Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Herbst, Glück und Unglück

Herbst, Glück und Unglück

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.10.2019

Herbsttage erzählen auf eine unglaubliche Weise gleichzeitig von Vergänglichkeit und Freude, Glück und Unglück, der Begabung, einen besonderen Moment auszukosten und das Leben zu lieben.
Denn gerade im Oktober explodieren die Farben, schimmern gelb und gold, orange und rot vor blauem Himmel so intensiv, dass man sich vorzustellen beginnt, dass es auch im Himmel ein Bildbearbeitungsprogramm geben könnte. Herbst ist dann ein einziges Fest des Lebens und jede Dalienblüte ein leuchtendes Zitat.
Und schon am nächsten Tag liegen die bunten Blätter nass am Boden, zieht Regen einen grauen Schleier über alles, bleibt einem nichts anderes übrig als die Schultern hoch- und den Kopf einzuziehen, weil der Himmel weint.
Einer von den trüben Tagen muss es gewesen sein als Dorothee Sölle eine Vorlesung über das Glück zu halten hatte. Hinterher jedenfalls dichtete sie:
„In der der vorlesung geb ich mir mühe / das glück zu erklären /
von rechts und links / von oben und unten / von ost und west / kreis ich es ein / baue gatter und zäune / dass es mir ja nicht entwischt …
Schweigen wär besser / alle wörter sind löchrig / nur angesichts der herrschenden hungersnot / kriech heraus und geh los / die neue sprache zu finden / ach es tut weh um jeden / der nur das unglück erklärt / wissenschaftlich / ach es tut weh um jede / die nichts lernt als das.“
Tatsächlich. Vom Glück zu erzählen ist schwerer. Vom Glück zu erzählen scheint immer die Gefahr zu bergen, für ein sonniges unterkomplexes Gemüt gehalten zu werden. Dabei ist es ein Lebenselixier. Vom Glück zu erzählen und sei es nur, weil ein einzelner Moment sich warm anfühlt, macht uns empfänglich dafür, wieviel Gutes wir erfahren, macht uns dankbarer und zufriedener, hilft zuletzt durch graue Tage durch.
Und am Ende ganz am Ende, sagt dann eine: Ich hatte ein gutes Leben, es lag Segen drauf.



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  Wege

Wege

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.10.2019

Eine meiner Arbeitskolleginnen hatte vor ein paar Tagen ihr 25jähriges Dienstjubiläum und sie wurde zeitgleich auch noch 50. Zwei besondere Jahrestage, die da aufeinander gefallen sind und bemerkenswert eben auch deshalb, weil die Dienstzeit genau die Hälfte der gesamten Lebenszeit ausmacht. Meine Kollegin und ich, wir kennen uns schon über 20 Jahre und wir haben mal so Revue passieren, wem wir in dieser Zeit so alles begegnet sind – Kollegen, Chefs, Kunden. Es war wirklich spannend, die alten Erinnerungen wieder mal aufzufrischen und sich insbesondere die Menschen wieder ins Gedächtnis zu rufen, mit denen man so zu tun hatte.
Wenn wir über Menschen reden, woher sie gekommen sind, was für einen Beruf sie hatten, wo wir sie getroffen haben, dann benutzen wir gern die Worte Lebenslauf oder Lebensweg, die bildhaft beschreiben, wie wir so durch die Zeiten gehen. Mir gefällt dieses Bild, denn es zeigt nicht nur das individuelle Fortkommen, es macht auch deutlich, wie Menschen sich zueinander verhalten. Man kann es gut mit einer großen Landkarte vergleichen. Da kreuzen sich Wege, berühren sich für einen kurzen Augenblick, verlaufen vielleicht ein Stück parallel, es entsteht vorrübergehend Distanz oder sie entfernen sich dauerhaft voneinander, andere treffen sich und laufen nebeneinander, bis der eine dann irgendwann endet.
Es gibt diese Erzählung von Jesus, wie er mit einer Reihe von Menschen in einem Haus im Kreis zusammensitzt und mit ihnen redet. Draußen vor der Tür stehen Jesu Mutter und seine Geschwister, wie es die Bibel beschreibt. Als Jesus nun von jemandem darauf hingewiesen wird, dass seine Familie draußen auf ihn wartet, antwortet er ziemlich barsch: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?“ Und dann schaut er die Menschen an, die mit ihm im Kreis sitzen und sagt: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister.“
Zunächst klingt das wirklich fast befremdlich, wie Jesus hier seine eigene Familie abserviert. Und dennoch beschreibt er etwas, was auch uns immer wieder passiert. Wir Menschen begleiten einander unterschiedlich lange, unterschiedlich eng und in unterschiedlichen Rollen. Da gibt es den Lebenspartner, die Arbeitskollegen, die Freundin, den Kumpel, den Seelsorger, die Bekannte und die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und zu jedem Lebensweggefährten und zu jeder Lebensweggefährtin baut sich eine ganz eigene und einzigartige Beziehung auf, von der wir vorher niemals wissen, wie lang, wie intensiv und wie wertvoll sie wird – so auch in Jesu Leben.
Die Rolle der Geschwister, der Wegbegleiter wechselt immer mal wieder und ich bin fest davon überzeugt, dass darin auch Gottes Handeln auf dieser Welt und in jedem einzelnen Leben sichtbar und spürbar wird. Gott stellt uns Menschen an die Seite und manchmal auch in den Weg und es ist oft so, dass uns diese Menschen guttun, dass sie uns helfen, dass sie unser Leben bereichern. Nicht umsonst sagen wir manchmal: „Dich schickt der Himmel!“ Ja, wir können einander zum Segen werden. Ich glaube, dass es das ist, was Gott sich für uns gedacht hat

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  Kriegskinder

Kriegskinder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.10.2019

Vor einigen Jahren wurde in unser damaliges Haus eingebrochen. Wir kamen von einem Familienfest zurück und fanden alles, wirklich alles, vom Salatkopf bis zum Kinderbett durchwühlt und auseinandergerissen, Schränke ausgeleert, Schubladen ausgekippt. Nachdem die Polizei fort war, begann das Aufräumen und irgendwann waren alle äußeren Spuren beseitigt. Aber der Schreck saß tief. Die Angst, keinen Zufluchtsort zu haben, an dem nicht doch Böses einbrechen kann, lässt nur langsam nach. Bei unserer damals noch kleinen Tochter dauerte es Jahre…
Ich habe an ihr direkt erlebt, wie tief sich solche eine Erfahrung in Kinderseelen einbrennt, wie unvermutet und heftig die Angst wieder ausbricht, wenn durch irgendetwas Erinnerung ausgelöst wird. Dabei war es, wie gesagt, nur ein Einbruch. Keiner war zu Schaden gekommen. Es fehlten nur Schmuck und Geld. Das Haus stand noch.
Wie muss es also Kindern ergangen sein, die miterlebt haben, dass ihr Zuhause und ihre Straße, ihre Stadt und ihre Welt in Schutt und Asche gesunken sind, dass Erwachsene vor Angst den Verstand verlieren? Was geschieht mit Kindern, deren prägendes Erlebnis die grausige Ohnmachtserfahrung eines Krieges ist, dessen Wüten sie hilflos aufgeliefert sind?
Kaum vorstellbar, dass ein Mensch Lebenskraft und Lebensmut wiederfindet, wenn er Zeuge von solchem Ausmaß an Tod und Sterben geworden ist.
Kriegskinder haben ungeheures Leid und schreckliche Bilder in sich vergraben. Manche haben niemals darüber sprechen können. Kriegskinder haben sich durchgeirrt und durchgeschlagen, irgendwie weitergelebt. Sie sind es gewesen, die unser Land wiederaufgebaut haben. Sie sind unsere Eltern und Großeltern.
Die Kinder der Braunschweiger Bombennacht sind inzwischen alt geworden.
Sie haben das Leid dieser Nacht durch ihr ganzes Leben getragen.
Sollte das nicht endlich genügen?
Es scheint kein Ende in Sicht zu sein.
Ungezählte Kriege seither in Vietnam, Exjugoslawien, Ruanda, der Golfregion, in Gaza, Afghanistan und Syrien um nur einige zu nennen, haben Kriegskinder.
Sie alle mahnen uns, nicht aufzuhören, sich um Frieden zu mühen und für Frieden zu beten, nicht aufzuhören, in den Menschen, die zu uns kommen auch die zu sehen, die Opfer solch schrecklicher Tage geworden sind, wie er sich heute hier zum 75. Male jährt.

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  Widerstand?!

Widerstand?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.10.2019

Unsere Gesellschaft politisiert sich. Und das ist gut so, denn es wäre ein Irrglaube zu meinen, sich nicht zu verhalten wäre unpolitisch. Auch eine schweigende Mehrheit hat Macht zu dulden oder zu widerstehen. Anlass zu eigener Deutlichkeit gibt es genug: Klimaproteste, der drohende Krieg zwischen der Türkei und Syrien, der Angriff auf die Hallenser Synagoge, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlingsleid…
Hinzu kommt eine erhebliche Zahl von Politikern und Managern, die es mit der Wahrheit nicht genau nehmen, manipulieren, Vertrauen und Frieden verspielen.
„Suche Frieden und jage ihm nach!“ heißt es über diesem Jahr und das klingt nicht nach „Alles hat seine Zeit, Zeit zu schweigen, Zeit still zu halten…“ und schon gar nicht nach: „Zeit, Steine zu werfen, Zeit, Waffen zu schärfen.“
Wie dann? Das Alte Testament erzählt in dem politisch aufgeladenen und durchaus blutigen und gewalttätigen Buch Ester von den Möglichkeiten des Einzelnen: Da ist zunächst Königin Wasti. Sie soll sich im Rahmen eines Festes den Männern um ihren Mann darbieten. Wasti verweigert sich. Sie tut einfach nicht, was ihre Würde verletzt. Den Mächtigen macht Angst, dass sie Nachahmer finden könnte; darum wird Wasti verstoßen.
Ihr folgt die Jüdin Ester. Esters Vormund gehört zu den Angestellten des Hofes. Als ein neuer Günstling des Königs von ihm den Treueschwur verlangt, verweigert er sich. Er dient nicht einem Herrn oder einem System, wenn es mit seinem Glauben unvereinbar ist. Sein Widerstand macht den Mächtigen nicht nur Angst, er führt beinahe zu einem Pogrom.
Ester kann das drohende Blutbad vielleicht verhindern, wenn sie ein Gesetz bricht und unaufgefordert vor dem König erscheint und dort für ihr Volk bittet. Sie weiß, dass dieser Gesetzesbruch normalerweise lebensgefährlich ist. Aber sie widersteht der eigenen Angst. Sie widersteht auch der Versuchung, das Privileg einer geschützten Nische in Anspruch zu nehmen. Sie zeigt Gesicht und Haltung, riskiert ihre Unversehrtheit.
Widerstand hat viele gewaltfreie (!) Gesichter, so lehren es diese wenigen Kapitel: das stille Sich-Verweigern, das klare Sich-Bekennen, das Füreinander-Einstehen. Es ist immer gefährlich. Es kann immer bedeuten, dass unser Leben nicht so einfach weitergeht wie bisher.
Wir Menschen sind seither nicht anders geworden. Noch immer ist es nötig, dass wir uns entscheiden, wo wir mitmachen und wo wir widersprechen. Noch immer sind wir nicht allein. Noch immer ist unser Gott gerade in den Schwachen mächtig. Noch immer können wir gewaltfreien Wegen Wirksamkeit zutrauen! Denn so steht es über diesem Tag nach einer schweren Woche im 93. Psalm: „Mächtiger als das Tosen großer Wasser, mächtiger als die Wellen des Meeres ist der Herr in der Höhe.“


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  Zur Freiheit befreit

Zur Freiheit befreit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.10.2019

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ So steht es im Galaterbrief des Paulus und mag vielleicht wie eine sprachlich ungeschickte Dopplung klingen. Kann man Freiheit nicht einfach leben? Was bedeutet es, dafür befreit werden zu müssen?
Ich hatte dieser Tage Anlass der Frage nach der Freiheit nachzugehen. Wie frei bin ich eigentlich in meiner Haltung und Glaubensüberzeugung? Wie abhängig bin ich vom Wohlwollen der Menschen, die mich tragen? Wo hört Freiheit auf und beginnt Rechthaberei? Wo hört Rechthaben auf und beginnt Feigheit? Wie stark leben wir von der Anerkennung der Institutionen, bei denen wir uns verdingt haben? Wie abhängig sind wir von gesellschaftlichem Konsens?
Was verhilft zu wirklicher Freiheit?
Das ist, so lerne ich wieder neu, eine Frage, die nicht ein für alle Mal geklärt werden kann. Man muss sie immer von vorn durchbuchstabieren. Paulus markiert denn auch sehr klar, wo die Linie lang führt: „Allein seht zu, dass ihr nicht dem Fleisch Raum gebt sondern durch die Liebe einander dient.“ Meine Privilegien und Möglichkeiten auszuleben, meinen Status und Wohlstand zu schützen, hat mit dieser Freiheit von der Paulus spricht, wohl wenig zu tun. Paulus sagt ja sehr klar: Es geht um Liebe, um Andere.
Das zu leben ist schwer und oft schmerzhaft.
Immer wieder habe ich an dieser Stelle von Intellektuellen berichtet, die in türkischen Gefängnissen saßen. Asli Erdogan war eine von ihnen. Mesale Tolu eine andere. Letztere hatte für eine sozialistische Nachrichtenagentur gearbeitet. Nachdem bereits ihr Ehemann verhaftet worden war, wurde auch Mesale Tolu gewaltsam von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt und saß dann acht Monate mit ihrem kleinen Sohn in einer Istanbuler Haftanstalt. Nun hat sie ein Interview gegeben, „Gefangenschaft“ heißt es. Mesale Tolu und erzählt darin, wie es ist, wieder in Freiheit zu leben und sich dabei frei zu fühlen, wieviel Kraft es braucht, Stärke und Klarheit zu leben, die man tief drinnen nicht immer hat und es klingt, als wäre es einfacher, äußerlich gefangen zu sein als innerlich.
Das geht mir nach.
Paulus bohrt noch tiefer: „Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen?“ Wer? Wir selbst wahrscheinlich.
Mesale Tolu hat mit ihren Texten denen eine Stimme gegeben, die sonst nicht gehört werden. Sie hat Unrecht beim Namen genannt. Sie hat von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht, die es ermöglicht, sich zu entscheiden, für wen sie reden und schreiben will.
Sie ist eine Frau, zur Freiheit befreit. Ohne solche Menschen wie sie, immerhin das ist fraglos, geht Freiheit verloren.



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  Im Angesicht des Unendlichen

Im Angesicht des Unendlichen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 10.10.2019

„Ein paar Stunden später weckt mich die Ahnung, dass ich die Landschaft betrachten sollte. Ich ziehe den Vorhang weg, und was ich sehe, raubt mir den Atem: Das Flugzeug überfliegt gerade die Gipfel des Himalaya, deren strahlendes Weiß ausreicht, um das Dunkel zu erhellen. […] Ich klebe am Fenster, um diese verschneiten Riesen zu betrachten. Gesegnet sei die Nacht, die mir diese Betrachtung ermöglicht. Bei Tag hätte mich das gleißende Licht gezwungen, die Augen abzuwenden. Nun habe ich das Gefühl, einer Familie edler, regungsloser Blauwale auf einem Tauchgang zu begegnen, im unvollkommenen Dunkel der vorletzten Gründe, in dem man so viel besser sieht als in der scheußlichen menschengemachten Beleuchtung. / Ich betrachte diese Giganten mit umso größerer Begeisterung, als sie mich ignorieren. Sie beantworten meine Liebe mit wohlwollender Gleichgültigkeit von Meisterwerken. Das ist so göttlich, wie ein grandioses Buch zu lesen: Dem Text ist es egal, ob ich vor Begeisterung weine. Wie ich diese einsame Bewunderung liebe! Wie gut es tut, niemandem Rechenschaft legen zu müssen im Angesicht des Unendlichen! / Leider stimmt es nicht, dass keiner da ist: Ich bin da, und ich gebe nie Ruhe. Und schon mische ich mich wieder ein: ‚Schwöre dir, Amélie, dass du nie wieder Kummer oder gar Melancholie empfinden wirst; wer den Everest gestreift hat, hat dazu kein Recht mehr. Das Maximum, das ich dir von nun an gestatte, ist eine heitere Wehmut.‘ Ich schwöre. Dass ich dafür einen Eid leisten muss, beweist den Denkfehler. Ich zucke die Achseln. Der Himalaya ist immer noch da und beschützt mich.“

Amélie Nothomb schreibt all diese wunderbaren Sätze in ihrem autobiographischen Büchlein „Eine heitere Wehmut“. Für mich war es in diesem Jahr Urlaubslektüre. Und bei allem, was im Leben an Schwerem oder Herausforderndem begegnet, wünschte ich mir, diese ihre Ruhe des Augenblicks für mich gewinnen zu können. Alte Worte steigen auf in mir (Ps 104. 1+2+24):
„Lobe den Herrn, meine Seele. Herr, mein Gott, du bist sehr groß; in Hoheit und Pracht bist du gekleidet. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ Vielleicht haben ja einige von Ihnen erkannt, dass dies eben jener Psalm ist, der zum Erntedankfest gehört.

Nun also sitzen wir heute hier – und haben dieses schreckliche Attentat vom Mittwoch im Rücken. Und da ist der Himalaya, den das nicht stört, und da ist die Schöpfung, deren Wunder bleiben. Wissen Sie, ich glaube, es ist die Ruhe dieses Staunens, mit der ich betrachten möchte, was mich so unfassbar wütend macht in all meiner Hilflosigkeit. Ich will nicht vergessen und will mich erinnern, welche Wunder auf Erden zu finden sind, damit ich meinem eigenen Unfrieden nicht anheimfalle. Und will weiter an das Wunder glauben, dass aus der Ruhe der Anbetung ein Weg zu Barmherzigkeit, Güte und Frieden führt.

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  Mir graut es

Mir graut es

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 09.10.2019

Mir graut es, weil heute nur zwei Stunden Autofahrt von uns entfernt in Halle Menschen von Menschen erschossen wurden. Welch irre Gedanken mögen jene leiten, die vor ihre Haustür treten mit dem Ziel betende Menschen zu töten. Ganz gleich, welcher Religion.
Ich habe keine Lust, diese Mörder zu verstehen. Ich komme an meine Grenzen des Vergebens. Ich spüre, wie sehr mich diese Arroganz dieser Selbstgerechten anwidert. Mir graut es.

Heute ist Jom Kippur, der höchste Feiertag des Judentums. Und wissen Sie, was an diesem Tag gefeiert wird? Worin die höchste Anbetung unserer jüdischen Schwestern und Brüder besteht? Es ist die Bitte um Vergebung und Versöhnung. Es ist die Einsicht, dass Menschen keine Engel, sondern viel zu schnell Schuldige sind. Es ist die Einsicht, dass Menschen Schuld erkennen und bereuen müssen, um Versöhnung zu erlangen. 25 Stunden fasten Jüdinnen und Juden ab ihrem Jugendalter an diesem Tag, sie kleiden sich in weiß und tragen keine Lederschuhe. Es ist ein stiller Tag, den auch nicht religiöse Juden mehr oder weniger streng einhalten. Wer sich an unseren Karfreitag erinnert fühlt, der tut das zu Recht.

Im Hebräerbrief wurde vor dem Hintergrund dieses jüdischen Kults die christliche Formel „für uns gestorben zur Vergebung der Sünden“ geprägt und wir finden sie wieder im Abendmahlsruf: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser“. Wenn es etwas gibt, das unseren christlichen und jüdischen Glauben eint, dann ist es die Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen und die Notwendigkeit von Reue, Umkehr und Buße, um Versöhnung zu erlangen.

An solch einem Tag also macht sich jemand in Deutschland auf, um den Bußgottesdienst einer jüdischen Gemeinde zu stören. Hätten die Sicherheitsvorkehrungen im Eingangsbereich nicht standgehalten, wären jetzt siebzig oder achtzig Menschen tot. Menschen, die nach Reue, Buße, Umkehr und Vergebung suchten. Statt ihrer wurde auf Passanten geschossen. Zwei Menschen sind tot. Auf dem jüdischen Friedhof gab es eine Explosion und in eine Dönerbude in der Nähe wurde durch das Fenster hinein geschossen. So berichtet zumindest die aktuelle Medienlage. Einer von mehreren Tätern scheint inzwischen gefasst. Die anderen scheinen in Richtung Osten auf der Flucht, die Menschen in den Regionen werden gebeten, ihre Häuser nicht zu verlassen.

Mir graut vor der menschlichen Fähigkeit zu hassen, zu verletzen und zu töten. Gerade so wie vor der zu ignorieren. Bitte lasst uns in diesem Land eindeutig bleiben gegen alle Gewalt. Auch gegen die Wut unseres eigenen Herzens. Denn ist nicht das Kreuz unser Symbol, das eben diese menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit bildhaft vor Augen stellt? Aber nicht im Zeichen der Verzweiflung, sondern aus dem trotzigen Glauben, das sie in Christus überwunden ist – und in der Bitte um Vergebung auch von uns überwunden werden kann. In unserem wohl ältesten Osterlied heißt es:
„Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrie eleis.“ - … und Sie kennen die Übersetzung von Kyrie eleis? Herr, erbarme dich.

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  "Lasst uns reden"

"Lasst uns reden"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.10.2019

Am Sonntag haben wir Erntedank gefeiert – und einige der Landfrauen vom Landfrauenverband Niedersachsen haben uns nicht nur einen wunderschön geschmückten Altar zu diesem Fest geschenkt, sondern die Vorsitzende, Catarina Köchy, hat auch ein Grußwort gehalten.

Wer derzeit für die konventionelle Landwirtschaft steht, bekommt viel Gegenwind. Befördert wird dieser durch Bilder aus landwirtschaftlichen Betrieben, die, man muss es genauso sagen, kriminell handeln. Als Cousine eines Landwirts weiß ich, dass der Spagat zwischen Gewinn und Tier- bzw. Umweltschutz nicht ganz leicht ist, zumindest, wenn am Ende drei Generationen Familie von diesem Betrieb leben sollen; aber ich weiß eben auch, dass er möglich ist. Dass es heute verhältnismäßig artgerecht in den Betrieben zugeht, hat gewiss viel mit den entsprechenden Diskussionen der letzten Jahrzehnte zu tun. Wenn ich an die Hühnerhaltung meiner Großmutter denke, dann war das zwar den damaligen Gesetzen entsprechend, aber gewiss nicht hühnerfreundlich. Und wenn ich daran denke, dass der Geräteschuppen im Garten meiner Eltern 1962 deren Stall für das damalige Hausschwein war, dann gucke ich auch gleich etwas schuldbewusster. Aber so war es damals, Menschen und Tiere lebten zwar auf engstem Raum zusammen – und doch galten die Tiere als Sachen und nicht als Geschöpfe. Deshalb war es richtig, die Missstände anzumahnen und auch konkrete Konsequenzen zu fordern.

Was Frau Köchy jedoch in ihrer Rede andeutete, ist der schwierige sprachliche Umgangston, der inzwischen vorherrsche. Anstelle des Austauschs und der Diskussion, sei ein – freundlich formuliert – rauer Umgangston getreten. Durch ihre Worte klang hindurch, dass der Landwirt heute mit dem Vorurteil zu kämpfen habe, per se nicht artgerecht und der Natur unangemessen zu wirtschaften. – Wer ein bisschen etwas von Landwirtschaft versteht, der weiß, dass dem gar nicht so sein kann. Die Menschen leben von den Erträgen. Eine Landwirtschaft mit kranken und siechenden Tieren kann nur kurz ausgebeutet, aber nie dem Enkel vererbt werden. Ich selbst erlebe Landwirte als kluge Haushalter: die Natur soll zwar genutzt werden, aber nicht ausgenutzt. Schließlich fiele jede Misswirtschaft dem Betrieb eher über kurz als über lang auf die eigenen Füße.

Catarina Köchy endete mit den Worten, dass Landwirte gerne bereit seien, sich auch kritischen Stimmen zu stellen. Aber dass sie – angesichts des neuen rauen Tones – mehr und mehr darauf hoffe, auch mit ihren Argumenten gehört zu werden. „Lasst uns miteinander reden“, bat sie uns Städter in der Mitte der Stadt. Denn tatsächlich ließe sich ja über das Marktverhalten von Verbrauchern für die Landwirte hier in Deutschland viel und sehr unmittelbar bewirken. – Und wer weiß, wahrscheinlich passt sogar unsere heutige Tageslosung überraschend gut zu dieser Thematik, in der es heißt (Ps 34,5): „Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errette mich aus aller meiner Furcht.“ Denn: ein gelingendes Spiel von Frage und Antwort dient zur Überwindung der Furcht, nicht nur im Gottesverhältnis, sondern auch unter uns Menschen.

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  Menschenwürdige Arbeit

Menschenwürdige Arbeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.10.2019

„Na, der soll doch erstmal arbeiten gehen, und nicht auf meine Kosten leben!“ Schon mal gehört, so einen Ausbruch? Ich denke, dieser Satz wird durchaus zu hören sein an so manch deutschem Stammtisch. Ja, unser Gesellschaftssystem ist so aufgebaut, dass wir Menschen uns unseren Lebensunterhalt selbst verdienen, jeder für sich bzw. für seine Familie, durch nichtselbständige Arbeit, als Unternehmer oder Freiberufler. So soll es sein. Und für diejenigen, die das alleine nicht hinbekommen, tritt unsere Gesellschaft solidarisch ein und unterstützt durch die Rentenversicherung, die Krankenkassen und die Sozialhaushalte der Kommunen.
Ohne Zweifel gibt es Menschen, die diese genannten Unterstützungsleistungen ausnutzen. Das ist nicht in Ordnung und Kontrollen, die solchen Missbrauch verhindern sollen, sind sinnvoll und leider wohl auch nötig. Aber es geht hier um eine verschwindend kleine Minderheit der Leistungsempfänger. Es ist nun einmal so, dass das eine schwarze Schaf in der Herde von 100 weißen immer sofort ins Auge fällt. Was weniger, um nicht zu sagen viel zu wenig bemerkt und diskutiert wird, ist, mit welcher Scham viele Menschen zu kämpfen haben, bis sie sich überhaupt erst einmal dazu durchgerungen haben, die ihnen zustehende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es erscheint diesen Menschen als ein Eingeständnis des eigenen Versagens, dass sie auf Unterstützung anderer angewiesen sind, als der persönliche Offenbarungseid darüber, dass sie ihr Leben nicht allein in den Griff bekommen und Schuld sind an der eigenen Misere. Doch selbst wenn sie dann wieder Arbeit gefunden haben, ist damit die materielle Not noch nicht unbedingt beendet. Nach Angaben des Bundes benötigen 40r alleinstehenden Menschen, die den Weg aus der Arbeitslosigkeit heraus wieder zurück ins Berufsleben gefunden haben, weiterhin staatliche Unterstützung, weil das Einkommen, dass sie sich erarbeiten, einfach nicht zum Leben reicht.
Heute ist der Welttag für menschenwürdige Arbeit. Er wurde 2008 von Internationalen Gewerkschaftsbund ausgerufen. Jedes Jahr am 7. Oktober engagieren sich Menschen weltweit für die Abschaffung von Kinderarbeit, für Schutzrechte am Arbeitsplatz, für Gleichberechtigung im Beruf und für Lohngerechtigkeit. Insbesondere in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind dies Themen, die für viele Menschen im Wortsinne existenziell sind. Familien haben nur dann eine Chance, über die Runden zu kommen, wenn jedes Familienmitglied mitarbeitet inklusive der Kinder, die unter teilweise katastrophalen und gesundheitsschädigenden Bedingungen zum Lebensunterhalt mit beitragen müssen. Wie gut, dass wir in einem Land leben, dass Kinder vor derartigem Missbrauch schützt!
Und dennoch haben Familien und insbesondere alleinerziehende Elternteile auch bei uns oftmals kein Auskommen mit dem, was sie in ihrem Job verdienen. Ich finde, es ist eine Frage der Wertschätzung, wie die Arbeitsleistung eines Menschen vergütet wird. Und ich finde es bedenklich, dass Menschen, obwohl sie in Lohn und Brot stehen, davon nicht leben können. In einem Gleichnis, das Jesus erzählt, zahlt der Hausherr allen Arbeitern im Weinberg so viel, wie sie zum Leben brauchen, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben. Es ist eine Form von Gerechtigkeit, die auf der Seite der Schwachen wirkt und an der wir uns ein Beispiel nehmen können.

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  Kleine Wahrnehmungsschule

Kleine Wahrnehmungsschule

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 05.10.2019

Erntedank steht vor der Tür. Am vergangenen Wochenende haben wir mit den Kindern im Familiengottesdienst gefragt: „Was ist eigentlich Erntedank?“ Und dann erklärten mir die Kinder, dass man an diesem Tag dafür danke, genügend zu essen oder zu trinken, überhaupt, genug zu leben zu haben. So weit, so gut, so richtig. Im nächsten Schritt haben dann die Kinder alles mögliche, für das sie danken wollten und das sie von zu Hause mitgebraucht hatten, zum Altar gebracht. Und im letzten Schritt durfte sich jedes Kind etwas aussuchen, das es mit nach Hause nehmen wollte. Relativ schnell wurde in der Auswahl deutlich, dass die Dankbarkeit für Schokolade und Gummibärchen deutlich höher ist als die für Ravioli und Äpfel. Aber gut, so ist das eben.

Für mich ist Erntedank vor allem eine Wahrnehmungsschule. An den Kindern zeigte sich etwas zutiefst Menschliches: Schoki als etwas Besonderes auch im Alltag wird besonders wertgeschätzt, Äpfel, Trauben und Brot hingegen sind so alltäglich, dass man es im Grunde auch auf dem Altar liegen lassen kann.

