Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Keine Chance?

Keine Chance?

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.10.2021

Warum kriegen wir Menschen es eigentlich nicht hin, friedlich und freundlich miteinander umzugehen? Es könnte doch alles so schön sein! Das, was wir auf dieser Erde vorfinden an Lebensmitteln, Lebensraum und Lebenschancen ist für alle ausreichend. Man muss es nur gerecht verteilen und schon könnte es überall auf dieser Welt gut sein.
Dass die Wirklichkeit leider diametral anders aussieht, muss ich Ihnen nicht sagen. Wir haben das große Glück, in einer Region dieser Erde zu leben, in der uns ein großer Teil existenzieller Sorgen erspart bleibt: Wir haben ein Dach über dem Kopf, einen meist gut gefüllten Kühlschrank zu Hause und wir leben in Frieden und Freiheit. Das ist alles ganz weit weg von selbstverständlich. Und dass immer mehr Menschen aus anderen, weit weniger privilegierten Regionen dieser Erde zu uns drängen, ist kein Wunder. Sie fliehen vor Not, Terror und Unterdrückung und erhoffen sich ein gutes Leben. Das ist durchaus nachvollziehbar, wie ich finde.
Aber nochmal gefragt: Warum muss das sein? Warum scheinen Frieden und Gerechtigkeit so unerreichbar weit weg? Ich fürchte, dass Gott selbst uns darauf die Antwort gibt. In der heutigen Tageslosung sagt er zu Mose: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“
Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf – na herzlichen Glückwunsch, das macht ja wirklich Mut. Wenn Gott hier recht hat, und das hat er unbestrittenermaßen, dann können wir unsere Hoffnungen ja gleich an den Nagel hängen. Damit sind alle Gutwilligen chancenlos und werden berechtigterweise als Träumer und naive Weltverbesserer belächelt.
Aber vielleicht ist es ja gar nicht so aussichtslos, wie die Bibel vermuten lässt. Denn wir haben, Gott sei Dank, auch einen freien Willen geschenkt bekommen, der es uns ermöglicht, uns eben auch für das Gute einzusetzen und dem Bösen Paroli zu bieten.
Und wie das geht, steht auch in der Bibel. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, so sehr viel mehr muss man gar nicht beachten, um zu wissen, wie wir Menschen gut miteinander auskommen können. Das bedeutet aber eben, dass ich den bei uns allen vorhandenen Egoismus ins Gleichgewicht bringen muss mit der Fürsorge für andere. Das bedeutet, dass ich die Konsequenzen meines eigenen Handelns zu Ende denken muss, um zu sehen, ob ich nicht anderen damit schade. Und das bedeutet, dass ich mich selbst auch immer wieder hinterfrage und prüfe, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Das ist eine große Aufgabe und Fehler und Versäumnisse sind dabei vorprogrammiert. Doch es wird leichter, wenn ich mich vergewissere, dass Gott an meiner Seite ist – mit Rat und Hilfe, mit Vergebungsbereitschaft und mit ganz viel Liebe. Und so haben wir dann eben doch eine echte Chance, dass es gut werden kann auf dieser Erde – für alle! Amen.

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  Siehe!

Siehe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.10.2021

Brillen - wenn ich mich hier so umsehe, tragen die meisten von Ihnen eine, ich auch. Ohne sie würde ich Sie nur verschwommen sehen können und den Text, der hier vor mir liegt, könnte ich nicht entziffern. Es gibt sie in allen möglichen Formen und Farben, es gibt sie in allen möglichen Preisklassen, manche braucht man nur zum Lesen, andere nur, um in die Ferne zu schauen und wiederum andere, so wie meine, haben beides in den Gleitsichtgläsern verbunden. Daran muss man sich erstmal gewöhnen, denn wenn man durch den falschen Teil des Brillenglases schaut, bleibt der Inhalt des Zeitungsartikels ein Geheimnis oder man kommt die Treppe schneller runter, als einem lieb ist.
Gut sehen zu können, erleichtert uns ganz eindeutig das Leben. Und so stellt der Verlust der Sehkraft eine enorme Herausforderung für die Betroffenen dar, denn sie müssen sich nicht nur neu im Leben zurechtfinden, nein, sie müssen auch verschmerzen, dass ihnen die Sinneseindrücke des Sehens nicht mehr zur Verfügung stehen. Sehen ist zentraler Bestandteil unserer Wahrnehmung. Das Sprichwort, etwas zu hüten, wie seinen Augapfel, bringt das zum Ausdruck.
Auch in der Bibel wird dies deutlich. Sie enthält über 1.200 mal den Imperativ „Siehe!“. Und es sind immer und immer wieder die Propheten und die Evangelisten und es sind immer und immer wieder auch Gott und Jesus Christus, die sich mit dieser Aufforderung an uns Menschen wenden. Siehe!
Wir werden so aufmerksam gemacht auf das, worauf es ankommt. Unser Blick wird geschärft für die Dreh- und Angelpunkte dessen, was wichtig ist im Verhältnis von Gott zu uns Menschen und im Verhältnis von uns Menschen zu Gott. Wir werden hingewiesen auf die Momente, in denen Gottes Liebe aufleuchtet, in denen Jesus Christus uns ein Beispiel gibt, an dem wir uns auch in unserem Leben orientieren können und sollen.
Siehe! Es ist auch die Ermunterung, mit wachen Augen durch diese Welt zu gehen, Situationen zu entdecken, in denen Gottes Zeichen auf unseren Lebenswegen sichtbar werden, in denen wir als Christenmenschen in besonderer Weise gefordert sind oder in denen wir dankbar erkennen können, wie groß Gottes Güte und Gnade sind. Siehe!
Man könnte sagen: Die Bibel ist eine Sehhilfe. Sie ist wie der Fokus einer Linse, der unserm Blick die richtige Richtung weist. Sie ist wie ein Vergrößerungsglas, dass uns wichtige Einzelheiten vor Augen führt. Sie ist wie ein Panoramaobjektiv, dass uns die Weite unserer Freiheit zeigt.
Und sie schenkt und Einblicke, wie wunderbar wir in Jesus Christus geborgen sind, der da sagt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.

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  Heil werden

Heil werden

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.10.2021

Wenn man der Werbung glauben darf, dann schaltet Spalt den Schmerz ab, dann befreit Dulcolax planbar und verträglich, dann ist Grippostad für jeden Erkältungstyp das Richtige. Ja, die moderne Medizin macht uns das Leben leichter und hilft uns auch schon mal hinweg über das eine oder andere kleine Zipperlein.
Doch auch gravierendere Erkrankungen, gegen die noch vor einigen Jahrzehnten machtlos waren, sind heute in den Griff zu bekommen. So, wie in vielen anderen Bereichen unseres Lebens, ist der Fortschritt auf dem Gesundheitssektor rasant; die Entwicklung von Impfstoffen gegen Corona in kürzester Zeit sind ein Beleg dafür.
Doch wie bei so vielem anderen auch können nicht alle Menschen gleichermaßen von diesem Fortschritt profitieren. Mit unserer Gesundheit oder, je nach Sichtweise, mit unserer Krankheit wird Geld verdient und das nicht zu knapp. Und so ist bedauerlicherweise vorprogrammiert, dass die Reichen auf dieser Welt deutlich stärker von segensreicher medizinischer Versorgung profitieren, als die Armen.
Es ist mal wieder eine Frage der gerechten Verteilung. Sie stellt sich nicht nur bei Nahrung und dem sicheren Zugang zu Trinkwasser, sondern eben auch bei der Medizin. Wir müssen nur die Corona-Impfquoten der Schwellen- und Entwicklungsländer mit denen hier bei uns vergleichen, und wir wissen sofort, wo die Säge klemmt.
Doch auch die Medizin kommt irgendwann an ihre Grenzen. Es gibt Krankheitsbilder, vor denen selbst die besten Ärzte dieser Welt kapitulieren müssen und auch unser Sterben ist mit noch so viel Geld nicht zu verhindern. Manches liegt eben nicht in unserer Hand, und das ist auch gut so.
Darüber hinaus gibt es weitere Grenzen des medizinischen Fortschritts. Beim Propheten Jeremia heißt es: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Jeremia betet mit diesen Worten aus einer tiefen Verzweiflung heraus. Er ist unterwegs in göttlichem Auftrag und mit göttlicher Botschaft, doch die Menschen nehmen ihn nicht ernst, sie verachten und verfolgen ihn. Jeremia ist am Ende seiner Kräfte.
Gott soll ihn heil machen, so bittet er und ich denke, dass das deutlich mehr ist, als einfach nur gesund. Heil zu sein, bedeutet für mich, im Reinen zu sein mit dieser Welt, mit seinen Mitmenschen, mit sich selbst und auch mit Gott. Wenn ich heil bin, dann bin ich gut ausbalanciert – zwischen Eigen- und Fremdliebe, zwischen Geben und Nehmen, zwischen Wollen und Können.
Diesen Zustand kriegt man nicht durch die Einnahme von irgendwelchen Pillen hin. Die können Defizite zudecken, beseitigen können sie sie allerdings nicht. Ich glaube, dass wir zum Heil-werden auch Gottes Hilfe brauchen. Er kann uns helfen, unsere Grenzen zu akzeptieren, kann uns Vertrauen schenken, das Gefühl, von ihm angenommen und geliebt zu sein. Durch all das kann uns Kraft zufließen, Lebensfreude und Zuversicht.
Und wir brauchen dafür kein Rezept von unserem Arzt und müssen noch nicht mal in die Apotheke gehen. Beten reicht aus: Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hild du mir, so ist mir geholfen. Amen.

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  Schließ die Augen

Schließ die Augen

Werner Busch, Pfarrer an St- Katharinen - 15.10.2021

„Schließ die Augen!“ So hat sie es gelernt. Wenn du betest, sprichst du mit dem Unsichtbaren. Lass dich dabei durch nichts Sichtbares ablenken.
So betet sie von Kindesbeinen an. Wenn sie mal betet. Und zieht die Vorhänge ihrer Seele zu. Manchmal kommen dann Bilder. Kleine Schnappschüsse, Szenen des Lebens. Vor allem, wenn sie das Vaterunser mitbetet. Dann darf es nicht zu schnell gehen, sie kommt sonst nicht mit. Kurze Bildfetzen tauchen auf. Erinnerungen. Tagträume.
Bei „Dein Reich komme.“ laufen ihr die eigenen Kinder lachend entgegen, als sie noch klein waren. Die nächste Generation. Was bringt ihnen die Zukunft? Ein paar Mal schossen ihr auch aktuelle Nachrichten durch den Kopf. Katastrophenbilder von Überschwemmungen oder Dürren. Verzweifelte Menschen. Dann steigt das Gefühl einer großen Sehnsucht in ihr auf, das diesen Satz bis zum Überlaufen anfüllt: „Dein Reich komme.“
„Unser tägliches Brot“ versetzt sie oft in die Kantine zurück. Viele Jahre hat sie mit Ihren Kollegen die Mittagspause verbracht. Sie hört wieder, wie das Pergamentpapier knistert, aus dem sie jeden Tag die Stullen ausgepackt hat. Sie riecht den Geruch von Leberwurst und herbem Käse. Sie sieht die bunten Brotdosen, aus denen andere ihr Essen holen. Die Krümel auf dem Tisch, der dampfende Kaffee. Und möchte am liebsten eine ganze Pause lang bei dieser Bitte verweilen. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Bei einer Bitte kommt fast immer dasselbe. Sie ahnt es schon. Wie beim Blättern in einem alten Fotoalbum weiß sie, was gleich kommt. Noch bevor sie die Seite aufschlägt, sieht sie das Bild. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Da steht sie am Rand des Stadtparks. Bei strahlendem Wetter. Zwischen den Bäumen geht der Weg, auf dem sie oft spazieren gegangen ist. Hier bleibt sie stehen. Die vollen Baumkronen werfen ihren kühlen Schatten über sie. Sie hält inne und blickt herüber über den freien Platz mit Rasen und Bänken und den gepflegten Kieswegen. Sie schaut zur gegenüberliegenden Seite. Ihr Blick fällt auf eines der Häuser, die dort stehen. Immer auf dasselbe. Da: die verschlossene Tür. „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Während alle anderen um sie herum weiterbeten, weitersprechen, weitergehen, steht sie nur da. Sie hört nichts mehr. Sie denkt nicht mehr, sie sieht nur dieses Bild. Und es klingt in ihr nach: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Lange ist das her. Die Über Jahre hat sie vergessen. Fast vergessen. Hat diesen Ort gemieden, an den das Vaterunser sie nun regelmäßig versetzt. Der Zorn ist schon lange gewichen. Es ist zu anstrengend, ein Leben lang wütend zu sein. Und zu viel Gutes hat sie erlebt, als dass die alten Geschichten noch die Regie übernehmen könnten. Das war einmal.
Jetzt steht sie nur gegenüber unter den Bäumen. Nichts bewegt sich in dieser Szene. Da: Das Haus. Die Tür. Und die zugezogenen Gardinen hinter den Fenstern. Und hier bei ihr dieser Satz, der nicht verklingt: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

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  Was bleibt?

Was bleibt?

Jacob Timmermann, Pfarrer - 14.10.2021

Was bleibt? Was bleibt stehen, wenn ein Fachwerkhaus niederbrennt? Ein Schornstein. Die Balken brennen, die mit Lehm und Stroh gefüllte Gefache brennen. Doch der gemauerte Kamin bleibt stehen.
Was bleibt? Was bleibt, wenn eine Stadt voller Fachwerkhäuser niederbrennt? Viele Schornsteine! Schornsteine, die sich unwirklich und zwecklos in die Höhe recken. Türme auf Schuttbergen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie entfernt werden. Ein Haus zu bauen, das zu einem Schornstein passt, ist sinnlos.
Es gibt Videoaufnahmen von der Braunschweiger Innenstadt, die amerikanische Soldaten 1945 aufgenommen haben. Eine Stadt wüst und leer. Riesige Schuttberge. Tore und Bögen, die sinnlos in der Stadt stehen, dahinter endlose Schuttwüsten und vor allem viele, viele einsame Schornsteine. Immer wieder sind die bedrohlichen Flugzeuge, die sich wie ein Hornissenschwarm näherten, an Braunschweig vorbeigeflogen. Immer wieder falscher Alarm oder nur vereinzelte Angriffe. Doch in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 durften die Menschen, die zu Tausenden in den Bunkern kauerten nicht wie üblich nach einer Stunde wieder raus. Sie blieben und wussten nicht, dass sie inmitten eines gigantischen Meeres aus Flammen und Feuer ausharrten. Sie wussten nicht, dass ihr Bunker eine Insel war.
Erst Stunden später konnten sie den Bunker verlassen. Geschützt von Wasserbrücken liefen sie zum Bürgerpark. Doch die Fontänen schützten nur vor Feuer. Nicht vor den schrecklichen Szenen, die sich um sie herum abspielten.
Schnell wurde damit begonnen die Straßen freizuräumen. Der Schutt wurde notdürftig von den Straßen getragen. Ein Hauch von Normalität. Aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ganze Familien und ihre Geschichten verschüttet blieben.
Monate später wurde Frieden geschlossen. Die Angst wich, was blieb? Zerstörte Seelen. Die Sorge ließ nach, doch was blieb? Scham.
Jahre später wurde die Stadt wiederaufgebaut. Ruinen abgerissen. Die Gunst der Stunde genutzt. Eine moderne Stadt, in der Autos das Maß aller Dinge waren. Jahrzehnte später erinnert kaum noch etwas an diese Bombennacht, an die Zeit im Krieg. Nur noch wenige Bunkerreste, Baulücken und Bausünden und Traditionsinseln erinnern noch an das andere Braunschweig, das mit dem Gesicht.
Was bleibt, liebe Gemeinde, wenn nicht einmal mehr Narben zu sehen sind. Ich befürchte zu wenig. Die letzten Zeitzeugen, die letzten Menschen, die noch erzählen könnten, werden bald nicht mehr erzählen können. Dann ist dieser Abschnitt endgültig zur Geschichte geworden. Zu Buchstaben, zu Fotos, zu Filmen, aber es fehlen die Augen! Es fehlen die Augen, in denen du lesen kannst. Augen, in die sich schreckliche Szenen eingebrannt haben. Es fehlen die Augen, in denen man die Angst sehen kann, vor dem Tod, Angst vor dem Verlust des Zuhauses. Es fehlen die Augen, die voller Scham sind und voller Schuldgefühle.
Was bleibt, wenn die letzten Augen, die erzählen könnten für immer geschlossen sind? Es bleibt ein Auftrag für uns. Wir müssen erzählen. Erinnerung wachhalten. Mahnen wozu der Mensch fähig war, und ist. Und daran erinnern, dass unser Gott kein Gott des Zornes ist und kein Gott der Rache, sondern ein Gott des Friedens.

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  Brücke zum Glück

Brücke zum Glück

Jacob Timmermann, Pfarrer - 13.10.2021

Jetzt ist sie schon fast 100 Jahre alt. Die Geschichte vom 12-jährigen Emil Tischbein, dem im Zug nach Berlin das Geld gestohlen wird, das er eigentlich seiner Großmutter mitbringen sollte. 1929 erschien das Buch „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. Solange gibt es die Geschichte schon und so lange fiebern Kinder und Erwachsene mit Emil und seinen Freunden mit. Seitdem hat sich vieles verändert. Keine Droschken mehr. Keine Pferdebahnen. Keinen Sechser mehr in der Hosentasche. Vieles hat sich verändert. Bis auf Emil Tischbein. Denn – so erklärt es Erich Kästner im Vorwort: „Es ist das eigentümliche Geschick von Romanfiguren: Sie leben zwischen zwei Buchdeckeln, ohne zu altern!“
Doch noch etwas hat sich nicht verändert. Nämlich, dass es damals wie heute Leute gab, die immer sagen: Gott, früher war alles besser. Doch das ist, wie Kästner es so wunderbar auf den Punkt bringt, „meistens nicht wahr, und die Leute gehören bloß zu der Sorte, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären!“
Über diesen Satz musste ich schmunzeln, als ich das Buch jetzt meinem Sohn, vorgelesen habe. Es gibt Menschen, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären. Offensichtlich fühlen sich viele wohl in einer Welt, in der es immer etwas zu meckern gibt; in der immer etwas fehlt. Und ich glaube, das sind ganz schön viele! Und vielleicht gehöre ich auch zu oft dazu.
Das könnte mich jetzt lähmen, es könnte mich resignieren lassen, dass sich die Welt nur äußerlich verändert und wir Menschen dieselben deprimierenden Kreise drehen, die wir immer schon gedreht haben. Oder aber - ich schaue zwischen zwei andere berühmte Buchdeckel und finde zeitlose Worte. Worte mit denen man spielen kann. Denn das ist das eigentümliche Geschick alter Worte, dass sie zwischen Buchdeckeln leben, ohne zu altern! Und dann finde ich das Wort Hoffnung.
Und ich versuche dieses Wort einzusetzen, wo vorher meine Unzufriedenheit war. Und plötzlich wird aus der hässlichen Lücke, die zwischen mir und meiner Zufriedenheit klafft, ein weiter Raum. Hoffnung wird zur Brücke zwischen mir und meinem Glück. Denn ich bin doch längst gerettet. Ich fühle es nur manchmal nicht. Ich bin doch längst gesegnet. Nur fühlt es sich manchmal nicht so an. Früher war nicht alles besser, vielleicht habe ich nur besser gefühlt!

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  Philippus

Philippus

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.10.2021

Er ist einer der sieben Diakone der jungen christlichen Gemeinde in Jerusalem, er wird zum Übersetzer und er hat keine Scheu vor Menschen, auch wenn sie so ganz anders sind als die, die er normalerweise so um sich hat. Die Rede ist von Philippus und heute ist sein Gedenktag.
Wie schon gesagt, wird er Diakon der Jerusalemer Gemeinde. Seine Stärke lag, so berichtet es die Bibel, in der Verkündigung der frohen Botschaft, er war also wohl ein ganz ordentlicher Prediger. Durch diese Begabung kommt ihm in einem Bericht aus der Apostelgeschichte eine ganz besondere Aufgabe zu.
Der äthiopische Kämmerer, heute würde man wohl eher Finanzminister sagen, war in Jerusalem, um dort im Tempel zu beten. Er befindet sich nun wieder auf dem Rückweg und liest unterwegs im Buch des Propheten Jesaja. Doch er versteht nicht, um was es geht. Auf diesen Umstand wird nun Philippus durch einen Engel aufmerksam gemacht, der ihm aufgibt, dem Kämmerer zu folgen, um ihn einzuholen und mit ihm zu reden. Philippus gehorcht, trifft auf den Kämmerer und erklärt ihm den biblischen Text, woraufhin sich der Äthiopier taufen lässt.
So weit so gut. Bemerkenswert an dieser Geschichte sind allerdings folgende Umstände: Der Kämmerer ist ein schwarzer Eunuch. Damit war er trotz seines hohen Amtes ein Mensch zweiter Klasse. Philippus stört das überhaupt nicht. Er hat keinerlei Berührungsängste, Vorbehalte oder Dünkel. Er sieht den Menschen, er sieht denjenigen, der Übersetzungshilfe braucht, um die biblische Botschaft zu verstehen. Alles andere ist ihm völlig egal.
Im Gegenüber zu allererst den Menschen zu sehen und nur den Menschen, das könnte so manchen Konflikt vermeiden helfen. Im Gegenüber zu allererst denjenigen zu sehen, dem ich weiterhelfen kann, an dessen Wohlergehen ich interessiert bin, dem ich auf Augenhöhe begegnen möchte, als Mitmensch, als Partner, als guter Wegbegleiter, das würde dazu beitragen, dass unsere Vorurteile, die so vieles verhindern, überwunden werden könnten.
Philippus zeigt uns, wie das geht und was für wunderbare Ergebnisse damit erzielbar werden. Nun müssen wir uns nicht alle von morgens bis abends an den Bohlweg stellen und darauf warten, bis ein Ochsenkarren mit einem fremdländischen Finanzbeamten vorbeikommt, dem wir dann unsere Hilfe anbieten können.
Denn es gibt Menschen genug, die etwas von diesem äthiopischen Kämmerer in sich tragen und denen wir täglich begegnen: die Kassiererin an der Supermarktkasse, der wir mit einem Lächeln oder einem Danke eine Freude machen können, der Bekannte oder die Nachbarin, die sich einsam fühlen könnten und die sich über einen Anruf von uns freuen, die Menschen weit entfernt von uns, denen wir durch eine Spende an „Brot für die Welt“ unsere Unterstützung zukommen lassen.
Auch wir können Gutes erreichen, so wie Philippus. Nach seiner Taufe hat der Äthiopier dann übrigens seine Reise fortgesetzt. Und die Geschichte endet mit den Worten: „Und er zog seine Straße fröhlich.“ Na bitte! Amen.

