Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Keine Könige

Keine Könige

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.01.2023

Dieser Tage werde ich immer mal wieder gefragt, wie lange denn die Weihnachtsbäume noch stehen bleiben. Bis kommenden Samstag. Denn morgen ist der letzte Sonntag nach Epiphanias, das Fest der Verklärung Jesu und dann schließt sich der Weihnachtsfestkreis. Mit den Bäumen verschwinden dann auch der Adventsstern und die Krippe und vielleicht fällt dann auf: die Krippe ist dieses Jahr gar nicht vollständig geworden!
Zu Weihnachten hat alles noch gestimmt: Maria und Josef, das Kind, die Schafe und die Hirten waren liebevoll zwischen Tannengrün und Kerze aufgestellt. Zu Epiphanias hätten dann die Hirten und Schafe eingepackt und die heiligen drei Könige mitsamt ihren Kamelen aufgestellt werden müssen.
Aber das ist nicht passiert. Vermutlich wusste unser neuer Domvogt gar nicht, dass wir auch Könige haben… - und auch denjenigen, die sonst hier immer alles merken ist es entweder nicht aufgefallen oder sie haben nichts gesagt.
Und so ist es nun.
Die Könige sind nicht angekommen.
Die Reichen und Mächtigen haben die Krippe nicht gefunden.
Vielleicht haben sie den Stern nicht gesehen.
Vielleicht haben sie keine Zeit gehabt, zur Krippe zu gehen.
Vielleicht glauben sie nicht, dass das, was da in Bethlehem geschehen ist, irgendeine Bedeutung für ihr Leben hat.
Oder wollten sie die Knie nicht beugen vor dem Kind dessen Mutter gesungen hatte:
„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. / Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen…“
Man kann es ihnen nicht verdenken.
Wir hören das ja auch mit Sorge.
Uns, die wir vermutlich eher zu den Königen als zu den Hirten dieser Welt zählen, könnte deshalb an dieser Leerstelle bewusst werden, dass es mitnichten selbstverständlich ist, dass Könige zur Krippe kommen und ein Kind anbeten, das kein weltliches Herrschaftsattribut ziert, das Reiche niederknien, wo sie leer ausgehen..
Und so verstanden, klingen die nächsten beiden Zeilen des Magnifikat neu und anders:
„Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener auf.“
Wie man jemanden hilft, der nicht allein hochkommt, wenn er gekniet hat.
Wie man jemandem hilft, der nicht allein in Bewegung kommt.
Wie man jemandem hilft, der mutlos ist.
So gedenkt Gott unserer aus lauter Barmherzigkeit – auch dann, wenn wir den Weg zur Krippe nicht gefunden haben oder nicht gegangen sind, wenn wir ihre Bedeutung nicht mehr verstehen können oder ihre Konsequenzen nicht erleben wollen.
Auch dann.
„Denn er hat große Dinge an uns getan.“

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  Housing first

Housing first

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.01.2023

Vielleicht erinnern Sie sich an die Fotoausstellung „Wohnungslos in Braunschweig“. Damals hatte der Künstler Klaus Kohn mit Wohnungslosen gemeinsam unsere Stadt erkundet. Es waren zunächst gar nicht die Bilder, die wir gut Behausten vermutet hätten: eine Parkbank mit Rucksack, Wanderschuhe, eine Brücke. Die gab es auch - aber nicht gleich. Zunächst fotografierten die Wohnungslosen das, was alle schön finden: Naturstimmungen, Sonnenauf- und Untergänge, Blüten. Warum auch nicht… ??? Die Überraschung beschämte, weil wir spürten, dass wir, die wir sicher wohnen, uns schon auf eine Perspektive festgelegt hatten.
Eine defizitäre Perspektive.
In einer zweiten Phase entstanden andere Bilder. Vielleicht, ein sehr behutsames und vorsichtiges „vielleicht“ ist das, war Vertrauen gewachsen. Diese Fotos zeigten Braunschweig so, wie wir es nicht kennen. Ich sehe noch Carola Reimannn zwischen den Ausstellungswänden hin und hergehen und sich wundern. Das ist also auch Braunschweig.
Und dann kamen eben jene Bilder, die von dem schweren Leben auf der Straße erzählen und von der Sehnsucht, endlich ein eigenes Zuhause zu haben - eines mit Wänden und einer Tür, die man abschließen kann, einer eigene Toilette, einem richtigen Bett. Denn so leicht findet sich das nicht. Um bei der Wahrheit zu bleiben, es ist ziemlich aussichtslos.
Ganz anders in Finnland: Marika, 42, erzählte der Süddeutschem Zeitung, wie sie im Strudel ihrer Probleme versank und zuletzt nur noch ihr Auto hatte. Schon in der ersten Nacht klopfte eine Sozialarbeiterin an die Scheibe, in der nächsten schlief sie in einem Provisorium, in der übernächsten Nacht hatte sie wieder ein Zuhause. Kein Wunder sondern Methode: „Housing first“ heißt sie. Während in den meisten Ländern die Wohnung einer Belohnung gleichkommt, wenn man die Sucht, den Schicksalsschlag oder die Krankheit in den Griff bekommen und einen Job gefunden hat, beginnt es in Finnland mit dem Recht auf Wohnen. Und danach geht es aufwärts. Die Obdachlosigkeit geht rasant zurück. Und nein, es ist nicht teurer als all die Folgekosten der Wohnungslosigkeit anderswo…
In der Bergpredigt hieß es gestern: „Selig, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Und auch, selig, die uns mit guten Geschichten beschenken, denn es geht so viel.

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  Glitzer

Glitzer

Jakob Timmermann, Pfarrer - 23.01.2023

Meine Tochter sitzt am Mittagstisch und erzählt mir, dass sie heute im Kindergarten Farben gemischt haben. „Also Papa, wenn man Rot und Gelb miteinander vermischt, dann wird das Orange. Und wenn man Rot und Blau miteinander vermischt, dann macht das Lila.“
Dann hörte sie auf. Und weil ich aus meinen eigenen Kindertagen weiß, dass es eine grandiose Erkenntnis war, dass Blau und Gelb Grün ergibt, hake ich natürlich nach: „Und was passiert, wenn man Blau und Gelb mischt?“
Meine Tochter schaut nachdenklich aus dem Fenster. Offensichtlich weiß sie es nicht. Nach einigen Momenten schaut sie mich fragend an: „Vielleicht Glitzer“?
Glitzer! Wäre das nicht fantastisch, wenn Glitzer eine Farbe wäre, die man im Tuschkasten mischen könnte? Ist das nicht ein wundervoller Blick auf die Welt, wenn Glitzer eine Farbe ist? Wenn Glitzer eine Möglichkeit im Denken ist?
Es sind die letzten Tage der Epiphaniaszeit. Das Licht des Weihnachtssterns ist in den letzten Wochen blasser geworden. Längst hat der Alltag mich wieder eingeholt. Aus dem hellen Licht des Weihnachtssterns, der meinen Blick auf das Geschehen in der Krippe gelenkt hat; aus dem Licht, das mir noch vor wenigen Wochen gezeigt hat, wie Gott sich in den Körper eines Babys zwängt, ist nur noch Sternenstaub übriggeblieben – aber es ist Sternenstaub, der glitzert!
Was passiert, wenn man diese merkwürdige Welt mit Glauben vermischt? Vielleicht entsteht dann Hoffnung. Was passiert, wenn ich die Sehnsucht nach Frieden mit einem Gebet vermische? Vielleicht entsteht dann Wärme. Was passiert, wenn ich mein kleines Leben mit Gott vermische? Ich glaube, dann entsteht Glitzer.
Und so, sind wir das Licht der Welt. (Mt 5, 14)

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  Losungen

Losungen

Werner Busch, Pfarrer - 20.01.2023

Seit 292 Jahren gibt es die Losungen in gedruckter Form. Sie kennen vielleicht diese kleine blaue Büchlein, das für jeden Tag des Jahres zwei Bibelverse und ein Gebet oder eine Liedstrophe bietet. Angefangen hat in Herrnhut, jener kleinen pietistischen Siedlung in der Oberlausitz, heute östlichster Zipfel unseres Landes, nur 2 Stunden mit dem Auto von Prag entfernt.
Ende der 1720er Jahre wurde dort für jeden Tag ein Bibelvers als Parole für den Tag ausgegeben. Eine Anregung zum Nachdenken, zum Glauben und zur Fürbitte. Morgens ging dort in Herrnhut ein Mitglied der Gemeinschaft von Haus zu Haus, ein Besuch bei jeder Familie, und man unterhielt sich über Bibelverse. Abends berichtete dieser Bruder in der Tagesversammlung von den Gesprächen und man betete füreinander. Bald fing man an, diese Verse auszulosen, einer für alle. Einmal im Jahr gab und gibt es in Herrnhut noch heute eine feierliche Versammlung, in der dieses Losen für jeden Tag eines noch kommenden Jahres durchgeführt wird.
Kein Orakel, kein Zauberspruch, nur eine Parole, ein Motto. Ein zufällig ausgewählter Spruch. Nicht selbstgewählt, damit man nicht nur im eigenen Saft schmort und sich nur die Rosinen herauspickt, um sie zu essen oder – in meinem Fall – doch lieber zur Seite zu legen. Lass die Bibelverse so zufällig und kunterbunt kommen, wie sie gezogen wurden. Manchmal treffen die Verse einen Menschen mitten ins Herz. Als Trost, als Erfrischung, als Warnruf. Manchmal musst Du nachlesen, aus welchem Zusammenhang das eigentlich kommt. Gut, wenn eine brauchbare Bibel in der Nähe ist. Manchmal kommt es Dir auch verschroben, unverständlich oder schlicht nichtssagend vor.
Die heutige Losung ist sicher nicht unverständlich. Sie steht im 3. Buch Mose, also in denTiefen von Gebotssammlungen für Leben und Gottesdienst. „Wenn du deinem Nächsten etwas verkaufst oder ihm etwas abkaufst, soll keiner seinen Bruder übervorteilen.“ (3. Mose 25,14)
Nun möchte man wie damals in Herrnhut den Führungsetagen der Energiekonzerte einen Besuch abstatten und ihnen dieses Verschen genüsslich vortragen. Nicht überall herrscht gleiche Knappheit, aber überall stiegen die Preise in gleicher Weise. Dort würde man uns vielleicht sogar zustimmen und in die Ministerien schicken, in die Parlamente, in die Ausschüsse und so ginge es weiter.
„Wenn du deinem Nächsten etwas verkaufst oder ihm etwas abkaufst, soll keiner seinen Bruder übervorteilen.“ Güter und Dienstleistungen werden längst nicht mehr nur nach ihrem materiellen Wert und der investierten Arbeit bepreist. Nachfrage, Börsenwert, Weltpreis und gutes Marketing – vieles spielt mit.
Die Erinnerung daran, dass es im Wirtschaften möglichst fair zugehen soll, klingt vielleicht hilflos. Aber sie gehört trotzdem und gerade deswegen in unsere Zeit. Sie ist nicht überholt, denn diese Worten schützen ein menschliches Bedürfnis nach Fairness.
Übrigens: Die Losung funktioniert auch andersherum. Nicht nur als kritischer Zwischenruf gegen die Mächtigen. Sie wendet sich auch an uns als Verbraucher. Manches wird unter Wert verscherbelt. Milch zum Beispiel, der Markt drückt die Preise und Landwirte baden es aus. Auch in unserer Innenstadt gibt es Geschäfte, die Kleidung, Spielzeug, Kaffee u.a. zu Preisen erschwinglich machen, die zu irgendjemandes Schaden sind. „Wenn du deinem Nächsten etwas verkaufst oder ihm etwas abkaufst, soll keiner seinen Bruder, seine Schwester übervorteilen.“
Zu dieser Losung ist noch eine Ergänzung ausgewählt werden. Ein Vers aus dem Neuen Testament bestärkt oder erklärt die tägliche Losung. Der steht heute im 2. Korintherbrie und weist auf etwas bzw. auf jemanden hin. „Wir sehen darauf, dass es redlich zugehe nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen.“ (2. Korinther 8,21)
Redlichkeit vor Gott und den Menschen. Nicht nur im Herzen, nicht nur gefühlt und religiös. Redlichkeit muss auch konkret werden. Wir rühmen Aufrichtigkeit und ein waches Gewissen, eine verbindliche Art. Und lassen uns heute daran erinnern, dass die gesunde Balance in dieser Dreiecksbeziehung gefunden wird. Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du, und liebe Gott, der dich und jeden Menschen mit einem eigenen Gesicht und eigener Würde geschaffen hat.

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  Durch Finsternis zum Licht

Durch Finsternis zum Licht

Peter Kapp, Pfarrer - 18.01.2023

Das größte Landfahrzeug der Welt heißt einfach Bagger 288. Er wurde 1978 in Dienst gestellt und steht heute im Tagebau in Garzweiler. Von der Abbruchkante, die in diesen Tagen so viel im Fernsehen zu sehen war, kann man ihn sehen und hören. Sein Schaufelrad allein hat einen Durchmesser von 22 Meter. Er wiegt 13.000 Tonnen, ist so hoch wie der Kirchturm von St. Andreas und kann 240.000 Kubikmeter pro Tag abbaggern. Die Erde verschwindet förmlich in seinen riesigen Schaufeln. Wie ein Dinosaurier, ein Relikt aus alten Zeiten. Er steht für höher, schneller weiter, für eine damals neue Dimension in Fördermengen. Heute ist er ein riesiges Sinnbild für die Bedrohung unserer Erde, ein Zeichen für eine Form von Industrie, die eigentlich keine Zukunft mehr hat. Er frisst sich durch die Landschaft, lässt riesige Krater zurück, verwandelt die Erde in eine braune Mondlandschaft. Und dieses Ungetüm mit den beeindruckenden Ausmaßen fördert einen Rohstoff, der einst gefeiert wurde, der für Wachstum und Reichtum und Fortschritt stand und von dem wir heute längst wissen, dass er das Leben auf diesem Planeten ernsthaft bedroht und wir so schnell wie möglich aussteigen müssen aus dieser Form von Energieerzeugung.
Mich haben die Bilder von den Auseinandersetzungen rund um diesen Tagebau in der letzten Woche bewegt. Die Menschen, die dort friedlich demonstrieren, die sind ja fest davon überzeugt, dass eben diese Kohle, die dort noch lagert, zur Sicherheit unserer Energieversorgung nicht gebraucht wird. Studien unterstützen diese These. Formal ist der Konzern, der dort tätig ist, im Recht. Und zugleich ist klar, dass es eigentlich der Gesundung unseres Planeten dienen würde, wenn ab sofort so wenig Kohle wie möglich zur Energieerzeugung eingesetzt wird. Ein Dilemma. Wie so oft. Die uns anvertraute Schöpfung muss bewahrt werden. Wir müssen unser Tun und Lassen immer neu überprüfen. Wir müssen fragen, ob wir den Anforderungen, die eine gute und lebenswerte Welt an uns haben, noch gerecht werden können.
In diesen Wochen nach Epiphanias geht es um Licht. Um neue Erkenntnisse im Licht der Weihnacht. Die Jahreslosung ist wie eine hilfreiche Überschrift über dieses Jahr: Du bist ein Gott, der mich sieht. Wir dürfen sehen und hinsehen, wir dürfen Fragen stellen und nach den richtigen Wegen suchen. Damit wir nicht an den Abbruchkanten dieser Welt scheitern und in die Tiefe fallen. In einem Lied zu Epiphanias heißt es: Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, führ uns durch Finsternis zum Licht.

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  Nur mit Lippenstift

Nur mit Lippenstift

Henning Böger, Pfarrer - 17.01.2023

„Nur mit Lippenstift,“ sagt sie, Anfang zwanzig: „Ohne Lippenstift gehe ich nicht aus dem Haus. Niemals. Ich will ja leuchten.“ So ist sie, seit sie dreizehn ist. Damals wurde ihr klar, wie sie aussieht. Mit der großen Narbe im Gesicht. Als sie ein Kind war, hat sie sich verbrannt. Ein Unglück mit Folgen. Es sei zwar besser geworden, sagt sie, aber damals mit dreizehn war es schlimm. Am liebsten hätte sie sich für immer verkrochen. Oder die Haare über die Narbe gekämmt. Aber das ging nicht.
„Lippenstift geht", sagt sie. Als sie gemerkt habe, wie hübsch ihre Lippen sind,
da gingen ihre Eltern mit ihr zur Kosmetikerin. Die bot freie Auswahl: hell leuchtend, dunkel geheimnisvoll und so viel mehr. Sie habe damals in den Spiegel gesehen und
sich gleich gemocht, sagt sie. Die Wirkung sei bis heute verblüffend: Andere schauen
ihr ins Gesicht - und lächeln. Kaum jemand achtet mehr auf die Narbe. Die ist immer
noch da, aber: „Ich bin nicht nur die Verbrannte. Ich bin auch die mit den schönen Lippen!“
Leben bedeutet zuallererst: Gesehenwerden. Mensch bin ich, weil ich gesehen und geachtet werde. Und ich bin ein Mensch, der andere wahrnehmen und achten soll.
Leben ist immer Gesehenwerden - auch von Gott. Daran erinnert die biblische Jahreslosung für dieses noch junge Jahr 2023. Es ist knapper Satz aus dem ersten Mosebuch: „Du bist ein Gott, der mich sieht!"
Ich höre diesen Satz so: Das, was wir Menschen sind, die Persönlichkeiten, die wir werden im Laufe unseres Lebens, die sind wir immer im Blick der Liebe Gottes.
Gott weiß um das, was gut ist und gelingt, und sieht auch auf das, woran wir zuweilen schwer zu tragen haben, wofür wir manches mal weder Kraft noch Worte finden können. Gott zieht mit seiner Liebe in dieses Leben ein und er bleibt uns darin verbunden.
Sie ist jetzt Anfang zwanzig und studiert. Ihr Regal für Lippenstift ist größer geworden. Aber danach fragt niemand, wenn sie Besuch hat. Nur sie denkt daran, denn ohne Lippenstift geht sie nicht aus dem Haus. „Ich will ja leuchten“, sagt sie:
„Alle Kinder Gottes leuchten. Und ich bin eines davon.“

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  Du bist ein Gott der mich sieht!

Du bist ein Gott der mich sieht!

Peter Kapp, Pfarrer - 16.01.2023

Keiner will sterben
Das ist doch klar
Wozu sind denn dann Kriege da?
Herr Präsident
Du bist doch einer von diesen Herren
Du musst das doch wissen
Kannst du mir das 'mal erklären?
Keine Mutter will ihre Kinder verlieren
Und keine Frau ihren Mann
Also: Warum müssen Soldaten losmarschieren?
Um Menschen zu ermorden mach mir das mal klar…

Diese Worte stammen von Udo Lindenberg, 1981 hat er sie geschrieben, sie sind also inzwischen mehr als vier Jahrzehnte alt. Vor ein paar Tagen bin ich ihnen wieder begegnet und merke, wie sehr sie noch aktuell sind und die Sehnsucht nach Frieden in unseren Tagen treffen. Tragisch ist das eigentlich. Lernen Menschen nichts? Nach dem ersten Weltkrieg wurde 1920 der Völkerbund gegründet, nach dem zweiten Weltkrieg die Vereinten Nationen. Sicherheitsrat, Vollversammlung, zahlreiche Gremien. Und doch sterben Menschen auf beiden Seiten der Kriegsparteien, weinen Mütter und Väter und Kinder um Söhne und Töchter.
Wozu sind Kriege da? Die Frage wird offen bleiben, sie ist eines der vielen Rätsel, mit denen wir leben müssen, so scheint es. Wer hätte vor ein paar Jahren oder nur Monaten gedacht, dass die Bilder des Schreckens wieder aus Europa stammen, dass die längst vergessenen Bilder der Trümmerberge wieder so aktuell werden können?
In unserer Stadt arbeiten Schülerinnen und Schüler der Gaußschule gerade an einer Geschichts- und Erinnerungstafel für die 1870/71 in Braunschweig verstorbenen französischen Kriegsgefangenen. Wir wollen sie im März auf dem Friedhof aufstellen. Es ist mühsam, hier die Fakten nach einer solch langen Zeit noch ans Licht zu bringen. Vieles wurde vergessen, vielleicht manches auch besser nicht erwähnt. Nach mehr als 150 Jahren kümmert sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Teil seiner Bildungsarbeit mit jungen Manchen hier um Aufklärung und will damit dem Vergessen wehren. Das ist ein gutes Zeichen. Es dient dem Frieden. Andere Gedenktafeln stehen bereits auf unserem Friedhof und auch auf dem Stadtfriedhof. Es lohnt sich, diese Tafeln zu entdecken.
Die Jahreslosung dieses noch jungen Jahres lautet: Du bist ein Gott der mich sieht. Ein Gott also, der uns beim Namen kennt, der niemanden übersieht, bei dem jede und jeder ein Gesicht hat. Auch die, die in diesen Tagen sterben müssen, die oft in aller Schnelle beigesetzt werden, wenn überhaupt.
Auch wenn wir keine Antwort haben, müssen wir die Frage lebendig halten, die Udo Lindenberg schon vor mehr als 40 Jahren gestellt hat: Wozu sind Kriege da? Vielleicht gelingt es ja irgendwann doch, dass wir einander als Menschen begegnen und nicht mehr in den Krieg sondern in den Frieden ziehen.

