Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  24.06.2018 - "Scham wiegt schwerer als Schuld"

"Scham wiegt schwerer als Schuld"

Katja Witte-Knoblauch

Nachbarschaftshilfen sind eine wunderbare Angelegenheit. Menschen, die helfen können und wollen, gehen zu Menschen, die Hilfe brauchen. Das dachte sich laut einem Artikel der „Zeit“ auch eine Dame in einem kleinen 774-Seelen-Dorf. Sie hatte festgestellt, dass alte Hilfsstrukturen nicht mehr griffen, weil die Leute immer weniger Alltag miteinander teilten und so gar nicht mehr voneinander wussten. Da sie, von den Dorfbewohnern nur „die Gräfin“ genannt, im Dorf gut bekannt und anerkannt ist, fand sie schnell Menschen, die ihre Idee unterstützten. Eine Angebotspalette der Fülle entstand: von der Hilfe beim Einkaufen bis hin zu dem Angebot, verstellte Fernbedienungen wieder in Ordnung zu bringen. Informationszettel wurden gedruckt und an alle 320 Haushalte im Dorf verteilt. Aber es meldete sich niemand.

Später erzählte ein Mann, der seit einer Rückenoperation an den Rollstuhl gebunden ist, dass er das Angebot zwar eine gute Idee fand, aber nie auf den Gedanken gekommen wäre, es könne etwas mit ihm zu tun haben. Noch als die Gräfin vor ihm gestanden habe und ihn fragte, ob es stimme, dass sein größter Wunsch sei, noch einmal an die Elbe zu fahren, und ihn drängte, sich doch einen Namen aus der Liste auszusuchen, fiel es ihm schwer, das zu tun. Schließlich war er kein Hilfsbedürftiger und kam alleine klar. Am Ende aber gab er doch dem Drängen der Gräfin nach. Kurz darauf saß er am Ufer der Elbe, die ihm schöner erschien als je zuvor. Der Mann neben ihm war auch zufrieden, weil er so einfach hatte helfen können. Und auch seine Frau war glücklich, nicht nur über seine Freude, sondern auch, wie sie in einem Moment der Ehrlichkeit sehr leise formulierte, weil sie seit langem wieder einmal ein paar Stunden nur für sich hatte. Das Annehmen der Hilfe erwies sich am Ende für alle als Gewinn. Inzwischen sind weitere Ausflüge geplant, gar ein ganzes Wochenende. Drei zufriedene Menschen also plus der Gräfin, deren Plan aufgegangen war, nachdem sie über den Hilfsgedanken des Wunsches jenen Mann davon hatte überzeugen können, dass er eben doch zu der Gruppe der Hilfsbedürftigen gehört.

Als das Helferteam zu verstehen versuchte, warum eigentlich eine gute Idee nur so schwer aufgeht, deutete eine ehemalige Ärztin und Trauma-Therapeutin: „Scham wiegt schwerer als Schuld". Menschen schämen sich ihrer Hilfsbedürftigkeit und leugnen sie deswegen. Wie schade. Und die Gräfin zitiert ihrem Team jene wunderbare jüdische Geschichte, in der die Hölle als ein Ort beschrieben wird, wo Menschen vor einem köstlichen Mahl sitzen. Doch ihre Löffel, unlösbar mit den Händen verbunden, sind zu lang. Es gelingt ihnen nicht, das Essen zum Mund führen; trotz des Festmahls bleiben sie also hungrig und verzweifeln. Der Himmel nun sieht genauso aus, aber hier, so heißt es, fütterten die Menschen einander und würden deshalb satt. Das sei die Seligkeit.

… vermutlich hätten wir alle es hier und da nötig, unsere eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen und anzunehmen, damit wir die Hilfe, die uns angeboten wird, nicht verpassen, wenn sie uns begegnet.

"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." - Und das heißt auch: Jeder, der eine Last trägt, bitte den anderen mit ihm gemeinsam zu tragen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  22.06.2018 - Einer trage des anderen Last

Einer trage des anderen Last

Katja Witte-Knoblauch

Kürzlich erzählte mir jemand von der Andacht einer Kollegin, die sich sehr für Gleichberechtigung und Inklusion einsetzt. Ganz gleich ob es um Ungleichberechtigung aufgrund des Geschlechts oder anderer Faktoren geht oder aber der Teilhabe von Menschen mit Handicap am Leben, sie ist eine der festen Stimmen, die spricht, wenn’s nötig ist. Sie habe, berichtete mein Gesprächspartner, von einem Vortrag erzählt, der vom Umbau von Gemeindehäusern hin zu barrierefreien Orten gehandelt habe. Das Ziel: Menschen sollen ohne Hilfe an den Ort und in den Raum gelangen können, zu dem sie möchten. Und dann habe sie gesagt: „Je länger ich zuhörte, desto klarer wurde mir, dass ich das aus theologischen Gründen ablehnen muss.“ Moment der Verwunderung. Denn warum sollte man aus theologischen Gründen etwas ablehnen, dass anderen zu ihrer Selbständigkeit verhilft?

Die Antwort fand ich so gut und so plausibel, dass ich Ihnen heute davon erzähle: Meine Kollegin habe nämlich gefragt, ob gut sei, wenn alles darauf ausgelegt werde, dass jede und jeder ganz für sich allein klar kommt. Heiße es nicht bei Paulus:
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2)
Was aber, so weiter, geschähe eigentlich mit solch einem Gedanken, der Menschen als unvollkommene und hilfsbedürftige Wesen ernst nimmt und sie deshalb aufeinander verweist, wenn wir alles so einrichten, dass die einen keine Hilfe mehr brauchen und die anderen sie nicht mehr schenken müssen? Habe es nicht auch eine gute Seite, wenn Menschen aufeinander angewiesen blieben? Schließlich tue es ebenso gut zu helfen wie Hilfe zu erfahren. Und gerade das mache Gemeinschaft doch aus. In einer Gemeinschaft geben Menschen aufeinander acht. Und es stelle sich doch die kritische Frage, ob solche Achtsamkeit nicht verloren gehe, wenn nichts mehr zum Nachdenken darüber zwingt, wo eigentlich Hilfe gebraucht wird.

So sehr ich ahne und auch einsehe, dass man für jeden Bereich des inklusiven Bauens durchaus sehr gute Gründe finden kann – z.B. dass nicht immer jemand da ist, der einen 100kg-Menschen wie z.B. meinen Schwiegervater die Treppe hochzutragen vermag, und es schon deshalb rollstuhlfähige Zugänge braucht, so richtig finde ich es, darüber nachzudenken, ob nicht die Isolation die Kehrseite der Medaille einer Welt ist, in der Menschen nicht nur alleine klar kommen können, sondern dann irgendwann vielleicht auch alleine klar kommen müssen. Wo halten wir den Gedanken im praktischen Leben hoch, dass es gewinnbringend ist, wenn Menschen sich umeinander sorgen? Und betrifft das Ganze vielleicht nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern jede und jeden von uns – mit und ohne Handicap? … aber das ist eine andere Andacht, nämlich die von morgen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  21.06.2018 - Freude auf die Ewigkeit

Freude auf die Ewigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin

Manchmal erlebt man wundersame Momente. So erzählte jüngst ein Mann von seinem Bruder, der sich allmorgendlich in die „Freude auf die Ewigkeit einübte“ und das offenbar so überzeugend macht, dass er das auch ausstrahlt, wenn er aus seiner Tür tritt. Man kann ein bisschen flapsig denken: „So Einen möchte ich morgens auch treffen und mich anstecken lassen und wenn wir das dann alle haben, brechen goldene Zeiten an… “
Der Gedanke beschäftigt mich. Warum eigentlich nicht eine tägliche Übung im Freuen? Besser kann man wahrscheinlich gar nicht in den Tag kommen. Aber wie kann das gehen; braucht es dazu die Weisheit des Alters?
Max Frisch hat irgendwann, wer weiß wie alt er da war, geschrieben: „Erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserem dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und seiner Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, dass alles was ist, eine Gnade ist.“
Das klingt, als würde man, wenn man einmal mit dem Freuen begonnen hat, immer neue Gründe finden. Das Einüben lohnt also. Und die „Freude auf die Ewigkeit“ ist dann vielleicht die Königsdisziplin.
Auch die Bibel ist voller Freude. Es gibt alle Arten der Freude mit allen Sinnen: Entzücken, Vorfreude, Fröhlichkeit, Freude am seligen Moment. Das Hohelied der Liebe perlt davon regelrecht über, die Psalmen singen Lieder der Freude. Jakob freut sich, als er endlich Rahel freien darf und Josef, als sich seine Familie wiederfindet. Die Evangelien, Teil des „books of joy“ wie die Amerikaner sagen, sind erst recht voller Jubel- und Freudeworte. Als Maria Elisabeth besucht, hüpft das Kind vor Freude im Bauch der Mutter, der Engel der Weihnachtsgeschichte verkündet große Freude, die allem Volk widerfahren wird und am Ende seines Lebens sagt Jesus Christus zu seinen Jüngern im Johannesevangelium: „Ich rede zu euch, auf dass meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen sei.“ So möge es sein.
Vielleicht fangen wir also gleich morgen früh damit an, uns einzuüben in die Freude auf die Ewigkeit …



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  20.06.2018 - Reformationstag

Reformationstag

Dompredigerin Cornelia Götz

Jetzt haben wir also am 31. Oktober einen Feiertag und mussten darum nicht mal richtig kämpfen, wobei: den Feiertag haben Sie und wir Kirchenleute haben die Gestaltungshoheit an einem protestantischen Festtag. Letzteren hatten wir auch bisher aber jetzt haben hundert Parlamentarier dafür gestimmt, ausgerechnet den Reformationstag im niedersächsischen Jahreslauf hervorzuheben.
Dass in unserer doch eher multireligiösen und oft sehr säkularen Welt nun ein Tag für alle Niedersachsen arbeitsfrei ist, an dem es die Freiheit eines Christenmenschen also die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers, dass wir allein aus Gnade gerecht werden, zu feiern gilt, ist aber doch erstaunlich.
Bei einem „Europatag“ oder „Frauentag“ wüssten vermutlich mehr Menschen, wem sie nächst dem Landtag zu verdanken haben, warum sie nicht aufstehen müssen oder die Geschäfte geschlossen sind.
Jetzt also Reformationstag und bestimmt werden gleich alle Argumente der letzten zehn Jahre aus den Schubladen geholt, warum es kein Luthergedenktag ist, obwohl man schon allein angesichts seiner Verdienste um die deutsche Sprache wegen, nicht umhin kann, ihn unter die Großen zu zählen.
Uns kann die Herausforderung in jedem Falle recht sein. So haben wir jedes Jahr eine neue Chance, den Kerngedanken unseres Glaubens ins Licht zu setzen. Es wird unserer Gesellschaft nicht schaden, uns immer von neuem daran zu erinnern, dass wir Menschen unser Leben und unsere Welt aus eigenem Vermögen nicht zurecht bringen können, sondern dass wir alle aus Gnade und Barmherzigkeit leben. Erst wenn wir durchbuchstabiert haben, dass sich die Früchte unseres Lebens zuerst Gottes Gnade und seinem Segen und erst danach unserer Leistungsfähigkeit verdanken, werden wir auch Wege finden, die von uns absehen und dem Nächsten dienen.
Wenn dann noch das kulturelle Gedächtnis Bildung und Gemeinwesen als keineswegs selbstverständliche Errungenschaften erinnert, haben wir einen Tag im Jahr, der unserem inneren Kompass als Menschen, die in dieser Welt leben, nur nützlich sein kann.
2018 gedenken wir übrigens auch des Beginns des Dreißigjährigen Krieges. Auch der ist eine Folge der Reformation. Darum wird dieser neue Feiertag in sich tragen, sorgfältig und achtsam nach rechts und links zu sehen. Es geht nicht um Dominanz und Rechthaberei sondern um gottesfürchtiges und gottgefälliges Leben, nicht kleingemacht sondern zur Freiheit befreit, denn – so heißt es im ersten Korintherbrief: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

