Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Kurskorrekturen

Kurskorrekturen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.08.2022

Kirchenräume, so wie unser Dom, haben eine ganz besondere Atmosphäre. Und diese Atmosphäre macht was mit uns. Auf viele Menschen wirkt sie beruhigend, beeindruckend und sie erfüllt uns mit Ehrfurcht. Das hat Einfluss auch auf unser Verhalten. Männer nehmen die Mütze oder den Hut ab, wir reden vielleicht etwas gedämpfter als draußen, und wir benehmen uns insgesamt zurückhaltender. Und wir hier vorne achten in besonderer Weise darauf, was wir sagen und wie wir es sagen, denn unser Dom ist und bleibt ein Domus Dei, ein Haus Gottes.
Gestern war allerdings der Tag im Jahr, an dem man auch mal etwas vulgärer und fäkalsprachlicher sein durfte, wenn man wollte. Sie alle kennen dieses Wort mit Sch, das man nicht sagt, schon gar nicht in der Kirche. Aber Paulus hat es verwendet in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi. Er bezeichnet damit sein altes Leben aus der Zeit, als er einer der engagiertesten und fanatischsten Verfolger der jungen christlichen Gemeinden war. Als Pharisäer lebte er in einem starren System aus Regeln und Vorschriften. Und er war fest davon überzeugt, dass nur diese Art zu leben, von Gott gewollt war. Daraus abgeleitet sah er seinen Auftrag darin, alle anderen Lehren und Lebens- und Glaubensmodelle mit aller Vehemenz zu bekämpfen.
Selbstkritik hatte dabei für ihn keinen Platz, Selbstgerechtigkeit allerdings sehr wohl. Das ändert sich erst, als ihm vor Damaskus der auferstandene Jesus Christus begegnet und alles, was für Paulus bisher richtig und wichtig war, über den Haufen wirft. Manchmal bedarf es eben, bildlich gesprochen, eines göttlichen Trittes in den Allerwertesten, damit wir wach werden.
Nicht unsere Baustelle, könnten wir jetzt denken, denn so fanatisch wie Paulus es in seinen frühen Jahren war, sind wir ja gar nicht. Stimmt! Doch Selbstgerechtigkeit kann sehr subtil beginnen, und das bedarf unserer Achtsamkeit. So ertappe ich mich immer mal wieder dabei, Menschen, denen ich begegne, nach dem ersten Eindruck zu beurteilen, sie in mein ganz persönliches Schubladensystem einzusortieren und ihnen Attribute zuzuordnen, die nach meinem subjektiven Empfinden ganz sicher auf sie zutreffen.
Wenn es gutgeht, bemerke ich diesen inneren Prozess und rufe mich selbst zur Ordnung. Manchmal klappt das aber auch nicht und dieses aus meiner Selbstgerechtigkeit heraus gezeichnete Bild eines Menschen, es bleibt.
Paulus strebt nach der Gerechtigkeit, die von Gott aus dem Glauben kommt. Ich will Ihnen nichts unterstellen, aber ich denke, das tun wir alle. Wir wollen nach christlichen Werten leben, respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen, unseren Mitmenschen helfen, wenn sie Hilfe brauchen, und durch alle Klischees hindurch den Menschen sehen, der uns begegnet.
Doch wir wissen, dass das leichter gesagt als getan ist. Paulus weiß das übrigens auch, denn er sagt, dass er dieses Ziel bei weitem noch nicht erreicht hat. Doch er jagt ihm nach. Das könnte ja auch für uns ein Ansporn sein, um den Versuch zu starten, morgen noch ein bisschen besser zu werden als heute – aus eigener Initiative und ohne, dass es uns, so wie Paulus vor Damaskus, erst vom Esel hauen muss. Amen.

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  Richtige und falsche Liebe?

Richtige und falsche Liebe?

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.08.2022

Wir leben in einer Region, die wirtschaftlich stark vom Automobilbau geprägt ist. Und so verwundert es wenig, dass die Marken des Volkswagenkonzerns unser Straßenbild dominieren. Stellen Sie sich nun einmal vor, VW würde ein Auto bauen, dass nur noch ganz wenig Energie verbraucht, dabei aber unglaublich schnell fährt. Einzige Nachteile: die Bremsen funktionieren nicht immer und ab und zu setzt die Lenkung aus. Würden Sie sich so ein Auto zulegen?
Natürlich ist das alles pure Theorie und ebenso natürlich würde ein solches Vehikel niemals durch die Qualitätskontrollen kommen. Ich habe dieses schräge Beispiel dennoch gewählt, weil ich denke, dass wir Menschen einem solchen Auto ziemlich ähnlich sind. Wir haben wunderbare Qualitäten: Wir können kreativ sein, intelligent, schön, liebevoll, weitblickend, musikalisch, freundlich, humorvoll, und, und, und.
Doch wir haben eben auch diese unzuverlässigen Bremsen und eine hakenden Lenkung: Wir machen ständig Fehler, sind in keinerlei Hinsicht perfekt und regelmäßige Misserfolge gehören zu unserem Leben so sicher dazu wie das Amen in dieser Kirche.
Sind wir nun die Krone der Schöpfung oder doch eher das Montagsauto aus Gottes Schöpfungsfabrik? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Fakt ist jedenfalls, dass wir uns mit unseren Unzulänglichkeiten irgendwie arrangieren müssen. Ein guter Ansatz ist, dass wir unser Denken, Tun und Handeln immer mal wieder selbstkritisch hinterfragen. Bin ich noch auf Kurs? Passen meine Werte? Kann ich morgens mit ruhigem Gewissen in den Spiegel schauen? Und last but not least: Wie sieht es aus mit meiner Demut?
Sie ist, wie ich finde, eines der wirksamsten Instrumente, um sicherer durchs Leben zu kommen. Wenn Demut fehlt, werden wir anmaßend – auch gegenüber Gott und dann wird es kritisch. Menschen und auch Institutionen laufen dann zum Beispiel Gefahr, die Deutungshoheit über Gottes Wort für sich zu beanspruchen und fest davon überzeugt zu sein, dass sie und eben nur sie verstanden haben, was Gottes Wille tatsächlich ist.
So war und teilweise ist Kirche noch immer der Meinung, dass es richtige und falsche Liebe gibt. Die richtige ist die, die Gott zwischen Mann und Frau stiftet, die falsche ist jene, die Gott zwei Menschen gleichen Geschlechts schenkt. Dass Liebe und unsere Sexualität generell Gottesgeschenke sind, wird dabei gar nicht mal in Zweifel gezogen, doch wir erlauben uns, die Kriterien, nach denen Gott sie verteilt, einfach mal in Frage zu stellen.
Es liegt sehr wohl in unserer Hand, zu entscheiden, ob wir nachher beim Verlassen des Doms links zum Ringerbrunnen oder rechts zum Rathaus abbiegen. Es liegt aber überhaupt nicht in unserer Hand, zu entscheiden, in wen wir uns verlieben oder wer sich in uns verliebt. Und noch viel weniger dürfen wir uns erlauben, die eine Gruppe der Liebenden zu segnen und es der anderen vorzuenthalten. Gut, dass seit Anfang des Jahres auch in unserer Kirche die Ehe für alle möglich ist.
Denn ich bin mir sicher, dass Gott sich freut, wenn zwei Menschen sich lieben, wenn sie füreinander Verantwortung übernehmen und ihren Lebensweg gemeinsam gehen wollen. Warum sonst hätte er die Liebe zwischen ihnen gestiftet. Menschliche Urteilskriterien von richtig und falsch sind hierbei nicht gefragt. Amen.

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  Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.08.2022

Vieles wird momentan spürbar teurer. Die Inflation, also die Preissteigerungsrate oder andersherum betrachtet, der Wertverlust unseres Geldes, liegt nicht weit entfernt von 10%, ein in der Nachkriegszeit rekordverdächtiger Wert. Das bringt viele Menschen in unserem Land in ernste Schwierigkeiten, denn wer ohnehin den Euro vor dem Ausgeben schon zweimal umdrehen musste, muss es jetzt mindestens dreimal tun. Und wenn Anfang des kommenden Jahres die Nebenkostenabrechnungen in den Briefkästen landen, wird es für manche richtig eng.
Hilfe ist notwendig, auch staatlicherseits. Doch wie hilft man gezielt, schnell und gerecht. Eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Der Staat will Steuern senken. Nach einem aktuellen Vorschlag hätte jemand, der 20.000 € im Jahr verdient, knapp 200 € mehr im Portemonnaie, jemand der 60.000 € verdient, rund 480 Euro. Ist das gerecht? Brauchen nicht diejenigen, die wenig verdienen, eine größere Unterstützung, oder sollte man die Besserverdiener stärker entlasten, einfach, weil sie mehr zum Steueraufkommen beitragen?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Jesus nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten. Und sie teilten sie unter das Volk aus.“ Diese Worte stammen aus dem Bericht über die Speisung der 5.000. Um sie alle satt zu bekommen, gibt es nur die genannten sieben Brote und ein paar Fische. Es ist auf den ersten Blick und nach menschlichem Ermessen herzlich wenig für so viele, doch am Ende reicht es.
Die Jünger teilen das Brot unter das Volk aus, so schreibt es der Evangelist Markus. Glauben Sie, dass sie die Leute gefragt haben, wie viel Geld sie verdienen, um danach die Größe der Brotstücke festzulegen? Glauben Sie, dass sie nach dem Beruf, der Herkunft oder dem Elternhaus gefragt haben? „Ach so, Sie stammen aus einer angesehenen Beamtenfamilie. Warten Sie, ich hole ein kleines, silberneres Tellerchen für Ihr Brot!“ Nein, so war es nicht. Jeder hat so viel bekommen, dass er davon gut satt werden konnte – ohne Ansehen der Person.
Ist das sozialistische Gleichmacherei oder ist das Gerechtigkeit? Wie gehen Sie mit Menschen um, die Ihnen am Herzen liegen? Wenn Sie Freunde zu sich nach Hause eingeladen haben, bekommen dann die Reichen unter ihnen den besseren Wein und das teurere Essen? Ich will Ihnen nichts unterstellen, aber ich vermute: eher nicht.
So ist es auch bei Gott. Er wendet sich allen Menschen in gleicher Weise zu. Seine Wertschätzung und seine Liebe gelten uns, einfach, weil wir sind – von ihm gewollt und von ihm angenommen. Wir Menschen selbst sind es, die immer wieder daran scheitern, Lebensmittel und Lebenschancen gerecht zu verteilen. Wie das gelingen kann, zeigt uns Gott in Jesus Christus. Gerade in Zeiten, wo die Not größer wird, lohnt es sich, einmal mehr auf ihn zu schauen und sich zu fragen, wie er wohl entschieden hätte. Amen.

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  Ich eine schöne Blum

Ich eine schöne Blum

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.08.2022

In Paul Gerhards Lied „Du meine Seele singe“ heißt es:
„Er ist das Licht der Blinden / erleuchtet ihr Gesicht / und die sich schwach befinden / die stellt er aufgericht … Er ist der Fremden Hütte / die Waisen nimmt er an“ Es ist eine lange Reihe von Not und Sorgen, die sich durch dieses Lied zieht obwohl oder vielleicht gerade weil sich seine Melodie von ganz unten weit nach oben hell hinaufschwingt.
Die Seele singt, sie soll singen – dem er alles in Händen hält. Es ist ein bisschen wie mit dem Scherflein der Witwe am letzten Sonntag – der armen Frau, die ihre letzte Habe in den Tempel bringt und sich damit ganz in Gottes Hände gibt. Sich ihm anvertraut, mit Haut und haar – und auch alternativlos.
Sind Seele – dem, der es weiß und kann.
Und dann klingt es in der letzten Strophe ein bisschen, als würde man unter Gottes Fenster stehen und zu ihm hochsingen:
„Ach, ich bin viel zu wenig, zu rühmen deinen Ruhm. Der Herr allein ist König, ich eine welke Blum …“
Es klingt darin das tiefe Bewusstsein der eigenen Ohnmacht und der denkbar größten Unterschiedenheit zu dem, der alles richten und gut machen kann.
Eine welke Blum…
Die ist wirklich zu gar nichts nütze, sie macht keine Freude, sie duftet nicht mehr, ihre Farben haben aufgehört zu leuchten. Er dagegen ist König in aller Pracht und Herrlichkeit.
Das ist nicht jedem Menschenkind recht. Manch eine bezieht Ebenbildlichkeit und Gotteskindschaft auch sehr lustvoll auf sich selbst.
Und so Fulbert Steffensky erzählte bei einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag 2017 über diese Strophe, dass er und seine Frau Dorothee Sölle das Lied besonders geliebt und gern gesungen hätten. In der letzten Strophe hörte die Einigkeit auf. Dann sang sie „… ich eine schöne Blum.“
Das gefällt mir.
Es ist noch immer der ganz große Unterschied. „Der Herr allein ist König…“ - und ich nur eine Blume, vielleicht sogar nur eine kleine Blume - aber eine schöne, eine an der man sich freuen kann.


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  Und er heißt ...

Und er heißt ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.08.2022

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
So klingt es alle Jahre zu Weihnachten (nicht nur) durch den Dom – so steht es auch über diesem Tag heute. Wie gut! Denn es tut not, sich auch im Hochsommer dann und wann daran zu erinnern, dass die frohe Botschaft von Weihnachten uns ein für alle Mal gilt – auch wenn wir es jedes Jahr am Heiligen Abend wieder so erleben als geschähe es gerade jetzt. Und zudem könnte ja gerade jetzt nichts aktueller sein.
So hell und hoch diese Tage auch daherkommen, es herrscht Krieg in Europa, leben Menschen unter uns, die zwar ihr Leben retten konnten aber nicht wissen, wie es weitergehen soll, das Sterben auf dem Mittelmeer ist wieder viel schlimmer geworden und es drohen Kriegsfolgen wie zu allen Zeiten…
Letzteres trifft auf Menschen, die sich - ausgezehrt von der Pandemie und aufgeschreckt durch den Klimawandel – fragen, wie es denn weitergehen soll und woher die Kraft nehmen. Und dazwischen ahne ich einige, die sich längst übernommen haben und gar nicht wagen, an Schonung zu denken.
Ihnen und uns allen tut die Erinnerung an die alte – neue Heilsgeschichte gut.
Die Hirten mögen ein unendlich anderes Leben geführt haben als wir, aber auch sie kannten die Sorgen um das tägliche Brot, die Unruhe im besetzten Land, die Perspektivlosigkeit der Umhergetriebenen, die Angst vor trockenen Brunnen und dürren Weideflächen – und sie vertrauten demselben Gott, vor dem 1000 oder 2000 Jahre ja eh nur ein Wimpernschlag sind.
Vielleicht haben die Hirten sich auch die alten Prophetenworte aufgesagt und sich gefragt, ob das jetzt die finstere Zeit ist oder ob sie nur zu mühsam ist wie jede Zeit und ob es die guten alten Zeiten denn überhaupt je gab.
Und dann hören und erzählen sie – von einem, der wundersamen wunderbaren Rat gibt, der heldenhaft ist auf ganz andere Weise, der uns zugewandt bleibt und treu durch alle diese Zeiten, mit dem Frieden kommt, endlich – in unsere Herzen und Seelen, in unsere angestrengten Körper – aber auch in unserer Gespräche und Beziehungen, in unsere Wirtschaft und Politik, in diese Welt. Und wir wissen.er ist schon da. Mitten unter uns.

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  Gottes Liebe ist grenzenlos!

Gottes Liebe ist grenzenlos!

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2022

Über dem heutigen Tag heißt es: „Philippus fragte den Kämmerer: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, auf den Wagen zu steigen und sich zu ihm zu setzen.“
Dieser Text stammt aus der Apostelgeschichte, ganz konkret aus der Episode, in der vom äthiopischen Kämmerer berichtet wird, der aus seiner Heimat nach Jerusalem gepilgert ist, um dort am Tempel zu beten. Philippus ist Diakon der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Er erhält von einem Engel den Auftrag, dem Kämmerer hinterherzureisen. Das tut er, und als ihn eingeholt hat, liest der Äthiopier im Buch des Propheten Jesaja und an dieser Stelle kommt es zu dem kleinen Dialog: „Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, auf den Wagen zu steigen und sich zu ihm zu setzen.“
So weit so gut. Doch es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte. Der Kämmerer aus Äthiopien war ein Eunuch. Damit war er anders und damit gehörte er zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten. Eunuchen waren unerwünscht und der Kontakt zu ihnen ebenso. Sie durften nicht Mitglied einer jüdischen Gemeinde werden und auch nicht in den Temel gehen. Der Kämmerer wird vor den Stufen gebetet haben, weil er weiter hinein nicht durfte.
In unserer Stadt wehen Regenbogenfahnen zum diesjährigen Sommerlochfestival. Seit über 25 Jahren gestalten und organisieren Schwule, Lesben, Trans-Menschen und andere, die sich als queere Leute fühlen, ein buntes Programm, dass für Toleranz und Akzeptanz wirbt und zu Begegnung und Gespräch und natürlich auch zum Feiern einlädt.
Menschen werden in unserem Land heute deutlich weniger wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Und doch möchte ich daran erinnern, dass der § 175 des Strafgesetzbuches, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, erst 1994 außer Kraft gesetzt wurde. Und es gibt nach wie vor gesellschaftliche Baustellen in Sachen Akzeptanz.
Vor 2000 Jahren war die Situation im Heiligen Land allerdings noch deutlich rigider, wenn es um Menschen ging, die in sexueller Hinsicht anders waren als die Mehrheit. Umso bemerkenswerter ist es, dass Philippus unter diesen Umständen den göttlichen Auftrag bekommt, sich des äthiopischen Eunuchen freundlich anzunehmen und ihm die Prophetenworte Jesajas auszulegen. Die beiden kommen in einen tiefen Austausch an dessen Ende sich der Kämmerer taufen lässt. Und die biblische Erzählung endet mit dem Satz: Und er zog seine Straße fröhlich.
Und die Moral von der Geschicht? Gott grenzt nicht aus. Seine Liebe ist grenzenlos. Alle sind ihm willkommen und jene, die von einer Mehrheit an den Rand gedrängt werden, weil sie zu einer Minderheit gehören, liegen ihm ganz besonders am Herzen. Zu denen schickt er dann auch schon mal einen Diakon mit direktem göttlichen Auftrag. Und wenn Gott so einladend ist, wer sind wir, dass wir meinen, es besser wissen? Amen.

