Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

Das Wort zum Alltag als App für Android™

Android ist eine Marke von Google LLC

Worte zum Alltag

  Weil es um die Liebe geht…

Weil es um die Liebe geht…

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2020

Wir Menschen sind Weltmeister im Kategorisieren, Schubladisieren, Eingruppieren. Kaum nehmen wir etwas wahr, so bewerten wir es, ordnen es ein in sympathisch oder unsympathisch, schön oder hässlich, gut oder böse, Freund oder Feind, richtig oder falsch. Dieses Verhalten ist seit Urzeiten antrainiert und war uns ist in einigen Situationen sogar lebensnotwendig. Der Mensch der Steinzeit musste sehr schnell entscheiden, ob ein Säbelzahntiger eine nette Miezekatze ist oder ob man doch besser unverzüglich das Weite suchte. Zu lange Entscheidungsprozesse und falsche Ergebnisse konnte man sich gegebenenfalls nur ein einziges Mal erlauben. Problematisch an dieser Eigenschaft allerdings ist zweierlei. Erstens tun wir uns schwer damit, unsere einmal getroffenen Einschätzungen zu revidieren – wer einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen hat, muss sich mitunter ganz schön abstrampeln, um den wieder wettzumachen – und zweitens bewerten wir auch Dinge, Sachverhalte, Eigenschaften, für die das nicht zulässig ist. Auch solche ungerechtfertigten Kategorisierungen wieder aus der Welt zu schaffen, ist kein leichtes Unterfangen.
Vor unserem Rathaus und an vielen anderen Orten in unserer Stadt wehen seit ein paar Tagen die Regenbogenfahnen – Sommerlochfestival 2020, diesmal coronabedingt anders als sonst, doch es findet statt, schon zum 25. Mal in Braunschweig – gut so! Es hat, so wie glücklicherweise an vielen Orten dieser Welt der Christopher-Street-Day auch, seinen Charakter verändern können, etwas mehr weg von einer reinen Protestveranstaltung hin zu einem fröhlichen Fest. Auslöser und Grund für den CSD und das Sommerlochfestival war und ist die menschliche Anmaßung, Liebe mit Kategorien von richtig und falsch in Verbindung zu bringen. Wenn ein Mann eine Frau liebt, dann ist das richtig, wenn aber eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann, dann ist das falsch. Und es blieb und bleibt nicht bei der Bewertung der Liebe, auch die Menschen, die lieben, wurden und werden, daraus abgeleitet, in gut und schlecht sortiert: heterosexuell ist gut, alles andere ist schlecht.
„Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott und wer liebt, der ist aus Gott geboren“, so heißt es im 1. Johannesbrief. Und von Jesus Christus ist zu hören: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe!“ Haben Sie irgendetwas von richtig oder falsch gehört? Ich nicht. Ich bin kein studierter Theologe, aber ich habe ein Bild von meinem Gott, das sich geformt hat auch aus meinen eigenen Erfahrungen. Und danach bin ich mir ziemlich sicher, wie Gottes Standpunkt zu diesem Thema aussieht. Ich glaube, dass überall da, wo zwei Menschen Liebe füreinander empfinden, wo sie für einander Verantwortung übernehmen, eine Partnerschaft eingehen, gemeinsam ihre Lebenswege teilen wollen, dass überall da Gottes Liebe aufleuchtet. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch unsere sexuelle Orientierung ein Gottesgeschenk ist, so wie unsere Hautfarbe, unser Geschlecht, unser Humor. Und ich glaube, dass Gott uns genauso gewollt hat und uns liebt, so, wie wir sind.
Jeder Mensch ist ein Gotteskind und damit ist jeglicher Form von Diskriminierung der Boden entzogen – von menschlicher und auch von göttlicher Seite. Und so denke ich, dass auch das diesjährige Sommerlochfestival unter seinem Segen steht und er es freundlich anschaut – weil’s um die Liebe geht. Amen.

Download als PDF-Datei

  Mut trägt man im Herzen – Gottvertrauen auch!

Mut trägt man im Herzen – Gottvertrauen auch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2020

Lesen Sie ab und zu mal Kinderbücher? Auch, wenn wir aus der klassischen Zielgruppe mittlerweile herausgewachsen sind – Gelegenheiten dazu gibt es ja immer mal wieder: Vielleicht haben Sie selbst Kinder oder Enkel oder Sie sind Lesepate in einer Kita oder in einer Schule. Mir ist neulich bei meinem Patenkind ein wunderbar illustriertes Buch in die Hände gefallen: Die kleine Hummel Bommel.
Es erzählt die Geschichte einer kleinen Hummel, die nicht fliegen kann. Sie versucht alles Mögliche, fragt um Rat und strengt sich kräftig an, doch es will und will nichts werden. Bommel wird von ihren Freunden ausgelacht und ist am Ende ganz verzweifelt. Erst Dr. Willi Weberknecht kann ihr helfen. Er sagt: „Schließ die Augen, kleine Hummel, und schlag mit den Flügeln.“ Und siehe da: Bommel fliegt!
Ich habe gerade gesagt, dass die Geschichte von einer Hummel erzählt, die nicht fliegen kann, doch das stimmt so gar nicht. Die Geschichte handelt von einer Hummel, die es sich nicht zutraut, zu fliegen, und das ist ein himmelweiter Unterschied.
Der kleinen Hummel fehlt es an Selbstvertrauen. Diesen Gemütszustand kennen wohl fast alle Menschen. Da wartet eine besondere Herausforderung und auf einmal werden die Hände feucht, die Knie fangen an zu zittern, die inneren Zweifel werden lauter und lauter und der Berg, vor dem man steht, wird immer größer. Und dann kommen wir an den Punkt, wo es auf einmal wirklich nicht mehr klappt, weil all unsere Energie aufgesogen wird von unserer Unsicherheit und unserer Angst.
„Mit dir, meinem Gott, kann ich über Mauern springen“, so heiß es im 18. Psalm. Manchmal reicht selbst das größte Selbstvertrauen nicht mehr aus, all das Zutrauen in uns selbst und unser Wissen und Können ist zu klein. Dann ist es gut, zu wissen, dass wir Gott an unserer Seite haben, der uns hilft, uns Mut macht und uns mit der Kraft versorgt, die wir brauchen, um die Herausforderungen unseres Lebens zu meistern.
Gottvertrauen und Selbstvertrauen sind eine gute Kombination. Wenn wir das erst einmal selbst erlebt haben, dürfen wir diese Erfahrung im Übrigen ruhig auch an unsere Mitmenschen weitergeben. Denn auch die sind immer mal wieder mit ziemlich leerem Akku unterwegs. Die kleine Hummel Bommel ermutigt einen frisch aus einer Raupe verwandelten Schmetterling, einfach loszufliegen. Und siehe da: Auch er kann es!
Dr. Willi Weberknecht hat der kleinen Hummel übrigens noch etwas mit auf den Weg gegeben: „Mut trägt man im Herzen“, hat er gesagt. Und ich füge hinzu: Gottvertrauen auch. Amen.

Download als PDF-Datei

  Frieden

Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2020

Heute vor 75 Jahren ereignete sich eine vermeidbare humanitäre Katastrophe, ja man kann sagen eine humanitäre Bankrotterklärung. Um 8:16 Uhr explodiert über der japanischen Stadt Hiroshima die Atombombe „Little Boy“. In Sekunden verlieren 70.000 bis 80.000 Menschen ihr Leben, knapp dieselbe Anzahl sterben später an den Folgen der Strahlung. Zur Verdeutlichung: Zwei Drittel der Einwohnerschaft unserer Stadt Braunschweig sterben durch eine einzige Bombe, durch einen einzigen Knopfdruck. 150.000 Lebenswege und Lebenspläne werden zerstört, Träume, Pläne, Hoffnungen ausradiert. Drei Tage später, am 09. August 1945, wird über Nagasaki eine weitere Atombombe abgeworfen. Die Konsequenzen sind vergleichbar verheerend.
Es gibt Argumentationsketten, die lassen mich schaudern. Da wird ausgeführt, dass doch die beiden Atombombenabwürfe zu einem schnellen Kriegsende geführt hätten. Die Japaner haben knapp eine Woche später kapituliert. Und dadurch seien viel mehr Menschenleben gerettet worden als es gekostet hätte. Solche Rechnungen sind zynisch und in einem nicht zu vertretenden Umfang anmaßend. Das Leben eines Menschen ist nicht verfügbar – schon gar nicht als Kalkulationsgröße zur Erreichung irgendwelcher politischer oder sonstiger Ziele.
Was den Einsatz von atomaren Waffen in besonderer Weise verwerflich macht, ist ihre unfassbar große zerstörerische Kraft. Dadurch wird das Töten noch weiter anonymisiert. 150.000 Menschenleben mit einem einzigen Knopfdruck auszulöschen, übersteigt unsere konkrete Vorstellungskraft. Die Konsequenzen des Bombenabwurfes werden beinahe abstrakt, der individuelle Mensch, dessen Existenz vernichtet wird, verliert sich in der großen Zahl. Und dadurch kann die Hemmschwelle sinken, sich solcher Waffen zu bedienen.
Gegenseitige Abschreckung als Basis für den Frieden ist ein weiteres Argument, mit der der Besitz von atomaren Waffen gerechtfertigt werden soll. Doch kann Angst ein stabiles Fundament für den Frieden sein? Ich denke, dass es vielmehr Respekt, Wertschätzung und Freundschaft zwischen den Nationen sein sollten, die den Frieden sichern. In Europa sind wir mit diesen Werten in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich unterwegs gewesen. Bleibt zu hoffen, dass das auch weiterhin trägt – trotz aller Zwistigkeiten, Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlicher Interessenlagen.
Zu hoffen bleibt auch, dass es uns gelingt aus Hiroshima und Nagasaki zu lernen, dass es uns gelingt überhaupt und grundlegend zu lernen, dass Krieg kein legitimes Mittel sein darf, um Probleme zu lösen und Machtinteressen durchzusetzen. Ja, es mag für den einen oder die andere abgedroschen klingen, aber Jesus hat uns in der Bergpredigt gesagt, wie es gehen kann: Wir Menschen sollen Friedensstifter sein, sanftmütig, gerechtigkeitsliebend, barmherzig und liebevoll. Das mit Leben zu füllen, es umzusetzen im Miteinander von uns Menschen, im Miteinander der Völker, im Miteinander der Nationen ist eine große Aufgabe. Doch ich will nicht aufhören, daran zu glauben, dass es gehen kann und dass es uns irgendwann einmal gelingt! Amen.

Download als PDF-Datei

  Ihr seid das Salz der Erde!

Ihr seid das Salz der Erde!

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2020

Sie werden mir Recht geben, wir haben es nicht immer leicht. Ständig will irgendwer etwas von uns, alle möglichen und unmöglichen Leute, Institutionen und sonst wer hat Erwartungen an uns, was unser Tun und Lassen, unser Denken und Reden und unsere Lebensgestaltung angeht. Doch es sind nebenbei nicht nur die anderen, die uns das Leben schwermachen, manchmal sind wir es auch selbst, weil wir uns unter Druck setzen mit unserem Perfektionismus, weil wir uns einfach zu viel vornehmen, weil wir zu streng mit uns sind.
In diese Gemengelage hinein hörten wir dann am vergangenen Sonntag folgende Worte aus dem Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“
Von Jesus stammen diese Worte. Zu Einordnung: Salz war zur damaligen Zeit sehr wertvoll und in besonderer Weise lebensnotwendig, denn es diente dazu, Nahrungsmittel zu konservieren und überhaupt erst genießbar zu machen – ohne Salz kein Leben. Gewonnen wurde das kostbare Gut aus dem Toten Meer und es war nur eine begrenzte Zeit haltbar. War diese Zeit abgelaufen, konnte man es nur noch wegwerfen.
Und nun teilt uns Jesus also mit, dass wir ebenso wertvoll und lebensnotwenig sind, wie dieses Salz und dass auch wir nun eine begrenzte Haltbarkeit haben hier auf dieser Erde. Was will er uns damit sagen? Werden wir nun auch noch von ihm unter Druck gesetzt?
Ich verstehe es anders. Ich höre nicht: „Deine Lebenszeit ist begrenzt, Mensch. Sieh zu, dass du alles erledigt kriegst, was zu deinen Aufgaben gehört und achte insbesondere darauf, dass du dich so verhältst, wie ich es dir vorgelebt habe und wie ich es von dir erwarte.“ Ich verstehe Jesu Worte hier viel mehr als Aufmunterung und Motivation. „Mensch, ich setzte viel Vertrauen in dich. Du und ich, wir gemeinsam haben die Chance, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich habe keine Hände, nur deine Hände. Ich helfe dir und bin an deiner Seite. Du bist das Salz dieser Erde!“
So kann ich es gut annehmen und ich habe Lust, mich darauf einzulassen. Christliches Leben soll nicht schwer, nicht stressig, nicht erzwungen sein. Es soll Freude machen – Freude zu gestalten, Freude, zu helfen, Freude, mit Gott durch die Zeiten zu gehen. Wir sind das Salz der Erde – Sie und Ihr und ich. Daraus lässt sich was machen, mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Wolgatreidler

Wolgatreidler

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2020

Eines der berühmtesten Bilder des russischen Realismus hat Ilja Repin gemalt: Die „Wolgatreidler“. Jedes DDR-Schulkind hat das Bild der verzweifelten Leibeigenen, die das riesige Schiff an Gurten durch die niedrige Wolga zerren, besprochen wenn nicht gar kopieren sollen. Die Männer schleppen wie Tiere und können kaum den Kopf heben. Es ist eine schier aussichtslose Plackerei, aus der man sich nicht so ohne Weiteres befreien kann.
Menschen geraten manchmal in solche Situationen.
Man kann in einer Beziehung leben und weiß, dass man füreinander und für die gemeinsamen Kinder Verantwortung übernommen hat und dennoch wird es irgendwann so schwer, dies gemeinsame Lebensprojekt voranzubringen, dass man nur noch in den Seilen hängt und sich mühsam vorwärtsschleppt.
Oder man hat endlich allen Mut zusammengenommen und alle Kraft und alles Geld in einen eigenen Laden oder ein Restaurant – einen Träume eben -gesteckt und dann kommt man einfach nicht von den Schulden runter und die Arbeitstage werden immer länger, es ist nicht zu schaffen.
Irgendwann hat man sich so sehr in den Gurt gestemmt, dass man den Kopf nicht mehr heben, Zukunft nicht mehr sehen kann und nicht mehr weiß, wofür das eigentlich…
Oder da ist ein Kind, das anders ist – mehr Aufmerksamkeit und Förderung braucht, viel mehr Zeit als andere Kinder. Es ist das eigene sehr geliebte Kind, fraglos ein Herzensmensch – aber dann wächst einem das über den Kopf, man spürt Grenzen – physische und seelische. Man kann nicht einfach aussteigen aus dem Geschirr, wer sollte sich sonst kümmern…?
Ich könnte noch lange fortfahren, ein letztes Beispiel will ich aber noch nennen: auch die EKD scheint in solchem Niedrigwasser ein viel zu großes Schiff ziehen zu wollen. „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ liegen seit gestern auf meinem Schreibtisch und klingen nach trüben Aussichten. Man versucht es mit Erklärungsmustern: weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Ressourcen, weniger Relevanz – kein Wunder, dass das Schiff so schwer ist.
Aber ist uns nicht gesagt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen“ und auch „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der liebe du der Besonnenheit…“ Wird Gott, wenn wir uns auf ihn verlassen, „wenn wir aufsehen und unseren Kopf heben, weil Erlösung naht“, wird er uns dann nicht helfen, aus diesem schweren Geschirr auszusteigen und barmherzige Weg zu finden, für die, die uns anvertraut sind und für uns selbst?
Ich glaube das fest und ich wünschte mir, dass auch das EKD-Papier etwas mehr davon erzählt, dass Gott uns seinen Geist schenkt, der Leben verheißt, dass die Auferstehung Jesu uns allen gilt, dass wir diesem Gott – dem gnädigen und auferstandenen - ebenbildlich sind und Grund haben zu hoffen, dass er unsere Wege zum Guten wendet.
Vielleicht müssen wir das Schiff liegen lassen, vielleicht wird der Fluss irgendwann mehr Wasser führen, vielleicht wächst uns neue Kraft zu: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ heißt es über diesem Jahr. Daran lasst uns festhalten.



