Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Konjunktive

Konjunktive

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.03.2020

Allmählich verliert man das Zeitgefühl. Alles ist ja immer still und ruhig. Gestern wäre Sonntag gewesen, Judika. Ich hätte wegen der Sommerzeit grausig zeitig aufstehen müssen. Wir hätten Gottesdienst gefeiert mit Steinen und Dornen auf dem Altar statt Blumen. Es ist ja Passionszeit.
Schmerzlicher Konjunktiv mit dem man derzeit auch alle anderen Pläne behandelt: man hätte zu Ostern Besuch gehabt und vielleicht die Monetausstellung in Potsdam angeguckt. Naja vielleicht nicht direkt zu Ostern, zu viel zu tun - aber dieser Tage irgendwann. Hätte.
Irgendwas ist falsch daran. Irgendwie ist alles aus dem Gerütt gerade.
Obwohl dann doch: gestern ist Sonntag gewesen. Tag des Herrn. Auferstehung. Jede Woche neu werden wir – frei nach Goethes Osterspaziergang – „alle ans Licht gebracht.“
Der Predigttext für gestern und über dieser Woche steht im Hebräerbrief und es heißt: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Ja, dem kann man uneingeschränkt zustimmen. In diesem Hier und Jetzt können die Stadt und wir nicht bleiben. Und ja, keiner weiß genau, wie das zukünftig hier aussehen wird, ob vertraute Orte dann noch weiter funktionieren, wie das die Stadt überstehen wird.
„Lasst uns nach draußen gehen!“ steht in meinen Materialien zur Predigtvorbereitung fettgedruckt. Da sind wir schon, ganz unfreiwillig. Rein in unser gewohntes Leben können wir derzeit nicht. Aber macht nicht genau das ein bisschen sensibler dafür, wo die anderen gerade sind? Wie sieht deren „draußen“ aus dem eigenen Leben gerade aus?
Der nächste Impuls in meiner Predigtmeditation heißt:
„Eingefrorenes Leben auftauen.“
Vor Monaten geschrieben und gedruckt, trotz Kälteeinbruch gestern, brennend aktuell! Darum wird es in jeder Hinsicht gehen müssen: „Eingefrorenes Leben auftauen.“ Irgendwann wird das öffentliche, das kulturelle, das schulische, das sportliche, das musikalische, das gastronomische Leben wieder auftauen! Das hoffen wir. Und jetzt, genau heute, gilt es aufzutauen, was im Dauerfrost geblieben wäre: Das Wissen, dass unsere Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass unser Leben Gefahr lief, Richtung und Sinn verlieren, dass unsere Herzen eingefroren waren gegenüber der Not derer, die schon die ganze Zeit draußen sind – dass wir den Weg nach Golgatha und in den Ostermorgen zum Leben brauchen, so oder so.
Und auch:
Auftauen und wahrnehmen, wieviel Wärme gerade jetzt möglich ist, wenn einer dem anderen sagt (kein Konjunktiv!): „Lass uns näher rücken. Grade jetzt.“


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  Hoffnung! Alles andere ist keine Option.

Hoffnung! Alles andere ist keine Option.

Henning Böger, Pfarrer - 29.03.2020

Vom Okerhochhaus der Technischen Universität leuchtet hoch oben im Dunkeln ein Satz in den bunt erleuchteten Fenstern: „Wissenschaft ist Hoffnung“. Die Idee dazu hatte ein Uni-Mitarbeiter. Ihm war aufgefallen, wie dunkel das Univiertel in Corona-Zeiten geworden ist, ohne geöffnete Läden und Restaurants, mit den vielen dunklen Büros. „Das ließ mich richtig schaudern und ebenfalls an der Hoffnung für unsere Zukunft zweifeln“, erzählt er der Zeitung. Und dann fügt er einen bemerkens-werten Satz an: „Dabei weiß ich doch als Wissenschaftler, dass die Menschheit viel anpassungsfähiger ist als jedes Virus, und dass wir mit Hilfe der Wissenschaft und Forschung auf jeden Fall alles wieder in den Griff bekommen. Alles andere ist keine Option!“

Wissenschaft ist Hoffnung! Das passt zu den großen Erwartungen an alle Forscherinnen und Forscher, die zurzeit weltweit mit Hochdruck nach Wirkstoffen gegen das Corona-Virus suchen. Auch ein Team der TU in Braunschweig ist dabei. Wir zählen auf euch!

Hoffnung: Alles andere ist keine Option! Wer diesen Gedanken nicht nur wissenschaftlich, sondern auch biblisch denken will, der kann ihn beim Apostel Paulus hören. Der schreibt im Römerbrief nach einigen tiefen, theologischen Gedanken folgende Zeilen: „Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. Hoffnung, die sich schon sichtbar erfüllt hat, ist keine Hoffnung mehr. Ich kann nicht erhoffen, was ich schon vor Augen habe. Wenn wir aber auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen können, dann heißt das aber auch, dass wir beharrlich danach Ausschau halten müssen.“

Wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Ich verstehe und glaube das so: Ich darf meine Hoffnung darauf setzen, dass Sinn hat, was ich tue und wofür ich lebe. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich in allem hält, was mein Leben füllt und bisweilen auch lähmt oder gefährdet.

Meine Glaubenshoffnung wagt einen ungeheuren Satz. Sie sagt: Alles wird am Ende gut sein. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Jeder Mensch darf diesen Hoffnungssatz für sich hören und viele mögen ihn nachsprechen in diesen Tagen, damit es in uns nicht dunkel bleibt.

Im abendlichen Uni-Viertel leuchtet derweil die Hoffnung bereits in bunten Farben. Denn: Alles andere ist keine Option!

Gebet zum Tag

Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel von Tag und Nacht, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr - bis du, Gott, unser Halt!
Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung,
von der Härte des Alltags zu den Träumen von morgen und einer besseren Welt - bist du, Gott, unser Grund!
Im Auf und Ab unserer Zeit, im Wechsel der Nachrichten, solcher, die sich beklemmend auf unser Herz legen, und solcher, die uns gut sind, aufatmen lassen - bis du, Gott, das Wort des Lebens!
Im Auf und Ab unserer Zeit sei gepriesen, Gott, durch uns!

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  Sommerzeit

Sommerzeit

Heiko Frubrich, prädikant - 28.03.2020

Wir sind angekommen am letzten Wochenende im März. Es ist das kürzeste Wochenende des ganzen Jahres, denn in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag wird uns eine Stunde geklaut, weil die Uhren auf Sommerzeit vorgestellt werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe an dieser einen Stunde immer eine ganze Zeit lang zu kauen. Es ist zwar bloß eine Stunde, aber die innere Uhr hat eben kein kleines Rädchen, mit dem man sie einfach so verstellen kann, wie man es gerade mal braucht. Und nach der Atomuhr der PTB richtet sie sich auch nicht aus. Unsere innere Uhr tickt ganz autonom und bestimmt so unseren Tages- und Biorhythmus.

Mit der Zeit ist das ja ohnehin so eine merkwürdige Sache. Sie ist die vierte Dimension neben oben und unten, vorne und hinten, rechts und links. In diesen drei Dimensionen können wir uns relativ frei bewegen, manchmal versperren zwar Mauern und Grenzen unsere Wege, grundsätzlich sind wir in diesem Zusammenhang aber meist frei. Nur in der vierten Dimension, der Zeit, da wird es schwierig. Wir kommen schon an unsere Grenzen, wenn wir zu erklären versuchen, was Zeit überhaupt ist. Wissenschaftlich ist Zeit definiert, aber was bedeutet sie für uns im alltäglichen Leben?

Ist Zeit die Aneinanderreihung von Ereignissen, der Ablauf der Dinge, die um uns herum passieren? Und ist Zeit absolut? Wissenschaftlich betrachtet mag das so sein, individuell jedoch dauert eine Stunde im Zahnarztstuhl gefühlt erheblich länger als an einem fröhlichen Abend, den ich mit Freunden verbringe, was hoffentlich bald wieder möglich sein wird. Unser Zeitgefühl ist relativ und ganz stark abhängig von unserer jeweiligen Lebenssituation. Hinzu kommt noch, dass Zeit nicht verfügbar ist. Wir können die Position eines Marmeladenglases im Kühlschrank in alle Richtungen verändern, auf die Zeit allerdings haben wir keinen Einfluss. Und da können wir unsere Uhren noch so oft von Sommer- auf Winterzeit und wieder zurück umstellen, an der Zeit an sich ändert das gar nichts.

Meine Zeit steht in deinen Händen, heißt es im 31. Psalm. Gott ist der Herr über die Zeit und eben niemand sonst. Er ist der Herr über die Zeit und über unsere Zeit. Niemand kann seiner Lebenszeit auch nur eine Sekunde hinzufügen und wir wissen nicht, wie viel Lebenszeit unser großer Freund für uns noch vorgesehen hat. Und so tuen wir gut daran, dankbar zu sein für jeden geschenkten Tag und ihn so zu leben, wie Gott es für uns gedacht hat. Dabei ist im Übrigen Leben niemals gestern oder morgen. Leben ist immer jetzt!

Und gerade in der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden, werden wir immer wieder daran erinnert, dass mit unserer Zeit im Hier und Jetzt nicht alles endet, wenn unsere irdische Uhr abgelaufen ist. Es wartet auf uns alle das Licht des Ostermorgens. Und das wird für uns leuchten ganz egal, ob unsere Uhren nun Sommer- oder Winter- oder was auch immer für eine Zeit anzeigen mögen.
Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, von dir kommt alles und zu dir geht alles. Du bist die Konstante in unserem Leben, das Fundament, das uns trägt und hält auch und gerade in diesen besonderen und schwierigen Zeiten. Deine Botschaft an uns lautet: Fürchtet Euch nicht! Hilf, dass uns das gelingt, dass wir unsere Lebensfreude und unser Gottvertrauen behalten und uns Angst und Einsamkeit nicht überrollen. Bald ist Ostern – das Fest Deiner Hoffnung. Amen.

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  Mein Zimmer

Mein Zimmer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.03.2020

Eigentlich hätte ich dieser Tage mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden des Braunschweiger Doms in der Flambacher Mühle sein sollen. Wir hatten uns ein Programm überlegt, bei dem es nicht nur ein Geländespiel rund um die Teiche mit Bibelbiathlon und Mensch-ärger-Dich-nicht mit lebenden Figuren geben sollte, sondern auch einen thematischen Weg zum Abschluss der Konfirmandenzeit: Gott, Gebet, Taufe, Wüstenerfahrung, Gemeinschaft – was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?
Eine Übung dabei wäre die Folgende gewesen: „Setzt euch hin und schließt die Augen, reist gedanklich nach Hause in Euer Zimmer und seht es Euch genau an: wie das Licht hineinfällt und sich im Laufe des Tages verändert, welche Bilder an den Wänden hängen, wie es auf dem Schreibtisch aussieht und darunter. Gibt es Pflanzen oder ein Aquarium, sitzt noch ein Teddy am Kopfkissen … Und wenn Ihr das vor eurem inneren Auge präsent habt, dann nehmt ein großes Blatt und malt einen Grundriss. Was ist wo?“ Man braucht ein bisschen Zeit dafür, vielleicht auch leise Musik. Wenn die Jugendlichen allmählich zuende kommen, dann fehlt noch eine Frage. „Wenn Gott in Deinem Zimmer wohnen würde oder wenn Du mit Gott in Deinem Zimmer reden wolltest – wo wäre sein Ort? Wo könntest du ihm nah sein? Male ein Dreieck mit einem Auge an diese Stelle! Und dann such dir zwei drei Leute aus der Gruppe, deren Zimmer Du nicht kennst und lass es Dir erklären und beschreiben!“
Meist wundern sich die Konfirmanden über diese Arbeitsanleitung. Aber dann versinken sie in ruhige Konzentration und später in ein tiefes Gespräch und entdecken, dass sie an ihrem Fenster oder an der Heizung auf dem Fußboden, im Bett oder mit ihrem Instrument tatsächlich einen Ort, eine Situation haben, wo sie ganz bei sich sein, ganz ruhig werden und in sich hören können. Sie halten es dann gar nicht mehr für so abwegig, dort Gott in ihr Herz und ihre Gedanken zu lassen, dort zu versuchen zu beten.
Jetzt – in Quarantäne und Zuhausebleibezeiten- wird diese Übung auf einmal für uns alle relevant. Wenn wir nicht in Kirchen gehen können, brauchen wir andere Orte, um Zwiesprache zu halten. Vielleicht im Garten oder nachts unterm Sternenhimmel, vielleicht am Küchentisch bei einer Kerze. Zum Jahreswechsel singen wir, was Dietrich Bonhoeffer aus der ungemütlichen Gefängniszelle nach Hause schrieb: „Lass warm und hell die Kerze heute flammen … / führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.“ Und er schließt: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Jetzt auch, das kann man spüren, wo immer Sie sind.


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  Eine Ruhestatt für die Fußsohle…

Eine Ruhestatt für die Fußsohle…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.03.2020

An Zufall glaube ich nicht so sehr, eher an Fügung und manchmal auch daran, hier- oder dorthin geschoben zu werden, damit ich mich befasse, vorbereitet oder zur Stelle bin – auch wenn ich das gar nicht bemerke. Später, wenn es akut wird, staune ich dann. Dafür also…
So ist es mir jetzt ergangen.
Vor zwei Wochen war ich noch in der Woltersburger Mühle bei Uelzen. Dort gibt es ein Zentrum für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung, mit anderen Worten einen Ort an dem man sehr gründlich an biblischen Texten arbeitet und sie zugleich auf unsere aktuelle Situation hin befragt. Inwieweit spiegelt sich zum Beispiel in den biblischen Speisungswundern der wirkliche physische Hunger von Menschen, die ja in einem besetzten Land lebten und oft nicht wussten, wovon sie leben sollten.
Ich habe also dort ein Seminar besucht, in dem um die Sintflutgeschichte ging und den Klimawandel, um Naturkatastrophen, um Rettung und Untergang, um Eingeschlossene und Überlebende, um große Bilder und eine neue Erde.
Gedacht und geplant war das Thema natürlich im Kontext der großen ökologischen Fragen unserer Zeit. Aber dann ragte Corona immer dringender in unsere Diskurse. Schließlich bin ich eher abgefahren als ich eigentlich wollte, weil die Domsingschule geschlossen werden musste.
So kommt es, dass ich in diesen verwirrenden Tagen einen großen Vorrat an frischen Gedanken rund um die Noahgeschichte habe – ohne geahnt zu haben, wie schnell ich den brauchen werde.
Ein Wort aus dieser Geschichte, die wir auch in den Worten Martin Buber gelesen haben, geht mir nach – erst recht wenn man im Hinterkopf all die Gestrandeten hat, die auf Flughäfen und an Grenzen feststecken oder noch viel schlimmer, in den überfüllten Flüchtlingslagern: Die Bibel erzählt, dass Noah als er endliche ein bisschen Land sah, eine Taube rausließ, die aber zurückkam, weil sie keine „Ruhestatt für ihre Fußsohle“ fand.“
Was für eine unglaubliche Formulierung! Man ahnt, die Taube mit ihren kleinen Füßchen braucht nicht viel aber ohne einen Ort, an dem sie landen und ankommen kann, Ruhe finden, kann sie nicht leben. Den brauchen wir auch – für innen und außen. Und so paart sich in dieser besonderen Zeit die Dankbarkeit für ein geborgenes Zuhause mit der Sorge um die, die das nicht haben. Dabei sollte es bleiben, nicht eines ohne das andere, auch wenn wir eines Tages ans Weitermachen gehen werden.

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  An der Schmerzgrenze

An der Schmerzgrenze

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.03.2020

Nun ist also auch der Dom zu. Gestern kam die dringende Empfehlung der Landeskirche, die damit auf das behördliche Kontaktverbot reagiert.
Bisher konnte man noch am vertrauten Ort eine tägliche Kerze anzünden oder innehalten mit den Sorgen und Hoffnungen dieser Tage.
Nun also kein Heilwerden unter den Augen des Imervard, kein Blick hoch zu den Knospen des Lebensbaumes. Nun gilt es auch in dieser Hinsicht Verantwortung wahrzunehmen, konsequent zu sein, auch wenn es weh tut.
Diese Maßnahme schmerzt. Mich auch.
das schmerzt mich fast mehr als der Wegfall der Gottesdienste. Die gibt es im Fernsehen und Internet in großer Zahl, man kann mitsingen und mitbeten. Aber die Wirksamkeit eines solchen Ortes, die Zuflucht zwischen den durchgebeteten Mauern, das lässt sich nicht so leicht nach Hause holen. Und einmal mehr verschärft sich die Frage, wie es denen wohl gehen mag, die im Internet und den sozialen Medien unbehaust und fremd sind.
Zuhause sitzend, und Gedanken in eine Kladde schreibend, die mir eine Freundin zu Weihnachten geschenkt hat, ist die nächste Seite auf einmal nicht leer für meine Worte, sondern bedruckt – offenbar auch für mich: „Freiheit meint nicht nur Religions- und Meinungsfreiheit. Auch Freiheit zum Schreiben. Freiheit zum Denken…“
Die Worte stammen von Mehrdad Sepehri Fard, der in den 1990ern aus dem Iran fliehen musste und seither christliche Hauskirchen unterstützt, die nur noch im Verborgenen praktizieren können.
Ich bin von der Schmerzgrenze doch noch weiter weg als befürchtet.
So schlimm ist es hier nicht.
Uns ist Begegnung verboten, nicht Glaubenspraxis. Wir können laut vom Balkon singen, denken und einander schreiben. Briefe gehen grade viele aus dem Dompfarramt raus.
Und ich schreibe jeden Tag ein Kapitel aus der Bibel ab und stelle das, was ich dabei wahrnehme auf der Domseite ein. Gestern schickte mir eine Frau ein Foto ihres Bibel-Schreibheftes und schrieb dazu: „Vor lauter Angst fällt mir das Lesen oft schwer, aber das Lesen um niederzuschreiben, schafft Ruhe in mir.“
Es geht doch noch viel mehr als ich in meinem Kummer dachte.


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  mein Feigenbäumchen

mein Feigenbäumchen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.03.2020

In unserem Erker steht ein kleiner Feigenbaum. Als ich ihn gekauft habe, trieb er brav ein Blatt nach dem anderen und setzte Früchte an. Ich freute mich an seiner Geschäftigkeit. Mein Mann betrachtete das fleißige Bäumchen nicht ganz so liebevoll. Er hatte die sizilianischen Verwandten vor seinem inneren Auge und befürchtete, den Erker zeitnah an meinen grünen Freund abtreten zu müssen.
Aber dann wollte das Bäumchen nicht mehr. Die großen gefingerten Blätter fielen einfach ab und zwar im Sommer statt im Winter und das Stämmchen war nur noch eine traurige Erinnerung an seine frühere Kraft. Eigentlich hätte es den Weg aller botanischen Misserfolge in die grüne Tonne nehmen müssen aber ich kann aus meiner Theologinnenhaut nicht raus und hatte Hemmungen.
Denn Feigen sind nicht irgendwelche Pflanzen. Feigen gab es, so erzählt es das Alte Testament, wie Weizen und Granatäpfel im Land, wo Öl und Honig fließt. Bei dem Propheten Micha heißt es: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und … ein jeder wird unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen.“
Und auch das Neue Testament macht am Feigenbaum fest, ob Zukunft möglich bleibt. In dem berühmten Gleichnis aus dem Lukasevangelium vom Feigenbaum, der einfach keine Frucht trägt und der deshalb abgehauen werden soll, bittet der Gärtner: „Gib dem Baum noch ein Jahr! Ich will ihn jäten und düngen! Vielleicht bringt er doch noch Frucht….“
Lass mich daran glauben, dass es anders ausgeht als jetzt aussieht! Lass mich mein Menschenmögliches dafür tun, dass dieser Baum sich erholt.
Rainer Maria Rilke dichtete: „Gib mir noch eine kleine Weile Zeit, ich will die Dinge so wie keiner lieben…“
Es ist eine Bitte, die nicht übersieht, dass Dinge zu Ende gehen, dass wir Menschen ein Ende haben und die dabei doch ernstnimmt, dass man manchmal erst begreifen muss, wie schön und kostbar unser Leben ist.
Der Gärtner sieht sehr wohl auch, dass sein Bäumchen nutzlos geworden ist – aber so muss es nicht bleiben! Es kann alles anders werden, neu und auch wieder gut.
Und tatsächlich: mein Feigenbäumchen treibt jetzt, ausgerechnet jetzt, wie verrückt. Es hat solche Kraft, dass ein hölzerner Äthiopier daneben vom Fensterbrett geschoben wurde. Klingt platt, ist aber wahr.





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  Zeichen der Verbundenheit

Zeichen der Verbundenheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.03.2020

Gestern kam eine Audiodatei aus London, ausgerechnet und deshalb erst recht schön! Unser Sohn hatte mit seiner Freundin für die verstreute Familie „Freude schöner Götterfunken“ eingespielt, damit es mitklingt, abends, zu den verschiedenen Fenstern raus. Ein Zeichen der Verbundenheit. Sie kommen dieser Tage aus allen Richtungen. Mal übers Smartphone, mal als Licht von der anderen Straßenseite.
Als Kind habe ich mit meiner Mutter regelmäßig nach dem Abendstern gesehen. Sie hatte dieses Ritual mit ihrer Mutter und Großmutter verabredet, die jenseits der innerdeutschen Grenze lebten. Unser Blicke würden sich treffen, natürlich, was sonst!
Es sind schwere Zeiten ohne Frage, man weiß nicht, wie lange wir uns so einrichten müssen und wie es dann weitergehen wird, schon gar nicht, wen und was wir dabei verlieren werden. Wir können wenig tun, außer zu machen, was uns gesagt ist und abzuwarten.
Eine Geschichte, die uns in dieser Situation mit allen verbindet, die die Bibel kennen, steht im ersten Buch Mose. Da zieht Noah mit seiner Familie und jeweils einem Paar aller Lebewesen in einen Kasten. Es ist kein steuerbares Schiff, sondern ein Zufluchtsort, den man nicht verlassen kann, weil draußen Unheil wütet. Noah nimmt Essbares mit. Auch hier gibt es also Vorratswirtschaft, denn es wird länger dauern. Darum muss er muss sich auch darauf verlassen, dass zwischen den Tieren das übliche Fressen und Gefressenwerden aussetzt, friedliches Beisammensein ist gefragt.
Das war mit bisher so nicht bewusst und es gibt noch mehr Details, die ich überlesen habe:
Nachdem Gott die Flut angekündigt hat, setzt er noch eine Frist von sieben Tagen, bis sie kommt. Das kann man als Inkubationszeit lesen, Zeit, in der man eine Gefahr ernstnehmen muss ehe man sie sieht.
Gott fordert den Noah auf, auch Samen mitzunehmen, denn die Gefahr wird weichen, er wird wieder säen und ernten können. Ein Zukunftsversprechen.
Und er setzt den Regenbogen in die Himmel. Wir alle haben ihn schon gesehen. Es ist Gottes Verbundenheitszeichen.