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  Glück ?!

Glück ?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.01.2023

Vorgestern landete eine Anfrage auf meinem Schreibtisch ob ich bereit wäre, mich mit Vertretern anderer Religionen zu treffen und über „Glück“ zu sprechen. Ich bin ein bisschen skeptisch.
Die Frage nach dem „Glück“ scheint mir ein Hype zu sein. Es gibt jede Menge Definitionen und Anleitungen zum Glücklich-Sein. Die Google-Suchmaschine zeigt so viele Websiten an, dass sich in mir der leise Verdacht regt, dass es sich um eine riesige Welle handelt, denn, so lese ich:
„Jeder will es, kaum jemand hat es. … Trotzdem dreht sich unser ganzes Leben um Glück … Glück ist das letzte Ziel menschlicher Handlungen. Glück ist das einzige, worüber hinaus nichts anderes mehr gewünscht werden kann …“ Oder ein bisschen nüchterner: „Glück ist im Grunde nichts anderes als der mutige Wille, zu leben, indem man die Bedingungen des Lebens annimmt".
Glück ist systemrelevant.
Darum wird versucht zu messen, wer am glücklichsten ist und da wir uns schließlich jede und jeder selbst als unseres Glückes Schmied begreifen sollen, gibt es auch jede Menge praktische Tipps, von denen ich nicht weiß, ob
sie glücklicher machen.
Jedenfalls scheinen folgende Fragen, die ich nun beantworten möge, gut dazwischen zu passen:

1. Kann Religion heutzutage noch glücklich machen?
2. Was macht Sie glücklich innerhalb Ihres religiösen Spektrums?
3. Gibt es bestimmte Methoden / Rituale in Ihrer Religion, um Glück zu finden?
5. Welcher Glaubenssatz hat Sie zu Ihrem persönlichen Glück geführt?
6. Wie ist Glück in den jeweiligen religiösen Schriften verankert?

Diesen sechs Fragezeichen füge ich viele weitere hinzu und vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir. Vielleicht haben Sie aber auch Antworten.
Ich frage mich: Soll Religion überhaupt glücklich machen, ist das ihr Sinn? Sind Sie deshalb heute Abend hier? Suchen Sie hier Glück?
Vielleicht finden Sie hier einen geborgenen Ort oder einen hilfreichen Gedanken, gehen unter Gottes Segen heim. Dann könnten Sie Glück haben. Aber ist das Ergebnis religiöser Methode?
Ich denke, unser Glauben kann trösten und Orientierung schenken, Hoffnung erst recht, er kann Mut machen und unseren Blick weiser, er setzt uns in Bewegung. Ist das Glück?
Ja, schon. Denn so finden wir in ein erfülltes Leben.
Und nein, das hat nichts mit einem religiösen Spektrum zu tun oder mit einem Glaubenssatz, meinem Bekenntnis. Da halte ich es eher mit dem sumber warumbe der Mystiker – Glück ist „ohne warum“, wir können es nicht machen, sondern nur bestaunen. Und während ich das noch bewege sehe ich eine schöne Szene draußen: das fährt eine Frau mit ihrem e-Bike und ordentlichem Tempo und verliert etwas aus dem Korb. Ein Mann sieht es, hebt es auf und ruft. Aber sie hört es nicht. Da rennt er hinterher. Windschnell. Und holt das e-Bike ein.
Und dann ein Moment voller Glück: Sie, weil das Verlorene gefunden wurde. Er, weil er so schnell rennen kann.

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  Winterschlaf beendet

Winterschlaf beendet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.01.2023

Gestern ist unsere Schildkröte aus ihrem Häuschen rausgekommen.
Am 11. Januar! Mit blitzblanken Augen hat sie um sich geguckt und es würde mich nicht wundern, wenn sie gehofft hat, frische Erdbeeren vorzufinden oder doch wenigstens ein Löwenzahnblatt. Aber nichts dergleichen ist im Hause, wie gesagt: es ist Januar und da hält eine brave Landschildkröte normalerweise Winterschlaf.
Wenn es denn Winter ist.
Früher haben wir die Winterschlafkiste gedämmt und die Temperatur kontrolliert und gebibbert, dass die kleine Schildkröte weder erfriert noch verfault oder von Mäusen gefressen wird. Jetzt sind wir froh, wenn sie im Herbst den Stoffwechsel runterfährt und es kühl genug ist, dass er nicht anspringt und sie verhungert. Denn das kleine Panzertier gehört seit fast zwanzig Jahren zur Familie und ist als Vortester ein Garant für schmackhafte Tomaten, Gurken und Erdbeeren – was nach nichts schmeckt, lässt sie stehen. Weißkohl und Möhren verschmäht sie. Also gibt es Trockenfutter.
Es ist ja Januar.
Sie wird es überstehen. Sie ist kein Jungtier mehr. Aber ein Seismograph für die Klimakrise. In einem Kinderbuch könnte sie vielleicht Radio hören und wäre rausgekommen, weil im Wetterbericht eine Warmfront angekündigt wurde. Oder sie hätte sich aufgeregt als ein Interviewpartner auf die Frage nach der Berechtigung für die Besetzung von Lützerath gemeint hat, er wäre wahnsinnig stolz auf unsere Klimagesetzgebung und jetzt scheitere es nur noch daran, dass es dauern Protest gegen Windparks gäbe. Da sollten sich die Aktivisten lieber mal darum kümmern.
Schildkröten haben keine Hände, mit denen man sich die Augen reiben könnte. Sie können also nur friedlich protestieren gegen die zu hohen Temperaturen und den Winterschlaf abbrechen.
Und wir?
Was tun wir?
Über diesem Jahr heißt es: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Ich höre das auf viele verschiedene Weise. Eine könnte sein, dass er uns aus den Augen seiner Geschöpfe ansieht und uns erinnert, dass wir in Frieden miteinander leben wollten. Oder mit Dorothee Sölle: „Zärtlich dreht sich die erde / der kleine blaue planet / zur liebe geschaffen / auf unsere liebe wartend“.

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  Wie die Schafe...

Wie die Schafe...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.01.2023

Im Matthäusevangelium heißt es in dieser Woche: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe, darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“
Es braucht keine Sendung, um dieses Gefühl wachzurufen: denn zwischen den Mechanismen von Macht und Gewalt, angesichts der Krisen und politischen Radikalisierung fühlt man sich ohnehin deutlicher als irgendwem lieb sein kann wie ein Schaf: unbedarft, schutzlos, ungeeignet zur Verteidigung, nicht ernstgenommen - bestenfalls mit Lieferanteneigenschaften gesegnet.
Dass einem in solcher Haut nicht wohl ist - jedenfalls nicht unter Wölfen, braucht keine gesonderte Erklärung. Darum kann ich verstehen, wenn Menschen, denen es um etwas geht, versuchen, aus der Herde auszubrechen und nicht länger wie die Schafe hin- und hergetrieben werden wollen. Und ich ahne, dass die Wahl der Methoden dann einem Ritt auf der Rasierklinge gleicht.
Ob es so denen in Lützerath geht, die in Baumhäusern und Zelten verhindern wollen, dass der Braunkohletagebau erweitert und die letzten Häuser abgebaggert werden? Man sieht kommen, wie schweres Gerät ihre Trutzburgen und Barrikaden beiseiteschiebt und mit ihnen die Angst vor dem Klimawandel und die Wut über all die vertane Zeit, die ungefällten Entscheidungen nach den großen Klimaabkommen; es geht schließlich nicht nur um den Ausstieg sondern vor allem um den erfolgreichen Umstieg in eine andere nachhaltigere Energiewirtschaft.
So braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie schwer es ist, zu vermitteln zwischen Verzweiflung und Zorn, Sanftmut und Trauer.
So braucht es ungemeine Klugheit: um Gewalt zu vermeiden, die Gruppe zusammenzuhalten, Polizisten nicht zu verletzten.
So braucht es Lauterkeit und Klarheit, um sich nicht instrumentalisieren zu lassen.
Und nicht zuletzt brauchen wir Menschen, die dieses „es“ sein wollen und können, die klug sind wie Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Hoffentlich gibt es die auch in Lützerath und an all den anderen Orten in unserer Welt, an denen Krieg und Krisen Menschen auseinander und gegeneinander treiben.

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  Kranitz

Kranitz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.01.2023

Ich weiß nicht, ob Sie Kaus Kranitz kennen? Ich bin überhaupt keine Serienguckerin und deshalb niemals mit Empfehlungen vornedran, sondern werde immer von anderen vor den Fernseher geschoben (bis auf Downton Abbey natürlich).
Jetzt also „Kranitz“. Ein Paartherapeut bietet jeweils drei Sitzungen zum bescheidenen Vorzugspreis von 1500,00€ an – mit Geld-zurück-Garantie falls am Ende doch die Trennung ansteht.
Jede Folge widmet sich einem Paar und seinen allermeist ziemlich schrägen aber dann doch zeitgemäßen Problemen, Ärgernissen und Missverständnissen und es ist schon sehr witzig zu sehen, wie die diversen Schauspielerinnen und Schauspieler sich improvisierend in Ökofreaks, YouTuber und Verschwörungstheoretiker verwandeln und dabei den Beziehungscrash forcieren.
Der Therapeut hört zu, spiegelt, verteilt Schuld um und vor allem: er bestärkt seine Klienten in ihrem jeweiligen Irrsinn, so dass die weder an sich selbst noch an ihrer verqueren Weitsicht zweifeln. Frisch ermutigt und von sich selbst überzeugt, erscheint die etwas festgefahrene Beziehung und der schwierig gewordene Partner in neuem Licht. Keine Rede von Geld zurück.
Kranitz zuckt mal kurz, wenn Weltanschauungen oder Liebesspiele gar zu bizarr daherkommen aber er verkneift sich jede irritierte Reaktion. Sein Erfolgsrezept heißt: genau hinsehen aber nicht einmischen, nicht kommentieren, nicht urteilen.
Und so schaut man durch seine Augen auf sehr verschiedene Menschen und ihre Versuche mit dem Leben klarzukommen und schämt sich zugleich ein bisschen für die eigene Spezies.
Was wir erleben ist ein bisschen Nabelschau, ein bisschen Voyeurismus und jedenfalls ein Geschäft. Klug spielen die Serienmacher mit einer schlichten Einsicht: Ohne die Macht des Geldes, wäre der Ausgang all dieser Gespräche offen – wäre der Blick auf die Menschen ein anderer, trauriger vielleicht aber auch klarer, barmherziger.
Auch hinter der Jahreslosung steht ein Beziehungskonflikt. Es geht um ein soziales Gefälle und um Liebe, um unerfüllte Träume. Hagar flieht aus all dem in die Wüste. Dort lässt sie sich von Gott finden. Dort schöpft sie Mut für den nächsten Schritt, denn „Du bist ein Gott, der mich sieht“, der hinsieht.
Er entlässt Hagar nicht aus der Verantwortung.
Er erspart ihr nicht die Demütigung.
Aber er öffnet ihr eine Zukunft, die sich nicht darauf stützt, sich selbst zu belügen sondern bei der Wahrheit zu bleiben. Und wir sehen: Die Menschen der biblischen Geschichte sind nicht die besseren Exemplare unserer Art – aber sie werden anders angesehen.

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  Das alte Jahr vergangen ist

Das alte Jahr vergangen ist

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.01.2023

„Das alte Jahr vergangen ist“ – wir haben gerade die Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach gehört. Es ist eine ruhige Melodie, die eine mögliche Stimmung eines Jahreswechsels zum Ausdruck bringt: ein besinnlicher Blick zurück und ein vorsichtiger und vielleicht auch hoffnungsvoller Blick nach vorne. Das spiegelt auch der Text der ersten Strophe wider: „Das alte Jahr vergangen ist; wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du uns in so groß Gefahr bewahrt hast lange Zeit und Jahr.“
Schön, wenn man das überzeugt so singen kann. All jenen, die im abgelaufenen Jahr auch Schweres und Schmerzhaftes erleben mussten, werden diese Worte nicht so leicht über die Lippen gehen. Es ist tatsächlich schwer, dankbar zu sein für herbe Schicksalsschläge – zumindest, wenn die Wunden noch frisch sind und die Schmerzen noch stark. Oftmals brauchen wir Zeit, damit diese Wunden heilen und dann kann sich auch unser Blick verändern und wir erkennen im Nachhinein, dass auch vermeintlich Schlechtes seine positiven Seiten haben kann.
Dazu lässt uns der Choraltext allerdings keine Zeit, denn er verändert auf einmal seinen Duktus. Da wird aus dem ruhigen Danklied auf einmal beinahe ein reformatorischer Revolutionshymnus. Die dritte Strophe heißt in einer alten Textfassung: „Entzieh uns nicht dein heilsam Wort, welchs ist der Seelen höchster Hort: Vor Papst Lehr und Abgötterei behüt uns, Herr, und steh uns bei.“
Donnerwetter, da ja mal einer nun wirklich kein Blatt vor den Mund genommen. Da werden die päpstlichen Lehren und die Abgötterei im wahrsten Sinne des Wortes in einem Atemzug genannt und gesungen und es wird darum gebeten, dass Jesus uns vor beidem behüten möge. Bei einem ökumenischen Gottesdienst sollte man diese Strophe vielleicht lieber weglassen. Und überhaupt hat sich ja das Thema Ökumene hier bei uns ein Stück weit, man könnte fast sagen, in eine gute Richtung verselbstständigt.
Während der jüngst verstorbene emeritierte Papst uns Protestanten ja noch abgesprochen hat, eine eigene Kirche zu sein, funktioniert die Ökumene an Basis sehr pragmatisch und segensreich. So feiern katholische Glaubensgeschwister regelmäßig gemeinsam mit uns Gottesdienst und auch Abendmahl und ich finde: Das ist wirklich prima. Wir müssen auf das schauen, was uns verbindet und nicht auf das, was uns trennt. Und von diesem Verbindendem gibt es überreichlich – Gott sei Dank!
Und so schließt der Choral dann auch wieder versöhnlich mit Worten, die für alle Menschen gelten, die sich zu Christus gehörig fühlen: „Wir loben und wir preisen dich mit allen Engeln ewiglich. O Jesu, unsern Glauben mehr' zu deines Namens Ruhm und Ehr.“ So sei es. Amen.

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  Leitsterne

Leitsterne

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.01.2023

Wir kommen von Weihnachten her. Wir sehen das Licht in der Krippe und auch von den Weihnachtsbäumen im Hohen Chor leuchtet es warm zu uns herunter. Licht spielt an Weihnachten eine große Rolle, doch heute, am Epiphaniastag ebenso. Die biblischen Texte überbieten sich geradezu, was dieses Thema angeht. „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt“, lesen wir im 1. Johannesbrief. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“ schreibt der Prophet Jesaja und Paulus formuliert: „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“ Last but not least berichtet das Evangelium für den heutigen Tag von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Licht des Sterns gefolgt sind, um zum Kind in der Krippe zu gelangen.
Welchem Licht, welchem Leitstern folgen wir? Gibt es da diesen einen, in dessen Leuchten alles andere verblasst und nebensächlich wird? Oder sind es eher eine Vielzahl von Leitsternen, die unser Leben bestimmen, zwischen denen wir unseren Weg finden müssen und auf die wir je nach Lebenssituation und der Rolle, die wir gerade spielen, abwechselnd schauen?
Es ist nicht leicht, in einem solchen Lichtgewirr, sauber auf Kurs zu bleiben und manchmal bemerken wir erst sehr spät oder sogar zu spät, dass wir dem Falschen oder den Falschen nachgelaufen sind. Wenn die Karriere im Beruf und der schicke Sportwagen und das gut gefüllte Bankkonto unsere Leitsterne sind, dann werden wir irgendwann die Erfahrung machen, dass unsere Wahl nicht die beste war, denn wenn die wirklich existenziellen Fragen unseres Lebens den Wind etwas anfachen, dann pustet er diese Leitsterne aus wie eine Kerze im Sturm und wir finden uns im Dunklen wieder.
Das kann uns mit den Lichtern, von denen die Bibel heute spricht, nicht passieren. Sie funktionieren auf unserem Lebensweg besser als jedes Navigationssystem. Sie schenken uns eine universelle Orientierung, die tatsächlich auf alle und in allen Lebenssituationen passt.
Denn das Licht, an dem wir uns ausrichten sollen und dürfen, führt uns zu unseren Zielen über die Wege des Respekts, der Vergebungsbereitschaft, der Barmherzigkeit und der Liebe. Und es schenkt uns Erleuchtung, die uns davor bewahren kann, uns in dunkle Sackgassen zu manövrieren oder finsteren Gestalten hinterherzulaufen, die im wahrsten Sinne des Wortes zwielichtig sind. Mangel herrscht an diesen in unserer Zeit leider nicht.
Einer, der sich höchstpersönlich anbietet, unser Leitstern zu sein, ist Jesus Christus. Ich bin das Licht der Welt, sagt er von sich. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. Klingt doch ganz ordentlich, wie ich finde. Sich darauf einzulassen, ist allemal einen Versuch wert. Amen.

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  Ein Hobby?

Ein Hobby?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.01.2023

An der Krippe ist es ruhig geworden. Dir Hirten sind wieder bei ihren Herden und die Könige werden erst morgen eintreffen.
Maria und Josef sind allein mit ihrem Kind und teilen so die Situation von Eltern, die sich auf sich selbst gestellt finden …– alleingelassen mit den Fragen kindlicher Daseinsfürsorge als wären, so stand es am Wochenanfang in der Süddeutschen Zeitung, Kinder ein aufwendiges kompliziertes Hobby. Selbst schuld, wer glaubt, sich mit kleinen Menschen umgeben zu müssen.
Wer keine funktionierende Großfamilie in nächster Nähe, ausreichend Geld und Riesenglück beim Ergattern von Krippen-oder Hortplätzen hat, rennt von Job zu Job, schweißgebadet angesichts all der Infekte nach zwei Jahren Isolation mit Maske und Desinfektionsmitteln, in denen ein kindliches Immunsystem nichts trainieren konnte.
Wo es keinen Fiebersaft gibt, machen Eltern nachts Wadenwickel, wenn sie wissen, wie das geht. Wo es kein freies Bett im Krankenhaus gibt, wird manche bisher beherrschbare Krise zum lebensbedrohlichen Nervenkrieg.
Ist das Kind endlich genesen, beginnt alles von vorn. Eingewöhnung in die Kita, in der Erzieherinnen fehlen und kaum Zeit ist für individuelle Zuwendung. Schule in zu großen Klassen mit zu wenig Lehrerinnen…
Und alles immer auf dünnem Eis.
Ich könnte das noch lange ausmalen.
Die SZ hat recht, wenn sie schreibt, jedes Zucken von Elon Musk oder Boris Becker bekommt mehr Aufmerksamkeit, als der Notstand, in dem sich Familien mit Kindern befinden.
Dabei gilt, dass es Kinder, die hier unter uns geboren worden sind, sehr viel besser getroffen haben als die allermeisten auf dieser Erde. Wer denkt an das Lebensrecht eines Kindes in Afghanistan, wen kümmern die kleinen Menschen in den Flüchtlingslagern an den Rändern Europas, im Kriegsgebiet?
Maria und Josef werden noch eine Weile mit ihrem Kind unterwegs sein. Was zunächst nur eine staatliche Schikane war, wird sich nun zu einem Fluchtgrund ausweiten und es wird dauern, bis sie mit ihrem Kind einigermaßen normale häusliche Verhältnisse haben… -
Darum sollten wir uns von der Weihnachtsgeschichte nicht nur freundlich bescheinen sondern aufrütteln lassen, denn in dem Gotteskind begegnet uns jedes Kind. Und braucht uns – auch in unserem reichen Land auf beschämend dringliche Weise.

