. Zurück in das Leben, in dem wir so sehr mit uns selbst beschäftigt sind.
Ich erinnere mich dieser Tage viel an die Frauen, Kinder und alten Männer einer schwarzen Gemeinde, die wir 2018 in Chicago besucht haben. Sie leben in der Southside, in sogenannten Fooddeserts, Stadtvierteln, in denen es keine Supermärkte, Kioske, Restaurants, Apotheken, Schulen gibt. Bestatter sicherlich auch nicht. Die Infrastruktur ist absichtlich abgezogen worden, damit die Menschen ihre Häuser aufgeben und weggehen, denn die Grundstücke sind kostbar.
Es gab wenige junge Männer dort. Viele, sehr viele, sitzen im Gefängnis. Zu viele sind tot. Es sprengt meine Vorstellungskraft, wie diese Familien jetzt durchkommen sollen. Wie Ostern dort geklungen haben mag, mitten im großen Sterben. Sie werden auch gestern gesungen haben, mit der unvergleichlichen Lebendigkeit ihrer Lieder, Rhythmen, Stimmen – voller Zorn und Trauer, voller Hoffnung endlich auferstehen zu dürfen, Gerechtigkeit zu erfahren, leben zu können.
Sie singen wie die Emmausjünger geredet haben werden. „Brannte nicht unser Herz?“ So fragten sich die die Emmausjünger nach der Begegnung mit dem Auferstandenen. Und wir? Brannte nicht unser Herz als wir die Not derer gesehen haben, die immer ihren Fuß in die Luft setzen müssen, die immer aus der Hoffnung leben müssen, dass die Luft trägt? Brannte nicht unser Herz? Am Ostermorgen, vorgestern und damals, als wir uns anrühren ließen und nicht nur in der Welt unserer eigenen Sorgen, Szenarien, Wünschen festhingen?
Das alte Osterlied „Christ ist erstanden“ endet in den ersten beiden Strophen auf „Kyrieleis!“ Erbarme Dich! Erst dann folgt das große Halleluja. Erbarme dich, Auferstandener, erbarme dich zuerst all derer, die wir gerade vergessen!

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  Ich habe den Herrn gesehen

Ich habe den Herrn gesehen

Henning Böger, Pfarrer - 12.04.2020

„Ich habe den Herrn gesehen.“ Fünf Worte nur braucht Maria, um ihre Begegnung mit dem Auferstandenen zu beschreiben. Sie hat gesehen, was unmöglich und unvorstellbar ist. Denn tot ist tot und kehrt nicht wieder zurück! In dieser Tonlage jedenfalls beginnt auch die Ostererzählung des Evangelisten Johannes:

Die Torturen des Karfreitags waren vorüber, da kommt Maria in der Frühe des dritten Tages zum Grab. Doch der Stein ist fort, die Höhle leer, nicht mal den Toten haben sie ihr gelassen. Doch dann hört Maria eine vertraute Stimme, weiß nicht, wo ihr der Kopf steht, und hört dann, wie der, den sie kennt, ihren Namen nennt: „Maria, was weinst du? Wen suchst du? Ich bin hier!“

„Ich habe den Herrn gesehen.“ Maria sieht das Unmögliche und sie begreift in diesem Augenblick, dass es von nun an zu Gottes Möglichkeiten gehört. Dass das Leben, wenn es aus Gottes Kraft schöpft, stärker ist als der Tod. Was immer geschehen mag an Schrecklichem, an Verstörendem, an Unfassbarem: Gott bleibt uns verbunden. In Christus lebendig und gegenwärtig.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, seit dem vergangenen Jahr Landesbischöfin der Nordkirche und ehemalige Pfarrerin in der Braunschweiger Petri-Gemeinde, hat dazu einen schönen Gedanken formuliert. Sie schreibt: „Wer mit Maria darauf vertraut, dass das Unmögliche zu Gottes Möglichkeiten gehört, gerät in den Machtbereich der Liebe Gottes. Ist weiterhin sterblich – ja. Und hat zugleich teil an der Kraft der Auferstehung. Ostern ist deshalb kein Geschehen vor langer Zeit, aus und vorbei. Sondern Ostern ist hier und heute. Indem wir uns hier und heute der Liebe Gottes anvertrauen. Uns von ihr verwandeln und ergreifen lassen.“

Ich höre und verstehe das so: Ostern geschieht, wenn das, was in uns Menschen wie begraben scheint, aufbricht und neue Kraft erhält; wenn schwere Last von unseren Herzen abgewälzt wird; wenn sich Angst und Schweigen lösen und die Augen für das Leben neu aufgetan sind. Damit auch wir sagen können: „Ich habe den Herrn gesehen!“

Denn: Er ist auferstanden. Halleluja! Und frohe Ostern euch allen!

Gebet zum Ostermorgen:

Lebendiger Gott, wir preisen dich. Du bist der Morgen und der Abend,
der Anfang und das Ende der Zeit. Leite uns mit deiner Lebenskraft
durch die dunklen Zeiten. Halte unsere Hoffnung wach. Stärke unser Vertrauen und unsere Liebe, unser Mitgefühl und unsere Geduld.
Wir rechnen mit dir. Du bist das Leben. Amen.

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  Ich glaube an Ostern

Ich glaube an Ostern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.04.2020

Vorgestern schrieb mir einer im Nachgang des Gedenkens an die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers: Er und andere Menschen „standen ganz für sich mit ihrem Leben ein, gegründet auf tief wurzelndes Gottvertrauen … Könnten Sie noch deutlicher die mündigen Christen ansprechen?“
Mündige Christen sind solche, die sich entscheiden zu glauben und zu hoffen, die sich wagen, ein Bekenntnis zu formulieren und sich bewusst sind, dass wir letztlich allein vor Gottes Angesicht stehen, so wie wir gestern allein unterm Kreuz und heute am Grab Jesu stehen. Dabei liegt solche Vereinzelung nicht an Corona, jetzt spüren wir nur in aller Klarheit: dieses unbegreifliche Geschehen damals hat mit mir zu tun, mit jeder und jedem Einzelnen, mit unserem Leben, heute, hier.
Wenn wir mündige Menschen sind, also solche, die selbst urteilen und wählen und für ihr Tun Verantwortung übernehmen, dann betrifft uns das Sterben Jesus Christi nicht wie ein historisches Ereignis, das nur die verantwortet haben, die „Kreuzige ihn!“ geschrien haben. Es betrifft uns als Wahrheit unseres eigenen Lebens.
Diese Einsicht soll nicht diejenigen unter uns verstärken, die in dem Virus eine Strafe Gottes für unser gieriges, gewaltvolles, ungerechtes Leben sehen. Der Virus ist eine Naturkatastrophe. Eine andere Deutung würde Jesu Tod am Kreuz kleinreden und missachten. Denn er starb, damit die Aufrechnung unserer Taten ein Ende hat. Wir kriegen nicht, was wir verdienen. Gott sein Dank.
Im Predigttext zum gestrigen Karfreitag stand: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ Gott nimmt uns ab, dass wir uns die Stirn daran blutig schlagen, wie wir Menschen sind und wie wir uns eingerichtet haben, wie ich bin und wie ich lebe. Er befreit uns davon aber nicht, damit wir uns einen faulen inneren Frieden gönnen. Er befreit, versöhnt und befriedet uns, damit wir uns nicht ohnmächtiger Lähmung, fatalistischer Fremdbestimmung hingeben, sondern die Möglichkeiten und Gestaltungskraft nutzen, die wir ja haben.
„Er hat unter uns das Wort der Versöhnung aufgerichtet. So sind wir nun Botschafter an Christi statt“. Jede und jeder Einzelne eine Botschafterin, ein mündiger Mensch, der sich entscheiden kann.
Und dafür ist Corona dann vielleicht wieder gut: Die Ruhe des Karsamstages, die Stille am Grab hilft, bewusst zu machen, was der Zustand der Welt mit mir und meinem Leben zu tun hat. Diese Stille hilft, darauf zu hören, dass Ostern bedeutet, dass wir etwas tun können, dass wir Frieden schließen können - mit unserer Erde, mit denen, die mit uns auf ihr leben, mit uns selbst.
Dorothee Sölle hat in einem Glaubensbekenntnis formuliert:
„Ich glaube an den Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist, an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung für das, was aus unserer Erde wird: Ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt oder die Stadt Gottes. Ich glaube an den gerechten Frieden, der herstellbar ist, an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen an die Zukunft dieser Welt Gottes.“ Ich glaube an Ostern.

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  FÄLLT OSTERN AUS?

FÄLLT OSTERN AUS?

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.04.2020

„Ostern fällt aus!“ So titelte jüngst eine Tageszeitung. Hintergrund war die Verlängerung des Kontaktverbotes und der dringende Apell unserer Kanzlerin, über die Osterfeiertage zu Hause zu bleiben und auch keine Verwandtenbesuche zu machen. Und natürlich wird es in diesem Zusammenhang auch keine Gottesdienste geben, weder in der Karwoche noch zu Ostern. Also fällt Ostern tatsächlich aus, oder?
Wir Menschen brauchen Rituale, um Strukturen in unser Leben zu bekommen. Wir brauchen Rituale, wir brauchen Traditionen, um bei bestimmten Anlässen, Ereignissen, Erlebnissen in die rechte Stimmung zu kommen. Wenn wir uns treffen, begrüßen wir einander, bevor wir ein Gespräch beginnen, die Gute-Nacht-Geschichte hilft Kindern leichter in den Schlaf zu kommen, zu Weihnachten stellen wir uns einen geschmückten Baum in die Wohnung und zu Ostern gehört für viele eben das Familientreffen und der Besuch von Gottesdiensten – am Gründonnerstag, Karfreitag und natürlich am Osterfest mit feierlicher Liturgie, Abendmahl und hoffnungsspendenden Osterchorälen.
All das wird es in diesem Jahr so nicht geben. Fällt Ostern also tatsächlich aus? Es wird Sie wenig überraschen, wenn ich diese Frage mit einem deutlichen Nein beantworte. Natürlich fällt Ostern nicht aus, weil es gar nicht ausfallen kann. Ostern hat stattgefunden vor knapp 2000 Jahren im Heiligen Land. Ostern hat stattgefunden im Moment der Auferstehung. Ostern hat stattgefunden, als das Leben über den Tod triumphiert hat und uns als Beweis des Sieges das leere Grab hinterließ.
Wir werden in diesem Jahr Ostern anders feiern als sonst. Aber wir werden es feiern. Und wie unvorstellbar schrecklich wäre es, wenn die Zeitungsschreiber recht hätten? Ein Leben, unser Leben, wäre ohne Ostern nicht denkbar. Dieses Fest ist die Quelle aller Hoffnung. Immer dann, wenn wir uns in Sorgen, Ängsten und Not befinden, brauchen wir den Blick auf Ostern. Auch und gerade in diesen so beschwerlichen, belastenden und für viele sehr schmerzhaften Corona-Zeiten brauchen wir alle Ostern. Gott hat uns dieses Hoffnungsfest geschenkt, damit wir am Leben nicht verzweifeln, damit wir Kraft und Zuversicht haben, um weiterzugehen auf unseren Lebenswegen, auch, wenn sie uns nicht über glatten Asphalt, sondern über Schotterpisten und durch Schlaglöcher führen. Das Licht des Ostermorgens leuchtet unauslöschlich und das völlig unabhängig davon, wie wir Ostern begehen werden.
Ja, es wird anders werden in diesem Jahr, vielleicht wird es auch schwerer werden, sich auf den Geist von Ostern einzustellen, sich von ihm begeistern zu lassen. Doch es kann auch eine Chance darin liegen, sich diesem großen Fest und Gottes stärksten Liebesbeweis einmal ganz anders zu nähern – leiser, persönlicher, intimer. Lassen wir uns darauf ein, verbinden wir uns miteinander in Gedanken, im Gebet in den so starken Texten unserer Osterchoräle.
Ostern wird niemals mehr ausfallen, weil Gottes Liebe zu uns Menschen genau das verhindert. Und die ist unbedingt, unfassbar groß und ewig.