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  Frühlingsanfang

Frühlingsanfang

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.03.2020

Es sind schon bemerkenswerte Zeiten, in denen wir gerade leben – bemerkenswerte und ambivalente. Auf der einen Seite lähmt Corona das öffentliche Leben, schränkt uns in bisher ungekannter Weise ein, reduziert soziale Kontakte, Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und verhindert sicher auch die eine oder andere kleinere oder größere Notwendigkeit. Auf der anderen Seite erleben wir geradezu eine Explosion des Lebens um uns herum – in der Parks und Grünanlagen unserer Stadt, in den Gärten vor und hinter unseren Häusern, auf den Wiesen und Äckern im Braunschweiger Land. Die Natur startet das große Feuerwerk des Lebens. Braune Äcker decken sich mit zartem Grün. Bäume und Sträucher, die über den Winter wie tot aussahen, erwachen und vieles, was in den vergangenen Monaten nur grau und trist und öde aussah, taucht sich in bunte Farben - Frühlingsanfang.
Jedes Jahr erleben wir den Zyklus vom Erwachen über Blüte und Reife bis hin zum scheinbaren oder auch tatsächlichen Absterben. Jedes Jahr wieder ein Wunder vor unseren Augen. Und es ist in der Tat wunderbar, denn unser Einfluss auf das, was da draußen passiert, er ist begrenzt. Ja, wir können durch bewässern und düngen das eine oder andere fördern und beschleunigen und ja, wir können durch leichtfertigen Umgang mit der Natur auch viel Schaden anrichten. Und doch vollzieht sich der Lauf der Jahreszeiten ohne unser Zutun. Er folgt Regeln, die nicht von Menschen gemacht sind.
Fraglos hat jede Jahreszeit ihren ganz besonderen Charme. Doch der Frühling ist, wie ich finde, in besonderer Weise hoffnungsstiftend, weil mit ihm das Leben triumphiert, weil mit ihm das Leben sein Fest feiert. Gott zeigt uns in seiner wunderbaren Schöpfung, dass selbst dort, wo es kaum zu erwarten war, im toten Boden und Gehölz, Leben darauf wartet, dass es sich Bahn brechen kann, heraus aus der Kälte, heraus aus der Dunkelheit, hinein ins Licht.
Und so ist das Erwachen der Natur für mich auch ein Bild für unser eigenes Leben. Auch in den dunkelsten Situationen ist Hoffnung darauf, dass es wieder hell und warm werden kann um uns und in uns. Gottes Schöpfung ist niemals fertig, sie ist immer wieder neu und sie wird immer wieder neu und das gilt eben nicht nur für die Bäume und Blumen in unseren Gärten, das gilt auch für uns. So, wie die Passionsgeschichte nicht mit dem Karfreitag zu Ende erzählt ist, sondern unmittelbar und unausweichlich auf das Licht des Ostermorgens hinsteuert, so dürfen auch wir darauf hoffen, dass es ein Aufleuchten neuer Zuversicht geben kann und geben wird, selbst und gerade in den Momenten, in denen wir mit allem rechnen, aber eben nicht damit, selbst und gerade in diesen Corona-Zeiten.
Frühlingsanfang – eine gute Zeit, um an Gottes Liebe und seine unendliche Freundlichkeit zu erinnern, sie zu genießen und Gott dafür zu danken – mit Herzen, Mund und Händen.

Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, Geduld, Hoffnung und Zuversicht brauchen wir – gerade in diesen Tagen. Sei bei uns, wenn wir Angst vor der Zukunft haben, sei bei uns, wenn wir anderen helfen wollen, sei bei uns, wenn wir zu entscheiden haben, welcher Weg der richtige ist. Wir danken dir für jedes kleine Zeichen deiner Gegenwart in unserem Leben und für deine unerschöpfliche Freundlichkeit und Liebe. Hilf uns durch diese herausfordernden Zeiten und stärke unser Vertrauen zu dir. Amen.

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  Zuversicht

Zuversicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.03.2020

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Buch zur diesjährigen Fastenaktion „Sieben Wochen ohne Pessimismus. Sieben Wochen Zuversicht.“
Als die Aktion ausgerufen wurde, habe ich mich gewundert und fast ein bisschen geärgert. Das schien mir platt. Luxusprobleme einer überfressenen Welt…
Heute klingt das – wie fast alles – anders in meinen Ohren.
Wir werden Gelegenheit haben, uns gründlicher in Zuversicht üben zu können als wir bisher gedacht haben. Sieben Wochen ohne Schwarzseherei und Panik, sieben Wochen ohne das Kolportieren dramatischer Gerüchte, sieben Wochen ohne Entmutigung. Das könnte uns herausfordern, wenn die gängigen Ablenkungen und Stabilisierungsmöglichkeiten fehlen: keine Chorprobe, kein Fitnessstudio, kein Kino, keine Sauna, kein Shoppen, keine Reisen, keine Besuche und auch kein Stress, keine Routine, keine übervollen Tage.
Was dann?
„Ich hoffe auf Licht und es kam Finsternis.“ So steht es im Buch Hiob und so wurde es für diese vierte Woche der Passionszeit ausgesucht. Nicht gerade ermutigend! Erinnern wir uns: Hiob hatte seine Familie, seinen Besitz, seine Gesundheit verloren. Woraus schöpfte er Zuversicht? Woher nehmen wir, seine Zeitgenossen Hoffnung?
Die Hiobgeschichte scheut harte Wahrheiten nicht. Eine ist es, dass das Leid auf dieser Erde nicht aufhören wird. Ein Leben ohne Kummer und Schmerz wird es nicht geben. Auch wenn alles wieder „normal“ ist, wird es deshalb nicht sein wie vorher. Wir werden Spuren davontragen.
Das ist noch keine Zuversicht. Das ist Realismus.
Kann man trotzdem von Hiob Leben lernen in schwerer Zeit? Er wandelt Schmerz in Klage. Und andressiert sie an den einen Gott, den er fürchtet. Seine Furcht ist Gottesfurcht, nicht Menschenangst vor dem was kommt.
So gibt er sich aus der Hand und übt Vertrauen.
Für Hiob wird es ein Leben danach geben. In Fülle. So wird es auch für uns sein. Denn heute ist nicht nur Frühlingsanfang. Wir gehen auf Ostern zu. Immer weiter. Gehen Sie bitte mit!

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  Aus meiner Hütte heraus...

Aus meiner Hütte heraus...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.03.2020

Die Zeitung ist einer meiner Alltagsbegleiter. Ich bin froh, dass sie nach wie vor morgens im Briefkasten liegt und mag mir nicht richtig vorstellen, wie es ohne wäre. Sie ist ein Resonanzraum zwischen uns allen, die wir uns sonst live und in Farbe begegnen und – tatsächlich! – berühren.
Ein Raum für die Menschen der Stadt und der Region.
Auch der Dom ist solch ein Raum.
Tag für Tag, inzwischen seit Jahrzehnten, schreiben wir eine Andacht und feiern sie, verteilen den Text in alle Himmelsrichtungen. Das tun wir noch immer. Tag für Tag. Jetzt hängt der Text im Schaukasten, steht im Internet findet sich auf der App.
Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Leib Christi, Verbundenheit im Gebet und durch dieselben Worte gibt es ja Gott sei Dank weiter und hat sich gerade in Zeiten von Isolation und tiefster Einsamkeit bewährt. Man lese die Gefängnisbriefe von Dietrich Bonhoeffer oder James Graf von Moltke.
Trotzdem, so ein leerer Dom ist schwer auszuhalten.
Texte vor leeren Bänken mögen Sie erreichen wie immer, gut so, Aber ohne dabei in Gesichter zu sehen, die nachdenklich oder erheitert, müde oder aufmerksam aussehen, vertraut oft, das ist schwer.
Ich mache mir Sorgen um alle die, deren täglicher Weg in diese Andacht geführt hat, weil ihnen das Leben hilft.
Ich mache mir Sorgen, um all die Ehrenamtlichen, die den Dom offen halten und Führungen anbieten. Viele von ihnen zehren von dieser Aufgabe.
Ich mache mir Sorgen um alle, denen es schwer fällt, allein die Hände zu falten. Dafür mag das Geläut helfen. Sie alle können wissen, dann stehe ich oder ein anderer Dommitarbeiter und betet das Vaterunser.
Das Verbot, Gottesdienste zu feiern, noch dazu in der Passions- und Osterzeit trifft uns alle schwer. Es ist ja die zentrale Lebensäußerung unseres Glaubens, das Evangelium zu verkündigen, darauf zu antworten mit Gebet und Gesang, Abendmahl zu feiern. Wir tun das also die, die Gott beim Namen gerufen hat. Jede und jeden Einzelnen. Solche bleiben wir.
In den Herrnhuter Losungen heißt es für diesen Freitag aus dem 27. Psalm: „Der HERR deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.“ Möge seine Hütte die Ihre sein und mögen Sie sich in Ihren Räumen unter seinem Schutz geborgen fühlen.
Ich begleite Sie aus meiner Hütte heraus gern und wünsche Ihnen Gottes Segen!

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  Selbst-Vergebung

Selbst-Vergebung

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.03.2020

„Ich könnte mir selbst in den Hintern treten! Ich schäme mich in Grund und Boden!“ Kennen Sie diesen Gedanken oder diesen Ausruf? Immer dann, wenn uns etwas misslungen ist, wenn trotz aller Mühe und guter Vorbereitungen etwas nicht geklappt hat, wenn wir Fehler gemacht haben, die wir um jeden Preis vermeiden wollten, dann kommt dieser Gedanke auf. Ich könnte mir selbst in den Hintern treten!
Was dabei zum Ausdruck kommt, ist zunächst einmal, dass uns in solchen Fällen nicht egal ist, worum es geht. Es ist durchaus auch zu beobachten, dass Menschen ihr Fehlverhalten sehr wohl herzlich egal ist. „Ich kann’s ohnehin nicht mehr ändern, was soll ich mich noch aufregen?“ Mit einer solche Haltung kann man möglicherweise leichter durchs Leben kommen, bei seinen Mitmenschen wird man aber ganz sicher nicht dauerhaft ganz oben auf der Sympathieliste stehen.
Vielleicht ist, wie so oft im Leben, der goldene Mittelweg eine gute Orientierungshilfe. In der Bibel finden wir an ganz vielen Stellen die Aufforderung, einander zu vergeben. „Vergebt einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus“, sagt beispielsweise Paulus. Mindestens genauso wichtig ist es aber meiner Meinung nach, dass wir uns selbst vergeben können. Und das ist manchmal schwerer, als das Fehlverhalten anderer zu entschuldigen. Hier sind wir oftmals eher bereit, nach Gründen für deren Fehler zu suchen, nach Erklärungen und Rechtfertigungen: Der hatte halt einen schlechten Tag, war belastet mit privaten Sorgen, gesundheitlich angeschlagen, konnte es eben in dieser Situation nicht besser. Das kann jedem mal passieren. Schwamm drüber – fertig!
Und bei uns selbst? Wie oft kauen wir auf unserem eigenen Scheitern herum, grübeln, ergehen uns in Selbstvorwürfen und schaffen es einfach nicht, die Vergebungsbereitschaft, die wir für andere in uns tragen, auch gegen uns selbst oder besser für uns selbst sprechen zu lassen. Das soll nicht heißen, dass wir ab morgen völlig verantwortungslos und ohne Rücksicht auf Verluste uns selbst alles durchgehen lassen können, das ganz sicher nicht! Aber wir dürfen uns dennoch erlauben, unter den selbst verzapften Mist einen Schlussstrich zu ziehen, Dinge und Themen nach deren Aufarbeitung einfach mal auf sich beruhen zu lassen und nach vorne zu blicken.
Unser großer Freund und Bruder Jesus Christus will uns dabei helfen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken“, ruft er uns zu. Wir dürfen ihm all das erzählen, was nicht zu unseren Glanzleistungen gehört und wir dürfen es getrost in seine Hände legen und diese Lasten bei ihm loswerden. Und es ist dann er, der uns sagt: Das kann jedem mal passieren. Schwamm drüber. Versuche, es morgen besser zu machen. Ich bin an deiner Seite und helfe dir – in Freundschaft und in Liebe!

Unser Gebet für diesen Tag:
Guter Gott, du kannst uns so vieles verzeihen und du tust es auch. Keiner weiß besser als du, dass wir immer wieder Fehler machen werden, dass keiner von uns perfekt ist und dass all unser Vermögen Grenzen hat. Darum hast du ein großes Herz für unsere Schwächen. Gib, dass wir auch untereinander bereit zur Vergebung sind und auch von uns selbst nichts Unmögliches erwarten. Lass uns in deiner Liebe leben, so wie es uns Jesus Christus vorgelebt hat.
Amen.

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  Hilfe!

Hilfe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.03.2020

Kennen Sie den Zeichner Ulli Stein? Von ihm stammen lustige und manchmal auch heiter-hintersinnige Cartoons, oftmals mit einer Maus und einem Pinguin. Ich habe von ihm eine Tasse zu Hause auf der ist ein Mann zu sehen, der im Meer vor einer kleinen Insel die Arme in die Höhe reckt. Am Strand liegt ein Laptop und der Mann schreit aus Leibeskräften: „F1, F1, F1!“
Um den Witz zu verstehen, muss man wissen, dass bei vielen Computerprogrammen über die F1-Taste die Hilfefunktion aufgerufen wird. Wenn ich also irgendwo bei einer Computeranwendung nicht weiterweiß, drücke ich F1 und dann erscheint – hoffentlich – ein Text, der mir erklärt, was zu tun ist.
Der Mann im Meer scheint also am Ertrinken zu sein ruft um Hilfe. Er ruft es seinem Computer zu, der da am Strand liegt, denn es ist Computersprache, dieses F1. Der Computer wird ihm aus seiner Situation kaum heraushelfen können, aber immerhin macht sich unser in Not geratener Schwimmer überhaupt bemerkbar. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Menschen, die Hilfe brauchen, rufen nicht laut in die Welt hinaus, dass es ihnen nicht gut geht. Viele Menschen haben aufgehört nach Hilfe zu rufen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, weil sie es immer und immer wieder versucht haben und sie niemand gehört hat, weil sie niemand hören wollte.
Menschen rufen nicht um Hilfe, weil sie sich schämen, ihrer Schwachheit wegen, ihrer Krankheit wegen, ihrer finanziellen Sorgen wegen, ihrer Bescheidenheit wegen. Dabei wären vielleicht hilfsbereite Mitmenschen in der Nähe, die sich gern kümmern würden, es aber nicht tun können, weil ihnen gar nicht bewusst ist, dass ihr Gegenüber Not leidet.
Und es ist tatsächlich so: Hilfe anzunehmen ist bisweilen genauso schwer oder sogar noch schwerer, als zu helfen. Dabei sind wir alle immer und immer wieder auf andere angewiesen. Niemand ist perfekt, Gott hat uns alle mit ganz unterschiedlichen Talenten ausgestattet und mit ganz verschiedenen Gaben gesegnet. Und so richtig gut funktioniert unser Miteinander eben nur dann, wenn wir uns gegenseitig ergänzen. Dazu gehört aber eben auch, dass wir wissen, was unserem Nächsten gerade fehlt.
Er, unser Nächster, sollte es uns wissen lassen, wir sollten es unseren Nächsten wissen lassen und wir sollten allesamt wachsam sein füreinander und achtsam miteinander umgehen – gerade in Zeiten wie diesen. Wir sollten die Zeichen der Hilfsbedürftigkeit unserer Mitmenschen nicht übersehen und die Hilferufe nicht überhören, und wenn sie noch so leise sind. Und wir sollten uns trauen, uns zu melden, wenn wir selbst Hilfe brauchen. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“, sagt Jesus. Und genau dazu braucht er uns. Denn Jesus hat keine Hände, nur unsere Hände. Und die können zu hilfesuchenden und auch zu helfenden werden.

Unser Gebet für diesen Tag:
Gott, wir allen stehen dieser Tage fragend, suchend und auch ängstlich vor dem, was um uns herum passiert. Ein Virus lähmt unseren Alltag, zwingt uns auf Distanz zueinander und stellt uns vor bisher ungeahnte Herausforderungen. Gott, wir bitten dich, lass uns an all dem nicht verzweifeln und lass uns unseren Nächsten nicht aus dem Blick verlieren. Schenke uns wache Sinne dafür, wo unsere Hilfe gebraucht wird und lass uns dann verantwortlich und besonnen handeln. Behüte uns und segne uns und lass uns ein Segen sein. Amen.

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  Rollenwechsel

Rollenwechsel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.03.2020

Braunschweiger Dom. Montagmittag. Tresendienst.
Sonst stehen hier unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und begrüßen Menschen, die hier beten oder einen Moment verschnaufen, eine Kerze anzünden oder an einer Führung teilnehmen wollen. Natürlich heißen sie auch Besucherinnen und Besucher unserer Andachten und Gottesdienste willkommen, verteilen Gesangbücher, Programme oder Andachtstexte, verkaufen Postkarten, Bücher und Kerzen.
Friedliche Normalität unter den Augen der Christusfigur des Meisters Imervard. Friedliche Normalität in der heilsamen Atmosphäre eines heiligen Ortes. Und manchmal, alle Jahre wieder, tumultartige Fülle.
Viele von ihnen tun diesen Dienst schon seit vielen Jahren. Wenn ich sie danach frage, dann erzählen sie, wie gut es tut, regelmäßig viel Zeit in diesem besonderen Raum zu sein, unter Gottes Angesicht. Sie beschreiben Begegnungen und Beobachtungen. Staunen noch immer darüber, wie das Licht durch den Dom wandert.
Jetzt stehe ich hier. Nach fast sechs Jahren und so vielen Stunden im Dom übernehme ich auf einmal diese Stelle – am Eingang, an der Schwelle.
Hauptamtliche und Mitglieder des Kirchenvorstandes wechseln sich ab. So halten wir den Dom offen und hüten den Ort.
In der Tageslosung heißt es:
„Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zu gutem Ende führt.“ (Psalm 57,3)
Und dazu aus dem Markusevangelium:
„Wer beharrt bis an das Ende, der wird selig.“
Da ist mir gerade bisschen viel „Ende“ drin. Ich hätte gerne, dass es aufhört und sich unser aller Leben wieder normalisiert, dass wir uns nicht sorgen müssen, ob unsere Eltern irgendwo klarkommen und wann wir unsere Kinder wiedersehen, ob von denen, die sonst hier am Tresen stehen, nicht auch einige dabei sind über die die große Einsamkeit fallen wird. Ich möchte, dass es aufhört. Ich kann geduldig sein. Aber bitte, das möge nicht das Ende sein!
Manchmal ist das Gehirn eigen. Während ich das noch schreibe, gräbt es ein kleines Lied, einen Kanon, ein gesungenes Gebet aus.

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei Dir Herr, füll Du uns die Hände.“

Dompredigerin Cornelia Götz

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  Sichtbare und unsichtbare Kirche

Sichtbare und unsichtbare Kirche

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.03.2020

Ganz allein habe ich gestern, am Sonntagmorgen, vorm Marienaltar gestanden und gelesen: „Alles hat seine Zeit.“ Anschließend habe ich das Vaterunser gebetet und ein Segenswort gesprochen. Es war ein stellvertretender Dienst. Im Dom wird gebetet, Zwiesprache mit Gott gehalten, natürlich. Und doch alles anders: Die Gemeinde saß nicht in den Bänken wie sonst, keine Orgel, kein Gesang.
Aber die Gemeinschaft der Heiligen – die habe ich gespürt.
Es ist eine langsame Klärung, allmähliches Bewusstwerden.
Erst erinnerte ich mich an die wunderbare Ikonenwerkstatt im November auf Kreta. Damals haben wir uralte kleine Kapellen in den Bergen besucht, deren Wände voller Heiliger bemalt waren. Dabei habe ich gelernt: man ist an diesen Orten niemals allein – die Heiligen sind ja da und lebendig, mit ihnen wird immer Gemeinschaft möglich sein, in die ich mich bergen kann.
Dass das so aktuell werden könnte!
Zwei oder drei in seinem Namen…
Als Theologin kenne ich noch eine andere Unterscheidung:
Sichtbare und unsichtbare Kirche.
Bisher habe ich darunter gehört: Gebäude, Institution, Rechtssammlung, Pfarrer, Talare, Kirchenvorstand einerseits – Leib Christi andererseits.
Und jetzt?
Sichtbar: Kirchen in der ausgestorbenen Stadt, keine Gottesdienste, keine Konfirmandenfahrt, dafür ein großes Schild an der Tür, damit niemand auf die Idee kommt, einander die Hand zu geben. Vor paar Tagen war das noch ein Sicherheitshinweis, heute ist es schon selbstverständlich.
Unsichtbar: Überall beten Menschen mit denselben Worten, lesen in derselben Bibel, vertrauen demselben Gott, denken sich zur selben Zeit in ihre Kirche.
Wir sind verbunden, Glieder einer großen Gemeinschaft: Bisher haben wir diesen Gedanken immer dann aufgerufen, wenn es um die ging, die vor uns waren, in deren Worten und Glaubenserfahrung wir uns bergen können. Aber warum sollte dieselbe fraglose Verbindung nicht auch zu denen bestehen, die neben uns sind?
Der oft so unbegreifliche heilige Geist – er verbindet uns, hält uns beieinander, erfüllt uns – mit Leben und Segen. Bleiben Sie behütet!