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  20*C+M+B+23

20*C+M+B+23

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.01.2023

Es ist eine schöne und eine, wie ich finde, wertvolle Tradition, dass Ihr, liebe Sternsingerinnen und Sternsinger zu Beginn eines jeden Jahres zu uns in den Dom kommt. Ihr habt uns gerade Eure Segensformel über die Tür geschrieben, unter der auch in diesem Jahr wieder einige Hunderttausend Menschen unseren Dom betreten werden. Und wenn diese vielen Menschen dann einen kurzen Blick nach oben werfen, dann werden sie daran erinnert, dass Gottes Segen sie auf ihrem Lebensweg begleitet. Das ist ein großes Geschenk.
Caspar, Melchor, Baltasar, das bedeuten die drei Buchstaben CMB in der Segensformel über unserer Domtür – nicht! Gerade wir Protestanten brauchen ja immer mal wieder eine kleine Erinnerung daran, denn nicht jede und jeder von uns hat diesen Segen über seiner Haus- oder Wohnungstür. Also erst einmal eine kleine Segenskunde:
Die Drei Buchstaben CMB bedeuten „Christus mansiom benedicat“ Christus segne dieses Haus. Der Stern zwischen der 20 und dem C ist ein Symbol für den Stern von Bethlehem, dem die drei Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. Hinter jedem Buchstaben ist ein Kreuz zu finden. Diese drei Kreuze sind ein Symbol für die Dreifaltigkeit Gottes, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Und, nun wir es ganz einfach, die 20 am Anfang und die 23 am Ende bilden die Jahreszahl 2023.
Die Sternsinger segnen unsere Häuser. Das ist großartig. Doch sie tun noch viel mehr. Denn sie werden durch ihr Tun selbst zum Segen für viele andere. In diesem Jahr lautet das Motto der Aktion: „Kinder stärken, Kinder schützen“. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind jährlich eine Milliarde Kinder physischer, sexualisierter oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Dem entgegenzuwirken, kostet Geld und dafür sammeln die Sternsinger. Asien ist dieses Mal die Schwerpunktregion. So wird beispielsweise die ALIT-Stiftung in Indonesien unterstützt, die jungen Menschen unter anderem in Präventionskursen Werte und Verhaltensweisen nahebringt, mit denen sie sich selbst besser schützen können: Zusammenhalt, Freundschaft, zuverlässige Beziehungen und respektvolle Kommunikation.
In der Sternsingerbewegung helfen Kinder Kindern. Und längst ist all das keine rein katholische Bewegung mehr. In vielen Gruppen sind auch evangelische Kinder mit unterwegs. Das ist gelebte Ökumene – pragmatisch, freundlich und im wahrsten Sinne des Wortes: segensreich!
Kurzum: Ein herzliches Dankeschön an Euch! Es ist großartig, dass Ihr unterwegs seid und uns heute hier im Dom besucht und ich bin mir sicher, dass Ihr den Segen nicht nur über die Türen schreibt, sondern dass unser großer Freund Euch auch mit seinem Segen bei Eurem Tun begleitet und sich über Euch freut. Amen.

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  Glück gehabt!?!

Glück gehabt!?!

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.01.2023

Glück gehabt – lediglich zwei durch Feuerwerk verletzte Menschen im Braunschweiger Klinikum, so war es heute in der Zeitung zu lesen – zwei von 250.000, naja, das geht ja noch. Bei letzten Böller-Jahreswechsel 2019 auf 2020 wurde in Braunschweig eine Frau im Gesicht schwer verletzt und ein Mann, den ich persönlich gut kenne, verlor ein Auge. Ja, da haben wir dieses Mal ja richtig Glück gehabt. Klar, die Feinstaubmessgeräte registrieren Höchstwerte, die Stadtreinigung muss tonnenweise Knaller- und Raketenreste entsorgen und so manches Tier ist total traumatisiert, aber irgendwie doch: Glück gehabt.
Weniger Glück gehabt haben hingegen ein junger Mann aus der Nähe von Leipzig, der durch Pyrotechnik ums Leben kam, der zweijährige Junge aus Unna, der durch einen Knallkörper schwer verletzt wurde, der Bewohner eines Hauses in Elmshorn, dass durch Feuerwerkskörper in Brand geriet und der dann an einer Rauchgasvergiftung starb und die anderen circa 8000 leicht und schwer Verletzten, die es dieses Jahr gab. Naja, man kann halt nicht immer Glück haben.
Dann soll man eben zu Hause bleiben, wenn einem das alles zu riskant ist. Ja, das ist durchaus eine Option, wenn man dann nicht derart vom Pech verfolgt ist, dass einem, wie dem genannten Elmshorner die eigene Bude in Brand gesetzt wird. Ach ja, und es ist auch keine Option für die Rettungskräfte der Sanitätsdienste, für die Feuerwehr und die Polizei, denn die haben schließlich Dienst.
Und wenn die dann in mehreren Städten in Deutschland, so auch in Peine gleich nebenan, mit Böllern und Raketen beschossen, oder so wie in Berlin gezielt in Hinterhalte gelockt und verletzt werden, dann haben die eben auch mal kein Glück gehabt – Berufsrisiko.
Ja, natürlich, das Problem sind nicht die Böller. Das Problem sind die Menschen, denen es an Verständnis, an Kontrolle, an Willen, an Hirn oder auch an einer Mischung aus all dem fehlt. Doch es bleibt eben festzustellen, dass es in 2020 und 2021, in denen das Böllern verboten war, nur einen Bruchteil von Ausschreitungen und Verletzungen und Toten gab, von der sauberen Luft zum Jahreswechsel mal ganz zu schweigen.
Und ja, die Ausschreitungen gegen Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei, sie sind ein deutliches Zeichen dafür, dass es noch viel zu tun gibt, unter anderem bei der Vermittlung unserer gesellschaftlichen Werte. Daran gilt es zu arbeiten, auf allen Ebenen. Und jene, die man bei den Ausschreitungen hat dingfest machen können, sollten die Konsequenzen durchaus auch spüren.
Vielleicht bin ich ja zu einfach strukturiert, aber es scheint mir eine zwingende Logik zu sein: Mit Böllern: Ausschreitungen durch Chaoten, Verletzte und Tote im ganzen Land - ohne Böller: weitgehend friedlicher Jahreswechsel – so bewiesen in 2020 und 2021. Das könnte man ja erst einmal so belassen, bis die anderen Probleme gelöst sind. Ich drehe doch bei einem Rohrbruch auch erstmal den Haupthahn zu und kümmere mich dann um die lecke Stelle. Und wer partout nicht weiß, was er mit dem nicht ausgegebenen Geld machen soll: Brot für die Welt ist immer eine gute Adresse.
Der Apostel Paulus schreibt: „So zieht nun an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.“ Vielleicht würden diese Werte in aktuellen Debatte ja weiterhelfen. Amen.

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  Du bist ein Gott, der mich sieht!

Du bist ein Gott, der mich sieht!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2023

Für jedes neue Jahr gibt es ein Bibelwort, so auch für 2023. Doch die Geschichte, aus der die Jahreslosung für 2023 stammt, ist komplex und sperrig. Da ist das kinderlose jüdische Ehepaar Abram und Sarai und da ist die ägyptische Sklavin Hagar, die zur Leihmutter gemacht wird. Durch ihre Schwangerschaft begehrt die Sklavin gegen ihre Herrin auf und die wehrt sich so massiv, dass die Sklavin Hagar flüchtet. Sie bricht auf zurück in ihre Heimat Ägypten. Doch dort kommt sie nicht an, denn unterwegs an einem Brunnen in der Wüste begegnet ihr ein Engel des Herrn. Und der geleitet sie nun nicht sicher weiter nach Ägypten in ihre Heimat und damit in die Freiheit, nein, er schickt sie dahin zurück wo sie hergekommen ist und sagt zu ihr: Demütige dich unter deine Herrin.
Erstaunlicherweise gehorcht Hagar. Aber sie geht nicht einfach so wieder zurück, wie sie gekommen ist. Hagars Lebenssituation hat sich durch die Begegnung mit dem Engel verändert. Sie ist Ägypterin. Sie wird an ihre ägyptischen Götter geglaubt haben, nicht an den Jahwe, den Gott der Juden, den Gott Abrams und Sarais. Und nun wendet sich dieser Gott ihr zu. Er schickt seinen Engel. Das ist im Übrigen überhaupt das erste Mal, dass Gott durch einen Engel zu einem Menschen spricht. Und es ist eine Frau, die überdies auch noch an andere Götter glaubt und nicht an ihn.
Hagar erkennt in dieser Situation, welche Gnade ihr zuteilwird, und sie nennt Gott beim einem Namen, der nun unsere Jahreslosung für 2023 ist: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“
Hagar, die Sklavin, von ihrer Herrin unterdrückt und übel behandelt, Hagar, die Sklavin, über deren Körper verfügt wird, wie über einen Gegenstand, sie erfährt Ansehen bei Gott – sie, die zuvor noch nicht einmal an ihn geglaubt hat. Gott sieht in ihr den Menschen, der Hilfe braucht, den Menschen, dem übel mitgespielt wurde, den Menschen, der aber auch selbst hochmütig gegenüber Sari war. Gott sieht den Menschen – und das genügt ihm, um sich Hagar zuzuwenden.
Dieser Gott, der sich Hagar zuwendet, ist auch unser Gott. Es ist unser Gott, der seine Liebe so wenig an Bedingungen knüpft, dass er sie sogar Menschen zuteilwerden lässt, die nicht an ihn glauben. Gottes Motivation speist sich nicht aus unserer Frömmigkeit, nicht aus der Anzahl spiritueller Höchstleistungen und auch nicht aus der Summe der von uns gezahlten Kirchensteuer. Gott sieht uns Menschen in unserem Leben und er sieht uns aus seinem Fokus der Barmherzigkeit und der Liebe.
Du bist ein Gott, der mich sieht – das können auch wir sagen, jeden Tag aufs Neue. Es ist ein Wort, dass wir uns gut an den Badezimmerspiegel kleben können, um damit in jeden neuen Tag zu starten, denn dieses Wort gilt immer und in jeder Lebenssituation. Gott sieht uns. Wir haben Ansehen bei ihm.
Das war in 2022 so, und das wird auch in 2023 ganz sicher so bleiben. Gott sei Dank! Amen.

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  Der Du die Zeit in Händen hast

Der Du die Zeit in Händen hast

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.12.2022

1937 schrieb Jochen Klepper für die Neujahrsausgabe der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ „Neujahrslied“. Obwohl er aus der Reichsschrifttumskammer seiner jüdischen Frau wegen ausgeschlossen worden war, reichte Jochen klepper den Text ein. Der Text missfiel, denn – so hieß es – „Deutschland darf bestimmt ein Neujahrslied in einem anderen, positiveren Ton erwarten…“ und so „knechtisch“ muss es nicht sein.
Glücklicherweise haben wir diese Denkungsart einigermaßen hinter uns. Vor allem aber: glücklicherweise ist Kleppers Gedicht nicht verlorengegangen, denn es ist keineswegs trüb und nutzlos, sondern begleitet seither viele Menschen zum Jahreswechsel.
Dieses Jahr höre ich es ganz besonders intensiv:
„Der du die Zeit in Händen hast, / Herr, nimm auch dieses Jahres Last /
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ / die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.
Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.
Der du allein der Ew’ge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt /
im Fluge unsrer Zeiten:
Bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, /
damit wir sicher schreiten.“
Es ist uns nicht immer - vermutlich sogar nur sehr selten - geschenkt, dass wir wirklich sehen, dass eine Last sich in Segen verwandelt. Aber hier haben wir das in diesem Jahr erlebt und am Jahresende manchmal gehört – so schwer die letzten Monate auch waren, so viele Nachrichten aus aller Welt uns auch beschweren mögen, so gibt es eine tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit in allem, was geht. Die Zeit rast nicht nur vorbei, unser Leben verschwindet nicht einfach nur, weil eben die Uhr abläuft – sondern es ist uns geschenkt zu sehen, dass es gefüllte Zeit gewesen ist.

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  Aktiv werden

Aktiv werden

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.12.2022

Der Vorfreude wird nachgesagt, dass sie die schönste Freude sein soll. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich persönlich kann mich wirklich von Herzen freuen, wenn das, was bei mir Vorfreude ausgelöst hat, endlich da ist. Klar ist es schön, sich auf den Urlaub zu freuen. Mit einer solchen Perspektive lässt sich manches leichter ertragen, weil die Vorfreude auf den Urlaub tatsächlich Kraftreserven mobilisieren kann. Aber trotzdem möchte ich dann irgendwann auch Urlaub haben, ihn genießen und mich daran freuen. Und diese Freude ist dann größer als die Vorfreude – zumindest bei mir.
Manchmal funktioniert das allerdings tatsächlich nicht. Dann wird Vorfreude nicht von weiterer Freude abgelöst, sondern von Enttäuschung. Das passiert immer dann, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, wenn das Hotel nicht hält, was uns der Reiseveranstalter versprochen hat oder Petrus dafür sorgt, dass der lang ersehnte Campingurlaub im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt.
Manchmal sind wir aber auch selbst schuld an unserer Enttäuschung. Denn obwohl es mit den Voraussetzungen zum Besten steht, schaffen wir es nicht, etwas daraus zu machen. Das Wetter ist super, der Strand traumhaft, die Unterkunft perfekt und dennoch laufe ich mürrisch durch die Gegend und lasse all das Schöne um mich herum unbeachtet links liegen.
In unserem Glaubensleben kann uns das ebenso ergehen. So muss sich das Christentum immer wieder anhören, dass die Menschwerdung Gottes ja schon eine tolle Sache sei. Doch nachhaltig verbessert hätte sich auf dieser Welt ausgehend vom Kind in der Krippe trotzdem irgendwie nichts.
Es wird sie wenig verwundern, aber ich finde, dass man das so nicht stehenlassen kann. Zugegebenermaßen ist Gott ganz offenbar nicht in diese Welt gekommen, um in den seit diesem Moment vergangenen 2022 Jahren immer und überall dafür zu sorgen, dass nur noch alles gut ist. Wer tatsächlich eine solche Erwartungshaltung hatte, und sich so voller Vorfreude auf das Wunder der Weihnacht gefreut hat, wird ganz sicher enttäuscht sein.
Die Hände in den Schoß zu legen, ist der falsche Ansatz. Wir sollen aus unserem Leben etwas machen, sollen dafür sorgen, dass alle Menschen auf dieser Welt ein gutes Leben leben können. Alles, was dafür nötig ist, hat Gott uns geschenkt und die Bedienungsanleitung in seinem Sohn vorgelebt.
Wir müssen es einfach nur umsetzen, indem wir Lebensmittel und Lebenschancen gerecht verteilen, uns vor Selbstüberschätzung hüten und so einander zum Segen werden. Und wir dürfen es tun als von Gott geliebte und gewollte Menschen.
Wenn wir das glauben dürfen und uns daran ausrichten, werden uns viele Enttäuschungen in unserem Leben erspart bleiben. Denn wir haben Gott an unserer Seite, der es gut mit uns meint, mit Ihnen und mit mir. Amen.

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  Weihnachtsfrieden

Weihnachtsfrieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.12.2022

Am Heiligen Abend haben wir hier im Dom um 23:00 Uhr die Christnacht gefeiert. Wir haben innegehalten im Schein von mehreren Hundert Kerzen, haben gebetet, gesungen und auf die alten Worte der Bibel gehört. Cornelia Götz hat in ihrer Predigt bewegend aufgezeigt, wie es ist, wenn der Frieden auf Erden fehlt. Nach Mitternacht sind wir dann unserer Wege gegangen, hinaus in die Heilige Nacht. Und rund um den Dom in den leeren Gassen des Weihnachtsmarktes war hundertfach zu hören, wie sich die Menschen „Frohe Weihnachten“ gewünscht haben.
„Frohe Weihnachten! Merry Christmas!“, so hörte man auch leise eine Männerstimme über das Feld rufen. Er konnte höchstens 200 m entfernt stehen, der Soldat hinter der feindlichen Linie. Weihnachten 1914, irgendwo an der Westfront. Stellungskrieg. Schreckliche Todesschreie hörte man dort täglich – es waren so viele, dass es den Soldaten vielleicht kaum mehr auffiel. Und nun auf einmal in dieser Nacht ein leiser Ruf: „Frohe Weihnachten! Merry Christmas!“ Der englische Soldat Frederick Heath träumte eben noch von zu Hause, als er auf der feindlichen Seite plötzlich ein Licht aufflackern sieht. Ein Flackern in der Dunkelheit! Ein Licht an der feindlichen Linie zu dieser Zeit, das war so selten, dass ich es gleich meldete.
Doch noch während er die Nachricht weitergab, ging an der deutschen Linie ein Licht nach dem anderen an. Und dann hörte er schon wieder diese deutsche Stimme. Ganz nah schien sie ihm, so nah, dass er sein Gewehr schussbereit hielt.
„Hello English soldier”, rief die Stimme, “English soldier, merry Christmas, merry Christmas!” Da war Angst, Angst vor einem Hinterhalt, einem Täuschungsmanöver. Was würde passieren, wenn er den Ruf erwiderte, wenn er dem Soldaten vielleicht sogar entgegenginge? Todesangst war der nächtliche Begleiter von Frederick Heath und dennoch war da noch etwas Größeres als diese Angst.
„Überall an unserer Linie“, berichtete Heath, „hörte man Männer, die den Weihnachtsgruß des Feindes erwiderten. Wie konnten wir dem auch widerstehen, uns gegenseitig frohe Weihnachten zu wünschen?“
In dieser Nacht fiel kein Schuss. Als die Dämmerung begann und der Himmel grau und rosa wurde, da sahen sie ihre Feinde stehen, außerhalb der Schützengräben. Aber sie kämpften nicht. Ganz im Gegenteil: Sie standen auf und riefen Segenswünsche herüber zu den Männern, auf die sie wenige Stunden zuvor noch geschossen hatten.
Als „Weihnachtsfrieden“ ging dieses Wunder von 1914 in die Geschichte ein: Es folgten gemeinsames Essen von englischem Christmas-Pudding, Singen von Weihnachtsliedern, Unterhaltungen mit Händen und Füßen – so gut es eben über die Sprachgrenze hinweg ging. Man zeigte sich gegenseitig Familienfotos.
Mitten im Krieg haben die Soldaten an der Westfront den Frieden von Weihnachten gefunden, und wenn es auch nur ein paar Stunden waren. Sie haben den Krieg damit nicht beenden können. Aber mitten in dieser Welt aus Gewalt, Leid und Tod war Gott spürbar, war das Kind in der Krippe ganz nah. Möge das uns Menschen ein Beispiel sein. Amen.

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  Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.12.2022

Na, wie geht es Ihnen denn so? Haben Sie alles vorbereitet für die kommenden Tage? Ich war gestern einkaufen und habe mich dann in der Kassenschlange gefragt, warum die Supermärkte eigentlich so voll sind und die Einkaufswagen der Leute ebenfalls. Schließlich fällt Weihnachten in diesem Jahr auf ein Wochenende und es gibt nur den Montag, an dem man nicht einkaufen kann. Warum also die vielen Menschen um mich herum? Doch dann fiel mir auf, dass ich ja auch mit einem ziemlich vollen Einkaufswagen an der Kasse stehe und somit selbst Teil des Phänomens bin.
Doch ich freue mich wirklich auf Weihnachten. Ich freue mich auf viele Gottesdienste hier in unserem Dom, auf Kerzenlicht und auf „O du fröhliche“. Und, auch wenn das komisch klingt, ich freue mich auf den Weg morgen Nachmittag hierher zum Dom. Es ist die Zeit dieser besonderen Ruhe. Die Geschäfte haben dann kurz zuvor ihre Türen geschlossen, in der Stadt ist es ruhig, die Straßen sind leer und die Stände auf unserem Weihnachtsmarkt haben die Läden heruntergelassen.
Nach und nach hört man die ersten Kirchenglocken, die zu Krippenspiel und Christvesper einladen und die Welt um uns herum wechselt ihr Gesicht – vom geschäftigen Vorweihnachtstrubel hin zur Ruhe des Heiligen Abends.
„Plötzlich hört man die Domglocken klingen, Große und Kleine fangen an zu singen. Der Heilige Abend ist schon ganz nah. Es freut sich nicht nur die Kinderschar“ – eine Strophe aus einem Lesergedicht aus unserer Lokalzeitung. Ja, auch das ist Weihnachten und ja, auch das soll und darf Weihnachten sein: Ein Fest, das wir einfach und unbeschwert schön und heimelig finden dürfen.
Es geht überhaupt nicht darum, mit einem möglichst frommen Gesicht durch die Gegend zu laufen. Es geht darum, dass wir erkennen, was Gott für uns gemacht hat: Er kam als Mensch in diese Welt, um einen neuen Bund mit uns zu einzugehen. Er will uns die Lasten von den Schultern nehmen und uns Freund und guter Wegbegleiter sein. Er hat uns lieb und er will, dass es uns gutgeht!
Gerade zu Weihnachten dürfen wir uns auch einfach mal hineinfallen lassen in diese Liebe, die Gott uns schenkt. Wir dürfen und sollen es genießen, dieses wunderbare Gefühl, getragen zu sein, von diesem Gott, der es gut mit uns meint. Und wir dürfen sie annehmen, diese Hoffnung, die uns vom Weihnachtsengel zugesprochen wird: Es sei Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Ja, so möge es sein. Frohe Weihnachten! Amen.

