Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Frieden ist möglich

Frieden ist möglich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2022

Über dem neuen Monat heißt es bei dem Propheten Jesaja: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge hütet sie.“
Vor vielen Jahren habe ich bei einer Fahrt durch den Etosha-Nationalpark in Namibia gesehen, wie die Tiere am Wasserloch zusammenkommen. Es war ein erstaunliches Bild und auch wenn sich Hierarchie erahnen ließ - wir sind ja nicht im Paradies - so hatte es doch eine Anmutung dieses Bildes, von dem der Prophet erzählt, mit dem er uns sagt:
Frieden ist möglich. Hier unter uns. Nicht erst am Ende der Zeit.
Aber wann?
Aber wann?
Dörte Hansen erzählt in ihrem jüngsten Roman „Zur See“ vom Warten. Die Frauen der Seeleute warten. Sie warten sehnsuchtsvoll und geduldig, sie warten enttäuscht und zornig. Sie warten und darüber vergeht das Leben. Sie warten nicht vergeblich. Die Männer kommen zurück, meistens jedenfalls. Oft kommen aber nicht die, auf die sie gewartet haben - das innere Bild hat sich selbstständig gemacht. Die Wirklichkeit kommt da nicht mehr ran. Die Männer, die irgendwann zurückkommen, sind gezeichnet vom Leben und von der See … - sie sind nicht mehr jung und schön oder zärtlich.
Wer weiß, ob sie es je waren?
Vielleicht ist es so auch mit dem Frieden.
Vielleicht ist es so auch ist der Versöhnung.
Wir warten und warten, dass es endlich geschieht und malen uns Bilder aus.
Aber was wir erleben ist verbeult und verletzt, wir alle sind das irgendwie – und das kommt daher, dass wir immer noch glauben - ja, hoffentlich tun wir das! - dass Frieden unter uns möglich ist, dass Feinde beieinander wohnen und miteinander in Frieden leben können.

Ich komme eben von einer Tagung, auf der Menschen von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Spätsommer in Karlsruhe berichteten. 4000 Christen aus der ganzen Welt waren da beieinander und sind es geblieben, haben miteinander gegessen und gebetet, gesungen und um Worte gerungen - obwohl ihre Länder Krieg gegeneinander führen, obwohl die einen darunter leiden, dass die anderen sie ausbeuten, ihre Not ignorieren, ihr Schreien nicht hören, ihr Sterben nicht betrauern.
Es waren anrührende und erzürnende Berichte.
Und es gab ein Bild unter Tränen.
Da knien eine Kenianerin in der traditionellen bunten Kleidung ihrer Heimat und ein orthodoxer Rumäne nebeneinander und halten sich im Arm. So fallen sie nicht um. So wird Frieden.
Hier und jetzt.
Wir sollten uns diese Geschichten erzählen während wir darauf warten, dass der unter geboren wird, von dem gesagt ist, dass er der Friede ist und dass dann: „Der Wolf Schutz beim Lamm findet, der Panther beim Böcklein liegt. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge hütet sie.“

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  Welt-Aids-Tag

Welt-Aids-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.12.2022

Die Virusinfektion hat in unseren Breiten ihren Schrecken verloren. Sie ist mit den in den letzten Jahren neu entwickelten und verbesserten Medikamenten gut kontrollierbar und der Ausbruch der Krankheit lässt sich meist erfolgreich verhindern. Für die Betroffenen ist ein nahezu normales Leben möglich.
Nein, heute geht es ausnahmsweise mal nicht um Corona, heute ist Welt-Aids-Tag. Und tatsächlich ist das Leben mit dem HI-Virus aus medizinischer Perspektive kein großer Stress, wie Oliver es sagt, ein Student aus Nordrhein-Westfalen, der seit ein paar Jahren HIV-positiv ist. Es ist ein bedeutender wissenschaftlicher Erfolg, dass HIV kein Todesurteil bedeutet und dass auch die Ansteckungsgefahren unter der Therapie massiv reduziert werden konnten. Bei uns, in der westlichen Welt.
Ganz anders sieht es zum Beispiel in Afrika oder Zentralasien aus. Hier fehlt vielen Infizierten der Zugang zu den entsprechenden Medikamenten, was zum einen zu einer höheren Ansteckungsgefahr führt, zum anderen aber eben auch zum Ausbruch der Krankheit Aids, die auf Grund der schlechten medizinischen Versorgung häufig tödlich verläuft. Es hängt, wie so oft, wenn es um eine gerechte Verteilung von Lebensmitteln und Lebenschancen geht, auch hier maßgeblich am Geld.
Was hatte Oliver, der Student aus NRW noch gleich gesagt: „Das Leben mit HIV ist aus medizinischer Sicht kein großer Stress“ – aus medizinischer Sicht! Aus gesellschaftlicher Sicht ist es allerdings deutlich weniger stressfrei. Denn trotz aller medizinischer Fortschritte und trotz aller Aufklärungs- und Informationskampagnen begegnen HIV-Infizierte noch immer massiver Diskriminierung.
Da wird Kindern einer HIV-infizierten Mutter gesagt, dass sie zum Spielen mit anderen Kindern nicht willkommen sind. Da wird einer Frau in Berlin die augenärztliche Behandlung verweigert, da werden Betroffenen immer und immer wieder Schuldgefühle eingeredet.
Das liegt nicht daran, dass nicht ausreichend Informationen und Erkenntnisse über die vermeintliche Gefährlichkeit des Virus vorlägen. Das liegt daran, dass Vorurteile manchmal an uns Menschen kleben wie eine zweite Haut. Dem kommen wir nur bei, wenn wir uns selbst immer wieder kritisch hinterfragen, wenn wir prüfen, ob unsere Haltungen, Meinungen und Werte passen oder ob wir mal wieder in der Sackgasse unserer eigenen Selbstgerechtigkeit gelandet sind.
HIV-infizierte Menschen brauchen unsere Solidarität und unsere Fürsprache, damit ein Leben mit HIV eben nicht nur medizinisch stressfrei gelebt werden kann, sondern ein uneingeschränkt gutes Leben ist. Und mit dem Kind in der Krippe, zu dem wir in diesen Tagen unterwegs sind, ist Diskriminierung gleich welcher Art ohnehin nicht zu machen.
Als Christinnen und Christen sollten wir vielmehr die Betroffenen ermuntern, zu ihrer Infektion zu stehen und das anstrengende und unwürdige Versteckspiel zu beenden. Dabei können wir diese Menschen begleiten und unterstützen, auch durch unsere Spenden. Und wir können den Stammtischparolen und Falschwahrheiten entgegentreten, wo auch immer wir sie hören. All das jedenfalls, davon bin ich überzeugt, würde Jesus tun und dann kann es so falsch ja nicht sein.

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  Noch manche Nacht wird fallen

Noch manche Nacht wird fallen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.11.2022

Alexej Martynow ist 28 Jahre alt und arbeitet bei der Moskauer Stadtverwaltung. Sein Wehrdienst bei der russischen Armee ist viele Jahre her. Seitdem ist er Reservist. Er kann Verwaltung, ist Abteilungsleiter im Moskauer Rathaus. Krieg kann er nicht. Und dennoch wird er am 23. September einberufen und in die Ukraine geschickt. Zweieinhalb Wochen später ist er tot, erschossen im Donbass.
Die Toten von Putins Krieg lassen sich mittlerweile in Tausenden zählen. Doch was sagen schon Zahlen? Klar ist, dass sie einfacher über die Lippen gehen. Zahlen sind anonym. Sie haben kein Gesicht, keine Geschichte, keine Gefühle. Alexej Martynow hatte ein Gesicht. Er hatte ein junges Leben und ganz sicher hatte er Angst.
Die Grausamkeit und Verwerflichkeit von Krieg, Gewalt und Terror, sie werden greifbar und erfassbar, wenn wir uns aus der Abstraktheit lösen und auf einen Menschen sehen. Alexej Martynow wurde aus dem Leben gerissen, weil andere, weit weg von der Front, ihre kruden politischen Phantasien umsetzen wollen. Sie kalkulieren, sie rechnen mit Stückzahlen: Panzer, Raketen, Gewehre, Soldaten. Und wenn nicht genug von einer dieser Kriegsfaktoren zur Verfügung steht, braucht es Nachschub – in Form von Stahl, Treibstoff, Munition oder eben auch in Form von Menschenleben.
„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ So dichtet Jochen Klepper 1938 in einem Adventschoral. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld. Ja, das erleben wir tatsächlich. Menschen machen einander das Leben zur Hölle oder sie zerstören es sogar. Und in noch gesteigerter Perversität taten und tun sie es im Namen Gottes.
Und es sind immer einzelne, die Auslöser sind, die ihre oft gewaltsam erworbene Machtposition ausnutzen und andere ins Unglück stürzen. Und ich frage mich, was tatsächlich passieren muss, um dem ein Ende zu setzen. Aus eigener Kraft kriegen wir Menschen das offensichtlich nicht hin – das belegen über Jahrtausende gescheiterte Versuche. Bleibt uns, auf den zu hoffen und zu vertrauen, der uns mit seinem „Friede sei mit euch!“ Wege zu einem guten Miteinander aufgezeigt und vorgelebt hat.
Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her, schreibt Jochen Klepper. Wir sind auf dem Weg zum Kind in der Krippe, dass in seiner Schwachheit so stark ist, dass es die Dunkelheiten in dieser Welt mit Licht erfüllt. Wir sind auf dem Weg zum Kind in der Krippe, auch, um uns an ihm neu aufzurichten und auszurichten. Es kann und will uns helfen, dass es Friede werden kann auf dieser Welt. Dafür wollen wir arbeiten und dafür wollen wir beten.

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  Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus.

Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus.

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.11.2022

„Über den Advent in nachchristlicher Zeit“ war am vergangenen Sonnabend in unserer Lokalzeitung zu lesen. Es geht um die schwindende Bedeutung des Christentums in unserer Zeit und der Autor beschreibt den Grund und die „Geschichte vom Gastspiel des Gottessohns auf der Erde“ als „schwierig und für einen heutigen Normalverstand zu nebulös, wenn nicht gar konfus“.
Letzterem kann ich als überzeugter Christ nur zustimmen. Ja, es ist auch für meinen hoffentlich einigermaßen normalen Verstand schwierig, nebulös und konfus, dass sich da ein Gott auf den Weg macht, selbst Mensch wird, auf diese Erde kommt, um den seinerzeitigen und zukünftigen Menschengenerationen eine Vereinbarung für ein neues Miteinander anzubieten. Ja, es ist schwierig, nebulös und konfus, dass sich Gott dann auch noch von diesen Menschen malträtieren und, wie unsere Zeitung schreibt, abschlachten lässt, nur um die Ernsthaftigkeit seines Angebotes zu untermauern.
Aber ist denn alles, was wir uns nicht erklären können, deshalb zwingend nicht existent. Können und vor allem dürfen wir alles, was über unseren Verstand geht, als schwierig, nebulös und konfus verwerfen? Ich bin da vorsichtig. Zunächst einmal würde ich meinen ganz persönlichen Verstandeshorizont niemals als das Maß aller Dinge bezeichnen. Doch völlig losgelöst davon habe ich Glaubenserfahrungen gemacht, die für mich greifbar belegen, dass es da etwas sehr Konkretes hinter meinem Verstehen gibt.
Ich bin vor einigen Jahren als fröhlicher Atheist getrieben von schlechtem Wetter zufällig in diesem Dom gelandet, stellte überrascht fest, dass es einen Abendgottesdienst gab und bin nach einer Stunde vollkommen verändert aus dieser Kirche gekommen. Dieses Erlebnis musste ich erst einmal einsortieren in mein Leben und ich hätte es anfangs nicht besser beschreiben können als als schwierig, nebulös und konfus.
Die große Geschichte Gottes mit uns Menschen und die kleinen Geschichten einzelner Menschen mit diesem Gott, sie sind nicht Mainstream, sie sind nicht leicht verdauliche Kost, eben, weil sie sich dem, was wir für logisch und erklärbar halten, entziehen. Sie bringen uns an unsere Grenzen, oder besser gesagt: Sie führen uns unsere eigene Begrenztheit vor Augen.
Diese Erkenntnis kann sehr ernüchternd sein, insbesondere für eine in dieser Welt anzutreffende Grundüberzeugung, dass wir Menschen alles wunderbar alleine im Griff haben und somit auf jede weitere Hilfe und insbesondere auf Gott sehr gut verzichten können. Um zu sehen, wie falsch das ist, reicht die Lektüre von ein paar weiteren Seiten besagter Braunschweiger Zeitung.
Der Glaube hilft, hierzu einen anderen Standpunkt einzunehmen und eine Haltung zu entwickeln, die uns offen sein lässt für die Zeichen von Gottes Gegenwart. Der Autor des Zeitungsartikels schreibt: „Ich finde Gott nicht. Ich kann ihn nicht finden. Auch das Glauben ist von Zweifeln angenagt.“
Ja, unsere menschliche Freiheit ist so groß, dass wir auch zweifeln können und zweifeln dürfen. Gott lädt uns ein, doch er drängt sich nicht auf. Er gibt uns Orientierung, aber er zwingt uns zu nichts. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass er da ist und mit uns etwas zu tun haben will. Und deshalb hat er es geschehen lassen, so etwas, wie die BZ es nennt, total abgefahren Irres und Übergroßes wie das Weihnachtswunder. Amen.

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  Wachet auf!

Wachet auf!