Gebet:
Gott, wir bitten dich in diesen Tagen, in denen wir so sehr auf uns selbst geworfen sind, in denen wir Vergewisserung suchen und Formen, einander beizustehen – erfülle uns mit der Gewissheit, dass du da bist mit deiner Fülle und deinem heilsamen Segen!
Gott, in Deine Hände legen wir die Sorge, um unsere Nächsten, denen wir jetzt nicht nah sein können. Schütze und bewahre sie!
Gott, dich bitten wir für alle, die arbeiten und dafür sorgen, dass Notwendiges weitergeht. Gib ihnen Kraft und Zuversicht, lass sie heil an Leib und Seele bleiben.
Behüte und bewahre uns alle. Amen



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  GELIEBTE UND LIEBENDE

GELIEBTE UND LIEBENDE

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.03.2020

Liebe Andachtsbesucherinnen und Andachtsbesucher, würden man 50 gläubige Menschen fragen, was für sie Religion und Glauben bedeute, man bekäme wahrscheinlich mindestens 51 verschiedene Antworten. Die persönliche Vorstellung von Gott spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle und damit meine ich nicht nur, ob man ein konkretes Bild mit ihm verbindet, also zum Beispiel das, des alten, weisen und gütigen Mannes, der auf einer Wolke sitzt, so wie Michelangelo ihn in der Sixtinischen Kapelle dargestellt hat. Nein, auch die, ich nenne es mal Charaktereigenschaften, die jeder und jede mit Gott verbindet, sind maßgeblich.
Immer wieder gab es Menschen, die für sich in Anspruch genommen haben, genau zu wissen, wie Gott ist. Und sie haben damit andere unter Druck gesetzt und Macht ausgeübt. Sie haben Gott als den zornigen und strafenden dargestellt, dessen Wut man sich beispielsweise durch den Kauf von Ablassbriefen entziehen konnte. Auch in der Erziehung wurde und wird vielleicht mancherorts sogar immer noch Gott als Drohmittel eingesetzt: „Sei anständig, Gott sieht alles und wenn du nicht artig bist, wird er dir das nicht durchgehen lassen!“
Wie ist Ihr Bild von Gott? Ist es der bedrohlich Allmächtige, der über allem und über allen steht? Ich denke, dass wir, seit Gott seinen Sohn, unseren Freund und Bruder Jesus Christus in diese Welt geschickt hat, mit Gott anders unterwegs sein können und dürfen. Dorothee Sölle beschreibt es so: „Nicht Gottesverehrung in Demut und Ergebenheit, nicht Anbetung eines höheren, unbegreiflichen Wesens ist das Herz der Religion, sondern Liebe im Doppelsinn des Wortes, das uns als Geliebte und als Liebende nennt.“
Das kann ich sehr gut annehmen. Natürlich sollen wir unsere Ehrfurcht vor Gott nicht verlieren und Demut gegen Überheblichkeit und Größenwahn eintauschen. Aber im Kern unserer Beziehung zu Gott und Gottes Beziehung zu uns steht unverrückbar Liebe! Wir alle sind Geliebte Gottes, Sie und Ihr und ich und nicht nur wir irgendwie alle zusammen, sondern jede und jeder einzelne Mensch ist von Gott angenommen, gewollt und geliebt. Persönliche Bewertung meinerseits: Ich finde das einfach nur großartig!
Und mit Liebe im Doppelsinn meint Dorothee Sölle eben, dass Gottes Liebe bei uns nicht einfach so versickern soll, wie ein Regentropfen auf trockener Erde. Wir sollen als Liebende durch unser Leben gehen – Liebende unseren Mitmenschen gegenüber, Liebende denen gegenüber, die einsam, verzweifelt und hilflos sind, Liebende auch Gott gegenüber, dem wir all das, was uns ausmacht und was uns umgibt zu verdanken haben.
Geliebt und liebend zu sein, ich glaube, wenn wir das für uns annehmen können, dann haben wir schon ganz viel von Gottes froher Botschaft verstanden – eine gute und solide Basis für ein Leben, so, wie Gott es für uns gedacht hat.

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  FÜR DICH!

FÜR DICH!

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.03.2020

An jedem Freitag und an zwei Sonntagen im Monat feiern wir hier im Dom in Andachten und Gottesdiensten das Heilige Abendmahl miteinander. Das ist für eine evangelische Kirche schon ganz schön häufig. Bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern gehört die Eucharistie, übersetzt „Danksagung“, zu jedem Gottesdienst fest dazu. In evangelischen Kirchen überwiegen von der Anzahl her ganz klar die Wortgottesdienste. Aus Erzählungen meiner Oma weiß ich, dass früher sogar nur am Karfreitag und am Buß- und Bettag Abendmahl gefeiert wurde. Heute ist das, wie schon gesagt, deutlich häufiger der Fall.
Ich persönlich begrüße das sehr, ist doch das Abendmahl für mich ein Moment im Gottesdienst oder in einer Andacht, von dem eine ganz eigene Kraft ausgeht, und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen erleben wir als Gemeinde eine besondere Form von Gemeinschaft. Wir stehen Seite an Seite vor dem Tisch des Herrn, geschwisterlich miteinander verbunden und das ganz ohne Ansehen der Person. Das einzige und gleichzeitig auch wichtigste, was uns verbindet, ist unser Christ-Sein.
Zum anderen erlebe ich das Heilige Abendmahl auch immer wieder als einen Moment, in dem Gottes Gegenwart in besonderer Weise spürbar wird. Und in dieser Situation der, wenn Sie so wollen, „doppelten Gemeinschaft“, also untereinander und mit Gott, passiert etwas, was für mich besonders wichtig und wertvoll ist: Uns, die wir uns als Gemeinde hier vor unserem Marienaltar versammeln, wird etwas zugesprochen: „Christi Leib für Dich gegeben.“ Es wird uns zugesprochen nicht etwa als anonyme Gruppe, sondern ganz individuell und jeder und jedem höchst persönlich: Christi Leib für Dich gegeben.
Jesus hat sein Schicksal nicht auf sich genommen, um die Menschheit an sich zu retten, so, als ginge es um die Rettung einer bedrohten Tierart. Jesus hat gelebt und ist gestorben für jeden einzelnen Menschen, für jeden einzelnen Menschen, der war, der ist und der sein wird und somit auch für Sie, für Euch und für mich.
Unser aller Wohlergehen liegt ihm am Herzen. Alles, was uns plagt und quält und alles, von dem wir meinen, dass wir uns dafür rechtfertigen müssten, nimmt er auf sich und er nimmt es für uns mit ans Kreuz und das wird in unserer Liturgie im Abendmahl immer wieder deutlich: Christi Leib und Christi Blut für Dich gegeben!
Das wollen wir auch jetzt im Anschluss wieder miteinander feiern. Seien Sie herzlich eingeladen, sich Gottes Liebe und Barmherzigkeit zusprechen zu lassen. Liebe und Barmherzigkeit für heute, morgen und allezeit und in Ewigkeit.

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  Auctor - ein Wandteppich für den Schutzpatron

Auctor - ein Wandteppich für den Schutzpatron

Pfarrer Peter Kapp - 12.03.2020

Gestern wurde im Altstadtrathaus ein Wandteppich offiziell vorgestellt. Er zeigt den Stadtheiligen von Braunschweig, den heiligen Auctor. Der Legende nach hat er die Stadt vor der andauernden Belagerung bewahrt und sie mit seiner besonderen Kraft vor dem Untergang bewahrt und geschützt. Die Feinde brachen die Belagerung ab, weil Auctor ihnen auf den Mauern der Stadt erschienen sein soll.
Kann man das heute noch glauben? Ist das eigentlich auch nur irgendwie historisch? Aber anders gefragt: ist das eigentlich wichtig? Das große Bild in den beeindruckenden Maßen von 3 Meter mal 4,5 Meter ist jetzt eindrückliches Zeichen an alle, die die „gute Stube der Stadt“, den Festsaal der Dornse betreten. Auf dem Spruchband des Wandteppichs, der eine kleine Miniatur als Vorlage hatte, ist zu lesen: Sei der Stadt Braunschweig Beschützer.
Es ist gut, dass die alten Geschichten nicht einfach vergessen werden. Es ist gut, sie auch heute zu erzählen. Es ist gut nach dem zu fragen, was es lohnend machen kann, sie zu bewahren. Was gefährdet das Leben in dieser Stadt denn heute? Wo sind die Tendenzen zu Vereinzelung und zum Abschied von Verantwortung so groß, dass sie das Gemeinwohl bedrohen oder gefährden könnten? Und daneben: was ist es, was eine Gemeinschaft auch in dieser Stadt im Innersten zusammenhält?
Solche Fragen, so denke ich, werden durch die Beschäftigung mit der Figur des Auctor angeregt. Sie sind alles andere als überholt, sie sind in Zeiten wie diesen nötiger denn je. Wir müssen verstärkt nach dem fragen, was uns verbindet.
Seit 820 Jahren ist der Hl. Auctor Schutzpatron unserer Stadt. Sein Grab ist bis heute in der St.-Aegidien-Kirche bewahrt. Wer jetzt in die Dornse kommt, muss den Blick leicht nach oben richten, denn der neue Wandteppich geht bis fast unter die Decke. Es ist aber eben auch eine symbolische Blickrichtung. Bei allem, was in dieser Stadt und ihrem Miteinander zu bedenken gibt, sollten wir den Himmel nicht vergessen. Im 121. Psalm heißt es: ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Und die Antwort: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

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  Tischgemeinschaft wird verschoben

Tischgemeinschaft wird verschoben

Pfarrer Peter Kapp - 11.03.2020

Gestern mussten wir in der Propstei die Entscheidung treffen, die Vesperkirche abzusagen. Das ist nicht leicht gefallen. Immerhin haben sich fast 100 Menschen gemeldet, die gern mitmachen wollten. Ehrenamtlich. Einfach so. Darunter etliche, die das im letzten Jahr nur gehört und vielleicht einmal kurz selbst erlebt hatten und es einfach nah dabei sein wollten.
Bei der Vesperkirche steht ja nicht in erster Linie ein kostengünstiges Mittagessen im Vordergrund, sondern vielmehr die Hoffnung und der Wunsch, dass sich Menschen am Tisch gemeinsam erleben und begegnen, die sonst vielleicht nie zusammensitzen würden. Und die dadurch die Möglichkeit haben, in ein Gespräch zu kommen. Wir sitzen ja meist nur mit denen zusammen, die wir auch sonst schon kennen. Oder mit denen wir beruflich oder anders verbunden sind. „Grenzüberschreitungen“ beim Essen sind eher selten.
Vesperkirche will genau dies: verschiedene Menschen an einem Tisch zusammenführen. Zeigen, dass Gesellschaft eben aus verschiedenen Gruppen und Milieus besteht. Und dass sie erst im Miteinander vollständig wird. Das wird nun nicht sein in diesen beiden kommenden Wochen. Ein Virus macht es schwer, unbefangen miteinander umzugehen. Darf ich noch die Hand reichen? Gar in den Arm nehmen? Sollte nicht vielleicht lieber ein Platz frei bleiben zwischen mir und meinem Tischnachbarn? Wenn solche und ähnliche Fragen im Raum stehen, ist das Ziel einer Vesperkirche in Frage gestellt.
Deshalb mussten wir absagen. Mit ganz viel Traurigkeit. Denn es bleibt Anliegen von uns als Kirche in dieser Stadt, Menschen zusammenzuführen. Wir fragen nach dem, was uns gemeinsam stark machen kann. Wir suchen nach dem, was uns bei aller Verschiedenheit verbindet. Wir wollen all den Kräften wehren, die zum Auseinanderdriften beitragen. Als Kirche wissen wir um unsere Verantwortung für ein Gemeinwesen. Wir nehmen als Menschen dieser Stadt wahr, wo etwas gelingt und auch, wo etwas misslingt. Und wir wollen tun, was in unseren Kräften steht, um Gutes zu befördern.
Deshalb ist die Vesperkirche nur verschoben. Sie ist ja ein Projekt auf Zeit, in dem ein Stück gute Kommunikation ausprobiert und gelebt werden kann. Das werden wir nicht einfach aufgeben. Ein Virus nötigt uns jetzt zur Besonnenheit. Unser Auftrag als Kirche bleibt. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

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  Wenn alle mitmachen dürfen

Wenn alle mitmachen dürfen

Pfarrer Peter Kapp - 10.03.2020

Heute Abend trifft sich der Beirat der mit-Uns-Gemeinde. Das ist eine Einrichtung unserer Propstei mit Sitz in der Recknitzstraße in der Weststadt. Zu dieser besonderen Gemeinde halten sich Menschen, die in welcher Weise auch immer beeinträchtigt sind. Menschen mit Behinderungen sagen wir auch. Dabei soll es eben nicht einfach heißen: „Behinderte“, sondern eben ganz bewusst: Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Es sind nämlich eben zuerst auch Menschen. Das ist schon ein gutes Stück der Botschaft, die diese Gemeinde dort verkünden will.
Deshalb gibt es gemeinsame Gottesdienste mit anderen Kirchengemeinden zusammen, deshalb gibt es Jugendgruppen und Treffs an Abenden. Und es gibt für Eltern und Angehörige das Angebot, ins Gespräch zu kommen. Die eigenen Nöte denen zu erzählen, bei denen sie in besonderen Weise auf Verständnis hoffen können. Und es gibt meist gut besuchte Freizeiten, die in besonderer Weise das Miteinander von Menschen über Grenzen hinweg im Blick haben.
Es geht ja inzwischen in unserer Gesellschaft um Inklusion. Wir alle sollen das Bewusstsein für das Miteinander entwickeln. Inklusion bezieht sich nicht nur auf die Menschen mit den Beeinträchtigungen, sondern auf uns alle. Am Gelingen des Miteinander sind wir alle beteiligt. Im Jahr 2008 bereits tagt die Konvention der UNO über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft. Sie fordert die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Inklusion ist ein Menschenrecht. Das gehört zur Würde eines jeden Menschen. Das ist nicht verhandelbar. Und Inklusion ist, wenn alle mitmachen dürfen, wenn nebeneinander zum Miteinander wird. Wenn Anderssein normal ist. Denn manchmal ist man nicht behindert, sondern man wird behindert. Das wollen wir ändern.
Dafür müssen wir als Gesellschaft immer neu eintreten. Dafür haben wir als Kirche diese Pfarrstelle und ihre Gemeinde hier in unserer Stadt. Denn wir sind als Christinnen und Christen überzeugt, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Dass er keinen Unterschied macht, sondern wir alle bei ihm unendlich geliebt und wertvoll sind. Das kann tatsächlich den Blick auf die Welt verändern. Wie gut, dass es mit-Uns in Braunschweig gibt!

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  Bewahren und erinnern

Bewahren und erinnern

Pfarrer Peter Kapp - 09.03.2020

Von meinem Vater habe ich ein kleines Büchlein geerbt. Das Neue Testament als kleine Taschenausgabe. Es ist nur etwas größer als eine der zahlreichen Plastikkarten, die wir sie mit uns herumtragen. Vor mehr als 90 Jahren wurde es in Halle an der Saale gedruckt. 1929. Und an etlichen Stellen hat er damals mit Bleistift handschriftliche Eintragungen gemacht.
Diese besondere Ausgabe hat er in seinen Kriegszeiten immer bei sich getragen, so hat er es mir vor Jahren erzählt. Auch in mehr als drei Jahren russischer Gefangenschaft konnte er dieses Neue Testament durch alle Kontrollen bei sich bewahren, so dass es dieses kleine Büchlein bis heute gibt. Und er hat diese kleine Bibel tatsächlich gelesen. Das ist ein Schicksal, das nicht alle Bibeln teilen. Manche stehen ja seltsam unberührt im Schrank. Stumme Erinnerung an einen besonderen Tag, an dem sie einst geschenkt wurden. Vorn oft mit einer Ahnentafel, die man ausfüllen könnte…
Nun habe ich diese besondere kleine Bibelausgabe und werde sie gut bewahren. Es ist ja mehr als nur irgendein Buch. Bibelausgaben habe ich auch andere, aber diese ist schon besonders. Sie hat Geschichte, sie steht für ein Stück Familiengeschichte.
Was machen wir mit dem, was uns überkommen ist? So frage ich mich manchmal. Wie gehen wir um mit den alten Büchern, den alten Kirchen, den Gedanken und Ideen aus vergangenen Zeiten? Sicher. Manchmal muss man sich auch trennen können. Nicht alles muss aufgehoben werden. Manchmal ist es gut, wenn Neues an die Stelle des Alten treten kann. Die Welt ist nicht allein ein Museum, sie ist lebendig und offen, sie wagt auch das Neue.
Aber zugleich ist es gut, wenn wir ein paar Dinge haben, die uns an vergangene Zeiten erinnern. Und an Menschen, denen wir etwas zu danken haben. Der Sonntag gestern hatte den Namen Reminiscere. Das bedeutet: Gedenke. Es geht um Bewahren und erinnern. Wir haben eine Vorgeschichte. Es ist gut, sich zu erinnern. An die, denen wir etwas zu danken haben. An die, mit denen wir gemeinsam unterwegs ein dürfen. Und an den Gott, der uns in allem Auf und Ab des Lebens halten will. Die kleine Bibelausgabe hilft mir gelegentlich dabei.

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  Weltgebetstag

Weltgebetstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.03.2020

„Steh auf und geh!“ Unter diesem Motto steht der heutige Weltgebetstag. Vor 130 Jahren taten sich christliche Frauen in den USA und Kanada im Sinne internationaler Frauensolidarität zusammen. Aus diesem Treffen ist die größte christliche, ökumenische Bewegung weltweit entstanden. Hierbei setzten die Frauen der Geschichte des Weltgebetstages immer wieder Zeichen für den Frieden und für Versöhnung, sie setzten Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz. Seit vielen Jahren ist es nun so, dass jedes Jahr Frauen aus einem anderen Land gemeinsam eine Gottesdienstordnung erarbeiten, die mit ihrem ganz besonderen Flair und Charakter des jeweiligen Herkunftslandes rund um die Welt am heutigen 6. März gefeiert wird. So geht tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes ein Gebet um die Welt.
In diesem Jahr waren es Frauen aus Simbabwe. Die Menschen in diesem afrikanischen Land stehen vor einer großen Hungersnot, die durch anhaltende Dürren ausgelöst wurde. Die Maisvorräte gehen schnell zur Neige, was nicht nur ganz unmittelbar zu Hunger führt. Auch das öffentliche Leben wird hierdurch stark und vor allen Dingen auch langfristig negativ beeinträchtigt. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sondern stehen stundenlang an den Ausgabestellen an, um Nahrung für ihre Familien zu bekommen.
Eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. In den vergangenen fünf Jahren gab es nur eine normale Ernte und der Zyklon Idai, der im März 2019, also ziemlich genau vor einem Jahr, im südlichen Afrika wütete, hat die Infrastruktur des Landes nachhaltig geschädigt. Außerdem leidet das Land unter den Folgen Jahrzehnte andauernder, staatlicher Misswirtschaft und ist unter anderem Deutschland gegenüber hoch verschuldet.
Steh auf und geh! Vor dem Hintergrund der Situation der Menschen in Simbabwe klingt dieses Weltgebetstagsmotto aus dem Johannesevangelium fast trotzig. Doch genau so hat es Jesus zu dem Kranken gesagt, der seit über 30 Jahren am See Bethesda auf die Chance einer Heilung wartete. Und auf Jesu Wort hin ist er dann tatsächlich aufgestanden und gegangen. Eine Heilungsgeschichte, die uns sagt, dass es sich immer und eben auch in den ausweglosesten Situationen lohnt, unser Gottvertrauen zu behalten. In der biblischen Geschichte fragt Jesus den Kranken spannenderweise, ob er gesund werden will. Das ist fast grotesk, denn jedem war klar, dass der Gelähmte nur darauf wartete. Doch es war schon zunächst ein Bekenntnis seinerseits erforderlich. Jesus drängt sich nicht auf. Doch wenn wir uns ihm zuwenden dann wird er sich auch uns zuwenden.
Und wir sollten wachsam sein und hinhören. Wir alle haben Phasen in unserem Leben, in denen es uns so geht, wie dem Gelähmten am See Bethesda – vielleicht nicht immer so dramatisch, im übertragenen Sinne allerdings sehr wohl. Und dann sollten wir es nicht verpassen, wenn Jesus auch zu uns sagt: Steh auf und geh!

