Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Gewaltfrei kommunizieren

Gewaltfrei kommunizieren

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2021

Während ich auf einer Tagung über „Wege zu Gerechtigkeit und Frieden“ in der Woltersburger Mühle saß und mich daran erinnern ließ, dass es keine christliche Friedensethik gibt, sondern dass jede christliche Ethik Friedensethik ist – denn Jesus Christus ist unser Friede – gab das Verwaltungsgericht Chemnitz dem Eilantrag einer rechtsextremen Partei statt, die sich gegen das Verbot ihrer Wahlplakate gewehrt hatte.
Die Stadt Zwickau hatte Letzteres erwirken wollen, weil die Plakate mit ihren Aufrufen gegen Menschenwürde und öffentliche Ordnung verstießen, manche Kommentatoren sagten sogar, dass sie indirekt zu Lynchjustiz aufriefen.
Das finde ich auch.
Das Zitat soll daher hier nicht fallen.
Wahlkampf ist nicht immer ein anständiges Geschäft. Es wird nicht nur mit Florett gefochten sondern manchmal auch mit dem Morgenstern. Darum lohnt es neben den Inhalten auch den Stil im Blick zu behalten. Einen Kontrahenten herabzuwürdigen macht Kandidaten nicht glaubwürdiger. Erst recht alarmieren muss uns, wenn parteipolitische Ziele mit Gewalt, Ausgrenzung, Hass erreicht werden sollen und die Justiz wegschaut.
Friedliche und gewaltfreie Kommunikation ist eine schwere Übung.
Sie schließt nicht aus, dass wir miteinander streiten, um Wahrheiten und Urteile ringen, es schwer miteinander haben – aber sie setzt eben auch Grenzen.
Dort, wo wir ungerechte Ziele verfolgen.
Dort, wo wir Gewalt anwenden.
Dort, wo es uns nicht um ein friedliches menschenwürdiges Miteinander geht.
Das sagt sich manchmal leicht. Auch in unserer Kirche erleben wir ja durchaus Prozesse und Begegnungen, die verletzen und verhindern statt zu ermöglichen, die nicht dem Frieden dienen.
Deshalb ist es, auch daran hab ich mich wieder erinnern lassen, eine nicht zu unterschätzende Kompetenz jeder Gemeinde – auch einer solchen Weggemeinschaft auf Zeit, wie wir sie gerade sind – beieinander zu bleiben trotz aller Verschiedenheit und uns einander mit dem uralten gewaltfreien Gruß zu vergewissern: „Der Friede Gottes sei mit euch allen.“

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  ABER DANN DER TOD

ABER DANN DER TOD

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2021

Am Wochenende feiern wir hier Konfirmation und eigentlich will ich mit all meinen Gedanken bei den jungen Menschen sein und ihrem Start ins Erwachsenenleben. Es wird fröhlich und feierlich sein und ernst – denn das Leben ist eine ernste Sache.
Aber dann bricht der Tod in unser Leben ein. Gestern starb unser Freund und Kollege, Pfarrer Rüdiger Becker.
Wer ihn kannte, musste ihn mögen.
Die Ohren haben es gehört. Aber das Herz und die Seele?
Wieder einmal stehen wir ratlos vor dem fremden Gott, versuchen die Hoffnung zu nähren, dass er es trotz allem gut mit uns meint, dass er unser Friede ist, dass es die Güte des Herrn ist, die wir schauen werden, die Rüdiger jetzt schaut.
Und so klingen die alten Worte, die zu jeder Konfirmation gehören, anders, schwerer, leichter.
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Aber jetzt Herr?
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Aber jetzt Herr?
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Dort entlang mag ich nicht gehen, nicht jetzt, nicht heute.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.
Doch das tue ich. Denn es geschieht…
Gibt es ein Aber?
Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Stecken und Stab sind hart und lügen nicht. Du bist die Wahrheit.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Dabei wollte ich zuhause sein und bleiben.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Und reichst du uns den schweren Kelch…
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.
Und neben mir? In mir?
Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Denn er ist unser Friede.

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  Tausend Schafe und ein Herz

Tausend Schafe und ein Herz

Henning Böger, Pfarrer - 14.09.2021

In der vergangenen Woche ging dieses Bild um die Welt: ein Herz, gebildet aus lebendigen Schafen. Die Geschichte dazu geht so: Ein Schäfer in Australien erhält die Nachricht, dass seine weit entfernt wohnende Tante im Sterben liegt. Wegen der strengen Corona-Regeln, die in einigen Bundesstaaten Australiens immer noch gelten, kann er seine Tante vor ihrem Tod nicht mehr besuchen. Er will ihr aber einen besonderen Abschiedsgruß senden.
Dazu hat er eine großartige Idee, auf die wohl nur ein Schäfer kommen kann: Er legt das Futter für seine Schafe in einer großen Herzform auf der Weide aus. Die Schafe sind zunächst noch in ihrem Gatter. Als der Schäfer dann die Tore öffnet, laufen die tausend Tiere zum Futter – und bilden ein großes Herz. Das alles nimmt er als Video mithilfe einer Drohne auf. Der kurze Film wird später bei der Trauerfeier für die Tante gezeigt - zusammen mit dem Lied „Bridge over Troubled Water“ von Simon and Garfunkel. Ein letzter Gruß an seine Tante, der sich im Internet schnell weltweit verteilt. Viele Menschen sind berührt von dieser Idee eines lebendigen Herzens.
Vieles im Weltgeschehen können wir selbst kaum oder gar nicht beeinflussen. Das erfahren wir auch in diesem zweiten Spätsommer unter Corona immer neu. Wenn man in dieser Erfahrung nicht zynisch oder bitter werden will, kommt es darauf an, sich ein lebendiges Herz zu behalten. Ein Herz, das sich weder vor sich selbst versteckt noch das Fühlen mit und für andere verlernt.
„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“, weiß die Bibel im Hebräerbrief. Ich verstehe das so: Ein festes Herz ist kein starres Herz, das nur hart bei sich selber schlägt. Dann wäre es kein „köstlich Ding“. Das feste Herz ist ein lebendig-klopfendes, das für mich und für andere schlägt. Es vernachlässigt niemanden, auch nicht sich selber.
Von allein oder wie von selbst haben wir dieses feste Herz meist nicht. Es ist eine gute Gabe Gottes, um die wir wieder und wieder bitten dürfen. Gott will uns diese Gnade gewähren, sagt die Bibel: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“. Und manchmal zeigt sich diese Gnade in einem Herz aus tausend Schafen. Amen.

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  Art to believe

Art to believe

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.09.2021

Die Kreiszahl Pi ist eine mathematische Konstante, die das Verhältnis vom Durchmesser eines Kreises zu seinem Umfang angibt. Ihr Wert beträgt rund 3,14. Das Besondere an dieser Zahl ist, dass sie unendliche viele Nachkommastellen hat. Das heißt, dass man beim genauen Ausrechnen niemals fertig wird, weil sich immer wieder weitere Dezimalstellen ergeben. Damit kann man leben, nur wirklich vorstellen können wir uns das nicht und aus diesem Grund gehört Pi zur Gruppe der irrationalen Zahlen – irrational, also mit dem Verstand nicht fassbar.
Wir Menschen kriegen es nicht hin, uns die Unendlichkeit vorzustellen, einer von vielen Belegen dafür, dass unser Verstand und unser Verstehen eben gerade nicht unendlich sind, sondern Begrenzungen unterliegen, ob wir das nun gut finden oder nicht. Damit bleiben uns natürlich so manche Geheimnisse dauerhaft verborgen, auch in unserem Verhältnis zu Gott, denn Ewigkeit und Unendlichkeit gehören zu seinen Wesenseigenschaften, zu unsere auf dieser Erde aber nun eben mal nicht.
Wir haben unsere Grenzen und wir können sie nicht aufheben. Es gibt allerdings Mittel und Wege, sie zu verschieben, um zumindest Ideen zu entwickeln, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegen mag. Eines dieser Mittel ist die Kunst.
Im religiösen Leben spielt sie seit Menschengedenken eine große Rolle. Schon allerfrüheste Kulturen haben Kunst eingesetzt, um ihrer Religiosität Ausdruck zu verleihen, ihre Gottheiten abzubilden oder ihnen durch bildende aber auch darstellende Kunst die Ehre zu erweisen. Auch der Braunschweiger Dom bietet religiös motivierte Kunstschätze aus ganz unterschiedlichen Epochen und mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen. Und natürlich ist die Kunstform der Musik zu erwähnen, die an unserem Dom eine herausragende und wichtige Rolle spielt.
Doch Kunst kann noch mehr. Sie kann uns Impulse geben, unsere Gedanken in neue Richtungen zu lenken, über vermeintlich Altbekanntes neu zu reflektieren und so andere und uns bisher vielleicht noch verborgen gebliebene Zugänge zur eigenen Spiritualität eröffnen.
Das derzeit in den Kirchen unserer Stadt gezeigte Projekt „Art to believe“ will unter anderem das. Es umfasst verschiedenste Kunstobjekte an 13 Kirchorten in Braunschweig, unter anderem auch hier bei uns im Dom. Allein der Name lädt zum Nachdenken ein: „Art to believe“, „Kunst, um zu glauben“ oder „Die Kunst, zu glauben“?
Meine erste Assoziation zu den farbigen Tüchern hier im Dom war Pfingsten – der Heilige Geist in Form der feurigen Zungen, von denen die Bibel berichtet. Und mal völlig unabhängig davon, ob das nun so gemeint war oder nicht: Das, was Kunst, welcher Art auch immer, in uns auslöst, hat für mich sehr viel mit dem Heiligen Geist zu tun. Denn er soll uns im wahrsten Sinne des Wortes inspirieren, auch dazu, über uns selbst, über unsere Mitmenschen und diese Welt, aber eben auch über unser Verhältnis zu Gott nachzudenken.
Wir Menschen sind übrigens die einzigen Lebewesen, die in der Lage sind, sich künstlerisch auszudrücken, und dass nicht, weil wir solche Helden sind, sondern weil Gott es so wollte. Tolle Idee von ihm, finde ich. Amen.

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  Lobe den Herrn, meine Seele!

Lobe den Herrn, meine Seele!

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.09.2021

Der Klimawandel bringt Hunger und Verwüstungen, die Welt blickt konsterniert nach Afghanistan, in Belarus werden Oppositionelle in Schauprozessen zu drakonischen Strafen verurteilt, die Coronazahlen steigen und die Inflationsrate auch. Soll ich weitermachen? Die Quellen für schlechte Nachrichten scheinen unerschöpflich und ich finde, man muss aufpassen, dass man nicht depressiv wird, wenn man sich tagtäglich damit auseinandersetzt. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass es viel mehr Dinge auf dieser Welt und vielleicht auch im eigenen Leben gibt, die eher suboptimal laufen, die uns Sorgen bereiten, bei denen es noch Luft nach oben gibt. Und es drängt sich die Frage auf: Wo soll das alles noch hinführen?
Über dieser Woche heißt es: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Diese Worte stehen im 103. Psalm und stammen aus König Davids Feder. Der hatte natürlich noch kein Abo der Braunschweiger Zeitung und auch kaum die Möglichkeit, abends um 20:00 Uhr die Tagesschau zu sehen. Doch selbst ohne diese Informationsquellen klingen seine Worte schon ein wenig blauäugig und undifferenziert, oder was meinen Sie?
Er hat ja nicht geschrieben: „Wenn es dir mal so richtig gut geht, dann lobe den Herrn.“ Nein, er empfiehlt uns das einfach so, voraussetzungsfrei und für alle Lebenslagen. Das ist mitunter gar nicht mal so einfach, denn es gibt ja nun nicht nur Sorgenträchtiges da draußen in der großen, weiten Welt. Nein, auch in so manchem Leben spielen sich die ganz persönlichen Tragödien ab. Und auch dann: Lobe den Herrn, meine Seele?
Wenn wir es irgendwie hinbekommen: auf jeden Fall! David liefert die Begründung, wenn er schreibt: „Du sollst Gott loben, der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit und der deinen Mund fröhlich macht.“
Das, was hier über Gott gesagt wird, gilt immer und somit auch und gerade dann, wenn es uns nicht so gut geht. In all dem, was David hier aufzählt, wird Gottes Liebe sichtbar und erlebbar, in all dem spüren wir das Fundament, dass uns auch dann noch trägt, wenn auf alles andere und auf alle anderen kein Verlass mehr zu sein scheint.
In diese göttliche Obhut dürfen wir uns zurückziehen, wenn die Belastungen in unserem Leben zu groß werden, wenn wir die Schuld, die wir auf uns geladen haben, nicht mehr alleine tragen können, wenn unser Kummer so massiv ist, dass er alle Lebensfreunde verdrängt. Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott auch unseren Mund wieder fröhlich machen will und dass er alles daransetzt, dass wir wieder heil werden.
Das passiert nicht immer von jetzt auf gleich und es passiert auch nicht immer so, wie wir es uns nach unseren menschlichen Kategorien erhoffen und erbeten. Aber es wird passieren, Gott wird es am Ende gutmachen, mit Ihnen, mit Euch und mit mir. Und somit ist es gut, dass David uns erinnert und auffordert: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Halleluja! Amen.

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  Weltalphabetisierungstag

Weltalphabetisierungstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.09.2021

Als Prädikant bin ich im Braunschweiger Land schon ganz schön rumgekommen und habe in so mancher Dorfkirche Gottesdienste gefeiert. Ein solcher Gottesdienst ist immer Teamwork, denn es braucht eben nicht nur den Prediger, sondern auch Kirchenvorstehen, die die Lesungen gestalten, meist ehrenamtliche Küster, die die Kirche aufschließen, die Glocken läuten, die Kerzen anzünden, und, und, und. Und natürlich braucht es jemanden, der die Orgel spielt und den Gottesdienst musikalisch begleitet.
Gerade letztgenannte werden immer rarer. Es gibt nur wenige junge Leute, die sich dafür entscheiden, das Orgelspiel zu lernen und wenn dann die altgedienten Organistinnen und Organisten irgendwann mal aufhören, wird es immer schwerer, diese Lücken zu füllen.
In einer Gemeinde, in der ich ab und zu mal bin, hat sich nun jemand entschlossen, Orgel zu lernen. Es ist eine Dame in meinem Alter. Sie hat eher wenig Vorkenntnisse, allerdings eine große Liebe zur Kirchenmusik und sie hat vor einigen Wochen ihren ersten Choral in einem Gottesdient begleitet. Die Begeisterung der Gemeinde ist groß und die Dame wird von allen Seiten in ihrer Entscheidung bestärkt. Und dass sie bisher kein Instrument gespielt hat, gibt sie unumwunden zu, es ist aber auch überhaupt kein Thema.
Anders sieht es aus, wenn Menschen sich dazu bekennen, dass sie weder lesen noch schreiben können. Ein solches Eingeständnis führt schnell dazu, dass die Betroffenen diskriminiert und in bestimmte Schubladen sortiert werden. Das wiederum hat zur Folge, dass sich diese Menschen mit ihren Lese- und Schreibproblemen verstecken und sich selbst in der Familie und mit engsten Freunden nicht trauen, darüber zu reden.
Wenn sich jemand in fortgeschrittenem Alter dazu entscheidet, das Orgelspiel zu beginnen, wird er bejubelt, wenn er später als andere das Lesen und Schreiben erlernt, erntet er vordergründig durchaus Zuspruch, hinter vorgehaltener Hand allerdings auch Häme und Abwertung.
Auch damit sich das ändert, gibt es den Weltalphabetisierungstag, der seit 1966 jährlich am 8. September, also heute, begangen wird. Weltweit können knapp 900 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, allein in Deutschland sind es schätzungsweise 6 Millionen.
Analphabetismus hat für die Betroffenen erhebliche soziale und wirtschaftliche Folgen. Sie können an vielem, was unser Zusammenleben ausmacht, nicht teilhaben, ihre Chancen, einen Beruf zu erlernen, sind schlecht und sie müssen sich einer gesellschaftlichen Ablehnung stellen, die ihnen vieles verbaut.
In einem Interview berichtete ein junger Mann, dass er aus Scham noch nicht einmal zur Covid-Impfung gegangen sei, weil er gehört habe, dass er dort viele Formulare ausfüllen müsse. Und selbst so fundamentale Dinge wie die Teilnahme an der Bundestagswahl ist für Analphabetinnen und Analphabeten mit einer zusätzlichen Hürde versehen.
Menschen auszugrenzen, weil sie etwas nicht so gut können wie andere, ist falsch und unserem Zusammenleben nicht förderlich. Und unchristlich ist es überdies. Und sollten wir in unserem Umfeld jemanden kennen, der Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben hat, oder auch nur den Eindruck haben, dass es so sein könnte, dann sollten wir ihn oder sie ermutigen und dabei unterstützen, etwas dagegen zu tun. Denn so wie man recht spät noch Orgel lernen kann, funktioniert das mit dem Lesen und Schreiben auch. Amen.

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  Rosch ha-Schana

Rosch ha-Schana

Henning Böger, Pfarrer - 07.09.2021

„Ein frohes neues Jahr!“ Ja, richtig gehört, auch wenn nun schon Anfang September ist. Denn in den jüdischen Gemeinden weltweit feiern die Menschen seit gestern und noch bis morgen Neujahrsfest Rosch ha-Schana.
Im Judentum ist Rosch ha-Sschana jener Tag, an dem die Erschaffung der Welt abgeschlossen war. Auf ihn folgt die Schöpfung der ersten beiden Menschen, Adam und Eva, also der Geburtstag der Menschheit. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Rosch ha-Schana so viel wie: Kopf des Jahres. Mit der Erinnerung an die Erschaffung der Menschheit beginnt ein neues jüdisches Jahr.
Zwei Tage lang feiern viele Jüdinnen und Juden nun. Anders als Sylvester und Neujahr sind es eher ernste und besinnliche Tage ohne Böller und Raketen. Zu Rosch ha-Schana gehört vielmehr ein doppelter Blick und eine ehrliche Standortbestimmung im eigenen Leben: Was war gut und was war schwer im vergangenen Jahr? Was braucht Veränderung oder einen wirklichen Neuanfang? Wenn man mit jemandem zerstritten ist, soll man Versöhnung suchen und einander Fehler und Unzulänglichkeiten verzeihen. Rosch ha-Schana soll den Menschen so helfen, in sich zu gehen und im nächsten Jahr gut oder besser zu handeln.
In vielen jüdischen Familien gibt es heute ein besonderes Festtagsmahl. Wenn alle um den Tisch sitzen, wird der Segen gesprochen und es werden Apfelstücke gegessen, die zuvor in Honig getaucht wurden. Das Obst ist ein Zeichen dafür, dass das neue Jahr gut und süß werden mögen. „Shana tova u metuka!“ Das wünschen sich die Menschen: „Ein gutes und süßes Jahr!“
Denn neben aller ernsthaften Besinnlichkeit gibt es an Rosch ha-Schana natürlich auch eine große Vorfreude auf das neue Jahr. Und es gibt die Hoffnung, dass die Welt, die Gottes gute Schöpfung ist und bleibt, eine bessere, friedlichere, gerechte werden mögen. Als sinnhaftes Zeichen dafür wird in den Synagogen und Bethäusern am Morgen oft feierlich der Schofar geblasen: ein besonderes Instrument aus Tierhorn. Dessen Klang soll die Menschen an ihre eigene Verantwortung erinnern. Weil der kürzeste Weg zum Frieden ja nie bei den anderen beginnt, sondern immer bei mir selbst.
Darum: Schalom chaverim! Friede seit mit euch, liebe Freunde!

