Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Lebenshilfe Braunschweig

Lebenshilfe Braunschweig

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2019

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. So schreibt es Paulus an die Gemeinden in Galatien. Klingt nachvollziehbar, klingt schlüssig, klingt sinnvoll. Doch so eine richtige Gebrauchsanweisung für unser Leben ist es dann doch irgendwie nicht. Des anderen Last tragen, wie geht das? Nun, es hat ganz offensichtlich etwas damit zu tun, anderen Menschen zu helfen, die Hilfe benötigen, die manches nicht so gut alleine hinbekommen, die, nur auf sich gestellt, an ihre Grenzen stoßen.
Nochmal: Menschen, die Hilfe benötigen, irgendwas nicht alleine hinbekommen, an ihre Grenzen stoßen – das betrifft uns doch alle. Ja, genau, so ist es. Jeder und jede von uns ist auf die Unterstützung anderer angewiesen, immer mal wieder und immer und immer wieder. Das Großartige dabei ist, dass wir alle mit ganz unterschiedlichen Talenten ausgestattet wurden. Das heißt, dass das, was der eine nicht so gut kann, dem anderen umso besser und leichter von der Hand geht. Ich persönlich tue mich zum Beispiel unglaublich schwer damit, Geschenke so einzupacken, dass es einigermaßen nach was aussieht. Ich bin deshalb jedes Mal sehr dankbar, wenn mich die freundliche Verkäuferin bei Karstadt dabei unterstützt und aus Papier und Schleifenbad ein kleines Kunstwerk zaubert.
Manchmal ist es leichter zu helfen, wenn es Menschen gibt, die Hilfsbereitschaft organisieren. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Braunschweiger Lebenshilfe. 1960 als Verein gegründet, 1969 dann durch die Gründung einer gemeinnützigen GmbH erweitert, um ehren- und hauptamtliches Engagement zu bündeln und zu ergänzen, leistet die Lebenshilft Braunschweig in vielerlei Hinsicht wertvolle Arbeit. So macht sie zunächst einmal überhaupt darauf aufmerksam, dass es Menschen gibt, die Hilfe brauchen können. Einer trage des anderen Last. Die Lebenshilfe sagt: „Hallo Ihr Leute, hier sind einige, von denen Paulus spricht, einige, die es gerade gut vertragen können, dass ihnen etwas Last abgenommen wird.“
Und dann hilft die Lebenshilfe helfen. Denn dort sind Menschen beieinander, die wissen, wie man’s macht: Es geht darum, Menschen, zu begleiten, zu fördern, mit ihnen gemeinsam Leben zu gestalten, ein selbständiges Meistern des Alltags zu unterstützen und Begegnungen zu ermöglichen zwischen denen, die gerade mal auf Hilfe angewiesen sind, wie gesagt, das sind wir ja alle stets und ständig – und denen die gerade helfen können und wollen. Wenn ich aufzählen würde, was sich an konkreten Aktivitäten dahinter so alles verbirgt, wären wir alle zur Tagesschau noch nicht zu Hause. So vielfältig, individuell und kreativ ist das Angebotsspektrum der Lebenshilfe. Schauen Sie ins Internet oder noch viel besser, gehen Sie doch mal dorthin, wo Sie mit den Menschen der Lebenshilfe ins Gespräch kommen können: im Fairkauf-Laden in der Geysostraße, im Cafe Flora im Hasenwinkel, im Bistro Rehnstoben in der Kaiserstraße, oder, oder, oder.
Einer trage des anderen Last – die Lebenshilfe Braunschweig zeigt, wie’s geht. Das ist ganz konkreter Dienst am Nächsten zum Ansehen aber auch zum Mitmachen. Und singen können sie im Übrigen auch.

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  Zweiundvierzig

Zweiundvierzig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.12.2019

Kennen Sie die Antwort auf alle Fragen? Douglas Adams nennt sie in seinem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort sucht eine außerirdische Existenz die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Siebeneinhalb Millionen Jahre mussten die Außerirdischen auf die Antwort warten, bis endlich das Signal kam, der Rechner sei fertig. Gespannt erwartungsvoll blicken sie auf das Ergebnis. Es lautet: „Zweiundvierzig“ – und diese Antwort, so der Rechner, sei mit absoluter Sicherheit korrekt. Es ist keine zufriedenstellende Antwort, finden die Programmierer, aber, so noch einmal der Rechner, das Problem sei eben, um ehrlich zu sein, dass die Programmierer niemals wussten, wie die Frage lautet.

Es ist eine schöne Parodie der Wirklichkeit, die Adams in seinem inzwischen vierzig Jahre alten Büchlein gelingt. Nicht nur an dieser Stelle, sondern überhaupt. Doch warum nun hier und heute die „Zweiundvierzig“?

Weil ich vermute, dass nicht nur Sie, sondern jedes halbwegs gut informierte Kind mir auf die Frage: „Worauf warten wir im Advent?“, „Weihnachten“, antworten könnte. Aber irgendwie gleicht diese Antwort der Zweiundvierzig. Sie ist nichtssagend, solange sie mir nichts sagt. Auch wenn sie mit absoluter Sicherheit korrekt ist. Doch damit sie für mich zur wirklichen Antwort wird, brauche ich eben die richtige Frage.

Machen wir also den Selbstversuch: Was ist die Frage, damit es mir Weihnachten wird?
Unsere Kinder hätten vor ein paar Jahren wahrscheinlich geantwortet, sie warteten im Advent auf das, was passiert: auf den Tannenbaum, das Zusammensein und die Geschenke. Aber schon heute wäre ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob diese Antwort noch trifft. Denn worauf wartet man mit knapp fünfzehn? Ich erinnere mich, dass diese Jugendtage jene waren, in denen mir langsam aufging, dass das Leben leider und glücklicherweise vielschichtig ist. Und dass deshalb auch die Fragen des Lebens leider und glücklicherweise vielschichtig sind.

Aber weiter im Selbstversuch: Stellen Sie sich vor, Ihnen gelänge es, nur einige wenige Augenblicke lang herzensstill zu werden. Welche Fragen stiegen dann aus der Tiefe zu Ihnen herauf? Verdrängte Fragen? Oder Fragen, für die sonst weder Zeit noch Raum ist? Welche Wünsche?

In mir ist es die Frage, ob ich mir eigentlich oft genug bewusst mache, was für ein Glück ich mit diesem Leben habe? Gerade weil es natürlich auch in meinem Leben Krisen gab und gibt, und gerade auch weil immer so viel zu tun und Zeit knapp ist, und gerade auch, weil vieles sich schon so lange und selbstverständlich eingespielt hat. Bin ich mir des Guten meines Lebens bewusst genug? Und wem eigentlich danke ich für dieses Gute?

Im Johannesevangelium gibt es die sogenannten „Ich bin“-Worte Jesu. Ich bin das Brot, ich bin der gute Hirte, ich bin die Tür. Solche Worte. Bei genauerem Hinsehen, lässt sich bemerken, dass jede dieser Antworten kein Ziel, sondern eine Wegbegleitung beschreibt. Deshalb scheint es mir nicht das Schlechteste, Jesus als jene Tür zu begreifen, die sich in den Tagen der Weihnacht öffnet und hinter der sich neue, aber wesentliche Fragen finden.

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  Nikolaus

Nikolaus

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.12.2019

Heute ist Nikolaus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt, wenn ich „Nikolaus“ höre, immer gleich dieser wunderbare Sketch von Gerhard Polt ein. In dem versucht ein am Ende tobender Vater seinem kleinen Sohn beizubringen, was ein „Osterhasi“ ist. Doch der Kleine ignoriert alle pädagogisch mehr oder weniger wertvollen Bemühungen seines Vaters und sagt trotz vor die Nase gehaltenem Schokoladenosterhasen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit immer wieder „Nikolausi“.
Doch allein mit dieser heiteren Episode werden wir dem Bischof Nikolaus von Myra, auf den der heutige Nikolaustag zurückgeht, keinesfalls gerecht. Nikolaus wurde im 4. Jahrhundert in Myra, nicht weit entfernt vom türkischen Antalya, geboren. Er gehört zu den bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der katholischen Kirche. Der heutige 6. Dezember gilt als sein Todestag und wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Bräuchen begangen. Um Nikolaus ranken sich viele Legenden. Eine davon berichtet, dass ein verarmter Mann seine drei Töchter zu Prostituierten machen wollte, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus erfuhr von diesem Plan und soll in mehreren Nächten Goldklumpen durch die Fenster der drei Mädchen geworfen haben, um sie vor ihrem Schicksal der Prostitution zu bewahren. Auf diese Legende geht unser Brauch zurück, in der Nacht zum Nikolaustag Geschenke in die Stiefel unserer Lieben zu stecken.
Ursprünglich war dann auch der Nikolaustag der Tag der Weihnachtsbescherung. Erst die Ablehnung der Heiligenverehrung im Zuge der Reformation führte dazu, dass der Brauch, sich zu beschenken, auf das Weihnachtsfest verlagert wurde und der Nikolaus als Geschenkebringer durch das Christkind, Knecht Ruprecht oder den Weihnachtsmann abgelöst wurde. Der eine oder andere mag Martin Luther auch hierfür dankbar sein – wir haben so zweieinhalb Wochen mehr Zeit, uns um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Doch auch wenn der Brauch des Beschenkens auf Nikolaus zurückgeht – wir sind dabei meist anders unterwegs als er. Denn Nikolaus hat anonym geschenkt. Im Schutze der Nacht hat er die Goldklumpen durchs Fenster geworfen. Er hat tatsächlich sehr selbstlos gehandelt. Und auch auf der Seite der Beschenkten war etwas anders, denn die hatten keinerlei Erwartungshaltungen, etwas geschenkt zu bekommen.
Und wie sieht das bei uns aus an Weihnachten? Klar, Geschenke gehören dazu. Doch besonders schön wird es doch erst dann, wie ich finde, wenn es uns gelingt, zu schenken, ohne uns in irgendeiner Weise verpflichtet zu fühlen und beschenkt zu werden, ohne dass wir darauf gewartet, ohne dass wir es erwartet hätten. Wenn wir das erreichen, wird das weihnachtliche Schenken auf einmal zum Bumerang, denn der Schenkende bekommt echte Freude als Geschenk zurück und der Beschenkte freut sich tatsächlich von Herzen, weil er nichts erwartet hat.
Wie gesagt, wir haben noch zweieinhalb Wochen Zeit, um uns um Geschenke zu kümmern, aber eben auch zweieinhalb Wochen, um uns, inspiriert vom Heiligen Nikolaus, noch einmal über das Schenken an sich Gedanken zu machen.

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  Ganz leise

Ganz leise

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2019

Die Tageslosung steht im ersten Buch der Könige: „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.“
Diese Worte gehören zur Geschichte des Propheten Elia. Der hatte seinem Gott treu gedient und den Mächten der Welt die Autorität seines Gottes entgegengehalten. Es war nach vielen Drohungen, Hungersnot und Dürre schließlich zu einem Blutbad gekommen und Elia hatte fliehen müssen, bis er erschöpft in der Wüste aufgab und bekannte: „Ich bin nicht besser als meine Väter“ und sterben wollte.
Vielleicht kennen Sie auch etwas von dieser tiefen Erschöpfung und Resignation, die einen im Großen wie im Kleinen befallen kann: Man hat versucht, es gut zu machen, mit seinen Kindern und Eltern, in der Ehe – aber es ist geendet in Streit und Tränen, in der Beziehungswüste.
Man hat sich engagiert und gerungen um politische, soziale, ökologische Vernunft und eine friedliche konfliktfähige Gesellschaft und nun liegt man erschöpft unterm Baum und will nicht mehr.
Und längst ahnt man, dass die großen Umstürze immer auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit einhergehen, Opfer haben. Ganz zu schweigen von den Gräueltaten oder Unterlassungssünden, die wissentlich, absichtlich geschehen…
Zu Elia, der aufgeben will, weil er nicht glaubt, dass es noch gut werden kann in seinem Leben und mit dieser Welt, schickt Gott einen Engel mit Lebensmitteln. Der päppelt ihn auf bis er wieder zuhören und klarer denken kann und dann sagt Gott zu ihm: „Ich bin nicht im Sturm, im Erdbeben, im Feuer“. Also: ich in nicht in den zerstörerischen Kräften, das ist nicht meine Handschrift, daran kannst Du nicht erkennen, wie es sein soll. „Ich bin im stillem sanften Sausen“ oder wie Martin Buber so wunderbar übersetzte: „eine Stimme verschwebenden Schweigens.“ Ganz leise, sehr zart …
Kann sich so etwas ändern? Wird Gott dann nicht erst recht überhört und verkannt? Wird er dann in unserer lauten unbarmherzigen Welt nicht ohnmächtig und wirkungslos bleiben? So kann man sich fragen? So ist es vielleicht auch gewesen. Denn Gott hat noch einen zarten und ganz leisen Versuch gestartet, sich uns so zu zeigen, dass wir endlich verstehen, wie er wirken will: Er kommt als Kind, als Neugeborenes – vollkommen, zart und klein und sorgt so dafür, dass wir leise sind, vorsichtig auftreten und nicht stampfen, sanft berühren und Zärtlichkeit zulassen, statt derb zuzupacken, innehalten und hinsehen, uns anrühren und verändern lassen…
Alle Jahre wieder.

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  Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff geladen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2019

Vor genau 75 Jahren saß Helmuth James von Moltke im Gefängnis. Er gehörte als Begründer und Mitglied des Kreisauer Kreises zum deutschen Widerstand. Im Fragment eines offiziellen Briefes vom 3. Dezember 1944 schreibt Helmuth an seine Frau Freya: „Mir ist heute riesig weihnachtlich zu Mute, so kindlich-weihnachtlich wie seit Jahren nicht, ich möchte den ganzen Tag Weihnachtslieder singen. Ich habe übrigens ein neues Advents-Volkslied entdeckt, das mir sehr gut gefallen hat: Es kommt ein Schiff geladen. Brummelt Konrädchen eigentlich schon mit? Nein, dazu ist er wohl zu klein, aber er sitzt auf Deinem Schoß und hört es sich an.“
Was muss das für ein tapferer Mensch gewesen sein, der aus seiner schweren Situation heraus solche Briefe zu schreiben vermag, die seine Frau und Kinder viele Jahre durchgetragen haben. Es war sein letztes Weihnachten. Helmuth James von Moltke wurde im Januar 1945 hingerichtet.
Das Adventslied gehört für uns zum Kernbestand: „Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters höchstes Wort …“ Wenn man dem Text des Liedes nachgeht ahnt man, wie tröstlich dieses Bild ist. Da kommt ein Schiff unangekündigt und unvermutet. Es bringt den Retter mit sich und ist geeignet gerade dort zu Ankern, wo Menschen in Angst und Not sind.
Der Gedankenschritt zur Rettungsweste, die noch vor wenigen Wochen hier am Portal und in der Laterne hing, ist nicht groß. Damals haben wir gemeinsam mit anderen Braunschweiger Kirchengemeinden darauf aufmerksam gemacht, dass die Seenotrettung im Mittelmeer nicht funktioniert und Tausende ertrunken sind, immer noch ertrinken während wir auf Weihnachten zugehen.
Gestern hat das Aktionsbündnis United4Rescue zum Kauf eines hochseetauglichen Rettungsschiffs, das im Frühjahr 2020 auslaufen soll, gestartet. Nun braucht es Spender und Unterstützer. Bitte sehen Sie sich das im Internet an!
Weihnachten ist ein Fest, bei dem die Reichen und Mächtigen ihre Knie beugen vor dem Kind, das ohne Zuflucht und Herberge angewiesen auf unsere Menschlichkeit geboren ist.
Nicht ohne Grund heißt es in dem alten Lied: „Zu Bethlehem geboren / im Stall ein Kindelein, / gibt sich für uns verloren; / gelobet muß es sein.
Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel.“


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  Stimmungswechsel

Stimmungswechsel

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.12.2019

Vorgestern war der erste Advent. Für mich ist der Beginn des neuen Kirchenjahres immer wieder ein massiver gefühlsmäßiger Bruch, den anzunehmen, zu akzeptieren, für mich durchaus seine Zeit kostet. Von einem Tag auf den anderen endet die Stille und die Dunkelheit des Novembers und wird verdrängt von warmem und strahlendem Licht. Die Stille der vergangenen Wochen wird abgelöst durch wuselige und auch geräuschvolle Geschäftigkeit – rund um unseren Dom herum haben Sie es life und in Farbe erlebt. Das sind die Äußerlichkeiten.
Doch darüber hinaus, und das finde ich besonders bemerkenswert, verändert sich auch die Stimmung ganz massiv, der Duktus, wie wir unser Leben gestalten. Wir kommen aus einer Zeit, die uns mit den letzten Dingen und den existenziellen Fragen konfrontiert hat – Endlichkeit, Trauer und Tod. Der Volkstrauertag, der Buß- und Bettag und der Toten- und Ewigkeitssonntag sind diese Tage im Kirchenjahr, die für diese Themen stehen. Und nun, von jetzt auf gleich, herrschen draußen Jubel, Trubel, Heiterkeit, Weihnachts- und Adventsfeiern bestimmen unsere Abende und Shoppingwochenenden führen uns in knall volle Innenstädte.
Mir geht das irgendwie alles etwas zu schnell. Vielleicht liegt es ja an mir und ich bin nur nicht ausreichend flexibel, um mich umzustellen, das mag sein. Aber es ändert nichts: Ich brauche mehr Zeit, um von dunkel auf hell zu schalten, von leise auf laut und auch, ja, von traurig auf fröhlich.
Umso mehr verstehe ich, warum wir jetzt Advent haben. Wenn Sie mal in den hohen Chor kommen, werden Sie feststellen, dass das Parament am Altar dort oben violett ist. Das hängt da auch in der Passionszeit. Und das hat seinen Grund. Denn so wie die Passionszeit ist auch der Advent eine Zeit der Vorbereitung. Wir sollen uns vorbereiten auf das große Fest, das wir feiern, weil Gott Mensch geworden ist. Wir sollen uns besinnen auf das, was kommt. Wir sollen, wenn Sie so wollen, noch einmal kräftig Schwung holen, Kräfte sammeln und uns konzentrieren, um dann richtig loszulegen, wenn es in drei Wochen soweit ist.
Verstehen Sie das bitte nicht falsch: Kirche will nicht der Spielverderber sein und Ihnen die Freude am Advent verderben. Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, ist ganz sicher immer in Jesu Sinne. Das hat er auch stets und ständig genau so gemacht. Aber sich ab und zu mal eine Auszeit zu gönnen in den kommenden Wochen, mal darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist und die Vorfreude auf Weihnachten zu genießen, dafür sollten Sie sich ebenso Zeit nehmen – in einem Konzert, einem Gottesdienst oder einer Andacht hier bei uns im Dom oder in aller Ruhe zu Hause auf dem Sofa. Gönnen Sie sich einen besinnlichen Advent und erleben und genießen Sie den besonderen Zauber dieser Zeit. Ich glaube, dass Gott es so für uns gedacht hat.