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  Übersetzer - bestenfalls

Übersetzer - bestenfalls

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.03.2020


Gehen Sie ab und zu mal in den Gottesdienst? Da ist vieles anders als in einer solchen kurzen Andacht, wie wir sie hier im Dom an jedem Wochentag feiern. Im Gottesdienst wird gesungen, oftmals gibt es mehrere Mitwirkende, einen Lektoren für die Lesungen, einen Chor vielleicht oder einen Soloinstrumentalisten. Und die Gemeinde, also Sie, ist stärker in die Feier einbezogen durch gemeinsamen Gesang und gemeinsame Gebete. Und noch etwas ist deutlich anders: Die Predigt dauert meist länger als nur fünf Minuten.
Das kann durchaus von Vorteil sein, sowohl für den Prediger als auch für die Gemeinde. Denn es ist mehr Raum und mehr Zeit, sich dem biblischen Text zu widmen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, ihn auszulegen und aufzunehmen. Ja, all das kann von Vorteil sein. Doch auch das Gegenteil ist möglich. Dann nämlich, wenn die Predigt die Gemeinde nicht erreicht, weil sie an dem vorbeigeht, was die Menschen gerade bewegt, weil sie zu abgehoben klingt, weil sie nicht authentisch ist.
Es gibt in unserem Gesangbuch das Lied „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Und da heißt es in der letzten Strophe: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“ Damit ist, wie ich finde ganz viel gesagt über unsere Gottesdienste, unsere Andachten, über theologisch Theoretisches und über unseren Glauben schlechthin. Nicht wir sind es, die in noch so geschliffenen Predigten, Glaubensbekenntnissen und wissenschaftlichen Abhandlungen trösten und befreien und Menschen zum Glauben bringen. Es war und ist und wird immer nur Gott sein, der dies wirkt und der dies vermag. Er und eben nur er spricht das Wort das tröstet und befreit. Niemals wir.
Wir Menschen können einander helfen, Gottes Wort zu verstehen, es einzuordnen in unser Leben, aufzeigen, wie bedeutsam, wie relevant und wie aktuell es ist. Doch niemand kann seinen eigenen Worten die Kraft geben, die Gottes Wort aus sich heraus einfach hat. Und deshalb hören wir in unseren Gottesdiensten Lesungen aus der Bibel, deshalb hören wir auf Gott im O-Ton – denn es ist dieses Wort, das so wirkmächtig ist und das uns hineinnimmt in die Gemeinschaft der Heiligen, in die große Familie der Gotteskinder.
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete. Amen.

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  Niemand

Niemand

Werner Busch, Pfarrer - 03.03.2020

Ich lade Sie ein, in Gedanken mit mir nach Wittenberg zu kommen. Ein kleine Stadt an der Elbe. Wenn sie nicht so ein Touristenmagnet wäre, müsste man sagen: Wittenberg liegt sehr abgelegen. Schon Philipp Melanchthon soll geklagt haben, Wittenberg läge doch „am Ende der Welt“. Erst kürzlich war ich mit einer Konfirmandengruppe dort. Wir gehen zusammen die Kollegienstraße entlang zum Lutherhaus. 10 Minuten Fußweg entfernt vom Stadtzentrum mit Rathaus, Marktplatz und Stadtkirche, nicht weit von der Apotheke und den Malerwerkstätten Lukas Cranachs liegt das großzügige Gelände mit den weitläufigen Gebäudekomplex des einstigen Augustiner-Klosters. Am Stadtrand. Wir betreten das Vorgebäude und kommen in einen 20 Meter langen Durchgang. Über der breiten Zufahrt wölbt sich ein Bogen. Hier bleibe ich stehen, immer, wenn ich das Haus betrete. Der Schriftzug begrüßt mich jedes Mal mit einem Satz Martin Luthers. Ich werde ihn bis zu meinem Lebensende nicht vergessen, denn dieser Satz hat es mir angetan.

„Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“
Für mich ist das wichtigste Wörtchen gleich das erste. „Niemand.“
Niemand soll aufgeben.
Niemand soll den Glauben aufgeben.
Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.

Wenn ich die Verneinung ins Positive wende, heißt sie alle.
Aber „alle“ kann keiner denken.
Alle ist ein ungenaues Wort, für das für kein Bild haben, keine Vorstelle.
Wer den Satz aufstellt „Gott hat alle lieb“ hat die Zumutung noch nicht bemerkt, die darin liegt.
Alle?
Wirklich alle?
Naja …
Wer „alle“ sagt, provoziert Zweifel.
Wer „alle“ sagt, verführt dazu, die Ausnahmen zu suchen.
Wer darf denn wirklich glauben, dass Gott an ihm noch eine große Tat tun will?
Die Nachlässigen, denen die Zeit viel zu schnell durch die Finger rinnt?
Die es nicht zur Meisterschaft bringen, sondern sich im Leben immer so durchwurschteln …
Naja …
Und die, denen die Kraft ausgegangen ist? Die innerlich Ausgebrannten?
Was ist mit denen, die ständig um ihre Probleme kreisen und aus dem Masterrade ihrer Grübeleien einfach nicht herausfinden?
Die auch?
Naja …
Hier: die schuldig Gewordenen! Was ist mit denen? Die was auf dem Kerbholz haben. Denen das Gewissen ständig einflüstert: Du doch nicht! Du hast dir deinen Problemkram doch selber eingebrockt. Erwartest du ernsthaft, dass dir wirklich nochmal eine frische Chance geschenkt wird, als wäre nichts gewesen?
Naja …

Im Halbdunkel der Einfahrt auf das Grundstück des Lutherhaus steht ein Satz, der all diesen Fragen gewachsen ist.
Und ihnen trotzt.
„Niemand“.
Wer „niemand“ sagt, hat alles durchgespielt.
Hat über jede mögliche Ausnahme nachgedacht.
Wer „niemand“ sagt, kennt das Bezweifeln und Anklagen.
Und weiß nur eine Antwort:
Nein, niemand.

Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.

Wenn du dir Sorgen um die Entwicklung deiner Kinder und Enkel machst, weil es so aussieht, dass sie ihre Chancen verpfuschen und auf Abwege kommen.
Gib den Glauben für sie nicht auf.
Wenn du schon ganz müde von all deinen Versuchen bist, etwas zu ändern.
Ein Gewohnheit, eine Beziehung, dich selbst.
Wenn Mut und Tatkraft bei dir verbraucht sind und du nur noch träge, traurig und resigniert in die Tage lebst.
Wenn du am Ende bist.
Am Ende deine Freude.
Am Ende deiner Lebenslust.
Am Ende deiner Weisheit.
Am Ende deiner Tage.

Mag sein, dass du manche Hoffnung aufgeben musst.
Manchen Plan begraben.
Manches Glück für immer verabschieden.

Eines gib nie auf:
Dass Gott an dir noch eine große Tat tun will.
Er ist noch nicht fertig mit dir.
Es ist alles erst der Anfang.

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  Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.03.2020

„Gott / braucht die Menschen nicht, / um glücklich zu sein, / und doch liebt er ihn so, / als ob er ohne ihn / ewig unglücklich wäre.“
So dichtete der wortgewaltige Mahner Ernesto Cardenal. Der berühmte Befreiungstheologe sagte von sich selbst: „Stärker als der Glaube treibt mich die Hoffnung an und noch stärker als die Hoffnung die Liebe.“
Gestern ist er im Alter von 95 Jahren gestorben.
Er war das intellektuelle Aushängeschild der sandinistischen Revolution und wusste, was es bedeutet, in Lebensgefahr zu sein, ins Exil zu müssen. Nachdem sein Traum von einem anderen Nicaragua scheiterte, bekämpfte einstigen Verbündeten Daniel Ortega erbittert.
Sein Wort wurde gehört. Seine Gedichte und Texte haben viele Menschen, auch hier, tief geprägt.
Ernesto Cardenal wurde 1925 in Granada geboren und wuchs in großem Wohlstand auf. Er studierte Literatur, Philosophie und Theologie in Nicaragua, Mexiko, Kolumbien und den USA. 1965 wurde er zum Priester geweiht. Kurz darauf gründete er im Solentiname-Archipel eine christliche Gemeinschaft nach urchristlichem Vorbild. Es war sein Versuch, das Reich Gottes im irdischen Kommunismus zu verwirklichen. Sicherlich nicht nur nebenbei lehrte man dort Bauern und Fischer naive Malerei.
Ernesto Cardenal las das Evangelium als zutiefst politische Botschaft gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Daraus speiste sich sein Engagement, das schließlich zum Eklat beim Papstbesuch 1983 in Managua und dem Verbot Papst Johannes Paul II. führte, seine priesterlichen Ämter wahrzunehmen. 2019 hob Franziskus, auf den Cardenal große Hoffnungen gesetzt hatte, die Sanktionen wieder auf.
Am Samstag wird der Priester, Dichter und Politiker auf Solentiname beerdigt werden.

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  Vom Verlieren und vom Finden – Oder die kleine Geschichte vom großen Glück

Vom Verlieren und vom Finden – Oder die kleine Geschichte vom großen Glück

Lars Dedekind, Propst - 29.02.2020

Wer kennt das nicht. Es eilt. Man ist spät dran. Will aus dem Haus und, nein, der Schlüssel liegt nicht da, wo er sonst doch immer liegt. „Schatz, hast Du meinen Schlüssel gesehen?“, „Nein? Aber wo ist er denn dann?“ - Der Zeitdruck steigt, die Hektik steigt, alle Schubladen werden geöffnet, alle Taschen durchwühlt. Mittlerweile ist es nicht mehr allein der Schlüssel, der verlustig ging, sondern die Ruhe, die gute Laune und das Zeitfenster, das man sich zum nächsten Termin vorgenommen hatte, sind gleich alle mit verloren gegangen. Irgendwann findet sich dann meist der Schlüssel. Was für ein Glück! - Und man eilt ziemlich überstürzt aus dem Haus.
Ich habe es vor einigen Wochen geschafft, nicht nur meinen Schlüssel zu verlegen, sondern gleich mein ganzes Portemonnaie zu verlieren. Ich war bei dem Einführungsgottesdienst der ehemaligen Dompfarrerin und jetzigen Pröpstin von Helmstedt, Katja Witte-Knoblauch. Für den Gottesdienst hatten wir uns in einem Raum des Gemeindehauses umgezogen. Nachdem Gottesdienst gab es den feierlichen Empfang und schließlich fuhr ich glücklich und ganz beseelt von der wunderbaren Einführung nachhause. Wieder in Braunschweig angekommen, ziehe ich meine Jacke aus, greife in die Innentasche, um Schlüssel und Portemonnaie an den gewohnten Platz zu legen. Und, oh nein, ich greife ins Leere. Kein Portemonnaie! Nicht in der Jackentasche, nicht in der Hose, auch nicht im Auto. Panik! Ist mein Portemonnaie beim Umkleiden in Helmstedt aus meiner Jacke gefallen? Ist es gar gestohlen worden? Das Geld ist ja gar nicht das wichtigste, aber all die Dokumente: der Führerschein, der Perso, die Bank- und Kreditkarten. Was für ein Zeitaufwand, alle Karten zunächst sperren zu lassen und dann alles neu zu beschaffen! Soll ich gleich bei der Bank anrufen? – Ich entscheide mich dagegen, rufe vielmehr in Helmstedt an, aber dort ist niemand mehr zu erreichen. Ich schicke eine E-mail an das Propsteibüro, warte schließlich das Wochenende ab, bevor ich gleich Montag früh anrufe. Aber nein, da war noch kein Portemonnaie abgegeben worden. Immerhin man würde nochmal danach schauen. – Jetzt lieber schon mal die Karten sperren? – Ich checke per Handy mein Konto. Noch hat es keine mir nicht bekannten Abbuchungen gegeben. Ich warte nochmal. Dann gegen Mittag der Anruf aus dem Propsteibüro in Helmstedt: Mein Portemonnaie ist gefunden worden, was für ein Glück!
Geschichten vom Verlieren und vom Finden, Geschichten von Panik und vom kleinen Glück, wenn das Verloren-geglaubte doch gefunden wird. Solche Geschichten werden auch sie erlebt haben. Ja, vielleicht haben Sie sich sogar in dem von mir Beschriebenen wiederentdecken können.
Auch zu Jesu Zeit war den Menschen die Erfahrung, etwas zu verlieren und dann womöglich doch wiederzufinden, sicherlich nicht fremd. Diese Spannung zwischen Angst und Freude, zwischen dem panischen Suchen und dem kleinen Glücksmoment, es wiedergefunden zu haben, an diese Erfahrungen seiner Zuhörer knüpft Jesus an, wenn er gleich drei Geschichten von Verlorenem erzählt: die Geschichte vom verlorenen Schaf, die Geschichte vom verlorenen Sohn und die Geschichte vom verlorenen Groschen.
Hören wir einmal in die Geschichte vom verlorenen Groschen hinein (Lukas 15, 8-10):
„Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.“
Sorge, wenn etwas verloren gegangen ist. Freude, wenn etwas wiedergefunden wird. Das gilt nicht nur für materielle Güter. Verlieren kann ich vieles: Die Orientierung, den Weg. Beziehungen, Freundschaften. Ja, sogar mich selbst kann ich verlieren. Die Kontrolle über mein Leben, die Perspektive für eine Zukunft.
Auch hier gilt, nur wer aktiv wird, wer sich in eine Suchbewegung hineinbegibt, kann auch etwas finden. Aber es gibt halt auch Situationen, in denen Menschen so verloren sind, dass sie selber bei allem Suchen keinen Ausweg, keine Perspektive für sich entdecken können. – Was also ist mit diesen?
Gerade ihnen gilt die Pointe der Geschichten vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn, denn in allen drei Geschichten geht es nicht nur um uns, sondern auch um Gott. Der Hirte der sich aufmacht das eine verlorene Schaf zu suchen, die Frau die das Haus auf den Kopf stellt auf der Suche nach dem silbernen Groschen, der Vater, der seine Arme weit öffnet, um den verlorenen Sohn wieder aufzunehmen, sie alle beschreiben eine viel größere Suchbewegung. Sie erzählen uns, dass Gott selbst sich auf die Suche gemacht hat. Er sucht das Verlorene, er sucht uns – und – das ist letztlich die eigentliche gute Nachricht, das Evangelium – er wird uns finden!
Egal wie sehr wir uns selbst verloren haben. Gott wird uns finden. – Und von Gott gefunden zu werden, das ist dann das happy End der kleinen Geschichte vom großen Glück.

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  sterben wollen

sterben wollen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.02.2020

Vor vielen Jahren habe ich eine Frau beerdigt, die sich an einem hellerlichten Frühlingstag das Leben genommen hatte. Ich hatte neben ihr gesessen bis die Polizei gekommen war, der Arzt und der Bestatter, hatte mit der einen die warme Hand ihres Mannes gehalten und die andere auf die kühle Stirn der Toten gelegt, ein Vaterunser, ein Segen.
Dann standen wir, das ganze Dorf, auf dem Friedhof an ihrem Grab. Die Sonne schien und die Luft war mild. Niemandem wäre es eingefallen, ihr die Beerdigung mitten auf dem kirchlichen Friedhof zu verwehren, weil sie Selbstmord begangen hatte.
Keiner stellte infrage, dass es nicht an uns war, darüber ein Urteil zu fällen. Es war eine andere Frage, die die Menschen stumm und traurig machte: wie hatte es sein können, dass man so nah beieinander lebt und doch so wenig von der Verzweiflung des anderen weiß. Wie hatte es sein können, dass Mütter und Großmütter fast unter ihrem Fenster auf den Kindergartenbus warteten aus dem fröhliche kleine Jungen und Mädchen hopsten und diese eine derweile leise viel zu viele Tabletten schluckte. Wie hatte es sein können, dass das ganze Luft von Leben vibrierte und sie so allein starb?
Wir haben uns damals an ein Jesuswort aus dem Johannesevangelium gehalten. „Jesus Christus spricht: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Das galt für sie, denn keiner von uns kannte ihre Wahrheit, ihren Schmerz und konnte ermessen, was sie durchgemacht hatte, was ihr die Kraft zum Leben genommen, den Mut zu sterben gegeben hatte. Und das Bibelwort tröstete uns, denn keiner konnte begreifen, was da geschehen war aber alle spürten, dass sie mitbeteiligt waren an dieser Geschichte auf der Grenze zwischen Leben und Tod.
So ist es immer, wenn Menschen sterben und erst recht, wenn sie nicht alt und lebenssatt sterben, sondern gehen wollen, weil sie nicht mehr weiterkönnen. So ist es erst, wenn wir dafür mit Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen müssen. Es ist schrecklich schwer.
Dieser Tage hat das Bundesverfassungsgericht bestätigt, was wir schon längst leben, seitdem wir Menschen, die Hand an sich selbst gelegt haben, nicht mehr außerhalb der Friedhofsmauer beerdigen: solches Sterben dürfen wir nicht kriminalisieren. Der Staat darf die Freiheit des Einzelnen zum Tod nicht einschränken. Der Staat ist nicht Herr über Leben und Tod. Darum wird man von nun straffrei beim Sterben helfen dürfen.
Aber es steht auch im Urteil: „Selbstbestimmung ist relational.“ Auch durch den Schutz der Freiheitsrechte und Autonomie des Einzelnen werden wir nicht Herr über Leben und Tod. Keiner von uns kann seinem Leben eine Stunde hinzufügen oder wegnehmen. Keiner lebt sich selbst. Wir sind – Gott sein Dank - aufgehoben in der Beziehung zu Gott. Ihm bleibt vorbehalten, ob er einen Mensch heimholen will oder nicht. Uns alle hat er als beziehungswesen geschaffen. Darum können wir mitgehen, bis zu dieser Grenze. Es bleibt schrecklich schwer.

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  Ich kann mich noch gut erinnern

Ich kann mich noch gut erinnern

Pfarrer Werner Busch - 27.02.2020

Es war in einer zugigen Ecke unseres ungenutzten Stalls. Verstaubt, spinnweben-verhangen, kalt. Mit wenig Licht. Dort stöbert ich im Alter von 9 Jahren zwischen weggeworfenen Kartonfetzen, alten Zeitungen und Magazinen herum. Altpapier, das auf den Container wartete. Dort, wo einmal Kühe standen. Da lag sie zwischen all den weggeworfenen Zeitschriften, zerknitterten Werbeprospekten und billigen Liebesromanen. Ein zerschlissenes Buch, dick und alt. Mit Frakturschrift, schwer zu entziffern für den Drittklässler, der ich damals war. Die Buchdeckel mit schlichtem Rautenmuster auf fester schwarzer Pappe eingraviert. Aus den aufgestoßenen Ecken lugte grauer, aufgeweichter Zellstoff hervor, zart wie Flaum. Einige lockere Blätter, aus der Bindung gerissen, standen widerspenstig heraus, mit eingerissenen Kanten. Brüchig gewordenes Papier. Vergilbt. Das dickste Buch der Welt, dachte ich, und das kindliche Gemüt wunderte sich, dass so etwas weggeworfen wird. Alles an diesem Buch war für mich geheimnisvoll, bedeutsam. Ich griff zu. Von nun an gehörte sie mir und begleitete mein Leben ein paar Jahrzehnte. Bis sie bei einem meiner Umzüge verloren ging, ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wo. Vielleicht landete sie ein zweites, letztes Mal im Altpapier. Vielleicht suchte sie sich einen anderen, dem sie ihr Geheimnis zeigen kann. Damals im Stall blätterte ich und las. Ich las den Anfang. Ich las vom Anfang. Er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Mich nicht verlassen.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und Gottes Geisthauch waberte über dem Wasser.“
Was an diesen Worten nahm mich gefangen?
Vielleicht ist es dies: Dass sie mich dorthin versetzen, wo keine Erinnerung der Welt hinkommt und kein Gefühl. Wo keine Wissenschaft und keine Phantasie heranreichen. Sie versetzen mich an den Anfang. Sie stellen mich auf Anfang. In diesen Worten glückt etwas, was sonst nicht glückt, so sehr Menschen sich darum auch mühen.
Für den Moment kann ich aus meiner Ursprungsvergessenheit hinaustreten. Einen Augenblick lang, solange diese Worte klingen. Solange es braucht, sie zu lesen. Die Worte von der Schöpfung führen mich für vor die verschlossene Glastür meines Herzens. Mit ihnen überspringe ich die ganze Kette von Geschichte und Geschichten. Ich stehe VOR all den Verwicklungen, denen ich sonst so schlecht entkommen kann. Vor dem Streit von gestern. Vor der Blamage, die mir noch nachhängt. Vor dem Verlust. Und was das Beste ist: Sie stellen mich noch vor die Fehler, die ich begangen habe, und vor die Wunden, die mir andere schlugen. In diesen Zeilen ist pures Beginnen, so dass die Frage, was vorher war, nur das Gefühl zerstört, das hier blinzelnd erwacht. „Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“
Hier ist der, der allein so anfangen kann: Gott selbst. Gott ist mitten in einer Welt, die wegwirft, was ihr alt erscheint. Er ist ihr Anfänger. Gott spricht auch heute ganz frisch und neu aus alten vergilbten Seiten. Menschen, die sich ausgelaugt und verbraucht fühlen, führt er an einen neuen Anfang. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40)
Greifen Sie ab und zu nach diesen Worten. Lassen Sie sich zum Ursprung entführen. Zur Quelle des Lebens. Treten Sie hinaus an die frische Luft der Schöpfung, hinein in diese große Eröffnung. Niemand kann sie Ihnen mehr verschließen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“
Mein erst Gefühl sei Preis und Dank;
erheb ihn, meine Seele!
Der Herr hört deinen Lobgesang,
lobsing ihm, meine Seele!
Nimm meines Lebens gnädig wahr,
auf dich hofft meine Seele;
sei mir ein Retter in Gefahr,
ein Vater, wenn ich fehle.

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  Aschermittwoch

Aschermittwoch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.02.2020

Heute beginnt die Passionszeit. Sieben Wochen ohne Alkohol oder Süßigkeiten, Strom, Benzin, Serien, Internet. Die diesjährige Fastenaktion der EKD heißt: Sieben Wochen Zuversicht. Sieben Wochen ohne Pessimismus“, Mutlosigkeit, Schwarzseherei. Und eben auch sieben Wochen im Bewusstsein dessen, dass es heißt: "Mensch bedenke, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst."
Die Bezeichnung „Aschermittwoch“ kommt von diesem Bibelwort und dem katholischen Brauch, die Palmzweige des Vorjahres zu verbrennen und zu segnen und den Gläubigen ein Kreuz aus dieser Asche auf die Stirn zu zeichnen. Deshalb sagt man auch: „In Sack und Asche gehen“ als Zeichen für Demut, Vergänglichkeit, Umkehr. Die Asche markiert so ein Gegenprogramm zu Selbstherrlichkeit, Eitelkeit und Größenwahn aber nicht nur das.
Aschermittwoch ist auch der Anfang einer konzentrierten bewussten Zeit.
Manch einer versucht, sich deutlicher bewusst zu werden, was wir brauchen und was nicht, was uns selbstverständlich erscheint, wo unsere Zeit hingeht oder unser Geld, warum wir nicht tun, was wir schon lange wollten, was hindert, unser Leben zu verändern.
Sieben Wochen Zeit!
Sieben Wochen gute Zeit!
Sieben Wochen, für die folgende Anleitung im Evangelium für Aschermittwoch bei Matthäus steht:
„Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst, sondern vor deinem Vater…“
Fasten soll Klarheit bringen wie ein frischgewaschenes Gesicht.
Fasten soll nicht andere beeindrucken, sondern mich selbst ordnen und aufräumen. Dann müsste man auch ganz aufgeräumt in die Welt schauen, darum warum nicht: Sieben Wochen Zuversicht!