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  Du sollst ein Segen sein

Du sollst ein Segen sein

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 08.10.2021

Was verbinden Sie mit dem Wort Segen? In unserer Alltagssprache kommt es kaum vor, dafür im kirchlichen Kontext um so öfter! Nach biblischem Verständnis ist der Segen die Kraft Gottes, die sich dem Menschen besonders zuwendet, ihn schützen, stärken, bewahren und vor allem dies: geleiten will.
An Übergängen des Lebens, wenn Menschen sich wieder oder neu auf den Weg machen, wurde ein Segen gesprochen. Im Alten Testament finden wir im Buch Genesis, Kap.12 Vers 2 die Worte: “Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ Du sollst ein Segen sein“. Gott spricht diesen Satz zu Abraham an einem Wendepunkt seines Lebens. Er fordert Abraham auf, seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen wird. Segen lebt vom Weitergeben, davon dass er ausgebreitet wird. „Du sollst ein Segen sein“ beinhaltet Gottes Zusage, dass Abraham Nachkommen haben wird und seine Familie sich ausbreiten wird in dem neuen Land.
An allen wichtigen Lebensübergängen wird dieser Segen in der Kirche angeboten: Es gibt den Taufsegen, die Einsegnung zur Konfirmation, den Trausegen, den Segen zu Ehejubiläen und den Abschiedssegen, wenn ein Leben geendet hat. Die Zusage, dass Gott mit mir mitgeht, mein Leben, meine Liebe, meine Familie und mein eigenes Wohlergehen schützt, befördert und stärkt ist für viele Menschen immer noch wesentlich. Auch für Sie, die sie heute zum Abendsegen in den Braunschweiger Dom gekommen sind.
Mit dem Wort Segen verbindet sich auf menschlicher Seite das Empfangen. Mir meiner Segensbedürftigkeit bewusst zu sein. Dann kann ich mich öffnen für das Geschenk der Nähe Gottes, das mir im Akt des Segens zuteilwird. Ursprünglich gehörte das Handauflegen auch dazu. Mit dem Segen Gottes werde ich gut geheißen, wie ich bin: mit allen Stärken, Schwächen, Freuden und Nöten.
Mit dem 2. Vers aus dem Lied „ Komm,Herr,segne uns“ möchte ich schließen:
Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen schaden heilen, lieben und verzeihn.

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  Graswurzelbewegung

Graswurzelbewegung

Pfarrerin Gabriele Geyer-Knüppel - 06.10.2021


Graswurzelbewegung
In diesen Tagen wird er wieder verliehen, der Nobelpreis. Gestiftet wurde er von dem Chemiker Alfred Nobel, das erste Mal verliehen im Jahre 1900. Es sind die großen Forscher und Entdeckerinnen dieser Welt, die diesen Preis überreicht bekommen, nachdem eine Kommission sie ausgewählt hat: Ärzte, Biologinnen, Chemiker, etc. Sie entdecken atemberaubende naturwissenschaftliche Zusammenhänge, die den Menschen in Gesundheit und Entwicklung nachhaltig nutzen. Einen kritischen Blick auf das, was da mit staatlichen Fördermitteln an besonders ausgerüsteten Instituten und Forschungszentren exklusiv im Namen der Wissenschaft geschieht, gibt es selten. Die Großen kommen damit groß raus.
Doch gibt es noch einen anderen Blick auf das, was in dieser Welt ebenso zu würdigen ist. Es gibt den „alternativen Nobelpreis“. Schon mal davon gehört? Gerade dieser Tage wurde auch er verliehen.
An wen? An Menschen, die mit ihrem Handeln die Welt verbessern möchten, sie lebbarer gestalten wollen zu Gunsten aller Menschen auf der Erde! „Graswurzelbewegung“ ist das Schlagwort, das sich entwicklungspolitisch damit verbindet. Denn Gras, so einfach es im Garten oder zwischen den Steinen wächst, hat verborgene Kräfte. Es breitet sich langsam aus und setzt sich fest, ohne dass es gleich auffällt. Das ist die Arbeitsweise der Menschen, die sich in der „Graswurzelbewegung“ sammeln.
Sie helfen den Ureinwohnern in Kanada, wieder mehr Kontrolle über ihr Land zu bekommen: Sie engagieren sich in Kamerun dafür, dass Mädchen in diesem Land sicherer leben können und nicht mit 12 Jahren zwangsverheiratet werden. Sie weisen in Russland auf Umweltverschmutzung durch Kohleminen hin und in Indien hilft die „Graswurzelbewegung“ Menschen dabei, für ihre Rechte zu kämpfen, wenn sie in Betrieben arbeiten müssen, die umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe einsetzen.
Jesus würde heute wohl der Graswurzelbewegung angehören. Von ihm stammt der Satz: Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt.5). Auch ohne irgendeinen Nobelpreis lohnt es sich, danach zu handeln….darum gehet hin und tut desgleichen.



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  Für ein gutes Miteinander

Für ein gutes Miteinander

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.10.2021

Nun liegt die Bundestagswahl schon wieder über eine Woche zurück. Doch davon, dass man in Berlin und im ganzen Land schon wieder langsam zur Tagesordnung übergegangen wäre, kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Ich persönlich kann mich kaum an eine Wahl erinnern, die auch nach dem Wahltermin noch so spannend war, wie die vom vergangenen Sonntag. Und wenn man die Berichte aus dem Umfeld des neuen Bundestages in den Medien beobachtet, erkennt man, so zumindest mein Eindruck, dass sich nicht nur die Mehrheitsverhältnisse deutlich verändert haben. Ich finde, dass auch die Stimmung und die Atmosphäre irgendwie anders geworden sind, denn es haben sehr viele neue und vor allen Dingen auch junge Menschen erstmals in den Bundestag Einzug gehalten.
Tatsächlich ist der Altersdurchschnitt um gut zwei Jahre gesunken und gerade in den Fraktionen, die mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit zukünftig Regierungsverantwortung tragen dürften, sind sehr viele Abgeordnete zum ersten Mal im Bundestag. Die Reichbedenkenträger erheben nun ihre Zeigefinger und mahnen, dass diesen „Neuen“ ganz viel Erfahrung fehlt und dieser Umstand eine echte Gefahr darstelle. Ich bin da eher anders unterwegs und hoffe auf frischen Wind.
Aus meinem Berufsleben kann ich berichten, dass es immer wieder meine jungen und vermeintlich unerfahrenen Kolleginnen und Kollegen waren, die Anstöße zu echten Veränderungen gegeben haben. Sie haben oft die Frage gestellt: „Warum macht ihr das eigentlich so und nicht anders?“ Und die Antwort der Alteingesessenen war nicht selten und mit einem beschämten Lächeln: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Ich hoffe sehr, dass die alten Platzhirschinnen und Platzhirsche den jungen Leuten ausreichend Raum lassen, sich erstens auszuprobieren und zweitens ihre neuen Ideen, Herangehensweisen und Vorschläge auch zu platzieren. Alles andere wäre nicht nur schade, sondern eine vergebene Chance.
Und vielleicht kennen einige der neuen Abgeordneten ja sogar die Losung für den Monat Oktober. Die steht im Hebräerbrief und passt, wie ich finde hervorragend zum Arbeitsbeginn unserer neuen Volksvertreter. Das Bibelwort lautet: „Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“
Dieses Wort könnte gut hinter jedem Badezimmerspiegel unserer Volksvertreter stecken oder auf einem kleinen gelben Zettel am PC-Monitor kleben. Aufeinander achthaben, fair und freundlich miteinander umgehen und Wertschätzung zeigen, all das kann nur dazu beitragen, dass es gute Diskussions- und Arbeitsergebnisse gibt – im Deutschen Bundestag aber auch sonst überall.
Und sich in einer solchen Kultur gegenseitig zu guten Werken anzuspornen, sollte dann Freude machen und nicht als Druck empfunden werden. Natürlich bleiben Unterschiede in Sachfragen und das ist auch gut so, denn aus einer breiten Vielfalt von Meinungen, Standpunkten und Betrachtungsweisen kann dann der beste Weg und die beste Lösung ausgesucht und umgesetzt werden.
So stelle ich mir gutes Zusammenarbeiten vor, so habe ich es selbst erlebt und so wünsche ich mir den Umgang von uns Menschen insgesamt. „Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ Vielleicht erleben wir davon zukünftig ja mehr – und nicht nur in der Politik. Denn ein stückweit haben wir es selbst in der Hand. Amen.

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  Tanzen

Tanzen

Jacob Timmermann, Pfarrer - 02.10.2021

Das hätten Sie sollen! Ein Bild für die Götter. Vor ein paar Tagen war ich auf einer Tagung. Mit Kolleginnen und Kollegen. Und weil es auch Vorteile hat, haben wir uns nicht in echt getroffen, sondern in einer Videokonferenz. 30 Kacheln mit Bildern von Pfarrerinnen und Pfarrern aus ganz Niedersachsen. Es ging Präsenz im Gottesdienst und um Körpersprache. Beide Beine auf den Boden. Stabil stehen. Hüfte locker. Oberkörper locker. Nacken entspannt. Und dann machte er Musik an. Was Jazziges. Mit einem guten Beat. Einige fingen sofort an mitzuwippen. Anderen fiel das schwerer. Aber er spornte uns an. Locker in den Knien wippen. Dann immer mehr. Dann die Arme locker machen. Dann die Arme kreisen. Und dann verrückte Sachen mit den Armen machen. Und dann rief er in die Musik hinein: „Und machen alle das, was Iris macht!“ Und Iris machte was. Irgendwas mit ihren Händen. „Und jetzt machen alle, was Wolfgang macht!“ Und Wolfgang machte etwas mit den Händen. Ich kann Ihnen sagen: ein Bild für die Götter.
Und ein Bild, das nachdenklich. Warum fällt es uns so schwer in der Kirche von Freude zu sprechen – und es auch zu meinen. Warum klingt selbst ein „Der Herr ist auferstanden!“ furchteinflößend? Wo ist die Leichtigkeit, das Glück, die Dankbarkeit?
Vielleicht ist es ein bisschen so wie mit dem Tanz, für den die Musik geschrieben worden ist, die Frau Lindemann gerade am Cembalo gespielt hat. Barocktanz. Sie wissen schon: Prunkvolle Salons. In übertrieben verschnörkelten kleinen Schlösschen. Steife Kleider. Feste Regeln. Angeordnete Fußstellungen. Von einem Tanzmeister eingeübte Schrittfolgen. Und trotzdem – wer alles richtig macht; wer alle Regeln befolgt, der hat noch nicht verstanden, worum es geht. Erst, wenn alles nach Leichtigkeit aussieht. Wenn das Lächeln der Tanzenden echt ist und nicht nur Fassade. Wenn die Schritte nicht mehr eingeübt, sondern leichtfüßig aussehen. Erst dann wird es zum Tanz.
Vielleicht verheddere ich mich zu oft in den Regeln. In der Angst etwas falsch zu machen. Vielleicht fürchte ich mich zu sehr von dem strengen Blick des Publikums. Und vielleicht ist pure Freude auch einfach etwas, was mich schämen lässt. Und doch ist sie da. Das kann ich Ihnen sagen: pure Freude. Pures Glück. Pure Dankbarkeit dafür, dass diese Welt nicht alles ist.
Und wenn ich 30 tanzende Kolleginnen und Kollegen vor mir sehe, dann merke ich, dass diese pure Freude am Leben in allen schlummert. Und dann wird aus dem Bild für die Götter – ein Abbild göttlicher Freude.

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  Maria und Marta

Maria und Marta

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.09.2021

In Berlin schlagen sich die Politikerinnen und Politiker nun die Nacht um die Ohren und auch in Braunschweig werden wohl Möbel gerückt und Pläne gesichtet, Personalien sowieso. Die Gegenwart ist übermächtig und dahinter liegt weit zurück, was uns eben noch so schwer beschäftigt und auch mitgenommen hat:
Die Bilder von der Flutkatastrophe.
Die Nachrichten aus Afghanistan.
Was davor war und dazwischen fällt mir schon fast nicht mehr ein.
Die Bilder vor dem inneren Auge sind offenbar abgeschichtet – nicht nebeneinander sondern übereinander. Vielleicht ist das ja Gnade? Aber vielleicht auch nur gnädig für uns? Was ist mit denen, die wegrutschen aus unserer Fürsorge und Fürbitte, aus unserer kurzfristigen Anteilnahme?
Der Gedanke überfiel mich, als mir gestern ein Bild unterkam - mit einem Mädchen mit gelben Pullover und langen dunklen Zöpfen, vielleicht acht Jahre alt. Es sitzt auf dem Boden auf einem kleinen rotgemusterten Stückchen Teppich und hält die Augen gesenkt. Vor ihr Füße, viele Füße. In einer Reihe auf Socken oder barfuß. Sie gehören zu betenden Männern.
Ihre Schuhe könnte das Kind vielleicht putzen.
Dafür ist es da.
Sah so die Szene aus als Maria zu Füßen Jesu saß, während Martha hin- und herlief und sich kümmerte? Hockte auch Maria stillschweigend, selbstvergessen, zuhörend der einfach dazwischen? Wäre sie irgendjemandem aufgefallen, wenn Martha sich nicht über sie geärgert hätte?
Hätte irgendjemand gehört, dass Jesus über sie sagt: „Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ Und gibt er ihr nicht damit einen Schutzraum, der nie wieder ganz vergessen werden kann – egal, was danach noch geschieht?
Das afghanische Mädchen sitzt zu anderen Füssen.
Ob es zuhören will, wer weiß.
Es gäbe sicherlich bessere Orte, um etwas zu lernen, was Leben hilft und Bestärkung zu erfahren. Es ist vermutlich eins ehr zwiespältiger Schutzraum.
Noch ein Bild, das sich zwischen andere schiebt.
Lasst es uns immer wieder hervorholen.





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  Michaelistag

Michaelistag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.09.2021

Heute ist Michaelistag, genauer: der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Darum steht über dem 29. September ein Wort aus dem 34. Psalm: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus.“ Die biblische Geschichte ist voller Engel, die offenbar in sehr unterschiedlicher Gestalt auftreten. Manchmal sehen wir sie gleißend von Licht detailliert beschrieben – dann wieder gibt es nur ihre Spuren: ein Stück Brot und ein Krug Wasser, eine Berührung und eine Ermutigung. So hat der erschöpfte Elia den Engel des HERRN in der Wüste erfahren.
Sind Engel also gar keine Wesen, sondern eine Erfahrung?
Christian Lehnert, der von manchen als bedeutendster religiöser Autor der Gegenwart gefeiert wird, sagte „Engel sind Gesten in der Bewegung“, Zeichen und Boten, die auf etwas anderes verweisen als sie sind. Engel verbinden wie die Himmelsleiter hier und dort, diese Welt und eine andere, oben und unten, Gott und Mensch – vielleicht sind siedeshalb unseren Gebeten verwandt, denn auch die gehen von hier nach dort – aus unseren Herzen und Mündern hinüber zu Gott. Leise und vorsichtig, laut und wuchtig.
Und sie kommen zurück und stehen dann im Zimmer, wie Gabriel bei Maria.
Engel sind, Sie ahnen es, nichts für nüchterne Pragmatiker oder sogenannte Realisten. Sie sind auch nichts für Erklärer, die Engel in zu guten Menschen ohne Flügel erkennen … - man kann sie nicht in magere Worte zwängen.
Aber sie wirken. Auch in unserer entzauberten Welt.
Vielleicht immer dann, wenn wir genauer in uns horchen –
wenn wir uns geleitet oder gezogen wissen –
angespornt und stark, unvermutet beschützt und angerührt.
Und wie es mit Michael, dem Drachentöter?
Dieser Engel, der Anführer der Himmlischen Heerscharen ist der Bezwinger des Teufels. Er hält das Böse in Schach. Ihm wird zugeschrieben, ein Verzeichnis der guten und schlimmen Taten eines jeden Menschen zu führen und die Seele zu wiegen. Er wirkt – als sei er unser Gewissen, von dem ja keiner weiß, wie es aussieht und pocht. Es bleibt dabei:
Es ist alles nicht zu beschreiben, aber wirksam; denn „er hat seinen Engeln befohlen, dass sie uns behüten auf allen unseren Wegen“

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  Bestelle dein Haus!

Bestelle dein Haus!

Henning Böger, Pfarrer - 28.09.2021

Er ist steinreich, könnte man sagen: Dem Schauspieler Daniel Craig gehört ein Vermögen von umgerechnet 140 Millionen Euro. Man kennt ihn als Geheimagenten James Bond, jetzt endlich mit einem neuen Film in den Kinos: „Keine Zeit zu sterben“.
Zurzeit darf Daniel Craig als der am besten verdienende Schauspieler Hollywoods gelten. Ein echter Gewinner also. Und als James Bond einer, der die Welt zusammenhält.
Auch über sein Vermögen hat der Schauspieler Daniel Craig eine genaue Vorstellung.
Er wolle es, so sagt er in einem Interview, nicht einfach an seine Kinder vererben.
„Meine Philosophie ist: Werde es los, gib es weg, bevor du gehst!“
Ich verstehe den Schauspieler so: Was er selbst in seinem Leben verdient hat,
will er in großen Teilen auch zu Lebzeiten weggeben und zwar an die, die es nötig haben. Das ist eine klare Meinung mit Blick aufs Geld und mögliche Erbe, oder? Nicht immer selbstverständlich, denn oft gibt es ja viel Ärger gerade ums Erbe. Aber irgendwie passend zu James Bond, der oft klare Kante zeigt: „Werde los, was dir gehört, gib es weg, bevor du gehst!“
In der Bibel gibt es einen wunderbaren Ausdruck dafür. Der Prophet Jesaja sagt dort zu einem König, der vor lauter Hier und Jetzt das Morgen glatt vergessen hat: „Bestelle dein Haus, denn du weißt, dass dein Leben endlich ist!“ Das heißt so viel wie: Sorge zu Lebzeiten dafür, dass auch nach deinem Tode alles gut geregelt ist und kein Streit entstehen kann. Man kann sein Erbe vorbedenken, seine Wünsche zu Papier bringen und auch aufschreiben, wie man beerdigt werden möchte. Das alles soll dem Frieden dienen, wenn wir gegangen sind.
„Werde los, was dir gehört, gib es weg, bevor du gehst!“ Selig sollten sich die Menschen fühlen dürfen, so könnte man sagen, die alles dafür getan haben, keinen Streit zurück-zulassen. Man kann ja nichts mitnehmen in Gottes neue Welt, aber man kann sein Fleckchen Lebenswelt in guter Ordnung hinterlassen.
„Bestelle dein Haus!“, rät der Prophet Jesaja. Tu das um des Friedens willen!
Für diesen Frieden würde James Bond bekanntlich immer alles riskier

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  Der Balken im Auge

Der Balken im Auge

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2021

Erinnern Sie sich noch an das Staunen und die Freude als Jorge Mario Bergoglio Papst wurde? Er war die personifizierte Hoffnung, dass da endlich einer nah bei den Menschen ist und die Machtförmigkeit der Institution Kirche konsequent infrage stellen würde. Es schien, als wolle er nicht nur auf die roten Schuhe und den Papstpalast verzichten, sondern auch auf die Hartherzigkeit der Hierarchie.
Er hat vieles gewagt und gesagt seither, und vieles nicht. Er hat enttäuscht. Sehr schmerzhaft vielleicht letzte Woche als er den Kölner Kardinal Woelki davor verschonte, sein Amt niederlegen zu müssen und damit einzugestehen, dass Kirche und er sich durch sexuellen Missbrauch oder dessen Vertuschung schuldig gemacht haben – weil sie Menschen ihre Unversehrtheit und Würde raubten und nun den Glauben.
Es ist bitter.
Wirklich bitter.
Und nicht zu entschuldigen sondern nur falsch. Es scheint, als würden gerade die, die der Kirche ihr Leben gewidmet haben und das Sakrament zum Gedächtnis an die Vergebung der Sünden verwalten, nicht in der Lage sein, danach zu leben – egal wie eindrücklich sie davon reden können.
Das geht mir nach und beschäftigt mich auch im Blick auf meine eigene Kirche. Auch an der kann man leiden und manchmal beißt man sich die Zähne an ihrer Hartleibigkeit aus oder steht fassungslos davor, dass wir die Möglichkeiten der Zukunft aus prognostizierten Steuern berechnen statt aus Gottes Verheißung.
Und ich erlebe mich selbst und merke: wir schaffen es auch nicht, nicht mal im kleinen Kreise unserer kleinen Kirche den Frieden zu leben von dem wir reden. Die Gewaltlosigkeit im Tun und Reden, die Jesus Christus vorgelebt hat, seine liebevolle Zuwendung zu allen, die scheitern – ausgerechnet den reichen Jüngling, der so gern reich bleiben will – gewinnt er lieb, wir machen sie nicht nach.
Wir machen das, was alle machen: schlagen die Hände überm Kopf, ärgern uns und erzählen davon.
„Selig sind die Frieden stiften“ – wie geht das nur???