Und wir? Was ist uns wichtig? Wofür sind wir von Herzen dankbar? Was nehmen wir als das Gute unseres Alltags wahr? Dazu gibt es eine hübsche Erzählung, die ich Ihnen wiedergeben möchte:

„Ein Indianer besucht einen weißen Mann. In einer Stadt zu sein, mit dem Lärm, den Autos und den vielen Menschen – all dies ist ungewohnt und verwirrend für ihn. / Als die beiden Männer eine Straße entlanggehen, hält der Indianer plötzlich inne und meint: ‚Hörst du auch, was ich höre?‘ Der Andere horcht: ‚Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und das Rattern der Omnibusse.‘ ‚Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen.‘ ‚Du musst dich täuschen. Hier gibt es keine Grillen. Und selbst wenn es eine gäbe, man könnte sie in dem Lärm nicht hören.‘ Der Indianer geht ein paar Schritte weiter und bleibt vor einer Hauswand stehen. Wilder Wein rankt an der Mauer. Er schiebt die Blätter auseinander – und da sitzt tatsächlich eine Grille. / Der Andere sagt: ‚Indianer können eben besser hören als Weiße.‘ ‚Ich bin nicht sicher‘, erwidert der Indianer, lässt sich ein 50-Cent-Stück geben und wirft es auf das Pflaster. Es klimpert auf dem Asphalt, Leute bleiben stehen und sehen sich suchend um. ‚Siehst du‘, sagt der Indianer, ‚das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, war nicht lauter als die Grille. Und doch hörten es viele. Wir alle hören auf das, worauf wir zu achten gewohnt sind.‘“ (Quelle: „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“, Hamburg 2017)

Bei Matthäus steht geschrieben (Mt 6,19-21): „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten oder Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

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  Wertschätzung durch Erinnerung

Wertschätzung durch Erinnerung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.10.2019

Günther Jauch und Sido. Zwei Typen, die – der eine alt und der andere auch schon längst nicht mehr jung – trotzdem Publikumslieblinge verschiedener Generationen sind. Auch deshalb hat wahrscheinlich das Redaktionsteam von „Hier spricht Berlin“ zum Auftakt dieses neuen Formats entschieden, diese beiden einzuladen. Und dann ging es um den 9. November. Folgender kleiner Schlagabtausch dazu, wie ich ihn aus verschiedenen Internetmedien rekonstruiert habe:

Ausgangsfrage an Sido: „Stimmt es, dass Sie den 9. November als Feiertag ablehnen?“
Sido: „Die Mauer ist ja nichts Gutes. Und mit dem Feiertag erinnert man daran. Ich finde, man sollte das einfach vergessen.“
Außerdem wäre der Feiertag zur Deutschen Einheit ja der 3. Oktober. Darauf
Jauch: „Mir geht es da ganz anders. Ich fand den 3. Oktober immer seltsam. Ich finde den 9. November im Spiegel der deutschen Geschichte bedeutender.“
Sido: „Aber das weiß ja heute keiner mehr. Finden Sie das wichtig?“
Jauch: „Ich habe schon ein Problem damit, wenn jemand sagt: Naja, Geschichte hat angefangen als ich zehn Jahre alt war und als ich gesehen hab, was es irgendwo gab.“
Sido: „Was ist das Problem damit, wenn jemand das nicht weiß, wenn er sich dafür gar nicht interessiert. Man zwingt ihn dann etwas zu wissen, das er nicht wissen will.“
Jauch: „Zwingen sollte man niemanden. Aber wenn sie geschichtslos aufwachsen, was be-deuten dann Freiheit, Demokratie, Gewaltenteilung für einen Menschen?“
Sido: „Also sollen wir die Leute doch zwingen.“
Jauch: „Ich hätte nichts dagegen, wenn einmal im Leben der Besuch eines Konzentrations-lagers auf dem Stundenplan stünde.“

Hiernach wechselte die Moderatorin das Thema schnell in Richtung des von Sido neu veröffentlichten Albums. „Ein echt uneleganter Cut“, wie sie im Nachhinein zugab.

Warum zitiere ich Ihnen dieses Gespräch so lang und breit. Ich denke, dass wir hier exemplarisch zwei derzeit häufig vertretene Positionen der Gesellschaft finden. Die Hilflosigkeit damit umzugehen, zeigt das Vorgehen der Moderatorin.

Für meine Person, die ich mich regelmäßig über die Aktualität zweitausend Jahre alter Texte auslasse, dürfte es niemanden verwundern, dass ich der Position von Günther Jauch näher stehe als der von Sido. Trotzdem möchte ich schmunzelnd zugeben, dass die erste Idee von Sido durchaus Biblisches hat: Denn die größte biblische Strafe im Alten Testament lautet tatsächlich, in Vergessenheit zu geraten. Das Erinnern gilt biblisch als ein Akt der Wertschätzung. Damit wären wir wieder beim 9. November 1989. Denn durch unsere Erinnerung wertschätzen wir all jene, die daran beteiligt waren, dass es eine friedliche Revolution gab. In diesem Zusammenhang von dem so übel klingenden Wort Zwang zu sprechen, empfinde ich als Unverschämtheit. Denn auch wenn meiner persönlichen Meinung nach der Zwang zur Bildung manch einem nicht schaden könnte, geht es hier ja gar nicht darum, dass irgendwer irgendjemanden zu irgendetwas zwingt; sondern um Respekt und um die Bereitschaft nicht nur zu lernen, sondern auch Zusammenhänge zu verstehen.

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  „Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd“

„Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.10.2019

Dorothee Sölle hielt 1992 in Erfurt eine Bibelarbeit. Das Thema hieß: „Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd.“ So unmittelbar nach der Wiedervereinigung, im Miteinander der Christen aus Ost und West, ahnt man in diesen Worten die Tiefendimensionen dieser Zeit vor dreißig Jahren: Gott hatte Schutz geschenkt, Frieden blieb bewahrt und Freiheit wurde möglich. Es war eine Zeit, in der Freudentränen geweint wurden und Menschen zutiefst dankbar waren, all das erleben zu dürfen. Aber auch: diese so lange erhoffte Zukunft fühlte sich für viele anders an als gedacht, war schwieriger, fremd.
So ist es manchmal im Leben.
Gestern hat jemand hier im Dom den Altar geschmückt – mit Äpfeln und Birnen, Trauben, Linsen und Wein. Es muss ein Mensch gewesen sein, der das nicht alle Tage macht, denn die Gaben lagen dort eher wie zufällig abgelegt las mit geübtem Auge arrangiert wie das die Landfrauen machen am Wochenende machen werden.
Ich habe mich gefreut und auch ein bisschen gewundert. Ob da einer meinte, dass wir das Erntedankfest vergessen würden, wenn er uns nicht erinnert? Oder hatte eine ganz besonderen Grund zu danken und wollte eine Spur hinterlassen, ein Zeichen, das Gott sieht, eine liebevolle Geste, die mehr ist als Worte? Hat ein Mensch aufgehört sich in Gottes Nähe fremd zu fühlen?
Solche ausdrückliche Dankbarkeit ist selten.
Selbst in unseren Gottesdiensten bitten wir ja erheblich mehr als wir danken…
Merkwürdig eigentlich, denn im Gegensatz zur allmählichen Luftnot, die Angst und Sorgen machen, stammt Dankbarkeit ja oft aus tiefer Erleichterung oder aus der Erfahrung, getragen zu werden. Einer hat gesehen, dass ich alleine es nicht schaffe und steht mir bei. Wenn ich vergesse zu danken, merkt er nicht, dass seine Hilfe so erleichternd, mitfühlend und liebevoll fand. Kein Wunder, dass ausbleibende Dankbarkeit schmerzt.
Dieser Tage kann man einiges hören und lesen über Dankbarkeit, weil sich der Tag der deutschen Einheit nähert und mit ihm die Erinnerung an die friedliche Revolution, die Zeit, in der Kirchen eine zweifelsfrei wertvolle Aufgabe hatten: Menschen beherbergen, stärken, ihnen Zuflucht bieten, sie zuzurüsten. Inzwischen ist mit der Diktatur in der ehemaligen DDR auch diese eindeutige Rolle verschwunden. Das ist ohne Frage ein Grund dankbar zu sein, denn Zeiten, in denen Kirche auf diese Weise gebraucht wird, sind keine guten. So sind wir wieder auf der Suche und auf dem Weg, welche Rolle Kirche in unserer Gesellschaft spielen soll, wo sie mitreden muss und wo sie sich verliert. Jetzt scheint es viele Menschen zu geben, die sagen würden:
„Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd.“
Aber offenbar gibt es auch solche, für die alles ganz einfach ist. Sie schmücken einfach den Altar. Gott sei Dank.

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  Zerbrochene Familie

Zerbrochene Familie

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.10.2019

Das evangelische Magazin „Chrismon“ hat in seiner Oktoberausgabe ein schmerzliches Thema aufgegriffen: zerbrochene Familien, genauer gesagt Familien, in denen Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben. Eine Mutter erzählt dort von der Funkstille in ihrer Familie und dem jahrelangen In-sich-Horchen, Bohren und Fragen, wie das passieren konnte, wann es denn eigentlich begann. In diesem konkreten Fall gibt es den einen Moment, an dem die Beziehung zerbrach, nicht; dafür aber lange Jahre der Entfremdung und Sprachlosigkeit.
Ich kenne das auch. Familien, in denen Kinder nicht mehr mit ihren Eltern reden, Großeltern und Enkel einander deshalb nicht kennenlernen können und selbst am Grab kein Abschied in Frieden möglich ist. Leid, das sich in die nächste Generation fortschleppt.
Das Alte Testament ist in weiten Strecken eine Familiengeschichte, in der nicht nur das Kommen und Gehen der Generationen erzählt wird, sondern sich auch schwere Dramen abspielen.
Eine solche Geschichte ist die von der Opferung Isaaks. Vordergründig geht es um eine Versuchungsgeschichte. Gott testet Abraham, ob seine Treue so groß ist, dass er seinen Sohn opfern würde. Soweit man den Buchstaben Glauben schenkt – das sage ich ganz bewusst so und meine es wortwörtlich – ist Abraham dazu breit. Erst einen winzigen Moment bevor Abrahams das Blut seines Sohnes vergießt, greift Gott ein. Es findet sich ein anderes Opfer im Gestrüpp. Alles gut?
Ja, so scheint es. Aber wenn man weiter liest, dann spürt man: die Beziehung zwischen Abraham und seinem Sohn ist über diesem Kraftakt kaputtgegangen. Sie sprechen nicht mehr miteinander. Abraham schickt seinen Knecht aus, um seinem Sohn eine Frau zu suchen, er hinterlässt ihm auch sein Hab und Gut, Isaak schließlich beerdigt den Vater – aber die Zweisamkeit des Anfangs stellt sich nicht mehr ein. Später wird Isaak mit seinen Söhnen Jakob und Esau erleben, dass einer fortgehen muss, Jahrzehnte verschwindet. So wird es auch mit seinem Enkel Josef sein. Aber unter seinen Kindern und Enkeln wird auch Heimkehr und Versöhnung möglich. Jesus Christus schließlich verlässt seine Eltern und verlangt das von seinen Jüngern. Aber unterm Kreuz verbindet er sie neu. Siehe, sagt er zu seinem Lieblingsjünger – das ist deine Mutter. Und so sagt es auch zu seiner Mutter: siehe, das ist dein Sohn und fortan leben sie zusammen.
Erst dann? Kann es erst dann gut werden? So mag man denken. Ja. Aber vielleicht auch: es lohnt, nicht aufzuhören und den Kindern nachzugehen, es lohnt, liebevoll an sie zu denken, es bleibt so vieles möglich.

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  Entspannte Frömmigkeit

Entspannte Frömmigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.09.2019

Neulich auf Sizilien: Ich war in einem kleinen Dorf an der Ostküste der Insel unterwegs, um etwas einzukaufen. An der Hauptstraße steht die kleine Kirche und davor zwei Statuen: eine zeigt Papst Johannes XXIII, die andere Padre Pio. Im ziemlich dichten Verkehr war auch ein Radfahrer unterwegs und als er die Kirche passiert, bekreuzigte er sich im Vorbeifahren – einfach so, ganz selbstverständlich und ohne anzuhalten. Es ist auf Sizilien vollkommen normal, dass in jedem Geschäft, in jeder Bar, in jeder Pizzeria ein Kruzifix an der Wand hängt und sogar im Supermarkt über dem Büro des Filialleiters fehlt es nicht – gerahmt von Werbung für Käse und Bier.
Ich will jetzt nicht wieder über das Thema „Kreuze in öffentlichen Gebäuden“ reden, das in den vergangenen Wochen durch eine Empfehlung des deutschen Richterbundes ja mal wieder hochgekommen ist. Ich will auch gar nichts über das Verhältnis von Kirche und Staat sagen – das ist alles weise in Gesetzen geregelt. Nein, ich möchte über das Verhältnis der Menschen auf Sizilien zu ihrem Glauben und zu Gott berichten. Mich hat beeindruckt und begeistert, mit welcher entspannten Ernsthaftigkeit die Sizilianer ihren Glauben leben. Wir konnten durch einen Zufall in einem Bergdorf mit knapp 900 Einwohnern das jährliche Fest des Heiligen Kreuzes miterleben. Dabei wird ein mittelalterliches, prächtig bemaltes und geschmücktes Holzkreuz in einer Prozession durch den Ort getragen. Vorher wurde eine feierliche Messe gefeiert – und sie wurde wirklich gefeiert: fröhlich, festlich und irgendwie unaufgeregt und wir als deutsche Touris fühlten uns sehr willkommen. Alles in allem eine wunderschöne Atmosphäre.
In unseren Breiten ist für mich durchaus eine Grenze spürbar zwischen der ganz persönlichen Spiritualität und dem „normalen“ Leben, zwischen dem alltäglichen Umgang miteinander und dem oftmals eher im Privaten gelebten Glauben von uns Christinnen und Christen. Das mag für viele Menschen auch genau so in Ordnung sein und es liegt mir fern, diese Situation zu beurteilen. In Süditalien waren solche Übergänge jedoch viel weniger spürbar. Spiritualität und Alltag haben sich nicht gegeneinander abgesetzt, sondern sind in für mich sehr angenehmer Art und Weise ineinander übergegangen.
Manchmal erlebe ich uns als Kirche und auch mich selbst in Diskussionen über kirchliche und Glaubensthemen als ziemlich verkrampft und verkopft. Dabei gerät dann schnell mal unter die Räder, dass „Evangelium“ übersetzt „frohe Botschaft“ heißt. Das ist Christinnen und Christen nicht wirklich immer am Gesichtsausdruck abzulesen – gerade uns Lutheranern nicht.
Ich wünsche mir auch für mich selbst mehr von dieser heiteren Gelassenheit und Selbstverständlichkeit, mit der unsere mediterranen Schwestern und Brüder ihre Frömmigkeit leben. Paulus schreibt: „Freut euch in dem Herrn alle Tage und abermals sage ich: Freuet euch!“ Ich denke, dass das ein gutes Lebensmotto sein kann – für sizilianische Katholiken genauso wie für Braunschweiger Protestanten.

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  All eure Sorge…

All eure Sorge…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.09.2019

Im ersten Petrusbrief heißt es: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“ Ich erinnere mich an einen Abend in der Jungen Gemeinde in Pauli Kreuz in Karl-Marx-Stadt. Ich war gerade dem Konfirmandenalter entwachsen und freute mich, vom Christenlehrezimmer in den Jugendraum zu wechseln, zu den Langhaarigen mit Parka und Gitarre zu gehen, Tischtennis zu spielen, Tee zu trinken und abzuhängen. Auf Bibelarbeit war ich gar nicht so sehr aus obwohl ich damit am Rand es frommen Erzgebirges hätte rechnen können.
Also hieß es: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“ – Welches Wort ist dir in diesem Vers am wichtigsten?
Eigentlich eine einfache Frage, die sich als Anstoß für eine exzellente immer noch brauchbare Übung erwies, denn im Laufe des Lebens ändert sich,w as wir hören und so bleiben vertraute Worte lebendig.
Ich weiß nicht mehr, welches Wort ich damals ausgesucht habe.
„Alle“? Die großen und die kleinen Sorgen, die von denen ich denke, ich kriege sie selbst in Griff und auch die unüberschaubaren Probleme einer Jugendlichen in der DDR?
„Eure“? Meine, deine, unsere Sorgen? Verbindet uns das Sorgenhaben? Macht es uns nicht barmherziger und nachsichtiger, empfindsamer, wenn wir im Blick behalten, dass wir nicht die Einzigen sind, die Sorgen haben?
„Werft“? Heute jedenfalls gefällt mir das. Das hat etwas Kraftvolles und Aktives. Wenn Sorgen so sind, dass ich sie wegwerfen kann, nicht wegschmeißen, sondern weitwerfen, hochwerfen, zuwerfen, dann gehen sie mir nicht über die Kraft, erschlagen und erdrücken mich nicht. Dann kann ich was tun. Dann ist dafür gesorgt, dass Gott nicht zu weit weg ist, denn wie es mit meiner Wurftechnik aussieht weiß ich…
„Auf ihn.“ Er kann das ab. Es ist erlaubt und möglich und auch die allerbeste Stelle. Sorgen auf ihn zu werfen ist das Gegenteil davon, sie in mir zu vergraben, sie reinzufressen oder wegzurennen, ständig mitzuschleppen oder anderen aufzubürden.
„Denn er sorgt für Euch.“ Sorgen und sorgen. Sich sorgen und fürsorgen. Spüren, dass für mich gesorgt ist. Das zu hören ist wohltuend und im wahrsten Sinne des Wortes entlastend. Aber da schwingt noch etwas anders drin, etwas, das mit Loslassen zu tun hat.
Denn: Er sorgt für uns. Aber nicht für unsere Sorgen. Er sorgt für den Menschen neben mir und auch für die, um die ich mich sorge. Das ist gewiss aber eben auch ergebnisoffen und darum manchmal ungeheuer schmerzhaft. Denn er sorgt. Seine, Gottes Art, zu sorgen kann sich manchmal anfühlen, als hätte er meine, deine, unsere Sorge nicht wahrgenommen und unser Bitten gehört.
Es kann sich so anfühlen. Aber ehe uns dieser Zweifel erdrückt; sollten wir noch einmal versuchen, zu hören, wie in diesem Moment klingt: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“


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  Schiffbruch

Schiffbruch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2019

„Schiffbruch zu erleiden“ ist eine sprichwörtliche Scheitererfahrung, die auch Landratten sofort verstehen. Wer Schiffbruch erleidet, verliert den Boden unter den Füßen, gerät in existentielle Gefahr. Wer Schiffbruch überlebt, ist nicht mehr Derselbe.
Schiffbruch galt auch schon dem antiken Menschen als Bild für die grundsätzliche Gefährdung unseres Lebens. Wasser ist ein unendliches bedrohliches Element. Für die Tiefe des Meeres sind wir Menschen nicht gemacht; die endlose Weite mag faszinierend sein aber sie birgt auch die Gefahr, sich zu verlieren, vom Radar zu verschwinden. Leere, Einsamkeit und Entgrenzung halten wir auf die Dauer nicht gut aus.
All das fordert aber auch heraus und verlockt. Darum haben Menschen Meisterliches vollbracht, das Meer zu befahren und zu erforschen.
Bezwingen können wir es nicht.
Darum erzählt auch Gottes Geschichte mit uns Menschen von Ohnmachtserfahrungen und Lebensgefahr in den verschieden Wassermassen. Noah wird aus dem Sintflutregen gerettet und Jona im Fischbauch vor dem Ertrinken. Die Israeliten durchwandern das Schilfmeer, die Jünger erleben mit Jesus Sturm und Sturmstillung auf dem See Genezareth, der ihnen ein Meer war. Dass Paulus schließlich mehr als einen Schiffbruch überlebte, galt nicht nur seinen Zeitgenossen als nahezu unmöglich und schwer zu deuten.
Martin Luther nahm diese existentiellen Dramen auf und deutete sie neu.
All diese Wasser nahm er mit hinein in seine Betrachtung zum Taufwasser. Der Tod und der Zorn Gottes über uns Menschen gehen darin unter, das Böse in uns ertrinkt. Die Selbstsucht und der menschliche Größenwahn werden genauso abgewaschen wie unsere Unfähigkeit zu vergeben.
Erst auf Gottes Wort hin ist ein Neuanfang möglich – wenn die Arche landet, wenn der Fisch uns ausspuckt, wenn Gott uns in der Taufe beim Namen nennt.
Luther radikalisiert das alte Bild: unser Lebensschiff erleidet zwangsläufig Schiffbruch, wenn wir auf uns selbst gestellt bleiben. Ohne Rettung, ohne Gottes Segen, gehen wir schlicht unter.
Die Taufe sensibilisiert also dafür, dass Wasser Gefahr und Heil birgt und auch, dass Kirche sich genau hier bewährt.
Den kleinen Gedankenschritt zur Rettungsweste und Seenotrettung schaffen Sie selbst…




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  "Thursdays for future" : Freiheit oder Pflicht?

"Thursdays for future" : Freiheit oder Pflicht?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.09.2019

Kürzlich stellte mir einer meiner Konfis die Frage: „Was hat eigentlich Umweltschutz mit Christentum zu tun?“

Nur allzu schnell könnte ich jetzt auf das Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ kommen. Aber da Umweltschutz, also Schutz der Umwelt vor dem Menschen, noch gar kein Thema der Bibel ist, sondern dort eher umgekehrt die Frage verhandelt wird: „Wie wird der Mensch vor der ungezähmten Umwelt geschützt?“, braucht es einen Schlenker. Und der geht über das erste Gebot, das da lautet: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Also: Weil Gott einer und einziger ist, hat er auch die Welt geschaffen. Und wir sind deshalb zuerst Geschöpfe unter Mitgeschöpfen. Gott zu ehren heißt, Ehrfurcht vor dem zu haben, das wir als göttlich in der Welt erkennen. Und dazu gehört ganz gewiss auch das Gleichgewicht in der Natur, in das wir insbesondere in den letzten Jahrzehnten so wesentlich eingegriffen haben. Außerdem sollte dazu noch die Erkenntnis gehören, dass wir Menschen vom Schöpfer mit Fähigkeiten und Möglichkeiten begabt wurden, die uns einerseits eine unglaubliche Freiheit geben – und die uns gleichzeitig in die Pflicht nehmen.

Wenn’s um die politische Diskussion geht, dann stehen wir vor der Wahl: Freiheit oder Pflicht. Freiheit funktioniert dann, wenn es den Menschen gelingt, sich selbst ein gutes Maß für ihren Umgang mit der Umwelt aufzuerlegen. Oder, wie ich jüngst las: das Problem ist nicht, wenn Dinge hin und wieder geschehen, sondern wenn umweltschädliche Phänomene zu Massenphänomen werden.

Weil solche Selbstbeschränkung schwierig zu sein scheint, verwundert es vielleicht auch wenig, wenn meine Konfis, die ich kürzlich dazu aufforderte, für eine Gemeinschaft, in der sie leben möchten, Regeln zu formulieren, ganz konkret werden: Vom Mobiltelefonverbot im Alltagsleben bis hin autofreien Städten und der mobilen Selbstreduktion auf die Füße, das Fahrrad oder den Nahverkehr. Anscheinend ist ein enges Reglement für junge Menschen derzeit durchaus reizvoll. Wenn die Erwachsenen nicht von alleine bereit sind, sich für den Schutz des Lebensraumes einzusetzen, dann brauchen sie eben Gesetze, die sie zwingen. Meinten diese jungen Leute.

Doch theologisch? Was gilt da: Freiheit oder Pflicht?

Nun, die Freiheit, die wir haben, ist keine gleichgültige Freiheit, sondern eine, um die Welt zum Guten hin zu gestalten. So legen es Gesetze wie die Zehn Gebote oder das der Nächstenliebe nahe. Und um es anders zu formulieren: christlich wäre es eigentlich am allerschönsten, wenn es überhaupt keine äußeren Gesetze bräuchte, sondern stattdessen die Freiheit des Geistes Gottes in die Herzen der Menschen eingeschrieben wäre. So heißt es beim Propheten Ezechiel: „Gott spricht: Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten.“ (Ez 11,19f.) – Die Crux liegt nun wahrscheinlich darin, dass wir solch ein neues Herz zum Geschenk auch annehmen müssten.

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  "Wednesdays for future" : "Ein kleiner, aber existentieller Fehler"

"Wednesdays for future" : "Ein kleiner, aber existentieller Fehler"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.09.2019

Kennen Sie Terry Pratchett? In letzter Zeit habe ich wieder einmal seine Bücher gelesen, ganz schlicht, weil man dabei erstens so schön schmunzeln kann und zweitens so vieles wiedererkennt vom ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Eines dieser Dinge gilt einem menschlichen Grundzug, der da lautet: Gäbe es einen Knopf und darunter hinge ein Schild mit den Worten: „Achtung! Auf keinen Fall drücken!!“, dann würde es nicht besonders lange dauern, bis sich jemand findet, der auf diesen Knopf drückt. Erstens, weil er es kann, und zweitens, weil er neugierig ist herauszufinden, was wohl passieren wird.

Mir scheint, er wiederholt damit das bekannte biblische Thema des Sündenfalls. Denn wir erinnern uns, auch hier gab es genau eine Frucht, die tabu war. Und nach gar nicht allzu langer Zeit, bedurfte es nur eines kleinen Schubses, damit die Prototypen der Menschheit davon naschten. Im Ergebnis gilt dieser Fauxpas als das Ende der paradiesischen Zeiten auf Erden.

Zum Motiv des Sündenfalls gibt es eine interessante Deutung des Theologen Paul Tillich: Er beschreibt den Zustand des Paradieses als einen existentiellen Zustand des Menschen. Eigentlich weiß der Mensch, dass er im Paradies lebt, aber er weiß auch, dass es noch anderes gibt. Und so steht er vor der Angst, sich nicht selbst in all seinen Möglichkeiten zu verwirklichen. Also beißt er in den Apfel.

Oder drückt auf den Knopf: Z.B. indem er ausprobiert, was geschieht, wenn möglichst viele Menschen Auto fahren, von denen einige einen geradezu unanständig hohen Verbrauch haben. Oder indem er Flüge zum Spottpreis anbietet. Oder indem er Produkte im Namen der Marktwirtschaft auf Kurzlebigkeit hin konzipiert. Oder indem er nur nach den Vorteilen davon fragt, wenn gleich ganze Regionen im Regenwald in Brand gesetzt werden. Oder indem er den Müll einfach im Meer verklappt oder in entlegene Winkel der Welt bringt, anstatt diesen Müll zu vermieden. Und so. Natürlich hat diese Knöpfe niemand gedrückt. Sondern das waren die von höchstmöglich flexibler Mobilität und einem ins Mark gehenden Motorengeräusch. Es war der Knopf größtmöglicher Freiheit im Urlaub. Von wirtschaftlichem Erfolg und Arbeitsplatzsicherheit. Von Reichtum und Einflussnahme. Von aus den Augen aus dem Sinn. All das haben wir Menschen im Wunsch uns zu verwirklichen, einfach so getan. Und jetzt leben wir mit den Konsequenzen.

Ein Zurück ins Paradies gibt es nicht. Was aber dann?
In unserer heutigen Tageslosung heißt es (5. Mose 16,20):

„Was recht ist, dem sollst du nachjagen, damit du leben kannst.“

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  "Tuesdays for future" : "Greta - manche können es nicht mehr hören"

"Tuesdays for future" : "Greta - manche können es nicht mehr hören"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.09.2019

Jetzt hat sich also auch Dieter Bohlen indirekt zu Greta geäußert. Ihn nervt’s. Ist ja auch kein gute Laune-Thema und wahrscheinlich bekäme das Mädel bei ihm auch nur Höchstwerte im Angestrengt-Gucken. Er ist halt ein gute-Laune-auf-Kosten-anderer-Leute-Bär, unser Dieter. In der Braunschweiger Zeitung hat Linda Propst als junge Autorin gemahnt: „Greta, manche können es nicht mehr hören. Dabei ist es Zeit endlich etwas zu tun.“
Denn Denken und Tun müssen in einen Zusammenhang gebracht werden, soll sich etwas ändern. Derzeit geschieht das, tatsächlich angestoßen durch diese Jugendliche, auf vielen Ebenen. Greta Thunberg ist inzwischen zu einem der wichtigsten Symbole einer berechtigten Frage unserer Zeit geworden. Und die lautet: Es geht um das, was du selbst zu tun bereit bist. Noch mehr aber geht es um das, was Gesellschaften und ihre Eliten tun.

Im Buch des Propheten Amos wird der Niedergang des damaligen Nordreichs Israel auf das Verhalten der korrupten Eliten zurückgeführt. Dort steht (Amos 4,1f.): „Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen!“ Und auch die Männer bekommen ihr Fett weg, wenn es heißt (5,10-12): „Sie hassen den, der im Tor Recht spricht, und verabscheuen den, der die Wahrheit sagt. Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Frevel, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind.“

Es geht um den Zusammenhang von innerer Haltung, dem konkreten Handeln und den sich daraus ableitenden Konsequenzen. Wenn Menschen alle Vorteile nutzen, die sie sich nehmen können, wenn Wachstum als der einzige Weg zum Erfolg geglaubt wird, wenn die Scheren in den Bereichen Bildung und Wohlstand immer weiter auseinander gehen, dann wird all das Früchte tragen.

Derzeit treffen sich Politiker also mit dem Symbol Thunberg. Das ist gut. Denn das zeigt nicht nur, dass ihr Thema ein ernstzunehmendes Anliegen ist, sondern auch, dass die Bewegung hinter ihr wahrgenommen wird. Und umgekehrt, wenn jemand, der den Mainstream so sehr prägt wie Dieter Bohlen eine Blog online stellt, den andere als ein „Greta nervt“ verstehen, dann mag ihm das Klicks bringen, ist aber unverantwortlich. Ich denke, wir können die biblischen Worte der Sozialkritik des Amos übertragen auf eine Verhaltenskritik im ökologischen Bereich: Die Menschheit muss endlich aufhören, den Wohlstand dieser Erde für ihren eigenen Wohlstand auf den Kopf zu hauen und auch hier Zurückhaltung und Selbstverzicht lernen. Denn nur dann werden wir etwas retten können.