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  Freio

Freio

Werner Busch, Pfarrer - 25.02.2020

Als Kinder haben wir mit Spannung und Begeisterung ein Spiel gespielt, das Sie sicher auch kennen. „Fangen“, „Kriegen“, „Verstecken“ – wie immer Sie es in Ihre Kindheit genannt haben.
Es war ein wildes Spiel. Ein Spiel, dass den Fänger antrieb, andere zu fangen, und mit der beständigen Anspannung, dem Fänger zu entkommen. Es gab EINEN Ort auf dem Spielfeld, der war besonders. Wir nannten ihn „Freio“. Ein Baum oder ein Stück Zaun. Eine markante Stelle. Wer es dort hinschaffte und es berührte, durfte nicht abgeschlagen werden. Am „Freio“ warst Du frei. Das Freio war ein Erholungsort, denn am Freio durfte der Fänger nicht fangen. Da konnte er nichts ausrichten. Zwar durftest Du nicht ewig am Freio bleiben; irgendwann musst Du wieder ins Spiel. Aber hier war wenigstens eine Verschnaufpause möglich. Einen Moment Innehalten. Sich orientieren. Kräfte sammeln, eine neue Strategie zurechtlegen. Und wieder raus ins Getümmel.

Wir brauchen ein Freio in der Unruhe unseres Alltags.
Wir brauchen den Sonntag.
Wir brauchen ein Freio in den Kämpfen des Lebens.
Wir brauchen die Kirchen.
Wir brauchen ein Freio im Streit.
Die kleinen gemeinsamen Rituale, die wir nicht aufgeben, auch wenn die Luft vor Anspannung knistert.

Unsere Gesellschaft bräuchte dringend ein Freio.
Und wäre es nur eine kurze Gelegenheit, um sich zu erholen.
Um auszuspannen von mancher durch Angst, Verletzung und Wut geradezu wild werdenden Debatte.
Ein Verschnaufplatz für die, die sich in ihrem Trotz, in ihrer Empörung verkämpft haben.
Ein Refugium für Menschen, die sich innerlich verlaufen haben.
Eine Zuflucht für Menschen, die nicht mehr können, weil ihnen die Kraft aufgeht und sie mit ihrem Latein am Ende sind.
Wir brauchen ein befriedetes Fleckchen, an dem die Regeln des Streites unterbrochen werden.
Eine Zusammenkunft, in der Gnade und Frieden den Ton angaben und nicht Sieg und Niederlage, nicht Demütigung und Auftrumpfen, nicht Schimpfen und Schmollen.

Ein solcher Ort wird errichtet, wenn Menschen im Namen Gottes zusammenkommen.
Nicht im eigenen Namen und in eigener Sache.
Nicht im Namen einer der Streitparteien.
Sondern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Gnade sei mit euch und Friede.

Mein Freio ist das Gebet.
Mein Verschnaufplatz ist die Anrufung Gottes.
„Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute. Schüttet euer Herz vor ihm aus! Gott ist unsre Zuversicht.“ (Psalm 62)

Dafür brauche ich Zeit.
Und Worte, in denen ich mich aufhalten kann.
Worte, in die ich hineindenken, hineinbeten, hineinklagen, hineinwünschen kann, was in mir ist.

Rainer Maria Rilke sagte einmal: „Ich habe die ganze Nacht mit den Psalmen zugebracht. Es gibt keine Texte, in denen ich mich selber so vollständig unterbringen kann wie die Psalmen.“
Ich denke an meine Kindertage. Mein Freio ist bei Gott, der Gebete anhört. Der seine Menschen annimmt. „Du verstehst meine Gedanken schon von weitem.“

1. Wenn wir in höchsten Nöten sein
und wissen nicht, wo aus noch ein,
und finden weder Hilf noch Rat,
ob wir gleich sorgen früh und spat:

2. so ist dies unser Trost allein,
dass wir zusammen insgemein
dich anrufen, o treuer Gott,
um Rettung aus der Angst und Not.

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  Sehen und gesehen werden

Sehen und gesehen werden

Dompredigerin Cornelia Götz - 24.02.2020

Manchmal schafft die Ungleichzeitigkeit der Ereignisse auch neue Sichtbarkeiten. Am Samstag hatten wir hier das Mittagsgebet. Die Orgelmusik – mit Bedacht schon vor einigen Tagen ausgesucht, sollte heiter und fröhlich stimmen, Karnevalsmusik eben mit aller schrägen Buntheit egal wie das Wetter ist.
Aber dann kam Hanau. Nichts passte mehr. Ein schneller Umschwenk sollte es nicht werden. Es ist ja nicht wahr, dass man nur kurz Vorzeichen und Tempi ändern muss und schon würde man zehn Morden gerecht und einem gefährlichen Klimawandel in unserem Land. Also markieren was ist – auch und gerade im Alltag der Welt, im Lauf des Jahres.
Erst recht, weil ja gerade Karneval – das Fest der Masken und Kostüme – eine perfekte und immer wieder auch sehr politische Möglichkeit ist, Themen zu platzieren, Schmerz oder Trauer zu zeigen? Trotz Sturm und Regen. Grau, nass und ungemütlich mag es sein, deswegen wird trotzdem auf der Straße vorgefahren was auf die Schippe gehört, Beachtung verdient.
Währenddessen wurde in Hamburg gewählt. Heute werden die Wahlergebnisse kommentiert, bei Kontrovers im DLF über die mögliche Unterschätzung des Rechtsterrorismus debattiert und wieder parallel: Rosenmontagsumzüge!
Sehen und gesehen werden, sich verkleiden, um nicht erkannt zu werden oder endlich einmal so sein zu können, wie man gern wäre, cool, gefährlich, sexy, altmodisch, tierisch, niedlich, zart. Sich verkleiden, und eine Rolle ausprobieren: Sicherheitsdienst sein oder Gangster, Königin oder Nutte…
Das ist mehr als ein Spiel. Es ist auch ein Ausbruch von Sehnsucht und von Zorn, von Selbstkritik, von Freiheit und Hellsichtigkeit.
Eine Augenweide – jedenfalls immer mal wieder.
Und ich wundere mich bei all der Ungleichzeitigkeit über den Predigttext gestern, der ja auch noch dazukommt: da sitzt ein Blinder an der Straße. Einer, der nicht viel sieht und doch so viel wahrnimmt. Einer, der übersehen wird und sich doch Gehör verschafft. Einer, der den Augenschein nicht zur Verfügung hat, um eine Maskerade von einem ernstgemeinten Auftritt zu unterscheiden, eine Gefahr von einem Spaß, eine anhaltende Irritation von der fünften Jahreszeit.
Dieser Blinde schreit: Herr erbarme Dich! Und er bittet: Lass mich sehend werden! Das brauchen wir Beides. Gottes Erbarmen und einen klaren Blick! Damit wir nicht in die Irre laufen, nicht verführbar oder manipulierbar sind, Spaß und Ernst auseinanderhalten.

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  Nach Hanau

Nach Hanau

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.02.2020

Morgen wird der Karnevalsumzug durch Braunschweig ziehen, dann folgen Rosenmontag, Fasching und Aschermittwoch, der Beginn der Passionszeit. Es wird dann heißen: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem…“, denn dort wird alles vollendet werden. Dort wird der, der die Aussätzigen und Ausgestoßenen, die Engstirnigen und die Hartherzigen von den Straßenrändern und Bäumen gesammelt hat, der die Liebe predigte, die Barmherzigkeit und die Zukunft, die im Teilen liegt, hingerichtet werden.
Ihn wird kein Blitz umbringen, der ihn aus heiterem Himmel trifft, auch kein Virus, das bis dahin niemand kannte – es werden Menschen sein, Zeitgenossen, die das tun.
Die große Menge wird dabei sein und „Hosianna“ „rufen“ oder „kreuzige ihn“, sie wird mitlaufen, mal gröhlend und mal schweigend und weil es eben die große Menge ist, werden Menschen aus allen Schichten und allen Milieus, die Begabten und die Dummen, die Erfolgreichen und die Gescheiterten, die Hellsichtigen und die Verführten, die Geliebten und die Verlassenen dabei sein, die psychisch Kranken und die, die sich für gesund und normal halten – alle.
Sie sind die Vielen, sie sind wir.
Aus dieser Masse, genauer aus der Mitte der gutbürgerlichen Gesellschaft, wie wir das nennen – als wäre es eine Art Impfstatus – höre ich sowas:
Da kannst Du nicht wohnen, da klauen die die Teppichhändler dein Fahrrad.
Da kannst du nicht zu Fuß gehen, da stehen die Messerstecher rum.
Ich will ja nicht, dass Kinder ertrinken aber hier kann nicht jeder herkommen.
Warum hat er denn kein deutsches Mädchen gefunden?
Es fiele mir noch viel mehr ein, aber das alles laut werden zu lassen, machte die Luft noch schmutziger.
Ich höre das, denn sich stehe mittendrin.
Ich höre das, denn ich gehöre dazu – zu den Vielen, die mitgehen und sich mal empören und mal schweigen, mal zögern, mal reden.
Natürlich kann man jetzt das Versagen der Zuständigen in den Blick nehmen oder das böse Internet verfluchen, natürlich kann man auch seine Hände in Unschuld waschen und später den Besitz verlosen.
Aber schon damals wusste man und steht im neuen Testament über diesem Tag im ersten Johannesbrief: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Das abschreibend habe ich einen Freudschen Fehler gemacht: „Wenn wir sagen, wir haben keine Stimme, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“–
Doch, wir haben eine Stimme, wir haben Augen und Ohren, Herz und Verstand, es ist uns gesagt, was gut ist und wir können nicht behaupten, wir wüssten nicht, was wir tun. Ja, wir gehören zur großen Menge.
Aber wir sind jeder Einzelne bei unserem Namen gerufen, haben jede und jeder eine Stimme, ein Herz und ein Gewissen. Das muss man doch endlich merken!

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  Was hülfe es dem Menschen…?

Was hülfe es dem Menschen…?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.02.2020

Die Seele hat es schwer im 21. Jahrhundert.
Und diese Woche erst recht.
Yuval Noah Harari schreibt in „Homo Deus“: „Die Evolutionstheorie kann die Vorstellung einer Seele nicht akzeptieren, zumindest wenn wir mit Seele etwas unteilbares, Unveränderliches und potenziell Ewiges meinen. Ein solches Gebilde kann schlicht nicht aus einer schrittweisen Evolution erwachsen.
Biochemisch nachweisbar ist die Seele auch nicht geschweige denn in einen binären Code zu zwingen.
Müssen wir uns also zwischen Seele und Naturwissenschaft entscheiden?
Sollen wir uns seelenlos denken?
Oder müssen wir uns gerade deshalb wagen, deutlicher von der Seele zu sprechen? Andernfalls würde das Geheimnis des Menschen verschwinden. Oder – auch heute mit Johanna Haberer: „Wer aufhört, von der Seele zu sprechen, hilft die Seele selbst zum Verschwinden zu bringen … dann steht viel mehr auf dem Spiel als nur ein Wort mit einer langen metaphysischen Geschichte.“
Vielleicht ist also die Rede von der Seele, ohne die Gotteserfahrung und Widerstand gegen alle möglichen Mechanismen kaum denkbar ist, umso dringender. Gerade die Seele steht doch für das, was uns zutiefst ausmacht ohne dass man es sehen und messen kann. Sie beschreibt unser zutiefst Inneres, das was uns heiligt, den Raum in uns, der Gott Wohnung gibt.
Kein Wunder, dass es schon bei Matthäus heißt:
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“
Was hülfe es uns, wenn wir das Weltwissen und Weltgedächtnis sammeln und speichern können, alle Daten aller Menschen vergleichen und analysieren könne, wenn wir dabei unserer Seele verlieren, die „Sakralität der Person?“. So der Sozialphilosoph Hans Joas.
Wir würden unsere Freiheit einbüßen, unsere Originalität, die Menschenliebe, den Gottesbezug. Wir würden arm und leer. Es würde kalt.
Es wird sein wie in Halle und Hanau…

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  Kälte

Kälte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.02.2020

Es ist scheußlich draußen. Die nasse Kälte kriecht einem in die Knochen, die Zwischenrippenmuskeln tun weh und ich denke abwechselnd darüber nach, warum Kälte im Februar, wenn’s doch schon fast Frühling ist, so schlechter auszuhalten geht als im November und ob ich nachher in die Sauna fahren oder nicht doch nach nebenan zu Jack Wolfskin gehen sollte und mir einen Bürofleece kaufen. Am Ende genügt es meistens, die Heizung aufzudrehen und eine Tasse Tee zu kochen und mich zusammenzureißen, denn das sind Wehwehchen – und alle Überlegungen echte Möglichkeiten, die ich nur nicht realisiere, weil ich zu faul, zu geizig oder anflugsweise vernünftig in.
Mit anderen Worten: ich habe Luxusprobleme.
Aber in Syrien, in Idlib, erfrieren Kinder.
Neun Jahre nach Ausbruch des Kriegs hat das Elend einen neuen Höhepunkt erreicht. Wieder trifft es Zivilsten, Alte, Frauen und Kinder und dass in einem Land, in dem alle Infrastruktur kaputt ist, Nachbarn Grenzen geschlossen haben, Flüchtlingslager im wahrsten Sinne des Wortes hoffnungslos überfüllt sind. Tausende stranden irgendwo – ohne sanitäre Anlagen, ohne Versorgung, Heizmaterial. Und sie kommen nicht gesund und stark an, wie einer, der in schlimmen Zeiten noch etwas zuzusetzen hat.
Im Gegenteil…
Auch sie werden an warme Anziehsachen, Suppen, Öfen, Zimmer, Betten denken – Bilder aus einer unerreichbar fernen heilen Welt. Und müssen stattdessen zusehen, wie Kinder immer stiller und weißer werden.
Hier mögen alte Bilder hochsteigen, wenn man davon hört: der Winter 1945 war grausam kalt. Menschen blieben einfach sitzen und erfroren, Kinderwagen blieben stehen, kein Laut mehr…
Wir hier mögen uns ohnmächtig fühlen. Aber wir können gegen das Vergessen anreden, Spenden sammeln und beten. Wir sollten all das tun.

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  Namen und Nummern

Namen und Nummern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.02.2020

Notgedrungen aber gar keineswegs lustlos steige ich wieder in den Konfirmandenunterricht ein, grabe in alten Ordnern nach Unterrichtsentwürfen und finde es genauso spannend wie vor fünfzehn Jahren, mit Mädchen und Jungen nicht nur zu erarbeiten, was denn nun im Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis, den zehn Geboten oder Psalm 23 steht, sondern vor allem danach zu fragen, was das das alles mit unserem Leben zu tun hat:
Gibt es einen Ort in meinem Leben, wo ich spüre, was eine Zuflucht ist und ahne dass Gott mir dort besonders nah ist?
Wann, wie oft haben andere für mich das Vaterunser gebetet? Zum Schulanfang, bei der Taufe, jeden Abend, als ich einmal schlimm krank war?
Welche Worte im Glaubensbekenntnis kann ich gut mitsprechen und welche nicht?
Was bedeutet Gottebenbildlichkeit? Was ist denn an mir besonders, einzigartig und unverwechselbar?
Immer ist bei solchen Fragen wichtig, dass die Jungen und Mädchen – gerade in einem Alter, in dem alles schrecklich unklar ist, Körper und Gehirn eine einzige große Baustelle sind – hören: Genau du bist Gott recht, genau Dich hat er gewollt, so wie du bist, unvollkommen und nicht immer perfekt, nicht die Beste in allem, der Schönste, die Schnellste. Darum hat er dich bei deinem Namen gerufen.
Das gilt noch immer. Und trotzdem ist alles anders.
Wir leben im digitalen Zeitalter und sind längst Nummern geworden. Kaum zählbar sind die Zahlenkombinationen, mit denen wir unser Leben organisieren. Hinzukommen die Algorithmen, die uns navigieren, uns mit mathematischer Eindeutigkeit als Kunden, Risiken, Ressource im Blick haben.
Darum gilt mit Johanna Haberer, Theologin und Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung: „Was sagst Du, wenn Dich deine Kinder und Enkel fragen: Warum hast du nichts getan gegen die Vermessung des menschen und die Monetarisierung seiner Daten? Warum hast du nichts gesagt, als Menschen zu Nummern wurden und zu Objekten digitaler Erzieher?“
Es wird nicht darum gehen können, das Internet zu verteufeln oder sich den digitalen Medien entziehen zu wollen. Aber wir müssen scharfe Fragen stellen, denn wenn wir nur noch Nummern sind, dann habe ich „meine Individualität verloren. Die Nummer steht für den Verlust der Persönlichkeit, den seelenlosen Blick auf meine Existenz.“
Und dann vergessen wir, was es heißt, beim Namen gerufen zu sein, unverwechselbare Geschöpfe zu sein – mit Seele und gewissen, Kreativität, Liebe, Widerstandskraft.

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  Wertvoll…

Wertvoll…

Marc Bühner, Prädikant - 17.02.2020

Ein Professor startete einmal seine Vorlesung, indem er einen Scheck über 40,- € hoch hielt. Der Hörsaal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Er fragte: “Wer möchte diesen Scheck haben?” Alle Hände gingen hoch. Er sagte: “Ich werde diesen 40,- € Scheck einem von Euch geben, aber zuerst lasst mich eins tun.” Er zerknitterte den Scheck. Dann fragte er: “Möchte ihn immer noch einer haben?” Die Hände waren immer noch alle oben. Also erwiderte er: “Was ist, wenn ich das tue?” Er warf ihn auf den Boden und rieb den Scheck mit seinen Schuhen am dreckigen Untergrund. Er hob ihn auf, den Scheck; er war zerknittert und völlig dreckig. “Nun, wer möchte ihn jetzt noch haben?” Es waren immer noch alle Arme in der Luft. Dann sagte er: “Wir haben soeben eine sehr wertvolle Lektion gelernt. Was auch immer mit dem Scheck geschah: Ihr wolltet ihn haben, weil er nie an seinem Wert verloren hat. Er war und blieb stets 40,- € wert. Es passiert oft in unserem Leben, dass wir abgestoßen, zu Boden geworfen, zerknittert, und in den Dreck geschmissen werden. Das sind Tatsachen aus dem alltäglichen Leben. Dann fühlen wir uns, als ob wir wertlos wären. Aber egal was passiert ist oder was passieren wird, DU wirst niemals an Wert verlieren. Schmutzig oder sauber, zerknittert oder fein gebügelt, DU bist immer noch unbezahlbar für all jene, die dich über alles lieben. Der Wert unseres Lebens wird nicht durch das bewertet, was wir tun oder wen wir kennen oder wie wir aussehen … sondern dadurch wer wir sind. Du bist was Besonderes und wertvoll – Vergiss das niemals!”

Wie Recht doch dieser Professor hat und wie anschaulich er es seinen Studenten vor Augen führte. Ich muss zugeben: Ich kann mich in seinen Ausführungen gut wieder finden und das auf beiden Seiten. Ich kann mich auf der Seite derjenigen wieder finden, die andere bewerten. Wie schnell urteilt man über andere, nur auf Grund des Aussehens oder des Eindruckes, den man von jemand hat. Ich kann mich aber auch gut auf der Seite wieder finden, auf der man von anderen bewertet wird. Aber nicht nur von anderen bewertet. Oft gibt es Momente, in denen man sich selbst betrachtet und meint, wie “zerknittert oder dreckig“ man doch ist. Man urteilt dann über sich selbst und es fällt einem schwer, den eigenen Wert zu erkennen. In solchen Momenten ist es gut, wenn man sich daran erinnert, dass es da jemanden gibt, für den man so wertvoll ist, dass er sogar seinen eigenen Sohn in den Tod gegeben hat und der einen so wollte, wie man ist. In einem Lied heißt es: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal ob du dein Lebenslied in Moll singt oder in Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du, das ist der Clou, du bist du. Ja, du bist du.“
Ja, ich bin ich. Genau so und nicht anders: Ob nun schmutzig oder sauber, zerknittert oder fein gebügelt. Ganz egal. So wie ich bin, bin ich wertvoll in Gottes Augen, kostbar und einmalig und er sagt mir, dass er mich lieb hat (Jesaja 43, 11). Und so kann ich einstimmen in die Worte des Psalmbeters: „Ich danke dir, Herr, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele!“ (Psalm 139, 14)

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  Dünnes Eis

Dünnes Eis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.02.2020

Mit Valentinstag fang ich nicht erst an. Dünnes Eis. Verliebte brauchen fraglos Schutzengel, weil sie gerne den einen oder anderen Alltagsaspekt ausblenden und deshalb ein bisschen gefährdeter sind, unter Straßenbahnen zu laufen oder sich beim Schmusen zu verkühlen – aber einen extra Tag brauchen sie eigentlich nicht. Wer von Blume 2000 aufgefordert werden muss, Schokoladenherzen, Sekt oder Rosen zu verschenken, der ist wahrscheinlich gar nicht verliebt…
Aber einen Extratag für alle Helden und Heldinnen des Alltags, die sich in unserem Leben wacker halten obwohl sie oft über dünnes Eis gehen, den fände ich gut und dann könnte ich auch Sonderangebote von Blume 2000 gebrauchen, denn solche kenne ich viele.
Die einen kämpfen sich durch Krankheiten, halten Schmerzen, schlaflose Nächte und die Angst vor schlimmen Prognosen aus und machen ganz nebenbei vor, wie man sich freut an allem was geht und möglich ist.
Die anderen haben ihren Liebsten verloren und der Schmerz lässt nicht nach, die Lücke wird nicht kleiner, die Leere größer. So vieles fühlt sich dann nur noch halb an. Manches geht gar nicht mehr aus lauter Angst vor den Erinnerungen, die zu wehtun. Und immer wieder überfällt einen unverhofft ein Schriftzug, ein Geruch, ein Bild… und trotzdem sind sie verlässlich und treu da, wo sie gebraucht werden.
Und was ist mit denen, die Sorgen um ihre Liebsten tragen und vor lauter Herzenserschöpfung schon kaum noch zu hoffen wagen und dennoch jeden Tag Mut machen und Frühstück?
Und all die auf dünnem Eis, die wissen, dass darunter das tiefe schwarze Loch der Depression oder der Sucht liegt und die trotzdem gehen und sich Schritt für Schritt vorwärts wagen?
Eine junge Frau schrieb: „Und ich frage dich: ich habe so oft alles gegeben. Aber war es am Ende genug? Und du sagst. Ja, das ist doch dein erstes Mal Leben und deshalb dein bester Versuch.“
Und ich denke: ja, wir sind alle Menschen, unvollkommen, verletzlich, auf dünnem Eis. Aber auch: einzigartig, besonders, kostbar, tapfer.