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  Das erste Gebot

Das erste Gebot

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.09.2021

„Lauft nicht anderen Göttern nach, um ihnen zu dienen und euch vor ihnen niederzuwerfen, und reizt mich nicht mit dem Machwerk eurer Hände.“
So heißt es über diesem Tag bei Jeremia. Uralt und ungeheuer aktuell bleibt die Frage, wen und was wir überhöhen, welche Instanzen wir gelten lassen, worauf wir Hoffnung setzen. Menschen neigen dazu, den vielen zu folgen, erst recht dem Versprechen eines besseren Lebens oder der Versicherung, dass alles so bleiben kann wie es ist.
Wir sind bleibend gefährdet Gott und Mensch zu verwechseln, erst recht dann, wenn Intelligenz und Kreativität Horizonte sprengen. Ich lasse mal die Bundestagswahl morgen beiseite und widme mich einem anderen jüngeren Beispiel: der Digitalisierung.
Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sagte: „Das Internet ist die größte emanzipatorische Erfindung, es ist demokratisch und subversiv zugleich, es ist Gott.“
Schöner kann man es nicht illustrieren: Menschen erschaffen sich eine Technik mit übermenschlichen Fähigkeiten, die besser rechnen, sortieren, abgleichen und sich mehr merken kann und sie schaffen sich dabei selbst ab. Sie erleben Echtzeitkommunikation und Fernabwesenheit, algorithmische Erfahrungen, bringen eine Art von Durchschaubarkeit mit, jenseits all dessen, was sich Kinder unter dem: „Gott sieht alles“ vorstellen können.
Und trotzdem und erst recht gilt: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir oder an meiner statt.“
Dies erste Gebot beschreibt Martin Luther in seinem Katechismus: „was heißt einen Gott haben oder was ist Gott? Ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll.“
Denn Gott sucht Beziehung und nicht Entgrenzung, er ist ein Gegenüber und ein Du, keine mathematische Verallgemeinerung. Er bietet Freiheit und Grenzen, damit wir uns nicht verlieren. Gott ist der ganz Andere.
Wenn wir uns überheben, Gott gleich sein zu wollen, alles zu wissen, alles zu erinnern, alles zu behalten, alles zu überblicken, alles zu gestalten, alles zu deformieren, dann werden wir nicht nur unsere Individualität verlieren, sondern auch unsere Seele. Wir werden uns in diesem Spiegel, der uns optimiert und verzerrt nicht mehr erkennen können.
Darum erinnert das erste Gebot daran: Gott ist Gott und wir Menschen sind Menschen, begrenzt, endlich, sterblich, vergänglich und zugleich kreativ, einzigartig und wunderbar. SEINE Schöpfung.
Und hoffentlich nicht vom Machwerk unserer Hände und Hirne verleitet, anderer Götter daneben zu suchen.

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  Eine leere Staffelei

Eine leere Staffelei

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.09.2021

Gestern Abend standen hier während der Andacht zum Welttag der Suizidprävention nicht nur Lichte zum Gedenken an einzelne Menschen, sondern eine leere Staffelei. Eigentlich hatte sie da noch gar nicht stehen sollen, wir brauchten sie erst heute - für ein Bild während des Gedenkgottesdienstes für Rüdiger Becker.
Im ersten Moment habe ich mich ein bisschen geärgert, dass die Staffelei da so dazwischen stand aber dann wurde mir bewusst, dass Menschen, die diesen Hintergrund nicht kennen, vielleicht sogar ganz dankbar sind. Denn die Leerstelle auf der Staffelei lädt ein, in Gedanken ein Bild zu ergänzen - einem Menschen unmittelbare Nähe zum Altar einzuräumen, ihn so mit Gott zu verbinden.
Vielleicht wäre diese Gedankenübung sogar gnädiger als das wirkliche Bild, das irgendjemand hat aussuchen müssen und das vielleicht auch gut aussieht aber eben nur einen Ausdruck in einem Moment erinnert?
Auf dem Foto sehen wir Falten im Gesicht, den hohen Haaransatz, das Lächeln - je nachdem gelöst oder gestellt - eben unsere irdische Hülle, das was wir mit unseren Menschenaugen sehen können. In der Tageslosung gestern hieß es denn auch gleich aus dem Buch des Propheten Maleachi: „Ihr werdet den Unterschied sehen zwischen einem Gerechten und einem Ungerechten, zwischen einem, der Gott dient und einem, der ihm nicht dient.“
Hm. Ist das so? Sehen wir das so einfach? Sehen wir anderen Menschen an, ob ihnen Gerechtigkeit am Herzen liegt, ob sie Jesu Nähe suchen? Und „Gerechte“, wirklich „Gerechte“ gibt es solche Menschen überhaupt?
In Yad Vashem sind einige beim Namen genannt.
Es sind wahrlich Wenige. Für die meisten gilt, denke ich, dass sie irgendwie versucht haben, ihre Menschlichkeit zu bewahren oder sogar auf Gottes Wege zu gehen. Darüber bekommt man viele Falten ins Gesicht, graue Haare, Narben und manchmal ein schwaches Herz. Wir sind endlich und auf Verschleiß angelegt.
Die leere Staffelei verändert dabei den Blick – denn nun sehe ich nicht mehr mit den Augen, sondern mit den Herzen. Ich sehe, was einer geträumt und gehofft hat, was er zu tragen und zu erzählen hatte, was er beweint und worüber er gelacht hat. Nicht nur, wie er aussah, sondern wer sie war.
Ein Menschenkind. Ein Gotteskind. Hier und dort geborgen.

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  Welttag der Suizidprävention

Welttag der Suizidprävention

Christian Kohn, Pfarrer - 23.09.2021

Es gibt ihn nicht und es gibt ihn doch: Den Suizid! Es gibt ihn nicht, insofern, weil wir mit dem Begriff „Suizid“ noch nicht begriffen haben oder verstehen können, worum es sich dabei handelt. Denn der Suizid im Großen und Ganzen ist ja kein einheitliches Phänomen, dass sich mit dem einem Wort umfassend beschreiben ließe. Dieses Phänomen betrifft junge und alte Menschen gleichermaßen, Männer und Frauen, Menschen mit und ohne Bildung, Gesunde und Kranke, und auch Menschen aus allen sozialen Schichten. Wer also genau hinschaut sieht, dass es sich hierbei um ganz unterschiedliche Schicksale handelt, die genauso unterschiedlich sind, wie die Menschen, die diesen Weg beschreiten. Dementsprechend sind auch die Motive so verschieden, dass es uns schwerfällt, sie alle mit dem einem Begriff zu beschreiben und zu verstehen, oder bildlich gesprochen: Wenn wir versuchen, alles und alle in einen Topf zu werfen.
Und dann gibt es ihn doch! Nämlich in der Weise, dass Menschen mit dem Wort Suizid ein Verhalten von anderen Menschen beschreiben, die ihrem Leben mit einer endgültigen Entscheidung ein Ende setzen. Und das sind viele. In unserem Land sind das jährlich über 10.000 Menschen. Statistisch gesehen sind das mehr Menschen als die, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und das stellt uns alle vor die wichtige Frage, ob man dagegen etwas tun kann, dass Menschen diesen endgültigen Entschluss fassen? Ob wir etwas dagegen tun können, um so das mit dem Suizid einhergehende Leid bei allen Beteiligten zu verhindern? Und weiter, ob und auf welche Weise es in unserer Macht steht, zumindest einige der unzähligen Motive für einen Suizid außer Kraft zu setzen?
Dem Weltsuizidpräventionstag geht es, wie der Namen bereits sagt, vor allem um eines - um die Prävention. Es geht um das hilfreiche Vorbeugen, das den betroffenen Menschen dabei behilflich ist, in anderer Weise mit den eigenen Lebenskrisen umzugehen. Dazu braucht es allerdings eine gesellschaftliche Offenheit im Gegensatz zu einer Tabuisierung, eines Verschweigens von Krisen und suizidalen Gedanken. Denn gerade Gespräche mit anderen können dabei helfen, den eigenen sogenannten Tunnelblick wieder zu weiten, in den man durch eine Krise geraten kann. Und der Tunnelblick heißt deswegen Tunnelblick, weil er nur noch den Blick in ein düsteres Loch bietet, aber nicht mehr in die weitere Umgebung, die rechts und links neben dem Tunnel liegt.
Weil wir aber anderen Menschen nicht hinter die Stirn schauen können, um ihre Gedanken zu lesen, braucht es auch offene Augen und Ohren füreinander. Denn oft gibt es bei betroffenen Menschen Warnsignale, - eine veränderte Sprache oder ein verändertes Verhalten -, die wir aber nicht zu deuten wissen oder einfach ignorieren.
Doch anstatt Augen und Ohren zu verschließen, sollten wir, wenn wir solche Veränderungen beobachten, daran Anteil nehmen und fürsorglich für die sein, die in unserer Gemeinschaft ganz offensichtlich belastet sind.
Weiter wäre es eine gute Form von Prävention, wenn wir uns untereinander unsere Krisen, Ängste und Zweifel nicht verschweigen würden. Und wir weder für uns selbst noch für andere ein Bild des Lebens entwerfen, in dem Krisen, Rückschläge und auch das Scheitern keinen Platz finden. Zudem erscheint es hilfreich zu sein, wenn wir uns untereinander mitteilen würden, was uns selbst geholfen hat, diesen Widerständen und dunklen Seiten des Lebens zu begegnen und durch sie hindurchzugehen. Das alles könnte vielen Menschen zum Guten dienen, die im Moment nicht wissen, wie es für sie weiter geht.

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  Wo ist Wahrhreit...?

Wo ist Wahrhreit...?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.09.2021

Es gibt einen heftigen außenpolitischen Störfall.
Störfall. Ein Wort, das zum ersten Mal in mein Bewusstsein gedrungen ist als Christa Wolf ein gleichnamiges Buch im Nachgang des Reaktorunglückes in Tschernobyl schrieb. Störfall. Damals ein Wort, das auch den äußerst prekären Umgang mit der Wahrheit markierte.
Jetzt gibt es einen Störfall wegen der U-Boote und der amerikanischen Außenpolitik im Pazifik. Es klingt nach einem wenig verlässlichen amerikanischen Präsidenten, der die alten Verbündeten in Europa brüskiert hat. Nur ganz leise hört man auch Stimmen, dass daran die unentschlossene Haltung Deutschlands gegenüber China (Investitionsschutzabkommen?) und Russland auch ihren Anteil habe.
Wo ist da die Wahrheit?
Oder dieses Foto, auf dem ein weißer Reiter mit Cowboyhut und Peitsche schwarze Menschen – ja was? – treibt, jagt, schlägt? Oder ist es doch der Zügel, der da durch die Luft fliegt und eine physische Intervention aber keine Menschenjagd?
Wo ist die Wahrheit?
Und dieser schreckliche Mord an der Tankstelle. Weil der Kassierer den Täter auf die Maskenpflicht hinwies oder nachdem er das tat? Und was passiert da in den sozialen Medien?
Welcher Wahrheit müssen wir ins Gesicht sehen?
Oft hilft mir, dass Jesus Christus spricht: „Ich in der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ – denn er ist unverdächtig, Macht und Geld schützen zu wollen oder die Beugung von Menschenrechten billigend in Kauf zu nehmen – sei es an der texanischen Grenze oder in Honkong.
Aber dann reißt er den Freund aus dem Leben und ich soll weitersagen, dass er, Jesus Christus, spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an ich glaubt, der wird leben auch wenn er stirbt…“
Wahrheit braucht Mut, merke ich.
Den Mut wider alle äußerlichen Zeichen darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht verderben und beugen lässt, dass sie zusammen erscheint – mit Jesu Weg und seinem Leben.
Das hilft auch mir. Ich weiß deshalb nicht alles. Aber ich glaube auch nicht alles. Nur das Wichtigste. Jesus Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“

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  Hoffnung bauen

Hoffnung bauen

Henning Böger, Pfarrer - 21.09.2021

Ein Mann baut seine Hoffnung. Das meine ich wörtlich: Er baut sich seine Hoffnung.
In seinem Land gibt es gerade wenig zu hoffen. Er lebt im Jemen, nahe bei Saudi-Arabien, im Süden der arabischen Halbinsel. Da wütet ein grausamer Krieg seit sieben Jahren. Es gibt keine Aussicht auf baldigen Frieden. Dafür gibt es viele Trümmer und
viel Hoffnungslosigkeit.
Eigentlich ist alles zum Verzweifeln, erzählt der Mann dem deutschen Fernsehteam,
das ihn in seinem Wohnzimmer besucht. Aber er wolle nicht verzweifelt leben, sagt er, sondern mit Hoffnung. So kommt er auf seine wirklich außergewöhnliche Idee.
Er sagt sich: „Wenn ich keine Hoffnung sehen kann, dann baue ich sie mir im Kleinen!"
So geht er durch die zerbombten Straßen seiner Stadt, der Hauptstadt Sanaa, und sammelt sich kleine Trümmerteile: Steine, Holzstücke, Pappe, Glasscherben. Zuhause,
in seinem Wohnzimmer, baut er sich daraus Häuschen. Als wäre alles heil. Er baut die Häuser seiner Straße wieder auf, malt die kleinen Fassaden bunt an. Aus Trümmern baut er sich Hoffnung. So soll es wieder aussehen, sein Land. Bis dahin hofft er und baut sich seine Heimat im Kleinen.
Das ist eine berührend schöne Geschichte, die vor einiger Zeit im Weltspiegel der ARD zu sehen war. Sie ist mir lange nachgegangen, weil es oft genauso ist mit der Hoffnung, meine ich: Sie baut sich aus positiven Bildern und Erinnerungen und schlägt vom
Gestern her eine Brücke ins Morgen. Im Kleinen bildet sich das Große.
So als wäre alles schon ganz neu und wieder heil.
Ganz passend dazu ist ein Gedanke des Apostels Paulus im Römerbrief. Er schreibt: „Wenn wir auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen, dann können wir doch geduldig darauf warten.“ Und wer dann ein wenig weiterliest, der merkt in jedem Satz und jeder Zeile, dass für Paulus dieses geduldige Warten keine Vertröstung auf ein weit entferntes Irgendwann ist, sondern dass sich seine geduldige Hoffnung auf den lebendigen Gott richtet, von dessen Liebe uns nichts und niemand scheiden kann, der uns auch dann noch tragen will, wenn wir selbst zu müde sind zum Glauben, zu kraftlos zum Beten.
So baut sich die Hoffnung vom Kleinen ins Große; wie der Mann im Jemen seine Häuschen ins Wohnzimmer baut, als wäre bald wieder alles heil.

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  Olga Spharaga

Olga Spharaga

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.09.2021

Am Donnerstag hatten wir hier im Dom Olga Spharaga zu Gast.
Sie gehört zu den vielen Frauen, die im Zuge der Revolution in Belarus sichtbar geworden sind. Für ihre Haltung ist sie erst ins Gefängnis und dann ins Exil gegangen.
Ich hatte Fotos von ihr gesehen und war dann doch überrascht, wie klein und zart ist. Merkwürdig, dass mich die Kraft ihres Buches „Die Revolution hat ein weibliches Gesicht“ offenbar eine große starke Frau erwarten ließ. Aber gerade ohne die körperliche Dominanz war es eindrücklich, wie warmherzig sie davon erzählte, wie unsichtbare Menschen sichtbar werden, Gemeinschaft entsteht, Solidarität. Welche Kraft aus solch einer Bewegung erwächst.
Beim Zuhören habe ich gestaunt.
Olga Spharaga kommt aus einem Land, in dem Menschen entführt und gefoltert werden – so wie der junge Blogger Roman Protassewitsch. Vor einigen Wochen habe ich hier von ihm erzählt. Sein schiefes geschwollenes Gesicht sehe ich noch vor mir.
Oder Stsiapan Latypau, der seit Monaten in Haft, sich im Gerichtssaal in Minsk selbst zu töten versuchte, mit einem Kugelschreiber, weil er die Gefährdung seiner Freunde und Verwandten nicht länger ertragen kann.
In dieser Woche ist Maria Kolesnikowa fast ein Jahr nach ihrer Festnahme zu elf Jahren Lagerhaft verurteilt worden.
Drei Namen von Hunderten.
Aber Olga Spharagas Stimme ist nicht bitter, sie wütet nicht, sie klagt nicht.
Im Gegenteil. Sie erzählt von der Tapferkeit und Schönheit der Menschen, von der Hoffnung. Und sie analysiert. Klar und ruhig.
Sie lässt sich nicht zur Gewalt verleiten – nicht in der Sprache, nicht im Ton.
Selbst über von ihrem Gefängnisaufenthalt erzählt sie von Bestärkung und Ermutigung, davon wie sie in der Zelle Vorlesungen gehalten hat – die Kälte, den Hunger, die Angst, den Dreck kann man nur ahnen.
Am nächsten Morgen haben wir uns noch für einen Augenblick wiedergetroffen. Ich konnte ihr noch sagen wie sehr mich angerührt hat, dass sie so allein da sein musste – ein schmerzhaftes Bild dafür, was es bedeutet, ins Exil gehen zu müssen.
Aber sie lächelt. Und ich sehe, was gemeint ist, wenn Jesus Christ spricht:
„Selig sind, die um der der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich."

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  Adam und Eva

Adam und Eva

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.09.2021

Mir erzählte dieser Tage ein Kollege von einem nahezu wundersamen Projekt. Ein Arbeitslosenverein erbte eines Tages eine große aber nicht riesige Menge Geld und so entstand die Idee, eigene Räume anzuschaffen. Bei einer Zwangsversteigerung wurde eine romantische Müllkippe im Wald mit einigen maroden Gebäuden erworben und dann gehofft, dass es möglich wäre, Handwerksbetriebe und Arbeitslose so zusammenzubringen, dass aus der Idee Wirklichkeit werden könnte. Ein Anfang war gemacht aber dann zeigte sich, dass bei aller Zuversicht und allem Engagement ein Wunder nötig sein würde, um aus dem verkommenen Gelände einen guten Ort zu schaffen, an dem gearbeitet, gedacht, gelebt werden kann – der sich im Einklang mit der Natur befindet.
Und das Wunder geschah. Die wandernden Handwerksgesellen trafen sich dort. Warum? Keiner weiß es, man kann sie nicht buchen. Aber wenn fünfzig von ihnen drei Wochen lang Hand anlegen, dann wird Undenkbares möglich.
Zu dem großen Wundern gesellten sich die kleinen.
Ein Bäcker spendierte das Brot, ein Caterer die warme Mahlzeit.
Ein Dritter pflanzte Apfelbäume.
Und so wuchs allmählich aus Unkraut und Schutt eine Oase.
Wer heute dort vorbeikommt, atmet Frieden und Zufriedenheit. Es scheint Segen auf allem zu liegen.
Kein Aber? Doch am Rande der kleinen Schlaf- und Tagungshäuser, der Werkstätten im Wald und an den Teichen steht eine alles überragende Villa. Leer. Und die? Fragen alle Besucher? Wollt Ihr die nicht auch…?
Und dann erzählt der Geschäftsführer die Geschichte von Adam und Eva neu (die auch ein bisschen nach dem Fischer und seiner Frau klingt).
Wir haben alles, sagt er, es ist wunderschön – so gut manchmal, wie es Adam und Eva im Paradies hatten. Die alte Villa ist der eine Apfel. Das eine, was man nicht haben kann. Die ewig wieder kehrende Frage, ob nicht vielleicht doch - das ist die Versuchung. Sie fällt jeden an. Diese Versuchung gilt es in den Griff zu bekommen – sonst verschwindet die Freude an dem was ist und es bleibt nur die unstillbare Gier.
Gesegnet ist, wer sehen kann, was ist, was Gott schenkt, was bei ihm möglich ist.