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  Gemeinsam!

Gemeinsam!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.12.2019

Was war das für ein Wochenende! Nicht nur, dass wir gestern mit einem festlichen Gottesdienst hier im Dom in das neue Kirchenjahr gestartet sind, nicht nur, dass die heiße Phase des Weihnachtsgeschenkekaufens begonnen hat, nicht nur, dass wir die ersten beiden Adventssingen unserer Domsingschule feiern konnten, nein auch politisch war am vergangenen Wochenende mächtig was los hier bei uns in Braunschweig.
Da hat eine Partei als ungebetener Gast ihren Parteitag in unserer Stadt abgehalten. Diese Partei vertritt Positionen, die nicht unsere sind, die mit christlichen Werten und Grundüberzeugungen nicht zusammengehen, die mit der Botschaft Jesu einfach nicht vereinbar sind. Das haben wir hier bei uns im Dom deutlich gemacht – sehr klar, sehr konkret, sehr unmissverständlich. Ebenso klar, konkret und unmissverständlich hat unser Landesbischof aber auch herausgestellt, dass wir für die Menschen, die sich momentan mit dieser Partei identifizieren, ansprechbar bleiben, Respekt zeigen und ihnen die Wertschätzung entgegenbringen, die jedem Menschen zusteht. Respekt und Wertschätzung steht jedem Menschen zu, ganz einfach, weil er Mensch ist, weil jeder Mensch er ein Kind Gottes ist.
Das ist unsere Position und mit der sind wir anders unterwegs als viele der Parteianhänger, die immer wieder versuchen, Menschen, die anders sind, eine andere, eine geringere Wertigkeit anzudichten. Das ist mit uns und das ist vor allem mit Gott nicht zu machen.
Wohltuend und hoffnungsstiftend war, dass wir viele waren. Zum einen waren hier bei uns im Dom über 1.000 Menschen – Kirche schafft es ganz offensichtlich doch, für eine gute Sache zu mobilisieren – zum anderen aber auch in der Stadt vor dem Schloss. Über 20.000 Menschen haben dort für unsere Demokratie, für Meinungs- und Pressefreiheit und gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass demonstriert. Und das wichtigste ist: Sie haben es friedlich getan! Aus allen Teilen der Bevölkerung, aus Stadt und Land und aus allen Altersklassen haben sich Menschen zusammengefunden, die klargemacht haben, wo in unserer Gesellschaft politische Grenzen sind, deren Überschreiten nicht geduldet werden kann und darf. Diese Menschen haben die Motivation und den Mut gehabt, aufzubrechen, Gesicht zu zeigen und ihre Stimme zu erheben für ein friedliches und respektvolles Miteinander und dafür, Unterschiedlichkeit als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu sehen.
Ja, vielleicht ist es ein wenig zu pathetisch, aber ich habe dieses friedvolle Miteinander schon als ein Aufleuchten der frohen Botschaft empfunden, als ein Symbol dafür, wie Solidarität als gemeinsame Grundüberzeugung Dinge in Bewegung setzen kann.
Über diesem Tag heißt es: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Darum geht es: Um ein friedvolles und angstfreies Miteinander, um liebevolle Begegnungen zwischen uns Menschen und darum, dass wir so einer Welt näherkommen, die so ist, wie Gott sie für uns gedacht hat.

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  Gemunkel

Gemunkel

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.11.2019

Während das Sprichwort „Im Dunkeln ist gut Munkeln“ für so manch einen mit positiver Aufregung oder Erinnerung verbunden ist, weil es für ihn den Austausch von Zärtlichkeiten meint, zielen die Worte „munkeln“ oder „Gemunkel“ auf gar nichts Gutes. Denn dahinter verbirgt sich jenes Gerede, das etwas Heimliches, Verstecktes, gar Boshaftes hat. Es ist das leise mit dem Finger auf jemanden Zeigen, es sind böse Gerüchte, es ist üble Nachrede. Das tut, wer beeinflussen will, ohne für sein Wort Verantwortung übernehmen zu wollen. „Wird man doch noch mal sagen dürfen“, heißt es nicht selten, wenn jemand ertappt und darauf hingewiesen wird, dass solches Gerede schadet.

Ach, wie genial wäre eine Nachbarschaft, ein Betrieb, das Internet, könnte man sich auf die Worte, die gesprochen oder geschrieben werden, verlassen. Gäbe es keinen Lug und Trug, keine Geschäftemacherei, keine Leute, die auf irgendwelchen Netzwerken anonym ihr Zeug verbreiteten. Dann ließe sich streiten über Meinungen, aushalten, wenn andere anders denken, wenn man nur wüsste, dass das Leben ohne üble Nachrede und Meinungsmacherei funktionierte. Aber: Die Leute bleiben lieber im Dunkel, wo niemand sie anspricht und zur Rechenschaft zieht.

Christlich ist das nicht, wenn man an das Wort im 1. Petrusbrief denkt, in dem es heißt: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von Euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

Aber gerade die angehende Adventszeit, die von Woche zu Woche mehr Licht ins Dunkel bringt, könnte auch zu diesem Gemunkel im Dunkel Stellung beziehen. Gerade in dieser Zeit geht es ja um das Licht, das im Christus angebrochen ist und unsere Welt erhellen will. „Der Morgenstern ist aufgedrungen“ (EG 69), heißt es in einem der Gesangbuchlieder. Denn das Licht, dass da heraufbricht, will unsere Herzen erhellen. Und das gleich im doppelten Sinne: Zum einen will es mir zeigen, was in meinem Herzen drin ist. Und wenn da dunkles Gemunkel herrscht, will es mich zur Umkehr rufen, dazu, dass es besser geht im menschlichen Miteinander. Und dann will es mein Herz erhellen: mir Mut machen, dass ich andere Wege gehen und finden kann, dass Füreinander sich mehr lohnt als Gegeneinander und dass es keine Angst braucht, nicht einmal in der finstersten Stunde einer Nacht, hochschwanger, auf der Suche nach einer Unterkunft und überhaupt. Eben weil Gott es ist, der uns die Dinge zum Guten wirkt und unsere Schritte im Leben lenkt.

Aus der Dunkelheit ins Licht; jenem Licht entgegen, das uns wieder und wieder, alle Jahre, aber manchmal – Gott sei Dank – auch täglich, entgegen leuchtet, dass wir aus dem Dunkel unseres Lebens in lichte Zeiten finden.

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  Wünsche: Einen gelassenen Advent

Wünsche: Einen gelassenen Advent

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.11.2019

„Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall“. Es ist wieder Weihnachtsmarkt rund um den Dom. Seit gestern Abend tönt es schön und riecht es gut und sieht man so manchen mit einem Lächeln auf den Lippen über den Markt schlendern.

Sicher, diese Stimmung teilen nicht alle, manchem ist es zu früh oder zu warm oder zu nass oder überhaupt zu weihnachtlich statt adventlich. Aber: Gestern Abend standen zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes viele froh gestimmte Menschen in den Straßen und warteten darauf, dass endlich Licht werde.

Leider sind viele froh gestimmte Menschen nicht alle. Und so erlebte ich gestern eine doch eher skurrile Viertelstunde vor Weihnachtsmarkteröffnung. Denn ganz in meiner Nähe stand ein Herr, der laut, lauter und noch lauter im Wiederholungstakt erklärte: „Ich lasse hier niemanden mehr durch. Ich gehe nicht zur Seite. Hier ist alles voll. Wer Zeitung lesen kann, der weiß, dass es hier voll ist. Ich lasse hier niemanden mehr durch.“

Es ist nicht einmal, dass er im Unrecht gewesen wäre. Schließlich gibt es alle Jahre wieder zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes rund um die Bühne vor dem Dom kaum ein Durchkommen. Es ist eng. Aber, ganz ehrlich, die Erfahrung lehrt doch, dass am Ende immer noch etwas geht, um Menschen einen Pfad vorbei finden zu lassen. Meine Meinung. Die aber wurde von dem Herrn deutlich nicht geteilt. Und so war festzustellen, dass mit jedem Menschen, mit jeder Gruppe, die Durchlass suchte, die Aggression dieses Mannes, d.h. seine Lautstärke und die Häufigkeit der Wiederholung, zunahm. Auch uns als seine Nachbarn machte er damit auch von Mal zu Mal genervter und aggressiver. Wer wissen möchte, wie aus dem Nichts eine Situation entstehen kann, in der die Fäuste fliegen, der hätte gestern Abend ein gutes Lehrbeispiel finden können. Zum Glück waren die Menschen um mich her aber freundliche Leute mit langen Nerven, so dass wir das Gemaule alle miteinander mit tiefem Durchatmen, Kopfschütteln, kurzen, aber freundlichen Hinweisen und schließlich mit Ignorieren aushielten. Wäre da ein ähnlicher Typ wie unser Redner mit anderer Meinung in der Nähe gewesen, dann hätte ich mir auch anderes vorstellen können.

Am Wochenende sind nun viele Menschen in Braunschweig, die grundsätzlich verschiedener Ansicht über Richtig und Falsch in Alltag und Politik sind. Der Oberbürgermeister bat in seiner Rede um Frieden angesichts dieses drohenden Unfriedens. Und ich dachte mir: Wie wichtig es doch ist, dass schon hier die persönliche Grundhaltung stimmt. Denn wie leicht gehen die Fäuste zusammen, wenn nur ein einziger lang und laut und aggressiv und nervraubend genug seine Parolen ruft. Mit der Mahnung des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief wünsche ich uns deshalb ein gelassenes erstes Adventswochenende und eine gelassene Adventszeit.

„Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein“ (2. Kor. 13,11)

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  Licht weitergeben

Licht weitergeben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.11.2019

Letztens habe ich einen Vortrag gehört, der sich im Kern der berühmten Feststellung Dostojewskis widmete: „Schönheit wird die Welt retten.“
Darüber lässt sich trefflich streiten aber fraglos ist bestimmt, dass Verschönerungen Freude machen, dass wir uns und unsere Umgebung schmücken, um die Festtagsstimmung zu heben und dass die liebevolle Mühe, die alle hier rund um den Dom an ihre Weihnachtsmarktbuden verwendet haben, um sie wirklich richtig schön zu machen, dazu beiträgt, frohgemut und versöhnlich, friedlich und heiter im Herzen der Stadt noch ein bisschen mehr Zeit zu verbringen.
Das wird ein Ausdruck dafür sein, wie wir hier miteinander leben wollen und wer heute Morgen den Kommentar der Braunschweiger Zeitung gelesen hat, der ist nachdrücklich daran erinnert worden, dass wir hier als Menschen, die einander zugewandt sind, miteinander leben wollen. Das schließt gerade hier in Braunschweig Hetze, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Judenhass aus. Punkt.
Zurück zum Vortrag über die mögliche Rettung der Welt durch Schönheit, denn der endete mit einer Geschichte, die am Beginn der Advents- und Weihnachtszeit auf ganz besonderer Weise plausibel wird:
Ein Mann fragte halb scherzhaft halb im Ernst nach dem „Sinn des Lebens“ und er bekam zur Antwort die Aufforderung, mit hinauszukommen. Dort zog der Referent eine Spiegelscherbe aus der Hosentasche. Er trägt sie seit Jahrzehnten mit sich. Sie stammt von einem Wehrmachtsmotorrad aus dem zweiten Weltkrieg. Diese Scherbe hielt er in die Sonne und lenkte deren Licht in eine kleine dunkle Kapelle und leuchtete sie aus. „Du kannst jemand sein, in dem sich Licht spiegelt. Du kannst jemand sein, der anderen Menschen leuchtet. Du kannst jemand sein, der Licht in das Leben anderer Menschen bringt – Du kannst das Leben anderer heller machen.“
So klar kann eine Antwort sein. Sie birgt nicht nur Zuversicht sondern auch das Wissen, dass wir nicht die Quelle des Lichtes sind, sondern nur die Verteiler sein sollen. Als Christen kommt uns das besonders nahe, denn wir hören wir auf den, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt wird nicht im Finstern wandeln.“ Und in der Weihnachtszeit hören wir das nicht nur. Wir sehen den Stern von Bethlehem, sehen wie er die Gesichter der Menschen erhellt, wir sehen, wie die Kerzen, die wir anzünden und mit denen wir das Licht weitergeben, anderer Menschen Gesichter heller macht und auch, dass sie schön aussehen im Kerzenschein, warm und friedlich.
Wer wollte also nicht glauben, dass uns von Weihnachten her Rettung kommt!

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  Schutzengel

Schutzengel

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2019

Haben Sie einen? Ich denke, wir alle sollten einen haben, denn ohne einen solchen durchs Leben zu kommen, ist mitunter gar nicht so einfach. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass jede und jeder von uns einen hat – einfach so. Unsere katholischen Schwestern und Brüder haben einen eigenen Feiertag dafür. Bei uns Lutheranern ist der irgendwie unter die Räder geraten, vielleicht, weil es unsere altvorderen Protestanten ein wenig zu kitschig fanden. Mir fühle mich wohl mit der Vorstellung, dass da einer ist und deswegen heute auch dieses Wort zum Alltag. Nun aber mal Butter bei die Fische – ich rede von Schutzengeln und über die dürfen sich auch Lutheraner freuen, wie ich finde.
Schutzengel stehen hoch im Kurs und das auch bei Menschen, die mit Kirche sonst nicht so ganz viel am Hut haben. Sie begleiten uns in Form von Schlüsselanhängern, als Aufkleber auf unseren Autos, als Chip für den Einkaufswagen oder als kleiner Handschmeichler aus Messing. „Fahre nicht schneller als dein Schutzengel fliegen kann“, ist zu einem tatsächlich geflügelten Wort geworden und auch der Begriff der Gelben Engel ist uns geläufig, wenn wir an den Pannennotdienst denken.
In der Bibel haben Engel wichtige Funktionen. Sie sind Nachrichtenübermittler und tauchen an ganz zentralen Stellen der biblischen Geschichten auf. Ein Engel informiert Maria über Gottes Pläne, den Hirten auf den Feldern bei Bethlehem wird von Engeln große Freude verkündigt und als die Frauen am Ostermorgen das leere Grab betreten, sitzt dort ein Engel und erklärt Ihnen, was an Wunderbarem gerade passiert ist.
„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“, hat der Autor Rudolf Otto Wiemer ein Gedicht überschrieben und er bringt damit zum Ausdruck, dass es nicht immer Himmelswesen sind, die Menschen mit Engelstaten beschenken, sondern dass auch wir Menschen zu Engeln werden können. Überall da, wo Menschen einander in Liebe, in Wertschätzung und mit Respekt begegnen, überall da, wo Menschen füreinander da sind, sich helfen und unterstützen, da kann Engelskraft sichtbar werden – einfach so, mitten im Leben und ganz unprätentiös.
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, man könnte sogar sagen, es sollen bitteschön nicht nur Männer mit Flügeln sein. Ich denke, vieles auf dieser Welt wäre schon erreicht, wenn wir Menschen den Anspruch hätten, ab und zu mal unserem Nächsten zum Engel zu werden. Und daran darf uns dann gerne auch ein Einkaufswagenchip in Engelsform erinnern.