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  Verleih uns Frieden

Verleih uns Frieden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.02.2020

Meine Großmutter wuchs in Dresden auf; das Ende des Krieges erlebte sie in Dippoldiswalde, einer Kleinstadt am Fuße des Osterzgebirges. Darum gehören zu den Erzählungen meiner Kindheit auch die vom roten Himmel über der brennenden Stadt, von Menschen, die in Flammen standen und in die Elbe sprangen und einem Urgroßvater, der im Schutt seines Hauses nach seiner goldenen Taschenuhr suchte. Allmählich ahnte ich, was die Brachen zwischen den Häusern in Karl-Marx-Stadt bedeuteten. Beim Schulausflug hielten wir vor der schwarzen Ruine der Dresdner Frauenkirche. Ein Mahnmal.
Ich habe mich nicht gewundert, wenn Menschen von der Zerstörung Dresdens redeten als wäre keine Stadt schlimmer bombardiert worden. Später las ich in den Tagebüchern Victor Klemperers aus dem Februar 1945: „… und dann kam Entwarnung. Draußen war es taghell. Am Pinaischen Platz, in der Marschallstrasse und irgendwo an oder über der Elbe brannte es lichterloh…“ und lernte in der Ostschule: Angloamerikanische Bomber zerstörten eine Kunststadt voller Zivilisten.
So entsteht ein Weltbild.
Erwachsen geworden stand ich dann in der Ruine der Kathedrale von Coventry und lernte, was coventrieren heißt. Paul Österreicher, der große Versöhnungsarbeiter, erzählte von seinem Netzwerk von Nagelkreuzgemeinden. Auch hier ein Mahnmal und ein Strahlort für Friedensarbeit.
Das Unglück der Stadt der Stadt Dresden relativierte sich auf schauerliche Weise. Ich habe gelernt zu staunen, wenn eine Stadt unversehrt geblieben ist…
Heute wird der Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren gedacht.
Vielleicht waren Sie dabei als wir am 14. Oktober im letzten Jahr hier saßen und auf Töne hörten, die in Mark und Bein fuhren, Bilder an den Wänden liefen – London, Palmyra, Hiroshima…
Und noch immer werden Waffen gebaut und damit Geld verdient, werden sie in die Hände derer gegeben, die Städte in Schutt und Asche legen. Noch immer ist es dringend, dass wir die Geschichten der Anderen hören und die Wahrheit darin suchen, noch immer tut es händeringend not für den Frieden mit den uralten Worten des Franz von Assisi beten: „O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens…“




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  Heuschrecken

Heuschrecken

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.02.2020

Als junge Dorfpfarrerin erschreckte ich meinen Mitarbeiter, der sich um die Gemeindefinanzen und das Büro kümmerte, eines Tages mit der Mitteilung, ich würde gern einen Wassereimer voller grüner Knete bestellen. Er muss wohl an meinem Verstand gezweifelt haben aber rückblickend veränderte das unsere Zusammenarbeit grundlegend. Er verstand und hielt mir den Rücken frei wo er nur konnte. Ich brauchte die Knete für die Kinderkirche. Wir waren bei den sieben Plagen angekommen, mit denen Gott der Herr den Pharao zwang, sein Volk aus Ägypten wegziehen zu lassen. So kam es, dass mitten in der Dorfkirche im Puppenbett unserer Tochter der Barbieprinz lag und von allen Seiten zahllose kleine grüne Tiere Knettiere über ihn krochen. Eine Plage.
Es waren wie gesagt, Dorfkinder. Sie kannten Heuschrecken und manche von ihnen ahnten wohl auch, dass ihre Eltern in der Landwirtschaft Sorgen hatten. Aber dass die kleinen Heuschrecken ein Land so kahl fressen können, dass eine Hungersnot ausbricht, schien unvorstellbar.
Es waren Kinder und sie fanden es in Ordnung, dass Gott den bösen Pharao so quälte, damit die armen Israeliten endlich in die Freiheit ziehen konnten, in ein besseres Leben. Dass eben dieser Gott in seiner Unbegreiflichkeit auch alle ganz normalen Menschen seines Landes mit den schlimmen Plagen hungern und sterben ließ, gehörte nicht in die Kinderkirche. Zu unbegreiflich und unbarmherzig ist das Mittel, mit dem er seinen Willen durchsetzt.
Heuschrecken sind infolge dieser biblischen Geschichte sinnbildich geworden – für die Verwüstung, was Menschen einander antun können: Wenn Holdings ganze Straßen jahrelang hin- und her verkaufen, um mit diesen Immobilien Gewinne zu machen ohne dass jemand darin wohnen kann oder ein Grundstück gepflegt wird, dann verwahrlosen ganz Viertel – eine Heuschreckenplage.
Aber die scheint harmlos angesichts der jüngsten Bilder aus Afrika. Dort wütet die schlimmste Heuschreckenplage seit langem. Riesige Schwärme fressen alles kahl. Wie Wolken senken sich die Tiere auf die Felder – dort wo Menschen ohnehin hungern und in äußerster Armut leben.
Wir sind keine Kinder mehr. Uns sollte man nicht mit halben Geschichten schonen. Was immer die Ursachen dieser Katastrophe sein mögen, sie wird einmal mehr das Ungleichgewicht unserer Welt verstärken. Wäre das ein Bibliodrama, dann stünde die reiche westliche Welt sicher für den Pharao, den es endlich zu erweichen gilt so hart und unbegreiflich das alles ist.

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  Schuldkult

Schuldkult

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.02.2020

Das Jahr ist noch jung aber es ist schon genug Bestürzendes geschehen, um sich für den Rest des Jahres Sorgen zu machen. Die politischen Eruptionen der letzten Tage haben gezeigt, dass kaum etwas selbstverständlich ist und wir schneller als gedacht in Situationen geraten, von denen wir hofften, nie wieder …
Jenseits aller politischen Diskussionen über Personal, Bündnisse und Koalitionen sollten wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen und glauben, beliebig lange taktieren, abwarten oder mit dem Feuer spielen zu können. Mit anderen deutlicheren und meinen Worten: eine Partei, die eine geschichtspolitische Wende und damit auch eine Neubewertung des Nationalsozialismus fordert, darf nicht in Verantwortung kommen.
Ich weiß, dass Mancher ein politisches Statement von der Kanzel für falsch hält. Ich teile das sofern es sich um Wahlkampf handelt, Partei- oder Kandidateninteressen. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es Haltungen gibt, die mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind und darum hierher gehören.
Weil dies nur eine kleine Andacht ist, tut es Not, schnell zum Punkt zu kommen: Eines der neuerdings häufiger verwendeten und scheußlichen Wörter (ein Unwort ist es leider nicht, denn es ist mit Bedeutung gefüllt, wird ausgesprochen und verstanden) ist der Begriff „Schulkult.“ Er stammt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Damals versuchten Unverbesserliche die Entnazifizierung zu verhindern, weil sie eben Ausdruck von Siegerjustiz und Schukdkult sei. Heute taucht das Wort vor allem im Zusammenhang der Gedenkkultur an Orten wir Bergen-Belsen oder Dachau wieder auf. Es markiert die Spitze eines Eisberges.
Indem die Erinnerungskultur als Schuldkult beschrieben wird, beansprucht man Reinwaschung und einen Schlussstrich, wenn nicht gar Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle. Das dürfen wir nicht mitmachen, weder als Deutsche noch als Christen. „Und vergib uns unsere Schuld“ – so beten wir wohl wissend dass wir nicht leben könnten, wenn sie uns angerechnet würde. Dass wir dennoch leben dürfen danken wir dem, der an unsere Stelle alle Schuld auf sich genommen hat. Nur da entlang führt der Weg. Es ist ein Weg hier durch unsere Zeit in unserem Land. Es geht um Wahrheit, Verantwortung, Würde und auch klare Worte, Haltung, Widerstand.

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  Wellenbrecher

Wellenbrecher

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.02.2020

Gestern Morgen war ich noch auf Hiddensee, einem meiner Seelenorte und hätten wir nicht das allererste Boot genommen, wäre ich heute nicht hier, sondern würde den Sturm abwarten müssen und dann und wann die Wucht des Meeres bestaunen. Dort, wo ich zuerst hingehe, wenn ich ankomme und zuletzt, ehe ich fahre, gibt es riesige Wellenbrecher zum Schutz der Steilküste. An ihnen kann man gut sehen, was sich im Alltag einer Landratte sonst nicht so deutlich zeigt:
Die ungeheure Kraft der Natur. Wir erahnen sie, wenn die Wellenkämme auf den Strand rollen und der Wind tost. Aber das Krachen an den Wellenbrechern, das meterhohe Anstürmen sehen wir sonst nicht. Die innewohnende Kraft ist aber immer da. Hinter den Brechern dagegen ist es ruhig. Viel geschützter als am Strand sonst irgendwo. Dort kommt und geht das Wasser, mal sanfter, mal heftiger, mal bringt es Tang, mal Steine, manchmal Schätze - Muscheln, Bernsteine, Hühnergötter. Hinter den Brechern dagegen dümpelt das Restwasser und dort wird es oft schaumig. Auch der Schmutz zeigt sich eben in der Schutzzone überraschend deutlich.
Wenn es schließlich stürmt wie in diesen Tagen, dann schützt auch der Wellenbrecher nicht, dann braucht es andere im wahrsten Sinne des Wortes umfriedete Zufluchtsorte. Vielleicht sehen Kirchen in Norddeutschland dieses Standhaltens wegen oft so ungeheuer trutzig und mächtig aus. Sie könne sich nicht biegen wie Bäume und sollten nicht schief drücken lassen vom Wind. Die Stralsunder Marienkirche jedenfalls sieht man schon von weitem und wenn man davor steht, muss man nicht nur den Kopf in den Nacken legen oder etliche Schritte zur Umrundung einplanen, es ist auch verblüffend, wie groß die Fenster am Ende doch sind, wieviel Licht sie hineinlassen .
Es ist ein Kirche, keine Burg, die Feinden trotzt.
So ist es auch hier mit unserem Dom. Ohne Frage ist er eine sichere Zuflucht vor Sturm und Regen, Hagel und Hitze und ein Wellenbrecher, der uns vor den Sturmfluten des Lebens schützt. Hier drinnen gibt es eine Schutzzone und darf sich zeigen, was schmerzt und zerrt, was zurückbleibt, wenn das Wetter vorüber ist. Hier drinnen gilt Gottes Wucht und die Unerklärlichkeit seines Ratschlusses, die Fülle seines Segens und die manchmal schreckliche Andersartigkeit seines Wirkens. Natürlich. Aber hier erinnern wir uns, dass wir nicht steinharte Wellenbrecher sind oder sein müssen, sondern Menschen bleiben, die mit Daniel beten, so wie es über dieser Woche steht: „Wir liegen vor Dir mit unserer Gerechtigkeit und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

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  Revolution!

Revolution!

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.02.2020

„Ihr mit Eurem Gerede von „Wir haben uns alle lieb“. Eure Kuschelbotschaft ist doch viel zu weichgespült. Damit erreicht ihr gar nichts.“ Solcherlei Entgegnungen sind bisweilen zu hören, wenn es um christliche, wenn es um biblische Botschaft im Zusammenhang mit den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit geht. Kuschelbotschaft, viel zu weichgespült, damit erreicht ihr gar nichts. Zugegeben: In ihrer Geschichte hat sich Kirche das eine oder andere Mal in diesem Zusammenhang nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es seitens der Kirche versäumt, sich klar gegen das Unrechtsregime der Nazis zu stellen – unser Landesbischof hat dies in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag sehr deutlich kritisiert. Und es ließen sich weitere Beispiele nennen, in denen Kirche aus meiner Sicht zu vorsichtig, zu wenig mutig und zu zögerlich reagiert hat. Aber woran liegt das? Gibt es Gottes Wort nicht her?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Aus dem Magnifikat, dem Lobgesang der Maria stammen diese Worte. Gott stößt die Gewaltigen vom Thron. Die Gewaltigen, diejenigen also, die die Gewalt, die die Macht, die das Sagen haben, deren Throne wackeln, singt Maria. Und diejenigen, die vor diesen Thronen im Staub liegen, die im Staub liegen müssen, weil sie nicht anders können, weil sie von Mächtigen dazu gezwungen werden, die wird Gott erheben. Aus diesen Worten ist nun so gar keine vornehme Zurückhaltung herauszuhören. Ganz im Gegenteil: Das klingt ja schon fast nach Revolution!
Und ich glaube, dass das auch genauso gemeint ist. Gott will nicht, dass Menschen über andere Menschen in einer Weise herrschen, dass es nur denen da oben gut geht und diese zu Lasten und auf Kosten derer da unten leben. „Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein“, schreibt uns Jesus Christus höchstpersönlich in die Bücher. Das gilt natürlich auch für unser eigenes Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Wir sollen uns nicht aufschwingen zu Herrschern über andere. Doch es klingt eben auch mit: „Und da, wo ihr solch einen Missstand vorfindet, da sorgt dafür, dass es sich ändert.“
Die Bibel ist keine Einladung zum religiösen Gruppenkuscheln. Sie ist in vielem sehr radikal und, wie gesagt, in Marias Lobgesang beinahe revolutionär. Und sie ist es immer dann, wenn es um Dinge auf dieser Welt geht, die mit der christlichen Botschaft nicht übereinzubringen sind. Überall dort, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohen, überall dort, wo Gottes Schöpfung gefährdet und zerstört wird, da ruft uns Gott zum Widerstand auf.
Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Wenn wir in diesem Sinne als Christinnen und Christen und als Kirche unterwegs sind, haben wir Gott auf unserer Seite. Wir dürfen uns was trauen und wir dürfen uns was zutrauen. In Jesu Namen.

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  Helgoland

Helgoland

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.02.2020

Wir waren in der vergangenen Woche ein paar Tage auf Helgoland. Ich liebe diese Insel gerade um diese Jahreszeit. An einem Nachmittag haben wir einen Spaziergang entlang der Steilküste auf dem Oberland gemacht: strammer Wind aus Nordwest, graugrünes Meer, Schaumkronen auf den Wellen, Gischt, Weite, ungebändigte Naturkräfte – sichtbar, hörbar, spürbar. An der Nordspitze, wo man auf die Lange Anna schaut, sind wir lange stehengeblieben und haben dieses Schauspiel auf uns wirken lassen. Es erdet mich immer wieder, wenn ich das erleben kann und es macht mich dankbar und demütig zugleich.
Wenn ich dort an der Steilküste stehe und auf die scheinbare Unendlichkeit der See schaue, wird mir jedes Mal von Neuem deutlich, dass wir Menschen so einiges sein mögen, das Maß aller Dinge auf jeden Fall aber nicht. Es ist dem Meer egal, ob dort ein Mensch steht und schaut, es ist dem Sturm egal und den Möwen, die im Aufwind der Steilküste ihre Kunstflüge vollführen ebenso. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel“, diese Worte aus dem 104. Psalm sind mir durch den Kopf gegangen. Ja, groß und viel, so war das, was wir dort erleben durften.
Wir durften es erleben und hatten keinen Einfluss darauf. Niemand, der dort an der Nordspitze Helgolands steht, kann den Wind stoppen, das Meer beruhigen oder den Flug der Vögel bremsen. Und doch war da in mir kein Gefühl von Machtlosigkeit, nein, ich habe mich in ganz besonderer Weise geborgen gefühlt in dieser rauen Umgebung und den bewegten Elementen. Wir Menschen sind Teil davon und dürfen teilnehmen und teilhaben auch an dieser besonders beeindruckenden Ausprägung der Schöpfung.
Der Natur mag es egal sein, ob dort jemand im Sturm steht und auf das Meer schaut, Gott ist es nicht egal. Auch dort, wo wir Menschen scheinbar keine Rolle zu spielen scheinen, wo es nicht auffällt, wenn wir verschwinden, wo wir für den Lauf der Dinge offensichtlich bedeutungslos sind, ist Gott bei uns und um uns. Angesichts unserer eigenen Winzigkeit im Angesicht der Unendlichkeit des Meeres und seiner beeindruckenden Kraft, kann man wirklich nur fragen: „Mein Gott, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“
Ja, die Wertschätzung, die Gott uns entgegenbringt ist beschämend groß. Wir sind Teil seiner Schöpfung und er hat uns aus allem herausgehoben, weil er uns liebt. Und so dürfen wir uns groß fühlen, auch dann, wenn alles um uns herum viel größer ist, als wir selbst. Wir dürfen uns stark fühlen, auch dann, wenn alles um uns herum viel stärker ist. Der Beter des 8. Psalms beschreibt es so: „Gott, du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als dich selbst und mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“
Helgoland im Januar, wenn es so richtig rau ist: Ein guter Ort, um Gottes Gegenwart und Gottes Liebe spürbar zu erleben.

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  Verlässlich

Verlässlich

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.02.2020

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, so lautet ein deutsches Sprichwort. Es will uns sagen, dass Neuigkeiten eben keine mehr sind, wenn alle sie bereits kennen. Im Englischen heißen Zeitungen newspaper, „Neuigkeitspapiere“, die ihrem Namen eben wirklich nur dann gerecht werden, wenn sie solche enthalten – Neuigkeiten meine ich.
Vieles ist schnelllebiger geworden in unseren Zeiten, auch die Nachrichtenlagen sind es. Dauerte es vor 200 Jahren noch Wochen oder Monate, bis uns Informationen aus Übersee oder Fernost erreichten, haben wir heute alles in Sekundenschnelle zur Verfügung. Das hat durchaus positive Seiten, erfordert unsererseits aber auch deutlich schnelle Reaktionen als früher. Denn nicht nur die Übermittlungsgeschwindigkeit von Informationen ist rasant wie nie, auch die Infragestellungen verbreiten sich in Echtzeit über den Globus – die Mail aus Japan und die Whatsapp-Nachricht aus Neuseeland brauchen im Wortsinne nur einen Augenblick und schon sind sie da.
Und so verändern sich Information und Wissen in kürzester Zeit, weil Menschen gestellte Fragen umgehend beantworten, auf neue Gegebenheiten reagieren und all das ebenso schnell in der Welt bekannt wird. Vieles kommt und bleibt und ist im Fluss und dauerhaft verlässliche Ankerpunkte in unserem Leben werden rarer. Dafür nimmt aber Anzahl der Menschen zu, die genau danach suchen, nach Verlässlichem, nach Dauerhaftem, nach Beständigem. Ich denke, dass wir Menschen etwas brauchen, auf das wir im wahrsten Sinne des Wortes bauen können, dass wir etwas brauchen, was uns trägt, was uns hält, auf das wir uns zurückziehen können, wenn alles andere um uns herum uns nur noch verunsichert.
Über dem heutigen Tag heiß es: „Jesus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“ In diesem Vers aus dem Markusevangelium klingt genau so etwas an. Jesu Wort, Gottes Wort, wie wir es in der Bibel wiederfinden können, ist unvergänglich, verspricht uns Jesus. Wenn wir uns auf nichts mehr verlassen können, darauf schon!
Gemeint ist damit natürlich nicht einfach nur das Wort. Gemeint ist damit auch die biblische Botschaft, die es transportiert. Sie ist ewig. Und es ist eine Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und seiner unbedingten Liebe zu uns Menschen, zu jedem einzelnen von uns. Es ist die Botschaft von Vergebung und von Frieden auf Erden und es ist die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod.
Nichts mag so alt sein, wie die Zeitung von gestern und die Nachrichten und Neuigkeiten, die sie enthielt. Immer brandaktuell ist und bleibt, was Gott uns zuteilwerden lässt – nachzulesen selbst auf Facebook, Instagram und Twitter aber auch ganz analog im Buch der Bücher.
Jesus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

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  Wassermangel

Wassermangel

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.02.2020

Vor ein paar Tagen war in unserer Braunschweiger Zeitung zu lesen, dass die Talsperren im Harz, aus denen unser Trinkwasser kommt, deutlich zu leer sind. Gerade mal zu gut 50% sind sie gefüllt, im Mittel der Vorjahre waren es um diese Jahreszeit über 70%. Schuld sind die beiden vergangenen, viel zu trockenen Sommer und auch der Winter hat bis jetzt nicht ausreichend Niederschlag gebracht. Klar, trockene Jahre gab es immer mal. Aber es war dann eben mal so ein einzelnes Jahr, dass aus der Reihe fiel, nun scheint es sich zu häufen.
Sicherlich geht es uns allemal besser als den Menschen in den Trockengebieten unserer Erde. Niemand wird hier bei uns in absehbarer Zeit um sein Leben fürchten müssen, weil das Wasser knapp wird. Aber wir sehen deutliche Folgen in der Landwirtschaft, in den öffentlichen Grünanlagen und in unseren heimischen Gärten. Wasser ist existenziell – Leben ohne Wasser hat keine Zukunft.
Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Die Elenden und Armen suchen Wasser und es ist nichts da, ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der HERR, will sie erhören.“ Sehr bildhaft schildert Jesaja hier die Not der Menschen: Ihre Zunge verdorrt vor Durst. Über 2.700 Jahre sind diese Worte alt und doch haben wir sofort eine Vorstellung von dem, was Jesaja uns vermitteln will. Die Elenden und Armen suchen nach Wasser, sie suchen nach einer der Grundlagen des Lebens. Und weil sie solchen Mangel haben, sind sie elend und arm.
Wie gesagt, auf uns hier im Braunschweiger Land wird das glücklicherweise so schnell nicht zutreffen. Doch auch uns kann Durst quälen, obwohl wir noch genug zu trinken haben. Menschen können auch Durst nach Gerechtigkeit, nach Anerkennung, nach Frieden oder nach Liebe haben. Auch all das ist existenziell für unser Leben. Ohne Wasser kommen wir höchstens ein paar Tage aus, ohne Frieden, Gerechtigkeit und Liebe wahrscheinlich länger. Aber wir können dauerhaft auch darauf nicht verzichten, wenn wir ein einigermaßen gutes Leben leben wollen. Ohne Frieden, Gerechtigkeit und Liebe werden wir über kurz oder lang innerlich verdorren, so wie unsere Zunge, wenn wir nicht ausreichend zu trinken haben.
Doch Gott verspricht uns, dass er uns erhören wird, wenn wir arm und elend sind. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass sich das nicht nur auf zu leere Talsperren im Harz bezieht. Gott weiß, wessen wir bedürfen. Doch er wirft es uns nicht nach. Jesaja sagt, dass sie Elenden uns Armen suchen. Das müssen wir dann bitteschön wenigstens auch tun. Wir müssen suchen nach Frieden, Gerechtigkeit und Liebe, dann wird Gott uns helfen und uns genau das finden lassen.
Und selbst, wenn wir an dieser Zusage Zweifel haben: Ich finde, einen Versuch ist es allemal wert.