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  Eine Menora?

Eine Menora?

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.09.2021

„Warum haben Sie eigentlich hier einen jüdischen Leuchter aufgestellt?“ Diese Frage ist oft zu hören, wenn Menschen zum ersten Mal zu uns in den Dom kommen. Und sie ist naheliegend, denn der Leuchter sieht einer jüdischen Menora in der Tat sehr ähnlich. Und doch unterscheidet er sich von ihr in Form und Funktion.
Bei der jüdischen Menora sind die Leuchten fast immer auf einer Ebene, die in der Mitte ist manchmal leicht erhöht. Bei unserem Leuchter erkennt man einen zu den Seiten abfallenden Bogen. Und als weiterer Unterscheidungspunkt sind die deutlich erkennbaren Knospen an den Verzweigungen zu nennen, die ganz stark an eine Pflanze erinnern und bei einer Menora meist wesentlich zurückhaltender dargestellt werden.
Unser Leuchter ist sowohl Totenleuchter als auch Lebensbaum. Ursprünglich hatte er seinen Platz dort, wo jetzt der Marienaltar steht. Und wenn Sie bei Gelegenheit einmal auf das Grabmal von Heinrich und Mathilde schauen, werden Sie feststellen, dass die beiden mit offenen Augen dargestellt sind. Sie blickten also von ihrem Totenlager durch den Baum des Lebens in das himmlische Jerusalem, dass in der Vierung unseres Doms abgebildet ist.
Doch neben dieser Symbolik ist der Leuchter natürlich auch eine Umsetzung des göttlichen Bauplans für einen siebenarmigen Leuchter, wie ihn Mose im Alten Testament beschreibt. Und auch oder gerade deshalb ist es richtig und wichtig, dass er eine so zentrale Position in unserem Dom hat. Gestern war der europäische Tag der jüdischen Kultur und es bietet sich somit an, über dieses Thema zu sprechen.
Die Bibel besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Es sind zwei Teile, doch sie sind aus der Sicht des Christentums untrennbar miteinander verbunden. Christus ist nicht zu verstehen, wenn wir nicht auch immer wieder in die jüdische Bibel schauen, zurück zu Mose, den Propheten und in die Psalmen. Dort wird Jesu Kommen und seine Wesensart an vielen Stellen beschrieben und er selbst verweist regelmäßig auf das, was im Alten Testament geschrieben steht. „Ich bin nicht gekommen, um zu verwerfen, sondern um zu erfüllen“, so sagt er es selbst mit Blick auf die jüdische Bibel.
Immer wieder haben Menschen versucht, Christentum und christlichen Glauben nur auf die Bücher des Neuen Testaments zu gründen. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Haus zu bauen, aber auf das Fundament zu verzichten. Die Deutschen Christen waren in der Nazizeit so unterwegs mit ihren vollkommen abwegigen Versuchen, die Bibel zu „enjuden“. Wie ernstzunehmende evangelische Theologen auf so einen Blödsinn kommen konnten, ist mehr als rätselhaft. Denn eines sollte auch ihnen klar gewesen sein: Diejenigen, auf die wir unseren Glauben gründen, Paulus, Maria, die zwölf Jünger, sie waren Juden und last but not least war es Jesus auch.
Wir, Christen und Juden, haben dieselben Wurzeln und es ist gut, dass uns unser Leuchter jedes Mal hier im Dom daran erinnert. Amen.

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  Was geht mich das an?

Was geht mich das an?

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.09.2021

Was geht mich das an? Es ist die Frage der Gleichgültigkeit, die so klingt. Was geht mich das an? Gleichgültigkeit hat viele Gesichter und ganz unterschiedliche Folgen – und nicht nur negative. Wir können nicht jedes Problem zu unserem eigenen machen, denn irgendwann ist die persönliche Aufnahmekapazität erschöpft und alles, was darüber hinausgeht, ist zu viel des Guten, belastet uns übermäßig und schadet uns irgendwann.
So gesehen ist ein gesundes Quantum an Gleichgültigkeit durchaus angezeigt. Doch im Übermaß kann dieses „Was geht mich das an?“ schlimme Konsequenzen haben. Denn überall dort, wo Menschen alleine nicht mehr weiterkommen, sind sie darauf angewiesen, dass sie die Aufmerksamkeit anderer gewinnen können, die sie in ihrer Not und ihrer Hilflosigkeit sehen und helfen.
In vielen biblischen Geschichten geht es darum, dass Blinde wieder sehend, oder allgemeiner formuliert, dass Menschen die Augen geöffnet werden. Es sind Heilungsgeschichten, die von Jesus erzählen, doch es geht, so wie ich sie verstehe, nicht nur um körperliche Gebrechen. Es geht eben auch darum, sensibel und achtsam zu werden für unsere Mitmenschen, für ihre Bedürfnisse und ihre Not.
Das zu erreichen, gehört zu Jesu Hauptanliegen. Immer wieder zeigt er sich an der Seite derer, die am Rande stehen, die nicht mehr mithalten können, die am Ende sind mit ihrer Kraft und ihrem Können. Über dieser Woche heißt es: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Mit diesem Wort solidarisiert sich Jesus mit allen hilfsbedürftigen Menschen. Und er tut dies in einer nicht mehr zu steigernden Art und Weise, denn er stellt sich ihnen gleich, macht sich zu ihrem Stellvertreter und sie zu seinen. Was er damit sagt, ist nichts Geringeres, als dass er uns in jedem einzelnen, der auf Hilfe angewiesen ist, höchstpersönlich begegnet.
Und um von vornherein jeglichen Ausflüchten den Boden zu entziehen, dreht er seine Aussage auch noch um, wenn er sagt: „Was ihr nicht getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Also auch das Unterlassen nimmt er in den Blick.
Ich denke, wir sollen all das nicht als Drohung verstehen, sondern vielmehr als eine deutliche Erinnerung daran, wie ein menschliches Miteinander aussehen kann, ein Miteinander, wie Gott es für uns vorgesehen hat. Paulus schreibt es kurz und prägnant mit seinen eigenen Worten: „Einer trage des anderen Last.“
Das soll gelten, im Kleinen für jede und jeden einzelnen von uns, aber auch im Großen, wo wir als Gesellschaft nicht auf Kosten anderer leben, sondern vielmehr unsere wirtschaftliche Kraft auch dafür verwenden sollen, die Schwächeren und Ärmeren auf dieser Welt zu unterstützen. Und ich habe Zweifel, ob wir das wirklich gut hinbekommen, so lange wir jedes Jahr ungleich mehr für Rüstung ausgeben als für Entwicklungshilfe.
Was geht mich das an? Um mal eine Antwort auf diese Frage zu versuchen: Als Christenmensch eine ganze Menge! Amen.

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  Wolkenkratzer

Wolkenkratzer

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.09.2021

Das höchste Gebäude Braunschweigs, mal abgesehen vom Fernmeldeturm in Broitzem und dem Schornstein des Heizkraftwerkes steht am Schwarzen Berg. Es hat 22 Stockwerke und bei gutem Wetter kann man von ganz oben bis zu den Höhenzügen bei Hildesheim schauen. Früher waren es die Kirchtürme, die alle anderen Gebäude überragten, doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der höchste Wohn- und Büroturm der Welt steht heute in Dubai. 828 Meter ist er hoch und hat knapp 190 Etagen, also rund neunmal so viele wie das Braunschweiger Hochhaus im Norden der Stadt.
Warum quäle ich Sie mit diesen ganzen Zahlen? Nun, heute ist der Tag der Wolkenkratzer. Er wurde wahrscheinlich zu Ehren des amerikanischen Architekten Louis Sullivan ins Leben gerufen, der im 19. und 20. Jahrhundert diverse Wolkenkratzer in den USA entworfen und gebaut hat.
Die Geschichte der Wolkenkratzer geht allerdings viel weiter zurück. Die älteste Erwähnung findet sich überraschenderweise nicht in einem Reiseführer, sondern in der Bibel. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist der erste Bericht über ein Vorhaben der Menschen, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel, ja bis hin zu Gott reicht. Es wird keine Erfolgsstrory, wie wir alle wissen.
Gott bestraft das überhebliche Ansinnen der Menschen, durch den Turmbau so zu werden wie er, in dem er ihre Sprache verwirrt. Aus einer gemeinsamen werden viele verschiedene. Damit funktioniert die Verständigung nicht mehr, das Bauvorhaben gerät ins Stocken und muss schließlich komplett abgebrochen werden. Die Menschen sammeln sich in kleinen Grüppchen, die jeweils dieselbe Sprache sprechen und zerstreuen sich in alle Welt. Das gemeinschaftliche Projekt des Turmbaus scheitert.
Ich fühle mich oft an diese alttestamentliche Geschichte erinnert, wenn ich auf die großen Projekte und Herausforderungen unserer Zeit schaue. Das Bauen von Wolkenkratzern funktioniert in unseren Tagen ja ganz gut, doch bei manch anderer Problemstellung, die auch nur mit einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung zu lösen wäre, kommen wir nicht voran. Es gelingt nicht, dass die Verantwortlichen dieser Welt in Fragen des Klimaschutzes, der Bekämpfung des Hungers, der Sicherung des Friedens und der Beendigung von Krieg, Gewalt und Terror mit einer Sprache sprechen.
Sicherlich können sie sich auf Englisch verständigen. Doch es sind dennoch unterschiedliche Sprachen, die gesprochen werden, in Dialekten und Akzenten, die von eigenen Interessen geprägt sind, die den Wortschatz der Lobbyisten enthalten, die Betroffenheit vorgaukeln, um das Leugnen zu verstecken.
Und am Ende zieht man sich ergebnislos wieder in die eigenen Kreise zurück, sich rühmend, doch alles versucht zu haben, aber die anderen hätten es nicht verstanden. Und so bleiben die nötigen Lösungen nichts weiter als Ruinen, so wie seinerzeit der berühmte Turm zu Babel, von dem heute nichts mehr übrig ist.
Damals wollten die Menschen sein wie Gott; das hat er verhindert. Die Diskussionen um die großen Probleme unserer Welt haben alle das Ziel, dass Lebensmittel und Lebenschancen fair verteilt werden und dass wir alle und die uns nachfolgenden Generationen eine Zukunft haben. Bei diesem Bemühen haben wir Gott ganz sicher auf unserer Seite. Vielleicht sollten wir uns an seiner Botschaft orientieren und ihn ehrlich um Hilfe bitten? Schaden würde es nicht. Amen.

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  September

September

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.09.2021

Über diesem neuen Monat steht ein befremdliches Wort aus dem Propheten Haggai: „Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.“
Kein Konjunktiv. Ist-Beschreibung.
So viel Vergeblichkeit.
So viel Nutzlosigkeit.
Und auch: so schlimm ist es eigentlich gar nicht, jedenfalls hier nicht.
Man kann also mit ein bisschen „Augen zu und durch“ einigermaßen um dieses Bibelwort drumherum cruisen, es bestenfalls zum Aufhänger für das nehmen, womit der Prophet seine Worte einleitet:
Gott spricht: „Achtet doch darauf, wie es euch geht!“
Wie geht es uns?
Wir hören von der drohenden vierten Coronawelle und der Inflationsgefahr.
Das neue Schuljahr beginnt und nichts ist normal.
Die Wahlen stehen vor der Tür. Ob unser Land demokratiefähig ist, ob Wählerinnen souveräne Entscheidungen treffen oder sich manipulieren lassen, wird sich weisen.
Aber auch.
An den meisten Orten dieser Erde sind Menschen ärmer, kränker, rechtloser als hier.
Aber auch:
Heute jährt sich der Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Seither ist in unserem Land kein Krieg mehr gewesen. Wir leben in der dritten Generation in Frieden.
Sind wir ein dankbares, zufriedenes, glückliches Volk?
Sind wir endlich satt, fühlen uns warm und geborgen?
„Achtet doch darauf, wie es euch geht!“
Ja, wir sind satt aber auf ungute Weise. Uns ist warm – aber nicht zur rechten Zeit. Wir haben viel Geld und trotzdem fehlt es an so vielem.
Wenn Ihr also merkt, es ist noch lange nicht gut ist, dann, so sagt Gott, „liegt es daran, dass mein Haus wüst und leer steht“, dass der innere Kompass verlorengegangen ist, dass ihr euch nur um euch selber dreht.
Das sind und bleiben harte Worte. Sie sind offenbar immer wieder nötig. Und müssen immer wieder gehört worden.
Dann kehrten die Menschen um. Dann war Gott mit ihnen.
Warum sollte es nicht auch bei uns so sein. jetzt? Im September?

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  Der Tag der Verschwundenen

Der Tag der Verschwundenen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.08.2021

Dorothee Sölle:
„Argentinien Dezember 1982
An jedem Donnerstag seit sieben Jahren / gehen die Mütter zum großen Platz / und umkreisen schweigend die Mitte / und tragen das weisse Kopftuch / der sorge der Angst und des Mutes / und Schilder in ihren Händen / wo sind sie / gebt sie heraus / wir werden sie finden / con vida mit Leben con vida / An jedem Donnerstag seit sieben Jahren / geht die Hoffnung der Welt um die Plaza die Mayo / dass die verschwundenen wieder auftauchen / nicht als verstümmelte Leichen im Massengrab / dass die Passanten wieder Menschen werden / die nicht wegsehen müssen und sich selber verstümmeln / dass die Folterer und ihre Lehrer umkehren / vom Geschäft mit den bluttriefenden Apparaten / geht die Hoffnung der Welt um die Plaza die Mayo / an jedem Donnerstag seit sieben Jahren“
1982 war das.
Noch immer versammeln sich jeden Donnerstag in Buenos Aires die Großmütter und Mütter mit den weißen Kopftüchern. Noch immer suchen sie ihre Kinder und Verwandten, die in den 70er und 80er Jahren in Argentinien entführt, gefoltert und ermordet worden sind.
Auch im benachbarten Chile verschwanden hunderte politische Gefangene. Man warf sie ins Meer. Ihre Leichen konnten nie geborgen werden, weil die Gefangenen zuvor mit Gewichten beschwert wurden.
Heute geht man in Mexiko von 90.000 Menschen aus, deren Spuren sich – verharmlosend gesagt – verloren haben. Sie wurden und werden von Drogenkartellen verschleppt, Zahllose private Suchtrupps durchforsten das Land. Sie suchen nach ihren Schwestern und Brüdern, Töchtern und Söhnen… Es hat kein Ende.
In diesem Jahr verschwanden 3.400 Mädchen und Frauen in Peru. In Afrika werden 48.000 Menschen vermisst… Ihre Angehörigen erleiden nicht nur den Schmerz des Verlustes und die Angst, dass ihren Nächsten etwas Schlimmes passiert ist, sie erleben auch bürokratische Schikanen.
Gestern war der „Internationale Tag der Verschwundenen.“
Wenn wir auch nichts tun können. So können wir doch erinnern, hinsehen, beten. Und hinhören. Denn über diesem Tag heißt es bei dem Propheten Jesaja: „So spricht der Herr: Gleichwie ich über dies Volk all dies große Unheil habe kommenlassen, so will ich auch alles Gute über sie kommen lassen, das ich ihnen zugesagt habe.“ Hoffentlich bald.

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  Schöpfungstag

Schöpfungstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.08.2021

Die beiden sächsischen Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers haben ein gemeinsames Wort zum Schöpfungstag veröffentlicht. Vor etlichen Jahren hat die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen diesen Fest- und Gedenktag auf den Weg gebracht. Man wollte angesichts der großen Fragen unserer Zeit Gott dem Schöpfer im Kirchenjahr einen Ort geben. Der fehlte bis dahin: wir feiern Gott den Sohn zu Weihnachten und Ostern, Gott, den Heiligen Geist zu Pfingsten, aber Gott den Vater, den Schöpfer, den Allmächtigen?
So kam es zum Schöpfungstag – ein bisschen flexibel gelegt: Anfang September…
Die beiden Bischöfe erinnern in ihrem diesjährigen Begleitwort an einen Text von Jörg Zink. Der erzählte – schon vor fünfzig Jahren! - in seinen „letzten sieben Tagen der Schöpfung“ Folgendes:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber nach vielen Jahrmillionen meinte der Mensch, endlich klug genug zu sein. Er sprach: Wer redet hier von Gott? Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand. Er nahm sie und es begannen die letzten sieben Tage der Erde. Tief unten in der Hölle erzählte man sich nun die spannende Geschichte vom Menschen, der seine Zukunft in die Hand nahm, und das Gelächter dröhnte hinauf bis zu den Chören der Engel.“
Ob das Gelächter der Unentschlossenheit gilt, wirklich ins Handeln zu kommen und endlich dafür zu sorgen, dass es gerechter und ressourcenschonender auf der Welt zugeht oder wahrscheinliches Scheitern verspottet wird, weil Geld, Wohlstand, Privilegien, Boni am Ende doch wichtiger sind als die Zukunft – wer weiß.
Dieses Jahr steht der Schöpfungstag jedenfalls unter dem Motto aus dem Johannesevangelium: „Damit Ströme lebendigen Wassers fließen“.
Ursprünglich in Tagen der Dürre ausgesucht, bleibt es einem jetzt fast im Halse stecken. Das schlimme Hochwasser ist eben erst über die Menschen im Südwestend er Republik hereingebrochen. Gestern wurde der Opfer in einem Gottesdienst in Aachen gedacht.
Falsches Motto? Ja, vielleicht. Aber wenn wir genauer hinhören, dann heißt es: Jesus Christus sagt: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, Ströme lebendigen Wassers fließen.“
Wer an Jesus Christus glaubt, der wird wie eine segensreiche erfrischende lebenspendend Quelle – egal worum es geht. Überfließend von Hoffnung und Zuversicht. Tröstend, kühlend, reinigend. Und als solche können wir uns doch wagen, die Zukunft in die Hand zu nehmen ohne dass man sich in der Hölle schief lacht.