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  Leben ist jetzt!

Leben ist jetzt!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.11.2019

Ich war im September im Urlaub auf Sizilien und habe von dort aus auch einen Tagesausflug nach Lipari gemacht, das ist eine kleine, wunderschöne Insel nördlich von Messina. Auf der Überfahrt bin ich mit einem netten Holländer ins Gespräch gekommen und der sagte mir mit seinem charmanten niederländischen Akzent: „Wissen Sie, das Leben ist wie eine Kukident-3-Phasen-Tablette: Erst kommt die Phase der Kindheit und der Schulzeit, dann die Phase des Arbeitslebens und zum Schluss die dritte Phase des Ruhestandes und die ist am Schönsten!“
Mir hat dieser Vergleich sehr gut gefallen – er ist lustig und deshalb auch so einprägsam. Die dritte Phase ist am Schönsten. Alle, die bereits in der dritten Phase sind, können nun beurteilen, ob der Holländer recht hatte. Aber was machen wir, die wir noch in Phase 1 oder 2 unterwegs sind? Es gibt hierzu mehrere Möglichkeiten.
Erste Variante: Wir sind voller Vorfreude auf das, was noch kommt. Wir akzeptieren, dass wir uns heute vielleicht noch quälen müssen, halten das aber irgendwie aus, weil wir ja wissen, dass in ein paar Jahren oder Jahrzehnten alles wunderbar sein wird. Bis dahin heißt es dann eben: Zähne zusammenbeißen und irgendwie durch.
Das kann man so machen, aber ich glaube, so richtig schlau ist das nicht. Denn wenn wir immer darauf warten, dass es im übertragenen Sinne erst morgen richtig schön wird in unserem Leben, dass verpassen wir heute eine ganze Menge. Deshalb empfehle ich auf jeden Fall die zweite Variante: Die geht so, dass wir unser Leben jetzt leben – heute, hier, ganz konkret. Leben geht immer nur in dem Moment, in dem wir gerade sind. Und eine Ausrichtung nur auf das, was noch kommt, vielleicht kommt, irgendwann mal kommt oder eben auch nicht kommt, eine solche Ausrichtung führt dazu, dass wir die wunderbaren und schönen Aspekte im Hier und Jetzt verpassen, nicht wahrnehmen, nicht wertschätzen.
Und ich glaube, dass wir damit auch Gottes Erwartungshaltung an uns nicht gerecht werden. Gott will durch uns Menschen handeln. Wir sollen jeden Tag aufs Neue dazu beitragen, dass diese Welt ein wenig menschlicher, freundlicher und liebevoller wird. Wenn wir aber nur darauf warten, dass irgendwann mal für uns die goldene Zukunft anbricht, dass wir endlich in Phase 3 landen, dann werden unsere Sinne für das, was jetzt dran ist, einfach nicht wach genug sein.
Und ob wir Phase 3 wirklich erreichen und ob sie dann für uns tatsächlich so schön ist und nicht beeinträchtigt wird durch Krankheit, Einsamkeit und Kummer, dass liegt allein in Gottes Hand. Also genießen wir jeden einzelnen Tag und machen wir das Beste draus, für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Und es ist Jesus Christus selbst, der uns darin bestätigt, wenn er sagt: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“

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  Ich lebe!

Ich lebe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.11.2019

„Steh nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht.“ Tröstet das? Oder macht es uns nur noch trauriger, verzweifelter, hilfloser? Jeder und jede von uns, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, kennt diese Leere, die auf einmal da ist. Diese Leere, die immer und immer wieder schmerzhaft wachgehalten wird, jedes Mal, wenn wir etwas wahrnehmen, das uns an unseren lieben Verstorbenen erinnert. Orte, die wir gemeinsam besucht haben, Musik, die wir gemeinsam gemocht haben, Erinnerungen, die wir gemeinsam geteilt haben.
Da ist dieser Wunsch nach Nähe, die es nicht mehr gibt, nach Geborgenheit, die nicht mehr gegeben wird, und da ist Liebe, die sich aber auf einmal so ganz anders anfühlt, kälter, ferner, ja fast schmerzhaft. Es erleichtert, wenn wir dort hingehen können, wo unsere Trauer einen Ort hat, wo wir unseren Mitmenschen auf seinem letzten Weg hinbegleitet haben. Es erleichtert, wenn wir an seinem Grab stehen können, um zu trauern, um zu erinnern, um doch irgendwie zu fühlen, dass er noch da ist. Steh nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht. Es ist nicht leicht, das anzunehmen, wenn die Trauer schmerzt. Es ist nicht leicht, gerade an den Gräbern unserer Lieben noch einmal loszulassen, sich einzugestehen, dass wir dort nur die irdische Hülle finden, Und eben nicht mehr.
Ich bin tausend Winde die wehen, ich bin diamantenes Glitzern im Schnee, ich bin das Sonnenlicht auf reifem Korn, ich bin die sanften Sterne, die scheinen in der Nacht. Gottesgeschenke all das, was hier beschrieben wird, der Wind, der Schnee, das Sonnenlicht, die Sterne. Und in all dem sollen wir sie, die uns so sehr fehlen, wiederfinden können, unsere Partnerinnen und Partner, unsere Eltern und Großeltern, unsere Freunde und Bekannten, all diejenigen eben, die uns vorausgegangen sind. Sie sind nicht in den Gräbern. Sie sind in und bei Gott.
Ja, es ist und bleibt jedes Mal wieder eine Anfechtung und eine harte Bewährungsprobe für unseren Glauben und für unsere Hoffnung, wenn wir uns verabschieden müssen von einem geliebten Menschen. Doch wir dürfen uns eben verlassen auf den, der uns gesagt hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Echten Trost finden wir nicht an den Gräbern. Dort tut es bestenfalls kurzzeitig etwas weniger weh. Echten Trost schenkt uns unser Glaube und die Hoffnung darauf, dass Gott tatsächlich alle Tränen von unseren Augen abwischen wird, und dass es ein Ende hat mit Leid, Geschrei und Schmerz, weil das erste vergangen ist und weil Gott in Jesus Christus den Tod für uns besiegt hat – für Sie für Euch für mich und das ein für alle Mal.
Steh nicht an meinem Grab und weine, ich bin nicht dort. Ich lebe!

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  Human Scum

Human Scum

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.11.2019

Die Polizei klagt in meiner Tageszeitung über die Respektlosigkeit, die ihr Tag für Tag auf den Straßen Braunschweigs begegnet: „Man muss nicht grüßen, nicht siezen, darf beleidigen, spucken und treten“, sagt die Polizeisprecherin Carolin Scherf. Und ein Polizist äußerst, dass er auf Streife manchmal den Eindruck habe, dass er der erste sei, der bei so manchem alkoholisiert-pöbelnden Jugendlichen klar und deutlich Grenzen zu setzen versuche, „als hätte ihnen noch niemals jemand Stopp gesagt“. Aber nicht nur die Jugend wird als Problemfeld beschrieben, sondern auch jene Eltern, die mit ignoranter Selbstverständlichkeit morgens ihre Kinder zur Schule fahren und bei polizeilicher Ansprache dann tatsächlich darüber zu diskutieren beginnen, warum es falsch sei, in einem Halteverbot zu parken, oder warum überhaupt ein solches Schild an dieser Stelle zu stehen habe.

Es mehren sich die Anzeichen eines grundlegenden Wandels im gesellschaftlichen Miteinander. Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch andernorts. So lese ich auf der Homepage der Tagesschau eine Nachricht über das Verfahren, das einer Amtsenthebung Trumps den Boden bereiten soll. Nun ist Trump jemand, der bekanntermaßen gerne sprachlich unflätig unterwegs ist. Aber er hat es wieder einmal geschafft, sich selbst zu unterbieten, indem er die Demokraten in einem Tweet als „human scum“, also als menschlichen Abschaum verunglimpft. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte solch eine Beschimpfung des politischen Gegners wahrscheinlich dazu geführt, dass der Sprecher selbst sich für jegliches politische Amt disqualifiziert. Heute aber scheinen solche Typen interessant für Wählerinnen und Wähler zu sein. Vielleicht ja, weil die sich von dem Mann mit dem verbalen Vorschlaghammer erhoffen, dass er auch ihre Interessen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen wird.

Sprache bildet Wirklichkeit ab – und sie schafft Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit, in die wir uns derzeit hineinreden, brüllen, beschimpfen, tweeten oder aber auch umgekehrt in Gesprächsabbrüche bugsieren und dann ignorieren, die beunruhigt.

So manch einer mag die biblische Rede von Nächstenliebe, Demut oder Liebe nicht oder auch nicht mehr hören. Und doch könnte gerade sie wirksames Gegenwort zu der in dieser Zeit mehr und mehr egoistischen und unhöflichen Rede zwischen Menschen sein. So wir denn zu hören bereit werden und uns mahnen lassen. Denn so diffus das Wörtlein „Liebe“ auch manchem in den Ohren klingen mag, so klar wird doch, dass sie nichts mit der gepflegten Rücksichtslosigkeit dieser Tage zu tun hat, wenn es im 1. Brief an die Korinther heißt (1. Kor 13,4-7): „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.“

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  Wunder

Wunder

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.11.2019

Es gibt eine Fernsehserie die heißt „Welt der Wunder“. Dort werden alltägliche aber auch spektakuläre Dinge präsentiert – vom Laternenfisch, der in der Tiefsee lebt und leuchtet, über die Herstellung von Croissants bis hin zum beheizten Eisportionierer. Welt der Wunder. So manches, was wir dort zu sehen bekommen, ist tatsächlich überraschend und neu, aber echte Wunder sind es dann irgendwie doch nicht. Denn alles das, was uns die Sendung vorstellt, gibt es ja tatsächlich und es gehorcht auch immer den Gesetzen der Natur.
Wenn wir etwas über echte Wunder erfahren wollen, sollten wir einen Blick in die Bibel werfen. Es gibt viele Berichte über Wunder, die Jesus tut. So zum Beispiel, als er einen Mann heilt, der schon seit über 38 Jahren gelähmt am Teich Betesda liegt und auf Heilung wartet. Und nun kommt Jesus zu diesem Mann, fragt ihn, ob er gesund werden wolle. Als der Mann das bejaht, sagt Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ Und der Mann ist gesund von jetzt auf gleich, steht auf und geht seiner Wege. Donnerwetter! Ein echtes Wunder! Und, glauben Sie, dass das so war? Glauben Sie an Wunder?
Das ist eine der vielen Gretchenfragen, die mit unserem Glauben zusammenhängen oder mit ihm mitklingen. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts sind stolz auf all die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich in den letzten Jahrhunderten so angesammelt haben. Sie helfen uns, vieles besser zu verstehen, was in dieser Welt um uns herum so passiert. Sie verleiten uns aber auch dazu, aus großer Überzeugung heraus zu sagen, dass diese Geschichte am Teich Betesda so nicht passiert sein kann. Nein, sie ist bestimmt nur bildhaft und im übertragenen Sinne zu verstehen. Wörtlich zu nehmen, ist sie nicht, weil das, was geschildert wird, all unseren Erkenntnissen über die Gesetze der Natur entgegensteht.
Es wird immer wieder hervorgehoben, dass die Wundererzählungen des Johannesevangeliums hinweisenden Charakter haben. Sie weisen auf den hin, der die Wunder tut, der sie möglich macht, sie weisen hin auf Jesus Christus und weiter auf Gott selbst. Und hiermit ist die Frage an uns alle gestellt, ob wir denn Gott dies so zutrauen, ob wir ihn in seiner Unerreichbarkeit und Unfassbarkeit akzeptieren, ob unser Glaube weit genug ist, um eben auch ein solches Wunder Wunder sein zu lassen. Wir laufen schnell Gefahr, Gott durch unsere eigene Erkenntnis zu begrenzen, ihn nur soweit zuzulassen, wie wir es selbst nachvollziehen können. Doch damit machen wir Gott unzulässig klein.
Ja, wir müssen aus unserer Komfortzone des „Ich verstehe alles und kann alles wissenschaftlich belegen und begründen“ herauskommen, um Gott gerecht zu werden. Und wir müssen bereit sein, auch Wunder zu akzeptieren. Über dem heutigen Tag heiß es: „Siehe, ich, der HERR, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein?“
Gott und Gottes Friede sind höher als unsere menschliche Vernunft. Das ist so und das ist auch gut so!

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  Nehmen, was geht? Wort zum Buß- und Bettag

Nehmen, was geht? Wort zum Buß- und Bettag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.11.2019

Friedensklima lautete das Thema der Friedensdekade, die heute zu Ende geht. Zehn Tage lang haben wir uns zugemutet, uns selbst zu befragen, wie wir es denn halten mit Friedens- und Umweltthemen. Auch wenn Selbstkritik nicht unbedingt zu guter Laune führt, bin ich doch alle Jahre wieder dankbar über diese ritualisierte Form der Selbstunterbrechung. Denn sie ist etwas anderes als ein Sich-selbst-klein-machen, das im schlimmsten Fall kein Ende nimmt. Die Friedensdekade mit ihrem Anfang und ihrem Ende ist vielmehr eine Form der Gegenwartsbuße. So altmodisch dieses Wort auch klingen mag. Sie bietet einen Moment des Innehaltens, des wachen Umsehens und der Selbstbefragung, wo eigentlich ich in diesem ganzen Durcheinander der Gegenwart stehe.

Am vergangenen Sonntag vertrat unser Bischof in seiner Predigt die These, dass äußerer Friede den inneren Frieden der Menschen als Voraussetzung habe. Und mit Paulus befand er, dass der innere Friede nur selten von dem abhänge, was von außen begegnet. An dessen Lebensgeschichte wies er auf, dass Paulus sich weder von seinen Schiffbrüchen noch von den Streitigkeiten mit anderen Christen noch von Rückschlägen in seiner Mission noch von seiner Krankheit noch von Verhaftungen seinen Frieden hat nehmen lassen. Für Paulus war allein der Glaube, sein Vertrauen in Gott, das, was ihm Frieden verlieh. Und von dieser sturmfesten Wirklichkeit aus, vermochte er für das einzutreten, was ihm als richtig und gut erschien.

Und heute nun eine Erzählung, die anhand der Bitte eines Mannes ein großes Fass aufmacht. Der Mann bittet Jesus, zwischen ihm und seinem Bruder zu richten. Er verlangt nicht mehr als das, was ihm rechtmäßig zusteht: sein Erbe. Jesus aber weist ihn grob zurück: Niemand habe ihn zum Richter oder Schlichter der Brüder eingesetzt. Alles weitere spricht er nicht mehr zum Mann, sondern zu „ihnen“, wen auch immer wir uns darunter vorstellen wollen: Die Jünger, die Menschenmenge, uns. Oder alle miteinander.

Jesus erklärt, dass wir Menschen uns vor der Habgier hüten sollen, denn niemand lebe davon, dass er viele Güter habe.

Und an dieser Stelle erzählt er jenes uns allen bekannte Gleichnis von dem reichen Kornbauern, der auf den Tag X hin schuftet und schuftet mit dem Ziel, seiner Seele durch materielle Absicherung Ruhe zu verschaffen. Jesus behauptet dessen Tun als unsinnig. Zum einen, weil das letzte Hemd nun einmal keine Taschen hat, und zum anderen, weil Gott keine einzige Seele auf ihren wirtschaftlichen Erfolg zu Lebzeiten hin ansehen werde.

Nun, lese ich diese Verse, dann empfinde ich den Mann, der bei Jesus Gerechtigkeit sucht, erst einmal gar nicht als habgierig. Und dennoch werden wir durch die Reaktion Jesu daraufhin befragt, wie viel Streit und Unfrieden wir um materieller Güter willen zulassen wollen.