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2022

„Wachet auf“, ruft uns die Stimme der Wächter. „Wach auf, du Stadt Jerusalem!“ So beginnt der von Philipp Nicolai 1599 verfasste Choraltext. Max Reger hat die Melodie aufgegriffen und darüber eine große Fuge komponiert, die wir später von Hans-Dieter Meyer-Moortgat hören werden. Wachet auf – die Wächter wecken die Menschen, weil der jüngste Tag angebrochen ist, weil die Wiederkunft Jesu unmittelbar bevorsteht, weil es aufzubrechen gilt in Gottes Herrlichkeit. Nun ist es endlich soweit, das Warten und Hoffen und Bangen hat ein Ende. Wachet auf!
Wer wird uns wecken? Wir haben keine Wächter hoch auf den Zinnen und Türmen unserer Stadt. Laufen wir Gefahr, die Ankunft Jesu Christi zu verpennen? „Lasst eure Lenden umgürtet sein und lasst eure Lichter brennen.“ So mahnt uns Jesus im aktuellen Wochenspruch. Seid vorbereitet! Dann wird euch Gott zu Tisch bitten und ihr werdet selig sein, so verspricht er es uns.
Also mal sehr plakativ übersetzt: Wenn wir am Ende der Zeit, wenn wir am Ende unserer Zeit aus dem Tiefschlaf unserer Trägheit, unserer Selbstverliebtheit und unseres Desinteresses hochschrecken und dann hektisch und planlos versuchen, uns noch irgendwie zu präparieren und zu reparieren, was wir unser ganzes Leben lang haben schleifen lassen, dann wird das ziemlich schwierig.
Lasst eure Lichter brennen, heiß doch: Wartet nicht darauf, dass euch jemand weckt, sondern lebt euer Leben so, dass ihr jederzeit bereit seid, vor Gottes Thron zu treten. Erinnert einander und auch euch selbst jeden Tag aufs Neue an dieses „Wachet auf“!
Wachet auf und schaut auf all das Leid in dieser Welt und prüft, ob ihr helfen könnt, es zu lindern. Wachet auf und schaut auf Gottes Schöpfung und prüft, ob ihr ausreichend pfleglich mit ihr umgeht. Wachte auf und tretet denen entgegen, denen Menschenwürde und Menschenrechte egal sind. Wachet auf und lebt und betet für Frieden und Gerechtigkeit. Wachet auf!
Zu üppig? In der Tat ist das ein ganz schön dickes Brett, das es da zu bohren gilt. Es ist allerdings und Gott sei Dank niemals zu spät, damit anzufangen. Und dass wir bei all unserem Bemühen niemals perfekt sein werden, dass uns Fehler unterlaufen und wir dann und wann auch mal grandios scheitern, das wissen Sie und das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Und er hat ein großes Herz für unsere Unvollkommenheit.
Kritisch wird es, wenn wir die Hände in den Schoß legen und sagen: Sollen doch mal die anderen. Mich geht das alles nichts an. So hat Gott sich unser Leben nicht gedacht. Und darum: Wachet auf! Amen.

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  Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.11.2022

Vorgestern habe ich hier zur Weihnachtsmarkteröffnung gesagt, dass das Zeiten sind, in denen wir schmerzhaft lernen müssen, wie wenig selbstverständlich unser gutes Leben ist. Dass wir uns in Frieden und Freiheit auf einem leuchtenden Weihnachtsmarkt von Angesicht zu Angesicht begegnen können, ist ein kostbares Gut und anderswo unvorstellbar.
In Afghanistan, das von den westlichen Helfern letztes Jahr fluchtartig verlassen wurde, gilt inzwischen wieder ein Betretungsverbot für Frauen für Grünflächen, Sportstudios, Vergnügungsparks.
Ein Markt wie dieser rund um den Dom ist dort für Frauen tabu und also eine reine Männerangelegenheit.
Vor vielen Jahren erschien die erschütternde Geschichte der Shirin Gol.
Das Buch hieß: „Nach Afghanistan kommt Gott nur zum Weinen.“
Jetzt wird ER wohl in bitterliche Tränen ausbrechen angesichts all der verlorenen Hoffnungen, Mädchen- und Frauenträume von Bildung und Selbstbestimmung – ob ER seinen Rücken hinhält, wenn wie in diesen Tagen wieder geschehen, öffentliche Auspeitschungen stattfinden?
Heute ist der Tag gegen Gewalt an Frauen.
Das ist auch hierzulande ein großes Thema.
3500 Fälle registrierte die Polizei im letzten Jahr allein in Braunschweig.
Auch in meinem Dienstzimmer haben Frauen gesessen – erschöpft von dem Mut, überhaupt gekommen zu sein oder ohne Dach über dem Kopf, getrennt von den eigenen Kindern, die Maske und das Pony über blauen Flecken…
Es ist nicht lange her, dass wir hier im Dom die Geschichte aus dem Lukasevangelium gehört haben, in der vom ungerechten Richter und der Witwe, die immer und immer wieder kommt, um endlich Recht zu kriegen, erzählt wird. Undenkbar in Afghanistan, schwer vorstellbar hier - auch heute noch, dass die Rollen vertauscht wären…
Auch deshalb ist die Weihnachtsgeschichte, auf die wir jetzt wieder zuleben, so wundersam, denn Maria singt:
„ER hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“
Wir glauben und hoffen, dass ER auch ihre Erniedrigung sieht, ihre Entrechtung, ihre Verletzungen, ihr Sterben.
Ernesto Cardenal, der 2020 verstorbene Priester, Dichter, Revolutionär aus Nicaragua hat in einem seiner letzten Texte geschrieben:
„Bei geschlossener Tür kam er herein und sagte: Ich bin es / Habt keine Angst / Die Achtung vor dem Recht anderer ist der Friede.“
Und mit Dorothee Sölle, die mitlitt, kann man antworten:
„Eine dunkle decke, ausgebreitet die hoffnung der armen zu schützen / bis die nacht endet / bis die nacht endlich endet.“

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  Auf dem Weg zum Weihnachtsfest

Auf dem Weg zum Weihnachtsfest

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.11.2022

„Endlich wieder Braunschweiger Weihnachtsmarkt!“, so titelte heute unsere Lokalzeitung. Und es ist auch endlich wieder so wie früher – ohne Eintrittskontrolle, ohne Maskenpflicht, ohne Zäune und Absperrgitter. Die Stände kuscheln sich an unseren Dom, verbreiten warmes Licht, leckere Gerüche und vorweihnachtliche Musik. Der Weihnachtsmerkt ist gut besucht und hoffentlich werden die Betreiber nach zwei entbehrungsreichen und von viel Unsicherheit geprägten Jahren in fünf Wochen sagen können, dass es ein guter Weihnachtsmarkt war. Eines jedenfalls kann man schon heute an den Gesichtern der Menschen ablesen: Sie genießen es und das ist auch gut so!
Bei mir persönlich spüre ich allerdings noch ein gewisses Fremdeln. Irgendwie habe ich noch das „Dies irae“ aus Mozarts Requiem im Ohr, das am vergangenen Totensonntag so machtvoll den Dom füllte. Über dem Marienaltar leuchtete als Hoffnungslicht die Osterkerze und rechts und links davon die Kerzen, die an unsere verstorbenen Gemeindeglieder erinnerten. Das ist gerade mal vier Tage her. Und ich kann den Schalter in meinem Kopf nicht finden, mit dessen Hilfe ich von jetzt auf gleich zwischen „Dies irae“ und „O du fröhliche“ umschalten kann.
Unsere Altvorderen, die den Kirchenkalender gestaltet haben, hatten offenbar Verständnis für Leute wie mich, die im Kopf manchmal nicht so schnell sind. Ihr Entgegenkommen trägt den Namen Advent. Für mich ist diese Zeit, die am kommenden Wochenende beginnt, ein guter Puffer, in dem ich die intensive Thematisierung der existenziellen und letzten Fragen unseres Lebens langsam beenden und mich vorbereiten kann auf das Kind in der Krippe, das in so vielfältiger, wunderbarer und liebevoller Weise unser aller Leben verändern kann.
Den Weg dorthin dürfen wir fröhlich feiern, doch er verträgt auch Ruhe, Besinnlichkeit und Besinnung. Letztgenannte tut uns im Übrigen ganzjährig gut. Das Gegenteil von Besinnung ist Besinnungslosigkeit und die ist nun wirklich kein erstrebenswerter Lebenszustand.
Das warme Licht, dass uns in den kommenden Wochen entgegenleuchten wird – auf dem Weihnachtsmarkt, in unserer Stadt und in unseren Wohnungen – ist ein guter Wegbegleiter heraus aus dem Dunkel des Novembers, hin zur leuchtenden Klarheit des Herrn in der Christnacht.
Diesen Weg gilt es zu gehen, jeder und jede für sich, gerne aber auch in vielfältiger Gemeinschaft bei Weihnachtsfeiern, Adventsnachmittagen, Konzerten, Andachten und Gottesdiensten. Und als Wegzehrung sind der eine oder andere Glühwein, die Bratwurst oder die Tüte gebrannte Mandeln hierbei durchaus willkommen. Amen.

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  Weihnachtsmarkteröffnung

Weihnachtsmarkteröffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2022

„Sehr die gute Zeit ist nah…“
So haben es die Kinder gestern im Dom gesungen. Noch nicht ganz da. Aber nah. Während ich das schreibe sieht es draußen auch so aus: noch nicht ganz fertig, aber fast.
Und manch eine und einer wird denken: endlich ist alles wieder gut! Endlich wieder Weihnachtsmarkt, endlich trifft man sich vor den Buden und mit denen, die in den Buden stehen, wieder…
Das finde ich auch und erlebe es fast ein bisschen wie ein Familientreffen nach längerer Zeit, die an uns allen nicht spurlos vorübergegangen ist.
Gut, dass wir alle wieder da sind. Gut, dass wir uns in dieser Stadt wieder mal erleben als freundliche wohlwollende Nachbarschaft auf engem Raum.
Einerseits.
Und andererseits muss man sich ja innerlich im Spätherbst 2022 bisschen zurechtruckeln – auch wir haben über Beleuchtungskonzepte, Preise, Nachhaltigkeit, Infektionsschutz, parallele WM noch dazu in Katar, Glühwein und Schmalzkuchen während anderswo Krieg ist, diskutiert und uns entschieden – in der Hoffnung, dass es so, wie wir es nun machen, auch gut ist.
Das braucht Mut und Ehrlichkeit, einen geraden Rücken.
In der Süddeutschen hieß es heute Morgen mit Blick auf die verbotene Kapitänsbinde: „Zur Aufführung kommt eine regenbogenbunte Rechtfertigungsgesellschaft … je mehr man sich darin einübt, desto leichter fällt es, bis man am Ende die Grenze zwischen gut und gut gerechtfertigt kaum noch spürt.“ Davon kann sich niemand ausnehmen – wir müssen uns entscheiden, was wir gut finden und dann nicht moralisieren, sondern Haltung bewahren.
Ich finde den Weihnachtsmarkt gut und freue mich daran, weil es uns gut tut nach aller Vereinzelung und in aller Sorge um die Zukunft, beieinander zu sein und zu bleiben, sich bei einem Pott Glühwein zu erzählen, wie es geht, was man hofft und träumt, woran man sich freut und auch, was anders ist.
Und ich freu mich, dass der Dom mittendrin steht und die Türen offen sind, dass wir hier wieder singen können und darauf hören, was gut ist ohne dass wir Gründe finden müssen und erst recht, was so gut ist, dass auch alles andere von daher gut werden kann:
„Sehr die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde. Kommt und ist für alle da. Kommt, das Frieden werde… “ – mit der Betonung auf „alle“ und „Frieden.“ Wir alle können uns in Friedfertigkeit einüben, wir alle können für den Frieden beten. Weihnachtsmarkteröffnung ist kein Grund, das nicht zu tun – Im Gegenteil. Wir haben allen Grund dankbar zu sein, dass wir einen so freundlichen Abend miteinander verbringen dürfen und sollten die nicht vergessen, für die das nie selbstverständlich war oder nie mehr sein wird.
Darum lasst uns, ehe wir draußen die Weihnachtsmarkteröffnung feiern, gemeinsam für den Frieden beten, wie wir das hier jeden Mittwoch tun.

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  Traurig sein dürfen

Traurig sein dürfen

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.11.2022

Gestern war Totensonntag und wir haben hier im Dom wie an jedem Sonntag Gottesdienst gefeiert. Es ist immer wieder bewegend, wenn unter dem Geläut der Totenglocke die Namen der im vergangenen Jahr verstorbenen Gemeindeglieder verlesen werden. Es ist bewegend, für die Angehörigen jedoch auch schmerzhaft. Ist es gut, dass zu tun, obwohl in diesem Gottesdienst vielleicht Wunden wieder aufgerissen wurden, die gerade ein wenig verheilt waren? Sollte man nicht besser die Toten im wahrsten Sinne des Wortes ruhen lassen? Fragen, über die es sich zumindest lohnt, nachzudenken.
Der gestrige Sonntag trägt übrigens einen Doppelnamen. Er heiß Toten- und Ewigkeitssonntag und als solchen haben wir ihn gefeiert. Und ja, dazu gehört das Erinnern an jene, die Gott zu sich gerufen hat, an ihr Leben, an ihr Sterben und an die Leerstellen, die sie im Leben derer hinterlassen haben, die um sie trauern.
Trauern ist wichtig und es braucht Zeit. Natürlich ist Trauer kein Gefühl, in dem wir uns wohlfühlen und wir können mit allem Möglichen und Unmöglichen versuchen, die Trauer zu verdrängen. Wir können uns in Arbeit stürzen, durch die Welt reisen, unseren Kalender bis unters Dach mit Terminen zupflastern, um bloß keine freie Minute zu haben, in der wir Gefahr laufen könnten, dass wir ins Grübeln geraten.
Das klappt auch übergangsweise, doch es wird uns einholen. Zu trauern bedeutet auch, zu verarbeiten, zu sortieren, sich neu zu orientieren. Und wir brauchen Momente und Orte, an denen das geht. Hier in diesem Dom wird und wurde seit Jahrhunderten die frohe Botschaft Gottes für uns Menschen verkündigt. Hier wurde und wird aber ebenso lange auch getrauert. Hier dürfen Tränen fließen, hier dürfen wir unsere Verzweiflung, unsere Wut und unser Unverständnis vor Gott bringen und uns so innerlich Luft machen.
Gestern war der Tag, an dem all dies seinen Platz hat. Gestern war der Tag, an dem Angehörige aber auch sehen und erleben konnten, dass sie nicht allein sind. Es gibt auch andere, die einen geliebten Menschen verloren haben, es gibt aber auch eine Gemeinde, die da ist und so zu Ausdruck bringt, dass sie das Leid und den Schmerz sieht und bereit ist, ihn mitzutragen.
Und natürlich haben wir gestern auf Gottes Wort gehört, auf Jesu Zusage: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Es ist diese Hoffnung, die uns als Christinnen und Christen trägt, die uns tröstet und der wir uns anvertrauen. Und es ist diese Hoffnung, in der wir Gott für jene bitten, die uns vorangegangen sind: Lass es genau so sein! Amen.

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  Ein ganz normaler Donnerstag

Ein ganz normaler Donnerstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.11.2022

Wer weiß, wie es Ihnen geht – ich genieße es, wenn zwischen den Tagen, die solche starken Überschriften haben, wie zwischen Reformationstag und Buß- und Bettag, solche liegen, wie dieser heute. Nur ein Donnerstag.
Irgendwo wird jetzt ein Kind geboren und ein anderer Mensch schließt seine Augen, irgendwo verliebt sich jemand, irgendwo staunt ein Mensch wieviel doch möglich gewesen ist an diesem Tag.
Die Krähen schreien, es ist grau und nass, ganz normales Wetter eben, der Weihnachtsmarkt lässt sich ahnen, Zeit vergeht.
Aus dem 116. Psalm heißt es heute in den Herrnhuter Losungen:
„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Gutes.“
Verschnauf mal, schau dich um und lass den „nüchterneren Katastrophismus“ – mächtige Wortkonstruktion, die ich erst in diesem Herbst kennengelernt habe – für einen Moment beiseite. Sieh dem Leben ins Gesicht. Lies ein Gedicht.
Eins für den November – von Eva Strittmatter – klingt so:

Gegen November
Die Sterne sind schon winterlich. / Und auch die Mondscherbe ist kalt.
Novemberwind geht wider mich. / Und ich werd unaufhaltsam alt.
Wie häufig wird es jetzt November! / Wie nahe ist mir schon die Zeit,
Da alles, was geschieht, geschenkt ist. / Und schien doch gestern noch so weit.
Woran sich wärmen? Wie sich halten / Und sich ertragen? Ein Gesicht,
Versinkend mählich in den Falten, / Nur selten noch gefaßt von Licht…
Ich wehre mich, daran zu glauben, / Daß ich zu alt für Wunder bin,
Und daß die Bäume sich entlauben, / Nehm ich als Vorbedingung hin
Für einen Frühling ohnemaßen, / Den man im Winter wollen muß..
Und weiter über Sommerstraßen / Und wenn man will, gibt´s keinen Schluß.