Download als PDF-Datei

  Auf dem Teppich bleiben

Auf dem Teppich bleiben

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2020

Wir tasten uns vorsichtig voran in Richtung auf eine neue Normalität. In den letzten Wochen wurden im Zusammenhang mit dem Corona Virus immer wieder Beschränkungen aufgehoben. Auch bei uns in der Kirche wird dies spürbar. Erinnern wir uns: Über mehrere Wochen war auch unser Dom komplett geschlossen. Zwar ist die allgemeine Gemütslage nach wie vor nicht überbordend, doch hier und da ist schon so etwas wie Aufbruchstimmung zu spüren. Zu hoffen bleibt, dass sich die Besonnenheit der Menschen über den Sommer und den Urlaub nicht verliert, damit die Situation auch weiterhin einigermaßen beherrschbar bleibt.
Aber noch mal zurück zur Aufbruchstimmung: Kennen Sie dieses Gefühl auch? Da ist ganz viel Motivation, Gestaltungswille und Zuversicht im Spiel, Menschen krempeln in die Ärmel hoch, packen mit an und arbeiten an einem gemeinsamen Ziel. Aus so einer Aufbruchstimmung heraus kann viel Gutes entstehen und ich könnte mir vorstellen, dass auch die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden so unterwegs gewesen sind.
Doch die Bibel beschreibt uns, dass es teilweise auch ganz anders war. Gerade Paulus hatte alle Hände voll zu tun, in den neu gegründeten christlichen Gemeinden dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht derart in Streit gerieten, dass es den Fortbestand ihrer Gemeinschaft gefährdet hätte. In vielen seiner Briefe finden sich mahnende und ermahnende Worte, Verhaltensregeln und erhobene Zeigefinger. So heißt es im Lehrtext für den heutigen Tag aus dem Epheserbrief: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“
Ja, das ist eine sehr christliche Haltung, die Paulus hier beschreibt. Wir sollen nicht egoistisch sein und nicht eitel, sondern vielmehr das Wohl unserer Mitmenschen im Fokus haben und uns selbst nicht so wichtig nehmen. Paulus schreibt all das an die ersten Christen in Ephesus, und ich denke: Er hätte es auch mir schreiben können. Ich räume ganz unumwunden ein, dass mir ein bisschen mehr Demut in der einen oder anderen Situation durchaus gut zu Gesicht gestanden hätte. Und ja, bisweilen ist auch noch Luft nach oben beim Thema, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.
So ein wenig tröstet es mich dann, dass selbst unsere Schwestern und Brüder, die ganz unmittelbar mit den großen Aposteln zu tun hatten, offenbar mit denselben Problemen klar zukommen hatten und hin und wieder einmal eine klärende Erinnerung brauchten.
Dann lassen wir uns doch heute auch mal von Paulus in aller Wertschätzung diesen freundlichen Fingerzeig überbringen, damit es besser gelingt, auf dem Teppich zu bleiben: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den Andern höher als sich selbst. Amen.

Download als PDF-Datei

  Wunderbar gemacht

Wunderbar gemacht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2020

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“
So steht es über dem neuen Monat.
So perlt es manchmal aus einem heraus, wenn man einen guten Tag hat und mit sich selbst im Reinen ist. Oder noch einfacher: wenn man jemanden ansieht, den man liebt und wunderbar findet. Und ganz leicht ist es, wenn man ein Neugeborenes bestaunt – die rosigen vollkommenen Nägel, den Mund, die Augen…
Aber dazwischen gibt es viele Menschen, die ihren Körper lieber verstecken als ihn wunderbar zu finden, die sich schämen, weil sie irgendeinem Schönheitsideal nicht entsprechen und quälen, um den richtigen BMI zu haben – deren Seele weit davon entfernt ist, zu erkennen, dass alles wunderbar gemacht ist und eine wunderbare Ordnung widerzuspiegeln.
Denn in unserer Welt geht es unbarmherzig zu. Wir verhüllen nicht, sondern entblößen. Wir staunen nicht, sondern normieren. Wir lieben nicht, sondern vermessen. Und vergessen dabei, dass unser Gott eine Geschichte mit uns gehen will und uns braucht, wie wir sind, weil er in uns gelegt hat, was noch werden soll.
„Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. …“
Gott sieht uns und weiß um uns.
Seine Werke sind wunderbar und vollkommen – auch wenn wir das manchmal nicht wahrnehmen können, weil wir seinen liebevollen Blick nur ahnen können und weil die Wege, die er für uns vorsieht manchmal so schwer sind, dass wir nicht verstehen können, dass er es so kommen lässt. Darum spricht der Psalmbeter:
Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.“
Es wäre zu einfach, dass was wir fühlen und wünschen, wegzubügeln als wäre nicht doch eine große Sehnsucht im Herz, dass es anders wäre.
Gottes Wege sind unerforschlich – es ist uns nicht immer gegeben, dankbar und froh zu sein darüber, wie er es mit uns meint.
Auch das ist gut aufgehoben bei ihm. Gott weiß, wie wir es meinen.

Download als PDF-Datei

  Zu Gast auf erden...

Zu Gast auf erden...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.07.2020

Claus Kleber moderierte neulich Abend den Filmstart des jüngsten Films des finnischen Regisseurs Mika Kaurismäki auf eine sehr eigentümlich Weise an. Es klang ein bisschen so, als ob die Redaktion ein so leichtes Kinovergnügen nicht wirklich besprechenswert fände aber weil in Corona grade freundliche sommerliche Unterhaltung wohltäte, könnte man ja doch…
Beim genaueren Hinsehen erwies sich, dass der Altmeister auf seine stille Weise doch eine ganze Menge erzählt. Zum Glück geht Programmkino ja wieder und also: „Master Cheng in Pohjanjoki“: In der Weite Lapplands unter hellem Himmel steigt eine Tages ein Chinese mit seinem Sohn an der Hand aus dem Bus. Sie gehen in den Imbiss, den einzigen öffentlichen Ort und fragen nach „Mister Fongtron“, den keiner kennt. Bis sich das aufklärt, bleibt Zeit die finnischen Stammgäste des Imbiss‘ an die chinesische Küche und den Koch Cheng an die finnische Sauna heranzuführen, dem finnischen Tango die Ehre zu geben, in einer hellen Nacht im hohen Norden eine Liebesgeschichte zu beginnen, eine Kinderseele zu befrieden.
Das kleine Dorf Pohjanjoki ist eine gute Metapher für unsere Welt in diesen Tagen. Es gibt kaum Ablenkung und Unterhaltung von außen, der Aktionsradius ist klein, das Leben glitzert und schillert nicht – die Stille dort ist für die einen selbstverständlich und für die anderen ein Wunder.
„Dass es so viel freien Raum geben kann“ – wundert sich das chinesische Großstadtkind.
Die wenigen Menschen setzen sich der Weite manchmal aus, dann wider suchen einander und schleppen dabei – wie wir auch – urmenschliche Fragen und Sorgen mit sich herum.
Master Cheng hat seine Frau verloren, sein Sohn die Mutter – die beiden vereinsamen in ihrer Not nebeneinander. Dort oben müssen sie keine großen Worte machen, man versteht sich eh kaum – aber ausgerechnet dort, wo sonst nur Himmel ist, haben die Menschen ein gutes Sensorium füreinander. Dort, wo sonst nicht viel ist, versteht sich von selbst, dass diese zwei ein Zuhause brauchen, eine Zuflucht, einen Ort, an dem sie langsam zurückfinden können ins Leben.
Auch Sirkka, die Besitzerin des Imbisses, ist eigentlich weder eine Wirtin noch eine Köchin. Auch sie ist eine Gestrandete, deren Träume und Ehe gescheitert sind. Die Männer an den Tischen schließlich sind krank und gesund, neugierig und engstirnig, sie essen gern.
Dort – in der endlosen Natur wird der Mensch ganz klein - man begreift von allein, dass wir alle nur zu Gast sind.
Aber eben nicht fremd, sondern Menschen – einander zutiefst ähnlich, egal wie weit weg voneinander unsere Wurzeln liegen.
Oder wie es über dieser Woche steht: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.“

Download als PDF-Datei

  Gottvertrauen

Gottvertrauen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.07.2020

Am vergangenen Sonntag war in unseren Gottesdiensten die Alttestamentliche Geschichte vom Himmelsbrot zu hören. Mose und Aaron haben die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft herausgeführt. Doch anstatt dankbar zu sein, fangen sie an zu meckern, weil es nicht genug zu essen gibt. Gott hört das Murren und verspricht, für ausreichend Nahrung zu sorgen. Er stellt allerdings die Bedingung, dass jeder nur so viel einsammeln darf, wie er für sich und seine Familie an einem Tag braucht. Und dann passiert ein doppeltes Wunder: Zum einen regnet es wirklich Brot vom Himmel und ein Schwarm Wachteln landet direkt im Lager der Israeliten. Und zum anderen beschränken sich die Menschen tatsächlich darauf, nur so viel in die Krüge zu sammeln, wie sie für einen Tag benötigen.
Was meinen Sie, ist wohl das größere Wunder? Vor einem halben Jahr hätte ich diese Frage anders beantwortet – vorsichtiger, differenzierter, unentschlossener. Aus der Erfahrung der letzten Monate mit leeren Supermarktregalen, in denen sonst die Taschentücher lagen, die Konservendosen standen oder die Nudeln, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Beschränkung auf eine Tagesration uns tatsächlich staunen machen sollte.
Es fällt uns Menschen offenbar sehr schwer, uns zurückzuhalten, einfach auch mal etwas liegenzulassen, obwohl reichlich davon da ist und es im Zweifel noch nicht einmal etwas kostet. Das geht eben vom Hamstern von Toilettenpapier in Corona-Zeiten, für das nebenbei im Internet teilweise horrende Preise aufgerufen wurden, bis hin zur heißen Schlacht am kalten Buffet, von der Reinhard Mey in einem Lied launig aber mit viel Wahrheit singt. Damals im Heiligen Land versuchen dann allerdings doch einige der Israeliten, entgegen der göttlichen Anweisung Vorräte anzulegen. Das geht daneben, denn die Nahrung wird faulig und Maden sammeln sich darin. So etwas wird mit dem gehamsterten Toilettenpapier nicht passieren, aber es nimmt auf jeden Fall mal ordentlich Platz im Keller oder im Vorratsraum weg, bis dann die letzte Rolle im Spätherbst 2025 aufgebraucht sein wird.
Der überwiegende Anteil der Israeliten allerdings hörte auf Gottes Weisung. Wie gelang es ihnen, sich zu bescheiden? Nun, ich denke, dass ihr Gottvertrauen groß genug war, um sich darauf verlassen zu können, dass der Herr am nächsten Tag wieder für ausreichend Nahrung sorgen würde. Und das tut er dann ja auch, wie uns Mose berichtet.
Gottvertrauen ist ein großer Schatz. Er nimmt uns Angst und Sorge vor der Zukunft und lässt uns in verantwortlicher Gelassenheit durch unsere Tage gehen. Ich muss mich nicht um alles kümmern, denn um vieles kümmert sich Gott. Und seine Liebe zu uns Menschen ist eben unfassbar viel wichtiger, als ein großer Vorrat an Himmelsbrot, der dann doch verdirbt oder Berge von Toilettenpapier, die nur im Weg rumstehen.
Oder wie Jesus Christus zu uns sagt: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Ich liebe dich sehr, wenn es regnet

Ich liebe dich sehr, wenn es regnet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.07.2020

Im MDR-Kultur, dem Radio, das früher den bei weitem reizvolleren Namen „MDR-Figaro“ trug, läuft im Moment täglich um 19.00 Uhr das ARD-Radiofestival. Vierzig namhafte Autoren erzählen. Es sind bisher unveröffentlichte Texte. Gestern also Heinz Helle:
„Ich liebe dich sehr, wenn es regnet.“
Ein Paar sitzt auf dem eben frisch gestrichenen Balkon, weiß und sauber ist der geworden, schön eigentlich. Er beschreibt. Es klingt ein bisschen ausgebremst aber auch heimelig normal. Es geht mal besser, mal schlechter miteinander aber meistens doch ganz gut und bei Regen ist es richtig schön. Nur irgendwo untendrunter lummert etwas, da bahnt sich eine Krise an.
Verdient er nichts?
Sie erwartet das zweite Kind.
„Ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.“
So steht es aus dem Buch Hiob in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag. So verletzlich ist der Mensch. Immer …
Er erzählt von einer Bewerbung in der öffentlichen Bücherei. Paar Stunden nur aber er könnte es sich gut vorstellen: Leute begrüßen und einweisen, ihnen Bücher empfehlen oder Teenies begeistern, Er ahnt, dass das vielleicht schwer würde. Aber er redet sich in Lust und Vorfreude. Ist nichts Spektakuläres, aber ihm würde das Spaß machen …
Man hört zu und erwärmt sich. Die Atmosphäre wird freundlicher. Hoffnungsbilder tauchen auf. Ein kleiner Urlaub vielleicht? Helle erzählt weiter, wie das Paar auf seinem Balkon sitzt und sich ausmalt, wie es sein könnte. Nichts Verfressenes. Nur ein bisschen träumen.
„Dass die Arschlöcher seine Bewerbung gestern schon abgelehnt haben, erzählt er nicht.“ Dieser Satz haut rein. Er trifft den Hörer völlig unvermittelt.
Derb ist er. Brutal die Wirklichkeit dahinter.
„Wir haben nichts in die Welt gebracht…“ heißt es im Lehrtext der Losungen aus dem ersten Timotheusbrief, „darum können wir auch nichts hinausbringen.“
Von der Hand in den Mund. Wir kommen und wir gehen und sitzen zwischendurch auf dem Balkon und träumen ein bisschen.
Wann mag die Erzählung von Heinz Helle entstanden sein?
Ich habe nicht zuende gehört. Kam was dazwischen. Aber ein Haken sitzt. Das wird manche Familie erlebt haben dieses Jahr, dass auf einmal ein Satz, eine Handungsempfehlung, ein Moment zum Schutz der Anderen, dazwischenhaut. Und dann beginnt es zu puckern…
„Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen.“ So beendet Timotheus seinen Satz.
Ich weiß nicht, ob wir das mitsprechen können und wollen. Und andererseits: Wie gut, dass es uns allen so gut geht, dass wir Nahrung und Kleider haben.


Download als PDF-Datei

  Die grünen Wassertanks an den Bäumen...