Bedeutet z.B. Gerechtigkeit heute, dass jeder das Recht auf eine beliebig große Menge an Umweltverschmutzung durch Mobilität, Ressourcenverbrauch oder Industrie hat?
Und umfasst Gerechtigkeit das Recht, zur Durchsetzung eines echten oder auch nur behaupteten Rechts den Frieden im Land gefährden zu dürfen?
Bedeutet Gerechtigkeit zu realisieren, was einem irgendwie zusteht? Was durchsetzbar, was machbar ist? Oder wird Gerechtigkeit hier nicht zu einem Deckmäntelchen dessen, einfach zu nehmen, was geht?

Wie viele Familien sind eigentlich schon an Erbstreitigkeiten zerbrochen, an deren Ende jeder symbolische 7,50€ mehr hatte?
Und was eigentlich zerbricht gerade in dieser Zeit zwischen Menschen und Völkern und in der Natur, weil zu viele Leute auf nicht mehr und nicht weniger als ihr gutes Recht bestehen?

Ich weiß, dass es nicht leicht ist mit dieser Frage von Recht und Gerechtigkeit. Niemand will sich für dumm verkaufen lassen von seinem Nächsten. Niemand übers Ohr hauen lassen. Aber vermutlich wäre es doch hilfreich, sich hin und wieder einmal selbst zu verdeutlichen, dass das Seelenheil – nicht erst nach dem Tod, sondern auch schon hier und jetzt auf Erden, nicht davon abhängt, wie viel einer besitzt, sondern davon, wie gut er seinen inneren Frieden zu finden vermag.

Wo aber solcher Friede zu finden ist, das beschreibt Martin Luther in seiner, wie ich meine, unübertrefflich schönen Auslegung der Brot-Bitte im Vaterunser, die da lautet:

„Unser tägliches Brot gib uns heute. Was ist das?
Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er's uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot. – Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Und vermutlich braucht es gar nicht alles und viel, sondern nur einiges und überhaupt von dieser Liste, um Dankbarkeit und Zufriedenheit, also inneren Frieden zu haben.

Die Erzählung zum Andachtswort: Lukas 12,13-21:
Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm:
Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.
Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter über euch gesetzt?
Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier;
denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach:
Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun?
Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun:
Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen
und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele:
Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre;
habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.
Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

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  Leben, wie es Gott gefällt

Leben, wie es Gott gefällt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.11.2019

Siebenundzwanzig Jugendliche sitzen heute unter uns. Seit knapp vier Monaten seid Ihr als Konfis unterwegs. Und fragt: Was ist das eigentlich mit diesem christlichen Glauben? Und warum sollte ich mich konfirmieren lassen? Einige von Euch werden laut die Antwort geben, die ich damals auch gegeben hätte: „Weil’s bei uns Tradition ist.“ Oder: „Weil ich bei meiner großen Schwester das Feierliche des Konfirmationstages und auch den Geschenketisch ziemlich cool fand.“ Und leise? Leise hätte ich gewusst, dass ich abends gerne bete: „Lieber Gott, bitte beschütze mich für diese Nacht und alle, die ich lieb habe. Amen.“ Und dass ich Gottesdienste mag – zugegeben, die Predigten waren weit von mir weg und oft erschien mit das Amen am Ende ihr schönster Moment, aber ich mochte den Raum, das Licht, das durch die Fenster fiel; das Gefühl, mit Menschen, die Jahrhunderte vor mir gelebt haben, durch die Musik und die Worte und den Ort verbunden zu sein, selbst Teil dieser Geschichte zu sein; ich mochte, was ich in den biblischen Texten hörte: Was du willst, das man dir tu, das tue auch den anderen. Und: Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist die passende Antwort auf Gottes Schöpfungsgeschenk. Denn Gott will, so steht’s geschrieben, dass wir Menschen in Frieden beieinander wohnen; dass alle genug zu essen und zu trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf haben; dass Menschen einander aufhelfen; und dass Macht auf Erden etwas sein sollte, das zum Wohle aller genutzt wird.

Wahrscheinlich war ich damals eine Träumerin. Wahrscheinlich bin ich noch immer eine. Aber je mehr ich erlebe, wie unsere Welt sich verändert, umso fester werde ich in meinem Traum. Diese Welt, dieser phantastische, unglaubliche und vielleicht sogar einzigartige, dieser wunderbare und so gefährdete Planet, er könnte so gut sein, wenn wir in aller uns geschenkten Freiheit den Willen Gottes für uns Menschen leben wollten. Bei Jesus Sirach heißt es: „Gott gab den Menschen den Gebrauch der fünf Sinne, als Sechstes gab er ihnen den Verstand und als Siebtes das Wort, seine Werke auszulegen. Er gab ihnen Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und das Herz zum Denken.“ (Jes Sir 17,5-6)

Und so bete ich mit jenen alten und gleichzeitig so aktuellen Worten des Franz von Assisi:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe übe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; / nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; / nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

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  ... ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe...

... ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe...

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin St. Petri - 18.11.2019

So sagte es eins meiner Gemeindeglieder in einer Rede zu ihrem 80.Geburtstag – Sie ist vor wenigen Wochen mit 93 Jahren verstorben, also 1925 geboren.
…ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe…wer 1925 geboren ist, zwischen beiden großen Weltkriegen und die ersten 25 Jahre seines Lebens mit deren Nachwirkungen und Vorwehen zu tun hatte, der weiß, von was er spricht, wenn er oder sie dankbar ist, im Frieden zu leben.
Die Frage aber, was Frieden eigentlich ist und meint, wird in jeder Generation neu gestellt und beantwortet werden müssen. Ist Frieden nur die Abwesenheit von Krieg? Sicher , wenn wir Krieg auf kämpferische Handlungen, die das Töten von Menschen einschließen und das Erobern anderer Ländern reduzieren, dann haben wir hier Frieden. Doch greift diese Antwort zu kurz. Denn Frieden ist nicht nur ein kostbares Gut, sondern eine schillernde Größe: Da gibt es den Weltfrieden, den gesellschaftlichen Frieden, den Frieden zwischen Mensch und Natur, der gerade in den letzten Monaten durch die Fridays for Future Bewegung wieder in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt ist, und schließlich gibt es auch noch den ganz eigenen, den „inneren Frieden“.
Fängt nicht alles damit an, dass ich den nicht habe oder finde, “meinen inneren Frieden“- dass ich ihn schnell wieder verliere, weil andere mehr haben als ich, gesünder sind ,schneller Karriere machen, glücklicher verheiratet sind, es in allem, was das Leben so fordert scheinbar leichter haben? Unfrieden und Un-zu –friedenheit hängen in der Tat zusammen! Darum an dieser Stelle die Einladung an Sie, den Satz…Ich bin zufrieden mit…einmal positiv für sich zu Ende zu formulieren. Es dürfen auch gerne mehr Sätze sein!
Ich bin der Überzeugung, dass Menschen - mit sich selbst zufrieden - nach außen friedenswirksam handeln und Prozesse in Gang setzen können, die dem Frieden dienen: zu Hause, in der Lebenspartnerschaft, in der Firma, in dieser Stadt und unserer Gesellschaft. Wer den Anspruch formuliert, Frieden zu wollen, der und die muss ihn- und das sicher auch mit Gottes Hilfe-zu allererst mit sich selber herstellen. Das ist und bleibt ein lebenslanges Ringen.
Und so, wie die Isobarenkarte sich immer wieder verschiebt und sich das Wetter entsprechend verändert, so kann ein gelebter Frieden hier den Unfrieden andernorts nicht verhindern! In derselben Dynamik begegnet uns der Bibeltext für den heutigen Tag der Friedensdekade. Da heißt es im 2. Buch Mose, Kapitel 34,5-7:Da kam der Herr hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu Mose. Und er rief aus den Namen des Herrn. Und der Herr ging vor Moses Angesicht vorüber und er rief aus: Herr, Herr, Gott, barmherzig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat ,Übertretung und Sünde; aber ungestraft lässt er niemand ,sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied. Der Text nennt Wohlwollen und Strafe Gottes in einem Atemzug.
Es bleibt ein Wunder, dass Jesus Christus, von dem der Apostel Paulus im Brief an die Epheser sagt: „Christus ist unser Friede“, diesen polar agierenden Gott als seinen Vater bezeichnet. Genau darin liegt für Christen Herausforderung und Zusage in einem: Wo Christus unser Friede wird, da werden wir selber friedensfähig und finden auch Zeit und Kraft uns für den großen Frieden einzusetzen.

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  Kraftquelle

Kraftquelle

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.11.2019

Wenn ich zu Jahresbeginn mit meinen Konfis deren Konfirmationssprüche erarbeite, dann kündige ich ihnen diese als ihre ganz persönlichen Lebensworte an; als Worte, die sie dazu auserwählen über ihrem Leben zu stehen: als Ermutigung oder Schutzwort, als Segen oder als Weisheitswort, als Lob oder als Dank. Eines der Lieblingsworte, die alle Jahre wieder mindestens ein oder zwei Liebhaber finden, ist folgendes: „Die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ – Oft sind es Jungs, die sich für dieses Wort entscheiden. Und wenn ich die Konfis dann ihre Sprüche malen lasse, dann sehe ich nicht selten einen großen Bizeps. Kraft, Leistungsstärke, vielleicht sogar Heldentum – all dies scheint ihnen das Wort zu verheißen.

Nun endet unser heutiger Textvorschlag zur Friedensdekade auf genau jenem Wort.
Aber siehe, der Anfang, der ist überraschend anders und geht wie folgt:
„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes 40,28-31)

„Jünglinge werden müde und matt, Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren…“. Vermutlich ist es fast schon das Gegenteil dessen, was die Jungs sich erhoffen. Hier nämlich geht es zuerst um das Eingeständnis, dass menschliche Kraft ganz schön schnell ermüdet. Und wer kennt das nicht: So manche Aufgabe scheint doch wie eine Möhre, die dem Esel mit dem Stock vor die Nase gehalten wird. Er läuft und läuft, nur erreichen kann er sein Ziel nicht.

Friedensklima heißt es in diesen zehn Tagen zum Ende des Kirchenjahres. Und beschreibt darin gleich zwei Hoffnungen: den Frieden von Menschen untereinander und eine friedvolle Natur. Nicht selten erscheinen uns in unserem täglichen Handeln sowohl der eine als auch der andere Friede als nicht erreichbare Ziele. Wir können uns vielleicht vorstellen, wie eine Welt ohne Krieg und ohne Umweltmissbrauch aussähe, doch wissen wir nicht, wie sie zu erreichen sein könnten. Und selbst ein Land, so stark wie Deutschland, scheint in seinen Bemühungen regelmäßig wie der Jüngling zu ermatten und müde zu werden. Das heutige Bibelwort mahnt wie schon andere dieser Woche zu Vertrauen und Treue. Selbst wenn wir uns hilflos fühlen, gilt es, nicht aufzugeben. Warum? Weil Friede etwas zu Suchendes ist. Friede ist etwas Leises, etwas Freies, etwas, das wir Menschen uns als Traum im Herzen bewahren müssen. Ich für meinen Teil glaube: Je sanfter wir den Frieden suchen, desto mehr werden wir erleben, dass, wer sucht, auffährt mit Flügeln wie Adler, läuft und nicht matt wird, wandelt und nicht müde wird – und findet.

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  Echte Helden

Echte Helden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.11.2019

Für jeden Tag schlägt das Team der Friedensdekade einen biblischen Text vor. Der von heute überrascht. Es ist einer der mehr oder weniger strengen Gerichtstexte des Evangelisten Matthäus. Dort heißt es (Mt 10,40-42): „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird auch wie ein Prophet belohnt werden. Und wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird auch wie ein Gerechter belohnt werden. Und wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt, weil er mein Jünger ist, Amen, das sage ich euch: ein solcher Mensch wird ganz bestimmt seine Belohnung dafür erhalten.“

Do ut des. Wie du mir, so ich dir. Das scheint das Grundmuster dieser Worte Jesu zu sein. Puh. Denke ich. Denn meine Theologie ist das nicht. Und überhaupt: was hat das eigentlich mit dem Stichwort Friedensklima zu tun?

Geht es darum, dass sowas von sowas kommt, dass Freundlichkeit Freundlichkeit wirkt oder Umweltschutz Umweltheil? Für mich stelle ich fest, dass ich beim Lesen dieses Textes vor allem bei den Worten: „wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt …“, aufmerke.

Wie oft geht es in unserem Reden nicht um das große Ganze? Um dann resigniert festzustellen: Das Bisschen, das ich tun kann, das bringt doch sowieso nichts.

„Wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt“, heißt es in der Bibel. Genau. Es geht um mehr als die ganz wichtigen, um die ganz großen Dinge. Es geht um das, was ich tun kann. Mir mag weder ein Prophet noch ein Gerechter begegnen, und weder bin ich der Wirtschaftsminister und für die Zeichnung der Waffentransporte zuständig noch Bundeskanzlerin mit Richtlinienkompetenz, aber die kleinen Dingen auf meinem Weg, in meinem Umfeld, die kann ich angehen. Oft ist es das scheinbar Unbedeutende, das Bedeutung hat: Dem Dürstenden ein Glas kühlen Wassers zu geben – das ist wichtig.

In Umweltfragen ziehe ich für mich also das Fazit, dass ich getreulich weiter versuche umweltbewusst zu leben. Mit meinem Fahrrad, mit meinen Stoffbeutelchen, mit meinem Klamotten Auftragen, mit meiner Bevorzugung regionaler Produkte, mit meinem Versuch, möglichst wenig wegzuschmeißen, mit all meinen Tropfen auf den heißen Stein. Auch dann, wenn ich an der Wirkkraft meines Engagements manchmal zweifle. Aber wie hat schon Fanta Vier in meiner Jugend gesungen: „Wir retten die Welt, sag ich, und werd ausgelacht; doch wenn das alle denken würden, hätten wir’s schon längst gemacht.“

Wenn das mal nicht prophetisch ist;)

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  "Sieh zu, was du tust"

"Sieh zu, was du tust"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.11.2019

„Wir Wissenschaftler sagen seit 30 Jahren das Gleiche und bisher ist fast nichts passiert. Da wird es immer weniger realistisch, Ziele für die 2030er oder 2040er Jahre zu erreichen. Wichtiger als die Festlegung, welches Ziel oder welches Datum wir schaffen müssen, finde ich die Frage: Wie kann eine Gesellschaft in einer Demokratie dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern? Da sehe ich persönlich noch keine Antwort.“

Das sind Worte von Professor Dirk Notz, Klimawissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe „Meereis im Erdsystem“ am Max-Planck-Institut in Hamburg. Friedensklima heißt die diesjährige Friedensdekade und nimmt damit auf, dass Friede mehr braucht als freundliche Menschen, die sich vertragen. Eine der Auswirkungen des Klimawandels, so Notz, seien mit hoher Wahrscheinlichkeit Wetterextreme, also Hitze, Dürre und starke Niederschläge. Dies sei auch für die Landewirtschaft eine große Herausforderung. Denkt man seine Worte konsequent weiter, geht es also um die Ressourcen Wasser, Nahrung und Lebensraum. Ressourcen, um die schon viele Kriege geführt worden sind.

Seit 30 Jahren sei also nichts passiert, resümiert Notz trocken. Und die vielen Schülerinnen und Schüler, die sich der „Fridays-for-future“-Bewegung anschließen, fragen mit Recht, warum eigentlich Erwachsene sich nicht an Verträge halten, die sie einst geschlossen haben. Wie viel Gezerre um Umweltschutzmaßnahmen gab es nicht schon auf all den weltweiten Klimakonferenzen, deren Beschlüsse oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner fanden; und nicht einmal die wurden konsequent verfolgt. – Trotz der Bilder von Plastikinseln im Meer, von Bergen unseres Mülls, den wir nach Russland verkaufen, um ihn dort in Sibiriens Weiten abzuladen, von Flüssen, die Schaumbädern gleichen, Städten, denen unter Smog-Glocken die Luft wegbleibt und der Umweltnachrichten mehr.

Also: Warum halten wir uns nicht an die Verträge, von denen wir wissen, wie zukunftsrelevant sie sind? In der heutigen Erzählung zur Friedensdekade geht es auch um einen Vertragsbruch. Und der hat keinen anderen Grund als schnöde, kurzsichtige Gewinnsucht.