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  Spiegelbilder

Spiegelbilder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.08.2021

Manchmal fahre ich im ersten Morgenlicht eine Runde mit dem Stehpaddel auf der Oker. Es ist immer wieder ein besonderes Gefühl, wenn die Oker so unberührt und still liegt, dass sich jeder Baum messerscharf spiegelt und jeder Paddelschlag eine beinahe intime Berührung ist.
Eva Strittmatter hat einmal so ein ähnliches Erleben ins Gedicht gefasst: „Mein ist der Morgen in den Wäldern“, schrieb sie „die Stille, die von Sternen fällt / die erste Spur hin zu den Wäldern / und ich erschaffe mir die Welt“
So erlebe ich das oft und vielleicht ist die stille Konzentration, die diese Gleichgewichtsübung ja braucht, ein zusätzliches meditatives Moment.
Neulich habe ich dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht.
Solange ich unter freiem Himmel fahre, sich also Wolken und Bäume im Wasser spiegeln, nehme ich nur die Oberfläche wahr – das Bewusstsein für die Wassertiefe (wenn man mal von den oberflächennahen Wasserpflanzen absieht) geht verloren.
Aber unter Brücken bekommt das Spiegelbild eine verwirrende Tiefendimension – der Kopf weiß, auch das ist nur ein Spiegelbild, zumal man ja die Graffitis lesen kann. Trotzdem habe ich habe fast Gleichgewicht verloren – es fühlte sich an wie Höhenangst.
Ich weiß nicht, woran es liegt – aber die Erfahrung ging mir nach.
Machen wir uns über die Wackligkeit des Bodens unter unseren Füßen so wenig Gedanken, dass man das Gleichgewicht verliert, wenn man mit Bewusstsein sieht, wo und wie man unterwegs ist?
Oder ist das Zusammensein von Mensch und Natur so verletzlich, dass es keine zusätzliche Dimension verträgt?
Sehe ich meine eigene Tiefe, Gefährdung – oder verdränge ich all das dauernd, als wäre all das nur ein Spiegelbild?
Mithin, was ist wahr und wirklich und was nur optische oder sonstwelche Täuschung? Werde ich dauernd von Bildern vorwärts getrieben, die doch nur merkwürdige Spiegelungen sind? Im 1. Korintherbrief heißt es:
„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“
Stückweise. Oder eben immer wieder: eine erste Spur, ein erster Paddelschlag, ein erster Schritt zu dem hin, der der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist.


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  Caroline

Caroline

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.08.2021

Wort zum Alltag 26. August 2021

Wenn Sie mögen, dann bleiben Sie nachher noch einen Moment hier. 17.30 gibt es eine Lesung aus zeitgenössischen Dokumenten über die Beisetzung der englischen Königin Caroline, Prinzessin von Braunschweig, deren letzter Wunsch es war, hierher nach Braunschweig zurückzukommen.
Wenn ihrer Biografie nachgeht, dann wird mir einmal mehr bewusst, wie weit der Weg zu einem einigermaßen selbstbestimmten Leben für Frauen gewesen ist – egal aus welchen gesellschaftlichen Schichten sie stammen - und auch, wie bitter es ist, dass diese mühsamen errungenen Freiheitsrechte in Afghanistan schon wieder derartig gefährdet sind.
Caroline Amalie Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel jedenfalls wurde 1768 auf Schloss Richmond geboren und wuchs, wenn man das denn glauben kann, einigermaßen frei heran – ohne jede religiöse Erziehung, damit eine konfessionelle Bindung nicht irgendwelchen günstigen Ehen im Weg stünde. Sie galt als witzig und vorlaut, hübsch.
Eine Liebesheirat, schon gar eine selbstgewählte Partnerschaft kam nicht infrage. Caoline wurde vielmehr am 7. April 1795 mit dem Prinzen von Wales und nachmaligen Königs Georg IV verheiratet. Die Ehe muss vom ersten Moment an ein Elend gewesen sein, das nur Karikaturisten Freude machte. Von der jungen Frau ist der Ausspruch überliefert: „Mein Vater war ein Held, mein Mann ist eine Null.“ Die Abneigung war tief und beidseitig. Auch er ließ nicht viel Gutes an seiner Gemahlin.
Nach der Geburt ihrer Tochter, exakt neun Monate nach der Hochzeit, trennten sie sich. Caroline lebte nahezu in Hausarrest während George sich um die Scheidung und Legitimierung einer früheren heimlichen Ehe bemühte.
Weitestgehend vom Hof geschnitten, von der britischen Bevölkerung und der Presse dagegen mit größter Sympathie begleitet, zerbrach die Ehe zehn Jahre später endgültig. Man kann nur ahnen, was das für eine selbstbewusste Frau bedeutet haben muss, wenn Heiraten und Gebähren das Einzige sind, was von ihr erwartet wurde.
Offenbar hatte Caroline aber dennoch die Souveränität sich soweit freizuschwimmen, dass sie ein für ihre Zeit und ihren Stand unkonventionelles Leben führen, sich ihrer Tochter und zahlreichen Pflegekindern widmen und ausgiebig reisen konnte.
Allerdings sah sie sich immer wieder demütigenden Untersuchungen ausgesetzt, mit deren Ergebnissen ihr Mann vergeblich die Scheidung erzwingen wollte.
Als Georg 1820 schließlich den Thron bestieg, verlangte er, Caroline möge sich des Namens und der Rechte einer Königin von England enthalten. Dagegen wehrte sie sich erfolgreich. Aber die Teilnahme an der Krönung im Sommer 1821 wurde ihr dennoch verwehrt.
Kurz darauf starb sie und wurde auf ihren Wunsch hin nach Braunschweig überführt.
Sie muss eine eigensinnige und mutige Frau gewesen sein und litt vermutlich genau daran. Über ihrem 200. Todestag hieß es aus dem 2. Korintherbrief: „Jeder gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang.“
Möge sie Frieden gefunden haben.

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  Ein Kind, in ein Tuch gewickelt...

Ein Kind, in ein Tuch gewickelt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.08.2021

Vielleicht haben Sie das auch gesehen: den norwegischen Soldaten in voller Montur, mit den Ohrschützern auf dem Kopf und in seinem Schoß das kleine Kind, eingewickelt in ein weißes Tuch, das schwarzhaarige Köpfchen lugte hervor. Oder den Marine mit dem Kleinkind im Arm, das kurze Shirt, die kleine blaue Hose, nackte Arme und Beine …
Geborgen und verloren gleichermaßen.
Aus dem unbegreiflichen Zusammenbruch in Kabul sind diese beiden gerettet, wie auch immer diese beiden Kinder ihren Weg in die schützenden Arme gefunden haben – ich mag mir nicht vorstellen, wie Eltern das überstehen, falls sie ihre Kinder selbst fortgegeben haben.
Dabei hat es das immer wieder gegeben.
Jüdische Eltern haben ihre Kinder während des dritten Reiches fremden Menschen anvertraut, die sie außer Landes gebracht haben – wohl wissend, dass sie ihre Kinder womöglich nie wieder sehen.
In Mexiko und Afrika schicken Eltern ihre Kinder auf lebensgefährliche Fluchtrouten und legen ihnen die Hoffnung auf ein besseres Leben ganzer Großfamilien auf die Schultern.
Jetzt kommen solche herzzerreißenden Fotos aus Afghanistan.
Wer weiß, wo und wie diese Kinder großwerden.
Wer weiß, was sie wissen werden über ihre Eltern und Großeltern, ihr Heimatland und ihre Muttersprache, ihre Wurzeln.
Wer weiß, ob die Eltern noch leben …
Vielleicht werden wir diese Bilder am Heiligen Abend vor unserem inneren Auge haben, wenn wir uns daran erinnern, dass Gott sich uns Menschen als hilfloses Kind anvertraut – vielleicht in Tücher gewickelt mit solch dunklen Haaren, ganz sicher angewiesen darauf, dass Menschen sich seiner erbarmen.
Vielleicht werden wir daran denken, wenn uns anfasst, wie erbarmungswürdig die Umstände damals waren und immer wieder sind.
Und hoffentlich werden wir dann wieder singen (Paul Gerhardts 8. Strophe von „Fröhlich soll mein Herze springen“): „Wer sich fühlt beschwert im Herzen / wer empfind seine Sünd und Gewissensschmerzen; / Sei getrost: hier wird gefunden, / der in Eil machet heil / die vergiften Herzen…“

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  Euer Herz erschrecke nicht

Euer Herz erschrecke nicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.08.2021

Als Margot Käßmann 2010 in der Dresdner Frauenkirche die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ auslegte, begann sie ihre Neujahrspredigt mit dem Nachdenken, was es bedeutet zu erschrecken:
„Erschrecken - weil ich erkenne, dass es keine Perspektive gibt für mein Leben. …
Erschrecken - ich habe Schuld auf mich geladen. Das kann ich nicht wieder gut machen, da gibt es keinen Weg zurück.
Wenn wir so von tiefstem Herzen erschrecken, dann steht unser ganzes Leben auf dem Prüfstand. …
Euer Herz erschrecke nicht!“ sagte sie damals „das ist sozusagen die Visitenkarte Gottes. Wir dürfen darauf vertrauen: Gott will uns begleiten auf allen unseren Wegen - Gottes Engel weichen nie. Aber es gibt einen Kontrast zwischen Gottes Zusage und unserem unfertigen, unvollkommenen Leben. Da ist eine Verheißung spürbar, aber die Realität ist knallhart….
Nichts ist gut in Sachen Klima …
Nichts ist gut in Afghanistan.
Waffen schaffen offensichtlich keinen Frieden in Afghanistan.“
Damals erntete sie Häme, Spott und Empörung.
Wenig später reiste ihr Nachfolger Nikolaus Schneider nach Afghanistan.
Er redete von Hoffnung auf dünnem Eis.
Von der Gefahr des Scheiterns.
Und initiierte eine Denkschrift der EKD zum Einsatz in Afghanistan und der Frage evangelischer Friedensethik. In einem Interview sagte er dazu: „Die Welt ist noch nicht das Reich Gottes und es gibt das Böse als einen realen Machtfaktor.“
Da hat er Recht. Ich höre es und spüre, dass wir angesichts der Nachrichten und Bilder der letzte Wochen heute noch ganz anders erschrocken vor diesen großen Themen stehen. Betroffen. Beteiligt. Gescheitert.
„Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich… “
Das gilt noch immer. Lasst uns damit endlich anfangen, sonst hört der Schrecken nicht auf.



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  Vier Minuten

Vier Minuten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.08.2021

Am 25. Mai 2020 starb George Perry Floyd in Minneapolis, nachdem ein weißer Polizeibeamter neun Minuten und 29 Sekunden lang mit vollem Körpergewicht auf seinem Hals kniete.
Ein Aufschrei ging um die Welt.
Weit über die Vereinigten Staaten hinaus demonstrierten Menschen aller Hautfarben gegen Polizeigewalt und Rassismus. Das Motto „Black Lives Matter“ war in aller Munde.
Im Juni dieses Jahres wurde der Polizist zu 22,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zur gleichen Zeit starb ein anderer Mann. keine 400 km von hier in Tschechien unter ähnlich brutalen Umständen. Auch er 46 Jahre alt.
Stanislav Tomás lag auf dem Bauch, sein Oberkörper war nackt, auf seinem Rücken kniete ein Polizist, zweitweise waren es sogar drei. Der Todeskampf dauerte vier Minuten. Von einer Intervention umstehender Zeugen ist nichts bekannt. Ein Video von dem Mord im Netz wurde lange nicht bemerkt.
Der Mann gehörte zu Europas größter Minderheit: den Roma.
Die Polizei nannte eine Erkrankung der Herzkranzgefäße als Todesursache. Innenminister und Premierminister legten schnell nach: So einer könne nicht mit Samthandschuhen behandelt werden.
Wo bleibt der Aufschrei?
Wo bleiben Demonstrationen und ein Motto, das viral geht?
Nichts davon war zu erwarten.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes fasste die Ergebnisse ihrer Expertise über „Bevölkerungseinstellungen zu Sinti und Roma“ so zusammen:
„Bei keiner anderen Gruppe zeigt sich ein so durchgängig deutliches Bild der Ablehnung.“ Bei der Frage: Wen wollen sie auf keinen Fall in ihrer Nachbarschaft wohnen haben, landeten die Roma und Sinti auf dem Spitzenplatz.
Vorurteile ihnen gegenüber sitzen tief. Während des Nationalsozialismus wurde eine halbe Million Roma und Sinti ermordet. Es brauchte Jahrzehnte bis sie als Opfer der NS-Zeit anerkannt wurden.
Noch immer gibt es hier keine selbstverständliche Solidarität.
Über diesem Tag heute heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 3. Buch Mose: „Entweiht nicht meinen heiligen Namen!“
Das passiert immer, wenn ein Mensch seiner Würde beraubt wird. Immer.

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  Erhebt eure Häupter!

Erhebt eure Häupter!

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.08.2021

„Ruhiges und beherrschtes Ertragen von etwas, was unangenehm ist oder sehr lange dauert“, so steht es im Duden. Ich persönlich könnte manchmal eine Portion mehr davon vertragen und andere, die offensichtlich sehr viel davon haben, machen mich mitunter ganz unruhig. Wir sind sehr unterschiedlich damit ausgestattet, doch man kann eigentlich nie zu viel davon haben, weil sie ein Segen ist, die Geduld.
Wir brauchen sie im Wartezimmer unseres Zahnarztes genauso wie nach dem Absenden unserer Steuererklärung, sie war für viele zwingend erforderlich, als wir uns noch auf Wartelisten für Impftermine eintragen mussten, bei Kindern wird sie in der Zeit vor Weihnachten und vor dem eigenen Geburtstag stark strapaziert und diese Liste ließe sich munter fortsetzen.
Auch in unserem Verhältnis zu Gott kommen wir ohne Geduld nicht aus. Das Stück von Georg Friedrich Händel, mit dem uns Domkantor Gerd-Peter Münden gleich aus dem Mittagsgebet verabschieden wird, trägt den Titel: „Lift up your heads“, „Erhebt eure Häupter“. Ein Zitat aus dem Lukasevangelium. Jesus beschreibt dort, wie es sein wird, wenn er zurück in unsere Welt kommt – in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit, wie er sagt. Wenn das geschieht, dann mögen wir unsere Häupter erheben, weil sich unsere Erlösung naht.
Und bis dahin? Geduld bewahren, da haben wir’s wieder. Aber Geduld bewahren mit hängenden Köpfen, die wir erst dann wieder erheben können, wenn Jesus zurück in diese Welt kommt? Das kann es doch nun auch nicht sein, oder? Nein, ganz sicher nicht! Niemand von uns weiß, wann dieser jüngste Tag sein wird und niemand von uns hat darauf Einfluss. Aber in der Zeit bis dahin darf es uns durchaus gutgehen. Klar werden wir auch mal die Ohren hängen lassen, weil das zum Leben einfach dazugehört. Aber ein Dauerzustand soll und darf das nicht sein.
Am letzten Sonntag wurde in unseren Kirchen über einen Abschnitt aus dem Epheserbrief gepredigt und der enthält eine für uns in diesem Zusammenhang geradezu umwerfende Information. Denn Paulus schreibt, dass Gott uns nicht erst irgendwann in ferner Zukunft seine Herrlichkeit zeigen wird. Nein, wir sind bereits heute mit Jesus eingesetzt im Himmel, schreibt der Apostel.
Das ist doch erstmal eine Basis, auf der es sich gut leben lässt. Denn dieser Satz bedeutet: Gott wird sich nicht erst nach dem jüngsten Tag um uns kümmern, nein, er tut es schon jetzt – mit seiner Liebe, mit seiner Barmherzigkeit und mit seiner Vergebungsbereitschaft. Ja, wir müssen mit viel Geduld auf seine neue Welt warten, in der er selbst all unsere Tränen abwischen wird und in der wir mit ihm leben werden.
Und bis dahin wird uns das Leben ganz sicher und immer mal wieder mit Ereignissen, Erlebnissen und Erfahrungen konfrontieren, bei denen wir die Köpfe hängen lassen, weil sie uns Schmerz und Leid und Trauer bringen. Doch gerade in diesen Situationen ruft Gott uns schon heute zu: „Lift up your heads“, „Erhebt eure Häupter!“ Denn Himmelsbewohner seid ihr schon jetzt. Amen.