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  19.06.2018 - Abschreckung

Abschreckung

Cornelia Götz, Dompredigerin

Als ich ein Kind war, gingen meine Eltern manchmal abends aus. Sie ließen dann das Licht in der Garderobe brennen und legten einen kleinen freundlichen Gruß parat, falls ich wach werden und sie suchen sollte. Einmal muss ich diese beruhigenden Zeichen übersehen haben, denn ich erinnere mich noch, barfuß und brüllend im Treppenhaus zu stehen voll panischer Angst, dass sie endgültig weg sein könnten.
Solche Trennungsangst gehört zu den Urerfahrungen von Kindheit. Das Vertrauen in die Welt muss erst wachsen, bis dahin garantieren Eltern Zuflucht und Geborgenheit.
Meistens jedenfalls. Vom Missbrauch dieser Konstellation will ich heute nicht reden…
Dafür über das Elend, welches Familien erleiden, wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie für den Lebensunterhalt sorgen sollen, wenn Haus und Hof verloren gehen, Menschen sich auf die Flucht begeben müssen. Was immer zu diesem Thema inzwischen auch in unserem Land laut wird: ich werde niemals glauben, dass Mütter und Väter sich mit ihren Kindern leichtfertig auf eine so gefährliche Reise ins Ungewisse begeben. Darum ist es unfasslich grausam, dass in dieser ohnehin angstbesetzten schlimmen Lage Kinder von ihren Eltern getrennt werden. So geschieht es derzeit massenhaft und systematisch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
Dahinter liegt nicht nur menschenverachtende Unbarmherzigkeit die jeder Moral spottet, sondern auch ein Axiom, das auch hier in Deutschland durchaus salonfähig ist und – man halte sich fest – als sinnvolle Strategie verstanden wird: Abschreckung. Krieg der Bilder.
Mit den Flüchtlingen soll so schrecklich umgegangen werden, dass der dem Wort innewohnende Schreck sich in Windeseile verbreitet und Menschen abschreckt, sich auf den Weg in unser reiches christliches Abendland zu machen…
Wir treten also ein in ein „neues Zeitalter öffentlicher Grausamkeit“, erschrecken uns kurz und schämen uns nicht. Andernfalls liefe die aktuelle Asyldebatte in Deutschland anders.
Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung liest sich das so: „Die Transporttoten, die Erstickten und Ertrunkenen, die schmutzigen Lager, die schneidenden Zäune und jetzt die entrissenen Kinder, all das was seit vielen Jahren an den Rändern der westlichen Welt alltäglich geworden ist, erregt von Fall zu Fall ein vorübergehendes Entsetzen. Im schlimmsten Fall entwöhnt es uns von einem historisch fragilen Grausamkeitstabu…“
Ob das der schlimmste Fall ist, weiß ich nicht.
Aber ich weiß, dass uns im Matthäusevangelium gesagt ist: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“




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  18.06.2018 - Vom Helfen und Dienen

Vom Helfen und Dienen

Heiko Frubrich, Prädikant

Kirchliche Arbeit hat immer eine ganz starke Komponente des Dienens und des Helfens. „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“, sagt uns Jesus Christus. Das sind große Worte, die beim ersten Hören auch sehr eingängig klingen, doch wie so oft im Leben ist es auch mit dem Dienen und Helfen nicht so ganz einfach.
Ist es uns Menschen überhaupt möglich, anderen zu helfen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen? Ich denke schon. Glücklicherweise kommt es immer wieder vor, dass Menschen anderen helfen, ohne dafür konkret eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung zu erwarten. Das passiert jeden Tag millionenfach im Kleinen, in dem wir einander eine Tür aufhalten, beim Ein- und Aussteigen in die Straßenbahn behilflich sind oder dem Menschen, der hinter unserem vollen Einkaufswagen nur seine drei Bananen bezahlen möchte, an der Supermarktkasse den Vortritt lassen.
Aber ist das wirklich alles so selbstlos und uneigennützig? Wie sieht es aus mit unserem guten Gefühl, das sich bei uns einstellt? Schmälert ein solches Gefühl den Wert unserer Hilfe und ist es überhaupt erlaubt? Ich denke schon. Denn zum einen können wir es kaum verhindern, dass wir uns gut fühlen, wenn wir helfen können und zum anderen wäre es eine schlechte Alternative, nur deshalb darauf zu verzichten, anderen zu helfen. Bisweilen ist es schwer, demütig zu bleiben. Doch gemeinsame Freude beim Hilfe geben und Hilfe annehmen – vielleicht ist das ja ein Teil des Gotteslohnes, den wir umgangssprachlich in diesem Zusammenhang bisweilen bemühen.
Unabhängig davon setzen wir uns als Helfende auch immer wieder der Kritik unserer Mitmenschen aus. Am Ende eines Gottesdienstes für eine Kollekte aufzurufen, mit der wirklich alle einverstanden sind, ist nahezu unmöglich. Warum ausgerechnet dafür spenden und nicht für irgendetwas anderes? – diese Frage ist unvermeidbar. Oder in größeren Kategorien gedacht: Mutter Teresa hat ihr gesamtes Leben in den Dienst von Kranken und Benachteiligten gestellt. Dennoch wird ihr vorgeworfen, dass sie ihre Popularität nicht auch dafür verwendet hat, die sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Indien zu verändern. Wer offen hilft, setzt sich auch immer der Kritik anderer aus.
Wirklich selbstlose, perfekte und von allen anerkannte Hilfe ist unter uns Menschen eine echte Herausforderung. Dennoch, zu helfen und zu dienen gehört zum christlichen Auftrag wie das berühmte Amen in der Kirche. Gott hat es uns in Jesus Christus vorgelebt und hierzu gehört auch das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht: „So spricht der HERR: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Lassen wir uns von diesen Worten inspirieren und schauen wir einfach ganz unverstellt auf die, die unsere Hilfe nötig haben. So haben wir eine Chance, diese Welt ein bisschen menschlicher, freundlicher und liebevoller werden zu lassen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  16.06.2018 - „Deine Seele ist ein Vogel…“

„Deine Seele ist ein Vogel…“

Cornelia Götz, Dompredigerin

Gerhard Schöne, ein DDR-Liedermacher, der seinerzeit vorzugsweise in Kirchen sang, wusste immer schon, dass Kinderlieder nicht harmlos sind oder sein müssen, denn Kinder haben feine Antennen für die Aufrichtigkeit anderer Menschen und erspüren schnell, wenn ihnen nur die Hälfte gesagt wird. Zugleich lassen sie sich bereitwillig auf Geschichten und Bilder ein, sortieren gebannt in Gut und Böse. Viele der Lieder von Gerhard Schöne kamen deshalb als Kinderlied daher und wurden dennoch begierig von Erwachsenen gehört.
Einer seiner Texte klingt so:
„Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.
Deine Seele ist ein Vogel, / stopf nicht alles in ihn rein. / Er wird zahm und satt und träge, / stirbt den Tod am Brot allein.
Deine Seele ist ein Vogel, / schütze ihn nicht vor dem Wind. / Erst im Sturm kann er dir zeigen, / wie stark seine Flügel sind.
Deine Seele ist ein Vogel, / und er trägt in sich ein Ziel. / Doch wird er zu oft geblendet, / weiß er nicht mehr, was er will.
Deine Seele ist ein Vogel. / Hörst du ihn vor Sehnsucht schrein, / darfst den Schrei du nicht ersticken, / bleibt er stumm, wirst du zu Stein.
Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.“
Da ist alles drin: Der Glaube daran, dass wir mehr sind als nur Haut und Knochen, Wissen und Reflex. Die Angst davor, dass unsere Gefühle und wir selbst ersticken könnten, taub und leer werden. Die Sehnsucht nach Freiheit und Sinn, dass unser Leben mehr ist, Grund und Ziel hat.
Beim ersten Hören mag man denken, ja: das mit dem Vogel ist ein schönes Bild. Aber die Kunst eines besseren Liedes ist es, dass es Kontexte und Resonanzräume eröffnet, dass es zwischen den Zeilen und Worten mehr und mehr und mehr erzählt. Das tut auch dieses Lied. Wer hören kann, der hört darin den 124. Psalm, auch der ein Lied, ein Gedicht, das mehr erzählt: „ Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel / dem Netze des Vogelfängers; / das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. / Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, / der Himmel und Erde gemacht hat.“


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  15.06.2018 - Machtkämpfe

Machtkämpfe

Dompredigerin Cornelia Götz

In Berlin tobt ein Machtkampf. Die Protagonisten sind bekannt. Dass sie sich in die Haare kriegen können, war schon immer mal wieder zu beobachten. Jetzt hat die Schlacht neue Ausmaße und Schärfe angenommen. Man kann davon ausgehen, dass nur einer übrig bleiben wird und auch er wird Blessuren davontragen…
Worum es letztlich geht, ist nicht so leicht auszuloten. Da hat der kluge Kolumnenschreiber Heribert Prantl sicherlich recht, wenn er sagt: „Es geht letztlich gar nicht so sehr um die Abweisung von Flüchtlingen direkt an der Grenze, es geht um irgendeinen Flüchtlings-Großkonflikt, um sich von der Kanzlerin abzugrenzen und Anschluss an die Anti-Flüchtlingsstimmung zu kriegen.“ Denn „die Abweisung der Flüchtlinge direkt an der Grenze, ist bayernfeindlich, … Bayern würde sich abriegeln - das ruiniert Wirtschaft und Tourismus.“
Es geht also um Macht und Deutungshoheit, oben und unten, Abgrenzung und Ausgrenzung, innen und außen, wir und die, ich und alle.
Berlin bietet dafür im Moment ein ordentliches Spektakel, ist aber keineswegs der einzige Austragungsort solcher Spiele.
Auch in unseren Zusammenhängen hier, erlebe ich, dass es nicht zuerst darum geht, das „Beste zu suchen“, fürsorglich zu agieren, sondern dass sehr formal deutlich gemacht wird, an wem man nicht vorbeikommt, sei es nun die Mitarbeitervertretung oder ein anderes Gremium.
Dabei vergisst man schnell, wieviel Kraft mit solchen Kämpfen verschwendet wird, wieviel Vertrauen verloren, wieviel Lebenszeit vorübergeht.
Während der Theaterformen, einem wirklich großartigen Festival, das unsere Stadt aktuell beherbergt und sie ziert, konnte man das Stück einer französischen Regisseurin mit vietnamesischen Wurzeln sehen: „Saigon“.
Als es lief, war es im groben Haus des Theaters drückend schwül, manchmal tropfte die Zeit. Zu recht. Denn so wurde wirklich schmerzhaft bewusst, dass manchmal ein ganzes Leben nicht ausreicht, damit es noch mal gut wird, wenn man zum Spielball politischen Kräftemessens geworden ist.
Wer immer auf Entscheidungen wartet, sei es, um endlich Familiennachzug zu gewähren, Luftverschmutzung einzudämmen oder eine bezahlbare Wohnung zu finden, wartet, während irgendwo „oben“ um Macht gerungen wird. Es kostet ihn Gesundheit, Kraft, Lebensmut, Hoffnung…
Und dieses eine Leben geht einfach vorbei.
In solchen Momenten staune ich, dass Paulus – der all das sicher auch kannte- dennoch oder vielleicht gerade erst recht im Römerbrief schrieb: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Wer weiß, was ihm diese Gewissheit gab. Vielleicht empfand er stärker als wir die Vorläufigkeit und Endlichkeit menschlicher Macht. In jedem Fall hat ihn und viele nach ihm dies Bekenntnis geholfen zu leben und auch wir können uns darin bergen.