Nabal heißt der Vertragsbrüchige. Und David ist der Mann, gegen den er vertragsbrüchig wird. David, reizbar wie er ist, zieht daraufhin los und schwört dem Nabal blutige Rache. Verhindert wird dieses Blutbad durch Abigajil, Nabals kluger Ehefrau. An sie hatten sich die Männer Nabals gewandt, nachdem sie Zeugen dessen unglückseligen Handelns geworden waren. Ihr Bericht endet mit den Worten (1. Sam. 25, 17): „So bedenke nun und sieh zu, was du tust.“ Abigajil ahnt, was kommen wird, und entschließt sich um ihrer aller Überleben willen, dem David entgegen zu gehen. Sie erfüllt dem David den Vertrag übermäßig und bittet für ihren Mann um Entschuldigung. Der, erklärt sie, sei, wie er heiße: Nabal, zu Deutsch: ein Narr. – Nun, auch wir können so manche Narretei nicht mehr ändern. Aber wie Abigajil können wir bedenken und sehen, was zu tun ist.

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  Nicht verzagen

Nicht verzagen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.11.2019

Hongkong, 2019. Lina, 38, erzählt: „Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist zu einem Albtraum geworden…. 2014 war ich noch gegen die Proteste für Demokratie. Mir ging die Forderung der Regenschirmbewegung nach einem allgemeinen Wahlrecht einfach zu weit. … Im Großen und Ganzen war ich mit der Arbeit der Regierung zufrieden. / Die Attacke in Yuen Long hat mich und meine Freunde furchtbar enttäuscht. Ich habe keinerlei Vertrauen mehr in die Regierung oder die Polizei. Wir fingen deshalb an, die Proteste logistisch zu unterstützen. …. Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein. / Die Proteste haben mein gesamtes Leben verändert. Ich glaube, allen Hongkonkerinnen geht es so, egal, auf welcher Seite sie stehen. … Die Proteste haben auch großen Einfluss auf meine Arbeit in der Finanzindustrie. ... Für mich ist das in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass der Kampf für unsere Zukunft wichtiger ist als finanzielle Verluste. Aber ich muss auch sagen, dass es mir finanziell gut geht. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren eine Wohnung kaufen können. Jetzt besitze ich sogar mehrere, die ich vermiete. Ich habe diesen Wohlstand nicht mehr oder weniger verdient als andere oder die jungen Leute heutzutage. Ich hatte einfach Glück, früher geboren zu sein und schnell einen guten Job zu finden. / Viel schlimmer als die wirtschaftlichen Auswirkungen sind die psychischen: Ich bekomme die Bilder der Polizeigewalt, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen und die selber miterlebt habe, nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Tränengas rieche, sobald ich meine Augen schließe. Und ich mache mir permanent Sorgen um meine Eltern, weil sie in einer Gegend leben, in der die Polizei immer wieder Tränengas einsetzt.“

Die Journalistin Katharin Tai protokollierte für „Die Zeit“, was Menschen aus Hongkong heute von ihrem Alltag berichten. Veröffentlicht wurde der Beitrag am 11. November auf zeit-online. Als ich Kind war, da gehörte Hongkong noch zum British Empire. Im Fernsehen sah ich damals die Bilder, wo Menschen protestierten, weil sie sich vor dem fürchteten, was sich mit der neuen Staatszugehörigkeit für sie in ihrem Alltag ändern könnte.

An dem gerade zitierten Bericht geht mir nah, dass die Berichtende eine erfolgreiche Geschäftsfrau mittleren Alters ist. Es geht ihr nicht um Prinzipien, nicht um Gesellschaftsvisionen, sondern um ihr Entsetzen angesichts ihres Staates als Unrechtsstaat. „Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein“, konstatiert sie – und versucht mit sich selbst Kompromisse zu schließen: Wie weit kann, wie weit will sie gehen? Wäre ich an ihrer Stelle, mir ginge es wohl ähnlich.

Und doch tut sie mehr als nichts. Sie steht zu ihrem leisen, aber aufrechten Widerstand. Unser heutiger Bibeltext zur Friedensdekade zitiert den Brief des Timotheus an seine Gemeinde, der schreibt: „Der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr weckt er in uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ (2. Tim. 1,7)

Mögen dieser Gottesgeist jene stärken, die derzeit für Recht und Gerechtigkeit einstehen, und ihnen in ihrem friedlichen Protest zum Erfolg verhelfen.

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  Hasspredigten

Hasspredigten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.11.2019

Manchmal hängen Leute Zettel an unsere Schaukästen. Meist sind es nicht die klügsten Botschafter, die sich auf diese Weise Ausdruck verschaffen, weshalb wir die Botschaften auch nicht weiter kommentieren. In dieser Woche eine Ausnahme von der Regel:

Dieses Mal ging es um die Kritik am Bischof, weil dieser dazu einlädt, am 30. November im Mittagsgebet gemeinsam um Frieden zu bitten. Außerdem hat er angekündigt, sich auf dem Schlossplatz an der Abschlusskundgebung der Initiative „Bündnis gegen Rechts“ zu beteiligen und sich damit gegen all jene Stimmen in der AfD zu stellen, die Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder die hässlichen Seiten eines Nationalismus aufleben lassen, die wir vor 74 Jahren hinter uns zu lassen gehofft hatten. Besonders seltsam ist an dieser Kritik, dass unser anonymer Zettel-Schreiber gar nicht auf das eingeht, was der Bischof in seinem Bischofswort sagt, sondern er sich gegen einen Aufruf des Spiegel-Redakteurs Haznain Kazim wendet, der mahnt, sich gar nicht erst mit jenen auseinanderzusetzen, die die AfD wählen, sondern diese auszugrenzen und zu ächten. Zu diesen Votum kann man stehen wie man möchte. Christlich würde ich behaupten, dass überall da, wo Unversöhnlichkeit gepredigt wird, am Ende auch Unversöhnlichkeit steht. Aber zurück zu uns: Wir haben vor gar nicht langer Zeit einen Anschlag auf eine Synagoge erleben müssen, und täglich erleben wir sprachliche Ausfälle, die fassungslos machen. Gar nicht selten sind jene, die sich im Ton vergreifen, Mitglieder der AfD. Deshalb die berechtigte Frage: Wie stellen Christen sich dazu?

Wortwörtlich erklärt der Landesbischof, ich zitiere: „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinen. Christen sehen in jedem Menschen, egal, welchem Volk er angehört, ein Kind Gottes. Das gilt auch für die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Zu ihnen zählen die Flüchtlinge und Fremden.“ Die Schnittmenge mit dem „Bündnis gegen Rechts“ benennt er mit den Schlagworten „Gerechtigkeit, Wertschätzung, Gleichberechtigung und Solidarität“. Diese entsprächen einer Kultur der Aufmerksamkeit, die er als Bischof unserer Landeskirche unterstützen möchte. Sie brauche es nämlich, um unserem Land in seinen demokratischen und humanen Grundlagen verpflichtet zu bleiben. Ihm geht es also gerade nicht um Ausgrenzung oder Ächtung irgendwelcher Menschen, sondern um die Ablehnung konkreter Positionen, durch die Menschen zu Worten des Hasses oder gar zur Taten der Gewalt verleitet werden.

Nicht Hass predigen, sondern aller Hasspredigt, ganz gleich aus welchem Munde, widerstehen; dem Nächsten Nächster sein, Falschem und Gefährlichem laut und klar widersprechen – das ist christlich. Dem entspricht das heutige Bibelwort zur Friedensdekade. Es lautet (Eph 2,14): „Christus selbst ist unser Friede. Er hat aus den beiden Teilen eine Einheit gemacht und die Mauer niedergerissen, die sie trennte. Er hat die Feindschaft zwischen ihnen beseitigt, indem er seinen Leib hingab.“

Oder – auf heute übertragen: Weil wir Menschen in Christus durch das Opfer seines Todes Frieden haben, sollte zu keiner Zeit an keinem Ort kein Mensch dem anderen Feind sein, und die Mauern zwischen Menschen sollten endlich niedergerissen werden.

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  Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Pastor Henning Böger - 11.11.2019

Wer das Städtische Museum am Löwenwall besucht, der kann dort ein ganz passendes Kunstwerk zur diesjährigen Friedensdekade betrachten. Inmitten der Sammlung, die einst Bürger der Stadt zusammentrugen, findet sich - eher kleinformatig - ein Bild des Malers Carl Spitzweg. Der lebte im 19. Jahrhundert und wurde von seinen Zeitgenossen wegen seines humorigen Blicks auf die Ideale seiner Zeit geschätzt.
Auf seinem Bild im Städtischen Museum sitzt ein einsamer, alternder Wachsoldat auf der kanonenbewährten Zinne einer Festung. Vor lauter Langeweile hat er das Stricken begonnen, weil Frieden ist und kein Feind in Sicht. Das ist ein feiner, ironischer Blick auf alles Heroische und Kämpferische, das auch unsere Gegenwart wieder so sehr prägt. Wie gerne möchte man den Herrschenden unserer Tage, den Präsidenten und Despoten, ihre Waffenarsenale aus den Händen nehmen - und Strickzeug in dieselben legen.
Der Gedanke, dass Menschen den Krieg vor lauter Frieden glatt verlernen können, der spricht schon aus den die biblische Friedensvisionen. Eine besonders schöne kann man beim Propheten Micha nachlesen: Er sieht den alles überragenden Gottesberg,
auf den herauf nur noch Friedenspfade führen. Auf ihnen kommen die Völker der Erde zusammen. Niemand muss sich den Weg dorthin mit Gewalt erkämpfen! Nein, das Kriegsgerät hilft hier zum Leben: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“
So sieht es der Prophet Micha. Und in mir beginnen, die Bilder zu sprechen: Aus Schwertern werden Pflugscharen! Aus Kriegshelmen Kochtöpfe! Aus Gewehrläufen Orgelpfeifen! Aus Hellebarden Stricknadeln!
Wenn die Phantasie so zu malen beginnt, dann entsteht mit festem Strich eine neue Welt. Dann ist der Frieden nicht mehr ferne Zukunftsmusik, sondern er prägt unser Handeln im Hier und Jetzt. Damit das Friedensklima unter uns eine echte Chance hat.

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  Füße

Füße

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2019

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ So heißt es im 31. Psalm. Freiheit schwingt da mit und auch die Herausforderung, sich in die Weite zu wagen, den eigenen Schutzraum zu verlassen und der Offenheit etwas zuzutrauen. Gut, dass es andernorts in den Psalmen heißt: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Immer sind es die Füße die uns tragen, denen wir aber, solange sie nicht wundgelaufen sind, schmerzen oder stinken, allermeist nur wenige Gedanken gönnen. Es mag überraschen, aber in unseren Füßen haben wir mehr Sinneszellen als in unserem Gesicht. Vielleicht fühlt es sich deshalb so bestürzend ja sogar intim an, wenn andere uns die Füße waschen…
Füße sorgen für Stabilität, Gleichgewicht und Beweglichkeit. Tausende Schritte tragen sie uns, oft innerhalb weniger Tage. Zahllose Nervenenden spüren den Boden, jede Unebenheit. Beim Barfußlaufen merkt man erst wie zart unsere Füße sind …
Auch Füße sind Gottes Meisterwerke: Es konzertieren fast 30 Knochen, beinahe 30 Gelenke, 60 Muskeln, mehr als 100 Bänder und über 200 Sehnen. Unsere Fußsohlen dämmen jeden Schritt, denn sie beherbergen ein Fettpolster, das nicht verrutschen kann. Niemals treten wir mit der ganzen Fußsohle auf, sondern rollen bei jedem Schritt ab. So sorgt diese Technik für einen gleichmäßigen schonenden Gang. Das aber will gelernt sein. Kinder setzen noch mit der ganzen Sohle auf und es braucht seine Zeit, oft bis ins zehnte Lebensjahr, bis ihre Füßchen rollen. Darum braucht es gute Kinderschuhe.
Gerade Kinderfüßen sieht man am deutlichsten an, wie es um den Wohlstand einer Familie bestellt ist. Mit anderen Worten, wer Armut nicht lesen und erkennen kann, sollte sich Kinderfüße ansehen. Manche stecken in schweren schwitzigen Kunststoffschuhen, andere in schlecht sitzenden Sandalen oder Flipflops und wieder andere sind ganz barfuß. Letzteres ist an sich gar nicht schlecht; so sind wir Menschen ja gestartet. Allerdings hört das auf gesund zu sein, wenn Wege nicht aus Sand und Wiese bestehen, mit Laub gepolstert sind. Über Asphalt und Schotter kann kein Kind laufen ohne sich die Füße wundzustoßen oder zu verbrennen…
Darum möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die mit ihrem Kirchgeld dazu beigetragen haben, dass 300 äthiopische Kinder der German Church Shool in Addis Abeba neue gute Schuhe bekommen können. 6000,00€ sind zusammengekommen. Wir sind es nicht und müssen es auch nicht sein, die diese 600 Füßchen auf weiten Raum stellen, aber wir können dazu beitragen, dass das Loslaufen auf hartem und heißen Asphalt nicht wehtut und diese Kinder noch viele, viele Schritte gehen können.
Und für uns mag an diesem Vorabend des neunten November, der ein so bestürzendes und segensreiches Datum gleichermaßen ist, Richtlinie sein: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

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  Hier und dort

Hier und dort

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2019

„Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle.“ So heißt es über diesem Tag aus dem ersten Buch der Chronik und dazu gelegt wurde aus dem Johannesevangelium: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Ein großer Rahmen. Unbehaust hier und mit Wohnung dort, als wäre es nicht andersherum dringender. Unbehaust hier: würde jetzt noch die Rettungsweste in der Laterne hängen, läge es nahe die Zeilen mit Blick auf die vielen Flüchtlinge zu aktualisieren. Das Thema ist ja nicht erledigt im Gegenteil. Unbehaust hier: 30 Jahre nach dem November 1989 schwingt durch diese Zeilen mit, was die ostdeutsche Schauspielerin Jutta Wachowiak letzte Woche hier im Staatstheater erinnerte. Nach der Öffnung der Mauer und der Deutschen Einheit konnten (wir) Ostdeutsche überall hin, nur nicht mehr nach Hause.
Unbehaust hier aber geborgen und Zuhause dort. Worte also, die im Blick behalten, dass wir im Laufe unseres Lebens zu einem Ziel hin unterwegs sind. Wegworte, die erzählen vom Wandern durch die Lebenszeit, vom sich fremd fühlen und irgendwann heimkommen, von Einsamkeit und Geborgenheit.
Die alten Worte kommen aus der Wüste und ländlicher Gegend. Aber es fällt nicht schwer, sie in der Stadt zu hören, denn hier wird man eher nicht gekannt und schneller nicht vermisst als auf dem Dorf. Vielleicht deshalb hat das Pilgern in der Stadt inzwischen solche Konjunktur, denn man spürt dabei Wegen nach, die mit Sicherheit an Orte führen, die uns bergen und ein Ziel sein können, die ein Vorgeschmack auf die Bleibe dort sind.
In Zürich haben Kollegen eine App entwickelt, die Menschen dazu bringen soll, nicht einfach nur durch ihre Stadt zu laufen als wären sie Fremdlinge, die nirgends hingehören, sondern einlädt zu testen wie sich die Plätze, an denen man sonst nur vorbeiläuft, anfühlen, ob man aushält, dort wirklich länger anzuhalten, still zu sein. Zwischendurch gibt es kleine geistliche und musikalische Impulse. Am Ende, so ist die Idee, soll man einen Gedanken, der an diesem Ort entstanden ist, in die App tippen. 33 Tage schickt sie diese Eingebung zurück. So kommt man langsam an. Und nicht nur das: die Züricher erzählen, dass es allermeist ganz verdichtete Nachrichten sind, die in uns im Stillehalten gewachsen sind, fast wie ein Gebet.