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  Enge Grenzen

Enge Grenzen

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2021

Eine Eigenschaft, die Menschen mitunter attestiert wird, ist, dass sie engstirnig sind. Damit ist nun keine anatomische Besonderheit der Schädelknochen gemeint, sondern vielmehr die Art und Weise, wie diese Menschen über bestimmte Sachverhalte denken. Wenn Meinungen sehr festgefahren sind, persönliche Haltungen bestimmte Überlegungen, Handlungen oder Standpunkte von vorherein ausschließen, dann wir oftmals dieser Vorwurf der Engstirnigkeit erhoben.
Dass wir unsere ganz persönliche Weltanschauung haben, unser eigenes Wertesystem und unsere gefestigte Sicht auf das ein oder andere Thema ist richtig und wichtig. Daran können wir uns orientieren, das gibt uns Halt und Sicherheit in neuen Situationen, im Kontakt mit bisher Unbekannten und Unbekanntem. Doch im Übermaß führt es zu fehlender Flexibilität im Denken, und das ist eher von Nachteil. Dann sind wir gefangen in unseren engen mentalen Grenzen und finden nicht mehr heraus.
Eines der aktuellen Wochenlieder macht das zum Thema. „Meine engen Grenzen“, so lautet der Titel und die erste Strophe geht so:
„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Es ist ein Gebet, eine Bitte, die vor Gott gebracht wird, und ich finde sie beeindruckend, weil sie so offen vorgetragen ist. Die Bitte klingt für mich so, als würde sie aus einer tiefen Einsicht über die eigene geistige Enge erwachsen. Die oder der Betende grenzt das gar nicht auf ein bestimmtes Thema ein – die engen Grenzen, die ich immer spüre, wenn ich über Ausländer nachdenke, über den Klimawandel oder über die Kirche. Nein, es geht um alle Grenzen, um alle Begrenztheit, um alle Denk- und Handlungshürden.
Diese kurze Sicht, wie es heißt, bringt der Beter oder die Beterin vor Gott mit der Bitte um Weite. Doch wie soll das gehen? Am Abend vor dem Schlafengehen schnell diesen Vers gebetet und am nächsten Morgen hat sich dann der persönliche Horizont in bisher ungeahnte Sphären vergrößert? Nein, ich fürchte, so wird das in aller Regel nicht funktionieren. Aber aussichtslos ist es deswegen trotzdem nicht.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott in der Lage ist, Menschen massiv und nachhaltig zu verändern, alte Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen und Raum zu schaffen für Neues. Ich bin mir deswegen so sicher, weil ich es an mir selbst erleben durfte. Gott kann durch sein Wort unseren Gedanken neue Richtungen geben, kann dazu beitragen, dass wir von dieser Welt, von unseren Mitmenschen und auch von unserem eigenen Leben ein komplett verändertes und meist klareres Bild erhalten.
Ja, wir können Gott, so wie in der zitierten Liedstrophe darum bitten. Viel wichtiger ist aber, dass wir uns öffnen für ihn und seine Botschaft, dass wir bereit sind, mit ihm und auch mit anderen Menschen über unseren Glauben und reden und darüber, welche Bedeutung er in unserem Leben hat, wo er uns leitet, wo er uns Fragen aufgibt, wo wir Zweifel haben.
Das, so denke ich, kann ein guter Weg sein, manches in einem anderen Licht zu sehen, das eine oder andere in Frage zu stellen und vieles neu zu entdecken. Das schafft Weite in uns, die wir dann neu füllen können – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Welttag der humanitären Hilfe

Welttag der humanitären Hilfe

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.08.2021

Heute ist der Welttag der humanitären Hilfe, oder besser gesagt, der Welttag der humanitären Helferinnen und Helfer. Er wurde von der UN-Vollversammlung ins Leben gerufen und wird jedes Jahr am 19. August begangen. Das Datum erinnert daran, dass am 19. August 2003 der UN-Sonderbeauftragte im Irak, Sergio Vieira de Mello zusammen mit 21 weiteren UN-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei einem islamistischen Bombenanschlag auf ein Hotel in Bagdad getötet wurden.
Die Zahl der Menschen, die weltweit freiwillig und ehrenamtlich in vielen Hilfsorganisationen humanitäre Hilfe leisten, ist unüberschaubar. Sie sind in den Schwellen- und Entwicklungsländern im Einsatz, aber auch in den Kriegs- und Krisengebieten, so zum Beispiel in Syrien, dem Libanon, in Afghanistan, oder, ganz aktuell, auch in den Überschwemmungsgebieten in unserem Land.
Die Hilfsbereitschaft ist groß und so geraten immer wieder Helferinnen und Helfer selbst in Gefahr, erleiden Verletzungen oder verlieren sogar ihr Leben. UN-Generalsekretär Guterres bezeichnete sie als die unbesungenen Helden dieser Welt.
Das, was diese Menschen leisten, ist kaum quantifizierbar und ohne ihr Tun wären das Leid und die Not auf dieser Welt sicher um ein Vielfaches größer. Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg zeigt, wie segensreich ihre Hilfe ist. Die vielen Hundert Hände, die dort mit angepackt haben und weiterhin mit anpacken, um Schutt und Schlamm zu beseitigen, Müll beiseite zu räumen aber auch die Menschen vor Ort zu trösten, sie hätten durch staatliche Maßnahmen niemals aufgeboten werden können.
Ich will hier niemanden für irgendetwas vereinnahmen, aber eine solche Art der Hilfe, ist für mich ganz dicht an dem, was Gott von uns erwartet, wenn es um unseren Umgang miteinander geht. Und nur, um es noch einmal klar zu sagen: Menschen, die einander Gutes tun, die den anderen in seiner Not sehen und helfen, die gibt es natürlich auch außerhalb der christlichen Gemeinschaft und gewiss nicht jeder, der sich einen Christenmenschen nennt, hat wirklich verinnerlicht, wie Gott unser Leben für uns gedacht hat.
Nichtsdestotrotz, wenn wir hier in einer Kirche über humanitäre Hilfe reden, dann ist Jesu Botschaft und sein Beispiel, das er uns mit seinem Leben gegeben hat, nicht wegzudenken: „Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, so sagt er. Und damit steht für mich fest, dass das Tun dieser Helferinnen und Helfer auf der ganzen Welt unter seinem Segen steht, ganz gleich welcher Konfession sie angehören. Der Welttag der humanitären Hilfe ist eine gute Gelegenheit, um an diese tätige Nächstenliebe zu erinnern. Amen.

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  Tempo

Tempo

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.08.2021

Die wichtigste technische Einrichtung an einem Auto ist die Bremse. Mein Fahrlehrer hat mir das vor knapp 40 Jahren mal gesagt und ich habe es mir gemerkt. Und ja, es stimmt auch. Wenn ein Auto aus welchen Gründen auch immer nicht losfahren will, ist das zwar ärgerlich, allerdings erst einmal keine Katastrophe. Wenn es aber nicht mehr anzuhalten ist und geradewegs auf ein Hindernis zurast, und wir sitzen drin, dann ist das schon eine andere Nummer.
Dabei spielt Geschwindigkeit bei uns in vielen Bereichen eine große Rolle und manch einer lässt sich ungern darin beschränken. Wie wären sonst die ewigen Diskussionen zu erklären, die immer wieder aufbrechen, wenn es um ein generelles Tempolimit auf unseren Autobahnen geht. Vor einiger Zeit hat unsere Lokalzeitung dazu einen Leserbrief veröffentlicht, dessen Autor die Meinung vertrat, es wäre ein Armutszeugnis, wenn man gerade uns Deutschen das Schnellfahren verböte, wo wir doch als Nation das Auto quasi erfunden hätten und im Gegensatz zu den anderen Europäern auch hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn beherrschten. Ich lasse das mal so stehen.
Doch nicht nur auf unseren Autobahnen, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen geht es rasant zu. Zum Beispiel an der Supermarktkasse: Da dürfen Sie sich auf keinen Fall durch irgendetwas ablenken lassen, denn ruckzuck kommen Sie mit dem Einpacken der gescannten Waren ins Hintertreffen. Die Kassiererin ist längst fertig, hat Ihnen vielleicht schon zum zweiten Mal zugerufen, wie viel Sie zu bezahlen haben, und Sie packen immer noch Käse, Wurst und Marmelade in Ihren Korb. Von den bösen Blicken der anderen Kunden in der Warteschlange will ich gar nicht reden.
Und auch, wenn wir uns mal was gönnen wollen, darf man sich nicht immer Zeit lassen. Es gibt Restaurants, da haben Sie die letzte Gabel kaum zum Mund geführt, und schon ist der Teller abgeräumt und während Sie noch auf dem Hauptgericht herumkauen, steht schon der Nachtisch vor Ihrer Nase.
Sören Kierkegaard hat mal geschrieben: „Die meisten Menschen hassten so sehr nach Genuss, dass sie an ihm vorbeirennen.“ Da ist viel Wahres dran. Und wer schlau ist, nimmt sich Zeit. Denn wenn wir mehr Zeit haben, dann ist die Zeit kein Gegner mehr, den ich möglichst gut austricksen muss, um ihn zu beherrschen. Wenn wir mehr Zeit haben, dann können wir uns auf das einlassen, was gerade dran ist und müssen nicht schon in Gedanken bei den nächsten Aktivitäten sein. Wir können, um noch mal in das vorherige Bild zurückzublenden, den Hauptgang bis zum letzten Bissen genießen, ehe wir uns dem Nachtisch zuwenden.
Auch die Bibel rät uns zur Entschleunigung. Sie berichtet, dass sich Jesus immer mal wieder zurückgezogen hat, um Zeit für sich selbst zu haben. 40 Tage war er in der Wüste, um zu fasten und zu beten, 40 Tage lang weg von allem Trubel, von aller Hektik, von allem Termindruck. Auch er hatte erkennt, dass die Bremse eine ganz wichtige Einrichtung ist – die im Auto genauso wie die in unserem Leben. Amen.

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  Hochmut kommt vor dem Fall

Hochmut kommt vor dem Fall

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2021

Es ist nicht das richtige Wetter dafür, aber es wird auch wieder kälter draußen und dann schmeckt ein Pharisäer einfach besser als jetzt im Sommer. Rein optisch kommt der ganz bieder als Kaffee mit Sahnehäubchen daher, doch er hat es in sich und zwar einen ordentlichen Schuss Rum, den man ihm allerdings nicht ansieht.
Auch hier klingt es also ein wenig an: Der Begriff des Pharisäers ist ambivalent belegt. Neben dem Kaffee mit Schuss wird er für Menschen verwendet, bei denen man vermutet, dass es zwischen ihrem Verhalten, der Art und Weise, wie sich geben und dem, wie sie wirklich sind, erhebliche Differenzen gibt. Pharisäer gelten als mit Vorsicht zu genießen.
Gestern wurde in unseren Kirchen das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner gelesen. Beide sind im Jerusalemer Tempel, um zu beten und der Pharisäer rühmt sich dabei selbst seiner großen Frömmigkeit und dankt Gott dafür, dass er nicht so lasterhaft, wie seine Mitmenschen und insbesondere wie dieser Zöllner ist, der mit ihm im Tempel betet.
Der Pharisäer spendet 10% von allem, was er verdient und legt zwei Fastentage pro Woche ein. Damit übererfüllt er die Regeln, die ihm das jüdische Gesetz vorgibt. Soweit ist das alles gar nicht dramatisch und wir könnten uns von seiner Konsequenz und Disziplin durchaus eine Scheibe abschneiden – mir jedenfalls täte das bisweilen ganz gut.
Kritisch wird es allerdings, wenn wir uns ansehen, wie er zu der Ableitung kommt, ein so frommer Mann zu sein. Er definiert sich über die anderen. Auf sie schaut er herab und missachtet sie. Und er will Gott seine Vollkommenheit vorführen, in dem er andere vor ihm schlechtmacht.
Das Ziel der Pharisäer, nach Gottes Regeln zu leben, ist durchaus ehrenwert, ihre Überheblichkeit ist es allerdings nicht. Sie haben sich so in ihre eigene Weltanschauung hineingelebt, dass sie Gott eigentlich gar nicht mehr brauchen, außer, um ihm zu zeigen, wie perfekt sie sind.
Und hier wird es nun wirklich gefährlich, denn bei dieser Haltung geht ihnen die Demut verloren. Pharisäer haben vergessen, dass auch sie nicht vollkommen sind, dass auch sie immer und immer wieder Fehler machen in ihrem Leben und dass sie, so wie wir alle, auf Gottes Hilfe, Gottes Beistand und Gottes Vergebungsbereitschaft angewiesen sind.
Wenn Menschen von sich angenommen haben, dass sie perfekt sind, ja, dass sie so wie Gott sind, dann hat das oft genug in die Katastrophe geführt und das nicht nur für diese Menschen selbst.
Der Zöllner gesteht sich selbst und auch Gott gegenüber ein, dass er seine Schwächen und seine dunklen Seiten hat. „Gott sei mir Sünder gnädig“, mehr betet er gar nicht, doch das genügt bereits, denn Jesus sagt, dass er gerechtfertigt nach Hause ging und nicht der ach so fromme Pharisäer.
Die Demut des Zöllners und seine Einsicht in die eigene Begrenztheit können uns ein gutes Beispiel sein. Es heißt nicht umsonst, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Jesus will uns davor bewahren. Hören wir doch einfach mal hin. Amen.

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  Afghanistan

Afghanistan

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.08.2021

Fast 20 Jahre lang waren deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan im Einsatz. 59 verloren dabei ihr Leben, viele kamen traumatisiert wieder nach Hause, nicht allen gelang bis heute der Weg zurück in ein „normales“ Leben. Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Auftrag und Anmaßung, über Verantwortbarkeit und Draufgängertum liefen während des gesamten Einsatzes und auch noch jetzt. „War es das wert?“, so fragten und fragen sich viele.
„Wie geht es weiter?“, war die nächste Frage, die die öffentlichen Diskussionen antrieb, nachdem nun auch die letzten internationalen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden. Bis vor ein paar Wochen konnte oder mochte es niemand so recht einschätzen. War es gelungen, die afghanische Armee im Laufe der Jahre so weit zu befähigen, dass sie auch ohne ausländische Hilfe die Stabilität in ihrem Land einigermaßen bewahren könnte?
Heute wissen wir, dass sie es nicht kann. Die Taliban scheinen nicht zu stoppen zu sein, erobern eine Provinzhauptstadt nach der anderen, verbreiten Angst und Schrecken, verüben unsägliche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und an jeder und jedem, der sich ihnen in den Weg stellt oder nicht ihre Weltsicht teilt. Und sie berufen sich bei alledem auf Gott.
Nur, um das noch einmal klar zu sagen: Es ist nicht irgendeine schräge Gottheit aus dem großen Fundus der Menschheitsgeschichte, nein, es ist der Gott Jakobs und der Gott Abrahams, auf den sie sich berufen. Es ist der Gott, der auch unser Gott ist.
Für uns Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts ist es nicht nachvollziehbar, wie man Gottes Botschaft so verbiegen und verfälschen kann, dass aus ihr diese menschenverachtende Gewalt und Unterdrückung ableitbar wären. Doch Gott musste schon oft herhalten, um menschliches Machtstreben und menschliche Allmachtsphantasien zu legitimieren. Denken wir an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, die Glaubenskriege des Mittelalters oder die Konflikte in Nordirland oder die vielen Facetten des Antisemitismus, die sich vorgeblich in Jesu Namen und in Jesu Auftrag vollzogen.
Gottes Botschaft wurde in all diesen Fällen als Alibi verwendet, um die eigenen Ziele und Absichten zu bemänteln. Und oft genug fiel und fällt die Saat dieses missbrauchten Wortes auf fruchtbaren Boden, denn Menschen glaubten und glauben es so. Doch sie übersehen und überhören dabei Gottes „Friede sei mit dir!“, mit dem er uns Menschen von alters her begegnet.
Gott ist ein Gott des Lebens, der Liebe und der Freiheit. Wie groß seine Liebe zu uns ist, hat er uns in Jesus Christus in einer Weise bewiesen, wie es eindrucksvoller nicht sein kann. Jede Form von Gewalt und Unterdrückung können nicht in seinem Sinne sein und Menschen, die das verkennen oder bewusst verleugnen, machen sich vor ihm schuldig.
Es ist schwer zu sagen, wie es gelingen kann, dem zunehmenden Terror in Afghanistan Einhalt zu gebieten. Ach könnte doch Vernunft und Einsicht bei denen einziehen, in deren Macht es liegt, Frieden zu machen. Möge Gott dazu helfen – darum wollen wir nun gemeinsam beten.

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  Schmerzhaft, noch immer ...

Schmerzhaft, noch immer ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.08.2021

Wer einen Menschen, für den er da sein will, im Krankenhaus oder Pflegeheim weiß, der erlebte in den vergangenen Monaten die denkbar schmerzhafteste Fremdbestimmung: er durfte nicht hin. Das ist schon schlimm genug, wenn es „nur“ darum geht eine schwere Zeit gemeinsam durchzustehen. Aber es hat auch Fälle gegeben, in denen es eine Trennung für immer war. Dabei ging es oft nur um ein paar Meter Luftlinie, die den Ausgesperrten draußen von ihrem Nächsten hinter den diversen Mauern trennten.
Heute am 13. August 2021 werden sich Menschen, denen sich dieses Datum eingebrannt hat, eines – wie Renate Meinhof in der SZ sehr bildhaft scheibt – schmerzenden Narbengewebes bewusst werden. Verbotene Gottesdienste, eingeschränktes Versammlungsrecht und verlorene Reisefreiheit – vor allem aber Kontaktbeschränkungen. Wer das einmal erlebt hat, samt dem Würgegriff, in dessen klammer das eine Leben vorüberging, wird es nicht mehr vergessen.
Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60. Mal.
Keiner hat das damals für ernsthaft möglich gehalten obwohl es beliebig viele Hinweise gab. Keiner hat die Mahnung von Virologen ernstgenommen als noch Zeit dafür war. Diese Woche erschien der Klimabericht – da hatte es Kassandra ja noch leicht.
In Berlin wird heute der Mauer gedacht. Inzwischen ist sie Geschichte, Gott sei Dank. Aber es hat Tote gegeben. Verlorene geteilte Lebenszeit. Das Narbengewebe schmerzt
Uwe Johnson, geboren 1934 in Pommern, heimwehkrank gestorben in einer einsamen Nacht in Sherness on Sea 1984, schrieb über eine „Art DDR-Bürger in der Bundesrepublik Deutschland“: „Wenn es einer Staatsmacht freisteht, eine Staatsbürgerschaft zu verhängen über Leute, die sie bei der Machtübernahme auf ihrem Territorium vorgefunden hat, so muss es diesen Leuten freigestellt werden, auf Staatsbürgerschaften von sich aus zu verzichten. … Gewiss, die DDR war eine Erfahrung … Was da an Biografie gestiftet wurde, war immerhin nicht alles notwendig zum Leben. Es ist nicht nötig, diese neu aufzumachen, aber sie verträgt es, offen zu bleiben.“
So ist es.
Über dem letzten Jahrestag des Mauerbaues, als sie noch stand, dem 13. August 1989, einem Sonntag, hieß es aus dem Propheten Jesaja: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Doch wird er nicht auslöschen.“
Das zu hören fällt heute schwer. Vielleicht fiel es auch dem Jesaja schwer, solche Worte auszusprechen?
Dies ist der Tag derer zu gedenken, die daran zerbrochen sind.