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  Es geht nur gemeinsam

Es geht nur gemeinsam

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2022

Ich war die letzten zwei Wochen im Urlaub und hätte Zeit gehabt, ein wenig intensiver als sonst Diskussionen über aktuelle Fragen in Leserbriefen und Online-Kommentaren der Tageszeitungen oder auch auf Twitter zu verfolgen. Doch ich habe ganz schnell wieder damit aufgehört. Schlechte Umgangsformen hätte ich ja noch erträglich gefunden, die Respektlosigkeit, die absolut fehlende Wertschätzung füreinander und sogar offener Hass gegeneinander, die dort an den Tag gelegt werden, haben mich entsetzt, geängstigt und mit Unverständnis zurückgelassen. Und wenn sich Menschen mit ausgedachten Pseudonymen im Schutz der Anonymität wähnen, wird es besonders schlimm und schmutzig.
Durch die Verknappung unserer Energieressourcen, inflationsbedingt auf breiter Front steigende Preise und weitere dramatische Veränderungsprozesse in unserem Leben – unter anderem ausgelöst durch den Krieg gegen die Ukraine oder den Klimawandel – stehen wir vor Herausforderungen, die für uns in ihrer Kombination vollkommen neu sind. Natürlich wurden in der Vergangenheit auf unterschiedlichen Gebieten Fehler gemacht, die die aktuellen Probleme befördert haben. Doch jetzt erst einmal mit großer Vehemenz auf die vermeintlich Schuldigen einzudreschen, bringt überhaupt nichts – außer Frust und Verletzungen.
Was wir vielmehr brauchen ist Lösungsorientierung, Offenheit und Solidarität. All das setzt aber voraus, dass ich abweichende Meinungen zumindest aushalten muss, um mich dann mit ihnen in der Sache auseinanderzusetzen. Dazu gehören auch durchaus kontroverse und engagierte Diskussionen, aber eben keine Herabwürdigungen und Diffamierungen der Menschen, die andere Positionen vertreten.
In Österreich wurde eine Ärztin aus Impfgegner- und Querdenkerkreisen derartig mit unter anderem Morddrohungen überzogen, dass sie sich aus Verzweiflung und Angst das Leben genommen hat. Und ihr Suizid wurde in einschlägigen Internetforen triumphal gefeiert. Wo bitteschön sind wir gelandet, dass wir so miteinander umgehen?
Beim Propheten Maleachi heißt es: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir denn einer den andern?“ Diese Frage ist zeitlos aktuell und sie beschreibt eine menschliche Baustelle, die in den Griff zu bekommen, immer weniger wahrscheinlich zu werden scheint.
Und mich erfüllt mit Sorge, wenn ich sehe, dass es Kreise gibt, die diese destruktive Stimmung für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sie durch Falschinformationen anheizen, gezielt Zwietracht säen und so unsere demokratische und vielfältige Gesellschaftsordnung schwächen und nachhaltig schädigen wollen.
Gerade wir als Christinnen und Christen und wir als Kirche insgesamt sind nach meiner Meinung gefordert, einer zunehmenden Verrohung von Gedanken, Worten und Taten entgegenzuwirken. Wir können das tun, in dem wir uns zunächst einmal untereinander achtsam und liebevoll begegnen. Und es gilt immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass wir die großen Probleme unserer Zeit nur im Schulterschluss lösen werden. Völlig unabhängig davon sind Hass und Gewalt – auch verbale – mit christlichen Werten nicht übereinzubringen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus Christus. Unter dem geht es einfach nicht. Amen.

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  Ein Klassenfoto

Ein Klassenfoto

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.08.2022

Auf dem letzten Magazin der Süddeutschen Zeitung sieht man ein Klassenfoto – Mädchen und Jungen, junge Erwachsene vielmehr, in Schuluniform, grauer Rock oder Hose, weißes Hemd, weiße Bluse, grauer Pullunder, blau-weiß gemusterte Krawatte. Fast alle dunkelhaarig. Dazwischen eine Lehrerin im gelben Blümchenkleid.
Ich schaue mir solche Bilder gerne an. Vielleicht weil solche Aufnahme einen Moment festhalten, der ein Konzentrat zu sein scheint – voller herausfordernder, schelmischer, schüchterner Blicke in die Zukunft. Aber es ist noch mehr. Dies Foto birgt die Unwiederbringlichkeit solcher Augenblicke. Dies erst recht und auf anders eindringliche Weise, denn es stammt aus Mariupol.
Am 23. Februar 2022 haben sie alle noch gemeinsam in ihrem Klassenzimmer gesessen und eine Mathetest geschrieben. Es war ihr letzter Schultag. Inzwischen leben sie verstreut in Griechenland, Kalifornien, Niedersachsen, Süddeutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz oder irgendwo anders in der Ukraine, bis auf Bohdan und Ksenia, die in Mariupol geblieben sind.
Jetzt schauen sie zurück auf etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätten:
Bomben und Granaten, zerstörte Wohnungen, bitterkalte Nächte ohne Wasser und Strom, Angst. Ihre Familien sind auseinandergerissen. Manche sind allein.
Jetzt schauen sie mit einem Ernst und einer Trauer in die Kamera, die nur ahnen lässt, was sie erlebt haben. Und es sind Einzelporträts …
Vorhin haben Sie den 8. Psalm gehört.
Darin heißt es:
„Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.“
Es ist eine verletzliche Macht, das sieht man den Jungen und Mädchen an.
Es ist eine ernstzunehmende Macht – sie werden Worte finden. Sie haben schon begonnen, ihre Geschichte zu erzählen.
Es ist beruhigend, dass nicht sie den Feind vertilgen müssen und auch nicht die sein müssen, die Rache wollen oder verüben. Der Psalmist legt das Gott in die Hände, dem von dem wir Christen glauben, dass er nicht als Kriegsherr, sondern als Friedefürst geboren wird unter uns.

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  LEHRE MICH BEDENKEN...

LEHRE MICH BEDENKEN...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.08.2022

Karstadt – Haushaltsabteilung.
Während ich nach einem Teesieb suche, steht ein altes Ehepaar ein paar Meter weiter vor dem Regal mit den diversen Aufbewahrungsbehältnissen.
Man findet eine Brotlose – zum stolzen Preis von 100,- €.
Er ist perplex. „Hundert Euro? Was kann die denn???“
Eine berechtigte Frage.
Sie: „Na das ist eine besonders gute Qualität – eben eine Anschaffung für’s Leben.“
Er: „Was glaubst Du denn, wie lange wir noch leben?“
Auch das ist eine berechtigte Frage…
Im 90. Psalm heißt es: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen…“
Kleiner Sprung an den Esstisch einer Braunschweiger Familie, die Mutter und Großmutter ist gestorben – im seligen Alter von 88 Jahren. „Hatte sie Angst vorm Sterben?“ frage ich. „Nein, sie wollte hundert werden.“
„Thema verfehlt“ hätte unter einem Aufsatz gestanden, der vermutlich in keiner Schule geschrieben wird.
Dabei würde das Nachdenken übers Sterben Leben helfen.
Nicht nur am Ende, wenn wir ahnen, dass wir im Abendlicht des Lebens unterwegs sind und dass es Zeit wird, loszulassen. Früher hat man mit dem Tod immerhin noch gerechnet. Zur Konfirmation gab es mancherorts ein Leichenhemd...
Heute müssen wir jung bleiben, fit und dynamisch, als wollten wir uns selbst austricksen und endlich unsterblich sein. Wer weiß, vielleicht lohnt eine Brotdose mit jahrzehntelanger Lebensdauer ja doch noch?
Man könnte meinen, dies sei ein neues Thema und Frucht des unglaublichen medizinischen Fortschritts. Aber es ist alt. Auch der Psalmist musste bitten: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen…“
Wenn wir das täten, dann würde uns das vielleicht helfen, Gelegenheiten, Frieden zu schließen nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen, keine Entscheidungen zu treffen, die wir nicht verantworten können, ehrfürchtig zu bleiben – vor dem Leben, der Schöpfung und Gott.

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  Ein Kind hat es in der Hand

Ein Kind hat es in der Hand

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2022

Zu dieser Woche gehört als Evangelium die Geschichte von der Speisung der 5000. Sie wird auf verschiedene Weise erzählt. Zu der Variante über dieser Woche aus dem Johannesevangelium gehört ein Detail, das die anderen Evangelisten nicht kannten oder wichtig fanden, denn Johannes erzählt, dass „Andreas, der Bruder des Simon Petrus zu Jesus sagte: Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische.“
Mit diesen fünf Broten und zwei Fischen wird Jesus alle satt machen. Es wird mehr als genug sein. Er ist es, der die Menschen stärkt und kräftigt.
Aber ein Kind ist es, das die Ressourcen der Zukunft in Händen hält.
Ein Kind bringt mit, was alle zum Leben brauchen.
Ohne dieses Kind haben die Erwachsenen keine Idee, wie es weitergehen könnte. Wohlgemerkt: die Erwachsenen wissen es nicht. Jesus hat das kommen sehen, denn einige Verse vorher fragt er seine Jünger: „Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.“
Darum ist es vielleicht auch eine Geschichte, die die Augen dafür öffnen soll, Kindern zuzuhören und ihnen zuzusehen, ihnen Räume zu eröffnen – sie nicht einfach nur mitzuschleppen.
Mir ist dies bewusst geworden als ich gestern Vormittag über den Platz der deutschen Einheit kam: dort sind im Rahmen des Projektes „Sommer in der Stadt“ ja nicht nur grüne Oasen entstanden mit bunten Liegestühlen, in denen Menschen der Hitzeschlappigkeit beikommen können. Es gibt auch Bücherboxen. Und so saßen in der milden Brise Kindergärtnerinnen mit den Jüngsten um sich geschart und lasen ihnen vor.
Es war ein schönes Bild: nicht nur der liebevollen Zuwendung, die die Kinder dort erfuhren und die vermutlich nicht für alle selbstverständlich ist – vorgelesen bekommen!
Es ist auch der Ausdruck eines guten Projektes, bei dem wirklich an Kinder und Jugendliche gedacht wurde und jemand sie ernsthaft wahrgenommen hat. Denn eine Rollschuhdisko ist so viel besser als ein Zuckerwattestand… -
Jetzt und für die Zukunft erst recht.




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  In Bremen...

In Bremen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.08.2022

Nancy Pelosi ist nach Taiwan gereist. Das ist das Thema des Tages in den Zeitungen und Nachrichtensendungen. In diesem Jahrtausend hat es keinen derartig hochrangigen Besuch aus den Vereinigten Staaten auf der demokratischen Insel Taiwan gegeben, denn man man fürchtet Ärger mit der chinesischen Volksrepublik. Und aktuell mag sich keiner Parallelen zum Krieg in der Ukraine ausmalen – obwohl man das vielleicht sollte...
Mit gutem Grund. Viel zu lange wurde weggesehen oder rote Linien benannt, deren Überschreiten dann doch folgenlos blieb. Die wirtschaftliche Abhängigkeit hat auch hier einen enormen Preis.
Während der Krieg in der Ukraine nun schon ein halbes Jahr lang Menschenleben kostet und in Asien ein neues Schlachtfeld droht, graben Archäolog*innen im Nordwesten Bremens Knochen aus, 14 000 sind es inzwischen. Knochen, nicht vollständige Skelette. Es ist ein Massengrab, wie es kommende Generationen ausgraben werden – in Mariupol oder Butscha.
In Bremen sind es die Überreste von Zwangsarbeitern.
Hin und wieder finden sich Erkennungsmarken. Es waren Russen und Ukrainer, junge Männer, die ihr Leben noch vor sich hatten – hier sind sie zusammen umgekommen, fern der Heimat - unter grausamsten Bedingungen.
Eigentlich wollte der französische Konzern Alstrom an dieser Stelle eine Zugfabrik mit Rangierwerk errichten. Aber Alstrom steht in der Rechtsnachfolge der Linke-Hofmann-Werke, die seinerzeit mit Zwangsarbeitern Vieh- und Güterwaggons montiert hatten … -
Genau hier gibt es aber eine vergessene, verdrängte, verschlampte Kriegsgräberstätte und es gibt klare Bestimmung der Genfer Konvention.
All das wäre schon unter „normalen“ Umständen eine schwierige Angelegenheit, erst recht nachdem es in den letzten 70 Jahren an Sorgfalt im Umgang mit diesen Kriegsopfern gefehlt hat.
Aber jetzt müssten Russland und die Ukraine sich über Tote, gemeinsame Tote, verständigen. Menschen die ungeachtet ihrer Herkunft ihr Leben verloren haben …
Dass das unvorstellbar ist, zeigt eine neue Fratze des Krieges.
Auch sie macht nicht halt an unseren Grenzen.


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  menschenleer

menschenleer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.08.2022

Heute musste ich zum Zahnarzt. Zum Glück war das nicht so schlimm, dass ich keinen klaren Gedanken hätte fassen können oder wenn dann nur das grausige Staunen, wie unsere Eltern und Großeltern das überlebt haben mögen: mit dem langsamen Bohrer, der zumindest den Erzählungen meines Vater nach noch mit einem Fußpedal betrieben wurde wie die alten Nähmaschinen und ohne schnelle Betäubung.
Ich hatte Glück und zu meiner Entspannung und Entängstigung reichten die Bilder im Behandlungszimmer aus: Blick nach vorn mit Dünen und Seegras, dahinter das Meer, so wie ich es von Amrum oder dem Fischland kenne. Und über dem Behandlungsstuhl gab es eine ausgeleuchtete Fotografie auf Glas mit einem großen Lavendelfeld. Bei Senanque könnte das sein, der Berg im Hintergrund sieht jedenfalls wie der Ventoux aus – freundliche Gedanken sollen einen wegschwemmen…
Nichts stört die Anmut beider Bilder, vollkommene Natur, wunderbares Wetter und Menschenleere. Ist es das, was es so wohltuend macht??? Ist unsere Welt nur dann vollkommen und tröstlich, wenn Menschen sie sich nicht untertan gemacht haben und mit ihren Bedürfnissen dominieren, nicht ihren Müll hinterlassen und rumlärmen?
Obwohl: beiden Bilder zeigen menschliche Spuren innewohnen.
Das eine zeigt einen Weg – eben hin zum Meer.
Das andere Lavendelbüsche in ordentlichen Reihen.
Und während ich da noch liege und auf den nächsten Behandlungsschritt warte erinnere ich mich an andere menschenleere Bilder – sie gehörten zu einer Präsentation über die Zukunft der Landeskirche. Und auch da: alles menschenleer. Leerer Landschaften und leere Kirchen…
Auch da ist jedes Bild sorgfältig ausgesucht und von berückender Schönheit, heimatlich.
Aber die Leere ist irritierend.
Ohne Menschen ist es nicht gut, zwei oder drei braucht es schon.
Ohne all die, die Gott uns als gegenüber und Weggefährten zur Seite gestellt hat, die uns herausreißen aus unserer Selbstbezogenheit und den Blick weiten, das Gefühl gebraucht zu werden und die Erfahrung, lieben zu können.
Das wussten auch die Alten. Bei dem weisen Prediger Salomo heißt es:
„So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn … fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

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  Herzlichen Glückwunsch

Herzlichen Glückwunsch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2022

Über diesem 1. August heißt es bei dem Propheten Jesaja: „Friede, Friede denen in der Ferne und denen in er Nähe, spricht der Herr; ich will sie heilen.“ Es sind Worte am Ende eines Selbstgespräches. Es scheint, als müsse Gott selbst sich sortieren, denn er sagt;
„Ich wohne in der Höhe und … bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. Denn ich will nicht immerdar hadern … Ich war zornig über ihre Habgier und schlug sie, verbarg mich und zürnte. Aber sie gingen treulos die Wege ihres Herzens. Ihre Wege habe ich gesehen …, aber ich will sie heilen und … ihnen wieder Trost geben.
Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe … ich will sie heilen.
Aber die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und Unrat auswerfen…“
Trauer und Zorn, Ratlosigkeit, Erbarmen, Friede, Heilung…
Hin- und hergeworfen und doch keinen Moment, in dem er die gedemütigten und Zerschlagenen aus den Augen verloren hätte.
Einer, der das gehört haben muss,
einer, der eine sehr genaue Kenntnis vom Schlamm und Unrat, den Menschen produzieren können, hat,
einer, der der sizilianischen Mafia und der gnadenlosen europäischen Flüchtlingspolitik die Stirn geboten hat,
einer, der Fremden seine Stadt als Zuhause und sichereren Hafen im ungestümen Meer der Unmenschlichkeit anbot,
ist Leoluca Orlando, der langjährige Bürgermeister von Palermo.
Die Palermitaner haben sein Leben gerettet, sagt er.
Das kann man – fast - wörtlich nehmen. Es waren die Palermitanerinnen. Als er auf der Todesliste der Mafia stand, boten sich Tausende von Frauen aus Palermo an, ihn künftig mit ihren Kindern in dessen Dienstwagen und auf seinen Dienstgängen zu begleiten. Sie wussten, dass die Mafia größeren Respekt vor den Frauen und Kindern hatte als vor der Polizei.
Heute wird er 75. Möge er in ein behütetes neues Lebensjahr starten.