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  Gemeinschaft schenken

Gemeinschaft schenken

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.12.2022

Zu keiner anderen Zeit im Jahr ist Gemeinschaft so bedeutend. Zu keiner anderen Zeit im Jahr trifft man sich so intensiv, ja man kann fast sagen: so systematisch mit der eigenen Familie. Zu keiner anderen Zeit im Jahr werden Kontakte so konsequent gepflegt und auch wiederbelebt. Ich rede von Weihnachten. Vielleicht liegt es daran, dass die kleine Familie aus Maria, Josef und Jesus im Mittelpunkt steht, diese kleine Familie, die sich durch einiges durchzukämpfen hat, dann aber doch im Stall von Bethlehem ein Sinnbild von Zusammenhalt und Glück darstellt.
Vielleicht ist es aber auch unsere eigene Sehnsucht nach Harmonie, Vertrautheit und zwischenmenschlicher Wärme, die in uns zu Weihnachten diesen tiefen Wunsch nach Gemeinschaft erwachen lässt. Und wenn dieser Wunsch in uns nicht so ganz von alleine entstehen will, wird er von außen geweckt, einfach durch das, was um uns herum passiert, durch Gespräche mit Freunden und Bekannten, die über ihre anstehenden Familientreffen berichten und durch Film und Funk und Fernsehen ebenso. Wie dem auch immer sein mag: Weihnachten ist und bleibt das Fest der Familie.
Doch was machen die, die keine Familie haben? Was machen die, die bereits jetzt wissen, dass sie den Heiligen Abend und die Feiertage ebenso, allein verbringen werden, einfach, weil da niemand mehr ist, der zu Besuch kommen wird oder den man selbst besuchen könnte? Denn nicht nur Gemeinschaft gehört zum Fest, Einsamkeit ist ein ebenso großes und ein bedrückendes Thema.
Und es ist nicht nur die Einsamkeit an sich. Es ist eben auch das Gefühl, dass Weihnachten nicht funktionieren wird, weil es eben nur geht, wenn da Familie und Freunde um einen herum sind. Wenn ich Weihnachten alleine bin, dann mache ich etwas falsch, weil alle anderen es ganz bewusst so ganz anders machen. Und dann kommt zur Einsamkeit auch noch dieses Gefühl des Versagens und macht die Festtage zu einer beinahe unerträglichen Erfahrung.
Dem entgegenzuwirken hat sich der Verein „Silbernetz“* auf die Fahne geschrieben. Die Menschen dort wollen gegen die Einsamkeit im Alter etwas tun. Dort kann man anrufen – kostenfrei, anonym, unverbindlich und einfach mal 20 Minuten quatschen – über Gott und die Welt, über das Wetter, über Schönes und Schweres. Oder man kann sich auch anrufen lassen, bis zu dreimal die Woche von einem Silbernetzfreund oder einer Silbernetzfreundin. Ich finde es wirklich gut, dass es solche Initiativen gibt.
Noch besser allerdings ist es, wenn wir selbst die Augen offenhalten und mal in unserem direkten Umfeld, in unserer Nachbarschaft oder unserem weiteren Bekanntenkreis schauen, ob es dort Menschen gibt, die zu Weihnachten allein sein werden. Vielleicht klingeln wir dort mal, rufen an oder laden Menschen auf einen Kaffee oder einen Tee zu uns ein – warum eigentlich nicht ganz spontan am Heiligen Abend? Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Gemeinschaft zu verschenken kann eine große Freude sein – auf beiden Seiten. Amen.

*Silbernetz e.V., Tel.: 0800 4 70 80 90

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  Mache dich auf, werde licht!

Mache dich auf, werde licht!

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.12.2022

Wir haben die Talsohle erreicht, weiter nach unten geht es nicht. Wir müssen noch ein wenig aushalten und geradeaus gehen aber dann geht es wieder bergauf. Endlich! Sieben Stunden und vierzig Minuten liegen heute und in den nächsten Tagen in unserer Stadt zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Weniger geht nicht. Und dann, ab dem Heiligen Abend wird es täglich mehr, zunächst nur in kleinen Minutenschritten, später dann schneller bis wir uns im Juni an über 16 Stunden Tageslicht erfreuen können.
Ich erlebe die Dunkelheit draußen in diesem Jahr intensiver als sonst. Die Beleuchtung unserer Straßen und Häuser ist zurückhaltender als sonst. Wir alle haben uns auf die Fahnen geschrieben, Energie zu sparen, und das ist zweifellos auch gut so. Vielleicht liegt es aber auch an der allgemeinen Stimmungs- und weltpolitischen Lage, die dann doch eher bedrückt als erleichtert.
Wobei wir hier in Deutschland trotz durchaus spürbarer Einschränkungen immer noch Loge sitzen. In Kiew ist die Sonne heute um 15:55 Uhr untergegangen. Aber dort ist es jetzt richtig dunkel. In vielen Wohnungen gibt es nur verhaltenes Kerzenlicht und einen festlich beleuchteten Weihnachtsmarkt wie hier in Braunschweig um unseren Dom herum werden Sie in Kiew nicht finden.
Auch für die Menschen dort wird die Sonne wieder länger scheinen. Aber wird es tatsächlich auch heller? „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“ So lesen wir im Buch des Propheten Jesaja und wir verstehen dieses Wort auf Weihnachten hin. Unser Licht ist Jesus Christus und die Hirten damals in Bethlehem auf dem Feld haben erlebt, wie es ist, wenn die Klarheit und die Herrlichkeit des Herrn uns Menschen umleuchtet.
Doch kann es tatsächlich Weihnachten werden in den zerbombten, dunklen und kalten Städten in der Ukraine? Kann es Weihnachten werden, dort, wo Hunger und Elend das Leben bedrohen? Gott für all das die Verantwortung zuzuschieben, wäre ebenso einfach wie falsch. Es ist menschenverursachtes Leid, dass es an vielen Orten so dunkel sein lässt.
Menschen, wir Menschen haben es in der Hand, diese Dunkelheit zu beenden. Mache dich auf, werde licht! Ich verstehe diese prophetische Aufforderung so, dass sie für uns alle ein Impuls sein soll, endlich umzukehren und die Wege zu suchen, die zum Frieden und zur Gerechtigkeit führen.
Und wo wir aus eigener Kraft nicht weiterkommen, da können Gott um Hilfe bitten – damit er auch jene, die Kriege und Hunger beenden können, den Willen und den Mut dazu schenkt. Dafür wollen wir auch heute beten. Möge der Herr es hell machen in unserer Welt – nicht nur durch längeren Sonnenschein. Amen.

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  Auf die Werte kommt es an

Auf die Werte kommt es an

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.12.2022

Sehr prominent und umfangreich war heute in unserer Lokalpresse zu lesen, dass 2022 wohl ein Rekordjahr werden wird, was die Kirchenaustritte angeht. Dabei kommt die evangelische Kirche zwar um einiges besser weg als die katholische, hoch sind die Zahlen allerdings bei beiden. Außerdem merkten die beiden Redakteure raumgreifend an, dass es momentan sehr lange Wartezeiten bei den Standesämtern gäbe, bis man einen Termin zum Austritt bekommen könne.
Trotz der hohen Austrittszahlen, die alles andere als ein Grund zur Freude sind, konnte ich dem Artikel doch auch etwas hoffnungsspendendes abgewinnen. Es sind die Austrittsgründe. Denn die waren mit 80% die zu zahlende Kirchensteuer und die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche. Nun fragen Sie sich vielleicht, was daran hoffnungsstiftend ist. Nun, es ist der Umkehrschluss; denn nur knapp 17% gaben Glaubensgründe an. Und das ist, wie ich finde, erfreulich wenig.
Sicherlich wird es in den wenigsten Fällen den einen einzigen Grund für den Kirchenaustritt geben. Meist dürfte es eine Mischung sein und dann gibt es diesen einen Punkt, der den finalen Ausschlag gibt. Aber dennoch: Wenn man der Statistik und den Umfrageergebnissen glauben darf, dann haben sich die Menschen zwar von der Institution Kirche verabschiedet, vom christlichen Glauben und von christlichen Werten Gott sei Dank aber nicht.
Jemand, der keinen Hehl daraus macht, nicht in der Kirche zu sein, ist Gregor Gysi. Und doch sagt er: Ich möchte nicht in einer gottlosen Gesellschaft leben. „Eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, hätte verheerende Folgen.“ Denn, so Gysi weiter, sorgen die christlichen Kirchen dafür, dass es eine allgemeinverbindliche Moral gibt.
Schlimm wäre, wenn die Menschen, die aus der Kirche austreten, auch diesem gesellschaftlichen Konsens den Rücken kehren. Dann müsste uns in der Tat angst und bange um unser zukünftiges Zusammenleben sein. Ich finde es schon katastrophal genug, dass in einigen Regionen unseres Landes, Parteien, die Faschisten und Reichsbürger in ihren Reihen haben, in Umfragen an die 30kommen.
Doch gerade, weil die Stimmung in unserem Land so ist und eine immer stärkere Polarisierung und generelle Spaltung andeutet, brauchen wir mehr denn je die verbindende und friedensstiftende Botschaft, die vom Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem ausgeht. Wir brauchen Nächstenliebe, Solidarität und Respekt untereinander, damit wir auch durch schwierige Zeiten kommen, ohne, dass jemand auf der Strecke bleibt.
Ja, auch für mich ist die Institution Kirche nur die zweitbeste Kirche, die wir haben. Die beste ist die Gemeinschaft von Menschen, die sich von diesem Kind in der Krippe angesprochen, angezogen und geliebt fühlen und die gemeinsam so leben wollen, wie es uns dieses Kind, Jesus von Nazareth, vorgelebt hat. Und für all jene sind unsere Domtüren offen, damit wir hier Gemeinschaft haben – untereinander und mit Gott, der uns sieht und der uns liebt und der es wohlmachen wird mit Ihnen und mit mir. Amen.

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  Kann man ohne Kirche Christ sein?

Kann man ohne Kirche Christ sein?

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.12.2022

„Kann man ohne Kirche Christ sein? Es geht, aber es geht nicht lange.“ So beantwortet der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse diese Frage in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Und er fügt hinzu: „Das Überleben der Kirche ist wichtig für das Überleben der Demokratie.“
Es wird Sie wenig verwundern, dass er bei mir damit offene Türen einrennt, insbesondere mit dem letzten Satz. Es ist für mich offensichtlich, dass christliche Botschaft und unsere freiheitlich demokratische Gesellschaftsordnung nicht nur perfekt zueinander passen, sondern dass sie sich auch gegenseitig befördern, denn die beidem zu Grunde liegenden Werte sind sehr nah beieinander.
Es geht im Evangelium und im Grundgesetz um Menschenwürde und Menschenrechte. Jesus Christus und unsere Verfassung wollen dafür sorgen, dass Gerechtigkeit zählt und nicht das Recht des Stärkeren. Unsere Gesellschaft und Jesu Botschaft sind sich darin einig, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist.
Das ist schon einmal ein großartiges gemeinsames Fundament, doch auf der christlichen Seite gibt es noch eine nicht zu unterschätzende Zugabe: „Mit meinem lieben Jesulein will ich gar wohl bestehen, wenn ich mitten durch Not und Pein nach Gottes Will'n soll gehen. Was will mir dann wohl haben an
Welt, Teufel, Tod und Sünde? Beim Jesulein, dem Heiland mein, ich allzeit Rettung finde.“
So lautet die zweite Strophe des Chorals „Das Jesulein soll doch mein Trost sein“, dessen Bearbeitung von Johann Sebastian Bach wir gerade gehört haben. Zugegeben, der Text von Bartolomäus Helder klingt für unsere Ohren ein bisschen angestaubt und frühbarock verklärt. Der Inhalt passt aber sehr wohl.
Denn er drückt das aus, was wir im Glauben finden können: Vertrauen, solides und unzerstörbares Grundvertrauen darin, dass wir geliebt und gewollt sind und in Jesus Christus einen Wegbegleiter haben, der insbesondere daran niemals Zweifel aufkommen lassen wird.
An diesem Wochenende biegen wir in die Zielgerade des Advent ein. Ab morgen brennt die vierte Kerze, die uns anzeigt, dass es bald so weit ist und wir feiern können, dass Gott in diese Welt gekommen ist. Und das ist nicht nur eine gute Gelegenheit für ein Fest, es ist vor allem eine Einladung, das Leben miteinander zu teilen, sich, so wie ich es verstehe, auf eine freundschaftliche Beziehung zu diesem Jesus von Nazareth einzulassen.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, das verspricht er uns – ohne Einschränkung, ohne Bedingung, einfach, weil er uns mag. Und das ist es, was uns als Kirche im Inneren antreibt und auch zusammenhält. Und Hand aufs Herz: Warum sollten wir darauf verzichten? Amen.

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  Auf die Wege, die zum Frieden führen…

Auf die Wege, die zum Frieden führen…

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.12.2022

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von erneuten Hinrichtungen im Iran berichtet wird. Rechtstaatliche Prinzipien sucht man vergebens. Menschen werden festgenommen und ohne juristischen Beistand in Schnellverfahren abgeurteilt, wobei das Ergebnis der Gerichtsverhandlung vermutlich von vornherein feststeht. Den Menschen werden hanebüchene Vorwürfe gemacht, der schrägste ist für mich „Krieg gegen Gott“.
Da versteigen sich Menschen allen Ernstes dazu, jemanden mit dem Tod zu bestrafen, weil dieser angeblich einen Krieg gegen Gott geführt haben soll. Für mich ist das der Gipfel der Anmaßung überhaupt und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Erstens mal, und das ist nun kein Iran-spezifisches Thema, bin ich der Auffassung, dass niemand, aber eben auch wirklich niemand über das Leben eines anderen Menschen verfügen darf. Jedes Leben ist ein Gottesgeschenk und nur ihm ganz allein steht zu, es wieder zu sich zu nehmen. Es liegt einzig und allein in Gottes Hand.
Und zweitens: Von welcher Hybris muss man besessen sein, um zu meinen, man hätte den Auftrag, Gott mit dem Schwert zu verteidigen? Als ob Gott das nötig hätte! Er ist der Allmächtige und ganz sicher nicht darauf angewiesen, dass Menschen ihresgleichen ermorden, um ihn zu schützen. Ich werde ja nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es derselbe Gott ist, zu dem Muslime, Juden und Christen beten. Es ist der Gott Jakobs und der Gott Abrahams und der braucht keine meuchelnde Spezialeinheit in seinem Bodenpersonal.
Ohne Zweifel will Gott etwas mit uns Menschen zu tun haben. Und wie ernst ihm das ist und wie dicht er an uns heranmöchte, hat er uns im Kind in der Krippe eindrucksvoll gezeigt. Doch trotz aller Nähe darf unsererseits Gott gegenüber niemals die Demut verlorengehen. Und dazu gehört eben, dass wir das „Friede sei mit dir!“ nicht überhören dürfen, das Gott immer und immer wieder und unermüdlich in unser Leben hineinruft – nachzulesen in der Tora, im Koran und in der Bibel natürlich auch. Und vor diesem Hintergrund herumzulaufen und zu sagen: Ich bringe alle um, von denen ich denke, dass sie sich gegen Gott stellen könnten, ist ganz sicher eines: nicht in seinem Sinne!
Unser Gott ist der Gott des friedlichen Miteinanders, der Gott der selbstbewussten Toleranz und der Gott der Liebe. An diesen Maßstäben können und sollen wir unser Denken, Reden und Handeln überprüfen. Dann merken wir sehr schnell, was ein Beitrag zu einem guten Leben sein kann, für mich selbst und für meine Mitmenschen.
Und wenn ich mir unsicher bin, kann ich Gott fragen. Ich kann ihn nerven mit meinen Zweifeln, mit meiner Angst und meiner fehlenden Orientierung. Und er wird mich dann hoffentlich auf die Wege leiten, die zum Frieden führen. Denn da will er uns Menschen haben. Amen.

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  Vorbeidenken

Vorbeidenken

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.12.2022

Vor fast genau 80 Jahren schrieb der damals 37-jährige Dietrich Bonhoeffer aus seiner Gefängniszelle an seine Braut Maria von Wedemeyer: „Ohne schon die Hoffnung aufzugeben, dass sich die Dinge doch noch zu rechter Zeit zum Guten wenden, muss ich Dir nun den Weihnachtsbrief schreiben…“ Es waren noch ein paar Tage hin, aber nicht gewiss, ob er vor Heilig Abend nochmal Gelegenheit haben würde der Frau zu schreiben, die er liebte und so spät in seinem Leben gefunden hatte, dass ihnen kein Moment unter vier Augen vergönnt gewesen war seitdem sie sich verlobt hatten. Maria von Wedemeyer war viel jünger als Dietrich Bonhoeffer, noch keine zwanzig - aber sie haben sich gegenseitig tragen können. Ihrer beider Briefe sind ein Dokument großer Tapferkeit in schweren Zeiten.
Gott sei Dank ist es um uns herum nicht so dunkel wie wie damals, aber es steht schon im Raum, sich zu fragen, wie Weihnachten dieses Jahr geht, was wir sagen können, wie die unter uns es aushalten, in deren Leben Krieg und Tod eingebrochen sind.
Dazu gehört wohl mindestens zweierlei:
Maria schrieb am 13. Dezember 1943:
„Und nun kommt Weihnachten und Du bist nicht da. Wir werden getrennt und doch sehr beieinander sein… wir werden das FRIEDEN AUF ERDEN singen“.
Frieden auf Erden. Das ist der Kern der uralten Geschichte, das verbindet uns - wo und unter welchen Umständen auch immer wir sind. Und es braucht Alltagsweisheit. Darum antwortet er: „Lass uns Weihnachten feiern. Sei mit den anderen zusammen, so froh, wie man es nur Weihnachten sein kann. Male dir keine schrecklichen Bilder über mich in meiner Zelle aus, …Im Übrigen hoffe ich für die Feiertage ein schönes Buch zu finden … So ein klein wenig Vergessen ist doch neben dem anderen auch erlaubt. Erst muss man einen Kummer überwunden haben, dann muss man ihm vorbeidenken lernen und schließlich darf man ihn auch vergessen; aber die umgekehrte Reihenfolge wäre falsch.“
Walter Bonhoeffer, Dietrichs Bruder hatte diese Methode in seinem letzten Brief aus dem Lazarett beschrieben, ehe er 1918 gefallen war. Dietrich und Maria half es durch dunkle Momente in der Weihnachtszeit 1943.
Vielleicht ja auch uns?

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  Frieden ist noch immer möglich

Frieden ist noch immer möglich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.12.2022

Als ich fünfzehn oder sechzehn war, fand Franz Alts Buch „Frieden ist möglich“ den Weg in die Hände meiner Eltern. Irgendein Westbesuch hatte es, wie auch Dorothee Sölles „Aufrüstung tötet auch ohne Krieg“ mitgebracht. Dank diesem kleinen großen Mut - es sagt sich ja leicht, dass man sich sowas auch trauen würde, aber wer weiß, wie man dann entscheidet, wenn Gefahr ist, entdeckt zu werden, vielleicht nicht mehr reisen zu können…- ging das Buch bald von Hand zu Hand und wurde mitten im kalten Krieg zur Argumentationshilfe. Vierzig Jahre später, im Herbst diesen Jahres, erschien ein neuer Text von Franz Alt: „Frieden ist noch immer möglich“.
Er beginnt so:
„Mit dem Schreiben dieses Buches beginne ich am 9. September 2022. Heute vor 21 Jahren hatten islamistische Terroristen durch ihre Anschläge in New York 3000 Menschen getötet. Danach erklärte der damalige US-Präsident Georg W. Bush den „Krieg gegen den Terror“. Der Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger aus Tibet, schrieb ihm zu jener Zeit in einem Telegramm: Lieber Herr Präsident, auch Bin Laden ist unser Bruder.
Wie könnte die Welt heute aussehen, wenn der oberste Kriegsherr der USA diesen Hinweis verstanden hätte, wonach Gewalt immer zu neuer Gewalt und dadurch in eine endlose Gewaltspirale führt…“
Soweit Franz Alt.
Es ist bitter, wie recht er hat und wie verloren diese zwanzig Jahre sind.
Und doch ist die Hoffnung nicht verloren, dass es doch noch anders werden kann - erst recht jetzt, wenn wir uns auf den Weg zur Krippe machen. Die alten Propheten haben verheißen, dass der Friedefürst kommt; die Hirten und Weisen haben seinen Stern gesehen.
Wir zehren von diesen Weissagungen. Von dort kommen wir her. Das ist die Wurzel unserer Hoffnung. Und wir hören den Seher Johannes, der in seiner Offenbarung die Zukunft besingt, so wie sie über diesem Tag heute steht: „Ich sah eine große Schar aus allen Nationen und Völkern und Sprachen, die standen vor dem Thron und vor dem Lamm.“
Und das heißt doch: wir werden den Weg zum Frieden finden und ihn gemeinsam gehen.