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  Schwimmen lernen

Schwimmen lernen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.08.2021

Wenn es irgendwie in den Tag passt, gehe ich eine Runde schwimmen, oft im Fümmelsee. Das Bad ist wegen des durchwachsenen Wetters nicht sonderlich voll aber ein Seepferdchenkurs ist im Gange.
Es sind vielleicht zehn Kinder im Vorschulalter, die da allerfreundlichst motiviert werden, ins tiefe Wasser steigen. Manche haben eine Schwimmhilfe, andere paddeln noch hektisch ganz nah bei der Lehrerin. Und ein paar ganz Unerschrockene wagen sich schon ein ordentliches Stück hinaus. Sie wissen , dass einer zuguckt und sind stolz, das jetzt endlich zu können und vielleicht sind sie schon dabei zu genießen, wie schön das ist: sich vom Wasser tragen zu lassen, dem eigenen Körper vertrauen, Rhythmus finden. Ein tolles Gefühl! Aber man kann es eben nicht von allein.
Es braucht einen, der es zeigt, der Sicherheit gibt und im richtigen Moment loslässt, der die Balance von Sicherheit und Freiheit erspürt, der weiß, was es bedeutet, Vertrauen zu wagen.
Darum geht es oft im Leben - ob wir uns wagen, uns aufeinander zu verlassen und gegenseitig Freiheit zu gönnen - beim Schwimmenlernen bekommt man eine Idee davon. Es geht um viel.
Das scheinen auch die Kinder zu ahnen. Denn immer gibt es ein oder zwei, die zaudern, frierend am Rand stehen, die Arme fest um den Leib geschlungen - lieber nicht. Wer weiß, am Ende sieht und hält mich keiner… Man sieht den kleinen zerfurchten Stirnen die Frage an: warum muss ich das denn lernen? Schon im jüdischen Talmud steht:.
„Ein Vater ist seinem Sohn gegenüber verpflichtet, ihn … schwimmen zu lehren.“ Nicht etwa rechnen oder schreiben - schwimmen muss man lernen! Um selbst sicher zu sein und vor allem, um anderer retten zu können. Und weil es wirklich wichtig ist, stellte die deutsche Rabbinerversammlung 1846 in Breslau klar, dass selbstverständlich auch Mädchen schwimmen lernen sollen.
Aber inzwischen steigt die Zahl der Nichtschwimmer; erst recht nachdem die Bäder so lange geschlossen waren und Eltern für ihre Kinder keine Gelegenheit fanden, sich im wahrsten Sinne des Wortes endlich freizuschwimmen. Jetzt geht es. Endlich wieder.
Lebenserfahrung gewonnen, Vertrauen gewagt und einer uralte Glaubenserfahrung begegnet, die wir genauso wie das Schwimmen weitergeben sollen: Denn es heißt bei Jesaja heißt: „Wenn du durchs Wasser gehst, so will ich bei dir sein, und wenn durch Ströme gehst, so sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden, und die Flamme soll dich nicht verbrennen.“

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  Gewalt in Äthiopien

Gewalt in Äthiopien

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.08.2021

Wer den Lebensgeschichten unserer Großmütter zuhört, der stößt immer wieder auf Löcher, Narben, Schweigen. Die Mutter in der Küche, die Ausschabung unter unmenschlichen lebensgefährlichen Umständen, die kinderlose Frau mit der Perücke und den vielen Puppen hatte Syphilis nachdem…
Nachdem ihnen Soldaten Gewalt angetan hatten.
Gewalt an Frauen gehört seit jeher zur Kriegführung dazu - die Narben sollten möglichst tief bleiben. Wenn Kinder zusehen müssen, umso besser, dann wissen sie gleich Bescheid, wer die Macht hat.
Es ist ein solch unaussprechliches Leid, dass noch Kinder und Kindeskinder darüber verstummen werden. Unaussprechlich, erstickend, zutiefst entwürdigend…
Genauso ist es gemeint.
Einmal mehr vollzieht sich diese barbarische Art der Kriegführung jetzt in Äthiopien.
Das beeindruckende Land mit seiner unglaublichen Kultur, den uralten christlichen Felsenkirchen, den berührenden Wandmalereien mit den großäugigen Menschen - versinkt in Hunger, Krieg und der Gewalt an Frauen und Kindern.
Amnesty International veröffentlichte jetzt einen Bericht über das Ausmaß dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Details sind so bestürzend, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte, wenn das meine Mutter, Schwester oder Tochter betroffen hätte….
Dabei sind es unsere Schwestern. Womöglich haben wir bei ihnen gesessen und zugesehen, wie sie Fladen backen oder Kaffee rösten, ihre Schönheit bestaunt. Denn der Braunschweiger Dom ist Äthiopien auf besondere Weise verbunden. Viele Braunschweiger*innen sind in den letzten Jahrzehnten in den Norden des afrikanischen Landes gereist, noch viel mehr haben die äthiopische Schule an der deutschen Gemeinde unterstützt – bis heute. Kinder aus entsetzlich armen Familien gehen dort zur Schule. Denn Bildung eröffnet Zukunft - für jeden Einzelnen, für das ganze Land.
Gestern hat die Regierung in Addis Abeba die Bevölkerung aufgerufen, sich dem Kampf gegen die Rebellen aus Tigray anzuschließen. Das Büro des Ministerpräsidenten Abiy Ahmed forderte "alle fähigen Äthiopier" auf, sich bei Armee, Spezialeinheiten und Milizen zu melden …
So werden die jungen Männer, die vor ein paar Jahren noch in der blauen Schuluniform auf den Bänken der German Church School saßen wohl in den Krieg ziehen.
Gestern noch habe ich hier von der übergangenen Schweigeminute während der olympischen Spiele in Tokio gesprochen - ausgeblendet war dort die Erinnerung an Krieg und Gewalt. Heute holen wir sie nach: - Schweigen - HERR ERBARME DICH.

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  Schweigeminuten

Schweigeminuten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.08.2021

In der Bibel wird viel geschwiegen.
Adam spricht nicht, als Eva ihm den Apfel vom verbotenen Baum anbietet.
Isaak spricht nicht, als er seinen Sohn opfern soll.
Noah schweigt.
Solches Schweigen markiert Leeerstellen.
Solches Schweigen geht sicher nicht mit Gefühllosigkeit einher.
Solchem Schweigen wohnt die Aufforderung inne, sich hineinzuversetzen in den Menschen, der keine Worte hat.
Indem wir auch innehalten oder doch wenigstens solche Schweigemomente bewusst wahrnehmen, steigen wir in die Situation ein und nehmen das Schicksal derer, die schweigen wollen oder keine Worte haben, ernst.
Manchmal steigen dann die Worte in uns auf, die hätten gesagt werden sollen: die Bitte um Vergebung, das Bekenntnis der Verantwortung füreinander, ein Wort von Herzen.
Manchmal verändert uns das.
Manchmal führt uns solch ein geteilter Schweigemoment näher zusammen.
Manchmal kommen wir dem Bibelwort: „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ ein bisschen näher.
Darum ist die fehlende Schweigeminute für die Opfer des Atombombenabwurfes 1945 während der Olympischen Spiele letzte Woche in Tokio mehr als eine Instinkt- und Taktlosigkeit. Es scheint, als habe man vergessen, dass gerade die Olympiade dem friedlichen Wettstreit und eben der Völkerverständigung dienen soll. Sportler*innen aus aller Welt messen sich in der Disziplin, die sie lieben und für die sie brennen und sie sind zu Gast in einem Land, das sich präsentiert, ein bisschen besser verstanden werden will. Seine Schmerzen auszublenden oder es für unpolitisch zu halten, sich nicht erinnern zu wollen – macht die Leerstelle größer, das verständnislose Schweigen zwischen Menschen tiefer.
Dabei hätte es ganz anders sein können.
Es hätte ein Moment der Nähe, der Fülle sein können. Denn solches Schweigen gibt es ja auch. Von Maria an der Krippe kennen wir keine Worte, wohl aber dass sie diese Augenblicke in ihrem Herzen als Kostbarkeit bewahrt hat.

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  Geschäftsführer

Geschäftsführer

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2021

Herbert Diess ist es bei VW, Jens-Uwe Freitag ist es bei BS-Energy und Christoph Schulz bei der Braunschweigischen Landessparkasse. Sie sind angestellte Geschäftsführer beziehungsweise Vorstände. Das entscheidende Merkmal solcher Berufe oder Positionen ist, dass man weitgehende Entscheidungskompetenzen hat, das Unternehmen einem aber nicht gehört. Eigentümer ist jemand anders. Die genannten Herren sind nur angestellt.
Das ist jetzt gar nichts so Besonderes, denn angestellte Geschäftsführer sind wir gewissermaßen alle und wir haben diesen Posten von niemand geringerem als von Gott höchstpersönlich übertragen bekommen. Gott hat uns zu Geschäftsführern dieser Welt gemacht und zu Geschäftsführern unseres Lebens gleich mit. Er hat uns umfassende Vollmachen ausgestellt, mit denen wir verwalten und gestalten können. „Macht euch die Erde untertan“, hat Gott uns gesagt, „bringt sie zum Blühen und Gedeihen“. Doch das Eigentum liegt nach wie vor bei ihm. Gott gehört der ganze Laden und wir und unser Leben gehören ihm auch.
Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich in Ihnen jetzt leichter Widerstand regt. Denn das anzunehmen, insbesondere, dass unser Leben nicht uns gehört, das will erst einmal verdaut werden. Diese Herausforderung ist nicht neu. Schon Adam und Eva konnten sich nicht damit abfinden. Sie wollten sein wie Gott, wollten nicht nur Geschäftsführer, sondern Eigentümer werden und dachten, dass sich das am elegantesten mit der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis hinbekommen ließe. Geklappt hat das nicht, wie wir alle wissen.
Doch auch unsere Verhaltensweisen und unsere Lebensführung gehen nach wie vor in diese Richtung. Denn wir benehmen uns doch oft genug so, als gehörte uns diese Welt und unser Leben. Selbstbestimmt wollen wir sein, das hat in unserer Zeit und in unserem Kulturkreis einen ganz hohen Stellenwert. Es reicht uns mehr als aus, wenn wir im Beruf unseren Cheffinnen und Chefs Rechenschaft schuldig sind. Aber bitte doch nicht auch noch Gott.
Auf den greifen wir gern zurück, wenn es uns mal nicht so gut geht, wenn es holprig wird auf unseren Lebenswegen, wenn wir mit unserem eigenen Latein am Ende sind. Dann darf er gerne helfen und den Karren für uns wieder aus dem Dreck ziehen. Aber ansonsten, bitteschön, machen wir schon gern, was uns gefällt mit unserem Leben und dieser Welt und überhaupt.
Aber so funktioniert das nicht. Wir kommen nicht umhin, anzuerkennen: Alles, was wir sind und haben, ist uns nur anvertraut, nur geliehen, nur zur pfleglichen Verwendung überlassen. Doch es ist und bleibt Gottes Eigentum.
Ja, man kann das als Beschränkung und Einengung empfinden. Doch auch eine andere Sicht ist möglich: Gott traut uns zu, aus all dem, was von ihm kommt, Gutes zu machen. Er traut uns zu und befähigt uns, ein Leben zu führen, dass von seinen Werten geprägt ist: von Respekt, von Wertschätzung und von ganz viel Liebe. Und er traut uns zu, diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem es uns allen gutgehen kann. Was für ein großes Vertrauen! Und wenn wir in diesem Bemühen seine Hilfe brauchen, wird er uns nicht im Stich lassen, sondern und begleiten und unterstützen.
Und so gesehen ist doch Geschäftsführer von Gottes Gnaden der beste Job, den wir finden konnten, oder? Amen.

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  Vorfreude

Vorfreude

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2021

„Sei gegrüßet, Jesu gütig“, das ist der Titel des Chorals, über den Johann Sebastian Bach Variationen geschrieben hat, die uns Domkantor Gerd-Peter Münden heute spielt. Der Text des Chorals ist üppig barock und für Ohren des 21. Jahrhunderts eher fremd. Auffällig ist jedoch, dass die ersten fünf Strophen absolut identisch mit der folgenden, an Jesus gerichteten Bitte enden: „Lass mich deine Lieb ererben und darinnen selig sterben!“ Klassische Fragestellung: Was will uns der Verfasser damit sagen?
Die schweizerische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat in einem ihrer Bücher geschrieben, dass nahezu alle Menschen so leben, als seien sie unsterblich. Diese Haltung resultiert aus unseren Erfahrungen. Denn wir erleben zwar den Tod, doch er betrifft immer nur die anderen. Es sterben Freunde, Bekannte, Familienangehörige, doch wir eben nicht. Rein rational wissen wir schon, dass auch wir irgendwann mal dran sind, doch unser Unterbewusstsein zieht sich lieber auf die eigene Erkenntnis zurück, dass das unmittelbare Sterben nur ein Thema der anderen ist.
So sind wir auch in unserer Gesellschaft unterwegs. Sterben und Tod werden da ziemlich an den Rand geschoben. Sie sind unangenehme und spaßbremsende Themen, über die man ungern spricht. Der Tod gehört zum Leben, ja, das geben wir schon noch leise zu, aber einen angemessenen Platz räumen wir ihm selten ein. Sterben ist gesellschaftlich ein unvermeidbares Übel und möge sich doch bitte unauffällig in unseren Krankenhäusern oder Altersheimen vollziehen.
Unser Liedtexter hatte da offensichtlich eine ganz andere Sicht auf das Thema. Sonst hätte er nicht fünfmal um ein seliges Sterben gebeten. Vom christlichen Standpunkt erschließt es sich auch deutlich anders. Paulus sagt: „Christus ist mein Leben, aber Sterben ist mein Gewinn!“ Ja, wir Christinnen und Christen haben eine wunderbare Perspektive, nämlich die, dass es nach unserem irdischen Leben ein weiteres, wunderbares und ewiges geben wird, noch dazu in einer Welt, in der sich Gerechtigkeit und Friede küssen und Gott höchstpersönlich alle unsere Tränen abwischen wird, wie uns die Bibel berichtet. Darauf kann man sich ja durchaus freuen und das bringt Paulus zum Ausdruck, wenn er schreibt: Sterben ist mein Gewinn. Aber merkt man uns Otto-Normalverbraucher-Christenmenschen diese Vorfreude auch an? Ich habe da so meine Zweifel. Ich erlebe uns doch schon stark im Klammern und Festhalten an allem Irdischen, am schicken Urlaub, dem eigenen Häuschen, dem tollen Auto, und, und und.
Klar, ohne Gottes Zutun hätten wir all das nicht erreicht. Jesus sagt, dass er uns ein Leben in Fülle schenken will und so hat er ganz sicher nichts dagegen, dass wir unser Leben hier auf der Erde auch kräftig genießen. Doch all das ist nicht für ewig und wir sollen bitteschön unsere Herzen nicht so sehr daran hängen, dass wir auf einmal gar keine Lust mehr auf den Himmel haben. Denn wirklich perfekt und wirklich vollendet wird alles erst dort sein.
Aus dieser Vorfreude auf den Himmel heraus lässt sich, wie ich finde, auch im Hier und Jetzt deutlich entspannter leben. Wir müssen aus unseren Jahren nicht alles herauspressen, müssen uns nicht über jede Unzulänglichkeit und jeden unausstehlichen Zeitgenossen ärgern und aufregen. Wir können voller Vertrauen und tiefenentspannt unsere Tage in Wertschätzung und Respekt zueinander verbringen, denn das Beste kommt ja noch! Und wenn wir dann irgendwann am Übergang stehen, können wir vielleicht doch in den alten Choral einstimmen: „Lass mich deine Lieb ererben und darinnen selig sterben!“ Amen.

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  PERSPEKTIVWECHSEL

PERSPEKTIVWECHSEL

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2021

Haben Sie sich schon eine Fahrt mit dem Riesenrad gegönnt, das hinter dem Dom auf dem Platz der Deutschen Einheit steht? Ich bin mitgefahren und war begeistert über die ungeahnten Ausblicke, die man aus der Gondel auf unsere Stadt bekommt. Es ist schon was Anderes, ob man sich auf dem Schützenplatz, wo das Riesenrad sonst immer stand, oder mitten im Stadtzentrum in diese luftigen Höhen begibt. Da öffnet sich der Blick in bisher unbekannte Hinterhöfe, auf Dachgärten und Balkone und auch unseren Dom bekommt man aus einer anderen Perspektive zu Gesicht. Ein Riesenrad ermöglicht uns Perspektivwechsel. Im richtigen Leben ist das oft wesentlich anstrengender.
Menschen sind lernfähig. Ja, ich weiß, bei dem einen oder anderen Zeitgenossen kann man da so seine Zweifel haben und selbstkritischerweise schüttele ich auch immer mal wieder über mich selbst den Kopf, wenn mir derselbe Fehler zum dritten oder vierten Mal passiert und ich denke: „Na, so langsam müsstest Du es aber auch mal begriffen haben!“
Wir lernen aus Erfahrungen, die wir machen, wir erkennen Muster, finden unsere eigenen Standpunkte und Bewertungen und auch unsere Strategien, um Sachverhalte zu bewerten und Probleme zu lösen. Wir kategorisieren Themen, Meinungen und auch Menschen, beurteilen ihr Verhalten, finden sie sympathisch oder eben auch nicht und all das wird angetrieben aus unserem Erfahrungsschatz und unserer Weltanschauung insgesamt.
Ein solches System aus Erlerntem und Erfahrenem ist notwendig, damit wir uns in dieser Welt zurechtfinden und nicht untergehen. Doch es kann auch hinderlich sein, dann nämlich, wenn wir auf bisher unbekannte Situationen stoßen, in den wir uns mit unseren eingeübten Denk- und Verhaltensmustern in eine Sackgasse manövriert haben und nicht weiterkommen. Dann kann ein Perspektivwechsel hilfreich sein, doch den hinzubekommen, ist eine große Kunst. Denn wir müssen dazu unsere eigene Position und manchmal auch unsere eigene Person in Frage stellen, uns auf neues und ungewisses Terrain begeben und so unsere Komfortzone verlassen. Je nach Typ kostet das echte Überwindung – ich weiß, wovon ich rede.
Auch, wenn wir uns dafür entscheiden, Jesus Christus einen festen Platz in unserem Leben einzuräumen, geht das nicht ohne einen grundlegenden Perspektivwechsel. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, mit diesen Worten lädt uns Jesus dazu ein. Selbstverleugnung, Umkehr und Nachfolge – das eröffnet ganz sicher viele neue Perspektiven, aus denen heraus wir auf diese Welt, auf unsere Mitmenschen aber auch auf unser eigenes Leben blicken können.
Das ist spannend und herausfordernd gleichermaßen. Doch mit Gott an unserer Seite sind wir dabei auf alle Eventualitäten gut vorbereitet und können uns ohne Angst und Unsicherheit auf das einlassen, was an neuen Erkenntnissen auf uns wartet. Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versprechen: Es wird das Leben in positiver Weise verändern und bereichern. Amen.