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  14.06.2018 - Jenseits

Jenseits

Katja Witte-Knoblauch

Ein bisschen ist es schon her, dass der Astronaut Alexander Gerst in Richtung Weltraum abgehoben ist. Aber die Bilder sind durchaus noch vor Augen. Da stehen er und seine Kollegen zu einem letzten Interview bereit und erzählen von dem, was vor ihnen liegt, ihrer Aufregung vor dem ersten Abheben oder dem eher planenden Denken desjenigen, der schon einmal in den Weltraum geflogen ist. Als ich die drei so nebeneinander stehen sah, eine Amerikanerin, einen Russen und einen Deutschen, da dachte ich: „Wie großartig! Wenn es um den Weltraum geht, dann spielen Nationalinteressen im Jahr 2018 anscheinend nur noch eine untergeordnete Rolle.“

Vielleicht ist es ja wirklich so, dass fern der Erde und fern aller irdischen Sorgen und Nöte der blaue Planet einfach nur noch staunenswert ist. Und dass man plötzlich die eigene Spezies nicht mehr begreift, die so unfassbar viel Energie in ihre Hegemonialinteressen steckt, dabei weder scheut, sich gegenseitig umzubringen, noch ihren Reichtum auf Kosten von Natur oder anderer Menschen zu entwickeln und voll auszuleben. Was geschähe, wenn wir Menschen tatsächlich friedlich beieinander wohnten? Und was, wenn wir dem Schöpferauftrag nachkämen und die Schöpfung hüteten und bewahrten?

Fern des Irdischen Klein-Klein wird plötzlich deutlich, dass das Leben wirklich – wirklich! – gut sein könnte. Trotz aller Naturkatastrophen und Krankheiten, die im konsequenten Denken einer geschaffenen Welt wohl notwendig dazu gehören. Es ist die beste aller möglichen Welten, so formulierte es Gottfried Wilhelm Leibniz einst. Keine Willkürwelt, sondern gute Schöpfung mit fester Ordnung. Und das, was wir in ihr als Unglück erfahren: wer weiß schon, was davon wirklich Unglück ist. Zumindest gilt das für mein Leben: eine jede Krise war schwer, aber nicht jede unnütz. Einige davon würde ich natürlich auch rückblickend gerne streichen. Und bei anderen bleibe ich zurück und frage mich bis heute, was wohl geschehen wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte. Aber für alle Krisen gleichermaßen gilt: Ich habe durch sie gelernt, manches neu verstanden, und sie haben mich geformt.

Mit Abstand sortiert manches sich noch einmal anders; plötzlich staunt man über sich selbst und fragt: Wozu? Wozu all die Missgunst, der Streit, das verbissene Kämpfen um Macht und Geld? Was war es eigentlich, dass uns das Miteinander so schwer gemacht hat? Warum haben wir nicht in den Frieden gefunden? Und jenseits – nicht des Weltraums, aber des Vergangenen steigen die demütigen Worte des Psalmisten auf:
„Herr, du erforschest mich und kennest mich. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. Aber wir schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich immer noch bei dir.“ (Ps 139.1,13f.,17f.)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  13.06.2018 - Des Menschen Wille ist sein Himmelreich... - ???

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich... - ???

Katja Witte-Knoblauch

Der Tod ist eine sensible Angelegenheit. Wer trauert, dessen Leben ändert sich von einem Tag auf den anderen. Denn selbst wenn jemand alt und lebenssatt stirbt, bewirkt der Tod für jene, die täglich mit ihm in Berührung waren, eine Leerstelle. Die kümmernden Telefonanrufe fallen weg. Und so oft man vorher vielleicht über den Druck geklagt haben mag, dass man gar nicht weiß, wie dieses oder jenes Problem anzugehen sei, dass anderes sich auch gar nicht ändern ließe und wieder anderes ohnehin nur schlechter würde, so fehlen all dieser Stress und die Sorge nun, weil man es man letztlich eben doch gerne für diesen Menschen getan hat, der einem lieb und wert war. Erinnerungen steigen aus der Tiefe auf und plötzlich wird bewusst, dass diesen Erinnerungen keine einzige neue mehr hinzugefügt werden kann. Ein Leben ist abgeschlossen, und jene, die zurückbleiben, müssen ihre Wege zu trauern finden. Der bewusste Umgang mit dem Ende ist dabei ein hilfreiches Tun. Und so manchem Angehörigen ist es eine Erleichterung, wenn er weiß, was der Verstorbene für seine Abschiednahme gewünscht hätte.

Allerdings gibt es auch Wünsche, die eher ratlos machen. Denn was macht man mit dem Wunsch eines Mannes, der testamentarisch festgelegt hat, dass er in seinem Traumwagen beerdigt werden möchte? Vielleicht haben Sie die Randnotiz über dieses Ereignis in China ja auch in der Zeitung gelesen. Ich bin, offen gestanden, sehr froh, dass unser Bestattungsgesetz und unsere Friedhofsordnungen solchen Wünschen wehren. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen geschieht hier Vermüllung der Welt. Zum anderen ist es ein Umgang mit dem Tod, den ich nicht verstehe. Was soll das Auto sein? Ist es eine Grabbeigabe? Dann ist es unsinnig, denn die Grenze zwischen Lebenden und Toten ist unüberwindbar; der Mann wird mit seinem Auto im Jenseits nichts anfangen können. Oder ist das Auto das goldene Kalb, der angebetete Gegenstand, um den dieser Mensch einst tanzte? Dann hat er auf Sand gebaut, und wir sollten lieber nach dem suchen, was im Leben und Sterben zu tragen vermag. „Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.“, heißt es in unserer Bestattungsagende. Und das ist wahr. Wozu also dieser Schrott um das herum, was einst lebendig war und nun tot ist und allein in seinem Vergehen zu Neuem werden kann. Das was ein Leben ausmacht, unsere Existenz, das ist ohnehin Gott anheim gegeben. Er führt es zu neuem Leben oder aber wir bleiben tot. Alternativen gibt es da nicht wirklich.

Und so bleibt nur zu hoffen, dass Menschen in ihrer Trauerbearbeitung sich nicht an solchen – im wahrsten Sinne des Wortes – hoffnungslosen Wünschen abarbeiten müssen, sondern sie am Ende in der Ruhe gewisser Hoffnung sagen können: „Der, den ich lieb hatte, glaubte, dass Gott ihn nicht fallen lässt, wenn er stirbt. Daran will ich mich halten.“

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht.
Glaubt an Gott und glaubt an mich. Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh 14,1.19)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  12.06.2018 - Getauft auf deinen Namen

Getauft auf deinen Namen

Katja Witte-Knoblauch

Sind Sie eigentlich getauft? Und falls ja: was meint das für Sie? Ist es Ihnen wichtig? Ist Ihnen Ihre Konfession wichtig, also ob Sie evangelisch, katholisch, orthodox oder anderes sind? Oder verstehen Sie sich eher, wie ich es manchmal höre, als „christlich“ – und erscheinen Ihnen konfessionelle Unterschiede schon längst als von vorgestern?

Mir selbst ist die Frage nach meiner Konfession erst im Studium wichtig geworden. Tatsächlich habe ich da mühsam um meine eigene Position gerungen, habe mich durch die Theorie-Konstrukte der verschiedenen Denker und Kirchen gequält und habe am Ende meinen Luther lieb gewonnen. Trotz allem, was er an manchem auch verzapft hat. Aber eines seiner Theologie ist und bleibt mir wichtig, nämlich seine Erkenntnis, dass wir durch die Taufe Christen und darin alle miteinander gleich sind. Es gibt keine Karriereleiter des Glaubens, auf der z.B. mönchische Zurückgezogenheit höher stünde als ein Christendasein, das sich auch im beruflichen, familiären und politischen Leben der Ethik des Glaubens verpflichtet weiß. Und ein Bischof oder Papst steht vor Gott nicht anders da als jeder andere auch. Im Lutherdeutsch klingt das so: „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.“ (Luthers Schrift an den Adel, 1520)

Als Getaufte fühle ich mich meinem Gott zugehörig: „Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist; ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt. Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt“ (EG 200.1)
Die eigene Taufe anzunehmen gleicht dem bewussten Akt, sich selbst anzunehmen. Als die Frau, die ich bin. Ich nehme mich als Geschöpf Gottes an mit meinen Ecken und Kanten, Macken und Fehlern, mit meinen Stärken und meinem Können, meinen Lachfalten und meiner Lebenslust. Mit allem, das zu mir gehört. Die bewusste Annahme der Taufe gleicht einem Dank für das eigene Leben. Und gleichzeitig ist sie ein Bitten: „Ich möchte‘, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht‘, dass einer mit mir geht;“ (EG 209.1) heißt es in einem anderen Gesangbuchlied. Und weiter: „Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht‘, dass er auch mit mir geht.“ (EG 209.4)

Wenn wir im Konfi-Unterricht die Taufe erarbeiten, dann geht es um praktisches Zeug: Was gehört zu einer Taufe? Wasser und Wort. Wer lässt taufen? Der auf Gott vertraut. Und warum mit Wasser? Weil es Symbol ist für das Wegwaschen all dessen, das schmerzt und nicht gut ist, für die Lebendigkeit und die Freiheit. Aber im Grunde ist und bleibt die Taufe eine vertrauens- und hoffnungsvolle Antwort auf das Wort Christi, der da spricht:
„Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,20)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  11.06.2018 - Tag der Domsingschule

Tag der Domsingschule

Heiko Frubrich, Prädikant

Gestern haben wir den Tag der Domsingschule gefeiert. Mehrere 100 Menschen aller Größen- und Altersklassen haben hier im Dom und auf dem Burgplatz ein buntes, großes und beeindruckendes Musikprogramm gezeigt. Wir sind schon stolz darauf, die größte evangelische kirchenmusikalische Einrichtung in ganz Deutschland zu haben. Ein großer Schatz und ein großes Geschenk!
Besonders beeindrucken mich immer die ganz kleinen Sängerinnen und Sänger. Viele von ihnen sind noch im Vorschulalter, können also nicht lesen, und sind aus diesem Grunde darauf angewiesen, alle Texte auswendig zu lernen. Diese Leistung finde ich wirklich bemerkenswert. Wenn sie das nächste Mal in einem Gottesdienst sind, probieren sie‘s doch mal aus, die Lieder ohne einen Blick ins Gesangbuch mitzusingen. Da trennt sich dann sehr schnell die berühmte Spreu vom noch berühmteren Weizen.
Gesang und Spiritualität gehören schon seit Urzeiten zusammen. Die alttestamentlichen Psalmen waren ursprünglich gesungene Gebete und sie bringen noch heute als Lob- oder Klagelieder intensivste menschliche Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck. Auch in der christlichen Tradition ist das Singen nicht wegzudenken. Der mittelalterliche gregorianische Gesang bestimmt noch heute die Liturgie unserer Gottesdienste und auch unsere großen Kirchen, so wie dieser Dom, sind akustisch auf Gesang ausgerichtet. Sollte hier einmal unsere Mikrofonanlage ausfallen, wäre ich von hier oben singend viel besser zu verstehen, als mit gesprochenen Worten.
Martin Luther war ein großer Wegbereiter des gottesdienstlichen Singens. Er hat mit kraftvollen und bildhaften Texten und eingängigen Melodien die frohe Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes unter die Leute gebracht. Noch heute sind viele seiner Lieder gottesdienstliche Gassenhauer, die durchaus auch in katholischen Messen gesungen werden.
Die Bibel berichtet davon, dass Gott auf Gesang ganz unmittelbar reagiert. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Paulus und sein Begleiter Silas festgenommen und misshandelt werden. Man legt sie in Ketten und sperrt die beiden in einen finsteren Kerker. Anstatt nun zu resignieren, beginnen Paulus und Silas mitten in der Nacht Loblieder zu singen, in denen sie Gott für alles Geschenkte danken. Und tatsächlich geschieht ein Wunder: Die Gefängnistüren öffnen sich, die Ketten werden gesprengt und Paulus und Silas und alle ihre Mitgefangenen sind frei.
Singen hat etwas Befreiendes – im übertragenen Sinne und in dieser biblischen Geschichte sogar sehr konkret und unmittelbar. Und Paulus fordert uns auf, Sie und mich, es ihm gleichzutun: „Ermuntert einander mit Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen!“ Probieren Sie es doch einfach mal aus – heute Abend in der Badewanne oder gern gemeinsam hier bei uns im Dom beim nächsten Gottesdienst.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  09.06.2018 - Jakob