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  Bedürftigkeit

Bedürftigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2019

Gestern verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass die bisherige Sanktionspraxis der Jobcenter, nach der Hartz-IV-Empfängern Bezüge gekürzt werden, so nicht beibehalten werden darf. Denn der „Mensch dürfe nicht auf das schiere Überleben reduziert werden“. Erwartungsgemäß ging sofort die Debatte über die soziale Grundsicherung mit neuer Lebendigkeit los und dies in einer Zeit, in der die Bundesregierung unter anderem über die Grundrente streitet. Zentraler Konfliktpunkt ist die Frage, ob Menschen ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen oder ob ihnen dieses Geld einfach zusteht, weil sie Mitglieder unserer Gesellschaft sind.
Den Debatten spürt man ab: es geht um mehr. Womöglich könnten Entscheidungen hier ja andere Prozesse lostreten, Überlegungen zum bedingungslosen Grundeinkommen zum Beispiel. Dabei stellt sich – neben vielen anderen und nicht nur wirtschaftlichen Aspekten – auch die Frage nach unserem Menschenbild (sind wir von Natur aus Faulpelze oder doch leidenschaftliche Gestalter?) und der Bedeutung bezahlter Arbeit für den Wert und das Ansehen eines Menschen. Sehr interessant ist auch der bisher unbezifferte Wert unbezahlter Fürsorge, die Kinder und Alte – mithin jede und jeder von uns irgendwann – erfahren.
Nach Karlsruhe wird neu nachgedacht und gestritten werden müssen, was Menschenwürde eigentlich bedeutet, wenn eine erwerbsunfähig ist oder seelisch krank, abhängig von Hilfe. Und vielleicht müssen wir auch neu darüber nachdenken, was uns die Arbeit von Polizisten und Kindergärtnern, Lehrern, Ingenieuren, Bäckern, Müllfahrern, Pflegerinnen, Reinigungskräften und Musikern wert ist.
In einem Gleichnis erzählt Jesus Christus von einem Weinbergsbesitzer, der im Laufe des Tages Arbeiter einstellt und am Ende zur Empörung derer, die den ganzen Tag gearbeitet haben, alle gleich bezahlt. Ganz aktuell bestätigt die alte Geschichte davon, dass das Auskommen derer, die nicht viel beitragen (egal, woran es liegt), strittig ist. Und er überführt die tüchtigen Erfolgsmenschen ihrer Hartherzigkeit mit der Frage: „Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“



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  Werde licht!

Werde licht!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.11.2019

November ist für viele Menschen eine wirkliche Herausforderung. Trübe graue Tage noch ohne adventliches Leuchten und Schimmern machen es manchmal wirklich schwer, guter Dinge zu sein. Rainer Maria Rilke hat gedichtet: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Man möchte ihm ein recht geben und schon kriecht Novembereinsamkeit ins Herz und in die Knochen. Und nicht nur das: November ist auch voller schwerer Termine: das Gedenken an die Pogromnacht, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Das Ende des Kirchenjahres markiert auch unsere Endlichkeit und menschlichen Grenzen.
November ist eine Zeit, um bei der Wahrheit zu bleiben.
November ist eine Zeit, um Dinge beim Namen zu nennen.
Egal, ob es Kriegsschuld ist oder nur Müdigkeit.
Aber nicht nur: Auch November ist gottgeschenkte Zeit, in der immer noch wieder etwas Neues und Besonderes möglich ist, in der Karneval gefeiert wird und Martinstag, in der Menschen sich verlieben, zum ersten Mal oder wieder neu, sich versöhnen und vertragen. Auch im November werden Kinder geboren, Talente entdeckt, fallen Mauern, wird Frieden geschlossen.
Darum ist es eine besonders glückliche Fügung, wenn gerade für einen eher dunklen Herbsttag in der der silbernen Herrnhuter Schale noch drin ist und denn auch gezogen wird: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“
Es scheint an uns zu sein, ja es scheint uns möglich zu sein, licht zu werden. Schöne deutsche Sprache! Dies „licht“ schreibt sich klein. Wir müssen nicht das Licht an sich, schon gar nicht das der Welt sein. Wir sind es nicht, die die Welt ausleuchten müssen, damit andere den Weg finden.
Aber wir können kleingeschrieben licht sein, hell und heiter, hoffnungsvoll und zuversichtlich, denn im Ende scheint schon wieder der Anfang auf.


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  Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.11.2019

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ Die Schriftstellerin Christa Wolf hat die Grenzen der kommunizierbaren Erinnerung beschrieben nicht ohne dennoch zu erzählen. Mir gefällt das, weil in diesen Worten so schön mitschwingt, dass es allermeist eben doch noch ganz anders gewesen ist, als es klingt und weil solche Weisheit Raum gibt, mit neuer Offenheit zu hören, wie Andere besondere Zeiten und Situationen erlebt haben. Wir alle erzählen ja je unsere Deutung und unser Urteil mehr oder weniger absichtlich mit – je nachdem, was das Erlebte für uns bedeutet hat.
Die Ereignisse im Herbst 1989 in Ostdeutschland machen das einmal mehr bewusst. Heute vor dreißig Jahren versammelte sich eine ungeheure Menschenmenge auf dem Berliner Alexanderplatz zur ersten genehmigten nichtstaatlichen Demonstration der DDR-Geschichte, die zu aller Überraschung sogar im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Es war für viele der wichtigste Tag der friedlichen Revolution obwohl dieser vierte November im allgemeinen Bewusstsein im Schatten des Mauerfalls fünf Tage später geblieben ist.
Wenn man aber denen zuhört, die damals auf Initiative einiger Theaterleute auf der Holzbühne ausgerechnet vor dem „Haus des Reisens“ standen – es sind viele bekannte Namen: Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Günter Schabowski, Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer … - dann erinnert man sich wieder, wieviel Mut und Zuversicht unter Menschen möglich ist. Inzwischen ist eine weitere Generation in unser gemeinsames Land gegangen und wie müssen wieder von vorn lernen, miteinander zu streiten, Demokratie zu üben, Frieden zu bewahren und dabei keinen Millimeter nach rechtsaußen zu rücken.
Die Tageslosung hieß damals aus dem Propheten Jeremia: So spricht der Herr: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Und im Hebräerbrief stand dazu: „Christus erlöste die, die durch Furcht vor dem Tod im Leben Knechte sein mussten.“ Das kann getrost auch über diesem vierten November stehen.


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  Fortschritt

Fortschritt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.11.2019

„Der philosophisch, politisch, technologisch und ökonomisch geprägte Begriff Fortschritt wird verwendet, um bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften als grundlegende Verbesserungen zu kennzeichnen. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand.“ So ist ein erster Versuch der Definition des Begriffs Fortschritt auf Wikipedia nachzulesen, bevor es dann lang und breit in die Tiefe geht.

Nun war ich am Reformationstag gottesdienstlich mit meiner Familie unterwegs. Thematisch handelte der Gottesdienst von der Frage, die Pilatus im Johannesevangelium stellt: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) Einer der Prediger formulierte, dass wir doch in vielen Kontexten die Wahrheit kennen würden, sie aber lieber verdrängten, weil sie eine Veränderung unseres Handelns erforderte. In der Umweltfrage z.B. wüssten wir, wie schädlich das Fliegen sei. Dennoch wäre trotz aller „Fridays for future“-Bewegung die Zahl der Flüge im vergangenen Jahr nicht gesunken, sondern gestiegen. Jetzt möchte ich gar nicht über Vor- oder Nachteile einzelner Bewegungsmittel diskutieren, stelle aber in den Raum, dass anscheinend unser Bedürfnis nach Mobilität grenzenlos ist. Der Fortschritt macht es möglich, so schnell wie noch nie zuvor reisen zu können. Und in unserer Leidenschaft für Bewegung sind wir bereit, diese Möglichkeiten zu nutzen. Angesichts des Gesamtergebnisses stellt sich nun die Frage: Ist diese Möglichkeit zu großer Mobilität wirklich ein Fortschritt?

Im Nachgang zum Gottesdienst zitierte mir jemand das recht trockene Zitat des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, der meinte: „Wenn man Abgrund steht, dann ist der Rückschritt ein Fortschritt.“ Angesichts vieler Nachrichten dieser Tage, scheint da viel Wahres dran zu sein. Und doch bleibt das tief verwurzelte Empfinden, dass Rückschritt oder Stillstand tatsächlich keine Lösung sind, wenn Fortschritt per Definition eine grundlegende Verbesserung meint. Wenn Sie mich fragten, worin eine Verbesserung dieser Gegenwart liegen könnte, dann antwortete ich Ihnen: in der Konzentration. Nicht die Mobilität an sich ist ein Problem, sondern die Masse der Mobilität. Nicht das Mobiltelefon an sich ist ein Problem, sondern die Menge der Zeit, die wir darauf verwenden. Nicht die verschiedenen Ansichten in einer Gesellschaft sind das Problem, sondern jene Unerbittlichkeit, die zu Kompromisslosigkeit führt.

Die Reformation suchte nach der Wahrheit Gottes für diese Welt, die es in der Wahrheit Christi allein fand. Alle Äußerungen kirchlichen Lebens, forderten sie, sollten sich an dieser einen Wahrheit messen lassen. Es war die Konzentration auf das Wesentliche, die die Reformatoren einforderten; auf das, was das Leben befördert, groß macht und seinen Wert herausstellt. Das ist mehr als die Suche nach dem persönlichen Wohlergehen. Das ist mehr als eine Messung des Fortschritts an Zahlen aus der Wirtschaft oder der technischen Entwicklung. Die Konzentration auf das Wesentliche ist zuerst eine geistige und aus Perspektive der Christin: geistliche Größe. – Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass wir derzeit in einer eher geistlosen Welt leben, sondern Konsequenz dessen, an welchen Kennzahlen wir den Fortschritt zu messen begonnen haben. Uns neu auf die Werte dessen zu konzentrieren, der einst sagte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), das erschiene mir, ganz ehrlich, als ein großer Fortschritt unserer Zeit.

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  Eine dreifache Schnur

Eine dreifache Schnur

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.11.2019

In den letzten drei Trauungen, die ich begleiten durfte, wählten alle Brautpaare zufälligerweise denselben Trauspruch. Er steht im Buch des Predigers und lautet (Koh 4,9f):

„So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm der andere auf. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

Den letzten Teil haben zwei der drei Paare weggelassen, weil er so fremd und unverständlich klingt. Da geht’s die ganze Zeit um wunderbare Zweisamkeit, darum, wie man sich als Paar verhält, zueinander steht, einander im Leben weiterhilft – und dann kommt da irgendetwas über eine dreifache Schnur. Was soll das sein? Und selbst jene, die die Bibel aufschlagen, um zu sehen, ob sich irgendetwas aus dem ergibt, was drum herum steht, werden enttäuscht. Diese Verse finden sich inmitten einer Sammlung von Lebensweisheiten. Und so bleiben wir in der Deutung auf uns selbst verwiesen.

Ich glaube, dass diese dritte Schnur neben jenen zwei Lebensfäden des Paares für den steht, von dem es heißt, dass er die Liebe ist. Gott selbst wirkt und webt das Leben von Menschen zusammen; so sie es denn zulassen und möchten. Und zwar nicht irgendwie als Zaubermittel, sondern indem Menschen sich gemeinsam vor Gott stellen und auf sich als einzelne und als Paar blicken. Meinem Paar heute habe ich deshalb ein Ritual vorgeschlagen: Wie wäre es, wenn sie regelmäßig in den Dom oder auch in eine andere Kirche gingen und dort eine Kerze entzündeten? Und wenn sie dann ein Gebet sprächen, in dem sie dafür danken, dass sie einander begegnet und gemeinsam auf dem Weg sind? Und zwar nicht nur dann, wenn die Liebe gerade heiß und fettig ist, sondern auch und gerade dann, wenn sie nur noch als Schatten ihrer selbst erscheint. Und was wäre, wenn die beiden dann im Anschluss hinausgingen und sich in ein Café setzten und einander zu erzählen begännen? Wie habe ich die letzten Wochen und Monate erlebt? Was wünsche ich mir von dir? Was du dir von mir? Worin kann ich dir aufhelfen und gegen welche Kälte dieser Welt solch ich dich wärmen? Und umgekehrt zu fragen: Hilfst du mir auf und wärmst mich da, wo mir das Herz kalt und schwer ist?

Wissen Sie, manchmal habe ich den Eindruck, dass Paare nach dem glücklichen Start in eine Beziehung irgendwann an dem Punkt sind, an dem die Partner jedem aufhelfen: den Arbeitskollegen, dem Betrieb, den Freunden, der Familie, den Kindern, dem Sportverein, dem Kindergarten, der Schule, wem auch immer, nur sich als Partner verlieren sie dabei aus dem Blick und helfen sich gegenseitig nicht mehr auf. Liebe, so besagt einer der biblischen Texte zur Ehe, braucht Pflege und Aufmerksamkeit. Und das geht am besten, indem man sich diese Liebe je und je neu bewusst macht. Als göttliches Geschenk, also dritter Faden, vor Gott und in der Partnerschaft.

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  Einfach vertrauen?

Einfach vertrauen?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.10.2019

In dem lebensklugen Film „Jenseits von Afrika“ gibt es eine eher bittere Szene, in welcher Karen Blixen und Denis Finch Hatton einander gegenübersitzen als sie ihn bittet, gefragt zu werden, wenigstens einmal im Leben, ob sie geheiratet werden möchte, wenn sie verspräche „nein“ zu sagen. Die Antwort lautet: „Dir einfach vertrauen???“ Sie kommt mit Redfordcharme und aller Nüchternheit. Er fragt nicht.
Einfach vertrauen? Vertrauen ist nicht einfach.
Heute standen gleich zwei Vertrauensgeschichten in unserer Zeitung: Die eine berichtet vom Ruhestand einer Person, die tatsächlich uneingeschränktes Vertrauen genossen hat: Sigrid Krampitz. Jahrzehntelang war sie Büroleiterin von Gerhard Schröder. Dass er ihr, wie sonst vielleicht nur noch Frank-Walter Steinmeier vertraut hat, war im Politikbetrieb ein seltenes und äußerst kostbares Gut und überlebenswichtig.
Die andere Geschichte erzählt von verlorenem Vertrauen. Eine Frau, die zu DDR-Zeiten nur ihren Vater hat, weil die Mutter sie nicht will und die Stiefmutter erst recht nicht, die diesem Vater vertraut, obwohl er sie schlägt und sie in der DDR zurücklässt als er die Chance hat, im Westen bleiben. Sie vertraut ihm, obwohl sie nach dem Versuch, die Ostsee zu durchschwimmen um zu diesem Vater zu kommen, im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck landet. Sie vertraut ihm, obwohl ihre Freunde und sie selbst immer wieder unerklärliche Schwierigkeiten mit dem DDR-System haben; einer nimmt sich deshalb das Leben. Sie vertraut, weil sie nicht anders leben kann und weil sie sich nicht vorstellen kann, dass solch bedingungsloses Vertrauen missbraucht wird. Viele Jahre später erfährt sie, dass der Vater sie und ihre Freunde bespitzelt und damit ein ordentliches Zubrot verdient hat. Die Stasiakte ist gnadenlos und das Loch, in das sie fällt, endlos tief. Von da an wird sie eine sehr lange Zeit nicht mehr vertrauen…
Vertrauen ist eine empfindliche leicht zerstörbare Sache.
Wem wir vertrauen, dem vertrauen wir uns an, dem liefern wir uns aus: „Dein Wille geschehe“ beten wir voller Verzweiflung, wenn Vertrauen in Menschen verloren gegangen ist und wir hoffen, dass das nicht das letzte Wort ist. „Dein Wille geschehe“ kriegen wir manchmal kaum über die Lippen, wenn Gottes Wege mit uns so schwer sind, dass uns fast unmöglich ist zu glauben, dass er es dennoch gut mit uns meint, dass wir ihm trotz allem vertrauen können. Ein Bibelwort, dass diesen tiefen Zwiespalt und die große Hoffnung, dass unser Vertrauen bei Gott gut aufgehoben ist, festhält, steht im 27. Psalm: „Ich glaube aber DOCH, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“ In diesem „doch“ ist alles drin. Wir können nicht einfach vertrauen, aber trotzdem.


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  Schaut hin

Schaut hin

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.10.2019

Dieser Tage wurde die Losung für den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt bekannt veröffentlicht: „Schaut hin“ wird das Motto sein, unter dem dann wieder Tausende zusammenkommen, Gottesdienst feiern, Musik machen, zuhören, diskutieren, Frankfurt entdecken.
„Schaut hin!“ Der dahinterliegende Bibelvers stammt aus dem Speisungswunder im Markusevangelium: „ Da nun der Tag fast vergangen war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Stätte ist einsam, und der Tag ist fast vergangen; lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? Er aber sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische.“
Es ist eine Abendgeschichte. Der Tag, das Leben, die Zeit sind weit vorangeschritten und es ist schon deutlich zu sehen, was dabei aus uns geworden ist. Das, was war, hat sich in unsere Gesichter eingegraben und unsere Umgebung geprägt. Vieles ist aus der Balance geraten. Aber noch immer sind wir Menschen, die einander suchen und brauchen, die essen und trinken müssen. Aber am Abend dieser Zeit sind die Ressourcen knapp geworden. So richtig kann sich keiner vorstellen, wie es weiter gehen soll. „Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben?“ fragen sie und darin schwingt mit: Lässt sich das immer noch lösen, wie bisher? Mit Geld? Sollen wir irgendwo anders suchen ob wir von daher holen können, was nottut? Wie überhaupt stellen wir uns das vor? Es ist doch absurd, fortzugehen und für eine solche Menschenmenge Brot kaufen zu wollen, selbst wenn das Geld da wäre…
Da hinein, spricht Jesus die Worte, die als Kirchentagslosung ausgesucht wurden: „Geht hin und seht nach! Schaut hin!“ Lasst Euch nicht einreden, es ginge nicht oder nur so oder so, sondern überzeugt euch selber! Lasst euch nicht einreden, dass Ihr am Ende seid! Schaut doch och mal genau hin, nehmt einander wahr und traut euch zu, gemeinsam einen Weg zu finden. Vertraut doch darauf, dass auch der Abend eine gesegnete Zeit ist.
Wir wissen, wie die alte Geschichte ausgeht: Sie finden fünf Brote und zwei Fische. Das scheint zu wenig zu sein. Das scheint, keine Lösung zu sein. Aber es reicht. Alle werden satt. Überfluss und Fülle kommen woanders her.