Doch, natürlich wird es einen Schluss geben.
Aber zuvor Abend und Morgen, Weggehen und Wiederkommen, kleine und große Wunder, Gesten des Friedens, überraschende Einsicht, Licht aus Augen die dunkel und traurig waren. Abendsegen.

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  Buß- und Bettag

Buß- und Bettag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.11.2022

„Wenn du nicht aufwachst,
werde ich so unerwartet kommen wie ein Dieb.
Und du wirst nicht wissen,
zu welcher Stunde ich gegen dich vorgehen werde.“
Die Offenbarung des Johannes ist ein Buch voller Rätsel - aber eben auch ein Text, der ganz am Ende der Bibel davon erzählt, wie uns die Augen aufgerissen werden. Das ist allermeist ein schmerzhafter Prozess, der uns zwingt, etwas zur Kenntnis zu nehmen, was wir eigentlich nicht wissen wollen aber längst schon wissen können. Es ist ein Moment, der uns dessen überführt, dass es keinen Sinn hat, den Kopf in den Sand zu stecken, die Augen zu verschließen, weiterzumachen wie immer oder auf bessere Zeiten zu hoffen, die sich irgendwann von ganz allein einstellen werden - die es nie gegeben hat.
„Werde wach … denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden!“
Wer immer hier spricht, der rüttelt an uns, der hält nicht aus, dass wir uns nicht bewegen.
Werde wach!
Heute Abend beenden wir mit dieser Andacht die Friedensdekade.
Wir haben immer wieder Texte gehört, die uns mahnen, das Gebet nicht für vergeblich zu halten und Gott zuzutrauen, dass er die Situation ändern kann.
Letzte Woche haben wir da oben unterm himmlischen Jerusalem gesessen und mit Renke Brahms, dem ehemaligen Friedensbeauftragten der EKD versucht zu verstehen, was Friedensethik in unseren Köpfen und Herzen ordnen kann, ob das Festhalten an sauberer Ethik in einem schmutzigen Krieg überhaupt verantwortbar ist, welcher Logik, welcher Geschichtsdeutung wir folgen wollen.
Werde wach!!!
Heute ist Buß- und Bettag. Im alten Bußsakrament folgt aus der Zerknirschung des Herzens das Bekenntnis des Mundes.
Nicht nötig, mögen wir denken, wenn am Ende der Zeit ohnehin alles gesagt ist und alles offenbar wird. Doch unbedingt nötig, denn aus beidem - der leisen schweigenden Zerknirschung und dem hörbaren Bekenntnis vor Gott und den Menschen folgt die Umkehr.
Nur so kommen wir ins Handeln. Und das braucht unsere Welt jetzt!
Keine und keiner wird dabei frei von Schuld sein oder bleiben.
Wir alle sind verstrickt in die ungerechten Systeme, wir alle sind - weil wir Menschen sind - verführbar, inkonsequent, ungerecht.
Aber nicht nur das, wir alle sind auch die (so der alte Text), „die überwinden können, … die es wert sind.“
Die Offenbarung redet davon, dass solche Überwinderinnen mit weißen Kleidern angetan sind. Wer wollte sich da nicht der Frauen in Belarus erinnern, die wir vermutlich angesichts der Nachrichten dieser Tage längst vergessen hätten…
Wir sind fast am Ende des Kirchenjahres und schon schimmert die Hoffnung der kommenden Zeit auf. Aber: „Gib acht, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist.“ mahnt Lukas im Lehrtext dieses Tages.
Lass das, was wir jetzt aus Zerknirschung heraus bekennen und verstehen nicht hier im alten, sondern nimm es mit auf dem Weg zur Krippe hinein in das Neue, dass unter uns hier in dieser Welt werden will - andernfalls rennen wir falschen Lichtern, verlogenen Prognosen, bagatellisierendem Wohlstandsgefasel hinterher.
Mag sein, dass die Anfechtung in uns rumort, dass uns das Umkehren noch nie gelungen ist. Aber ist das nicht das unbegreifliche Wunder unseres Glaubens, dass immer und immer wieder neu der richtige Moment ist, den Kopf zu haben und anzufangen, wach zu werden, die Dinge beim Namen zu nennen und dem zu glauben, der sagt:
„Ja, ich komme bald“ und einzustimmen in die allerletzten Worte unserer Bibel: „Ja, komm!“

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  Erstaunliche Gnade

Erstaunliche Gnade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.11.2022

Am Anfang der Woche habe ich mich am Bildschirm festgesessen und die EKD-Synode verfolgt. Es gab Aussprachen zur Friedensfrage und zum Klimawandel, politische Andachten, nüchterne Analysen, kritische Debatte – und für mich das Gefühl, bei allem Gerumpel gern zu diesem Laden dazuzugehören. Solches Netzt hilft, klarer zu denken und gemeinsam zu tragen.
Am Dienstagmorgen hielt der katholische Ethikprofessor Markus Vogt ebendort ein Impulsreferat zur Klimakatastrophe. Er präzisierte Begriffe und zitierte schließlich eine Studie des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen): „Das kohlenstoffbasierte Weltwirtschaftsmodell ist auch ein normativ unhaltbarer Zustand, denn es gefährdet die Stabilität des Klimasystems und damit die Existenzgrundlagen künftiger Generationen. Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist daher moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit.“
Was für eine Parallele!!
Während ich noch daran knaupelte, schickte mir ein Kollege der Citykirchenkonferenz eine Erinnerung an 250 Jahre „Amazing grace“.
Hängt das zusammen?
Ja, in mindestens zweierlei Hinsicht:
Erstens sind es eben diese Verbindungen und Gleiczeitigkeiten, dieses sich Ergänzen, die bewusst machen, dass die Kirchen bei aller Verschiedenheit zu den globalen Playern gehören. Wir sind nicht ohnmächtig, sondern können einander an Erfahrungen teilhaben lassen, uns gegenseitig ermutigen und darin bestärken, mit dem konkreten Tun anzufangen auch wenn manches nicht Gesetz geworden ist.
Zweitens aber stellt die Geschichte des weltberühmten Freiheitsliedes „Amazing Grace“ – „Erstaunliche Gnade“ nicht nur den Link zur Sklaverei her, sondern erzählt von einer gleichermaßen langsamen wie radikalen Umkehr. Ein Beispiel, das wir dringend brauchen: John Newton, der „Amazing grace“ schuf, wurde 1725 in London geboren. Noch als kleiner Junge verliert er seine Mutter. Bereits mit elf Jahren kommt er zur Seefahrt, wird für ein Kriegsschiff zwangsrekrutiert und wechselt später auf ein Sklavenschiff. 1748 gerät er in schwere Seenot. Die Rettung daraus erlebt er als Wunder – aber sie verändert sein Leben noch nicht. Er transportiert weiter Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen nach Westafrika bis er es selbst nicht mehr aushält und Hafenmeister wird. Erst 25 Jahre nach dem Wunder auf See hat er verarbeitet, was geschehen war: "Einst war ich verloren, aber jetzt wurde ich gefunden; war blind, aber jetzt kann ich sehen", schreibt John Newton und nun zieht er Konsequenzen. Er schreibt ein Buch mit seinen Erfahrungen vom Sklavenhandel und benennt seine Scham, dabei mitgemacht zu haben – er dichtet „Amazing grace“.
20 Jahre nach seinem Tod wird die Sklaverei in England abgeschafft.
250 Jahre später geht sein Lied um die Welt.
„Erstaunliche Gnade.“ Und Wegweisung. Auch wir werden hoffentlich aus den Stürmen unserer Zeit weise. Endlich.

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  Warten auf das Reich Gottes

Warten auf das Reich Gottes

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 11.11.2022

Am Samstag vor 2 Wochen war es noch einmal sommerlich warm. Die Innenstadt von Braunschweig ist voller Menschen, die Cafes sind gut gefüllt. Ich bin auf dem Weg durch die Stadt. Beeindruckender mehrstimmiger Gesang lässt mich stehen bleiben. Vier junge Menschen, 2 Frauen, 2 Männer, stehen vor New Yorker und singen klangvoll und fröhlich musikalische Schätze aus ihrer Heimat in ihrer Muttersprache. Am Spendentopf steht ein das Schild: Stand with Ukraine- Viele Menschen bleiben stehen, viele erfreuen sich der hohen Sangeskunst des Quartetts und werfen ein Scheinchen in den Topf. Bei einem nächsten Lied wird auch auf meiner Seite mitgesungen – auf ukrainisch. Frauen sind stehen geblieben, sie singen mit. Die Hand auf dem Herzen, Schmerz und Stolz ist in ihren Gesichtern zu lesen. Und ich erkenne: Sie sind hier, die Betroffenen, von denen die Medien uns berichten. Sie suchen Halt, Frieden und Mitmenschlichkeit in einer Fremde, in die der Unfriede zu Hause sie geschickt hat zum Überleben. Mitten unter uns leben sie – mehrheitlich Frauen mit ihren Kindern, einem brutalen menschenverachtenden Krieg entflohen -primär um zu überleben. Nicht, um uns auf der Tasche zu liegen!
Die Folgen dieses ungerechtfertigten Krieges, sie sind auch hier zu spüren, wo wir nicht im Krieg leben - das Bewusstsein, dass Frieden fehlt aber immer größer wird. Gerade der Braunschweiger Dom weiß um seine Friedensverantwortung. Er ist auf dem Weg „ Nagelkreuzkirche“ zu werden, der engen Verbindung mit Coventry folgend. Sichtbare Zeichen von Solidarität und Friedenswillen braucht es dieser Tage; ebenso Vertrauen auf die Zusage des Reiches Gottes, das Jesu zentrale Botschaft für die Menschen seiner Zeit war.
Am letzten Sonntag stand eben diese Frage am Beginn des Predigttextes aus dem Lukasevangelium. Auch seinerzeit sind die Menschen verunsichert und haben mit Lebensumständen zu ringen, aus denen sie genau so gerne erlöst werden wollen wie wir Menschen hier und heute im November 2022. Der Evangelist Lukas bedient sich bei der Beantwortung eines alten Bildes. Er spricht vom „Tag des Menschensohnes“ der kommen wird mit folgenden Worten: “Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende bis zum anderen – so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“ Licht und Klarheit; ein neues Sehen und Verstehen dessen, was die Menschheit umtreibt und beschwert – diese Zusage verbindet sich mit der Gegenwart Jesu unter uns, mit dem Kommen des Reiches Gottes, das in der Bibel immer als ein Miteinander der Menschen in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt voreinander skizziert. Das Kreuz daran: der Tag, wann es kommt, steht nicht im Kalender. Es entzieht sich, wie vieles andere in diesen Zeiten, unserer Verfügbarkeit. Es bleibt ein Verheißenes.
Und so ist unser Auftrag als Christen und Christinnen, weiter in den benannten Spannungen zu leben: zwischen Himmel und Erde , mit einem belastenden Krieg und der Hoffnung auf Frieden, zwischen Verheißung und Erfüllung. Wir sind gerufen, die Sehnsucht nach Gottes Reich wach zu halten. Wir können die alten Geschichten von Gott unseren Mitmenschen erzählen… Das geht nicht nur in der Kirche!
Wir können unsere eigenen Geschichten mit Gott erinnern und im Vertrauen an andere weitergeben. Hören wir bitte nicht auf, mit Gott zu reden! Erzählen wir ihm ruhig unsere Zweifel, unsere Traurigkeiten, unsere Fragen Klagen wir ihm unsere Müdigkeit und die Beunruhigungen, die der Krieg in der Ukraine mit all seinen Folgen in unseren Herzen bewirkt. So halten wir unsere Sehnsucht nach Frieden wach und können dem Kommen des reiches Gottes den Weg bahnen unter uns. Niemand sagt, dass das leicht ist. Aber es ist unserem Stand als ChristInnen gemäß, weil wir auf Hoffnung hin in der Welt stehen. Und wir erfahren Stärkung und Verbindung im Abendmahl, in dem uns Christi Gegenwart zugesprochen wird.
So lange wir auf das Reich Gottes warten gilt auch. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Matthäus 18,20)

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  Selig sind, die Frieden stiften….

Selig sind, die Frieden stiften….