Jakob

Pfarrer Jens Paret

Jakob ist auf dem Weg, eigentlich ist er auf der Flucht. Die Angst sitzt ihm im Nacken. Er hat seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht betrogen und nun muss er Strecke machen. Er hat ein Ziel – und doch ist die Zukunft ungewiss. Beschwerlich ist der Weg, die Temperaturen heiß, die Wüste staubig. Er reist allein. Das hilft, um zu sich zu finden. Es ist aber auch mühsamer und gefährlicher. Am Abend legt er einen Stein zu seinen Häupten und legt sich schlafen. Und im Schlaf, da träumt er. Ihm träumt und er sieht eine Leiter, auf Erden stehend, die rührt mit ihren Spitzen an den Himmel und die Engel Gottes steigen daran auf und nieder. Und oben Gott, der ihm verheißt: Ich bin mit dir, wo auch immer du bist und sein wirst. Ich werde dich nicht verlassen, ich segne dich und deine Nachkommen. Und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
Die Gottesbegegnung verändert den Ort. Er ist ein heiliger Ort – aus heiterem Himmel. Jakob errichtet ein Steinmal, gießt Öl drüber und nennt die Stätte Bethel, Haus Gottes.
Und die Begegnung mit Gott verändert die Person. Das Hier und Jetzt dieses Traumes hat Folgen. Nicht alles wird fortan reibungslos verlaufen und glücken auf dem Lebensweg, aber Jakob weiß Gott im alltäglichen Hier und Jetzt bei und um sich und das macht ihn getroster, gelassener, lebensmutiger.
Auch wir hier und jetzt, im Heute dieser Welt, haben unsere Weg und unsere Ziele. Und auch wir haben Gottes Verheißung. Auch wir sind gemeint und gesegnet. Und so können auch wir das Leben getrost wagen, neu angehen und gestalten. Die Kirchen, die Gottesdienste, die Musik, etwa durch Posaunenchöre hier heute Mittag und um 18 Uhr bei der Serenade des Landesposaunentags auf dem Burgplatz und morgen um 16 Uhr bei der Festmusik auf dem Löwenwall, erinnern uns daran: Die Zeit zu beginnen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier. Hier und jetzt will die Verheißung sprechen und den Teufelskreis der Furcht, Gleichgültigkeit und Trägheit durchbrechen. Die Zeit uns zu wandeln ist jetzt. Die Zeit für die Umkehr ist jetzt. Im Hier und Jetzt, in jedem Moment, an jedem Ort. Und wir können das! Du kannst das! Die Zeit zu vertrauen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier. Auf Gottes Nähe und Treue können wir bauen. Diese Verheißung wird uns tragen – hier und jetzt, immer wieder neu.

Ihr
Jens Paret
Pfarrer an St. Johannes, Hondelage

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  07.06.2018 - Der Tian’anmen-Platz

Der Tian’anmen-Platz

Cornelia Götz, Dompredigerin

Vor 29 Jahren saß ich Anfang Juni abends im Trabant eines Freundes, wir fuhren von Erfurt nach Weimar und wollten dort ins Nationaltheater gehen, um Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ anzusehen. Es waren angespannte Tage. Im Sommer 1989 verließen massenhaft Menschen das Land und es lang eine Mischung von Agonie und Aufbruch über allem, die sich manchmal entsetzlich einsam und dann wieder ungeheuer kraftvoll anfühlte.
Wir waren gespannt auf den Abend. „Die Übergangsgesellschaft" sollte so etwas wie ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR sein. Dass das Stück schon ein paar Jahre existierte und jetzt erst auf die Bühne durfte, machte es umso reizvoller zumal man ja geübt war, zwischen den Zeilen zu hören. Volker Braun hatte gesagt: "wenn in einer Gesellschaft nichts mehr zu erwarten ist - das war das Grundgefühl -, dann bedarf es des radikalen Bruchs mit der alten Existenz. Das ist das, was wir fürchten und wozu die Kunst ermutigt."
Was wir da zu fürchten hatten, ahnten wir nur ungefähr. Wir waren ins Gespräch vertieft und hörten nebenher Westradio – so gut das eben in diesem Auto ging – als auf einmal eine Nachricht aus Peking durch den Äther ging, die uns das Blut gefrieren ließ: Auch in China hatte es eine Demokratiebewegung gegeben, viele die sich dabei auf die Straße wagten, waren junge Leute wie wir…
Am vierten Juni 1989 wurde dieser Aufbruch auf dem Tian’anmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens mit militärischer Gewalt beendet. Hunderte Menschen, wenn nicht sogar mehrere Tausend starben. Bis heute ist das öffentliche Gedenken an die Opfer des Massakers in China verboten…
Ich werde nicht vergessen, wie nüchtern die Erkenntnis war, dass wieder und wieder Panzer gegen wehrlose Demonstranten eingesetzt werden - dieses Wissen kroch einem im Herbst 1989 manchmal in den Nacken, denn auch in der DDR standen Kampftruppen bereit…
Zum Glück kam es so nicht. Die friedliche Revolution ein Stück deutscher Geschichte für das man nicht dankbar genug sein kann.
Wie anders in China! Die Mütter und Väter der chinesischen Studentinnen und Studenten haben ihre Kinder nicht nur verloren, sie müssen auch ihre Trauer verstecken, denn die Opfer des 4. Juni 1989 werden bis heute totgeschwiegen.
Daran sollten wir uns nicht beteiligen sollten.
Darum ist es wichtig, sich zu erinnern.
Darum ist es wichtig, denen zu widersprechen, die mit platten Parolen historische Schuld wegbügeln.
Die Tageslosung am 4. Juni 1989 hieß: „Seht zu, liebe Brüder, dass keiner unter euch ein böses ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott.“ Ja, da sollten wir zusehen. Es ist noch lange nicht alles gut.



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  06.06.2018 - Wie im Himmel so auf Erden…

Wie im Himmel so auf Erden…

Cornelia Götz, Dompredigerin

Während Alexander Gerst heute Vormittag darauf wartete, endlich den angenehmen Druck der Raketentriebwerke im Rücken zu spüren, sass ich im Pfarrkonvent, der Dienstbesprechung der Braunschweiger Pfarrerschaft. Mühselig haben wir alle Eventualitäten auseinanderklamüsert, die bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen zu Abstimmungsproblemen führen könnten. Man sollte meinen, dass das keine allzu großen Schwierigkeiten macht – aber schon in unserer mittelgroßen Stadt sind Erfahrungen und vor-Ort-Situation manchmal so verschieden, dass man sich kaum auf eine gemeinsame Handhabung einigen kann.
Mit einem solchen Vormittag im Rücken hört man dann im Radio von der Implementierung der Kohlekommission in Berlin und ihren schwer vereinbaren Aufträgen, Klimaziele zu erreichen mithin den Braunkohleabbau zu beenden und trotzdem Arbeitsplätze zu erhalten ganz zu schweigen von den transatlantischen beim Antrittsbesuch des amerikanischen Außenministers und beginnt sich zu fragen, wie es denn überhaupt gelingen kann, miteinander klarzukommen.
Sehr tröstlich, wenn dann der Astronaut sagt, wie wunderbar es ist, mit einer Amerikanerin und einem Russen unterwegs zu sein und dass dort oben Verständigung auf eine Weise möglich ist, wie man sie sich unten auf der Erde nicht vorstellen kann.
Das haben wir ja immer schon geahnt – im Himmel geht es anders zu: kein Leid und kein Geschrei, keine Interessenkollision, keine Missverständnisse…
Woran mag das liegen?
Vielleicht relativiert sich in der Größe des Alls die Bedeutung irdischer Konflikte. Vielleicht besinnt man sich auch in der Verlassenheit der Raumkapsel auf das Glück, nicht allein sein zu müssen, sondern Menschen um sich zu haben und ist dann einfach nicht mehr wählerisch. Vielleicht erinnert ausgerechnet eine so gigantische Expedition – immerhin braucht es 26 Millionen Pferdestärken – den Menschen wieder an sein Maß. Und offenbar trägt alles miteinander dazu bei das Beste aus diesem Projekt zu machen, was irgend möglich ist. Nicht weil wir hier unten keine bleibende Statt haben. Das allerdings ist auch unser Auftrag hier unten: und „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Wenn wir da ein bisschen besser würden, könnte das der Anfang des Himmels auf Erden sein.



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  05.06.2018 - Planungsmeister

Planungsmeister

Dompredigerin Cornelia Götz

Unsere Tochter wurde am Wochenende Zeugin eines Sonntagabendrituals einer Wiener Familie: nach dem Abendessen holte jeder (jeder! Mutter, Vater, zwei erwachsene Kinder) sein fein säuberlich geführtes Hausaufgabenheft und es begann die Wochenplanung. Wer ist wann wo, wann isst wer mit wem was, wann sind Zeiten, in denen ein Familienglied nicht erreichbar ist, weil in ein er Sitzung oder Vorlesung steckt, wann schläft wer von den jungen Leuten Zuhause und wer noch und wann nicht…
Der Planungswahnsinn. Dass einer unsere Familie toppen kann, will was heißen, denn auch wir müssen lange vorher Besuche, Unternehmungen oder Reisen mithin alle privaten Termine planen, weil sie sonst im Domalltag immer das Nachsehen haben und untergehen.
Dabei vergisst man leicht, dass es nicht in unserer Hand liegt, ob wir noch eine Woche oder ein Jahr zu leben haben, ob unsere Pläne Wirklichkeit werden. „So Gott will und wir leben“ – sagte man früher am Ende einer Verabredung und das war mehr als eine Floskel, es war die demütige Einsicht, dass wir unserem Leben keine Stunde dazutun oder wegnehmen können, wie auch alles andere nicht von uns dosiert wird..
Das sollte Folgen haben, nicht nur auf die Art, wie wir Pläne schmieden, sondern vor allem auch mit Blick auf die Dinge, die es jetzt zu erledigen gilt:
Manchmal ist es ein Streit, der befriedet werden muss, ein böses Wort, für das wir uns entschuldigen müssen, ein erster Schritt ohne den es nicht weitergeht.
Manchmal sind es Wahrheiten, die wir längst erkannt haben oder im Grunde unseres Herzens schon lange wissen, die nun endlich auf den Tisch müssen, damit etwas anders werden kann.
Die große Politik liefert aktuell beliebig viele Beispiele für die Folgen verschleppter Entscheidungen, egal ob es um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht, das Anträge zu bearbeiten hat – geduldiges Papier, ja – aber Lebensgeschichten von Menschen damit beeinflusst oder um Umweltfragen, Schulpolitik, Rüstungsexporte…
Vielleicht haben wir noch alle Zeit der Welt, aber mit Sicherheit sind wir verantwortlich für das, was wir heute tun oder lassen.