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  Reden und Hören

Reden und Hören

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2021

Ich kann nicht in Ihre Köpfe gucken und Sie nicht in meinen und das ist auch gut so, wie ich finde, denn das, was da in unserem Oberstübchen passiert, ist zunächst einmal Privatangelegenheit und wir entscheiden, was davon nach draußen soll und was eben nicht. Manchmal funktioniert dieser Selbstbestimmungsfilter nicht so richtig und wir sagen Sachen, die wir doch besser für uns behalten hätten, doch im Wesentlich kriegen wir das schon hin.
Genauso bleibt im Verborgenen, was denn in unseren Köpfen mit all dem passiert, was an Signalen, Impulsen und Informationen von draußen so alles reinkommt. Manchmal merken wir es sogar selbst gar nicht gleich, was ein bestimmtes Erlebnis oder Ereignis in uns auslöst und sind dann mitunter überrascht, wenn unser Körper oder unsere Seele eine Reaktion zeigt, mit der wir nicht gerechnet haben und auf die wir auch nicht vorbereitet waren.
Zu dem, was von außen kommt, zählt im Übrigen auch das, was wir, die wir hier auf der Kanzel stehen, Ihnen so alles mitgeben. Natürlich haben gibt es eine Botschaft, die wir transportieren wollen, eine Kernaussage, ein Ziel, auf das die Predigt oder das Wort zum Alltag zuläuft. Was Sie aber daraus in Ihren Köpfen machen, oder besser gesagt: was damit passiert, darauf hat der Prediger oder die Predigerin so gut wie keinen Einfluss.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Meine Rede und meine Verkündigung sollten euch nicht durch ihre Weisheit überreden. Vielmehr sollte in ihnen Gottes Geist und Kraft zur Geltung kommen. Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes.“ Paulus sagt das von sich selbst und es steckt viel Wahres darin.
Vielleicht kennen Sie ja auch solche Predigten, in denen Fragen aufgeworfen werden und der oder die Predige Ihnen gleich die einzig richtige Antwort mitliefert. Solche Predigten wirken dann oft geradezu erdrückend „richtig“ und lassen wenig bis gar keinen Raum für eigene Gedanken. Schnell ist man so in die Nähe der Belehrung und der Manipulation gerutscht. Fundamentalisten, religiöse oder politische und ganz egal welcher Couleur, reden so. Sie wollen den Menschen vermitteln, dass es nur eine Wahrheit gibt und dass sie diese Wahrheit für sich gepachtet haben.
Doch Paulus hebt hier mahnend den Finger. Wir Menschen sollen uns nicht gegenseitig zum Glauben überreden. Das wäre anmaßend und wir würden uns damit auch selbst überfordern. Der Glaube ist und bleibt ein Gottesgeschenk, dem eine gute Predigt bestenfalls ein wenig den Weg ebnen kann, mehr aber auch nicht. Der Glaube kommt aus Gottes Kraft, sagt Paulus, und das sollten Redende aber eben auch Hörende immer im Hinterkopf haben.
Denn für beide gilt: Wenn der Herr nicht will, dass Glaube entsteht, dann können wir uns abstrampeln, so viel wir wollen. Es wird nichts nützen, denn Glaube ist nicht verfügbar. Was wir tun können, ist offen zu sein für Gottes Wort und Gottes Nähe. Alles andere liegt nicht in unserer Hand – und das ist auch gut so. Amen.

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  Einfach mal fragen

Einfach mal fragen

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.08.2021

Schwere Unwetter mit Überschwemmungen in Westdeutschland, Bayern und Sachsen, lebensbedrohende Hitze bei den Mittelmeeranrainern, vernichtende Dürre in vielen Teilen der Welt – der Klimawandel zeigt sich allerorten und dass es sich dabei vielleicht doch nur um schlechtes Wetter handelt, ist wissenschaftlich mittlerweile unbestreitbar widerlegt. Gestritten wird allerdings doch und zwar über die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind. Die Experten mahnen und drängen auf schnelle Entscheidungen und noch schnelle Umsetzung, denn es sei mittlerweile nicht mal mehr fünf vor zwölf, sondern schon deutlich später.
Szenenwechsel. Sie wird wohl kommen, die vierte Corona-Welle. Doch in welcher Intensität und mit welchen Folgen, darauf haben wir wohl noch Einfluss. Wir können sie abmildern und die Konsequenzen im Rahmen halten, wenn wir jetzt zügig die richtigen Dinge tun, wenn wir nicht zögern, sondern entscheiden und machen.
Jede und jeder von uns muss tagtäglich Entscheidungen treffen. Bei vielen wird uns das gar nicht bewusst, weil es um Kleinigkeiten geht. Ob ich zum Frühstück nun Marmelade oder Käse oder beides esse oder erst das rechte oder das linke Brillenglas putze, bedarf keiner stundenlangen Güterabwägung. Wir machen es einfach, und gut. Doch bei den großen Themen, wie Klimawandel und Corona, da ist das anders. Da wird viel diskutiert und auch gestritten, da werden Experten befragt, die dann mitunter auch miteinander diskutieren und in Streit geraten, da mischen sich Lobbyisten ein, es gibt Demonstrationen und Kundgebungen und manchmal meldet sich auch die Kirche zu Wort und bringt ihre Position mit ein. Ich finde es gut, dass das so ist. Denn nur, wenn alle Betroffenen und Beteiligten, alle Sachverständigen und Verantwortlichen die Chance haben, sich einzubringen und ihre Fragen und Antworten zu platzieren, kann eine gute und profunde Entscheidung getroffen werden. Meinungsfilter und sonstige Zensur, welcher Art auch immer, sind kontraproduktiv und das stumpfe Ignorieren von Fakten ist es ebenfalls.
Doch trotz aller Beratungen und Informationen bleibt es bisweilen schwer, sich aus dem Sammelsurium von Ahnung und Meinung, Wissen und Wollen und Denken und Sagen ein objektives Bild zu machen, weil eben immer Unsicherheiten bleiben. Ich habe die Entscheidungsträger insbesondere in der Politik in den vergangenen Monaten wirklich nicht beneidet, denn es war klar: Egal, welche Entscheidung sie treffen würden, Prügel würden sie dafür auf jeden Fall ernten. Sie konnten sich nur aussuchen, von welcher Seite.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Herr, wohin sollen wir gehen?“ Petrus richtet diese Frage an Jesus und ich denke mir: Wir sollten diese Frage viel öfter stellen. Sicherlich, Jesus liefert uns keinen neuen Corona-Stufenplan für beziehungsweise gegen die vierte Welle und auch keinen konkreten Maßnahmenkatalog zur Begrenzung der Erderwärmung. Um die Details müssen wir uns schon selbst kümmern. Aber er hilft uns durch seine Botschaft und das Beispiel seines Lebens, uns grundlegend zu orientieren.
Denn wenn ich weiß, dass jede gute Entscheidung die Schwachen und Hilfsbedürftigen in den Blick nimmt, Menschenwürde und Menschenrechte als höchstes Gut sieht, sich zur Verantwortung für Gottes Schöpfung bekennt und in Demut vor Gottes Größe und Allmacht getroffen wird, dann ist so manche Alternative von vornherein vom Tisch.
Eine kurze Frage, die für Klarheit sorgen kann: Herr, wohin sollen wir gehen? Amen.

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  Ach bleib!

Ach bleib!

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2021

Heute ist der Todestag von Josua Stegmann. Der evangelische Theologe starb 1632 in Rinteln an der Weser. Möglicherweise werden Sie mit dem Namen nicht gleich etwas anzufangen wissen, denn er begegnet uns im wahrsten Sinne des Wortes im Kleingedruckten – im Kleingedruckten unserer Gesangbücher, denn Josua Stegmann textete das Lied „Ach bleib mit deiner Gnade“. Sechs kurze Strophen sind es und jede beginnt mit der Bitte „Ach bleib!“ und nennt jeweils ein göttliches Attribut, ohne das wir uns in unserem Leben schwertun würden.
Um Gnade geht es ganz zu Beginn. Sie ist wahrscheinlich das größte und persönlichste Gottesgeschenk überhaupt. Ich denke, dass allein schon unser Leben an sich Gnade ist, der Umstand, dass wir hier sein dürfen auf dieser Welt. Und wie groß dieses Geschenk gerade an uns ist, mögen wir daran ermessen, dass wir ein so privilegiertes Leben führen dürfen. Wir sind materiell in aller Regel gut abgesichert, leben seit vielen Jahrzehnten in Frieden und haben große Freiheiten, unser Leben zu gestalten. Ein Blick über den Tellerrand hinaus zeigt uns sehr schnell, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
„Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht“, so lautet die dritte Strophe. Es sind große Worte, die im Liedtext so unaufdringlich daherkommen. Es geht um Jesus Christus, der als Licht in unsere Welt gekommen ist, wie er selbst von sich sagt. Licht gibt uns Orientierung, wenn wir in der Dunkelheit unserer Angst, unserer Trauer oder unserer Hoffnungslosigkeit nicht mehr wissen, wie und wohin es weitergehen kann. Unser Glaube kann uns dann Wegweiser sein, unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg, wie es im 119. Psalm heißt. Dieses Licht ist lebensnotwendig; auch Josua Stegmann wusste das.
„Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott“, darum bittet Stegmann in der letzten Strophe. Ich finde diese Bitte gut nachvollziehbar. Was muten wir Gott nicht so alles zu. Wir missachten seine Regeln, gehen oft genug alles andere als liebevoll miteinander um, sind nicht gut darin, Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Welt gerecht zu verteilen und unser Umgang mit Gottes Schöpfung, die er uns anvertraut hat, lässt auch mehr als zu wünschen übrig.
Es wäre nur verständlich, wenn sich Gott von uns abwendete mit den Worten: „Dann macht doch euren Kram alleine, wenn ihr meint, ihr braucht mich nicht!“ Aber das tut er nicht. Seine Liebe ist so groß, dass sie immer noch und immer wieder die Kraft zur Vergebung findet. Ach bleib mit deiner Treue; eine weise Entscheidung des Verfassers, so zu singen und zu beten.
Gnade, Wort, Glanz, Segen, Schutz und Treue, darum bittet Stegmann in seinem Liedtext. Und tatsächlich sind es genau diese Dinge, die wir brauchen, damit unser Leben gelingen kann, damit es erfüllt und glücklich ist, damit wir Lebensfreude empfangen und an andere weitergeben können – dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert. Amen.

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  Ein gutes Fundament

Ein gutes Fundament

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.08.2021

Gestern wurde über das ziemlich sperrige Gleichnis von dem klugen und dem törichten Baumeister in unseren Kirchen gepredigt. Und dieses Gleichnis geht so: Jesus sagt, dass wer sein Wort hört und danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Es kommen Sturm und Regen, doch das Haus hält all dem stand. Wer sein Wort aber nur hört, und nicht danach handelt, der ist wie jemand, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Es kommen Sturm und Regen und das Haus stürzt ein.
Jesus gibt hier keine praktischen Tipps für sicheres Bauen. Das Haus in seinem Gleichnis steht für unser Leben und unser Seelenheil. Es geht darum, ob wir dereinst teilhaben werden an Gottes Herrlichkeit oder ob uns Petrus an der Himmelspforte höflich aber bestimmt sagen wird: „Tut mir leid, aber Du kommst hier nicht rein!“
Klingt für mich so ein wenig nach Erpressung. „Entweder Du tust, was ich Dir sage, oder ich lasse Dich fallen wie eine heiße Kartoffel“, so könnte man die Aussage Jesu etwas schnodderig zusammenfassen. Es will so gar nicht zu dem passen, was uns zum Beispiel Paulus sagt: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.“ Ja was denn nun?
Ich denke, dass Jesus und Paulus sich nicht widersprechen, denn, wenn wir tatsächlich als Christinnen und Christen, also aus unserem Glauben heraus, auf Jesu Worte hören, dann bedarf es meines Erachtens gar keine Drohungen mehr, damit wir unser Hören und unser Handeln in Einklang bringen.
Christlicher Glaube ist nichts nur für die eigene Westentasche. Er ist eine Lebenshaltung, die ganz automatisch den Nächsten sieht in seiner Hilfsbedürftigkeit, eine Lebenshaltung, aus der heraus Wertschätzung und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen ganz selbstverständlich einen hohen Stellenwert haben, eine Lebenshaltung, die dazu führt, dass wir es richtig finden, einander freundlich zu begegnen und Gottes Schöpfung zu achten und zu bewahren.
Und eine Lebensweise, die aus dieses Haltung erwächst, die empfindet all das nicht einfach nur als Last und Mühe, sondern sie versteht es als ein gutes Leben. Die Motivation für ein christliches Leben ist nicht, sicherzustellen, dass Petrus uns an der Himmeltür auf jeden Fall auch reingelassen wird. Motivation ist die Überzeugung, dass es richtig ist.
Und Jesus hat Recht: Würden wir aus unserem Glauben heraus nur hören und nicht danach handeln, dann stünde unser Lebenshaus auf wackligem Grund, denn wir würden eben nicht so leben, wie wir es für richtig halten. Wir würden uns verbiegen und wären ganz weit weg von Lebensfreude und Erfüllung.
Ich weiß, das hört sich alles ein wenig nach glattgerührter Butter an. Nach Jesu Wort zu leben, ist und bleibt natürlich eine Herausforderung, jeden Tag aufs Neue. Und wir werden Fehler machen, ganz gewiss. Doch wenn mal etwas danebengeht: Auf Gottes Vergebungsbereitschaft und auf seine Liebe können wir zählen. Und dass er uns dabei hilft, unser Lebenshaus auf festen Grund zu bauen, das hat er uns versprochen. Amen.

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  Kein „Rundum-sorglos-Paket“

Kein „Rundum-sorglos-Paket“

Heiko Frubrich, Prädikant - 31.07.2021

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.“ Mir drängen sich Bilder von der Ahr ins Gedächtnis, Bilder aus Erftstadt, Schuld und Ahrweiler – lauter Schmutz und Schlamm. Wie mögen die Worte des 40. Psalms, die uns Jörn Lindemann gerade gesungen hat, in den Ohren der Betroffenen klingen? Ja, es werden manche gebetet und geschrien haben, aber hat es was genützt?
Viele haben alles verloren, und zwar nicht nur Hab und Gut, das ließe sich im Zweifel ersetzen. Nein, auch Menschenleben sind untergegangen in diesem Hochwasser, Lebenswege und Lebenspläne wurden zerstört und es bleiben Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Der Herr neigte sich zu mir und hörte mein Schreien – tatsächlich?
Wenn Unheil über uns Menschen hereinbricht, dann stellen wir uns immer wieder die Frage, warum Gott das alles denn so zulässt. Warum greift er nicht ein? Warum hilft er nicht ganz konkret und unmittelbar? Denn was zu tun gewesen wäre in den Hochwassergebieten, ist doch so offensichtlich. Diese Fragen werden umso drängender, wenn bisher der „liebe“ Gott unser Lebensbegleiter war. Das ist vielfach der Fall, denn warum sollte ich auf die Idee kommen, dass Gott nicht uneingeschränkt gut zu mir ist, wenn denn in meinem Leben alles super läuft?
Doch es kommen eben auch andere Zeiten und dann trägt ein Gottesbild nicht mehr, das unterstellt, dass der Herr mit nichts anderem beschäftigt ist, als Elend und Not von uns fernzuhalten. Ein solches Bild von Gott ist unvollständig. Denn wäre Gott so unterwegs, dann hätte es Jesu Passion, sein Leiden und seinen qualvollen Tod am Kreuz nicht gegeben, dann hätte Gott seinen Sohn vor all dem bewahrt. Doch wir wissen, dass es anders war.
Mir ist klar, dass es hart an der Grenze zur Zumutung ist, Menschen in ihrer Not das so zu sagen. Aber unser Gott ist nicht die All-inclusive-Versicherung gegen alles, was uns wiederfahren kann und wird. Das ist er nie gewesen und das hat uns auch niemand so versprochen, sein Sohn am allerwenigsten – ob uns das nun gefällt oder nicht.
Was uns Jesus allerdings sehr wohl zusagt und auch selbst erfahren hat, ist, dass Gott uns in all unserer Not nicht eine Sekunde alleinlässt. Nichts anderes sagt uns auch der Psalm: Gott errettet uns aus unserem Elend, aber er verhindert es nicht.
Der Psalmist betet weiter: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott“. Es dauert oft lange, bis wir aus unserer eigenen Not heraus in dieses Loblied einstimmen können. Es dauert oft lange, denn Trauer und auch Zorn brauchen ihre Zeit und wollen erlebt und durchlebt sein. Doch es bleibt die Chance auf die Erkenntnis, dass wir eben doch gehalten und geborgen sind in Gottes Hand. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir das nie aus dem Blick verlieren. Amen.

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  Engelsfedern

Engelsfedern

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.07.2021

Ich war vor kurzem für ein paar Tage in Italien auf einem Campingplatz. An einem Abend saßen wir dort mit Freunden draußen zusammen und eine kleine Feder landete vor uns auf den Tisch. „O, wie schön!“ sagte daraufhin eine gute Freundin. „Dann kann uns heute nichts passieren, weil ein Engel auf uns aufpasst!“ Mir hat dieser Gedanke gefallen. Ganz unzweifelhaft stammte die Feder von einem Vogel und nicht von einem in die Mauser geratenen Engel, aber diesen Moment als ein Zeichen zu verstehen, dass ein Engel in der Nähe ist, hat was, wie ich finde.
Engel sind ja immer mal wieder ganz groß in Mode und das nicht nur bei religiösen Menschen. Engel müssen oftmals als mehr oder weniger geschmackvolle Dekoration herhalten, nicht nur zur Weihnachtszeit, sie sind Schlüsselanhänger, Autoaufkleber, und, und, und.
In der Bibel kommen Engel zum Einsatz, wenn es um ganz zentrale und wichtige Ereignisse geht. Auf den Feldern vor Bethlehem verkündet ein Engel den Hirten die frohe Botschaft von Jesu Geburt und wiederum ein Engel eröffnet Maria und ihren Begleiterinnen vor Jesu leerem Grab: „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“
An jenem Abend in Italien passierte dann zwar nichts derartig Weltbewegendes, dass die Anwesenheit eines Engels zwingend erforderlich gemacht hätte. Aber vielleicht war ja trotzdem einer da. Ich glaube, dass es neben den großen und bedeutenden, wie zum Beispiel dem Erzengel Gabriel, auch ganz viele andere gibt und manche davon vielleicht nur auf Zeit.
„Du bist ein Engel“, das haben Sie vielleicht auch schon zu jemandem gesagt, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und Ihnen dadurch geholfen hat. Das ist manchmal ganz unspektakulär und wirklich nur eine Kleinigkeit, aber für den Betroffenen ist die Situation allein nicht zu meistern. Und wenn dann jemand da ist und hilft, dann ist es wirklich oft engelsgleich. Die Arbeit der freiwilligen Helfer in den Hochwassergebieten, die wir gerade so eindrucksvoll erleben, ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür.
Und möglicherweise ist es ja tatsächlich so, dass Gott für uns alle immer mal wieder eine Rolle als Teilzeitengel vorgesehen hat. Und dann schlüpfen wir hinein, tun, was zu tun ist und werden so, ohne großes Zinnober, zu seinem Werkzeug, zu seinem Boten, eben zu einem Engel.
Das bedeutet nun nicht, dass wir dabei Federn lassen müssten, die dann als sichtbare Zeichen überall um uns herumfliegen. Aber es war einfach schön an diesem italienischen Sommerabend, auch, weil gute Freunde da waren, die es gut miteinander meinten und gegenseitig dazu beigetragen haben, dass wir sorglos und in Freude beieinander sein konnten – und vielleicht waren wir dann ja doch von einem Engel behütet. Denn wie schrieb schon Rudolf Otto Wiemer: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“. Amen.