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  "MONDAYS FOR FUTURE": OKJÖKULL

"MONDAYS FOR FUTURE": OKJÖKULL

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.09.2019

Ich bin gestern aus dem Urlaub aus Süditalien zurückgekehrt und habe zugegebenermaßen noch so meine Schwierigkeiten, mich wieder an zu Hause zu gewöhnen: Hier wachsen keine Zitronen an den Bäumen, ich habe viel weniger Meer vor der Haustür und ich muss mich auch wieder auf den deutschen Fahrstil einstellen. Vieles ist deutlich anders auf Sizilien, unter anderem auch die Friedhöfe. Es gibt kaum Erdgräber, dafür richtige kleine Häuser, in denen sich gemauerte Grabkammern befinden, mehrere Etagen übereinander. Und anstelle von Grabsteinen, sind die steinernen Verschlussplatten mit dem Namen, Geburts- und Sterbedatum und oft einem Foto des Verstorbenen versehen. Das stärkt die Erinnerung und schafft Nähe auch über den Tod hinaus.
Wir erinnern auf Friedhöfen mit Grabsteinen und Gedenktafeln an unsere Verstorbenen. Auf Island erinnert seit dem 18. August eine Gedenktafel an den vor fünf Jahren für tot erklärten Okjökull-Gletscher. Vor 130 Jahren bedeckte er noch eine Fläche von 38 Quadratkilometern, das ist etwa ein Fünftel der Fläche unserer Stadt und er maß eine Eisdicke von 50 Metern, das ist ungefähr die Höhe unserer Domtürme. Heute ist er weg, nicht mehr aufzufinden, ein Opfer des Klimawandels. Der Text auf der Gedenktafel ist an die Leser der kommenden Generationen gerichtet und er lautet: „All unsere Gletscher werden in den nächsten 200 Jahren dasselbe Schicksal erfahren. Dieses Denkmal bezeugt, dass wir wissen, was passiert und was getan werden muss. Ihr allein wisst, ob wir es getan haben.“
Wir wissen was passiert und was getan werden muss. In der Tat ist heute wissenschaftlich unwiderlegbar nachgewiesen, dass unser Lebensstil und unser Verhalten das Klima auf dieser Erde nachhaltig verändern und zwar in eine Richtung, die nicht nur die Lebens- und Überlebensbedingungen für Gletscher deutlich verschlechtern, sondern auch für uns Menschen. Der kontinuierliche Anstieg der Temperatur, die damit einhergehenden Extremwetterlagen wie Dürren, Stürme und andere schwere Unwetter sind Anzeichen für diese Veränderungen. Auch hier bei uns wird dies spürbar: Wir sind im zweiten Jahr in Folge, in dem es in Norddeutschland viel zu wenig Regen gab. Manch einer leugnet all dies, erklärt politisch motiviert den sichtbaren Klimawandel einfach mal platt für schlechtes Wetter und geht zur Tagesordnung über, weil ihm die im Wortsinne Not-wendigen Konsequenzen nicht in den Kram passen. Noch einmal das Zitat von der Gletschergedenktafel: Wir wissen was passiert und was getan werden muss.
In einem unserer Kirchenlieder heißt es: „Wir wollen gut verwalten, was Gott uns anvertraut, verantwortlich gestalten, was unsre Zukunft baut. Herr, lass uns nur nicht fallen in Blindheit und Gericht. Erhalte uns und allen, des Lebens Gleichgewicht“ Gott hat uns unseren Verstand geschenkt. Den sollten wir nutzen, die Zeichen der Zeit erkennen und dann mutig und konsequent die richtigen Dinge tun. Ich denke, dass es das ist, was Gott von uns erwartet, damit wir nicht noch mehr Gedenktafeln aufstellen müssen, für all das, was wir hätten erhalten sollen und dann doch zerstört haben.

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  "Saturdays for future": Wonach streben?

"Saturdays for future": Wonach streben?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 21.09.2019

„Fridays for future“ ist gut und schön, aber eigentlich braucht es den täglichen Einsatz für die Zukunft, wenn sich etwas ändern soll. Deshalb also eine Woche lang Klimawoche in Braunschweig - auch bei uns im Dom. Heute also: Saturdays for future.

Und das mit einer alten Geschichte, nämlich der von Aladdin und seiner Wunderlampe. Sie erinnern sich? Es geht um den armen Schneiderssohn Aladdin, der das Handwerk seines Vaters nicht erlernen möchte und der nach dessen Tod gemeinsam mit der Mutter von deren erbärmlichen Einkommen als Baumwolldreherin mehr existiert als lebt. Nach ersten Abenteuern gelangt dann die Wunderlampe in Aladdins Hände. Durch einen glücklichen Zufall findet er heraus, wie die Lampe funktioniert. Und doch verfällt der arme Schneiderssohn der Versuchung nicht, alles Mögliche herbei zu wünschen, sondern er bleibt bescheiden. Wonach er strebt, ist das Dach über dem Kopf und ein voller Bauch. Erst als Aladdin sich in die Tochter des Sultans verliebt, bittet er den Geist um das, was der Sultan als Preis für seine Tochter fordert: schöne Kleider, Sklaven, Gold, Juwelen, Pferde und schließlich einen Palast. Aber: Aladdin vergisst nicht, woher er kommt. Und so lässt er regelmäßig Goldmünzen an das Volk verteilen. Sein Reichtum wird zum Wohlstand aller.

Zwei Dinge sind es, die das Märchen erzählt und die den Kopf zum Denken bringen: Das eine ist, wonach die Welt strebt. Die bösen Widersacher Aladdins, der Sultan, ja, selbst die Prinzessin: sie alle halten Gold und Juwelen, schöne Architektur, reiche Kleider, rassige Pferde, kurzum: einen überschwänglich reichen Prunk für das wahre Kennzeichen des Glücks. Und ein Seitenblick auf unsere eigenen Märchen bestätigt, dass das ein allgemein menschlicher Zug zu sein scheint. Allein: Aladdin wird von diesem ganzen Prunk nicht berührt. Er wünscht nur das, was er braucht, um das Ziel seines Strebens zu erreichen: Und das ist zuerst ein ruhiger Lebensalltag mit der Mutter ohne Hunger und Not – und später die Liebe seiner Braut sowie die Anerkennung als Bräutigam durch den Brautvater.

Essen, Trinken, Kleider, ein Dach über dem Kopf, eine liebe Frau, gute Nachbarn. So beschreibt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus, was denn mit der Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser gemeint sei. Danach sollten wir streben. „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Mt 6,21), heißt es im Matthäus-Evangelium. Wo aber sind sie, unser Schatz und unser Herz? Wonach streben wir?
Wer auf die reichsten Straßen der großen Städte unserer Zeit sieht, der ahnt, dass wir trotz aller weiser Erzählungen und kluger Auslegungen nichts dazugelernt haben. Wir halten die Wunderlampe zur Wunscherfüllung in der Hand, zumindest hier im Westen. Aber es gelingt uns nicht, diese Wunderlampe einfach auf der Anrichte für Notfälle stehen zu lassen. Stattdessen bekommen wir den Hals nicht voll und laufen sehenden Auges ins Verderben. Doch: Es ist nie zu spät für eine Umkehr, für den, der Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören. Heißt es.

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  "Fridays for future": Klimawoche in Braunschweig

"Fridays for future": Klimawoche in Braunschweig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.09.2019

„Muss nur noch kurz die Welt retten…“, so mag der eine oder die andere jene bespötteln, die im Rahmen von „Fridays for future“ für ihre Überzeugung eintreten. Gefühlt bewegt sich die Kritik zwischen einem „Was können wir schon tun?“, „Nicht mein cup of tea!“ und „Fünf vor zwölf ist doch längst gewesen – die Welt ist immer noch nicht untergegangen. Die sollen sich mal nicht so haben.“ Und ich selbst bemerke, dass ich die Anliegen all derer, die da auf die Straße gehen, gut verstehen kann. Denn, ja, es ist auch mein Anliegen. Für mich. Für unsere Kinder. Und hoffentlich in ein paar Jahren auch für unsere Kindeskinder.

Es geht darum, dass es in Sachen Umwelt ein Richtig und ein Falsch gibt; und darum, dass hier um eine gesamtgesellschaftliche Grundhaltung gerungen wird. In dieser und der kommenden Woche also haben sich deshalb viele Organisationen in Braunschweig der deutschlandweiten Climate Week angeschlossen und die Braunschweiger Klimawoche ausgerufen. Sie beginnt heute und endet am kommenden Freitag. Worum es geht ist einfach: Menschen sollen ins Nachdenken geraten. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, sagte einst Francis Picabia. Allein: Das ist nur der erste Schritt. Denn dem Richtungswechsel im Denken muss auch ein Richtungswechsel im Handeln folgen. Sonst nützt es alles nichts.

Wir vom Dom haben uns deshalb entschieden, eine Woche lang auch unsere tägliche Andacht unter die Fragestellungen menschlicher Träume, ihrer Ängste, ihrem konkreten Tun zu stellen angesichts einer Zukunft, für die alle Menschen mit verantwortlich sind. Es beginnt mit der Frage, wie Menschen ihre Welt sehen? Denken wir sie als Ressource, die wir frei aufteilen, uns an ihr bedienen können und es höchstens noch um eine gerechte Verteilung solcher Ressourcen geht? Oder aber denken wir sie als Leben, als Geschöpf, als ausgeklügelte Balance eines Lebenskreislaufes, der eben nur einen gewissen Grad an Selbstbedienung aushält.

Unsere Kinder und Jugendlichen sind bereit umzudenken. Ob sie das auch in ihren Ferien schaffen und im Kleinklein des Alltags, ist mir erst einmal egal. Sie sind bereit umzudenken, das ist der erste Schritt. Und sie fordern dieses Umdenken auch von uns Erwachsenen und gegenwärtig Verantwortlichen. Mit solchem Bewusstsein aufgewachsen, hoffe ich von Herzen, dass sie einen Teil davon in ihre Zukunft mitnehmen, in ihr Entscheiden, mit dem sie morgen die Welt gestalten.

Denn am Ende geschieht, was schon der Evangelist Matthäus einst beschrieb (Mt 7,16):
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“

Für meine Generation hoffe ich, dass wir an den Früchten unseres Tuns erkennen, was wir zu tun haben.

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  Fluchtgeschichten der Bibel III – Durch die Wüste…

Fluchtgeschichten der Bibel III – Durch die Wüste…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.09.2019

Wüsten gibt es viele: Sandwüsten und Eiswüsten, zerstörte geplünderte Landschaft, Ablehnung bis in dritte Glied, Endlosigkeit…
Immer wieder sind Menschen, die auswanderten oder fliehen mussten, durch Wüsten gezogen. Manch einer wird die Flüchtlingstrecks nach 1945 noch immer vor seinem inneren Auge haben, andere die Menschenzüge in Richtung mexikanischer Grenze, Dritte erinnern sich vielleicht an eindrückliche Bilder von Planwagen, die durch den mittleren Westen ziehen oder Menschen mit Gepäck und umständlicher Kleidung auf Ellis Island.
Die Bibel erzählt vom Auszug eines ganzen Volkes. Erinnerung und Tradition haben daraus einen endlosen Zug gemacht, der generationenlang von einem Land in ein anders zog, bis endlich das verheißene Land, wo Milch und Honig fließen, erreicht war.
Historisch werden die Dinge anders gelegen haben. Möglicherweise steht diese Wüstenwanderung für eine lange und mühsame Integrationsgeschichte inmitten einer fremden Umwelt. Denn die Israeliten waren ein Volk ohne König und Staat, ohne Ahnengräber und Tempel, dafür mit einem Gott ohne Heiligtum und ohne Namen. Unvorstellbar andersartig und fremd!
Sie hatten die ägyptische Sklaverei eingetauscht in eine andere endlose Prüfung. Es ist nicht nur eine Freiheitsgeschichte, es ist auch unabwendbares Schicksal und prägt mehr als nur eine Generation.
Wüstenwanderung ist Häutungszeit. Die Haut, die früher passte, taugt nicht mehr.
Und die die Bibel erzählt von Wundern in der Wüstenzeit.
Bitteres Wasser wird trinkbar, irgendwo kommt Brot und Fleisch her. Rettung hat kein verlässliches Konzept. Aber manchmal…
Auf dieser Wüstenwanderung schließen der namenlose Gott und das heimatlose Volk ein Bund am Berg Sinai. Er wird belastbar sein und durch die Zeit tragen. Dieser Gott wird sie in ein Land führen, indem zu leben sein wird. Allein, es war nicht unbewohnt.
So geht auch die biblische Geschichte einher mit Gewalt und Grausamkeit, Feindbildern, Abgrenzung. Nachfolgegeschichten sind das nicht. Aber auch das gehört zu unserer Geschichte und erst recht zu Fluchtgeschichten dazu.


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  Fluchtgeschichten der Bibel II – Rettung und Entfremdung

Fluchtgeschichten der Bibel II – Rettung und Entfremdung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.09.2019

Manchmal klingen die alten Geschichten der Bibel so, als wären sie erst für kommende Generationen erzählt, als würden sie erst viele Katastrophen später verständlich.
So scheint es mit Amos, dem Maulbeerenzüchter, zu sein, der den Untergang Israels, die Zerstörung Jerusalems und die Deportation der Bevölkerung zu einem Zeitpunkt kommen sah, als niemand ihm glaubte.
Er teilte das Schicksal von Propheten, Warnern und Rufern. Sie werden nicht gehört. Auch die großen Wanderungsbewegungen der Gegenwart sind schon vor Jahrzehnten mit Blick auf die ungerechte Weltwirtschaftsordnung und den Klimawandel angekündigt worden. Und selbst das Sterben im Mittelmeer scheint vorgezeichnet.
Denn das zweite Buch Mose erzählt: ein Kind treibt im Wasser, in einem Kästchen, einem Körbchen, einem Boot. Falls einer vergessen hat, wie klein Menschen am Anfang des Lebens sind, kann man es ahnen, wenn man sich die Brustkorbspanne der Rettungsweste an unserer Friedenssäule oder dem Jugendzentrum im Magniviertel ansieht.
Die Geschichte dieses Kindes ist die des Mose. Aus Angst vor einer zu starken jüdischen Minderheit in Ägypten hatte der Pharao die Tötung aller Jungen angeordnet. Bar jeder Hoffnung auf Zukunft vertrauten deshalb die verzweifelten Eltern Ihr Kind dem Nil an. Die Bibel erzählt: „Als die Mutter das Kind nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästlein von Rohr für ihn und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils.“
Dieses Kind überlebt nur, weil eine Fremde sich der Not, und dieser Tage können wir ruhig sagen, Seenot, des Kindes erbarmt und es aus dem Wasser zieht und aufnimmt. So wird der kleine Junge von Fremden erzogen und bekommt einen ägyptischen Namen. Er verliert seine Identität, seine Familie, seine Religion, seine Muttersprache.
Aber er lebt. Später wird er das Volk seiner Vorfahren in die Freiheit führen. Später wird er anderen zum Segen werden. Später wird mit ihm eine neue Zukunft beginnen.

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  Fluchtgeschichten der Bibel I – Vertreibung und Mord

Fluchtgeschichten der Bibel I – Vertreibung und Mord

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.09.2019

Am Anfang steht Gottes Schöpfung mit Himmel und Erde, Wasser und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere, zuletzt der Mensch, Mann und Frau. Es ist unsere Urgeschichte und sie geht einher mit Vertreibung und Heimatverlust.
Adam und Eva lebten in Gottes Garten, inmitten der paradiesischen Fülle ohne Krankheiten und Sorgen, Schmerzen, Gefahren, Angst, ohne Gewalt.
Sie leben wie Kinder, geliebt und versorgt und irgendwie auch unbedarft.
Aber sie bleiben keine Kinder, sondern werden erwachsen. Ewig kann man nicht zuhause unterkriechen. Ewig kann man Daseinsfürsorge nicht anderen überlassen.
So lassen sie sich locken von der Aussicht auf Wissen und Selbstbestimmung. Mit essen den Apfel vom Baum der Erkenntnis. Es weitet sich nicht nur ihr Horizont, sondern schärft sich auch die Wahrnehmung.
Aber zuerst kommt nicht die Freiheit. Zuerst kommt die Scham.
Mann und Frau schämen sich für ihre Nacktheit, vielleicht auch für ihre Abhängigkeit. Mann und Frau schämen sich dafür ohne alles zu sein.
Wer solchen Blick auf sein Leben hat, ist unwiderruflich kein Kind mehr.
Wer ist schuld?
Warum hat nicht genügt, wie es ist? Verantwortung will keiner übernehmen, nicht Eva, nicht Adam, schon gar nicht die Schlange.
Es folgt die Vertreibung aus dem Paradies der Vergangenheit.
Es folgt die Bitternis von Schmerz, Schweiß und Tod.
Es folgt eine Grenzsicherung. Von nun an wird ein Cherubim mit einem flammenden blitzenden Schwert den Weg zum Baum des Lebens verstellen.
Adam und Eva sind gescheitert und von jetzt auf ganz andere Weise auf sich selbst gestellt.
Dabei haben sie Kinder. Kain und Abel. Einer wird Feldarbeiter oder Bauer, der andere Hirte, Viehbesitzer. Einer führt ein gesegnetes Dasein in Frieden und unter Gottes Segen. Einer empfindet sein Leben als ungedeihlich. Gott sieht nur ein Opfer gnädig an.
Aus der strukturellen Ungerechtigkeit, wächst Neid und Gewalt. Einer wird zum Mörder und flieht, gezeichnet von seiner Schuld.
Das sind die Koordinaten für den weiteren Gang der Geschichte Gottes mit den Menschen. Das sind die Ausgangserzählungen, die das wandernde Gottesvolk nutzte, um seine Lebensumstände zu deuten.

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  Das Buch der Flucht

Das Buch der Flucht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2019

Das Buch der Flucht

Johann Hinrich Claussen, derzeit der Kulturbeauftragte der EKD, hat sich die Bibel wieder vorgenommen nachdem er sich in seiner Hamburger Gemeinde während der sogenannten Flüchtlingskrise zum Suppeausteilen gemeldet hatte. Unsicher zunächst, wie sich das anfühlen würde, realisierte er im Laufe des Abends, dass er den Ort, an dem nun ein Übernachtungsnotquartier eingerichtet war, zum letzten Mal während seines Examens erlebt hatte. Damals war der Raum nicht mit Tischen aus Getränkekisten und Brettern eingerichtet sondern mit mächtigen und schweren Möbeln. Es kamen auch nicht verängstigte (wenn man von den Examenskandidaten absieht) und frierende erschöpfte Menschen, sondern Professoren und Oberlandeskirchenräte…
Dieser Abend brachte ihn dazu, die Bibel neu zu lesen.
Für viele Menschen auch jenseits von Kirchenzugehörigkeit und Glaubensbekenntnissen gehört sie zum Kernbestand wenn nicht sogar Fundament europäischer Kultur. Dabei liest sie sich unter dem Brennglas von Fluchtgeschichten weniger als eine Vergewisserung unseres Lebens als vielmehr ständige Frage nach dem Eigenen und dem Fremden. Oder anders: Offenbar kann man die Bibel mit Claussen auch lesen aus Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Denn so klingt es bei Jesaja: „Sieh, Damaskus hört auf eine Stadt zu sein und wird zur Trümmerstätte … und sie fliehen in die Ferne, sie werden gejagt wie die Spreu auf den Bergen vom Wind … wenn auch der Morgen kommt, so wird es Nacht bleiben.“
Grund genug, den Fluchtgeschichten der Bibel in der Bibel in den nächsten Tagen nachzugehen.
Heute will ich einen Gedanken Claussens festhalten, mit dem er seine Bibellese eröffnet. Er schreibt: „Vielleicht ist es ein geheimes Zeichen der drei monotheistischen Weltreligionen, dass sie von … Heimatlosen ausgingen.“ Wer einen festen Wohnort hat, der kann auch Götter verorten – auf Bergen und in Tempeln, in heiligen Hainen oder Quellen. „Der Glaube aber an einen Gott, der auf der ganzen Welt zuhause ist und zugleich nirgends, ist der Glaube von Menschen, die keine sichere Heimat haben … und deshalb auf einen Gott hoffen, der so wie sie nicht sicher wohnt, aber mit ihnen geht.“
Die alten Texte sind immer vor dem Horizont eigener Lebenserfahrung weitererzählt und gedeutet worden. Auch wir schreiben sie in gewisser Weise weiter, wenn wir sie mit unseren Fragen ins Gespräch bringen.
Draußen hängt eine Rettungsweste…
Sie erinnert und mahnt an alle, die schutzlos unterwegs sind. Sie zwingt uns, hinzuhören und hinzusehen und zwar mit Amos, von dem es in den Tageslosungen heißt: „Suchet das Gute und nicht das Böse…“

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  Unter Gottes Angesicht…

Unter Gottes Angesicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2019

Der Genfer Reformator Johannes Calvin predigte vor fast 500 Jahren über den Galaterbrief (Kap 6,9-11), in dem es heißt: “lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden … solange wir noch Zeit haben“ und sagte dann in seiner Auslegung: „Denn weil wir menschliche Geschöpfe sind, müssen wir unser eigenes Gesicht, wie in einem Spiegel, anschauen in den Gesichtern der Armen und Verachteten, die nicht weiter können und unter ihrer Last zittern, selbst wenn es die Fremdesten der Welt sind. Wenn irgendein Maure oder irgendein Barbar zu uns kommt, weil er ein Mensch ist, bringt er einen deutlichen Spiegel mit sich, in dem wir sehen können, dass er unser Bruder und Nächster ist.“
Klare Worte. Wir hören sie hier im Dom unter den Augen des Weltenherrschers, vor dem, der sein Angesicht auf uns erhebt und es über uns leuchten lässt, dem wir ebenbildlich sind: Menschen, die Gesichter haben und sich manchmal entscheiden, Gesicht zu zeigen, in deren Gesicht sich das Leid oder Glück eines anderen spiegelt, in dem wir lesen können.
Was steht da?
Manch einer mag vom Domplatz reingekommen sein unter der Rettungsweste hindurch und nun lese ich Fragen in seinem Gesicht. Was soll das? Eine andere ist von der Magnikirche hergekommen und hat dort die kleine Kinderweste gesehen – Brustgröße gleich Regenrinnendurchmesser – und hat noch das Grausen und Frösteln im Gesicht. Ein Dritter leuchtet. Zeit, dass sich was dreht! Und wieder eine andere schaut in sich hinein. Da sind eigene Bilder, Erinnerungen, Fluchtgeschichten…
Wir hier eröffnen heute eine Aktion „Kirche trifft Seebrücke“.
Ziel ist, das Sterben im Mittelmeer so zu thematisieren, das klar ist, dass wir uns daran nicht gewöhnen dürfen und unser Angesicht eigentlich vor lauter Scham verhüllen müssten, dass überhaupt darüber diskutiert wird, ob dort Seenotrettung angesagt ist.
Ziel dieser Aktion ist es, genauer Bescheid zu wissen, Argumente zu hören, Zahlen, Fakten, natürlich auch Sorgen und miteinander darüber zu streiten und zu diskutieren, auch wenn es mühsam ist.
Nochmal Johannes Calvin: „Es hat seinen guten Grund, dass Gott dem Fremdling seinen ganz besonderen Schutz zusagt. Sind doch Leute, die sonst im Lande keinen Freund haben, Unterdrückung und Gewalttat in ganz besonderem Maße ausgesetzt.“
Ziel dieser Aktion ist es schließlich, dass wir einander ins Gesicht sehen und hoffentlich erkennen, dass wir solche sind, denen Gott einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat, dass wir uns erkennen als solche, die widersprechen, als solche die ihre Menschlichkeit nicht als Privileg verstehen, sondern daran bewähren ob auch anderen Menschlichkeit widerfährt.
Und weil beinahe alles mit einem Gedicht noch ein bisschen tiefer geht, lese ich von dem israelischen Dichter Jehuda Amichai, der als Elfjähriger ein Flüchtling wurde:
„Der Ort, an dem wir recht haben
An dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof. Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf wie ein Maulwurf, wie ein Pflug. Und ein Flüstern wird hörbar an dem Ort, wo das Haus stand, das zerstört wurde.“
Zu vorletzt: eine Aktion ist nur dann eine Aktion, wenn Menschen sich aktiv beteiligen. Machen Sie mit! Tragen Sie mit uns das Schlauchboot vor der Tür durch die Stadt. Dieses Boot wurde im Frühjahr leer vor der lybischen Küste gefunden. Es war ein Transportmittel, vielleicht ein Todesurteil. Jetzt ist es ein Symbol. Es ist groß und wird ein bisschen beschwerlich durch die Straßen unser Stadt zu tragen sein. Es wird stören und Manchen zum Stehenbleiben animieren der zwingen. Gut so. Lassen wir uns stören!
Am Ausgang gibt es heute keinen Andachtszettel, sondern ein oranges Blatt. Falten Sie daraus ein Boot. Stellen Sie es sich auf den Schreibtisch oder ins Küchenfenster, legen Sie es ins Auto, bringen Sie es zu unserer Friedenssäule hier im Dom oder in ihre Kirche. Lasst uns damit ein Zeichen dafür verteilen, dass es nicht sein kann, dass Menschen ertrinken, weil in unseren Gesichtern Kleinmut und Furcht geschrieben steht.
Und zuletzt aber ehe wir mit allem anderen anfangen lasst uns beten:

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  Eine Antwort an einen treuen Andachtsbesucher

Eine Antwort an einen treuen Andachtsbesucher

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.09.2019

Hier alle Tage eine Andacht zu halten, ist mühsam. Das werden Sie ahnen.
Aber dieses kleine zähe Format beschenkt uns auch mit vielen Reaktionen, kurzen und längeren Diskursen.
Neulich lag ein „Wort zum Alltag“ in meinem Fach. Jemand, der sich „ein treuer Andachtsbesucher“ nannte, fragte, ob es nicht möglich sei, die Gebete, mit denen ich die tägliche Andacht beende, zukünftig hintendrauf zu drucken. Hier kommt nun mangels Kontaktdaten die Antwort: Nein.
Das hat zweierlei Gründe. Einerseits habe ich in der Tat fast immer irgendein Buch dabei, in dem Gebete abgedruckt sind. Diese so ohne weiteres zu kopieren, könnte Nachfragen im Zusammenhang mit dem Urheberrecht mit sich bringen. Das ist aber nicht der Hauptgrund. Wir können die Gebete nicht abdrucken, weil ich wirklich bete und deshalb nur ganz selten das sage, was in meinem Buch steht. Ich habe einen Text mit, der zur Andacht passt. Aber eigentlich ist das nur professionelle Vorbereitung.
Denn Beten ist nicht Lesen.
Jörg Zink, einer der Theologen, die wirklich mit der Gabe des Wortes gesegnet sind, schloss sich auf die Frage wie wir eigentlich noch von Gott oder mit ihm reden können, einem anderen großen, Karl Rahner an, der sagte: „Der Mensch … wird ein Mystiker sein oder ein Heide.“ Und er meint jedenfalls für den Mystiker eine ganz eigene Offenheit Gott gegenüber, vielleicht kann man sagen: eine Erfahrungskunst.
Denn Christsein und damit auch das Beten kann man nicht in dem Sinne lernen, wie man sich Merksätze und Jahreszahlen, Funktionsmechanismen oder chemische Prozesse einprägt. Es braucht Begegnung und das Horchen.
Jörg Zink meinte, dass wir uns wieder trauen müssen, ins eigene Herz zu hören und eigene Glaubenserfahrung zu suchen. Was man er-fährt, gewinnt man unterwegs, auf der Suche. Jörg Zink sagt: „Es gibt zwei Seiten hin zu horchen … in die Überlieferung und in das eigene Herz.“ Denn „Beten ist nichts für Redegewandte, sondern für Hörfähige.“
In diesem Sinne gelingt das Gebet hier vielleicht immer dann, wenn wir zusammen hören – aufeinander horchen und in uns selbst. Es ist ein Moment auf dem Weg. Vielleicht deshalb stammt eines meiner Lieblingsworte aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen.“

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  Wahres Leben

Wahres Leben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.09.2019

Alljährlich am 10. September ist Internationaler Tag der Suizidprävention. Hier im Dom, nutzen wir diesen Tag, um gemeinsam inne zu halten, zu gedenken und zu bitten. Auch in diesem Jahr waren wir also beieinander, einige von Ihnen waren vielleicht dabei oder haben an der Andacht, die Pfarrer Christian Kohn gehalten hat, teilgenommen.

Als wir vor fünf Jahren anfingen, hatte mein Kollege für den Platz der Deutschen Einheit eine Bühne und Informationsstände organisiert. Um Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken, wie er damals sagte. Suizid ist kein öffentliches Thema. An wen also wenden, wenn die Sorgen zu groß werden und die Welt zu düster? Wie mit dem Wunsch zu sterben umgehen? Woran festmachen, ob es wirklich der Wunsch ist, tot zu sein – oder aber ob in dieser Phase schlicht der Sinn des Lebens nicht mehr deutlich ist?

In anderen Ländern wird offensiver mit dem Thema umgegangen als hier bei uns. In Chicago beispielsweise lasen wir in nahezu allen Bussen und Bahnen von Institutionen und Gruppen, die für den Fall, dass jemand Selbsttötungsgedanken hegt, zur Verfügung stehen. Hier in Braunschweig nun also wenigstens leise und exemplarisch der Versuch, auf das Thema aufmerksam zu machen, um im Fall der Fälle zumindest eine weitere Schlaufe des Nachdenkens zu ermöglichen. Denn für all jene, die bleiben, ist es nicht nur traurig, sondern eine das Leben durchziehende Verletzung. Die Fragen bleiben und das Gefühl der Hilflosigkeit auch.

An dem entsprechenden Tag hatte ich in diesem Jahr gleichzeitig Konfirmanden-Unterricht. Ich überlegte, dass dieses Thema ein Teil des wahren Lebens ist, und entschloss mich, mit ihnen teilzunehmen. Also sprachen wir vorbereitend auf die Andacht über das Thema. Und ich war erstaunt, wie sehr bei diesen ganz frischen Siebtklässlern schon Informationen und Überlegungen vorhanden waren. Sie wussten, dass in Japan viel mehr Schülerinnen und Schüler aufgrund des Leistungsdrucks nicht mehr leben möchten. Und sie hatten überlegt, inwiefern Mobbing, Familienprobleme oder das Gefühl unnütz zu sein, dazu führen können, dass jemand keinen Sinn mehr im Leben sieht. Sie kannten Menschen, die am Ende glücklicherweise doch genug Mut zum Überleben gefunden hatten. Und sie kannten Menschen, die es versucht hatten und im letzten Augenblick aufgehalten worden waren. Meine Konfis mit ihren zwölf, dreizehn Lebensjahren waren mit diesem Thema schon längst vertraut und mitten drin im wahren Leben.

Nach der Andacht haben wir uns noch einmal zusammengesetzt, weil ich gerne hören wollte, wie das Erlebte auf sie gewirkt hat. Nahezu alle hatten einen Gottesdienst erlebt, der sie berührt hatte. Nahezu alle hatten sich einlassen können auf das Schreiben eigener leiser oder lauter Fürbitten. Und alle haben wahrgenommen, dass ein Suizid nicht allein den Suizidalen, sondern auch dessen Familie und Freunde betrifft. Nachdenklich sind sie nach Hause gegangen – aber ich hoffe auch, dass sie in der Ermutigung gingen, um die der 139. Psalm weiß (Ps 139.5):
„Von allen Seiten, Gott, umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir.“

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  Von Gerechtigkeit und gutem Leben

Von Gerechtigkeit und gutem Leben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.09.2019

„Das ist aber ungerecht!“, rufen kleine Kinder gern. Gerecht allerdings heißt bei Kindern zumeist, dass sie selbst genauso viel erhalten oder genauso gut behandelt werden wie die anderen Kinder ihrer Vergleichsgruppe. Ihre Gerechtigkeit dient dazu, nicht in den Nachteil zu geraden. Werden sie aber auf Kosten anderer bevorteilt, dann finden sie das meist okay. Das zumindest ergaben empirische Untersuchungen: Gerechtigkeitsempfinden muss sich demnach entwickeln und durch eine entsprechende Erziehung befördert werden. Und dann lässt sich tatsächlich feststellen, dass Fünfjährige gerechter teilen als Dreijährige und Erwachsene zumindest sehr wohl wissen, wann sie bevorzugt werden.