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  04.06.2018 - Die verlorenen Söhne und Töchter

Die verlorenen Söhne und Töchter

Heiko Frubrich, Prädikant

In diesen Wochen werden in unseren Kirchen die neu gewählten Kirchenvorstände in ihr Amt eingeführt, so auch gestern hier bei uns am Dom in einem festlichen Gottesdienst. Aufgabe der Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher ist es, gemeinsam mit den Pfarrerinnen und Pfarrern unsere Kirche mit zu gestalten, mit zu verwalten und mit zu leiten. Soweit so gut. Doch wer ist das überhaupt, „Unsere Kirche“? Der Autor und Politikberater Erik Flügge hat in seinem Buch „Eine Kirche für viele“ über diese Frage nachgedacht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der Umstand, dass über alle Konfessionsgrenzen hinweg die meisten Mitglieder unserer Kirchen kaum noch aktiv am Gemeindeleben teilnehmen.
In seinem Buch legt der bekennende Katholik das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus, allerdings in einer ungewohnten Weise. Der verlorene Sohn ist bei ihm nicht etwa ein Bild für die Gemeindeglieder, die zwar Kirchensteuer zahlen, ansonsten aber eher kirchenfern leben, sondern der verlorene Sohn, das sind die 10%, die in den Sonntagsgottesdiensten noch dabei sind, die die Andachten besuchen und kirchliches Leben mitgestalten. Der verlorene Sohn, das sind wir! Ich finde den Ansatz, das Gleichnis einmal aus dieser Perspektive zu sehen, sehr reizvoll. Er zwingt uns aktive Kirchenleute dazu, die Frage zu beantworten, ob es denn für uns in Ordnung ist, dass kirchliche Aktivitäten im Leben von 90% unserer Mitglieder überhaupt gar keine Rolle mehr spielen. Können Sie sich einen Sportverein vorstellen, in dem 90r Mitglieder nur artig Beitrag zahlen und ansonsten nirgendwo auftauchen?
Nein, ich denke, dass diese Situation so keinesfalls akzeptabel ist. Und es ist nach meiner Auffassung auch Aufgabe der neu eingeführten Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, sich Gedanken darüber zu machen, wie dieses Verhältnis von einem, der da ist, zu neun anderen, die nicht mehr kommen, in eine positive Richtung verändert werden kann. Erik Flügge fragt, wie denn eine Kirche aussehen könnte, die ihr Geld und ihre Kraft nicht mehr in erster Linie für die 10% einsetzt, die immer da sind, sondern ganz bewusst die 90% in den Blick nimmt. Wie können wir als Kirche wieder die Mehrheit unserer Mitglieder erreichen? Ich habe keinen Zettel in der Tasche, auf dem die Antwort auf diese Frage steht. Ich ahne nur, dass sie damit zu tun haben wird, auch den einen oder anderen alten Zopf abzuschneiden, was ja bekanntermaßen durchaus auch mal schmerzhaft ist.
Keine Option ist es, die Botschaft des Evangeliums in irgendeiner Weise weichzuspülen und dem Mainstream anzupassen. Damit würde Kirche sich selbst und ihren Auftrag verraten. Doch das ist auch gar nicht nötig. Denn das, was das Evangelium im Kern ausmacht, ist wunderbar, befreiend, höchst aktuell und hat mit Liebe und Hoffnung zu tun. Der Bedarf dieser Welt genau daran ist größer denn je. Die Herausforderung besteht darin, eben das zu aufzeigen und zu den Menschen zu tragen.
Ich wünsche allen neuen Kirchenvorständen und auch uns hier am Dom gute Ideen und den Mut, Neues zu denken und zu tun. Im zweiten Timotheusbrief heißt es: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Diese Worte könnten eine gute Orientierung sein, um kirchliche Arbeit neu auszurichten.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  02.06.2018 - Wasser

Wasser

Dompredigerin Cornelia Götz

In der Hitze dieser Tage fällt einem wieder ein, was an trüben Novembertagen oder nasskalten Sommerwochen völlig aus dem Bewusstsein verschwindet: was für eine wunderbare Gabe Wasser ist und welches Glück wir haben, dass es in unserem reichen Land in solch überfließendem Masse vorhanden ist.
Wir mögen das für selbstverständlich halten aber anderswo auf dieser Erde ist man weit weniger gefährdet zu vergessen, dass Wasser die wichtigste Ressource der Menschheit ist, dass wir es Tag für Tag trinken müssen. Milliarden Menschen entbehren den Zugang zu ausreichendem und sauberen Wasser – ihnen ist es die Kostbarkeit schlechthin.
Auch unser Glaube wurzelt in einer Weltgegend, deren Klima es von allein nahelegt, dass Wasser eine tiefe spirituelle Bedeutung hat.
Das hat viele Gründe.
Es ist ungeformt und so steht es für alles, was fließt, für das Geistige.
Es ist klar und rein und erinnert so an Transparenz und Wahrheit.
Wasser erfrischt und erquickt Leib und Seele. Es Menschen deshalb zum Inbegriff nachwachsender Kräfte und Erneuerung.
Weil es äußerlich reinigt, schrieb man dem Wasser schnell auch innerlich läuternde Eigenschaften zu.
Schließlich löscht es Durst. Nicht nur den physischen, der in der Kehle brennt, sondern es symbolisiert auch den Durst nach Erkenntnis, die Sehnsucht nach Tiefe und Versenkung.
Und Wasser kann mit bedrohlicher Wucht über uns kommen, uns vernichten und symbolisiert so auch die Gefährdungen, denen wir ausgesetzt sind.
Wasser ist deshalb ein Symbol des Lebens überhaupt, denn es fließt seinen Lauf mit wechselnder Dynamik, Tiefe, Geschwindigkeit, Farbe…. – es weist über rein materielle Zusammenhänge weit hinaus.
Für uns Christen bündelt sich vieles davon in der heilsamen Erinnerung, dass wir mit Wasser getauft worden sind und so nicht nur seiner reinigenden klärenden Kräfte zuteilwerden sondern vor allem Anteil bekommen an Jesus Christus. Die Taufe bettet uns ein in Gottes Hände. So wie ein Kind im Bauch der Mutter gut gebettet ist in Wasser, werden wir durch das Leben getragen. Weil unser Gott das von Anbeginn der Welt vorgesehen hat, heißt es bei dem Propheten Jesaja:
„So spricht der Ewige, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht. Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen. Sie werden sagen »Ich gehöre Gott«, und in ihre Hand schreiben: Dem EWIGEN zu Eigen.“

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  01.06.2018 - Kreuze in Bayerm

Kreuze in Bayerm

Dompredigerin Cornelia Götz

Spätestens heute Morgen musste man sich – sofern man für ein bayrisches Dienstgebäude verantwortlich ist – eine Meinung zu Markus Söders Erlass gebildet haben, „wonach im Eingangsbereich als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung gut sichtbar ein Kreuz anzubringen ist.“
Hochschulen, Theater und Museen können ihrer künstlerischen Freiheit frönen aber für alle anderen – seien es nun Finanzämter oder Gerichte – besteht die Freiheit jetzt nur noch darin, sich aussuchen zu können, welches Kreuz es sein soll. Darum hängt nun in der Bayrischen Staatsbibliothek die schlichte Variante zu 59,00€ aus dem Münchner Kirchenladen.
Andere – zum Beispiel die Archäologische Staatssammlung oder die Akademie der Bildenden Künste – stöhnen und sagen, die Umsetzung des Erlasses widerspräche ganz ihrem weltoffenen und demokratischen Ansatz. Das klingt nach dem ausgrenzenden intoleranten Christentum, das über viele Jahrhunderte, so der Münchner Professor für Jüdische Geschichte, Michael Brenner „für Verfolgungen und Bekehrungseifer“ stand. Schon diese Erinnerung ist ein unabsehbarer Kollateralschaden des Söderschen Erlasses.
Überhaupt klingt die Debatte nach verordneter Leitkultur. Bei Jesu Kreuz geht es aber um Nachfolge, in die wir von Gott berufen sind und zu der wir uns aus freien Stücken bekennen sollten. In der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung aus dem Jahr 1934 heißt es deshalb: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Man formulierte also mit diesen Thesen, dass Jesus Christus das Zentrum unseres Lebens ist und verwahrte sich so gegen jedwede Vereinnahmung und Instrumentalisierung. Jetzt hingegen wird, so kommentierte Heribert Prantl, das Kreuz als „Dominanzsymbol“ missbraucht.
Während sich nun die Evangelische Kirche diplomatisch zurückhält und sagt: dieser Anspruch muss halt mit Leben gefüllt werden – aber was ist wenn die Ämter unbarmherzige und ungerechte Entscheidungen treffen, Entwicklungen zentrieren helfen, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, wird das Kreuz dann abgehängt? – sind unsere katholischen Geschwister klarer: „Das Kreuz ist kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder Staates“ so der Bamberger Erzbischof. Kardinal Marx ergänzte später, der Staat könne die Bedeutung des Kreuzes nicht definieren. Man solle es nicht verharmlosen, denn es hinterfragt ja weltliche Werte radikal. Daher müsse man seinen religiösen Eigensinn verteidigen.
Der ersten Barmer These ist dementsprechend folgendes Wort aus dem Johannes-evangelium vorangestellt. „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Sein Symbol ist es. Nicht das der bayrischen Staatsregierung.






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  31.05.2018 - Im Anfang

Im Anfang

Katja Witte-Knoblauch

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang. Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang. Doch keiner weiß in welchem Jahr und das ist wunderbar. Wir sind vielleicht noch lange hier und darauf trinken wir.“ Es war das Golgowski-Quartett, das 1954 über Wochen hinweg mit diesem Lied Deutschland einen Nummer-1-Hit bescherte. Das Leben konnte, sollte und wollte nach den dunklen Jahren neu gefeiert und ordentlich begossen werden. Bei uns zu Hause ist es eine Art kleines Ritual, dass wir uns alle Jahre wieder, wenn der 30. Mai naht, Original und die Version der Toten Hosen anhören und dazu anstoßen. Wahrscheinlich erwachte ich heute Morgen deshalb mit dem Gedanken: 31. Mai und die Welt ist nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil! Es war 4:45 Uhr am Morgen und im Garten fand ein großes Konzert statt, das den neuen Tag begrüßte. Die Vögel sangen geradezu phantastisch laut. Ein anderes Lied kam mir in den Sinn: „Morning has broken“ von Cat Stevens. In seiner deutschen Übersetzung, die sich auch im Gesangbuch findet, heißt es (EG 455): „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang. Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt. Dank für die Lieder, Dank für den Morgen, Dank für das Wort, dem beides entspringt. / Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet. So lag auf erstem Gras erster Tau. Dank für die Spuren Gottes im Garten, grünende Frische, vollkommnes Blau. / Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen, Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht! Dank überschwenglich, Dank Gott am Morgen! Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.“

Morgen für Morgen für Morgen begrüßt uns ein neuer Tag. Geschenkte Lebenszeit, noch unbeeinflusst von all dem, was der Tag bringen wird. Wie oft nehme ich mir eigentlich die Zeit, wenn ich nicht vom Vogelgesang, sondern vom Wecker geweckt werde, um noch einmal vor dem Tag inne zu halten? Unbelastet und einfach einmal dankbar dafür, dass ich leben darf und zwar genau diesen Tag leben darf. Am Abend ist das Nachtgebet ritualisiert. Aber es ist voll von all dem, was der Tag gebracht hat – von dem Guten und von dem Bösen. Am Morgen aber ist noch alles neu. Kein Wort gesprochen, keine Tat getan. Wiedererschaffen grüßt uns das Licht des Tages, SEIN Licht, wie es im Lied heißt.

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,1.4)

Folgen wir diesem Licht und lassen uns seine schöpferische Kraft schenken und das Leben, das in ihm liegt; in all unseren Anfängen und am Morgen und weiter durch den Tag hindurch bis zum Abend und noch zur Ruhe der Nacht.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  30.05.2018 - HDGDL

HDGDL

Katja Witte-Knoblauch

Es tut gut, wenn man sich im Glauben von Gott getragen weiß; wenn Worte wie „Der Herr ist mein Hirte“ (Ps 23,1) nicht auswendig gelernter Text, sondern empfundene Wirklichkeit sind. Doch damit das geschehen kann, muss man es sich selbst zwischendurch immer wieder einmal bewusst machen. Gut geht das im Gebet, also in Worten, die nach Gott suchen, sich nach ihm sehnen, die Begegnung ermöglichen, weil sie darauf vertrauen, dass Gott die eigenen Worte nicht unbeantwortet lässt.