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 10.11.2022

In der letzten Woche habe ich mein Amtszimmer in Kisten gepackt und an seinen neuen Bestimmungsort umgezogen. Wie viele Dinge haben sich da angesammelt…Bücher, Handgeschriebenes, kirchenpädagogisches Projektmaterial, kleine und große Geschenke. Heiteres, Trauriges und Überraschendes aus 30 Jahren Amtszeit ist mir begegnet. Ich musste Dinge aussortieren und wegwerfen- gar nicht so einfach für eine bücherliebende Theologin und leidenschaftliche Leserin. Im vordigitalen Zeitalter geboren, gehörten Bücher immer kostbare G ich vorher hätte sagen können, Geschenke oder Anschaffungen.
Ich spüre wie eigenartig berührt ich bin als ich Bücher mit folgenden Titeln in die Hand nehme: Franz Alt, Frieden ist möglich- von 1983, Schwerter zu Pflugscharen- ein Bericht über die Friedensbewegung in der DDR , auch aus den 80er Jahren. „Zum Wesen des Friedens“- eine Schrift des großen Theologen Eberhard Jüngel… Wie lange ist das her, dass ich diese Bücher zumindest schräg gelesen habe? Erinnerungen an Tübinger Studienzeiten werden wach, an die Menschenkette, die bis Mutlangen ging gegen den Natodoppelbeschluß. Irgendwo liegt auch noch das lila Halstuch vom Kirchentag 1983…ein Nein ohne jedes Ja… Die großen FriedensdenkerInnen waren damals auf jedem Kirchentag zu Gast: Carl Friedrich von Weizsäcker, Erhard Eppler; sprachmächtige RednerInnen wie Walter Jens, Dorothee Sölle, Eberhard Jüngel und Jürgen Moltmann. Durch die Teilung Deutschlands als Folge des 2. Weltkriegs war dies Land verwundet, nicht heil und nicht im Frieden. Damals war ich Mitte 20.
Dann, 1989, DIE WENDE, Glasnost, Perestroika, Gorbatschow als Wegbereiter einer neuen Zeit. Der eiserne Vorhang fällt. In meiner Biografie, die schmerzlich geprägt ist von der deutsch-deutschen Teilung kehrt Frieden ein. Mein 1. Kind wird nach dem Mauerfall geboren, im Jahr der Wiedervereinigung 1990. 30 Jahre habe ich seitdem in Frieden gelebt hier in Deutschland- habe mich an ihm erfreut und leichtherzig 3 Kinder in die Welt gesetzt. Ich habe an den Frieden geglaubt, den Franz Alt 1983 für möglich erklärt hat.
Dieser Tage erkenne ich, wie sehr der Krieg, den Russland in der Ukraine führt, mein Inneres erschüttert; wie er mich traurig macht und unruhig, mitläuft in meinem Leben wie ein ständiges Brummen: Wie weit wird es noch kommen? Wie weit wird Putin noch gehen? Von Neuem sind wir als Christen und Christinnen gerufen, den Frieden nicht preis zu geben; ihm das Wort zu reden, seine Möglichkeit in das Licht eines Gottes zu stellen, an den wir glauben: in guten und in schweren Zeiten!
Ich habe diese Bücher nicht weggeworfen! An sichtbarer Stelle werden sie in meinem neuen Amtszimmer einen Platz bekommen: Zum Erinnern, Ermutigen und Festhalten, auch an dem, der gesagt hat:
SELIG SIND, DIE FRIEDEN STIFTEN, DENN SIE WERDEN GOTTES KINDER HEISSEN. (Mt.5,9)

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  keine Worte

keine Worte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2022

Gestern ist hier die Bachkantate BWV 109 erklungen: „Ich glaube, Hilf meinem Unglauben…“
Ich habe die Geschichte aus dem Markusevangelium, die zu diesem Text gehört, gelesen - es ging um einen jungen Mann, der von einem Geist der Sprachlosigkeit beherrscht wird.
Die Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit richtige Worte finden zu können, quält ihn entsetzlich und es scheint ihm niemand helfen zu können - weder Ärzte noch Eltern, auch die Jünger nicht.
Das allein ist erschütternd aber nicht aus der Welt.
Manchmal erahnen wir etwas von dieser Qual, wenn Menschen etwas Schlimmes erlebt haben, aber darüber nicht sprechen können. Sie quälen sich mit Alpträumen, wachen schreiend und schweißgebadet auf oder verlieren sich. Manche trinken. Manche rennen. Manche arbeiten sich zu Tode.
Alle schweigen.
Es gibt keine Worte, die beschreiben können, was man erlebt hat.
Es gibt keine Worte, die man noch einmal in den Mund nehmen möchte.
Es gibt keinen Frieden.
Vielleicht ist das der Grund, das Jesus sagt: diese Art kann man nur mit dem Gebet loswerden, nur in der Zwiesprache mit dem, der durch alle diese Not mit hindurchgegangen ist, der die Ohnmacht kennt und das Schweigen.
Auch in Gethsemane schliefen die Jünger - sie redeten nicht.
Seit gestern begehen wir hier - wie an vielen anderen Orten auch - die ökumenische Friedensdekade.
In ihrem Licht höre ich noch einen anderen Aspekt der alten Geschichte:
Vielleicht wird der Mensch auch von der Sprachlosigkeit geschüttelt, weil er weiß, wie gefährlich Worte sein können? In den Vereinigten Staaten herrscht Wahlkampf, Zeit einflussreicher und manchmal großer Rhetorik. Keineswegs alle Worte, die da jetzt laut werden, die um Macht und Wählerstimmen ringen, Gewalt, zunehmende Armut und steigende Preise anprangern, sind dem Frieden und der Wahrheit verpflichtet. Viele dieser Worte sind gefährlich, dienen dem Frieden nicht.
Gerard Minnard deutete am Reformationstag das Pfingstwunder als den Moment, in dem Menschen sich verstehen, weil sie alle sich der Sprache der Humanität bedienen.
„Friede sei mit Dir.“
Das ist mehr als ein Gruß. Es ist eine Hoffnung, ein Bekenntnis, ein Segenswunsch. Es ist ein Gebet.
Gegen die fehlenden und falschen Worte hilft nur das.

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  Ein anonymer Brief

Ein anonymer Brief

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.11.2022

In der vergangenen Woche erreichte mich hier am Dom ein Brief ohne Absender. Im Umschlag befanden sich vier Worte zum Alltag, die ich im August verfasst und hier im Dom im Rahmen der Abendsegen gepredigt habe. Der Briefeschreiber oder die Briefeschreiberin hat sich mit den Texten intensiv ausgesetzt, diverse Kommentare, Fragezeichen, Ausrufungszeichen, Unterstreichungen und sonstige Markierungen hinzugefügt.
Beim Lesen war ich hin- und hergerissen. Manche Anmerkungen habe ich nicht verstanden, andere haben deutlichen Widerspruch bei mir ausgelöst, über wiederum andere hätte ich gerne gesprochen, um auszuloten, ob ich missverstanden wurde, wie die Meinung des Lesers oder der Leserin dazu ist oder um zu sagen, dass ich das eine oder andere ganz genauso sehe.
Ich finde es schade, dass ein solcher Austausch nun nicht möglich ist, da, wie schon gesagt, das Schreiben anonym versandt wurde. Und ich habe mich gefragt, warum. Wollte der Absender einfach seine Gedanken zu Papier bringen und hat sich deshalb die Mühe gemacht, diese vier Andachtstexte so sorgfältig zu bearbeiten? Könnte so sein, doch dazu wäre Anonymität gar nicht nötig gewesen. Ein kleiner Zusatz gereicht: „Ich wollte das nur mal loswerden. Eine Antwort ist nicht erforderlich.“
Oder wirke ich hier vorne so unnahbar, dass die Schwelle, mich anzusprechen oder auch unter Namensnennung anzuschreiben, zu hoch ist? Das würde ich sehr bedauern. Mein persönlicher Anspruch ist es, erkennbar auf dem Teppich zu bleiben und über meine persönlichen Glaubenserfahrungen zu sprechen und sie mit Ihnen zu teilen.
Unabhängig davon besteht bei anonymen Briefen auch immer die Gefahr, dass sie ungelesen ins Altpapier wandern, weil Anonymität eben auch dafür missbraucht wird, Beleidigungen und Drohungen loszuwerden, was sich die Absender eben nur trauen, wenn sie unerkannt bleiben. Das war bei meinem Brief definitiv nicht der Fall und so habe ich noch immer den Wunsch, den Absender oder die Absenderin mal kennenzulernen, um ins Gespräch zu kommen.
Der Apostel Paulus schreibt: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht, alle, die daran glauben.“ Dieser Satz spricht mir aus dem Herzen. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit anderen Menschen über Gottes frohe Botschaft ins Gespräch komme, darüber, wie sperrig sie sein kann aber eben auch wie wunderbar entlastend und Hoffnung stiftend.
Es ist viel leichter und viel schöner, in Gemeinschaft Christ oder Christin zu sein, denn, das wusste schon Dietrich Bonhoeffer: Der Christus im Anderen ist immer stärker als der in der eigenen Seele.
Vielleicht liest der anonyme Schreiber oder die anonyme Schreiberin diesen Text und hat dann doch Lust, sich noch einmal zu melden. Ich würde mich freuen. Amen.

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  Allmächtig

Allmächtig

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.11.2022

Über diesem Monat heißt es aus dem Buch des Propheten Jesaja:
„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen…“
Weh denen, die – ja was? Weh denen, die Menschen in die Irre führen, die die Wahrheit verdrehen oder den Dingen ein anderes Vorzeichen geben?
Weh denen, die sich an den Koordinaten unseres Lebens vergreifen, die mit dem Vertrauen anderer spielen???
Weh denen. Schmerz. Tränen und Leid.
Sollen das die Vorzeichen des neuen Monats sein?
Ich höre diese Worte aus dem alttestamentlichen Weinberglied, das von Gottes Schmerz und seiner enttäuschten Liebe erzählt und denke an John Witcombe, den Dean der Kathedrale in Coventry.
Statt des abgedruckten „Gracious“ nannte er Gott in seinem Gebet „Almighty“. Statt gnädig, gütig, freundlich – allmächtig.
Ich habe ihn danach gefragt, denn diese Richtung hat mich erstaunt. Es hätte mich andersherum nicht verwundert, wenn er es vermieden hätte, von dem allmächtigen Gott zu sprechen. Denn es ist manchmal einfacher zu glauben, dass Gott dem Bösen nicht wehren kann, dass der ohnmächtig an der Seite der Stummen, Elenden und Einsamen mitleidet.
Nein, sagte der Dean der Kathedrale im Herzen des großen Versöhnungswerkes. Gerade, weil so vieles nicht zu begreifen ist, weil der Weg zur Versöhnung in dieser Welt so weit ist, weil Krieg und Gewalt immer wieder die Oberhand zu haben scheinen, darum vergewissere er sich, dass alle Macht bei Gott ist. Gott ist der Weg und sei er noch so mühsam. Er ist die Wahrheit, er täuscht und manipuliert uns nicht. Er ist das Leben. Es geht ihm um Umkehr – nicht um Verdrehung…
Er stößt die Mächtigen vom Thron. Er erhebt die Niedrigen.
Er ist allmächtig.
An der Außenwand der Kathedrale findet sich ein eindrückliches Bild für Gottes Art, die Dinge umzukehren: Es ist eine riesige Figur, ein über acht Meter großer Engel, zusammengefügt aus 100 000 Messern, die die Polizei in Großbritannien beschlagnahmt hat. An vielen klebten Blutspuren.
Der Engel neigt sich uns zu. Mit geöffneten Händen. Gütig.

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  Allerheiligen

Allerheiligen

Henning Böger, Pfarrer - 01.11.2022

Heute feiern viele katholische Christinnen und Christen Allerheiligen. Der Tag steht als Gedenktag der Heiligen für den 01. November auch im evangelischen Festkalender. Allerdings wird er in evangelischen Gemeinden eher selten begangen oder bedacht. Eigentlich zu Unrecht, finde ich, denn ohne Allerheiligen gäbe es keinen Reformationstag!
Wenn es stimmt, was die Kirchengeschichte über Martin Luthers 95 Thesen an der Tür der Stadtkirche zu Wittenberg berichtet, dann geschah dieser Thesenanschlag am
31. Oktober 1517 ganz bewusst am Vorabend des Allerheiligenfestes. Der Wittenberger Theologieprofessor nutze ein wichtiges Glaubensfest, um seine Gedanken bekannt zu machen. Er konnte sicher sein: Viele Menschen würden am kommenden Morgen die Stadtkirche zum Gottesdienst aufsuchen und seine Thesen lesen können.
Allerheiligen - das ist das Fest des großen Gottvertrauens. Je mehr die frühen
christlichen Gemeinden Menschen verehrten, die für ihren Glauben ihr Leben gelassen haben, desto nötiger war es für die Nachfahren im Glauben, ihrer Heiligen würdig zu gedenken. Und weil es bald mehr Heilige gab, als das Jahr Tage hat, entstand eine Art Sammelgedenktag: Allerheiligen. Kein Mensch sollte vergessen werden, der oder die
das Gottvertrauen über das eigene Leben gestellt hatte. So, wie es Jesus getan hat.
Galt das Fest anfangs vor allem Märtyrerinnen und Märtyrern, kamen später weitere Christinnen und Christen hinzu, die von der römisch-katholischen Kirche offiziell heiliggesprochen wurden: Antonius von Padua, Elisabeth von Thüringen, Franz von Assisi, Mutter Teresa und viele mehr. Mittlerweile sind mehrere Tausende Heilige
in Verzeichnissen aufgeführt. Aber auch all jene, um deren Heiligkeit allein Gott weiß, werden an jedem 1. November geehrt und besungen.
Nach biblischem Verständnis sind Heilige keine besonders hervorgehobenen Menschen. Das Wort umschließt vielmehr alle, die in den Spuren des Jesus von Nazareth zu gehen versuchen und seine Hoffnung teilen; eine Hoffnung, die weit über das eigene Leben hinausreicht. Allerheiligen erinnert mich daran, dass ich mir etwas von dieser Hoffnung auch für mein Leben wünschen darf. Ganz so, wie es ein alter Jazz-Gospel besingt: „Wenn die Heiligen einziehen, when the saints go marching in, dann, o Herr, möchte auch ich dabei sein.“

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  Meine Freude soll Euch anstecken!

Meine Freude soll Euch anstecken!

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.10.2022

Ich bin gerne hier im Dom. Es ist ein wunderbarer Ort, wie ich finde, mit einer ganz besonderen Atmosphäre, in der ich mich wohlfühle. Ich mag die Andachten, Abendsegen und Gottesdienste, und es ist mir Freude und Ehre hier zu beten, zu hören, zu singen und zu predigen. Ganz besonders allerdings mag ich dieses musikalische Mittagsgebet, dass wir an jedem Sonnabend um 12:00 Uhr hier feiern, so auch heute. Natürlich freue ich mich jedes Mal auf die Musik, die uns heute Hans-Dieter Meyer-Moortgat schenkt. Doch ich habe Ihnen gegenüber hier vorne ein großes Privileg, denn ich kann in Ihre Gesichter schauen und zu beobachten, was da während der Musik passiert, ist wirklich wunderbar.
Ich sehe lächelnde Menschen, ich sehe Menschen, die mit geschlossenen Augen genießen, ich sehe Menschen, deren Gesichtszüge eine tiefe Entspannung ausdrücken, ich sehe Menschen, die sich dankbar freuen. Und ich darf Ihnen sagen: All das steht Ihnen großartig zu Gesicht. Sie sind ein bunter Strauß von schönen Menschen. Und damit sind sie hier heute sozusagen das perfekte Gegenprogramm zu den Halloweenfratzen, die dieser Tage an allen möglichen Ecken und Enden auf uns lauern.
Von Jesus Christus hören wir: „Meine Freude soll euch anstecken und sie soll euch ganz und gar erfüllen.“ Ich glaube, da sind wir schon ganz gut unterwegs, was ja in diesen Tagen ganz sicher nicht selbstverständlich ist. Denn Gründe, uns das Lächeln aus dem Gesicht zu vertreiben, gibt es ja nun wirklich mehr als genug.
Da ist Krieg beinahe vor unserer Haustür, die Inflationsraten erreichen Rekordhöhen und verstärken die Armut und die Not vieler Menschen in der ganzen Welt und sogar in so einem reichen Land wie dem unseren. Und irgendwie scheint auch in lange vorbereiteten Dingen der Wurm zu stecken, wenn man eine Bahntrasse ausbauen will und dann irgendwie das Geld, von dem man dachte, dass es zur Verfügung stünde, nun doch noch nicht so ganz sicher zur Verfügung steht.
Also noch einmal auf den Punkt gebracht: An Gründen, sich aufzuregen, herrscht kein Mangel. Doch es bringt eben nichts, wenn wir uns von diesen Themen herunterziehen lassen. Mitgefühl und auch Mitleid mit jenen, die in Not sind und Hilfe und Trost brauchen ist wichtig. Doch wenn wir alle in eine depressive Lähmung verfallen, ist niemandem geholfen, uns selbst im Übrigen auch nicht.
Und so sollten wir uns lieber an Jesus Christus halten, was ja immer empfehlenswert ist, und auf sein Wort hören: „Meine Freude soll euch anstecken und sie soll euch ganz und gar erfüllen.“ Amen.