Ich finde es ja immer spannend, was sich heutzutage per Versuchsanordnung alles herausfinden lässt. Allein: Das Wissen hilft noch nicht zum gerechten oder gar guten Leben. Zumal unser Gerechtigkeitsempfinden ja auch Kriterien in der Frage danach braucht, was eigentlich gerecht ist. Ist Gerechtigkeit z.B. Chancengleichheit oder absolute Gleichheit, ist es das Eingehen auf notwendige Bedürfnisse oder die Abgeltung von Leistung, ist es das, was die Mehrheit in einer Demokratie als gerecht bestimmt oder ist es vielleicht das Los, ist es Gendergerechtigkeit usw.. Gerechtigkeit also ist auch theoretisch eine komplexe Sache, und doch – wie im Kindergarten – spüren Menschen, wo sie dem Nachbarn gegenüber schlechter wegkommen; jene aber, die profitieren, sehen gerne großzügig darüber hinweg. Vielleicht benennen sie das Problem noch und stimmen ihm zu, aber die Energie zur Problemlösung hält sich eher in Grenzen.

Dazu gibt es jene, die auf ihre persönliche Bevorzugung hinarbeiten. Dass das ein wohl typisch menschlicher Zug ist, darauf verweisen Sätze wie die heutige Tageslosung, in der es heißt: „Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen; denn Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten.“ (5. Mose 16,19)

Wenn also nun die Akzeptanz oder auch die Suche nach dem eigenen Vorteil so menschlich scheint, wie soll es dann überhaupt Gerechtigkeit auf Erden geben? Jesus empfiehlt uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“ (Mk 10,43-45)

Ich denke, wer bereit ist, hier und da auch einmal zurückzustecken, der wird nicht nur die Barmherzigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit befördern; auf persönlicher Ebene genauso wie auf den kleinen und größeren politischen Bühnen genauso wie im Blick auf die Bewahrung der Natur. Aber tatsächlich ist wohl nur wenig so schwer wie das Zügeln der eigenen Möglichkeiten und Wünsche…. Umso wichtiger, es sich immer wieder einmal bewusst zu machen und sich selbst zu prüfen.

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  17. INTERNATIONALER TAG DER SUIZIDPRÄVENTION

17. INTERNATIONALER TAG DER SUIZIDPRÄVENTION

Christian Kohn, Pfarrer - 10.09.2019

Gegen den Tod ist kein „Kraut“ gewachsen. Das weiß eigentlich jeder. Irgendwann findet jedes Leben sein Ende, allen menschlichen Möglichkeiten zum Trotz. Wogegen aber möglicherweise ein „Kraut“ gewachsen sein könnte, das wäre dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Gründen beabsichtigen, sich selbst ihr Leben zu nehmen. Allerdings bleibt es bei zahlreichen Menschen nicht nur bei den Gedanken, sondern oft, allzu oft werden diese Gedanken auch in die Tat umgesetzt.
Jedes Jahr im September werden wir durch den Weltsuizidpräventionstag schmerzlich darauf aufmerksam gemacht, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. Das sind mehr Menschen als jene, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und das stellt uns alle vor die wichtige Frage, ob man dagegen etwas tun kann, um das mit dem Suizid einhergehende Leid bei allen Beteiligten zu verhindern? Oder, bildlich gesprochen: welches „Kraut“ oder welche „Kräuter“ dagegen gewachsen sind?
Dem heutigen Weltsuizidpräventionstag geht es, wie der Namen bereits sagt, vor allem um eines - um die Prävention. Es geht um das hilfreiche Vorbeugen, das den betroffenen Menschen dabei behilflich ist, in anderer Weise mit den eigenen Lebenskrisen umzugehen. Dazu braucht es allerdings eine gesellschaftliche Offenheit im Gegensatz zu einer Tabuisierung, eines Verschweigens von Krisen und suizidalen Gedanken. Denn gerade Gespräche mit anderen können dabei helfen, den eigenen sogenannten Tunnelblick wieder zu weiten, in den man durch eine Krise geraten kann. Und der Tunnelblick heißt deswegen Tunnelblick, weil er nur noch den Blick in ein düsteres Loch bietet, aber nicht mehr in die weitere Umgebung, die rechts und links neben dem Tunnel liegt.
Weil wir aber anderen Menschen nicht hinter die Stirn schauen können, um ihre Gedanken zu lesen, braucht es offene Augen und Ohren füreinander. Denn oft gibt es bei betroffenen Menschen Warnsignale, - eine veränderte Sprache oder ein verändertes Verhalten -, die wir aber nicht zu deuten wissen oder einfach ignorieren. Doch anstatt unsere Augen und Ohren zu verschließen, sollten wir, wenn wir solche Veränderungen beobachten, daran Anteil nehmen und fürsorglich sein für die, die in unserer Gemeinschaft ganz offensichtlich belastet sind. Zudem können wir kritisch anfragen, ob nicht auch unsere „Hochglanzbilder“ vom Leben, die uns täglich vermittelt werden - erfolgreich, gesund und glücklich – überhaupt mit unserer Lebenswirklichkeit etwas zu tun haben? Oder, ob sie nicht vielmehr auf ihrer Rückseite Menschen in die Verzweiflung und Depression stürzen, weil sie feststellen, dass ihr eigenes Leben diesen Bildern in keiner Weise zu entsprechen vermag?
Insofern wäre es eine weitere gute Form von Prävention, wenn wir uns untereinander unsere Krisen, Ängste und Zweifel nicht verschweigen würden. Und weder für uns selbst noch für andere ein Bild des Lebens entwerfen, in dem Krisen, Rückschläge und auch das Scheitern keinen Platz finden. Und weiter hilfreich wäre es, wenn wir uns untereinander mitteilen würden, was uns selbst geholfen hat, diesen Widerständen und dunklen Seiten des Lebens zu begegnen und durch sie hindurchzugehen. Das alles könnte das „Kraut“ für andere Menschen sein, die im Moment nicht wissen, wie es für sie weiter geht. Und die beste Nachricht, die sich auf diese Weise verbreiten würde, wäre wohl: Du bist nicht allein und Du bist mir wichtig!
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps. 23.4)

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  Karl Barth

Karl Barth

Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen - 09.09.2019

Der Theologe Karl Barth (1886 – 1968) gilt bei manchen als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“, bei anderen als längst überholter Denker. In den politisch unruhigen und sehr ereignisreichen Jahrzehnten nach dem 1. Weltkrieg hat er sich in der Kirche zu Wort gemeldet. „Gott ist anders.“ lautete seine Botschaft in jener Krisenzeit, als man die christliche Religion zum Kriegführen „für Gott und Vaterland“ und für die Ehrenmäler der Gefallenen vereinnahmt hat, auch in unserer Stadt. Karl Barth war zutiefst erschüttert von den Ereignissen des 1. Weltkrieges und der Kriegsbegeisterung maßgeblicher kirchlicher Kreise. Als Theologe erhob er Einspruch. „Gott ist anders.“ Der Schweizer Pfarrer in einem Industriedorf zwischen den Aargauer Bergen begann, den Glauben neu zu durchdenken. Mehr als einmal fing er von vorne an. Ich sehe darin ein anregendes Beispiel. Die Fragen der Zeit in den eigenen Glauben hineinlassen. Die Themen von heute dürfen mich auch religiös herausfordern. Was hat das mit Gott zu tun? Nachrichten machen etwas mit uns, auch mit unserem Glauben. Lassen wir das zu und nehmen uns Zeit, darüber nachzudenken!
Nach mehreren Anläufen setzte Barth zu seinem großen Lebenswerk an. Über Jahrzehnte arbeitete er daran und wurde damit bis zu seinem Tod nicht fertig. Schon auf der ersten Seite seiner „Kirchlichen Dogmatik“ stellt er etwas klar. Auch die hohe Theologie - wie alles, was sonst noch in der Kirche gesagt und getan wird – ist ein unvollkommenes menschliches Werk. Fehleranfällig. Vorläufig. Gerade in religiösen Angelegenheiten kann das eine sehr empfindliche und durchaus folgenreiche Begrenzung sein, wie wir aus Kränkungen und Enttäuschungen wissen. Aber es gibt kein Entrinnen, es gibt keinen heiligen religiösen Bezirk, der nicht davon betroffen wäre.
Trotzdem gilt es auf dieser Welt, etwas zu wagen. Auch wenn es unvollkommen ist, etwas wagen. Schon im Kleinen fängt das an. Ein Brief. Ein Gespräch. Ein Engagement.
Als Christenmenschen sind wir – jede und jeder von uns – berufen, ein eigenes Leben zu finden. Ich lebe, und möchte für das, was ich auf dieser Welt beitrage, meinen eigenen, unverwechselbaren Ton finden. Es kann sein, dass ich falsch liege. Es kann sein, dass kein Lebenswerk daraus wird. Aber ich will es wagen.
An Karl Barth finde ich beeindruckend, wie er sich auch in seinem besonderen Tun und Verfehlen selbst relativieren konnte. „Wir sind Menschen und können nicht von Gott reden“, sagte er pointiert. Wir sind Menschen, und können vieles von dem, das wir tun, nur sehr unvollkommen. Aber wir sollen trotz der eigenen Irrtümer und Fehler die Wahrheitssuche nicht aufgeben. Gott gebe uns, dass wir dabei humorvoll, musikalisch und auch genussfreudig bleiben. Diese Tugend hat Karl Barth, wie ich finde, eindrücklich vorgelebt. Man kann viel an ihm kritisieren, dennoch ist er ein Beispiel dafür, etwas Unvollkommenes zu wagen und dabei zuversichtlich zu sein. Denn ein anderer hat seine Finger mit im Spiel, und er kann aus wenig Etwas machen. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12).
Die evangelische Tugend einer engagierten Gelassenheit hat ihre Voraussetzung im Evangelium selbst. Auch Theologen brauchen, wie alle Christenmenschen, für ihr Reden, Tun und Sein eine Bejahung, die sie sich nicht selber zuschreiben können. Eine Bejahung von anderswoher, die auch nicht alle Beobachter gönnen können. Diese Bejahung wird jedem von uns als Zusage, als Geschenk zugemutet. „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12).

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  Von gut und böse

Von gut und böse

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.09.2019

In seiner Streitschrift um den freien Willen schreibt Martin Luther im Jahre 1524 gegen Erasmus von Rotterdam, dass der Mensch keinen freien Willen in Glaubensfragen habe. Stattdessen, so Luther, sei der Mensch wie ein Lasttier: „So ist der menschliche Wille in der Mitte hingestellt wie ein Lasttier; wenn Gott drauf sitzt, will er und geht, wohin Gott will […]. Wenn der Satan drauf sitzt, will er und geht, wohin Satan will. Es liegt nicht in seiner freien Wahl, zu einem von beiden Reitern zu laufen und ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst kämpfen darum, ihn festzuhalten und in Besitz zu nehmen.“
(WA 18,635, 17-22)

Es ist eine der Schriften, von denen ich nicht so recht weiß; denn zum einen scheint es mir richtig, dass wir nicht regelmäßig freier Herr all unserer Sinne sind, sondern durchaus Körper, Gesellschaft, Erwartungen und vieles mehr mich gerne von dem abbringen, was ich mir eigentlich vorgenommen habe; zum anderen aber halte ich nichts vom großen dialektischen Kampf zwischen Gott und Teufel, sondern glaube an den einen, allmächtigen Gott, der mich annehmen, behüten und bewahren will. Dazu halte ich uns Menschen auch für gar nicht so machtlos, sondern glaube durchaus an unsere kreative und schöpferische Macht, wie sie uns im Sinne der Ebenbildlichkeit Gottes geschenkt worden ist. Und so glaube ich daran, dass es eines jeden Menschen Auftrag ist, seinen Teil in der Welt gut, sich seiner Pflicht bewusst und auch in rechtem Glauben zu gestalten.

Ganz in diesem Sinne fand ich eine Erzählung ausdruckskräftig, die ein Kollege in dieser Woche als Andachtswort mit uns teilte: „Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt./ Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen. Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.“ / Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: „Welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ / Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

Und um dann doch wieder bei Luther zu bleiben: Vielleicht können wir uns unseren Reiter nicht aussuchen, aber ließe sich nicht eventuell bewerkstelligen, uns regelmäßig darin zu prüfen, von wem oder was wir uns füttern lassen? Damit, wenn’s das falsche Futter ist, wir den Reiter abwerfen und ihm, in guter Eselsmanier, einen ordentlichen Tritt versetzen - oder so….

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  Ökumenischer Tag der Schöpfung

Ökumenischer Tag der Schöpfung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 06.09.2019

Seit 2010 ist der erste Freitag im September als Ökumenischer Tag der Schöpfung ausgerufen. Dieser Tag soll dem Gebet dienen „für den Schutz der Schöpfung und der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils, um den Klimawandel aufzuhalten“. Vermutlich vermutet jetzt so manch einer, dass die Initiative zu diesem Tag von entsprechenden Initiativen politischer Couleur befördert wurde. Zumindest war das meine Vermutung; aber es ist doch immer wieder schön, eines Besseren belehrt zu werden: Tatsächlich geht die Initiative auf die orthodoxe Kirche zurück. Der Patriarch Konstantinopels, Dimitrios, rief 1989 „die ganze orthodoxe und christliche Welt“ auf „zum Schöpfer der Welt zu beten“, und zwar mit Dank und Bitte für diese Schöpfung. Von hier aus verbreitete sich der Gedanke zunächst auf europäischer und dann auf nationaler Ebene. - Dreißig Jahre nach dem Aufruf leben wir in einer Welt, die zwischen Initiativen wie „Fridays for future“ und der Leugnung des Klimawandels durch mächtige politische Vertreter wie dem Präsidenten der Vereinigten Staaten steht. Und mittendrin beschäftigen uns Nachrichten wie jene des Hurrikans „Dorian“, Überlegungen zum Plastiktütenverbot, der Kampf gegen Funklöcher und biologischer Ernteschutz. So zumindest einige der aktuellen Header auf „tagesschau.de“.
Ich empfinde uns in dieser Gegenwart oft als fast schon schizophren. Denn wenn wir politisch nicht gerade absichtlich weggucken, weil wirtschaftliche Folgen bange machen oder eine gute Lobbyarbeit geleistet wird, sieht unsere Zeit doch die Probleme und Nöte dieser Erde und findet es auch richtig sich zu engagieren: „Fridays for future“ oder die hohe Bereitschaft zur Mülltrennung und Müllvermeidung lassen das zumindest vermuten; insgeheim scheinen wir aber zu hoffen, dass es damit dann auch getan ist. Der Flieger setzt uns zur Urlaubszeit trotzdem nach Ami-Land, in die Bahamas, zumindest wenn’s da nicht gerade so schrecklich stürmt, oder nach Afrika bzw. in die Türkei über, zumindest solange dort politisch niemand aufbegehrt und Ruhe ist. Auch das Kreuzfahrtschiff wird gerne bestiegen, schließlich waren fast alle Freunde doch auch schon mindestens einmal auf solch einer Tour. Und natürlich möchte man sich auch mal etwas gönnen: Handy, Klamotten, Autos, Elektroroller, den eigenen kleinen Großpool im Garten und überhaupt.
Unseren Kindern wird eine Lebenserwartung von etwa einhundert Jahren vorausgesagt, und ganz ehrlich: ich wünsche mir, in einigen Jahren auch Großmutter zu werden. Aber unsere innere Haltung zwischen Wissen um das, was Not tut, und Tun, die macht mir Angst für diese Generationen. Ich habe Angst vor den Selbstverständlichkeiten dieser Gesellschaft, denen ich und viele andere uns derzeit kaum entziehen können.
Unsere heutige Tageslosung sagt (Ps 133,1.3): „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder und Schwestern einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheißt der HERR den Segen und Leben bis in Ewigkeit.“ – Ich denke, nicht nur Brüder und Schwestern sollten einträchtig beieinander wohnen, sondern wir alle auch mit der Schöpfung dieser Welt. Denn wo das Notwendige, um solche Eintracht zu erreichen, geschieht, dort sind Segen und Leben verheißen; hier auf Erden und gerne auch bis in Ewigkeit.

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  Wie ein Baum…

Wie ein Baum…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.09.2019

1976 und dann später immer wieder sangen die Puhdys, eine DDR-Rockband:
„Alt wie ein Baum möchte ich werden / Genau wie der Dichter es beschreibt /
Alt wie ein Baum mit einer Krone / die weit, weit, weit, weit / Die weit über Felder zeigt
Alt wie ein Baum möchte ich werden / Mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt / Alt wie Baum, der alle Jahre / so weit, weit, weit, weit / Kindern nur Schatten bringt…“
Es wurde ein großer Hit, zumindest in der kleinen DDR…
Wie ein Baum wollten die Puhdys sein, wie ein Baum, der Himmel und Erde verbindet, Träume einfängt und so auch irgendwie bewahrt, mit starken Wurzeln und einem riesigen Blätterdach…
Bäume sind Urbilder des Lebens, gerade hier im Dom unter dem siebenarmigen Leuchter, der ohne die Geschichte vom Baum des Lebens inmitten von Gottes Garten sicher nicht solche einen Ort gefunden hätte, wird das augenscheinlich.
Bäume wurden gepflanzt, wenn ein Kind geboren wird oder eine Zukunftshoffnung Wurzeln schlagen soll. Bäume überdauern uns und in ihrem Schatten finden wir Schutz. Bäume atmen für uns. Manch einer will unter ihnen begraben sein.
Dabei sind auch Bäume verletzliche Geschöpfe.
Im Harz kann man das sehen. Kaum vorstellbar, dass kleine Käfer ganze Wälder auffressen können und doch ein vergleichsweise kleines Unglück im Unterschied zur Katastrophe des Regenwaldes in Amazonien. Manch einer befürchtet, dass dieses kostbare und einzigartige Biotop an der Grenze seiner Regenrationsfähigkeit angekommen ist und kollabieren wird.
Schlimm genug, dass zunehmende Wetterextreme die Bäume angreifen, der Mensch tut ein Übriges, dass Bäume nicht alt werden und einem das Lied der Puhdys im Munde steckenbleibt.
In der Charta Oecumenica aus dem April 2001 heißt es: „Wir sehen mit Schrecken, dass die Güter der Erde ohne Rücksicht auf ihren Eigenwert, ohne Beachtung ihrer Begrenztheit und ohne Rücksicht auf das Wohl zukünftiger Generationen ausgebeutet werden. … Wir empfehlen, einen ökumenischen Tag des Gebetes für die Bewahrung der Schöpfung in den europäischen Kirchen einzuführen.“
In Braunschweig wird der Schöpfungstag am 21. September auf dem Kohlmarkt gefeiert werden. Aber es schadet nicht, heute schon dafür zu beten.


Dompredigerin Cornelia Götz

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  Wenn von Gott nicht mehr die Rede ist…

Wenn von Gott nicht mehr die Rede ist…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.09.2019

Jochen Klepper, der Autor des Silvesterliedes „Der du die Zeit in Händen hast…“ schrieb am 1. September 1939 in sein Tagebuch: „um zehn hören wir die Übertragung der Reichstagssitzung … kein Wort von Gott in dieser Stunde … nun wird erst allen bewusst werden, was mit Deutschland ist.“
Ich habe diese Stelle am Sonntag für das Gedenken an den Ausbruch des zweiten Weltkrieges rausgesucht aber im Nachgang zu den Landtagswahlen beschleicht mich noch ein anderer Gedanke: Könnte es sein, dass die hohe Unzufriedenheit im Osten Deutschlands auch mit dem großflächigen Verlust christlicher Sozialisation und Kirchlichkeit zu tun hat?
Ich frage das sehr vorsichtig und will nicht den Eindruck erwecken, dass wir hier im gelobten Lande lebten und alle Menschen treu auf Gottes Wegen wandelten. Aber könnte es nicht sein, dass dort, wo Menschen nicht mehr mit den biblischen Geschichten in Berührung kommen, wo Lebensdeutung und Lebensleistung nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden mit Gnade und Segen, das bittere Kraut der Unzufriedenheit besser gedeiht?
Wenn die Frage danach, ob mein Leben wert hat oder meine Lebensumstände gerecht sind, ob das, was ich geschafft habe und wie es mir jetzt geht, allein von politischen Akteuren beantwortet wird oder am Kontostand ablesbar ist, sind wir dann nicht allzu leichte Beute derer, die Unzufriedenheit und Neid schüren, Vernachlässigungsgefühle pflegen und Angst vor denen machen, mit denen man eventuell teilen muss?
Wenn es keine Rede mehr von Barmherzigkeit und Nächstenliebe gibt, dann muss die Lücke von einem Schuldigen geschlossen werden. Wenn es keinen mehr gibt, der davon erzählt, dass für uns gesorgt ist, muss Zukunft Angst machen.
Ich will nicht kleinreden, was es heißt, seine Arbeit zu verlieren und kein Gehör zu finden…
Ich glaube nicht, dass jemand, der im Braunkohletagebau malocht hat, so ohne weiteres Arbeit in einer Bundesbehörde findet. Was helfen dann tolle Fahrradwege?
Ich ahne, dass Altwerden beängstigend ist, wenn es keine Geschäfte und Ärzte mehr gibt, wenn die Kinder weggehen…
Und doch glaube ich, dass ein Gebet wie Jochen Kleppers, „der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen … Wir fahren hin durch deinen Zorn und doch strömt deiner Gnade Born in unsre Leeren Hände“ dazu beiträgt, Hoffnung nicht auf rechte nationalistische Populisten zu setzen, denn die werden es nicht gut machen. Darum wird – mit Jochen Klepper - nach diesem beinahe glimpflichen Wahlausgang mehr denn je wichtig sein, das wir deutlich von Gott reden.


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  Dies ist Schoschanas Geschichte

Dies ist Schoschanas Geschichte

Pastor Henning Böger - 02.09.2019

Es gibt Geschichten, die sind so schön, dass man sie einfach weitererzählen muss. Auch diese ist es: die Geschichte von Schoschana Ovitz.
Vor einigen Tagen wurde sie 104 Jahre alt. Sie hat sich für diesen Geburtstag etwas Besonderes ausgedacht. Sie feiert mit etwa 400 Familienmitgliedern – Kindern, Enkeln, Ur- und Ururenkeln – ihren Geburtstag in Jerusalem, an der Klagemauer auf dem Tempelberg. Diese Mauer ist nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus stehengeblieben. Oft sehen wir sie im Fernsehen und erkennen, wie Menschen vor ihr beten und kleine Zettel in die Mauerritzen stecken. Auf diesen Zetteln stehen Klagen, Dank und Bitten an Gott.
Schoschana Ovitz will nicht klagen. Sie und ihre große Familie wollen Gott danken und loben. Als junge Frau hat sie das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Der grausame KZ-Arzt Josef Mengele habe ihre Mutter auf dem Gewissen, sagt Frau Schoschana. Sie aber hat überlebt, später eine große Familie gegründet und den reichen Segen Gottes erlebt. Ihr ältester Enkel, der heute in Belgien lebt, sagt nach dem Fest an der Klagemauer: „Alle hatten Tränen in den Augen, so bewegend war es.“
Was für ein Fest; was für eine Geschichte vom Triumph des Lebens. Schoschana Ovitz erlebt als junge Frau die Hölle; dann überlebt sie diese und feiert fortan das Leben, feiert Gott, der sie trug und trägt. Der Mut, die Kraft und die Dankbarkeit dieser alten Frau sind ansteckend.
Oft rätseln wir darüber, warum Gott Böses zulässt. Wir fragen dann nach dem „Warum?“ - und fragen das auch mit Recht. Aber wir erhalten womöglich keine Antwort. „Dann bleibt nicht bei der Frage stehen“, sagt die Geschichte von Schoschana Ovitz: „Ihr könnt Schritte wagen über das Böse hinaus.“ Es hilft oft mehr, so verstehe ich, dem Schmerz zu trotzen, als sich ihm hinzugeben. Und das Leben zu feiern, wann immer es möglich ist. Weil Gottes Segenskraft darin stärker ist als das Böse. Weil wer Gott loben und danken kann, den ersten Schritt getan hat, um dem Schmerz die Stirn zu bieten. Ein Gedanke, den nachzuempfinden es lohnt!

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  Erinnern, um nicht zu vergessen…

Erinnern, um nicht zu vergessen…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.08.2019

In der DDR begannen die Sommerferien am ersten Juli und endeten am einunddreißigsten August, jedes Jahr. Der erste Schultag des neuen Schuljahres begann immer – jedenfalls in meinem Schulleben – mit einem Appell auf dem Schulhof zum „Weltfriedenstag“ am ersten September.
Die Botschaften vermischten sich während des kalten Krieges mit ideologischen Ansagen; die Aggressoren verbanden sich mit Namen von Ländern, deren Boden wir wahrscheinlich nicht betreten würden. Aber immerhin: kein Schulkind vergaß, dass das faschistische Deutschland Polen überfallen und den zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Und auch aus dem Tiefschlaf gerissen, hätte jedes Kind gewusst: „Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen.“
Im Laufe der Zeit präzisierte sich das Bild. Über den Weltfrieden mit kommunistischer Weltherrschaft schob sich das Gedenken an den Kriegsbeginn und seine Ursachen. Schmerzhafte deutsche Geschichte. Die achtzehnjährige Sophie Scholl schrieb damals an ihren Freund: „Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland.“
2019 jährt sich der Kriegsbeginn zum 80. Mal in einem Jahr, über dem es aus Psalm 34 heißt: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“
Das bleibt dringend nötig, denn zwischen Friedenssuche und dem Hinterherjagen klafft die Erkenntnis, dass man Frieden nie hat. Es bedarf immer wieder der ernstgemeinten Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und sich Mühe zu geben, zu verstehen, es braucht den Mut, zu widersprechen. Erst recht, wenn man bedenkt, dass es seit dem Mauerfall 1989 mehr Grenzen und Mauern auf der Welt gibt als je zuvor, dass zahllose Menschen an diesen Grenzen oder wegen dieser Grenzen sterben.
Das macht die Friedenssuche schwer und die Jagd erst recht….
Und morgen sind Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Diejenigen, die mit unterschwelligem oder grellem Hass zündeln, Unzufriedenheitsgefühle schüren und an die kleinen Angstfeuer noch ein Scheitchen anlegen, haben große Aufmerksamkeit und damit Sichtbarkeit. Es kommt darauf an, dass sie nicht noch Mehrheiten finden. Denn gerade das morgige Aufeinandertreffen der Daten gibt Anlass, sich zu erinnern, wohin all das führt. In einem jüdischen Sprichwort heißt es: „Vergessen verlängert das Exil. In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“



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  Nur wo du zu Fuß warst

Nur wo du zu Fuß warst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.08.2019

Von Johann Wolfgang von Goethe, dessen 270. Geburtstag in diese Woche fällt, stammt der Ausspruch: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Wenn man bedenkt, dass zu seiner Zeit Ortswechsel zu Land ohnehin nur per Muskelkraft möglich waren – die Eisenbahn war gerade erst im Kommen – dann ist das schon ein erstaunlicher Ausspruch.
Goethes Maß einer Tagesreise hatte jedenfalls noch so menschliche Dimensionen, dass es keiner Wartezeiten bedurfte, bis die Seele nachkam oder sich der Körper vom Jetlag erholt hatte. Die Reizüberflutung unserer schnellen Welt wird sich auch ein genialer Geist wie er es war, kaum ausgemalt haben.
Vielleicht ging es ihm also eher darum, einander zu vergewissern, dass wir unsere Ziele erlaufen, Gipfel ersteigen und uns manchmal auch beim Abstieg quälen müssen, dass Talwege bezaubernd oder eben auch endlos lang sein kann können und man je nachdem die Kilometer in den Knochen spürt.
Mit anderen Worten: wirkliches Leben geht nicht theoretisch oder digital – wir sind noch immer Menschen aus Fleisch und Blut und müssen mitten hindurch. Andernfalls stecken wir fest…
So ist es im Großen und im Kleinen.
Wir können analysieren und durchdenken, was um uns passiert aber letztlich wird es nötig sein, loszugehen. Wir können träumen und uns ausmalen, wie alles wäre, aber es wird nur etwas geschehen, wenn wir dem Leben nicht ausweichen.
Auch in der Bibel wird enorm viel gelaufen. Abraham und seine Söhne zogen riesige Strecken mit allen, die zu ihrem Hausstand gehörten. Jakob lief fort von seiner Bruder Esau. Das Volk Israel wanderte jahrzehntelang. Und auch Jesus ging und schickte auch seine Jünger auf Reisen zu Fuß. Natürlich. So war die Zeit…
So ist sie noch immer, denn nur wer läuft, bleibt stehen, wenn einer uns festhält, weil er Sorgen hat. Nur so kann sich einer auf dem Weg zu uns gesellen und uns erinnern, wie wir begeistert waren oder ermutigen, wenn die Füße schwer werden. Laufend sind wir gerade aufgerichtete Menschen. So kann reifen, was einer in uns sät.
Im Bibelgesprächskreis des Domes – einem Angebot, das jedem offen steht, der mit anderen in Bibeltexte hineinhören will – haben wir über das Gleichnis vom Sämann geredet. Ein Text, der damit quält, dass manche Saat nicht aufgeht und keine Frucht trägt, dass es passieren kann, dass man sich vorwärtsschleppt und einfach nicht vorwärtskommt, dass man in die Irre geht. Auch für diese schwierigen Wege gilt. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“
Kein Wunder, dass es im 23. Psalm heißt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück. Sein Stecken und Stab trösten mich.“
Gott geht mit. Vielleicht zu Fuß. Und dann und wann geht es zu frischem Wasser und auf eine grüne Aue, ganz wirklich.

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  Was bleibt

Was bleibt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.08.2019

Heute las ich in meiner Tageszeitung: „Wenn im Beruf Veränderung zum Normalzustand wird“. Dort ging es um lebenslanges Lernen. Ich selbst dachte: Die Wahrheit geht viel tiefer. Denn gilt das nicht für unsere ganze derzeitige Gegenwart: „Wenn Veränderung zum Normalzustand wird“?

Während vor zwanzig Jahren noch die Hoffnung pulste, dass man sich nur den gegebenen Veränderungen in den Bereichen Technik und Kommunikation anpassen müsste, um sich dann aber wieder in Ruhe neu einrichten zu können, muss man heute sagen: Diese Hoffnung hat nicht getragen. Veränderung ist zum Normalzustand geworden. Und diese Veränderung betrifft alles. Von der Möglichkeit zu leben und zu lieben bis hin zu den Erfordernissen in den Bereichen Beruf und Kommunikation. Es ist eine Situation, die die meisten von uns wahrscheinlich nicht nur fordert, sondern überfordert, weil es uns ans Sicherheitsgefühl geht und Menschen sich eben lieber auf gesicherten Pfaden bewegen als in unklarem Dickicht.