Am Wochenende habe ich nun mit meinen Konfis eine Nacht im Dom verbracht. An verschiedenen Stationen sollten sie den 23. Psalm erarbeiten und waren dazu an einer der Stationen aufgefordert, ein eigenes Gebet zu verfassen. Ergebnisse solch freien Schreibens finde ich jedes Mal aufs Neue spannend. Da ist z.B. das durchgestrichene und verschmiert begonnene Sorgengebet, das dann aber für den Kontext doch als zu intim empfunden ersetzt wurde mit einem coolen Text: „Schmeißt du viele Partys, um dir das Leben schöner zu machen, Gott? Ich nicht. Komm doch mal runter, wenn du nicht viel vorhast. Ich freue mich auf dich.“ Oder ein ganz schlichtes: „Lieber Gott! Danke, dass du mich leitest und mir Schutz gibst.“ Oder auch: „Hallo Gott, ich wollte dir dafür danken, dass du mir so eine tolle Familie gegeben hast und dass du mich zu so tollen Menschen geführt hast. Ich wünschte allerdings, dass es nicht so viele Verluste gegeben hätte…“
Die Bandbreite des normalen Lebens lässt sich erahnen und gerade jenen, die schon in diesen jungen Jahren die Schwere des Lebens spüren müssen, ist zu wünschen, dass sie viel von der Kraft empfinden, die aus einem Gebet zuwachsen kann.

Spannend fand ich weiter, dass ein Teil der Texte anstatt mit „Amen“ mit „HDGDL“ endete. Sie kennen die Abkürzung? Falls nicht: Sie gehört in die Welt der WhatsApp und SMS und meint: Hab dich ganz doll lieb. Natürlich haben die Konfis irgendwann bereits von mir gehört, dass Gebete mit „Amen“ schließen und dass dieses Wort hebräisch ist und „So sei es“ bedeutet. Aber das war eben nur Lernstoff und nicht mit dem Herzen angenommenes Wissen. Also erfanden einige eine eigene Antwort und die spricht genau jenes Vertrauen aus, das es braucht, damit ein Gebet am Ende ein gelungenes Gebet ist. Hab dich ganz doll lieb. Ich höre in diesen Worten den Glauben der Jugendlichen daran, dass sie sich bei Gott gut aufgehoben fühlen.

In dem bekannten Gesangbuchlied Joachim Neanders aus dem Jahr 1680 ist es ähnlich; dort beschreibt er, wofür er seinen Gott gelobt wissen möchte und irgendwie sagt auch er „HDGDL“ mit seinen Worten, wenn er in seiner Aufforderung zum Lob schreibt:

„Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über die Flügel gebreitet!
Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  29.05.2018 - Nach dem Wort des HERRN

Nach dem Wort des HERRN

Katja Witte-Knoblauch

„Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen“, heißt es im 23. Psalm. Glauben Sie das? Spüren Sie das? Und wenn ja, woran machen Sie es für sich fest?

In den Erzählungen des Alten Testaments klingt das Leben diesbezüglich einfacher. Denn hier erscheint Gott in eindeutigen Zeichen und manchmal spricht er hier und da sogar mit den Menschen – im Traum, aus dem brennenden Dornbusch oder als Stimme aus den Wolken. Auch unsere heutige Tageslosung stammt aus solch einem Kontext. Es ist die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste, nachdem sie aus Ägypten geführt worden waren. Denn hier geht Gott für alle sichtbar im Sinnbild der Wolke voran. Diese ruht über der Stiftshütte, einer Art Kirche zum Mitnehmen. Der Losungsvers lautet nun: „Nach dem Wort des HERRN brachen sie auf, und nach seinem Wort lagerten sie.“ (4. Mose 9,18)
Gott spricht dabei übrigens gar nicht, sondern es ist allein die Wolke, die anzeigt, was zu tun ist. Solange die Wolke über der Stiftshütte lagert, bleibt das Volk an diesem Ort. Erhebt sie sich, dann ziehen alle weiter.

Nach solch märchenhaften Erzählungen ist es leicht, wohlwissend den Kopf zu neigen und zu sagen: „Siehste, alles Blödsinn mit diesem Gottesgelaber. Ich glaub‘ auch erst, dass es Gott gibt und er mich leitet, wenn er mir persönlich erscheint.“ Allein: wer darauf besteht, die Bibel in solch naiver Weise zu lesen, dem ist leider nicht zu helfen. Worum also geht es in dieser Erzählung? Der Auszug aus Ägypten spricht von dem Weg des Volkes aus der Sklaverei in die Freiheit. Und es wird erzählt, dass es auf diesem Weg jedes Mal dann gut lief, wenn das Volk seinem Gott vertraut hat.

Nun ist auch uns noch gesagt, was gut ist, wonach wir uns richten und woran wir uns halten können. Die Wolke des biblischen Wortes zieht uns immer noch voran. So ist uns gesagt, dass das Wort des lebendigen Gottes in all seinen Facetten zum Leben treibt. Wer diesem Gott vertraut, der sieht mehr als seine persönlichen Interessen und Vorteile. Denn indem er auf Gott schaut, sieht er nicht nur sich, sondern auch die Welt und erkennt: Ich bin nicht der Mittelpunkt allen Seins. In unseren heutigen Zeiten denke ich manchmal, dass diese Erkenntnis als eine erste Erkenntnis doch schon einmal sehr gut wäre. Weil nämlich weder ich noch mein Land noch meine Kultur der Nabel der Welt sind, müsste es doch gehen, dass wir alle friedlich und in Fülle beieinander wohnen können…. Alle Geschöpfe Gottes satt, alle mit einem Dach über dem Kopf und Kleidung am Körper, alle im Frieden, alle mit Chancen auf Bildung, alle sorgsam in ihrem Umgang mit der Natur.

Wenn Sie jetzt gähnen, weil Sie das schon tausend und einmal gehört haben – und Ihnen deshalb auch solche Sehnsucht nichts weiter als märchenhaft vorkommt, ja dann sollten Sie sich fragen, ob Sie die Fingerzeige Gottes nicht verpasst haben und wem Sie eigentlich folgen in Ihrem Leben. Und vertraue für meinen Teil darauf, dass es am Ende der Himmel ist, der die Möglichkeit solcher Zukunft offen hält.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  28.05.2018 - Tag der Lebensspende

Tag der Lebensspende

Heiko Frubrich, Prädikant

Heute ist Weltleukämietag oder, wie er bis 2013 in Deutschland hieß: „Tag der Lebensspende“. Erstmalig begangen wurde er 2001 anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Deutschen Knochenmarkspenderdatei oder kurz DKMS. Gegründet wurde die Gesellschaft 1991 von Dr. Peter Harf, einem deutschen Unternehmer, dessen Ehefrau an Leukämie erkrankt war und mangels Knochenmarkspende auch daran verstarb. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland nur knapp über 3000 Freiwillige, die sich als Spender zur Verfügung gestellt hatten. Das war im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern eine verschwindend geringe Anzahl. Bis heute haben sich bei der DKMS weltweit über 8 Millionen Menschen registrieren lassen, davon rund 6 Millionen in Deutschland. Über 70.000 Knochenmarktransplantation hat die DKMS bisher vermittelt. Dadurch wurde vielen leukämiekranken Menschen das Leben gerettet. Einer meiner Arbeitskollegen konnte einem an Leukämie erkrankten jungen Mann durch seine Knochenmarkspende ebenfalls helfen und es ist immer wieder bewegend, wenn er von seinem ersten Zusammentreffen und der mittlerweile entstandenen Freundschaft zu diesem Menschen berichtet.
In den Religionen wurde und wird immer wieder über das Thema Blut- und Knochenmarkspende diskutiert. Grundsätzlich sind sich alle großen Weltreligionen in ihren Lehren darüber einig, dass wir Menschen über alle Konfessionsgrenzen hinweg einander zur Hilfe verpflichtet sind und dabei ist auch die Blutspende und ähnliche Verfahren ganz selbstverständlich ein legitimes und erwünschtes Instrument. Es gibt allerdings fundamentalistische Kreise – auch im christlichen Umfeld, die sich mit Bezug auf alttestamentliche Texte gegen die Blutspende aussprechen. Hier sind nach ihrer Interpretation verbindliche Regeln zu finden, die eine Weitergabe von Blut von einem Menschen zum anderen verbieten.
Mir fällt dazu immer wieder die Geschichte ein, in der Jesus einen kranken Menschen heilt, obwohl Sabbat ist. Als ihn die Schriftgelehrten mit seinem vermeintlichen Fehlverhalten konfrontieren, antwortet er: „Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten?“ Ich denke, hier wird deutlich, dass das Wohl des Menschen in Jesu Handeln und nach seiner Überzeugung stets erste Priorität hat. Und wenn wir einander helfen können, dann steht es uns als Christenmenschen gut zu Gesicht, genau das zu tun. Das soll hier heute keine Werbeveranstaltung dafür werden, sich als Knochenmarkspender bei der DKMS registrieren zu lassen, vielleicht lohnt es aber darüber nachzudenken, ob das nicht auch eine sehr konkrete und unmittelbare Form und ein höchstpersönlicher Ausdruck von Nächstenliebe sein kann.
Auch in dem Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, geht es um Heilung. Im zweiten Buch der Könige ist zu lesen: „So spricht der HERR: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund machen.“ Ich finde, dass der heutige Tag der Lebensspende ein guter Anlass ist, über unsere Rolle in diesem Plan Gottes einmal nachzudenken.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  26.05.2018 - Tuishi pamoja (sprich: tuischi pamodscha)

Tuishi pamoja (sprich: tuischi pamodscha)

Katja Witte-Knoblauch

„He, ich kenne dich nicht. Du bist anders als ich. Doch was daran so schlimm sein soll, ja, das versteh ich nicht! Ich erzähl dir von mir, dann erzählst du von dir, dann entsteht vielleicht eine neue Freundschaft hier. / Ganz egal, wie bunt du bist, ganz egal, was Mode ist, sei dabei, und feier mit! Sing doch unsern Freundschaftshit!“

So klang das Abschlusslied der Musicalaufführung „Tuishi pamoja“ unserer Grundschule. Der Sohn und alle anderen Kinder mit glücklichem Lächeln und großer Freude über die gelungene Aufführung, das Lehrerteam erschöpft, aber zufrieden zum Ende eines Ganzjahresprojekts, das alle Schulklassen, Lehrer, Lehrerinnen und auch Eltern einbezogen hatte. Ein Mammut-Projekt, das da neben dem normalen Schulbetrieb her gestemmt worden ist. Und dessen eigentlicher Erfolg darin liegt, dass alle zu seinem Gelingen beigetragen haben. Ein echter Gruppensieg!

Die Botschaft des Theaterstücks steht als Überschrift auf Swahili und bedeutet: „Wir wollen zusammen leben“. Unsere Grundschule kennt in ihren Schulklassen tatsächlich eine bunte Mischung von Ursprungsländern der Eltern der Kinder. Da sind polnische, russische, türkische, griechische und französische Eltern zu finden, und auch die Kinder der Flüchtlingsfamilie, die vorn ins alte Hausmeisterhaus eingezogen ist, wurden neugierig wahrgenommen. Aber die Schwierigkeiten sind ohne Frage da. Denn nicht alle können gleich gut Deutsch und dumme Sprüche gibt es leider überall.