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  Wie wird es sein?

Wie wird es sein?

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.07.2021

Kommt was nach dem Tod? Diese Frage haben sich Menschen immer wieder gestellt und sie stellen sie sich bis heute. Wir Christinnen und Christen fragen etwas anders. Wir fragen nicht „Kommt was nach dem Tod?“, sondern „Was kommt nach dem Tod?“ Die Bibel beantwortet diese Frage nicht so konkret, wie wir es gerne hätten. Es heißt, dass wir teilhaben werden an Gottes Herrlichkeit. Aber wie das genau aussehen und sich für uns anfühlen wird, das bleibt im Ungefähren.
Jesus weiß, wie es sein wird, aber er behält dieses Geheimnis für sich. Und ein anderer tut es ihm gleich: Lazarus von Bethanien, dessen Gedenktag heute ist. Er ist der Bruder von Maria und Martha und alle drei sind sie mit Jesus eng befreundet. Als Lazarus schwer erkrankt, bittet Martha Jesus, dass er schnell kommen und helfen möge. Der Gerufene bleibt allerdings zunächst noch einige Zeit am See Genezareth und erreicht Bethanien erst vier Tage nach Lazarus‘ Beerdigung. Doch dann lässt Jesus das Grab öffnen, ruft Lazarus heraus, und der erhebt sich und kommt, noch in seine Leichentücher gewickelt, auf den eigenen Beinen aus dem Grab – und schweigt.
Warum nur? Also ich hätte es unglaublich spannend gefunden, wenn Lazarus berichtet hättet, wie es so war auf der anderen Seite. Vielleicht hat er die Zeit zwischen Tod und Auferweckung ja auch nur wie einen tiefen, traumlosen Schlaf erlebt oder eben doch ganz anders. Aber Lazarus lässt uns an seiner Erfahrung nicht teilhaben. Wie schade!
Die Frage der Auferstehung und des Lebens nach dem Tod ist eine der zentralsten unseres Glaubens. Es gibt Statistiken und Umfrageergebnisse, die belegen, dass eine beachtliche Zahl von Kirchenmitgliedern und selbst Pfarrerinnen und Pfarrer von Jesu Auferstehung und einem Leben nach dem Tod nicht überzeugt sind. Doch eines, denke ich, muss uns klar sein: Jesu Tod und Auferstehung, sein leeres Grab am Ostermorgen, das sind die Fundamente unseres christlichen Glaubens. Wenn wir diese Basis nicht annehmen, dann wird es, vorsichtig formuliert, mehr als schwierig.
Es gibt schräge Versuche, die Ostergeschichte aus einer solchen Position heraus zu interpretieren. Sie sei nur symbolisch zu verstehen, etwa so, dass es nach jeder Krise auch wieder bergauf geht. Doch diese Versuche müssen misslingen, denn damit würden wir alle auf eine finale Katastrophe hinleben, nämlich auf die unseres eigenen Todes, der das absolute Ende und das große, ewige Nichts bedeuten würde. Ich verstehe das Evangelium anders und kann das so nicht annehmen.
All diese Zweifel und Unsicherheiten hätte Lazarus mit einer kurzen Schilderung dessen, was er „erlebt“ hat, ein für alle Mal aus dem Weg räumen können; hat er aber nicht. Und so bleibt uns nur, auf das zu vertrauen, was Jesus der trauernden und verzweifelten Martha gesagt hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch, wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“
Martha glaubt an Jesu Wort und erlebt kurz danach eine eindrucksvolle Bestätigung. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es uns ebenso ergehen wird. Amen.

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  „Ich ging vorbei am Krankenheim"

„Ich ging vorbei am Krankenheim"

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2021

Stefan Sulke, ein Schlagersänger im besten Sinne des Wortes aus der Zeit in der Schallplatten noch alternativlos waren, sang:
„Ich ging vorbei am Krankenheim / Das stand in einem Rosenhain / Und auf den grünen Bäumen lag / Ein praller blauer Julitag / Es war ein Tag zum Frühaufstehn / Es war ein Tag zum Schwimmengehn / Es war ein Tag voll Sonnenschein / Es war ein Tag zum Glücklichsein…“
Vorbeigehen können, dort nichts zu tun zu haben, ein Glück. Erst recht im Sommer. Es ist herrlich, wieder schwimmen gehen zu können, abends draußen zu sitzen mit ein paar der lange vermissten Mitmenschen und ein bisschen zu verreisen, ans Meer oder einen schönen grünen See.
Aber wenn man hineingeht, dann spürt man die schwere Last der vergangenen Monate, die ungeheure Erschöpfung der Menschen, die da arbeiten. Schon das sollte jeden Impfgegner innehalten lassen, denn die Lasten dieser Pandemie sind ungleich verteilt. Die Freiheit, die ich mir nehme, geht womöglich auf Kosten anderer.
Aber wenn man hineingeht ins Krankenhaus, hineingehen darf – Gott sei Dank – dann steigt man auf einmal sehr spürbar in die Schuhe derer, die das in schlimmsten Zeiten der Pandemie nicht durften. Sie konnten die Menschen, die in ihrem Leben so schmerzlich fehlten, nicht sehen und nicht berühren. Sie konnten die Ohnmacht und Einsamkeit, das verlorenen Gefühl des Ausgeliefertseins, das kranke Menschen ja oft haben, nicht für einen Moment lindern oder teilen. Sie konnten nicht Abschiednehmen, wenn es ganz schlimm wurde.
Und auch: wer einen Menschen, den er liebt im Krankenhaus weiß, der kommt selbst besser durch die Tage, wenn er kleine Freuden überlegen und bringen kann: ein Buch, leicht an Gewicht aber nicht mager im Text, eine schöne Frucht, eine besonderer Blüte, ein bisschen Lavendelduft fürs Kopfkissen… - kleine Wohltaten, die die Hilflosigkeit und Ohnmacht solcher Zeiten im Leben ertragen helfen.
„Einer trage des Anderen Last.“ So steht es im Galaterbrief. Manchmal, womöglich allermeist hören wir das als Zumutung. Aber vielleicht ist es auch einfach Gnade. Mittragen dürfen und können.

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  Du bist schön!

Du bist schön!

Vanessa Viehweger, Vikarin - 27.07.2021

Mal ganz ehrlich: Wer schaut morgens in den Spiegel und denkt: „Alles an mir ist perfekt. Ich bin rundum zufrieden“? Ich würde sagen, dass so etwas eher selten vorkommt. Mir fallen im Spiegel als Erstes die Dinge auf, die mir nicht gefallen.
Irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen, warum wir das Hübsche, aber auch generell das Gute an uns, nicht sofort erkennen. Wir sehen oft beim anderen das, was wir gerne hätten. Aber das Verrückte ist, dass die anderen genauso auf uns schauen und da scheinbar beneidenswerte Eigenschaften entdecken, die sie gerne hätten.
Das betrifft nicht nur Äußerlichkeiten: Ich ärgere mich oft über mich selbst, wenn ich wieder einmal zu schnell gesagt habe, was ich denke. Doch genau diesen Mut bewundern manche meiner Freundinnen, während ich deren vornehme Zurückhaltung schätze. Es ist also nicht nur die äußere Schönheit. Es geht auch darum, was wir können und was wir tun. Leider sind viele blind für ihre eigenen Stärken und ihre Schönheit. Dabei heißt es doch in der Bibel auch: Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Einer guten Freundin habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit gesagt, ich würde ihren makellosen Teint bewundern, ihre reine und glatte Haut. Sie hat sich über dieses Kompliment gefreut und meinte, das wäre ihr noch nie aufgefallen. Meine Freundin ist über 40 Jahre alt! Sie hätte sich schon jahrzehntelang über ihre zarte Haut freuen können! Wie schade...
Ich rede auch selten über die Schönheiten des Lebens. Vielmehr geht es im Gespräch häufig um Versäumnisse oder Dinge, die optimiert werden können. Aber einfach mal sagen, dass etwas gut ist oder hübsch, fällt schwer.
Verpasse ich nicht Gott mit dem Blick für das Schöne indirekt zu danken? Es ist seine Schöpfung zu der wir gehören und unser Auftrag ist sie zu bewahren. Dazu gehört auch, auf uns selbst zu achten und sich anzunehmen. Nicht arrogant, sondern in der Dankbarkeit Ebenbild Gottes sein zu dürfen.
Genau genommen stellen ich doch eigentlich Gottes Werk in Frage, wenn ich die Herrlichkeit seiner Kreativität von mir weise. Er lädt uns dazu ein, uns wirklich an ihm zu freuen und an dem, was er erschaffen hat. Auch an uns.
Heute habe ich versucht, mich über das viele Schöne, das Gott mir schenken möchte und das ich nie richtig wahrgenommen habe, zu freuen. Ich war überrascht, wieviel ich sonst einfach übersehe.
Ich darf nach dem Schönen Ausschau halten und mich darüber freuen! Und das beginnt schon beim ersten Blick in den Spiegel am Morgen. Wenn ich mich nicht über meine Schönheit freue, mache ich meinen Schöpfer traurig.
Als Gott die ganze Welt schuf, sah er seine Werke zufrieden an. Ihm gefiel jede Pflanze, jedes Tier und auch der Mensch.
Und Gott sah, dass es gut war. Wenn Gott alles nur zweckmäßig geschaffen hätte, ohne Wert auf Schönheit zu legen, warum gibt es dann hauchzarte Kirschbaumblüten, fantasievoll gemusterte Schmetterlinge oder farbenprächtige Sonnenuntergänge?
Eins ist bei mir heute Morgen auf jeden Fall anders gewesen: Mein Spiegel zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht – und zwar nicht, weil es ein Zauberspiegel ist, sondern weil ich weiß, wie Gott mich sieht. Er hat mich wunderbar gemacht. Ich spiegele SEIN Lächeln wider und das macht mich schön.



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  Mitgefühl schenkt Leben

Mitgefühl schenkt Leben

Henning Böger, Pfarrer - 26.07.2021

Emilio Märquez aus Puerto Rico ist seit einigen Tagen offiziell der älteste Mann der Welt. Dieser Titel wurde ihm nach gründlicher Prüfung vom Guinness-Buch der Rekorde verliehen. Emilio ist nach bestätigten Angaben 112 Jahre und 336 Tage alt; er ist schon seit langem Witwer und hat vier Kinder, inzwischen ebenfalls im Seniorenalter.
Üblicherweise werden solche ,,Alters-Rekordhalter'' ja gefragt, wie sie das denn wohl gemacht hätten mit ihrem sprichwörtlich biblischen Alter. Man hört dann freundliche bis eigensinnige Antworten: Die einen haben jeden Tag ein Glas Rotwein oder Bier getrunken. Andere haben täglich lange Spaziergänge gemacht oder nie Alkohol getrunken. Das alles klingt dann immer ein wenig nach Rezept.
Bei Emilio Märquez ist das anders gewesen. Auch er wurde gefragt, was ihn seiner Meinung nach so lange hat leben lassen. Auch er hat geantwortet, aber wie! Das Geheimnis seiner Langlebigkeit - 112 Jahre und 336 Tage - liege schlicht ,,im Mitgefühl".
Das ist eine eigenwillige und zugleich besonders schöne Antwort, finde ich: Mitgefühl schenkt Leben. Vielleicht nicht immer ein besonders langes, wie bei Emilio, aber immer ein aufmerksames Leben mit Blick nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.
Mitgefühl schenkt Leben. Emilios Antwort erinnert mich an jenen Menschen, der zu Jesus kommt und ihn fragt: ,,Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?" Auch bei dieser Frage geht es nicht zuerst um die Länge des Lebens, sondern vielmehr um seine Tiefe, seinen Wert. Auf die Gegenfrage Jesu, was denn die Bibel dazu sage, antwortet der Mensch kurz und knapp: Man solle Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Die Reaktion Jesu darauf ist ebenfalls kurz und knapp: ,,Tu das, so wirst du leben!" (nachzulesen im Lukasevangelium, Kapitel 10)
Emilio denkt ähnlich wie Jesus, könnte man sagen: Mitgefühl macht lebendig und hält lebendig. Es werden dann nicht immer sagenhafte 112 Jahre sein, manche möchten das wohl auch gar nicht. Aber eine besondere Tiefe, einen Sinn fürs Leben schenkt das ehrliche Mitgefühl allemal. Wer andere achten kann ,,wie sich selbst", wer sich bemüht, möglichst wenig auf Kosten anderer zu lesen, der spürt jeden Tag etwas vom Wert und Sinn des eigenen Lebens. Für seinen 113. Geburtstag, sagt Emilio Märquez, habe er darum nichts Besonderes geplant.

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  Wir sind dabei!

Wir sind dabei!

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.07.2021

Es gibt so Ereignisse, Veranstaltungen, Events, bei denen ist es manchen Menschen unglaublich wichtig, dass sie dabei sind. Da kommt dann Presse, Funk und Fernsehen und mit ein bisschen Glück ist man dann am kommenden Tag auf der Titelseite der Lokalzeitig neben irgendeinem Promi zu sehen oder man flimmert sogar, je nach Wichtigkeit, bei „Niedersachsen 19:30“ oder sogar in der Tagesschau über den Bildschirm. Gesehen werden ist wichtig. Auch in anderen Lebensbereichen wird viel Energie investiert, um dazuzugehören – zur angesagten Clique in der Schule, zur Führungsriege in der Firma, oder, oder, oder.
Wer dazugehört, der ist wichtig, der hat Einfluss, der hat es geschafft und ist auf der Gewinnerstraße unterwegs und all die anderen sind dann eben die grauen Mäuse, die man nicht wahrnimmt und die dann in der großen Zahl untergehen. Ja, ich gebe zu, dass ist ziemlich schwarz-weiß gezeichnet, aber von der Hand zu weisen sind derartige Gesetzmäßigkeiten leider auch nicht so ganz.
Wie ist das eigentlich in unserem Verhältnis zu Gott? Gibt es da auch jene, die dazugehören zum engeren Zirkel der Superfrommen? Gibt es die Clique derer, die Gott ganz besonders wichtig sind, weil sie vielleicht überdurchschnittlich viel Kirchensteuer zahlen, herausragende klerikale Ämter bekleiden oder besonders vorwurfsvoll auf jene herabsehen können, die mit Gott und dem Glauben so ihre Schwierigkeiten haben? Die Antwort wird Sie nicht überraschen: Nein, diese inneren Zirkel gibt es bei Gott nicht und ich kommentiere das mit einem deutlichen „Gott sei Dank!“
Wie es tatsächlich aussieht, schreibt uns Paulus an die Gemeinde in Ephesus im aktuellen Wochenspruch, und der lautet: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Und mit „Ihr“ meint Paulus uns, Sie und Euch und mich. Wir sind nicht mehr nur Gäste, sondern Mitbürger und Hausgenossen, weil wir uns zu Jesus Christus bekennen und glauben.
Vorgestern habe ich hier an dieser Stelle laut darüber nachgedacht, wie es uns gelingen kann, unser Leben so zu führen, wie Gott es von uns erwartet. Mit dem aktuellen Wochenspruch im Rücken, klingt diese Frage bei Weitem nicht mehr so bedrohlich. Denn Gott hat uns längst angenommen, hat uns seine Tür geöffnet und uns zu sich hereingebeten. „Herzlich willkommen, Ihr seid meine Hausgenossen. Lasst uns Gemeinschaft miteinander haben. Alles andere wird sich finden.“ So könnte man den Wochenspruch in wörtliche Rede übersetzen.
Natürlich erfordert ein gutes Zusammenleben, dass wir uns an Regeln halten – auch mit Gott. Zu Hause macht ja schließlich auch nicht jeder, was er will. Aber wir haben einen Status bei Gott, der uns nicht mehr genommen werden kann, weil uns Gott in seiner Liebe unsere menschlichen Unzulänglichkeiten längst verziehen hat. Wir gehören zu seiner, wir gehören zur Heiligen Familie – einfach so, ohne Eintrittskarte, ohne Frömmigkeitszertifikat auf dem Smartphone, einfach, weil wir seine Kinder sind. Gut so! Amen.

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  DEM HIMMEL GANZ NAH

DEM HIMMEL GANZ NAH

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.07.2021

Gestern habe ich die Jugendkantorei des Domes – also vielmehr die halbe (coronabedingt fahren nun nicht alle hundert jungen Leute zehn Tage lang weg, sondern zwei Gruppen je fünf Tage) mit einem Reisesegen verabschiedet. Dafür hatte ich nach einem Sommersegenswort gesucht und dabei gefunden, dass die christliche Kommunität Iona am äußersten Ende Schottlands die Wildgans als Logo hat. Sie ist das keltische Symbol für den heiligen Geist (vielleicht ist denen da oben im rauen Norden das Täubchen zu zart). Die Menschen auf der Insel erklären jedenfalls dazu: Die Wildgans ist „Immer unterwegs, niemals gezähmt, in einer Ordnung zusammen fliegend wegen der besseren Geschwindigkeit, anstößig für die festen Siedler, aber eine Inspiration für unruhige Geister. … Sie ist das Bild, wie wir sein wollen.“
Das gefällt mir. Nicht nur für junge Leute, die sich aufmachen – zusammen, abenteuerlustig, singend und hoffentlich in einem Geist.
Es gefiele mir auch als Bild für unsere Kirche.
Beweglich und frei, kraftvoll und doch zusammen.
Wenn wir so unterwegs sind, ist vieles möglich – dann berühren sich manchmal Himmel und Erde, wird Realität, was wir erhofft und erträumt haben. Ein solches Wunder spielt sich in dieser Woche auf 2759m hoch oben in den Ötztaler Alpen ab. Dort steht seit über 125 Jahren die Braunschweiger Hütte. Als ich vor vier Jahren zum Hüttenjubiläum oben war, träumten die Braunschweiger von einer kleinen Kapelle. Früher hatte es einen Andachtsraum gegeben aber nach der Sanierung war der weggefallen. Dem Himmel so nah, auf schwierigen Wegen auf- und absteigend, gibt es viele Gründe innezuhalten – nicht nur um zu heiraten, sondern auch um Gottes Schutz und Geleit zu erbitten bzw. dafür zu danken.
Wie aufwändig so etwas ist, wenn alles Material nach oben gebracht werden muss, ein Fundament gebaut und immer wieder von Schnee befreit werden muss, Corona dazwischenkommt, kann sich jeder ausmalen. Wie viele Menschen diese Idee geteilt und unterstützt haben, ist hingegen fast unvorstellbar: einer baut einen Altar, ein anderer Fenster, einer stiftete Bänke, eine Glocke findet sich auch und nicht zuletzt gab es einen, der nicht nur Hubschrauberflüge spendiert hat. Immer wieder fahren Menschen hin, steigen auf, legen Hand an. Was selbst gemacht werden kann, wird so erledigt.
Jetzt steht sie. Gestern kam das Bild. Aus hellem Holz, innen ist es Zirbe, ein kleines Gotteshaus. Eine Idee, die Wirklichkeit geworden ist. Menschen, die zusammengearbeitet haben, inspiriert und ohne aufzugeben, getragen bis da oben hin von einem gutem Geist.
Ein schönes Bild für Kirche.