Die grünen Wassertanks an den Bäumen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2020

Es sind Ferien und ist doch sehr anders als sonst. Der Übergang vom trubeligen Alltag, wenn alle zur Arbeit oder zur Schule müssen, Kinder noch schnell von A nach B transportiert und zwischendurch Besorgungen erledigt werden müssen zur plaudernden eisessenden Feriengangart fällt dieses Jahr nicht besonders drastisch aus.
Es war eh schon ruhiger. Wir sind alle viel spazieren gewesen in diesem Frühjahr und Kinder jeden Alters waren zu allen Tageszeiten dabei. Der erste Schreck und die Schicksalsergebenheit der ersten Wochen sind einer gewissen Gewöhnung gewichen. Der Coronaticker und der Chef des RKI kommen nicht mehr jeden Abend in den Nachrichten.
Dafür dämmert allmählich allen, dass sich unser Leben gerade radikal ändert, wieviel Abbrüche und Veränderungen es gibt.
Es ist angenehm, wenn ich beim Schwimmen nicht wie verrückt aufpassen muss, dass mir keiner aufs Kreuz springt – aber wo sind die Kinder und Jugendlichen eigentlich?
Es ist gut, dass die Geschwindigkeit des Alltags ein bisschen an Fahrt verloren hat, aber was machen jetzt eigentlich die, die die großen Kinosäle gefüllt und sich auf Chorproben getroffen haben?
Wovon leben die Schausteller und die Barkeeper der Nachtclubs, die Tanzschulen und Eventmanager, die Aushilfen bei Festivals und Openairs? Wie ergeht es Kindern, die nicht in Schullandheime und Jugendherbergen fahren können …?
Und erst recht, was ist drumherum, andernorts auf dieser Welt, los? Die Masken schlucken scheinbar nicht nur den Schall unsere Stimmen sondern auch die Horizonte.
Manchmal ist es ganz unheimlich, wie klein die Kreise geworden sind auch wenn ich in Braunschweig ganz neue Ecken kennengelernt habe.
Und zwischen allem die grünen Säcke an den Bäumen in unserer Stadt.
Als das begann habe ich mich gewundert. Jetzt bin ich froh – irgendwer hat über der ganzen Pandemie nicht vergessen, dass die Natur ächzt und stöhnt, dass Wasser fehlt und sich das Klima ändert, dass wir riesige Themen in Angriff nehmen wollten – vor Corona – die sich nicht erledigt haben, im Gegenteil.
Irgendjemand ist dran geblieben und hat sich nicht beirren lassen. Jetzt sind die grünen Wassertanks ein Zeichen von Fürsorglichkeit und Nachhaltigkeit, von Weitsicht und globalem Denken.
„Alle Bäume sollen erkennen, dass ich der Herr bin: Ich erniedrige den hohen Baum und erhöhe den niedrigen; ich lasse den grünen Baum verdorren und den dürren Baum lasse ich grünen. Ich, der Herr, rede es und tue es auch.“
So steht es bei dem Propheten Hesekiel. Nicht bleibt wie es war. Aber auch: Es wird nicht alles verdorren – sondern es wird dort grün werden, wo keiner mehr mit rechnet.

Download als PDF-Datei

  Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben...

Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.07.2020

Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben. Er war wohl das, was man einen „fleißigen Arbeiter im Weinberg des Herrn nennt“ – sein ganzes Leben lang hat er sich in den Dienst nehmen lassen, von der SPD, von München und Berlin, von Deutschland.
Er hat als Oberbürgermeister die Olympiade nach München geholt und begleitete nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft deren Särge nach Hause. Er war Bundesjustizminister als die RAF Hanns-Martin-Schleyer entführte und die Debatte um die Todesstrafe neu aufbrach. Er war Bürgermeister im geteilten Berlin und ein ewiger Wahlverlierer. Er setzte sich für ein Ehescheidungsrecht ein, dass nicht mehr zuerst die Schuldfrage stellt, kämpfte für eine Novellierung des Paragraphen 218 und warb um Verständnis für die jugendlichen Hausbesetzer in Berlin.
Der katholische Jurist war gründlich aber nicht verbohrt, wissensdurstig und pedantisch und er arbeitete, so Heribert Prantl, mit „bürokratischer Genialität“. Dass es sowas gibt…
94 Jahre alt ist er geworden. Über seinem Sterbetag heißt es im Matthäusevangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ das hätte ihn vielleicht gefreut.
Hans- Jochen Vogel, so kann man heute in der SZ lesen, glaubte nicht an eine göttliche Strafkammer mit Hölle und Fegefeuer nach dem Tode. Vielmehr sagte er, dass „man im Jenseits, wenn man die enge Pforte durchschritten hat, noch einmal in ein sehr ernstes Gespräch gezogen wird.“
Ob er es schon geführt hat?
Hier für uns kommt dabei mal wieder etwas Merkwürdiges zusammen, denn wir hatten gestern einen üblen Druckfehler im Gottesdienstprogramm. Im Liedtext zum Glaubensbekenntnis stand: „der niederfuhr und auferstand / erhöht zu Gottes rechter Hand / und kommt am Tag vorherbestimmt / da alle Welt ihr Unheil nimmt…“ Ich habe mich darüber gründlich erschrocken. Was für eine Verschiebung! Denn eigentlich heißt es ja: „da alle Welt ihr Urteil nimmt.“ Ich glaube nicht, dass am Ende über alle Welt Unheil kommt – denn immer dort, wo Gottes Reich unter uns aufscheint, erzählt es eine andere Sprache. Ich vertraue darauf, dass Gott uns gnädig ansehen wird. Aber der Schreck mahnt, nicht leichtfertig zu sein, nicht zu vergessen, dass wir das unsere dazu tun müssen, damit diese Welt nicht im Unheil endet.
Hans-Jochen Vogel wäre so ein Druckfehler wahrscheinlichen nicht passiert. Möge er das was ihm geschehen ist und was er hat passieren lassen in Frieden aus der Hand gegeben haben und heimgekommen sein in Gottes Herrlichkeit.

Download als PDF-Datei

  Die menschliche Dummheit

Die menschliche Dummheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.07.2020

Ich weiß, dass man es eigentlich nicht soll. Ich weiß, dass es arrogant und überheblich ist und ich weiß noch mehr, dass sich dadurch nichts ändert – und trotzdem: Ich kann mich mitunter unglaublich über die Blödheit anderer Leute aufregen. Albert Einstein soll gesagt haben: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.
Nun ist es mit diesen Begrifflichkeiten Weisheit und Dummheit so eine Sache. Was aus meiner Perspektive ganz furchtbar dämlich erscheint, mag für einen anderen höchst clever wirken. Wenn führende Politiker mancher Länder nachhaltig versuchen, Corona zu ignorieren oder zumindest klein zu reden, dann mag das dumm und töricht wirken. Wenn man das politische Kalkül im Hintergrund in die Bewertung mit einbezieht, bleibt es zwar verantwortungslos, taktisch nachvollziehbar wird es aber schon.
Nichtsdestotrotz möchte man bisweilen einfach nur noch, dass es aufhört, dass endlich mal einer dazwischenhaut und dem ganzen Irrsinn auf dieser Welt ein Ende setzt. Idealerweise könnte das ja Gott übernehmen. So dachte wohl auch der Prophet Jesaja, als er den Satz schrieb, der über dem heutigen Tag steht: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“
Fänden Sie es nicht auch großartig, wenn es tatsächlich mal passierte, wenn Gott vom Himmel herabkäme und würde hier mal so richtig aufräumen bei all denen, die auf dieser Welt permanent den Betriebsfrieden stören? Klingt beim ersten Hören sicher ganz attraktiv, aber können wir uns sicher sein, dass wir in der Meinung unserer Mitmenschen nicht auch zu diesen Störenfrieden gehören – vielleicht nicht immer aber immer mal wieder?
Ich bin dankbar dafür, dass Gott mir meine Freiheit gegeben hat. Ich habe von Gott einen freien Willen, mit dem ich in meinem Leben und sogar ein bisschen in dieser Welt mitgestalten kann. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum, so heißt es im 31. Psalm. Würde Gott direkt eingreifen, hätte es sich erledigt mit unserer Freiheit. Und das möchte ich ganz sicher nicht. Denn dann würden wir unser Leben nur noch abwarten, statt es tatsächlich zu leben.
Der Preis dafür ist, dass wir eben auch Zeitgenossen aushalten müssen, die ihre Freiheit, die Gott eben auch ihnen geschenkt hat, für Dinge einsetzen, die uns gegen Strich und auf die Nerven gehen. Aber wir müssen ja zum Glück nicht allen einfach so hinnehmen, sondern wir können uns zu Wort melden und sagen, was aus unserer Sicht nicht in Ordnung ist. Und ich bin mir sicher, dass Gott das sogar bei manchen Dingen von uns erwartet. Amen.

Download als PDF-Datei

  Streit und Kompromisse

Streit und Kompromisse

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.07.2020

Nun hat es am Montag doch noch eine Einigung auf dem Europa-Gipfel in Brüssel gegeben. Selbst mir als Banker fällt es schwer, für die Beträge, um die es dort ging, ein Gespür zu entwickeln. Die Zahlen sind mir einfach zu groß. In jedem Fall wird es eine große Herausforderung sein, die Kredite und Zuschüsse über die Jahre wieder einzuspielen; hierbei kann man sicherlich in Jahrzehnten rechnen.
Gut gefallen hat mir der ursprüngliche Ansatz, dass nur die Staaten europäische Unterstützung erhalten sollten, die rechtsstaatliche Grundsätze beachten. Das allerdings stieß insbesondere bei den osteuropäischen Ländern und zuvorderst bei Ungarn auf Ablehnung. Man drohte damit, die Verhandlungen durch ein Veto scheitern zu lassen. Das hat mich schon ein wenig wütend gemacht, dass diejenigen, die sich nicht an europäische Spielregeln halten wollen, eben diese Spielregeln dazu verwenden, alle anderen mit Drohungen zu erpressen.
Dass so etwas möglich ist, muss man wohl in Kauf nehmen, wenn in einem demokratischen System keiner, auch nicht der Kleinste, unter die Räder geraten darf und soll. Ob das so in Ordnung ist oder nicht, kann man sicherlich kontrovers diskutieren. Schlussendlich gab es nun aber doch einen Kompromiss – zähneknirschend, wobei das Knirschen der Zähne diesmal sehr deutlich vernehmbar war.
Wenn Menschen miteinander unterwegs sind, kommt es immer wieder dazu, dass unterschiedliche Meinungen, Standpunkte und Lebensweisen aufeinandertreffen und solche Gemengelagen bergen das Potenzial für Konflikte. Das ist zunächst einmal gar nichts schlimmes, denn fair ausgetragene Konflikte können eine Gemeinschaft auch weiterbringen, denn sie beinhalten die Chance, sich aus unterschiedlichen Ideen die beste herauszusuchen und dann gemeinsam umzusetzen.
Auch die Bibel ist voll von Geschichten, in denen es um menschliche Reibereien geht. So hat beispielsweise der Apostel Paulus alle Hände voll zu tun, dafür zu sorgen, dass sich die jungen christlichen Gemeinden nicht gleich wieder auflösen, weil sich die Menschen in ihnen heillos zerstritten haben. „Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet; und lasst keine Spaltungen unter euch sein. Denn mir ist bekannt geworden, dass Streit unter euch ist.“ So schreibt er zum Beispiel an die Gemeinde in Korinth.
Die christlichen Gemeinden haben es geschafft, 2000 Jahre durchzuhalten. Gestritten wird aber heute noch immer – und das ist auch gut so, solange es dabei sachlich und wertschätzend zugeht. Es bleibt zu hoffen und dafür zu beten, dass wir das in Europa auch hinkriegen. Amen.

Download als PDF-Datei

  kleine und große Zahlen

kleine und große Zahlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.07.2020

Ich weiß nicht, welche Rituale es an einem Gipfeltag in Brüssel geben mag, schon gar nicht wie sich die verschiedenen Regierungschefs innerlich zurüsten, wenn sie einen derartigen Verhandlungsmarathon mit so weitreichenden Entscheidungen vor sich haben. Aber gestern dachte ich, dass es vielleicht gut wäre, wenn auf ihren Startbildschirmen und auf schönem Papier zwischen ihren Beratungsunterlagen der achte Psalm auftauchen würde:
„Gott, Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? … Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan…“
Worte, zur seelischen Erholung, weil sie klingen und Bilder von weitem Land hervorrufen. Worte als Entscheidungshilfe, um das Ganze, den großen Zusammenhang allen Lebens nicht zu vergessen. Worte zur Entlastung – denn was ist der Mensch - und zur Erinnerung an alle die, die in Brüssel nicht zu sehen sind:
die junge tätowierte Frau, die in einem kleinen Büdchen an der Ostsee Bratwürste und Fischbrötchen macht und so froh über diesen Job ist, dass das ansteckt…
die Familie, die wegen kaltem Wind nicht baden kann und sich schon den teuren Strandkorb geleistet hat, 60 € die Woche. Jetzt gibt es noch eine Piratenfahne für die Sandburg, 2,50€…
die Frau im Schuhladen ein Stückchen landeinwärts – wer weiß, ob sie den Mietrückstand auffangen kann.
Sie alle müssen sich hinsetzen, wenn sie von Milliardenbeträgen hören und die Nullen schreiben, um eine Ahnung der Zahlen zu kriegen, die da in Brüssel verhandelt werden. Es ist Geld, von dem sie sich nicht vorstellen können, wie man es verdienen will.
Und dann ist da noch die junge Frau, die sorglos und unbekümmert erzählt, dass ihre Eltern ihr grade zwei Häuser überschrieben haben, wegen der Erbschaftssteuer…
„Was ist der Mensch und des Menschen Kind…?“
Ein historischer Gipfel war das in Brüssel, steht in der Zeitung, die die einen Kinde noch nicht lesen können und die anderen nicht lesen werden. Ich mache mir Sorgen, ob die junge Frau im Büdchen ihren Mut behält und ob die kleinen Sandburgbauer wenn sie groß sind, sicher wohnen werden. Wer weiß, ob dann noch Muscheln am Meer liegen und ob hier überhaupt noch jemand baden gehen kann…
Auch ich muss mir den achten Psalm vorlesen: zur Erholung und Erinnerung, als Orientierungshilfe und Entlastung, als Gebet:
„HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / hast du eine Macht zugerichtet …
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast …HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“



Download als PDF-Datei

  Guter Gott?

Guter Gott?