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  Gewaltfrei kommunizieren

Gewaltfrei kommunizieren

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2021

Während ich auf einer Tagung über „Wege zu Gerechtigkeit und Frieden“ in der Woltersburger Mühle saß und mich daran erinnern ließ, dass es keine christliche Friedensethik gibt, sondern dass jede christliche Ethik Friedensethik ist – denn Jesus Christus ist unser Friede – gab das Verwaltungsgericht Chemnitz dem Eilantrag einer rechtsextremen Partei statt, die sich gegen das Verbot ihrer Wahlplakate gewehrt hatte.
Die Stadt Zwickau hatte Letzteres erwirken wollen, weil die Plakate mit ihren Aufrufen gegen Menschenwürde und öffentliche Ordnung verstießen, manche Kommentatoren sagten sogar, dass sie indirekt zu Lynchjustiz aufriefen.
Das finde ich auch.
Das Zitat soll daher hier nicht fallen.
Wahlkampf ist nicht immer ein anständiges Geschäft. Es wird nicht nur mit Florett gefochten sondern manchmal auch mit dem Morgenstern. Darum lohnt es neben den Inhalten auch den Stil im Blick zu behalten. Einen Kontrahenten herabzuwürdigen macht Kandidaten nicht glaubwürdiger. Erst recht alarmieren muss uns, wenn parteipolitische Ziele mit Gewalt, Ausgrenzung, Hass erreicht werden sollen und die Justiz wegschaut.
Friedliche und gewaltfreie Kommunikation ist eine schwere Übung.
Sie schließt nicht aus, dass wir miteinander streiten, um Wahrheiten und Urteile ringen, es schwer miteinander haben – aber sie setzt eben auch Grenzen.
Dort, wo wir ungerechte Ziele verfolgen.
Dort, wo wir Gewalt anwenden.
Dort, wo es uns nicht um ein friedliches menschenwürdiges Miteinander geht.
Das sagt sich manchmal leicht. Auch in unserer Kirche erleben wir ja durchaus Prozesse und Begegnungen, die verletzen und verhindern statt zu ermöglichen, die nicht dem Frieden dienen.
Deshalb ist es, auch daran hab ich mich wieder erinnern lassen, eine nicht zu unterschätzende Kompetenz jeder Gemeinde – auch einer solchen Weggemeinschaft auf Zeit, wie wir sie gerade sind – beieinander zu bleiben trotz aller Verschiedenheit und uns einander mit dem uralten gewaltfreien Gruß zu vergewissern: „Der Friede Gottes sei mit euch allen.“

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  ABER DANN DER TOD

ABER DANN DER TOD

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2021

Am Wochenende feiern wir hier Konfirmation und eigentlich will ich mit all meinen Gedanken bei den jungen Menschen sein und ihrem Start ins Erwachsenenleben. Es wird fröhlich und feierlich sein und ernst – denn das Leben ist eine ernste Sache.
Aber dann bricht der Tod in unser Leben ein. Gestern starb unser Freund und Kollege, Pfarrer Rüdiger Becker.
Wer ihn kannte, musste ihn mögen.
Die Ohren haben es gehört. Aber das Herz und die Seele?
Wieder einmal stehen wir ratlos vor dem fremden Gott, versuchen die Hoffnung zu nähren, dass er es trotz allem gut mit uns meint, dass er unser Friede ist, dass es die Güte des Herrn ist, die wir schauen werden, die Rüdiger jetzt schaut.
Und so klingen die alten Worte, die zu jeder Konfirmation gehören, anders, schwerer, leichter.
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Aber jetzt Herr?
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Aber jetzt Herr?
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Dort entlang mag ich nicht gehen, nicht jetzt, nicht heute.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.
Doch das tue ich. Denn es geschieht…
Gibt es ein Aber?
Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Stecken und Stab sind hart und lügen nicht. Du bist die Wahrheit.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Dabei wollte ich zuhause sein und bleiben.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Und reichst du uns den schweren Kelch…
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.
Und neben mir? In mir?
Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Denn er ist unser Friede.

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  Tausend Schafe und ein Herz

Tausend Schafe und ein Herz

Henning Böger, Pfarrer - 14.09.2021

In der vergangenen Woche ging dieses Bild um die Welt: ein Herz, gebildet aus lebendigen Schafen. Die Geschichte dazu geht so: Ein Schäfer in Australien erhält die Nachricht, dass seine weit entfernt wohnende Tante im Sterben liegt. Wegen der strengen Corona-Regeln, die in einigen Bundesstaaten Australiens immer noch gelten, kann er seine Tante vor ihrem Tod nicht mehr besuchen. Er will ihr aber einen besonderen Abschiedsgruß senden.
Dazu hat er eine großartige Idee, auf die wohl nur ein Schäfer kommen kann: Er legt das Futter für seine Schafe in einer großen Herzform auf der Weide aus. Die Schafe sind zunächst noch in ihrem Gatter. Als der Schäfer dann die Tore öffnet, laufen die tausend Tiere zum Futter – und bilden ein großes Herz. Das alles nimmt er als Video mithilfe einer Drohne auf. Der kurze Film wird später bei der Trauerfeier für die Tante gezeigt - zusammen mit dem Lied „Bridge over Troubled Water“ von Simon and Garfunkel. Ein letzter Gruß an seine Tante, der sich im Internet schnell weltweit verteilt. Viele Menschen sind berührt von dieser Idee eines lebendigen Herzens.
Vieles im Weltgeschehen können wir selbst kaum oder gar nicht beeinflussen. Das erfahren wir auch in diesem zweiten Spätsommer unter Corona immer neu. Wenn man in dieser Erfahrung nicht zynisch oder bitter werden will, kommt es darauf an, sich ein lebendiges Herz zu behalten. Ein Herz, das sich weder vor sich selbst versteckt noch das Fühlen mit und für andere verlernt.
„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“, weiß die Bibel im Hebräerbrief. Ich verstehe das so: Ein festes Herz ist kein starres Herz, das nur hart bei sich selber schlägt. Dann wäre es kein „köstlich Ding“. Das feste Herz ist ein lebendig-klopfendes, das für mich und für andere schlägt. Es vernachlässigt niemanden, auch nicht sich selber.
Von allein oder wie von selbst haben wir dieses feste Herz meist nicht. Es ist eine gute Gabe Gottes, um die wir wieder und wieder bitten dürfen. Gott will uns diese Gnade gewähren, sagt die Bibel: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“. Und manchmal zeigt sich diese Gnade in einem Herz aus tausend Schafen. Amen.

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  Art to believe

Art to believe

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.09.2021

Die Kreiszahl Pi ist eine mathematische Konstante, die das Verhältnis vom Durchmesser eines Kreises zu seinem Umfang angibt. Ihr Wert beträgt rund 3,14. Das Besondere an dieser Zahl ist, dass sie unendliche viele Nachkommastellen hat. Das heißt, dass man beim genauen Ausrechnen niemals fertig wird, weil sich immer wieder weitere Dezimalstellen ergeben. Damit kann man leben, nur wirklich vorstellen können wir uns das nicht und aus diesem Grund gehört Pi zur Gruppe der irrationalen Zahlen – irrational, also mit dem Verstand nicht fassbar.
Wir Menschen kriegen es nicht hin, uns die Unendlichkeit vorzustellen, einer von vielen Belegen dafür, dass unser Verstand und unser Verstehen eben gerade nicht unendlich sind, sondern Begrenzungen unterliegen, ob wir das nun gut finden oder nicht. Damit bleiben uns natürlich so manche Geheimnisse dauerhaft verborgen, auch in unserem Verhältnis zu Gott, denn Ewigkeit und Unendlichkeit gehören zu seinen Wesenseigenschaften, zu unsere auf dieser Erde aber nun eben mal nicht.
Wir haben unsere Grenzen und wir können sie nicht aufheben. Es gibt allerdings Mittel und Wege, sie zu verschieben, um zumindest Ideen zu entwickeln, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegen mag. Eines dieser Mittel ist die Kunst.
Im religiösen Leben spielt sie seit Menschengedenken eine große Rolle. Schon allerfrüheste Kulturen haben Kunst eingesetzt, um ihrer Religiosität Ausdruck zu verleihen, ihre Gottheiten abzubilden oder ihnen durch bildende aber auch darstellende Kunst die Ehre zu erweisen. Auch der Braunschweiger Dom bietet religiös motivierte Kunstschätze aus ganz unterschiedlichen Epochen und mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen. Und natürlich ist die Kunstform der Musik zu erwähnen, die an unserem Dom eine herausragende und wichtige Rolle spielt.
Doch Kunst kann noch mehr. Sie kann uns Impulse geben, unsere Gedanken in neue Richtungen zu lenken, über vermeintlich Altbekanntes neu zu reflektieren und so andere und uns bisher vielleicht noch verborgen gebliebene Zugänge zur eigenen Spiritualität eröffnen.
Das derzeit in den Kirchen unserer Stadt gezeigte Projekt „Art to believe“ will unter anderem das. Es umfasst verschiedenste Kunstobjekte an 13 Kirchorten in Braunschweig, unter anderem auch hier bei uns im Dom. Allein der Name lädt zum Nachdenken ein: „Art to believe“, „Kunst, um zu glauben“ oder „Die Kunst, zu glauben“?
Meine erste Assoziation zu den farbigen Tüchern hier im Dom war Pfingsten – der Heilige Geist in Form der feurigen Zungen, von denen die Bibel berichtet. Und mal völlig unabhängig davon, ob das nun so gemeint war oder nicht: Das, was Kunst, welcher Art auch immer, in uns auslöst, hat für mich sehr viel mit dem Heiligen Geist zu tun. Denn er soll uns im wahrsten Sinne des Wortes inspirieren, auch dazu, über uns selbst, über unsere Mitmenschen und diese Welt, aber eben auch über unser Verhältnis zu Gott nachzudenken.
Wir Menschen sind übrigens die einzigen Lebewesen, die in der Lage sind, sich künstlerisch auszudrücken, und dass nicht, weil wir solche Helden sind, sondern weil Gott es so wollte. Tolle Idee von ihm, finde ich. Amen.

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  Lobe den Herrn, meine Seele!

Lobe den Herrn, meine Seele!

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.09.2021

Der Klimawandel bringt Hunger und Verwüstungen, die Welt blickt konsterniert nach Afghanistan, in Belarus werden Oppositionelle in Schauprozessen zu drakonischen Strafen verurteilt, die Coronazahlen steigen und die Inflationsrate auch. Soll ich weitermachen? Die Quellen für schlechte Nachrichten scheinen unerschöpflich und ich finde, man muss aufpassen, dass man nicht depressiv wird, wenn man sich tagtäglich damit auseinandersetzt. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass es viel mehr Dinge auf dieser Welt und vielleicht auch im eigenen Leben gibt, die eher suboptimal laufen, die uns Sorgen bereiten, bei denen es noch Luft nach oben gibt. Und es drängt sich die Frage auf: Wo soll das alles noch hinführen?
Über dieser Woche heißt es: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Diese Worte stehen im 103. Psalm und stammen aus König Davids Feder. Der hatte natürlich noch kein Abo der Braunschweiger Zeitung und auch kaum die Möglichkeit, abends um 20:00 Uhr die Tagesschau zu sehen. Doch selbst ohne diese Informationsquellen klingen seine Worte schon ein wenig blauäugig und undifferenziert, oder was meinen Sie?
Er hat ja nicht geschrieben: „Wenn es dir mal so richtig gut geht, dann lobe den Herrn.“ Nein, er empfiehlt uns das einfach so, voraussetzungsfrei und für alle Lebenslagen. Das ist mitunter gar nicht mal so einfach, denn es gibt ja nun nicht nur Sorgenträchtiges da draußen in der großen, weiten Welt. Nein, auch in so manchem Leben spielen sich die ganz persönlichen Tragödien ab. Und auch dann: Lobe den Herrn, meine Seele?
Wenn wir es irgendwie hinbekommen: auf jeden Fall! David liefert die Begründung, wenn er schreibt: „Du sollst Gott loben, der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit und der deinen Mund fröhlich macht.“
Das, was hier über Gott gesagt wird, gilt immer und somit auch und gerade dann, wenn es uns nicht so gut geht. In all dem, was David hier aufzählt, wird Gottes Liebe sichtbar und erlebbar, in all dem spüren wir das Fundament, dass uns auch dann noch trägt, wenn auf alles andere und auf alle anderen kein Verlass mehr zu sein scheint.
In diese göttliche Obhut dürfen wir uns zurückziehen, wenn die Belastungen in unserem Leben zu groß werden, wenn wir die Schuld, die wir auf uns geladen haben, nicht mehr alleine tragen können, wenn unser Kummer so massiv ist, dass er alle Lebensfreunde verdrängt. Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott auch unseren Mund wieder fröhlich machen will und dass er alles daransetzt, dass wir wieder heil werden.
Das passiert nicht immer von jetzt auf gleich und es passiert auch nicht immer so, wie wir es uns nach unseren menschlichen Kategorien erhoffen und erbeten. Aber es wird passieren, Gott wird es am Ende gutmachen, mit Ihnen, mit Euch und mit mir. Und somit ist es gut, dass David uns erinnert und auffordert: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Halleluja! Amen.

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  Weltalphabetisierungstag

Weltalphabetisierungstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.09.2021

Als Prädikant bin ich im Braunschweiger Land schon ganz schön rumgekommen und habe in so mancher Dorfkirche Gottesdienste gefeiert. Ein solcher Gottesdienst ist immer Teamwork, denn es braucht eben nicht nur den Prediger, sondern auch Kirchenvorstehen, die die Lesungen gestalten, meist ehrenamtliche Küster, die die Kirche aufschließen, die Glocken läuten, die Kerzen anzünden, und, und, und. Und natürlich braucht es jemanden, der die Orgel spielt und den Gottesdienst musikalisch begleitet.
Gerade letztgenannte werden immer rarer. Es gibt nur wenige junge Leute, die sich dafür entscheiden, das Orgelspiel zu lernen und wenn dann die altgedienten Organistinnen und Organisten irgendwann mal aufhören, wird es immer schwerer, diese Lücken zu füllen.
In einer Gemeinde, in der ich ab und zu mal bin, hat sich nun jemand entschlossen, Orgel zu lernen. Es ist eine Dame in meinem Alter. Sie hat eher wenig Vorkenntnisse, allerdings eine große Liebe zur Kirchenmusik und sie hat vor einigen Wochen ihren ersten Choral in einem Gottesdient begleitet. Die Begeisterung der Gemeinde ist groß und die Dame wird von allen Seiten in ihrer Entscheidung bestärkt. Und dass sie bisher kein Instrument gespielt hat, gibt sie unumwunden zu, es ist aber auch überhaupt kein Thema.
Anders sieht es aus, wenn Menschen sich dazu bekennen, dass sie weder lesen noch schreiben können. Ein solches Eingeständnis führt schnell dazu, dass die Betroffenen diskriminiert und in bestimmte Schubladen sortiert werden. Das wiederum hat zur Folge, dass sich diese Menschen mit ihren Lese- und Schreibproblemen verstecken und sich selbst in der Familie und mit engsten Freunden nicht trauen, darüber zu reden.
Wenn sich jemand in fortgeschrittenem Alter dazu entscheidet, das Orgelspiel zu beginnen, wird er bejubelt, wenn er später als andere das Lesen und Schreiben erlernt, erntet er vordergründig durchaus Zuspruch, hinter vorgehaltener Hand allerdings auch Häme und Abwertung.
Auch damit sich das ändert, gibt es den Weltalphabetisierungstag, der seit 1966 jährlich am 8. September, also heute, begangen wird. Weltweit können knapp 900 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, allein in Deutschland sind es schätzungsweise 6 Millionen.
Analphabetismus hat für die Betroffenen erhebliche soziale und wirtschaftliche Folgen. Sie können an vielem, was unser Zusammenleben ausmacht, nicht teilhaben, ihre Chancen, einen Beruf zu erlernen, sind schlecht und sie müssen sich einer gesellschaftlichen Ablehnung stellen, die ihnen vieles verbaut.
In einem Interview berichtete ein junger Mann, dass er aus Scham noch nicht einmal zur Covid-Impfung gegangen sei, weil er gehört habe, dass er dort viele Formulare ausfüllen müsse. Und selbst so fundamentale Dinge wie die Teilnahme an der Bundestagswahl ist für Analphabetinnen und Analphabeten mit einer zusätzlichen Hürde versehen.
Menschen auszugrenzen, weil sie etwas nicht so gut können wie andere, ist falsch und unserem Zusammenleben nicht förderlich. Und unchristlich ist es überdies. Und sollten wir in unserem Umfeld jemanden kennen, der Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben hat, oder auch nur den Eindruck haben, dass es so sein könnte, dann sollten wir ihn oder sie ermutigen und dabei unterstützen, etwas dagegen zu tun. Denn so wie man recht spät noch Orgel lernen kann, funktioniert das mit dem Lesen und Schreiben auch. Amen.

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  Rosch ha-Schana

Rosch ha-Schana

Henning Böger, Pfarrer - 07.09.2021

„Ein frohes neues Jahr!“ Ja, richtig gehört, auch wenn nun schon Anfang September ist. Denn in den jüdischen Gemeinden weltweit feiern die Menschen seit gestern und noch bis morgen Neujahrsfest Rosch ha-Schana.
Im Judentum ist Rosch ha-Sschana jener Tag, an dem die Erschaffung der Welt abgeschlossen war. Auf ihn folgt die Schöpfung der ersten beiden Menschen, Adam und Eva, also der Geburtstag der Menschheit. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Rosch ha-Schana so viel wie: Kopf des Jahres. Mit der Erinnerung an die Erschaffung der Menschheit beginnt ein neues jüdisches Jahr.
Zwei Tage lang feiern viele Jüdinnen und Juden nun. Anders als Sylvester und Neujahr sind es eher ernste und besinnliche Tage ohne Böller und Raketen. Zu Rosch ha-Schana gehört vielmehr ein doppelter Blick und eine ehrliche Standortbestimmung im eigenen Leben: Was war gut und was war schwer im vergangenen Jahr? Was braucht Veränderung oder einen wirklichen Neuanfang? Wenn man mit jemandem zerstritten ist, soll man Versöhnung suchen und einander Fehler und Unzulänglichkeiten verzeihen. Rosch ha-Schana soll den Menschen so helfen, in sich zu gehen und im nächsten Jahr gut oder besser zu handeln.
In vielen jüdischen Familien gibt es heute ein besonderes Festtagsmahl. Wenn alle um den Tisch sitzen, wird der Segen gesprochen und es werden Apfelstücke gegessen, die zuvor in Honig getaucht wurden. Das Obst ist ein Zeichen dafür, dass das neue Jahr gut und süß werden mögen. „Shana tova u metuka!“ Das wünschen sich die Menschen: „Ein gutes und süßes Jahr!“
Denn neben aller ernsthaften Besinnlichkeit gibt es an Rosch ha-Schana natürlich auch eine große Vorfreude auf das neue Jahr. Und es gibt die Hoffnung, dass die Welt, die Gottes gute Schöpfung ist und bleibt, eine bessere, friedlichere, gerechte werden mögen. Als sinnhaftes Zeichen dafür wird in den Synagogen und Bethäusern am Morgen oft feierlich der Schofar geblasen: ein besonderes Instrument aus Tierhorn. Dessen Klang soll die Menschen an ihre eigene Verantwortung erinnern. Weil der kürzeste Weg zum Frieden ja nie bei den anderen beginnt, sondern immer bei mir selbst.
Darum: Schalom chaverim! Friede seit mit euch, liebe Freunde!

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  Eine Menora?

Eine Menora?