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  Die Karwoche der Welt

Die Karwoche der Welt

Henning Böger, Pfarrer - 10.04.2020

Ein Bild nehme ich mit durch die Karwoche. Es zeigt den dunkeln, leeren und regennassen Petersplatz in Rom. In der Mitte ist eine kleine, überdachte Bühne aufgebaut. Darauf steht, ganz in weiß gekleidet, Papst Franziskus. Vor einigen Tagen hält er eine kurze Andacht und erteilt dann den Segen „Urbi et Orbi“ - Segen für die Stadt Rom und für die Welt. Es ist ein großer und heller Moment in einer dunklen Zeit. Im Namen Gottes segnet Franziskus die kranke Welt – und bittet um Heilung.
Gebet und Segen - beides haben wir, wie wir jeden Tag klarer sehen, dringend nötig. Die Welt ist schwer krank. Es gibt kein Land, in dem Menschen sich nicht fürchten vor dem, was ist und was noch kommen könnte – für sie persönlich oder für ihre Angehörigen und Freunde. Wie erstarrt schauen viele von uns täglich auf die Zahl der Erkrankten und die Zahl der Gestorbenen. Ein Kollege schreibt: "Die Welt erlebt eine Karwoche; eine Schmerzenswoche, wie sie bisher unvorstellbar war."
Wir alle merken ja zurzeit, wie eingeschränkt der Lebensalltag ist, wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind. Aber Papst Franziskus tut, was ihm möglich ist: Er bittet stellvertretend um Heilung. Und er segnet im Namen Gottes die kranke Welt. Das ist eine starke und tröstende Geste!
"Der Segen ist der Ort, an dem wir werden, weil wir angesehen werden", schreibt der Theologe Fulbert Steffensky: "Es leuchtet ein anderes Antlitz über uns als das eigene; es ist ein anderer Friede da als der, den wir uns selbst erkämpft und erobert haben. Der Ausgang und der Eingang sind nicht von den eigenen Truppen bewacht, sie sind von Gott behütet."
Unser Eingang und Ausgang ist von Gott behütet! Wer mag, nimmt diesen Gedanken mit auf den Weg durch die Karwoche. Und hört dazu den Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

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  Bonhoeffer

Bonhoeffer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.04.2020

Heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg hingerichtet. Dass wir seiner nicht angemessen gedenken können, gehört zu den Unerträglichkeiten dieser Tage.
Dies umso mehr, als sein Widerstand einem Staat galt, der die Würde der Menschen mit den Kriterien einer abscheulichen Ideologie abschichtete als wäre uns erlaubt, über Leben und Tod zu verfügen.
Dies umso mehr als sein Ringen um einen anständigen Weg in der Nachfolge Jesu mitten in dieser Welt aktueller nicht sein könnte.
Dietrich Bonhoeffer war ein begabter Mensch, er konnte, so erzählen es Zeitgenossen, musizieren, tanzen, reden, schreiben – vieles besser als andere. Und er war ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut, ein Sohn, ein Bruder, ein Freund, ein Verlobter.
Im Februar 1945 schriebt Paula Bonhoeffer an ihren Sohn:
„Mein lieber Dietrich! Meine Gedanken sind Tag und Nacht bei Dir in Sorge, wie es Dir ergehen mag. Hoffentlich kannst Du etwas arbeiten und lesen und kommst nicht zu sehr herunter! Gott helfe dir und uns durch diese schwere Zeit! Deine alte Mutter – wir blieben in Berlin, komme was da wolle.“
Es sind die letzten Zeilen in „Widerstand und Ergebung“, der Sammlung von Briefen und Texten aus Dietrich Bonhoeffers Haft.
Wüsste man es nicht besser, dann könnte das auch ein Briefgruß aus diesen Tagen sein, wenn Menschen, die sich nicht sehen dürfen vor lauter Sorge umeinander nicht zur Ruhe kommen, wenn sie sich auszumalen versuchen, ob und wie, der an dem sie hängen, jetzt wohl durchkommen mag.
Wüsste man es nicht besser, es könnte ein Gruß dieser Tage sein – aus einer Welt, die im Rutschen scheint, in der man wartet, versucht, verlässlich da zu sein, „komme, was da wolle“.
Einige Monate vorher hatte Maria von Wedemeyer, Dietrich Bonhoeffers Braut, geschrieben: „Ich habe einen Kreidestrich um mein Bett gezogen, etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da … Und wenn ich da sitze, glaube ich schon beinahe, ich wäre bei Dir…“
Wäre. Nähe war damals so wenig möglich wie heute auch. Nähe war damals wie heute trotz allem in großer Dichte möglich. In Dietrich Bonhoeffers Texten kann man sie ahnen, kann man spüren, wie er Hoffnung schenkte und Klarheit. So schrieb er:
„Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, dass die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinausgerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und dass man eine große Hoffnung fasst.“

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  Und er fing an zu weinen…

Und er fing an zu weinen…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.04.2020

Nachdem Jesus Christus gefangen genommen worden war, geschieht unweigerlich, was er angekündigt hatte: Petrus, sein Freund, sein Jünger, sein Gefährte verleugnet ihn. Dreimal. Dann bricht er in Tränen aus.
Es sind Tränen der Scham, denke ich.
Scham, es ist nicht geschafft zu haben, obwohl man es sich so sehr vorgenommen und mit ganzem Herzen gewollt hatte. Scham, eingebrochen und schwach zu sein, obwohl das gar nicht zum Selbstbild eines Leistungsträgers passt. Scham über die wahnsinnige Angst, die alles an den Rand drängt und überlagert, was eben noch die Mitte meines Lebens und Ansporn all meines Tuns war. Scham über die eigene Feigheit, den eigenen Opportunismus, weil man seinen Glauben und Überzeugung sofort verraten hat, als man damit nicht mehr gewinnen und leuchten konnte.
Es ist schwer, andere teilhaben zu lassen, wenn es nicht gut läuft.
Es ist schwer, von sich selbst zu sprechen, als von der, die gerade scheitert.
Es ist schwer, einem Verlierer die Treue zu halten.
Es ist schwer, tapfer zu sein, wenn alles bröckelt…
So schwer, dass passiert, was man schon gar nicht wollte: Weinen, in aller Öffentlichkeit. Dann lieber lügen. Dann lieber verdrängen und verstecken.
Und dann?
Die Theologin Dorothee Sölle dichtete:
„Wenn du traurig bist / wird dein blick unbestimmt / es gibt nichts mehr / zu erforschen
Wenn du traurig bist / sind deine hände verloren / es gibt nichts mehr / zu bearbeiten
Wenn du traurig bist / geht die sonne weg / es gibt nichts mehr / zu sehen.“
So fühlt sich die Karwoche an. Auch diese Traurigkeit braucht ihre Zeit. Der Schmerz über die verlorenen Träume, die zerstörten Hoffnungen, die Ruinen unserer Arbeitsergebnisse – auch das braucht seine Zeit.
Und dazu kommt die existentielle Traurigkeit. Wo führt das alles hin?
Im Markusevangelium geht es nach diesen Tränen alles sehr schnell. In meiner 2017er Lutherbibel muss ich nicht mal umblättern, um bis Ostern und Himmelfahrt zu lesen. Die Zeit der Tränen, des Stillstandes, der verdunkelten Zukunft kann offenbar keiner lange aushalten. Das merken wir im Moment vielleicht deutlicher als sonst.
„Wenn du traurig bist / wird dein blick unbestimmt…“ Ja. Aber Tränen waschen ab und reinigen auch, klären. Mit Kindern singt man dann, um sie zu trösten: „Heile, heile Segen…“ Es heißt nicht: „Heile, heile, gut Ding, braucht gut Weile.“ Das wäre gelogen, denn es wird nicht alles gut.
Es heißt „Heile, heile Segen…“

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  Barabbas war erst der Anfang

Barabbas war erst der Anfang

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.04.2020

Wir sind in der Karwoche, einer Zeit, in der biblisch unglaublich viel passiert. Die Tage sind voll von Ereignissen, Schicksalen und Charakteren. Eine Person hat es zu ungeahntem Weltruhm gebracht, obwohl ihre Rolle weltgeschichtlich und auch im Zusammenhang mit dem Passionsgeschehen gar nicht so bedeutend ist. Ich meine Pontius Pilatus. Sein Name wird in fast jedem Gottesdienst genannt, immer dann nämlich, wenn wir unser Glaubensbekenntnis sprechen: Gelitten unter Pontius Pilatus. Es ist schon irgendwie schräg: Nicht Christ, nicht Jude, eigentlich ein historisch wenig bedeutender Römer wird gerade von uns Christinnen und Christen so prominent gemacht. Er musste Jesus verhören und über ihn urteilen. Das war sein Job. Doch Pilatus findet keinen Grund, Jesus mit dem Tod zu bestrafen. Trotz aller Fragen und Fallen, die ihm gestellt werden, kommt nichts ans Tageslicht, was eine solch drakonische Strafe rechtfertigen könnte. Das sieht auch Pilatus so und er sagt es dem Volk von Jerusalem. Doch die sind nicht einverstanden. Ihr Hass auf diesen Jesus von Nazareth ist mittlerweile so groß und unbändig, dass sich daraus ein Aufruhr zu entwickeln droht, als Pilatus das Ergebnis seines Verhörs mitteilt. „Ich finde keine Schuld an ihm“, sagte er.

Das Volk begehrt auf, es fordert Jesu Tod, ohne Nennung von Gründen, ohne ein gerechtes Verfahren. Das Volk begehrt auf und Pilatus knickt ein. Er knickt ein und verhält sich genauso unmenschlich, wie die vielen anderen, die sich vor seinem Palast versammelt haben. Er, der bisher fair und fast sogar menschlich mit Jesus umgegangen ist, macht eine Kehrtwende um 180 Grad, lässt den von ihm als unschuldig erkannten Menschen Jesus geißeln, foltern und töten. Damit verlässt er die Ebene der Menschlichkeit und macht sich zum Erfüllungsgehilfen derer, die ihr grausames „Kreuzige ihn“ in den Morgen brüllen. Stattdessen wird Barabbas, ein Mörder, freigelassen.

Ja, diese Geschichte ist aufrüttelnd und empörend und sie lässt uns fragen, wie das nur alles so hatte möglich werden können. Doch man kann die Ereignisse in Pilatus Palast auch ganz anders deuten. Was passiert dort? Barabbas wird begnadigt, obwohl er es nach unseren Maßstäben nicht verdient hat. Und statt seiner wird ein Unschuldiger geopfert. Aber ist das nicht irgendwie genau das, was Jesus mit seinem Kreuzestod für uns alle erreicht hat? Hier wird einem Menschen unverdiente Gnade zuteil. So wie auch uns – Ihnen und mir immer wieder. Genau so handelt Gott an allen Menschen. Er schenkt ihnen seine Gnade und er fragt nicht danach, ob sie verdient ist oder nicht, weil man Gottes Gnade gar nicht verdienen kann. Sie wird verschenkt. Und wenn wir anfangen, das mit unseren menschlichen Maßstäben von gerecht und ungerecht nachzuvollziehen, wird das nicht klappen.

Das Schicksal des Barabbas ist die erste Situation, in der Jesu Verdienst offenbar wird. Er nimmt das Kreuz für uns alle auf sich – für uns alle und damit eben auch für jenen Barabbas. Nein, diese Geschichte ist nicht ungerecht und empörend. Sie ist die konsequente Ableitung aus Jesu Auftrag. Auch die vermeintlich dunklen Seiten der Passionsgeschichte sind Evangelium pur. Und aus unserer heutigen Perspektive können sie uns nur mit großer Dankbarkeit erfüllen.

Wie wunderbar sich Gottes Plan zu unser aller Gunsten fügt. Es ist gut, dass wir uns immer wieder daran erinnern.

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  Fußwaschung

Fußwaschung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.04.2020

Zur Karwoche gehört die Geschichte von der Fußwaschung. Johannes erzählt in seinem Evangelium wie Jesus Christus „erkannte“, also sich dessen bewusst wurde, dass sein Weg zu Ende ging und wie sehr er an denen hing, mit denen er unterwegs gewesen war. Vielleicht überwältigt ihn die Traurigkeit? Jedenfalls bricht er in diesem Moment nicht in Tränen aus, sondern tut etwas: er wäscht seinen Freuden die Füße.
Fußwaschung. Haben Sie das schon einmal erlebt? Ich verbinde mit dieser Erfahrung äußerst ambivalente Gefühle. Da war einerseits eine Fußwaschung wie eine Selbsterfahrung. Wir wuschen einander die Füße in einem Team jugendlicher Mitarbeiter im Vorfeld einer Konfirmandenfreizeit. Mir ging das zu nah. Ich war überrascht, wie intim gerade die Berührung der Füße ist und habe mich wehrlos gefühlt. Es tat mir nicht gut.
Jahre später kam ich vom Schwarzenstein, meinem Dreitausender in Südtirol. Wir waren am Morgen von der Hütte auf den Gipfel gestiegen und dann runter gelaufen ins Ahrntal. Eine unglaubliche Tour. Aber die letzten Meter waren hart. Die Füße brummten und glühten, der kleine Wiesenweg bis zum Quartier war asphaltiert. Nur noch ein Gedanke im Kopf: bitte endlich ankommen.
Damals wurden wir von den Daheimgebliebenen mit Wasserschüsseln und Handtüchern erwartet. Fußwaschung. Ich erinnere mich an mein Zögern und
auch dann wieder eine Überraschung: was für ein wohltuender Dienst, wenn man stundenlang gelaufen ist! Die Dankbarkeit gegenüber den eigenen Füßen, die mich so weit getragen hatten ging auf in der Dankbarkeit gegenüber der, die jetzt so liebevoll Blasen und Druckstellen kühlte, die kaputten Füße pflegte.
Was für ein Unterschied. Ich habe damals verstanden, dass der Unterschied daran liegt, ob ich wirklich gelaufen bin.
Jesus wusch denen die Füße, mit denen er wirklich weite Wege zu Fuß gegangen war. Und er sagte: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben.“
Ich lese das so: Lasst uns nachdenken, was denen, die wir lieben wirklich gut täte, wo ihre wunden Punkte und Druckstellen sind und uns überlegen wie wir ihnen Erleichterung schaffen können. Dann wird aus diesem Zeichen das, was es vielleicht sein sollte: eine Liebestat. Im besten Sinne des Wortes.








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  Diese Stille....

Diese Stille....