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  Weltkrebstag

Weltkrebstag

Prädikant Heiko Frubrich - 04.02.2020

„Ich bin … und ich werde …“ – unter dieses Motto hat die Deutsche Krebshilfe den heutigen internationalen Weltkrebstag gestellt. Vor 20 Jahren wurde der Gedenktag auf einer Konferenz in Paris ins Leben gerufen. Ziel ist es, Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebskrankheiten stärker ins Bewusstsein zu rufen. Denn eines zeigen Forschungsergebnisse ganz deutlich: Wir alle können einiges tun, um uns vor dieser Krankheit zu schützen – durch einen bewussteren Lebenswandel und durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. 40% aller Krebserkrankungen sind nach Expertenmeinungen hierdurch vermeidbar.
Ohne Frage ist es richtig und wichtig, darauf zu achten, gesund zu leben. Ohne Frage ist es erstrebenswert, eine Krankheit wie Krebs so weit als irgend möglich zurückzudrängen. Doch ebenso klar ist aber auch, dass Menschen auch zukünftig erkranken werden und dass manche Krankheiten eben auch tödlich verlaufen. Aller medizinische Fortschritt kann uns nicht von der Endlichkeit unseres irdischen Lebens freisprechen. Krankheit und Tod gehören zum Leben genauso dazu wie Zeiten bester Gesundheit und überbordender Lebensfreude, nur, dass uns letzteres eben erheblich lieber ist.
Krankheit und Tod passen nicht so recht in unsere Zeit, in der es doch eher darum geht, dynamisch und flexibel beim „Höher-Schneller-Weiter“ mitzumischen. Und so schieben wir diese unangenehmen Themen gern mal in den Hintergrund. Wir wollen uns nach Möglichkeit nicht die Laune verderben lassen von so negativen Dingen und bisweilen ebenso nicht von Menschen, die davon betroffen sind.
Schwere Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs sind nicht selten damit verbunden, dass sich Freunde und Bekannte von den Erkrankten abwenden. Und so kommt zu der Last der Krankheit oftmals auch noch die Einsamkeit hinzu, die das Leid nur noch vergrößert. Krankheit wird als Makel gesehen, makellos sind nur die Gesunden. Mit denen umgibt man sich gern, zu den Leidenden wird eher Distanz aufgebaut.
Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass christliches Leben anders geht. Jesus hat sich zu allererst um die gekümmert, die seine Hilfe brauchten. Und dazu gehörten natürlich auch die Kranken. Die Evangelien sind voll von Geschichten, in denen sich Jesus Kranken zuwendet und sie heilt. Und an keiner Stelle gibt es einen Bericht etwa darüber, dass er sich von Menschen abwendet, denen es schlecht geht.
Und so kann uns der heutige Weltkrebstag eben an mehrerlei erinnern: Wir können uns selbst Gutes tun, wenn wir auf unsere Gesundheit achten, doch Krankheit an sich ist weder eine Strafe für irgendetwas noch eine Schwäche oder gar ein Kainsmal. Gerade kranke und auch sterbende Menschen brauchen die Zuwendung und die Liebe ihrer Mitmenschen. Die Redewendung „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hat durchaus ihre Berechtigung. Oder wie Paulus es sagt: „Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Der heutige Weltkrebstag ist eine gute Gelegenheit, uns das in Erinnerung zu rufen.

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  St. Blasius von Sebaste

St. Blasius von Sebaste

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.02.2020

Evangelisch-lutherische Domkirche St. Blasii, so lautet der offizielle Name unseres Doms. Er ist benannt nach einem seiner Patrone, dem Heiligen Blasius, Bischof von Sebaste, dem heutigen Sivas im Nordosten der Türkei. Blasius soll dort zunächst als Arzt gearbeitet haben. Überliefert ist seine unermüdliche Hilfsbereitschaft und Toleranz. So soll er ohne Ansehen der Person geholfen haben, ganz egal, ob die Hilfesuchenden Juden, Heiden oder Christen waren. All das hat ihn in seinem Helfen nicht interessiert. Und eben diese den Menschen zugewandte Haltung hat dann später dazu geführt, dass er zum Bischof von Sebaste gewählt wurde.
Blasius lebte im dritten und vierten Jahrhundert. Die Zeit war geprägt von massiven Christenverfolgungen durch das Römische Reich. Mehrfach, auch bereits zur der Zeit, als er noch nicht Bischof war, wurde Blasius gefangengenommen und gefoltert, um ihn dem christlichen Glauben entsagen zu lassen. Doch Blasius blieb seinem Glauben und Gott treu. Um das Jahr 316 wurde er deshalb als Märtyrer hingerichtet. Kurz vor seinem Tod soll er dafür gebetet haben, dass Gott allen Menschen helfen möge, die mit Halskrankheiten in seinem Namen um Genesung bitten. Eine Stimme vom Himmel soll ihm diese Bitte gewährt haben und so gilt Blasius als Nothelfer bei Halskrankheiten. Der Heilige wird oft segnend mit zwei gekreuzten Kerzen dargestellt. Noch heute wird diese besondere Segensform als Kranken- und Genesungssegen gespendet.
Viele Kirchen, Krankenhäuser und Altenheime sind nach Blasius von Sebaste benannt. Ich denke, dass es insbesondere seine uneingeschränkte Hilfsbereitschaft ist, die das begründet. Blasius hat allen geholfen, die Hilfe brauchten und das losgelöst von ihrer Person. Ihm war es egal, welche Konfession sie hatten, welche Herkunft, welche Bildung, welchen Status in der Gesellschaft. Er hat den Menschen gesehen, der da vor ihm stand, das war ihm Antrieb und Auftrag genug.
Er hat sich ganz offensichtlich an Jesus ein Beispiel genommen, denn der war genauso unterwegs. Jesus hat geholfen, wo Hilfe notwendig war. Und er hat sich eben oftmals derjenigen angenommen, um die viele seiner Zeitgenossen einen großen Bogen machten – seine Aufmerksamkeit galt den Armen, den Aussätzigen, den Entrechteten. Jesu Liebe war und ist nicht wählerisch und unsere Liebe sollte es auch nicht sein. Wenn das gelingt, erledigen sich eine Vielzahl von Problemen von ganz allein: Menschenliebe, die nur den Menschen sieht, kann nicht ausgrenzen, kann nicht diskriminieren und kann nicht hassen. Menschenliebe, die nur den Menschen sieht, kennt keinen Antisemitismus, keine Fremdenfeindlichkeit und keine Intoleranz.
Jesus hat in dieser Liebe gelebt und von Blasius von Sebaste wird ähnliches berichtet. Und insofern ist es gut, dass unser Dom seinen Namen trägt und uns so immer wieder daran erinnert, wie christliches Miteinander und christliches Leben funktionieren.

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  Wie konnte das passieren?

Wie konnte das passieren?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.01.2020

„Wie konnte das passieren?“ – so drückte Guy Verhofstadt, der Chefunterhändler des Europäischen Parlamentes für die Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich gestern die Fassungslosigkeit so vieler Abgeordneter in Brüssel aus. Nun ist das Abkommen über den Brexit beschlossen, morgen wird er vollzogen.
Als ich im Juli 2014 mein Amt hier als Dompredigerin antrat, musste ich mich nahezu sofort auf den Weg nach Blackburn in der Nähe von Manchester machen. Es galt, am Gedenkgottesdienst zum Ausbruch des ersten Weltkrieges teilzunehmen, als Deutsche, als Geistliche…
Ich wusste nicht, was von mir mich erwartet wurde. Sollte ich stellvertretend für mein Heimatland, das England zweimal im letzten Jahrhundert in fürchterliche Kriege verwickelt hat, um Vergebung bitten? Hatte ich überhaupt einen aktiven Part oder wäre es nur angemessen, schweigend dabei zu sein?
So kam ich nach Blackburn und wurde willkommen geheißen im Hause meines Kollegen Christopher Amstrong und seiner Frau Geraldine. Es würde abends gekocht und kämen Gäste, mir zu Ehren. Ich machte mir Sorgen. Würde mein Englisch reichen, wenigstens um keine schweren Missverständnisse zu erzeugen?
Mit blieb nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn beinahe augenblicklich entspann sich eine emotionale, fürsorgliche, ernste Debatte: Sollte ich, die Fremde, die Deutsche, morgen im Gottesdienst „God save the Queen“ beim Gedenken an die Gefallenen des ersten Weltkrieges mitsingen???
Einerseits kam das nicht infrage. Das ist die Nationalhymne. Gerade einer Deutschen bei solch einem Erinnern stünde das nicht zu. Andererseits ist es ein Gebet und ich bin eine Geistliche. Dann wieder: wir sind hundert Jahre weiter und sitzen hier als Freunde beieinander und doch…
Kinder, Freunde und Gemeindeglieder wurden angerufen: Was denkt Ihr? Wie sollen wir es machen? „Sing mit“ war der Ratschluss nach einem langen Abend.
Am nächsten Tag feierten wie einen großen sehr bewegenden Festgottesdienst mit der wunderbaren anglikanischen Kirchenmusik und viel Weihrauch. Am Ende standen wir nebeneinander an der Säule zum Gedenken an die Toten und ich verlas einen Teil der Namen und sang mit zugeschnürter Kehle „God save the Queen.“
Und dann standen wir an der Tür und unzählige zum Teil sehr alte Menschen kamen auf mich zu. Wir umarmten uns unter Tränen. Manch einer hatte nie mehr Kontakt zu Deutschen gehabt, war niemals nach Deutschland gereist -aber jetzt, nachdem ich dort gestanden, gebetet und gesungen hatte, jetzt endlich würde Versöhnung möglich werden…
Inzwischen lebt eines meiner Kinder in England. Seine Großmutter verbrachte viele Kindheitsnächte im Bunker aus Angst vor englischen Bomben. Nie wäre sie dorthin gereist. Aber jetzt lebt der Enkel dort und so machte sie sich auf den Weg. Auch das eine Versöhnungsreise.
Es wird zahllose solcher Geschichten geben.
Es gab gestern Tränen in Brüssel.
Morgen tritt England aus der EU aus. Wie konnte das passieren?
Bei Jeremia heißt es:
„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ So möge es sein.



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  Jerusalem

Jerusalem

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.01.2020

Wieder einmal in aller Munde. Jerusalem. Israel. Palästina. Zwei-Staaten-Lösung. Friedensplan. Yad Vashem…
Während die Touristen, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter kommen und gehen, Politikergenerationen Status, Ansprüche, Grenzen verhandeln, wächst eine weitere Generation heran.
Mohammed Moussa, im selben Jahr wie mein Sohn, in Gaza geboren, dichtet, fasst wie er selbst sagt, seine Gefühle, Erfahrungen und Erinnerungen in einen friedlich dahinfließenden Fluss, der irgendwann die Welt draußen erreicht. Flaschenpostgedichte…
Eines liegt auf meinem Schreibtisch und es klingt so:
„Ich wage mich voller Tränen nach Jerusalem hinein. / Die Altstadt ist hinter Zäunen eingesperrt, / Wächter verrichten ihre Gebete, / junge Männer mit leeren Vormittagen sind die ganz Nacht unterwegs.
Auf meinem Weg zur al-Aqsa-Moschee / stoppt mich ein Polizist. / Wo willst du hin? / Zum Beten. / Es ist geschlossen um die Zeit. / Wieso denn? / Nicht dein Problem. / Sagst du so, / aber ist es deins? / Wie schön der Sonnenuntergang. / Ich sehe Zypressen und Pinien auf den hohen Bergen, / Walnuss-, Oliven- und Granatapfelbäume.
Eine Katze balgt sich mit einer andern. / Alte Männer trinken Kaffee und lächeln. / Vier Mädchen schicken eine Kusshand / und besingen die Freiheit. / Strassenhändler verkaufen Trauben nach dem Gebet. / Ein Ladenbesitzer verkauft Kindern Mais, / aber er starrt an ihnen vorbei, / wohl in die Vergangenheit. …
Was ist schön an diesem Land? / Alles. / Menschen, Steine, Bäume, Vögel, / Verkäufer, alte Männer, Frauen, Kinder. / Sie alle teilen dieselbe Schönheit, / leuchten wie Zinnen in der Sonne. / Alles in Jerusalem / zeugt von Palästina, von Arabien.
Ich gehe zurück zu den Toren der Stadt. / Ein Polizist mit komischem Gesicht hält mich an. / Du bist nicht aus Jerusalem. / Jerusalem lebt in mir. / Was soll das heißen? / Jerusalem lebt in mir. / Was war der Grund für deinen Besuch? / Ich liebe von fern. Die Sehnsucht treibt mich her.“
Ich wünschte, diese Flaschenpost würde das weiße Haus erreichen.
Ich wünschte, dieses Gedicht würde Donald Trumps Seele erreichen.
Und bin froh, dass über diesem Tag aus dem Propheten Jesaja allem zum Trotz steht: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“


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  Und hätte die Liebe nicht…

Und hätte die Liebe nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.01.2020

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“
So steht es im ersten Korintherbrief und man könnte ergänzen:
Und wenn ich tausendmal recht hätte und fände den richtigen Ton nicht, so wird es nichts bewirken. Und wenn ich für die ganz und gar richtige Sache stritte und meine Stimme wäre voller Haß und mein Gesicht vor Wut verzerrt, so würde mir keiner glauben. Und wenn ich Bündnispartner bräuchte und dringend Unterstützung suchte und würde nicht darauf achten, dass der Stil stimmt, es stärkte mich nicht.
So war es gestern an der Schillstrasse. Eine bestürzend kleine Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern versammelte sich zum Gedenken an den Holocaust.
Kränze wurden niedergelegt, es war kalt und grau, der Himmel weinte.
Und die Antifa störte mit lautem Rufen in schmerzhaftem Staccato und hässlichen Drängeln und Schubsen. So zerstörten sie nicht nur die Würde des Augenblicks, sondern untergruben auch die Berechtigung ihrer Sorge, wo es hinführen soll, immer lauter danach gefragt wird, ob es den Holocaust tatsächlich gegeben habe und solches ungeheuerliche Morden überhaupt möglich gewesen sein kann.
Es brauchte Polizei und deren energisches Eingreifen, um eine Eskalation zu verhindern.
„Und hätte die Liebe nicht…?“
Ich hatte sie nicht. Mir war keine freundliches Zugehen möglich, es schien mir sinnlos und fehl am Platz. Der Liebe habe ich nichts zugetraut. Ohne Sicherheitskräfte wäre ich dieser Situation gestern ratlos ausgeliefert gewesen. Dabei kam der Druck nicht mal von einer sachlich fremden Seite.
Das (!) macht mir Sorgen. Es haben schließlich alle recht, die dieser Tage sagen: „Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen.“ Darum „seid nicht gleichgültig“, „wehret den Anfängen.“
Ich bin nicht gleichgültig aber wie ich dem wehren soll, weiß ich nicht. So bleibt – immerhin du trotz allem – das Gebet.

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  75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.01.2020

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete“ so dichtete Paul Celan.
„Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst…“ so heißt es im achten Psalm und geht heute schwerer über die Lippen als sonst.
Was ist der Mensch? Die zahllosen Ermordeten waren Menschen, deren Namen und Lebensdaten nur mit größter Mühe rekonstruiert werden können. Frau Esch-Jedzini hat gestern davon hier im Dom erzählt.
Was ist der Mensch, dass er sich tatsächlich vorstellen, planen und dann umsetzen kann, Millionen, Kinder, Frauen, Männer, Schwestern, Brüder, Väter, Mütter, Großväter, Großmütter, Geliebte umzubringen, zu vergasen, zu verbrennen?
Was ist der Mensch, dass er damit weiterleben muss?
Was ist der Mensch…
In Auschwitz kommen heute nicht nur Überlebende zusammen, die an diesen schrecklichen Ort zurückkehren – der keineswegs ein Unort ist, wie das Utopien denken, sondern eine sehr realistische Ansammlung von Gebäuden und Plätzen, Infrastruktur – um zu erinnern.
Es kommen Repräsentanten zusammen, die stellvertretend für uns, zuhören, die uns alle repräsentieren dort und hier, in der Erschütterung und Scham mit der Verantwortung für das, was kommt.
„Was ist der Mensch?“
Hoffentlich gedenkt Gott unserer, damit wir nicht noch einmal, nie wieder solche Schuld auf uns laden.

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  Verben

Verben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.01.2020

Im Theater läuft ein höchst unterhaltsames Stück von Felicia Zeller. „Der Fiskus“. Man erlebt Mitarbeiter eines Finanzamtes im Wirrwarr von Bürokratie und Hierarchie, dem wahren Leben. Man sieht ihnen zu, wie sie dem Cum-Ex-Geschäft auf die Spur kommen und dass das den Laden aufhält.
Man hört Texte, denen man immer wieder beipflichten möchte.
Nein, eigentlich will man sie vielmehr vervollkommnen. Denn dauernd fehlt was, weil man es sowieso schon weiß oder tausendmal gesagt hat oder jetzt nicht nochmal…
Es fehlen fast immer die Verben.
Das Tätigkeitswort, so hieß das in der Grundschule.
Aber ohne Verben herrscht nicht nur Chaos sondern auch Stillstand.
Das ist ein ziemlich genialer Kniff der Autorin, die sich Wirtschaftsdramaturgin nennt und mutmaßlich auch eine erhebliche Herausforderung für die Schauspieler, die einen stets und ständig fragmentarischen Text lernen müssen.
Was ohne Verben eigentlich fehlt, ist mir dieser Tage erst so richtig bewusst geworden als ich über eine Konfirmandenunterrichtseinheit zum Glaubensbekenntnis nachgedacht habe. Das Credo funktioniert im Gegensatz zu diesem Theaterstück ohne Verben überhaupt nicht. Genauer, der zweite Artikel über Jesus Christus funktioniert nicht. Denn der heißt ja:
„empfangen durch den Heiligen Geist, / geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus, / gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes, / am dritten Tage auferstanden von den Toten, / aufgefahren in den Himmel; / er sitzt zur Rechten Gottes, / des allmächtigen Vaters; / von dort wird er kommen, / zu richten die Lebenden und die Toten“
Ohne Verben wäre dieser Textteil völlig unverständlich, die Bewegung Gottes nicht nachvollziehbar, bliebe im Dunkeln, wozu das Alles:
durch den Heiligen Geist, / von der Jungfrau Maria, / unter Pontius Pilatus, / in das Reich des Todes, / am dritten Tage von den Toten, / in den Himmel; / zur Rechten Gottes …
Verben, Worte der Bewegung, erzählen von Lebendigkeit und Entwicklung, davon, was es mit uns zu tun hat und was wir damit zu tun haben.
Ohne Verben nicht nur alles fest sondern auch völlig intransparent ohne jede Aussicht dass…
Die Menschen im Finanzamt bei Felicia Zeller, strampeln, kämpfen, ringen. Sie werden da rausfinden. Und wir, die wir zusehen und zuhören, verstehen ein bisschen mehr vom Geldgeschäft. Beim Credo sprechen wir, gehen mit in Gedanken, formen Glaubenssätze, legen uns fest, fühlen Zugehörigkeit. Offenbar sind auch Verben eine gute Gabe Gottes.