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  Der Balken in meinem Auge

Der Balken in meinem Auge

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.07.2022

Manchmal stehe ich ratlos vor der Hartherzigkeit anderer Menschen, nicht irgendwo, sondern hier im Herzen der Stadt…
Da wird einer verletzt, weil er anders ist, weil er nicht von hier kommt, weil er fremd aussieht, weil er darauf angewiesen ist, dass ihm hier jemand die Tür öffnet.
Dann höre ich bitterböse Abwertungen und unreflektierte Vorurteile in einem Ton, der mir zu sagen scheint: Du gutmütiges Naivchen hast es halt nicht verstanden.
Das ist schmerzlich, weil ich den Tränen nichts entgegensetzen kann außer meiner Scham und Hilflosigkeit.
Das ist bestürzend, weil Werturteile über andere Menschen mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen werden, die keinen Moment im Zweifel scheint, ob man das sagen darf, ob man so urteilen darf über andere Menschen.
Aber während ich das noch schreibe, merke ich eine Irritation:
Mache ich nicht gerade dasselbe?
Ich bin zornig und traurig, ich urteile.
„Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht den Balken in deinem eigenen Auge wahr.“
So heißt es im Matthäusevangelium.
Immerhin den Splitter sehe ich, die Einschränkung des Sichtfeldes…
Aber mit meinem Balken im Auge sehe ich eben auch vieles nicht, manches überhaupt nicht.
Wohl wahr. Ich habe eine Brille auf: die meiner Herkunft und meiner Erziehung, die meiner Lebenserfahrung, meiner Enttäuschungen und der Freude über Geschenke, die andere mir gemacht haben. Durch diese meine Brille sehe ich. Verzerrt, getönt, bestimmt nicht objektiv.
Ich kann sie nicht absetzen. Ich kann den Balken nicht aus meinem Auge ziehen.
Umso dringender, dass wir ganz bewusst eine andere Brille aufsetzen, durch ein Prisma gucken, im Kontext hören. Das können wir hier, den uns ist gesagt:
„Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht…“
Wenigstens das können wir. Liebevoll gucken. Den Balken im Auge haben wir. Aber wir müssen nicht so furchtbar lieblos zueinander sein.


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  Ein Apfelbäumchen

Ein Apfelbäumchen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2022

Hinter St. Ägidien steht ein kleines Apfelbäumchen.
Es reckt sich grün belaubt in dem Sommertag und trägt gritzegrüne Früchte. Irgendwann werden sie reif sein und hoffentlich lässt man sich dann nicht auf den Boden fallen und verfaulen. Es ist ein wahrlich tapferes kleines Bäumchen. Als es im April vor acht Jahren dort gepflanzt wurde - als Korrespondenzbäumchen zu Wittenberg und spätere Erinnnerung an das Reformationsjubiläum 2017 - war es ein nasskalter Frühlingstag. Landesbischof Friedrich Weber wollte das an seinem letzten Arbeitstag vor der Pensionierung unbedingt noch machen und ich erinnere mich an die Suche nach einem Fleckchen Erde, wo es stehen konnte. Hinter Ägidien war ökumenisch betrachtet eine gute Stelle - aber es war schattig dort und wir unerfahren mit Pflanzballen und kleinen Bäumchen in Innenstädten.
Aber das Bäumchen hat durchgehalten, ist nicht vertrocknet und nicht erfroren.
Es steht neben einer kleinen Tafel und einem der berühmtesten Aussprüche Luthers, den er vermutlich nie gemacht hat - aber schön ist er doch:
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Als Friedrich Weber das Bäumchen pflanzte, hat er sich nicht vorstellen können, dass er das nächste Frühjahr nicht erleben und niemals sehen würde, ob dieses Symbol der Hoffnung wirklich Wurzeln schlagen und in die Zukunft wachsen würde.
Jetzt stehe ich da und denke mir: Wie gut, das wir ihn damals nicht davon abhalten konnten. Wie gut, dass das Bäumchen da steht und wächst und gedeiht und ganz nebenbei davon erzählt, dass auch karger Boden viel Frucht bringen kann, das so viel mehr möglich ist als wir uns das manchmal vorstellen.
Über diesem Monat Juli stand es aus dem 42. Psalm:
„Meine Seele dürstet nach Gott - nach dem lebendigen Gott.“
Von Durst weiß das Apfelbäumchen sicher auch was. Aber es erzählt vom Leben.

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  Einer nur...

Einer nur...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.07.2022

In der Tageslosung für diesen 27. Juli heißt es im Lukasevangelium: „Einer unter den Aussätzigen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht…“
Einer. Ein einziger…
Oder war er gar nicht der einzige in der Gruppe der Genesenen, der das Bedürfnis hatte, sich für seine Heilung zu bedanken? Vielleicht war er nur der einzige, der dem Gruppendruck widerstanden hatte, sich jetzt nicht von betrübter Rückwärtsgewandtheit den Moment verderben zu lassen, sondern lieber davon zu stürmen, das Leben zu genießen, erst recht, wenn man es schon für verloren gehalten hat.
Einer kehrt um. Einer macht nicht, was alle tun. Einer…
Man kann sich - und sollte auch - erschüttern lassen davon, dass es immer nur so wenige sind, die solchen Mut aufbringen. Und man kann staunen, dass es sie immer wieder gibt.
Vor einer Woche haben wir hier der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 gedacht.
Auch das waren wenige. Sie waren erfolglos. Sie haben mit ihrem einzigen Leben bezahlt. Aber neben allem, was sie so eindrücklich macht, staune ich auch darüber, dass es eben Offiziere waren, Männer aus dem System. Menschen, die genau das, wofür sie stehen und dem sie ihr Leben, ihre Arbeitskraft, Verstand und Energie gewidmet haben, infrage stellten, ihre Verantwortung sahen und sich nicht selbst entschuldigten.
Die solchen Mut aufbringen, sind immer nur wenige.
Die vielen helfen lieber dabei, zu vergessen oder zu rechtfertigen, zu erklären, warum man nicht…
Ein solches mühseliges Beispiel beschäftigt gerade die Medien, denn im September jährt sich zum 50. Mal der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft während der Olympiade 1972 in München. Jetzt wird danach gesucht, wie man diesen Tag begehen kann nach all den Versäumnissen. Hätte man nicht auf Warnungen hören und anschließend Schuld eingestehen müssen, hätte man die Hinterbliebenen würdiger behandeln und entschädigen können?
Wo war der eine, der das tat? Gibt es ihn jetzt?
Erstaunlicherweise fragt Jesus im Evangelium so nicht. Er fragt nicht den einen nach seinen Gründen umzukehren. Er fragt nach den vielen, die es nicht taten, er fragt nach uns, die wir längst hätten umkehren müssen: „Wo sind sie?“, „Wo bleibt ihr?“
Ja, wo sind wir mitten in den großen Fragen unserer Zeit, die für so viele lebensgefährlich sind? Sind wir schon wieder dabei, wegzurennen oder schnell noch das kurze Leben zu feiern? Sind wir eingenickt, weil es ja nicht anders geht und alle anderen ja auch … und sowieso keiner was anderes hören und wissen will?
Es braucht Mut dazu, ohne Frage.
Aber nur so können wir wirklich nach vorn leben. Denn nach der Umkehr sagt Jesus: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“

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  Griechische Wurzeln

Griechische Wurzeln

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.07.2022

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ Dieses als Kanzelgruß bekannte Wort des Apostels Paulus steht am Beginn vieler evangelischer Predigten. Paulus hat so die Gemeinde in Philippi gegrüßt am Beginn seines Briefes, den er ihr gesandt hat.
Die antike Stadt Philippi lag in der Nähe der Hafenstadt Kavala, dicht bei dem Dorf Krinides in Griechenland. „Bei Philippi sehen wir uns wieder“, das soll ein Geist dem Römer Brutus eingeflüstert haben, was die Stadt auch bei weniger bibelfesten Zeitgenossen bekannt gemacht hat.
Für uns Christinnen und Christen hat Philippi aber eine weitaus größere Bedeutung, denn dort steht die Wiege des europäischen Christentums. Paulus gründete im griechischen Philippi die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Und es war Lydia, eine Purpurhändlerin, die sich mit ihrem gesamten Haus als erste hat taufen lassen. Kontinental gedacht haben also auch wir hier im Braunschweiger Land unsere spirituellen Wurzeln in Hellas.
Hier in Braunschweig gibt es auch heute noch eine enge Verbundenheit, insbesondere zwischen der Griechisch-orthodoxen Gemeinde und dem Dom. Denn unsere griechischen Glaubensschwestern und Brüder feiern ihre Gottesdienste in der Kirche des heiligen Dimitrios in den Räumen der ehemaligen Friedhofskapelle auf dem Domfriedhof in der Gerstäckerstraße.
Paulus hat den Philippern in seinem Brief einen Satz mit auf den Weg gegeben, der mir persönlich sehr wichtig ist. Er schreibt: „Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freut euch!“
Ich finde, wenn man das verinnerlicht, dann hat man schon ganz viel vom Evangelium verstanden. Wenn wir uns dafür entschieden haben, Gott in unserem Leben einen Platz einzuräumen, dann haben wir damit unserem Leben ein neues Fundament gegeben. Wir haben uns in die Obhut dessen gestellt, der uns in allen Lebenslagen begleitet, der uns annimmt, so, wie wir sind und der uns hindurchträgt durch alles Schwere.
Wir haben „Ja“ zu dem gesagt, der uns unser Dasein, große Freiheiten und diese Welt anvertraut und dem daran liegt, dass wir ein gutes und gelingendes Leben führen. Und wir vertrauen ihm in seinem Sohn, der uns verspricht, dass wir leben werden, selbst, wenn wir sterben.
Gründe zur Freude in Fülle, wie ich finde. Gründe zur Freude selbst dann, wenn uns unser Lebensweg vor große Herausforderungen stellt. Gründe zur Freude und Gründe, Danke zu sagen, auch an Lydia und an die Menschen im griechischen Philippi, die sich haben begeistern lassen für Gottes Wort und für seine frohe Botschaft. Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freut euch! Der Herr ist nahe! Amen.

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  Frauenpower

Frauenpower

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.07.2022

Frauen auf der Kanzel, man mag es kaum glauben, aber selbst in der evangelischen Kirche ist das erst seit etwa 50 Jahren möglich. Vorher war das Pfarramt Männern vorbehalten und in der katholischen Kirche ist das bis heute noch so. Ich finde das sehr bedauerlich, denn unseren katholischen Schwestern und Brüder bleibt so Wertvolles verschlossen.
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein wichtiges gesellschaftliches Ziel und noch immer haben wir es nicht erreicht. Gleichberechtigung bedeutet aber glücklicherweise nicht Gleichheit. Es gibt Unterschiede zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit und das eben auch im Verkündigungsdienst. Frauen predigen anders als Männer. Sie finden andere Zugänge zu Gottes Wort und eröffnen inhaltlich und methodisch Aspekte, auf die wir Männer von alleine möglicherweise gar nicht kämen. Es wäre ein großer Verlust, wenn wir als Kirche darauf verzichten müssten.
Doch abgesehen von den letzten 50 Jahren in der evangelischen Kirche war und ist Kirche der Inbegriff des Patriarchats. Männer, vorwiegend in gesetztem Alter haben die Geschicke bestimmt, über Jahrhunderte auch ihre Machtspiele unter dem Kreuz Jesu Christi vollführt und dabei nicht selten Gottes Wort und Jesu Botschaft aus dem Blick verloren. Und nur, wenn es sich trotz allen Bemühens nicht vermeiden ließ, so jedenfalls mein Eindruck, wurde Frauen der ihnen gebührende Platz eingeräumt.
Eine dieser Frauen, an denen die Amtskirche nicht vorbeikam, war Maria Magdalena, deren Gedenktag heute ist. Sie war Jesu bedeutendste Jüngerin und hat ihn, anders als ihre männlichen Jünger-Kollegen, in Schlüsselmomenten seines irdischen Daseins begleitet. Sie war unmittelbar dabei, als er am Kreuz starb. Sie hat sich um sein Begräbnis gekümmert. Sie hat das leere Grab entdeckt und last but not least ist Maria Magdalena als erste überhaupt mit dem auferstandenen Jesus Christus zusammengekommen.
Folgendes muss man sich in diesem Zusammenhang mal auf der Zunge zergehen lassen: Bei diesem Zusammentreffen beauftragt Jesus Christus Maria Magdalena, die Botschaft von seiner Auferstehung zu verkündigen. Somit erhält sie strenggenommen den ersten Predigtauftrag überhaupt und das auch noch von Jesus Christus höchstpersönlich. Wie man vor diesem Hintergrund auch in unserer Kirche zu dem Schluss kommen konnte, dass Frauen in der Verkündigung nichts verloren hätten, finde ich schon ziemlich abenteuerlich.
Sei es drum: Maria Magdalena war unbestrittenermaßen eine echte Powerfrau, die sich ganz offensichtlich in einer männerdominierten Gesellschaft behaupten und durchsetzen konnte und die viel für Jesu Botschaft getan hat. Der erste Christenmensch in Europa war übrigens auch eine Frau: Die Griechin Lydia, eine Purpurhändlerin hat sich der Bibel zufolge als erste Europäerin taufen lassen.
Es bleibt festzuhalten, dass es starke Frauen waren, die Kirche nach vorne gebracht haben und auch noch heute nach vorne bringen. Im Übrigen bin ich fest davon überzeugt, dass Jesus jede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung ablehnt, oder wie Paulus es sagt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn wir sind allesamt einer in Christus Jesus.“ Amen.

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  Der unendliche Fluss der Gebete

Der unendliche Fluss der Gebete

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.07.2022

Lange und warme Sommerabende, sie haben ihre ganz eigene und wunderbare Stimmung. Der Himmel vollführt ein vollkommenes Farbenspiel von tiefem Blau bis zum Rot der untergehenden Sonne. Und langsam löst die Nacht den Tag ab und die Dunkelheit das Licht. „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen und wird vom Dunkel überweht“, so beginnt ein Choral aus unserem Gesangbuch. Originaltext und Melodie stammen aus England.
Ich finde es treffend beschrieben, wenn gesagt wird, dass das Dunkel den Tag überweht. Es ist ein behutsamer Wechsel, kaum merklich, so, wie ein lauer und sanfter Wind.
Doch nicht nur das Licht schwindet am Abend, auch vieles andere kommt zur Ruhe: das geschäftige Treiben in den Städten, der Verkehr auf unseren Straßen und schlussendlich wir. Auch der Dom schließt seine Pforten über Nacht und die Frage stellt sich, ob denn auch unsere Gottesbeziehung eine Pause einlegt, bis es wieder Morgen wird.
Nein, das passiert nicht. Denn der Choraltext beschreibt, dass Christi Kirche, dass unsere Kirche weltumspannend ist und niemals schläft. „Die Erde rollt dem Tag entgegen; wir ruhen aus in dieser Nacht und danken dir, wenn wir uns legen, dass deine Kirche immer wacht.“ Ja, tastsächlich dürfen wir davon ausgehen, dass auch, wenn wir schlafen, irgendwo auf der Welt gebetet und Gottes Wort verkündigt wird. Auch so kann christliche Gemeinschaft verstanden werden – als eine niemals endende Kette von betenden Menschen. „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.“
Und so unendlich wie der Fluss der Gebete, die sich mit dem Tageslicht über den Globus spannen, ist auch Gottes Reich. Es besteht in Zeit und Ewigkeit als einzige wirkliche Konstante. „So sei es, Herr: die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“
Ich finde das Bild, dass dieser Choral zeichnet gerade in schwierigen Zeiten sehr tröstlich. Dieses Bild sagt uns, dass nichts auf dieser Welt von unbegrenzter Dauer ist – das Schöne nicht aber eben auch nicht das Schwere und Belastende. So, wie sich Tag und Nacht unaufhörlich abwechseln, so, wie sie den Fortgang der Zeiten beschreiben, auf den wir keinen Einfluss haben, so gehen auch wir durch diese Zeiten. Wir durchleben Freude und Trauer, Erfolge und Niederlagen, Hochgefühle und Mattigkeiten in einer bunten und wilden Mischung und ohne die Chance, vorherzusehen, was als nächstes dran sein wird.
Einzig verlässlich und berechenbar ist Gottes Liebe, die uns in alledem begleitet und behütet – am Morgen und an Abend und an allen Tagen, die noch kommen werden. Amen.