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  Einmal kurz in den Himmel

Einmal kurz in den Himmel

Henning Böger, Pfarrer - 13.12.2022

Mutter und Tochter gehen vor mir durch die Fußgängerzone am Braunschweiger Damm. Die Große hält die Kleine fest an der einen Hand, in der anderen zahlreiche Taschen. Mama hat es erkennbar eilig. Ihre Tochter aber schlendert und trödelt, wie nur Kinder schlendern und trödeln können: mit tiefster Seelenruhe inmitten vorweihnachtlicher Eile.
Auf einmal bleibt das Kind stehen. Und es beginnt auf dem Straßenpflaster zu hüpfen: drei Platten auf einem Bein, dann zwei mit beiden, dann wieder auf einem:
Himmel und Hölle, ein Hüpfspiel, das wir als Kinder auch gespielt haben.
„Komm jetzt“, sagt die Mutter und will schnell weiter. Aber das Kind spielt, hüpft
und sagt: „Warte, Mama, nur noch einmal kurz in den Himmel!“ Da bleibt die Mutter
bleibt stehen und dann lacht sie auf: „Na gut. Du hast ja recht!“
Da ist sie: die Unterbrechung im Alltagsgalopp! Ein kurzer Moment nur, aber eben
ein Moment, indem das, was muss, warten muss, weil jetzt nur der Himmel wichtig ist, den man ganz leichtfüßig erreichen kann.
„Warte, nur noch einmal kurz in den Himmel!“ Das ist auch ein adventlicher Satz.
Ich höre ihn so: Es muss jetzt einfach auch Hoffnung geben! Mitten in diesen strengen Tagen, in denen viele krank sind und erschöpft, die Unsicherheit spürbar bleibt,
was da denn noch alles werden und kommen wird im Ukrainekrieg und in der Energiekrise. Auch wenn alles festlich glänzt und leuchtet, so leben wir in diesem
Advent doch weiter ganz nah am Schrecken dieser Welt.

Aber in all dem soll Hoffnung sein! Denn der Advent ist und bliebt Erwartungszeit.
In diesem Jahr vielleicht mehr denn je. Mitten im Trubel, in der Geschäftigkeit,
in den großen und kleinen Sorgen soll Hoffnung sein. Denn Hoffen heißt ja,
nicht nur auf das zu schauen, was uns fehlt. Hoffnung heißt auch, sich zu kümmern
und zu sorgen. Das einzusetzen, was wir können, um uns selbst und andere etwas
froher und gelassener zu machen.
„Warte, Mama, nur noch einmal kurz in den Himmel!“ Ja, so ein bisschen Himmel
geht immer. Für mich selbst und auch für andere!

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  Machen statt nörgeln!

Machen statt nörgeln!

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.12.2022

Kennen Sie diese Menschenkinder, die erst dann zufrieden zu sein scheinen, wenn sie selbst in der leckersten Suppe der Welt ein Haar gefunden haben? Ich bin ja im Grunde meines Herzens ein eher gutmütiger Typ, aber solche Zeitgenossen stellen auch für mich mitunter eine echte Herausforderung dar.
Da sitzt man im Konzert, ist versunken in wunderbare Musik und hört dann von schräg hinten: „Die Oboe ist viel zu dominant. Das muss der der Dirigent doch hören!“ Da steht man mit Freunden in geselliger Runde am Glühweinstand, und einer hört und hört nicht auf, über einen Zeitungsartikel zu referieren, in dem er darüber gelesen hat, wie selten doch die Putzlappen an diesen Ständen ausgetauscht werden. Anstrengend!
Was ein wenig tröstet: Solche Typen gab es schon immer, auch in der Bibel kommen sie zu Wort, zum Beispiel im aktuellen Wochenpsalm. Gott hat sein Volk gerade aus der jahrzehntelangen babylonischen Gefangenschaft befreit und aus dem Exil zurück nach Israel geführt. Die Israeliten haben ihre Freiheit zurück, nun gilt es die alte neue Heimat wieder aufzubauen und sich im neuen Leben einzurichten.
Doch anstatt Gott für die geschenkte Freiheit zu danken, reicht manchen das Maß an göttlicher Unterstützung nicht aus. Der Wiederaufbau dauert zu lange und kostet wohl auch zu viel Kraft und daher fängt man betend an zu nörgeln: „HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!“
Lieber Psalmbeter, möchte man sagen, von Ungnade kann ja wohl keine Rede sein! Ihr seid frei! Die Gefangenschaft ist beendet und ihr seid wieder zu Hause. Was wollt ihr mehr? Doch für eine solche Sicht der Dinge hat der Beter offenbar gerade nicht den Kopf frei. Denn er legt nach: „Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann?“
In einem Bibelkommentar wird diese Haltung als „geistliche Unzufriedenheit“ bezeichnet. Das ist kein Bitten und Flehen aus großer Not, denn die hat Gott ja bereits beendet. Es ist eher so ein nörgeliger Grundton, in dem man Gott sagt: „Danke, Herr, dass Du uns diesen schönen Konzertabend ermöglicht hast. Doch kannst Du jetzt bitte auch noch mal dafür sorgen, dass der Typ im Orchester nicht so laut Oboe spielt?“
Was das Kind in der Krippe angeht, treffen wir auch auf eine solche Haltung. „Ja, Gott ist Mensch geworden, aber wirklich geändert hat sich dadurch ja nicht wirklich etwas.“ Wenn man das so sieht, muss man sich allerdings auch fragen lassen, an wem das wohl liegt. Jesus hat uns gesagt und gezeigt, was wir tun sollen, damit alle Menschen auf dieser Erde ein gutes Leben haben. Er hat es uns gesagt und gezeigt und das nicht nur einmal. Wir müssen es einfach nur tun! Machen statt nörgeln. Das könnte ein Anfang sein. Amen.

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  Zurück in die Vergangenheit?

Zurück in die Vergangenheit?

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2022

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ „Nun kommt der Heiden Heiland.“ „Es kommt ein Schiff geladen.“ „Ihr lieben Christen freut euch nun, bald wird erscheinen Gottes Sohn.“ So beginnen vier Adventschoräle, die in unseren Kirchen in diesen Wochen landauf, landab gesungen werden. Es sind bewegende Lieder mit eindringlichen Texten und doch finde ich die Perspektive, die sie einnehmen, in einem Punkt schwierig. Alle diese Lieder erzählen davon, dass Gottes Sohn demnächst zu uns kommen wird und sie meinen damit nicht etwa seine Wiederkunft am jüngsten Tag, sondern Gottes Menschwerdung im Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem.
Doch dieses Ereignis steht ja nicht etwa unmittelbar bevor, das ist ja schon passiert und zwar ziemlich genau vor 2022 Jahren. Man könnte also sagen, dass wir, was unseren Wissensstand angeht, an den Liedtextern der Adventschoräle vorbeigezogen sind. Aber die wussten das doch auch. Warum also springen wir im Advent zumindest textlich immer wieder so weit zurück?
Nun, vielleicht deshalb, weil Weihnachten jedes Jahr aufs Neue eine gute Gelegenheit ist, sich die Bedeutung und die alles verändernden Kraft dieses Kindes in der Krippe bewusst zu machen, sich sozusagen immer wieder neu hineinzudenken in das Wunder der Weihnacht, mit frischem Anlauf und unvoreingenommen.
Klar ist Jesus Christus längst in dieser Welt, aber habe ich wirklich ermessen, was das für mich und mein Leben bedeutet? Wir haben Zeit, das noch einmal zu hinterfragen und zu überprüfen, in dem wir für einen kurzen Moment so tun, als stünde all das noch bevor, als wüssten wir zwar, was in Bethlehem passieren wird, doch es würde eben noch eine kurze Zeit dauern, bis es tatsächlich so weit ist.
Mit einer solchen Haltung laufen wir bei Gott ohne Frage offene Türen ein. Große Vergebungsbereitschaft ist eine seiner Charaktereigenschaften. Und konsequent daran anschließend ist, dass wir natürlich auch immer wieder die Möglichkeit für einen Neuanfang bekommen. Wenn wir gleich Abendmahl miteinander feiern, werden wir uns genau daran in besonderer Weise erinnern.
Unser Gott ist der Gott der zweiten Chance. Und es bedarf dazu nur unseres ehrlichen Eingeständnisses, dass wir Mist gemacht haben, verbunden mit der Bitte um Verzeihung. Gott ist bereit, ein ums andere Mal alles auf Anfang zu stellen. Und Weihnachten ist das Fest, zu dem wir alljährlich auf unsere Beziehung schauen können, die wir zu diesem Kind in der Krippe aufgebaut haben oder noch aufbauen wollen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ Amen.

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  Unterschiedliche Wegstrecken

Unterschiedliche Wegstrecken

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.12.2022

„Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn.“ So dichtet Paul Gerhardt in seinem Adventschoral „Wie soll ich dich empfangen?“ Sind Ihnen draußen auf dem Weihnachtsmarkt heute Nachmittag schon viele Menschen begegnet, die gerade dabei waren? Ich meine, wie sie sich mit Psalmen ihren Sinn ermuntert haben? Oder wurden Sie beim Ermuntern gestört? Manch einer versucht die Sinnesermunterung ja auch mit Glühwein zu erreichen; kann man machen, geht dann aber wohl doch eher in die falsche Richtung.
Zugegeben, Paul Gerhardts Text ist schon ganz schön fromm. Doch ich denke, dass wir nicht frustriert sein sollten, wenn unsere Art, uns auf Weihnachten vorzubereiten, eine andere ist – irgendwie eine Nummer kleiner als bei Paul Gerhardt. Bei ihm, davon können wir ausgehen, hatte das Kind in der Krippe einen festen und sehr geräumigen Platz im Herzen – unverrückbar und unzweifelhaft. Aus einer so gefestigten Glaubensposition heraus, kann man tatsächlich nur so texten. Alles andere wäre nicht authentisch.
Aber so sind wir eben nicht alle unterwegs, insbesondere im 21. Jahrhundert. Und daher verwundert es auch nicht, dass die Anzahl der intrinsisch Psalmen betenden Weihnachtsmarktbesucher eher überschaubar ist. Heißt das nun, dass es nichts wird mit uns und Weihnachten?
Ich verstehe den Advent, diese gut vier Wochen vor dem Fest, als eine Art Wanderung. Unser Ziel ist das Kind in der Krippe, in dem Gott zu uns Menschen kommt. Wir gehen auf das Kind zu und das Kind kommt uns entgegen. Wo man sich nun tatsächlich trifft, hängt natürlich und ganz maßgeblich davon ab, wie schnell wir sind und wie groß die Distanz ist, die es zu überwinden gilt.
Bei Paul Gerhardt war dieses Distanz kaum messbar. Er lebte ein Leben in unmittelbarer Gottesnähe. Er war wahrscheinlich schon am ersten Advent an der Krippe angekommen, vorfreudig, erwartungsvoll und vielleicht sogar ein wenig ungeduldig. Der Weg zur Krippe war für ihn kein Thema mehr. Er konnte sich mit vollem Einsatz um andere Dinge kümmern – zum Beispiel mit Psalmen die eigenen Sinne ermuntern, wir erinnern uns.
Doch manch einer wird auf Jesus an Weihnachten treffen, ohne, dass er oder sie auch nur einen Meter auf ihn zugegangen ist. Das Kind in der Krippe legt den Weg komplett alleine zurück und erreicht uns irgendwo in unserem Leben. Und es findet uns vor, vielleicht vollkommen überrascht, unvorbereitet und dennoch staunend.
Und wenn das dann so sein sollte, wenn uns der Geist der Weihnacht mit seiner Friedens- und Liebesbotschaft im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt, dann dürfen wir uns in einer Weise beschenkt fühlen, die ihresgleichen sucht. Amen.

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  Frieden und Versöhnung

Frieden und Versöhnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.12.2022

Heute Morgen gab es bundesweit eine großangelegte Razzia gegen eine bewaffnete Gruppe von sogenannten Reichsbürgern und Querdenkern. Neben Elitesoldaten gehört auch eine ehemalige Bundestagsabgeordnete der AfD zu dem Kreis, dem man Terror- und Umsturzpläne vorwirft. Konkret sollen Anschläge auf unsere Strom- und Wasserversorgung geplant gewesen sein, um bürgerkriegsähnliche Zustände zu provozieren in deren Verlauf der Bundestag gestürmt, die Regierung eingesperrt und durch eigene Leute ersetzt werden sollte – alles natürlich zum Wohle des Volkes.
Vor drei Tagen greift ein junger Asylbewerber in Illerkirchberg zwei Mädchen mit einem Messer an, die auf dem Weg zur Schule sind. Dabei kommt eines der Mädchen ums Leben. Diese Tat ist so unfassbar schändlich, dass es schon beinahe unmöglich ist, nach den Motiven für das Verbrechen allein nur zu fragen. Wenn wir angesichts dieser Tat tiefen Zorn gegenüber diesem Mann aus Eritrea empfinden, ist das ganz sicher nachvollziehbar. Aber unser Zorn sollte sich dann doch bitte nicht gegen die gesamte Ethnie richten oder womöglich gegen alle Asylbewerber insgesamt. Die können für diese Tat genauso wenig wie wir. Und nur, um das hier noch einmal in aller Klarheit zu sagen: Natürlich muss sich der Täter im Rahmen unserer Gesetze seiner Verantwortung für die Tat stellen.
Und doch kam aus bestimmten politischen Kreisen sofort die Frage nach der Nationalität des Täters und das mitunter in einer Weise, die sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hat, dass die Fragenden an den beiden betroffenen Mädchen kaum Interesse hatten. Ein Sündenbock muss her, auf dem es sich dann in populistischer Weise herumprügeln lässt, um Hass und Ausgrenzung zu fördern und weitere übelschmeckende Zutaten für das eigene politische Süppchen zu haben.
Ja, all das befördert nicht gerade adventliche Stimmung, das gebe ich zu. Doch es passiert in unserem Land, quasi vor unser aller Haustüren und die Gefahr, die sich aus solchen Entwicklungen ergibt, sie erlaubt nicht, dazu zu schweigen. Denn gerade für Kirche, gerade für Christinnen und Christen, sehe ich eine Verpflichtung, sich solchen Tendenzen und solchen Kreisen entgegenzustellen, die Menschen nach Wertigkeiten sortieren, die ganz bewusst Menschen gegeneinander aufbringen, die unsere Gesellschaftsordnung in Frage stellen, in denen die Würde und die Freiheit eines jeden Menschen über allem steht.
Die Würde und die Freiheit unserer Mitmenschen zu achten, das hat Jesus Christus uns vorgelebt. Und eine Differenzierung nach Herkunft und gesellschaftlichem Status ist dabei nicht zulässig. Das Kind in der Krippe, zu dem wir auf dem Weg sind, lehrt uns, wie wir anständig miteinander umgehen können und sollen. Gewalterfüllte Umsturzphantasien und Hassparolen finden wir bei ihm ganz sicher nicht. Er will, dass wir in Frieden und Versöhnung miteinander leben. Und dafür wollen wir auch heute beten. Amen.

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  Zum Nikolaustag

Zum Nikolaustag

Henning Böger, Pfarrer - 06.12.2022

Er riss dem Henker das Richtschwert aus der Hand und rettete Todgeweihte. Goldklumpen soll er heimlich aufs Fensterbrett einer armen Familie gelegt und so deren Töchter vor der Prostitution bewahrt haben. Eine hungernde Stadt versorgte er mit Korn, als er ein vorbeifahrendes kaiserliches Schiff mit Getreide anhielt, damit sich erst die Armen ihren Anteil holen konnten.
Viele Legenden ranken sich um diesen Menschen. Wirklich sicher ist nur, dass Nikolaus im vierten Jahrhundert lebte und Bischof von Myra war, einer Stadt am Meer in der heutigen Türkei. Als Sohn reicher Eltern soll er, der früh Waise wurde, sein Erbe an die Armen und Bedürftigen verteilt haben. Und weil er zu Lebzeiten so vielen half, wurde Nikolaus nach seinem Tod zu einem echten „Volksheiligen“.
Seefahrer, Kaufleute, Kinder und sogar Metzger wählten ihn zu ihrem Schutzpatron. Im Mittelalter tauchte Nikolaus dann als heimlicher Gabenbringer in rotem Bischofsmantel, mit Mitra und Hirtenstab auf - so, wie wir ihn heute noch kennen. Und bis zur Reformationszeit war das Fest des heiligen Nikolaus am 6. Dezember ein Tag der großen Bescherung für kleine und große Menschen. Erst Martin Luther führte, weil er die Heiligenverehrung ablehnte, das am 24. Dezember schenkende Christkind ein.
In keiner der wirklich vielen Erzählungen über ihn wird berichtet, dass Nikolaus seine Hilfe an irgendwelche Bedingungen knüpft. Er fragt nicht lange. Er fragt nicht nach dem Glauben der Menschen oder ob seine Güte vielleicht ausgenutzt wird oder ob sich seine Hilfe langfristig rechnet. Er sieht die Not anderer und greift ein.
So wird auch erzählt, wie er ein Schiff im Mittelmeer aus Seenot rettet. Er fragt nicht, ob es die Menschen überhaupt wert sind, gerettet zu werden. Er bewahrt sie einfach vor dem Untergang. So sollte es sein!
Heute ist der 6. Dezember, Nikolaustag, noch nicht ganz Halbzeit auf dem Weg durch den Advent. Es könnte der richtige Zeitpunkt, zumindest eine gute Gelegenheit sein, sich daran zu erinnern, was Bischof Nikolaus auf seine Art bezeugt hat: Dass Gott niemals fern ist. Dass Gott überall dort erfahrbar wird, wo wir Menschen einander mit Liebe begegnen, die sich niemand erst verdienen muss. Diese Liebe ist ein starkes Zeichen von Gottes Gegenwart.

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  Hoffnungszeit

Hoffnungszeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.12.2022

„Das Volk, das noch im Finstern wandelt – bald sieht es Licht, ein großes Licht. Heb in den Himmel dein Gesicht und steh und lausche, weil Gott handelt.“ Das ist die erste Strophe eines niederländischen Adventsliedes, das Jan Wim Schulte Nordholt geschrieben hat. Es passt, wie ich finde ganz besonders in diesen Advent 2022.
Vielleicht trügt mich mein Eindruck, doch ich finde, dass die Zeit in der wir leben, in ganz besonderer Weise geprägt ist von furchtbaren und grausamen Ereignissen und Entwicklungen, die ich, so meine subjektive Wahrnehmung, in dieser Intensität und Häufung noch nicht erlebt habe.
Da ist dieser Krieg in der Ukraine, der mit unfassbarer Brutalität geführt wird, in dem Hunger und Kälte und Vergewaltigung als Waffen eingesetzt werden. Der Hunger auf der Welt weitet sich insgesamt aus und auch in unserem so reichen Land sind immer mehr Menschen von Armut betroffen.
Heb in den Himmel dein Gesicht und steh und lausche, weil Gott handelt, schreibt Nordholt. Das ist leichter gesagt als getan. Es erfordert großes Gottvertrauen, doch auch das braucht Nahrung.
„Die ihr noch wohnt im Tal der Tränen, wo Tod den schwarzen Schatten wirft: Schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen.“ Das ist mehr als eine seichte Beruhigung, das ist ein Appell, ein Aufruf zum Durchhalten und zum Hoffnung schöpfen! Ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen!
„Er kommt mit Frieden. Nie mehr Klagen, nie Krieg, Verrat und bittre Zeit! Kein Kind, das nachts erschrocken schreit, weil Stiefel auf das Pflaster schlagen. Die Liebe geht nicht mehr verloren. Das Unrecht stürzt in vollem Lauf. Der Tod ist tot. Das Volk jauchzt auf und ruft: »Uns ist ein Kind geboren!«“
Das ist es, worauf wir warten: Dass es Friede werde auf dieser Welt und dass die Gerechtigkeit endlich siegen möge. Das Volk jauchzt auf! Wie wunderbar wäre es doch, wenn wirklich alles Volk auf dieser Erde dazu einen Grund hätte!
Es ist Advent und wir haben uns wie jedes Jahr in diesen Tagen auf den Weg gemacht, um uns dem Kind in der Krippe zu nähern, dem Kind, dass unser Leben verändern will, dass uns mit seinem Leben zeigt, wie auch unser aller Leben gelingen kann: Wenn wir unseren Nächsten lieben, wie uns selbst, wenn wir teilen, wenn wir helfen, wenn wir so einander zum Segen werden.
Ich will nicht aufhören, zu glauben, dass all das eine Chance hat. Ich will nicht aufhören zu glauben, dass Gott uns bei all unseren Schritten in diese Richtung ein guter Wegbegleiter sein will und dass er uns freundlich ansieht und uns unterstützt. Und dann haben wir tatsächlich eine Chance, dass es einmal so werden kann:
„Dann wird die arme Erde allen ein Land voll Milch und Honig sein. Das Kind zieht als ein König ein, und Davids Thron wird niemals fallen.“ Amen.