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.04.2020

Gestern war Palmsonntag und damit der Tag, an dem die Christenheit an Jesu Einzug in Jerusalem erinnert. Das Neue Testament erzählt wie die Menschen an der Straße standen, jubelten und ihn feierten.
In der ganzen Ambivalenz, ob das einer ist, an den wir glauben können, ob es Hoffnung macht, in dem der da staubig und mit wunden Füßen endlich ankommt, den zu sehen, mit dem alles gut wird, entscheiden sich die Menschen dafür, zuversichtlich zu sein.
Später wird es noch andere Tage geben und wir durchschreiten sie exemplarisch in dieser Woche. Tage, an denen der Zweifel überwiegt, an denen man nicht zu denen gehören will, die so naiv waren an diesen verletzlichen Gott zu glauben, an denen es schmerzhafte Irritationen bereitet, das, was gerade passiert, für Gottes Willen halten zu sollen.
Es wird noch dunkler werden als es schon ist.
Aber jetzt, in diesem Moment, ist Hoffnungslosigkeit ein Luxus, den sich keiner gönnt. Jetzt singen die Menschen erleichtert und in hellen Tönen: „Hosianna, gelobt sei der da kommt!“
Es klingt nach Weihnachten, nach unverdorbenem und unschuldigem Leben, nach Licht und Fröhlichkeit, nach einem hellen warmen Tag. In Braunschweig hätten wir das singend, mit einem Umzug, auf dem Burgplatz gefeiert. Die Kinder der Mädchen- und Jungenkantoreien wären in einem langen Zug zwischen den Spalier stehenden Gottesdienstbesuchern hindurchgezogen und alle hätten gesungen, damit es in die ganze Stadt tönt: Hosianna!!!
Danach wären wir alle wieder in den Dom gezogen, hätten weiter der biblischen Geschichte zugehört und heute hätte es die erste Passionsandacht gegeben.
So aber stand ich nun gestern ganz allein im Dom. Die Sonne schien durch die Fenster. Ich habe zwei Kerzen angezündet, an meine Kinder gedacht und dann: diese Stille! Die muss es damals auch gegeben haben, sie fällt nur nicht auf in der Geschäftigkeit unseres Lebens. Diese Stille, nachdem sich die Menschen wieder verstreut haben und heimgegangen sind. Diese Stille, in der sich in uns bewahrheiten muss, ob wir dieser Hoffnung Kraft und Zukunft zutrauen. Die Stille wird bis Karsamstag immer tiefer werden.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ So steht es als Jahreslosung über 2020. Ich glaube. Hilf mir, dass ich das auch ohne die Formen dieser besonderen Woche im Kirchenjahr kann! Ich glaube, dass in dieser Stille nicht die Mutlosigkeit überhand nehmen muss, sondern die Hoffnung wächst. Ich glaube, dass der Stein weggerollt werden wird.
Hilf meinem Unglauben! Denn noch ist es so unfassbar still.

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  Alles ist anders

Alles ist anders

Henning Böger, Pastor - 05.04.2020

Alles ist anders in diesem Jahr, sagt die Kollegin: Kein Esel und keine Palmenzweige, kein Hosianna-Singen auf dem Burgplatz, kein festlicher Gottesdienst im Braunschweiger Dom und auch nicht in den anderen Kirchen der Stadt. Alles ist anders: Wir sitzen an diesem Palmsonntag zuhause. Und jede und jeder wird das unterschiedlich gut aushalten können!
Alles kommt anders, erzählt die Bibel zum Anfang der Karwoche: „Sie brachten eine Eselin und ihr Fohlen, legten ihre Kleider auf sie und Jesus setzte sich darauf. So ritt er in die Stadt Jerusalem hinein. Viele Menschen waren da. Sie legten ihre Kleider auf den Weg, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie aus. Dazu sangen sie laut: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“
Alles ist anders in diesen Wochen. Du weißt nicht, was kommt und wird. Jeder Tag bringt andere Nachrichten. Auch dieser und die nächsten. Vielleicht sollten wir darum besonders aufmerksam hören, wovon die Karwoche erzählt: Die Hände, die eben noch Palmzweige schwingen, sind bald schon zu Fäusten geballt. Das fröhliche „Hosianna“ wird schnell zum tödlichen „Kreuzige ihn!“. Der auf dem Esel sitzt, wird sterben. Und er wird leben. Danach.
Alles ist jetzt anders. Zwei Kolleginnen haben eine schöne Idee zu diesem Palmsonntag. Sie schreiben dazu: Vielleicht legst du heute deine Kleider auf den Boden. Von der Wohnungstür bis zu dem Ort, an dem du betest: den Morgenmantel, deine Lieblingsjogginghose, das bequemen Sweatshirt aus dem Homeoffice und die schicke Leinenbluse für das Osterfest. Und dann schaust du zur Wohnungstür und hoffst, dass er kommt: Der auf dem Esel reitet. Der durch Wände gehen kann. Und heil macht.
Ja, alles ist anders in diesem Jahr. Aber Gott ist da, der seltsamerweise immer ganz nah am Schmerz sitzt. Der sich dort finden lässt, wo unsere Wege brüchig sind. Dort zeigt sich Gott.
Ich wünsche uns allen gute Wege durch diese Karwoche. Haltet die Sinne wach. Und bleibt behütet! Amen.

Gebet zum Tag

Gott, ich bitte dich: Binde deinen Esel an vor meiner Tür. Lass ihn dort grasen. Komm du herein, setz dich an meinen Tisch und höre, was ich dir zu sagen haben: die Sorgen und Bitten, auch meinen Dank. Hosianna! Gelobt seist du Gott, heute und allezeit. Amen.

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  Beziehungsforschung

Beziehungsforschung

Henning Böger, Pastor - 04.04.2020

Welche Paare bleiben zusammen, welche werden sich trennen? Das sind Fragen, denen die Psychologin Christine Finn nachgeht. Sie wertet zurzeit an der Universität Jena eine großangelegte Partnerschaftsstudie aus. Sieben Jahre lang hat die Forscherin gut 2000 Paare begleitet und zu ihrer Beziehung befragt.
Eine erste Erkenntnis lautet: Wichtig für stabile, alterungsfähige Beziehungen sind gemeinsame Interessen. Auch in politischen Fragen und Wertvorstellungen hilft eine mehr oder weniger große Übereinstimmung, wohingegen charakterliche Temperamente durchaus verschieden sein dürfen. Das klingt nachvollziehbar.
Interessant ist auch die zweite Erkenntnis: Der kritische Punkt in Beziehungen sei oft die Kommunikation. Menschen halten ihren Frust zurück oder nehmen einfach an, dass beim Partner bestimmte Meinungen vorherrschen. Jeder kennt die Schubladen, in die wir uns und anderen stecken, oder?
Dagegen betont die Forscherin: „Man muss sich aber fragen: Was möchte ich eigentlich? Was ist mein Bedürfnis? Und wie erlebe ich das gerade? Und dann dem Partner die eigenen Vorstellungen klarmachen, ihm aber auch die Möglichkeit einräumen, darauf zu reagieren.“
Denn: Was für mich gut ist und gelten soll, das soll auch anderen zustehen. Wo dieser Grundsatz im Miteinander befolgt wird, da stehen Beziehungen auf festem Boden.
Vielleicht geht es Ihnen jetzt auch so, wie mir: Ich meine in dieser wissenschaftlichen Erkenntnis ein altes biblisches Gebot wiedererkennen zu können. Es sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
Ich mag dieses Bibelwort. Und ich verstehe es so: Behandle dein Gegenüber, deinen Liebsten oder deine Liebste, immer so, wie du selbst behandelt werden willst: achtsam und respektvoll und vor allem mit dem Wissen darum, dass jede Wahrheit immer mindestens eine zweite Seite hat.
Die Psychologin hat recht: Das alles sind Dinge, die wir in unseren Beziehungen täglich trainieren können.

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  Glücksorte

Glücksorte

Henning Böger, Pastor - 03.04.2020

Gestern lag in meinem Briefkasten eine schöne Überraschung: das Büchlein „Glücksorte in und um Braunschweig“. Ein aufmunterndes Geschenk aus der Gemeinde in ernster Corona-Zeit. Danke dafür!
„Braunschweig ist prall gefüllt mit Glücksmomenten“, schreibt die Autorin Monika Herbst im Vorwort. Darum: „Fahr hin und werde glücklich!“
Aufgrund der gegenwärtigen Einschränkungen sehen meine Wege zurzeit eher anders aus: sehr zielgerichtet zum Einkaufen oder konzentriert zwischen den Kirchorten St. Blasius am Burgplatz und St. Magni im Magniviertel. Echte Lichtblicke sind die täglichen Fahrradrunden mit unseren beiden Jungs, die mit ihren sechs und neun Jahren hin und wieder gut durchgelüftet werden müssen.
Dabei könnten wir ja auch mal einen dieser achtzig beliebtesten, geheimsten und ungewöhnlichsten Orte der Stadt ansteuern, die einen glücklichen machen können. Oder eben etwas später im Jahr, wenn unser Alltag seinen normalen Takt wiedergefunden hat.
Ein Satz von Monika Herbst hat mich berührt: „Das Schöne am Glück ist, dass man es finden kann. Man kann trainieren, glücklich zu sein, indem man bewusst die schönen Dinge im Leben wahrnimmt – und die entsprechenden Orte aufsucht.“ Das will ich mir gerne gesagt sein lassen zwischen all den schweren Nachrichten, die uns täglich erreichen.
Glücksorte in und um Braunschweig: Wenn es Sie jetzt in den Fingern juckt, dann beginnen Sie doch einfach Ihre eigene Liste zu schreiben. Und freuen sich darauf, diese Glücksorte in der Zeit nach Corona zu besuchen. Frei nach dem Motto: „Fahr hin und werde glücklich!“
Ganz gleich, zu welchen Orten Sie dann unterwegs sind, Ihre Wege mögen bis dahin gesegnet sein!

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  Gott sieht Dich!

Gott sieht Dich!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.04.2020

Als unsere Kinder klein waren, haben wir abends vorm Schlafen gebetet und ich habe dann meine Hände, so wie es mein Vater bei mir gemacht hat, über denen kleinen Händchen meiner Kinder gefaltet. „Gib mir meine Hand“ hat mein Cousin das seltsam falsch und wunderbar richtig genannt. Dieser abendliche Moment war eine kostbare Gelegenheit, einzusammeln, was tagsüber geschehen war, sich, wenn es noch nötig war, wieder zu vertragen und zu vergewissern, dass niemand im Dunkel der Nacht ganz allein ist. Gott passt ja auf. Er sieht dich.
Eines Abends sind wir Eltern nach dem Zubettbringen zu den Freunden auf der anderen Straßenseite gegangen, um Doppelkopf zu spielen. Das Kinderzimmerfenster war im Blick. Alles ruhig, alles dunkel, alles gut.
Aber als wir dann spät abends heimkamen, fanden wir ein völlig verzweifeltes verweintes Kind vor. Es war aufgewacht und hatte gemerkt, dass keiner da ist und dann vertraut: Gott würde ja sehen, dass es allein ist und würde sich kümmern, würde dafür sorgen, dass wir heimkämen. Aber das passierte nicht. Zum Kummer über die schlechten Eltern kam der Zweifel, ob das stimmte mit dem lieben Gott, der mich sieht und nicht vergisst.
Später wurde die Sorge größer: Kann denn der eine Gott so viele Sorgen und Probleme gleichzeitig sehen und klären und sind meine Nöte dann wahrscheinlich gar nicht die wichtigsten auch wenn sie mich so sehr quälen?
Es ist eine alte große Frage, die wunderbar in dem Musical „Anatevka“ besungen wird: „Ja, anderswo ist es noch viel schlimmer aber bitte Herr, guck doch einen Moment weg von den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt, guck hierher, bitte!!!, das Pferd lahmt, die Frau macht nicht mit und die Tochter liebt den falschen Mann, bitte nur einen Moment – sieh hierher!!!“
Wird er das tun? Und zwar nicht im Sinne eines Controletti, der mich ständig all dessen überführt, was ich falsch mache, sondern als Einer, der mich im Blick behält, wenn ich mich verliere – im Dunkel der Nacht, in der Wüste meiner leeren Stadt, in den Sorgen um das was kommt.
Ich hatte schon erzählt von meinem Projekt, die Bibel abzuschreiben und nochmal genauer hinzuhören (Sie finden es auf der Domseite!). Inzwischen bin ich bei Hagar angekommen, Abrahams schwangerer Magd, die fortgelaufen war und in der Wüste gestrandet. Dort findet sie Gottes Bote, der ihr aufhilft und Mut macht. Und Hagar (eine Frau! – Freude muss sein in diesen Tagen) ist die Erste in der Bibel, die Gott einen Namen gibt. Sie nennt ihn: „Du, der hinschaut!“ oder mit Martin Luther: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das tut er. Auch jetzt. Gerade jetzt.


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  Besser zu zweit…

Besser zu zweit…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.04.2020

Jetzt beginnt normalerweise die Hochzeitssaison.
Stattdessen haben wir nun die ultimative Bewährungsprobe ob es eigentlich miteinander klappt und wie das so geht, ganz dicht aufeinander. Wenn man nicht mit einer Freundin ins Kino oder ein bisschen shoppen gehen kann, wenn es ausfällt, mit den Kumpels aufs Stadion oder in die Sauna zu gehen, wenn man dafür am liebsten den ganzen Tag die Jogginghose anhat oder stundenlang was genau eigentlich macht – dann kann es schon ein bisschen nervig werden.
Dazu kommen Gewohnheiten des Anderen, die man nicht so schrecklich gut leiden aber in kleinen Dosen aushalten kann. Die Wohnung hatten wir eigentlich für größer gehalten als sie sich jetzt anfühlt und dass der Nachbar Klavier spielt, war mir bisher gar nicht aufgefallen. Und wer putzt jetzt eigentlich?
Und das alles ganzen Tag lang und morgen und nächste Woche auch noch...
Folgender Klassiker unter den Trausprüchen steht bei dem Prediger Salomo:
„So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“
Würde man den Spruch jetzt wieder aussuchen oder vielleicht doch eher was nehmen mit langmütiger Liebe, die niemals aufhört?
Ich finde den weisen Salomo noch immer gut: Ja, es ist gut, wenn man einen hat und lohnt, einander liebevoll anzusehen und froh zu sein, dass man nicht allein ist. Nicht nur für den Fall, dass es jetzt eine niederstreckt und sie ins Bett muss. Nicht nur für den Fall, dass der Schüttelfrost kommt - vom Fieber oder von der Existenzangst. Sondern für all die Momente des Tages, die man in der Hand hat und füreinander schön machen kann.
Und was ist es eigentlich mit der dreifachen Schnur? Vielleicht birgt sie dreifache Ja: das Ja zu einander, das Ja vor Gott und sein Ja in seinem Segen über uns. Damit sind wir gestartet. Das reißt nicht so schnell.
Und sollte die Schnur ausfasern und Verschleiß an Reibepunkten zeigen, dann lasst uns einander durch Gottes Augen sehen: nicht was vor Augen ist (die Jogginghose oder die ausgewachsene „Frisur“), sondern das Herz!