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  Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.07.2022

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so lautet ein Rechtssatz aus dem Alten Testament. „Liebt eure Feinde und segnet die, die Euch verfluchen“, fordert Jesus Christus von uns und ebenso: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ Es ist ambivalent und sehr herausfordernd, was uns die Bibel zum Umgang mit Konflikten sagt. Es bewegt sich zwischen dem Vergelten von gleichem mit gleichem – wohlverstanden mit maximal gleichem, bis hin zu einem radikalen Pazifismus, der auch auf eine direkte Attacke mit liebevoller Zurückhaltung reagiert.
Die Frage ist, wie wir auf dieser Basis unseren Weg finden, und sie stellt sich ganz besonders in diesem Jahr 2022 und sie stellt sich ganz besonders heute, am 20. Juli. Seit über fünf Monaten ist Krieg in Europa, noch immer ohne Aussicht auf ein Ende. Und heute jährt sich das Attentat auf Adolf Hitler, geplant und ausgeführt von einer Gruppe Militärs um den Offizier Graf von Stauffenberg, das am Ende misslang.
Für beide Situationen stellt sich die Frage: Was ist erlaubt? Was ist mit ethischen, humanitären und eben auch christlichen Aspekten vereinbar? Was ist vertretbar, um einen grausamen Diktator seiner Macht zu entheben? Ist es aus christlicher Perspektive gutzuheißen, der überfallenen Ukraine Waffen zu liefern, mit denen dann Menschen getötet werden? Darf man um der Gerechtigkeit willen, den Tod anderer billigend in Kauf nehmen?
Diese Fragen sind grundlegend und ich denke, dass sie nach differenzierten Antworten verlangen. Ein einfaches schwarz oder weiß sehe ich in diesen Zusammenhängen nicht. Ob Antworten und vor allem die sich daran anschließenden Entscheidungen richtig sind, zeigt sich immer erst im Nachhinein. Wir wissen heute weder, wie sich der weitere Kriegsverlauf in der Ukraine gestalten wird, wir können auch nicht beantworten, wie der Lauf der Geschichte gewesen wäre, wenn Stauffenberg und seine Vertrauten Erfolg gehabt hätte.
Nur eines ist sicher: Waffen in die Ukraine zu liefern, wird Menschenleben kosten. Es nicht zu tun, ebenso. Stauffenbergs Attentat hat Menschenleben gekostet, unter anderem auch sein eigenes. Ob es weniger geworden wären, wenn Hitler nicht überlebt hätte, liegt im Bereich der Spekulation.
Es gehört zu unserem Leben dazu, uns in diesen Dilemmata zurechtzufinden und für uns selbst verantwortliche Antworten zu finden. Ich möchte mit niemandem tauschen, der in diesen Wochen und Monaten solch weitreichende Entscheidungen treffen und die dazugehörige Verantwortung übernehmen muss. Allein, dass sich Menschen dieser Aufgabe stellen, verdienst Respekt, auch wenn wir nicht ihrer Meinung sind. Wir sollten dafür beten, dass Gott uns und ihnen ein guter und gnädiger Ratgeber ist. Amen.

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  Nicht immer nur All-inclusive

Nicht immer nur All-inclusive

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.07.2022

Schwere Sturmflut an der Nordsee. Der Hallig-Pastor sitzt auf dem Dachfirst seiner kleinen Kirche, um ihn herum tost das Meer. Sein Nachbar kämpft sich mit seinem kleinen Boot durch die Brandung zu ihm, um ihn zu aufzunehmen. Doch der Pastor lehnt ab: „Nein, ich harre hier aus. Gott wird mich nicht vergessen!“ Einige Zeit später treibt ein großes und stabiles Scheunentor heran, auf das sich der Pastor hätte retten können. Doch er sagt zu sich selbst: „Nein, ich bleibe hier. Der Herr wird sich um mich kümmern!“ Und auch als schließlich ein Hubschrauber naht, um ihn auf das sichere Festland zu fliegen, lehnt der Pastor ab.
Es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann spült ihn eine große Welle vom Dach der Kirche und er ertrinkt. Als er nun vor seinem Schöpfer steht, beschwert er sich: „Ich war immer ein frommer Mann und habe deine frohe Botschaft verkündigt. Warum hast du mich so hängen lassen?“ Gottes Antwort: „Mein liebes Kind, ich habe dir deinen Nachbarn geschickt, das große Scheunentor und sogar noch einen Hubschrauber. Was, bitteschön, hätte ich deiner Meinung nach sonst noch tun sollen?“
Ich glaube, dass Gott diese Frage auch oft genug an uns richtet: „Was, bitteschön, hätte ich deiner Meinung nach sonst noch tun sollen?“ Wir sind durchaus verwöhnt. Unsere Kühlschränke zu Hause sind meist gut gefüllt, wir haben ein Dach über dem Kopf und leben hier in unserem Lande in relativer Sicherheit und in großer Freiheit. Ein Blick über unseren goldenen Tellerrand hinaus in diese Welt zeigt, dass wir damit im Vergleich zu unsagbar vielen Menschen außerordentlich privilegiert sind. Keine Frage, es ist auch bei uns nicht alles Gold, was glänzt, es gibt Baustellen und so dies und das, bei dem es Luft nach oben gibt. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es uns im Großen und Ganzen schon ziemlich gut geht.
Dieser Umstand kann dazu führen, dass wir uns still und leise eine gewisse „All-inclusive-Mentalität“ zulegen. Wenn irgendetwas zu erledigen ist, erwarten wir, dass irgendjemand kommt, und sich darum kümmert. Das fängt an bei der achtlos weggeworfenen Zigarettenkippe – die kann ja wohl die Stadtreinigung mal wegfegen – geht über die Sicherstellung der Gasversorgung im kommenden Winter – wozu bezahlen wir denn unsere ganzen Minister – und endet dann tatsächlich auch bei Gott, unserem Herrn – warum hast du mich so hängen lassen?
Ich muss nicht extra erwähnen, dass eine solche Haltung mehr Probleme schafft als sie löst. In der Bibel werden wir Menschen an vielen Stellen mit folgendem Satz aufgefordert: „Steh auf! Geh hin!“ Wir sollen uns auch selbst kümmern, sollen die Initiative ergreifen und vor allem auch unser Hirn benutzen. Dann kommen wir von ganz alleine darauf, dass die Zigarettenkippe in den Aschenbecher gehört und Energiesparen bereits jetzt sinnvoll und notwendig ist.
Und wir sollten tunlichst die Augen offenhalten, damit wir Gottes Hilfsangebote erkennen. Denn es ist nicht immer die Menge der himmlischen Heerscharen. Manchmal ist es tatsächlich nur das vorbeischwimmende Scheunentor. Amen.

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  Zu viel der Fülle?

Zu viel der Fülle?

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.07.2022

Wir sollen ein Leben in Fülle haben, das verspricht uns Jesus Christus höchst persönlich. Na denn man zu! Wer könnte da etwas dagegen haben. Ein Leben in Fülle – von mir aus gerne!
Zweifellos hört sich Jesu Verheißung verlockend an. Das klingt nach Sorglosigkeit, nach Schlaraffenland, nach mehr als wir brauchen von allem, was wir wollen. Dass unsere Vorstellung von einem Leben in Fülle bisweilen von unserer Lebenswirklichkeit erheblich abweicht, muss ich Ihnen und Euch nicht extra sagen. Diese Erfahrung machen wir immer und immer wieder. Und doch können wir von so manchem tatsächlich wesentlich mehr bekommen, als wir brauchen, und auch mehr als uns guttut. Und wenn dann dieses Etwas auch noch Türen in eine Welt öffnet, die für uns vorher verschlossen waren, kann es gefährlich werden. Denn dann kann das Verlangen nach dieser ganz besonderen Hülle auf einmal so groß sein, dass wir die Kontrolle verlieren. Dann laufen wir Gefahr, dass nicht mehr wir über dieses Etwas verfügen, sondern dass es anfängt, uns zu beherrschen.
Dieses Etwas hat viele Namen: Nikotin, Cannabis, Tabletten, Glücksspiel, Alkohol. Diese Substanzen haben das Potential, uns krank zu machen und aus einer übergroßen Fülle heraus eine zerstörerische Kraft zu entwickeln. Und diese Kraft wirkt vernichtend gegen vieles. Sie zerstört Familien und Freundschaften, sie zerstört berufliche Perspektiven, sie zerstört Vertrauen, Gesundheit, Selbstachtung und Zukunft. Und sie zerstört am Ende den Menschen selbst, der die Kontrolle verloren hat.
Dieser Kraft Einhalt zu gebieten, ist meist kein Spaziergang. Es gilt, diese Kraft, die wir Sucht nennen, aus dem Leben herauszudrängen, sie zu bezähmen und in Schach zu halten. Komplett vertreiben lässt sie sich nicht. Sie bleibt in Lauerstellung und wartet auf schwache Momente, die sie dann zur ihrer Chance macht.
„Einer trage des anderen Last.“ Das, so sagt der Apostel Paulus, ist Jesu Erwartungshaltung an uns alle. Dazu müssen wir wachsam sein, müssen sehen, wo jemand alleine nicht mehr weiterkommt, wo die Aufgaben zu groß geworden sind oder eben auch wo der Lebensweg in die Sackgasse einer Suchterkrankung geführt hat. Dort sind Kehrwenden nötig und der Wille, diese zu vollziehen. Menschen können anderen Menschen Auswege aus diesen Sackgassen zeigen, können sie an die Hand nehmen und die ersten Schritte in die neue, fremde und ungewohnte Richtung mitgehen. Sie können Wege aufzeigen und ausleuchten, gute Wegweiser sein und Tipps für die richtige Wegzehrung geben.
In Braunschweig haben sich solche Menschen unter dem Dach des Lukas Werks versammelt. Sie sind Profis in dieser Wegweiserrolle. Sie helfen anderen, ihre Lasten zu tragen und dafür zu sorgen, dass diese Lasten in Zukunft dauerhaft leichter werden.
Zu schwere Lasten sind nicht nur kraftraubend, sie drücken uns auch zu Boden, machen uns klein und unmündig. Gott will nicht, dass wir so leben. Er wünscht sich Menschen, die mit erhobenem Haupt und geradem Rücken durchs Leben gehen – in Selbstachtung, Respekt und Freiheit. Denn ohne Selbstachtung, Respekt und Freiheit kann Leben nicht gelingen. Es ist großartig, dass es Menschen gibt, die dazu beitragen, dass Leben wieder lebenswert wird und wir dann die verheißene Fülle auch wirklich genießen können. Amen.

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  Rut – eine alte Integrationsgeschichte

Rut – eine alte Integrationsgeschichte

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.07.2022

Inflation, Krieg, Gaskrise, Klimawandel – diese vier Themen beherrschen momentan die Nachrichten und die öffentliche Diskussion. Sie sind in ganz unterschiedlicher Weise für unser Leben existenziell und sie betreffen tatsächlich jede und jeden von uns. Angesichts dessen haben es andere Aufgaben und Herausforderungen umso schwerer, eine adäquate mediale Präsenz zu erzielen. Sie rutschen in den Tageszeitungen und Nachrichtensendungen weiter und weiter nach hinten oder fallen komplett heraus.
Eines dieser Themen ist die Integration von Menschen, die hier bei uns in Deutschland ihre neue Heimat gefunden haben oder noch suchen. Sie kamen und kommen aus vielen Teilen der Welt, aus dem Nahen Osten, aus Afrika, aus Afghanistan oder der Ukraine. Sie kommen aus anderen Kulturkreisen und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungshintergründe aber auch persönliche Traumata mit. Sie mussten fliehen vor Krieg, Gewalt und Hunger und sind für ihr neues Leben hier bei uns oft mit nicht viel mehr als dem Inhalt von ein oder zwei Plastiktüten ausgerüstet.
Wir sind nun gefordert, diesen Menschen bei ihrem Neustart zu helfen, ihnen zu ermöglichen und sie dazu anzuleiten, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Dazu gehören Möglichkeiten, unsere Sprache erlernen zu können und sich einzufühlen und einzuleben in unser demokratisches und trotz aller Säkularisierung von christlichen Werten geprägtes Gesellschaftssystem. Eine große Aufgabe, deren Erledigung viel Kreativität und einen langen Atem erfordert.
Dass so etwas gelingen kann, zeigen viele positive Beispiele aus unserem Land. Es zeigt aber auch die Bibel. Dort wird im Buch Rut eine gelungene Integrationsgeschichte erzählt, in nur drei Kapiteln und insgesamt 85 Versen. Eine vierköpfige jüdische Familie, Vater, Mutter und zwei Söhne, wandert wegen einer Hungerkatastrophe von Bethlehem in das heidnische Moab aus. Die Söhne heiraten dort, einer von ihnen die Moabiterin Rut. Der Familienvater und auch beide Söhne versterben. Rut, ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin sind nun Witwen.
Als Ruts Schwiegermutter beschließt, nach Bethlehem zurückzukehren, besteht Rut darauf, sie zu begleiten, obwohl sie als Ausländerin und wegen ihrer heidnischen Herkunft mit großen Nachteilen zu rechnen hat. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“, so beharrt Rut auf ihrem Entschluss.
In Bethlehem bekommt Rut Arbeit bei Boas, einem jüdischen Grundbesitzer. Der erkennt und wertschätzt ihr großes Engagement für ihre Schwiegermutter und heiratet Rut schließlich. Die beiden bekommen einen Sohn, Obed, der der Großvater des Königs David werden wird. Somit ist Rut in direkter Linie mit Jesus verwandt.
Die Geschichte der Rut, deren Gedenktag heute ist, zeigt, wie Integration über religiöse und kulturelle Hindernisse hinweg schon vor 3000 Jahren gelingen konnte. Die Geschichte hatte ein Happy End, weil beide Seiten bereit waren, sich aufeinander einzulassen, die eigenen Vorurteile und Denkschranken zu überwinden und sich gegenseitig unvoreingenommen zu begegnen. Dieses Modell funktioniert heute immer noch genau so. Es kommt darauf an, im Gegenüber den Menschen zu sehen. Ein solcher Blick schafft große Klarheit. Amen.

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  Keine Warteschleife

Keine Warteschleife

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.07.2022

„Du musst Dich im Beruf erstmal beweisen, bevor Du weiterkommst. Lehrjahre sind Herrenjahre. Zeig erstmal, was Du kannst, und dann sehen wir weiter“. Vielleicht fallen Ihnen noch weitere dieser freundlichen Ansprachen aus der Kategorie der Motivationstöter ein. Glücklicherweise hat man mir in meinem Leben davon nicht allzu viele um die Ohren gehauen, und doch sind sie mir geläufig. Und jedes Mal, wenn sie höre, wird mir ganz anders.
Denn wann kommen sie zum Einsatz? Leider noch immer viel zu oft, wenn Menschen nach einer Perspektive fragen. Wann kann ich mehr Verantwortung übernehmen? Wann bin ich ausreichend qualifiziert für eine Leitungsposition? Wann darf ich endlich alleine mit unseren Kunden verhandeln?
Da möchte jemand, da ist jemand motiviert, da will jemand weiterkommen. Und sie oder er werden abgebügelt mit einer Floskel, die alles Mögliche aufzeigt, ganz sicher aber keine konkrete Perspektive. Doch wir tun uns schwer, uns zu engagieren, wenn wir nicht wissen wofür. Das ist noch schlimmer als die Möhre vor der Nase des Esels, denn der kann die wenigstens schon mal sehen. „Mach erstmal weiter wie bisher und irgendwann ergibt sich dann schon was“ – oder eben auch nicht.
Zum Glück ist heute deutlich klarer, dass man mit derartigen Hinhaltetaktiken Menschen nicht wirklich bei der Stange hält. Hätten die Personalberater dieser Welt mal in die Bibel geschaut, hätten sie diese Erkenntnis auch früher haben können. Denn über dem heutigen Tag heißt es: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“
Gott schickt uns nicht in eine Warteschleife mit unbestimmter Verweildauer. Er sagt nicht: „Nun zahle erstmal ein paar Jahre artig Kirchensteuer, sei artig und fromm und vollbringe ein paar spirituelle Höchstleistungen und dann schauen wir mal, ob das alles reicht, um dich und dein Leben zu rechtfertigen.“ Nein, denn Paulus bestätigt, dass wir bereits gerecht geworden sind und das einzig und allein durch unseren Glauben. Stellt sich nur noch die Frage, wo wir den denn herbekommen und die Antwort darauf ist verblüffend einfach: Wir bekommen ihn geschenkt aus Gottes Hand, aus der Hand dessen, vor dem wir Rechtfertigung anstreben.
Zu danken dafür haben wir Jesus Christus. Er ist zum Vermittler geworden zwischen Gott und uns Menschen. Er hat alles aus dem Weg geräumt, was sich an Störendem und Blockierendem angesammelt hatte. Er hat zwischen Gott und uns wieder alles ins Reine gebracht.
All das ermöglicht uns, ein Leben zu leben, in dem wir nicht in banger Erwartung auf Gottes Gnade hoffen müssen. Denn sie wird uns bereits jetzt zuteil. Wir dürfen leben in der Gewissheit, dass Gott uns schon längst angenommen hat. Und das macht so manche irdische Warteschleife deutlich erträglicher. Amen.