Was machen da wir als Religionsgemeinschaft? Zum einen müssen auch wir anerkennen, dass die Veränderungen uns nicht auslassen. Uns, die wir gerne von der ewigen Wahrheit sprechen. Und zum anderen werden wir trotzdem weiter glauben, dass wir eine frohe Botschaft haben, die individuell und gesellschaftlich noch genauso relevant ist wie vor zweitausend Jahren. Und gerade, wenn wir über die Prioritäten nachdenken, die derzeit gesetzt werden, gilt das umso mehr.

Wie also verändert man sich und bleibt doch? In unserer Tageslosung heißt es:
„Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.“ (Spr 15,33)

Oder in etwas anderen Worten: Gott erkennen wir als Gott an, indem wir uns in seiner Weisheit versuchen. Aber was ist Weisheit noch in einer Welt, in der alles der Veränderung unterliegt? Hören Sie dazu eine Erzählung:

„Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte: ‚Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.‘ ‚Aber wie sollte das zugehen?‘ ‚Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.‘ ‚Aber kann ich denn nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?‘ ‚In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist‘, flüstert die geheimnisvolle Stimme. ‚Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.‘ Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.“
(aus: Andere Zeiten, „Oh“ Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Hamburg 52017)

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  Von Wissen und Tun

Von Wissen und Tun

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.08.2019

Kürzlich saß ich in freundlicher Runde mit Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Es waren Leute meines Alters, die irgendwie ordentlich zu leben versuchen, die ihre Kinder anständig erziehen wollen, die bereit sind, sich einzusetzen und die gleichzeitig auch ein bisschen etwas vom Leben haben und es genießen möchten. Menschen wie du und ich. Trotzdem wirkte mir, je später der Abend wurde, das Zuhören wie ein Spiegel. Denn da wurden um der eigenen Arbeitsplätze willen Konzessionen gemacht in Hinsicht darauf, dass der eigene Arbeitgeber hoffentlich nicht zu stark rechtlich belangt werde für das, was er tatsächlich rechtswidrig verbockt hat. Und nachdem über das sich verändernde Klima und die Verantwortlichkeit des Menschen dafür sinniert wurde, nahm das Erzählen vom Urlaub viel Raum ein. Als Reiseziel waren die USA dabei, die auf dem Motorrad weiträumig durchquert worden waren. Weiter wurde von Kreuzfahrt-Reisen, Marokko, der Türkei erzählt. Es wurde über die Qualität der im All-Inclusive-Angebot enthaltenen Cocktails räsoniert und überhaupt über die den Touristen angebotenen Möglichkeiten. Und dann kam man auf das Thema, wohin es denn im nächsten Jahr gehen solle. In die USA, auf Kreuzfahrt, nach Ägypten. Innehalten meinerseits: Hatten wir nicht eben gerade noch über die Erderwärmung gesprochen? Was ist mit dem Wissen um die Umweltschädlichkeit des Fliegens, des Massentourismus? Was ist mit der Bewegung unserer Kinder „Fridays for future“? – Warum liegt das, worum wir wissen, so weit weg von dem, was wir tun? Und wie ist das eigentlich bei mir selbst? Genieße nicht auch ich gern die Vorzüge unserer Gegenwart – und kann deshalb jeden gut verstehen, der das genauso in Anspruch nehmen möchte?

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19)

Schreibt Paulus. Und es bleibt einer meiner Lieblingssätze. Denn er hält mich auf Trab, zwingt mich ins Nachdenken und in die Selbstreflexion. Gestern Abend im Bibelkreis ging es viel um die Frage, woran sich denn ausmache, dass die Saat des Wortes Gottes im eigenen Leben aufgehe. Das Ergebnis lautete erwartbar, dass es kein eindeutiges Ergebnis gibt. Stattdessen gleicht die tastende Antwort einer Bewegung zwischen gnädiger Erkenntnis, treuer Bereitschaft zum Dranbleiben und Hoffen darauf, dass das eigene Handeln Hand in Hand mit der rechten Erkenntnis geht. Dass dies oft erschwert wird durch gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und verständliche Eigeninteressen, das wusste schon die Bibel vor zweitausend Jahren. Umso wichtiger bleibt wohl, dass wir uns wieder und wieder strecken nach dem Richtigen und Wahren. Oder, um es noch einmal mit Paulus zu sagen (Phil 3,12f.):

„Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.“

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  Menschen glauben

Menschen glauben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.08.2019

Zum Thema „Glaube“ hat jeder seine eigene Meinung. Da rutschen Tradition und Erziehung, eigenes Suchen und Finden, eigenes Abgrenzen und Abwenden fröhlich ineinander. Aber ganz gleich, wo in dem Reigen man selbst steht, so richtig und bis in die Tiefe kennen sich nur noch wenige mit dem aus, was früher einmal Standardwissen war. Ein guter Selbsttest für den christlichen Glauben wäre z.B. die Frage nach der eigenen Auskunftsfähigkeit: könnte ich Pfingsten erklären oder den Sinn der Taufe oder worin evangelisch und katholisch sich voneinander unterscheiden. Wenn man das nicht kann, ist das nicht schlimm, aber es ist dann bedauerlich, wenn Menschen sich von etwas abwenden, das eigentlich nichts mit dem zu tun hat, wovon Jesus einst predigte.
Und weiter: Angesichts derer, die da sagen, sie würden an nichts glauben, frage ich mich inzwischen auch regelmäßig, ob das überhaupt geht. Können Menschen tatsächlich an nichts glauben? Etwas anders, aber eine ähnliche Frage stellen mir auch Konfirmandengruppen gerne; bei ihnen heißt es dann: „Wieso glauben Menschen überhaupt?“
Eine Frage, die nicht leicht, vielleicht sogar gar nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es Indikatoren: jenen z.B., dass sich religiöser Kult auch schon bei den ersten Menschen, die wir als Kulturmenschen identifizieren, nachweisen lässt, oder jenen, dass wir im Grunde keine Kultur ohne religiöse Traditionen, ohne Glauben kennen. Oder aber, zugegeben, ganz schräg anders, ein Hinweis aus der Gegenwart: Kürzlich lockte unser Sohn uns ins Kino, Spiderman. Und da sagt dann der Bösewicht, der die Welt mit Hilfe gut inszenierter Trugbilder getäuscht hatte: „Die Menschen müssen glauben. Heutzutage glauben sie an alles.“ Bei einem sonst philosophisch wenig tiefsinnigen Film ist das ja mal eine erstaunliche Aussage. Hier wird der Gedanke des Glaubens also als ganz selbstverständlich vorausgesetzt und dessen Formlosigkeit wird als Einfallstor zum Erfolg von bösen Gaukeleien erkannt. Formlosigkeit des Glaubens also führt zu falscher und in diesem Fall auch gefährlicher Leichtgläubigkeit.
Was eigentlich glauben wir, das uns vorgegaukelt wird? Und was überhaupt sind unsere Kriterien, um richtig und falsch voneinander zu unterscheiden? Woran machen sich unser Weltbild, unser Hoffen und unser Zielen fest?
„Jesus aber tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: / Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. / Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. / Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. / Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. / Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. / Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. / Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. / Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“

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  Jesus ist kein "neuer Besen"

Jesus ist kein "neuer Besen"

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.08.2019

Neue Besen kehren gut, diesen Spruch kennen Sie ganz sicher auch. Er besagt, dass wir Menschen zu Beginn von etwas Neuem immer besonders gründlich sind. Neue Besen kehren gut – einerseits können unsere Bemühungen tatsächlich dazu führen, dass alles sauber wird bzw. sauber läuft. Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass wir vor lauter Achtsamkeit und Sorgfalt in unseren Regelwerken geradezu erstarren und alles ziemlich gequält und steif erscheint. Mit der Zeit verändert sich das dann. Wir bekommen Routine, wir gewinnen Sicherheit und Souveränität und werden immer besser darin, wichtige Regeln von weniger wichtigen zu unterscheiden und unsere Ziele effizient und dennoch in guter Qualität zu erreichen. Dann kehren die neuen Besen nicht mehr so unangenehm gut, sauber wird es aber trotzdem.
Und nun zum Wochenstart eine ziemlich steile Frage: Ist Jesus auch so ein neuer Besen? Ist er einer, der alles auf den Kopf stellt, alles besser weiß und besser kann? Ist er einer, der sagt: „Vergesst alles, was Ihr bisher über Gott gelernt und geglaubt hat! Ich sage Euch jetzt erst einmal, wie es richtig geht?“ Nein, so war Jesus nicht und so ist er auch nicht. Markus berichtet uns von einer Situation, in der Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt wird, was denn das höchste Gebot sei. Jesus antwortet auf die Frage nicht etwa mit irgendetwas „Eigenem“. Jesus zitiert Mose, er antwortet mit Worten aus dem Alten Testament: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein. Und das andere: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Jesus zitiert das Alte Testament. Er hat nie gesagt, dass er auch nur einen Millimeter hinter „Mose und die Propheten“ zurück möchte. „Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen,“ sagt er. Was Jesus allerdings sehr konsequent betreibt, ist, den Menschen seiner Zeit Gottes Gesetze zu erklären und ihnen aufzuzeigen, wo sie sich nicht danach verhalten. Das tut er sehr klar, sehr direkt, sehr konsequent. Bedenkenswert ist, dass Jesu Antwort mit „Höre Israel!“ beginnt. Jesus zitiert Mose und der hat sein Wort natürlich an das jüdische Volk gerichtet. Sind wir also außen vor? Nein, das sind wir nicht. Denn Jesus ist nicht nur der Christus, sondern er ist auch der großer Grenzöffner.
„Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker“, hat er seinen Jüngern aufgetragen. Alle Völker, und so auch wir, sind eingeladen, zur großen göttlichen Familie zu gehören, auch wenn wir nicht zum ursprünglich auserwählten Volk Israel gehören. Heute sind auch wir auserwählt – nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, wie es Paulus sagt. Wir gehören dazu, ohne Wenn und Aber!
Jesus ist kein neuer Besen. Aber er fegt dennoch den Staub von Gottes Wort, damit wir besser erkennen können, wie wunderbar der Herr unser Leben und diese Welt für uns gedacht hat. Gott wünscht allen seinen Menschen ein Leben in Fülle. Darüber dürfen wir uns freuen und dafür dürfen wir dankbar sein. In Jesu Namen.

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  Kommt Gott aus Norddeutschland?

Kommt Gott aus Norddeutschland?

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.08.2019

Wenn Sie schon einmal in Südeuropa oder in Nordafrika gewesen sind, beispielsweise im Urlaub, und wenn Sie sich dann nicht ausschließlich im All-inclusive-Club am Meer aufgehalten haben, dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass nicht nur Wetter und Landschaft anders sind als zu Hause, sondern auch die Mentalität der Menschen. Manches davon gefällt uns gut und erscheint wirklich erstrebenswert. Ich beneide beispielsweise unsere Mitmenschen im mediterranen Raum um ihre Gelassenheit, um das Dolcefarniente, das genüssliche Nichtstun. Damit haben wir Deutschen bisweilen so unsere Schwierigkeiten – und ich eben auch.
Andere Wesensarten hingegen können uns ganz schön auf die Nerven gehen. Ich habe zum Beispiel so mein Problem mit aufdringlichen Verkäufern. Das Handeln ist nicht so meins und wenn gleich ein endloser Redeschwall auf mich niederprasselt, bloß, weil ich einmal kurz die ausgestellte Ware angesehen habe, dann fühle ich mich schnell unwohl. Und vielleicht geht es Ihnen ja auch so. In unserem Kulturraum ist es eher üblich, einen gewissen Abstand und eine gewisse Zurückhaltung an den Tag zu legen. Gerade uns Norddeutschen sagt man das ja nach. Menschen sind unterschiedlich und so trifft das ganz sicher auch nicht auf alle gleichermaßen zu, dennoch ist was dran.
Bitte entschuldigen Sie die etwas wüste Ableitung, aber ich glaube, dass Gott auch gut aus Norddeutschland kommen könnte. Nicht, weil er Platt spricht, nicht, weil er gerne Fisch mag, nicht, weil er schwarzbunte Kühe besonders gern hat, nein: Ich denke, dass Gott gut aus Norddeutschland kommen könnte, weil er so zurückhaltenden ist. Es ist eine Wesensart Gottes, dass er sich uns nicht aufdrängt. Gott zwingt uns zu nichts, er straft uns nicht, wenn wir nicht dauernd vor ihm auf den Knien liegen, er ist nicht eingeschnappt, wenn wir uns mal ein Stück weit von ihm entfernt haben. Gott kann in unserem Leben auch durchaus mal im Hintergrund sein und er hält das gut aus. In der Tageslosung sagt Gott selbst: „Und wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen.“
Das bedeutet doch: Gott ist für mich da, wenn ich nach ihm suche, wenn ich brauche, wenn ich ohne ihn nicht mehr weiterkann in meinem Leben. Dann darf ich nach ihm suchen und ich werde ihn finden – in den Menschen, die er mir zur Seite stellt, in der Entlastung und Befreiung, die ich im Gebet empfinden kann, in dem plötzlich in mir aufkommenden Gefühl, angekommen zu sein. Dann ist er dicht bei mir, trägt mich, hält mich, liebt mich so unmittelbar, dass ich es selbst wahrnehmen kann.
Doch er lässt uns dann auch durchaus alleine laufen, schickt uns los auf unsere Lebenswege und ruft uns zu: „Macht das Beste draus. Und wenn’s eng wird, komme ich Euch helfen! Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen.“ Mir tut es gut, wenn ich mich daran ab und zu mal wieder erinnere.

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  Gott will Frieden

Gott will Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.08.2019

Heute ist der Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Ursprünglich vorgeschlagen wurde der Gedenktag 2008 in der Prager Erklärung, in der eine Verurteilung auch von stalinistischen Verbrechen gefordert wurde. Das Europäische Parlament nahm diesen Vorstoß, den unter anderem auch Vaclav Havel und Joachim Gauck unterzeichnet hatten, auf und rief im Jahr 2009 den 23. August offiziell als europäischen Gedenktag aus. Der 23. August wurde gewählt, weil an diesem Tag im Jahr 1939 – also heute vor 80 Jahren – der Nichtangriffspakt zwischen Nazideutschland und Russland geschlossen wurde. Dieser Vertrag war der letzte Meilenstein auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, der gut eine Woche später mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann und mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.
Ziel des europäischen Parlamentes war es, ein gesamteuropäisches Erinnern an die furchtbaren Taten totalitärer Regime auf europäischem Boden zu ermöglichen. Dennoch ist der heutige Gedenktag durchaus umstritten. Kritiker sagen, dass allein dadurch, dass die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus in einem Atemzug genannte werden, die Beispiellosigkeit der nationalsozialistischen Gewalttaten und hier insbesondere der Völkermord an den europäischen Juden abgeschwächt würde. Die Diskussionen hierzu sind schwierig und sie werden vor dem Hintergrund der auch in unserem Land wieder sichtbarer und salonfähiger werdenden rechten und ultrarechten Positionen bestimmt nicht einfacher. Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt wie ich finde zurecht, dass wir nicht denjenigen Wasser auf die Mühlen geben dürfen, die behaupten, der Massenmord an den Juden habe es schließlich schon vor 1933 begonnen und die Taten der Nazis seien nur eine Ausprägung unter vielen anderen.
Vielleicht wird es etwas leichter, wenn wir den heutigen Gedenktag aus einer christlichen Perspektive in den Blick nehmen. Aus ihr heraus verbietet es sich, eine Rangliste von menschlichen Grausamkeiten aufzustellen und womöglich die Plätze nach der Anzahl der ermordeten Menschen oder der Art und Weise des Tötens zu vergeben, um dann daraus abzuleiten, dass Platz vier nur halb so verwerflich ist wie Platz zwei. Nein, weder die nationalsozialistischen noch die stalinistischen Gewalttaten gegen Menschen sind in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder schönzureden und ein Abwägen der einen gegen die anderen kann zu keinem sinnvollen Ergebnis führen.
Gottes Wille ist, dass wir Menschen in Frieden miteinander leben und uns in Wertschätzung und Liebe begegnen. „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe“, sagt Jesus Christus. Damit ist jeglicher Form von Gewaltherrschaft von vornherein jegliche Rechtfertigung entzogen. Und wenn wir den heutigen Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus so verstehen, ist es richtig und wichtig auch und gerade hier im Braunschweiger Dom daran zu erinnern.

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  Weggerissen

Weggerissen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.08.2019

Über diesem Tag heißt es in der Herrnhuter Losungen bei dem Propheten Jesaja: „Er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war…“
Wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann ist er unter den Toten oder dort, wo keiner mehr von ihm weiß, dann ist er vermisst, verschwunden, dann soll er vergessen werden.
Wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann hat er keine Rechte mehr und keinen Anwalt, keinen Schutz.
Und doch, wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann ist er immer noch ein Mensch…
Heute erzählt die Süddeutsche Zeitung von einem, der als Kind aus dem Lande der Lebendigen gerissen wurde: Mohammed el Gharani war vierzehn als er nach Pakistan reiste. Er wollte Englisch und Informatik lernen, vom Anschlag auf das World Trade Center hatte er nur gehört, von al-Quaida und Osama bin Laden dagegen nie. Aber er war zur falschen Zeit an einem Ort, von dem er sich nicht hatte vorstellen können, dass es der falsche sein könnte: in einer Moschee.
So geriet er in eine Razzia, wurde gefoltert und nach Amerika gebracht. Das Land seiner Träume! Dort würde sich der Irrtum aufklären. Aber Mohammed es Gharani landete in Guantánamo. Für sieben lange Jahre. Während andere erwachsen werden, sich verlieben, erste eigene Wege gehen, war er herausgerissen aus dem Lande der Lebendigen.
Es ist eine Geschichte zum Weinen.
Und eine zum Staunen. Denn dieser Mann, dessen Augen vom Stroboskoplicht kaputtgemacht wurden, dessen Rücken krumm ist von stundenlangem Gefesseltsein in fötaler Haltung, der immer wieder von vorn anfangen muss, hat trotz offenbar allem nicht begonnen zu hassen, nicht aufgehört zu lieben, er hat nicht aufgegeben.
Jesaja verwies mit seiner Prophezeiung auf den, der stellvertretend leidet, auf den Unschuldigen. Der exemplarisch Unschuldige ist für uns Jesus Christus. So ist es naheliegend, dass es im Lehrtext des Hebräerbriefes für diesen Tag heißt: „Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“
Denk an den! Das klingt ein bisschen danach, sich damit zu trösten, dass es anderen mindestens genauso schlecht geht. Aber gemeint ist ein je größerer Hoffnungshorizont, ein Grund, der leben hilft.
Mohammed el Gharani ist kein Christ. Aber er ist ein frommer Mensch, der darauf vertraut hat, dass sein Gott ihn retten wird und Gutes mit ihm vorhat. Das Porträt in der Zeitung endet den Worten: „Er schaut hinaus aufs Meer, muss plötzlich lachen und sagt: Und hier bin ich.“
Ich glaube, dass ist eine der Erfahrungen, die wir mit Menschen aus anderen Religionen teilen können.



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  Ganz nah – fast da…

Ganz nah – fast da…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.08.2019

„Serenade für Nadja“ heißt der Roman des türkischen Autors Zülfü Livanelli. Er erzählt die Geschichte des deutschen Wissenschaftlers Maximilian Wagner, der während des Nationalsozialismus versucht, das Land gemeinsam mit seiner jüdischen Frau Nadja zu verlassen. Auf der Flucht werden die beiden getrennt. Wagner kommt allein nach Istanbul und versucht von dort, seine Frau nachzuholen. Es gelingt schließlich, sie nach Rumänien zu bringen und für sie dort ein Ticket auf der Struma erwerben.
Von da an wird der Text zur Dokumentation einer historischen Katastrophe.
Das Schiff hätte im Frühjahr 1941 über 760 jüdische Flüchtlinge nach Palästina bringen sollen.
Nach etlichen Verzögerungen legte die Struma schließlich im Dezember 1941 ab. Es war vorgesehen, vierzehn Stunden später in Istanbul anzulegen. Daher gab es weder ausreichend Nahrung noch Rettungsmittel an Bord. Auch die sanitären Verhältnisse entsprachen, wenn überhaupt, nur den Herausforderungen einer sehr kurzen Reise. Wegen eines Motorschadens kam Istanbul jedoch erst vier Tage später in Sicht des überfüllten Schiffes. Aber statt der ersehnten Landung begann nun begann ein zähes Ringen. Die britische Regierung verweigerte die Einreise in Palästina wegen fehlender Visa, die Türken wollten die Migranten nicht von Bord lassen, solange die Weiterreise nicht gesichert war. Auf dem Schiff herrschten inzwischen katastrophale Verhältnisse. Es brach die Ruhr aus, die Menschen verzweifelten. Am 23. Februar wurde das kaputte Schiff aufs Schwarze Meer zurückgeschleppt und seinem Schicksal überlassen. Am 24. Februar explodierte es durch den Treffer eines Torpedos und sank. Fast alle starben…
Der Roman erzählt die Geschichte des alten Mannes, der nach Jahrzehnten noch einmal an den Strand des Schwarzen Meeres kommt, an die Stelle, an der er damals das Schiff liegen sah. Seine Frau in Sichtweite.
Der Roman, eigentlich ein Text, mit dem der türkische Autor vergessene und verdrängte Geschichte ins Bewusstsein seines Volkes zurückholen wollte, ist grauenvoll aktuell. Immer wieder liegen Schiffe in Sichtweite europäischer Häfen, überfüllt mit verzweifelten und traumatisierten Menschen, die allermeist eine lange Fluchtgeschichte haben und letztlich vor dem Ertrinken gerettet wurden.
Erst gestern wieder wurde das tagelange Tauziehen um ein Seenotrettungsschiff mit Flüchtlingen vor Lampedusa beendet, nachdem der zuständige Staatsanwalt an Bord war.
Migration ist ein komplexes Thema. Aber dass wir im Ernst darüber reden, ob die Menschen vorm Ertrinken gerettet werden sollen oder wir sie ertrinken lassen – nichts anderes war die Abschaffung der staatlichen Seenotrettung - ist eine Schande.
Hier im Dom fragte neulich jemand, was denn das Jüngste Gericht sei, vor dem Heinrich der Löwe sich offensichtlich so gefürchtete hatte. Es ist der noch ausstehende Moment über dem es ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen und ohne Ausweichmöglichkeit heißt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.


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  Blick von oben

Blick von oben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.08.2019

Am Wochenende demonstrierten Hundertausende in Hongkong, anderswo feierten Menschen auf großen Festivals oder saßen in der Burgplatzarena, waren irgendwo zusammengekommen in Angst und Sorge oder großer Freude…
Von oben sieht man Köpfe, Scheitel, helle und dunkle Haare, lichte Stellen. Bei den Bildern aus Honkong waren es solche Menschenmengen, dass selbst die Architektur dagegen klein wurde. Von oben sieht man gedrängte Enge und Masse. Von oben kann man kaum wissen, was die unten wirklich bewegt.
Götter sitzen oben.
Auf dem Olymp oder über den Wolken.
Mächtige sitzen oben in den Penthäusern und obersten Etagen der Wolkenkratzer, den einsamen Gipfeln steiler Hierarchien oder knallharter Partei- und Konzernstrukturen.
Sie sehen und mögen wohl manchmal auch genießen, dass die unten viele sind. Aber wie gesagt: von oben sieht man Scheitel, Schirme, Kopfbedeckungen…
Nur unten zwischendrin und gegenüber kann man einander in die Gesichter sehen und in den Augen lesen, ahnen, was im Herzen des Anderen vorgeht, hören, was sie sagt. Unten hört man von der Angst um die Zukunft und der Hoffnung, dass der gemeinsame Widerstand die Welt verändert. Unten sieht man, dass ein Einzelner sich allein vielleicht nicht auf die Straße wagen würde aber dass ihn jetzt die Gemeinschaft trägt. Oder erfahren wir, dass Freude und Begeisterung wachsen, wenn man sie teilt…
Unten sind wir nicht Masse, sondern Individuen – jeder ein einzigartiger und unverwechselbarer Mensch mit Würde begabt.
Wir Christen glauben an einen Gott, der uns gnädig ist und ins Herz sieht.
Wir glauben den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Allmächtigen, der in den Himmel wohnt und den Regenbogen zum Zeichen hat. Aber wir glauben auch den, der unter uns Mensch geworden ist und mit uns geht. Wir glauben den Bruder, der zwischen uns geht und unsere Angst und Hoffnung teilt, der menschliche Sehnsucht kennt und wirklich gnädig sein kann, weil er uns ansieht. Wir glauben den Geist, der uns verbindet – hier unten.
Unser Gott wird Mensch und ist uns ganz nah. Er geht mit. Wir können also getrost mutig sein und widerständig. Wir sollen es wohl auch.

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  Helfer im Fadenkreuz

Helfer im Fadenkreuz

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.08.2019

„Helfer im Fadenkreuz: Wenn Hilfsaktionen zu Selbstmordkommandos werden“, unter dieser Überschrift ist ein Artikel auf der Internetseite der SOS-Kinderdörfer zu finden. Dort wird berichtet, dass in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt immer öfter auch Helfer in große Gefahr, ja sogar in Lebensgefahr geraten. Das liegt nicht etwa daran, dass diese Menschen unbeabsichtigt in die Schusslinie geraten, nein, die Gewalt richtet sich ganz gezielt gegen die Mitarbeitenden und Unterstützenden von Hilfsorganisationen. Nach Angaben von Humanitarian Outcomes, einer Beratungsgesellschaft für humanitäre Hilfe, hat die Zahl der Menschen, die während ihres Einsatzes mit massiver Gewalt konfrontiert wurden, 2019 mit 405 den zweithöchsten Stand der Geschichte erreicht. 131 Helfer wurden beim Versuch anderen Menschen zu helfen getötet, 144 verwundet und 130 entführt.
Heute ist der Welttag der humanitären Hilfe. Er geht zurück auf den 19. August 2003. An diesem Tag kamen bei einem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad 22 Mitarbeiter ums Leben. Die Generalversammlung der UN erklärte in Erinnerung daran den 19. August zum Welttag der humanitären Hilfe, um internationales humanitäres Engagement und seine Prinzipien zu würdigen. Der Gedenktag ist den Menschen gewidmet, die im Rahmen ihres humanitären Engagements weltweit ihr Leben verloren haben.
Es gibt verstörende Erklärungsversuche, warum die Gewalt gegen Helfer immer mehr zunimmt. So wolle man Hilfsgüter gewaltsam umleiten, um die eigenen Leute damit zu versorgen oder es soll durch Entführungen Geld erpresst werde, um Milizen zu finanzieren. Teilweise seien in den Konflikten angeblich so viele Parteien beteiligt, dass zwischen Gut und Böse kaum mehr zu unterscheiden sei oder es ist bloßes Misstrauen, da man in den Hilfsorganisationen eingeschleuste Agenten vermutet.
Es ist erschütternd und nicht nachzuvollziehen, wie Menschen, die nur helfen wollen, nach dem Leben getrachtet wird. Und ich bezeuge meinen höchsten Respekt, dass sich trotz aller Gefahren für Leib und Leben diese Helferinnen und Helfer nicht davon abhalten lassen, ihrer inneren Überzeugung zu folgen und ihre Kraft und sogar ihr Leben dafür einsetzen, dass Not und Elend auf dieser Welt gemildert werden. Ihr Wunsch zu helfen ist stärker als ihre Angst und ganz sicher ist es bei dem einen oder anderen auch ein großes Gottvertrauen, dass Kraft, Mut und Zuversicht spendet.
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus Christus. Ja, diese Menschen, die sich in den Dienst der Hilfsorganisationen gestellt haben und stellen, leben Nächstenliebe in einer ganz unmittelbaren Art und Weise. Der heutige Welttag der humanitären Hilfe erinnert uns daran, für diese Menschen zu beten und sie Gottes Schutz und Fürsorge anzuempfehlen.

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  Heimat

Heimat

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.08.2019

Die Sommerferien sind vorüber und langsam kehrt der Alltag wieder ein. Aber vielleicht waren Sie ja in den vergangenen Wochen auf Reisen und haben fremde Orte besucht. Und vielleicht geht es Ihnen dabei ähnlich wie mir, und Sie genießen, wenn Sie auf Kirchen stoßen. Eintreten und sehen. Eintreten und riechen. Eintreten und spüren.

Diese Orte sind Orte, an denen Menschen ihr Leben – in aller Größe und in aller Schwachheit – vor den Ewigen bringen. Nehmen sie nur unseren Dom: Gebaut wurde er ganz bestimmt auch, um den Reichtum, die Größe, die Relevanz, den Machtanspruch Heinrichs des Löwen zu demonstrieren. Und gleichzeitig erzählt er beinahe zärtlich von dem, worauf die Eheleute Heinrich und Mathilde hofften. Keine Gerichtsdarstellung zum Jüngsten Tag sehen wir, nichts, das Angst und Bange werden ließe; stattdessen das Himmlische Jerusalem. Sie schauen und stehen vor den Mauern ihrer neuen Heimat. In der Johannesoffenbarung erzählt der Evangelist von der himmlischen Stadt Jerusalem als „der Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21,3f.) Und Heinrich und Mathilde, sie sehen – über den Lebensbaum des Paradieses hinweg, der zugleich ihr Totenleuchter ist, sie sehen also über diese Schwelle aus Licht auf das, worauf sie hoffen: ihre neue Heimat, in der nicht mehr sie herrschen, sondern Gott. Als Mann und Frau frommen Herzens begehren sie Einlass in seine Stadt.

Wissen Sie, als Kulturgüter sind Kirchen ganz bestimmt interessant, sie erzählen von Menschen – und davon, zu welch wunderbaren Dingen deren Glaube in Kombination mit den irdischen Interessen sie gebracht hat. Es ist ein Staunen über die Leistung anderer, das mich aber nicht mehr als eine Zuschauerin sein lässt. Auf der spirituellen Ebene jedoch gleichen diese Orte einer Frage: Willst Du vertrauen, hoffen, Dich einbeziehen lassen? Willst Du Teil jener Gemeinschaft sein, die über den Menschen hinaus auf Gott schaut? Willst Du dies erleben als einen Ort, an dem Du Deine Seele wachsen lassen kannst – über Dich hinaus auf Gott zu? Dann: Sieh! Sieh; wie jene beiden, die dort liegen mit offenen Augen ihr Heil schauen.

Und noch ein anderes: Kirchen erzählen davon, dass wir als Getaufte an diesem Ort andere Getaufte finden werden. Menschen, mit denen ich gemeinsam beten kann. Menschen, mit denen ich den Segen Gottes suchen und ersehnen kann. Auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Japanisch und so fort – in aller Herren Länder. In einer Zeit, die wieder einmal national wie international in einander sich belagernde Interessensgruppen zu zerfallen droht, halte ich den Gedanken für besonders wertvoll, dass der Glaube ein Band zwischen uns so verschiedenen Menschen knüpft, uns eine gemeinsame Heimat schenkt, eben weil wir bei Gott alle miteinander geliebte Kinder Gottes heißen.