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  Kein Aprilscherz

Kein Aprilscherz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.04.2020

„Küssen kann man nicht alleine!“ singt Max Raabe. Und da hat er ja so recht!
Sich selbst zum ersten April veralbern, ist auch schwer – aber ich bin zuversichtlich, dass es irgendwem gelingen wird. Kanäle gibt es ja viele.
Und „das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Genauswenig, wie wir uns in unserer eigenen Hand bergen können.
Umso besser, wenn es gelingt, einander Worte zu sagen, die trösten und befreien, die den Himmel aufreißen, das Herz erwärmen, Erinnerungen lebendig werden lassen, Tränen in die Augen treiben. Dann fühlt man sich lebendig und ist nicht so allein in seiner Virenschutzhaft.
Ich bekomme dieser Tage viele Mails und Briefe voller Zeichen und Worte, die ich mir selber nicht schicken kann. Einer malt eine Rose, eine erzählt von ihrem Leben und ein Dichter schenkt mir Verse:
„Ich tappe / im Dunklen / unerhört / dieses Licht / ich staune / das Glühwürmchen an“
Genau so fühlt es sich an. Im Dunklen tappen, nach der Türklinke tasten, am Himmel das erste Morgenlicht und im Kalender einen halbwegs realistischen Termin suchen. Und dann: ein Sternbild wiedererkennen, später am Morgen das Entenpaar beobachten, das immer an der Oker sitzt, noch später den alten Herrn, der seinen Hund ausführt und neulich den Nachbarn, der eine Kusshand durchs Fenster schickt.
Wer wollte da behaupten, es gäbe keine Glühwürmchen mehr!
Und immer wieder gibt es richtige Lichtblicke! Zum Staunen! Heute leuchtet es aus den Herrnhuter Losungen. Es sind Verse, die ich mir nicht aussuche, sondern die mich finden und treffen, gerade weil ich gar nichts dazu tun konnte, dass sie nun zu genau diesem Tag gehören.
Über dem ersten April 2020 heißt es aus dem Propheten Jesaja: „Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die des Klagens.“
Genau! Lasst uns Hoffnung schöpfen und freuen, es kommt Ostern und 100%ig werden wir auch irgendwann Konfirmation feiern und Stadtputz und Burgplatz-open-air und dann grillen wir am Nussberg in riesigen Runden! Kein Aprilscherz.

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  Morgens und abends

Morgens und abends

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.03.2020

Allmählich ahnt man, dass das alles hier eine Kraftprobe werden wird und unsere Fähigkeit, uns zu mit uns selbst und den Allernächsten zu arrangieren und trotzdem noch Andere im Blick zu behalten, ihnen wenigsten ein bisschen nah sein zu können, strapaziert werden wird.
Nicht zu wissen, wann es aufhört, sich einrichten zu müssen mit Verboten und Grenzen, die jetzt von den Regierungen gezogen werden, ist schwer – auch wenn der Verstand weiß, warum all das passiert und nötig ist.
Wie schwer und unerträglich muss das erst sein, wenn nicht Fürsorge sondern Ideologie hinter solchen Einschränkungen steht. Was müssen unsere Eltern und Großeltern gelitten haben, als die innerdeutsche Grenze dichtgemacht wurde und es überhaupt kein Indiz gab, wann das je aufhören würde. 28 Jahre lang konnte man nicht mal schnell in den Zug steigen und einander in den Arm nehmen. 28 Jahre lang konnte man nicht zusammenkommen, wenn eine im Sterben lag. 28 Jahre lang kein gemeinsames Geburtstagsfest, keine …
So schlimm wird es nicht werden. Merkwürdig, dass ich fast vergessen hatte, wie schwer man das aushält. Und wie gesagt, jetzt machen wir das freiwillig, weil wir wissen, es ist nötig und geht nur, wenn alle sich danach richten.
Im Psalm 18 heißt es – 1989 wussten das Viele: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“
Damals konnten wir das auf einmal wörtlich nehmen. Unglaublich! Jetzt hilft die Hoffnung auf genau diesen Mauern überwindenden und heilenden Gott und all das, was man damals wie heute auch tun kann: Nachrichten und Briefe schreiben, Bücher schicken, Puzzles, Witze, Fotos, Bilder. Und Gedichte.
Wieder einmal Bertold Brecht:
„Morgens und abends zu lesen
Der, den ich liebe / Hat mir gesagt / Dass er mich braucht.
Darum / Gebe ich auf mich acht / Sehe auf meinen Weg und / Fürchte von jedem Regentropfen / Dass er mich erschlagen könnte.“
Da ist alles drin! Die Bitte: Pass auf dich auf! Das Versprechen: ich tue es auch. Und ein Gebet: „Der, der uns liebt, hat uns gesagt, dass er uns braucht. Darum geben wir auf einander acht, sehen auf unseren Weg und lassen uns nicht von Regentropfen erschlagen. Denn der uns behütet, der schläft nicht.“
Morgens und abends zu beten.




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  Dienen und helfen

Dienen und helfen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.03.2020

Wir sollen auf Abstand zueinander gehen, zu Hause bleiben, getrennt von Freunden, Bekannten, Sportskameradinnen, Arbeitskollegen. Ich schreibe diesen Text an einem Sonntag. Es ist der dritte, der für mich und für Sie alle ohne einen „richtigen“ Gottesdienst verläuft. Ja, es gibt viele gute Angebote im Internet, aber es fehlt mir die Gemeinde, das gemeinsame Singen und Beten, die Orgel im Rücken, der Blick auf den Altar und auf den Imervard in unserem Dom.

Vielfach erkennen wir erst dann, wie wichtig uns etwas ist, wenn wir darauf verzichten müssen. Entbehrung lässt Wertschätzung wachsen und bei mir eine große Vorfreude auf den ersten Gottesdienst nach „Corona“. Ich weiß nicht, wann er stattfinden wird, aber ich weiß, dass er stattfinden wird! Nun sitzen die meisten von uns zu Hause im Kreise der Familie oder sogar ganz auf sich allein gestellt. Was für mich für den Gottesdienst gilt, erlebe ich auch in Bezug auf meine sozialen Kontakte. Sie fehlen mir. Ich möchte wieder unbefangen Freunde treffen, sie zur Begrüßung umarmen und ihnen nah sein. Zwei Meter Abstand sind bei einem Gespräch mit einem Menschen, den ich mag und der mir etwas bedeutet, ganz schön viel. Ja, ich verstehe, dass das alles jetzt sein muss, schön finde ich es allemal nicht.

Und in dieser Stimmung lese ich das Bibelwort aus dem Matthäusevangelium, das über dieser neuen Woche steht: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“ Jesus sagt das über sich selbst und kurz davor hat er seinen Jüngern in die Bücher geschrieben: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.“ Das sagt er im Übrigen auch uns. Wir sollen einander Diener sein, sollen einander unterstützen und helfen.

Ich denke, dass das gerade in diesen so besonderen und auch entbehrungsreichen Zeiten gilt. Mit Sicherheit sind viele unter Ihnen, die genauso wie ich, manches schmerzlich vermissen. Und je größer die Einsamkeit ist und je länger sie anhält, desto schwerer wird, all das zu ertragen, zu dem es im Moment noch keine Alternative gibt. Doch selbst in diesen Zeiten können wir, nach Jesu Worten sollen wir füreinander da sein. Wir alle können helfen, in dem wir zueinander in Kontakt bleiben. Wir können helfen, wenn wir einfach mal zum Telefon greifen und Menschen anrufen, von denen wir wissen oder meinen, dass sie allein sind und sich über unseren Anruf freuen.

Wir können helfen, in dem wir denen mit Freundlichkeit und Wertschätzung begegnen, die derzeit viel leisten müssen: den Angestellten in den Lebensmittelgeschäften, den Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, der Polizei, der Feuerwehr und all den anderen, die nicht geschützt von zu Hause aus arbeiten können und auch den Menschen in Regierungen und Parlamenten, die alles versuchen, um diese Krise in den Griff zu bekommen.

Irgendwann wird auch „Corona“ Vergangenheit sein. Vielleicht gelingt es uns, in diesen Zeiten Erlerntes nicht zu vergessen und die jetzt eingeübte Solidarität zu bewahren. Dann hätte der ganze Spuk tatsächlich auch etwas Gutes. Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.

Als Gebet für diesen Tag ein Bekenntnis von Dietrich Bonhoeffer:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Amen.


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  Konjunktive

Konjunktive

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.03.2020

Allmählich verliert man das Zeitgefühl. Alles ist ja immer still und ruhig. Gestern wäre Sonntag gewesen, Judika. Ich hätte wegen der Sommerzeit grausig zeitig aufstehen müssen. Wir hätten Gottesdienst gefeiert mit Steinen und Dornen auf dem Altar statt Blumen. Es ist ja Passionszeit.
Schmerzlicher Konjunktiv mit dem man derzeit auch alle anderen Pläne behandelt: man hätte zu Ostern Besuch gehabt und vielleicht die Monetausstellung in Potsdam angeguckt. Naja vielleicht nicht direkt zu Ostern, zu viel zu tun - aber dieser Tage irgendwann. Hätte.
Irgendwas ist falsch daran. Irgendwie ist alles aus dem Gerütt gerade.
Obwohl dann doch: gestern ist Sonntag gewesen. Tag des Herrn. Auferstehung. Jede Woche neu werden wir – frei nach Goethes Osterspaziergang – „alle ans Licht gebracht.“
Der Predigttext für gestern und über dieser Woche steht im Hebräerbrief und es heißt: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Ja, dem kann man uneingeschränkt zustimmen. In diesem Hier und Jetzt können die Stadt und wir nicht bleiben. Und ja, keiner weiß genau, wie das zukünftig hier aussehen wird, ob vertraute Orte dann noch weiter funktionieren, wie das die Stadt überstehen wird.
„Lasst uns nach draußen gehen!“ steht in meinen Materialien zur Predigtvorbereitung fettgedruckt. Da sind wir schon, ganz unfreiwillig. Rein in unser gewohntes Leben können wir derzeit nicht. Aber macht nicht genau das ein bisschen sensibler dafür, wo die anderen gerade sind? Wie sieht deren „draußen“ aus dem eigenen Leben gerade aus?
Der nächste Impuls in meiner Predigtmeditation heißt:
„Eingefrorenes Leben auftauen.“
Vor Monaten geschrieben und gedruckt, trotz Kälteeinbruch gestern, brennend aktuell! Darum wird es in jeder Hinsicht gehen müssen: „Eingefrorenes Leben auftauen.“ Irgendwann wird das öffentliche, das kulturelle, das schulische, das sportliche, das musikalische, das gastronomische Leben wieder auftauen! Das hoffen wir. Und jetzt, genau heute, gilt es aufzutauen, was im Dauerfrost geblieben wäre: Das Wissen, dass unsere Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass unser Leben Gefahr lief, Richtung und Sinn verlieren, dass unsere Herzen eingefroren waren gegenüber der Not derer, die schon die ganze Zeit draußen sind – dass wir den Weg nach Golgatha und in den Ostermorgen zum Leben brauchen, so oder so.
Und auch:
Auftauen und wahrnehmen, wieviel Wärme gerade jetzt möglich ist, wenn einer dem anderen sagt (kein Konjunktiv!): „Lass uns näher rücken. Grade jetzt.“


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  Hoffnung! Alles andere ist keine Option.

Hoffnung! Alles andere ist keine Option.

Henning Böger, Pfarrer - 29.03.2020

Vom Okerhochhaus der Technischen Universität leuchtet hoch oben im Dunkeln ein Satz in den bunt erleuchteten Fenstern: „Wissenschaft ist Hoffnung“. Die Idee dazu hatte ein Uni-Mitarbeiter. Ihm war aufgefallen, wie dunkel das Univiertel in Corona-Zeiten geworden ist, ohne geöffnete Läden und Restaurants, mit den vielen dunklen Büros. „Das ließ mich richtig schaudern und ebenfalls an der Hoffnung für unsere Zukunft zweifeln“, erzählt er der Zeitung. Und dann fügt er einen bemerkens-werten Satz an: „Dabei weiß ich doch als Wissenschaftler, dass die Menschheit viel anpassungsfähiger ist als jedes Virus, und dass wir mit Hilfe der Wissenschaft und Forschung auf jeden Fall alles wieder in den Griff bekommen. Alles andere ist keine Option!“

Wissenschaft ist Hoffnung! Das passt zu den großen Erwartungen an alle Forscherinnen und Forscher, die zurzeit weltweit mit Hochdruck nach Wirkstoffen gegen das Corona-Virus suchen. Auch ein Team der TU in Braunschweig ist dabei. Wir zählen auf euch!

Hoffnung: Alles andere ist keine Option! Wer diesen Gedanken nicht nur wissenschaftlich, sondern auch biblisch denken will, der kann ihn beim Apostel Paulus hören. Der schreibt im Römerbrief nach einigen tiefen, theologischen Gedanken folgende Zeilen: „Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. Hoffnung, die sich schon sichtbar erfüllt hat, ist keine Hoffnung mehr. Ich kann nicht erhoffen, was ich schon vor Augen habe. Wenn wir aber auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen können, dann heißt das aber auch, dass wir beharrlich danach Ausschau halten müssen.“

Wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Ich verstehe und glaube das so: Ich darf meine Hoffnung darauf setzen, dass Sinn hat, was ich tue und wofür ich lebe. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich in allem hält, was mein Leben füllt und bisweilen auch lähmt oder gefährdet.