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  Brich mit dem Hungrigen dein Brot

Brich mit dem Hungrigen dein Brot

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.07.2022

In unserem Gesangbuch gibt es ein Lied, das ich eigentlich sehr merkwürdig finde – jedenfalls mit Blick darauf, dass es in einem evangelischen Gesangbuch steht. Der Text heißt: „Brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus. / Such mit den Fertigen ein Ziel, brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied….“
Und immer so weiter. Es sind fraglos sinnvolle Aufforderungen, aber sie kommen sehr unverbunden daher, ohne Fundament und Gründung, ohne Kontext, also ohne Antwort auf die Frage: Warum sollte ich?
Der Liederdichter Peter Janssens, Jahrgang 1934, wird derlei vielleicht nicht gebraucht haben, aber in unserer säkularen Wohlstandsgesellschaft sieht das anders aus.
Oder soll ich sagen: sah?
Denn es ist einerseits schon längst eine Gesellschaft, in der nur die einen Wohlstand kennen, den Stand also, in dem gut sein ist. Die anderen spüren existentiell, was es bedeutet, dass Lebensmittel sprunghaft teuer werden, dass diskutiert wird, wie warm eine Wohnung eigentlich sein muss oder ob nicht doch ein bisschen gefroren werden darf. Jeden Tag werden es mehr Menschen in unserem Land, die auf die Tafel angewiesen sind, die auf Mahlzeiten verzichten, um Geld zu sparen, die viele gute Lebensmittel niemals auf dem Teller haben. Jeden Tag wird die Frage dringender, wie wir eigentlich miteinander leben und Lasten tragen wollen.
Einerseits. Und andererseits teilen wir wohl auch keine gemeinsame Hoffnung mehr. Das Lied wird in der sozialen Kälte konkret und funktioniert nach Maßgabe meiner menschlichen Kraft und Bereitschaft zu helfen, nicht aber aus der Zuversicht des Glaubens heraus.
„Sprich mit dem Sprachlosen ein Wort“ so klingt es weiter, denn die Lebenserfahrung der Menschen im 20. Jahrhundert hat viele zum Verstummen gebracht. Und so geschieht es noch immer: von Krieg und Leid Gezeichnete leben auch jetzt und hier unter uns und nicht nur sie, sondern auch die, die in zwei Jahren Pandemie kaum ein Wort gesprochen haben. Sie alle / wir alle brauchen, dass uns jemand zuhört und mit uns spricht. Einerseits. Und andererseits geht es nicht nur darum, irgendwas zu erzählen: sondern von der Hoffnung zu reden, die leben hilft.
In der Jahreslosung heißt es aus dem Johannesevangelium: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Das ist das Fundament, das ist der Kontext. Von hier aus können wir einander begegnen, teilen und leben helfen, Brot brechen, Wörter sprechen, Ziele suchen...

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  Rachel Salamander

Rachel Salamander

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.07.2022

In der Vorbereitung auf die Predigt am kommenden Sonntag bin ich auf Rachel Salamander gestoßen. Die Trägerin des Heinrich-Heine-Preises wurde
1949 in einem Displaced Persons Camp für Überlebende des Holocausts in Deggendorf geboren. Ihre Eltern hatten nach Israel auswandern wollen. Dies scheiterte aber an einer Krankheit der Mutter, die schon 1953 in München starb.
Rachel Salamander lebte noch mit ihrem Vater und Bruder bis zu dessen Auflösung im Lager, danach in München. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität München.
Eines ihrer Herzensanliegen war es, der „mit den Menschen vernichteten jüdischen Literatur und Kultur in Deutschland wieder ein Fundament zu legen. Die Welt ihrer Eltern war zerstört. Überlebende Jüdinnen und Juden blieben – obwohl in Deutschland geboren – jahrzehntelang im Status „heimatloser Ausländer.“
Rachel Salamander erzählt in ihrer Rede zum Heinrich-Heine-Preis 2021 von dieser absoluten Leere durch den Verlust des kulturellen Erbes und zitiert Franz Kafka, der in einem Brief an Milena Jesenská (eine enge Freundin, die 1944 in Ravensbrück starb) schrieb: „… nichts ist mir geschenkt, alles muss erworben werden, nicht nur die Gegenwart und die Zukunft, auch noch die Vergangenheit, etwas das doch jeder Mensch mitbekommen hat, auch das muss erworben werden, das ist vielleicht die schwerste Arbeit…“
Rachel Salamander hat 1982 eine „Literaturhandlung“ in München gegründet und ist diese Schwerstarbeit, jüdische Literatur, die einst von den Nationalsozialisten verbrannt und verfemt wurde, erneut zu sammeln, angegangen. Sie hat sich damit gequält und Unverständnis geerntet. Warum sollte man das, was die Nationalsozialisten perfekt konnten (zusammenstellen, katalogisieren, sortieren) nochmal machen? Würde es gelingen, diese Künstler wieder einzubürgern? Rachel Salamander hat das versucht und einen weiten Weg zurückgelegt, viel gepflanzt und gesät. Umso erschütternder, dass sie nach lebenslangem Einsatz eigentlich findet, sagen zu müssen: „Es ist alles umsonst“, denn Jüdinnen und Juden erleben im Deutschland der Gegenwart alltäglichen Antisemitismus.
Und doch klingt durch das Leben der Rachel Salamander hindurch, was bei Jesaja über diesem Tag steht: „Ich will einige von ihnen, die errettet sind, zu den Menschen senden, die nichts von mir gehört haben…“
So eine muss sie sein.

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  Mittendrin im Leben

Mittendrin im Leben

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.07.2022

Ein alter Mönch pilgert mit einem jungen Mitbruder auf dem Jakobsweg. Für die Nächte bauen sich die beiden aus einem leichten Stoff ein Zeltdach. In einer Nacht wacht der alte Mönch auf und sieht die Sterne am Himmel. Daraufhin weckt er seinen jungen Mitbruder und fragt ihn: „Schau nach oben und sag mir: Was siehst du?“ Der antwortet: „Ich sehe den Himmel, lieber Bruder, unendlich viele leuchtende Sterne.“ „Und, was sagt dir das?“, fragt der alte Mönch. „Dass Gott der Schöpfer des Himmels und aller Himmel Himmel ist. Er hat diese unendliche Weiten so wunderbar erschaffen. Und trotzdem hat er uns kleine Menschen dabei nicht vergessen.“ „Ach, junger Bruder,“ stöhnt der alte Mönch, „mir sagt es, dass sie uns das Zelt geklaut haben.“
Eine kleine, heitere Geschichte, die jedoch, wie ich finde, eine wichtige Wahrheit enthält.
Der junge Mönch ist ganz offenbar ein durch und durch frommer Mensch und seine Ehrfurcht vor Gott und seine Liebe für ihn sind groß. Seine Gabe, in allem Gottes wunderbare Schöpfung zu sehen, ist beneidenswert. Allerdings scheint ihm all das den Blick auf das zu verstellen, was gerade um ihn herum so los ist.
Die Fähigkeit, sich in seinen Glauben hineinfallen zu lassen und sich darin geborgen zu fühlen, ist großartig. Aber ich denke, dass das nicht alles ist, was Gott sich von unserer Beziehung zu ihm und von uns insgesamt wünscht. Da fehlt Aktion, da fehlt Gestaltung und da fehlt Mitwirkung. Da fehlt der klare und unverstellte Blick auf diese Welt.
Unser Glaube und unsere Spiritualität sind wertvolle Geschenke, aus denen wir Kraft und Zuversicht ziehen können. Aber sie katapultieren uns nicht auf einen anderen Stern. Auch oder besser: gerade als Christinnen und Christen stehen wir immer mitten im Leben, stehen wir immer mitten im Hier und Jetzt.
Wir tragen Verantwortung für uns selbst und unsere Mitmenschen und nicht zuletzt für Gottes Schöpfung. Und daraus folgt, dass wir gefragt sind, uns zu den ganz aktuellen Fragen unserer Zeit zu positionieren. Wie kriegen wir es als Gesellschaft hin, dass angesichts der exorbitant steigenden Energiekosten im kommenden Winter niemand auf der Strecke bleibt? Wie lautet eine christliche Antwort auf die Frage zu Waffenlieferungen an die Ukraine? Sind wir als Kirche überhaupt noch nah genug an den Sorgen der Menschen oder beschäftigen wir uns viel zu sehr mit uns selbst?
Die Auseinandersetzung mit diesen Themen ist nicht leicht und auch nicht immer angenehm und erbaulich. Doch die Kraft, sich dem zu stellen, können wir aus unserem Glauben ziehen und aus der Gewissheit, dass wir Gott dabei an unserer Seite haben. Der dankbare Blick in den wunderbaren Sternenhimmel ist uns dabei ausdrücklich erlaubt. Aber wir sollten schon rechtzeitig merken, wenn uns jemand das Zelt klauen will, dass uns auf ganz profane Weise Schutz und Obhut ist. Amen.

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  Zurück zum Absender

Zurück zum Absender

Henning Böger, Pfarrer - 11.07.2022

Haben Sie Lust auf einen kleinen Ausflug in Gedanken? Dann folgen Sie mir zur Kunstausstellung documenta fifteen nach Kassel, die in diesem Jahr zum fünfzehnten Mal seit 1955 stattfindet. Es gibt dort derzeit bitteren Streit um die Judenfeindlichkeit
von Kunstwerken. Aber darum soll es jetzt nicht gehen.
Es geht um ein anderes Kunstwerk, welches das Künstlerkollektiv „The Nest Collective“ aus Kenia mitten auf einer großen Wiese vor der Kasseler Orangerie errichtet hat.
Auf der Wiese liegen viele große Stoffballen, fest verschnürt und in bunten Farben aufeinandergetürmt. Sie bilden eine große Hütte, die mit einem Wellblechdach belegt ist. Wer die Hütte betritt, der erkennt, warum die Ballen so aufgeschichtet wurden.
Das Kunstwerk des afrikanischen Künstlerkollektivs heißt „Return to Sender“,
auf Deutsch „Zurück zum Absender“. Es besteht aus Altkleidern, die zu Ballen gepresst aus Deutschland in Afrika entsorgt werden sollten. Das wollen die Länder dort aber nicht; sie wollen unseren Müll nicht. Darum schicken sie ihn zurück: „Return to Sender“.
Moderne Kunst kann politisch sein. Sie kann intervenieren und Fragen an die Betrachterinnen und Betrachter stellen. Das gilt auch für dieses eindrucksvolle textile Kunstwerk. Es fragt nach unserer Art zu leben und zu konsumieren: Brauchen wir alles, was wir so einkaufen? Müssen wir wirklich alles haben, was wir haben wollen: jeden neuen Trend, jede neue Mode? Und wohin mit allen den Sachen, die wir dann nicht
mehr brauchen oder haben wollen? Darf das einfach als Altkleider oder als Elektroschrott nach Afrika geschafft werden? In den Container, aus den Augen und aus dem Sinn?
Return to Sender, zurück zum Absender: Die Altkleider-Hütte auf der Wiese an der Kasseler Orangerie kann sehr nachdenklich machen: Andere Länder sind nicht unsere Mülleimer. Wir können und dürfen nicht weiter auf Kosten anderer leben. Je weniger wir für uns selbst wollen, desto mehr bleibt für andere. Daran erinnern auf der documenta fifteen noch andere Kunstwerke aus dem globalen Süden.

Wir alle haben nur diese eine Welt. Die Bibel versteht sie als Gottes Gabe, die allen Menschen gilt: in Nord und Süd, in Ost und West. Wer diese Schöpfung liebt, der soll sie achten. Und wer erst einmal angefangen hat zu fragen, was er oder sie wirklich braucht, erkennt: Es kann von allem weniger sein, damit mehr bleibt für die, die weniger haben.


Bilder des Kunstwerkes „Return to Sender“ kann man hier ansehen: https://www.instagram.com/p/Ce3CGx3I53O/

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  Der Berg...

Der Berg...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.07.2022

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“ So beginnt der 121.Psalm.
So haben wir gebetet, als wir vor zehn Tagen vor der Braunschweiger Hütte auf 2759m in den Ötztaler Alpen standen. Anlass war die Einweihung einer winzig kleinen Kapelle. Ein Zufluchtsort am Gletscherrand, von Menschen aus Zirbenholz und Liebe gebaut, 12 Plätze geborgen und umfriedet inmitten der Ewigkeit der Bergwelt. Menschen finden Zuflucht bei Gott in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gastfreundlichkeit bei den Pächtern der Braunschweiger Hütte.
Wer allerdings auf dem kleinen Podest vor der Kapellentür steht und Richtung Wildspitze guckt, sieht nicht nur die herrliche Welt der Berge, sondern auch dass die Gletscher sich unablässig zurückziehen und die Natur gezeichnet ist von den Spuren menschlicher Gier. Am Rand des Berges, dort wo früher einmal ein Gletscher war, zieht sich jetzt eine Straße den Berg hinauf. Es ist ein Material- und Transportweg, der mitten im Sommer tausenden Touristen das Skifahren ermöglicht.
Ein Stück weiter südlich steht eins der Wahrzeichen der Dolomiten, die Marmolada. Dieser Tage ist dort ein riesiges Gletscherstück abgerutscht, nein vielmehr ins Tal gestürzt und hat diverse Seilschaften von Bergsteigern mit sich gerissen. Man mag sich wundern, warum Menschen an einem Hochsommertag den Berg bezwingen wollen und nicht die Weisheit früherer Generationen beherzigen und dies in der Kühle des allerfrühsten Morgens versuchen. Aber die Verwunderung wird leise angesichts der Wucht dessen, was da noch passiert. Fast hat man den Eindruck, als würde nun wirklich der Berg zu dem Propheten kommen, als würde der Berg sich ins Tal stürzen, um den Menschen zu sagen:“ Ich bin kaputt, achtet auf mich. Der äußere Schein trügt, unter meiner Haut stürzen Ströme nicht nur lebendigen, sondern zerstörerischen Wassers“
„Ich hebe meine Augen auf, zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Menschen haben in den Bergen schon immer gespürt, dass Gott ihnen dort näher ist, dass er klarer zu ihnen spricht, dass seine Zeichen deutlicher sind. Hoffentlich müssen sie nun nicht ganz einstürzen, bis wir begreifen.

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  I’m lost!

I’m lost!

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.07.2022

I’m lost, eine englische Redewendung, die auch in unseren Sprachraum Einzug gehalten hat. I’m lost, ich bin verloren oder ich habe mich verloren, so wäre die Übersetzung. Verwendet wird dieser Anglizismus zum Beispiel, wenn wir in einem Gespräch den Faden verloren haben, einem Vortrag nicht mehr folgen können oder beim Lesen eines Buches die Botschaft des Autors nicht erkennen. I’m lost!
Sich zu verlieren kann aber auch positiv sein. Wenn jemand an unserer großen Orgel improvisiert, kann ich mich in diese Musik hinein verlieren, alles um mich herum vergessen und einfach abtauchen in den Klang. Wir können gedankenverloren sein; dann haben wir uns kurz verabschiedet aus dem Hier und Jetzt und sind hineingegangen in eine andere Welt, die es nur in unserer Phantasie gibt.
Doch da ist eben auch die negative Seite. Wir können verloren gehen in der Hektik des Alltags, im Gestrüpp aus Angst und Hoffnungslosigkeit, wir können verloren gehen in den Sackgassen unserer Lebenswege. Mit ein bisschen Glück finden wir uns selbst wieder und finden damit wieder zurück zu uns selbst. Doch oftmals bedarf es dazu fremder Hilfe.
Damit wird auch ordentlich Geld verdient. Im Internet werden Selbstfindungskurse in überwältigender Vielfalt und zu ebenso überwältigenden Preisen angeboten. Ganz offenbar sind eine ganze Reihe von Menschen immer mal wieder auf der Suche nach sich selbst.
Über dieser Woche heißt es: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Aus dem Lukasevangelium stammen diese Worte und Jesus sagt sie über sich selbst. Was er sucht, wird schnell klar; es ist nicht der verlorene Autoschlüssel, nicht die unachtsam im Waschbecken weggespülte Kontaktlinse. Nein, es geht um Menschen. Es geht um Sie und Euch und mich.
Jesus sucht uns, wenn wir aus seiner Obhut verlorengegangen sind, wenn wir, wie auch immer und warum auch immer, herausgegangen oder herausgefallen sind aus dem Kreis derer, die sich zu ihm gehörig fühlen. Damit hat er eine neue Dimension eröffnet. Gott verspricht uns schon im Alten Testament, dass er sich von uns finden lassen will, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen. Wir müssen aktiv werden, müssen uns für Gott entscheiden und uns zu ihm auf den Weg machen.
Bei Jesus ist das anders. Er sucht uns. Er möchte Gemeinschaft mit uns haben, möchte, dass wir nahe bei ihm sind, ihm einen Platz in unserem Leben einräumen. Und er will uns selig machen, wie er sagt. Ich verstehe ihn so, dass er uns ein gutes und ausbalanciertes Leben ermöglichen will, uns das Gefühl von Geborgenheit schenken und unser Freund und Wegbegleiter werden möchte.
Dazu macht er sich auf die Suche und jede und jeder einzelne ist ihm dabei wichtig. Niemanden lässt er fallen. Und wir? Wir müssen uns einfach nur von ihm finden lassen. Amen.