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  Die Kathedrale predigt

Die Kathedrale predigt

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.10.2022

Die Pilgerreise, die eine kleine Gruppe aus dem Nagelkreuzarbeitskreis hier am Dom unternommen hat, klingt noch deutlich nach. Drei Tage waren wir in Coventry, an dem Ort, an dem die Nagelkreuzbewegung und die damit verbundene intensive Versöhnungs- und Friedensarbeit ihren Ursprung hat. 1940 wurde die Kathedrale der Stadt bei einem Luftangriff zerstört. Sie brannte völlig aus und lediglich die Außenmauern und der Turm blieben stehen. Man entschied sich dafür, die Ruine in diesem Zustand zu belassen und eine neue Kathedrale in modernem Stil direkt daneben zu errichten. Sie steht mit einem Abstand von vielleicht 20 Metern im rechten Winkel zu ihrer zerstörten Vorgängerin.
Die der Ruine zugewandte Fassade besteht komplett aus Glas und verschafft dem Kirchraum von dieser Seite maximalen Lichteinfall und eine hohe Transparenz und Leichtigkeit. Das Licht ist auch notwendig, denn die Kirchenfenster an den Seitenwänden sind angewinkelt eingebaut und, wenn man in den Kirchenbänken sitzt, sind sie nahezu unsichtbar. Man schaut als Gemeinde rechts und links auf eher schmucklosen Sichtbeton.
Doch es gibt einen Moment im Gottesdienst, an dem sich das ändert. Dann nämlich, wenn man das Abendmahl empfangen hat. Dazu geht man nach vorne zum Hauptaltar. Auf dem Rückweg zum Platz erlebt man dann einen absolut atemberaubenden Blick in eine bewegende Farbenpracht, die von den Fenstern ausgeht. Es ist die Blickrichtung nach Süden, die sich hier öffnet und dieses Feuerwerk von Licht und Farben und Formen entzündet.
Das Abendmahl ist der Auslöser für einen Perspektivwechsel, für einen Wandel von schlichtem grauen Beton hin zu einem prächtigem Bunt. Auch wir feiern gleich das Abendmahl miteinander und wir werden in den Einsetzungsworten zweimal aufgefordert, uns an Jesus Christus zu erinnern, der dieses Mal gestiftet hat. Solches tut zu meinem Gedächtnis.
Das, was die Kathedrale in Coventry durch ihre Architektur ausdrückt, ist deutlich mehr als ein bloßes Erinnern. Es ist eine Auslegung, was Jesus Christus in unserem Leben bewirken kann, wenn wir ihm einen Platz dazu einräumen. Er kann graue Schwere in farbenfrohes Leuchten verwandeln. Er kann das, was uns bedrückt von uns nehmen und es tauschen gegen Helligkeit und Hoffnung.
Er selbst ermuntert uns: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Das ist kein leeres Versprechen, sondern sein voller und im wahrsten Sinne des Wortes heiliger Ernst. Vielleicht gelingt es uns im Abendmahl eine besondere Nähe zu ihm zu spüren und das, was uns allen zugesprochen wird, mit in unseren Alltag zu nehmen.
Die Kathedrale in Coventry predigt das, ohne ein weiteres Wort dazu zu brauchen. Doch es gilt eben auch uns, wenn wir uns darauf einlassen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Amen.

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  Diese vier...

Diese vier...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.10.2022

Zu dieser Woche gehört als Evangelium eine Geschichte, in der Markus davon erzählt, dass Jesus einen Gelähmten heilte, den einige Menschen durch eine unüberschaubare Menge hindurch zu dem Haus gebracht hatten, in dem Jesus war. Vier von ihnen tragen den Kranken – weil es nicht anders möglich war – lassen sie über und durch das Dach des Hauses zu ihm hinunter.
Es ist eine Geschichte, die viel Stoff zum Grübeln bietet. Ist es selbst bei Jesus Christus so, dass es nur die Schnellen und Gesunden nach vorn schaffen? Was bedeutet es, dass einer hier so radikal auf sein Handikap reduziert wird? Auch die Frage danach, wie sich Krankheit und Sünde zueinander verhalten, welche Vollmacht Jesu hat und was uns zum Staunen bringt, kann man gründlich buchstabieren. Denn Markus erzählt, dass Jesus dem Gelähmten zunächst seine Sünden vergibt und ihn erst heilt, als er spürt, dass ohne Wunder an seiner Vollmacht gezweifelt wird.
Eine Perspektive der Geschichte, der ich bisher nicht nachgegangen bin, betrifft die vier, die den Gelähmten bringen und ihm den Weg bahnen, denn Markus erzählt, dass Jesus sich dem Kranken ihretwegen zuwendet, weil er den Glauben dieser vier Helfer sieht.
Diese Vier bleiben namenlos. Vermutlich sind sie nah dabei, als Jesus sich dem Mann zuwendet, der sich nicht aus eigener Kraft bewegen kann. Vermutlich sehen sie mit eigenen Augen, dass dieser Hilfsbedürftige endlich aufstehen und eigene Wege gehen kann.
Und sie erleben, dass er ohne ein Wort verschwindet.
Kein Dank für die Mühe, ihn durch die Menge geschleppt, aufs Dach gewuchtet und vorsichtig hinunter gelassen zu haben. Kein Wort in Richtung des Mannes, der ihn geheilt und einen Neuanfang ermöglicht hat.
Er steht auf uns geht – man weiß nicht einmal, ob er sich freut, nun auf eigenen Beinen gehen zu können.
Und die vier?
Vielleicht ärgern sie sich. Vielleicht hängen sie sich nie wieder für eine Sache oder einen Menschen rein, wenn sie derartig übersehen werden. Wahrscheinlicher ist es, dass sie das schon kennen. Wahrscheinlicher ist es, dass diese vier stellvertretend für die zahllosen Menschen stehen, die alle Tage dafür sorgen, dass Menschen Hilfe erfahren, gepflegt und begleitet, auf den Weg gebracht werden, es sind die vielen, die ohne jeden finanziellen Anreiz das Notwendige tun. Es sind die, ohne die niemand von uns großgeworden wäre und auch die, ohne die Kirche nicht geht.
Ihretwegen wird Gott unter uns wirksam. Die alte Geschichte lässt keinen Zweifel.

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  Im Dreisprung zum Frieden

Im Dreisprung zum Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.10.2022

Ich habe zu Hause einen Tee-Pott mit einem maritimen Bild, den ich sehr mag. Ungeschickterweise habe ich vor einiger Zeit beim Wegräumen den Henkel abgebrochen. Doch in den Tiefen meiner Werkzeugkiste fand sich noch eine kleine Tube Montagekleber, mit dem man auch Keramik kleben kann. Und tatsächlich: Man sieht zwar noch die Bruchstellen, doch der Henkel ist wieder an der Tasse und er hält sogar.
Solche Bruchstellen sind nicht nur an Tassen zu finden, sondern auch in Beziehungen. Solche Beziehungen bestehen auf vielen unterschiedlichen Ebenen – zwischen einzelnen Menschen, zwischen Gruppen, zwischen Staaten, oder, oder, oder. Man kann versuchen, solche Brüche zu kitten, wie wir es umgangssprachlich sagen. Gemeint ist, dass die Beziehungspartner wieder zueinander finden.
Versöhnungsarbeit ist wichtig, wenn nicht sogar in unseren Tagen das wichtigste überhaupt. Kriegsparteien, und davon gibt es auf dieser Welt aktuell mehr als genug, müssen sich versöhnen, damit es Frieden werden kann. Wir Menschen müssen uns mit Gottes Schöpfung versöhnen, um sie für uns selbst und die uns nachfolgenden Generationen zu bewahren. Und oft genug müssen wir uns auch mit uns selbst versöhnen, wenn wir mal wieder an unseren eigenen Grund- und Vorsätzen gescheitert sind.
Versöhnungsarbeit ist wichtig und doch wäre es mir wesentlich lieber, wenn wir uns alle damit überhaupt nicht beschäftigen müssten. Denn immer dann, wenn wir Versöhnung brauchen, ist vorher etwas zerbrochen. Ich würde aber viel lieber von vornherein verhindern, dass ich überhaupt in meiner Werkzeugkiste nach Kleber suchen muss, um den Henkel an die Tasse zu kleben. Ich will, dass sie gar nicht erst kaputtgeht.
Als wir Mitte des Monats auf unser Pilgerreise in Coventry waren und dort sehr viel über Versöhnungs- und Friedensarbeit gehört haben, habe ich gelernt, dass genau dieser Aspekt ganz wesentlich mit dazugehört. Versöhnung ist ein Dreisprung. Der erste Schritt ist Heilung der Wunden der Vergangenheit. Das, was zum Bruch einer Beziehung geführt hat, muss aufgearbeitet werden. Die Ursachen, die zu einem wie auch immer gearteten Konflikt geführt haben, müssen gefunden, verstanden und gelöst werden. Erst dann kann ich überhaupt an Versöhnung denken. Um im Bild zu bleiben: Ich muss die Bruchkanten an meiner Tasse erst einmal reinigen, bevor ich zum Kleber greife.
Danach muss ich lernen, mit Verschiedenheiten zu leben. Es wird nicht gelingen, alle Menschen dieser Welt von einer Meinung zu überzeugen. Es wird immer unterschiedliche Standpunkte, unterschiedliche Ziele und unterschiedliche Wertesysteme geben. Ich habe nun Tassen mit festem und mit angeklebtem Henkel im Schrank. Doch Vielfalt ist kein Problem. Vielfalt ist eine Chance!
Und schlussendlich gehört zur Versöhnung immer auch ein Blick nach vorne. Versöhnungsarbeit beinhaltet immer die Arbeit an einer von Gerechtigkeit und Frieden geprägten Zukunft. Doch im Gegensatz zur in Uneinigkeit gelebten und erlebten Vergangenheit muss dieser Weg in eine solche Zukunft ein gemeinsamer sein. Nur so kann er gelingen und nur so lassen sich neue Brüche und Konflikte von vornherein vermeiden.
All das ist kein Spaziergang, doch es gar nicht erst zu versuchen, ist keine Alternative. Paulus schreibt: „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“ Amen.

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  Darf man dafür spenden?

Darf man dafür spenden?

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.10.2022

Unser Kantor Witold Dulski hat seinen Kurzurlaub genutzt, um den Orgelbaubetrieb Späth in Freiburg zu besuchen und sich über den aktuellen Baufortschritt unserer Zwillingsorgel zu informieren. Er konnte berichten: Es geht voran! Und so hoffen wir, dass sie Ende 2023 zum ersten Mal hier im Dom erklingen kann. Damit ergeben sich für die Kirchenmusik insgesamt, insbesondere aber für die bei uns so bedeutende Arbeit mit den Chören unserer Domsingschule völlig neue Perspektiven. Denn das Instrument, das die Chöre begleitet, ist nicht mehr viele Meter weit entfernt, sondern steht direkt neben den Sängerinnen und Sängern.
Die Zwillingsorgel wird also 2023 spielbar sein, wirklich komplett ist sie dann allerdings noch nicht. Es fehlen noch mehrere Register, die erforderlich sind, um die gewünschten und notwendigen Klangfarben des neuen Instruments auch im Zusammenklang mit unserer großen Domorgel darstellen zu können. Und so werden wir und maßgeblich auch der Orgelbauverein am Braunschweiger Dom weiterhin fleißig Spenden sammeln, denn es gilt nach wie vor, dass keine Mittel aus Kirchensteuern in das Orgelprojekt fließen sollen.
In diesem Zusammenhang kommt man an der Frage nicht vorbei: Ist es in Ordnung, in Zeiten wie diesen Geld für eine Orgel zu spenden? Diese Frage ist berechtigt und die Antwort nicht ganz leicht, denn sie hat etwas mit Wertigkeiten zu tun und die sind von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich.
Geld wird gebraucht, um Not zu lindern und das in unserer Zeit mehr denn je. Doch eine Zuspitzung der Frage auf: 50 Euro für eine Orgel oder 50 Euro für ein Hilfsprojekt der Diakonie Katastrophenhilfe greift zu kurz. Unsere Orgel ist nicht purer Luxus, sie ist nicht der dritte Bugatti in der Tiefgarage und auch nicht das mit Blattgold belegte Steak, dass sich manch vermeintlicher Star vor laufender Kamera gern mal gönnt.
Nein, diese Orgel hat eine sinnvolle Funktion. Sie trägt dazu bei, die Proben- und Auftrittsmöglichkeiten für unsere Chöre zu optimieren und damit die Qualität des Musizierens in unserem Dom weiter zu verbessern. Das hat positive Effekte sowohl für die Akteure als auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Musik ist gut für die Seele, und das gilt sowohl für die, die sie machen als auch für die, die ihr zuhören.
Gerade in diesen schwierigen Zeiten brauchen wir Kraftquellen, brauchen wir Oasen, in denen wir einen Moment lang Ruhe haben vor den Hiobsbotschaften, die im Überfluss auf uns einstürzen. Die Musik in unserem Dom kann so eine Oase sein und damit ist jeder Euro, der hier investiert wird, zukunftsorientiert und segensreich angelegt.
Was also das Spenden betrifft: Es ist möglich, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Und schlussendlich wird in diesem Dom zur Ehre Gottes musiziert. Wo das gesprochene Wort nicht ausreicht, da singen wir unseren Dank, unsere Demut und unsere Freude. Denn: Ehre sei Gott in der Höhe! Amen.