Meine Glaubenshoffnung wagt einen ungeheuren Satz. Sie sagt: Alles wird am Ende gut sein. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Jeder Mensch darf diesen Hoffnungssatz für sich hören und viele mögen ihn nachsprechen in diesen Tagen, damit es in uns nicht dunkel bleibt.

Im abendlichen Uni-Viertel leuchtet derweil die Hoffnung bereits in bunten Farben. Denn: Alles andere ist keine Option!

Gebet zum Tag

Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel von Tag und Nacht, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr - bis du, Gott, unser Halt!
Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung,
von der Härte des Alltags zu den Träumen von morgen und einer besseren Welt - bist du, Gott, unser Grund!
Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel der Nachrichten, solcher, die sich beklemmend auf unser Herz legen, und solcher, die uns gut sind, aufatmen lassen - bis du, Gott, das Wort des Lebens!
Im Auf und Ab unserer Zeit sei gepriesen, Gott, durch uns!

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  Sommerzeit

Sommerzeit

Heiko Frubrich, prädikant - 28.03.2020

Wir sind angekommen am letzten Wochenende im März. Es ist das kürzeste Wochenende des ganzen Jahres, denn in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag wird uns eine Stunde geklaut, weil die Uhren auf Sommerzeit vorgestellt werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe an dieser einen Stunde immer eine ganze Zeit lang zu kauen. Es ist zwar bloß eine Stunde, aber die innere Uhr hat eben kein kleines Rädchen, mit dem man sie einfach so verstellen kann, wie man es gerade mal braucht. Und nach der Atomuhr der PTB richtet sie sich auch nicht aus. Unsere innere Uhr tickt ganz autonom und bestimmt so unseren Tages- und Biorhythmus.

Mit der Zeit ist das ja ohnehin so eine merkwürdige Sache. Sie ist die vierte Dimension neben oben und unten, vorne und hinten, rechts und links. In diesen drei Dimensionen können wir uns relativ frei bewegen, manchmal versperren zwar Mauern und Grenzen unsere Wege, grundsätzlich sind wir in diesem Zusammenhang aber meist frei. Nur in der vierten Dimension, der Zeit, da wird es schwierig. Wir kommen schon an unsere Grenzen, wenn wir zu erklären versuchen, was Zeit überhaupt ist. Wissenschaftlich ist Zeit definiert, aber was bedeutet sie für uns im alltäglichen Leben?

Ist Zeit die Aneinanderreihung von Ereignissen, der Ablauf der Dinge, die um uns herum passieren? Und ist Zeit absolut? Wissenschaftlich betrachtet mag das so sein, individuell jedoch dauert eine Stunde im Zahnarztstuhl gefühlt erheblich länger als an einem fröhlichen Abend, den ich mit Freunden verbringe, was hoffentlich bald wieder möglich sein wird. Unser Zeitgefühl ist relativ und ganz stark abhängig von unserer jeweiligen Lebenssituation. Hinzu kommt noch, dass Zeit nicht verfügbar ist. Wir können die Position eines Marmeladenglases im Kühlschrank in alle Richtungen verändern, auf die Zeit allerdings haben wir keinen Einfluss. Und da können wir unsere Uhren noch so oft von Sommer- auf Winterzeit und wieder zurück umstellen, an der Zeit an sich ändert das gar nichts.

Meine Zeit steht in deinen Händen, heißt es im 31. Psalm. Gott ist der Herr über die Zeit und eben niemand sonst. Er ist der Herr über die Zeit und über unsere Zeit. Niemand kann seiner Lebenszeit auch nur eine Sekunde hinzufügen und wir wissen nicht, wie viel Lebenszeit unser großer Freund für uns noch vorgesehen hat. Und so tuen wir gut daran, dankbar zu sein für jeden geschenkten Tag und ihn so zu leben, wie Gott es für uns gedacht hat. Dabei ist im Übrigen Leben niemals gestern oder morgen. Leben ist immer jetzt!

Und gerade in der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden, werden wir immer wieder daran erinnert, dass mit unserer Zeit im Hier und Jetzt nicht alles endet, wenn unsere irdische Uhr abgelaufen ist. Es wartet auf uns alle das Licht des Ostermorgens. Und das wird für uns leuchten ganz egal, ob unsere Uhren nun Sommer- oder Winter- oder was auch immer für eine Zeit anzeigen mögen.
Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, von dir kommt alles und zu dir geht alles. Du bist die Konstante in unserem Leben, das Fundament, das uns trägt und hält auch und gerade in diesen besonderen und schwierigen Zeiten. Deine Botschaft an uns lautet: Fürchtet Euch nicht! Hilf, dass uns das gelingt, dass wir unsere Lebensfreude und unser Gottvertrauen behalten und uns Angst und Einsamkeit nicht überrollen. Bald ist Ostern – das Fest Deiner Hoffnung. Amen.

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  Mein Zimmer

Mein Zimmer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.03.2020

Eigentlich hätte ich dieser Tage mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden des Braunschweiger Doms in der Flambacher Mühle sein sollen. Wir hatten uns ein Programm überlegt, bei dem es nicht nur ein Geländespiel rund um die Teiche mit Bibelbiathlon und Mensch-ärger-Dich-nicht mit lebenden Figuren geben sollte, sondern auch einen thematischen Weg zum Abschluss der Konfirmandenzeit: Gott, Gebet, Taufe, Wüstenerfahrung, Gemeinschaft – was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?
Eine Übung dabei wäre die Folgende gewesen: „Setzt euch hin und schließt die Augen, reist gedanklich nach Hause in Euer Zimmer und seht es Euch genau an: wie das Licht hineinfällt und sich im Laufe des Tages verändert, welche Bilder an den Wänden hängen, wie es auf dem Schreibtisch aussieht und darunter. Gibt es Pflanzen oder ein Aquarium, sitzt noch ein Teddy am Kopfkissen … Und wenn Ihr das vor eurem inneren Auge präsent habt, dann nehmt ein großes Blatt und malt einen Grundriss. Was ist wo?“ Man braucht ein bisschen Zeit dafür, vielleicht auch leise Musik. Wenn die Jugendlichen allmählich zuende kommen, dann fehlt noch eine Frage. „Wenn Gott in Deinem Zimmer wohnen würde oder wenn Du mit Gott in Deinem Zimmer reden wolltest – wo wäre sein Ort? Wo könntest du ihm nah sein? Male ein Dreieck mit einem Auge an diese Stelle! Und dann such dir zwei drei Leute aus der Gruppe, deren Zimmer Du nicht kennst und lass es Dir erklären und beschreiben!“
Meist wundern sich die Konfirmanden über diese Arbeitsanleitung. Aber dann versinken sie in ruhige Konzentration und später in ein tiefes Gespräch und entdecken, dass sie an ihrem Fenster oder an der Heizung auf dem Fußboden, im Bett oder mit ihrem Instrument tatsächlich einen Ort, eine Situation haben, wo sie ganz bei sich sein, ganz ruhig werden und in sich hören können. Sie halten es dann gar nicht mehr für so abwegig, dort Gott in ihr Herz und ihre Gedanken zu lassen, dort zu versuchen zu beten.
Jetzt – in Quarantäne und Zuhausebleibezeiten- wird diese Übung auf einmal für uns alle relevant. Wenn wir nicht in Kirchen gehen können, brauchen wir andere Orte, um Zwiesprache zu halten. Vielleicht im Garten oder nachts unterm Sternenhimmel, vielleicht am Küchentisch bei einer Kerze. Zum Jahreswechsel singen wir, was Dietrich Bonhoeffer aus der ungemütlichen Gefängniszelle nach Hause schrieb: „Lass warm und hell die Kerze heute flammen … / führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.“ Und er schließt: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Jetzt auch, das kann man spüren, wo immer Sie sind.


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  Eine Ruhestatt für die Fußsohle…

Eine Ruhestatt für die Fußsohle…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.03.2020

An Zufall glaube ich nicht so sehr, eher an Fügung und manchmal auch daran, hier- oder dorthin geschoben zu werden, damit ich mich befasse, vorbereitet oder zur Stelle bin – auch wenn ich das gar nicht bemerke. Später, wenn es akut wird, staune ich dann. Dafür also…
So ist es mir jetzt ergangen.
Vor zwei Wochen war ich noch in der Woltersburger Mühle bei Uelzen. Dort gibt es ein Zentrum für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung, mit anderen Worten einen Ort an dem man sehr gründlich an biblischen Texten arbeitet und sie zugleich auf unsere aktuelle Situation hin befragt. Inwieweit spiegelt sich zum Beispiel in den biblischen Speisungswundern der wirkliche physische Hunger von Menschen, die ja in einem besetzten Land lebten und oft nicht wussten, wovon sie leben sollten.
Ich habe also dort ein Seminar besucht, in dem um die Sintflutgeschichte ging und den Klimawandel, um Naturkatastrophen, um Rettung und Untergang, um Eingeschlossene und Überlebende, um große Bilder und eine neue Erde.
Gedacht und geplant war das Thema natürlich im Kontext der großen ökologischen Fragen unserer Zeit. Aber dann ragte Corona immer dringender in unsere Diskurse. Schließlich bin ich eher abgefahren als ich eigentlich wollte, weil die Domsingschule geschlossen werden musste.
So kommt es, dass ich in diesen verwirrenden Tagen einen großen Vorrat an frischen Gedanken rund um die Noahgeschichte habe – ohne geahnt zu haben, wie schnell ich den brauchen werde.
Ein Wort aus dieser Geschichte, die wir auch in den Worten Martin Buber gelesen haben, geht mir nach – erst recht wenn man im Hinterkopf all die Gestrandeten hat, die auf Flughäfen und an Grenzen feststecken oder noch viel schlimmer, in den überfüllten Flüchtlingslagern: Die Bibel erzählt, dass Noah als er endliche ein bisschen Land sah, eine Taube rausließ, die aber zurückkam, weil sie keine „Ruhestatt für ihre Fußsohle“ fand.“
Was für eine unglaubliche Formulierung! Man ahnt, die Taube mit ihren kleinen Füßchen braucht nicht viel aber ohne einen Ort, an dem sie landen und ankommen kann, Ruhe finden, kann sie nicht leben. Den brauchen wir auch – für innen und außen. Und so paart sich in dieser besonderen Zeit die Dankbarkeit für ein geborgenes Zuhause mit der Sorge um die, die das nicht haben. Dabei sollte es bleiben, nicht eines ohne das andere, auch wenn wir eines Tages ans Weitermachen gehen werden.

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  An der Schmerzgrenze

An der Schmerzgrenze

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.03.2020

Nun ist also auch der Dom zu. Gestern kam die dringende Empfehlung der Landeskirche, die damit auf das behördliche Kontaktverbot reagiert.
Bisher konnte man noch am vertrauten Ort eine tägliche Kerze anzünden oder innehalten mit den Sorgen und Hoffnungen dieser Tage.
Nun also kein Heilwerden unter den Augen des Imervard, kein Blick hoch zu den Knospen des Lebensbaumes. Nun gilt es auch in dieser Hinsicht Verantwortung wahrzunehmen, konsequent zu sein, auch wenn es weh tut.
Diese Maßnahme schmerzt. Mich auch.
das schmerzt mich fast mehr als der Wegfall der Gottesdienste. Die gibt es im Fernsehen und Internet in großer Zahl, man kann mitsingen und mitbeten. Aber die Wirksamkeit eines solchen Ortes, die Zuflucht zwischen den durchgebeteten Mauern, das lässt sich nicht so leicht nach Hause holen. Und einmal mehr verschärft sich die Frage, wie es denen wohl gehen mag, die im Internet und den sozialen Medien unbehaust und fremd sind.
Zuhause sitzend, und Gedanken in eine Kladde schreibend, die mir eine Freundin zu Weihnachten geschenkt hat, ist die nächste Seite auf einmal nicht leer für meine Worte, sondern bedruckt – offenbar auch für mich: „Freiheit meint nicht nur Religions- und Meinungsfreiheit. Auch Freiheit zum Schreiben. Freiheit zum Denken…“
Die Worte stammen von Mehrdad Sepehri Fard, der in den 1990ern aus dem Iran fliehen musste und seither christliche Hauskirchen unterstützt, die nur noch im Verborgenen praktizieren können.
Ich bin von der Schmerzgrenze doch noch weiter weg als befürchtet.
So schlimm ist es hier nicht.
Uns ist Begegnung verboten, nicht Glaubenspraxis. Wir können laut vom Balkon singen, denken und einander schreiben. Briefe gehen grade viele aus dem Dompfarramt raus.
Und ich schreibe jeden Tag ein Kapitel aus der Bibel ab und stelle das, was ich dabei wahrnehme auf der Domseite ein. Gestern schickte mir eine Frau ein Foto ihres Bibel-Schreibheftes und schrieb dazu: „Vor lauter Angst fällt mir das Lesen oft schwer, aber das Lesen um niederzuschreiben, schafft Ruhe in mir.“
Es geht doch noch viel mehr als ich in meinem Kummer dachte.