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  Lebenskonstante

Lebenskonstante

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2022

Reisen bildet. Ich war in der vergangenen Woche mit dem 9-Euro-Ticket Richtung Nordsee unterwegs und habe auf der Rückfahrt zwischen Buchholz und Hannover Orte durchfahren, deren Namen ich bis dahin wirklich noch nie gehört hatte: Holm-Seppensen, Büsenbachtal oder Handeloh. Wie gesagt, eine echte Wissenserweiterung für mich. Was mich unterwegs allerdings noch mehr überrascht hat, war die Tatsache, dass schon eine ganze Reihe von Getreidefeldern abgeerntet waren. Irgendwie hatte ich noch immer das zarte Grün der aufkeimenden Saat sehr präsent im Gedächtnis und nun ist die Ernte schon eingebracht. Aber so sind der Lauf der Zeit und so ist der Kreislauf des Lebens: entstehen, aufwachsen und verschwinden.
Auch wir unterliegen dieser Gesetzmäßigkeit und diese Welt insgesamt ebenso. Insbesondere bei den Menschen, die uns in unserem Leben begleiten, fällt uns dies auf. Es kommen neue Kontakte hinzu, wir begründen neue Freundschaften und Beziehungen privater oder geschäftlicher Natur und andere enden. Es ist ein dauerndes Kommen und Gehen, ein Sich-Annähern und ein Sich-Entfernen. Mal sind wir es, die gehen, mal sind es die anderen.
Das bedeutet auch, dass wir regelmäßig Abschiede erleben und mitunter auch erleiden. Damit kommen wir ganz unterschiedlich zurecht, je nachdem wie eng wir mit dem Menschen waren, der nun nicht mehr so nah bei uns ist. Doch es sind immer wieder Brüche, die wir verarbeiten müssen und die in uns den Wunsch nach Beständigkeit erwachen lassen können.
Über dem heutigen Tag steht ein wunderbares Bibelwort aus dem 139 Psalm. Es lautet: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge zum äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Der Psalmbeter hat erkannt, in wem er diese Beständigkeit findet: in Gott.
Er bietet sich uns an als Konstante in unserem Leben. Egal wo wir sind, egal, wohin es uns verschlägt, er ist verlässlich an unserer Seite. Doch er ist nicht einfach nur da. Er weiß, wie es um uns steht, was uns bewegt, was uns auf der Seele liegt. „Du verstehst meine Gedanken von ferne“, sagt der Psalmist. Nichts ist Gott verborgen und, was noch viel wichtiger ist, wir müssen erst gar nicht versuchen, irgendetwas vor ihm verborgen zu halten, weil er es längst weiß.
Das macht die Beziehung zwischen Gott und uns so wertvoll, so angenehm und irgendwie auch unkompliziert. Wir dürfen alles zeigen – unsere hellen, wie unsere dunklen Seiten. Und wenn es mal so richtig eng wird, alles in Frage zu stehen scheint und es nur noch dunkel ist, dann, so der Psalmbeter, leuchtet die Nacht wie der Tag und die Finsternis wie das Licht.
Und weiter heißt es: „Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.“ Aber wir dürfen sie annehmen und dafür dankbar sein. Halleluja! Amen

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  Wenn der Akku mal leer ist…

Wenn der Akku mal leer ist…

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.07.2022

Können Sie sich noch an die Werbung mit dem Duracell-Hasen erinnern? Dabei stehen eine ganze Reihe von Plüschhasen mit einer Trommel vor dem Bauch im Mittepunkt. Alle Hasen trommeln kräftig, doch nach und nach geht allen, die irgendwelche Fremdmarkenbatterien im Bauch haben, die Puste aus. Nur der Duracell-Hase trommelt fröhlich weiter.
Das Schicksal der Fremdmarkenbatteriehasen teilen auch wir immer mal wieder. Unser Akku ist leer. Das passiert immer dann, wenn in unserem Leben Dinge aus dem Gleichgewicht geraten. Das Verhältnis von Arbeit und Ruhe passt nicht mehr oder andere Belastungen für Körper und Seele sind so groß, dass unsere Energiequellen nicht mehr ausreichen.
Die Folgen sind vielfältig. Unsere Leistungsfähigkeit geht in den Keller, die Gesundheit leidet und das Leben wird immer mehr Last statt Lust. Wir brauchen neue Kraft, um wieder durchzustarten, doch die zu finden, ist nicht immer leicht.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“ Jesus sagt diesen Satz zu jener Frau, die seit 12 Jahren an Blutfluss leidet. Sie hatte bereits vorher all ihr Geld den Ärzten gegeben und bei deren Behandlungen viel erlitten, wie die Bibel sagt. Doch nichts hatte geholfen. Nun steht sie dicht gedrängt mit vielen anderen Menschen zusammen, die, so wie sie, zu Jesus gekommen sind und es gelingt ihr, Jesu Gewand zu berühren. Und allein dieser kurze Kontakt heilt sie.
Wie gesagt, es drängten sich viele Menschen um Jesus und er wurde sicherlich von diversen Leuten angerempelt. Doch er bemerkt sofort, das die Berührung durch diese Frau etwas Besonderes war. Deshalb dreht er sich zu ihr um und bestätigt ihr, was sie selbst an sich bereits bemerkt hat: Sie ist geheilt.
Diese Heilungsgeschichte ist anders als viele andere. Jesus dreht sich zu der Frau um, weil er bemerkt, dass im Moment der Berührung von ihm eine Kraft ausgegangen ist. Er heilt nicht aktiv durch Handauflegen, durch ein Gebet oder einen besonderen Segen. Er heilt hier passiv, einzig und allein durch die Kraft, die in ihm wohnt und die auf die Frau übergeht und sie gesundmacht. Jesus wirkt hier wie ein voller Akku, der seine Energie abgibt, wenn man ihn berührt.
Das hat sich bis heute übrigens nicht geändert und das Wunderbare ist: Wir können alle daran teilhaben. Unsere Kraftquelle ist dabei nun nicht mehr Jesu Gewand. Unsere Kraftquelle ist unser Glaube, unser Gebet, vielleicht auch der Gottesdienst oder das Heilige Abendmahl, das wir gleich miteinander feiern werden. Und damit sind wir noch viel, viel besser aufgestellt als der Duracell-Hase. Denn unser Akku wird niemals leer. Amen.

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  Umkehr

Umkehr

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.06.2022

Es ist 5 vor 12! Selten ist damit die Uhrzeit gemeint. Viel öfter soll uns dieser Satz sagen, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Diese Erkenntnis ist nicht besonders angenehm und jemandem sagen zu müssen, dass es 5 vor 12 ist, ist keine schöne Aufgabe. Das weiß auch der Prophet Jona. Er hat von Gott den Auftrag bekommen, nach Ninive zu gehen, deren Einwohner, wie die Bibel berichtet, einen boshaften Lebenswandel führten. Ninive war riesig. Man brauchte drei Tage, um die Stadt zu umrunden und es sollen 600.000 Menschen in ihr gelegt haben. Ich kann nachvollziehen, dass Jona wenig erfreut war. Doch am Ende ringt er sich durch und verkündet den heidnischen Niniviten kurz und knackig und in Gottes Auftrag: „Es sind noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen.“
Donnerwetter! Was für eine Ansage! Kein Hinweis auf Gott, keine Aufforderung zur Buße und zur Umkehr, keine Perspektive auf einen Ausweg, nichts dergleichen. Umso überraschender ist die Reaktion der Niniviten, denn sie beginnen von jetzt auf gleich, an Gott zu glauben und Buße zu tun. Sie zeigen Einsicht in ihr Fehlverhalten, beginnen zu fasten und ziehen sich Trauerkleidung an. Sie gehen in Sack und Asche. Ihre Motivation ist eine winzige Hoffnung, die ihr König so formuliert: „Wer weiß, vielleicht ändert Gott ja seinen Beschluss.“
Vor über 2500 Jahres sieht Gott das Fehlverhalten der Niniviten und lässt sie die unabwendbaren Konsequenzen ihres Handelns wissen. Und er behandelt uns heute genau so. Auch an meiner und an unserer Lebensweise übt Gott Kritik und er schenkt uns, so wie damals den Menschen in Ninive, die Einsicht, was passieren wird, wenn wir so weitermachen.
Wir werden unumkehrbare Konsequenzen des Klimawandels erleben und erleiden, was für viele Menschen, weit mehr als damals in Ninive lebten, den Untergang bedeuten wird. Wir werden den traurigen Rekord von 100 Millionen Menschen auf der Flucht locker überbieten, wenn es uns nicht gelingt, Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Welt gerechter zu teilen. Und die großen Probleme dieser Welt werden demnächst tatsächlich unlösbar sein, wenn es uns nicht gelingt, zu erkennen, dass wir sie nicht im Alleingang, sondern nur in einem friedlichen und partnerschaftlichen Miteinander lösen können.
Der jüdische Gelehrte Moses Maimonides schreibt im 12. Jahrhundert: „Die Ehre meiner Seele besteht darin, von den Wegen der Toren abzuweichen. Wenn wir uns diese Haltung zu eigen machen, dann werden wir das Richtige tun, weil es unser Anspruch an uns selbst ist, weil darin die Ehre unserer Seele besteht.
Nachdem sich die Niniviten entschieden haben, umzukehren, offenbart sich ihnen Gott, in dem er von Grund auf verwandelnd in diese Welt eingreift. Doch schlussendlich haben es die Menschen selbst vollbracht. Sie haben sich aus ihrem alten und boshaften Leben verabschiedet. Sie haben sich daraus befreit und so die drohende Katastrophe abgewendet.
Diese Chance haben auch wir, Sie und Ihr und ich. Wir haben die Freiheit unser Leben so zu leben, wie es gut ist – für uns, für unsere Mitmenschen und für diese Welt. Wir sind frei, umzukehren. Wir sind frei, die Wege der Toren zu verlassen in Richtung und in der Hoffnung auf eine Zukunft mit Gott. Amen.

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  Peter und Paul

Peter und Paul

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.06.2022

Ob den beiden das gefallen hätte, ich bin mir nicht ganz sicher. Zumindest gab es Zeiten, zu denen hätte zumindest der eine von den beiden heftig protestiert. Nun ist es aber doch so gekommen und die beiden wurden schlicht und ergreifend nicht gefragt. Ich rede von Petrus und Paulus und davon, dass sie sich nun einen Gedenktag teilen müssen. Und der ist heute: Peter und Paul.
Klar, die beiden hatten dasselbe Ziel. Sie waren Apostel und Missionare und wollten die Menschen dafür gewinnen, umzukehren und sich für ein Leben im Glauben an Jesus Christus und für Gottes frohe Botschaft zu entscheiden. Und doch haben sich die beiden dabei auch ganz kräftig in die Flicken gekriegt.
Eine ihrer wohl heftigsten Auseinandersetzungen wird heute als Antiochenischer Zwischenfall bezeichnet. Was war passiert? Die jungen christlichen Gemeinden bestanden aus ganz unterschiedlichen Menschen. Da waren zum einen die Judenchristen, also Menschen die ursprünglich im jüdischen Glauben gelebt hatten und sich dann zum Christentum bekannten. Und es gab die sogenannten Heidenchristen, die sich, bevor sie Christen wurden, zu einer nichtjüdischen oder zu gar keiner Religion bekannten.
Anfänglich hatte Petrus mit beiden Gruppen – Judenchristen wie Heidenchristen – gleichermaßen Kontakt. Das wurde von einigen Judenchristen aber kritisiert, denn es war nach jüdischem Recht, das für sie nach wie vor Bedeutung hatte, unzulässig, sich mit Nichtjuden abzugeben, insbesondere mit ihnen Tischgemeinschaft zu haben. Nach dieser Kritik an seinem Verhalten ging Petrus dann zu eben diesen Heidenchristen deutlich aus Distanz.
Darüber war nun wiederum Paulus empört und protestierte vehement. Besonders im Galaterbrief macht er seinem Ärger Luft und kritisiert Petrus für sein aus Paulus Sicht opportunistisches Verhalten. Für Paulus waren alle Angehörigen der christlichen Gemeinden gleichberechtig und irgendwelche Ausgrenzungen mit der christlichen Lehre unvereinbar. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ So bringt er es auf den Punkt.
Streit unter Christinnen und Christen – das Thema ist offenkundig nicht neu. Doch, auch wenn es komisch klingt: Ich bin dankbar dafür, dass Petrus und Paulus miteinander im Clinch lagen. Denn es zeigt, dass inhaltliche Auseinandersetzungen, Diskurse über den rechten Weg und Meinungsverschiedenheiten auch in unserer Kirche dazugehören. Und wenn selbst zwei der ganz Großen nicht in allen Fragen einig waren, dann dürfen wir an der Basis allemal auch kontrovers diskutieren.
Und ich finde, wir müssen das auch tun, denn nur so bringen wir unsere Kirche nach vorne. Auch, wenn wir uns über ganz persönliche Fragen des Glaubens mit anderen Christinnen und Christen oder auch mit Menschen, die mit dem Glauben so gar nichts am Hut haben, austauschen, werden wir niemals in allen Punkten übereinstimmen. Das ist auch nicht zu erwarten, denn so unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich sind unsere Glaubenserfahrungen.
Wichtig ist, dass uns bei allem der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung nicht verloren gehen. Das haben ganz sicher auch Petrus und Paulus beherzigt, denn wie hat letztgenannter so schön gesagt: „Über alles aber zieht an die Liebe, denn sie ist das Band der Vollkommenheit. Amen.

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  Siebenschläfer

Siebenschläfer

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.06.2022

Er gehört zur Familie der Bilche und zur Gattung der Gilse. Wenn andere schlafen, wir er munter und schaut mit seinen großen schwarzen Augen in die Nacht. Nein, ich rede hier nicht von einem Fabelwesen oder einem Außerirdischen, sondern von einem kleinen nagenden Hörnchenverwandten, dem Siebenschläfer. Heute ist Siebenschläfer, der bedeutende Tag der Wetterweichenstellung. „Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag.“ So lautet eine von einer ganzen Reihe von Bauernregeln.
Und tatsächlich zeigen Statistiken, dass diese zumindest für Süddeutschland mit mehr als 70% Wahrscheinlichkeit zutreffend ist. Das hängt, wie ich mir angelesen habe, mit der vom Jetstream abhängigen Großwetterlage zusammen, die sich üblicherweise um den Monatswechsel Juni-Juli stabilisiert und dann für einen oft längeren Zeitraum für konstante Wetterverhältnisse sorgt.
Und nun die Kardinalfrage: Was hat der heutige Siebenschläfertag und unser Sommerwetter denn nun mit dem possierlichen Nagetier zu tun? Die Antwort wird Sie möglicherweise enttäuschen. Sie lautet: Gar nichts!
Der Siebenschläfertag beruht auf der Legende der „Sieben Schläfer von Ephesus“. Danach hatten im dritten Jahrhundert sieben junge Christen in einer Berghöhle nahe Ephesus vor ihren Verfolgern Zuflucht gesucht. Doch ihr Versteck flog auf und sie wurden in dieser Höhle lebendig eingemauert. Der Legende nach starben sie allerdings nicht, sondern schliefen 195 Jahre lang. Nach dieser Zeit wurden sie zufällig entdeckt und erwachten wieder. Das soll sich am 27. Juni 446 zugetragen haben. Nachdem sie geweckt wurden, bezeugten sie ihren Glauben an Jesus Christus und an seine Auferstehung von den Toten und verstarben kurz darauf. Von dieser Legende gibt es mehrere syrische und griechische Varianten und auch im Koran ist sie zu finden.
Gibt es eine tiefere theologische Botschaft in dieser Geschichte? Ich weiß es nicht. Klar, man könnte sagen, dass es die Lebensaufgabe der sieben jungen Christen war, der Welt gegenüber ihr ganz persönliches Glaubensbekenntnis abzugeben und dass sie erst sterben konnten, nachdem sie das erledigt hatten. Vielleicht soll die Geschichte auch verdeutlichen, dass man die Zeugen unseres Gottes nicht mundtot machen kann, sondern dass die christliche Botschaft stärker ist und alle Mauern überwindet.
Doch vielleicht würde man so auch viel zu viel in diese Geschichte hineininterpretieren. Fakt ist in jedem Fall, dass unser Gott ein Auge auf uns hat, dass er uns begleitet und behütet, ob wir nun gerade wach sind oder schlafen. Darauf können wir uns verlassen und das – Gott sei Dank – nicht nur am Siebenschläfertag. Amen.

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  Aus Gnade!