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  Ein guter Ratgeber

Ein guter Ratgeber

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.10.2022

„Jetzt helfe ich mir selbst“, so lautet der Titel einer Buchreihe, die leicht verständliche Anleitungen für kleinere und größere Reparaturen an Autos enthält. Damals, als man noch selbst Kleinigkeiten ohne Computer und Spezialwerkzeug in Ordnung bringen konnte, gab es für jeden Fahrzeugtyp ein solches Handbuch und ich erinnere mich, dass ich mir zu meinen ersten Autos, die ich fuhr, die alle schon ein paar Jahre und ein paar mehr Kilometer auf dem Buckel hatten, einen solchen Reparaturratgeber gekauft habe. So musste ich nicht wegen jeder Kleinigkeit in die Werkstatt und konnte tatsächlich die eine oder andere Mark sparen, obwohl ich handwerklich eher unmusikalisch war und auch heute noch bin.
Wäre es nicht großartig, wenn es solche hilfreichen Ratgeber auch für andere Lebens- und Entscheidungssituationen gäbe? Klar, an Ratgebern herrscht kein Mangel. Wir müssen nur mal in einer gut sortierten Buchhandlung oder im Internet nach ihnen suchen und wir werden fast erschlagen von der unüberschaubaren Fülle der Ergebnisse. Da gibt es Ratgeber für persönliche Lebenskrisen, Partnerschaftsprobleme, Kindererziehung, Hautierhaltung, Gartenpflege und Herstellung des Weltfriedens. All das können wir bekommen in schriftlicher Form, als Onlineforum oder als Wochenendseminar in einem Nobelhotel, dessen Kosten meine Probleme eher vergrößern als verkleinern dürfte. Und die entscheidende Frage ist: Hilft uns davon irgendwas tatsächlich weiter?
Ich denke, dass wir alle immer mal wieder vor Situationen stehen, die uns ratlos machen. Gerade bei dem, was gerade in dieser Welt um uns herum passiert, empfinde ich dieses Gefühlt wesentlich häufiger als früher. Da ist die Frage zu Waffenlieferungen an die Ukraine, da ist die Frage, wie wir trotz aller Herausforderungen eine Spaltung unserer Gesellschaft verhindern können, da ist die Frage, was mein persönlicher Beitrag zur Lösung dieser Probleme sein kann.
Ratlosigkeit kann je nach Charaktertyp ganz unterschiedliche Folgen haben. Menschen können in eine komplette Lähmung verfallen, weil nicht wissen, was zu tun ist. Andere wiederum fangen an, irgendetwas zu tun, nur um eben irgendetwas zu tun – und das in der Hoffnung, es möge bitte das richtige sein.
Über dem heutigen Tag heißt es aus dem zweiten Buch der Chronik: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir.“ Offensichtlich gab es auch vor 2500 Jahren Menschen, die ratlos waren. Sie wendeten sich an Gott und hofften, dass er ihnen weiterhelfen möge. Das ist, wenn ich das mal bewerten darf, sicherlich nicht die schlechteste Idee. Hinzukommt, dass wir es verglichen mit den Menschen, von denen das Buch der Chronik spricht, erheblich besser haben. Denn uns hat Gott in Jesus Christus einen Ratgeber geschenkt, der uns in vielfältigster Weise mit seinem Leben Beispiele gegeben hat, wie auch unser Leben gelingen kann.
Ja, es hilft, auf ihn zu schauen und sich zu fragen, wie er denn wohl an unserer Stelle geantwortet, entschieden und gehandelt hätte. Ein Blick in die Bibel lohnt – vielleicht nicht bei der Autoreparatur, ansonsten aber fast immer. Amen.

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  AUF DEM BAHNSTEIG...

AUF DEM BAHNSTEIG...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.10.2022

Ich gehe nur gern zum Bahnhof, wenn ich jemanden abhole oder selber wegfahre – aber jemanden zum zu Zug bringen, ist selten eine schöne Sache, sondern allermeist eine schmerzliche, oft auch tränenreiche Angelegenheit.
Die gemeinsame Zeit war wieder zu kurz und es dauert, bis man sich hoffentlich wiedersieht. Trotz aller digitalen-Echtzeit-Formate bleibt es hart, Menschen, die man liebt, loslassen zu müssen. Dabei reisen meine Lieben nicht in Gefahr, sondern nur in ihr allzu weit entferntes Zuhause, in ihr eigenes Leben.
Wie aber muss sich das anfühlen, wenn der Zug den, den ich liebe, womöglich aus meinem Leben fortbringt, aus dem Bahnhof fährt auf Nimmerwiedersehen?
Dieser Tage sah ich das Foto einer jungen Frau, die sich tränenüberströmt zu einem Abteilfenster streckt, ihre Hand auf die kalte dreckige Scheibe legt – die warme Hand, die dahinter ist, kann sie nicht mehr erreichen – aber sie weiß immerhin noch, wo sie ist.
Das Bild wurde auf einem russischen Bahnsteig gemacht.
Der Zug darauf bringt Soldaten in den Krieg. Oft sind sie ohne jede Ausbildung oder militärische Erfahrung, manchmal blutjung. Manchmal sind es Familienväter, die nicht wissen, wie es ohne sie Zuhause weitergehen soll; dann wieder Söhne, die ihre alten Eltern in Angst und Not zurücklassen. Keiner weiß, ob sie zurückkommen werden. Viel zu viele sind schon gefallen.
Die Unsäglichkeit jedes Krieges hat viele Gesichter.
Das dieser Frau werde ich lange nicht vergessen. Es erzählt nicht nur von dem schrecklichen Leid, dass Krieg über Menschen bringt; es erinnert auch daran, dass nicht nur in der Ukraine Familien zerrissen werden, Liebesgeschichten ein jähes Ende finden, Eltern und Kinder verwaisen, Gaben und Kraft, die unsere Welt zum Guten verändern könnten, verloren sind.
Auch in Russland können sich Menschen, diesem Elend nicht entziehen. Auch dort fliehen junge Männer in die Wälder, trauen sie sich nicht mehr aus dem Haus – aus Angst vor einem Krieg, den sie nicht wollen und den alle verlieren.
Diese armen Menschen sind nicht meine Feinde – im Gegenteil. Ihnen und uns allen gilt, wie es heute bei dem Propheten Jesaja heißt: „Der Herr hat mich gesandt, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freude statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden.“

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  Klarheit hilft – auch beim Feiern

Klarheit hilft – auch beim Feiern

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.10.2022

Hand aufs Herz: Haben Sie sich in diesen Tagen schon eine kleine Portion Spekulatius oder ein paar Lebkuchenherzen gegönnt? Ich war noch standhaft, muss aber gestehen, dass ich mich jedes Mal innerlich zur Ordnung rufen muss, wenn ich an den in adventlichem Rot gehaltenen Packungen im Supermarkt vorbeigehe. Und ich möchte nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass ich nicht doch noch vorzeitig zugreifen werde.
Die Diskussionen über den richtigen Zeitpunkt für den ersten Weihnachtskeks werden alljährlich geführt, in diesem Jahr nicht so laut wie sonst, weil es andere Themen auf der Agenda, die zweifellos wichtiger und dringlicher sind. Trotzdem möchte ich Ihnen ein Bild aus Coventry schildern, das sich mir vergangene Woche bei einer kleinen Runde durch die Stadt eröffnete. Denn dort steht vor dem Rathaus bereits jetzt ein mit Lichtern geschmückter Weihnachtsbaum.
Ja, auch bei uns werden so langsam die Leuchtkugeln in die Bäume um den Dom herum gehängt, dort, wo bald unser Weihnachtsmarkt aufgebaut werden wird. Doch im Gegensatz zum Weihnachtsbaum in Coventry leuchten sie noch nicht und ich finde: Das ist auch gut so.
Tatsächlich findet diese Zurückhaltung in unserem Kirchenkalender ihre Begründung. Denn bis zum Ewigkeitssonntag, der in diesem Jahr auf den 20. November fällt, bewegen wir uns auf das Ende des Kirchenjahres zu, das sich thematisch mit den letzten und existenziellen Fragen unseres Daseins beschäftigt. Erst danach starten wir am Ersten Advent in die Buß- und Fastenzeit, in der wir uns auf Weihnachten vorbereiten sollen.
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ So heißt es im Buch Kohelet im Alten Testament. Ich kann mich damit gut anfreunden, denn mir ist dieser Rhythmus, diese Struktur im Jahresablauf wichtig. Natürlich wird uns ein Spekulatius im September nicht zu Atheisten machen und der Weihnachtsbaum vor dem Coventryer Rathaus nicht den Untergang des Christentums befördern. Dennoch hilft mir eine entsprechende Stimmung und Atmosphäre rund um die wichtigen Termine im Kirchenjahr, um mich darauf einzulassen.
Und so finde ich Advents- und Weihnachtsbeleuchtung vor der Friedensdekade, dem Buß- und Bettag und dem Toten- und Ewigkeitssonntag eher schwierig, weil sie mich von dem ablenkt, was in dieser Zeit tatsächlich dran ist. Und Weihnachten beginnt eben mit den Weihnachtsfeiertagen Ende Dezember und nicht bereits mit dem ersten Paket Spekulatius im August.
Auch das weltliche Kalenderjahr wird durch christlichen Feste strukturiert, deren Inhalte für unser Glaubensleben essenziell sind. Ich bin an dieser Stelle für Klarheit. Denn verwaschene Farben verlieren ihren Glanz und verwaschene Feste ebenso. Ein jegliches hat eben seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine ganz bestimmte Stunde. Amen.

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  Vater vergib

Vater vergib

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.10.2022

Noch einmal ein Blick zurück auf unsere Pilgerreise nach Coventry in der vergangenen Woche. Gleich nach unserer Ankunft nahmen wir an einer Führung durch die Ruinen der alten Kathedrale teil. Unser Gastgeber schilderte uns sehr eindringlich, was in der Nacht des 14. November 1940 passiert war, als deutsche Bomber unter dem zynischen Namen „Operation Mondscheinsonate“ die Stadt und eben auch die Kathedrale zerstörten.
Ausgerechnet der damalige Propst Richard Howard hatte in dieser kalten und klaren Nacht Brandwache im Turm der Kathedrale und musste so mit ansehen, wie seine Kirche ausbrannte und einstürzte. Wenige Tage später schrieb er mit einem Holzkohlestück aus den Trümmern die Worte „Vater vergib“ an die Wand der Apsis und setzte sich von diesem Moment an dafür ein, Versöhnung und nicht Rache zu üben. Mich hat dieser Moment sehr bewegt, denn schließlich ist die Welle der Zerstörung von meinem Land ausgegangen. Es ist nicht Schuld, die ich empfinde, wohl aber Verantwortung.
Der jetzige Dekan John Witcombe sagte später in einem Vortrag, dass die Kathedrale 1940 zur Ehre Gottes gebrannt habe und dass der Weg aus den Ruinen in die neue Kathedrale vergleichbar sei mit dem Weg von Karfreitag zum Ostermorgen. Die mittlerweile weltweit vertretene Bewegung der Nagelkreuzgemeinschaft konnte nur aus dem Schutt und der Asche der alten Kathedrale entstehen und aus dem unbedingten Wunsch des damaligen Propstes, die Spirale der Gewalt und der Rache durch aktive Versöhnungsarbeit zu stoppen.
Dabei hatte Propst Richard Howard durchaus mit Widerständen zu kämpfen. Viele seiner Zeitgenossen hätten verstanden, wenn er „Vater vergib ihnen“ an die Kirchenwand geschrieben hätte. Aber sich selbst und die eigenen Leute in diese Vergebungsbitte mit einzubeziehen, in dem er einfach nur formulierte „Vater vergib“, wurde kritisiert.
Doch nur so konnte es gelingen. Howard war klar, dass jeder Mensch immer und immer wieder auf Vergebung angewiesen ist. Jesus Christus hat am Kreuz „Vater vergib ihnen“ gesagt. Er durfte und konnte das sagen. Wenn wir Gott so bitten, nehmen wir für uns eine Position in Anspruch, die uns nicht zusteht.
Es erfordert Demut und Einsicht, von seinem moralischen Thron herabzusteigen und die eigene Fehlbarkeit in jeder Lebenssituation vor Augen zu haben. Das ist gerade dann schwierig, wenn das Fehlverhalten des anderen nach unserer Beurteilung ja so viel schwerer wiegt als unsere eigenen kleinen Ausrutscher. Und doch sollten wir Gott die abschließende Bewertung überlassen und ihn vielmehr um Kraft und Mut und Klarheit für uns selbst bitten.
Wir dürfen uns von seinen guten Mächten auf diesem Weg begleitet wissen, denn er führt in Richtung Frieden. Amen.

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  Versöhnung fängt bei mir an

Versöhnung fängt bei mir an

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.10.2022

Wie Sie vielleicht schon gehört haben, hat sich der Dom auf den Weg gemacht, Nagelkreuzkirche zu werden und sich so in besonderer Weise den Themenfeldern Versöhnung und Vergebung und der Friedensarbeit insgesamt zu widmen. Seit einigen Monaten gibt es hier am Dom eine Gruppe von Menschen, die sich dieser Arbeit angenommen haben und wir waren mit einer kleinen Delegation in der vergangenen Woche für knapp drei Tage auf einer Pilgerreise in Coventry und damit an dem Ort, an dem die Nagelkreuzbewegung entstand.
Wir haben dort viel über Versöhnungsarbeit gehört und gesprochen und festgestellt, dass das Wort „Versöhnungs-Arbeit“ seine Berechtigung hat. Es sagt sich so leicht dahin, ist aber tatsächlich herausfordernd. Am Anfang des Prozesses steht immer Verständnis. Ich muss verstehen, warum mein Gegenüber sich so verhält, wie er sich verhält oder sich so verhalten hat. Erst, wenn ich seine Motivation erkannt habe und bereit bin, mich in ihn hineinzuversetzen, die Welt, seine Probleme, seine Sorgen und seine Absichten aus seiner Perspektive zu sehen und zu akzeptieren, wird es mir gelingen, einen ersten Schritt auf ihn zuzugehen.
Gestern war wieder Montag und an vielen Orten unseres Landes und auch in unserer Stadt gab es teilweise wüste Proteste gegen die Politik unserer Regierung. Die Menschen, die dort auf den Straßen waren, und ihre Motivationen und Beweggründe sind vielfältig. Manche äußern Zukunftsängste, eine allgemeine Unzufriedenheit mit der derzeitigen politischen Situation oder auch konkrete Kritik an der Regierungshaltung zum Krieg in der Ukraine oder der Energiepolitik.
Die Haltung und die Art und Weise des Protestes sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Und so muss man feststellen, dass ein beachtlicher Teil der Protestierenden aus unterschiedlichen Gründen für sachliche Argumente kaum mehr zugänglich ist. Desinformation aber auch tiefe Hoffnungslosigkeit spielen sicherlich eine Rolle, wenn es darum geht, die deutlich spürbare Demokratiefeindlichkeit mancher zu erklären.
Immer, wenn ich Berichte von derartigen Demonstrationen las oder im Fernsehen sah oder mit Menschen gesprochen habe, die solch polarisierte Positionen vertreten, war mein erster Impuls: Du musst ihnen doch klar machen, dass sie in der falschen Richtung unterwegs sind, dass sie auf der falschen Seite stehen.
Aber so funktioniert Versöhnung nicht. Wäre das so, könnte ich ja auch die Argumente der anderen Seite annehmen, meine Position aufgeben und mich so mit den Menschen und ihren Ansichten versöhnen. Doch dazu bin ich nicht bereit, genauso wie sie es nicht in meine Richtung sind.
Also noch einmal: Versöhnung geht nur mit Verständnis, mit der Akzeptanz der Position des Gegenübers. Das kann sehr schwer sein, denn es kann bedeuten, dass ich meine eigene Überzeugung hintanstelle und so Platz schaffe für die Überzeugung dessen, mit dem ich mich versöhnen will.
Das ist in aller Regel nicht mal eben so umsetzbar. Und so ist, auch das war eine wichtige Erkenntnis aus Coventry, Versöhnung eine Reise, ein Prozess, der uns und im Idealfall auch unsere Kontrahenten erreicht und verändert und einander näherbringt. Versöhnung ist Arbeit, die uns Menschen an unsere Grenzen bringt. Gut, dass wir Gott dabei an unserer Seite haben. Amen.