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  mein Feigenbäumchen

mein Feigenbäumchen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.03.2020

In unserem Erker steht ein kleiner Feigenbaum. Als ich ihn gekauft habe, trieb er brav ein Blatt nach dem anderen und setzte Früchte an. Ich freute mich an seiner Geschäftigkeit. Mein Mann betrachtete das fleißige Bäumchen nicht ganz so liebevoll. Er hatte die sizilianischen Verwandten vor seinem inneren Auge und befürchtete, den Erker zeitnah an meinen grünen Freund abtreten zu müssen.
Aber dann wollte das Bäumchen nicht mehr. Die großen gefingerten Blätter fielen einfach ab und zwar im Sommer statt im Winter und das Stämmchen war nur noch eine traurige Erinnerung an seine frühere Kraft. Eigentlich hätte es den Weg aller botanischen Misserfolge in die grüne Tonne nehmen müssen aber ich kann aus meiner Theologinnenhaut nicht raus und hatte Hemmungen.
Denn Feigen sind nicht irgendwelche Pflanzen. Feigen gab es, so erzählt es das Alte Testament, wie Weizen und Granatäpfel im Land, wo Öl und Honig fließt. Bei dem Propheten Micha heißt es: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und … ein jeder wird unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen.“
Und auch das Neue Testament macht am Feigenbaum fest, ob Zukunft möglich bleibt. In dem berühmten Gleichnis aus dem Lukasevangelium vom Feigenbaum, der einfach keine Frucht trägt und der deshalb abgehauen werden soll, bittet der Gärtner: „Gib dem Baum noch ein Jahr! Ich will ihn jäten und düngen! Vielleicht bringt er doch noch Frucht….“
Lass mich daran glauben, dass es anders ausgeht als jetzt aussieht! Lass mich mein Menschenmögliches dafür tun, dass dieser Baum sich erholt.
Rainer Maria Rilke dichtete: „Gib mir noch eine kleine Weile Zeit, ich will die Dinge so wie keiner lieben…“
Es ist eine Bitte, die nicht übersieht, dass Dinge zu Ende gehen, dass wir Menschen ein Ende haben und die dabei doch ernstnimmt, dass man manchmal erst begreifen muss, wie schön und kostbar unser Leben ist.
Der Gärtner sieht sehr wohl auch, dass sein Bäumchen nutzlos geworden ist – aber so muss es nicht bleiben! Es kann alles anders werden, neu und auch wieder gut.
Und tatsächlich: mein Feigenbäumchen treibt jetzt, ausgerechnet jetzt, wie verrückt. Es hat solche Kraft, dass ein hölzerner Äthiopier daneben vom Fensterbrett geschoben wurde. Klingt platt, ist aber wahr.





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  Zeichen der Verbundenheit

Zeichen der Verbundenheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.03.2020

Gestern kam eine Audiodatei aus London, ausgerechnet und deshalb erst recht schön! Unser Sohn hatte mit seiner Freundin für die verstreute Familie „Freude schöner Götterfunken“ eingespielt, damit es mitklingt, abends, zu den verschiedenen Fenstern raus. Ein Zeichen der Verbundenheit. Sie kommen dieser Tage aus allen Richtungen. Mal übers Smartphone, mal als Licht von der anderen Straßenseite.
Als Kind habe ich mit meiner Mutter regelmäßig nach dem Abendstern gesehen. Sie hatte dieses Ritual mit ihrer Mutter und Großmutter verabredet, die jenseits der innerdeutschen Grenze lebten. Unser Blicke würden sich treffen, natürlich, was sonst!
Es sind schwere Zeiten ohne Frage, man weiß nicht, wie lange wir uns so einrichten müssen und wie es dann weitergehen wird, schon gar nicht, wen und was wir dabei verlieren werden. Wir können wenig tun, außer zu machen, was uns gesagt ist und abzuwarten.
Eine Geschichte, die uns in dieser Situation mit allen verbindet, die die Bibel kennen, steht im ersten Buch Mose. Da zieht Noah mit seiner Familie und jeweils einem Paar aller Lebewesen in einen Kasten. Es ist kein steuerbares Schiff, sondern ein Zufluchtsort, den man nicht verlassen kann, weil draußen Unheil wütet. Noah nimmt Essbares mit. Auch hier gibt es also Vorratswirtschaft, denn es wird länger dauern. Darum muss er muss sich auch darauf verlassen, dass zwischen den Tieren das übliche Fressen und Gefressenwerden aussetzt, friedliches Beisammensein ist gefragt.
Das war mit bisher so nicht bewusst und es gibt noch mehr Details, die ich überlesen habe:
Nachdem Gott die Flut angekündigt hat, setzt er noch eine Frist von sieben Tagen, bis sie kommt. Das kann man als Inkubationszeit lesen, Zeit, in der man eine Gefahr ernstnehmen muss ehe man sie sieht.
Gott fordert den Noah auf, auch Samen mitzunehmen, denn die Gefahr wird weichen, er wird wieder säen und ernten können. Ein Zukunftsversprechen.
Und er setzt den Regenbogen in die Himmel. Wir alle haben ihn schon gesehen. Es ist Gottes Verbundenheitszeichen.


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  Frühlingsanfang

Frühlingsanfang

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.03.2020

Es sind schon bemerkenswerte Zeiten, in denen wir gerade leben – bemerkenswerte und ambivalente. Auf der einen Seite lähmt Corona das öffentliche Leben, schränkt uns in bisher ungekannter Weise ein, reduziert soziale Kontakte, Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und verhindert sicher auch die eine oder andere kleinere oder größere Notwendigkeit. Auf der anderen Seite erleben wir geradezu eine Explosion des Lebens um uns herum – in der Parks und Grünanlagen unserer Stadt, in den Gärten vor und hinter unseren Häusern, auf den Wiesen und Äckern im Braunschweiger Land. Die Natur startet das große Feuerwerk des Lebens. Braune Äcker decken sich mit zartem Grün. Bäume und Sträucher, die über den Winter wie tot aussahen, erwachen und vieles, was in den vergangenen Monaten nur grau und trist und öde aussah, taucht sich in bunte Farben - Frühlingsanfang.
Jedes Jahr erleben wir den Zyklus vom Erwachen über Blüte und Reife bis hin zum scheinbaren oder auch tatsächlichen Absterben. Jedes Jahr wieder ein Wunder vor unseren Augen. Und es ist in der Tat wunderbar, denn unser Einfluss auf das, was da draußen passiert, er ist begrenzt. Ja, wir können durch bewässern und düngen das eine oder andere fördern und beschleunigen und ja, wir können durch leichtfertigen Umgang mit der Natur auch viel Schaden anrichten. Und doch vollzieht sich der Lauf der Jahreszeiten ohne unser Zutun. Er folgt Regeln, die nicht von Menschen gemacht sind.
Fraglos hat jede Jahreszeit ihren ganz besonderen Charme. Doch der Frühling ist, wie ich finde, in besonderer Weise hoffnungsstiftend, weil mit ihm das Leben triumphiert, weil mit ihm das Leben sein Fest feiert. Gott zeigt uns in seiner wunderbaren Schöpfung, dass selbst dort, wo es kaum zu erwarten war, im toten Boden und Gehölz, Leben darauf wartet, dass es sich Bahn brechen kann, heraus aus der Kälte, heraus aus der Dunkelheit, hinein ins Licht.
Und so ist das Erwachen der Natur für mich auch ein Bild für unser eigenes Leben. Auch in den dunkelsten Situationen ist Hoffnung darauf, dass es wieder hell und warm werden kann um uns und in uns. Gottes Schöpfung ist niemals fertig, sie ist immer wieder neu und sie wird immer wieder neu und das gilt eben nicht nur für die Bäume und Blumen in unseren Gärten, das gilt auch für uns. So, wie die Passionsgeschichte nicht mit dem Karfreitag zu Ende erzählt ist, sondern unmittelbar und unausweichlich auf das Licht des Ostermorgens hinsteuert, so dürfen auch wir darauf hoffen, dass es ein Aufleuchten neuer Zuversicht geben kann und geben wird, selbst und gerade in den Momenten, in denen wir mit allem rechnen, aber eben nicht damit, selbst und gerade in diesen Corona-Zeiten.
Frühlingsanfang – eine gute Zeit, um an Gottes Liebe und seine unendliche Freundlichkeit zu erinnern, sie zu genießen und Gott dafür zu danken – mit Herzen, Mund und Händen.

Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, Geduld, Hoffnung und Zuversicht brauchen wir – gerade in diesen Tagen. Sei bei uns, wenn wir Angst vor der Zukunft haben, sei bei uns, wenn wir anderen helfen wollen, sei bei uns, wenn wir zu entscheiden haben, welcher Weg der richtige ist. Wir danken dir für jedes kleine Zeichen deiner Gegenwart in unserem Leben und für deine unerschöpfliche Freundlichkeit und Liebe. Hilf uns durch diese herausfordernden Zeiten und stärke unser Vertrauen zu dir. Amen.

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  Zuversicht

Zuversicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.03.2020

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Buch zur diesjährigen Fastenaktion „Sieben Wochen ohne Pessimismus. Sieben Wochen Zuversicht.“
Als die Aktion ausgerufen wurde, habe ich mich gewundert und fast ein bisschen geärgert. Das schien mir platt. Luxusprobleme einer überfressenen Welt…
Heute klingt das – wie fast alles – anders in meinen Ohren.
Wir werden Gelegenheit haben, uns gründlicher in Zuversicht üben zu können als wir bisher gedacht haben. Sieben Wochen ohne Schwarzseherei und Panik, sieben Wochen ohne das Kolportieren dramatischer Gerüchte, sieben Wochen ohne Entmutigung. Das könnte uns herausfordern, wenn die gängigen Ablenkungen und Stabilisierungsmöglichkeiten fehlen: keine Chorprobe, kein Fitnessstudio, kein Kino, keine Sauna, kein Shoppen, keine Reisen, keine Besuche und auch kein Stress, keine Routine, keine übervollen Tage.
Was dann?
„Ich hoffe auf Licht und es kam Finsternis.“ So steht es im Buch Hiob und so wurde es für diese vierte Woche der Passionszeit ausgesucht. Nicht gerade ermutigend! Erinnern wir uns: Hiob hatte seine Familie, seinen Besitz, seine Gesundheit verloren. Woraus schöpfte er Zuversicht? Woher nehmen wir, seine Zeitgenossen Hoffnung?
Die Hiobgeschichte scheut harte Wahrheiten nicht. Eine ist es, dass das Leid auf dieser Erde nicht aufhören wird. Ein Leben ohne Kummer und Schmerz wird es nicht geben. Auch wenn alles wieder „normal“ ist, wird es deshalb nicht sein wie vorher. Wir werden Spuren davontragen.
Das ist noch keine Zuversicht. Das ist Realismus.
Kann man trotzdem von Hiob Leben lernen in schwerer Zeit? Er wandelt Schmerz in Klage. Und andressiert sie an den einen Gott, den er fürchtet. Seine Furcht ist Gottesfurcht, nicht Menschenangst vor dem was kommt.
So gibt er sich aus der Hand und übt Vertrauen.
Für Hiob wird es ein Leben danach geben. In Fülle. So wird es auch für uns sein. Denn heute ist nicht nur Frühlingsanfang. Wir gehen auf Ostern zu. Immer weiter. Gehen Sie bitte mit!

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  Aus meiner Hütte heraus...

Aus meiner Hütte heraus...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.03.2020

Die Zeitung ist einer meiner Alltagsbegleiter. Ich bin froh, dass sie nach wie vor morgens im Briefkasten liegt und mag mir nicht richtig vorstellen, wie es ohne wäre. Sie ist ein Resonanzraum zwischen uns allen, die wir uns sonst live und in Farbe begegnen und – tatsächlich! – berühren.
Ein Raum für die Menschen der Stadt und der Region.
Auch der Dom ist solch ein Raum.
Tag für Tag, inzwischen seit Jahrzehnten, schreiben wir eine Andacht und feiern sie, verteilen den Text in alle Himmelsrichtungen. Das tun wir noch immer. Tag für Tag. Jetzt hängt der Text im Schaukasten, steht im Internet findet sich auf der App.
Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Leib Christi, Verbundenheit im Gebet und durch dieselben Worte gibt es ja Gott sei Dank weiter und hat sich gerade in Zeiten von Isolation und tiefster Einsamkeit bewährt. Man lese die Gefängnisbriefe von Dietrich Bonhoeffer oder James Graf von Moltke.
Trotzdem, so ein leerer Dom ist schwer auszuhalten.
Texte vor leeren Bänken mögen Sie erreichen wie immer, gut so, Aber ohne dabei in Gesichter zu sehen, die nachdenklich oder erheitert, müde oder aufmerksam aussehen, vertraut oft, das ist schwer.
Ich mache mir Sorgen um alle die, deren täglicher Weg in diese Andacht geführt hat, weil ihnen das Leben hilft.
Ich mache mir Sorgen, um all die Ehrenamtlichen, die den Dom offen halten und Führungen anbieten. Viele von ihnen zehren von dieser Aufgabe.
Ich mache mir Sorgen um alle, denen es schwer fällt, allein die Hände zu falten. Dafür mag das Geläut helfen. Sie alle können wissen, dann stehe ich oder ein anderer Dommitarbeiter und betet das Vaterunser.
Das Verbot, Gottesdienste zu feiern, noch dazu in der Passions- und Osterzeit trifft uns alle schwer. Es ist ja die zentrale Lebensäußerung unseres Glaubens, das Evangelium zu verkündigen, darauf zu antworten mit Gebet und Gesang, Abendmahl zu feiern. Wir tun das also die, die Gott beim Namen gerufen hat. Jede und jeden Einzelnen. Solche bleiben wir.
In den Herrnhuter Losungen heißt es für diesen Freitag aus dem 27. Psalm: „Der HERR deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.“ Möge seine Hütte die Ihre sein und mögen Sie sich in Ihren Räumen unter seinem Schutz geborgen fühlen.
Ich begleite Sie aus meiner Hütte heraus gern und wünsche Ihnen Gottes Segen!