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.07.2020

Am vergangenen Sonntag sprach mich ein Gottesdienstbesucher an und sagte mir, dass er seine Schwierigkeiten damit habe, die Anrede „Guter Gott“ mitzubeten. Wir hatten an diesem Tag leider nur wenig Zeit und so blieb es zunächst einmal bei ein paar Sätzen hin und her. Nichtsdestotrotz hat mich die Rückmeldung weiter beschäftigt und mir ist danach aufgefallen, dass ich Fürbitten oder auch Hinführungen zum Kyrie und sonstige Gebete sehr regelmäßig so beginne: „Guter Gott“.
Kann man das so sagen, ist Gott gut? Ich denke, dass diese Frage so alt ist wie die Geschichte von Gott und uns Menschen. Zunächst einmal wäre ja zu klären, was wir überhaupt unter „gut“ verstehen. Es gibt keine allseits anerkannte Definition dafür. Manchmal kann man sich einer Bedeutung über Unterscheidungen und Gegensätze nähern. Doch wie ist etwas, das nicht gut ist? Ist es dann schlecht oder ist es böse?
Schlecht oder böse ist Gott ganz sicher nicht, doch bei all dem, was auf dieser Welt, was in jedem einzelnen Leben passiert und eben nicht gut ist, kann dann Gott, der über allem steht, der Ursprung und Ziel von allem und allen ist, kann er dann einfach gut sein?
Wie ich mich mit diesen Fragen auseinandersetze, stelle ich fest, dass ich in eine Falle getappt bin, in der schon viele andere vor mir gelandet sind. Zweierlei wird mir klar: Zum einen versuche ich gerade das, von dem ich selbst schon oft genug gesagt habe, dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt ist: Ich versuche Gott mit menschlichen Maßstäben zu beschreiben, zu erklären, zu kategorisieren. Und ich tue dies, obwohl ich weiß, dass es nicht geht. Und zum anderen maße ich mir an, ihn beurteilen zu können und mir in meinem Urteil so sicher zu sein, dass ich ihn sogar damit anspreche: „Guter Gott!“ Ich verstehe, dass ich ihn durch dieses Adjektiv „gut“ viel zu klein denke. Gott ist nicht einfach nur gut. Das wird ihm auch nicht ansatzweise gerecht. Gott ist kategorial anders; sein Friede ist und bleibt höher als alle menschliche Vernunft und höher als meine allemal!
Nichts, was wir Menschen sagen, schreiben oder denken, kann Gott gerecht werden. Wir können versuchen, uns ihm anzunähern, mehr aber eben auch nicht. Wir bleiben im Stückwerk und werden Gott erst erkennen, wenn dieses Stückwerk aufhört und durch die Vollkommenheit abgelöst wird, so drückt es Paulus aus.
Ich bin sehr dankbar für die Rückmeldung unseres Gemeindegliedes. Und ich werde ganz sicher nun noch etwas bewusster formulieren, wenn ich ihn anspreche – unseren Gott. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gemeinsam feiern

Gemeinsam feiern

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.07.2020

In Vorbereitung auf die Worte zum Alltag schaue ich immer mal ganz gern im Internet, ob es irgendwelche besonderen Gedenk-, Feier- oder Aktionstage gibt, über die man eine Kurzpredigt halten könnte. Vieles ist da zu finden: vom skurrilen „Tag der Hängematte“ über alle möglichen nationalen und internationalen Feiertage bis hin zu den Geburts- und Sterbetagen berühmter und auch eher unbekannter Menschen.
Manchmal fällt mir dabei auf, wie relativ doch mein Zeitempfinden ist. Bei einigen Ereignissen stelle ich fest, dass sie mir noch sehr präsent sind und doch schon 30 Jahre zurückliegen, zum Beispiel die Feiern rund um die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, andere wiederum sind gerade mal ein paar Monate her und ich habe den Eindruck, dass seitdem schon Ewigkeiten vergangen sind, mein letzter Urlaub fällt mir da ein. Das hängt ganz einfach davon ab, welche Bedeutung ein Ereignis für das eigene Leben hatte, wie dicht man dabei war und wie nachhaltig es möglicherweise das eigene Leben verändert hat. Insofern ist dieses Empfinden sehr individuell.
Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Mir ist aufgefallen, dass Gedenk- und Feiertage immer nur eine bestimmte Gruppe von Menschen betreffen. Das können die Bewohner eines bestimmten Landes sein, Anhänger einer Religion, Frauen oder Männer oder Kinder oder, oder, oder. Nicht gefunden habe ich bisher einen weltweiten Feiertag für uneingeschränkt alle Menschen. An einem solchen globalen Feiertag könnten wir zum Beispiel unsere Freude und Dankbarkeit für diese Welt und für unser Leben zum Ausdruck bringen.
Ja, natürlich gibt es sowas in unterschiedlichen Ausprägungen – ich denke an den ökumenischen Schöpfungstag, an Erntedank, an den eigenen Geburtstag oder was wir sonst so regelmäßig feiern. Aber es sind irgendwie niemals alle Menschen auf der ganzen Welt mit einbezogen. Sicherlich würde ein solcher Tag je nach Land, Kontinent, Kultur und Religiosität ganz unterschiedlich ausfallen, aber das machte es ja gerade interessant und spannend, wie ich finde.
Ein solches weltweites Fest wäre genauso bunt und vielfältig, wie diese Erde und wir Menschen bunt und vielfältig sind. Und es könnte dazu beitragen, das Gefühl einer weltumspannenden Verbundenheit zwischen uns Menschen herzustellen, aus dem heraus sich die Einsicht verstärken könnte, dass die großen Probleme unserer Zeit in nationalen Alleingängen kaum zu lösen sind, sondern dass man sie gemeinsam angehen muss.
Zugegeben, das ist eine etwas verrückte Idee aber so ein bisschen verrückt darf man ruhig mal sein – auch und vielleicht auch gerade in der Kirche. Und gemeinsam zu feiern ist auf jeden Fall ganz dicht am Evangelium. Oder wie Paulus es sagt: „Freut euch im Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch!“ Und das doch dann gerne mit vielen. Amen.

Download als PDF-Datei

  verknotete Seelen

verknotete Seelen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2020

Eine Folge unserer sozialen Distanzierung ist die Veränderung der Begrüßungsformen. Kein Handschlag mehr, keine Umarmung, keine Küsschen.
Fangen wir bei Letzteren an: zu meiner großen Verwunderung sind auch diejenigen, die ich bisher für absolute Profis beim rechts und links Küssen gehalten habe, erleichtert, diese ewige Verunsicherung mit allen ungewollten Kollisionen hinter sich zu haben. Mal stößt man zusammen, mal trifft man, wo man nicht will, ganz zu schweigen davon, dass man noch vom Radfahren verschwitzt war oder dann nach fremden Parfum riecht…
Darauf verzichte ich, das wird keinen überraschen, gern.
Bei den Umarmungen ist es schon schwieriger. Auch da weiß man manchmal nicht, soll ich oder soll ich nicht? Waren wir das letzte Mal schon beim Du und der Umarmung oder war das nur ein emotionaler Ausrutscher nach einem intensiven Tag? Dass das jetzt nicht mehr dran ist, vermindert die Gefahr, durch einen Rückfall ins ausschließliche Händeschütteln irgendwen zu verletzen. Manchmal passierte da ja ganz ungewollt soziale Distanzierung.
Aber dann gibt es die, die ich umarmen will. Herzlich, innig, endlich. Das fehlt mir. Gerade jetzt, denn ich sehe, wie diese Zeit an dem einen oder der anderen zehrt. Was sollen da große Worte, lieber will man sich endlich einmal wieder in den Arm nehmen, festhalten, physisch spüren – ich bin da, du auch.
Und zuletzt das Händeschütteln. Da bin ich ganz deutsch. meine Form. Da kann man nichts falsch machen. Herzlich, kräftig, einander vergewissernd, nicht zu cool und nicht zu steif, Du oder Sie… und dabei doch punktgenau. Ein Moment,
der genau diesem Menschen gilt.
Das hätte ich gern wieder…
In der Bibel, ich habe mit Corona begonnen, sie von vorn abzuschreiben und noch lange damit zu tun, staune ich manchmal, wie körperlich erzählt wird: Menschen glühen innerlich und weinen aneinander. Merken werde ich mir, dass Jakobs Söhne von ihrem Vater und ihrem jüngsten Bruder Benjamin sagen: „ihre Seelen seien miteinander verknotet.“ Ohne jede physische Berührung ist da eine Verbindung beschrieben, die nicht nur von Unzertrennlichkeit erzählt, sondern auch von Angewiesenheit und Teilnahme. „Ein Herz und eine Seele“, ein Küsschen – das ist gut aber gilt wohl nur für lichte Tage. Dagegen ist eine Seele, die sich verknotet hat mit einer anderen, auch verschlungene unübersichtliche und verworrene Wege mitgegangen, hat nicht losgelassen, ist dichter und fester zusammengewachsen und weiß zu manchem Knoten noch, wann er sich festgezogen hat.
Ein gutes Bild. Vielleicht eins, dass auch von Gottes Beziehung zu uns erzählt. Und jedenfalls eins, dass von einer Nähe weiß, die kein Mindestabstand dieser Welt beeindrucken kann.


Download als PDF-Datei

  Nicht widersprechen

Nicht widersprechen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.07.2020

In Bristol, im Südwesten Englands, wurde 1636 Edward Colston als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Wie sein Vater wurde er Händler und stieg ab 1680 als Eigner von vierzig Schiffen in den überaus lukrativen Sklavenhandel ein. Colston war Mitglied der Royal African Company, die das Monopol für den Handel mit Gold, Silber, Elfenbein und Sklaven an der Westküste Afrikas innehatte.
Eine Bronzefigur in seiner Heimatstadt erinnerte seit über hundert Jahren an den Mann, der als Förderer von Schulen, Kirchen, Kranken- und Armenhäusern galt. Umstritten war das Denkmal offenbar immer. Am 7. Juni 2020 wurde die Figur von Demonstranten ins Hafenbecken gestürzt, denn es zeigt auch einen Mann, der an der Versklavung von mehr als 84.000 Menschen, darunter 12.000 Kinder beteiligt war, auf dessen Schiffen 19.000 Menschen, so schätzt man, starben.
Auf den verwaisten Sockel stellte der britische Künstler Marc Quinn innerhalb weniger Tage eine neue Figur: sie zeigt Jen Reid, die mit hoch gereckter Faust an den gewaltsamen Tod von Georg Floyd erinnert. Am 7. Juni war sie auf den leeren Sockel geklettert und so zum Symbol geworden. Es war ein wichtiger Tag in ihrem Leben, wohl nicht zuletzt deshalb, weil eine immer wieder verdrängte Frage endlich einen Ausdruck gefunden hat.
Jen Reid hat als farbiges Kind und später als Erwachsene schmerzhaft erlitten, wie dieses alte schwere Unrecht noch immer das Leben zahlloser Menschen beschwert und gefährdet.
Auch in unserem Land haben Menschen mit afrikanischen oder asiatischen Wurzeln, persischen oder polnischen Namen einmal mehr ihre Geschichten erzählt und beim Namen genannt, was wir nicht hören wollen: es lebt sich nicht gut unter uns, wenn man ein bisschen anders aussieht oder der Name anders klingt auch wenn man hier geboren und aufgewachsen ist, Steuern zahlt und einen deutschen Pass hat.
„Ein sprichwort aus südafrika sagt / man kann weinenden nicht die tränen abwischen / ohne sich die hände nass zu machen…“
Desmond Tutu, südafrikanischer Bischof, jahrzehntelanger Kämpfer gegen die Apartheid und Friedensnobelpreisträger sagt es zu Menschen wie Jen Reid so: „Sei nett zu den Weißen sie brauchen dich, um ihre Menschlichkeit wieder zu entdecken.“
Man möchte einen bitteren Geschmack hinunterschlucken.
Aber nicht widersprechen.

Download als PDF-Datei

  Hoffnung

Hoffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.07.2020

Über diesem Tag heißt es aus den Sprüchen des weisen Predigers Salomo:
„In eines Mannes Herzen“ ich ergänze getrost: in eines Menschen Herzen „sind viele Pläne; aber zustande kommt der Ratschluss des Herrn.“
Wer das nicht wahrhaben wollte, der hat es 2020 gründlich lernen können.
Heute ist wieder einer der Tage, an denen einem das besonders gründlich bewusst wird: Heute ist Ferienanfang und eigentlich würde der Sonderzug des Konfimandenferienseminars heute Abend ab Hauptbahnhof, Gleis 7 nach Südtirol fahren und am Wochenende hätte hier der Bus für die Jugendkantorei Richtung Norden vor der Tür gestanden… Gute Pläne. Manche Mädchen und Jungen hätten sich elterlicher Enttäuschung über Zeugnisse flink entziehen können, andere nach Wochen voller Klausuren und Referate endlich durchgeatmet und auf Spaß umgeschaltet. Jedenfalls hätte es aufgeregtes Durcheinander gegeben, für manche wäre es die erste Auslandsreise geworden… ganz zu schweigen von heimlichen Träumen auf erste Küsse.
Nun ist es anders gekommen.
Die Gefahr, sich groß Ärger wegen der Zeugnisse einzuhandeln ist halbwegs gebannt. „Corona hat meinen süßen Hintern gerettet“, sagte neulich eine 15-Jährige aber ansonsten stehen die Sterne in vielen Familien eher für Ratlosigkeit und Sorge als für Romantik…
Wer weiß, wie es weitergehen wird im Herbst.
Wer weiß, wie weit unsere vorsichtigen Pläne dann noch zur Realität passen.
Wer weiß, ob im September …
Eines ist in all dem gewiss: Zustande kommt der unerforschliche „Ratschluss des Herrn“. Dem kann man sich ohnmächtig ausliefern. Aber auf den kann man vor allem hoffen. Hoffnung ist ein wichtiges Lebenselixier, manchmal trägt sie uns wider alle Vernunft durch. Manchmal hoffen wir so unrealistisch, dass Wunder nötig sind, manchmal so kleinmütig als gäbe es kein Morgen. Hoffnung hilft, den nächsten Schritt zu tun auch wenn man ahnt, dass die eigenen Möglichkeiten am Ende sind. Hoffnung beflügelt.
Ein Unbekannter schrieb: „Hoffnung ist für das Leben wie Sauerstoff für die Lunge. Wer keine Hoffnung hat, erstickt in der Gegenwart.“
Wieder mal ein Luft-Leben-Lungen-Bild, das man in diesem Jahr so besonders deutlich hört. Wir haben Grund zu hoffen und dann wird es – auch wenn unsere Pläne durcheinander geraten - sein, wie Jeremia schreibt:
„Wessen Hoffnung auf Gott gründet, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt … wenn auch die Hitze kommt, seine Blätter bleiben grün.“



Download als PDF-Datei

  Danke, Gott!

Danke, Gott!