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  "Aber bitte nicht Gott sagen!"

"Aber bitte nicht Gott sagen!"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.08.2019

Hans-Peter Ostermair, Leiter des Atriums Kirche in Bremen, schreibt: „‘Sie dürfen aber nicht Gott sagen….‘ Diese Antwort habe ich tatsächlich einmal von einem heiratswilligen jungen Mann bekommen, auf die Frage, ob er sich auch eine kirchliche Trauung vorstellen könne. Übersetzt heißt das doch: Spiritualität, Rituale, Tiefe – Ja! Aber Religion und Gott: muss nicht sein.“

Was Ostermair beschreibt, erleben wir Pfarrerinnen und Pfarrer genauso in unseren Traugesprächen, Taufgesprächen oder auch bei mancher Auswahl eines Konfirmationsspruches: Bitte nicht Gott sagen! Und Herr oder Christus noch viel weniger. Auch ich empfinde, dass die Menschen Spiritualität und Segen wollen; aber was genau das eigentlich sein könnte, das wissen sie nicht. Es ist ein diffuses Vertrauen in eine höhere Macht, der sie sich durchaus bereit sind zu öffnen. Aber mit konkreten Formen der Auslegung fällt es schwer. Ich vermute, Trauung, Taufe, Konfirmation, all das ist den Menschen wirklich von Herzen wichtig. Und gerade deswegen kann ich gut verstehen, dass sie nicht unbedingt über ihrem Leben Worte als Wege-Wort stehen haben wollen, deren Bedeutung sie nicht wirklich kennen. Sie möchten das Gute der Religion, aber in Worten, die sie auch zu ihren eigenen machen könnten.

Man könnte jetzt viel über das Unwissen der Leute lamentieren – oder selbstkritisch fragen, ob nicht vielleicht auch wir Christenmenschen Kinder unserer Zeit sind. Wie und wo und wann sprechen wir, die wir glauben, als Gegenwartsmenschen eigentlich noch von unserem Glauben? Und wir Predigerinnen und Prediger: Reduzieren wir Gott nicht allzu oft zu einem freundlichen Opa oder Kumpel-Typen, zu einem Kindergarten-Gott, von dem es dann auch nicht wundern darf, dass die Leute ihn irgendwann als nicht mehr relevant für ihr Leben vermuten. Und wie gehen wir mit unseren Kirchorten um: Stellen wir Topfblumen hinein, um uns wie zu Hause zu fühlen – oder nehmen wir sie ernst als Orte des Heiligen? Und wie sprechen wir von ihnen? Bestaunen wir ihre Kunstfertigkeit und bleiben stecken im: „Mensch, guck doch mal, was die damals nicht schon alles konnten!“ – oder stellen wir sie als Orte vor, in denen gebetet und gesungen und Gottesdienst gehalten wird. Sprechen wir von Museen, Kulturorten – oder erzählen wir von Christenmenschen und ihren Glaubensorten? Wie mutig nehmen wir als die, die in diesen Orten zu Hause sind, eigentlich Worte des Ewigen in den Mund? Wo machen wir die Leute darüber klüger, dass der Glaube lebendig ist, und wie gut können wir über unseren eigenen Glauben Rechenschaft legen? Sowohl, was die eigene Sprachfähigkeit betrifft, als auch den Mut, offen über so etwas Persönliches wie den Glauben zu sprechen. Denn dass es Mut braucht, steht schon in der Apostelgeschichte geschrieben. Dort heißt es: „Es sprach aber der HERR durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht.“ (Apg 18,9)
… Ich finde, diese Worte gelten weiter und auch uns.

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  Zurück auf Los!

Zurück auf Los!

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.08.2019

Erster Schultag! Heute war es wieder so weit. Aufs Neue läuteten die Schulglocken zum Aufbruch in das noch ganz unbeschriebene Schuljahr. Und daneben gibt es weitere Anfänge in diesen Wochen: Berufsausbildungen beginnen, Dienste im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres oder auch bald das Studium. Und selbst das Urlaubsende bringt doch irgendwie einen Neuanfang. Überall also stehen die Zeichen auf Start, geht es zurück auf Los, hinein in den alten oder neuen Alltag.

Dabei werden wie zum Jahreswechsel von vielen Wieder-in-den-Alltag-Einsteigern gute Vorsätze ausgelobt: Die Mappen ordentlich führen, jeden Tag zehn Minuten Vokabeln Lernen, die regelmäßige Teilnahme am wöchentlichen Ausgleichssport, dieses Jahr endlich einmal die Weihnachtsgeschenke rechtzeitig bedenken – je nach Lebenslage werden die Vorsätze für die kommenden Wochen und Monate ganz verschieden aussehen. Doch in nur wenigen Wochen schon werden die ersten unter uns darüber nachdenken, wie man eigentlich fröhlich scheitert. Denn das lehrt die Erfahrung ja leider auch: nicht jeder gute Vorsatz hält dem Realitätstest stand.

Doch jetzt, jetzt ist alles noch ganz wunderbar, voller Möglichkeit. Was so ein paar Wochen der Ruhe, des Schlafs und des Abstands nicht bewirken können! Oft merken wir ja erst, wie gut uns die Ungebundenheit in den Ferien tut, wenn es einmal nicht klappt, wenn äußere Bedingungen uns den inneren Abstand verwehren. Dann weisen Körper oder Geist uns eben doch mehr oder weniger dezent darauf hin, dass wir Menschen Wesen mit Grenzen sind – und diese auch achten sollten.

In einer nahezu religionslosen Zeit wird diese Achtsamkeit tatsächlich schwerer. Ohne alten Zeiten glorifizieren zu wollen, so ist doch nicht alles aus ihnen als von gestern betrachten. Ich selbst genieße die immer weniger selbstverständliche Sonntagsruhe, die wir hier in Deutschland haben. Ich empfinde diese Ruhe, die sich ja tatsächlich auf den Straßen hören lässt, als einen großen, großen Wert. Auch Rituale bringen Formen mit sich, die in vielem gut tun: Das gemeinsame Essen, das mit einem kurzen Dank eröffnet wird. Das Nachtgebet, mit dessen Hilfe der Tag noch einmal verarbeitet und die Sorge in der Gottesbeziehung geteilt werden kann. Überhaupt: das im Gebet sich selbst bewusst Werden als ein Geschöpf, in dessen Hand nicht alles liegt. In einem lebendigen Glauben wird ritualisiert Tag für Tag das Vertrauen in Gott gepflegt und erinnert; vieles wird dadurch leichter. Nicht weil man die Verantwortung und guten Vorsätze ließe, sondern weil man dem Wahn der Kontrollmöglichkeit nicht mehr folgen muss. Im Glauben beginnt der Mensch täglich neu. Als Suchender, als Vertrauender, als Hoffender.

Deshalb sei den Neu- und Wiederanfängern dieser Tage als gutes Wort für die kommende Zeit die heutige Tageslosung für ihren Weg anvertraut. Dort heißt es (Jes 52,7):

„Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen, der Frieden verkündet, der gute Botschaft bringt, der Rettung verkündet, der spricht: Dein Gott ist König!“

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  "Dich zurechtweisen lassen"

"Dich zurechtweisen lassen"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.08.2019

Kürzlich habe ich mich mit einer jungen Frau unterhalten. Sie war Anfang zwanzig, Studentin und überzeugte Veganerin. Ich selbst habe in meinen Zwanzigern lange Jahre mit einem Vegetarier zusammen gelebt – und kann deshalb bis heute viel besser vegetarisch kochen als ein Steak braten. Insofern konnte ich mich erinnern, als sie davon sprach, wie skurril sie es findet, dass allein das „dass“ ihrer alternativen Essgewohnheit zur sicheren Diskussion über Ernährung führt. Sie meinte, dass es doch ihr überlassen sein müsste, was sie esse, und da sie keinen missionarischen Anspruch habe, wundere es sie regelmäßig, wie aggressiv ihr Menschen begegneten. Woher kommt das, fragte sie, dass die Menschen plötzlich umgekehrt zu missionarischem Eifer erwachen?

Damals habe ich mich das auch oft gefragt. Genauso wie ich mich umgekehrt über vegetarische Würstchen gewundert habe. Dieses Gewürztofu in Wurstform gepresst kann ganz lecker sein, allein: mit Würstchen hat diese Speise garantiert nichts zu tun. Wozu also solch ein Name? Was soll das?

Wahrscheinlich geht es bei alledem am Ende ums Gewissen…. Um die Frage danach, wie Menschen verantwortungsbewusst essen können. Die Vegetarischen Würstchen gaukelten dann dem Verbraucher vor: „Komm, du kannst deine Gewürze auch in diese Tofumasse einrühren, es muss keine Fleischpaste sein. Iss doch bitte Tier-frei, du siehst, nicht einmal die gute deutsche Grillwurst, grau und voller Grieben, wird dir fehlen. Es gibt vegetarische Würstchen.“ Und der missionarische Eifer der Fleischesser gegenüber den Vegetariern handelte dann von den sich selbst bestätigenden Argumenten, dass fleischlos ungesund sei, obwohl natürlich auch wir Fleischesser um die Realität eines zu hohen Fleischkonsums wissen – und uns jene Veganer und Vegetarier in personas vor Augen führen, dass es eben doch anders gehen könnte.

Verantwortungsbewusstes Leben. Ich glaube, dieses Stichwort gehört zu den wichtigen unserer Zeit. Und ich glaube auch, dass wir mit Extremen an dieser Stelle nicht weiterkommen. Extreme führen oft eher zu Verhärtungen und Streit. Deshalb liegt meine Ernährungswahrheit inzwischen auch in der Mitte. Fleisch, gerne, aber sehr bewusst und in Maßen. Zumal ich dank meines Studiums ja auch noch darum weiß, dass Fleisch bis zur Antike vor allem und zeitweise auch ausschließlich im Opferkult produziert worden ist – und auf diese Weise für jedes genommene Leben gedankt wurde.

Die eigene Freiheit also leben und dem anderen die Freiheit lassen. Das ist der Weg. Und doch meint dies keine Gleichgültigkeit, denn es gibt Recht und Unrecht. Und das nicht nur im Bereich Ernährung, sondern auch beim Reisen, beim technischen Fortschritt und so weiter. Verantwortungsbewusstes Leben: Für mich meint das zuerst, auf der Suche nach dem Richtigen zu bleiben und mich regelmäßig selbst in Frage zu stellen anhand dessen, was andere für gut und richtig halten. Denn tatsächlich glaube ich daran, dass sich hier und dort im Menschenwort das Gotteswort finden lässt – und dass es gut ist, darauf zu hören. Gerade so, wie der Prophet Zefanja in der Tageslosung meint (Zef 3,7): „Gott, der HERR, spricht: Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.“ – Warum auch nicht?

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  "Der Rest meines Lebens"

"Der Rest meines Lebens"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.08.2019

Seit er denken kann, weiß Mortimer, dass er sterben wird. Und zwar um Punkt elf Uhr an seinem 36. Geburtstag. Schon seit Generationen sterben alle Männer seiner Familie zu diesem Zeitpunkt; deshalb beginnen inzwischen auch alle Jungennamen mit „Mor*“, abgeleitet von dem lateinischen Wort „mors“, also Tod. Mortimer nimmt sein Schicksal hin, was sonst soll er auch tun: Er ist bereit zu sterben. Und so liegt er zur vorgesehenen Stunde im schwarzen Anzug mit eigens zu diesem Anlass gekauften Socken auf dem Sofa. Wohnung und Job sind gekündigt, das Auto ist verkauft und die Erbregelung liegt auf dem Tisch. Doch dann geschieht das für ihn völlig Unerwartete: Die Uhr zeigt 11:05 Uhr – und Mortimer ist immer noch am Leben.

Es ist eine skurrile Ausgangssituation, die Marie-Sabine Roger für ihre Geschichte „Heute beginnt der Rest meines Lebens“ ersonnen hat. Der Kern ihrer Erzählung kreist dabei um die Frage: Was macht einer, der weiß, dass er sterben wird? Wie lebt er?

Mortimer z.B. lebt zuerst einmal übermütig: Weil er ja weiß, dass er nicht vor 36 sterben wird, macht er nicht nur den für Jugendliche üblichen Blödsinn, sondern lebensgefährlichen Blödsinn, bis er irgendwann keine Lust mehr hat auf Krankenhaus und Schmerzen. Das Abi macht er nur seiner Tante zuliebe, die meint: „Man weiß ja nie.“ Und auf Beziehungen lässt er sich nicht ein. Eigentlich, so resümiert der Überlebende mit 36 plus einen Tag, hat er bisher nicht gelebt. Und dass trotz der Festanstellung, trotz der Reisen, trotz lieber Freunde. Und die Frau, von der er wusste, dass er sie vermissen würde, ließ er allein in die Ferne auswandern, weil er nicht den Mut aufbringen konnte, für nur fünfzehn Monate noch einmal neu anzufangen.

Wenn die Leserin sich fragt, was in Mortimers Leben eigentlich bis zu diesem Tag falsch gelaufen ist, dann erblickt sie die grotesk falsche Sicherheit, in der dieser sich wog. Mortimer konnte angesichts seines scheinbaren Wissens um den eigenen Tod nicht ins Leben finden. Er hatte sich festgelaufen im Hamsterrad der eigenen Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Das Leben vor dem Tod. Kein sicheres Ende mit 36, aber eben doch irgendwann mit sicherem Ende. Wie leben wir es? In den Sicherheiten unserer Wahrscheinlichkeitsrechnungen – oder frei?

Die heutige Tageslosung ist ein bekanntes biblisches Wort (Ps 23,1-3.): „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“

Wir hören das große Vertrauen eines Menschen auf den Wege-Gott; auf den Gott, der mit uns unterwegs ist. Ihn braucht man, wenn man sich seines Lebens und Sterbens nicht sicher ist, sondern im Gegenteil man mal stolpernd, mal fröhlich springend, mal langsam gehend und auch immer wieder vor sich hin trottend – lebt. Der Buchtitel „Heute beginnt der Rest meines Lebens“ gilt übrigens auch jedem von uns – an jedem Tag.

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  Kinder des Lichts

Kinder des Lichts

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.08.2019

Ständig kriegt man vorgeschrieben, was man zu tun und zu lassen hat. Haben Sie sich darüber auch schon des Öfteren geärgert? Wir leben in einem freien Land, aber einfach mal all das machen, was wir wollen, geht irgendwie trotzdem nicht. Bei etwas intensiverem Nachdenken wird uns dann schon klar, dass wir Regeln brauchen, damit wir einigermaßen miteinander zurechtkommen – aber trotzdem wird und ist unsere vielgepriesene Freiheit begrenzt.
Gut, dass es die Bibel gibt, denn da steht schwarz auf weiß durch den Apostel Paulus aufgeschrieben: „Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit!“ Na wenigstens was, könnte man sagen, wenigstens bei Gott, im Glauben, in der Kirche ist Freiheit – eine Oase der Grenzenlosigkeit in einer Welt voller Regeln und Vorschriften und Verboten. „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“, dieses Bibelwort, der aktuelle Wochenspruch und übrigens auch von Paulus, kann man allerdings schon wieder anders verstehen. „Lebt als Kinder des Lichts“ könnte auch ein Imperativ sein, ein Befehl oder ein Auftrag. Nun gebt Euch doch mal wenigstens etwas Mühe, reißt euch zusammen und lebt als Kinder des Lichts! Inhaltlich bedeutet es, dass wir ein Leben als Gotteskinder führen sollen, als Kinder des Gottes, der seinen Sohn zu uns gesandt hat als Licht der Welt.
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit sollen die Früchte sein, die wir ernten können, wenn wir auf Paulus hören. Das klingt ja durchaus erstrebenswert. Aber ist das vielleicht nicht nur die Möhre, die uns vor die Nase gehalten wird, damit wir schneller laufen, engagierter und motivierter das tun, was der Apostel uns in die Bücher schreibt?
Nein, ich denke so ist das Ganze nicht zu verstehen. Als Kind des Lichts zu leben, ist für mich kein Befehl, sondern die Ermunterung, ein Geschenk anzunehmen. Gott lädt mich zu sich ein und Sie im Übrigen auch. Er bietet uns an, unser Leben unter seine mütterliche und väterliche Liebe zu stellen. Bildlich gesprochen steht Gott mit ausgebreiteten Armen vor uns und Paulus sagt: „Ziert Euch nicht. Lasst Euch von Gott in die Arme schließen. Lebt als seine Kinder, als Kinder des Lichts!“
Und wenn wir dazu ja sagen, ja zu Gott und seiner Liebe, dann werden wir seine Güte, seine Gerechtigkeit und seine Wahrheit erfahren; seine Güte, die unerschöpflich, unbedingt und unverdienbar ist, seine Gerechtigkeit, die so viel tiefer und weiter ist, als das, was wir Menschen unter Gerechtigkeit verstehen und seine Wahrheit, die uns dereinst die Augen öffnen wird, damit wir Gottes Großartigkeit erkennen können.
Paulus fordert uns aus, uns einzulassen auf Gott, ihm einen Platz einzuräumen in unserem Leben. Gott wartet und er freut sich auf uns. Enttäuschen wir ihn nicht. Wir haben nichts zu verlieren aber unglaublich viel zu gewinnen.

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  Christopher-Street-Day

Christopher-Street-Day

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.08.2019

An diesem Wochenende leuchtet es nicht in Schwarz-Rot-Gold von den Fahnenmasten unserer Stadt, sondern es sind die Regenbogenfarben, die uns entgegenstrahlen. In Braunschweig wird das Sommerlochfestival gefeiert, der Christopher-Street-Day, und das nun schon zum 24. Mal. Der Ursprung des Christopher-Street-Days liegt in New York. Im Sommer des Jahres 1969, also vor 50 Jahren, kam es dort als Reaktion auf wiederholte, gewalttätige Razzien der Polizei in Bars mit homosexuellem Publikum zu tagelangen Straßenschlachten. Zum ersten Jahrestag dieses „Stonewall-Aufstandes“, wie er auch genannt wird, gab es dann in New York den ersten Straßenumzug von Schwulen und Lesben, der an das Ereignis erinnern und ein Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung setzen sollte. Ende der 70er Jahre begannen auch in Europa erste Demonstrationszüge unter der Überschrift CSD, in Deutschland 1979 in Bremen, Köln und Berlin und bei uns in Braunschweig dann, wie schon gesagt, 1995.
Die Bedeutung des Christopher-Street-Days und auch die Art und Weise, wird er begangen und gefeiert wird, haben sich über die Jahre erfreulicherweise verändert. Dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, ist glücklicherweise seltener geworden. Zumindest in unserer Gesellschaft ist es mehr und mehr Normalität, dass sich auch Menschen gleichen Geschlechts lieben und ihren Lebensweg gemeinsam gehen. Und um einen ehemaligen regierenden Berliner Bürgermeister zu zitieren: „Und das ist auch gut so!“ Trotzdem ist das Thema noch nicht vom Tisch und die mit großer Emotionalität aber auch mit großer wertschätzender Ernsthaftigkeit geführte Debatte um die Ehe für alle zeigt, das eben noch nicht alles selbstverständlich und alles einvernehmlich klar ist – übrigens auch bei uns in der Kirche nicht. In den evangelischen Landeskirchen der EKD gibt es unterschiedliche Regelungen zu kirchlicher Trauung oder Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. In unserer Landeskirche kann jede Kirchengemeinde für sich weitgehend selbst entscheiden, wie sie damit umgehen möchte. In der Vergangenheit jedoch hat die Kirche es oft und lange genug versäumt, sich klar gegen jede Form von sexuell begründeter Diskriminierung zu stellen. Ja, wir als Kirche haben uns da nicht nur mit Ruhm bekleckert.
Ich bin kein studierter Theologe und halte mich somit zurück, wenn es um eine theologisch-wissenschaftliche Bewertung dieses Themas geht. Ich habe aber ein ganz persönliches Bild von Gott und aus dem heraus ist seine Haltung für mich völlig klar. Überall dort, wo Menschen Liebe zueinander empfinden, überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, überall dort, wo Menschen sich dafür entscheiden, ihren weiteren Lebensweg gemeinsam zu gehen, da leuchtet für mich Gottes Liebe auf. Auch unsere sexuelle Orientierung ist ein Gottesgeschenk, von uns nicht beeinflussbar und somit ein Teil von uns, der einfach dazugehört und von Gott gewollt ist – so, wie jede und jeder von uns von Gott gewollt, angenommen und geliebt ist.
Und damit ist jeglicher Form von Diskriminierung der Boden entzogen – ganz egal auf welcher von uns Menschen konstruierten Basis sie auch immer aufbauen möge. Ich bin mir sicher, dass Gott freundlich auch auf das diesjährige Sommerlochfestival schaut, sich über die fröhlich feiernden Menschen freut und seinen Segen dazu gibt – der Liebe wegen.

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  Heiligt der Zweck die Mittel?

Heiligt der Zweck die Mittel?

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2019

„Der Zweck heiligt die Mittel.“ Dieses Sprichwort, dass in ähnlicher Form dem Jesuitenorden zugeschrieben wird, ist auch in unserer heutigen Sprache noch präsent. Es besagt, dass zur Erreichung eines guten Ziels der Einsatz aller Mittel erlaubt ist, da das Gute des Ziels, automatisch auch die Mittel gut werden lässt, sie „heiligt“, wie es heißt. Das ist aus meiner Sicht nicht so ohne weiteres zu unterschreiben. Ist denn wirklich alles erlaubt, um Gutes zu tun? Vielleicht hat Robin Hood nach diesem Wort gehandelt, wenn er den Reichen etwas abnahm, um es den Armen zu geben. Dabei war er nicht zimperlich und hat den Reichen auch schon einen über den Kopf gezogen, um sie berauben. Der Zweck heiligt die Mittel?
Wenn Menschen eine Idee haben, für die sie brennen, die sie unbedingt umsetzen wollen und die einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben hat, dann verlieren sie schon mal das Maß, wenn es um den Ressourceneinsatz geht. Dabei besteht dann auch durchaus die Gefahr, dass andere zu Schaden kommen, weil sich jemand sozusagen in seinem ganz persönlichen Ziel-Tunnel befindet und nicht mehr nach rechts oder links schaut.
Der biblische Statthalter Serubbabel, dessen Geschichte im Alten Testament erzählt wird, war in einer solchen Situation. Er führte das israelische Volk aus der babylonischen Gefangenschaft wieder zurück nach Jerusalem und zu seinen bedeutendsten Aufgaben gehörte, sich um den Wiederaufbau des JHWH geweihten Altars zu kümmern, damit dort der Opferdienst wieder aufgenommen werden konnte. Dieses Vorhaben hatte ganz sicher auch Kritiker – gerade im babylonischen Umfeld. Und als hätte Gott geahnt, dass es auch Stress geben könnte, lässt er durch den Propheten Sacharja folgendes ausrichten, was auch gleichzeitige die heutige Tageslosung ist: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“
Nicht der Zweck soll die Mittel heiligen, sondern Gottes Geist. Gottes Geist, der freundlich ist und verbindend, Gottes Geist, der Weisheit zu schenken vermag und Menschen aufeinander zu gehen lässt, Gottes Geist, der der Geist der Wahrheit und der Geist des Friedens ist. Durch ihn soll es geschehen und nicht durch Gewalt.
Die Prophetenworte sind gut 2.500 Jahre alt, ihr Inhalt ist jedoch brandaktuell. Wie oft würden wir uns wünschen, dass Konflikte durch Gottes Geist und nicht durch Heer oder Kraft ausgetragen würden. Wie oft würden wir uns wünschen, dass bei den Mächtigen auf dieser Welt Gottes Geist Licht und Klarheit verbreiten möge, um damit Trug und Schein zu verbannen?
Vielleicht haben wir ja alle die Chance, diesem Geist mehr Raum zu geben, indem wir so denken, so reden und so handeln, wie es Gottes Geist entspricht – also friedlich, liebevoll und wertschätzend. Einen Versuch ist es allemal wert.

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  Relativitätstheorie

Relativitätstheorie

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2019

Neulich habe ich auf Youtube ein Video gefunden, in dem ein Professor der Physik die Relativitätstheorie so erklärt hat, dass auch ich als Banker zumindest eine Idee davon bekommen habe, was sie bedeutet. Das Video dauerte eine halbe Stunde und es kam wirklich gut dabei rüber, dass Raum und Zeit keine festen Größen sind, sondern dass sie sich relativ verändern.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Nun, für mich war der Vortrag des Professors ein weiteres Mosaiksteinchen in dem Bild, das uns zeigt, wir wunderbar Gott doch diese Welt und alles Weitere darum herum geschaffen hat. Obwohl ich nicht alles verstanden habe, ist mir doch klargeworden, dass es eine große und unsichtbare Ordnung in allem gibt, deren Gesetzmäßigkeiten uns Menschen zu einem Teil, wahrscheinlich zum größten Teil verborgen sind und auch verborgen bleiben werden.
Das Ineinandergreifen all dieser Zahnräder in der Natur, die im Übrigen ja funktioniert ohne, dass wir Menschen etwas dafür tun – ja die sogar viel besser funktioniert, wenn wir nicht eingreifen, all das zu einem kosmischen Zufall zu degradieren, ist, wie ich finde, einfach zu kurz gesprungen. Für Zufälligkeiten ist mir diese Erde einfach zu bunt und zu schön und wir Menschen zu einzigartig. Jeder und jede von uns ist ein Unikat, ein Wunder, dass seinen Ursprung in zwei Zellen genommen hat und schauen sie sich um, was wir allein heute hier im schönsten Braunschweiger Dom der Welt für eine Vielfalt haben.
In einer Liedstrophe aus unserem Gesangbuch heißt es: „Mein Auge schauet, was Gott gebauet, zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und groß.“ Und Paulus schreibt: „Da sich die Menschen für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“
Ja, es bleibt uns wohl nichts Anderes übrig, als anzuerkennen, dass wir die Vielfalt und Tiefe und die Großartigkeit und Wunderbarkeit der göttlichen Schöpfung niemals ganz ergründen werden. Immer dann, wenn Menschen meinten, soweit zu sein, mussten sie bald ihren Irrtum erkennen oder aber sie haben in ihrem Größenwahn schlimmen Schaden angerichtet. Stattdessen sollte uns Gottes Schöpfung doch eher demütig und dankbar werden lassen. Demütig, weil wir wissen, dass all das hier für uns nur auf Zeit ist und wir es verantwortlich für die verwalten sollen, die nach uns kommen. Und dankbar, weil wir und eben gerade wir so ein privilegiertes Leben geschenkt bekommen haben.
„Da sich die Menschen für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden“, eine gute Erinnerung auch daran, einfach mal auf dem Teppich zu bleiben. Und ich bin mir ganz sicher, dass Gott mich lieb hat, obwohl ich seine Relativitätsgesetze wohl niemals ganz verstehen werde.

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  Die oberen Zehntausend

Die oberen Zehntausend

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2019

Kennen Sie den Film „Die oberen Zehntausend“? Es ist eine Komödie aus den 50er Jahren und sie nimmt mit viel Klamauk die amerikanische Oberschicht des vergangenen Jahrhunderts auf die Schippe. Insbesondere werden die besonderen Verhaltensweisen und der Snobismus der Reichen und Schönen aufs Korn genommen, in deren Kreisen es häufiger mehr um den Schein als um das Sein geht.
Was im Film unterhaltsam dargestellt wird, hat auch in unseren Tagen einen realen Hintergrund. Auch in unserem Land gibt es heute bildhaft gesprochen „die oberen Zehntausend“ und der Abstand zwischen unten und oben, er wird immer größer. Wenn ein Reicher reicher wird ist das zunächst einmal nicht verwerflich, wenn aber die Armen ärmer und vor allen Dingen auch zahlreicher werden, ist das ein alarmierendes Signal. Und Armut ist ein immer weiter um sich greifendes gesellschaftliches Problem – wohlgemerkt auch in unserem Land. Die Kinderarmut nimmt zu und insbesondere ältere Menschen, die nur über geringe Renten verfügen, sind von Armut bedroht oder bereits betroffen. Der Abstand zwischen oben und unten nimmt immer weiter zu und es wird auch immer schwerer, sich vom Unten zum Oben hinaufzuarbeiten. Wie das Leben eines Menschen bezüglich seiner Bildungs- und Berufschancen und seiner materiellen Rahmenbedingungen verlaufen wird, hängt immer stärker davon ab, wohinein er geboren wird – ins Unten oder ins Oben. Das ist so in Deutschland aber noch viel, viel gravierender, wenn wir es weltweit betrachten.
Die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt, haben unfassbar schlechtere Chancen auf ein gutes, sicheres und armutsfreies Leben als wir. Dort, wo alle Energie darauf verwendet werden muss, das bloße Leben zu retten, ausreichend Nahrung und Wasser zu bekommen, da haben Themen wie Bildung und Wohlstand und dergleichen einen weitaus geringeren Stellenwert – ja sie finden nachvollziehbarerweise kaum statt. Aus einer solchen prekären Lebenssituation auszubrechen, ist nahezu unmöglich. Die reiche westliche Welt weiß um die genannten Missstände. Die reiche westliche Welt hätte Möglichkeiten, daran etwas zu verändern. Doch wirklich grundlegende Aktivitäten, die mehr sind als Feigenblätter, sind kaum absehbar. Wir haben es uns bequem gemacht in unserer westlichen Komfortzone und wollen irgendwie nicht so gerne wieder heraus.
Gottes Position wird in der heutigen Tageslosung deutlich, die da lautet: „Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt.“ Gott stellt sich ganz klar auf die Seite der Schwachen, der Unterprivilegierten, der Hilfsbedürftigen. In Jesus Christus und seinem Handeln wird diese Haltung mehr als deutlich und seine Erwartungshaltung an uns, die wir uns in seiner Nachfolge verstehen, im Übrigen auch. Was vor der Welt gering ist, hat Gott erwählt – dieses Bibelwort fordert uns auf, unser eigenes Tun und Lassen immer mal wieder kritisch zu hinterfragen.