Das Schlusslied erzählt nun davon, wie Vorurteile durch wachsende Vertrautheit überwunden werden können. Und der erste Gedanke beim Hören war: Ach ja, wenn’s doch im wahren Leben nur auch so einfach wäre. Wir erzählen uns einfach ein wenig voneinander, lernen uns besser kennen und, schwupp’s, sind alle gute Freunde. Aber bei genauerem Hinsehen war es im Stück so einfach dann doch auch nicht. Denn die verfeindeten Gruppen, im Stück Zebras und Giraffen, brauchten zu ihrer Zusammenführung mehr als ein bisschen Small-Talk. Zur Überwindung der Scheu voreinander brauchte es zuerst ein gemeinsames Ziel: In diesem Fall die Flucht vor den Löwen. Und es brauchte Vermittler, im Stück waren es Erdmännchen, die die großen Giraffen und Zebras mit der Nase und ein bisschen Schimpfen darauf stießen, dass deren Verhalten unangemessen und blöd ist. Das klingt realistisch. Fragt sich für die Wirklichkeit leider nur: Wo genau finden sich eigentlich jene so wunderbar lustigen und frei von Ressentiments lebenden Erdmännchen-Vermittler? Und wer sind überhaupt die, die durch die Überwindung ihrer Vorurteile zueinander finden könnten, und wer sind die Löwen?

Im Traum von einer Welt, die dem Willen Gottes entspricht, heißt es bei Jesaja (Jes 65,25):
„Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.“
Doch damit dieser Traum überhaupt hier und da schon in dieser Welt Chance auf Wirklichkeit hat, braucht es offene Ohren und Herzen, die das Wort annehmen, das uns gesagt ist (Mt 5,9): „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  24.05.2018 - Räume

Räume

Dompredigerin Cornelia Götz

Der Niederländer Rem Koolhaas gehört zu den bedeutendsten Architekten unserer Zeit. Seiner Kreativität verdanken sich völlig neuartige Gebäudestrukturen, wie beispielsweise der niederländischen Botschaft in Berlin (die keine echten Stockwerke hat sondern ineinander übergehende Teilgeschosse) oder der Zentralbibliothek in Seattle.
In einem Interview stellte man ihm folgende Frage: „Frühere Theologen meinten, Architektur forme die Menschen nachhaltiger als die Heilige Schrift. Teilen sie diese Meinung?“ Rem Koolhaas antwortete: „Nein. Architektur kann stimulieren aber übermächtig wird sie nur, wenn ein Mensch über längerer Zeit in einer klaustrophobischen Gefängniszelle eingeschlossen ist.“
Welche Theologen da tatsächlich im Blick waren, kann ich nicht sagen – allerdings gibt es in der Tat zahllose Begründungen für die Wirkung von Kirchenräumen auf Menschen, beziehungsweise die nonverbale Interaktion zwischen uns und Räumen, in die wir uns bergen, weil ihre Atmosphäre seit jeher vom christlichen Glauben geprägt und durchgebetet worden ist. Das hat nicht unwesentlich etwas damit zu tun, dass wir Menschen nicht nur Geist sind, sondern mit allen Sinnen wahrnehmen. „Wenn der Geist Gottes dem Leben Sinn verleiht, dann bleiben unsere Sinne dabei nicht unbenutzt oder unberührt.“ (W.Vorländer) Insofern kann man also von der Heilkraft des heiligen Raumes reden.
Unterstützt wird diese Einsicht von Fulbert Steffensky, der es so sagte: „Der Geist kommt nicht mit sich selber aus und lässt sich nicht in die Innerlichkeit verbannen. Was nicht nach außen dringt, nicht Form, Figur, Geste... wird, bleibt blass. … Spiritualität ist geformte Aufmerksamkeit.“
Das alles bedenkend, erklärt, warum es so beschwerlich ist, sich vorzustellen, dass dieser Dom vom nationalsozialistischen Ungeist überformt und umgestaltet worden ist. Es ist wie ein Bruch, eine Narbe. Und es ist eine heilsame Erinnerung, wo es hinführt, wenn Menschen sich über anderer und Gott erheben. (Vielleicht waren Sie vorhin dabei, als Dr. Birgit Hoffmann im Rahmen des 1938-Projektes des Leo-Beck-Institutes über die Umgestaltung des Domes referierte).
Last but not least: Über diesem Tag heißt es in den Herrnhuter Losungen im 32. Psalm: „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist.“
Ein Dom begeht keine Sünde und es ist auch nicht an uns, darüber zu spekulieren, ob den Tätern des Jahres 1938 ihre Sünden vergeben sind. Aber wir haben hier das Evangelium Jesu Christi zu verkündigen und also zu reden von Sünde und Vergebung. Weil das laut wird und mit dem Gotteslob den Raum erfüllt, darum, so denke ich, kann auch die Atmosphäre des Raumes heilen und mit ihm wir – denn wir leben und sind vor dem Angesicht Gottes, vor achtzig Jahren genauso wie heute.

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  23.05.2018 - Unser Grundgesetz

Unser Grundgesetz

Prädikant Heiko Frubrich

„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ So beginnt die Präambel unserer Verfassung, die heute vor 69 Jahren in Kraft getreten ist.
Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen – nur wenige Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft wird in diesen Worten zusammengefasst, was von 1933 bis 1945 in Deutschland schmerzhaft und grausam unter die Räder gekommen war. Und in aller Konsequenz sind in den ersten Artikeln des Grundgesetzes die Dinge ein für alle Mal festgeschrieben, die für das Zusammenleben in unserem Land gelten: Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Freiheit des Glaubens und noch einiges andere mehr, das für uns heute vollkommen selbstverständlich ist.
Nicht nur die ganz am Anfang beschriebene Verantwortung vor Gott, die ich gern mit Demut übersetzten möchte, sondern der gesamte Duktus der Grundrechte belegt ganz klar den Bezug auf christliche Werte. Das was die Grundrechte ausdrücken, ist ganz dicht bei dem, was uns Jesus Christus vorgelebt hat. Unter diesen Rahmenbedingungen lässt es sich gut sein und wir alle dürfen unter diesem Schutz und in dieser Freiheit unser Leben führen.
Es bedarf allerdings unserer Wachsamkeit und unseres Engagements, damit all dieses wirklich auch dauerhaft als Basis unseres Zusammenlebens weiterbestehen kann. Zwar hat noch niemand ganz offen Hand an unser Grundgesetz gelegt, doch Intoleranz, Diskriminierung und Diffamierung scheinen gerade in den letzten Jahren immer salonfähiger zu werden. So sitzt seit dem vergangenen Jahr eine Partei in unserem Deutschen Bundestag, sie sich dort ganz offen zu ihrer menschenverachtenden Programmatik bekennt – und dies übrigens auch unter dem Schutz unserer Verfassung tut – und die in vielem sehr stark an ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte erinnert, auf das die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes so wohltuend klar und deutlich reagiert und geantwortet haben.
Ich denke, dass auch und gerade wir Christinnen und Christen gefordert sind, unsere Stimme zu erheben, wo Menschenrechte, Menschenwürde und ein friedliches und wertschätzendes Miteinander auf der Strecke zu bleiben drohen. Wo Minderheiten ausgegrenzt, Schwächere an den Rand gedrängt und Andersdenkende mundtot gemacht werden sollen, geht das mit Jesu Botschaft nicht zusammen. Jesus von Nazareth hat sich genau dort eingemischt, wo Dinge aus dem Ruder zu laufen drohten und so war er im positiven Sinne politisch engagiert. Uns, die wir hier am Dom Dienst tun, ist das Vorbild und Auftrag gleichermaßen. Und wir wollen es da gern mit Paulus halten, der da schreibt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Ihr Heiko Frubrich, Prädikant

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  22.05.2018 - O komm, du Geist der Wahrheit

O komm, du Geist der Wahrheit

Dompredigerin Cornelia Götz

Ein wirklich unglaublich kräftiges Pfingstlied ist – jedenfalls für mich – „O komm, du Geist der Wahrheit“.
Zu DDR-Zeiten habe ich es genossen, das Lied dem Staat, der mit der Wahrheit so seltsam umging, möglichst unter freiem Himmel entgegenzusingen. Es war ein Statement, eine Provokation, ein Bekenntnis.
„Verbreite Licht und Klarheit, / verbanne Trug und Schein.“
Schöner konnte man nicht sagen, dass es nottut, dass Licht in die finsteren Ecken des Systems fällt – wer jüngst „Weißensee“ gesehen hat, weiß wie dunkel es werden konnte und müsste noch ein bisschen Gänsehaut haben. Man spürte, wie gut es tut, etwas gegenzusetzen zu haben, eine Gemeinschaft, eine älterer und größere Idee, einen Glauben, der sich dem verpflichtet fühlt, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Heute höre ich deutlicher, dass es in dem Lied auch heißt: „Und kehre bei uns ein, … / rühr Herz und Lippen an. “ Es geht, das ahnte man immer schon, nicht vor allem um die Anderen, sondern um uns selbst. Wir brauchen den Geist der Wahrheit. Denn die Frage nach der Wahrheit ist nach wie vor brisant und aktuell. Und sie hat sehr viel mit unserer eigenen Glaubwürdigkeit und Geradlinigkeit zu tun. Was halte ich für wahr? Und lebe ich dann so? Es heißt ja nicht umsonst: die Wahrheit und der Weg und das Leben. Das lässt sich nicht trennen.
„Wahrheit“ ist eines der zentralen Schlagworte der Gegenwart. Sie muss sich behaupten zwischen fake News und Meinungen und hat es schwer dabei. Salman Rushdie schrieb – ganz bestimmt nicht zufällig - in der Pfingstausgabe der Süddeutschen Zeitungen einen großen Artikel zum „Zustand der Wahrheit“ heute. Er mahnte, sich der Gedankenarbeit zu stellen, dass Wahrheit und Realität nicht zwingend dasselbe sind, Wirklichkeit muss verstanden und gedeutet werden. Beides sind Prozesse, die dem Wandel der Zeit unterliegen.
So gilt es zu begreifen, dass historische Wahrheiten zum Beispiel erst dann welche werden, wenn man ihnen die entsprechende Bedeutung zugeschrieben hat. Ob etwas für Meuterei oder Unabhängigkeitskampf gehalten wird, hat viel mit dem zu tun, der deutet und schon gar mit allen, deren Wirklichkeiten bei der Deutung ausgeblendet und verschwiegen werden….
Darum ist es so dringend wie eh und je die Geister zu unterscheiden.
Darum ist Pfingsten ein so wichtiges Fest, denn der Geist, der uns da geschenkt wird, ist der Geist der Freiheit. Er bewegt uns Menschen und hilft, nicht aus Angst zu handeln, sondern von Gottes Wahrheit und seiner Freiheit zu erzählen. Ganz im Sinne der letzten Strophe: „Du Heilger Geist, bereite / ein Pfingstfest nah und fern; / mit deiner Kraft begleite / das Zeugnis von dem Herrn.“

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  17.05.2018 - ... und verschmäht ihr Gebet nicht

... und verschmäht ihr Gebet nicht

Katja Witte-Knoblauch

„Der HERR wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.“

Worte des 102. Psalms, Worte der heutigen Tageslosung. Sie klingen gut und schön – und werden doch so manch einem von uns Falten auf die Stirn werfen. Denn: Ist das so? Entsprechen diese Worte unserer Erfahrung? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir Sonntag für Sonntag für den Frieden in dieser Welt bitten, um dann doch wieder Bilder von Krieg und Zerstörung zu sehen? Und was ist mit all den Armen und den Einsamen und den Austherapierten?

So erinnere ich mich an einen Menschen, der mir von seinem gescheiterten Lebenstraum berichtete und davon, wie sein Leben seither über Jahre hinweg immer elender geworden sei. Von der Dunkelheit, sprach er, durch die kein Licht mehr zu ihm dringe. Und nein, er könne sich auch nicht mehr freuen an Familie und Freunden, nicht mehr am Sonnenstrahl und auch an keiner Blume. Die Perspektivlosigkeit mache ihn vielmehr starr und krank.