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.07.2020

Der Evangelist Lukas berichtet von einer Begebenheit, bei der Jesus zehn Aussätzige heilt. Er trifft sie auf seinem Weg nach Jerusalem. Menschen, die Aussatz hatten, hatten nicht nur mit der Krankheit zu kämpfen. Meist wurden sie aus ihrer Dorfgemeinschaft ausgeschlossen und mussten zusehen, wie sie sich auf eigene Faust durchschlagen konnten. Der Grund war zum einen die Angst vor Ansteckung, zum anderen aber auch die Überzeugung der Gesunden, dass sich die Aussätzigen ihre Krankheit durch irgendein schlimmes Fehlverhalten selbst zuzuschreiben hätten – der Aussatz also eine göttliche Strafe wäre. Mit solchen Leuten wollte man auf gar keinen Fall etwas zu tun haben und so vertrieb man sie.
Als Jesus diese zehn kranken Männer trifft, flehen sie ihn um Hilfe an. Und Jesus hilft. Er schickt sie zu einem Priester. Die waren damals dafür zuständig, zu bestätigen, dass jemand vom Aussatz geheilt war. Und tatsächlich: Als sie im Tempel ankommen und sich dem Priester vorstellen, sind sie wieder gesund.
Einer unter den zehn war ein Samariter. Er gehörte also nicht zur Gemeinschaft der Jerusalemer Juden, sondern war ein nicht gerngesehener Fremder. Dieser eine – und eben nur dieser eine – kommt nach seiner Heilung zurück zu Jesus und bedankt sich. Jesus ist sehr verwundert, dass er der einzige ist, der das tut, und er fragt: „Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“
Wie bewerten Sie das Verhalten der neun anderen, die nicht zurückgekommen sind? Waren sie undankbar oder konnten sie Jesu Hilfe als Selbstverständlichkeit annehmen, weil man sich eben hilft, wenn man zum selben Volk, zur selben Gesellschaft, zur selben Gemeinde gehört? Wir wissen nicht, wie lange diese Männer bereits unterwegs waren, wie lange sie schon nicht mehr in ihre Dörfer zurückdurften, wie lange sie ihre Freunde und ihre Familien nicht gesehen hatten. Vielleicht war das erst einmal wichtiger als ein „Danke!“.
Wie ist das mit unserer eigenen Dankbarkeit? Wenn wir Hilfe von unseren Mitmenschen erhalten, dann bedanken wir uns in aller Regel schon dafür. Aber wie ist es mit der Hilfe, die von Gott kommt? Sind wir dafür überhaupt aufmerksam genug, um sie zu registrieren? Ich bin mir für meine Person ziemlich sicher, dass ich so manche göttliche Hilfe erhalten und hingenommen habe, ohne dass es mir großartig aufgefallen wäre und ohne dass mir danach die großen Dankesworte eingefallen sind.
Manchmal ist Gottes Hilfe als solche tatsächlich schwer zu erkennen, weil sie sich eben in den Handlungen anderer Menschen ausdrückt. Damit ist aber keinesfalls ausgeschlossen, dass der Initiator für diese Hilfsaktionen Gott ist, der uns eben diese helfenden Menschen zur Seite stellt.
Jesus hat sich über den Dank des einen sehr gefreut. Vielleicht gelingt es uns ja, Gott des Öfteren mal „Danke!“ zu sagen – auch und gerade für die kleinen und großen Selbstverständlichkeiten. Amen.

Download als PDF-Datei

  Unser Gott, ein Verlierer?

Unser Gott, ein Verlierer?

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.07.2020

Heutzutage darf man sich keine Schwäche mehr erlauben. Das wird sofort von anderen ausgenutzt. Ist das auch Ihre Meinung? In vielen Bereichen ist unser Zusammenleben in der Tat ruppiger geworden. Denken Sie an die Arbeitswelt: der Anteil der Arbeitnehmer, die ohne einen schützenden Tarifvertrag arbeiten müssen, hat deutlich zugenommen – sogenannte Werkverträge und Scheinselbständigkeiten machen es möglich. Und wer dann die geforderte Leistung nicht mehr erbringen kann, ist ganz schnell weg vom Fenster.
Doch auch größer gedacht, stellt man schnell fest, dass Schwäche existenziell gefährlich sein kann. Denken wir an die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, an die Kinder, die Frauen und die Männer in den syrischen Kriegsgebieten, zu denen keine Hilfsgüter mehr gebracht werden können, weil man Grenzübergänge geschlossen hat. Sie alle haben keine wirtschaftliche Macht, keine Lobby, keine Kraft, sich aus ihrer Schwachheit zu befreien.
Gestern wurde in unseren Kirchen ein Auszug aus einem Brief gelesen, den der Apostel Paulus an die Christinnen und Christen in Korinth geschrieben hat. Darin heißt es unter anderem: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten.“ Ja sicher, werden Sie nun vielleicht denken, wen denn sonst?
Aber ich denke, dass man sich diesen Satz mal auf der Zunge zergehen lassen sollte. Wer ist das denn, dieser Gekreuzigte? Nun, es ist einer, der auf den ersten Blick gescheitert ist. Er war der große Hoffnungsträger seiner Zeitgenossen, derjenige, der sie befreien sollte von den Römern, der machtvoll und nachhaltig aufräumen sollte mit aller Ungerechtigkeit und aller Willkür der Besatzer. Er sollte der Messias sein, auf den sie schon so lange gewartet hatten. Und dann endet er elendig, alleingelassen und verhöhnt am Kreuz – ein Sinnbild eines Verlierers.
Wenn sich nun unser Gott nicht scheut, sich in einer solchen Schwachheit zu zeigen, sich selbst hineinzugeben in das Elend und die Not, die daraus erwachsen, sollten wir uns dann nicht sicher sein dürfen, dass er größtes Verständnis auch für unsere Schwäche hat? Können wir dann nicht davon ausgehen, dass er auf der Seite der Schwachen steht? Unser Gott ist nicht ein Gott der Superhelden. Unser Gott ist ein Gott derer, die nicht perfekt sind, die auch mal scheitern, Zweifel haben, Unsicherheit verspüren. Und es ist ein Gott, der uns dazu ermuntert, einander zu helfen, weil er aus eigenen Erfahrung weiß, wie es ist, hilfsbedürftig, ja hilflos zu sein.
Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten. Wir predigen einen Gott, der uns Menschen nahe sein will – auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Lebens-Latein am Ende sind. Großartig, dass wir ihn an unserer Seite haben. Amen.

Download als PDF-Datei

  Kartenhaus

Kartenhaus

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.07.2020

Irgendwo zwischen Beschäftigung gegen Langeweile und Kunststückchen rangiert das Kartenhaus. Je nachdem, wie geübt man darin ist und wie klebrig die Karten vom Kneipentisch oder der langen Benutzung sind, schafft man drei, vier oder in sensationellen Glücksmomenten fünf Stockwerke. Dann passiert, was unweigerlich kommen muss: die nächste Karte ist zu schwer, unten verrutscht was oder jemand macht das Fenster auf, stößt an den Tisch und die ganze Sache fällt zusammen.
Kartenhäuser sind faszinierend und großartig, verschaffen einem Augenblicke von Stolz und Könnerschaft, aber sie sind eben auch der Inbegriff von Instabilität. Der Zusammenbruch liegt in ihrer Natur.
Dieser Tage begegnet mir das Bild öfter.
Ein Freund abends am Küchentisch, müde, erschöpft. Mit ungeheurer Energie und Verlässlichkeit, mit sehr viel Liebe, hat er sein Kartenhaus lange vor dem Einsturz bewahren können. Er und seine Frau haben anstrengende und herausfordernde Jobs, für die sie brennen und ein Kind, das mehr Zuwendung und Fürsorge, Geduld braucht als andere. Dazu kam Corona mit allen Sorgen… Jetzt noch ein Unfall. Das Kartenhaus kann keine Erschütterung mehr vertragen.
Daneben eine Frau, alleinerziehend, freischaffend. Notbetreuung? Wenn beide Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Rücklagen Fehlanzeige. Perspektive heikel – wer weiß, wann es in ihrem Arbeitsfeld wieder gute Aufträge geben wird. Die Nerven liegen blank, wochenlang hat sie nachts gearbeitet und tagsüber ihr Kind versorgt. Jetzt kann sie nicht mehr…
Das Leben, ein Kartenhaus?
Und eine Großmutter, die einen scharfen Blick hat und Kartenhäuser schon von weitem erkennt, oft noch ehe die, die daran bauen, die Einsturzgefahr ahnen. Sie spricht nicht gern aber die Sorgen drücken aufs Herz und so rät ihr ein kluger Arzt, sich vor dem Einschlafen herzusagen: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für mich.“
Was ich davon halte, fragt sie mich.
Ich staune über diesen Satz. Er klingt anders als das „all eure Sorge werft auf ihn“. Man muss nicht mal mehr das. Nicht mal mehr die Sorge werfen. Es ist ein Satz für die, die auch das nicht mehr schaffen. Und ich erinnere mich an die Jahreslosung. Ein Vater bittet für sein krankes Kind. Er sieht nur noch das sein Lebensgebäude ein wackliges Kartenhaus ist und ruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Ja, ich glaube: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für unseren Freund, die alleinerziehende Frau, die Großmutter, für uns alle...“
Hilf meinem Unglauben.


Download als PDF-Datei

  Wundersam

Wundersam

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.07.2020

In der Tageslosung hieß es gestern aus dem Propheten Jesaja: „Ich will auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe.“
Diesen Vers habe ich mit Bewusstsein noch nie gehört. Es lohnt, sich diese merkwürdigen Worte auf der Zunge zergehen zu lassen.
Propheten sprechen zukunftsorientiert, sie sagen an, was kommt.
Sie sprechen, was Gott ihnen in den Mund legt.
Hier spricht Jesaja diesen Aspekt ausdrücklich mit: „ich will auch hinfort…“, in Zukunft, immer weiter und wie schon immer „… mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste …“
Wunderlich werden manche alten Menschen.
Wunderlich sind Narren und Kinder.
Wunderlich sind Liebende.
Wunderlich, merkwürdig und komisch – nicht ganz bei Verstand.
Damit soll Gottes Tun beschrieben werden? Wer würde das wagen? Aber offenbar sagt Gott das selbst und nachdrücklich:
Ja, wunderlich will ich handeln, sehr wunderlich und auch sehr seltsam…
Er braucht nicht hinzufügen, dass einem beim Hören solcher Worte alle Weisheit vergeht.
denn ja, es ist seltsam, dass Gott uns seine Erde anvertraut, obwohl er uns doch so gut kennt. Es ist wunderlich, dass er uns gewähren lässt, auch dann noch, wenn wir nicht zuende denken, was wir tun und das Maß verlieren, wenn wir unsere Mitmenschen schlecht behandeln.
Es ist höchst seltsam, dass er dabei zusieht, wie wir unsere Kreativität und Intelligenz missbrauchen, um Waffen zu entwickeln, Steuerschlupflöcher zu finden oder andere mit schlechten und minderwertigen Dingen zu betrügen.
Es ist wunderlich und seltsam, dass er uns immerfort eine neue Chance gibt und immer wieder einen neuen Tag werden lässt, dass er uns immerfort erfreut mit Sonne und Wind, Blumen und Früchten, dass er uns immer noch eine Ressource entdecken lässt und eine Technologie erfinden…
Es ist nahezu unglaublich, dass er uns die Freiheit schenkt, zu kommen und zu gehen, ihm zu vertrauen oder an ihm zu verzweifeln und uns trotzdem nachgeht, uns trotzdem heimkommenlässt – immer und auch dann, wenn wir nichts begreifen und uns nicht geändert haben.
Es ist so seltsam, dass wir ihm mit Weisheit nicht beikommen können.
Es ist so ungeheuer gnädig, dass einer Weiser sich nicht zu denken wagen geschweige zu sagen wagen würde, dass Gott uns trotz allem liebt.


Download als PDF-Datei

  Durst

Durst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.07.2020

Das Theater gehört dieser Tage zu den besonders schwer gebeutelten Orten. Umso vielschichtiger sind die Versuche, Theater trotz allem erlebbar zu machen. Seit letzter Woche gibt es nun eine Sonderausgabe der Theaterformen mit einigen Installationen, live.
Gestern Abend habe ich „Thirst“, Durst, gesehen. Der lettische Künstler Voldemärs Johansons verbindet dabei seine Interessen an Klang, Visualisierung und Wissenschaft. Es geht um Sturm. Meeressturm. Genauer: einen jahrhundertsturm auf den Färöer-Inseln. Auf der ganzen Bühnenbildfläche im Großen Haus donnert dem direkt davor sitzenden mit Ohrstöpseln versehenen Betrachter das schwarze Meer entgegen. Wellen bersten, die Wucht des Sturms brummt im ganzen Körper…
Man wird eingesaugt und ausgespuckt.
Diese brüllende gewaltvolle Masse kommt einem mit solcher brachialen Energie entgegen, dass man sich wundert, dass Menschen sich je aufs Meer gewagt haben…
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ heißt es in Psalm 8.
Klein fühlt man sich, machtlos, verletzlich, gefährdet.
Daneben ein anderer Gedanke: das sind die Urwasser, die die Erde bedeckten, von denen auch die Bibel am Anfang erzählt. „Gottes Geist“ schwebte darüber. Das scheint undenkbar. Schweben ist viel zu sanft angesichts solcher Kraft. Oder ist des allmächtigen Gottes Schweben für spielend ausreichend, das Toben der Ozeane zu befrieden?
Wenn Gott so unvorstellbar groß ist, wieviel Kraft mag dann seiner Schöpfung innewohnen? Was passiert, wenn sie sich aufbäumt? Was bleibt möglich, wenn sie uns Zuflucht schenkt? Was für ein unfassbarer Auftrag ist es, sie zu hüten und zu bewahren – als könnten wir das, klein und armselig, wie wir sind…
Ehrfurcht. Demut. Gottesfurcht.
Und dazwischen der Titel: „Durst“. Wonach?
Was mensch in dieser Installation zu verschlingen droht, ist Salzwasser. Undenkbar, damit physischen Durst stillen zu wollen. Aber diese sintflutartigen Wasserberge spülen durch, reinigen das Angesicht der Erde, legen Sehnsucht frei:
In einem unserer neuen Lieder heißt es: „da wohnt ein Sehnen tief in uns … es ist ein Sehnen, ist ein Durst … nach Frieden und Freiheit, Beherztheit und beistand, nach Heilung und Ganzsein, nach Zukunft, nach dir, Gott.“
Nach vierzig Minuten hat man das seltsame Gefühl, der eigene Herzschlag stimmt ein in das Donnern des Meeres, vielleicht auch in den Rhythmus der Schöpfung, als atmet Gott in uns.


Download als PDF-Datei

  Übermut

Übermut

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.07.2020

Ich bin aus der Sommerrodelbahn geflogen. Zu schnell gewesen.
Man erntet Anerkennung von anderen Verrückten und nimmt zur Kenntnis, was man schon vor Jahrzehnten zu hören bekam: „Übermut tut selten gut.“
Übermut.
Eigentlich ein komisches Wort. Ist das mehr als Mut oder schon keiner mehr? Mut ohne die Fähigkeit, Folgen einzuschätzen? Die Worterklärung ist streng: „Selbstüberschätzung zum Nachteil Anderer“, „Leichtsinn“.
In der Tat, das war es.
Die Sache ist zwar glimpflich abgegangen – aber es hätte auch anders kommen und andere gefährden können. So gab es nur eine schmerzhafte Bremsspur auf Armen und Beinen.
Coronatattoos.
Sehr passend in diesem Sommer. Denn vielleicht sind wir ja auch aus der Bahn geflogen, weil wir von selbst kein vernünftiges Tempo mehr gefunden haben? Das war ja in den ersten Tagen der Stille in diesem Jahr ein sehr spürbarer Kontrast: statt immer weiter alles immer schneller und immer mehr, musste man sich auf einmal ganz genau überlegen, was wirklich nötig ist, auf Ablenkung verzichten, mit menschlichem Maß und menschlichen Grenzen klarkommen.
Viele empfanden das als wohltuend, lehrreich, nötig.
Dabei konnte keiner wissen, wie es gehen wird und so haben wir uns als Schicksalsgemeinschaft wahrgenommen, die wir - mit Verlaub - auch sonst sind. Übriggeblieben von all dem sind vor allem die Masken, die uns erinnern, dass wir diese Krise noch nicht hinter uns haben und eben nicht allzu übermütig werden sollten.
Auch die Bibel ist voller Übermutsgeschichten:
Das Alte Testament erzählt vom Turmbau zu Babel, dem maßlosen Projekt, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht. Es gibt keinen Grund außer der Lust, Grenzen zu durchbrechen. Einfach, weil man es kann….
Später ist da Petrus, der von sich glaubt, übers Wasser gehen zu können. Nicht weil er es kann, sondern weil er es will.
Erinnern wir uns: während eines Sturms, in dem die Jünger vor Angst fast von Sinnen sind, sehen sie Jesus übers Wasser kommen. Und dann sagt Petrus: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot …“
Es ist purer Übermut. Es geht auch fast schief.
Aber es ist nicht nur Übermut. Es ist auch eine Geschichte, die zeigt, was möglich ist, wenn Menschen auf Gott vertrauen.
Dann trägt das sie Wasser. Sonst braucht man es, um die Bremsspur zu kühlen.