Aus Gnade!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2022

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich treibt immer mal wieder die Frage um, was Gott wohl von mir erwartet und ob ich zumindest ansatzweise verstanden habe, was er mit mir und meinem Leben vorhat. Dass er überhaupt etwas mit mir vorhat, steht für mich außer Frage – mit Ihnen und Euch im Übrigen ganz sicher auch. Doch wie führt man ein Leben, das Gott gefällt, was also gottgefällig ist? Wo liegt der goldene Mittelweg zwischen Freiheit und Verantwortung, wo stehe ich mit meinem freien Willen auf weitem Raum und wo muss ich ihn eher an die kurze Leine nehmen?
Wenn das auch ab und zu mal ihre Fragen sind, habe ich eine gute Nachricht für Sie, denn: Wir sind nicht die ersten, die sich damit beschäftigen oder gar rumquälen. Unsere evangelischen Kirchenväter, darunter Martin Luther und als Hauptautor Philipp Melanchthon haben dazu in der Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis, Antworthilfen formuliert. Heute ist der Gedenktag dieser Schrift, die am 25. Juni 1530 auf dem Augsburger Reichstag Kaiser Karl V. übergeben wurde.
Das Augsburger Bekenntnis gibt eine knappe Zusammenfassung der evangelischen Lehre und Praxis des 16. Jahrhunderts. Ja, die Welt hat sich seit dem weitergedreht und doch sind die Grundlagen, was unsere Beziehung zu Gott angeht, zeitlos richtig. Und zu den eingangs gestellten Fragen werden uns Impulse gegeben, die auch im Jahr 2022 aktuell und richtig sind. Dort ist zu lesen: Unser Glaube soll gute Früchte und gute Werke hervorbringen. Doch wir dürfen nicht auf diese Werke vertrauen, denn Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott erlangen wir nicht durch unser Verdienst oder durch unsere Werke und Taten, sondern allein aus Gnade.
Ist das nicht unglaublich entlastend? Unter dem Strich lässt sich Gottes Erwartungshaltung in einem Wort zusammenfassen: Glaubt! Glaubt, dass Christus für euch gelitten hat und dass euch um seinetwillen eure Sünden vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.
Alles Weitere ergibt sich von selbst. Aus unserem Glauben heraus, werden wir gute Werke tun, nicht etwa, weil wir es müssen, sondern weil wir es für richtig erachten.
Darüber hinaus sind alle Versuche, vor Gott durch fromme Heldentaten in einem besonders guten Licht dazustehen, ebenso überflüssig wie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gott ist nicht bestechlich, dafür aber unendlich großzügig. Gnade, Liebe und Rechtfertigung
können wir uns nicht verdienen, erarbeiten oder gar kaufen. Sie werden und geschenkt, weil Gott uns mag.
Oder wie Paulus es sagt: Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk. Amen.

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  Klare Kante

Klare Kante

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.06.2022

„Es gibt Würstchen in diesem Parlament, die sind den Senf nicht wert, den man draufstreichen müsste, um sie genießbar zu machen!“ Von Herbert Wehner stammt dieser Satz, gesprochen im Deutschen Bundestag. Er war ein Freund klarer Worte, die manchmal so gar nicht parlamentarisch klangen und durchaus sehr verletzend sein konnten. Das brachte ihm insgesamt 58 Ordnungsrufe ein und damit hält er bis heute den Rekord. Was weniger bekannt ist: Herbert Wehner war ein überzeugter Christenmensch, protestantisch-lutherisch. Über diese Kombination darf man staunen: Auf der einen Seite der mitunter wüst schimpfende Abgeordnete, der den politischen Gegner als „Übelkrähe“, „angeschimmelter Lebegreis“ oder gar „weißblaues Arschloch“ bezeichnete und auf der anderen Seite der fromme Christ.
Geht das zusammen? Muss man als Christenmensch nicht eher freundlich und zuvorkommend sein? Grundsätzlich schon, denke ich. Doch es gibt auch in der Bibel andere Beispiele. Da predigt jemand im Heiligen Land zu einer großen Schar von Menschen und seine Worte klingen so: „Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“
Diese unmissverständliche Ansage kommt von Johannes, dem Täufer und heute, am 24. Juni ist sein Gedenktag. Lukas berichtet, dass seine Mutter Elisabeth und Jesu Mutter Maria Cousinen waren. Maria besucht sie, nachdem ihr der Engel mitgeteilt hatte, welche großen Pläne er mit ihr hat.
Johannes ist der große Mahner. Er fordert die Menschen auf, umzukehren und sich taufen zu lassen. Sein zweifellos prominentester Täufling war Jesus Christus selbst. Und so war Johannes sein Wegbegleiter, was sich auch darin ausdrückt, dass sein Gedenktag im Jahreskreis genau gegenüber dem Weihnachtsfest liegt. Ja, tatsächlich ist heute in sechs Monaten schon wieder Heiliger Abend.
Hätte Johannes Herbert Wehner erlebt, ich denke, er hätte Verständnis für dessen Temperamentsausbrüche gehabt. Auch oder vielleicht sogar gerade uns Christenmenschen steht es zu und auch gut zu Gesicht, einfach mal klare Kante zu zeigen. Und dazu gehört, dass wir, wo es geboten ist, die Dinge ohne Umschweife beim Namen nennen und auf den Punkt bringen. Hart in der Sache und fair im Umgang, das ist gut protestantisch und genau das können wir von dem lernen, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und der einer der Patrone unseres Doms ist: Johannes der Täufer. Amen.

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  Aida

Aida

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.06.2022

Die Geschichte ist zwar erfunden, doch sie hat alles, was ein fesselndes Drama braucht: Intrigen, Gewissenkonflikte, Verantwortungsgemauschel, Hass, Verrat, falscher Stolz und Tod. Ägyptischer Feldherr und äthiopische Sklavin verlieben sich über alle Hindernisse hinweg, korrumpieren damit die Tochter des Pharao, die den Feldherrn für sich haben will und nun nach Rache sinnt. Ihr Hass macht sie blind für die Konsequenzen ihres Handelns und schlussendlich lädt sie die Schuld für den Tod des Menschen auf sich, den sie doch so sehr liebt. Das ganze hineinprojiziert in eine prachtvolle Kulisse und gegossen in gewaltige und mitreißende Musik – nicht großes Kino, sondern große Oper: Aida
Giuseppe Verdi hat sie komponiert und sie wurde am 24. Dezember 1871 in Kairo uraufgeführt anlässlich der Eröffnung des Suezkanals. Die Oper ist also gute 150 Jahre alt und die dargestellte Handlung liegt weit vor Christi Geburt und doch wird die Oper in den nächsten Wochen Tausende hier draußen vor dem Dom in ihren Bann ziehen. Sie wird ein ums andere Mal Menschen begeistern und anrühren.
Grund dafür ist, dass es um ein Thema geht, dass seine Aktualität niemals verliert: die Liebe. Es ist zu erleben, welche Kraft sie besitzt. Es finden zwei Menschen zueinander, die nach den Regeln ihrer Zeit nicht zueinander gehören. Er ist Ägypter, sie ist Äthiopierin. Er ist ein Feldherr, sie eine Sklavin. Er ist hoch angesehen. Sie ist rechtlose Handelsware.
Doch ihre Liebe durchbricht all diese Grenzen. Sie stellt zwei Menschen in ein neues Licht, dass alles Trennende überstrahlt, alle dunklen Flecken der Unvereinbarkeit erhellt und die gegenseitige Liebens-Würdigkeit aufleuchten lässt. So erfunden die Handlung der Oper auch sein mag, so real und so gegenwärtig ist die Kraft der Liebe, die in Verdis Werk dargestellt wird. Sie ist so groß, dass die beiden Menschen am Ende der Geschichte füreinander und miteinander in den Tod gehen.
Alles, was den Rahmen der Handlung bildet, ist menschengemacht: Die Gesetze des alten Ägyptens, die Bauten, die Kultur, der Krieg, die Niederlage, der Triumpf und die Klage. Die Liebe ist es nicht. Sie ist keine menschliche Erfindung, kein Ergebnis aus Forschung und Technik. Sie ist ein Gottesgeschenk. Und so entzieht sie sich unserem Einfluss. Wir können sie nicht ein- oder ausschalten wie eine Glühbirne, wir können sie weder vermeiden noch erzwingen. Aber wir können sie weitergeben, weil wir sie geschenkt bekommen haben – nicht immer von Menschen, verlässlich aber von Gott.
Die Liebesgeschichte, die auch die der Oper Aida in den Schatten stellt ist jene, von der uns die Bibel berichtet: die Liebesgeschichte von Gott zu uns Menschen. Sie dauert an, seit dem Menschen auf dieser Erde leben und sie wird auch dann weitergehen, wenn wir von dieser Erde verschwunden sind. Gottes Liebe währt ewig. Oder mit den letzten Worte der Oper Aida: „Es schließt der Himmel seine Pforten auf, und unser Sehnen schwinget sich empor
zum Licht der Ewigkeit.“ Amen.

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  Sommer

Sommer

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.06.2022

15,3 Stunden Sonne, so viel wird von der Wettervorhersage heute für Braunschweig prognostiziert, dazu leichter Winde aus Nord-Ost und angenehme Temperaturen um die 25 Grad – alles in allem ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Er lässt beinahe vergessen, dass sonniges Wetter, so wie heute, seit einiger Zeit nicht mehr uneingeschränkt sonnig ist, sondern eben auch seine Schattenseiten hat. Das haben wir in den vergangenen Tagen und Wochen hautnah erlebt. Diese Schattenseiten finden ihren Ausdruck in dramatisch sinkenden Grundwasserspiegeln, Waldbränden in Mecklenburg-Vorpommern und im Harz und in Feldern, auf denen die Zuckerrüben die Blätter hängen lassen. Diese Dramatik konnte auch der Regen vom Montag nicht entschärfen.
Der Klimawandel ist nicht mehr wegzudiskutieren und dass wir Menschen dafür die Verantwortung tragen, ist hinlänglich bewiesen. Daran ändern auch die Einwände derjenigen nichts, die uns immer noch weismachen wollen, dass es sich bei Dürre, Sturm und Überflutung nur um verschiedene Ausprägungen von schlechtem Wetter handelt. Der Erkenntnisprozess, dass hier höchster Handlungsbedarf besteht, hat viel Zeit in Anspruch genommen, hoffentlich nicht zu viel. Doch mittlerweile steht das Thema ganz oben auf der Agenda – in der Politik, im täglichen Leben von uns allen und auch in unserer Kirche, die demnächst eine eigene Synode diesem Thema abhalten wird – gut so!
Die Auswirkungen der Klimakrise sind existenziell und dennoch kann ich mich an Tagen wie heute über den Sommer, der ja nun gestern auch kalendarisch angefangen hat, freuen. Ich kann diese Tage genießen und meinem Gott dafür danken, dass die Tautropfen im ersten Licht des Tages auf den Wiesen wie Diamanten funkeln, dass ich die Wärme der Sonne spüre und laue Abende mit virtuosem Vogelgezwitscher erleben darf. Ja, der Sommer ist trotz allem ein wunderbares Gottesgeschenk, ein Feuerwerk aus Farben und Düften, zu dem er uns freundlich einlädt. Hanns Dieter Hüsch findet dazu in seinem Juni Psalm folgende Worte:

„Es gibt Leute die behaupten der Sommer käme nicht von dir
Und begründen mit allerlei und vielerlei Tamtam
und Wissenschaft und Hokuspokus
Dass keine Jahreszeit von dir geschaffen
Und dass ein Kindskopf jeder der es glaubt
Und dass doch keiner dich bewiesen hätte
Und dass du nur ein Hirngespinst
Ich aber hör nicht darauf und hülle mich in deine Wärme
Und saug mich voll mit Sonne und lass die klugen Rechner um die Wette laufen
Ich trink den Sommer wie den Wein
Die Tage kommen groß daher
Und abends kann man unter deinem Himmel sitzen
und sich freuen
Dass wir sind
und unter deinen Augen
leben“ Amen.

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  NOCH NICHT

NOCH NICHT

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.06.2022

Dunja Ramadan, geboren 1991 in München, arbeitet als Redakteurin bei der Süddeutsche Zeitung. Ihr Vater kam in den 80er Jahren aus Ägypten nach Deutschland, genauer nach Westdeutschland. Aber das ist eine andere Geschichte…
Er war nie arbeitslos, lernte sofort deutsch und heiratete hier, gründete eine Familie. Von ihrer Mutter schreibt Dunja Ramadan, dass sie das Neue umarmen konnte ohne sich selbst zu verbiegen. Es klingt, als sei da etwas gelungen. Aber wohl nur innendrin. Ihr Vater erlitt, dass seine Hautfarbe, sein Akzent und sein Name immer in den Hintergrund rücken ließen, dass er fast sein ganzes Leben hier verbracht hatte. Seine Tochter muss sich manchmal selbst an ihre deutsche mütterliche Seite erinnern, denn niemand sieht sie. Es ist eine Geschichte aus dem Einwanderungsland Deutschland.
40 % aller Kinder haben einen sogenannten Migrationshintergrund.
Jetzt kommen viele, viele Kinder dazu.
Der Krieg in der Ukraine löst eine ungeheure Fluchtwelle aus. Und manches scheint auf einmal möglich: Bürokratische Hürden, die das Leben von Syrern, Afghanen, Eritreern so schwer gemacht haben, sind abbaubar im Eiltempo. Studieren ohne Abitur ist möglich während andere damit hadern, dass ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden. Aufenthaltstitel werden bereitgestellt, Arbeiten ermöglicht und zeitgleich harren andere Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind in belarussisch-polnischen Wäldern und Lagern aus.
Dunja Ramadan ist froh, dass es jetzt so läuft.
Und es schmerzt sie.
Der Schmerz gilt der Ignoranz und Hartherzigkeit von Politikern, Behörden, Ermittlern, vor allem aber den vielen verlorenen Lebensgeschichten.
All das liest auch eine, die all das schon zwanzig Jahre länger kennt als wie Dunja Ramadan. Auch sie geboren in Deutschland. Auch ihr Vater kam als Flüchtling – aus dem Iran. Ferdos Forudastan, seinerzeit Sprecherin von Joachim Gauck. Sie antwortet versöhnlich, hoffnungsvoll - so wie es uns nicht anstünde: „Meine Kinder und erst recht deine werden in einem Land leben, das schon wieder ein Stück weiter ist. Reicht das? Nein. Macht es Mut? Ja.“
Und es klingt nach: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ Noch nicht hier. Aber doch schon jetzt.

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  Wer mich liebt...

Wer mich liebt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.06.2022

Über dieser Woche steht das Pfingstevangelium und dort heißt es bei Johannes: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“
Wie Du mir, so ich dir – im allerbesten Sinne.
Zu Pfingsten hören wir darin, dass Gott uns Menschen nicht allein lassen will, weder getrennt von ihm, noch vereinzelt und vereinsamt - dass er uns vielmehr durch seinen Geist mit sich und untereinander verbindet.
Im Alltag der Welt und ohne den pfingstlichen Zusammenhang kann dieser Vers ganz anders klingen: wer liebt und sich einander verspricht, wer liebt und den anderen ernst nimmt, wer liebt und sich verlässlich bindet, der wird beieinander wohnen und zuhause sein.
Aber: In unsrer Welt sind die Dinge unvollkommen, wir können nur ahnen, wie sie gemeint sind, wie sie sein könnten – nur dann und wann scheint etwas davon auf, wie es wäre, wenn es perfekt ist. Wer wüsste das nicht!
So ist es mit der Liebe, dem Beisammensein und Beieinander wohnen und erst recht mit Blick auf ein gemeinsames Zuhause hier unter uns.
Immer wieder stößt uns das Leben, genauer: stoßen wir einander, mit Wucht vor den Kopf. Dann erleben wir Trennungen und das Scheitern von Beziehungen, die wir für die große Liebe hielten, dann ist das gemeinsame Wohnen unmöglich, erst recht das beieinander Zuhause sein.
Ratlos steht man vor den Scherben und dem Unvermögen, gelingen zu lassen, wofür man gegeben hat, was man nur geben konnte.
Und gibt doch nicht auf. Das Liebenwollen und Liebenkönnen, die Hoffnung auf eine Du und ein gemeinsames Leben machen uns zu Menschen, prägen Sehnsucht und Hoffnungen - jedenfalls solange wir nicht aufgeben und uns anders einrichten, solange wir die Kraft haben, zu versuchen daraus Wirklichkeit werden zu lassen.
„Wer mich liebt und wird geliebt werden…“
Gott ist uns ähnlich. Das Lieben und aneinander Leiden macht uns zu seinen Ebenbildern. Die Liebe schenkt er im Übermaß. Vom Leid hab ich gelernt, es sei der Schmerz, der sich nicht abfinden kann. Der Schmerz aber, der sich abfindet, findet Trost. Nicht zuletzt in Gottes Geist, der Wohnung bei uns nimmt und der Tröster genannt wird.