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  Hiroshima

Hiroshima

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2019

Heute vor 74 Jahren wurde über Hiroshima eine Atombombe abgeworfen. Es war der erste Einsatz einer solchen Waffe überhaupt. Drei Tage später, am 9. August 1945 sollte Nagasaki dasselbe Schicksal ereilen. Der Befehl für den Atomwaffeneinsatz wurde übrigens auf deutschem Boden erteilt. Der amerikanische Präsident Truman befand sich auf der Potsdamer Konferenz, als er die Entscheidung traf. Die Bombe explodierte am 6. August um 8:16 Uhr und riss in dieser Sekunde 70.000 bis 80.000 Menschen in den Tod. Die zerstörerische Kraft der Bombe ist kaum beschreibbar. Wenn man sich Bilder der Stadt vor und nach der Explosion ansieht, kann man grob ahnen, welche destruktive Gewalt diese Waffe in sich trug. Neben der unmittelbaren Zerstörung waren eben auch die Spätfolgen der freigesetzten Radioaktivität gravierend. Schätzungsweise 60.000 Menschen starben an radioaktiver Verstrahlung noch Jahre nach der Explosion.
Nach Hiroshima und Nagasaki wurden bis heute in kriegerischen Auseinandersetzungen keine weiteren Atomwaffen eingesetzt. Ein Mangel an ihnen besteht jedoch nicht und die Gefahr eines Atomkrieges scheint zu wachsen – auch weil die Berechenbarkeit so mancher Staatenlenker und auch ihr Friedenswillen durchaus zweifelhaft erscheinen.
Doch es gibt auch immer wieder hoffnungsstiftende Initiativen, die uns verdeutlichen, dass viele Menschen in verantwortungsvollen Positionen verstanden haben, dass der Einsatz von Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen unter keinen Umständen eine ernsthafte Option sein darf. So gibt es eine UN-Resolution zur Kontrolle von Massenvernichtungswaffen, zahlreiche bilaterale Abkommen und weitere zwischen-staatliche Vereinbarungen.
Dennoch hängt das Damoklesschwert dieser menschen- und schöpfungsverachtenden Waffen über unserer Welt. Ein Frieden, der nur auf gegenseitiger Abschreckung, also auf der Angst basiert, dass sich der Angegriffene grausam wehren und rächen wird, ist immer nur die zweitbeste Wahl. Doch wir finden ihn häufig auf unserem Globus und in unserer Geschichte. Der bessere und wirkliche Frieden ist der, der auf gegenseitiger Wertschätzung und Freundschaft beruht, so wie wir ihn hier bei uns in Europa über die letzten Jahrzehnte hindurch erleben durften.
Ziel allen politischen Handelns, Ziel aller gesellschaftlichen Aktivitäten auch von uns als Kirche muss somit sein, das zwischen den Menschen und zwischen den Völkern bestehende Misstrauen und die daraus resultierende Angst zu beseitigen und durch Vertrauen und Respekt zu ersetzen. Das ist ein Ziel, das die Menschheit umfassend in ihrer Geschichte bedauerlicherweise noch nie erreicht hat. Doch darf das kein Grund dafür sein, es nicht immer wieder zu versuchen. Wir haben Gott dabei auf unserer Seite – dessen dürfen wir sicher sein. Die nötigen Entscheidungen zu treffen und die richtigen Wege zu beschreiten, bleibt allerdings unsere Aufgabe. Der Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima kann uns eine deutliche Mahnung daran sein.

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  Gute Werke

Gute Werke

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2019

Immer wieder werden wir mit Nachrichten konfrontiert, die uns fassungslos machen und uns erschüttern. Vergangene Woche wird ein achtjähriger Junge in Frankfurt vor einen Zug gestoßen und kommt dabei ums Leben, in den USA sterben über 30 Menschen bei zwei Amokläufen, Leben wird zerstört durch Terror, Krieg und Gewalt an so vielen Orten auf dieser Welt. Uns erreichen diese Nachrichten, wir sehen diese Bilder und in mir höre ich die Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie kann das alles ein Ende finden?“. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit einmal anschaut, lässt sich daraus wenig Hoffnung schöpfen. Ein dauerhaft friedliches Miteinander scheint schwer erreichbar zu sein. Immer wieder gab es Kriege, ungerechte Verteilung von Lebensraum, Lebensmitteln und Lebenschancen und dass wir hier in Mitteleuropa über 70 Jahre in Frieden leben, ist fast schon eine Sensation.
Da die menschliche Geschichte auf dieser Welt also offenbar untrennbar auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit verbunden ist, könnte man auf Idee kommen, Gott in die Verantwortung zu nehmen. Denn wenn er allmächtig ist, könnte er schließlich auch dafür sorgen, dass wir uns hier auf diesem Globus alle vertragen und liebevoll miteinander umgehen, oder? Das ist, mit Verlaub, eine typisch menschliche Sicht auf das Thema. Wenn es unangenehm wird, versuche ich die Verantwortung anderen in die Schuhe zu schieben und wenn es gut läuft, kassiere ich Lob und Bewunderung selbst ein.
Doch so läuft das nicht und so hat Gott es für uns auch nicht vorgesehen. Er schenkt uns unser Leben und lässt uns loslaufen auf unserem Lebensweg. „Mach das Beste draus!“, könnte man ihn uns zurufen hören, „ich helfe Dir gern und passe auf Dich auf. Aber Deine Entscheidungen musst Du schon selbst treffen.“ Ja, Gott schickt uns los in unser Leben und stattet uns mit großen Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheiten aus. Und er zeigt uns auch, wie ein gutes Leben aussehen kann. Er lebt es uns vor in seinem Sohn Jesus Christus, der unser aller Freund und Bruder geworden ist. Die Tageslosung aus dem Epheserbrief greift dies auf. Wir lesen dort: „Wir sind Gottes Werk, geschaffen in Christus zu guten Werken.“
Gute Werke sollen wir vollbringen auf dieser Welt, damit es unseren Mitmenschen, Gottes Schöpfung insgesamt aber auch uns selbst gut geht. Das ist Gottes Erwartungshaltung an uns Menschen. Sie zu erfüllen ist meines Erachtens der einzige Weg, der aus der sich vielerorts immer schneller drehenden Gewaltspirale herausweist, der einzige Weg, der zu Gerechtigkeit und Frieden führt. Dieser Weg ist nicht leicht zu gehen und erfordert ein hohes Maß an Einsicht und Veränderungsbereitschaft. Doch wir dürfen sicher sein, dass wir Gott bei alledem an unserer Seite haben.

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  Frieden, Segen und das nahe Himmelreich…

Frieden, Segen und das nahe Himmelreich…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.08.2019

In dieser sommerlichen ersten Augustwoche heißt es in den Herrnhuter Tageslosungen aus den Sprüchen des weisen Predigers Salomo: „Wenn eines Menschen Wege dem Herrn wohlgefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen.“
Das sind Worte, die man jungen und alten Menschen sagen kann und die doch etwas von langen Wegen wissen. Es sind Worte, die etwas davon erzählen, dass Schuld vergeben werden kann und Wunden heilen, Beziehungen neu werden, dass man seinen Frieden gemacht hat und in Frieden gehen kann.
Ob sich Letzteres daran festmacht, wie es mit unseren Feinden geworden ist? Ich glaube, es hilft, sich bewusst zu machen, dass unsere Feinde ja vielleicht nicht zuallererst diejenigen sind, die irgendwo im Hinterhalt lauern oder sich überlegen, wie sie uns am besten schaden können – die meisten Feinde haben wir wahrscheinlich vielmehr mit uns und in uns selbst…
Irgendwann kennt man sie alle und wenn das nicht gleichbedeutend damit ist, ihnen zu Gefallen gewesen zu sein, sich ihren hässlichen Ansinnen gebeugt zu haben, wenn wir unsere Feinde in Schach halten konnten und versucht haben, unsere Wege immer wieder in Gottes heilsame Nähe und vor sein Angesicht zu lenken, dann – so sagt es das alte lebensweise Wort – wird es möglich, Frieden zu machen. Dann begreifen wir, dass wenn Gott uns gnädig ansieht, wir auch in Frieden mit uns selbst und unseren Nächsten leben können…
Gestern vor genau dreißig Jahren hieß es in eben diesen Tageslosungen: „Der Herr hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände. Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“
Das Geburtstagskind, dem wir all diese Bibelworte heute sagen, war schon 1989 nicht mehr ganz jung und mutmaßte wohl auch schon, dass die Zeit des Säens allmählich zuende gehen würde.
Aber es ist noch ein bisschen Wasser die Oker runtergeflossen und gab noch mancherlei Gelegenheit, blitzwach Erstaunliches zu verfolgen: die deutsche Wiedervereinigung, die digitale Revolution und weit weniger bedeutsam aber ganz nah dran: zwei Frauen am Dom…
Liebe Frau Levin, nun sind sie heute hier und mehr als ein Jahrhundert alt. Es ist zum Staunen und dankbar sein. Dem Dom sind Sie zum Segen geworden. Wir gratulieren von Herzen und wünschen Ihnen, dass sie Gottes Segen jetzt ganz deutlich spüren, dass seine Gnade sie wärmt und dass Ihnen guttut zu wissen, dass es über diesem Monat heißt: „Das Himmelreich ist nahe.“

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  Der Wald…

Der Wald…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.08.2019

An einem niedersächsischen Forsthaus aus dem 17. Jahrhundert steht geschrieben:
„Ich bin der Wald / Ich bin uralt / Ich hege den Hirsch / Ich hege das Reh / Ich schütz Euch vor Sturm / Ich schütz Euch vor Schnee / Ich wehre dem Frost / Ich wahre die Quelle / Ich hüte die Scholle / Bin immer zur Stelle
Ich bau Euch das Haus / Ich heiz Euch den Herd / Drum ihr Menschen
Haltet mich wert!“
Der Wald. Ohne ihn ist die deutsche Seele, das deutsche Gemüt nur schwer zu begreifen. Anlässlich einer Waldausstellung im Berliner Historischen Museums konnte man seinerzeit lesen: „Die Waldesliebe der Deutschen ist ein eigentümliches Ding. … Tief hat sich der Wald als wildromantische Kulisse in das Bewusstsein der Deutschen gegraben, als Schutz- und Freiheitsaum ihre Identität geprägt. … Die deutsche Identität ohne den Wald zu denken: es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schillers Räuber hausen dort, Hänsel und Gretel verlaufen sich darin, Rübezahl schützt ihn. .. Und wenn sich die Deutschen immer häufiger im Wald begraben lassen, in kühler Erde unter hohen Wipfeln, führt sie das … dorthin zurück, woher ihre Urväter in Horden über die Römer herfielen.“ Und was wären wir ohne Caspar David Friedrichs knorrige Eichen und grüne Tannen?
Dass der Wald missbraucht und instrumentalisiert wurde, mit nationalistischem Pathos überladen, dass die deutsche Eiche als Männlichkeitsideal herhalten musste, all das ließe sich lange ausführen.
Auch der Wald spiegelt gesellschaftliche Fragen.
Das Wort „Nachhaltigkeit“ entstand in der Forstwirtschaft.
Dass es dem Wals schon eine Weile nicht wirklich gutging, konnte man ahnen. Aber jetzt macht er uns wirklich Sorgen, womöglich stirbt der Wald, wie wir ihn kannten und lieben.
Es ist zu heiß und zu trocken. Seine Widerstandsfähigkeit bricht ein. Ohne ausreichend Harz ist er eine leichte Beute für die Borkenkäfer. Von Unwettern, Stürmen und zu schwerer Schneelast ganz zu schweigen…
Die Fichtenmonokultur war keine so gute Idee. Die Holzwirtschaft liegt am Boden.
Das dämmert nun auch der Politik …
Dabei hätten wir längst wahrnehmen können, dass die Schöpfung ächzt und stöhnt. Für dieses Jahr haben wir alle Ressourcen, die unsere Erde wieder generieren kann, verbraucht. Wir leben auf Verschleiß und unsere Seelenlandschaften bleiben davon nicht verschont.
Wer weiß, was gestern in der zauberhaften Umgebung des sächsischen Jagdschlosses Moritzburg von Julia Klöckner und ihren Kollegen beraten und geredet worden ist.
Die alten Psalmbeter und Propheten wussten jedenfalls schon, was wir jetzt vor Augen haben: „Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen; denn der dichte Wald ist umgehauen….“ Und sie wussten auch, dass Umkehr möglich ist, Neuanfang und Bewahrung, denn „es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“

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  Unsere Nachbarn – Blick nach Warschau

Unsere Nachbarn – Blick nach Warschau

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2019

Nachbarschaft hat verschiedene Dimensionen, im Englischen werden sie deutlich. „Neighborhood“ meint räumliche, „community“ soziale Nähe.
Neighborhood kann man sich nicht aussuchen. Damit Nachbarschaft gelingt, damit sich Vertrauen einstellt, muss man sie gestalten. Das Bewusstsein für diese Art der Schicksalsgemeinschaft geht jedoch in unserer modernen Gesellschaft allmählich verloren. Man kümmert sich um sich selbst.
Nachbarn haben wir dennoch, im Kleinen wie im Großen. Sie feiern neben uns und trauern neben uns. Kälte entsteht dort, wo wir nichts mehr voneinander wissen.
Das gilt im privaten Leben und mindestens so sehr in unserem gemeinsamen Haus Europa.
Nicht zuletzt deshalb sollte uns nicht egal sein, dass unsere Nachbarn im Osten heute einen Feiertag begehen, der von der Sehnsucht nach Freiheit erzählt, von dem Mut dafür zu kämpfen. Zugleich ist es ein Jahrestag, der nur mit großen Schmerzen erinnert werden kann. Denn heute vor 75 Jahren, am ersten August 1944, begann der Warschauer Aufstand, nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto.
Es war die größte Widerstandsbewegung in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs. Nicht zuletzt wegen der Zurückhaltung Stalins ging dieser Kampf verloren. Die Deutschen rächten sich bitter: 200.000 polnische Soldaten und Zivilisten wurden getötet, etwa eine halbe Million anschließend deportiert, Warschau fast komplett zerstört…
Nachbarschaft ernstnehmen heißt auch, sich zu erinnern.
Erinnern, dass Polen nicht nur die deutsche Besetzung erlitten hatte, das Hindurchrollen der Fronten, den Missbrauch des Landes für die Errichtung von Konzentrationslagern. Im Gegensatz zu den Nachbarn im Westen galten die slawischen Polen den Deutschen in ihrem Rassenwahn auch als minderwertig. Himmler hatte deshalb vorgeschrieben: „Für die nicht-deutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein, Lesen halte ich nicht für erforderlich. … Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen.“
Schlimme Schicksale, die Letzteres dokumentieren gibt es viele, nicht zuletzt in der VW-Gedenkstätte in WOB für die Zwangsarbeiter.
Aus dieser Missachtung und Diskriminierung, aus der Angst und Not des Krieges, aus dem Hunger wuchs den Menschen Kraft. Und offenbar auch aus ihrem Glauben.
Einer der dabei war, Miron Białoszewski, dessen unzensierte Erinnerungen aber erst jetzt auf Deutsch erschienen sind, erzählt: „Es krachte. Etwas stürzte ein. Immer näher. Fast schon in unserem Luftschutzraum – da stand auf einmal eine kleine Frau in einem hellen Mantel. Niemand kannte sie. Und plötzlich begann sie zu sprechen. Monoton, aber so, dass jedes Wort in seiner vollen Bedeutung an meine Ohren drang: ‚Wer im Schutze des Höchsten sitzt, der ruht im Schatten des Allmächtigen. Ich spreche zum Ewigen: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue.“


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  Fundsachen

Fundsachen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.07.2019

Heute vor 75 Jahren startete Antoine Saint-Exupéry zu seinem planmäßig letzten Aufklärungsflug. Er kehrte nicht zurück.
Es ist viel darüber spekuliert worden, ob der weltberühmte Autor des kleinen Prinzen verunglückte oder abgeschossen wurde. Vielleicht wollte er auch seinem Leben ein Ende setzen. Erst Jahrzehnte später fand ein Fischer aus Marseille beim Säubern seiner Netze ein Silberarmband mit den Gravuren der Namen Saint-Exupérys und seiner Frau Consuelo, sowie der Namen und Adresse seiner Verleger in New York. Noch später wurden Teile seines Flugzeuges im Mittelmeer geortet und geborgen…
Er fand sein Grab im Mittelmeer.
Damals hätte Antoine Saint-Exupéry sich vermutlich nicht vorstellen können, was es bedeuten würde bei einem Aufklärungsflug überfüllte und später sinkende Schaluppen und Schlauchboote zu sehen, von oben hilflos mit zusehen zu müssen, wie Menschen ertrinken. Exúpery wusste, wie sich das anfühlt. In den 30er Jahren hatte er als Testpilot für Wasserflugzeuge gearbeitet und war dabei einmal fast ertrunken. Später war er in der Nähe von Kairo abgestürzt und fünf Tage ohne Wasser durch die Wüste gelaufen, bis ihn eine Karawane fand und rettete.
Er wusste, wie ist durch die Todesnot zu irren angewiesen darauf, gerettet zu werden. Aus all seinen Erlebnissen und seinen Verlusten entstand schließlich während des zweiten Weltkrieges in New York der kleine Prinz, die traurige Figur eines einsamen armen Weltdurchschauers, der doch so sanft und menschenfreundlich daherkommt. Ihm legte Saint-Exupéry die berühmten Worte in den Mund: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar...“
Mit den Augen sehen wir Zahlen und Statistiken. Mit den Augen lesen wir die Nachrichten von den vielen ertrunkenen Menschen vor der lybischen Küste…
Wer weiß vielleicht finden Fischer eines Tages Schlüsselanhänger in ihren Netzen, vielleicht fischen sie jetzt schon Kinderschuhe… das wird für die Augen schwer. Und unerträglich für das Herz: Denn mit dem Herzen lesen heißt, verlorene Hoffnung und vergebliches Vertrauen zu lesen, ertrunkene Begabung und Liebe, gestorbene Menschlichkeit.

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  Keiner ist ersetzbar…

Keiner ist ersetzbar…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.07.2019

Eintracht ist wunderbar in die Saison gestartet. Zwei Spiele und zwei Siege. Nachher muss auswärts gegen Carl-Zeiss-Jena angetreten werden. Ein Dritter Sieg würde dann schon als Traumstart gelten.
Aber Bernd Nehrig ist krank. Er muss sich auskurieren; einen verschleppten Infekt kann keiner gebrauchen, schon gar nicht der Kapitän eine Mannschaft, die wieder in die zweite Liga will. Und weil es auf die Mentalität, die Haltung ankommt, wie Trainer Flüthmann betont, gibt es keinen Grund zur Panik, denn „jeder Spieler ist ersetzbar…“
Da muss er, was seinen Kader betrifft, natürlich Recht haben. Es wäre eine grob fahrlässige Zusammenstellung der Truppe, wenn der Ausfall eines einzelnen Spielers – damit muss man beim Leistungssport ja leider immer rechnen – dazu führen würde, dass bestimmte Funktionen innerhalb des Teams oder Positionen im Spielaufbau nicht mehr besetzt werden könnten. Insofern, ja. Jeder ist ersetzbar, damit der Laden läuft.
Das gilt hier im Dom auch. Die Erde dreht sich weiter und das Alltagsgeschäft muss laufen, auch wenn jemand fehlt. Es wäre zudem enorm anmaßend, sich selbst für unentbehrlich zu halten.
Und trotzdem: Keiner ist ersetzbar. Jeder ist so besonders und einzigartig, dass er eine Lücke lässt. Bernd Nehrig wird genauso fehlen wie die Menschen fehlen, die unter uns nicht mehr da sind. Natürlich kann ihren Job eine andere machen. Aber sie wird es mit einer anderen Handschrift tun, anderen Schwerpunkten. Genauso kann ein verwaister Partner einen neuen Lebensgefährten finden, mit dem er Tisch und Bett teilt, in den Urlaub fährt, lebt. Aber es ist nicht dasselbe.
Denn keiner ist ersetzbar.
Jede und jeder ist ein unverwechselbares Geschöpf, mit seinen Eigenheiten, Gaben, Macken und Schwächen. Jeder reißt eine Lücke und die Leere, die dann bleibt, kann man mit Erinnerungen fühlen – nicht mit Ersatz.
Wir alle sind, Gott sei Dank, Unikate. Denn im 139 Psalm heißt es: „Du, Gott, hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, … Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben.“
Bernd Nehrig fällt hoffentlich nur ganz kurz aus. Und hoffentlich steht an seiner Position einer, der wie der Kapitän ein einzigartiger und besonderer Mensch und Spieler ist und deshalb genau diesen Job gut macht.

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  Marta von Bethanien

Marta von Bethanien

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.07.2019

Am heutigen 29. Juli erinnern wir an Marta von Bethanien. Von ihr berichten die Evangelisten Lukas und Johannes und beide sind sich in ihren Darstellungen darüber einig, dass Marta eine „Macherin“ war. Bei Lukas wird beschrieben, wie Jesus sie und ihre Schwester Maria besucht. Und während Maria zu Jesu Füßen Platz nimmt und ihm zuhört, wuselt Marta durchs Haus, um aufzuräumen, das Essen vorzubereiten und alles Mögliche zu erledigen – schließlich ist ja hoher Besuch da. Jesus findet Marias Haltung besser. Er sagt, dass es wichtiger ist, auf sein Wort zu hören, als in Aktionismus zu verfallen, der sich dann meist auch noch auf Äußerlichkeiten bezieht.
Bei Johannes geht es um die Auferweckung des Lazarus von den Toten. Lazarus ist Marias und Martas Bruder und Marta kommt mit Jesus in ein intensives Gespräch in dem sie bekennt, dass sie in Jesus den Christus sieht, den Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Und dieses Bekenntnis gibt sie wohlgemerkt ab, bevor Jesus das Auferweckungswunder getan hat.
Marta packt also an. Sie schmeißt den Haushalt, während ihre Schwester Jesus Gesellschaft leistet und ihm zuhört und sie geht Jesus entgegen und sagt ihm sehr deutlich, dass er den Tod des Bruders hätte verhindern können, wenn er denn rechtzeitig vor Ort gewesen wäre. Und bei alledem steht sie fest im Glauben: „Ja, ich glaube, dass du der Christus bist!“ Marta steht für eine Lebensweise, die auch „vita activa“, tätiges Leben, genannt wird. Viele Ordensgemeinschaften haben sich dieses Leitbild gewählt und widmen so ihr Leben der Unterstützung Hilfsbedürftiger, zum Beispiel in der Krankenpflege. Und irgendwie leben viele, die in der Kirche aktiv sind – sei es haupt- oder ehrenamtlich – zumindest teilweise ein Leben, das an Martas Lebensart erinnert.
dagegen ist zunächst einmal auch gar nichts einzuwenden. Ja, Jesus sagt, dass Maria das bessere Teil gewählt hat, aber er sagt eben nicht, dass Martas Teil schlecht ist. Doch es gilt, das rechte Maß zu wahren und ich selbst ertappe mich des Öfteren dabei, dass ich zu sehr Marta bin. Dann verliere ich im Trubel des Alltags im Büro in der Bank meinen Glauben aus dem Blick, dann reiht sich Gottesdienst an Gottesdienst und Andacht an Andacht, was große Freude macht, aber eben auch immer mit Aktivität verbunden ist. Und die Momente, in denen ich Jesus tatsächlich in Ruhe mal zuhöre, die werden ganz schön rar.
Aber wir brauchen diese Zeiten der Kontemplation, diese Phasen, in denen wir auf Gottes Wort hören, ihm nachspüren im Gebet und in der Meditation, damit wir danach wieder Kraft haben, aktiv zu werden und vor allen Dingen, damit wir wissen, welcher Kurs in unserem Leben der richtige ist. Maria und Marta im Gleichgewicht, Erkennen und Handeln in guter Balance, Aufnehmen und Wiedergeben in gesundem Wechselspiel, ich denke, dass das ein stabiles Fundament für ein zufriedenes christliches Leben sein kann. Heute erinnern wir an Marta, die Aktive, doch auch ihre Schwester Maria sollten wir dabei nicht aus dem Blick verlieren.

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  Wenn wir in Frieden beieinander wohnten…

Wenn wir in Frieden beieinander wohnten…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.07.2019

Die Sonne brütet und wir mit. Wunderbar, dass es hier und dort Straßenbäume gibt und ein schattiges Plätzchen, Springbrunnen und Wasserspiele, Plätze und Parks. Ein Glück, dass Stadtplaner in früheren Zeiten im unbebauten Raum nicht zuerst Parkplätze und Verkehrsinseln gesehen haben, sondern Oasen. Dass sie Achsen geliebt haben, damit eine Stadt atmen kann und der Blick nicht immer gegen Wände knallen muss – natürlich auch, damit eine herrschaftliche Karosse gesehen und von winkenden Untertanen oder Fans flankiert werden kann…
Straßen waren früher, so erklärt es der dänische Architekt Jan Gehl, Bewegungs- und Begegnungsraum. Plätze sollten das Auge erfreuen ohne sich zu verlieren. Gelungener Städtebau kannte das menschliche Maß und wusste um seine Bedeutung für uns. Der Fokus lag dabei nicht zuerst auf dem Gebäude, sondern auf dem Raum.
Das änderte sich mit dem aufkommenden Modernismus, der Motorisierung und dem großen Wiederaufbau nach 1945. Es gab in den zerbombten Städten zuviel Raum…
In manchen Zentren entstanden so bauliche Strukturen, die gut waren für den Kapitalmarkt und das Ego einzelner Architekten, perfekt für immer größer werdende Autos. Aber was ist, wenn alles zu kalt, zu glatt, zu groß ist? Was passiert, wenn Städte ungeeignet sind, um spazieren zu gehen oder Kinder großzuziehen, Menschen zu beobachten und von ihnen zu lernen, ihnen zu begegnen? Was bedeutet es, wenn Wahrzeichen einer Stadt Bankentürme sind, nicht Kirchen? Was passiert, wenn wir beim Bauen vor allem an Immobilienpreise und Parkplätze denken, Menschen von ihren Funktionen her betrachten – sie also vor allem als solche sehen, die einen Platz zum Schlafen brauchen und zum Essen, die ihren Arbeitsplatz erreichen müssen?
All das scheinen Fragen zu sein, die Menschen zunehmend umtreiben.
In einem modernen Kirchenlied hieß es schon in den 70er Jahren: „Komm bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum der Schatten wirft und beschreibe den Himmel, der uns blüht…“ Und mit einem alten Abendmahlslied aus dem 18. Jhdt klingt an, was auch heute zentrale Frage unseres Zusammengebens nicht nur in der Stadt ist: „Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte Stärkten und die Schwachen schonten, dann…“ Dann gäbe es weniger Vereinsamung und weniger Hass, keine toten Bürgermeister, dafür Kinderlärm und freundliche Menschenlaute.
All das scheint um uns herum zu passieren. Menschen erobern sich Straße und Plätze zurück. Sie bewohnen ihre Städte wieder, in Palermo und Paris, in Clausthal-Zellerfeld und Wolfenbüttel.
Man kriegt Lust, den Himmel zu beschreiben, der da zu blühen beginnt…



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  Schätze

Schätze

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.07.2019

Schätze muss man suchen. Am besten mit Schatzkarte oder doch mindestens einem gezielten Verdacht. Allermeist findet man Schätze ja nicht, in dem man drüberfällt. Obwohl…
Manchmal braucht es Ordnungsliebe und Gründlichkeit; dann findet sich im Krempel von Generationen auf einmal das Besondere.
Manchmal braucht es das liebevolle Kennerauge, das hinter der gewöhnlichen wenn nicht sogar ramponierten Oberfläche die Kostbarkeit erahnt und entdeckt.
Manchmal braucht es zähen Willen, einem vergessenen Gegenstand seine Schönheit zu entlocken, einen Schatz wiederzufinden.
Das hab ich gestern erlebt als mir unser Domvogt eine Abendmahlskanne aus dem 17. Jahrhundert zeigte, von deren Existenz ich nichts wusste. Er hat sie so lange geputzt, bis die feine Silberarbeit mit allen Details wieder zum Vorschein kam.
Ein kleiner Schatz, der auf einen größeren verweist, denn eingraviert mit fein geschwungen Buchstaben steht: „Kommt her zu mir, ich will euch erquicken.“ Vollständig heißt das Bibelwort aus dem Matthäusevangelium: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Mit alten Worten kann es wie mit alten Kannen sein.
Zu oft gehört und nun als alt, verbraucht und verstaubt vergessen…
Aber dann fällt man auf einmal an einem glühheißen Arbeitstag darüber und hört das Wort „erquicken“ ganz neu und wohltuend, wie ein erfrischendes Getränk, eine kühle Kompresse, ein sanfter Lufthauch…
Erquicklich eben. Quick oder keck sind Wortwurzeln, in denen Lebendigkeit und Frische wenn nicht sogar ein bisschen belebender Übermut mitschwingt. Erquickung wirkt wie ein Lebenselixier, ein Lebenssaft.
Manchmal braucht es den nur, wenn es zu heiß ist …
Manchmal aber drückt uns das ganze Leben nieder, unser eigenes Tun und Lassen, unser Unvermögen und unsere Unbeweglichkeit, unsere Schuld. Manchmal können wir uns selbst nicht mehr erweichen. Manchmal ist öfter als man denkt. Und wenn dann einer sagt. „Kommt her“ und wenn dann einer mit Brot und Wein auf uns wartet, dann ahnt man, was wirkliche Erquickung ist.
Was für ein kostbarer Schatz.
Und wie schön, dass er nun in einer wiederentdeckten Kanne daherkommt, die mal einer mit sehr viel Liebe gemacht und ein anderer mit genauso viel Liebe geputzt hat.



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  Dem Himmel so nah…

Dem Himmel so nah…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.07.2019

Heute Morgen kam der Sonderzug mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Südtirol zurück. Drei Wochen haben die Jugendlichen in ihren Gemeindegruppen in den Bergen gelebt. Für viele von ihnen war das eine völlig neue Erfahrung. Sie beginnt beim Erstaunen darüber, welche Kraft und selbstverständliches Funktionieren dem eigenen Körper innewohnen, denn unten im Tal kann man sich nicht vorstellen, solche Wände allein mit Muskelkraft übersteigen zu können oder ach so ferne blaue oder weiße Gipfel zu erreichen.
Unterwegs kann man dann erleben, dass Heldinnen und Kavaliere geboren werden. Denn es sind nicht immer die Tonangeber und Klassenbesten der Welt unten, die sich in den Bergen als zähe Stützen und Mutmacher erweisen, die noch Kraft haben einen zusätzlichen Rucksack zu tragen…
Oben angekommen weiten sich Himmel und Horizont, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Die Schöpfung ist atemberaubend, der Mensch ganz klein. Dimensionen und Perspektiven verändern sich.
Oben angekommen erlebt man, dass die Probleme, Fragen und Sorgen im Tal geblieben sind. Diese Erkenntnis hat viele Aspekte: Die Hektik des Tales kann man in den Bergen nicht gebrauchen. Gipfel rennen nicht weg und Wanderschritte führen langsam und gleichmäßig besser zum Ziel.
Noch eindrücklicher ist aber die Nähe zum Himmel. Auf einmal spürt man sich an der Schnittstelle zwischen Himmel und Erde, Mensch und Schöpfer. Dass Berge immer auch Orte der Gotteserfahrung und –offenbarung gewesen sind, dass Menschen sie als heilig empfunden und dort Gottes Wohnsitz vermutet haben, wundert dann keinen mehr.
Und schließlich beginnt man mit allen Fasern an Leib und Seele zu begreifen, dass unser Gott nicht nur größer und herrlicher ist als alles, was wir denken können sondern dass wir ihn auch zu fürchten haben.
Denn wer viel in den Bergen ist, weiß, genau wie auf hoher See oder in der Wüste, dass die Naturgewalten auch bedrohlich werden können, manchmal lebensgefährlich. Nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden spüren dann, dass ein Gottesbild, welches den lieben Gott erzählt, unvollständig ist.
So erfährt der Wanderer, dass er abhängig ist von Schutz und Geleit, den Wegzeichen und Wegweisern, der Notwendigkeit den Himmel lesen zu lernen. All das ist mehr als nur Wanderei. Es ist Lebens- und Glaubensschule.