Download als PDF-Datei

  Wenn Gott schweigt

Wenn Gott schweigt

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.07.2020

Ein Mann mittleren Alters, nennen wir ihn Paul, ist seit Jahrzehnten alkoholkrank. Es gab sehr lange Phasen der Abstinenz, insgesamt aber auch drei Rückfälle, den letzten vor ein paar Monaten. Freunden war es aufgefallen und sie haben ihn gleich ins Krankenhaus gebracht, wo ihm professionell geholfen wurde, den Weg zurück in die Abstinenz zu finden. Heute geht es ihm wieder gut.
Natürlich hatte der Rückfall einige größere und kleinere Scherbenhaufen hinterlassen, denn mit dem Trinken kamen die Lügen, der Versuch zu vertuschen, geheim zu halten, unter den Teppich zu kehren. Das hat Freunde verletzt und Vertrauen zerstört. Dieses Vertrauen galt und gilt es nun wiederaufzubauen – nicht immer eine ganz leichte Aufgabe; das geht nicht einfach so von jetzt auf gleich und manches lässt sich vielleicht auch gar nicht mehr reparieren.
Paul ist überzeugter Christ und in einem Gespräch sagte er: „Weißt Du, in der Zeit, in der ich getrunken habe, da hat mein Glaube geschwiegen und Gott war für mich nicht spürbar.“ Das klang gar nicht mal so sehr nach Vorwurf, so nach dem Motto: Na, da hätte der Herr ja wohl besser auf mich aufpassen können! Nein, es klang eher fast fragend, verwundert, überrascht. Es klang beinahe so, als hätte Paul seinen Rückfall nicht nur vor seinen Freunden verbergen können und wollen, sondern sogar vor Gott.
Es ist eine der ganz großen Fragen, die mit unserem Glauben zusammenhängen und der wir uns nicht entziehen können: Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Wo ist Gott, wenn wir ihn brauchen? Warum hilft er nicht ganz konkret, wo doch so klar ist, wie geholfen werden könnte? Einfache Antworten auf diese Fragen sind kaum zu finden, weil wir uns als Menschen immer in diesem Spannungsfeld zwischen der ganz persönlichen Freiheit und unserer Verantwortung befinden, weil diese Welt eben beides kennt: Gutes und Böses.
Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Die Antwort finden wir, wenn wir vertrauen. Selbst wenn Paul den Eindruck hatte, sein Glaube habe geschwiegen und Gott sei nicht da gewesen, so hat sich seine Situation doch wieder zum Guten gewendet. Da waren Menschen, die geholfen haben, da war neue Zuversicht und Hoffnung, das war ganz viel Vergebungsbereitschaft und da waren und sind Neuanfänge – große und kleine.
Paul kann heute sagen, dass er all das als Gottesgeschenke sehen kann und dass Gott ihn auch durch diese schweren Zeiten begleitet hat. Aber eben nicht so, wie erhofft, nicht so, wie erwartet, nicht so, wie erbeten, eben nicht so, wie es nach menschlichen Maßstäben doch so offensichtlich gewesen wäre. Gott ist oft ganz anders, als wir es erwarten. Aber er ist da für uns – verlässlich, liebevoll und manchmal eben auch ganz leise. Amen.

Download als PDF-Datei

  Ruhetage

Ruhetage

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.07.2020

Heute, auf den Tag genau vor 1699 Jahren, am 3. Juli des Jahres 321 nach Christus, trat ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin in Kraft, nachdem im gesamten römischen Reich der Sonntag zum allgemeinen Ruhetag erklärt wurde. Lediglich landwirtschaftliche Arbeiten blieben sonntags gestattet.
„Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ So lesen wir im ersten Buch Mose. Dieser siebente Tag ist allerdings der Samstag und nicht der Sonntag, da nach jüdischer und christlicher Tradition die Woche nicht am Montag beginnt, sondern eben schon am Sonntag. Nur nach dieser Zählung liegt der Mittwoch dann tatsächlich in der Mitte der Woche. Mit einem Wochenbeginn am Montag passt das irgendwie nicht.
Der gute Kaiser Konstantin hat also nicht den siebten Schöpfungstag im Hinterkopf, als er den Sonntag zum Ruhetag erklärte. Und wir Christinnen und Christen im Übrigen auch nicht. Wir feiern den Sonntag in ganz besonderer Weise, weil es der Tag Jesu Auferstehung ist. Somit ist jeder Sonntag ein kleines Osterfest. Dass es sich lohnt, das zu feiern, liegt auf der Hand, wie ich finde.
Die Bedeutung des Sonntages hat allerdings seit geraumer Zeit zu erodieren begonnen. Natürlich können nicht alle Menschen am Wochenende die Hände in den Schoß legen. Damit würde unser Gesellschaftssystem zusammenbrechen. Wir brauchen Menschen, die auch am Sonntag arbeiten und wir sind dankbar, dass es sie gibt – im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr, in der Gastronomie und nicht zuletzt auch bei uns in der Kirche.
Doch unabhängig davon gibt es immer wieder Tendenzen, die Sonntagsruhe infrage zu stellen und ihn mehr oder weniger zu einem Tag wie jeder andere zu machen. Die Diskussion um verkaufsoffene Sonntage wird in diesem Zusammenhang immer wieder geführt, so auch jetzt, wo seitens der Landesregierung vier zusätzliche Termine zur Ladenöffnung für dieses Jahr genehmigt wurden.
Es gibt nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung, denn insbesondere der Einzelhandel in unseren Städten hat unter der Coronakrise massiv gelitten und leidet noch immer. So ist die Ermöglichung von zusätzlichen Öffnungszeiten als einmalige Reaktion auf den Lock-down durchaus verständlich. Dennoch sollten wir achtgeben, dass sich hier durch die kalte Küche nicht irgendetwas einschleicht, was dann zur Regel wird.
Ich denke, dass wir Menschen die Wochenunterbrechung am Sonntag zwingend brauchen – natürlich, um uns an unserem Glauben zu erinnern und um den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern, aber eben auch, damit es einen besonderen Tag in der Woche gibt, an dem wir zur Ruhe kommen, an dem unser Alltagsleben pausiert und an dem wir uns erholen können. Wenn alles an jedem Tag in gleicher Weise möglich und gleich gültig ist, dann ist eben irgendwann alles gleichgültig. Wir sollten wachsam sein, dass Bewahrenswertes auf bewahrt bleibt. Amen.

Download als PDF-Datei

  Blühende Dornwälder

Blühende Dornwälder

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2020

Nun haben wir bereits den Zenit des Jahres überschritten, gestern war der erste Tag der zweiten Halbzeit. Jetzt geht es schon wieder stark auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. Grund genug, an ein Adventslied zu erinnern, dass im Grunde gar keines ist. Ich meine das Lied: „Maria durch ein Dornwald ging“. Leider ist es in unserem evangelischen Gesangbuch nicht zu finden, ich persönlich finde es wunderschön. Es ist entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts und bezieht sich auf eine biblische Geschichte, und zwar der Begegnung von Maria und ihrer Cousine Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers.
Heute wird in den christlichen Kirchen dieses Ereignisses gedacht und das ganze passiert unter der Überschrift „Mariä Heimsuchung“. Um das nicht misszuverstehen, muss man wissen, dass das Wort Heimsuchung ursprünglich nicht negativ besetzt war. Maria besucht Elisabeth in ihrem Heim – so soll es verstanden werden. Und das Lied beschreibt eben den Weg, den Maria dabei zurücklegt und der sie, so wie es die erste Strophe metaphorisch beschreibt, durch einen Dornwald führt, der seit sieben Jahren kahl ist.
Elisabeth ist im sechsten Monat schwanger und auch ihr ist, ebenso wie Maria, Wunderbares widerfahren. Sie ist trotz ihres hohen Alters schwanger geworden. All das hatte Maria der Engel mitgeteilt, der ihr erschienen war, um zu verkünden, dass sie den Gottessohn zur Welt bringen soll.
Lukas schildert das Zusammentreffen der beiden schwangeren Frauen sehr anschaulich. So schreibt er, dass der ungeborene Johannes der Täufer, im Leib seiner Mutter hüpfte, als er die Stimme Marias hörte. Es ist dies quasi das erste Zusammentreffen von Jesus und Johannes und schon hier wird die große Bedeutung der beiden füreinander sichtbar.
Auch das Adventslied, das wie gesagt eigentlich gar keines ist, beschreibt die Wirkung, die von Jesus ausgeht. „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen“, so heißt es. Noch ungeborenen zeigt sich Jesu Kraft, die augenscheinlich Totem wieder Leben einhauchen kann. Kahle Dornen beginnen zu blühen und der ungeborene Johannes hüpft im Mutterleib.
Jesus löst Begeisterung und Lebensfreude aus, einfach, weil er da ist. Und weil wir glauben, dass Jesus auch uns überall begleitet – „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, so hat er uns versprochen – dürfen wir uns auch von dieser Lebensfreude und dieser Begeisterung anstecken lassen, jeden Tag aufs Neue. Und so können aus unserem Glauben heraus auch die kahlen Dornen, die immer mal wieder rechts und links unserer Lebenswege stehen, wieder Rosen tragen; Gott sei Dank! Amen.

Download als PDF-Datei

  Tal-Weg-Worte

Tal-Weg-Worte

Henning Böger, Pfarrer - 01.07.2020

Nach einer alten indianischen Erzählung kommt der Mensch in seinem Leben der Reihe nach an vier Berge: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. Jeder der vier Berge ist steil. Jeder hat seine Herausforderungen und Gefahren. Aber bist du einmal oben, sagt die Legende, dann gehst du eine Zeit lang einen ebenen Weg. Du kannst den Berg ‚oben‘ erleben, machst die Erfahrung von Weite und hast dein eigenes Bild von der Welt.
So mühsam wie der Aufstieg auf die Berge ist auch jeweils der Abstieg von ihnen. Es falle den meisten Menschen ungemein schwer, meinen die alten Indianer mit einer Lebensweisheit, die alle Berge gesehen hat, die einzelnen Berge wieder zu verlassen. Aber man muss hinuntergehen, ins Tal hinein und hindurch, damit man von unten her den nächsten Berg wieder besteigen kann. So nur kommt das Leben letztlich zu seinem Ziel!
Vom Tal aus beginnt der neue Aufstieg. Dieser Gedanke gefällt mir. Denn da ist viel Lebenserfahrung im Spiel. Mit dem Leben, das eben nicht nur Höhen kennt, sondern auch die Tiefen, die Täler, die uns zu schaffen machen, weil das Leben dort wie feststeckt - in Krankheit oder Krise, in Angst oder Streit. Manchmal ist da unten im Tal einfach kein Licht und kein Ende in Sicht; und ein Aufstieg in neue Höhen erst recht nicht.
Wer mit diesem Gedanken im Kopf die Bibel zur Hand nimmt, kann echte Mut-Mach-Worte für diese Talwege entdecken. Eines stammt aus dem 23. Psalm, den wir soeben gehört haben: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."
Ich höre diesen Satz so: Ja, es gibt die finsteren Täler, unbestritten. Nicht, dass man sich wünschen müsste, dort dauerhaft unterwegs zu sein. Aber wer weiß schon, was ihm bevorsteht. Und wo steht geschrieben, dass mir dort im Tal kein Unglück widerfahren wird? Im 23. Psalm steht etwas anderes geschrieben: „Ich fürchte kein Unglück.“
Das heißt nicht beschwichtigend: Es wird schon nichts passieren. Doch, mir kann etwas zustoßen. Aber: Ich muss mich davon nicht beherrschen lassen. Und das hat einen einzigen Grund: „Du, Gott, wirst bei mir sein, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gerade dort, wo das Leben hart daherkommt, sollen wir Menschen erfahren dürfen, dass der Glaube an Gott uns zu tragen vermag, auch Sorgen und Zweifel überwinden lässt, eben weil wir Gott über uns und neben uns wissen dürfen als treuen Weg-Begleiter.
"Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." In diesem Satz liegt ein Versprechen, das uns allen gilt: Gott trägt. Gott hält. In Zeit und Ewigkeit.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Amen.

Download als PDF-Datei

  Was uns lebendig hält

Was uns lebendig hält

Henning Böger, Pfarrer - 30.06.2020

Endlich darf Walter seinen Freund wieder besuchen. Natürlich unter Auflagen, denn dieser lebt in einem Seniorenwohnheim. Die Zeit war lang, in der die beiden sich nicht sehen durften. Viele ältere Menschen und ihre Angehörigen haben darunter gelitten.
Jetzt geht es an vielen Orten wieder. Und an manchen hat man kreative Ideen dazu: In Frankreich zum Beispiel, so berichtet eine Zeitung, stehen nun kleine Zelte im Garten eines Seniorenheimes. Hier können Familien ihre Angehörigen besuchen. Dann braucht man nicht durchs ganze Haus zu gehen und ist zugleich vor Wind und Wetter und den Blicken anderer geschützt.
In Frankreich und auch hier in Braunschweig: Endlich kann man sich wieder in die Augen sehen, endlich lächelt man sich wieder an und hört dabei, was der andere sagt. Wie sehr haben Menschen das vermisst. Es ist noch nicht alles wie früher, aber es gibt erste vorsichtige Schritte. Wir können einander wieder zeigen: Wir haben uns nicht vergessen!
Es gibt ja Menschen, die sagen: Ich brauche niemanden! Hoffentlich sagen sie das nur und glauben es nicht auch noch. Denn das wäre ein schwerer Irrtum! Jeder und jede braucht Freunde und Vertraute im Leben. Es müsse nicht viele sein, aber es sollen Menschen sein, die auf uns achtgeben, die anrufen und nachfragen oder nach dem Rechten sehen.
In den vergangenen Corona-Wochen war das vielfach zu erleben: wie Menschen sich umeinander kümmern. Und so vorleben, was niemand vergessen sollte: Dass wir Menschen keine Insel sind, sondern andere zum Leben brauchen.
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Diesen Gedanken Gottes überliefert die Bibel im ersten Mosebuch und erzählt dann in wunderbaren Bildern davon, wie Gott den Menschen als Beziehungswesen schafft. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Ich höre das so: Wir Menschen sind füreinander bestimmt. Wir brauchen einander, mal etwas weniger, mal viel mehr. Wir brauchen Menschen, die auf uns achtgeben und sich um uns sorgen. Das hält uns lebendig.
Auch Walter wird nun bald seinen Freund im Seniorenheim besuchen. Die Zelte im Garten sind aufgebaut. Es gibt so viel zu erzählen, sagt er. Und Gott danken wollen sie dafür, dass sie einander haben und sich nun wiedersehen dürfen. Endlich!

Download als PDF-Datei

  Ärmel hochkrempeln!

Ärmel hochkrempeln!