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  Mit dem Herzen warten

Mit dem Herzen warten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.12.2022

Bernhard Schneider, der uns zum Glück an der Orgel sitzt, hat für dieses Mittagsgebet eines der alten Adventslieder ausgesucht, das wahrscheinlich nur noch den sogenannten „Hochverbundenen“ vertraut ist: „Mit Ernst o Menschenkinder“ heißt es. Den Text hat vermutlich Valentin Thilo der Jüngere gedichtet. Er wurde 1607 in Königsberg geboren und starb dort 1662 nicht ohne einiges Andere gesehen zu haben. Als er dreizehn war, starb sein Vater an der Pest und wer wenigsten ein paar geschichtliche Daten im Kopf hat, dem ist bewusst, dass seine Lebenszeit mit dem Dreißigjährigen Krieg zusammenfällt- wer ginge da nicht ernst durchs Leben …
Und so heißt es denn auch:
"Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt, / bald wird das Heil der Sünder, der wunderstarke Held, / den Gott aus Gnad allein der Welt zum Licht und Leben / versprochen hat zu geben, bei allen kehren ein.“
Singend oder auf die Musik und den Text hörend, verstehen wir, dass es eine ernstzunehmende und bedeutsame Sache ist, mit dem Herzen auf Weihnachten zuzugehen. Denn das heißt ja, sich ganz ernsthaft darauf einzulassen, dass Gott unter uns Mensch wird, weil Gott will, dass nicht irgendwann jenseits der Zeit sondern jetzt und hier „Frieden auf Erden wird - bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Wir können unser Herz mit Nüchternheit verhärten, wenn wir das hören - wie gesagt, der diese Zeilen schrieb (das Lied wurde 1642 veröffentlicht) war ja Zeitzeuge eines unbegreiflich langen und schrecklichen Krieges, der ewig zu dauern schien. Viele viele Weihnachten sind seither gefeiert worden und noch immer ist kein Friede auf Erden. Aber wir müssen unsere Herzen nicht verhärten. Im Gegenteil:
Es gibt Grund von ganzem Herzen daran zu glauben und darauf zu hoffen, dass Frieden möglich ist. Darum heißt es weiter:
„Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; / macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst; / macht alle Bahnen recht, die Tal lasst sein erhöhet, / macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist, gleich und schlicht.“
Es gibt so viel zu tun und zu lassen. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir sind auch nicht ahnungslos. Wir sind nur noch lange nicht fertig, den Weg zu bereiten - wer weiß, ob wir wirklich schon angefangen haben? Ob wir verstehen, dass Advent nicht nur eine seelenvolle Zeit ist, sondern auch eine der Vorbereitung darauf, dass es wirklich anders werden kann - nicht weil wir überrumpelt werden von Kriegen und Krisen, sondern weil:
„Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht; / ein Herz, das Hochmut übet, mit Angst zugrunde geht; / ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, / das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.“
Wie gesagt, es kommt darauf an mit dem Herzen auf Weihnachten zu warten und zu hoffen - und das können wir nur mit dem Herzen, das wir eben haben, das manchmal kleinmütig und verzagt ist, manchmal zu schnell klopft und sich verstrickt, manchmal ganz groß und weit wird. Solches Menschenherz braucht in dieser Welt ernsthaft Hilfe und so schließt das alte Lied so:
„Ach mache du mich Armen zu dieser heilgen Zeit / aus Güte und Erbarmen, Herr Jesu, selbst bereit. / Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, / so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein.“

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  Frieden ist möglich

Frieden ist möglich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2022

Über dem neuen Monat heißt es bei dem Propheten Jesaja: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge hütet sie.“
Vor vielen Jahren habe ich bei einer Fahrt durch den Etosha-Nationalpark in Namibia gesehen, wie die Tiere am Wasserloch zusammenkommen. Es war ein erstaunliches Bild und auch wenn sich Hierarchie erahnen ließ - wir sind ja nicht im Paradies - so hatte es doch eine Anmutung dieses Bildes, von dem der Prophet erzählt, mit dem er uns sagt:
Frieden ist möglich. Hier unter uns. Nicht erst am Ende der Zeit.
Aber wann?
Aber wann?
Dörte Hansen erzählt in ihrem jüngsten Roman „Zur See“ vom Warten. Die Frauen der Seeleute warten. Sie warten sehnsuchtsvoll und geduldig, sie warten enttäuscht und zornig. Sie warten und darüber vergeht das Leben. Sie warten nicht vergeblich. Die Männer kommen zurück, meistens jedenfalls. Oft kommen aber nicht die, auf die sie gewartet haben - das innere Bild hat sich selbstständig gemacht. Die Wirklichkeit kommt da nicht mehr ran. Die Männer, die irgendwann zurückkommen, sind gezeichnet vom Leben und von der See … - sie sind nicht mehr jung und schön oder zärtlich.
Wer weiß, ob sie es je waren?
Vielleicht ist es so auch mit dem Frieden.
Vielleicht ist es so auch ist der Versöhnung.
Wir warten und warten, dass es endlich geschieht und malen uns Bilder aus.
Aber was wir erleben ist verbeult und verletzt, wir alle sind das irgendwie – und das kommt daher, dass wir immer noch glauben - ja, hoffentlich tun wir das! - dass Frieden unter uns möglich ist, dass Feinde beieinander wohnen und miteinander in Frieden leben können.

Ich komme eben von einer Tagung, auf der Menschen von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Spätsommer in Karlsruhe berichteten. 4000 Christen aus der ganzen Welt waren da beieinander und sind es geblieben, haben miteinander gegessen und gebetet, gesungen und um Worte gerungen - obwohl ihre Länder Krieg gegeneinander führen, obwohl die einen darunter leiden, dass die anderen sie ausbeuten, ihre Not ignorieren, ihr Schreien nicht hören, ihr Sterben nicht betrauern.
Es waren anrührende und erzürnende Berichte.
Und es gab ein Bild unter Tränen.
Da knien eine Kenianerin in der traditionellen bunten Kleidung ihrer Heimat und ein orthodoxer Rumäne nebeneinander und halten sich im Arm. So fallen sie nicht um. So wird Frieden.
Hier und jetzt.
Wir sollten uns diese Geschichten erzählen während wir darauf warten, dass der unter geboren wird, von dem gesagt ist, dass er der Friede ist und dass dann: „Der Wolf Schutz beim Lamm findet, der Panther beim Böcklein liegt. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge hütet sie.“

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  Welt-Aids-Tag

Welt-Aids-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.12.2022

Die Virusinfektion hat in unseren Breiten ihren Schrecken verloren. Sie ist mit den in den letzten Jahren neu entwickelten und verbesserten Medikamenten gut kontrollierbar und der Ausbruch der Krankheit lässt sich meist erfolgreich verhindern. Für die Betroffenen ist ein nahezu normales Leben möglich.
Nein, heute geht es ausnahmsweise mal nicht um Corona, heute ist Welt-Aids-Tag. Und tatsächlich ist das Leben mit dem HI-Virus aus medizinischer Perspektive kein großer Stress, wie Oliver es sagt, ein Student aus Nordrhein-Westfalen, der seit ein paar Jahren HIV-positiv ist. Es ist ein bedeutender wissenschaftlicher Erfolg, dass HIV kein Todesurteil bedeutet und dass auch die Ansteckungsgefahren unter der Therapie massiv reduziert werden konnten. Bei uns, in der westlichen Welt.
Ganz anders sieht es zum Beispiel in Afrika oder Zentralasien aus. Hier fehlt vielen Infizierten der Zugang zu den entsprechenden Medikamenten, was zum einen zu einer höheren Ansteckungsgefahr führt, zum anderen aber eben auch zum Ausbruch der Krankheit Aids, die auf Grund der schlechten medizinischen Versorgung häufig tödlich verläuft. Es hängt, wie so oft, wenn es um eine gerechte Verteilung von Lebensmitteln und Lebenschancen geht, auch hier maßgeblich am Geld.
Was hatte Oliver, der Student aus NRW noch gleich gesagt: „Das Leben mit HIV ist aus medizinischer Sicht kein großer Stress“ – aus medizinischer Sicht! Aus gesellschaftlicher Sicht ist es allerdings deutlich weniger stressfrei. Denn trotz aller medizinischer Fortschritte und trotz aller Aufklärungs- und Informationskampagnen begegnen HIV-Infizierte noch immer massiver Diskriminierung.
Da wird Kindern einer HIV-infizierten Mutter gesagt, dass sie zum Spielen mit anderen Kindern nicht willkommen sind. Da wird einer Frau in Berlin die augenärztliche Behandlung verweigert, da werden Betroffenen immer und immer wieder Schuldgefühle eingeredet.
Das liegt nicht daran, dass nicht ausreichend Informationen und Erkenntnisse über die vermeintliche Gefährlichkeit des Virus vorlägen. Das liegt daran, dass Vorurteile manchmal an uns Menschen kleben wie eine zweite Haut. Dem kommen wir nur bei, wenn wir uns selbst immer wieder kritisch hinterfragen, wenn wir prüfen, ob unsere Haltungen, Meinungen und Werte passen oder ob wir mal wieder in der Sackgasse unserer eigenen Selbstgerechtigkeit gelandet sind.
HIV-infizierte Menschen brauchen unsere Solidarität und unsere Fürsprache, damit ein Leben mit HIV eben nicht nur medizinisch stressfrei gelebt werden kann, sondern ein uneingeschränkt gutes Leben ist. Und mit dem Kind in der Krippe, zu dem wir in diesen Tagen unterwegs sind, ist Diskriminierung gleich welcher Art ohnehin nicht zu machen.
Als Christinnen und Christen sollten wir vielmehr die Betroffenen ermuntern, zu ihrer Infektion zu stehen und das anstrengende und unwürdige Versteckspiel zu beenden. Dabei können wir diese Menschen begleiten und unterstützen, auch durch unsere Spenden. Und wir können den Stammtischparolen und Falschwahrheiten entgegentreten, wo auch immer wir sie hören. All das jedenfalls, davon bin ich überzeugt, würde Jesus tun und dann kann es so falsch ja nicht sein.

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  Noch manche Nacht wird fallen

Noch manche Nacht wird fallen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.11.2022

Alexej Martynow ist 28 Jahre alt und arbeitet bei der Moskauer Stadtverwaltung. Sein Wehrdienst bei der russischen Armee ist viele Jahre her. Seitdem ist er Reservist. Er kann Verwaltung, ist Abteilungsleiter im Moskauer Rathaus. Krieg kann er nicht. Und dennoch wird er am 23. September einberufen und in die Ukraine geschickt. Zweieinhalb Wochen später ist er tot, erschossen im Donbass.
Die Toten von Putins Krieg lassen sich mittlerweile in Tausenden zählen. Doch was sagen schon Zahlen? Klar ist, dass sie einfacher über die Lippen gehen. Zahlen sind anonym. Sie haben kein Gesicht, keine Geschichte, keine Gefühle. Alexej Martynow hatte ein Gesicht. Er hatte ein junges Leben und ganz sicher hatte er Angst.
Die Grausamkeit und Verwerflichkeit von Krieg, Gewalt und Terror, sie werden greifbar und erfassbar, wenn wir uns aus der Abstraktheit lösen und auf einen Menschen sehen. Alexej Martynow wurde aus dem Leben gerissen, weil andere, weit weg von der Front, ihre kruden politischen Phantasien umsetzen wollen. Sie kalkulieren, sie rechnen mit Stückzahlen: Panzer, Raketen, Gewehre, Soldaten. Und wenn nicht genug von einer dieser Kriegsfaktoren zur Verfügung steht, braucht es Nachschub – in Form von Stahl, Treibstoff, Munition oder eben auch in Form von Menschenleben.
„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ So dichtet Jochen Klepper 1938 in einem Adventschoral. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld. Ja, das erleben wir tatsächlich. Menschen machen einander das Leben zur Hölle oder sie zerstören es sogar. Und in noch gesteigerter Perversität taten und tun sie es im Namen Gottes.
Und es sind immer einzelne, die Auslöser sind, die ihre oft gewaltsam erworbene Machtposition ausnutzen und andere ins Unglück stürzen. Und ich frage mich, was tatsächlich passieren muss, um dem ein Ende zu setzen. Aus eigener Kraft kriegen wir Menschen das offensichtlich nicht hin – das belegen über Jahrtausende gescheiterte Versuche. Bleibt uns, auf den zu hoffen und zu vertrauen, der uns mit seinem „Friede sei mit euch!“ Wege zu einem guten Miteinander aufgezeigt und vorgelebt hat.
Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her, schreibt Jochen Klepper. Wir sind auf dem Weg zum Kind in der Krippe, dass in seiner Schwachheit so stark ist, dass es die Dunkelheiten in dieser Welt mit Licht erfüllt. Wir sind auf dem Weg zum Kind in der Krippe, auch, um uns an ihm neu aufzurichten und auszurichten. Es kann und will uns helfen, dass es Friede werden kann auf dieser Welt. Dafür wollen wir arbeiten und dafür wollen wir beten.

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  Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus.

Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus.

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.11.2022

„Über den Advent in nachchristlicher Zeit“ war am vergangenen Sonnabend in unserer Lokalzeitung zu lesen. Es geht um die schwindende Bedeutung des Christentums in unserer Zeit und der Autor beschreibt den Grund und die „Geschichte vom Gastspiel des Gottessohns auf der Erde“ als „schwierig und für einen heutigen Normalverstand zu nebulös, wenn nicht gar konfus“.
Letzterem kann ich als überzeugter Christ nur zustimmen. Ja, es ist auch für meinen hoffentlich einigermaßen normalen Verstand schwierig, nebulös und konfus, dass sich da ein Gott auf den Weg macht, selbst Mensch wird, auf diese Erde kommt, um den seinerzeitigen und zukünftigen Menschengenerationen eine Vereinbarung für ein neues Miteinander anzubieten. Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus, dass sich Gott dann auch noch von diesen Menschen malträtieren und, wie unsere Zeitung schreibt, abschlachten lässt, nur um die Ernsthaftigkeit seines Angebotes zu untermauern.
Aber ist denn alles, was wir uns nicht erklären können, deshalb zwingend nicht existent. Können und vor allem dürfen wir alles, was über unseren Verstand geht, als schwierig, nebulös und konfus verwerfen? Ich bin da vorsichtig. Zunächst einmal würde ich meinen ganz persönlichen Verstandeshorizont niemals als das Maß aller Dinge bezeichnen. Doch völlig losgelöst davon habe ich Glaubenserfahrungen gemacht, die für mich greifbar belegen, dass es da etwas sehr Konkretes hinter meinem Verstehen gibt.
Ich bin vor einigen Jahren als fröhlicher Atheist getrieben von schlechtem Wetter zufällig in diesem Dom gelandet, stellte überrascht fest, dass es einen Abendgottesdienst gab und bin nach einer Stunde vollkommen verändert aus dieser Kirche gekommen. Dieses Erlebnis musste ich erst einmal einsortieren in mein Leben und ich hätte es anfangs nicht besser beschreiben können als als schwierig, nebulös und konfus.
Die große Geschichte Gottes mit uns Menschen und die kleinen Geschichten einzelner Menschen mit diesem Gott, sie sind nicht Mainstream, sie sind nicht leicht verdauliche Kost, eben, weil sie sich dem, was wir für logisch und erklärbar halten, entziehen. Sie bringen uns an unsere Grenzen, oder besser gesagt: Sie führen uns unsere eigene Begrenztheit vor Augen.
Diese Erkenntnis kann sehr ernüchternd sein, insbesondere für eine in dieser Welt anzutreffende Grundüberzeugung, dass wir Menschen alles wunderbar alleine im Griff haben und somit auf jede weitere Hilfe und insbesondere auf Gott sehr gut verzichten können. Um zu sehen, wie falsch das ist, reicht die Lektüre von ein paar weiteren Seiten besagter Braunschweiger Zeitung.
Der Glaube hilft, hierzu einen anderen Standpunkt einzunehmen und eine Haltung zu entwickeln, die uns offen sein lässt für die Zeichen von Gottes Gegenwart. Der Autor des Zeitungsartikels schreibt: „Ich finde Gott nicht. Ich kann ihn nicht finden. Auch das Glauben ist von Zweifeln angenagt.“
Ja, unsere menschliche Freiheit ist so groß, dass wir auch zweifeln können und zweifeln dürfen. Gott lädt uns ein, doch er drängt sich nicht auf. Er gibt uns Orientierung, aber er zwingt uns zu nichts. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass er da ist und mit uns etwas zu tun haben will. Und deshalb hat er es geschehen lassen, so etwas, wie die BZ es nennt, total abgefahren Irres und Übergroßes wie das Weihnachtswunder. Amen.

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  Wachet auf!

Wachet auf!

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2022

„Wachet auf“, ruft uns die Stimme der Wächter. „Wach auf, du Stadt Jerusalem!“ So beginnt der von Philipp Nicolai 1599 verfasste Choraltext. Max Reger hat die Melodie aufgegriffen und darüber eine große Fuge komponiert, die wir später von Hans-Dieter Meyer-Moortgat hören werden. Wachet auf – die Wächter wecken die Menschen, weil der jüngste Tag angebrochen ist, weil die Wiederkunft Jesu unmittelbar bevorsteht, weil es aufzubrechen gilt in Gottes Herrlichkeit. Nun ist es endlich soweit, das Warten und Hoffen und Bangen hat ein Ende. Wachet auf!
Wer wird uns wecken? Wir haben keine Wächter hoch auf den Zinnen und Türmen unserer Stadt. Laufen wir Gefahr, die Ankunft Jesu Christi zu verpennen? „Lasst eure Lenden umgürtet sein und lasst eure Lichter brennen.“ So mahnt uns Jesus im aktuellen Wochenspruch. Seid vorbereitet! Dann wird euch Gott zu Tisch bitten und ihr werdet selig sein, so verspricht er es uns.
Also mal sehr plakativ übersetzt: Wenn wir am Ende der Zeit, wenn wir am Ende unserer Zeit aus dem Tiefschlaf unserer Trägheit, unserer Selbstverliebtheit und unseres Desinteresses hochschrecken und dann hektisch und planlos versuchen, uns noch irgendwie zu präparieren und zu reparieren, was wir unser ganzes Leben lang haben schleifen lassen, dann wird das ziemlich schwierig.
Lasst eure Lichter brennen, heiß doch: Wartet nicht darauf, dass euch jemand weckt, sondern lebt euer Leben so, dass ihr jederzeit bereit seid, vor Gottes Thron zu treten. Erinnert einander und auch euch selbst jeden Tag aufs Neue an dieses „Wachet auf“!
Wachet auf und schaut auf all das Leid in dieser Welt und prüft, ob ihr helfen könnt, es zu lindern. Wachet auf und schaut auf Gottes Schöpfung und prüft, ob ihr ausreichend pfleglich mit ihr umgeht. Wachte auf und tretet denen entgegen, denen Menschenwürde und Menschenrechte egal sind. Wachet auf und lebt und betet für Frieden und Gerechtigkeit. Wachet auf!
Zu üppig? In der Tat ist das ein ganz schön dickes Brett, das es da zu bohren gilt. Es ist allerdings und Gott sei Dank niemals zu spät, damit anzufangen. Und dass wir bei all unserem Bemühen niemals perfekt sein werden, dass uns Fehler unterlaufen und wir dann und wann auch mal grandios scheitern, das wissen Sie und das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Und er hat ein großes Herz für unsere Unvollkommenheit.
Kritisch wird es, wenn wir die Hände in den Schoß legen und sagen: Sollen doch mal die anderen. Mich geht das alles nichts an. So hat Gott sich unser Leben nicht gedacht. Und darum: Wachet auf! Amen.