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  Zielvereinbarungen?

Zielvereinbarungen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.07.2021

In vielen Unternehmen ist es seit geraumer Zeit üblich, dass jeder Mitarbeiter einmal im Jahr ein Zielvereinbarungsgespräch mit seinem Chef oder seiner Chefin führt. Dabei wird dann häufig auf das abgelaufene Jahr zurückgeschaut und besprochen, was gut war und was nicht so gelungen ist und man schaut gemeinsam nach vorne und legt Ziele fest. Meist geht es um die Unternehmensziele insgesamt oder aber auch um eigene Persönlichkeitsentwicklung. Und man vereinbart Messkriterien für die genannten Ziele und je nach Erfüllungsgrad bekommt man möglicherweise einen Bonus oder eben auch nicht.
Wäre es nicht großartig, wenn wir solche Zielvereinbarungsgespräche auch mit Gott führen könnten? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich treibt sehr oft die Frage um: Was erwartet Gott eigentlich von mir? Bin ich mit meinem Leben aus seiner Sicht einigermaßen auf Kurs? In welchen Bereichen passt es so leidlich und wo ist noch Luft nach oben? Wenn ich mir im Job bei diesen Fragen unsicher war, konnte ich meinen Chef fragen, aber im Verhältnis mit meinem Gott ist das schon um einiges schwieriger.
Ja, natürlich, das Gebet hilft. Darüber komme ich gut in den Austausch mit Gott und auch mit mir selbst, aber es ist eben ganz und gar nicht so, wie im Beruf, wo ich an Zahlen, Daten und Fakten ablesen kann, dass ich erst 75% oder doch schon 90% meiner Ziele erreicht habe. Gott antwortet nicht in Prozentwerten. Und es ist auch nicht so wie im Film bei Dom Camillo, wo Gott auf jede Frage laut und vernehmlich eine klare Antwort parat hat. Gottes Zeichen im wahren Leben sind viel dezenter, zurückhaltender und oftmals nur mit großer Aufmerksamkeit zu erkennen.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wenn jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“ Aus dem 1. Johannesbrief stammt dieses Bibelwort. Dass Gott von uns erwartet, dass wir einander helfen, steht außer Frage. Und dass Menschen dazu bereit sind, zeigt sich zum Beispiel dieser Tage im Zusammenhang mit den Opfern der Flutkatastrophe im Westen unseres Landes. Aber gibt es für das individuelle Helfen ein Maß? Für mich ist das eine schwer zu beantwortende Frage.
Ich glaube nicht, dass Gott von uns erwartet, dass wir alle mit unserem Leben im Hier und Jetzt komplett brechen, all unseren Besitz verkaufen und in den Missionsdienst nach Indien oder sonst wohin gehen sollen. Mal ganz abgesehen davon, dass es auch hier bei uns in Deutschland mittlerweile bei all jenen, die von Gott nichts wissen wollen, genug zu missionieren gibt.
Ich denke schon, dass es Gottes Plan entspricht, dass wir ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier unser Leben leben. Doch wie wir das genau tun, bleibt unsere Entscheidung und unsere Verantwortung. Christlich zu leben, bedeutet zu suchen und zu fragen, jeden Tag aufs Neue. Und ob wir die richtigen Antworten gefunden haben, werden wir wohl erst erfahren, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Ich bin sehr gespannt. Amen.

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  Zeugnistag

Zeugnistag

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.07.2021

Ferienbeginn in Niedersachsen, heute war der letzte Schultag und damit ist diese schräge Schuljahr zu Ende. Es war geprägt von großen Herausforderungen – für unsere Schulen, für Schüler und Lehrer aber auch für die Eltern. Denn Homeschooling, Wechselmodelle und stark eingeschränkte Kontakte zu den Freundinnen und Freunden aus der Klasse mussten in den Familien irgendwie organisiert und aufgefangen werden. Und wenn dann das Ganze noch zu kombinieren war mit Homeoffice-Tätigkeiten von Mama und Papa war die Belastungsgrenze schnell überschritten.
Nichtsdestotrotz und nach vielfachen Diskussionen wurden auch für das abgelaufene Schuljahr heute Zeugnisse ausgegeben. Und wie in jedem Jahr gab es dabei zufriedene und strahlende Gesichter, genauso wie Enttäuschung, Frust und vielleicht sogar Tränen. Und auch die Reaktionen zu Hause werden ganz unterschiedlich ausgefallen sein: von Lob und Freunde über tröstendes Schulterklopfen bis hin zu vorwurfsvollem Kopfschütteln.
In allen Lebenslagen, ich kann es gar nicht oft genug sagen, empfiehlt sich ein Blick in die Bibel. Dort findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom folgende Aufforderung: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ Nun könnte man auf die Idee kommen und sagen: „Was interessieren mich die Zeugnisse der Schülerinnen und Schüler, die sie heute bekommen haben? Ich habe mit denen doch nichts am Hut.“ Ja, das mag so sein und sicherlich hätte es auch einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen, wenn wir uns alle heute Vormittag vor dem Gymnasium „Kleine Burg“ hier um die Ecke getroffen hätten, um mit den Zeugnisempfängerinnen und Zeugnisempfängern Freud und Leid zu teilen.
Doch das Pauluswort ist viel weiter gefasst. Es gilt generell für das Zusammenleben von uns Menschen. Es ermuntert uns, einander mitfühlend zu begegnen. Das setzt voraus, dass wir überhaupt erst einmal bereit sind, die Stimmungslagen unserer Zeitgenossen wahrzunehmen, offen zu sein für deren Freude und deren Kummer und uns darauf einzulassen.
Jesus war so unterwegs und er hat alles durchlebt und durchlitten, was menschliches Leben ausmachen kann. Er weiß genau, wie sich Glück und Heiterkeit anfühlen, genauso wie Trauer, Leid und Verzweiflung. Das auf sich zu nehmen, kostet Kraft und auch sich mit anderen zu freuen oder mitzuleiden kann anstrengend sein. Aber wir dürfen uns das zutrauen, denn wir alle können uns getragen und angenommen fühlen von eben diesem Jesus Christus, der uns kennt und der uns stärkt und der uns freundlich ansieht.
Sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden, ich glaube, dass eine solche Haltung das Miteinander auf dieser Welt insgesamt verbessern kann und vielleicht strahlen wir gleich auf dem Weg nach Hause doch einfach mal zurück, wenn uns fröhliche, junge Leute in der Stadt begegnen oder verschenken ein Lächeln, wenn uns jemand mit traurigem Gesicht entgegenkommt. Risiken gibt es dabei keine, vielleicht aber ein paar schöne Nebenwirkungen. Amen.

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  Mitgefühl

Mitgefühl

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.07.2021

In diesen Tagen kann man Einiges darüber verinnerlichen, was es heißt, sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können – oder vielleicht überhaupt auch nur zu wollen. Als gestern die Plätze für den Gottesdienst in der Burgplatzarena viel schneller als gedacht vollständig belegt waren, gab es bittere Szenen am Eingang. Das Sicherheitspersonal des Staatstheaters konnte nichts dafür - aber manchen von ihnen werden die bösen verletzenden und zum Teil rassistischen Anwürfe noch lange nachgehen…
So werden Wunden geschlagen.
Es bleiben dünne Stellen und die Frage: können wir das noch?
Einfühlen und Verstehen, von den eigenen Themen und Interessen absehen?
Und das gilt erst recht für wirkliches Unglück und echte Katastrophen!
Können wir das noch: Mitfühlen über den Moment der größten Emotion hinaus?
Mitgefühl ist ja etwas anderes als sich erschauern zu lassen von schlimmen Bildern. Hannah Ahrendt ging so weit zu sagen, dass Empathie – die sich von der bloßen Sympathie für Opfer unterscheidet – politischen Charakter hat. Letzteres erweist sich wohl auch daran, wie ernst gemeint ist, was man vor Schreck verspricht: Ich komme wieder, ich helfe sofort, ich werde es nicht vergessen….
Es macht verletzte Menschen bitter, wenn die Mitleidsprofis vergessen, dass Krisen, Katastrophen und schwere Schicksalsschläge nicht einfach von neuen und anderen Bildern oder Ereignissen überlagert werden, sondern Lebensgeschichten für immer prägen. Sag nicht, dass Du dich meldest, wenn Du es dann nicht tust…
Ehe die schrecklichen Bilder der Flutkatastrophe kamen, lag auf meinem Schreibtisch eine Erinnerung an das Attentat auf der norwegischen Insel Utøya vor zehn Jahren. Damals waren auf einem Jugendcamp 69 Menschen erschossen und viele mehr schwer verletzt worden. Eine Reporterin hat die jungen Überlebenden, die sie damals traf, jetzt wieder besucht. Ihnen allen sieht man die Verletzung an. Manche haben schlimme Narben, sind körperlich versehrt. Andere sehen so durchscheinend aus als würde die Seele noch immer die Luft anhalten.
Ihre Porträts erzählten stellvertretend davon, wie tief sich solche Erlebnisse eingraben – dass es nicht zu begreifen ist, dass zu den Katastrophen, die die Natur uns bereitet auch och die aus Hass und Hartherzigkeit kommen.
„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ sagt der Prophet Hesekiel und meint hoffentlich nicht nur die, denen Wunden in das empfindsame Herz geschlagen werden.








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  Hören sie Mose und die Propheten nicht...

Hören sie Mose und die Propheten nicht...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2021

Vor vier kostbaren Jahren im November 2017 tagte die Klimakonferenz in Bonn. Damals berichtete ein Mann aus Kiribati, einem Kleinstaat im Pazifik - von uns aus gesehen am Ende der Welt: „Wir verlieren unsere Heimat, unsere Bananenplantagen, unser Trinkwasser. Das Grundwasser mischt sich mit dem steigenden Salz des Meeres.“ Ann Dunn aus dem Nachbarstaat Fidschi konnte damals nicht glauben, dass es in Europa Menschen gibt, die den Klimawandel leugnen und ihn als vorgeschobenen Fluchtgrund betrachten. Sie brachte ein Foto des Friedhofs mit, auf dem ihre Großeltern liegen. "Anfang des Jahres starb mein Vater. Er wollte bei seinen Eltern begraben werden. Aber den Friedhof, wo meine Großeltern liegen, gibt es nicht mehr. Da ragen nur noch ein paar Steine aus dem Meer. Das Meer spült meine ganze Identität hinweg. Die Orte, aus denen ich komme, gibt es nicht mehr. Dabei träumen und lachen wir wie alle Menschen. Wir sind nicht nur ein kleiner Punkt auf dem Globus. Wir leben da."
Es gab viele Beispiele mehr…
2020 endlich hatte ein UN-Menschenrechtsausschuss festgestellt, Klimaflüchtlingen dürfe das Recht auf Asyl nicht verweigert werden, wenn ihr Leben in Gefahr sei. Das Bundesinnenministerium ließ daraufhin verlauten: „Wer wegen der Folgen des Klimawandels seine Heimat verlässt, kann nach Auffassung der Bundesregierung in Deutschland weder Asyl noch Flüchtlingsschutz einfordern. Zwischen Klimawandel, Migration und Flucht bestehe zwar ein Zusammenhang, dieser sei aber bislang nur unzureichend untersucht…“
Wir haben uns weiter gegönnt, für Spinner zu halten, wer autofreie Innenstädte plant und die Chimäre gepflegt, hier würden Wohlstand und Sicherheit nicht betroffen sein. Uns geht das beinahe nichts an. Klimakatastrophen betreffen andere Punkte auf dem Globus. Die Abschaffung von Einweggeschirr ist mühsam genug.
Jetzt erlebt Deutschland die schlimmste Katastrophe nach der Hamburger Flut.
Orte versinken im Wasser, reißen Mensch und Tier mit sich…
Im Lukasevangelium wird von Lazarus erzählt, dessen reicher Nachbar die Not des Lazarus nicht sehen, sich davon nicht berühren und stören lassen will. Erst als der Reiche selbst Höllenqualen leidet, ahnt er, dass er umkehren muss und bittet Gott, „dass du ihn - Lazarus - sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.“ Und er hört: „Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“
Aber Jesus Christus ist auferstanden. Über diesem Tag heißt es in den Herrnhuter Losungen: „Die Frauen kamen zum Grab und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war…“
Darum lasst uns endlich umkehren! Was muss denn noch passieren???

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  Wasser

Wasser

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.07.2021

In Ramsgate, Südengland, steht ein kleiner Leuchtturm in der Hafeneinfahrt. Wer näher herankommt, hört eine kleines „Pingen“, Morsezeichen. Der Leuchtturm sendet die Namen von mehr als 2000 Schiffen, die vor dieser Küste gesunken sind – in endloser Wiederkehr.
Es ist ein Kunstprojekt, das Nick de Carlo entworfen hat, dessen Vater Funkoffizier war. Immer wieder hörte der Sohn: „Worse things happen at sea“. Die schlimmsten Sachen passieren auf See.
Die Erfahrungen dahinter sind von der konkreten Gefahr einer Kette von Sandbänken in der Straße von Dover geprägt. Aber man kann sich leicht vorstellen, dass auch andere Namen gemorst werden könnten: die der vielen, vielen ertrunkenen Flüchtlinge auf der Mittelmeerroute, die der Menschen, die durch Tsunamis oder Flutkatastrophen ihr Leben verloren haben.
In dieser Woche kommen viel zu viele deutsche Namen dazu.
Wasser, das wir in den heißen und dürren Sommern der letzten Jahre so sehr vermisst haben, das wir zum Leben brauchen, das uns erquickt und erfrischt, kann sehr gefährlich werden.
Was mag hinter Armin Laschets Stirn vorgegangen sein als er ausgerechnet in Altena, einer Stadt, die ganz wesentlich von der Autoindustrie bzw. de, Zulieferern lebt, stand und sah, dass Existenzen vollkommen zerstört sind durch das, was Claus Kleber im heute Journal so beschrieb: „Dass solche Tiefdruckgebiete häufiger werden, liegt daran, dass die Arktis und die Luft darüber immer wärmer werden … es liegt am Klimawandel. Die Folgen sind spürbar, nicht irgendwann, irgendwo, jetzt und hier.“
Wir werden das zur Kenntnis nehmen müssen und sollten nicht denen glauben, die uns erzählen wollen, dass all das unseren Lebensstil und Wohlstand nicht berühren wird.
Gottes Schöpfung ist gut eingerichtet. „Ströme lebendigen Wasser fließen umsonst“ heißt es in der Offenbarung des Johannes. Und über diesem Tag heute steht aus Psalm 142: „Herr, Du bist eine Zuversicht im Lande der Lebendigen.“ Gott hat uns einen Geist der Kraft und der Besonnenheit gegeben – auf dessen Rat sollten wir trauen und unser Leben verändern.

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  Komm!

Komm!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.07.2021

Wort zum Alltag 15. Juli 2021
Am Fuße des Montmartre in Paris findet sich eine besondere Kirche, die man vielleicht übersehen kann – wegen des Lebens auf dem Bürgersteig – aber einmal wahrgenommen, nicht vergisst: Saint-Jean de Montmartre.
Sie wurde zwischen 1894 und 1904 gebaut und gilt als der erste Sakralbau in Stahlbetonbauweise. Man brauchte auch damals eine kostengünstigere Variante.
Darum verwendete man Hohlblocksteine, durch die Eisenstangen gezogen und anschließend mit Zement vergossen wurden. Von draußen sieht man also Ziegel und im fast schwarz gestrichenen Inneren sehr dünne tragende Wände und Pfeiler; vor allem aber sagenhafte Fenster, die in den verblüffendsten Winkels goldgelbes Licht in die Kirche lassen.
Man ahnt, wenn man die Geschichte dieses berühmten Bezirks der Stadt kennt, welche Nöte in den Gebeten der Menschen den Kirchenraum erfüllt haben mögen. Das wussten wohl auch die, die ihn gestaltet haben.
Schon am Eingang stehen große Engel mit Weihwasserschalen, die auf eine so wohltuende Weise den Besucher empfangen, dass man auch als Protestantin gerne seine Hände hineinlegen würde – es gibt nur keines. Covid…
Für mich am Eindrücklichsten ist ein großes Marienbild, voll im Licht, herrlicher Jugendstil. Zu Füßen der Jungfrau, die fast wie eine Ikone dargestellt ist, sind sie alle: Alte und Junge, ein Brautpaar, Kinder, Verletzte und Sterbende, ein Neugeborenes. Es ist die Fülle des Lebens mit all seinen Hoffnungen und Ängsten. Der Bräutigam trägt Uniform und hält die Hand seiner Liebsten ganz fest…
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ – so heißt es bei Matthäus. Ich erinnere mich an eine meiner Konfirmandenstunden mit diesem Vers. Damals hieß die Frage: welches Wort ist dir darin am wichtigsten oder springt dich an?
Ich weiß nicht mehr, was es damals war. Heute höre ich das „Komm“ am stärksten. Komm! Schafft man das denn immer? Hinkommen? Erst recht dann, wenn man mühselig und beladen ist. Muss Kirche nicht eher zu den menschen gehen, so diskutieren wir doch. Aber auch: ich habe von diesem Kommen in den Pariser Kirchenraum zu diesem Bild lange gezehrt. Es hat mich erquickt.


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