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.09.2021

„Warum haben Sie eigentlich hier einen jüdischen Leuchter aufgestellt?“ Diese Frage ist oft zu hören, wenn Menschen zum ersten Mal zu uns in den Dom kommen. Und sie ist naheliegend, denn der Leuchter sieht einer jüdischen Menora in der Tat sehr ähnlich. Und doch unterscheidet er sich von ihr in Form und Funktion.
Bei der jüdischen Menora sind die Leuchten fast immer auf einer Ebene, die in der Mitte ist manchmal leicht erhöht. Bei unserem Leuchter erkennt man einen zu den Seiten abfallenden Bogen. Und als weiterer Unterscheidungspunkt sind die deutlich erkennbaren Knospen an den Verzweigungen zu nennen, die ganz stark an eine Pflanze erinnern und bei einer Menora meist wesentlich zurückhaltender dargestellt werden.
Unser Leuchter ist sowohl Totenleuchter als auch Lebensbaum. Ursprünglich hatte er seinen Platz dort, wo jetzt der Marienaltar steht. Und wenn Sie bei Gelegenheit einmal auf das Grabmal von Heinrich und Mathilde schauen, werden Sie feststellen, dass die beiden mit offenen Augen dargestellt sind. Sie blickten also von ihrem Totenlager durch den Baum des Lebens in das himmlische Jerusalem, dass in der Vierung unseres Doms abgebildet ist.
Doch neben dieser Symbolik ist der Leuchter natürlich auch eine Umsetzung des göttlichen Bauplans für einen siebenarmigen Leuchter, wie ihn Mose im Alten Testament beschreibt. Und auch oder gerade deshalb ist es richtig und wichtig, dass er eine so zentrale Position in unserem Dom hat. Gestern war der europäische Tag der jüdischen Kultur und es bietet sich somit an, über dieses Thema zu sprechen.
Die Bibel besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Es sind zwei Teile, doch sie sind aus der Sicht des Christentums untrennbar miteinander verbunden. Christus ist nicht zu verstehen, wenn wir nicht auch immer wieder in die jüdische Bibel schauen, zurück zu Mose, den Propheten und in die Psalmen. Dort wird Jesu Kommen und seine Wesensart an vielen Stellen beschrieben und er selbst verweist regelmäßig auf das, was im Alten Testament geschrieben steht. „Ich bin nicht gekommen, um zu verwerfen, sondern um zu erfüllen“, so sagt er es selbst mit Blick auf die jüdische Bibel.
Immer wieder haben Menschen versucht, Christentum und christlichen Glauben nur auf die Bücher des Neuen Testaments zu gründen. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Haus zu bauen, aber auf das Fundament zu verzichten. Die Deutschen Christen waren in der Nazizeit so unterwegs mit ihren vollkommen abwegigen Versuchen, die Bibel zu „enjuden“. Wie ernstzunehmende evangelische Theologen auf so einen Blödsinn kommen konnten, ist mehr als rätselhaft. Denn eines sollte auch ihnen klar gewesen sein: Diejenigen, auf die wir unseren Glauben gründen, Paulus, Maria, die zwölf Jünger, sie waren Juden und last but not least war es Jesus auch.
Wir, Christen und Juden, haben dieselben Wurzeln und es ist gut, dass uns unser Leuchter jedes Mal hier im Dom daran erinnert. Amen.

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  Was geht mich das an?

Was geht mich das an?

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.09.2021

Was geht mich das an? Es ist die Frage der Gleichgültigkeit, die so klingt. Was geht mich das an? Gleichgültigkeit hat viele Gesichter und ganz unterschiedliche Folgen – und nicht nur negative. Wir können nicht jedes Problem zu unserem eigenen machen, denn irgendwann ist die persönliche Aufnahmekapazität erschöpft und alles, was darüber hinausgeht, ist zu viel des Guten, belastet uns übermäßig und schadet uns irgendwann.
So gesehen ist ein gesundes Quantum an Gleichgültigkeit durchaus angezeigt. Doch im Übermaß kann dieses „Was geht mich das an?“ schlimme Konsequenzen haben. Denn überall dort, wo Menschen alleine nicht mehr weiterkommen, sind sie darauf angewiesen, dass sie die Aufmerksamkeit anderer gewinnen können, die sie in ihrer Not und ihrer Hilflosigkeit sehen und helfen.
In vielen biblischen Geschichten geht es darum, dass Blinde wieder sehend, oder allgemeiner formuliert, dass Menschen die Augen geöffnet werden. Es sind Heilungsgeschichten, die von Jesus erzählen, doch es geht, so wie ich sie verstehe, nicht nur um körperliche Gebrechen. Es geht eben auch darum, sensibel und achtsam zu werden für unsere Mitmenschen, für ihre Bedürfnisse und ihre Not.
Das zu erreichen, gehört zu Jesu Hauptanliegen. Immer wieder zeigt er sich an der Seite derer, die am Rande stehen, die nicht mehr mithalten können, die am Ende sind mit ihrer Kraft und ihrem Können. Über dieser Woche heißt es: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Mit diesem Wort solidarisiert sich Jesus mit allen hilfsbedürftigen Menschen. Und er tut dies in einer nicht mehr zu steigernden Art und Weise, denn er stellt sich ihnen gleich, macht sich zu ihrem Stellvertreter und sie zu seinen. Was er damit sagt, ist nichts Geringeres, als dass er uns in jedem einzelnen, der auf Hilfe angewiesen ist, höchstpersönlich begegnet.
Und um von vornherein jeglichen Ausflüchten den Boden zu entziehen, dreht er seine Aussage auch noch um, wenn er sagt: „Was ihr nicht getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Also auch das Unterlassen nimmt er in den Blick.
Ich denke, wir sollen all das nicht als Drohung verstehen, sondern vielmehr als eine deutliche Erinnerung daran, wie ein menschliches Miteinander aussehen kann, ein Miteinander, wie Gott es für uns vorgesehen hat. Paulus schreibt es kurz und prägnant mit seinen eigenen Worten: „Einer trage des anderen Last.“
Das soll gelten, im Kleinen für jede und jeden einzelnen von uns, aber auch im Großen, wo wir als Gesellschaft nicht auf Kosten anderer leben, sondern vielmehr unsere wirtschaftliche Kraft auch dafür verwenden sollen, die Schwächeren und Ärmeren auf dieser Welt zu unterstützen. Und ich habe Zweifel, ob wir das wirklich gut hinbekommen, so lange wir jedes Jahr ungleich mehr für Rüstung ausgeben als für Entwicklungshilfe.
Was geht mich das an? Um mal eine Antwort auf diese Frage zu versuchen: Als Christenmensch eine ganze Menge! Amen.

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  Wolkenkratzer

Wolkenkratzer

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.09.2021

Das höchste Gebäude Braunschweigs, mal abgesehen vom Fernmeldeturm in Broitzem und dem Schornstein des Heizkraftwerkes steht am Schwarzen Berg. Es hat 22 Stockwerke und bei gutem Wetter kann man von ganz oben bis zu den Höhenzügen bei Hildesheim schauen. Früher waren es die Kirchtürme, die alle anderen Gebäude überragten, doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der höchste Wohn- und Büroturm der Welt steht heute in Dubai. 828 Meter ist er hoch und hat knapp 190 Etagen, also rund neunmal so viele wie das Braunschweiger Hochhaus im Norden der Stadt.
Warum quäle ich Sie mit diesen ganzen Zahlen? Nun, heute ist der Tag der Wolkenkratzer. Er wurde wahrscheinlich zu Ehren des amerikanischen Architekten Louis Sullivan ins Leben gerufen, der im 19. und 20. Jahrhundert diverse Wolkenkratzer in den USA entworfen und gebaut hat.
Die Geschichte der Wolkenkratzer geht allerdings viel weiter zurück. Die älteste Erwähnung findet sich überraschenderweise nicht in einem Reiseführer, sondern in der Bibel. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist der erste Bericht über ein Vorhaben der Menschen, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel, ja bis hin zu Gott reicht. Es wird keine Erfolgsstrory, wie wir alle wissen.
Gott bestraft das überhebliche Ansinnen der Menschen, durch den Turmbau so zu werden wie er, in dem er ihre Sprache verwirrt. Aus einer gemeinsamen werden viele verschiedene. Damit funktioniert die Verständigung nicht mehr, das Bauvorhaben gerät ins Stocken und muss schließlich komplett abgebrochen werden. Die Menschen sammeln sich in kleinen Grüppchen, die jeweils dieselbe Sprache sprechen und zerstreuen sich in alle Welt. Das gemeinschaftliche Projekt des Turmbaus scheitert.
Ich fühle mich oft an diese alttestamentliche Geschichte erinnert, wenn ich auf die großen Projekte und Herausforderungen unserer Zeit schaue. Das Bauen von Wolkenkratzern funktioniert in unseren Tagen ja ganz gut, doch bei manch anderer Problemstellung, die auch nur mit einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung zu lösen wäre, kommen wir nicht voran. Es gelingt nicht, dass die Verantwortlichen dieser Welt in Fragen des Klimaschutzes, der Bekämpfung des Hungers, der Sicherung des Friedens und der Beendigung von Krieg, Gewalt und Terror mit einer Sprache sprechen.
Sicherlich können sie sich auf Englisch verständigen. Doch es sind dennoch unterschiedliche Sprachen, die gesprochen werden, in Dialekten und Akzenten, die von eigenen Interessen geprägt sind, die den Wortschatz der Lobbyisten enthalten, die Betroffenheit vorgaukeln, um das Leugnen zu verstecken.
Und am Ende zieht man sich ergebnislos wieder in die eigenen Kreise zurück, sich rühmend, doch alles versucht zu haben, aber die anderen hätten es nicht verstanden. Und so bleiben die nötigen Lösungen nichts weiter als Ruinen, so wie seinerzeit der berühmte Turm zu Babel, von dem heute nichts mehr übrig ist.
Damals wollten die Menschen sein wie Gott; das hat er verhindert. Die Diskussionen um die großen Probleme unserer Welt haben alle das Ziel, dass Lebensmittel und Lebenschancen fair verteilt werden und dass wir alle und die uns nachfolgenden Generationen eine Zukunft haben. Bei diesem Bemühen haben wir Gott ganz sicher auf unserer Seite. Vielleicht sollten wir uns an seiner Botschaft orientieren und ihn ehrlich um Hilfe bitten? Schaden würde es nicht. Amen.

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  September

September

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.09.2021

Über diesem neuen Monat steht ein befremdliches Wort aus dem Propheten Haggai: „Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.“
Kein Konjunktiv. Ist-Beschreibung.
So viel Vergeblichkeit.
So viel Nutzlosigkeit.
Und auch: so schlimm ist es eigentlich gar nicht, jedenfalls hier nicht.
Man kann also mit ein bisschen „Augen zu und durch“ einigermaßen um dieses Bibelwort drumherum cruisen, es bestenfalls zum Aufhänger für das nehmen, womit der Prophet seine Worte einleitet:
Gott spricht: „Achtet doch darauf, wie es euch geht!“
Wie geht es uns?
Wir hören von der drohenden vierten Coronawelle und der Inflationsgefahr.
Das neue Schuljahr beginnt und nichts ist normal.
Die Wahlen stehen vor der Tür. Ob unser Land demokratiefähig ist, ob Wählerinnen souveräne Entscheidungen treffen oder sich manipulieren lassen, wird sich weisen.
Aber auch.
An den meisten Orten dieser Erde sind Menschen ärmer, kränker, rechtloser als hier.
Aber auch:
Heute jährt sich der Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Seither ist in unserem Land kein Krieg mehr gewesen. Wir leben in der dritten Generation in Frieden.
Sind wir ein dankbares, zufriedenes, glückliches Volk?
Sind wir endlich satt, fühlen uns warm und geborgen?
„Achtet doch darauf, wie es euch geht!“
Ja, wir sind satt aber auf ungute Weise. Uns ist warm – aber nicht zur rechten Zeit. Wir haben viel Geld und trotzdem fehlt es an so vielem.
Wenn Ihr also merkt, es ist noch lange nicht gut ist, dann, so sagt Gott, „liegt es daran, dass mein Haus wüst und leer steht“, dass der innere Kompass verlorengegangen ist, dass ihr euch nur um euch selber dreht.
Das sind und bleiben harte Worte. Sie sind offenbar immer wieder nötig. Und müssen immer wieder gehört worden.
Dann kehrten die Menschen um. Dann war Gott mit ihnen.
Warum sollte es nicht auch bei uns so sein. jetzt? Im September?

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  Der Tag der Verschwundenen

Der Tag der Verschwundenen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.08.2021

Dorothee Sölle:
„Argentinien Dezember 1982
An jedem Donnerstag seit sieben Jahren / gehen die Mütter zum großen Platz / und umkreisen schweigend die Mitte / und tragen das weisse Kopftuch / der sorge der Angst und des Mutes / und Schilder in ihren Händen / wo sind sie / gebt sie heraus / wir werden sie finden / con vida mit Leben con vida / An jedem Donnerstag seit sieben Jahren / geht die Hoffnung der Welt um die Plaza die Mayo / dass die verschwundenen wieder auftauchen / nicht als verstümmelte Leichen im Massengrab / dass die Passanten wieder Menschen werden / die nicht wegsehen müssen und sich selber verstümmeln / dass die Folterer und ihre Lehrer umkehren / vom Geschäft mit den bluttriefenden Apparaten / geht die Hoffnung der Welt um die Plaza die Mayo / an jedem Donnerstag seit sieben Jahren“
1982 war das.
Noch immer versammeln sich jeden Donnerstag in Buenos Aires die Großmütter und Mütter mit den weißen Kopftüchern. Noch immer suchen sie ihre Kinder und Verwandten, die in den 70er und 80er Jahren in Argentinien entführt, gefoltert und ermordet worden sind.
Auch im benachbarten Chile verschwanden hunderte politische Gefangene. Man warf sie ins Meer. Ihre Leichen konnten nie geborgen werden, weil die Gefangenen zuvor mit Gewichten beschwert wurden.
Heute geht man in Mexiko von 90.000 Menschen aus, deren Spuren sich – verharmlosend gesagt – verloren haben. Sie wurden und werden von Drogenkartellen verschleppt, Zahllose private Suchtrupps durchforsten das Land. Sie suchen nach ihren Schwestern und Brüdern, Töchtern und Söhnen… Es hat kein Ende.
In diesem Jahr verschwanden 3.400 Mädchen und Frauen in Peru. In Afrika werden 48.000 Menschen vermisst… Ihre Angehörigen erleiden nicht nur den Schmerz des Verlustes und die Angst, dass ihren Nächsten etwas Schlimmes passiert ist, sie erleben auch bürokratische Schikanen.
Gestern war der „Internationale Tag der Verschwundenen.“
Wenn wir auch nichts tun können. So können wir doch erinnern, hinsehen, beten. Und hinhören. Denn über diesem Tag heißt es bei dem Propheten Jesaja: „So spricht der Herr: Gleichwie ich über dies Volk all dies große Unheil habe kommenlassen, so will ich auch alles Gute über sie kommen lassen, das ich ihnen zugesagt habe.“ Hoffentlich bald.

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  Schöpfungstag

Schöpfungstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.08.2021

Die beiden sächsischen Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers haben ein gemeinsames Wort zum Schöpfungstag veröffentlicht. Vor etlichen Jahren hat die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen diesen Fest- und Gedenktag auf den Weg gebracht. Man wollte angesichts der großen Fragen unserer Zeit Gott dem Schöpfer im Kirchenjahr einen Ort geben. Der fehlte bis dahin: wir feiern Gott den Sohn zu Weihnachten und Ostern, Gott, den Heiligen Geist zu Pfingsten, aber Gott den Vater, den Schöpfer, den Allmächtigen?
So kam es zum Schöpfungstag – ein bisschen flexibel gelegt: Anfang September…
Die beiden Bischöfe erinnern in ihrem diesjährigen Begleitwort an einen Text von Jörg Zink. Der erzählte – schon vor fünfzig Jahren! - in seinen „letzten sieben Tagen der Schöpfung“ Folgendes:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber nach vielen Jahrmillionen meinte der Mensch, endlich klug genug zu sein. Er sprach: Wer redet hier von Gott? Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand. Er nahm sie und es begannen die letzten sieben Tage der Erde. Tief unten in der Hölle erzählte man sich nun die spannende Geschichte vom Menschen, der seine Zukunft in die Hand nahm, und das Gelächter dröhnte hinauf bis zu den Chören der Engel.“
Ob das Gelächter der Unentschlossenheit gilt, wirklich ins Handeln zu kommen und endlich dafür zu sorgen, dass es gerechter und ressourcenschonender auf der Welt zugeht oder wahrscheinliches Scheitern verspottet wird, weil Geld, Wohlstand, Privilegien, Boni am Ende doch wichtiger sind als die Zukunft – wer weiß.
Dieses Jahr steht der Schöpfungstag jedenfalls unter dem Motto aus dem Johannesevangelium: „Damit Ströme lebendigen Wassers fließen“.
Ursprünglich in Tagen der Dürre ausgesucht, bleibt es einem jetzt fast im Halse stecken. Das schlimme Hochwasser ist eben erst über die Menschen im Südwestend er Republik hereingebrochen. Gestern wurde der Opfer in einem Gottesdienst in Aachen gedacht.
Falsches Motto? Ja, vielleicht. Aber wenn wir genauer hinhören, dann heißt es: Jesus Christus sagt: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, Ströme lebendigen Wassers fließen.“
Wer an Jesus Christus glaubt, der wird wie eine segensreiche erfrischende lebenspendend Quelle – egal worum es geht. Überfließend von Hoffnung und Zuversicht. Tröstend, kühlend, reinigend. Und als solche können wir uns doch wagen, die Zukunft in die Hand zu nehmen ohne dass man sich in der Hölle schief lacht.


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  Spiegelbilder

Spiegelbilder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.08.2021

Manchmal fahre ich im ersten Morgenlicht eine Runde mit dem Stehpaddel auf der Oker. Es ist immer wieder ein besonderes Gefühl, wenn die Oker so unberührt und still liegt, dass sich jeder Baum messerscharf spiegelt und jeder Paddelschlag eine beinahe intime Berührung ist.
Eva Strittmatter hat einmal so ein ähnliches Erleben ins Gedicht gefasst: „Mein ist der Morgen in den Wäldern“, schrieb sie „die Stille, die von Sternen fällt / die erste Spur hin zu den Wäldern / und ich erschaffe mir die Welt“
So erlebe ich das oft und vielleicht ist die stille Konzentration, die diese Gleichgewichtsübung ja braucht, ein zusätzliches meditatives Moment.
Neulich habe ich dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht.
Solange ich unter freiem Himmel fahre, sich also Wolken und Bäume im Wasser spiegeln, nehme ich nur die Oberfläche wahr – das Bewusstsein für die Wassertiefe (wenn man mal von den oberflächennahen Wasserpflanzen absieht) geht verloren.
Aber unter Brücken bekommt das Spiegelbild eine verwirrende Tiefendimension – der Kopf weiß, auch das ist nur ein Spiegelbild, zumal man ja die Graffitis lesen kann. Trotzdem habe ich habe fast Gleichgewicht verloren – es fühlte sich an wie Höhenangst.
Ich weiß nicht, woran es liegt – aber die Erfahrung ging mir nach.
Machen wir uns über die Wackligkeit des Bodens unter unseren Füßen so wenig Gedanken, dass man das Gleichgewicht verliert, wenn man mit Bewusstsein sieht, wo und wie man unterwegs ist?
Oder ist das Zusammensein von Mensch und Natur so verletzlich, dass es keine zusätzliche Dimension verträgt?
Sehe ich meine eigene Tiefe, Gefährdung – oder verdränge ich all das dauernd, als wäre all das nur ein Spiegelbild?
Mithin, was ist wahr und wirklich und was nur optische oder sonstwelche Täuschung? Werde ich dauernd von Bildern vorwärts getrieben, die doch nur merkwürdige Spiegelungen sind? Im 1. Korintherbrief heißt es:
„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“
Stückweise. Oder eben immer wieder: eine erste Spur, ein erster Paddelschlag, ein erster Schritt zu dem hin, der der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist.


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  Caroline

Caroline

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.08.2021

Wort zum Alltag 26. August 2021

Wenn Sie mögen, dann bleiben Sie nachher noch einen Moment hier. 17.30 gibt es eine Lesung aus zeitgenössischen Dokumenten über die Beisetzung der englischen Königin Caroline, Prinzessin von Braunschweig, deren letzter Wunsch es war, hierher nach Braunschweig zurückzukommen.
Wenn ihrer Biografie nachgeht, dann wird mir einmal mehr bewusst, wie weit der Weg zu einem einigermaßen selbstbestimmten Leben für Frauen gewesen ist – egal aus welchen gesellschaftlichen Schichten sie stammen - und auch, wie bitter es ist, dass diese mühsamen errungenen Freiheitsrechte in Afghanistan schon wieder derartig gefährdet sind.
Caroline Amalie Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel jedenfalls wurde 1768 auf Schloss Richmond geboren und wuchs, wenn man das denn glauben kann, einigermaßen frei heran – ohne jede religiöse Erziehung, damit eine konfessionelle Bindung nicht irgendwelchen günstigen Ehen im Weg stünde. Sie galt als witzig und vorlaut, hübsch.
Eine Liebesheirat, schon gar eine selbstgewählte Partnerschaft kam nicht infrage. Caoline wurde vielmehr am 7. April 1795 mit dem Prinzen von Wales und nachmaligen Königs Georg IV verheiratet. Die Ehe muss vom ersten Moment an ein Elend gewesen sein, das nur Karikaturisten Freude machte. Von der jungen Frau ist der Ausspruch überliefert: „Mein Vater war ein Held, mein Mann ist eine Null.“ Die Abneigung war tief und beidseitig. Auch er ließ nicht viel Gutes an seiner Gemahlin.
Nach der Geburt ihrer Tochter, exakt neun Monate nach der Hochzeit, trennten sie sich. Caroline lebte nahezu in Hausarrest während George sich um die Scheidung und Legitimierung einer früheren heimlichen Ehe bemühte.
Weitestgehend vom Hof geschnitten, von der britischen Bevölkerung und der Presse dagegen mit größter Sympathie begleitet, zerbrach die Ehe zehn Jahre später endgültig. Man kann nur ahnen, was das für eine selbstbewusste Frau bedeutet haben muss, wenn Heiraten und Gebähren das Einzige sind, was von ihr erwartet wurde.
Offenbar hatte Caroline aber dennoch die Souveränität sich soweit freizuschwimmen, dass sie ein für ihre Zeit und ihren Stand unkonventionelles Leben führen, sich ihrer Tochter und zahlreichen Pflegekindern widmen und ausgiebig reisen konnte.
Allerdings sah sie sich immer wieder demütigenden Untersuchungen ausgesetzt, mit deren Ergebnissen ihr Mann vergeblich die Scheidung erzwingen wollte.
Als Georg 1820 schließlich den Thron bestieg, verlangte er, Caroline möge sich des Namens und der Rechte einer Königin von England enthalten. Dagegen wehrte sie sich erfolgreich. Aber die Teilnahme an der Krönung im Sommer 1821 wurde ihr dennoch verwehrt.
Kurz darauf starb sie und wurde auf ihren Wunsch hin nach Braunschweig überführt.
Sie muss eine eigensinnige und mutige Frau gewesen sein und litt vermutlich genau daran. Über ihrem 200. Todestag hieß es aus dem 2. Korintherbrief: „Jeder gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang.“
Möge sie Frieden gefunden haben.