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  Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.11.2022

Vorgestern habe ich hier zur Weihnachtsmarkteröffnung gesagt, dass das Zeiten sind, in denen wir schmerzhaft lernen müssen, wie wenig selbstverständlich unser gutes Leben ist. Dass wir uns in Frieden und Freiheit auf einem leuchtenden Weihnachtsmarkt von Angesicht zu Angesicht begegnen können, ist ein kostbares Gut und anderswo unvorstellbar.
In Afghanistan, das von den westlichen Helfern letztes Jahr fluchtartig verlassen wurde, gilt inzwischen wieder ein Betretungsverbot für Frauen für Grünflächen, Sportstudios, Vergnügungsparks.
Ein Markt wie dieser rund um den Dom ist dort für Frauen tabu und also eine reine Männerangelegenheit.
Vor vielen Jahren erschien die erschütternde Geschichte der Shirin Gol.
Das Buch hieß: „Nach Afghanistan kommt Gott nur zum Weinen.“
Jetzt wird ER wohl in bitterliche Tränen ausbrechen angesichts all der verlorenen Hoffnungen, Mädchen- und Frauenträume von Bildung und Selbstbestimmung – ob ER seinen Rücken hinhält, wenn wie in diesen Tagen wieder geschehen, öffentliche Auspeitschungen stattfinden?
Heute ist der Tag gegen Gewalt an Frauen.
Das ist auch hierzulande ein großes Thema.
3500 Fälle registrierte die Polizei im letzten Jahr allein in Braunschweig.
Auch in meinem Dienstzimmer haben Frauen gesessen – erschöpft von dem Mut, überhaupt gekommen zu sein oder ohne Dach über dem Kopf, getrennt von den eigenen Kindern, die Maske und das Pony über blauen Flecken…
Es ist nicht lange her, dass wir hier im Dom die Geschichte aus dem Lukasevangelium gehört haben, in der vom ungerechten Richter und der Witwe, die immer und immer wieder kommt, um endlich Recht zu kriegen, erzählt wird. Undenkbar in Afghanistan, schwer vorstellbar hier - auch heute noch, dass die Rollen vertauscht wären…
Auch deshalb ist die Weihnachtsgeschichte, auf die wir jetzt wieder zuleben, so wundersam, denn Maria singt:
„ER hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“
Wir glauben und hoffen, dass ER auch ihre Erniedrigung sieht, ihre Entrechtung, ihre Verletzungen, ihr Sterben.
Ernesto Cardenal, der 2020 verstorbene Priester, Dichter, Revolutionär aus Nicaragua hat in einem seiner letzten Texte geschrieben:
„Bei geschlossener Tür kam er herein und sagte: Ich bin es / Habt keine Angst / Die Achtung vor dem Recht anderer ist der Friede.“
Und mit Dorothee Sölle, die mitlitt, kann man antworten:
„Eine dunkle decke, ausgebreitet die hoffnung der armen zu schützen / bis die nacht endet / bis die nacht endlich endet.“

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  Auf dem Weg zum Weihnachtsfest

Auf dem Weg zum Weihnachtsfest

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.11.2022

„Endlich wieder Braunschweiger Weihnachtsmarkt!“, so titelte heute unsere Lokalzeitung. Und es ist auch endlich wieder so wie früher – ohne Eintrittskontrolle, ohne Maskenpflicht, ohne Zäune und Absperrgitter. Die Stände kuscheln sich an unseren Dom, verbreiten warmes Licht, leckere Gerüche und vorweihnachtliche Musik. Der Weihnachtsmerkt ist gut besucht und hoffentlich werden die Betreiber nach zwei entbehrungsreichen und von viel Unsicherheit geprägten Jahren in fünf Wochen sagen können, dass es ein guter Weihnachtsmarkt war. Eines jedenfalls kann man schon heute an den Gesichtern der Menschen ablesen: Sie genießen es und das ist auch gut so!
Bei mir persönlich spüre ich allerdings noch ein gewisses Fremdeln. Irgendwie habe ich noch das „Dies irae“ aus Mozarts Requiem im Ohr, das am vergangenen Totensonntag so machtvoll den Dom füllte. Über dem Marienaltar leuchtete als Hoffnungslicht die Osterkerze und rechts und links davon die Kerzen, die an unsere verstorbenen Gemeindeglieder erinnerten. Das ist gerade mal vier Tage her. Und ich kann den Schalter in meinem Kopf nicht finden, mit dessen Hilfe ich von jetzt auf gleich zwischen „Dies irae“ und „O du fröhliche“ umschalten kann.
Unsere Altvorderen, die den Kirchenkalender gestaltet haben, hatten offenbar Verständnis für Leute wie mich, die im Kopf manchmal nicht so schnell sind. Ihr Entgegenkommen trägt den Namen Advent. Für mich ist diese Zeit, die am kommenden Wochenende beginnt, ein guter Puffer, in dem ich die intensive Thematisierung der existenziellen und letzten Fragen unseres Lebens langsam beenden und mich vorbereiten kann auf das Kind in der Krippe, das in so vielfältiger, wunderbarer und liebevoller Weise unser aller Leben verändern kann.
Den Weg dorthin dürfen wir fröhlich feiern, doch er verträgt auch Ruhe, Besinnlichkeit und Besinnung. Letztgenannte tut uns im Übrigen ganzjährig gut. Das Gegenteil von Besinnung ist Besinnungslosigkeit und die ist nun wirklich kein erstrebenswerter Lebenszustand.
Das warme Licht, dass uns in den kommenden Wochen entgegenleuchten wird – auf dem Weihnachtsmarkt, in unserer Stadt und in unseren Wohnungen – ist ein guter Wegbegleiter heraus aus dem Dunkel des Novembers, hin zur leuchtenden Klarheit des Herrn in der Christnacht.
Diesen Weg gilt es zu gehen, jeder und jede für sich, gerne aber auch in vielfältiger Gemeinschaft bei Weihnachtsfeiern, Adventsnachmittagen, Konzerten, Andachten und Gottesdiensten. Und als Wegzehrung sind der eine oder andere Glühwein, die Bratwurst oder die Tüte gebrannte Mandeln hierbei durchaus willkommen. Amen.

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  Weihnachtsmarkteröffnung

Weihnachtsmarkteröffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2022

„Sehr die gute Zeit ist nah…“
So haben es die Kinder gestern im Dom gesungen. Noch nicht ganz da. Aber nah. Während ich das schreibe sieht es draußen auch so aus: noch nicht ganz fertig, aber fast.
Und manch eine und einer wird denken: endlich ist alles wieder gut! Endlich wieder Weihnachtsmarkt, endlich trifft man sich vor den Buden und mit denen, die in den Buden stehen, wieder…
Das finde ich auch und erlebe es fast ein bisschen wie ein Familientreffen nach längerer Zeit, die an uns allen nicht spurlos vorübergegangen ist.
Gut, dass wir alle wieder da sind. Gut, dass wir uns in dieser Stadt wieder mal erleben als freundliche wohlwollende Nachbarschaft auf engem Raum.
Einerseits.
Und andererseits muss man sich ja innerlich im Spätherbst 2022 bisschen zurechtruckeln – auch wir haben über Beleuchtungskonzepte, Preise, Nachhaltigkeit, Infektionsschutz, parallele WM noch dazu in Katar, Glühwein und Schmalzkuchen während anderswo Krieg ist, diskutiert und uns entschieden – in der Hoffnung, dass es so, wie wir es nun machen, auch gut ist.
Das braucht Mut und Ehrlichkeit, einen geraden Rücken.
In der Süddeutschen hieß es heute Morgen mit Blick auf die verbotene Kapitänsbinde: „Zur Aufführung kommt eine regenbogenbunte Rechtfertigungsgesellschaft … je mehr man sich darin einübt, desto leichter fällt es, bis man am Ende die Grenze zwischen gut und gut gerechtfertigt kaum noch spürt.“ Davon kann sich niemand ausnehmen – wir müssen uns entscheiden, was wir gut finden und dann nicht moralisieren, sondern Haltung bewahren.
Ich finde den Weihnachtsmarkt gut und freue mich daran, weil es uns gut tut nach aller Vereinzelung und in aller Sorge um die Zukunft, beieinander zu sein und zu bleiben, sich bei einem Pott Glühwein zu erzählen, wie es geht, was man hofft und träumt, woran man sich freut und auch, was anders ist.
Und ich freu mich, dass der Dom mittendrin steht und die Türen offen sind, dass wir hier wieder singen können und darauf hören, was gut ist ohne dass wir Gründe finden müssen und erst recht, was so gut ist, dass auch alles andere von daher gut werden kann:
„Sehr die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde. Kommt und ist für alle da. Kommt, das Frieden werde… “ – mit der Betonung auf „alle“ und „Frieden.“ Wir alle können uns in Friedfertigkeit einüben, wir alle können für den Frieden beten. Weihnachtsmarkteröffnung ist kein Grund, das nicht zu tun – Im Gegenteil. Wir haben allen Grund dankbar zu sein, dass wir einen so freundlichen Abend miteinander verbringen dürfen und sollten die nicht vergessen, für die das nie selbstverständlich war oder nie mehr sein wird.
Darum lasst uns, ehe wir draußen die Weihnachtsmarkteröffnung feiern, gemeinsam für den Frieden beten, wie wir das hier jeden Mittwoch tun.

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  Traurig sein dürfen

Traurig sein dürfen

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.11.2022

Gestern war Totensonntag und wir haben hier im Dom wie an jedem Sonntag Gottesdienst gefeiert. Es ist immer wieder bewegend, wenn unter dem Geläut der Totenglocke die Namen der im vergangenen Jahr verstorbenen Gemeindeglieder verlesen werden. Es ist bewegend, für die Angehörigen jedoch auch schmerzhaft. Ist es gut, dass zu tun, obwohl in diesem Gottesdienst vielleicht Wunden wieder aufgerissen wurden, die gerade ein wenig verheilt waren? Sollte man nicht besser die Toten im wahrsten Sinne des Wortes ruhen lassen? Fragen, über die es sich zumindest lohnt, nachzudenken.
Der gestrige Sonntag trägt übrigens einen Doppelnamen. Er heiß Toten- und Ewigkeitssonntag und als solchen haben wir ihn gefeiert. Und ja, dazu gehört das Erinnern an jene, die Gott zu sich gerufen hat, an ihr Leben, an ihr Sterben und an die Leerstellen, die sie im Leben derer hinterlassen haben, die um sie trauern.
Trauern ist wichtig und es braucht Zeit. Natürlich ist Trauer kein Gefühl, in dem wir uns wohlfühlen und wir können mit allem Möglichen und Unmöglichen versuchen, die Trauer zu verdrängen. Wir können uns in Arbeit stürzen, durch die Welt reisen, unseren Kalender bis unters Dach mit Terminen zupflastern, um bloß keine freie Minute zu haben, in der wir Gefahr laufen könnten, dass wir ins Grübeln geraten.
Das klappt auch übergangsweise, doch es wird uns einholen. Zu trauern bedeutet auch, zu verarbeiten, zu sortieren, sich neu zu orientieren. Und wir brauchen Momente und Orte, an denen das geht. Hier in diesem Dom wird und wurde seit Jahrhunderten die frohe Botschaft Gottes für uns Menschen verkündigt. Hier wurde und wird aber ebenso lange auch getrauert. Hier dürfen Tränen fließen, hier dürfen wir unsere Verzweiflung, unsere Wut und unser Unverständnis vor Gott bringen und uns so innerlich Luft machen.
Gestern war der Tag, an dem all dies seinen Platz hat. Gestern war der Tag, an dem Angehörige aber auch sehen und erleben konnten, dass sie nicht allein sind. Es gibt auch andere, die einen geliebten Menschen verloren haben, es gibt aber auch eine Gemeinde, die da ist und so zu Ausdruck bringt, dass sie das Leid und den Schmerz sieht und bereit ist, ihn mitzutragen.
Und natürlich haben wir gestern auf Gottes Wort gehört, auf Jesu Zusage: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Es ist diese Hoffnung, die uns als Christinnen und Christen trägt, die uns tröstet und der wir uns anvertrauen. Und es ist diese Hoffnung, in der wir Gott für jene bitten, die uns vorangegangen sind: Lass es genau so sein! Amen.

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  Ein ganz normaler Donnerstag

Ein ganz normaler Donnerstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.11.2022

Wer weiß, wie es Ihnen geht – ich genieße es, wenn zwischen den Tagen, die solche starken Überschriften haben, wie zwischen Reformationstag und Buß- und Bettag, solche liegen, wie dieser heute. Nur ein Donnerstag.
Irgendwo wird jetzt ein Kind geboren und ein anderer Mensch schließt seine Augen, irgendwo verliebt sich jemand, irgendwo staunt ein Mensch wieviel doch möglich gewesen ist an diesem Tag.
Die Krähen schreien, es ist grau und nass, ganz normales Wetter eben, der Weihnachtsmarkt lässt sich ahnen, Zeit vergeht.
Aus dem 116. Psalm heißt es heute in den Herrnhuter Losungen:
„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Gutes.“
Verschnauf mal, schau dich um und lass den „nüchterneren Katastrophismus“ – mächtige Wortkonstruktion, die ich erst in diesem Herbst kennengelernt habe – für einen Moment beiseite. Sieh dem Leben ins Gesicht. Lies ein Gedicht.
Eins für den November – von Eva Strittmatter – klingt so:

Gegen November
Die Sterne sind schon winterlich. / Und auch die Mondscherbe ist kalt.
Novemberwind geht wider mich. / Und ich werd unaufhaltsam alt.
Wie häufig wird es jetzt November! / Wie nahe ist mir schon die Zeit,
Da alles, was geschieht, geschenkt ist. / Und schien doch gestern noch so weit.
Woran sich wärmen? Wie sich halten / Und sich ertragen? Ein Gesicht,
Versinkend mählich in den Falten, / Nur selten noch gefaßt von Licht…
Ich wehre mich, daran zu glauben, / Daß ich zu alt für Wunder bin,
Und daß die Bäume sich entlauben, / Nehm ich als Vorbedingung hin
Für einen Frühling ohnemaßen, / Den man im Winter wollen muß..
Und weiter über Sommerstraßen / Und wenn man will, gibt´s keinen Schluß.

Doch, natürlich wird es einen Schluss geben.
Aber zuvor Abend und Morgen, Weggehen und Wiederkommen, kleine und große Wunder, Gesten des Friedens, überraschende Einsicht, Licht aus Augen die dunkel und traurig waren. Abendsegen.

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  Buß- und Bettag

Buß- und Bettag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.11.2022

„Wenn du nicht aufwachst,
werde ich so unerwartet kommen wie ein Dieb.
Und du wirst nicht wissen,
zu welcher Stunde ich gegen dich vorgehen werde.“
Die Offenbarung des Johannes ist ein Buch voller Rätsel - aber eben auch ein Text, der ganz am Ende der Bibel davon erzählt, wie uns die Augen aufgerissen werden. Das ist allermeist ein schmerzhafter Prozess, der uns zwingt, etwas zur Kenntnis zu nehmen, was wir eigentlich nicht wissen wollen aber längst schon wissen können. Es ist ein Moment, der uns dessen überführt, dass es keinen Sinn hat, den Kopf in den Sand zu stecken, die Augen zu verschließen, weiterzumachen wie immer oder auf bessere Zeiten zu hoffen, die sich irgendwann von ganz allein einstellen werden - die es nie gegeben hat.
„Werde wach … denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden!“
Wer immer hier spricht, der rüttelt an uns, der hält nicht aus, dass wir uns nicht bewegen.
Werde wach!
Heute Abend beenden wir mit dieser Andacht die Friedensdekade.
Wir haben immer wieder Texte gehört, die uns mahnen, das Gebet nicht für vergeblich zu halten und Gott zuzutrauen, dass er die Situation ändern kann.
Letzte Woche haben wir da oben unterm himmlischen Jerusalem gesessen und mit Renke Brahms, dem ehemaligen Friedensbeauftragten der EKD versucht zu verstehen, was Friedensethik in unseren Köpfen und Herzen ordnen kann, ob das Festhalten an sauberer Ethik in einem schmutzigen Krieg überhaupt verantwortbar ist, welcher Logik, welcher Geschichtsdeutung wir folgen wollen.
Werde wach!!!
Heute ist Buß- und Bettag. Im alten Bußsakrament folgt aus der Zerknirschung des Herzens das Bekenntnis des Mundes.
Nicht nötig, mögen wir denken, wenn am Ende der Zeit ohnehin alles gesagt ist und alles offenbar wird. Doch unbedingt nötig, denn aus beidem - der leisen schweigenden Zerknirschung und dem hörbaren Bekenntnis vor Gott und den Menschen folgt die Umkehr.
Nur so kommen wir ins Handeln. Und das braucht unsere Welt jetzt!
Keine und keiner wird dabei frei von Schuld sein oder bleiben.
Wir alle sind verstrickt in die ungerechten Systeme, wir alle sind - weil wir Menschen sind - verführbar, inkonsequent, ungerecht.
Aber nicht nur das, wir alle sind auch die (so der alte Text), „die überwinden können, … die es wert sind.“
Die Offenbarung redet davon, dass solche Überwinderinnen mit weißen Kleidern angetan sind. Wer wollte sich da nicht der Frauen in Belarus erinnern, die wir vermutlich angesichts der Nachrichten dieser Tage längst vergessen hätten…
Wir sind fast am Ende des Kirchenjahres und schon schimmert die Hoffnung der kommenden Zeit auf. Aber: „Gib acht, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist.“ mahnt Lukas im Lehrtext dieses Tages.
Lass das, was wir jetzt aus Zerknirschung heraus bekennen und verstehen nicht hier im alten, sondern nimm es mit auf dem Weg zur Krippe hinein in das Neue, dass unter uns hier in dieser Welt werden will - andernfalls rennen wir falschen Lichtern, verlogenen Prognosen, bagatellisierendem Wohlstandsgefasel hinterher.
Mag sein, dass die Anfechtung in uns rumort, dass uns das Umkehren noch nie gelungen ist. Aber ist das nicht das unbegreifliche Wunder unseres Glaubens, dass immer und immer wieder neu der richtige Moment ist, den Kopf zu haben und anzufangen, wach zu werden, die Dinge beim Namen zu nennen und dem zu glauben, der sagt:
„Ja, ich komme bald“ und einzustimmen in die allerletzten Worte unserer Bibel: „Ja, komm!“

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  Erstaunliche Gnade

Erstaunliche Gnade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.11.2022

Am Anfang der Woche habe ich mich am Bildschirm festgesessen und die EKD-Synode verfolgt. Es gab Aussprachen zur Friedensfrage und zum Klimawandel, politische Andachten, nüchterne Analysen, kritische Debatte – und für mich das Gefühl, bei allem Gerumpel gern zu diesem Laden dazuzugehören. Solches Netzt hilft, klarer zu denken und gemeinsam zu tragen.
Am Dienstagmorgen hielt der katholische Ethikprofessor Markus Vogt ebendort ein Impulsreferat zur Klimakatastrophe. Er präzisierte Begriffe und zitierte schließlich eine Studie des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen): „Das kohlenstoffbasierte Weltwirtschaftsmodell ist auch ein normativ unhaltbarer Zustand, denn es gefährdet die Stabilität des Klimasystems und damit die Existenzgrundlagen künftiger Generationen. Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist daher moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit.“
Was für eine Parallele!!
Während ich noch daran knaupelte, schickte mir ein Kollege der Citykirchenkonferenz eine Erinnerung an 250 Jahre „Amazing grace“.
Hängt das zusammen?
Ja, in mindestens zweierlei Hinsicht:
Erstens sind es eben diese Verbindungen und Gleiczeitigkeiten, dieses sich Ergänzen, die bewusst machen, dass die Kirchen bei aller Verschiedenheit zu den globalen Playern gehören. Wir sind nicht ohnmächtig, sondern können einander an Erfahrungen teilhaben lassen, uns gegenseitig ermutigen und darin bestärken, mit dem konkreten Tun anzufangen auch wenn manches nicht Gesetz geworden ist.
Zweitens aber stellt die Geschichte des weltberühmten Freiheitsliedes „Amazing Grace“ – „Erstaunliche Gnade“ nicht nur den Link zur Sklaverei her, sondern erzählt von einer gleichermaßen langsamen wie radikalen Umkehr. Ein Beispiel, das wir dringend brauchen: John Newton, der „Amazing grace“ schuf, wurde 1725 in London geboren. Noch als kleiner Junge verliert er seine Mutter. Bereits mit elf Jahren kommt er zur Seefahrt, wird für ein Kriegsschiff zwangsrekrutiert und wechselt später auf ein Sklavenschiff. 1748 gerät er in schwere Seenot. Die Rettung daraus erlebt er als Wunder – aber sie verändert sein Leben noch nicht. Er transportiert weiter Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen nach Westafrika bis er es selbst nicht mehr aushält und Hafenmeister wird. Erst 25 Jahre nach dem Wunder auf See hat er verarbeitet, was geschehen war: "Einst war ich verloren, aber jetzt wurde ich gefunden; war blind, aber jetzt kann ich sehen", schreibt John Newton und nun zieht er Konsequenzen. Er schreibt ein Buch mit seinen Erfahrungen vom Sklavenhandel und benennt seine Scham, dabei mitgemacht zu haben – er dichtet „Amazing grace“.
20 Jahre nach seinem Tod wird die Sklaverei in England abgeschafft.
250 Jahre später geht sein Lied um die Welt.
„Erstaunliche Gnade.“ Und Wegweisung. Auch wir werden hoffentlich aus den Stürmen unserer Zeit weise. Endlich.