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  Selbst-Vergebung

Selbst-Vergebung

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.03.2020

„Ich könnte mir selbst in den Hintern treten! Ich schäme mich in Grund und Boden!“ Kennen Sie diesen Gedanken oder diesen Ausruf? Immer dann, wenn uns etwas misslungen ist, wenn trotz aller Mühe und guter Vorbereitungen etwas nicht geklappt hat, wenn wir Fehler gemacht haben, die wir um jeden Preis vermeiden wollten, dann kommt dieser Gedanke auf. Ich könnte mir selbst in den Hintern treten!
Was dabei zum Ausdruck kommt, ist zunächst einmal, dass uns in solchen Fällen nicht egal ist, worum es geht. Es ist durchaus auch zu beobachten, dass Menschen ihr Fehlverhalten sehr wohl herzlich egal ist. „Ich kann’s ohnehin nicht mehr ändern, was soll ich mich noch aufregen?“ Mit einer solche Haltung kann man möglicherweise leichter durchs Leben kommen, bei seinen Mitmenschen wird man aber ganz sicher nicht dauerhaft ganz oben auf der Sympathieliste stehen.
Vielleicht ist, wie so oft im Leben, der goldene Mittelweg eine gute Orientierungshilfe. In der Bibel finden wir an ganz vielen Stellen die Aufforderung, einander zu vergeben. „Vergebt einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus“, sagt beispielsweise Paulus. Mindestens genauso wichtig ist es aber meiner Meinung nach, dass wir uns selbst vergeben können. Und das ist manchmal schwerer, als das Fehlverhalten anderer zu entschuldigen. Hier sind wir oftmals eher bereit, nach Gründen für deren Fehler zu suchen, nach Erklärungen und Rechtfertigungen: Der hatte halt einen schlechten Tag, war belastet mit privaten Sorgen, gesundheitlich angeschlagen, konnte es eben in dieser Situation nicht besser. Das kann jedem mal passieren. Schwamm drüber – fertig!
Und bei uns selbst? Wie oft kauen wir auf unserem eigenen Scheitern herum, grübeln, ergehen uns in Selbstvorwürfen und schaffen es einfach nicht, die Vergebungsbereitschaft, die wir für andere in uns tragen, auch gegen uns selbst oder besser für uns selbst sprechen zu lassen. Das soll nicht heißen, dass wir ab morgen völlig verantwortungslos und ohne Rücksicht auf Verluste uns selbst alles durchgehen lassen können, das ganz sicher nicht! Aber wir dürfen uns dennoch erlauben, unter den selbst verzapften Mist einen Schlussstrich zu ziehen, Dinge und Themen nach deren Aufarbeitung einfach mal auf sich beruhen zu lassen und nach vorne zu blicken.
Unser großer Freund und Bruder Jesus Christus will uns dabei helfen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken“, ruft er uns zu. Wir dürfen ihm all das erzählen, was nicht zu unseren Glanzleistungen gehört und wir dürfen es getrost in seine Hände legen und diese Lasten bei ihm loswerden. Und es ist dann er, der uns sagt: Das kann jedem mal passieren. Schwamm drüber. Versuche, es morgen besser zu machen. Ich bin an deiner Seite und helfe dir – in Freundschaft und in Liebe!

Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, du kannst uns so vieles verzeihen und du tust es auch. Keiner weiß besser als du, dass wir immer wieder Fehler machen werden, dass keiner von uns perfekt ist und dass all unser Vermögen Grenzen hat. Darum hast du ein großes Herz für unsere Schwächen. Gib, dass wir auch untereinander bereit zur Vergebung sind und auch von uns selbst nichts Unmögliches erwarten. Lass uns in deiner Liebe leben, so wie es uns Jesus Christus vorgelebt hat.
Amen.

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  Hilfe!

Hilfe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.03.2020

Kennen Sie den Zeichner Ulli Stein? Von ihm stammen lustige und manchmal auch heiter-hintersinnige Cartoons, oftmals mit einer Maus und einem Pinguin. Ich habe von ihm eine Tasse zu Hause auf der ist ein Mann zu sehen, der im Meer vor einer kleinen Insel die Arme in die Höhe reckt. Am Strand liegt ein Laptop und der Mann schreit aus Leibeskräften: „F1, F1, F1!“
Um den Witz zu verstehen, muss man wissen, dass bei vielen Computerprogrammen über die F1-Taste die Hilfefunktion aufgerufen wird. Wenn ich also irgendwo bei einer Computeranwendung nicht weiterweiß, drücke ich F1 und dann erscheint – hoffentlich – ein Text, der mir erklärt, was zu tun ist.
Der Mann im Meer scheint also am Ertrinken zu sein ruft um Hilfe. Er ruft es seinem Computer zu, der da am Strand liegt, denn es ist Computersprache, dieses F1. Der Computer wird ihm aus seiner Situation kaum heraushelfen können, aber immerhin macht sich unser in Not geratener Schwimmer überhaupt bemerkbar. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Menschen, die Hilfe brauchen, rufen nicht laut in die Welt hinaus, dass es ihnen nicht gut geht. Viele Menschen haben aufgehört nach Hilfe zu rufen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, weil sie es immer und immer wieder versucht haben und sie niemand gehört hat, weil sie niemand hören wollte.
Menschen rufen nicht um Hilfe, weil sie sich schämen, ihrer Schwachheit wegen, ihrer Krankheit wegen, ihrer finanziellen Sorgen wegen, ihrer Bescheidenheit wegen. Dabei wären vielleicht hilfsbereite Mitmenschen in der Nähe, die sich gern kümmern würden, es aber nicht tun können, weil ihnen gar nicht bewusst ist, dass ihr Gegenüber Not leidet.
Und es ist tatsächlich so: Hilfe anzunehmen ist bisweilen genauso schwer oder sogar noch schwerer, als zu helfen. Dabei sind wir alle immer und immer wieder auf andere angewiesen. Niemand ist perfekt, Gott hat uns alle mit ganz unterschiedlichen Talenten ausgestattet und mit ganz verschiedenen Gaben gesegnet. Und so richtig gut funktioniert unser Miteinander eben nur dann, wenn wir uns gegenseitig ergänzen. Dazu gehört aber eben auch, dass wir wissen, was unserem Nächsten gerade fehlt.
Er, unser Nächster, sollte es uns wissen lassen, wir sollten es unseren Nächsten wissen lassen und wir sollten allesamt wachsam sein füreinander und achtsam miteinander umgehen – gerade in Zeiten wie diesen. Wir sollten die Zeichen der Hilfsbedürftigkeit unserer Mitmenschen nicht übersehen und die Hilferufe nicht überhören, und wenn sie noch so leise sind. Und wir sollten uns trauen, uns zu melden, wenn wir selbst Hilfe brauchen. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“, sagt Jesus. Und genau dazu braucht er uns. Denn Jesus hat keine Hände, nur unsere Hände. Und die können zu hilfesuchenden und auch zu helfenden werden.

Unser Gebet für diesen Tag:
Gott, wir allen stehen dieser Tage fragend, suchend und auch ängstlich vor dem, was um uns herum passiert. Ein Virus lähmt unseren Alltag, zwingt uns auf Distanz zueinander und stellt uns vor bisher ungeahnte Herausforderungen. Gott, wir bitten dich, lass uns an all dem nicht verzweifeln und lass uns unseren Nächsten nicht aus dem Blick verlieren. Schenke uns wache Sinne dafür, wo unsere Hilfe gebraucht wird und lass uns dann verantwortlich und besonnen handeln. Behüte uns und segne uns und lass uns ein Segen sein. Amen.

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  Rollenwechsel

Rollenwechsel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.03.2020

Braunschweiger Dom. Montagmittag. Tresendienst.
Sonst stehen hier unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und begrüßen Menschen, die hier beten oder einen Moment verschnaufen, eine Kerze anzünden oder an einer Führung teilnehmen wollen. Natürlich heißen sie auch Besucherinnen und Besucher unserer Andachten und Gottesdienste willkommen, verteilen Gesangbücher, Programme oder Andachtstexte, verkaufen Postkarten, Bücher und Kerzen.
Friedliche Normalität unter den Augen der Christusfigur des Meisters Imervard. Friedliche Normalität in der heilsamen Atmosphäre eines heiligen Ortes. Und manchmal, alle Jahre wieder, tumultartige Fülle.
Viele von ihnen tun diesen Dienst schon seit vielen Jahren. Wenn ich sie danach frage, dann erzählen sie, wie gut es tut, regelmäßig viel Zeit in diesem besonderen Raum zu sein, unter Gottes Angesicht. Sie beschreiben Begegnungen und Beobachtungen. Staunen noch immer darüber, wie das Licht durch den Dom wandert.
Jetzt stehe ich hier. Nach fast sechs Jahren und so vielen Stunden im Dom übernehme ich auf einmal diese Stelle – am Eingang, an der Schwelle.
Hauptamtliche und Mitglieder des Kirchenvorstandes wechseln sich ab. So halten wir den Dom offen und hüten den Ort.
In der Tageslosung heißt es:
„Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zu gutem Ende führt.“ (Psalm 57,3)
Und dazu aus dem Markusevangelium:
„Wer beharrt bis an das Ende, der wird selig.“
Da ist mir gerade bisschen viel „Ende“ drin. Ich hätte gerne, dass es aufhört und sich unser aller Leben wieder normalisiert, dass wir uns nicht sorgen müssen, ob unsere Eltern irgendwo klarkommen und wann wir unsere Kinder wiedersehen, ob von denen, die sonst hier am Tresen stehen, nicht auch einige dabei sind über die die große Einsamkeit fallen wird. Ich möchte, dass es aufhört. Ich kann geduldig sein. Aber bitte, das möge nicht das Ende sein!
Manchmal ist das Gehirn eigen. Während ich das noch schreibe, gräbt es ein kleines Lied, einen Kanon, ein gesungenes Gebet aus.

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei Dir Herr, füll Du uns die Hände.“

Dompredigerin Cornelia Götz

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  Sichtbare und unsichtbare Kirche

Sichtbare und unsichtbare Kirche

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.03.2020

Ganz allein habe ich gestern, am Sonntagmorgen, vorm Marienaltar gestanden und gelesen: „Alles hat seine Zeit.“ Anschließend habe ich das Vaterunser gebetet und ein Segenswort gesprochen. Es war ein stellvertretender Dienst. Im Dom wird gebetet, Zwiesprache mit Gott gehalten, natürlich. Und doch alles anders: Die Gemeinde saß nicht in den Bänken wie sonst, keine Orgel, kein Gesang.
Aber die Gemeinschaft der Heiligen – die habe ich gespürt.
Es ist eine langsame Klärung, allmähliches Bewusstwerden.
Erst erinnerte ich mich an die wunderbare Ikonenwerkstatt im November auf Kreta. Damals haben wir uralte kleine Kapellen in den Bergen besucht, deren Wände voller Heiliger bemalt waren. Dabei habe ich gelernt: man ist an diesen Orten niemals allein – die Heiligen sind ja da und lebendig, mit ihnen wird immer Gemeinschaft möglich sein, in die ich mich bergen kann.
Dass das so aktuell werden könnte!
Zwei oder drei in seinem Namen…
Als Theologin kenne ich noch eine andere Unterscheidung:
Sichtbare und unsichtbare Kirche.
Bisher habe ich darunter gehört: Gebäude, Institution, Rechtssammlung, Pfarrer, Talare, Kirchenvorstand einerseits – Leib Christi andererseits.
Und jetzt?
Sichtbar: Kirchen in der ausgestorbenen Stadt, keine Gottesdienste, keine Konfirmandenfahrt, dafür ein großes Schild an der Tür, damit niemand auf die Idee kommt, einander die Hand zu geben. Vor paar Tagen war das noch ein Sicherheitshinweis, heute ist es schon selbstverständlich.
Unsichtbar: Überall beten Menschen mit denselben Worten, lesen in derselben Bibel, vertrauen demselben Gott, denken sich zur selben Zeit in ihre Kirche.
Wir sind verbunden, Glieder einer großen Gemeinschaft: Bisher haben wir diesen Gedanken immer dann aufgerufen, wenn es um die ging, die vor uns waren, in deren Worten und Glaubenserfahrung wir uns bergen können. Aber warum sollte dieselbe fraglose Verbindung nicht auch zu denen bestehen, die neben uns sind?
Der oft so unbegreifliche heilige Geist – er verbindet uns, hält uns beieinander, erfüllt uns – mit Leben und Segen. Bleiben Sie behütet!