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  Eine besondere Weisheit

Eine besondere Weisheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.10.2022

Gestern wurde in unseren Kirchen über einen Abschnitt aus dem Hebräerbrief gepredigt. Er umfasst lediglich sechs Verse, doch einige davon haben es wirklich in sich!
Gleich der erste ist richtig steil: Achtet auf Eure Lebensführung und handelt nicht als Dumme, sondern als Weise. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich hätte es dieses Hinweises nicht bedurft. Ich meine, wer will denn schon dumm sein und aus dieser Dummheit heraus sein Leben führen. Klar, wenn ich mich vor einer unangenehmen Aufgabe drücken will, hilft dummstellen vielleicht mal. Nach der fünften zerbrochenen Kaffeetasse wird man mich nicht mehr fragen, ob ich beim Abtrocknen helfen will. Aber da stelle ich mich ja nur dumm und das ist dann ja beinahe schon wieder weise.
Aber ansonsten versuchen wir doch alle, die Entscheidungen in unserem Leben clever zu treffen. Wir wollen doch klug handeln und uns eben nicht durch unsere eigene Schusseligkeit Schaden zufügen. Also noch einmal: Diesen freundlichen Hinweis hätte ich nicht gebraucht.
Viel interessanter ist doch, zu wissen, was überhaupt weise ist. Doch dazu schweigt sich unserer Briefeschreiber zumindest an dieser Stelle eher aus. Paulus könnte uns weiterbringen, denn der stellt im Korintherbrief die Frage, ob nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht hat. Und diese Frage ist übrigens nicht rhetorisch gemeint.
Ihm geht es um die Bedeutung dessen, was um und mit Jesus Christus passiert ist. Jesu Anhänger hatten auf ihn all ihre Hoffnungen gesetzt. Er solle ihr neuer König sein, der sie von den verhassten römischen Besatzern befreit. Doch eben dieser gefeierte Erlöser endete jämmerlich am Kreuz. Und damit, so die weise Bewertung der Menschen, hatte sich das Thema ja wohl erledigt.
Doch genau diese weise Bewertung verkehrte Gott zur Dummheit, in dem er die Menschen und eben auch uns von allen Sünden befreit hat. Gott selbst ist in Christus für unsere Sünden gestorben und hat sie mit in den Tod genommen. Die von Jesus erhoffte und erwartete Befreiung hat also stattgefunden, nur eben ganz anders, als es sich seine Zeitgenossen vorgestellt hatten.
Durch diesen Liebesdienst, den Gott an uns getan hat, sind wir gerechtfertigt, wie Luther es sagt. Wir müssen uns Gottes Gnade nicht mehr verdienen, weil wir sie geschenkt bekommen, einfach so, ohne Vorbedingung, einfach, weil wir sind.
Aus diesem Wissen heraus erwächst uns die Weisheit, von der der Hebräerbrief spricht. Wir sollen unser Leben als Menschen führen, die wissen, dass sie von Gott gewollt und geliebt sind. Diese Gewissheit lässt uns vieles leichter ertragen, was in unseren Tagen an Schwerem auf uns wartet. Denn wir dürfen ein Grundvertrauen in uns spüren, aus dem heraus wir wissen, dass wir niemals tiefer fallen können, als in Gottes Hand. Amen.

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  Heilige Wut

Heilige Wut

Jakob Timmermann, Pfarrer - 14.10.2022

Vor 78 Jahren war hier in Braunschweig ein ganz normaler Tag. Ein ganz normaler Kriegs-tag. Dass die Sirenen heulen, gehörte zum Alltag. 1000 Mal taten sie das während des 2. Weltkriegs. Die Braunschweiger Bevölkerung galt als trainiert. Rüstungsstandort. Die Bevölkerung kannte ihre Wege. Wusste, wo die Keller und die Bunker waren. Schreckliche Routine. Aber der Mensch gewöhnt sich auch an Todesangst.
Doch die Nacht, die kommen sollte, war anders. Um Mitternacht waren die Entwarnungssirenen gerade verklungen. Doch zwei Stunden später begann der große Angriff der britischen Bomber. 40 Minuten braucht es, um hunderte von Jahren Baugeschichte zu vernichten. 40 Minuten Bombardement und Braunschweig hatte sein Gesicht verloren. 40 Minuten, um die Bevölkerung zu zermürben und die Deutschen für ihren menschenverachtenden Angriffskrieg zu bestrafen.
Was haben die Braunschweigerinnen und Braunschweiger damals wohl gedacht? Nachdem sie durch Wassergassen aus dem Feuersturm befreit worden waren. Was haben Sie gefühlt, als das Ausmaß der Zerstörung sichtbar wurde? Was wird einem bewusst, wenn man, die Stadt nicht mehr erkennt, die einem Heimat war? Und was, wenn man nichts mehr hat – außer sein Leben?
Es wird sie gegeben haben, die Menschen, die auf die Engländer geschimpft haben. Die der Propaganda der Nazis vertraut hatten. Die Hitler geglaubt haben, als er vom „Recht des Stärkeren“ schwadronierte – nun hatte es sich durchgesetzt das Recht des Stärkeren und sie wurden Opfer ihres eigenen grausamen Hochmuts.
Aber es wird auch Menschen gegeben haben, die bereut haben. Die nun beschämt feststellen mussten, dass dies die gerechte Strafe ist. Da liegen sie nun - die Trümmer einer Stadt und in diesen Trümmern die Geschichte und die Geschichten, die gelebten Leben und Erinnerungen nun vergangener Zeiten. Und sie schämen sich, weil sie einfach nur ein ganz normales Leben führen wollten. Im Frieden! Mehr nicht. Nur Frieden!
Und ich stelle mir vor, dass bei einigen der Überlebenden in den Herzen eine stille Wut wuchs. Die Wut auf die Mächtigen, die meinen über Leben und Tod entscheiden zu können. Männer, die nicht begreifen, was es heißt ein Kind zu verlieren. Und die behaupten irgendein Sohn auf dieser Welt könne als Held sterben. Als Held!
Doch während Soldaten und Zivilisten ihr einziges Leben verlieren, sterben die machthungrigen Männer nicht aus. Und die Not und das Leid, die sie verursachen, stirbt auch nicht aus. Und die Grausamkeit, mit der Menschen die Vernichtung anderer Menschen planen, bleibt Teil dieser Welt.
Der Mensch bleibt zum Bösen fähig.
Und deswegen ist diese Wut so wichtig! Und diese Wut ist heilig. Egal, ob sie in den Trümmern Braunschweigs vereinzelt gefühlt wird, oder in den Kellern in der Ukraine. Egal, ob sie sich auf den Straßen Teherans Bahn bricht oder unter den Burkas in Afghanistan.
Diese Wut auf die Menschen, die ihre Macht missbrauchen, schreit nach Leben und nach Gerechtigkeit. Sie schreit nach Frieden. Mehr nicht. Nur nach Frieden!
Und über dieser lebensfeindlichen Machtgier auf der einen Seite und dieser ohnmächtigen Sehnsucht nach Frieden auf der anderen Seite weint ein Gott. Ein Gott der nach der Sintflut versprochen hat, die Menschen nicht mehr zu verfluchen. Der mit jedem Regenbogen zeigt, dass er die Menschen nicht mehr wegen ihrer Boshaftigkeit bestrafen will. Und der sich gleichzeitig mit all den wütenden Menschen gemeinsam nur eins wüscht: Frieden, nur Frieden. Aber Gott wird diesen nicht Frieden nicht bringen. Er hat ein für alle Mal gezeigt, dass er Frieden will, aber den schenkt er uns nicht. Für den müssen wir Menschen selber sorgen. Das ist der Preis unserer Freiheit.
Vor 78 Jahren war hier in Braunschweig ein ganz normaler Kriegstag. So wie heute für viele Menschen auf der ganzen Welt ein normaler Kriegstag ist, oder ein normaler Tag in der Unterdrückung und in der Ohnmacht.
Braunschweig hat vor 78 Jahren sein Gesicht verloren – das sollte uns nicht passieren. Lasst uns gemeinsam wütend sein auf alles, was nicht dem Frieden auf dieser Welt dient.

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  Probier‘ doch mal!

Probier‘ doch mal!

Jakob Timmermann, Pfarrer - 13.10.2022

Nun probier‘ doch wenigstens mal! Eltern kennen diese Situation. Da sitzen die Kinder und wollen einfach nicht den Broccoli oder die komische Nudelsauce, den Salat oder nur diesen einen Löffel Suppe essen. Nun probier‘ doch wenigstens mal.
Kinderprobleme? Glaube ich nicht. Wie oft habe ich Probleme damit, Hemmschwellen, zu überwinden? Wie oft habe ich Angst vor dem Unbekannten? Wie oft lasse ich Dinge, weil sie mir Angst machen…
Nun probier‘ es doch wenigstens mal: Nicht immer gleich das Schlimmste zu erwarten. Lass dich doch mal überraschen von den Menschen, die dir fremd sind. Na klar, wirkt der Wohnungslose, der Geld von dir braucht erstmal nervig. Aber nimm dir doch mal die Viertelstunde und frag ihn, wer er ist.
Natürlich ist das merkwürdig mit Menschen zu sprechen, deren Sprache man nicht beherrscht. Aber hör doch mal hin – und sei neugierig auf das, was sie zu erzählen haben.
Natürlich ist es schwierig über das Sterben und den Tod zu sprechen. Aber Besuch doch mal ein Trauercafé oder hilf im Hospizverein. Vielleicht ist der Tod gar nicht so schrecklich, wie es scheint.
Probier‘ doch mal!
Einer, der sich das zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, war Jesus. In ganz unterschiedlicher Art und Weise. Er hat sie alle berührt. Die Kranken, die Traurigen, die Toten, die Getriebenen, die Armen, die Wehrlosen, die Unberührbaren. Er hat sie berührt. In unzähligen Geschichten wird das erzählt. Das sind unzählige Mutmachgeschichten, sich nicht von seiner Angst leiten zu lassen, sondern vom Vertrauen.
Probiert doch mal!
Und was ja besonders spannend ist, ist der Blick auf die Kinder. Denn Kinder essen vielleicht keinen Broccoli und keinen Rosenkohl. Aber Kinder schauen hin und Kinder kennen oft keine Unterschiede. Im Kindergarten wird nicht nach Herkunft und Kontostand gefragt.
Was die Kinder beim Essen nicht können, dass können sie hervorragend beim Umgang mit Menschen:
Wer die Welt nicht annimmt, wie Kinder, der wird nie hineinkommen, sagt Jesus. Dieser Blick ohne Scheuklappen, ohne Angst, ohne Vorurteile. Dieser Blick tut gut!
Probiert das mal.

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  Sternstunden

Sternstunden

Henning Böger, Pfarrer - 11.10.2022

„Nur ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit.“
Erinnern Sie sich an diese berühmten Worte? Als der amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, war er sich der Bedeutung dieses Schrittes für den Rest der Welt völlig bewusst. Nicht immer ist das der Fall.
Auch zunächst verborgene, sogar negativ erscheinende Ereignisse können Folgen haben, die die Welt weiterbringen oder sogar ein wenig besser machen. Davon erzählt eine neue Serie in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT. Unter dem Titel „Sternstunden der Menschheit“ erinnern die Autor*innen Momente im 20. und 21. Jahrhundert, die sich heute als echte Wendepunkte der Weltgeschichte herausstellen, weil sie sich dem Mut eines Einzelnen oder den Gedanken vieler verdankten.
Die Zeitungserie wird durch eine kleine Umfrage begleitet. In ihr werden Leserinnen und Leser nach ihren persönlichen Sternstunden gefragt werden: „Gibt es das: ein Ereignis, einen Tag, einen Menschen, durch die sich Ihr Leben fundamental verändert hat? Und wenn ja, war Ihnen das sofort bewusst oder doch erst im Nachhinein?“
Ich stelle mir vor, wie Menschen zu erzählen beginnen: vom Auszug aus dem Elternhaus ins eigenverantwortliche Leben, vom Entschluss, nicht allein durchs Leben zu gehen, sondern an der Seite eines anderen Menschen „in guten wie in bösen Tagen“,
von der Geburt der Kinder und dem großen Glück, als Großeltern geliebt und gebraucht zu werden, auch von überstandenen Krankheiten und Krisen, von den letzten Abschieden im Leben und davon, wie befreiend und beglückend es sein kann, danach noch einmal Kraft zu neuen Anfängen zu finden.
Ja, es gibt in jedem Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug so viele Wendepunkte und Sternstunden. Nicht nur die Höhepunkte gehören dazu, sondern auch die Niederlagen und Talsohlen. Wir Menschen sind das, was wir sind, nie allein aus eigener Kraft. Wir sind es immer in der Begegnung mit anderen und vor allem im Blick der Liebe und der Güte Gottes.
Dieser Gott, daran glaube ich, begegnet uns mitten im Leben, an den kleinen und großen Wendepunkten. Und am Ende nimmt er mein Leben zurück in seine Hände, in denen nichts und niemand verloren ist. Aber bis dahin bleiben viele Gelegenheiten, diese Welt gemeinsam etwas besser zu machen.