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  Anlauf nehmen und drüberspringen

Anlauf nehmen und drüberspringen

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.10.2019

Manchmal stehen wir in unserem Leben vor Mauern, solchen aus Beton und Stein, aber auch vor solchen aus Sorgen, Ängsten und Nöten. Manche davon sind nur niedrig und wir kommen gut aus eigener Kraft darüber hinweg. Andere sind so hoch, dass allein ihr Schatten alles Licht aus unserem Leben verdrängt. Darauf zu warten, dass diese Mauern schrumpfen, ist oft im Wortsinne aussichtslos. Hilfe ist notwendig, damit wir weiterkommen, damit wir darüber hinwegkommen, damit es weitergeht.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen,“ so heißt es im 130. Psalm. Ich habe dazu gleich ein Bild im Kopf von einem Menschen, der schwungvoll eine Mauer überwindet, ohne zu stürzen, mit zuversichtlicher Mine, überzeugt davon, dass er es schafft. Doch neben allem Bildhaften lohnt es sich, genauer auf das Bibelwort zu hören. Es heißt nicht: Mit Gott kann ich über Mauern springen, es heißt: mit meinem Gott. Es ist eben nicht irgendein Gott, der irgendwie von ganz weit weg auf die Menschen schaut – von so weit weg vielleicht, dass er den einzelnen gar nicht erkennt.
Nein, es ist mein Gott – Ihrer und Eurer und Deiner und meiner. Gott ist für mich da, ganz unmittelbar, höchstpersönlich und individuell. Und er kennt eben nicht nur die Sorgen der Menschen im Allgemeinen, nein er kennt das, was mich gerade jetzt ganz konkret bedrückt und was mir auf der Seele liegt. Gott kennt jeden von uns in- und auswendig und er weiß vielleicht besser über uns Bescheid, als wir selbst. Deswegen müssen wir vor ihm auch nichts versteckt halten, ja wir können vor ihm auch gar nichts versteckt halten, weil er es ohnehin schon weiß. Und so braucht uns vor ihm auch nichts peinlich zu sein, wir brauchen keine Angst davor zu haben, ausgelacht zu werden. Wir können mit ihm reden, über alles, ganz offen und immer.
Und ein weiteres ist wichtig, wie ich finde: Wir müssen springen. Gott trägt uns nicht über Mauern. Anlauf nehmen und losspringen, das müssen wir schon selbst. Aber er wird uns dabei helfen. Er wird uns Kraft geben und Hoffnung und Selbstvertrauen und mit all dem können wir es eben schaffen, über die Mauern zu springen, die wir in unserem Leben zu überwinden haben.
Und wenn‘s dann mal doch nicht klappen sollte, dann wird sich Gott nicht kopfschüttelnd von uns abwenden und uns als Versager abstempeln. Er ist ein Gott der neuen Chancen. Auch wenn wir gescheitert sind, wenn wir mal wieder so richtig großen Mist gebaut haben, Gott verzeiht, sieht uns freundlich an und sagt: „Na, das war jetzt keine Meisterleistung, aber Schwamm drüber, steh auf und versuch‘s noch mal. Ich helfe dir!“
Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Ich finde, wir könnten gut immer und überall einen Zettel mit diesem Hoffnungswort im Portemonnaie haben. Und vor der nächsten Mauer: Lesen, Anlauf nehmen und drüber springen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  absichtlich unabsichtlich plötzlich

absichtlich unabsichtlich plötzlich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.10.2019

Auf einem Büchertisch fand ich dieser Tage ein Buch von Zaeri Mehrdad und Nils Petersen. „Erzählte Bilder“ heißt es. Die beiden Männer, einer aus Schleswig-Holstein und der andere aus Isfahan erzählen zusammen.
Im Blätter und Stöbern bleibe ich hängen: ein Bild voller Sterne und warmen Farben, vielleicht ein Herbstabend zwischen Oliven. Eine Frau im goldenen Kleid oder doch ein Mann mit rotem Bart? Die Figur erhebt ihr Angesicht und versinkt zugleich in sich selbst.
Daneben ein Text:
„Und dann steht da plötzlich dieser Mensch, der einfach so dein Leben ändert. Einfach so und vielleicht ohne Absicht, absichtslos, doch nicht unbeabsichtigt. Einfach so steht da dieser plötzliche Mensch unbeabsichtigt und ändert dadurch dein Leben…
Stille, Schweigen, so als gäbe es kein Gestern und kein Geradeeben mehr…
So still ist’s plötzlich, und nicht vorgewarnt, so dass es keinen Schutz gibt. So dass es zu spät wäre, sich die Ohren vor der Stille zuzuhalten. Die Hände vor die Augen zu halten wollte nichts nützen, vor dem plötzlichen Erkennen und Erkanntwerden…
Wir atmen die milde Luft des plötzlichen Momentes, Luft die nie zuvor durch menschliche Lungen geströmt war. Luft, ganz unverbraucht, erfüllt mit Geist, der plötzlich weht, ganz ohne Absicht, unabsichtlich absichtlich. Und wir ändern unser Leben, weil wir erkannt sind und erkennen.“
Das muss eine Liebesgeschichte sein, denke ich.
Oder eine Gotteserfahrung?
Oder beides?
Jedenfalls ist ein Gewahrwerden, dass ich bin und angesehen werde, dass Gott mich ansieht und ich deshalb ein Mensch bin, geheiligt. „Du bist ein heiliges Volk, dem Herrn deinem Gott…“ heißt es in der Herrnhuter Tageslosung aus dem fünften Buch Mose. Aber dazwischen, darüber und mitten hindurch klingt das Hohelied der Liebe aus dem Korintherbrief: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“
Ich bin, weil ich gerade auf eine Liebesgeschichte gestoßen bin.
Wie gut, das es Büchertische gibt und man absichtlich unabsichtlich plötzlich versinkt und sich erinnert, was unser Leben eigentlich kostbar und schön macht…



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  Regina Jonas

Regina Jonas

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.10.2019

Gestern Abend lud die Jüdische Gemeinde hier in Braunschweig zum Neujahrsempfang ein. Das Jahr 5780 seit Erschaffung der Welt hat begonnen. Dass auf diesem Abend der Schatten des Anschlages auf die Hallenser Synagoge lag ist naheliegend und so war auch die Trauer, dass es nach wie vor nicht selbstverständlich ist, als Jüdin oder Jude in Deutschland zu leben, im Raum. Dies umso mehr als Gesa Ederberg, die Gemeinderabbinerin der großen Berliner Synagoge an der Oranienburger Straße, in ihrem Festvortrag nach Selbstverständlichkeiten für deutsche Juden im 21. Jahrhundert fragte. Sie erinnerte dabei an Regina Jonas, die fast vollständig vergessene erste Rabbinerin überhaupt,
Regina Jonas wurde 1902 in Berlin geboren und wuchs im Scheunenviertel, einem äußerst armen Viertel im Herzen der Stadt auf. Die Familie lebt streng religiös. Regina geht auf die jüdische Mädchenschule und fängt Feuer für die Grundlagen des Judentums. Schnell weiß und sagt sie auch, Rabbinerin werden zu wollen obwohl es das Amt nicht gibt. Als Regina Jonas Anfang der 20er Jahre Abitur macht, hat die Frauenfrage Hochkonjunktur. Es geht um das Frauenwahlrecht und Frauen an Universitäten. Sie studiert und schreibt 1930 eine spannende Abschlussarbeit mit dem Titel: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Bis sie ordiniert wird, gehen aber noch einmal fünf lange Jahre ins Land. Erst 1937, ein Jahr vor der Reichspogromnacht, bekommt sie endlich eine Stelle in Berlin. Sie wächst in ihre Berufung hinein und wirkt mit enormer Kraft tröstend und stärkend in dieser überaus dunklen Zeit. 1942 wird Regina Jonas mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt deportiert. Dort schreibt sie: „Unser jüdisches Volk ist von Gott in die Geschichte gepflanzt worden als ein gesegnetes.“ Und weiter: „von Gott ‚gesegnet‘ sein, heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage, Segen, Güte, Treue spenden.“ Am 12.10. 1944 wird sie Auschwitz gebracht und dort ermordet.
Ihr 75. Todestag und der Angriff in Halle fallen beinahe zusammen.

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  Was bedeutet Reformation für mich?

Was bedeutet Reformation für mich?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.10.2019

Heute in einer Woche ist in Niedersachsen frei. Der im letzten Jahr neu festgelegte Feiertag jährt sich zum zweiten Mal. Oder eben zum 502. Mal – je nach Perspektive. Wir also gedenken kommende Woche Donnerstag um elf Uhr mit einem Gottesdienst, in dem Prof. Dr. Dr. Christoph Markschies von der Theologischen Fakultät Berlin die Predigt hält, dass sich der Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg zum 502. Mal jährt. Reformationstag – nicht, weil an diesem Tag die Reformation durchgesetzt worden wäre, sondern weil sie an ihm mit einem ersten Schritt den Anfang genommen hat.

Nun hat die EKD anlässlich des Reformationstages 2019 weltweit in Lutherischen Kirche gefragt: „Was bedeutet Reformation in meinem Kontext?“ Herausgekommen sind zahlreiche Voten, in denen Menschen von dem schreiben, was ihnen die Reformation bedeutet. Mal eher persönlich, mal tatsächlich kontextuell. Ergeben hat sich ein buntes Bild, das erahnen lässt, wie sehr gesellschaftliche Kontexte das Christsein bestimmen. Dann aber wieder gibt es auch Haltungen, die uns Lutheraner, wie es scheint, weltweit einen. Zwei Voten möchte ich heute mit Ihnen teilen: Ein mich überraschendes – und eines, das mir aus dem Herzen spricht.

Das mich überraschende Votum stammt von der Chinesin Dr. Ying Gao. Sie erzählt, dass das Christentum in China mit der Politik der Religionsfreiheit nach der Kulturrevolution außerordentlich an Mitgliedern gewonnen habe. Dabei spräche viele insbesondere das Menschenbild an, und zwar, und jetzt folgt das Überraschende: „die Vorstellung des Menschen als Ebenbild Gottes“. Was auch immer das für die Menschen dort meint.

Der Beitrag mir aus dem Herzen stammt aus Papua-Neuginea von Frehda Wele. Sie schreibt: „Die Reformation ist sehr bedeutsam für mich und für meinen Glauben und mein christliches Leben. Wenn es die Zeit der Reformation in der Geschichte nicht gegeben hätte: / Ich würde nicht die Wahrheit wissen, die das Wort Gottes in der Bibel beschreibt. / Ich würde nicht verstehen was es bedeutet: "Erlöst durch die Gnade Gottes allein". /
Ich würde nicht glauben an den dreieinigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. / Ich würde einige Wege meines Lebens nicht verstehen, die ich Wunder nenne.
Mein Leben wäre heute völlig anders als es jetzt ist. / Außerdem erinnert es mich daran wie dieser Reformations-Funke schließlich bis zu meinem Inselstaat kam. Der Funke kam und hat ein Feuer entfacht, nur weil jemand vor 500 Jahren von Gott berührt wurde. Deshalb bin ich in der Lage, das Evangelium Christi und die gute Nachricht des Heils zu kennen. Die Reformation des allmächtigen Gottes begann mit Dr. Martin Luther, aber sie endete nicht in Wittenberg, sondern sie geht weiter durch das Leben von so vielen anderen. Daher glaube ich, dass die Reformation ein lebendes Wort ist, das im Laufe der Geschichte weiter zieht, es lebt und wird in Zukunft weiter leben.“

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  Was wirklich zählt

Was wirklich zählt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.10.2019

Veränderungen im Leben führen zu der Frage, was wirklich zählt. Was soll bleiben? Worum möchte ich kämpfen? Was brauche ich überhaupt zum Leben – trotz aller Veränderungen, die ja freiwillig oder unfreiwillig begegnen. Meiner Wahrnehmung nach ist es oft erst der Moment der Ruhe nach dem Sturm, in dem diese Fragen aufbrechen. Der Moment, in dem sich von außen denken ließe, jetzt seien die Dinge geordnet und das Leben könne weiter gehen. Nicht selten überrascht Menschen diese Krise nach der Krise. Schließlich schien doch alles geklärt…. Allein: das Herz ist langsamer als der Kopf, die Gewohnheit störrischer als der Veränderungswille und alte Gedanken erweisen sich als anhänglicher als erwartet oder erwünscht. Ganz ehrlich: aus dem Weg gehen kann man diesem Prozess nicht. Es bleibt nichts anderes, als diese Lebensphasen auszuhalten und sie bestenfalls als einen Läuterungsprozess im eigenen Werden zu verstehen.

Im 23. Psalm heißt es vertrauensvoll für solche Stunden (Ps 23,4): „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ – Auch hier gilt für den Beter: das finstere Tal lässt sich nicht umgehen. Es gibt keine Berghöhe, die von der einen Spitze zur anderen führte. Und stehen bleiben oder sesshaft werden lässt sich auf den Wegen des Lebens alternativ leider auch nicht. Sondern Tag für Tag schreiten die Stunden des Lebens voran und wir mit ihnen. Sie stellen uns vor Situationen. Sie fordern uns heraus. Sie schenken aber auch Zeit.

Von Dietrich Bonhoeffer sind folgende Worte überliefert: „Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt; wenn es Gott gefällt, uns überwältigendes irdisches Glück genießen zu lassen, dann soll man nicht frömmer sein als Gott und dieses Glück durch übermütige Gedanken und Herausforderungen wurmstichig werden lassen. Gott wird es dem, der ihn in seinem irdischen Glück findet und ihm dankt, schon nicht an Stunden fehlen lassen, in denen er daran erinnert wird, dass das Irdische nur etwas Vorläufiges ist und dass es gut ist, sein Herz an die Ewigkeit zu gewöhnen.“

Glück und Leid – das sind die zwei, die gleichermaßen zum Leben gehören. Wer im Glück steht, der tut gut daran, dieses Glück ausreichend wertzuschätzen und gleichzeitig nicht undankbar zu werden, wenn es ihm dann einmal nicht hold ist. Und wer Leid auszuhalten hat, der mag daran denken, dass es eine Möglichkeit ist, den Kopf zu senken und schön stetig auf die dunklen Füße im dunklen Tal zu schauen. Eine andere aber wäre, den Kopf zu heben und Ausschau zu halten nach jenem Gipfel, von dem her das Licht lockt. Und in dem guten Gottvertrauen eben jenes Beters des 23. Psalms zu wandeln, der sich behütet weiß durch Gottes Schutz und Schirm und mit den Worten schließt (Ps 23,6):
„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

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  Füreinander

Füreinander

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.10.2019

In der letzten Woche ging ich mit einer Gruppe von Menschen spazieren. Wir unterhielten uns über Werte und Gesellschaft und die Aufgaben, die Kirche in alledem hat. Einer meiner Gesprächspartner formulierte dabei für uns Gegenwärtige: „Wie will man auch vermitteln, dass Menschen füreinander da sein sollten, wenn es fast immer nur noch um den einzelnen geht. Alles dreht sich um Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung. Auf Youtube und all den anderen Kanälen erzählen die Leute von sich und noch einmal von sich.“

Solche Meinungen neigen zur Pauschalität und werden für eine angemessene Gesellschafts¬analyse nicht reichen. Trotzdem erscheint mir der Hinweis, dass unsere Medienwirklichkeit vermuten lässt, dass wir gesellschaftlich zuerst egozentrisch unterwegs sind, berechtigt. Egozentrisch ist nicht egoistisch. Und erst einmal ist es ja auch etwas ganz Menschliches, wenn die einen Lust haben, sich in Szene zu setzen, und die anderen Lust haben, dem zu folgen. Ich selbst bin sogar richtiggehend begeistert, wenn ich mir bei irgendeiner Sache, die ich konkret tun möchte, aber nicht weiß wie, im Netz anschauen kann, wie andere es machen und ich so von ihnen lernen kann. Dass Menschen dabei mittels Werbung Geld verdienen, ist das täglich Brot, von dem sie leben. Das will ich ihnen gar nicht neiden. Problematisch finde ich eher, dass bestimmte Fragestellungen gegenwärtig nur noch wenig auftauchen. So gilt die Frage: „Was bringt mir das?“, als normal. Wird aber die Frage gestellt: „Was kann ich Dir Gutes tun?“, dann lautet die misstrauische Gegenfrage, warum und mit welchem Ziel das Gegenüber handelt.