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  Ein Kind, in ein Tuch gewickelt...

Ein Kind, in ein Tuch gewickelt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.08.2021

Vielleicht haben Sie das auch gesehen: den norwegischen Soldaten in voller Montur, mit den Ohrschützern auf dem Kopf und in seinem Schoß das kleine Kind, eingewickelt in ein weißes Tuch, das schwarzhaarige Köpfchen lugte hervor. Oder den Marine mit dem Kleinkind im Arm, das kurze Shirt, die kleine blaue Hose, nackte Arme und Beine …
Geborgen und verloren gleichermaßen.
Aus dem unbegreiflichen Zusammenbruch in Kabul sind diese beiden gerettet, wie auch immer diese beiden Kinder ihren Weg in die schützenden Arme gefunden haben – ich mag mir nicht vorstellen, wie Eltern das überstehen, falls sie ihre Kinder selbst fortgegeben haben.
Dabei hat es das immer wieder gegeben.
Jüdische Eltern haben ihre Kinder während des dritten Reiches fremden Menschen anvertraut, die sie außer Landes gebracht haben – wohl wissend, dass sie ihre Kinder womöglich nie wieder sehen.
In Mexiko und Afrika schicken Eltern ihre Kinder auf lebensgefährliche Fluchtrouten und legen ihnen die Hoffnung auf ein besseres Leben ganzer Großfamilien auf die Schultern.
Jetzt kommen solche herzzerreißenden Fotos aus Afghanistan.
Wer weiß, wo und wie diese Kinder großwerden.
Wer weiß, was sie wissen werden über ihre Eltern und Großeltern, ihr Heimatland und ihre Muttersprache, ihre Wurzeln.
Wer weiß, ob die Eltern noch leben …
Vielleicht werden wir diese Bilder am Heiligen Abend vor unserem inneren Auge haben, wenn wir uns daran erinnern, dass Gott sich uns Menschen als hilfloses Kind anvertraut – vielleicht in Tücher gewickelt mit solch dunklen Haaren, ganz sicher angewiesen darauf, dass Menschen sich seiner erbarmen.
Vielleicht werden wir daran denken, wenn uns anfasst, wie erbarmungswürdig die Umstände damals waren und immer wieder sind.
Und hoffentlich werden wir dann wieder singen (Paul Gerhardts 8. Strophe von „Fröhlich soll mein Herze springen“): „Wer sich fühlt beschwert im Herzen / wer empfind seine Sünd und Gewissensschmerzen; / Sei getrost: hier wird gefunden, / der in Eil machet heil / die vergiften Herzen…“

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  Euer Herz erschrecke nicht

Euer Herz erschrecke nicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.08.2021

Als Margot Käßmann 2010 in der Dresdner Frauenkirche die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ auslegte, begann sie ihre Neujahrspredigt mit dem Nachdenken, was es bedeutet zu erschrecken:
„Erschrecken - weil ich erkenne, dass es keine Perspektive gibt für mein Leben. …
Erschrecken - ich habe Schuld auf mich geladen. Das kann ich nicht wieder gut machen, da gibt es keinen Weg zurück.
Wenn wir so von tiefstem Herzen erschrecken, dann steht unser ganzes Leben auf dem Prüfstand. …
Euer Herz erschrecke nicht!“ sagte sie damals „das ist sozusagen die Visitenkarte Gottes. Wir dürfen darauf vertrauen: Gott will uns begleiten auf allen unseren Wegen - Gottes Engel weichen nie. Aber es gibt einen Kontrast zwischen Gottes Zusage und unserem unfertigen, unvollkommenen Leben. Da ist eine Verheißung spürbar, aber die Realität ist knallhart….
Nichts ist gut in Sachen Klima …
Nichts ist gut in Afghanistan.
Waffen schaffen offensichtlich keinen Frieden in Afghanistan.“
Damals erntete sie Häme, Spott und Empörung.
Wenig später reiste ihr Nachfolger Nikolaus Schneider nach Afghanistan.
Er redete von Hoffnung auf dünnem Eis.
Von der Gefahr des Scheiterns.
Und initiierte eine Denkschrift der EKD zum Einsatz in Afghanistan und der Frage evangelischer Friedensethik. In einem Interview sagte er dazu: „Die Welt ist noch nicht das Reich Gottes und es gibt das Böse als einen realen Machtfaktor.“
Da hat er Recht. Ich höre es und spüre, dass wir angesichts der Nachrichten und Bilder der letzte Wochen heute noch ganz anders erschrocken vor diesen großen Themen stehen. Betroffen. Beteiligt. Gescheitert.
„Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich… “
Das gilt noch immer. Lasst uns damit endlich anfangen, sonst hört der Schrecken nicht auf.



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  Vier Minuten

Vier Minuten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.08.2021

Am 25. Mai 2020 starb George Perry Floyd in Minneapolis, nachdem ein weißer Polizeibeamter neun Minuten und 29 Sekunden lang mit vollem Körpergewicht auf seinem Hals kniete.
Ein Aufschrei ging um die Welt.
Weit über die Vereinigten Staaten hinaus demonstrierten Menschen aller Hautfarben gegen Polizeigewalt und Rassismus. Das Motto „Black Lives Matter“ war in aller Munde.
Im Juni dieses Jahres wurde der Polizist zu 22,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zur gleichen Zeit starb ein anderer Mann. keine 400 km von hier in Tschechien unter ähnlich brutalen Umständen. Auch er 46 Jahre alt.
Stanislav Tomás lag auf dem Bauch, sein Oberkörper war nackt, auf seinem Rücken kniete ein Polizist, zweitweise waren es sogar drei. Der Todeskampf dauerte vier Minuten. Von einer Intervention umstehender Zeugen ist nichts bekannt. Ein Video von dem Mord im Netz wurde lange nicht bemerkt.
Der Mann gehörte zu Europas größter Minderheit: den Roma.
Die Polizei nannte eine Erkrankung der Herzkranzgefäße als Todesursache. Innenminister und Premierminister legten schnell nach: So einer könne nicht mit Samthandschuhen behandelt werden.
Wo bleibt der Aufschrei?
Wo bleiben Demonstrationen und ein Motto, das viral geht?
Nichts davon war zu erwarten.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes fasste die Ergebnisse ihrer Expertise über „Bevölkerungseinstellungen zu Sinti und Roma“ so zusammen:
„Bei keiner anderen Gruppe zeigt sich ein so durchgängig deutliches Bild der Ablehnung.“ Bei der Frage: Wen wollen sie auf keinen Fall in ihrer Nachbarschaft wohnen haben, landeten die Roma und Sinti auf dem Spitzenplatz.
Vorurteile ihnen gegenüber sitzen tief. Während des Nationalsozialismus wurde eine halbe Million Roma und Sinti ermordet. Es brauchte Jahrzehnte bis sie als Opfer der NS-Zeit anerkannt wurden.
Noch immer gibt es hier keine selbstverständliche Solidarität.
Über diesem Tag heute heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 3. Buch Mose: „Entweiht nicht meinen heiligen Namen!“
Das passiert immer, wenn ein Mensch seiner Würde beraubt wird. Immer.

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  Erhebt eure Häupter!

Erhebt eure Häupter!

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.08.2021

„Ruhiges und beherrschtes Ertragen von etwas, was unangenehm ist oder sehr lange dauert“, so steht es im Duden. Ich persönlich könnte manchmal eine Portion mehr davon vertragen und andere, die offensichtlich sehr viel davon haben, machen mich mitunter ganz unruhig. Wir sind sehr unterschiedlich damit ausgestattet, doch man kann eigentlich nie zu viel davon haben, weil sie ein Segen ist, die Geduld.
Wir brauchen sie im Wartezimmer unseres Zahnarztes genauso wie nach dem Absenden unserer Steuererklärung, sie war für viele zwingend erforderlich, als wir uns noch auf Wartelisten für Impftermine eintragen mussten, bei Kindern wird sie in der Zeit vor Weihnachten und vor dem eigenen Geburtstag stark strapaziert und diese Liste ließe sich munter fortsetzen.
Auch in unserem Verhältnis zu Gott kommen wir ohne Geduld nicht aus. Das Stück von Georg Friedrich Händel, mit dem uns Domkantor Gerd-Peter Münden gleich aus dem Mittagsgebet verabschieden wird, trägt den Titel: „Lift up your heads“, „Erhebt eure Häupter“. Ein Zitat aus dem Lukasevangelium. Jesus beschreibt dort, wie es sein wird, wenn er zurück in unsere Welt kommt – in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit, wie er sagt. Wenn das geschieht, dann mögen wir unsere Häupter erheben, weil sich unsere Erlösung naht.
Und bis dahin? Geduld bewahren, da haben wir’s wieder. Aber Geduld bewahren mit hängenden Köpfen, die wir erst dann wieder erheben können, wenn Jesus zurück in diese Welt kommt? Das kann es doch nun auch nicht sein, oder? Nein, ganz sicher nicht! Niemand von uns weiß, wann dieser jüngste Tag sein wird und niemand von uns hat darauf Einfluss. Aber in der Zeit bis dahin darf es uns durchaus gutgehen. Klar werden wir auch mal die Ohren hängen lassen, weil das zum Leben einfach dazugehört. Aber ein Dauerzustand soll und darf das nicht sein.
Am letzten Sonntag wurde in unseren Kirchen über einen Abschnitt aus dem Epheserbrief gepredigt und der enthält eine für uns in diesem Zusammenhang geradezu umwerfende Information. Denn Paulus schreibt, dass Gott uns nicht erst irgendwann in ferner Zukunft seine Herrlichkeit zeigen wird. Nein, wir sind bereits heute mit Jesus eingesetzt im Himmel, schreibt der Apostel.
Das ist doch erstmal eine Basis, auf der es sich gut leben lässt. Denn dieser Satz bedeutet: Gott wird sich nicht erst nach dem jüngsten Tag um uns kümmern, nein, er tut es schon jetzt – mit seiner Liebe, mit seiner Barmherzigkeit und mit seiner Vergebungsbereitschaft. Ja, wir müssen mit viel Geduld auf seine neue Welt warten, in der er selbst all unsere Tränen abwischen wird und in der wir mit ihm leben werden.
Und bis dahin wird uns das Leben ganz sicher und immer mal wieder mit Ereignissen, Erlebnissen und Erfahrungen konfrontieren, bei denen wir die Köpfe hängen lassen, weil sie uns Schmerz und Leid und Trauer bringen. Doch gerade in diesen Situationen ruft Gott uns schon heute zu: „Lift up your heads“, „Erhebt eure Häupter!“ Denn Himmelsbewohner seid ihr schon jetzt. Amen.

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  Enge Grenzen

Enge Grenzen

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2021

Eine Eigenschaft, die Menschen mitunter attestiert wird, ist, dass sie engstirnig sind. Damit ist nun keine anatomische Besonderheit der Schädelknochen gemeint, sondern vielmehr die Art und Weise, wie diese Menschen über bestimmte Sachverhalte denken. Wenn Meinungen sehr festgefahren sind, persönliche Haltungen bestimmte Überlegungen, Handlungen oder Standpunkte von vorherein ausschließen, dann wir oftmals dieser Vorwurf der Engstirnigkeit erhoben.
Dass wir unsere ganz persönliche Weltanschauung haben, unser eigenes Wertesystem und unsere gefestigte Sicht auf das ein oder andere Thema ist richtig und wichtig. Daran können wir uns orientieren, das gibt uns Halt und Sicherheit in neuen Situationen, im Kontakt mit bisher Unbekannten und Unbekanntem. Doch im Übermaß führt es zu fehlender Flexibilität im Denken, und das ist eher von Nachteil. Dann sind wir gefangen in unseren engen mentalen Grenzen und finden nicht mehr heraus.
Eines der aktuellen Wochenlieder macht das zum Thema. „Meine engen Grenzen“, so lautet der Titel und die erste Strophe geht so:
„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Es ist ein Gebet, eine Bitte, die vor Gott gebracht wird, und ich finde sie beeindruckend, weil sie so offen vorgetragen ist. Die Bitte klingt für mich so, als würde sie aus einer tiefen Einsicht über die eigene geistige Enge erwachsen. Die oder der Betende grenzt das gar nicht auf ein bestimmtes Thema ein – die engen Grenzen, die ich immer spüre, wenn ich über Ausländer nachdenke, über den Klimawandel oder über die Kirche. Nein, es geht um alle Grenzen, um alle Begrenztheit, um alle Denk- und Handlungshürden.
Diese kurze Sicht, wie es heißt, bringt der Beter oder die Beterin vor Gott mit der Bitte um Weite. Doch wie soll das gehen? Am Abend vor dem Schlafengehen schnell diesen Vers gebetet und am nächsten Morgen hat sich dann der persönliche Horizont in bisher ungeahnte Sphären vergrößert? Nein, ich fürchte, so wird das in aller Regel nicht funktionieren. Aber aussichtslos ist es deswegen trotzdem nicht.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott in der Lage ist, Menschen massiv und nachhaltig zu verändern, alte Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen und Raum zu schaffen für Neues. Ich bin mir deswegen so sicher, weil ich es an mir selbst erleben durfte. Gott kann durch sein Wort unseren Gedanken neue Richtungen geben, kann dazu beitragen, dass wir von dieser Welt, von unseren Mitmenschen und auch von unserem eigenen Leben ein komplett verändertes und meist klareres Bild erhalten.
Ja, wir können Gott, so wie in der zitierten Liedstrophe darum bitten. Viel wichtiger ist aber, dass wir uns öffnen für ihn und seine Botschaft, dass wir bereit sind, mit ihm und auch mit anderen Menschen über unseren Glauben und reden und darüber, welche Bedeutung er in unserem Leben hat, wo er uns leitet, wo er uns Fragen aufgibt, wo wir Zweifel haben.
Das, so denke ich, kann ein guter Weg sein, manches in einem anderen Licht zu sehen, das eine oder andere in Frage zu stellen und vieles neu zu entdecken. Das schafft Weite in uns, die wir dann neu füllen können – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Welttag der humanitären Hilfe

Welttag der humanitären Hilfe

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.08.2021

Heute ist der Welttag der humanitären Hilfe, oder besser gesagt, der Welttag der humanitären Helferinnen und Helfer. Er wurde von der UN-Vollversammlung ins Leben gerufen und wird jedes Jahr am 19. August begangen. Das Datum erinnert daran, dass am 19. August 2003 der UN-Sonderbeauftragte im Irak, Sergio Vieira de Mello zusammen mit 21 weiteren UN-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei einem islamistischen Bombenanschlag auf ein Hotel in Bagdad getötet wurden.
Die Zahl der Menschen, die weltweit freiwillig und ehrenamtlich in vielen Hilfsorganisationen humanitäre Hilfe leisten, ist unüberschaubar. Sie sind in den Schwellen- und Entwicklungsländern im Einsatz, aber auch in den Kriegs- und Krisengebieten, so zum Beispiel in Syrien, dem Libanon, in Afghanistan, oder, ganz aktuell, auch in den Überschwemmungsgebieten in unserem Land.
Die Hilfsbereitschaft ist groß und so geraten immer wieder Helferinnen und Helfer selbst in Gefahr, erleiden Verletzungen oder verlieren sogar ihr Leben. UN-Generalsekretär Guterres bezeichnete sie als die unbesungenen Helden dieser Welt.
Das, was diese Menschen leisten, ist kaum quantifizierbar und ohne ihr Tun wären das Leid und die Not auf dieser Welt sicher um ein Vielfaches größer. Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg zeigt, wie segensreich ihre Hilfe ist. Die vielen Hundert Hände, die dort mit angepackt haben und weiterhin mit anpacken, um Schutt und Schlamm zu beseitigen, Müll beiseite zu räumen aber auch die Menschen vor Ort zu trösten, sie hätten durch staatliche Maßnahmen niemals aufgeboten werden können.
Ich will hier niemanden für irgendetwas vereinnahmen, aber eine solche Art der Hilfe, ist für mich ganz dicht an dem, was Gott von uns erwartet, wenn es um unseren Umgang miteinander geht. Und nur, um es noch einmal klar zu sagen: Menschen, die einander Gutes tun, die den anderen in seiner Not sehen und helfen, die gibt es natürlich auch außerhalb der christlichen Gemeinschaft und gewiss nicht jeder, der sich einen Christenmenschen nennt, hat wirklich verinnerlicht, wie Gott unser Leben für uns gedacht hat.
Nichtsdestotrotz, wenn wir hier in einer Kirche über humanitäre Hilfe reden, dann ist Jesu Botschaft und sein Beispiel, das er uns mit seinem Leben gegeben hat, nicht wegzudenken: „Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, so sagt er. Und damit steht für mich fest, dass das Tun dieser Helferinnen und Helfer auf der ganzen Welt unter seinem Segen steht, ganz gleich welcher Konfession sie angehören. Der Welttag der humanitären Hilfe ist eine gute Gelegenheit, um an diese tätige Nächstenliebe zu erinnern. Amen.

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  Tempo

Tempo

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.08.2021

Die wichtigste technische Einrichtung an einem Auto ist die Bremse. Mein Fahrlehrer hat mir das vor knapp 40 Jahren mal gesagt und ich habe es mir gemerkt. Und ja, es stimmt auch. Wenn ein Auto aus welchen Gründen auch immer nicht losfahren will, ist das zwar ärgerlich, allerdings erst einmal keine Katastrophe. Wenn es aber nicht mehr anzuhalten ist und geradewegs auf ein Hindernis zurast, und wir sitzen drin, dann ist das schon eine andere Nummer.
Dabei spielt Geschwindigkeit bei uns in vielen Bereichen eine große Rolle und manch einer lässt sich ungern darin beschränken. Wie wären sonst die ewigen Diskussionen zu erklären, die immer wieder aufbrechen, wenn es um ein generelles Tempolimit auf unseren Autobahnen geht. Vor einiger Zeit hat unsere Lokalzeitung dazu einen Leserbrief veröffentlicht, dessen Autor die Meinung vertrat, es wäre ein Armutszeugnis, wenn man gerade uns Deutschen das Schnellfahren verböte, wo wir doch als Nation das Auto quasi erfunden hätten und im Gegensatz zu den anderen Europäern auch hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn beherrschten. Ich lasse das mal so stehen.
Doch nicht nur auf unseren Autobahnen, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen geht es rasant zu. Zum Beispiel an der Supermarktkasse: Da dürfen Sie sich auf keinen Fall durch irgendetwas ablenken lassen, denn ruckzuck kommen Sie mit dem Einpacken der gescannten Waren ins Hintertreffen. Die Kassiererin ist längst fertig, hat Ihnen vielleicht schon zum zweiten Mal zugerufen, wie viel Sie zu bezahlen haben, und Sie packen immer noch Käse, Wurst und Marmelade in Ihren Korb. Von den bösen Blicken der anderen Kunden in der Warteschlange will ich gar nicht reden.
Und auch, wenn wir uns mal was gönnen wollen, darf man sich nicht immer Zeit lassen. Es gibt Restaurants, da haben Sie die letzte Gabel kaum zum Mund geführt, und schon ist der Teller abgeräumt und während Sie noch auf dem Hauptgericht herumkauen, steht schon der Nachtisch vor Ihrer Nase.
Sören Kierkegaard hat mal geschrieben: „Die meisten Menschen hassten so sehr nach Genuss, dass sie an ihm vorbeirennen.“ Da ist viel Wahres dran. Und wer schlau ist, nimmt sich Zeit. Denn wenn wir mehr Zeit haben, dann ist die Zeit kein Gegner mehr, den ich möglichst gut austricksen muss, um ihn zu beherrschen. Wenn wir mehr Zeit haben, dann können wir uns auf das einlassen, was gerade dran ist und müssen nicht schon in Gedanken bei den nächsten Aktivitäten sein. Wir können, um noch mal in das vorherige Bild zurückzublenden, den Hauptgang bis zum letzten Bissen genießen, ehe wir uns dem Nachtisch zuwenden.
Auch die Bibel rät uns zur Entschleunigung. Sie berichtet, dass sich Jesus immer mal wieder zurückgezogen hat, um Zeit für sich selbst zu haben. 40 Tage war er in der Wüste, um zu fasten und zu beten, 40 Tage lang weg von allem Trubel, von aller Hektik, von allem Termindruck. Auch er hatte erkennt, dass die Bremse eine ganz wichtige Einrichtung ist – die im Auto genauso wie die in unserem Leben. Amen.