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.06.2020

In den vergangenen Tagen wurden in den Medien gleich mehrere Hiobsbotschaften über unsere Kirche verbreitet. Zum einen wurde berichtet, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Kirchenaustritte deutlich zugenommen hat und zum anderen, dass Corona durch sinkende Steuereinnahmen die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland massiv und schmerzhaft treffen wird.
Es wird sie nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, dass diese Nachrichten bei uns keine gute Laune auslösen. So waren auch die Reaktionen der Kirchenleitungen eher traurigen Inhalts, denn was ist die Konsequenz, wenn einem die Mitglieder weglaufen und die Einnahmen wegbrechen: Sparen ist angesagt. Dabei besteht die große Gefahr, dass man es an der falschen Stelle tut. Glücklicherweise haben beide großen Kirchen darauf hingewiesen, dass sie sich gerade nicht aus der diakonischen Arbeit und aus dem Verkündigungsdienst noch weiter zurückziehen wollen – na wenigstens was.
Für mich persönlich ist aber auch eine weitere Konsequenz zwingend, und zwar die Frage nach dem Warum. Warum wenden sich Menschen von der Kirche ab? Warum können wir diese Menschen nicht davon überzeugen, zu bleiben? Und was müssen wir tun, damit sich das ändert? Antworten auf diese Fragen sind nicht ganz leicht zu finden. Aber manchmal kann man es ja auch nach dem Ausschlussprinzip versuchen. Hoch falsch wäre auf jeden Fall, auf die Zahlen zu blicken und sich dann jammernd in den Schmollwinkel zurückzuziehen, um die ach so böse und ungerechte Welt zu beweinen. Das wäre ebenso verkehrt wie nutzlos und wer auch nur ein bisschen vom Evangelium verstanden hat, kann auf eine derartig schräge Idee eigentlich gar nicht kommen.
Denn worum geht‘s? Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der sich für uns interessiert, dem unser Wohlergehen am Herzen liegt und der uns lieb hat. Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der nicht gern allein ist und deshalb den Kontakt zu und sucht. Es geht darum, Menschen von der frohen Botschaft zu erzählen, die dieser Gott für uns alle bereithält. Es geht darum, Menschen von Jesus Christus zu erzählen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht! Es geht darum, Menschen davon zu berichten, dass dieser Jesus Christus den Tod für uns besiegt hat, ein für alle Mal und der uns so eine Perspektive schenkt, in der Hoffnung aufleuchtet im Licht des Ostermorgens.
Ja, all das ist der Institution Kirche nicht immer abzuspüren. Auch und gerade in diesen Corona-Zeiten haben wir uns als Kirche anfangs nicht mit Ruhm bekleckert, waren vielfach angstgetrieben, zu leise, zu angepasst. Doch ich glaube, wenn wir es schaffen, zu den Menschen zu gehen, und ihnen zu erzählen, worum es wirklich geht, nämlich Gottes Liebe zu empfangen und sie weiterzugeben an die Menschen um uns herum, wenn wir uns als Kirche einmischen und einsetzen für die Schwachen, für Gerechtigkeit und für den Frieden, dann sollten wir gute Chancen haben, auch wieder bessere Zeiten zu erleben – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  75 Jahre Vereinte Nationen

75 Jahre Vereinte Nationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.06.2020

Heute vor 75 Jahren, am 26. Juni 1945 wurden in San Francisco die Vereinten Nationen gegründet. Dies geschah durch Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen durch 50 Staaten, darunter die USA, Russland und China. Aus der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege heraus war die Initiative zur Gründung der Vereinten Nationen der Versuch, eine dauerhafte und stabile Basis für ein friedliches Miteinander der Staaten dieser Erde zu etablieren.
Nach Art. 1 der Charta der Vereinten Nationen sind die Hauptaufgaben der UN folgende: die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, die Entwicklung besserer, freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen, die internationale Zusammenarbeit und Lösung globaler Probleme und die Förderung der Menschenrechte. Die UN soll bei alledem der Mittelpunkt sein, an dem die Nationen diese Ziele gemeinsam verhandeln.
Die UN kann auf viele bedeutende Erfolge zurückblicken. So hat sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948 entwickelt und weltweit verbreitet, maßgeblich an der Ausrottung und Eindämmung von Krankheiten mitgewirkt, mit der UNHCR eine Organisation zum Flüchtlingsschutz gegründet und unter anderem mit dem Welternährungsprogramm wesentliche Beiträge zur Unterstützung der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern geleistet. Schwerpunkt der Arbeit ist nach wie vor die Friedenssicherung. Und auch hier haben wir, hat die Welt der UN viel zu verdanken. Sie hat an der Gründung des Staates Israel mitgewirkt, dazu beigetragen, die Kubakrise zu entschärfen und war und ist in vielen Ländern mit ihren Blauhelmen aktiv in der Friedenssicherung engagiert.
Ein ums andere Mal wird auch bei der UN deutlich, dass in Gemeinschaft große Aufgaben, Probleme und Herausforderungen deutlich besser zu meistern sind, als im Alleingang. Insbesondere das Thema Friedenssicherung erfordert den Schulterschluss der einzelnen Nationen und den Blick auf das gemeinsame Ziel. Insbesondere die Förderung des gemeinschaftlichen Austausches ist hier hervorzuheben, denn Menschen, die miteinander reden und sich für eine gemeinsame Sache einsetzen, führen in aller Regel keinen Krieg gegeneinander.
Ganz ohne Frage sind die Vereinten Nationen nicht perfekt. Immer wieder fällt negativ auf, dass einzelne Länder durch ihr Vetorecht wichtige Entscheidungen blockieren können. Auch die Frage nach der demokratischen Legitimation der UN wird immer wieder gestellt. Nichtdestotrotz sollten wir aus meiner Sicht dankbar sein, dass es sie gibt, denn sie hat trotz ihrer Schwächen und Fehler in den vergangenen 75 Jahren viel Gutes bewirken können.
Paulus schreibt: „Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, sind doch ein Leib.“ Das, was der Apostel hier auf die Gemeinde Jesu Christi bezieht, kann auch ein schönes Bild für die Staatengemeinschaft sein. Denn auch die funktioniert nur, wenn alle mittun. Die Vereinten Nationen sind ein erfolgreicher Versuch, dem einen Rahmen zu geben. Hoffen und beten wir, dass das dem Frieden weiterhin dienlich ist. Amen.

Download als PDF-Datei

  Friede sei mit Dir!

Friede sei mit Dir!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2020

Vor ein paar Tagen bin ich mit einer Dame ins Reden gekommen, die so wie ich hier am Dom ehrenamtlich tätig ist. Sie erzählte mir von einer Begebenheit, die sie vorne an unserem Empfangstresen hatte. Während sie dort Dienst tat, betrat ein Mann den Dom und fragte sie, ob er sich den Dom ansehen dürfe. Auf die Frage: „Ja, warum denn nicht?“, antwortete er: „Ich bin Moslem.“ „Bei uns ist jeder willkommen!“, war die knappe und zutreffende Antwort meiner Kollegin.
„Porta patet, cor magis.“ Diese lateinische Inschrift ist oft über Klosterpforten zu lesen. Sie bedeutet: „Die Tür ist offen, das Herz noch mehr.“ Es ist ein uralter Willkommensgruß und ich finde, dass er auch gut über unsere Domtür passen würde. Es ist gute christliche Tradition, dass alle Menschen in unseren Kirchen gern gesehene Gäste sind, vollkommen losgelöst davon, welcher Konfession sie angehören oder ob sie überhaupt an Gott glauben. Natürlich wird erwartet, dass sich die Gäste der Würde dieses Ortes angemessen verhalten. Aber das gilt ja überall dort, wo wir zu Gast sind, ob nun in einer Kirche oder privat bei Freunden in deren Wohnzimmer.
Schon oft haben hier bei uns im Dom ökumenische Friedensgebete stattgefunden, bei denen Juden, Moslems, armenische Christen, Katholiken und Protestanten einträchtig nebeneinander an unserem Marienaltar gebetet haben. Und warum auch nicht? Schließlich glauben wir alle an denselben Gott – den Gott Abrahams und Jacobs. Ich maße mir nicht an, zu sagen, dass nur eine Religion die richtige ist und schon gar nicht, welche. Offensichtlich ist in Gottes Plan Raum für ganz unterschiedliche Wege, die zu ihm führen. Ich fühle mich auf meinem evangelischen gut aufgehoben und von Gott gesehen und angenommen. Aber kann ich deshalb sagen, dass alle anderen Wege falsch sind? Ganz sicher nicht!
Neben aller Unterschiedlichkeit gibt es vieles, was verbindet. Salam alaikum, Shalom, Pax vobiscum, Friede sei mit dir. Ja, der Friede, der von Gott kommt, ist eine der großen Gemeinsamkeiten, die Gott uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Bücher geschrieben hat. Bedauerlicherweise steht das, was wir Menschen daraus gemacht haben, auf einem ganz anderen Blatt – und das völlig unabhängig von Konfessionen. Doch wer friedfertig ist, der ist dann eben hier bei uns im Dom auch jederzeit herzlich willkommen.
Unser muslimischer Besucher war von der einladenden und freundlichen Art meiner Kollegin so berührt, dass er sie zum Abschied herzlich umarmt hat. Gottes Friedensbotschaft verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Verstockung

Verstockung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.06.2020

Heute ist Ende der Spargelsaison und Johannistag, der Tag Johannes des Täufers, in dessen Mund das Wort über dem Tag aus dem Johannesevangelium liegt: „Er muss wachsen. Ich muss abnehmen.“
Das kann man als hartherzige Verdrängungen lesen, als ein machtvolles Kräftemessen um Räume und Einfluss. Aber darin spiegelt sich großes Einverständnis: Es bleibt nicht, wie es ist. Zukunft wird möglich, wenn ich sie wachsen lasse, wenn ich dem Entwicklung zugestehe, woran ich glaube, wenn ich zulasse, dass es ganz anders kommt.
Das Evangelium für den Johannistag steht bei Lukas und erzählt die Ankündigung und Geburt Johannes des Täufers.
Seine Eltern Elisabeth und Zacharias waren hochbetagt und kinderlos. Elisabeth war unfruchtbar. Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzten das hebräische Wort dafür mit „wurzelverstockt“. Ein hartes schmerzhaftes Wort, so hart und schmerzhaft wie es ungewollte Kinderlosigkeit zu allen Zeiten gewesen. Ein unvorstellbares hartes Schicksal dort, wo der Wert einer Frau darin bestand, ob sie Söhne gebären kann.
Aber bei genauem Hinhören, birgt es doch eine Offenheit, eine Chance: es ist nicht endgültig unmöglich, Veränderung nicht ausgeschlossen, Verstockung kann sich lösen so muss es nicht bleiben. Und auch: Solche Verstockung an der Wurzel hat ihren Ort in der Tiefe. Es ist Elisabeths Leben, nicht ihr Versagen.
Als der Verkündigungsengel, in Zacharias‘ Leben tritt und ein Kind ankündigt, überfällt den Furcht und Zittern. Er kann es nicht glauben. „Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen.“ Sagt der Engel. Es ist eine Verheißung so voller Zukunft und Hoffnung, die mit diesem Kind einhergehen soll, dass man kaum erahnen kann, was für eine kostbare Wurzel in Elisabeth geruht hat.
Aber Zacharias?
Er kann es nicht glauben. Er braucht einen Beweis, ein Zeichen, ein Art Ultraschallbild. Er bekommt das auch eins und finde, da beweist die Bibel Humor. Wenn Zacharias nicht verstehen, begeifern oder glauben kann, was da werden will, wenn er sich eine Zukunft vorstellen kann, die ganz anders ist als alles, was er bisher kennt und erlebt hat, dann ist besser, er kommentiert das nicht und zerredet die Hoffnung nicht.
Und also sagt Gabriel: „Und siehe, du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.“
Zacharias wird aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt, Pause. Zeit zum Nachdenken und genauem Hinsehen. Zeit, zu merken: Die Welt bleibt nicht stehen. Es wächst etwas Neues heran. Leben bricht auf. Den alten Vater wird es überfallen und wie ein Dammbruch aus ihm herausbrechen.
Und dann singt Zacharias.
Ausgerechnet! Das erleben wir auch. Dann.

Download als PDF-Datei

  Wir sind gesehen

Wir sind gesehen

Henning Böger, Pfarrer - 23.06.2020

Ein Klassenzimmer, kurz nach Stundenschluss. "Glauben Sie an Gott?", fragt der Schüler mit leiser Stimme. Es ist eine unbelauschte Sekunde. Sonst wäre er wohl mit den anderen sofort in die Pause herausgetollt. Aber diesmal war die Physikstunde zum Nägelbeißen spannend gewesen.
"Glauben Sie an Gott?" Der Lehrer streift seinen Schüler mit einem Blick, wie um zu prüfen, ob die Frage ernst gemeint wäre. Dann tritt er ans Fenster und schaut hinaus. "Wenn, wie Sie sagen", setzt der Junge nach, "wenn da oben wirklich so ein gewaltiges Kräftespiel tobt, wenn schwarze Löcher alles Licht einsaugen, wenn Sterne explodieren und Gravitationswellen hundert Milliarden Galaxien durchrütteln ... Wie kann man da noch an einen Erdengott glauben?"
Ohne den Blick zu wenden, hebt der Lehrer an: "Vielleicht stellen wir uns Gott nicht groß genug vor. Vielleicht erzählen uns die Himmel von seiner wahren Größe. Vielleicht ist Gott größer als das All. Und alles, was sich ausdehnt, lebt und weitet, das bewegt sich mit seinem Atem. Vielleicht wachen wir gerade auf und bekommen eine unfassbare Weite zu sehen. Mit jeder Erkenntnis, die die Astrophysik hervorbringt, wird mir dieser Gott geheimnisvoller, ehrfurcht-gebietender."
Der Junge braucht eine Weile, bis sich dieses Bild in ihm aufbaut: Gott, so groß, dass ein sich ausbreitendes All in IHM Raum hat! Gott als Raum der Welten, in dem sich Endlosigkeit zu Orten und Ewigkeit zu Zeit und Geistesgegenwart verdichten! Die Sekunden verstreichen, dann sagt er: "Glauben Sie an so einen Gott?"
"Glauben", sagt der Lehrer, das Wort wiegend, "ich würde eher sehr sagen, ich bin tief beeindruckt. Ich begreife nicht, wie es IHM möglich ist, so groß zu sein und zugleich so klein, um uns auf dieser Erdmurmelt hier in die Augen zu schauen. Ich glaube, die Generationen vor uns haben wirklich recht gehabt: Wir sind gesehen. Zuweilen spüre ich seinen Blick. Und der Gedanke geht mir durch und durch: Auch ich bin gesehen!"

Gebet:
Gott, in dir sammeln wir uns an diesem Abend, zu dir sammeln wir
unsere Gedanken. In der Weite unseres Lebens bist du unser Fixpunkt.
Darum segne uns mit deinem Schutz. Halte uns in deiner Liebe.
An diesem Abend, am neuen Morgen. Das bitten wir dich durch Christus.
Amen.