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  Gottes Geist

Gottes Geist

Jakob Timmermann, Pfarrer - 08.06.2022

Gutta cavat lapidem non vi, sed saepe cadendo. Viel ist nicht hängengeblieben von meinem Lateinunterricht. Aber diesen Satz kann ich auswendig! Und für alle, die nicht fließend Latein sprechen, übersetze ich nochmal kurz: Der Tropfen höhlt den Stein nicht mit Kraft, sondern durch stetes Fallen. Und obwohl ich diesen Spruch wohl nur auswendig gelernt habe, um damit hier und da mal anzugeben, hat er für mich an Pfingsten einen besonderen Sinn.
Denn die Hoffnung der Jünger, dass sich die Welt durch Jesus mit einem kräftigen Schlag zum Guten kehren würde, hat sich am Himmelfahrtstag buchstäblich in Luft aufgelöst. Ein harter Aufschlag in der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die auch wir kennen. Sie wissen schon - die Wirklichkeit mit den Betonköpfen und mit den steinernen Herzen. Die Wirklichkeit mit den Gewalttätigen und Rachsüchtigen. Die mit den Vergessenen und Verlorenen. Die Wirklichkeit mit der Verzweiflung über die unbelehrbaren Menschen und die Wut auf die Fantasielosigkeit der Fanatiker!
Und so ist es vielleicht diese Erkenntnis, die an Pfingsten für Begeisterung sorgt: Dass zwar alles viel kleiner ist, als erhofft. Und dass sich nichts von allein erledigt. Und dass da leider auch viel mehr Last auf unseren Schultern liegt, als uns lieb ist. Aber dass die heilige Geistkraft dafür sorgt, dass wir unsere Aufgabe schaffen können.
Nicht allein, nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam. In dem wir gemeinsam um die Wahrheit ringen. Indem wir uns gegenseitig ertragen und aushalten. Und indem wir gemeinsam das Ziel nicht aus den Augen: den Frieden.
Denn „durch Heeresmacht und Kriegsgewalt wird nichts erreicht, sondern nur durch meinen Geist.“ So ist die Pfingstwoche überschrieben. „Nur durch meinen Geist!“ Und dieser Geist wirkt eben nicht von allein, sondern nur durch uns. Nur dadurch, dass wir als Perlenkette stetig fallender Tropfen auf die steinernen Herzen der Gewalttätigen fallen und sie aushöhlen. Wir sind die Tropfen des Friedens…
Und so sehr ich mich heute danach sehne, dass Gott mit einem kräftigen Schlag der Welt den Frieden bringt, so sehr gilt eben auch für mich, meine Sehnsucht und meine Seele: Mit Gewalt wirst du nichts erreichen – nur mit Gottes Geist.

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  Sag meinen Kindern...

Sag meinen Kindern...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.06.2022

Da steht ein alter Mann im weißen Hemd und dunkler Hose im Sonnenlicht. Um sich herum die ganze große Familie. Er ist kein Jubilar und nicht mehr der Patriarch. Das kann er nicht mehr. Er ist gefangen in seiner Geschichte, verloren in sich selbst und an den gefährlichen Helfer Alkohol.
Kleiner scheint er geworden zu sein, zerfurchter, einsamer sowieso.
Das was ihn zu dem alten Mann gemacht hat, der er heute ist, erahnen einige aber man spricht nicht drüber. Es ist eben eine ganz normale Familie.
„Der Herr erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken“ heißt es im ersten Buch der Chronik.
Er allein scheint das zu verstehen …
Mein Gedankenpuzzle sieht die Genration „Kriegskinder“. Die Frauen zuhause, oft mehrere Generationen, bringen nach Fronturlauben Kinder zur Welt und später durch. Sie überstehen den Zusammenbruch der Versorgungssysteme, den Hunger, die Angst. Sie erleiden Vergewaltigungen, Scham und ungewollte Schwangerschaft, beißen die Zähne zusammen. Dann kommen die Väter heim. Manche jedenfalls. Es ist anders als gedacht. Auch sie sind gezeichnet von Krankheit, Gewalt, Scham und Schuld – haben die Zähne zusammengebissen und sich nach Hause gesehnt in das alte Leben am Kopf des Familientisches. Aber den gibt es nicht mehr. Mögen die Frauen den angestammten Platz auch räumen – die alte Vaterrolle gibt es nicht mehr. Und wer sind diese fremden Kinder überhaupt.
Was folgt sind Schläge…
Irgendein Ventil braucht dieser Krieg ja und Sprechen kann keiner angesichts des Grauens. Gewalt und Ohnmacht sind keine guten Pädagogen. Sollen es die Profis machen. Es folgt das Internat. Und auch dort Gewalt… alles ist falsch an diesem Kriegskind, alles muss korrigiert werden – sehr christlich, versteht sich.
Wer wollte da was sagen…
So schreiben sich das Schweigen, der Schmerz und die Scham ein ins Leben. Prägen alles, was kommt – die Ehe, die Söhne, die Deutung.
Am Ende rumoren die Erinnerungen. Innen. Sonst wären es ja Äußerungen. Die Lebenskraft schwindet – aber nicht die der Dämonen.
Im zweiten Buch Mose heißt es: „Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehen…“ Das tun sie. Vertraute Worte kriegen einen neuen Klang. Weiterziehen. Der alte Mann wird zurückblieben. Hoffentlich erbarmt sich der HERR.

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  O komm, du Geist der Wahrheit

O komm, du Geist der Wahrheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.06.2022

Es ist zwar noch einen Tag hin, dennoch dürfen wir schon einmal ein paar Gedanken in die Zukunft richten. Morgen ist Pfingstsonntag, das Fest des Heiligen Geistes und der Geburtstag unserer Kirche – ein in mancherlei Hinsicht bemerkenswertes Ereignis. Wir haben zwei Tage Zeit zum Feiern, weil da ein Geist kommt. Und allein schon, wie das geschieht, ist beeindruckend. Während Jesu Auferstehung ja völlig unspektakulär im Verborgenen verläuft und auch seine Himmelfahrt nur von seinen Jüngern beobachtet wird, zieht Gott zu Pfingsten alle Register und veranstaltet eine echte Multimediaschau.
Es gibt zunächst etwas zu hören, ein kräftiges Brausen, das vom Himmel kommt. Dann gibt es etwas zu sehen: Feuerzungen setzen sich auf die Köpfe der Jünger – ein wirklich starkes Zeichen. Ich meine, Gott wäre fraglos in der Lage gewesen, die Zwölf mit allen möglichen Fähigkeiten auszustatten: Er hätte machen können, dass sie fliegen, übers Wasser laufen oder im Dunkeln grün leuchten. Aber er wählt das Feuer.
Hier verbrennen keine Menschen, aber sie brennen für etwas, nämlich für Gottes frohe Botschaft. Und wie das so ist, wenn wir für etwas brennen: Wir können es nicht für uns behalten. Wir wollen es teilen, wollen andere teilhaben lassen an dem, was uns so fasziniert, in der Hoffnung, dass im wahrsten Sinne des Wortes der Funken auch auf unsere Mitmenschen überspringt.
Und so fangen die Jünger an, davon zu erzählen. Sie predigen in allen möglichen Sprachen, sie predigen also so, dass sie von ganz unterschiedlichen Menschen, die ihnen zuhören, verstanden werden. Sie predigen so, dass das, was sie sagen, bei ihren Zuhörern ankommt.
Die Bibel berichtet davon, welch große Resonanz Petrus mit seinen Worten erzielt. Ausgerechnet er, ein einfacher Fischer, kein Theologe, ausgerechnet er, der Jesus noch vor wenigen Wochen in nur einer Nacht dreimal verleugnet hatte, ausgerechnet er wird nun der große Wortführer. Und Hunderte lassen sich nach seiner Rede taufen.
Das hätte er allein mit seinen Worten nicht erreichen können. Dazu bedurfte es mehr als nur Sprache. Dazu bedurfte es der Kraft des Heiligen Geistes, der einerseits Petrus in seinem Handeln gestärkt und andererseits seinen Zuhörern die nötige Offenheit geschenkt hatte. Dieser Geist hat dem Wort seine Wirksamkeit verliehen.
Und das ist heute auch noch so. Ich bin fest davon überzeugt, dass man die Bibel fünfzigmal lesen kann, ohne zum Glauben zu kommen. Wir können uns Predigt um Predigt gönnen – live im Gottesdienst, auf YouTube oder ganz analog auf Papier. Wenn Gottes Geist nicht mit im Spiel ist, wird uns die Botschaft aus all diesen Worten nicht wirklich erreichen.
Der Heilige Geist ist der Katalysator. Erst er ermöglicht uns ein tatsächliches Verständnis für das, was Gottes Wort uns sagen will. Darum feiern wir morgen und übermorgen dankbar Pfingsten. Denn es ist der Schlüssel zu unserem Glauben und zum Kern der frohen Botschaft. O komm, du Geist der Wahrheit. Amen.

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  Begeisterung

Begeisterung

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.06.2022

Vor einer Woche fand der katholische Kirchentag in Stuttgart statt und er war, das konnte man überall hören und lesen, anders als seine Vorgänger. Die Stimmung war vielerorts eher nachdenklich und gedämpft und die Besucherzahlen lagen deutlich unter denen, die man von anderen Kirchentagen gewöhnt war. Das hat ganz sicher auch noch mit Corona zu tun, aber eben nicht nur.
Unser Bundespräsident hat in Stuttgart an einer Podiumsdiskussion teilgenommen und den bemerkenswerten Satz gesagt: „Unsere Gesellschaft braucht eine starke Kirche, die relevant ist.“ Dem kann man nur uneingeschränkt zustimmen, die aktuelle Entwicklung allerdings geht in eine ganz andere Richtung.
Auch die evangelische Kirche verliert erheblich an Mitgliedern und vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass erstmals weniger als 50r deutschen Bevölkerung Mitglied einer der großen christlichen Kirchen sind. Damit schwindet Relevanz eher, als das sie steigt.
Dass es der biblischen Botschaft an Aktualität fehlen könnte, ist ganz sicher nicht der Grund. Wann, wenn nicht jetzt, braucht unser Europa und die gesamte Welt Christi Friedensbotschaft. Wann, wenn nicht jetzt brauchen wir angesichts der weltweit auf der Flucht befindlichen Menschen Jesu Forderung „Liebe deinen Nächten“? Wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit, um klarzumachen, dass Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Spaltung mit christlichen Werten unvereinbar sind?
In zwei Tagen feiern wir den Geburtstag unserer Kirche: Pfingsten. Gott gießt den Heiligen Geist über die Jünger aus, sie beginnen zu predigen und ziehen hinaus in alle Welt, um, so, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte, alle Völker zu Jüngerinnen und Jüngern zu machen.
Wie die aktuellen Zahlen beweisen, ist dieser Auftrag noch nicht so ganz erfüllt und er war es auch zwischenzeitlich niemals. Das Problem der Akzeptanz und der Relevanz scheint also nicht so ganz neu zu sein und tatsächlich finden wir in dem wohl populärsten Pfingstchoral „O komm, du Geist der Wahrheit“ folgende Textzeile: „Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“
Auch vor 200 Jahren stand also die Frage nach einer starken und relevanten Kirche auf der Agenda. Ganz offensichtlich ist es aber trotzdem irgendwie weitergegangen, sonst säßen wir heute nicht hier. Und wenn man sich die Kirchengeschichte ansieht, stellt man schnell fest, dass es immer auch eine Geschichte von sich aneinanderreihenden Krisen war, angefangen in wüsten Auseinandersetzungen zwischen Petrus und Paulus über Streitereien in den jungen christlichen Gemeinden, die selbst vor knapp 2000 Jahren hier und da schon zu Auflösungserscheinungen führten.
Doch es gab immer Menschen, die sich von all dem nicht haben entmutigen oder gar abschrecken lassen. Und immer wieder konnten sie sich selbst und andere von der wunderbaren Kraft des Evangeliums begeistern. Und Begeisterung ist tatsächlich wichtig. Deshalb brauchen wir Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Möge er uns und unsere Kirche erfüllen. Amen.

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  Auf dem Teppich bleiben

Auf dem Teppich bleiben

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.06.2022

Die Schönen und Reichen mit 10 Buchstaben, sie werden oft in Kreuzworträtseln gesucht. Die Lösung lautet dann: Schickeria. Der Begriff ist eher negativ behaftet und dieser Gruppe von Menschen werden eine Reihe vermeintlich typischer Eigenschaften zugeschrieben. Einiges ist sicherlich Klischee, anderes bestimmt auch zutreffend. So zeichnet ein dickes Bankkonto diejenigen aus, die dazugehören und meist auch ein glamouröses Äußeres. Man umgibt sich gern mit seinesgleichen und definiert sich stark über das, was man hat und darüber, wie man sich zeigt. Sehen und gesehen werden ist wichtig und wenn es auch mehr Schein als Sein ist: Hauptsache man wird beachtet und im Idealfall auch ein bisschen beneidet.
Eine gewisse Oberflächlichkeit wird der Schickeria zugeschrieben, weil es eben stark um Äußerlichkeiten und um Geld geht. Dennoch möchten viele dazugehören und unternehmen dafür mitunter auch große Anstrengungen. Paulus wäre nicht dabei gewesen, wie wir aus dem Wort, das über dem heutigen Tag steht, deutlich erkennen können. Da schreibt er an die Christinnen und Christen in Korinth: „Was hast du, das du nicht von Gott empfangen hast?“
Eine wirklich gute Frage, über die es sich nachzudenken lohnt. Was hast du, das du nicht von Gott empfangen hast? Vielleicht fallen Ihnen jetzt seitenweise Dinge und Sachverhalte ein. Sollte dem so sein, befürchte ich, dass Sie gedanklich auf dem falschen Weg sind.
Sie könnten sagen: „Mein Vermögen zum Beispiel, das habe ich mir durch meine harte Arbeit verdient und erwirtschaftet. Mir ist nichts in den Schoß gefallen. Für mein Häuschen im Grünen, das tolle Auto und mein Erspartes musste ich mich ganz schön krummlegen!“ Ja, das mag so sein. Doch ich bin davon überzeugt, dass wir ohne Gottes Zutun, ohne, dass er seinen Segen auf unser Tun und Lassen legt, gar nicht erreichen können.
Dass wir im Beruf erfolgreich sind, liegt an unseren Kompetenzen, an unserer Lernfähigkeit und auch an unserem Talent. Und die Anlagen für all das, haben wir nicht selbst geschaffen. Sie wurden uns in die Wiege gelegt. Und dass wir dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und auf die richtigen Menschen getroffen sind, die uns gefördert haben, ist nicht unser Verdienst. All das gehört für mich zu den großen Linien unseres Lebens, an denen unser Einfluss endet, die nicht wir uns ausgedacht haben, sondern Gott.
Und Paulus ermahnt die Korinther: Hütet euch vor Überheblichkeit und falschem Stolz! Alles was Ihr seid und habt, stammt aus Gottes Hand. Diese Worte dürfen auch wir verinnerlichen, denn sie helfen auch uns, auf dem Teppich zu bleiben. Sie helfen uns, wir selbst zu sein, authentisch, wie man so sagt, und unser Herz nicht an Dinge hängen, die es nicht wert sind – selbst wenn sie noch so viel Geld gekostet haben. Was also hast du, das du nicht von Gott empfangen hast? Die Antwort: Nichts! Amen.

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  Demut

Demut

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.06.2022

Ich will mein eigener Chef sein! Dieser Wunsch kann dazu beitragen, dass sich Menschen für eine selbständige Tätigkeit entscheiden. Dann sind sie tatsächlich ihr eigener Chef, können alle Entscheidungen alleine treffen, müssen sich mit niemandem abstimmen und vor keinem rechtfertigen. Soweit die Theorie. In der Praxis findet die große Freiheit dann aber doch ihre Grenzen. Sie sind gemacht aus Vorschriften und Satzungen, aus Regelungen und Gesetzen und auch der Kreditrahmen auf dem Firmenkonto kann die unternehmerische Freiheit durchaus spürbar begrenzen.
Grundsätzlich ist gegen diesen Sachverhalt nichts einzuwenden. Wir alle bewegen uns in unserem Leben und in unserem Land in einem Regelwerk, dass die Eckpunkte unseres Zusammenseins organisiert und ordnet. Jede Gemeinschaft braucht solche verbindlichen Vereinbarungen, um zu funktionieren und um nicht das Recht des Stärkeren als einziges Ordnungskriterium zu kennen.
Wichtig ist, wie so oft im Leben, eine gute Balance zwischen Geboten und Verboten, zwischen dem, was man darf und dem, was eben nicht geht. Und es braucht eine Instanz, die darauf achtet, dass Regeln eingehalten werden. Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir ohne eine solche Kontrolle irgendwie nicht klarkommen. Der eine braucht sie mehr, der andere braucht sie weniger.
Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Menschen, die meinen, tatsächlich alles zu dürfen, was ihnen so in den Sinn kommt. Und wenn diese Menschen aus Ihrer Position heraus Macht über andere ausüben können, wird es gefährlich. Wohin eine solche Selbstherrlichkeit führen kann, zeigt uns unsere eigene deutsche Geschichte. Und ein furchtbares aktuelles Beispiel erleben wir gerade mit Putins Krieg gegen die Ukraine.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was seinen Taten entspricht, die er zu Lebzeiten getan hat, seien sie gut oder böse.“ Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Korinth. Dort ging es mitunter hoch her und es gab wüste Auseinandersetzungen über den richtigen Weg, die richten Entscheidungen und das rechte Verständnis der Botschaft dieses Jesus von Nazareth.
In diese aufgeheizte Stimmung hinein mahnt Paulus: „Denkt daran: Ihr müsst Euch für Euer Tun und Lassen vor Gott verantworten.“ Das gilt im Übrigen nicht nur für die Christinnen und Christen in Korinth, sondern auch für uns. Die Akzeptanz dieser Wahrheit nennen wir Demut.
Demut ist eine grundheraus positive Eigenschaft. Demut erdet. Sie verhindert menschlichen Größenwahn, sie begrenzt das Streben nach Macht und sie schickt unsere Gedanken, unsere Worte und unsere Taten durch einen Filter aus Wahrheit, Respekt und Liebe.
Möge Gott diese friedensstiftende Kraft in uns allen stärken – durch seinen Heiligen Geist, dessen Ausgießung wir an Pfingsten feiern werden. Amen.

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