Gebet:
Gott, wir bitten dich in diesen Tagen, in denen wir so sehr auf uns selbst geworfen sind, in denen wir Vergewisserung suchen und Formen, einander beizustehen – erfülle uns mit der Gewissheit, dass du da bist mit deiner Fülle und deinem heilsamen Segen!
Gott, in Deine Hände legen wir die Sorge, um unsere Nächsten, denen wir jetzt nicht nah sein können. Schütze und bewahre sie!
Gott, dich bitten wir für alle, die arbeiten und dafür sorgen, dass Notwendiges weitergeht. Gib ihnen Kraft und Zuversicht, lass sie heil an Leib und Seele bleiben.
Behüte und bewahre uns alle. Amen



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  GELIEBTE UND LIEBENDE

GELIEBTE UND LIEBENDE

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.03.2020

Liebe Andachtsbesucherinnen und Andachtsbesucher, würden man 50 gläubige Menschen fragen, was für sie Religion und Glauben bedeute, man bekäme wahrscheinlich mindestens 51 verschiedene Antworten. Die persönliche Vorstellung von Gott spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle und damit meine ich nicht nur, ob man ein konkretes Bild mit ihm verbindet, also zum Beispiel das, des alten, weisen und gütigen Mannes, der auf einer Wolke sitzt, so wie Michelangelo ihn in der Sixtinischen Kapelle dargestellt hat. Nein, auch die, ich nenne es mal Charaktereigenschaften, die jeder und jede mit Gott verbindet, sind maßgeblich.
Immer wieder gab es Menschen, die für sich in Anspruch genommen haben, genau zu wissen, wie Gott ist. Und sie haben damit andere unter Druck gesetzt und Macht ausgeübt. Sie haben Gott als den zornigen und strafenden dargestellt, dessen Wut man sich beispielsweise durch den Kauf von Ablassbriefen entziehen konnte. Auch in der Erziehung wurde und wird vielleicht mancherorts sogar immer noch Gott als Drohmittel eingesetzt: „Sei anständig, Gott sieht alles und wenn du nicht artig bist, wird er dir das nicht durchgehen lassen!“
Wie ist Ihr Bild von Gott? Ist es der bedrohlich Allmächtige, der über allem und über allen steht? Ich denke, dass wir, seit Gott seinen Sohn, unseren Freund und Bruder Jesus Christus in diese Welt geschickt hat, mit Gott anders unterwegs sein können und dürfen. Dorothee Sölle beschreibt es so: „Nicht Gottesverehrung in Demut und Ergebenheit, nicht Anbetung eines höheren, unbegreiflichen Wesens ist das Herz der Religion, sondern Liebe im Doppelsinn des Wortes, das uns als Geliebte und als Liebende nennt.“
Das kann ich sehr gut annehmen. Natürlich sollen wir unsere Ehrfurcht vor Gott nicht verlieren und Demut gegen Überheblichkeit und Größenwahn eintauschen. Aber im Kern unserer Beziehung zu Gott und Gottes Beziehung zu uns steht unverrückbar Liebe! Wir alle sind Geliebte Gottes, Sie und Ihr und ich und nicht nur wir irgendwie alle zusammen, sondern jede und jeder einzelne Mensch ist von Gott angenommen, gewollt und geliebt. Persönliche Bewertung meinerseits: Ich finde das einfach nur großartig!
Und mit Liebe im Doppelsinn meint Dorothee Sölle eben, dass Gottes Liebe bei uns nicht einfach so versickern soll, wie ein Regentropfen auf trockener Erde. Wir sollen als Liebende durch unser Leben gehen – Liebende unseren Mitmenschen gegenüber, Liebende denen gegenüber, die einsam, verzweifelt und hilflos sind, Liebende auch Gott gegenüber, dem wir all das, was uns ausmacht und was uns umgibt zu verdanken haben.
Geliebt und liebend zu sein, ich glaube, wenn wir das für uns annehmen können, dann haben wir schon ganz viel von Gottes froher Botschaft verstanden – eine gute und solide Basis für ein Leben, so, wie Gott es für uns gedacht hat.

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  FÜR DICH!

FÜR DICH!

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.03.2020

An jedem Freitag und an zwei Sonntagen im Monat feiern wir hier im Dom in Andachten und Gottesdiensten das Heilige Abendmahl miteinander. Das ist für eine evangelische Kirche schon ganz schön häufig. Bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern gehört die Eucharistie, übersetzt „Danksagung“, zu jedem Gottesdienst fest dazu. In evangelischen Kirchen überwiegen von der Anzahl her ganz klar die Wortgottesdienste. Aus Erzählungen meiner Oma weiß ich, dass früher sogar nur am Karfreitag und am Buß- und Bettag Abendmahl gefeiert wurde. Heute ist das, wie schon gesagt, deutlich häufiger der Fall.
Ich persönlich begrüße das sehr, ist doch das Abendmahl für mich ein Moment im Gottesdienst oder in einer Andacht, von dem eine ganz eigene Kraft ausgeht, und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen erleben wir als Gemeinde eine besondere Form von Gemeinschaft. Wir stehen Seite an Seite vor dem Tisch des Herrn, geschwisterlich miteinander verbunden und das ganz ohne Ansehen der Person. Das einzige und gleichzeitig auch wichtigste, was uns verbindet, ist unser Christ-Sein.
Zum anderen erlebe ich das Heilige Abendmahl auch immer wieder als einen Moment, in dem Gottes Gegenwart in besonderer Weise spürbar wird. Und in dieser Situation der, wenn Sie so wollen, „doppelten Gemeinschaft“, also untereinander und mit Gott, passiert etwas, was für mich besonders wichtig und wertvoll ist: Uns, die wir uns als Gemeinde hier vor unserem Marienaltar versammeln, wird etwas zugesprochen: „Christi Leib für Dich gegeben.“ Es wird uns zugesprochen nicht etwa als anonyme Gruppe, sondern ganz individuell und jeder und jedem höchst persönlich: Christi Leib für Dich gegeben.
Jesus hat sein Schicksal nicht auf sich genommen, um die Menschheit an sich zu retten, so, als ginge es um die Rettung einer bedrohten Tierart. Jesus hat gelebt und ist gestorben für jeden einzelnen Menschen, für jeden einzelnen Menschen, der war, der ist und der sein wird und somit auch für Sie, für Euch und für mich.
Unser aller Wohlergehen liegt ihm am Herzen. Alles, was uns plagt und quält und alles, von dem wir meinen, dass wir uns dafür rechtfertigen müssten, nimmt er auf sich und er nimmt es für uns mit ans Kreuz und das wird in unserer Liturgie im Abendmahl immer wieder deutlich: Christi Leib und Christi Blut für Dich gegeben!
Das wollen wir auch jetzt im Anschluss wieder miteinander feiern. Seien Sie herzlich eingeladen, sich Gottes Liebe und Barmherzigkeit zusprechen zu lassen. Liebe und Barmherzigkeit für heute, morgen und allezeit und in Ewigkeit.

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  Auctor - ein Wandteppich für den Schutzpatron

Auctor - ein Wandteppich für den Schutzpatron

Pfarrer Peter Kapp - 12.03.2020

Gestern wurde im Altstadtrathaus ein Wandteppich offiziell vorgestellt. Er zeigt den Stadtheiligen von Braunschweig, den heiligen Auctor. Der Legende nach hat er die Stadt vor der andauernden Belagerung bewahrt und sie mit seiner besonderen Kraft vor dem Untergang bewahrt und geschützt. Die Feinde brachen die Belagerung ab, weil Auctor ihnen auf den Mauern der Stadt erschienen sein soll.
Kann man das heute noch glauben? Ist das eigentlich auch nur irgendwie historisch? Aber anders gefragt: ist das eigentlich wichtig? Das große Bild in den beeindruckenden Maßen von 3 Meter mal 4,5 Meter ist jetzt eindrückliches Zeichen an alle, die die „gute Stube der Stadt“, den Festsaal der Dornse betreten. Auf dem Spruchband des Wandteppichs, der eine kleine Miniatur als Vorlage hatte, ist zu lesen: Sei der Stadt Braunschweig Beschützer.
Es ist gut, dass die alten Geschichten nicht einfach vergessen werden. Es ist gut, sie auch heute zu erzählen. Es ist gut nach dem zu fragen, was es lohnend machen kann, sie zu bewahren. Was gefährdet das Leben in dieser Stadt denn heute? Wo sind die Tendenzen zu Vereinzelung und zum Abschied von Verantwortung so groß, dass sie das Gemeinwohl bedrohen oder gefährden könnten? Und daneben: was ist es, was eine Gemeinschaft auch in dieser Stadt im Innersten zusammenhält?
Solche Fragen, so denke ich, werden durch die Beschäftigung mit der Figur des Auctor angeregt. Sie sind alles andere als überholt, sie sind in Zeiten wie diesen nötiger denn je. Wir müssen verstärkt nach dem fragen, was uns verbindet.
Seit 820 Jahren ist der Hl. Auctor Schutzpatron unserer Stadt. Sein Grab ist bis heute in der St.-Aegidien-Kirche bewahrt. Wer jetzt in die Dornse kommt, muss den Blick leicht nach oben richten, denn der neue Wandteppich geht bis fast unter die Decke. Es ist aber eben auch eine symbolische Blickrichtung. Bei allem, was in dieser Stadt und ihrem Miteinander zu bedenken gibt, sollten wir den Himmel nicht vergessen. Im 121. Psalm heißt es: ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Und die Antwort: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

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  Tischgemeinschaft wird verschoben

Tischgemeinschaft wird verschoben

Pfarrer Peter Kapp - 11.03.2020

Gestern mussten wir in der Propstei die Entscheidung treffen, die Vesperkirche abzusagen. Das ist nicht leicht gefallen. Immerhin haben sich fast 100 Menschen gemeldet, die gern mitmachen wollten. Ehrenamtlich. Einfach so. Darunter etliche, die das im letzten Jahr nur gehört und vielleicht einmal kurz selbst erlebt hatten und es einfach nah dabei sein wollten.
Bei der Vesperkirche steht ja nicht in erster Linie ein kostengünstiges Mittagessen im Vordergrund, sondern vielmehr die Hoffnung und der Wunsch, dass sich Menschen am Tisch gemeinsam erleben und begegnen, die sonst vielleicht nie zusammensitzen würden. Und die dadurch die Möglichkeit haben, in ein Gespräch zu kommen. Wir sitzen ja meist nur mit denen zusammen, die wir auch sonst schon kennen. Oder mit denen wir beruflich oder anders verbunden sind. „Grenzüberschreitungen“ beim Essen sind eher selten.
Vesperkirche will genau dies: verschiedene Menschen an einem Tisch zusammenführen. Zeigen, dass Gesellschaft eben aus verschiedenen Gruppen und Milieus besteht. Und dass sie erst im Miteinander vollständig wird. Das wird nun nicht sein in diesen beiden kommenden Wochen. Ein Virus macht es schwer, unbefangen miteinander umzugehen. Darf ich noch die Hand reichen? Gar in den Arm nehmen? Sollte nicht vielleicht lieber ein Platz frei bleiben zwischen mir und meinem Tischnachbarn? Wenn solche und ähnliche Fragen im Raum stehen, ist das Ziel einer Vesperkirche in Frage gestellt.
Deshalb mussten wir absagen. Mit ganz viel Traurigkeit. Denn es bleibt Anliegen von uns als Kirche in dieser Stadt, Menschen zusammenzuführen. Wir fragen nach dem, was uns gemeinsam stark machen kann. Wir suchen nach dem, was uns bei aller Verschiedenheit verbindet. Wir wollen all den Kräften wehren, die zum Auseinanderdriften beitragen. Als Kirche wissen wir um unsere Verantwortung für ein Gemeinwesen. Wir nehmen als Menschen dieser Stadt wahr, wo etwas gelingt und auch, wo etwas misslingt. Und wir wollen tun, was in unseren Kräften steht, um Gutes zu befördern.
Deshalb ist die Vesperkirche nur verschoben. Sie ist ja ein Projekt auf Zeit, in dem ein Stück gute Kommunikation ausprobiert und gelebt werden kann. Das werden wir nicht einfach aufgeben. Ein Virus nötigt uns jetzt zur Besonnenheit. Unser Auftrag als Kirche bleibt. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

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  Wenn alle mitmachen dürfen

Wenn alle mitmachen dürfen

Pfarrer Peter Kapp - 10.03.2020

Heute Abend trifft sich der Beirat der mit-Uns-Gemeinde. Das ist eine Einrichtung unserer Propstei mit Sitz in der Recknitzstraße in der Weststadt. Zu dieser besonderen Gemeinde halten sich Menschen, die in welcher Weise auch immer beeinträchtigt sind. Menschen mit Behinderungen sagen wir auch. Dabei soll es eben nicht einfach heißen: „Behinderte“, sondern eben ganz bewusst: Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Es sind nämlich eben zuerst auch Menschen. Das ist schon ein gutes Stück der Botschaft, die diese Gemeinde dort verkünden will.
Deshalb gibt es gemeinsame Gottesdienste mit anderen Kirchengemeinden zusammen, deshalb gibt es Jugendgruppen und Treffs an Abenden. Und es gibt für Eltern und Angehörige das Angebot, ins Gespräch zu kommen. Die eigenen Nöte denen zu erzählen, bei denen sie in besonderen Weise auf Verständnis hoffen können. Und es gibt meist gut besuchte Freizeiten, die in besonderer Weise das Miteinander von Menschen über Grenzen hinweg im Blick haben.
Es geht ja inzwischen in unserer Gesellschaft um Inklusion. Wir alle sollen das Bewusstsein für das Miteinander entwickeln. Inklusion bezieht sich nicht nur auf die Menschen mit den Beeinträchtigungen, sondern auf uns alle. Am Gelingen des Miteinander sind wir alle beteiligt. Im Jahr 2008 bereits tagt die Konvention der UNO über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft. Sie fordert die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Inklusion ist ein Menschenrecht. Das gehört zur Würde eines jeden Menschen. Das ist nicht verhandelbar. Und Inklusion ist, wenn alle mitmachen dürfen, wenn nebeneinander zum Miteinander wird. Wenn Anderssein normal ist. Denn manchmal ist man nicht behindert, sondern man wird behindert. Das wollen wir ändern.
Dafür müssen wir als Gesellschaft immer neu eintreten. Dafür haben wir als Kirche diese Pfarrstelle und ihre Gemeinde hier in unserer Stadt. Denn wir sind als Christinnen und Christen überzeugt, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Dass er keinen Unterschied macht, sondern wir alle bei ihm unendlich geliebt und wertvoll sind. Das kann tatsächlich den Blick auf die Welt verändern. Wie gut, dass es mit-Uns in Braunschweig gibt!

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Hier erreichen Sie uns:

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Sprechzeiten :
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Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
5 Minuten-ANDACHT
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
20 Minuten Orgelmusik im „MITTAGSGEBET“

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!