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  Nicht mit der Brechstange

Nicht mit der Brechstange

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.10.2022

Zufrieden zu sein, ist ein großes Geschenk. Das macht schon das Wort deutlich: In zufrieden steckt Frieden. Und der tut uns gut, ist Basis für ein gutes, menschenwürdiges Leben. Dass das für den äußeren Frieden gilt, lehrt uns schmerzlich seit einigen Monaten der Krieg gegen die Ukraine. Doch auch der innere Frieden ist essentiell. Wenn er fehlt, wenn wir dauerhaft unzufrieden sind, können wir nicht glücklich sein. Damit verfehlen wir aus meiner Sicht ein ganz wesentliches Lebensziel. Denn ich bin überzeugt davon, dass Gott sich wünscht, dass wir glücklich sind.
Wenn Zufriedenheit fehlt, reagieren wir ganz unterschiedlich. Manch einer zieht sich in sein Schneckenhaus zurück, reduziert soziale Kontakt, wird stiller und auch einsamer. Andere gehen mit ihrer Unzufriedenheit nach außen. Sie protestieren und rebellieren gegen das, was sie für ihre Unzufriedenheit verantwortlich machen in der Hoffnung, dass sie es so ändern können.
Seinem Frust Luft zu machen ist sicherlich besser, als sich ein Magengeschwür „anzuärgern“. Sprechenden Menschen kann geholfen werden, so sagt man flapsig und will damit zum Ausdruck bringen, dass es gut ist, zu wissen, wo meinem Mitmenschen der Schuh drückt, damit ich selbst sehe, ob und wie ich helfen kann.
Und manchmal muss man einfach selbst die Ärmel hochkrempeln und aktiv werden. Doch wie immer gilt: Ich sollte mir im Vorfeld klar über die Konsequenzen meines Handelns sein. Wenn mich der Löwenzahl in meinem Rasen hinter dem Haus nervt, dann kann ich großflächig Pflanzengift ausgießen. Damit bin ich den Löwenzahn los. Den Rasen aber auch. Ich kann den störenden Kaffeefleck aus der weißen Damast-Tischdecke gekonnt mit der Schere herausschneiden. Die cleverste Lösung ist das allerdings nicht.
Über dem heutigen Tag heißt es aus dem Philipperbrief: „Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch, dass ihr festhaltet am Wort des Lebens.“ Was Paulus damit sagen will, ist: Egal, was ihr denkt oder sagt oder tut, behaltet Gottes Wort dabei im Blick. Bleibt als Christenmenschen erkennbar. Zeigt, dass ihr euch leiten lasst von der Botschaft des Friedens und der Liebe.
Wenn wir das berücksichtigen, scheiden von vornherein eine ganze Reihe von Handlungsoptionen aus – selbst, wenn sie vermeintlich unsere eigene Unzufriedenheit beseitigen würden. Wenn sich mein Reden oder mein Tun gegen Gottes Schöpfung richtet, die Würde, das Wohlergehen oder die Freiheit meiner Mitmenschen beschränkt oder beschädigt, oder wenn ich mich anderer, die so reden oder handeln, bediene oder sie unterstütze, dann habe ich jenes Wort des Lebens, von dem Paulus spricht, aus dem Blick verloren. Das gilt im Übrigen auch in Wahlkabinen.
Gottes Geist schenkt und Kraft und Liebe und Besonnenheit. Diese drei und Gottes Wort des Lebens sind ein guter Kompass für unser Tun und Lassen. In Jesus Christus hat uns Gott einen Lotsen zu Seite gestellt. Seine Begleitung sollten wir annehmen. Amen.

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  Hoffnung säen

Hoffnung säen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.10.2022

Hier stehen wir mitten in der Kulisse des Kindermusicals über die Arche Noah. Es ist eine fürchterliche Katastrophengeschichte. Gott verzweifelt an den Menschen: an ihrer Habsucht, an ihrer Gewaltbereitschaft, an ihrem Neid und ihrer Unfähigkeit, Frieden zu halten. Er gibt die Hoffnung auf, dass das noch gut werden kann. Fast. Denn einen kennt er, der so ist, wie Gott sich seine Menschen gedacht hat – mit ihm will er noch einmal beginnen.
Ob das ein Glück ist?
Noah wird Zeitzeuge des Untergangs.
Noah wird ein Überlebender sein.
Und ein Anfänger unterm Regenbogen.
Fast alles, was wir zur Zeit erleben, ist in dieser Geschichte enthalten. Gut dass genau dieses Musical von den Kindern der Domsingschule gesungen wird. Denn es erzählt nicht nur von Katastrophen, sondern auch und vor allem von der Hoffnung.
Das ist nicht zu unterschätzen!
Schlimmes auszumalen ist leicht, erst recht wenn die Nachrichtenlage schlecht ist oder man über die Spuren früherer dunkler Zeiten stolpert und sich fragt, ob wir denn niemals etwas lernen aus dem was war. Letzteres habe ich gerade an der bretonischen Küste erlebt. Überall stößt man auf die Reste des Atlantikwalls. Auf 2685 Küstenkilometern sollte diese Verteidigungslinie die Invasion der Alliierten verhindern. Heute steht man vor den Bunkern und fragt sich: was hatten wir Deutsche da zu suchen und was bedeutet es, wenn die Männer einer Nation in ihren besten Jahren statt zu lernen oder den Boden zu bewirtschaften, statt Brot zu backen, Kinder großzuziehen, Musik zu machen, Häuser zu bauen, Streites zu schlichten in Betonbunkern sitzen und einen Küstenabschnitt bewachen …
Und das war nicht das Schlimmste in dieser Zeit.
Wie kann es sein, dass wieder Krieg ist in Europa? Dass wir unsere Kraft dahinein stecken, statt in die Veränderung unserer Welt hin zu Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung?
Wie gesagt: Hier erklingt an diesem Wochenende die Geschichte von Noah und der Arche. Denn es gilt, Hoffnung gegen die Angst zu setzen und uns nicht an Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und schlimme Nachrichten zu gewöhnen. Es gilt, mit Fulbert Steffensky „einen Zwiespalt in die eigene Hoffnungslosigkeit zu säen“ , damit etwas Neues wachsen kann, damit die Taube einen Zweig findet, damit Noah, der hofft, recht behält,

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  Das 15. Kreuz

Das 15. Kreuz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.10.2022

Wer es ganz gut hat - wie ich in den letzten dreieinhalb Wochen - dem ist vergönnt, im goldenen Herbstlicht auf die Kirche von Vezelay im Burgund zuzufahren. Sie liegt auf einem Berg und man muss nicht erklärt bekommen, dass dies ein Pilger- und Wallfahrtsort ist. „Berg der Freude“ haben die Jakobspilger gerufen, wenn sie die Abteikirche in der Feren liegen sahen.
Umgeben von einem kleinen Dorf, das bessere Tage gesehen haben mag, thront der helle Bau über allem ohne majestätische Wucht oder bischöflichen Glanz zu entfalten. Wenn man, wie wir beide, gerade von den Loireschlössern kommt, dann spürt man das mit aller Deutlichkeit.
Die Kirche ist Maria Magdalena geweiht, in der sich die Frau, die Jesus mit dem kostbaren Nardenöl salbt, die lernbegierige Schwester Marthas und die Osterzeugin verbinden. Tympanon und Kapitelle erzählen nicht nur von atemberaubender Bildhauerkunst sondern vor allem die biblische Geschichte. Und erst das Licht! Die Kirche scheint rund um die Uhr geöffnet zu sein. immer brennen Kerzen. Und erst recht das Tageslicht erzählt und deutet mit. Zu Weihnachten ist sie die Kirche am hellsten. Es ist eine reine heilige Atmosphäre in diesem Kirchenraum.
Dabei fällt der Ort nicht aus der Welt, ihrer Not und ihren Zweideutigkeiten.
Von hier hat Bernhard von Clairveaux zum II. Kreuzzug aufgerufen. 1946 jährte sich das zum 800. Male. So rief man zu einem Kreuzzug des Friedens auf. 40 000 Pilger machten sich auf den Weg. Sie kamen aus Kanada, den USA, Spanien, England, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, Italien und verschiedenen Regionen Frankreichs und brachten vierzehn große Kreuze mit, die heute in den Seitenschiffen einen ganz eigenen berührenden Kreuzweg bilden.
Deutschland, das auch Vezelay besetzt hatte, war nicht gebeten worden, sich zu beteiligen. Aber einer der Priester der Abtei lud deutsche Kriegsgefangene ein. Und so kamen sie mit dem 15. Kreuz, gebaut aus den Balken eines zerstörten Hauses, das deutsche bombardiert hatten. Heute steht es zwischen allen anderen in der Basilika – wie alle anderen und doch nicht.
Auf ihre wortlose eindringliche Weise erzählen diese Kreuze von der Friedenssehnsucht der Menschen – und auch von ihrer Versöhnungsbereitschaft. Vielleicht haben die, die aus England kamen, das Versöhnungsgebet aus Coventry mitgebracht? Heute wird es hier laut.

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  Einigkeit und Recht und Freiheit

Einigkeit und Recht und Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.10.2022

Einigkeit und Recht und Freiheit, mit diesen Worten beginnt unsere Nationalhymne. Hoffmann von Fallersleben hat diesen Dreiklang 1841 auf Helgoland zusammengestellt – ein Dreiklang in strahlendem Dur, wie ich finde. Recht und Freiheit sind die Basis eines guten, eines eines Menschen würdigen Lebens. Recht und Freiheit sind Voraussetzung für Vertrauen und für ein gutes Miteinander.
Dabei bedeutet Freiheit ganz sicher nicht, dass jeder und jedem alles erlaubt ist. Zusammenleben funktioniert nur, wenn es allgemein anerkannte Regeln, ein allgemein anerkanntes Recht gibt. Die allgemeine Anerkennung findet sich in der genannten Einigkeit wieder. Auch das wusste Hoffmann von Fallersleben.
Einigkeit war auch das Fundament, dass der Bürgerbewegung in der DDR Ende der 1980er Jahre die Kraft und die Geschlossenheit gab, die zu jener friedlichen Revolution geführt hat, an deren Ende die Deutsche Einheit stand. Menschen haben aufbegehrt, weil ihnen Recht und Freiheit staatlicherseits vorenthalten wurden. Die Bürger der DDR waren nicht mehr bereit, dies länger hinzunehmen. Sie leisteten Widerstand – geeint in ihrer Sehnsucht nach Recht und Freiheit, geeint aber auch in ihrem Willen zum Frieden.
Einigkeit und Recht und Freiheit sind die tragenden Säulen unserer Gesellschaftsordnung. Sie sind aber auch durchaus christliche Werte. Jesus selbst sagt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ Die sogenannte „Goldene Regel“ beschreibt in aller Kürze, wie Zusammenleben funktionieren kann, wie Freiheit ermöglicht und gleichzeitig so begrenzt wird, dass die persönliche Freiheit nicht zu Lasten aller anderen geht. Die Goldene Regel ist das Gesetz, so Jesus weiter. Sie ist Gottes Wille für unser Miteinander.
Die durch unser Grundgesetz garantierten Grundrechte leiten sich daraus ab. Unsere Würde, unsere körperliche und seelische Unversehrtheit, das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit sind geschützt und garantiert.
All das funktioniert aber nur und nur so lange, wie eben auch die Einigkeit darüber Bestand hat, dass diese Grundrechte unverzichtbar sind. Doch diese Einigkeit verliert an Stabilität. Auf der politischen Bühne in unserem Land aber auch in Europa und darüber hinaus, werden extremistische Kräfte immer lauter, die mehr oder weniger offen die Einigkeit bezüglich unserer freiheitlich demokratische Grundordnung in Frage stellen. Sichtbar wird dies durch Versuche, ganz bewusst und gezielt Zwietracht zu säen. Desinformation, oder weniger vornehm ausgedrückt, das bewusste Verbreiten von Lügen ist ein beliebtes Instrument dieser Kreise.
Und für jene, die sich ab einem bestimmten Punkt nur noch in diesem Netz aus falschen und gefälschten Fakten bewegen, wird es mitunter sehr schwer, zu erkennen, dass sie instrumentalisiert und bewusst in die Irre geführt wurden.
Es ist Aufgabe von uns allen, wachsam zu sein und zu bleiben, um den Feinden unserer Demokratie nicht das Feld zu überlassen. Und ich sehe hier auch unsere Kirche in der Verpflichtung, sich laut und vernehmlich einzumischen und klar zu sagen, was Gottes Plan für uns vorsieht: nämlich Einigkeit und Recht und Freiheit. Amen.

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  ERNTEDANK

ERNTEDANK

Joachim Hempel, Domprediger em. - 01.10.2022

Wir pflügen und wir streuen schon lange nicht mehr selber, weder Samen noch Körner (höchstens beim Vogelfutter vielleicht); wir sind auch beruflich eher weniger engagiert, wenn es um Säen und Ernten, Mahlen und Backen geht; wir melken nicht, stechen auch den beliebten Spargel nicht selbst, und die Äpfel der schönen Straßenalleebäume zermatschen eher unter den Reifen vorbeifahrender Autos.
Und dann das: plötzlich sind Regale im Supermarkt leer, berichten die Abendnachrichten von Getreide, das in Silos vergammelt, schließen Bäckerei und Gastronomie, und das Gespenst von Energieteuerung zeigt uns ziemlich drastisch, dass Geister der Abhängigkeiten von Rohstoffen ganz schön wirklich sein können. Unsere Wirtschaft hat uns in all den Exportweltmeisterdiskussionen ganz schön hinter's Licht geführt, was ihre und unsere Abhängigkeit von Rohstoffen angeht, die wir nicht haben aber tagtäglich verbrauchen. Meine Güte, wie naiv gutgläubig wir doch so miteinander sind, die wir doch sonst nicht müde werden, zu betonen, welche Probleme uns das Glauben und der Glaube ansonsten bereiten.
In unserer Hemisphäre ist ja die direkte Beziehung zu Ackerbau und Viehzucht längst verloren oder zum Urlaubsselfie degradiert, wenn uns im Harz oder im Allgäu ein paar Rinder, Ziegen oder Schafe über den Weg laufen. Bauer heißt längst Landwirt, und Landwirtschaft heißt Agrarindustrie. Morgen ist Erntedank: Gute alte Kirche, die sooft von gestern zu sein scheint, - gute alte Kirche, du hast die Erinnerung an Mutter Erde und ihren Boden bewahrt, aus dem immer noch alles kommen muss, was zu des Leibes Wohl und Nahrung dient. Du alte Kirche hast Jahr um Jahr von Gottes guter Schöpfung geredet und daran gemahnt, dass uns die Erde zum Gebrauch und nicht zum Verbrauch anvertraut ist. Martin Luther hat das tägliche Brot in einer wunderbaren, unübertroffenen Weise beschrieben, um alle, aber auch alle daran zu erinnern, wie sehr sie dankbar zu sein haben, für das, was Leib und Leben erst ermöglicht:
„Alles, was not ist für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Helfer, treue Ober-herrn, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen... - das ist unser täglich Brot. Vielleicht ist es – Zeitenwende – dran, dieses alles dankbar zu feiern und nicht so viele Partys und Events, die doch nur trinkende, essende Zeitvertreibe sind.
„Hungersnot heißt Tod“ - war eine alte Volksweisheit, - in vielen Ecken der Erde ist sie bis zu diesem Augenblick so was von wahr, dass uns das Lachen vergehen kann. Und Hungersnot samt kalter Wohnung, oder kollaterale Schäden und Beschädigungen an Leib und Leben sind auch in unserem Europa durchaus wieder wirklich! Unser Leben bleibt abhängig von Grundlagen, die wir sehr viel mehr beachten, hüten und bedenken müssen. Autonomes Autofahren oder Musk‘s Raketen zum Mars gehören definitiv nicht dazu.
Erntedank 2022 – Gott sei Dank!

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