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  „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen“

„Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.01.2020

Gestern jährte sich der Todestag Helmuth James von Moltkes zum 75. Mal. Nachdem er am 11. Januar 1945 zum Tode verurteilt worden war, richtete man ihn am 23. Januar 1945 hin. Er, der Mitbegründer des Kreisauer Kreises und Mitglied des deutschen Widerstandes saß zur Zeit des Hitlerattentates am 20. Juli 1944 bereits im Gefängnis. Die Kreisauer Dokumenten lagen noch unentdeckt auf dem heimatlichen Dachboden. So kam es, dass es in seinem Prozess im Januar 1945 vor allem um seine christlich-humanistische Gesinnung ging. Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes, formulierte dabei: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen!“ Dieses Eingeständnis Freislers, dass der christlichen Glaube und die nationalsozialistischen Gesinnung unvereinbar sind, war kostbar und bestärkten Moltke, seine Frau Freya und ihre Freunde darin, dass die Werte der Menschlichkeit am Ende überleben würden. Er starb heiter, voller Liebe zu den Seinen. Zuletzt sorgte er sich noch darum, ob das Vieh Zuhause durchkäme, hoffte, dass eine guten warmen Socken nicht dem Volksopfer anheimfielen, sondern den Heimweg fänden und in der Gewissheit, die seine Frau so formulierte: „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen.“
Moltke liebte das Bild vom Sämann. Darum schrieb er: „Der Same aber, den ich gesät habe, der wird nicht umkommen sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Samen kommt und wer ihn gesät hat.“ Jahrzehnte später sagte seine Frau: „Wir Menschen sind keine Eintagsfliegen, wir kommen woher und gehen wohin. … Darum ist Geschichte so wichtig.“
Helmuth James von Moltke starb 38-jährig. Fast noch ein junger Mann. Menschen wie er, Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl fehlten nicht nur ihren Familien, sondern auch unserem Land in den folgenden Jahrzehnten mit ihrer Glaubenskraft und Klarheit. Aber Freya von Moltke hatte Recht, der Samen trug Frucht.
Eine ist die Rede, die Walter Steinmeier gestern in Yad Vashem gehalten hat. Schmerzlich und wahrheitsgemäß, den Werten derer verpflichtet, die begriffen haben, dass es zwischen dem Bekenntnis unseres Glaubens und rechtem Populismus, denen, die Antisemitismus, Hass und Fremdenfeindlichkeit befördern, keine, überhaupt keine Übereinstimmung gibt.

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  Manchmal kann man sich wundern…

Manchmal kann man sich wundern…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.01.2020

Geschichten, die das Leben schreibt, sind nicht zu überbieten – das gilt auch am Dom, so dass ich hin und wieder mal gefragt werde, ob ich schon die Serienrechte verkauft hätte…
Wo viele Menschen kommen, verweilen und gehen, wo Lachen und Weinen, Glück und Angst, Sehnsucht und Sorge Thema sein dürfen, erlebt man auch allerlei. Normalerweise hören Sie davon nichts. Aus gutem Grund. Denn jeder und jedem steht seelsorgliche Verschwiegenheit zu. Die braucht es auch, wenn man sich von der Seele reden will und muss, womit man es allein nicht mehr aushalten kann.
Aber manchmal passieren dann doch sehr seltsame Dinge:
Im Advent verschwand unser Gebetbuch aus der stillen Ecke. Normalerweise liegt es dort hinten in der Nähe des Schmerzensmanns in einem geschützten Winkel, damit Menschen wenigstens ein bisschen für sich sein können, wenn sie nach Worten suchen für das, was sie Gott – manchmal auch indirekt über uns – sagen möchten. Dass es da nicht mehr lag, habe ich registriert und ein neues Buch ausgelegt ohne mir viel zu denken – im Tohuwabohu der Weihnachtszeit mit all den Kerzen, Kindern, Flyern und Programmen kann schon mal was verlorengehen.
Aber letzte Woche kam ein Anruf der Polizei. Dort läge unser Gebetsbuch. Man hätte es im Bordell gefunden…
Oha. Wie kommt es dorthin? Sehr merkwürdig und fantasieanregend.
Warum nimmt sich überhaupt jemand dieses Buch mit? Papiermangel wird es nicht gewesen sein…
Hat einer beim Blättern eine Handschrift gefunden, die er kennt, eine Bitte, die ihn bewegt, einen vertrauten Namen? Hat eine etwas eintragen wollen und dann doch keine Ruhe gehabt, sich nicht getraut, nicht gewusst wie? Hat einer nach anderen Stimmen gesucht, nach geteiltem Leid oder einer Sprache, die fehlt? Hat eine das Gefühl gehabt, solch ein Buch ist zwar in einer Kirche schön aber anderswo noch viel dringender?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wundere ich mich, dass unser Buch nicht öfter geklaut wird. Wer weiß wieviel Orte es gibt, an denen solch ein Buch gut wäre…
Im ersten Buch Samuel heißt es: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an….“ Wir mögen uns wundern. Aber vielleicht musste dieses Buch eine solche Runde durch Braunschweig drehen, damit jemand zulassen konnte, dass Gott ihm ins Herz sieht und dann hätte sich die Tour je gelohnt.

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  Wenn die Begriffe unklar sind

Wenn die Begriffe unklar sind

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.01.2020

Der Berliner Soziologe und Journalist Mathias Greffrath hat in einem fulminanten Essay zum Jahresrückblick, den er „Saisonschluss“ nannte, nebenbei von seinem Abituraufsatz erzählt. Da sollte er sich über eine Begebenheit auslassen, „bei der Konfuzius dem Fürsten rät, er solle als erste Regierungshandlung die Begriffe richtigstellen. Denn, so der Weise, wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht, stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande, kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht…“
Begriffe richtig stellen…
Welche Begriffe wären das in unserem Land und in dieser Woche während des Weltwirtschaftsforums in Davos auf dem die Staatenlenker (!) miteinander tagen?
Klimakrise, Klimawandel, Energiequellen, Wachstum, Aktivisten, Konsum, Flammen, Panik, Milliardäre, Unrast, Untergang, Globus, Handelskrieg – das sind die Worte, die in den aktuellen Nachrichten dazu auftauchen und man ahnt, dass es schwer werden wird für die Werke und die Moral.
Das hat wohl auch damit etwas zu tun, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes keinen Begriff davon haben, wo es hingehen soll. Die einen reden von Emissionshandel und die anderen von Nullemission, die einen von Zukunft und die anderen von Wohlstand, die einen von Trinkwasser und die anderen?
Konfuzius Aufforderung ist spannend.
Wenn man sich darauf verständigen könnte, dass die Erde bewohnbar bleiben soll, auch für die, die in Davos keine Lobby haben. Wenn man Generationengerechtigkeit als Aufforderung verstünde, nicht immer mehr Lasten in die Zukunft zu verschieben, wenn man … dann müssten auch Worte gefunden werden, die dem Frieden dienen, der Schöpfungsbewahrung, der Mitmenschlichkeit. Solche Worte würden womöglich andere Handlungen bewirken als die, die Worte, die wir jetzt hören.
Über diesem Jahr steht ein Wort aus dem Markusevangelium: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ Das ist nicht nur die pure Verzweiflung, sondern auch Klarheit. Denn da spricht einer, der einen Begriff für seine Ohnmacht und Verwirrung gefunden hat. Er findet Worte, die seine Wirklichkeit verändern werden.

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  Sodom und Gomorra

Sodom und Gomorra

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.01.2020

„Hier geht es ja zu wie in Sodom und Gomorra!“ Diesen Satz dürften Sie sicherlich schon einmal gehört oder sogar selbst gesagt, gerufen, ja vielleicht sogar geschrien haben. Der Ursprung des Satzes ist biblisch und die dahinterstehende Geschichte stammt aus dem ersten Buch Mose. Dort wird berichtet, dass Lot, der Neffe Abrahams, mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Sodom lebte. Lot, so sagt die Bibel, war ein gerechter Mann. Damit war er anders als die meisten seiner Mitmenschen in Sodom. Denn die, so die Bibel, lebten egoistisch, kannten nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse und waren durch und durch rücksichtslos.
Eines Abends bekommt Lot Besuch von zwei Engeln, die ihn auffordern, die Stadt zu verlassen. Gottes Plan sei es, Sodom und Gomorra auszulöschen, weil die Menschen dort diesen liederlichen Lebensstil zeigten. Als Lot sich zunächst weigert, werden er und seine Familie von den Engeln aus der Stadt geführt. Sie erhalten allerdings die klare Ansage, sich keinesfalls umzudrehen und auf das zu schauen, was sich hinter ihren Rücken abspielen wird. Gott lässt nun Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorra regnen und zerstört so beide Städte. Und Lots Frau will sehen, was dort passiert, sie dreht sich entgegen der Weisung der Engel um und erstarrt augenblicklich zur Salzsäule.
Leicht könnte man jetzt den moralischen Zeigefinger heben und sagen: „Naja, selbst Schuld. Warum ist sie nicht einfach weitergegangen, ohne sich umzudrehen.“ Ich rate an dieser Stelle zur Vorsicht. Wann sind sie das letzte Mal auf der Autobahn an einer Unfallstelle vorbeigefahren? Und, haben Sie hingesehen? Oder haben Sie zumindest zur Kenntnis nehmen müssen, dass es auf Ihrer und auch auf der gegenüberliegenden Fahrbahn zum Stau gekommen ist, weil Gaffer, weil sensationsgierige Autofahrer schön langsam an der Unfallstelle vorbeigefahren sind, um besser sehen zu können, was dort passiert ist? Wie oft lesen wir in der Zeitung, dass Feuerwehr, Rettungsdienste oder die Polizei nicht zum Einsatzort gelangen konnten, weil Schaulustige den Weg versperrt hatten?
Ich glaube, viele unserer Zeitgenossen, wären damals vor Sodom und Gomorra auch zur Salzsäule erstarrt. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich nicht auch zumindest versucht hätte, einen kurzen Blick über die Schulter zu riskieren. Doch warum ist das so? Warum zieht uns das Zerstörerische so in seinen Bann, warum können wir uns so schwer abwenden vom Schlechten und Bösen? Die Antwort ist nicht leicht zu finden. Aber wir haben im Gegensatz zu Lots Frau einen riesigen Vorteil: Wir erstarren nicht zur Salzsäule, wenn wir Fehlen machen. Wir bekommen immer wieder eine neue Chance! Wir dürfen unseren Kurs korrigieren und uns ausrichten an Lot, der auf Gottes Weisung gehört hat und so sein eigenes und das Leben seiner Töchter retten konnte. Er hat dem Untergang und der Zerstörung den Rücken zugewandt und ist aufgebrochen in eine friedliche Zukunft. Beispielhaft, oder?

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  Damit Neues wird

Damit Neues wird

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.01.2020

Wenn man heute vorankommen will, wenn man sich zurechtfinden will, dann muss man flexibel sein. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Welt um uns herum und auch unser ganz persönliches Leben in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit verändern. Das liegt unter anderem am technischen Fortschritt, der mit Themen wie Digitalisierung, Automation oder „Robotics“, wie man Neudeutsch sagt, eine neue Dimension erreicht hat, zum anderen aber auch daran, wie ich finde, dass wir Menschen des 21. Jahrhunderts Themen und Sachverhalte schneller wieder loslassen und uns von ihnen verabschieden als früher.
Das kann durchaus zu einer gewissen Oberflächlichkeit führen, weil wir uns einfach nicht mehr die Zeit nehmen, um uns mit dem, was gerade ist, intensiv und längerfristig zu beschäftigen. Viele Vereine, Verbände und sonstige Institutionen und auch wir als Kirche bekommen diese Entwicklung in Form von sinkenden Mitgliederzahlen zu spüren. Menschen sind weniger bereit, sich dauerhaft und nachhaltig an irgendetwas zu binden.
Ob das nun gut oder schlecht ist, bleibt schwer zu beantworten und hängt auch sehr vom persönlichen Blickwinkel ab. Traditionell und im Wortsinne konservativ orientierte Menschen werden diese Entwicklung eher kritisch sehen und man könnte voreilig zu dem Schluss kommen: „Na, und die Kirche ganz sicher auch.“ Zugegebenermaßen hat Kirche immer mal wieder den Eindruck hinterlassen, Veränderungen gegenüber nicht gerade in überschwänglicher Weise offen zu sein. Dabei sollte uns ein Blick in die Bibel und insbesondere auf das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, eines Besseren belehren. Es stammt von Paulus und lautet: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Das klingt nach massiver Veränderung. Das Alte, von dem Paulus spricht, ist nicht etwa nur irgendwie anders geworden, nein, es ist vergangen – weg, erledigt, ein für alle Mal. Und Neues ist geworden. Nicht Menschen haben es gebaut, erdacht, erschaffen, es ist geworden. Es ist geworden, ob wir es nun wollen oder nicht, ob wir es gut finden oder nicht, ob wir es mit vorbereitet haben oder nicht – es ist einfach geworden.
Paulus redet hier vom neuen Bund, den Gott mit uns Menschen in Jesus Christus eingegangen ist. Ihn hat er in unsere Welt gesandt, um uns zu zeigen, wie wichtig wir ihm sind und dass er uns nicht allein lassen wird, ganz egal, was auch kommen mag. Doch Paulus Aussage gilt auch für andere Neuerungen in unserem Leben. Manche sind einfach nicht zu verhindern und wir sind gut beraten, wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen und nicht auf verlorenem Posten einen erfolglosen Kampf dagegen antreten, der nichts bringt, außer, dass er uns Kraft kostet.
Veränderungen gehören zu unserem Leben und sie gehören in diese Welt und sie sind zwingend erforderlich, damit wir gemeinsam weiterkommen, gemeinsam Herausforderungen meistern und Probleme lösen. Wir sollten nur zusehen, dass wir uns in die richtige Richtung verändern, damit das Alte vergehen kann, was belastend und schwer ist und das Neue wird, nach dem wir uns sehnen.

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  Zu große Zahlen

Zu große Zahlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2020

Diese Woche ist teuer. Gerade hat Ursula von der Leyen von einer Billion Euro gesprochen, eine Billion – 1000 000 000 000, zwölf Nullen! – die sie für den klimagerechten Umbau Europas braucht. Gestern tagte die Kohlekommission in Berlin und bezifferte die Kosten für Strukturwandel und Entschädigung der Energiekonzerne auf 44,35 Milliarden Euro.
Und fast zeitgleich schlich sich noch eine leise aber große Zahl in die Nachrichten: 45 Millionen, nicht Euro sondern Menschen – 45 Millionen sind im südlichen Afrika von Unterernährung bedroht und noch schlimmer: in den nächsten zehn Jahren werden 56 Millionen Kinder an vermeidbaren Ursachen sterben, 56 Millionen Kinder…
Das alles sind Zahlen, die unsere Vorstellungskraft sprengen, die unendlich weit über das hinausgehen, was wir begreifen, gestalten, verantworten können. Und doch sind es Zahlen, mit denen wir operieren und kalkulieren, warnen, drohen, erinnern. Sie lassen kalt oder schocken.
Vielleicht heißt es bei dem Propheten Jesaja deswegen:
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Das klingt einigermaßen überschaubar: der Hungrige ist in der Einzahl, der Nackte auch, Elende und Obdachlose gibt es ein paar mehr… aber nur so viele, wie ins Haus passen.
Man mag solche Horizontverkürzung für naiv halten aber womöglich ist das ein Ansatz, der dem menschlichen Maß folgt und daher am ehesten gelingen kann: eins zu eins. Jeder tut das, was er kann, dort wo er lebt. Die Welt und sogar das Klima müssten sich radikal ändern; wenn wir uns der Aufforderung uns nicht rauszuziehen, stellen.
Brot für die Welt hat 2018 übrigens fast 64 Millionen Euro Spenden und Kollekten eingesammelt. Ist das viel? Ja ohne Frage aber angesichts all der anderen Zahlen ahnen wir auch, dass es nicht reicht und wissen einmal mehr:
Wir sind endlich und haben Grenzen für das was wir denken und schaffen, was wir uns vorstellen können. Hoffentlich finden wir auch welche für das, was wir anrichten. Darum ist es heilsam uns dann und wann daran zu erinnern, dass der Friede Gottes größer ist als alles, was wir denken oder in Zahlen ausdrücken können.

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  Organspende?!

Organspende?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.01.2020

Christine Brückner erzählt in „Jauche und Levkojen“ die Geschichte einer Frau, geboren auf einem Gut in Hinterpommern während des ersten Weltkrieges. Die Predigt zu ihrer Hochzeit endet mit den berühmten Worten aus dem Galaterbrief: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Und dann wird erzählt, dass die Braut sich wundert. Die Worte fliegen nicht einfach vorbei, sondern bleiben hängen: Warum einer des anderen Last? Warum nicht jeder seine?
Eine naheliegende Frage, die auch in die heutige Debatte im Bundestag hineingespielt hat. Selbstbestimmung, Mündigkeit, persönliche Verantwortung sind hohe Güter in unserer Gesellschaft. Eingriffe in Persönlichkeitsrechte tabu oder mindestens streng geordnet. Darum ist jede und jeder aufgefordert, sich Gedanken darüber zu machen, wie im Falle eines plötzlichen Todes mit den eigenen Organen verfahren werden soll. Ein Gedankengang, der vielen schwerfällt und dessen Ergebnis nicht einmal die Hälfte der Volljährigen in unserem Land dokumentiert hat. Darum standen im letzten 9004 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan, wurden in Deutschland aber nur 2995 Organe gespendet und starben 885 wartende Patienten. Über 200 Organe aus dem Ausland deutschen Patienten implantiert, aber Deutschland kann nahezu nie mit einem Organ helfen. Die Zahlen zeigen: Es gibt eine erhebliche Unwucht zwischen Bedarf und Bereitschaft, die größer wird, wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit ein Organ zu brauchen deutlich größer ist als die, durch tragische Umstände zum Spender zu werden…
Das macht die Debatte nicht einfacher. Natürlich sähe es schon anders aus, wenn tatsächlich alle, die sich zu dieser Frage im Klaren sind, einen Spenderausweis bei sich hätten. Aber es gibt auch Ängste und nicht zuletzt religiöse Vorbehalte, die Klarheit erschweren: Wenn mein Leib und meine Seele eins sind, was wird dann, fragen die einen, leibliche Auferstehung ohne Haut und Augen fragen die anderen? Dein Name ist aufgehoben bei Gott antworten die einen, leibliche Auferstehung glauben wir doch auch für die, die durch Krieg, Gewalt, Krankheit oder Unfall versehrt oder gänzlich zerfetzt sind, da ist kein Unterschied, sagen die anderen.
Und nicht genug: Darf der Staat über meine Organe oder die meines Nächsten verfügen? Wiegt das Recht zu leben stärker als alles andere? Debattieren wir so auch in anderen Zusammenhängen wie Sterbehilfe oder Abtreibung und wenn nicht, was macht den Unterschied?
In Berlin herrschte heute kein Fraktionszwang. Es wurde argumentiert und gestritten. Am Ende haben sich 379 Abgeordnete dafür entschieden, dass die Entscheidung bei jedem Einzelnen bleibt, sie haben das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gestärkt und die Verantwortung in je unseren eigenen Händen gelassen.
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Es ist eine weise Aufforderung, denn kaum eine Entscheidung betrifft nur mich. Was ich selbst nicht ordne, müssen andere tun; was ich gebe, können andere nehmen, was ich verweigere, fehlt, was ich zugestehe, schmerzt, was ich befürchte, hindert, was ich kläre, ordnet. Irgendwer wird auch meine Last zu tragen haben. Wohl dem, der ein Gebet in sich hat, eine Richtschnur, Halt. Der Rest ist Hochleistungsmedizin, menschliche Begabung und handwerkliches Können, Forschergeist – auch das sind Gottes Gaben.

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  Du baust mich auf!

Du baust mich auf!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.01.2020

Hören Sie gern auch mal emotionale Lieder und Gedichte? Ich gestehe: Ich ab und zu schon. Und vor ein paar Tagen ist mir so ein Lied im Radio begegnet, dass mich sehr berührt hat. Es heißt „You raise me up“, was auf Deutsch so viel heißt wie: „Du baust mich auf“, oder „Du ermunterst mich“. Vielleicht kennen Sie es ja, die Melodie werden wir gleich im Anschluss hören.
Das Lied stammt ursprünglich aus Norwegen. Der Komponist Rolf Lövland hat es 2001 geschrieben und es war eigentlich für ein Instrumentalduo vorgesehen. Allerdings verstarb die Mutter des Komponisten während der Entstehungszeit des Liedes und so wurde es auf ihrer Trauerfeier erstmals öffentlich gespielt. Der irische Komponist und Schriftsteller Brendan Graham schrieb schließlich den Text. Und der geht so:
„Wenn ich ganz unten bin und meine Seele so müde, wenn Sorgen kommen und mein Herz schwer ist, dann bin ich ganz ruhig und warte hier in der Stille, bis du kommst und eine Weile bei mir sitzt.“
„Du baust mich auf, dass ich auf den Bergen stehen kann, Du baust mich auf, um auf stürmischen Meeren zu gehen. Ich bin stark, wenn ich auf deinen Schultern bin, Du baust mich auf zu mehr, als ich je sein kann.“
Ist doch schön, oder? Und es ist für mich ein Glaubenslied, dass meiner Vorstellung und meiner Erfahrung von Gott sehr nahe kommt. Ich glaube, dass Gott in eben diesen Momenten, von denen das Lied spricht, ganz besonders für uns da sein will, in den Momenten und Lebensphasen, in denen wir ganz unten sind, mit müder Seele und einem von Sorgen schweren Herzen. Leben spielt sich nicht nur auf der Sonnenseite ab, das wissen wir alle und haben wir wahrscheinlich auch schon alle selbst erfahren. Und ich finde es zutreffend beschrieben, dass es dann vollkommen in Ordnung ist, still zu werden und abzuwarten. Panik, Hektik und Verzweiflung bringen uns im Zweifel nicht weiter. Zur Ruhe zu kommen, Ruhe zu finden und in all dem Belastendem hinzuhören, auf das was sich verändert, auf das, was in uns hörbar wird, hinzuhören auf das, was Gott uns in solchen Momenten zu sagen hat, das kann helfen.
Und dann kann es tatsächlich sein, dass wir Entlastung erleben, dass es uns besser geht, dass Sorgen und Ängste kleiner werden. Gott und unser Glaube an ihn können uns Kraft und Zuversicht geben, die es uns leichter machen, unsere Lebenskrisen zu meistern. So kommen wir wieder heraus aus den dunklen Tälern unserer Lebenswege, werden aufgerichtet, so dass wir wieder auf den Bergen stehen und über stürmische Meere gehen können, wie der Liedtext es sagt.
Ja, all das ist sehr prosaisch und vielleicht auch ein wenig kitschig formuliert. Aber dennoch ist es wahr und es entspricht dem, was Gott für uns tut, für uns sein will und uns schenken kann. Du baust mich auf – you raise me up.

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