Download als PDF-Datei

  „Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.06.2020

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“ – so beginnt ein Gebet von Margot Käßmann. Man hört schon die Distanz, sie ist unmerklich aber nicht unerheblich. „Dein“ Prediger… - nicht meiner, deine Weisheit, nicht meine, deine Wirklichkeit, nicht meine….
Alles hat seine Zeit. Pflanzen, bauen, lachen, tanzen, weinen, lieben, Steine sammeln… - so heißt es beim Prediger Salomo im dritten Kapitel. Bei Margot Käßmann dagegen folgt der große Stoßseufzer: „Aber ich finde für gar nichts mehr Zeit … Der Magen krümmt sich mir, wenn ich sehe, was zu tun ist. Und dabei bleibt so vieles auf der Stecke…“
Der Magen krümmt sich.
Bei Anderen gerät das Herz aus dem Takt oder schmerzt der Rücken, flieht der Schlaf - erst recht, wenn man den Druck mit sich allein herumträgt. Und ganz schwer wird es, wenn man von denen drumherum gesagt kriegt: „Du bist doch stark…“
Das macht dazu noch einsam.
Ich höre Sorgen dieser Art derzeit viel mehr als sonst.
Wenn ich frage, wie es geht, dann ist die erste Antwort meist: „Gut, alle sind gesund. Wenn klagen, dann doch auf hohem Niveau…“
Aber wenn ich dann einen Moment warte – oft muss ich gar nicht wirklich nachhaken – purzelt anderes hinterher. Der Schmerz, Kinder und Enkel nicht sehen oder wenn, dann nicht in den Arm nehmen zu können. Die ungeheure Erschöpfung nach wochenlangem Homeschooling, Haushalt, Homeoffice und dem Versuch, dabei geduldig zu bleiben und das Beste draus zu machen. Der fehlende – oft mühsam erkämpften – Ausgleich. Die Einsamkeit beim Online-Studium ohne Begegnung.
Der Mehltau über allem.
Die Nerven liegen blank.
Tränen. Die muss sich mancher erst trauen …
Dann folgen Entschuldigungen. Man wollte das eigentlich gar nicht alles sagen. Es ist eine schwer sorgenvolle Zeit – auch wenn es draußen Sommer wird und schon wieder ziemlich lebendig zugeht.
Noch ist kein Ende absehbar.
Während ich das schreibe, erfahren die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof, dass das Haus schließen wird. Es ist ein schlimmer Tag. Viele haben die Angst schon lange mit sich herumgetragen. Der Magen krümmt sich.
„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger. Aber ich…“
Aber wir?
Wir halten Gott unser Leben entgegen und hoffen, dass er sich der Last annimmt und Zukunft schenkt.

Download als PDF-Datei

  Auszeiten

Auszeiten

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2020

Fühlen Sie sich oft gehetzt oder getrieben? Es ist zum Markenzeichen unserer modernen Zeiten geworden, dass wir bei allem, was wir tun, darauf achten, dass es möglichst schnell vonstatten geht. Produktionsprozesse, Abläufe in der IT, Bearbeitungszeiten im Dienstleistungsgewerbe – alles wird auf Tempo getrimmt. Wie Sie vielleicht wissen, arbeite ich in einer Bank. Auch dort ist das Thema Prozessgeschwindigkeit und -Effizienz ein ganz großes. Denn je schneller und effizienter ein solches Unternehmen funktioniert, desto kostengünstiger kann es arbeiten.
Auch im zwischenmenschlichen Bereich spielt Geschwindigkeit eine immer größere Rolle. Wenn wir früher einen Brief mit Tinte auf Papier geschrieben haben, und der dann kuvertiert und mit Briefmarke versehen zur Post gebracht wurde, dann wussten wir, dass es schon ein paar Tage dauert, bis wir eine Antwort erhalten. Heute werden wir mitunter schon unruhig, wenn eine von uns versandte E-Mail nach ein paar Minuten noch unbeantwortet ist. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass gerade im Rahmen der elektronischen Kommunikation mit steigender Geschwindigkeit in gleichem Maße Qualität und Form deutlich nachlassen. Mag es bei E-Mails noch einigermaßen gehen, so treten doch spätestens bei SMS, WhatsApp und Co. die Regeln von Orthographie und Interpunktion deutlich in den Hintergrund, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch es kommt eben darauf an, möglichst schnell zu sein – alles andere rutscht in der Priorität häufig weiter nach unten.
Astrid Lindgren hat einmal gesagt: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Ach, wie recht sie doch hat! Wir brauchen alle unsere Auszeiten, wobei zu hinterfragen wäre, was wir unter Auszeit verstehen. Ich meine damit, dass wir uns regelmäßig aus unseren alltagsbestimmenden Hamsterrädern verabschieden müssen, um zur Ruhe zu kommen und unser Denken, Tun und Lassen einfach mal zu befreien vom Diktat des „Höher, Schneller, Weiter“.
Auch, wenn es sich komisch anhört, aber Nichtstun kann ganz schön anstrengend sein. Vielfach sind wir durch unsere Umwelt so auf Aktivität konditioniert, dass wir ein echtes Problem damit haben, ein paar Gänge zurückzuschalten. Und wenn wir es dann trotzdem schaffen, stellt sich nicht selten ein schlechtes Gewissen ein, weil wir unterschwellig meinen, dass Nichtstun Zeitverschwendung ist und sich irgendwie nicht gehört.
Ein Blick in die Bibel relativiert das glücklicherweise. Denn selbst Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um Zeit für sich zu haben, um nachzudenken und um zu beten. 40 Tage, so berichtet die Bibel, war er alleine in der Wüste. Solche Auszeiten standen ihm zu und das gilt auch für uns. Und wenn uns dazu keine passende Bibelstelle einfällt, dann doch vielleicht wenigstens der vorhin zitierte Satz von Astrid Lindgren. „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Zeichen sehen lernen

Zeichen sehen lernen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.06.2020

Im ersten Buch Mose wird die Josefsgeschichte erzählt, vielen Familien hier am Dom ist sie zutiefst vertraut. Josef, den seine Brüder den „Meister der Träume“ nennen, träumt nicht nur selber heftig und umtreibend; er kann auch die Träume anderer deuten, Zeichen darin lesen und Zukunftsansagen verstehen.
Das bringt ihn in Schwierigkeiten, denn er sieht nicht rosarote Wunschträume sondern das, was ist oder kommen wird, ganz egal ob es ihm zur Ehre gereicht oder beschämt, ob es anderen dient oder ihnen Angst macht.
Er bleibt bei der Wahrheit, wenn er ausspricht, was er sieht.
Josef träumt schon als Kind. Zuerst von seiner Sonderstellung unter seinen Brüdern, Korngaben verneigen sich, Mond und Sterne umkreisen ihn. Er erlebt die Konsequenzen dieser Konstellation – aber, im eigenen Leben steckend, ohne Abstand, sieht er erst rückblickend, Jahrzehnte später, den Zusammenhang und sich selbst darin.
Anders ist es, als Josef im Gefängnis sitzt und die Träume seiner beiden Mitgefangen deutet. Es wird so im Guten wie im Bösen genauso kommen, wie er sagt.
Diese Fähigkeit führt ihn schließlich vor den Pharao, der sieben fetten Kühe träumt, die von sieben mageren Kühen verschlungen werden und zur Bestärkung dasselbe Bild noch einmal: sieben fette Ähren werden von sieben dürren Ähren gefressen. Keiner kann ihm das erklären.
Denn die Berater des Pharaos, seine Traumdeuter und Weisen, sind Teil des Systems. Sie sind erfüllt von der Kraft des Landes und ihrer eigenen systemrelevanten Rolle darin. Sie fühlen sich sicher.
Was sollte eine Wirtschaftsmacht wie Ägypten gefährden?
So können sie die Zeichen nicht sehen und den Zusammenhang nicht deuten. Sie können gar nicht denken und sich vorstellen, dass die guten Jahre vorbei sein könnten.
Aber Josef, der den Rauswurf aus der Geborgenheit des Vaterhauses und den Sturz, aus der privilegierten Rolle in Potifars Haus ins Gefängnis erlebt hat, der hat längst erfahren, dass Wohlstand und Glück nicht selbstverständlich sind, dass Menschen Verantwortung übernehmen müssen, für das, was ihnen anvertraut ist.
Mit der Freiheit des Ohnmächtigen kann er klar sehen.
Und so sieht er, dass die Krise bevorsteht, dass Hunger und Not über das Land hereinbrechen werden, wenn es seine Verschwendungssucht, seinen wahnsinnigen Ressourcenverbrauch nicht einstellt, sondern nachhaltig und fürsorglich wirtschaften lernt.
Aber das ist nicht das eigentlich Wunder der Geschichte.
Das Wunder geschieht, als der Pharao auf ihn hört. Sofort.
Das sollte uns nahe gehen! Denn auch hier werden die alten Geschichten wieder erzählt und wir staunen, wie aktuell sie sind. Aus der Ferne sehen sie uns klar. Darum mit Eva Zeller: wer wolle nicht meinen, „unverschämtes Glück zu haben, wenn er am Tropf der Bibel hängt.“



Download als PDF-Datei

  Offene Arme, weites Herz

Offene Arme, weites Herz

Pastor Henning Böger - 16.06.2020

Eine Woche habe sie geweint, erzählt Gabrielle einem Fernsehsender in den USA. Gabrielle wohnt in Memphis, im Bundesstaat Tennessee.
Reichlich Tränen flossen, weil ihre Hochschule alle Feiern zum Studienabschluss abgesagt hatte – wegen Corona! Keine Feier, kein Beifall, keine schwarzen Hüte als Zeichen der Reife. Das Abschlusszeugnis kam schmucklos per Post. Das war schlimm, sagt Gabrielle. Blödes Corona!
Ihr Vater kann die Tränen nicht lange mit ansehen. Dann hat er eine Idee: Er baut eine Bühne in den Garten. Dort wird seine Tochter gefeiert. In festlichen Kleidern. Mit allen Nachbarn und Freunden. Natürlich mit Abstand und Masken, aber die Tochter ist selig.
Eine Geschichte mit gutem Ende, die davon erzählt, dass Corona das Leben kräftig durcheinanderwirbelt. Auch in unseren Schulen sind die Abi-Bälle abgesagt. Und Konfirmationen werden in diesem Jahr ganz anders sein als geplant. Das passt nicht allen. Da gibt es Diskussionen und manchmal auch Ärger und Tränen.
Und mittendrin gibt es Familien, die merken: Es ist gar nicht leicht, sich in den Rollen von Eltern und Kindern zurecht zu finden. Viele Familien erleben sich zurzeit im Ausnahmezustand, wie auf dem Drahtseil zwischen Schule und Beruf, Aufgaben und freier Zeit, die gestaltet werden will. Für viele gilt: Ja, Familie ist ziemlich anstrengend!
Und sie ist auch ein großes Glück! Wenn das Miteinander gelingt. Wenn Eltern zuhören können und Kinder Rücksicht nehmen. Wenn Stress und Ärger nicht unterm Teppich landen, sondern alle in der Familie aufrichtig miteinander umgehen. Wenn die Arme offen und die Herzen weit bleiben!
Eine meiner liebsten Bibelgeschichten ist eine Familiengeschichte. Jesus erzählt sie von einer Familie, deren Rollen und Erwartungen heftig durcheinandergeraten: Da ist ein Kind, das unbedingt von zuhause fortgehen will, die Welt und ihre Möglichkeiten entdecken. Dazu fordert und erhält es einen beträchtlichen Teil des Familienvermögens und zieht davon. Im Laufe der Zeit aber verirrt sich das Kind in der Welt der Vielfalt und Möglichkeiten. Und merkt es nach Jahren und will wieder heim.
Und daheim? Da hört das Kind keinen Vorwurf, nicht einen! Dafür erlebt es offene Arme und weite Herzen. Einfach zu göttlich, denken Sie? Ja, genau! Denn Jesus sagt: So ist das auch bei Gott. Sein Herz ist weit und seine Freude groß über jedes Menschenkind, das zu ihm findet mit allem, was auf einem Herzen lasten kann. Der Weg dorthin ist nicht immer leicht, aber wenn er gegangen ist ein großes Glück!

Download als PDF-Datei

  Päpstliche Abmahnung

Päpstliche Abmahnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.06.2020

Wenn man im Berufsleben nicht das macht, was man soll, wenn man aus grober Unachtsamkeit oder gar mit Vorsatz Mist baut, dann muss man damit rechnen, eine Abmahnung zu bekommen. Darin kriegt man dann sein Fehlverhalten noch einmal schriftlich bestätigt, verbunden mit dem deutlichen Hinweis, es nicht noch mal zu tun, anderenfalls kann es sein, dass man seinen Job verliert.
Heute, auf den Tag genau vor 500 Jahren hat unser Bruder Martin Luther eine solche Abmahnung erhalten von seinem seinerzeit noch höchsten Dienstvorgesetzten, Papst Leo X. Die päpstliche Bannandrohungsbulle, wie das Schreiben offiziell heißt, war die Reaktion auf Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg. Den 500. Jahrestag dieses Ereignisses haben wir, wir erinnern uns, vor zweieinhalb Jahren festlich und mit einem neuen gesetzlichen Feiertag begangen.
Mit seiner massiven Kritik am Handeln der katholischen Kirche mit ihren Ablassbriefen, der weit verbreiteten Korruption und dem vielfach in erster Linie an Machterhalt orientierten Agieren der kirchlichen Organe, war Luther in Ungnade gefallen. Und nun wurde er vom Papst höchstpersönlich aufgefordert, innerhalb von 60 Tagen seine Thesen und Lehren zu widerrufen - anderenfalls würde er aus der Kirche ausgeschlossen.
Luther widerruft nicht, wie wir wissen. Als Antwort verfasst er vielmehr die Schrift „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ und ein Antwortschreiben an Papst Leo. Darin verteidigt Martin Luther die Freiheit des Wortes Gottes, dessen Verständnis und dessen Auslegung nicht durch menschliche Regeln eingeengt oder reglementiert werden soll und darf.
Das war konsequent und mutig gleichermaßen. Luther hat klargemacht, dass all das, was wir sind und haben, einzig und allein der Gnade Gottes zu verdanken ist und eben nicht erkauft werden kann. Der Menschen Seelenheil ist nicht abhängig von der Größe ihrer Geldbeutel und Gottes Vergebungsbereitschaft lässt sich nicht durch den Kauf von Ablassbriefen vergrößern. Jeder Mensch ist von Gott angenommen, gewollt und geliebt, einfach, weil er Mensch ist und nicht, weil er irgendetwas Besonderes geleistet hat.
Luther hat dem Druck aus Rom widerstanden und damit der Reformation weiter den Weg geebnet – Gott sei Dank. Durch Martin Luther hat sich die Kirche – und über die Jahre eben auch die katholische – wieder auf das zurückbesonnen, was tatsächlich ihr Auftrag ist, nämlich Gottes frohe Botschaft zu verkündigen und eben nicht den Menschen Angst zu machen und sie klein zu halten.
Manchmal brauchen wir Menschen einen kleinen Impuls, damit uns auffällt, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind, dass wir das eigentliche Ziel aus dem Blick verloren haben, dass wir nicht mehr hundertprozentig erkennen, worauf es wirklich ankommt. Manchmal reicht ein kleiner Impuls, manchmal braucht es einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten. Martin Luther hat diesen Impuls gesetzt und damit eine große Bewegung in Gang gebracht. Spannend fände ich, zu hören, was er heute wohl sagen würde, zu dem, was daraus entstanden ist. Amen.

Download als PDF-Datei

Hier erreichen Sie uns:

Domsekretariat
0531 - 24 33 5-0
dom.bs.buero@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Mo. bis Fr. – 9.00 - 15.00 Uhr

Domkantorat
0531 - 24 33 5-20
domkantorat@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Di. bis Do. – 9.00 - 15.00 Uhr
Fr. – 9.00 - 13.00 Uhr

Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
5 Minuten-ANDACHT
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
20 Minuten Orgelmusik im „MITTAGSGEBET“

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!