Vielleicht zwei Assoziationen aus jüngerer Zeit: Wir müssen die soziale Schere zwischen arm und reich bekämpfen – aber geschieht das um des einzelnen Menschen willen, oder aber um den sozialen Frieden im Land zu sichern? Wir sind bereit Flüchtlinge aufzunehmen – aber tun wir das um ihrer Not willen oder braucht es dazu doch erst das Begleitargument, dass wir aufgrund des demographischen Wandels in unserem Land auch Arbeitskräfte aus anderen Ländern benötigen. Gewiss muss die eine Perspektive nicht gegen die andere ausgespielt werden. Es ist ja gut, wenn Gutes für Individuen auch Gutes für die Gesellschaft wirkt. Und doch bleibt der unschöne Verdacht, dass ein selbstloses Um-des-Nächsten-willen mehr und mehr aus dem Blick gerät. Kein barmherziger Samariter in Sicht, der auch ohne zu vermutenden Gewinn zur Hilfe bereit ist.

Aber vielleicht und sogar hoffentlich ist auch das viel zu pauschal und die Wirklichkeit noch einmal anders. Wahr aber bleibt für mich, dass dem Leben zum Gelingen dient, was als biblischer Vers aus dem Römerbrief über diesem Tag steht (Röm 14,19):

„Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“

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  Widersprüche?

Widersprüche?

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.10.2019

Wir leben in bewegten und bewegenden Zeiten, die Welt um uns herum und auch unser Leben werden immer komplexer und komplizierter. Vielfach hilft ein Blick in die Bibel, wenn wir nach Antworten suchen – einfach mal überlegen, wie Jesus wohl entschieden hätte oder was uns Paulus rät. Um Sie vor Frustrationen zu bewahren: Das, was Sie dort lesen, wird Ihnen helfen, Orientierung zu finden, die Entscheidungen müssen Sie dennoch selber treffen.
Doch vielleicht geht es Ihnen um grundlegende Fragen zu Ihrem ganz persönlichen Christ-Sein und was sich daraus für Ihre Lebensweise und Ihre Lebensführung so ableitet. Und dann blättern Sie durchs Neue Testament und lesen bei Jakobus: „Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ Den Satz kann man verstehen und er sagt: Wenn wir glauben, müssen wir auch danach handeln. Wenn Sie an dieser Stelle aufhören zu lesen, ist alles gut. Blättern Sie allerdings etwas weiter zum Galaterbrief des Apostels Paulus, dann finden Sie dort folgendes: „Wir sind zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben und nicht durch Werke.“ Das klingt ziemlich genau nach dem Gegenteil dessen, was Jakobus uns sagt und das kann und schon ratlos machen. Doch die beiden liegen gar nicht so weit auseinander, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Was Paulus kritisiert, sind unsere von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuche, uns unser Seelenheil zu erarbeiten, zu verdienen, zu erkaufen. Das funktioniert nicht, sagt er, denn Rechtfertigung vor Gott erhalten wir einzig und allein aus Gnade. Sie wird uns geschenkt, ist unverfügbar und eben auch unverdienbar. Das finde ich im Übrigen auch unglaublich entlastend: Ich muss nicht darauf spekulieren, durch irgendwelche Glaubensheldentaten vor Gott in einem besonders guten Licht dazustehen. Darauf kommt es – Gott sei Dank – nicht an. Und dem widerspricht Jakobus auch nicht. Er sagt vielmehr, dass wir gar nicht anders können, als unserem Glauben auch entspreche Taten folgen zu lassen. Aus unserem Glauben erwächst die Sammlung der Werte, die uns wichtig sind: Respekt und Wertschätzung gegenüber unseren Mitmenschen, Barmherzigkeit, Achtung vor der Schöpfung, Liebe.
Und dieses Wertesystem steuert doch auch, wie wir unser Leben leben, nach welchen Kriterien wir Entscheidungen treffen, was wir tun und was eben auch nicht. Wir handeln christlich, barmherzig, liebevoll, weil wir es für angezeigt halten, weil alle Alternativen für uns nicht passen, weil wir sonst gegen unsere Überzeugung handeln müssten. Wir sind so, wie wir sind, weil wir es gerne sind. Im täglichen Leben hat das ganz unterschiedliche Ausprägungen: Ein freundlicher und wertschätzender Umgang miteinander ist für mich, um mit Jakobus zu sprechen, ein Glaubenswerk. Menschen in Not zu helfen und sei es dadurch, dass man ein Schiff ins Mittelmeer schickt, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist für mich ein Glaubenswerk. Laut zu widersprechen, wo Minderheiten ausgegrenzt, Meinungsfreiheit beschnitten, alte, menschenverachtende Parolen wieder salonfähig gemacht werden sollen, ist für mich ein Glaubenswerk und Gott dankbar zu sein, für diese Welt, für meine Mitmenschen und für mein Leben, ist für mich ein Glaubenswerk.
Paulus und Jakobus sind sich diesbezüglich absolut einig und ich denke, wir haben die beiden verstanden. Die Umsetzung liegt nun an uns. Mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Pforten sind eng aber nicht lang

Pforten sind eng aber nicht lang

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.10.2019

Martin Luther hat einen Großteil seiner Begabung und Kraft darauf verwendet, den christlichen Glauben aus den Sprachformen akademischer Theologe herauszulösen. Er wollte Worte finden, die uns Menschen, egal wie gebildet wir sind oder vielleicht sollte man eher sagen: egal, wie verständig wir sind, unmittelbar erreichen und leben helfen oder wo es Not tut, trösten.
Er wusste, dass man manchmal Worte braucht, in denen man sich bergen kann, weil unsere eigene Sprache sich als zu mager oder zu pathetisch erweist.
Gestern rief ein Freund an, der am Sterbebett seines Vaters saß.
Eigentlich ist alles klar. Ein erfülltes Leben kommt zuende. Er geht nicht weg, nur voraus. Und doch weiß man nicht mehr, was sagen und denken.
Martin Luther, der selbst an manchem Totenbett stand und dem über dem Sterben seiner beiden Töchter fast das Herz gebrochen ist, schrieb: „Wir müssen eine neue Rede und Sprache lernen … es geht nicht um eine menschliche, irdische Sprache, sondern um eine göttliche und himmlische. Darum sagte er, „dass es nicht gestorben heißt, sondern auf den zukünftigen Sommer gesät.“ Und auch, „dass der enge Gang des Todes macht, dass uns diese Leben weit und jenes eng erscheint“ obwohl doch die Himmel so viel weiter sind…
So schenkte er mit dem Reichtum seiner Sprache den Seinen Trost und hilft auch uns, wieder zu atmen, sprechen und beten zu können. Dabei war er überzeugt, dass sich singend leichter glauben lässt. Musik findet offenbar auf andere Kanälen in unser Herz, Verstand und Gemüt. Darum dichtete er, wenn ihm ein Glaubensinhalt für das Leben eines Christenmenschen besonders wichtig war, Lieder. Eben haben sie Töne seiner Liedversion des Vaterunsers gehört. Dort heißt er in der ersten Strophe – Sie haben den Text auf der Rückseite Ihres Programms – „Gib, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund.“
Das steht wie ein Vorzeichen. Worte und Bilder mögen altmodisch klingen. Aber sie sind deshalb auch unverbraucht und wirken unmittelbar. Sie erinnern uns, dass die engen Pforten dieser Welt und erst recht die am Ende des Lebens, - mit Martin Luther - wohl „eng sind aber nicht lang“.


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  Gerechtigkeit und Güte

Gerechtigkeit und Güte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.10.2019

In den Herrnhuter Losungen heißt über diesem Freitag aus dem Buch der Sprüche: „Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.“
Das klingt nach einem Erfolgsrezept für ein gelingendes Lebenswerk oder im Umkehrschluss nach einer Warnung. Es klingt nach einem Geländer für ein Leben hier auf Erden, dass nach menschlichem Maß ein gutes gewesen ist. Man wünschte sich, dass auch Boris Johnson und Donald Trump die Losungen auf ihrem Schreibtisch liegen hätten und sich darin morgendlich vergewissern würden, ehe sie daran gehen, ihr Lebenswerk umzusetzen.
Wer Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der …
Einer dessen Leben nicht in Ehre endete – und das mag viel mit einem falschen Gerechtigkeitsbegriff und deshalb fehlender Güte zu tun haben – war Erich Honecker.
Heute vor dreißig Jahren trat der Staatschef der DDR zurück.
Sein Leben hatte er dem Kommunismus verschrieben, einer politischen Idee, die Gerechtigkeit dann für erreicht hielt, wenn alle Macht in den Händen derer lag, die nur ihre Arbeitskraft besitzen: Arbeiter- und Bauernstaat hieß das. Solche Diktatur des Proletariats funktioniert nicht ohne Druck und Gewalt. Solches geht auf Kosten der Freiheit und Menschlichkeit oder altmodisch: der Güte.
Als Honecker vom Druck der Straße und aus den Reihen seiner Genossen gezwungen wurde, seine Ämter niederzulegen, war die DDR gerade vierzig Jahre alte geworden. Kaum eine Andacht während der Friedensgebete im Herbst 1989 verzichtete auf die naheliegende biblische Parallele. Man freute sich, dass nun die vierzigjährige Wüstenwanderung zuende sei und das Land, wo Milch und Honig fließt, in Sichtweite ist.
Im Oktober war damit noch nicht zwangsläufig die BRD gemeint. Manch einer ahnte schon, dass sich auch in der sozialen Marktwirtschaft Gerechtigkeit und Güte nicht immer küssen. Im Übrigen waren die innerdeutschen Grenzen noch dicht und schien eine demokratische und freiheitliche Version der DDR das realistischere Ziel zu sein.
Keinen Monat später fiel die Berliner Mauer, rückte die deutsche Einheit in den Bereich des Möglichen. Die Idee eines sozialistischen Staates auf deutschem Boden war gescheitert.
Für Honecker, der als Kommunist unter den Nationalsozialisten zehn Jahre inhaftiert war und nun den gesamten Ostblock zusammenbrechen sah, muss noch viel mehr in die Brüche gegangen sein als nur eine Staatsform. Sein Gesicht hatte sich mit dem Machtapparat einer menschenverachtenden Diktatur verbunden. Sein Hoffnungsbild einer besseren Welt hatte sich vollständig korrumpiert.
An diesem Freitag im Herbst 2019 liest sich diese Bilanz fast wie ein trauriger Kommentar zur Tageslosung. Man möchte ein mahnendes „nur“ voranstellen, das uns allen gilt: Nur „wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.“

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  Herbst, Glück und Unglück

Herbst, Glück und Unglück

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.10.2019

Herbsttage erzählen auf eine unglaubliche Weise gleichzeitig von Vergänglichkeit und Freude, Glück und Unglück, der Begabung, einen besonderen Moment auszukosten und das Leben zu lieben.
Denn gerade im Oktober explodieren die Farben, schimmern gelb und gold, orange und rot vor blauem Himmel so intensiv, dass man sich vorzustellen beginnt, dass es auch im Himmel ein Bildbearbeitungsprogramm geben könnte. Herbst ist dann ein einziges Fest des Lebens und jede Dalienblüte ein leuchtendes Zitat.
Und schon am nächsten Tag liegen die bunten Blätter nass am Boden, zieht Regen einen grauen Schleier über alles, bleibt einem nichts anderes übrig als die Schultern hoch- und den Kopf einzuziehen, weil der Himmel weint.
Einer von den trüben Tagen muss es gewesen sein als Dorothee Sölle eine Vorlesung über das Glück zu halten hatte. Hinterher jedenfalls dichtete sie:
„In der der vorlesung geb ich mir mühe / das glück zu erklären /
von rechts und links / von oben und unten / von ost und west / kreis ich es ein / baue gatter und zäune / dass es mir ja nicht entwischt …
Schweigen wär besser / alle wörter sind löchrig / nur angesichts der herrschenden hungersnot / kriech heraus und geh los / die neue sprache zu finden / ach es tut weh um jeden / der nur das unglück erklärt / wissenschaftlich / ach es tut weh um jede / die nichts lernt als das.“
Tatsächlich. Vom Glück zu erzählen ist schwerer. Vom Glück zu erzählen scheint immer die Gefahr zu bergen, für ein sonniges unterkomplexes Gemüt gehalten zu werden. Dabei ist es ein Lebenselixier. Vom Glück zu erzählen und sei es nur, weil ein einzelner Moment sich warm anfühlt, macht uns empfänglich dafür, wieviel Gutes wir erfahren, macht uns dankbarer und zufriedener, hilft zuletzt durch graue Tage durch.
Und am Ende ganz am Ende, sagt dann eine: Ich hatte ein gutes Leben, es lag Segen drauf.



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  Wege

Wege

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.10.2019

Eine meiner Arbeitskolleginnen hatte vor ein paar Tagen ihr 25jähriges Dienstjubiläum und sie wurde zeitgleich auch noch 50. Zwei besondere Jahrestage, die da aufeinander gefallen sind und bemerkenswert eben auch deshalb, weil die Dienstzeit genau die Hälfte der gesamten Lebenszeit ausmacht. Meine Kollegin und ich, wir kennen uns schon über 20 Jahre und wir haben mal so Revue passieren, wem wir in dieser Zeit so alles begegnet sind – Kollegen, Chefs, Kunden. Es war wirklich spannend, die alten Erinnerungen wieder mal aufzufrischen und sich insbesondere die Menschen wieder ins Gedächtnis zu rufen, mit denen man so zu tun hatte.
Wenn wir über Menschen reden, woher sie gekommen sind, was für einen Beruf sie hatten, wo wir sie getroffen haben, dann benutzen wir gern die Worte Lebenslauf oder Lebensweg, die bildhaft beschreiben, wie wir so durch die Zeiten gehen. Mir gefällt dieses Bild, denn es zeigt nicht nur das individuelle Fortkommen, es macht auch deutlich, wie Menschen sich zueinander verhalten. Man kann es gut mit einer großen Landkarte vergleichen. Da kreuzen sich Wege, berühren sich für einen kurzen Augenblick, verlaufen vielleicht ein Stück parallel, es entsteht vorrübergehend Distanz oder sie entfernen sich dauerhaft voneinander, andere treffen sich und laufen nebeneinander, bis der eine dann irgendwann endet.
Es gibt diese Erzählung von Jesus, wie er mit einer Reihe von Menschen in einem Haus im Kreis zusammensitzt und mit ihnen redet. Draußen vor der Tür stehen Jesu Mutter und seine Geschwister, wie es die Bibel beschreibt. Als Jesus nun von jemandem darauf hingewiesen wird, dass seine Familie draußen auf ihn wartet, antwortet er ziemlich barsch: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?“ Und dann schaut er die Menschen an, die mit ihm im Kreis sitzen und sagt: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister.“
Zunächst klingt das wirklich fast befremdlich, wie Jesus hier seine eigene Familie abserviert. Und dennoch beschreibt er etwas, was auch uns immer wieder passiert. Wir Menschen begleiten einander unterschiedlich lange, unterschiedlich eng und in unterschiedlichen Rollen. Da gibt es den Lebenspartner, die Arbeitskollegen, die Freundin, den Kumpel, den Seelsorger, die Bekannte und die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und zu jedem Lebensweggefährten und zu jeder Lebensweggefährtin baut sich eine ganz eigene und einzigartige Beziehung auf, von der wir vorher niemals wissen, wie lang, wie intensiv und wie wertvoll sie wird – so auch in Jesu Leben.
Die Rolle der Geschwister, der Wegbegleiter wechselt immer mal wieder und ich bin fest davon überzeugt, dass darin auch Gottes Handeln auf dieser Welt und in jedem einzelnen Leben sichtbar und spürbar wird. Gott stellt uns Menschen an die Seite und manchmal auch in den Weg und es ist oft so, dass uns diese Menschen guttun, dass sie uns helfen, dass sie unser Leben bereichern. Nicht umsonst sagen wir manchmal: „Dich schickt der Himmel!“ Ja, wir können einander zum Segen werden. Ich glaube, dass es das ist, was Gott sich für uns gedacht hat

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