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  ... damit die Seele Lust hat

... damit die Seele Lust hat

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.07.2019

Gestern gab es Kuchen im Büro, weil ein Kollege Geburtstag hatte. Auch an Servietten hatte er gedacht und die waren nicht nur irgendwie bunt, sondern sie hatten einen Spruch aufgedruckt und der ging so: „Man sollte dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Das hat mich sehr angesprochen und ich habe dann auch gleich zugegriffen und mir und meinem Leib ein Stück Geburtstagskuchen gegönnt.
Das Kuchen-Essen klappte einigermaßen unfallfrei und so lag die Serviette am Abend noch immer auf meinem Schreibtisch und ich bin wieder an dem Spruch hängengeblieben. Man sollte dem Leib etwas Gutes bieten. Klar ist das zunächst einmal als Appetitmacher gedacht, damit uns das Essen besser schmeckt und wir den Eindruck haben, damit etwas Gutes für uns zu tun. Doch es lässt sich auch größer denken. Was heißt es denn, wenn unsere Seele Lust hat, in uns und mit uns und bei uns zu sein? Naja, es heißt, dass es ihr gut geht, dass sie sich wohl fühlt. Und der nächste Gedanke: Wenn es meiner Seele gut geht, dann geht es wohl auch mir gut, dann passt es einfach irgendwie, dann bin ich mit mir im Reinen.
Das ist eines der schönsten Lebensgefühle überhaupt. Wenn ich mit mir im Reinen bin, dann kann ich mich annehmen, so wie ich bin. Ich akzeptiere meine Unzulänglichkeiten – die äußerlichen genauso wir die innerlichen und ich freue mich über das, was an mir selbst positiv ist. Das darf man sehr wohl tun. Wir sollen uns lieb haben, denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir uns auch selbst mögen. Menschen, die sich selbst permanent in Frage stellen, verlieren irgendwann den Boden unter Füßen, denn mit der dauernden und umfassenden Selbstkritik geht auch das Selbstbewusstsein in die Knie, ohne dass wir aber nicht durchs Leben kommen.
Allerdings gilt auch hier, genauso wie beim Geburtstagskuchen: Es kommt auf ein gesundes Maß an. Wenn die Selbstliebe zu groß wird, in Egoismus und Narzissmus umschlägt, ist das gesunde Maß überschritten. Dann kriegt man es mit diesen Teflon-Typen zu tun, die so aalglatt sind, dass an ihnen alles rückstandsfrei abperlt – wirklich alles und eben auch berechtigte Kritik und berechtigte Selbstzweifel.
Doch sich morgens im Spiegel freundlich zuzulächeln, dankbar zu sein für den neuen Tag und das Leben und den Sommer und diese Welt – das ist ganz sicher sehr in Ordnung und es macht das Leben schöner. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott sich freut, wenn es uns gut geht und Jesus Christus sagt: Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben und volle Genüge. Und das beinhaltet ganz sicher auch ein kleines zweites Stück vom Geburtstagskuchen, wenn uns und unserer Seele denn danach ist.

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  Gespenster

Gespenster

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.07.2019

„Ach, Du siehst doch Gespenster!“ Hat man das zu Ihnen auch schon einmal gesagt? Immer dann, wenn wir trübe Vorahnungen haben, wenn uns Befürchtungen plagen, wenn wir Risiken sehen, die andere für überzogen halten, müssen wir mit dieser Aussage rechnen. „Ach, Du siehst doch Gespenster!“
Gespenster sind was Böses, was Gefährliches, etwas, wovor man Angst hat. So jedenfalls die landläufige Meinung. Insbesondere Kinder fürchten sich vor ihnen und gruseln sich – manchmal auch ganz gerne – bei Gespenstergeschichten. Als ich Kind war, habe ich mit Gespenstern immer nur Hui Buh verbunden, das Schlossgespenst mit der rostigen Rasselkette, das von Hans Clarin auf Schallplatte gesprochen, so gar nicht furchteinflößend war. Ganz im Gegenteil: Es war total sympathisch und liebenswert, etwas schusselig und hilfsbedürftig. Und somit war mein kindliches Gespensterbild eigentlich ein sehr positives. Aber das ist natürlich eine sehr persönliche Sicht auf das Thema.
Auch in der Bibel geht es um Gespenster – also natürlich nicht nur, aber eben auch. Als Jesus auf dem Wasser des Sees Genezareth läuft und seine Jünger ihn sehen, da riefen sie erschrocken: „Es ist ein Gespenst!“ Ja, wir könnten jetzt überheblich die Augenbrauen hochziehen und denken: „Typisch! Ist ja nicht das einzige Mal, dass sie nicht begreifen, was da vor sich geht.“ In der Tat passiert es den Jüngern einige Male, dass sie nicht verstehen, was Jesus ihnen sagt, ihnen vorlebt oder was sie mit ihm zusammen erleben. Aber sind wir da wirklich so viel besser unterwegs? Wir haben den unschätzbaren Vorteil, dass wir wissen, wie die Geschichte um und mit Jesus Christus weitergeht. Die Jünger stecken mittendrin in dieser Geschichte, sie sind Teil von ihr und da ist ihr zögerliches Begreifen mehr als nachvollziehbar, wie ich finde. Hinterher ist man immer schlauer, das ist heute genauso richtig wie vor 2000 Jahren und so sollten wir durchaus Verständnis aufbringen für die verschreckte Jüngerschar.
Doch noch einmal zu uns selbst. Erkennen wir denn immer sofort und ohne Zögern und Misstrauen, wenn Gott in unserem Leben sichtbar wird? Wenn er sich uns zeigt in den Menschen, die er uns zur Seite stellt, in den Türen, die er uns aus ausweglosen Situationen öffnet, in dem plötzlich aufkommenden Gefühl des Getragen-Seins – sagen wir dann sofort: „Danke, Gott, dass Du da bist!“ Oder suchen wir nicht erst einmal nach weltlichen Erklärungen für das Erlebte? Ich denke, dass wir Gottes Handeln oftmals erst dann für möglich halten, wenn wir alles andere widerlegt haben. Aber warum machen wir Gott zur ultima ratio? Warum lassen wir ihm nicht mehr Raum in unserem Leben und in unserem Erleben?
Jesus sagt zu den erschrockenen Jüngern: „Ich bin’s. Fürchtet Euch nicht!“ Das ist auch die Tageslosung für heute. Ich bin davon überzeugt, dass er diesen Satz auch oft genug zu uns sagt. „Ich bin’s

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  Ohne Fleiß kein Preis

Ohne Fleiß kein Preis

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.07.2019

„Ohne Fleiß kein Preis“, dieses Sprichwort dürfte Ihnen allen geläufig sein. Seine Botschaft ist, dass uns nichts einfach so in den Schoß fällt, sondern dass wir uns bemühen und kümmern müssen, wenn wir etwas erreichen, erhalten oder auch behalten wollen. „Von nichts kommt nichts“ geht in dieselbe Richtung und es gibt noch ein paar weitere Lebensweisheiten desselben Inhalts. Ich glaube, dass es eine ziemlich deutsche Sicht der Dinge ist, die darin zum Ausdruck kommt. Es gibt sogar Volkslieder, die diese Lebenshaltung transportieren. Da heißt es zum Beispiel: „Wer nur den lieben langen Tag ohne Plag, ohne Arbeit vertändelt, wer das mag, der gehört nicht zu uns.“
Einen Job zu haben, einen Beruf, einen Arbeitsplatz, das ist wesentlicher Bestandteil unseres Gesellschaftssystems. Damit wir durchs Leben kommen, ist es für fast jede und jeden unabdingbar, Geld zu verdienen. Und angesichts des Zeitumfanges, den man so mit dem Beruf und im Beruf verbringt, wird dieser Lebensinhalt auch zwangsläufig lebensbestimmend. Es gilt wachsam zu sein, um sicherzustellen, dass andere Lebensbereiche dabei nicht zu kurz oder gar ganz unter die Räder geraten – Familie, Gesundheit, Freizeit und eigene Hobbies und Interessen fallen schnell mal der beruflichen Karriere zum Opfer. Die Work-life-balance stimmt dann nicht mehr, wie wir heute auf gut Neudeutsch sagen.
Aber muss man sich denn wirklich für alles anstrengen oder gibt es vielleicht auch irgendetwas einfach so? Hier in der Kirche, im schönsten Braunschweiger Dom der Welt, überrascht meine Antwort auf diese Frage nicht wirklich: Na klar gibt es vieles geschenkt, aus Gottes Hand, einfach so und eben auch ohne, dass wir uns dafür krummlegen müssten: unser Leben, diese Welt, die Menschen, die uns begegnen und schlussendlich auch unser Glaube. Na wenigstens was, könnte man sagen. Und ich denke, dass jede und jeder nachvollziehen kann, dass das Geschenk des Glaubens wirklich eines ist, dessen man sich von Herzen und nachhaltig freuen kann. Und dennoch – so ganz ohne ist auch der Glaube nicht zu haben. Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt uns mit der heutigen Tageslosung in die Bücher: „Wir begehren, dass jeder von euch denselben Eifer beweise, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende.“
Wir sollen hoffnungsvoll bleiben. Situationen gibt es im Leben immer mal wieder, die hoffnungslos erscheinen. Situationen, in denen uns Sorgen, Einsamkeit, Trauer oder Krankheit beinahe erdrücken. Situationen, in denen kaum Licht in unsere ganz persönliche Finsternis fällt. Gerade dann sollen wir mit Eifer die Hoffnung festhalten. Die Hoffnung darauf, dass da ein freundlicher Gott ist, der auf uns aufpasst, ein freundlicher Gott, der uns annimmt, uns vergibt und uns lieb hat – und der uns in der Auferstehung seines Sohnes gezeigt hat, dass nach allem Schweren – nach wirklich allem Schweren – das Licht des Ostermorgens unsere Hoffnung nicht enttäuschen wird. Mit dieser Perspektive lohnt es sich dann tatsächlich, eifrig und treu zu sein.

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  75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats

75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.07.2019

Heute ist der 75. Jahrestag des sogenannten Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler. Am 20 Juli 1944 versuchte eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, das NS-Regime zu stürzen. Vier Menschen starben, als um 12:42 Uhr die Bombe in der Besprechungsbarracke explodierte. Hitler überlebte leicht verletzt und durch einige Lücken in der Planung und durch zögerliches Verhalten anderer Beteiligter blieb der Putschversuch für die Machthaber ohne weitere nennenswerte Folgen.
Die Nazis rächten sich grausam. Über 150 Menschen wurden nach dem Attentat hingerichtet oder in den Tod getrieben. Stauffenberg wurde mit drei anderen ranghohen Offizieren bereits wenige Stunden nach dem Anschlag erschossen. Angeblich hatte es ein Standgerichtsverfahren gegeben, was die entsprechenden Todesurteile verhängt haben soll. Nachdem ihre Leichname zunächst auf dem alten St. Matthäus Kirchhof bestattet worden waren, ließ Himmler sie am nächsten Tag exhumieren, verbrennen und die Asche auf den Rieselfeldern der Berliner Kläranlage verstreuen.
Die Motive der Widerständler, die zur Vorbereitung und Durchführung des Putschversuches führten, waren nicht einheitlich. Sie gingen von persönliche Gewissensfragen über religiöse Überzeugungen bis hin zu den Erfahrungen und Erlebnissen von durch die Nazis verübten Gräueltaten. Doch auch das sogenannte „nationale Interesse“ hat eine große Rolle gespielt. Damit ist gemeint, dass man Hitler nicht zutraute, dem Kriegsverlauf noch eine positive Wendung zu geben, dass man ihn also für militärisch unfähig hielt. Verbunden hat alle aber das Ziel, Hitler aus dem Weg zu räumen.
Wie sind die Taten dieser militärischen Widerständler zu beurteilen? Waren es Heldentaten oder wird sogar Heiligkeit sichtbar? Darf man töten, um weiteres Töten zu verhindern? Diese Fragen sind grundlegend und nicht durch ein „Ja“ oder ein „Nein“ zu beantworten. Ich maße mir nicht an, ein Urteil zu fällen über das, was heute vor 75 Jahren in Ostpreußen passiert ist. Ich sehe jedoch, dass auch dieses Attentat das Ergebnis einer Gewaltspirale war. Wir wissen nicht, wie es nach dem Tod Hitlers weitergegangen wäre und ob die Widerstandskämpfer weiteres Töten hätten verhindern können. Wir wissen auch nicht, ob Militäreinsätze gegen Unrechtsregime auf dieser Welt Frieden und Gerechtigkeit fördern. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. Und so kann es passieren, dass sich die einen wie auch die anderen schuldig machen – die einen, weil sie ein militärisches Eingreifen ablehnen und damit dem Unrecht freien Lauf lassen und die anderen, weil sie Gewalt als äußerstes Mittel gutheißen.
Es gehört zu unserem Leben dazu, uns einem solches Dilemma zu stellen. Und wir müssen versuchen, verantwortliche Antworten zu finden, auch wenn es unendlich schwer fällt. Ja, wir haben Gott auf unserer Seite, den wir im Gebet um Rat fragen können. Doch die Verantwortung für unser Tun und Lassen bleibt bei uns.
Aus dem Gedenken an den 20. Juli 1944 und aus dem Nachempfinden der inneren Konflikte, die die Männer um Graf von Stauffenberg mit sich selbst ausgefochten haben dürften, können wir lernen, wie lebensverachtend die Früchte von Gewalt und Terror sind und wie wertvoll Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Für letztgenanntes lohnt es zu beten – jeden Tag aufs Neue.

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  Freut Euch!

Freut Euch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.07.2019

Sind Sie jeden Abend pünktlich um kurz vor acht vor dem Fernseher, um die Tagesschau nicht zu verpassen, oder um kurz vor sieben zu den heute-Nachrichten? Führt Sie ihr erster Gang am Morgen zum Briefkasten, um die aktuelle Tageszeitung zu holen oder zu Ihrem Tablet für die Onlineausgabe? Oder kostet es Sie eher Überwindung, sich die aktuellen Nachrichten aus aller Welt zu Gemüte zu führen? Nachvollziehbar wäre das. Denn was uns da allabendlich oder allmorgendlich präsentiert wird, ist häufig nicht besonders erbaulich: Kriege und Krisen, Not und Elend, politische Rangeleien, Umweltzerstörung und Klimawandel – und das ist nur eine kleine Auswahl von Themen, die uns nun wirklich keine gute Laune machen.
Ja, man darf vor alledem nicht die Augen verschließen. Ja, es ist hilfreich, sich mit diesen Themenfeldern zu befassen, um sich eine fundierte Meinung bilden und mitreden zu können. Ja, man sollte wissen, wo jeder einzelne etwas tun kann, um die Probleme vielleicht ein bisschen zu verkleinern oder sie zumindest nicht weiter wachsen zu lassen. Ja, das ist alles richtig. Aber irgendwann reicht es mir einfach mal und meine Aufnahmekapazität für schlechte Nachrichten ist erschöpft. Ich kann und will all das Negative dann nicht mehr sehen und hören und denken.
Der griechische Philosoph Demokrit hat vor rund 2400 Jahren treffend festgestellt: „Ein Leben ohne Freude ist wie eine lange Reise ohne Gasthaus.“ Und Recht hat er, wie ich finde. Ich brauche auch immer wieder mal Dinge, über die ich mich einfach freuen kann. Gute Nachrichten, nette Menschen, gutes Wetter, grundlose Albernheiten, schöne Musik, blühende Blumen, Vogelgezwitscher, stimmungsvolle Sonnenauf- und Untergänge.
Damit kann ich meine Akkus wieder füllen. Daraus ziehe ich Lebensfreude und Zuversicht. All das hilft mir, auch weniger schöne Lebensphasen auszuhalten, weil ich mich an die besseren erinnern kann. Ich kann mich an sie erinnern und ich kann dankbar dafür sein. Denn die meisten der vorhin genannten Kraftquellen bekomme ich geschenkt. Sie werden uns allen bereitgestellt, ohne dass wir dafür etwas tun müssen und insbesondere ohne, dass es etwas kostet. Wache Sinne und Offenheit reichen aus, um sie zu erfahren, zu erleben und zu genießen.
Und auch die Bibel liefert Gründe zur Freude. Die Texte heißen nicht umsonst Evangelium – frohe Botschaft, denn sie transportieren eben genau das. Mensch, du bist von Gott gewollt, geliebt und angenommen. Er wird es wohlmachen, auch mit dir und mir. Oder wie Paulus es schreibt: „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“
Und mit dieser Botschaft im Hinterkopf habe ich dann auch wieder Kraft, um mich um die nicht so schönen Seiten des Lebens zu kümmern – und mich ihnen zuversichtlich und voll Gottvertrauen zu stellen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Gott begegnen

Gott begegnen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 18.07.2019

Unterwegs mit dem Auto. Häuser ziehen links und rechts vorbei. Bäume. Gärten. Und Plakatwände. Und auf einer dieser Wände lese ich: „Mach dich bereit, deinem Gott zu begegnen!“ „Hu. Hu.“, denke ich. Eins zu eins entspricht diese plakative Mahnung dem Drohwort des Propheten Amos gegenüber seinem Volk Israel (Amos 4,12). Dort steht es am Ende einer langen Liste menschlichen Fehlverhaltens, das sich am Luxus labt, während es Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vergisst.

Und nun steht das Wort also am Straßenrand und wispert bedrohlich all jenen zu, die vorüber fahren: „Mach dich bereit, deinem Gott zu begegnen.“

Als ob die Gottesbegegnung etwas Schreckliches wäre.
Als ob es die Begegnung mit einem Tyrannen sei.
Als ob es nie ein Wort der Gnade gegeben hätte.

In einem Lied heißt es: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe wie nur du sie gibst.“ Und weiter steht, dass dieses Sehnen Sehnsucht nach Frieden sei, nach Freiheit, Hoffnung, Einsicht, Beherztheit, Beistand, nach Heilung, Ganzsein, nach Zukunft. Dieses Sehnen glaubt daran, dass der Gottesbegegnung Stärkung folgt. Kein verängstigendes „Mach dich bereit…“, sondern ein vertrauensvolles „vor dein Angesicht, Gott, will ich treten, weil ich daran glaube, dass mir diese Begegnung gut tun wird und sie mich gut sein lässt.“ Paulus wusste darum, hat er doch den Saulus in seiner Biographie. Und all jene Tischgefährten Jesu wussten es auch, deren Leben durch die Begegnung mit ihm neu ausgerichtet wurde.

Ja, wir sollten bereit sein, unserem Gott zu begegnen. Aber ohne Furcht. „Fürchte dich nicht“, sagt schließlich der Weihnachtsengel Jahr für Jahr. Und vielleicht ist das sogar das eigentlich Neue des Christentums: Es ist nicht zuerst die Forderung nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die nahezu jede Religion kennt, sondern das Wissen Gottes um die menschliche Anfälligkeit zu scheitern. „Fürchtet euch nicht.“, spricht der Engel und erst dann sagt Jesus zu den Menschen: „Kehrt um. Tut Buße.“

Unser Gott traut uns zu, es besser zu können. Uns wird zugetraut, alles halten zu können, was Jesus uns als Mensch unter Menschen gelehrt hat. Nicht, weil wir es von uns aus vollbringen könnten, sondern weil der Glaube dazu verhilft. Wer sich vertrauensvoll von den Worten Jesu prägen, von ihnen ausrichten lässt, der bleibt im Herzen beweglich und wird Großzügigkeit und Wertschätzung nicht nur empfangen, sondern auch ausstrahlen. Und so werde ich mir also auch in Zukunft nicht vom Straßenrand her drohen lassen, sondern bleibe mit Luther dem Wort des Paulus treu, der in seinem Brief an die Römer schreibt (Röm 1,16f.): Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

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  Unverfügbar

Unverfügbar

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.07.2019

„Was soll das überhaupt sein, ein gelungenes Leben?“, fragt der Journalist Jonas Weyrosta den Soziologieprofessor Hartmut Rosa in einem Interview der Zeit. Hartmut Rosa gehört derzeit zu den bekanntesten Denkern in Deutschland. In der Wahrnehmung, dass es trotz unseres Wohlstands immer mehr psychische Krankheiten gäbe, wie z.B. das Burn-out-Syndrom, hat er seine Theorie der Resonanzen entwickelt. Der Mensch sei, so Rosa, ein Beziehungswesen. Deshalb auch sei ein gelingendes Leben ein Leben in Beziehung; Beziehung in Familie und Freundschaft, natürlich, aber auch in Musik, Sport, Kunst oder Religion. Dabei ist wichtig, dass eine Resonanz nicht „gemacht“ werden kann, sondern dass sie etwas ist, auf das ein Mensch sich einlassen muss. Sie enthält unbedingt einen Moment des Unverfügbaren.

Das Gespräch zwischen Rosa und Weyrosta ist deshalb spannend, weil es dem Journalisten unglaublich schwer fällt, diesen Gedanken der Unverfügbarkeit mitzudenken. Und doch – was ist eine Beziehung? Eine Beziehung ist etwas, in das ich so viel Vertrauen setze, dass ich bereit werde, mich von dem Gegenüber verändern zu lassen.

Derzeit aber, so Rosa, lebten wir keine Beziehungen, sondern verfolgten stattdessen den Wunsch nach immer größerer Weltkontrolle – selbst da, wo wir Neues zu entdecken behaupten. Als Beispiel benennt er die derzeit sehr beliebten Kreuzfahrtreisen. Hier führen Menschen scheinbar hinaus aufs große Meer; in Wahrheit aber blieben sie beim Altbekannten: sie haben ihr Bett, ihre Kajüte, ihr bestelltes Essen. Überraschungen sind nicht erwünscht; und damit auch nichts, was das eigene Selbst herausfordern und verändern könnte. Es sind vollständig kontrollierte Erlebnisse, und so kommen die Leute mit nichts mehr heim als einigen Panoramabildern auf ihrem Handy, die so oder ähnlich schon von tausend anderen gemacht worden sind.

Demgegenüber sei die Religion ein hilfreicher Weg zur Resonanzerfahrung. Nicht die dogmatische, einengende Religion natürlich, sondern jene ehrlich Suchende des Menschen nach seinem Selbst vor Gottes Angesicht. Noch einmal Rosa:
„Die menschliche Seele und Gott sind der Idee nach konstitutiv aufeinander bezogen. ‚Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!‘, heißt es beim Propheten Jesaja. Auch die Idee der Unverfügbarkeit ist bereits in der Bibel angelegt: ‚Der Geist Gottes weht, wo er will‘, heißt es etwa bei Johannes. Das ist genau diese Idee, dass man etwas nicht erzwingen kann. Es geht in der Religion gerade darum, einen Sinn für die Bezogenheit zu etwas herzustellen, auch wenn Gott nicht eindeutig hörbar ist. Man fühlt sich gemeint. Und die Welt begegnet mir nicht mehr stumm, sondern sagt mir, am Grunde meiner Existenz gibt es etwas, das mir den Atem des Lebens eingehaucht hat.“

Und die Theologin in mir denkt: Jawoll! Das ist die Erkenntnis der Geschöpflichkeit, die mir nicht nur ermöglicht die zu sein, die bin, sondern die zu werden, als die Gott mich gedacht hat.

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  "... wie schnell die Zeit vergeht"

"... wie schnell die Zeit vergeht"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.07.2019

Seit einigen Monaten sagt unser elfjähriger Knabe in wunderbarer Regelmäßigkeit folgenden Satz: „Wie schnell die Zeit vergeht!“ „… äh, ja“, antworte ich dann meist – und führe meine eigene Wortarmut darauf zurück, dass ich zwischen Schmunzeln und Staunen stehe. Der Junge hat Recht. Aber trotzdem? Was macht so ein Satz im Mund eines Elfjährigen? –

Vermutlich ist er erstes Anzeichen dafür, dass dem Kind sein eigenes Werden und das Werden der Welt bewusst wird. Wir sind zeitliche Wesen. Wir haben einen Anfang auf Erden und wir haben ein Ende auf Erden. Dazwischen liegen Leben und Veränderung. Und, ja, vor der Frage stehend: „Who wants to live forever?“, möchte ich eines guten Tages bereit sein und meiner Seele erlauben können, friedlich von Erden zu scheiden.

In den gegenwärtigen Tagen erlebe ich allerdings Seltsames: Da gibt es in unserer heimischen Gegenwart nämlich eine große Verschiedenheit in der Zeitwahrnehmung. Mein Mann hat sich vor gut sechs Wochen das Fußgelenk gebrochen, und nun muss er liegen, den Fuß höher gelagert als das Herz. Und während er die ersten Wochen noch gut für sich nutzen konnte, beginnt er inzwischen das Ende seines Herumliegens arg herbeizusehnen. „Wenn doch nur schon Mitte August wäre“, sagt er, und meint damit jene verheißungsvolle Zeit, in der der Fuß wieder belastet werden kann. Er hat begonnen, die Tage zu zählen. Die Kinder hingegen haben Ferien und hoffen darauf, dass diese Wochen bis Mitte August bitte, bitte nie enden mögen! Ausschlafen, freie Zeit, Freiheit!

Zur Freiheit, der inneren wie der äußeren, scheint also die Freiheit von Zwängen zu gehören. Sie scheint ein Zustand zufriedener Gegenwärtigkeit zu sein, und damit auch einer Gegenwart, die frei ist von allem Abwarten auf…. Angesichts einer Lebenswirklichkeit, in der wir so oft darauf warten, dass dieses oder jenes Ziel endlich erreicht ist, sei es das Ende einer Krankheit, der Beginn der Ferien oder die Auszahlung des Bausparvertrags, hoffe ich, dass wir uns wieder und wieder bewusst werden, dass Leben jeden Tag neu stattfindet und Lebenszeit ein großes Geschenk ist.

Denn wie stünden wir sonst da, am Ende unserer Zeit? Wäre es nicht gerade so wie bei jenem biblischen Kornbauern, der glaubt, er müsse zu seinem Glück jetzt nur noch dieses oder jenes erreichen, bevor er sich zur Ruhe setzen könne? Und dem Gott dann sagt: Du Narr! Weil er eines Morgens, als er erwachte, plötzlich tot war. Die ihm geschenkte Zeit auf Erden war ihm unbemerkt im Planen und Warten vorüber gezogen. Ob er wohl je gesehen hat, wie schön die Lilien auf dem Felde wachsen? Und ober er je die wunderbare Wärme des Sonnenlichts gespürt und genossen hat? Und ob er je sah, wie schön seine Frau war? Und wie staunenswert das Heranwachsen der Kinder zu Erwachsenen?

„… wie schnell die Zeit vergeht“, sagt das kluge Kind.

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  Einfach mal machen!

Einfach mal machen!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.07.2019

Wir Menschen lernen unter anderem dadurch, dass wir Dinge nachmachen. Jemand zeigt uns, wie etwas geht, wir probieren es selbst und können es dann auch irgendwann alleine. Unsere Muttersprache haben wir uns so angeeignet – durch hören, nachplappern und verfeinern. Gerade in den ersten Lebensjahren sind wir darauf angewiesen, dass uns unsere Bezugspersonen, also in erster Linie Eltern und Geschwister, das vermitteln, was wir zum Leben brauchen, denn autodidaktisch wird das noch nichts, weil wir ganz am Anfang ebenso gut wie gar nichts alleine können – schon gar nicht, uns aus eigenem Antrieb selbst irgendetwas beibringen.
Wenn es richtig gut läuft, dann haben wir in unserem Leben die Chance und das Glück, wichtige Dinge von wirklich guten Lehrern beigebracht zu bekommen. Bei manchen Themen, ist es auch hilfreich, ein Vorbild zu haben, an dem wir uns etwas abgucken können. Mit einem solchen Vorbild kann das Lernen richtig Spaß machen. Wir sind motiviert, weil wir auch so gut werden wollen, wie unser Idol und knien uns dann konsequenterweise auch richtig rein. Das klappt ganz gut im Sport mit einem ambitionierten Sparringspartner, im Beruf mit einem versierten und erfahrenen Kollegen oder, oder, oder. „So gut wie der möchte ich auch werden. Und dafür bin ich gern bereit, mich ordentlich anzustrengen!“ Bisweilen kann ein Vorbild aber auch demotivieren, weil die Messlatte, die uns vorgelegt und vorgelebt wird, so unerreichbar hoch ist. Unser großer Freund und Bruder Jesus Christus bringt uns in genau so eine Situation, wenn er sagt: „Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist!“
Donnerwetter denke ich, ne Nummer kleiner hätte es auch getan. Ich soll so barmherzig sein wie Gott selbst. Da steht doch von vornherein fest, dass das nichts werden wird. Es ist ja mit der Barmherzigkeit ohnehin schon schwierig genug. Wir aufgeklärten Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts sind ja sehr auf Leistung und Gegenleistung programmiert. Ich kriege etwas und muss dafür etwas geben. Das ist so bei Karstadt und Amazon, bei der Handwerkerleistung und auch im Beruf – überall gibt es dieses Geben und Nehmen.
Barmherzigkeit geht anders. Da gebe ich erst einmal und ich tue es aus mir heraus, aus der Überzeugung, dass es richtig ist. Ich gehe in Vorleistung, in dem ich anderen Menschen etwas zukommen lasse – Geld, Nahrung, Obdach, Zeit, Wertschätzung, Liebe. Ich frage nicht danach, ob mein Gegenüber das auch verdient hat und ich spekuliere nicht darauf, eine Gegenleistung zu bekommen. Das ist Barmherzigkeit und so erfahren wir sie auch von Gott: Er gibt, ohne zu Nehmen. Er schenkt, ohne auf Geschenke von uns zu warten. Er liebt, ohne dass wir verpflichtet sind, seine Liebe zu erwidern.
Dass wir Menschen das in dieser Perfektion nicht können, das weiß Jesus. Und dennoch sagt er uns, dass wir es Gott gleichtun sollen. Denn wenn wir Gott nacheifern, immer wieder versuchen, uneingeschränkte, man kann auch sagen radikale Barmherzigkeit zu leben, dann besteht eine gute Chance, dass sich diese Welt zum Besseren verändern lässt – durch barmherzige Taten in denen immer wieder Gottes Liebe aufleuchtet und es überall dort hell werden lässt, wo es vorher dunkel war.

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Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


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Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!