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  Warten auf das Reich Gottes

Warten auf das Reich Gottes

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 11.11.2022

Am Samstag vor 2 Wochen war es noch einmal sommerlich warm. Die Innenstadt von Braunschweig ist voller Menschen, die Cafes sind gut gefüllt. Ich bin auf dem Weg durch die Stadt. Beeindruckender mehrstimmiger Gesang lässt mich stehen bleiben. Vier junge Menschen, 2 Frauen, 2 Männer, stehen vor New Yorker und singen klangvoll und fröhlich musikalische Schätze aus ihrer Heimat in ihrer Muttersprache. Am Spendentopf steht ein das Schild: Stand with Ukraine- Viele Menschen bleiben stehen, viele erfreuen sich der hohen Sangeskunst des Quartetts und werfen ein Scheinchen in den Topf. Bei einem nächsten Lied wird auch auf meiner Seite mitgesungen – auf ukrainisch. Frauen sind stehen geblieben, sie singen mit. Die Hand auf dem Herzen, Schmerz und Stolz ist in ihren Gesichtern zu lesen. Und ich erkenne: Sie sind hier, die Betroffenen, von denen die Medien uns berichten. Sie suchen Halt, Frieden und Mitmenschlichkeit in einer Fremde, in die der Unfriede zu Hause sie geschickt hat zum Überleben. Mitten unter uns leben sie – mehrheitlich Frauen mit ihren Kindern, einem brutalen menschenverachtenden Krieg entflohen -primär um zu überleben. Nicht, um uns auf der Tasche zu liegen!
Die Folgen dieses ungerechtfertigten Krieges, sie sind auch hier zu spüren, wo wir nicht im Krieg leben - das Bewusstsein, dass Frieden fehlt aber immer größer wird. Gerade der Braunschweiger Dom weiß um seine Friedensverantwortung. Er ist auf dem Weg „ Nagelkreuzkirche“ zu werden, der engen Verbindung mit Coventry folgend. Sichtbare Zeichen von Solidarität und Friedenswillen braucht es dieser Tage; ebenso Vertrauen auf die Zusage des Reiches Gottes, das Jesu zentrale Botschaft für die Menschen seiner Zeit war.
Am letzten Sonntag stand eben diese Frage am Beginn des Predigttextes aus dem Lukasevangelium. Auch seinerzeit sind die Menschen verunsichert und haben mit Lebensumständen zu ringen, aus denen sie genau so gerne erlöst werden wollen wie wir Menschen hier und heute im November 2022. Der Evangelist Lukas bedient sich bei der Beantwortung eines alten Bildes. Er spricht vom „Tag des Menschensohnes“ der kommen wird mit folgenden Worten: “Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende bis zum anderen – so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“ Licht und Klarheit; ein neues Sehen und Verstehen dessen, was die Menschheit umtreibt und beschwert – diese Zusage verbindet sich mit der Gegenwart Jesu unter uns, mit dem Kommen des Reiches Gottes, das in der Bibel immer als ein Miteinander der Menschen in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt voreinander skizziert. Das Kreuz daran: der Tag, wann es kommt, steht nicht im Kalender. Es entzieht sich, wie vieles andere in diesen Zeiten, unserer Verfügbarkeit. Es bleibt ein Verheißenes.
Und so ist unser Auftrag als Christen und Christinnen, weiter in den benannten Spannungen zu leben: zwischen Himmel und Erde , mit einem belastenden Krieg und der Hoffnung auf Frieden, zwischen Verheißung und Erfüllung. Wir sind gerufen, die Sehnsucht nach Gottes Reich wach zu halten. Wir können die alten Geschichten von Gott unseren Mitmenschen erzählen… Das geht nicht nur in der Kirche!
Wir können unsere eigenen Geschichten mit Gott erinnern und im Vertrauen an andere weitergeben. Hören wir bitte nicht auf, mit Gott zu reden! Erzählen wir ihm ruhig unsere Zweifel, unsere Traurigkeiten, unsere Fragen Klagen wir ihm unsere Müdigkeit und die Beunruhigungen, die der Krieg in der Ukraine mit all seinen Folgen in unseren Herzen bewirkt. So halten wir unsere Sehnsucht nach Frieden wach und können dem Kommen des reiches Gottes den Weg bahnen unter uns. Niemand sagt, dass das leicht ist. Aber es ist unserem Stand als ChristInnen gemäß, weil wir auf Hoffnung hin in der Welt stehen. Und wir erfahren Stärkung und Verbindung im Abendmahl, in dem uns Christi Gegenwart zugesprochen wird.
So lange wir auf das Reich Gottes warten gilt auch. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Matthäus 18,20)

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  Selig sind, die Frieden stiften….

Selig sind, die Frieden stiften….

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 10.11.2022

In der letzten Woche habe ich mein Amtszimmer in Kisten gepackt und an seinen neuen Bestimmungsort umgezogen. Wie viele Dinge haben sich da angesammelt…Bücher, Handgeschriebenes, kirchenpädagogisches Projektmaterial, kleine und große Geschenke. Heiteres, Trauriges und Überraschendes aus 30 Jahren Amtszeit ist mir begegnet. Ich musste Dinge aussortieren und wegwerfen- gar nicht so einfach für eine bücherliebende Theologin und leidenschaftliche Leserin. Im vordigitalen Zeitalter geboren, gehörten Bücher immer kostbare G ich vorher hätte sagen können, Geschenke oder Anschaffungen.
Ich spüre wie eigenartig berührt ich bin als ich Bücher mit folgenden Titeln in die Hand nehme: Franz Alt, Frieden ist möglich- von 1983, Schwerter zu Pflugscharen- ein Bericht über die Friedensbewegung in der DDR , auch aus den 80er Jahren. „Zum Wesen des Friedens“- eine Schrift des großen Theologen Eberhard Jüngel… Wie lange ist das her, dass ich diese Bücher zumindest schräg gelesen habe? Erinnerungen an Tübinger Studienzeiten werden wach, an die Menschenkette, die bis Mutlangen ging gegen den Natodoppelbeschluß. Irgendwo liegt auch noch das lila Halstuch vom Kirchentag 1983…ein Nein ohne jedes Ja… Die großen FriedensdenkerInnen waren damals auf jedem Kirchentag zu Gast: Carl Friedrich von Weizsäcker, Erhard Eppler; sprachmächtige RednerInnen wie Walter Jens, Dorothee Sölle, Eberhard Jüngel und Jürgen Moltmann. Durch die Teilung Deutschlands als Folge des 2. Weltkriegs war dies Land verwundet, nicht heil und nicht im Frieden. Damals war ich Mitte 20.
Dann, 1989, DIE WENDE, Glasnost, Perestroika, Gorbatschow als Wegbereiter einer neuen Zeit. Der eiserne Vorhang fällt. In meiner Biografie, die schmerzlich geprägt ist von der deutsch-deutschen Teilung kehrt Frieden ein. Mein 1. Kind wird nach dem Mauerfall geboren, im Jahr der Wiedervereinigung 1990. 30 Jahre habe ich seitdem in Frieden gelebt hier in Deutschland- habe mich an ihm erfreut und leichtherzig 3 Kinder in die Welt gesetzt. Ich habe an den Frieden geglaubt, den Franz Alt 1983 für möglich erklärt hat.
Dieser Tage erkenne ich, wie sehr der Krieg, den Russland in der Ukraine führt, mein Inneres erschüttert; wie er mich traurig macht und unruhig, mitläuft in meinem Leben wie ein ständiges Brummen: Wie weit wird es noch kommen? Wie weit wird Putin noch gehen? Von Neuem sind wir als Christen und Christinnen gerufen, den Frieden nicht preis zu geben; ihm das Wort zu reden, seine Möglichkeit in das Licht eines Gottes zu stellen, an den wir glauben: in guten und in schweren Zeiten!
Ich habe diese Bücher nicht weggeworfen! An sichtbarer Stelle werden sie in meinem neuen Amtszimmer einen Platz bekommen: Zum Erinnern, Ermutigen und Festhalten, auch an dem, der gesagt hat:
SELIG SIND, DIE FRIEDEN STIFTEN, DENN SIE WERDEN GOTTES KINDER HEISSEN. (Mt.5,9)

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  keine Worte

keine Worte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2022

Gestern ist hier die Bachkantate BWV 109 erklungen: „Ich glaube, Hilf meinem Unglauben…“
Ich habe die Geschichte aus dem Markusevangelium, die zu diesem Text gehört, gelesen - es ging um einen jungen Mann, der von einem Geist der Sprachlosigkeit beherrscht wird.
Die Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit richtige Worte finden zu können, quält ihn entsetzlich und es scheint ihm niemand helfen zu können - weder Ärzte noch Eltern, auch die Jünger nicht.
Das allein ist erschütternd aber nicht aus der Welt.
Manchmal erahnen wir etwas von dieser Qual, wenn Menschen etwas Schlimmes erlebt haben, aber darüber nicht sprechen können. Sie quälen sich mit Alpträumen, wachen schreiend und schweißgebadet auf oder verlieren sich. Manche trinken. Manche rennen. Manche arbeiten sich zu Tode.
Alle schweigen.
Es gibt keine Worte, die beschreiben können, was man erlebt hat.
Es gibt keine Worte, die man noch einmal in den Mund nehmen möchte.
Es gibt keinen Frieden.
Vielleicht ist das der Grund, das Jesus sagt: diese Art kann man nur mit dem Gebet loswerden, nur in der Zwiesprache mit dem, der durch alle diese Not mit hindurchgegangen ist, der die Ohnmacht kennt und das Schweigen.
Auch in Gethsemane schliefen die Jünger - sie redeten nicht.
Seit gestern begehen wir hier - wie an vielen anderen Orten auch - die ökumenische Friedensdekade.
In ihrem Licht höre ich noch einen anderen Aspekt der alten Geschichte:
Vielleicht wird der Mensch auch von der Sprachlosigkeit geschüttelt, weil er weiß, wie gefährlich Worte sein können? In den Vereinigten Staaten herrscht Wahlkampf, Zeit einflussreicher und manchmal großer Rhetorik. Keineswegs alle Worte, die da jetzt laut werden, die um Macht und Wählerstimmen ringen, Gewalt, zunehmende Armut und steigende Preise anprangern, sind dem Frieden und der Wahrheit verpflichtet. Viele dieser Worte sind gefährlich, dienen dem Frieden nicht.
Gerard Minnard deutete am Reformationstag das Pfingstwunder als den Moment, in dem Menschen sich verstehen, weil sie alle sich der Sprache der Humanität bedienen.
„Friede sei mit Dir.“
Das ist mehr als ein Gruß. Es ist eine Hoffnung, ein Bekenntnis, ein Segenswunsch. Es ist ein Gebet.
Gegen die fehlenden und falschen Worte hilft nur das.

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  Ein anonymer Brief

Ein anonymer Brief

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.11.2022

In der vergangenen Woche erreichte mich hier am Dom ein Brief ohne Absender. Im Umschlag befanden sich vier Worte zum Alltag, die ich im August verfasst und hier im Dom im Rahmen der Abendsegen gepredigt habe. Der Briefeschreiber oder die Briefeschreiberin hat sich mit den Texten intensiv ausgesetzt, diverse Kommentare, Fragezeichen, Ausrufungszeichen, Unterstreichungen und sonstige Markierungen hinzugefügt.
Beim Lesen war ich hin- und hergerissen. Manche Anmerkungen habe ich nicht verstanden, andere haben deutlichen Widerspruch bei mir ausgelöst, über wiederum andere hätte ich gerne gesprochen, um auszuloten, ob ich missverstanden wurde, wie die Meinung des Lesers oder der Leserin dazu ist oder um zu sagen, dass ich das eine oder andere ganz genauso sehe.
Ich finde es schade, dass ein solcher Austausch nun nicht möglich ist, da, wie schon gesagt, das Schreiben anonym versandt wurde. Und ich habe mich gefragt, warum. Wollte der Absender einfach seine Gedanken zu Papier bringen und hat sich deshalb die Mühe gemacht, diese vier Andachtstexte so sorgfältig zu bearbeiten? Könnte so sein, doch dazu wäre Anonymität gar nicht nötig gewesen. Ein kleiner Zusatz gereicht: „Ich wollte das nur mal loswerden. Eine Antwort ist nicht erforderlich.“
Oder wirke ich hier vorne so unnahbar, dass die Schwelle, mich anzusprechen oder auch unter Namensnennung anzuschreiben, zu hoch ist? Das würde ich sehr bedauern. Mein persönlicher Anspruch ist es, erkennbar auf dem Teppich zu bleiben und über meine persönlichen Glaubenserfahrungen zu sprechen und sie mit Ihnen zu teilen.
Unabhängig davon besteht bei anonymen Briefen auch immer die Gefahr, dass sie ungelesen ins Altpapier wandern, weil Anonymität eben auch dafür missbraucht wird, Beleidigungen und Drohungen loszuwerden, was sich die Absender eben nur trauen, wenn sie unerkannt bleiben. Das war bei meinem Brief definitiv nicht der Fall und so habe ich noch immer den Wunsch, den Absender oder die Absenderin mal kennenzulernen, um ins Gespräch zu kommen.
Der Apostel Paulus schreibt: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht, alle, die daran glauben.“ Dieser Satz spricht mir aus dem Herzen. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit anderen Menschen über Gottes frohe Botschaft ins Gespräch komme, darüber, wie sperrig sie sein kann aber eben auch wie wunderbar entlastend und Hoffnung stiftend.
Es ist viel leichter und viel schöner, in Gemeinschaft Christ oder Christin zu sein, denn, das wusste schon Dietrich Bonhoeffer: Der Christus im Anderen ist immer stärker als der in der eigenen Seele.
Vielleicht liest der anonyme Schreiber oder die anonyme Schreiberin diesen Text und hat dann doch Lust, sich noch einmal zu melden. Ich würde mich freuen. Amen.

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  Allmächtig

Allmächtig

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.11.2022

Über diesem Monat heißt es aus dem Buch des Propheten Jesaja:
„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen…“
Weh denen, die – ja was? Weh denen, die Menschen in die Irre führen, die die Wahrheit verdrehen oder den Dingen ein anderes Vorzeichen geben?
Weh denen, die sich an den Koordinaten unseres Lebens vergreifen, die mit dem Vertrauen anderer spielen???
Weh denen. Schmerz. Tränen und Leid.
Sollen das die Vorzeichen des neuen Monats sein?
Ich höre diese Worte aus dem alttestamentlichen Weinberglied, das von Gottes Schmerz und seiner enttäuschten Liebe erzählt und denke an John Witcombe, den Dean der Kathedrale in Coventry.
Statt des abgedruckten „Gracious“ nannte er Gott in seinem Gebet „Almighty“. Statt gnädig, gütig, freundlich – allmächtig.
Ich habe ihn danach gefragt, denn diese Richtung hat mich erstaunt. Es hätte mich andersherum nicht verwundert, wenn er es vermieden hätte, von dem allmächtigen Gott zu sprechen. Denn es ist manchmal einfacher zu glauben, dass Gott dem Bösen nicht wehren kann, dass der ohnmächtig an der Seite der Stummen, Elenden und Einsamen mitleidet.
Nein, sagte der Dean der Kathedrale im Herzen des großen Versöhnungswerkes. Gerade, weil so vieles nicht zu begreifen ist, weil der Weg zur Versöhnung in dieser Welt so weit ist, weil Krieg und Gewalt immer wieder die Oberhand zu haben scheinen, darum vergewissere er sich, dass alle Macht bei Gott ist. Gott ist der Weg und sei er noch so mühsam. Er ist die Wahrheit, er täuscht und manipuliert uns nicht. Er ist das Leben. Es geht ihm um Umkehr – nicht um Verdrehung…
Er stößt die Mächtigen vom Thron. Er erhebt die Niedrigen.
Er ist allmächtig.
An der Außenwand der Kathedrale findet sich ein eindrückliches Bild für Gottes Art, die Dinge umzukehren: Es ist eine riesige Figur, ein über acht Meter großer Engel, zusammengefügt aus 100 000 Messern, die die Polizei in Großbritannien beschlagnahmt hat. An vielen klebten Blutspuren.
Der Engel neigt sich uns zu. Mit geöffneten Händen. Gütig.

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  Allerheiligen

Allerheiligen

Henning Böger, Pfarrer - 01.11.2022

Heute feiern viele katholische Christinnen und Christen Allerheiligen. Der Tag steht als Gedenktag der Heiligen für den 01. November auch im evangelischen Festkalender. Allerdings wird er in evangelischen Gemeinden eher selten begangen oder bedacht. Eigentlich zu Unrecht, finde ich, denn ohne Allerheiligen gäbe es keinen Reformationstag!
Wenn es stimmt, was die Kirchengeschichte über Martin Luthers 95 Thesen an der Tür der Stadtkirche zu Wittenberg berichtet, dann geschah dieser Thesenanschlag am
31. Oktober 1517 ganz bewusst am Vorabend des Allerheiligenfestes. Der Wittenberger Theologieprofessor nutze ein wichtiges Glaubensfest, um seine Gedanken bekannt zu machen. Er konnte sicher sein: Viele Menschen würden am kommenden Morgen die Stadtkirche zum Gottesdienst aufsuchen und seine Thesen lesen können.
Allerheiligen - das ist das Fest des großen Gottvertrauens. Je mehr die frühen
christlichen Gemeinden Menschen verehrten, die für ihren Glauben ihr Leben gelassen haben, desto nötiger war es für die Nachfahren im Glauben, ihrer Heiligen würdig zu gedenken. Und weil es bald mehr Heilige gab, als das Jahr Tage hat, entstand eine Art Sammelgedenktag: Allerheiligen. Kein Mensch sollte vergessen werden, der oder die
das Gottvertrauen über das eigene Leben gestellt hatte. So, wie es Jesus getan hat.
Galt das Fest anfangs vor allem Märtyrerinnen und Märtyrern, kamen später weitere Christinnen und Christen hinzu, die von der römisch-katholischen Kirche offiziell heiliggesprochen wurden: Antonius von Padua, Elisabeth von Thüringen, Franz von Assisi, Mutter Teresa und viele mehr. Mittlerweile sind mehrere Tausende Heilige
in Verzeichnissen aufgeführt. Aber auch all jene, um deren Heiligkeit allein Gott weiß, werden an jedem 1. November geehrt und besungen.
Nach biblischem Verständnis sind Heilige keine besonders hervorgehobenen Menschen. Das Wort umschließt vielmehr alle, die in den Spuren des Jesus von Nazareth zu gehen versuchen und seine Hoffnung teilen; eine Hoffnung, die weit über das eigene Leben hinausreicht. Allerheiligen erinnert mich daran, dass ich mir etwas von dieser Hoffnung auch für mein Leben wünschen darf. Ganz so, wie es ein alter Jazz-Gospel besingt: „Wenn die Heiligen einziehen, when the saints go marching in, dann, o Herr, möchte auch ich dabei sein.“

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Montag bis Samstag – 14.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!