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  Hochmut kommt vor dem Fall

Hochmut kommt vor dem Fall

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2021

Es ist nicht das richtige Wetter dafür, aber es wird auch wieder kälter draußen und dann schmeckt ein Pharisäer einfach besser als jetzt im Sommer. Rein optisch kommt der ganz bieder als Kaffee mit Sahnehäubchen daher, doch er hat es in sich und zwar einen ordentlichen Schuss Rum, den man ihm allerdings nicht ansieht.
Auch hier klingt es also ein wenig an: Der Begriff des Pharisäers ist ambivalent belegt. Neben dem Kaffee mit Schuss wird er für Menschen verwendet, bei denen man vermutet, dass es zwischen ihrem Verhalten, der Art und Weise, wie sich geben und dem, wie sie wirklich sind, erhebliche Differenzen gibt. Pharisäer gelten als mit Vorsicht zu genießen.
Gestern wurde in unseren Kirchen das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner gelesen. Beide sind im Jerusalemer Tempel, um zu beten und der Pharisäer rühmt sich dabei selbst seiner großen Frömmigkeit und dankt Gott dafür, dass er nicht so lasterhaft, wie seine Mitmenschen und insbesondere wie dieser Zöllner ist, der mit ihm im Tempel betet.
Der Pharisäer spendet 10% von allem, was er verdient und legt zwei Fastentage pro Woche ein. Damit übererfüllt er die Regeln, die ihm das jüdische Gesetz vorgibt. Soweit ist das alles gar nicht dramatisch und wir könnten uns von seiner Konsequenz und Disziplin durchaus eine Scheibe abschneiden – mir jedenfalls täte das bisweilen ganz gut.
Kritisch wird es allerdings, wenn wir uns ansehen, wie er zu der Ableitung kommt, ein so frommer Mann zu sein. Er definiert sich über die anderen. Auf sie schaut er herab und missachtet sie. Und er will Gott seine Vollkommenheit vorführen, in dem er andere vor ihm schlechtmacht.
Das Ziel der Pharisäer, nach Gottes Regeln zu leben, ist durchaus ehrenwert, ihre Überheblichkeit ist es allerdings nicht. Sie haben sich so in ihre eigene Weltanschauung hineingelebt, dass sie Gott eigentlich gar nicht mehr brauchen, außer, um ihm zu zeigen, wie perfekt sie sind.
Und hier wird es nun wirklich gefährlich, denn bei dieser Haltung geht ihnen die Demut verloren. Pharisäer haben vergessen, dass auch sie nicht vollkommen sind, dass auch sie immer und immer wieder Fehler machen in ihrem Leben und dass sie, so wie wir alle, auf Gottes Hilfe, Gottes Beistand und Gottes Vergebungsbereitschaft angewiesen sind.
Wenn Menschen von sich angenommen haben, dass sie perfekt sind, ja, dass sie so wie Gott sind, dann hat das oft genug in die Katastrophe geführt und das nicht nur für diese Menschen selbst.
Der Zöllner gesteht sich selbst und auch Gott gegenüber ein, dass er seine Schwächen und seine dunklen Seiten hat. „Gott sei mir Sünder gnädig“, mehr betet er gar nicht, doch das genügt bereits, denn Jesus sagt, dass er gerechtfertigt nach Hause ging und nicht der ach so fromme Pharisäer.
Die Demut des Zöllners und seine Einsicht in die eigene Begrenztheit können uns ein gutes Beispiel sein. Es heißt nicht umsonst, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Jesus will uns davor bewahren. Hören wir doch einfach mal hin. Amen.

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  Afghanistan

Afghanistan

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.08.2021

Fast 20 Jahre lang waren deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan im Einsatz. 59 verloren dabei ihr Leben, viele kamen traumatisiert wieder nach Hause, nicht allen gelang bis heute der Weg zurück in ein „normales“ Leben. Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Auftrag und Anmaßung, über Verantwortbarkeit und Draufgängertum liefen während des gesamten Einsatzes und auch noch jetzt. „War es das wert?“, so fragten und fragen sich viele.
„Wie geht es weiter?“, war die nächste Frage, die die öffentlichen Diskussionen antrieb, nachdem nun auch die letzten internationalen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden. Bis vor ein paar Wochen konnte oder mochte es niemand so recht einschätzen. War es gelungen, die afghanische Armee im Laufe der Jahre so weit zu befähigen, dass sie auch ohne ausländische Hilfe die Stabilität in ihrem Land einigermaßen bewahren könnte?
Heute wissen wir, dass sie es nicht kann. Die Taliban scheinen nicht zu stoppen zu sein, erobern eine Provinzhauptstadt nach der anderen, verbreiten Angst und Schrecken, verüben unsägliche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und an jeder und jedem, der sich ihnen in den Weg stellt oder nicht ihre Weltsicht teilt. Und sie berufen sich bei alledem auf Gott.
Nur, um das noch einmal klar zu sagen: Es ist nicht irgendeine schräge Gottheit aus dem großen Fundus der Menschheitsgeschichte, nein, es ist der Gott Jakobs und der Gott Abrahams, auf den sie sich berufen. Es ist der Gott, der auch unser Gott ist.
Für uns Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts ist es nicht nachvollziehbar, wie man Gottes Botschaft so verbiegen und verfälschen kann, dass aus ihr diese menschenverachtende Gewalt und Unterdrückung ableitbar wären. Doch Gott musste schon oft herhalten, um menschliches Machtstreben und menschliche Allmachtsphantasien zu legitimieren. Denken wir an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, die Glaubenskriege des Mittelalters oder die Konflikte in Nordirland oder die vielen Facetten des Antisemitismus, die sich vorgeblich in Jesu Namen und in Jesu Auftrag vollzogen.
Gottes Botschaft wurde in all diesen Fällen als Alibi verwendet, um die eigenen Ziele und Absichten zu bemänteln. Und oft genug fiel und fällt die Saat dieses missbrauchten Wortes auf fruchtbaren Boden, denn Menschen glaubten und glauben es so. Doch sie übersehen und überhören dabei Gottes „Friede sei mit dir!“, mit dem er uns Menschen von alters her begegnet.
Gott ist ein Gott des Lebens, der Liebe und der Freiheit. Wie groß seine Liebe zu uns ist, hat er uns in Jesus Christus in einer Weise bewiesen, wie es eindrucksvoller nicht sein kann. Jede Form von Gewalt und Unterdrückung können nicht in seinem Sinne sein und Menschen, die das verkennen oder bewusst verleugnen, machen sich vor ihm schuldig.
Es ist schwer zu sagen, wie es gelingen kann, dem zunehmenden Terror in Afghanistan Einhalt zu gebieten. Ach könnte doch Vernunft und Einsicht bei denen einziehen, in deren Macht es liegt, Frieden zu machen. Möge Gott dazu helfen – darum wollen wir nun gemeinsam beten.

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  Schmerzhaft, noch immer ...

Schmerzhaft, noch immer ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.08.2021

Wer einen Menschen, für den er da sein will, im Krankenhaus oder Pflegeheim weiß, der erlebte in den vergangenen Monaten die denkbar schmerzhafteste Fremdbestimmung: er durfte nicht hin. Das ist schon schlimm genug, wenn es „nur“ darum geht eine schwere Zeit gemeinsam durchzustehen. Aber es hat auch Fälle gegeben, in denen es eine Trennung für immer war. Dabei ging es oft nur um ein paar Meter Luftlinie, die den Ausgesperrten draußen von ihrem Nächsten hinter den diversen Mauern trennten.
Heute am 13. August 2021 werden sich Menschen, denen sich dieses Datum eingebrannt hat, eines – wie Renate Meinhof in der SZ sehr bildhaft scheibt – schmerzenden Narbengewebes bewusst werden. Verbotene Gottesdienste, eingeschränktes Versammlungsrecht und verlorene Reisefreiheit – vor allem aber Kontaktbeschränkungen. Wer das einmal erlebt hat, samt dem Würgegriff, in dessen klammer das eine Leben vorüberging, wird es nicht mehr vergessen.
Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60. Mal.
Keiner hat das damals für ernsthaft möglich gehalten obwohl es beliebig viele Hinweise gab. Keiner hat die Mahnung von Virologen ernstgenommen als noch Zeit dafür war. Diese Woche erschien der Klimabericht – da hatte es Kassandra ja noch leicht.
In Berlin wird heute der Mauer gedacht. Inzwischen ist sie Geschichte, Gott sei Dank. Aber es hat Tote gegeben. Verlorene geteilte Lebenszeit. Das Narbengewebe schmerzt
Uwe Johnson, geboren 1934 in Pommern, heimwehkrank gestorben in einer einsamen Nacht in Sherness on Sea 1984, schrieb über eine „Art DDR-Bürger in der Bundesrepublik Deutschland“: „Wenn es einer Staatsmacht freisteht, eine Staatsbürgerschaft zu verhängen über Leute, die sie bei der Machtübernahme auf ihrem Territorium vorgefunden hat, so muss es diesen Leuten freigestellt werden, auf Staatsbürgerschaften von sich aus zu verzichten. … Gewiss, die DDR war eine Erfahrung … Was da an Biografie gestiftet wurde, war immerhin nicht alles notwendig zum Leben. Es ist nicht nötig, diese neu aufzumachen, aber sie verträgt es, offen zu bleiben.“
So ist es.
Über dem letzten Jahrestag des Mauerbaues, als sie noch stand, dem 13. August 1989, einem Sonntag, hieß es aus dem Propheten Jesaja: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Doch wird er nicht auslöschen.“
Das zu hören fällt heute schwer. Vielleicht fiel es auch dem Jesaja schwer, solche Worte auszusprechen?
Dies ist der Tag derer zu gedenken, die daran zerbrochen sind.


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  Schwimmen lernen

Schwimmen lernen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.08.2021

Wenn es irgendwie in den Tag passt, gehe ich eine Runde schwimmen, oft im Fümmelsee. Das Bad ist wegen des durchwachsenen Wetters nicht sonderlich voll aber ein Seepferdchenkurs ist im Gange.
Es sind vielleicht zehn Kinder im Vorschulalter, die da allerfreundlichst motiviert werden, ins tiefe Wasser steigen. Manche haben eine Schwimmhilfe, andere paddeln noch hektisch ganz nah bei der Lehrerin. Und ein paar ganz Unerschrockene wagen sich schon ein ordentliches Stück hinaus. Sie wissen , dass einer zuguckt und sind stolz, das jetzt endlich zu können und vielleicht sind sie schon dabei zu genießen, wie schön das ist: sich vom Wasser tragen zu lassen, dem eigenen Körper vertrauen, Rhythmus finden. Ein tolles Gefühl! Aber man kann es eben nicht von allein.
Es braucht einen, der es zeigt, der Sicherheit gibt und im richtigen Moment loslässt, der die Balance von Sicherheit und Freiheit erspürt, der weiß, was es bedeutet, Vertrauen zu wagen.
Darum geht es oft im Leben - ob wir uns wagen, uns aufeinander zu verlassen und gegenseitig Freiheit zu gönnen - beim Schwimmenlernen bekommt man eine Idee davon. Es geht um viel.
Das scheinen auch die Kinder zu ahnen. Denn immer gibt es ein oder zwei, die zaudern, frierend am Rand stehen, die Arme fest um den Leib geschlungen - lieber nicht. Wer weiß, am Ende sieht und hält mich keiner… Man sieht den kleinen zerfurchten Stirnen die Frage an: warum muss ich das denn lernen? Schon im jüdischen Talmud steht:.
„Ein Vater ist seinem Sohn gegenüber verpflichtet, ihn … schwimmen zu lehren.“ Nicht etwa rechnen oder schreiben - schwimmen muss man lernen! Um selbst sicher zu sein und vor allem, um anderer retten zu können. Und weil es wirklich wichtig ist, stellte die deutsche Rabbinerversammlung 1846 in Breslau klar, dass selbstverständlich auch Mädchen schwimmen lernen sollen.
Aber inzwischen steigt die Zahl der Nichtschwimmer; erst recht nachdem die Bäder so lange geschlossen waren und Eltern für ihre Kinder keine Gelegenheit fanden, sich im wahrsten Sinne des Wortes endlich freizuschwimmen. Jetzt geht es. Endlich wieder.
Lebenserfahrung gewonnen, Vertrauen gewagt und einer uralte Glaubenserfahrung begegnet, die wir genauso wie das Schwimmen weitergeben sollen: Denn es heißt bei Jesaja heißt: „Wenn du durchs Wasser gehst, so will ich bei dir sein, und wenn durch Ströme gehst, so sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden, und die Flamme soll dich nicht verbrennen.“

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  Gewalt in Äthiopien

Gewalt in Äthiopien

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.08.2021

Wer den Lebensgeschichten unserer Großmütter zuhört, der stößt immer wieder auf Löcher, Narben, Schweigen. Die Mutter in der Küche, die Ausschabung unter unmenschlichen lebensgefährlichen Umständen, die kinderlose Frau mit der Perücke und den vielen Puppen hatte Syphilis nachdem…
Nachdem ihnen Soldaten Gewalt angetan hatten.
Gewalt an Frauen gehört seit jeher zur Kriegführung dazu - die Narben sollten möglichst tief bleiben. Wenn Kinder zusehen müssen, umso besser, dann wissen sie gleich Bescheid, wer die Macht hat.
Es ist ein solch unaussprechliches Leid, dass noch Kinder und Kindeskinder darüber verstummen werden. Unaussprechlich, erstickend, zutiefst entwürdigend…
Genauso ist es gemeint.
Einmal mehr vollzieht sich diese barbarische Art der Kriegführung jetzt in Äthiopien.
Das beeindruckende Land mit seiner unglaublichen Kultur, den uralten christlichen Felsenkirchen, den berührenden Wandmalereien mit den großäugigen Menschen - versinkt in Hunger, Krieg und der Gewalt an Frauen und Kindern.
Amnesty International veröffentlichte jetzt einen Bericht über das Ausmaß dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Details sind so bestürzend, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte, wenn das meine Mutter, Schwester oder Tochter betroffen hätte….
Dabei sind es unsere Schwestern. Womöglich haben wir bei ihnen gesessen und zugesehen, wie sie Fladen backen oder Kaffee rösten, ihre Schönheit bestaunt. Denn der Braunschweiger Dom ist Äthiopien auf besondere Weise verbunden. Viele Braunschweiger*innen sind in den letzten Jahrzehnten in den Norden des afrikanischen Landes gereist, noch viel mehr haben die äthiopische Schule an der deutschen Gemeinde unterstützt – bis heute. Kinder aus entsetzlich armen Familien gehen dort zur Schule. Denn Bildung eröffnet Zukunft - für jeden Einzelnen, für das ganze Land.
Gestern hat die Regierung in Addis Abeba die Bevölkerung aufgerufen, sich dem Kampf gegen die Rebellen aus Tigray anzuschließen. Das Büro des Ministerpräsidenten Abiy Ahmed forderte "alle fähigen Äthiopier" auf, sich bei Armee, Spezialeinheiten und Milizen zu melden …
So werden die jungen Männer, die vor ein paar Jahren noch in der blauen Schuluniform auf den Bänken der German Church School saßen wohl in den Krieg ziehen.
Gestern noch habe ich hier von der übergangenen Schweigeminute während der olympischen Spiele in Tokio gesprochen - ausgeblendet war dort die Erinnerung an Krieg und Gewalt. Heute holen wir sie nach: - Schweigen - HERR ERBARME DICH.

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  Schweigeminuten

Schweigeminuten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.08.2021

In der Bibel wird viel geschwiegen.
Adam spricht nicht, als Eva ihm den Apfel vom verbotenen Baum anbietet.
Isaak spricht nicht, als er seinen Sohn opfern soll.
Noah schweigt.
Solches Schweigen markiert Leeerstellen.
Solches Schweigen geht sicher nicht mit Gefühllosigkeit einher.
Solchem Schweigen wohnt die Aufforderung inne, sich hineinzuversetzen in den Menschen, der keine Worte hat.
Indem wir auch innehalten oder doch wenigstens solche Schweigemomente bewusst wahrnehmen, steigen wir in die Situation ein und nehmen das Schicksal derer, die schweigen wollen oder keine Worte haben, ernst.
Manchmal steigen dann die Worte in uns auf, die hätten gesagt werden sollen: die Bitte um Vergebung, das Bekenntnis der Verantwortung füreinander, ein Wort von Herzen.
Manchmal verändert uns das.
Manchmal führt uns solch ein geteilter Schweigemoment näher zusammen.
Manchmal kommen wir dem Bibelwort: „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ ein bisschen näher.
Darum ist die fehlende Schweigeminute für die Opfer des Atombombenabwurfes 1945 während der Olympischen Spiele letzte Woche in Tokio mehr als eine Instinkt- und Taktlosigkeit. Es scheint, als habe man vergessen, dass gerade die Olympiade dem friedlichen Wettstreit und eben der Völkerverständigung dienen soll. Sportler*innen aus aller Welt messen sich in der Disziplin, die sie lieben und für die sie brennen und sie sind zu Gast in einem Land, das sich präsentiert, ein bisschen besser verstanden werden will. Seine Schmerzen auszublenden oder es für unpolitisch zu halten, sich nicht erinnern zu wollen – macht die Leerstelle größer, das verständnislose Schweigen zwischen Menschen tiefer.
Dabei hätte es ganz anders sein können.
Es hätte ein Moment der Nähe, der Fülle sein können. Denn solches Schweigen gibt es ja auch. Von Maria an der Krippe kennen wir keine Worte, wohl aber dass sie diese Augenblicke in ihrem Herzen als Kostbarkeit bewahrt hat.

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  Geschäftsführer

Geschäftsführer

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2021

Herbert Diess ist es bei VW, Jens-Uwe Freitag ist es bei BS-Energy und Christoph Schulz bei der Braunschweigischen Landessparkasse. Sie sind angestellte Geschäftsführer beziehungsweise Vorstände. Das entscheidende Merkmal solcher Berufe oder Positionen ist, dass man weitgehende Entscheidungskompetenzen hat, das Unternehmen einem aber nicht gehört. Eigentümer ist jemand anders. Die genannten Herren sind nur angestellt.
Das ist jetzt gar nichts so Besonderes, denn angestellte Geschäftsführer sind wir gewissermaßen alle und wir haben diesen Posten von niemand geringerem als von Gott höchstpersönlich übertragen bekommen. Gott hat uns zu Geschäftsführern dieser Welt gemacht und zu Geschäftsführern unseres Lebens gleich mit. Er hat uns umfassende Vollmachen ausgestellt, mit denen wir verwalten und gestalten können. „Macht euch die Erde untertan“, hat Gott uns gesagt, „bringt sie zum Blühen und Gedeihen“. Doch das Eigentum liegt nach wie vor bei ihm. Gott gehört der ganze Laden und wir und unser Leben gehören ihm auch.
Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich in Ihnen jetzt leichter Widerstand regt. Denn das anzunehmen, insbesondere, dass unser Leben nicht uns gehört, das will erst einmal verdaut werden. Diese Herausforderung ist nicht neu. Schon Adam und Eva konnten sich nicht damit abfinden. Sie wollten sein wie Gott, wollten nicht nur Geschäftsführer, sondern Eigentümer werden und dachten, dass sich das am elegantesten mit der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis hinbekommen ließe. Geklappt hat das nicht, wie wir alle wissen.
Doch auch unsere Verhaltensweisen und unsere Lebensführung gehen nach wie vor in diese Richtung. Denn wir benehmen uns doch oft genug so, als gehörte uns diese Welt und unser Leben. Selbstbestimmt wollen wir sein, das hat in unserer Zeit und in unserem Kulturkreis einen ganz hohen Stellenwert. Es reicht uns mehr als aus, wenn wir im Beruf unseren Cheffinnen und Chefs Rechenschaft schuldig sind. Aber bitte doch nicht auch noch Gott.
Auf den greifen wir gern zurück, wenn es uns mal nicht so gut geht, wenn es holprig wird auf unseren Lebenswegen, wenn wir mit unserem eigenen Latein am Ende sind. Dann darf er gerne helfen und den Karren für uns wieder aus dem Dreck ziehen. Aber ansonsten, bitteschön, machen wir schon gern, was uns gefällt mit unserem Leben und dieser Welt und überhaupt.
Aber so funktioniert das nicht. Wir kommen nicht umhin, anzuerkennen: Alles, was wir sind und haben, ist uns nur anvertraut, nur geliehen, nur zur pfleglichen Verwendung überlassen. Doch es ist und bleibt Gottes Eigentum.
Ja, man kann das als Beschränkung und Einengung empfinden. Doch auch eine andere Sicht ist möglich: Gott traut uns zu, aus all dem, was von ihm kommt, Gutes zu machen. Er traut uns zu und befähigt uns, ein Leben zu führen, dass von seinen Werten geprägt ist: von Respekt, von Wertschätzung und von ganz viel Liebe. Und er traut uns zu, diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem es uns allen gutgehen kann. Was für ein großes Vertrauen! Und wenn wir in diesem Bemühen seine Hilfe brauchen, wird er uns nicht im Stich lassen, sondern und begleiten und unterstützen.
Und so gesehen ist doch Geschäftsführer von Gottes Gnaden der beste Job, den wir finden konnten, oder? Amen.

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  Vorfreude

Vorfreude

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2021

„Sei gegrüßet, Jesu gütig“, das ist der Titel des Chorals, über den Johann Sebastian Bach Variationen geschrieben hat, die uns Domkantor Gerd-Peter Münden heute spielt. Der Text des Chorals ist üppig barock und für Ohren des 21. Jahrhunderts eher fremd. Auffällig ist jedoch, dass die ersten fünf Strophen absolut identisch mit der folgenden, an Jesus gerichteten Bitte enden: „Lass mich deine Lieb ererben und darinnen selig sterben!“ Klassische Fragestellung: Was will uns der Verfasser damit sagen?
Die schweizerische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat in einem ihrer Bücher geschrieben, dass nahezu alle Menschen so leben, als seien sie unsterblich. Diese Haltung resultiert aus unseren Erfahrungen. Denn wir erleben zwar den Tod, doch er betrifft immer nur die anderen. Es sterben Freunde, Bekannte, Familienangehörige, doch wir eben nicht. Rein rational wissen wir schon, dass auch wir irgendwann mal dran sind, doch unser Unterbewusstsein zieht sich lieber auf die eigene Erkenntnis zurück, dass das unmittelbare Sterben nur ein Thema der anderen ist.
So sind wir auch in unserer Gesellschaft unterwegs. Sterben und Tod werden da ziemlich an den Rand geschoben. Sie sind unangenehme und spaßbremsende Themen, über die man ungern spricht. Der Tod gehört zum Leben, ja, das geben wir schon noch leise zu, aber einen angemessenen Platz räumen wir ihm selten ein. Sterben ist gesellschaftlich ein unvermeidbares Übel und möge sich doch bitte unauffällig in unseren Krankenhäusern oder Altersheimen vollziehen.
Unser Liedtexter hatte da offensichtlich eine ganz andere Sicht auf das Thema. Sonst hätte er nicht fünfmal um ein seliges Sterben gebeten. Vom christlichen Standpunkt erschließt es sich auch deutlich anders. Paulus sagt: „Christus ist mein Leben, aber Sterben ist mein Gewinn!“ Ja, wir Christinnen und Christen haben eine wunderbare Perspektive, nämlich die, dass es nach unserem irdischen Leben ein weiteres, wunderbares und ewiges geben wird, noch dazu in einer Welt, in der sich Gerechtigkeit und Friede küssen und Gott höchstpersönlich alle unsere Tränen abwischen wird, wie uns die Bibel berichtet. Darauf kann man sich ja durchaus freuen und das bringt Paulus zum Ausdruck, wenn er schreibt: Sterben ist mein Gewinn. Aber merkt man uns Otto-Normalverbraucher-Christenmenschen diese Vorfreude auch an? Ich habe da so meine Zweifel. Ich erlebe uns doch schon stark im Klammern und Festhalten an allem Irdischen, am schicken Urlaub, dem eigenen Häuschen, dem tollen Auto, und, und und.
Klar, ohne Gottes Zutun hätten wir all das nicht erreicht. Jesus sagt, dass er uns ein Leben in Fülle schenken will und so hat er ganz sicher nichts dagegen, dass wir unser Leben hier auf der Erde auch kräftig genießen. Doch all das ist nicht für ewig und wir sollen bitteschön unsere Herzen nicht so sehr daran hängen, dass wir auf einmal gar keine Lust mehr auf den Himmel haben. Denn wirklich perfekt und wirklich vollendet wird alles erst dort sein.
Aus dieser Vorfreude auf den Himmel heraus lässt sich, wie ich finde, auch im Hier und Jetzt deutlich entspannter leben. Wir müssen aus unseren Jahren nicht alles herauspressen, müssen uns nicht über jede Unzulänglichkeit und jeden unausstehlichen Zeitgenossen ärgern und aufregen. Wir können voller Vertrauen und tiefenentspannt unsere Tage in Wertschätzung und Respekt zueinander verbringen, denn das Beste kommt ja noch! Und wenn wir dann irgendwann am Übergang stehen, können wir vielleicht doch in den alten Choral einstimmen: „Lass mich deine Lieb ererben und darinnen selig sterben!“ Amen.

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  PERSPEKTIVWECHSEL

PERSPEKTIVWECHSEL

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2021

Haben Sie sich schon eine Fahrt mit dem Riesenrad gegönnt, das hinter dem Dom auf dem Platz der Deutschen Einheit steht? Ich bin mitgefahren und war begeistert über die ungeahnten Ausblicke, die man aus der Gondel auf unsere Stadt bekommt. Es ist schon was Anderes, ob man sich auf dem Schützenplatz, wo das Riesenrad sonst immer stand, oder mitten im Stadtzentrum in diese luftigen Höhen begibt. Da öffnet sich der Blick in bisher unbekannte Hinterhöfe, auf Dachgärten und Balkone und auch unseren Dom bekommt man aus einer anderen Perspektive zu Gesicht. Ein Riesenrad ermöglicht uns Perspektivwechsel. Im richtigen Leben ist das oft wesentlich anstrengender.
Menschen sind lernfähig. Ja, ich weiß, bei dem einen oder anderen Zeitgenossen kann man da so seine Zweifel haben und selbstkritischerweise schüttele ich auch immer mal wieder über mich selbst den Kopf, wenn mir derselbe Fehler zum dritten oder vierten Mal passiert und ich denke: „Na, so langsam müsstest Du es aber auch mal begriffen haben!“
Wir lernen aus Erfahrungen, die wir machen, wir erkennen Muster, finden unsere eigenen Standpunkte und Bewertungen und auch unsere Strategien, um Sachverhalte zu bewerten und Probleme zu lösen. Wir kategorisieren Themen, Meinungen und auch Menschen, beurteilen ihr Verhalten, finden sie sympathisch oder eben auch nicht und all das wird angetrieben aus unserem Erfahrungsschatz und unserer Weltanschauung insgesamt.
Ein solches System aus Erlerntem und Erfahrenem ist notwendig, damit wir uns in dieser Welt zurechtfinden und nicht untergehen. Doch es kann auch hinderlich sein, dann nämlich, wenn wir auf bisher unbekannte Situationen stoßen, in den wir uns mit unseren eingeübten Denk- und Verhaltensmustern in eine Sackgasse manövriert haben und nicht weiterkommen. Dann kann ein Perspektivwechsel hilfreich sein, doch den hinzubekommen, ist eine große Kunst. Denn wir müssen dazu unsere eigene Position und manchmal auch unsere eigene Person in Frage stellen, uns auf neues und ungewisses Terrain begeben und so unsere Komfortzone verlassen. Je nach Typ kostet das echte Überwindung – ich weiß, wovon ich rede.
Auch, wenn wir uns dafür entscheiden, Jesus Christus einen festen Platz in unserem Leben einzuräumen, geht das nicht ohne einen grundlegenden Perspektivwechsel. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, mit diesen Worten lädt uns Jesus dazu ein. Selbstverleugnung, Umkehr und Nachfolge – das eröffnet ganz sicher viele neue Perspektiven, aus denen heraus wir auf diese Welt, auf unsere Mitmenschen aber auch auf unser eigenes Leben blicken können.
Das ist spannend und herausfordernd gleichermaßen. Doch mit Gott an unserer Seite sind wir dabei auf alle Eventualitäten gut vorbereitet und können uns ohne Angst und Unsicherheit auf das einlassen, was an neuen Erkenntnissen auf uns wartet. Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versprechen: Es wird das Leben in positiver Weise verändern und bereichern. Amen.

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  Reden und Hören

Reden und Hören

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2021

Ich kann nicht in Ihre Köpfe gucken und Sie nicht in meinen und das ist auch gut so, wie ich finde, denn das, was da in unserem Oberstübchen passiert, ist zunächst einmal Privatangelegenheit und wir entscheiden, was davon nach draußen soll und was eben nicht. Manchmal funktioniert dieser Selbstbestimmungsfilter nicht so richtig und wir sagen Sachen, die wir doch besser für uns behalten hätten, doch im Wesentlich kriegen wir das schon hin.
Genauso bleibt im Verborgenen, was denn in unseren Köpfen mit all dem passiert, was an Signalen, Impulsen und Informationen von draußen so alles reinkommt. Manchmal merken wir es sogar selbst gar nicht gleich, was ein bestimmtes Erlebnis oder Ereignis in uns auslöst und sind dann mitunter überrascht, wenn unser Körper oder unsere Seele eine Reaktion zeigt, mit der wir nicht gerechnet haben und auf die wir auch nicht vorbereitet waren.
Zu dem, was von außen kommt, zählt im Übrigen auch das, was wir, die wir hier auf der Kanzel stehen, Ihnen so alles mitgeben. Natürlich haben gibt es eine Botschaft, die wir transportieren wollen, eine Kernaussage, ein Ziel, auf das die Predigt oder das Wort zum Alltag zuläuft. Was Sie aber daraus in Ihren Köpfen machen, oder besser gesagt: was damit passiert, darauf hat der Prediger oder die Predigerin so gut wie keinen Einfluss.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Meine Rede und meine Verkündigung sollten euch nicht durch ihre Weisheit überreden. Vielmehr sollte in ihnen Gottes Geist und Kraft zur Geltung kommen. Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes.“ Paulus sagt das von sich selbst und es steckt viel Wahres darin.
Vielleicht kennen Sie ja auch solche Predigten, in denen Fragen aufgeworfen werden und der oder die Predige Ihnen gleich die einzig richtige Antwort mitliefert. Solche Predigten wirken dann oft geradezu erdrückend „richtig“ und lassen wenig bis gar keinen Raum für eigene Gedanken. Schnell ist man so in die Nähe der Belehrung und der Manipulation gerutscht. Fundamentalisten, religiöse oder politische und ganz egal welcher Couleur, reden so. Sie wollen den Menschen vermitteln, dass es nur eine Wahrheit gibt und dass sie diese Wahrheit für sich gepachtet haben.
Doch Paulus hebt hier mahnend den Finger. Wir Menschen sollen uns nicht gegenseitig zum Glauben überreden. Das wäre anmaßend und wir würden uns damit auch selbst überfordern. Der Glaube ist und bleibt ein Gottesgeschenk, dem eine gute Predigt bestenfalls ein wenig den Weg ebnen kann, mehr aber auch nicht. Der Glaube kommt aus Gottes Kraft, sagt Paulus, und das sollten Redende aber eben auch Hörende immer im Hinterkopf haben.
Denn für beide gilt: Wenn der Herr nicht will, dass Glaube entsteht, dann können wir uns abstrampeln, so viel wir wollen. Es wird nichts nützen, denn Glaube ist nicht verfügbar. Was wir tun können, ist offen zu sein für Gottes Wort und Gottes Nähe. Alles andere liegt nicht in unserer Hand – und das ist auch gut so. Amen.

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  Einfach mal fragen

Einfach mal fragen

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.08.2021

Schwere Unwetter mit Überschwemmungen in Westdeutschland, Bayern und Sachsen, lebensbedrohende Hitze bei den Mittelmeeranrainern, vernichtende Dürre in vielen Teilen der Welt – der Klimawandel zeigt sich allerorten und dass es sich dabei vielleicht doch nur um schlechtes Wetter handelt, ist wissenschaftlich mittlerweile unbestreitbar widerlegt. Gestritten wird allerdings doch und zwar über die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind. Die Experten mahnen und drängen auf schnelle Entscheidungen und noch schnelle Umsetzung, denn es sei mittlerweile nicht mal mehr fünf vor zwölf, sondern schon deutlich später.
Szenenwechsel. Sie wird wohl kommen, die vierte Corona-Welle. Doch in welcher Intensität und mit welchen Folgen, darauf haben wir wohl noch Einfluss. Wir können sie abmildern und die Konsequenzen im Rahmen halten, wenn wir jetzt zügig die richtigen Dinge tun, wenn wir nicht zögern, sondern entscheiden und machen.
Jede und jeder von uns muss tagtäglich Entscheidungen treffen. Bei vielen wird uns das gar nicht bewusst, weil es um Kleinigkeiten geht. Ob ich zum Frühstück nun Marmelade oder Käse oder beides esse oder erst das rechte oder das linke Brillenglas putze, bedarf keiner stundenlangen Güterabwägung. Wir machen es einfach, und gut. Doch bei den großen Themen, wie Klimawandel und Corona, da ist das anders. Da wird viel diskutiert und auch gestritten, da werden Experten befragt, die dann mitunter auch miteinander diskutieren und in Streit geraten, da mischen sich Lobbyisten ein, es gibt Demonstrationen und Kundgebungen und manchmal meldet sich auch die Kirche zu Wort und bringt ihre Position mit ein. Ich finde es gut, dass das so ist. Denn nur, wenn alle Betroffenen und Beteiligten, alle Sachverständigen und Verantwortlichen die Chance haben, sich einzubringen und ihre Fragen und Antworten zu platzieren, kann eine gute und profunde Entscheidung getroffen werden. Meinungsfilter und sonstige Zensur, welcher Art auch immer, sind kontraproduktiv und das stumpfe Ignorieren von Fakten ist es ebenfalls.
Doch trotz aller Beratungen und Informationen bleibt es bisweilen schwer, sich aus dem Sammelsurium von Ahnung und Meinung, Wissen und Wollen und Denken und Sagen ein objektives Bild zu machen, weil eben immer Unsicherheiten bleiben. Ich habe die Entscheidungsträger insbesondere in der Politik in den vergangenen Monaten wirklich nicht beneidet, denn es war klar: Egal, welche Entscheidung sie treffen würden, Prügel würden sie dafür auf jeden Fall ernten. Sie konnten sich nur aussuchen, von welcher Seite.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Herr, wohin sollen wir gehen?“ Petrus richtet diese Frage an Jesus und ich denke mir: Wir sollten diese Frage viel öfter stellen. Sicherlich, Jesus liefert uns keinen neuen Corona-Stufenplan für beziehungsweise gegen die vierte Welle und auch keinen konkreten Maßnahmenkatalog zur Begrenzung der Erderwärmung. Um die Details müssen wir uns schon selbst kümmern. Aber er hilft uns durch seine Botschaft und das Beispiel seines Lebens, uns grundlegend zu orientieren.
Denn wenn ich weiß, dass jede gute Entscheidung die Schwachen und Hilfsbedürftigen in den Blick nimmt, Menschenwürde und Menschenrechte als höchstes Gut sieht, sich zur Verantwortung für Gottes Schöpfung bekennt und in Demut vor Gottes Größe und Allmacht getroffen wird, dann ist so manche Alternative von vornherein vom Tisch.
Eine kurze Frage, die für Klarheit sorgen kann: Herr, wohin sollen wir gehen? Amen.

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  Ach bleib!

Ach bleib!

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2021

Heute ist der Todestag von Josua Stegmann. Der evangelische Theologe starb 1632 in Rinteln an der Weser. Möglicherweise werden Sie mit dem Namen nicht gleich etwas anzufangen wissen, denn er begegnet uns im wahrsten Sinne des Wortes im Kleingedruckten – im Kleingedruckten unserer Gesangbücher, denn Josua Stegmann textete das Lied „Ach bleib mit deiner Gnade“. Sechs kurze Strophen sind es und jede beginnt mit der Bitte „Ach bleib!“ und nennt jeweils ein göttliches Attribut, ohne das wir uns in unserem Leben schwertun würden.
Um Gnade geht es ganz zu Beginn. Sie ist wahrscheinlich das größte und persönlichste Gottesgeschenk überhaupt. Ich denke, dass allein schon unser Leben an sich Gnade ist, der Umstand, dass wir hier sein dürfen auf dieser Welt. Und wie groß dieses Geschenk gerade an uns ist, mögen wir daran ermessen, dass wir ein so privilegiertes Leben führen dürfen. Wir sind materiell in aller Regel gut abgesichert, leben seit vielen Jahrzehnten in Frieden und haben große Freiheiten, unser Leben zu gestalten. Ein Blick über den Tellerrand hinaus zeigt uns sehr schnell, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
„Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht“, so lautet die dritte Strophe. Es sind große Worte, die im Liedtext so unaufdringlich daherkommen. Es geht um Jesus Christus, der als Licht in unsere Welt gekommen ist, wie er selbst von sich sagt. Licht gibt uns Orientierung, wenn wir in der Dunkelheit unserer Angst, unserer Trauer oder unserer Hoffnungslosigkeit nicht mehr wissen, wie und wohin es weitergehen kann. Unser Glaube kann uns dann Wegweiser sein, unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg, wie es im 119. Psalm heißt. Dieses Licht ist lebensnotwendig; auch Josua Stegmann wusste das.
„Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott“, darum bittet Stegmann in der letzten Strophe. Ich finde diese Bitte gut nachvollziehbar. Was muten wir Gott nicht so alles zu. Wir missachten seine Regeln, gehen oft genug alles andere als liebevoll miteinander um, sind nicht gut darin, Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Welt gerecht zu verteilen und unser Umgang mit Gottes Schöpfung, die er uns anvertraut hat, lässt auch mehr als zu wünschen übrig.
Es wäre nur verständlich, wenn sich Gott von uns abwendete mit den Worten: „Dann macht doch euren Kram alleine, wenn ihr meint, ihr braucht mich nicht!“ Aber das tut er nicht. Seine Liebe ist so groß, dass sie immer noch und immer wieder die Kraft zur Vergebung findet. Ach bleib mit deiner Treue; eine weise Entscheidung des Verfassers, so zu singen und zu beten.
Gnade, Wort, Glanz, Segen, Schutz und Treue, darum bittet Stegmann in seinem Liedtext. Und tatsächlich sind es genau diese Dinge, die wir brauchen, damit unser Leben gelingen kann, damit es erfüllt und glücklich ist, damit wir Lebensfreude empfangen und an andere weitergeben können – dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert. Amen.

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  Ein gutes Fundament

Ein gutes Fundament

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.08.2021

Gestern wurde über das ziemlich sperrige Gleichnis von dem klugen und dem törichten Baumeister in unseren Kirchen gepredigt. Und dieses Gleichnis geht so: Jesus sagt, dass wer sein Wort hört und danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Es kommen Sturm und Regen, doch das Haus hält all dem stand. Wer sein Wort aber nur hört, und nicht danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Es kommen Sturm und Regen und das Haus stürzt ein.
Jesus gibt hier keine praktischen Tipps für sicheres Bauen. Das Haus in seinem Gleichnis steht für unser Leben und unser Seelenheil. Es geht darum, ob wir dereinst teilhaben werden an Gottes Herrlichkeit oder ob uns Petrus an der Himmelspforte höflich aber bestimmt sagen wird: „Tut mir leid, aber Du kommst hier nicht rein!“
Klingt für mich so ein wenig nach Erpressung. „Entweder Du tust, was ich Dir sage, oder ich lasse Dich fallen wie eine heiße Kartoffel“, so könnte man die Aussage Jesu etwas schnodderig zusammenfassen. Es will so gar nicht zu dem passen, was uns zum Beispiel Paulus sagt: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.“ Ja was denn nun?
Ich denke, dass Jesus und Paulus sich nicht widersprechen, denn, wenn wir tatsächlich als Christinnen und Christen, also aus unserem Glauben heraus, auf Jesu Worte hören, dann bedarf es meines Erachtens gar keine Drohungen mehr, damit wir unser Hören und unser Handeln in Einklang bringen.
Christlicher Glaube ist nichts nur für die eigene Westentasche. Er ist eine Lebenshaltung, die ganz automatisch den Nächsten sieht in seiner Hilfsbedürftigkeit, eine Lebenshaltung, aus der heraus Wertschätzung und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen ganz selbstverständlich einen hohen Stellenwert haben, eine Lebenshaltung, die dazu führt, dass wir es richtig finden, einander freundlich zu begegnen und Gottes Schöpfung zu achten und zu bewahren.
Und eine Lebensweise, die aus dieses Haltung erwächst, die empfindet all das nicht einfach nur als Last und Mühe, sondern sie versteht es als ein gutes Leben. Die Motivation für ein christliches Leben ist nicht, sicherzustellen, dass Petrus uns an der Himmeltür auf jeden Fall auch reingelassen wird. Motivation ist die Überzeugung, dass es richtig ist.
Und Jesus hat Recht: Würden wir aus unserem Glauben heraus nur hören und nicht danach handeln, dann stünde unser Lebenshaus auf wackligem Grund, denn wir würden eben nicht so leben, wie wir es für richtig halten. Wir würden uns verbiegen und wären ganz weit weg von Lebensfreude und Erfüllung.
Ich weiß, das hört sich alles ein wenig nach glattgerührter Butter an. Nach Jesu Wort zu leben, ist und bleibt natürlich eine Herausforderung, jeden Tag aufs Neue. Und wir werden Fehler machen, ganz gewiss. Doch wenn mal etwas danebengeht: Auf Gottes Vergebungsbereitschaft und auf seine Liebe können wir zählen. Und dass er uns dabei hilft, unser Lebenshaus auf festen Grund zu bauen, das hat er uns versprochen. Amen.

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