„Der HERR wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.“
Wenn ich meinen Konfis erkläre, worauf Gebete zielen, dann frage ich sie zuerst, was sie denken: Worum geht es beim Beten? Darum, dass Gott die eigenen Wünsche erfüllt und ER den Hoffnungen zum Ziel verhilft; oder geht es darum, dass man selbst im Gebet erkennt, was Gottes Wille für mich ist. Die Antwort auf meine Frage lautet zumeist: Beides. Und wer den biblischen Schriften folgt, der liest genau das. Der liest von dem Wunsch, das eigene Geschick verstehen zu wollen und zu lernen, was Gottes Wille für mich sei. Und er liest von der Hoffnung, Gott möge Sehnsüchte erfüllen.

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“, heißt es im Matthäusevangelium (Mt 7,7). Darin liegt für mich ein Teil zur Auflösung der Stirnfalten: in der Einübung des Gebets. Ich vermute, wer täglich um den Millionengewinn im Lotto bittet, dem fällt irgendwann selbst auf, dass dieser Wunsch ein alberner ist. Wer täglich für den Frieden betet, der wird versuchen, das eigene Leben friedfertig zu gestalten. Und ich hoffe sehr, dass auch Menschen darunter sind, die politische Verantwortung tragen und Frieden wirken, wo es in ihrer Macht steht. Wer täglich um Arbeit bittet, der wird vielleicht irgendwann verstehen, dass es Arbeit auch da gibt, wo er sie bisher noch nicht gesucht hat. Und wer mit Problemen im Miteinander umgehen muss, der lernt durch das Gebet vielleicht mehr Toleranz und Nächstenliebe, um auszuhalten, was schwer ist. Ich selbst bitte gerne darum, dass Gott mir Wege zu sehen verhilft, die mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen sind. Und wissen Sie: ich glaube, es wirkt. Deshalb denke ich, dass wir in aller Ruhe darauf vertrauen können, dass Gott keines unserer Gebete verschmäht; selbst wenn seine Antwort manchmal eine unerwartete und überraschende ist.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  16.05.2018 - Dass wir klug werden

Dass wir klug werden

Katja Witte-Knoblauch

Wieder einmal haben wir in einer Gruppe Erwachsener zusammen gesessen und über Worte des Glaubensbekenntnisses nachgedacht. Besonders beschäftigt haben uns dabei die Worte: „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“.

Woran glauben Sie, wenn Sie diese Bekenntnisworte sprechen?

Im Mittelalter gab es sehr konkrete Vorstellungen dessen, was nach dem Tod geschieht. Auch der Dom erzählt davon: so sehen wir neben dem Paradiesleuchter wunderbare Malereien im Hohen Chor: Zu sehen ist die himmlische Stadt Jerusalem, von der die Apokalypse des Evangelisten Johannes erzählt; ihre Mauer habe zwölf Tore, heißt es, und in ihr throne der eine Gott, zu dessen Rechten Jesus Christus sitze, der Weltenherrscher, Richter und Mittler zugleich sei. Dieser Christus wiederum lässt sich in der Apsis mit den Insignien seiner Macht und Herrschaft sehen. Heinrich und Mathilde hatten diese Darstellungen zum Ausdruck ihrer christlichen Hoffnung eines Lebens nach dem Tod entschieden, auch wenn die Malereien selbst erst lange nach ihrem Tod vollendet wurden. Seither gelten sie nicht nur all den Verstorbenen ihres Geschlechts, so wie z.B. dem prominenten Sohn Otto dem IV., dessen 800. Todestag am 19. Mai ist, sondern auch uns heute, wenn wir den Dom betreten.

Aber spricht diese Bilderwelt überhaupt noch zu uns? Entspricht sie noch der Hoffnung, die in uns ist? Die Diskussion um die Bekenntnisworte machte schnell klar: Zu bildlich darf es in der eigenen Vorstellungswelt nicht werden, wenn man den gegenwärtigen Vernunftstandards entsprechen möchte. Denn der Tod trennt die Lebenden von den Toten unwiderruflich. Gegenwart teilen wir allein darin, dass wir uns als Menschen diesseits wie jenseits in Gott geborgen glauben. Aber macht es dann überhaupt weiter Sinn, von einem richtenden Handeln Gottes nach dem Tod zu sprechen?

Ich meine: Unbedingt! Meine Vorstellung ist dabei geprägt durch das paulinische Wort aus dem 1. Korintherbrief, in dem es heißt: „Wir sehen jetzt aber durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Kor. 13,12) – Im Gericht geht es demnach um Erkenntnis: Ich werde erkennen, wofür ich verantwortlich, worin ich gut und böse war; ich werde erkennen, wo ich mein Leben gut und erfüllt gelebt habe und wo ich Gelegenheiten verpasst habe; ich werde erkennen, wer ich war und wer ich hätte sein können. Diese Selbst-Erkenntnis, sie wird mein Gericht sein. Das glaube ich.

Aber, wie soll man sagen: Sehen, wie es wirklich ist, das werden wir erst dann. Doch gerade weil dieses „dann“ ganz gewiss kommt, bleibt es bei dem bekannten Psalmwort:

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 90,12)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  15.05.2018 - An den Wassern von Babylon

An den Wassern von Babylon

Katja Witte-Knoblauch

Heute Morgen sah ich in meiner Tageszeitung eine Karikatur: Donald Trump überreicht Benjamin Netanjahu eine Geburtstagstorte, deren Kerzen Rauch wie von einer Explosion fabrizieren. Und ich denke an den vergangenen Dezember zurück, als es in den Straßen von Bethlehem zu Gewaltaktionen kam, nachdem Trump seine Entscheidung veröffentlicht hatte, die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu wollen.

Ich weiß nicht, welchen Deal der amerikanische Präsident derzeit einzugehen glaubt, wessen Beratungen er folgt und wer am Ende von einer solchen Entscheidung profitiert. Da sich mit Frieden kein Geld verdienen lässt, dürfte zumindest die Waffenlobby derzeit recht zufrieden sein. Aber als Erklärung reicht das sicherlich nicht aus. Was auch immer im Hintergrund an Interessen und bestimmt auch an ernsthaften Anliegen stehen mag, für die die Menschen vor Ort ist es eine Katastrophe. Für die Toten und ihre Familien gewiss, aber auch für jene, die eigentlich unbeteiligt sind, wie z.B. die Christen dieser Region. Überhaupt für alle, die vom Tourismus leben, die stolz sind auf ihr wunderschönes Land, auf die Kultur, auf ihre Geschichte, auf ihren Glauben, auf ihre Synagogen, Kirchen und Moscheen und auf die langen Zeiten des Friedens, in denen Menschen verschiedenen Glaubens im Großen und Ganzen friedlich beieinander wohnten. Unter den Christen sind die Zeiten heute so, dass die Kinder all derer, die die Möglichkeit haben zu gehen, gehen. Sie gehen freiwillig aus ihrem wundervollen Land hinaus ins Exil. Und jene, die bleiben, bleiben viel zu oft schweren Herzens. Gott, ach Gott, will man fragen: Warum?

Im 137. Psalm heißt es:
„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.“

Der Psalmgesang spricht von der alten Sehnsucht nach der Heimat, in der endlich, endlich Frieden zu finden sei. Innerer und Äußerer. Es ist die Sehnsucht nach einem Friedensreich, wie es der Prophet Micha beschreibt:
„In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lass uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,1-4)

Und der Weg zu solchem Frieden? Noch einmal Worte des Propheten Micha:
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  14.05.2018 - Ich glaube, hilf meinem Unglauben

Ich glaube, hilf meinem Unglauben

Pfarrer Janis Berzins

Der Evangelist Markus erzählt uns die Geschichte eines Vaters, der seinen Jungen zu Jesus bringt. Dieser Junge wird immer wieder von Krampfanfällen geschüttelt; wir erkennen, dass es sich um einen Epileptiker handelt. Und die Anfälle waren schon lebensbedrohlich, wenn sie – wie immer ganz unerwartet – gleich neben dem Feuer auftraten oder am Wasser. Der Vater dieses Jungen bittet Jesus also um Hilfe – wenn er denn helfen kann. Jesu Antwort: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. In der Bibel heißt es nun: Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
Was für ein Satz! Natürlich können wir uns fragen: Ja, was denn jetzt? Glaubt er denn nun oder glaubt er nicht? Wie soll denn bitteschön beides zusammen gehen? Vermutlich dachten so auch die Evangelisten Matthäus und Lukas. Beide erzählen in ihren Evangelien auch diese Geschichte, aber diesen Ausruf des Vaters lassen beide aus. Vielleicht war ihnen dieser Satz peinlich? Weil er so unlogisch und ein wenig verquer erscheint.
Ich finde diesen Satz großartig. Und zwar, weil ich mich in ihm wiederfinde. Manchmal erlebe ich meinen Glauben ganz stark und ungebrochen. Wenn mich die Schönheit der Schöpfung überwältigt. Wenn ich das Glück spüre, lebendig zu sein. Wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mich glücklich machen. Aber manchmal erlebe ich meinen Glauben auch als klein und schwach. Wenn mich unfassbare Bilder von Attentaten über den Fernseher erreichen. Oder wenn ich am Sarg eines Kindes stehe. Dann habe ich Angst, dass mein Glaube zu klein ist für das Schreckliche und für den Schmerz. Dass er nicht ausreichen könnte angesichts der Übermacht des Bösen. Und das er vielleicht einfach so zerquetscht werden könnte von der erdrückenden Realität. Ich denke an Gespräche mit Menschen, die mir genau das anvertrauten und sagten: Ich kann nicht mehr glauben, seit mir Schlimmes passiert ist.
Ich wünsche mir, dass mein Glaube trägt, auch durch Schweres hindurch. Aber es liegt nicht in meiner Hand, denn Wünschen allein wird wohl nicht reichen. Aber ich kann beten: Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben. Und hoffen, dass er schließlich reicht, dieser kleine, schwache und unvollkommene Glaube. So wie in der Geschichte ausreichte: Der Sohn wurde gesund.

Ihr
Janis Berzins
Pfarrer an St. Pauli-Matthäus, Braunschweig

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  12.05.2018 - „Jungchen, das geht nicht gut aus.“

„Jungchen, das geht nicht gut aus.“

Cornelia Götz, Dompredigerin

Dieser Tage häufen sich Taufen und Hochzeiten. Vor allem Letztere kommen sehr verschieden daher. Manchmal sind es ganz junge Leute, die das Leben bisher mit Kummer und Leid verschont hat, manchmal sind es Paare, die schon lange miteinander unterwegs sind und sich nun entschlossen haben, zu heiraten, manchmal sind es Menschen, die gescheiterte Beziehungen hinter sich haben und jetzt voller Hoffnung noch einen Versuch wagen.
Hin und wieder fällt mir dann eine Erinnerung von Siegfried Lenz ein, der in einem Interview sagte:
„Ich komme immer wieder auf meine Großmutter in Masuren zurück, die eine große Geschichtenerzählerin war. Sie nahm mich immer mit zur Kirche, wenn eine Hochzeit stattfand. Sie stand da, die alte Frau, angeleimt von Erwartung. Und wenn sich das Brautpaar zeigte, strich sie mir über den Kopf, deutete auf die beiden Menschen und sagte: Jungchen, das geht nicht gut aus…“
Man kann sich das ja gut vorstellen: So eine masurische Großmutter hat viele Geschichten erlebt und Liebe kommen und gehen sehen. Da wird man realistisch. Zugleich kommt es einem ein bisschen unheimlich vor: die alte Frau, die aus der Ferne orakelt, dass das nichts werden wird.
Daraufhin befragt, sagte der damals selbst schon achtzigjährige Siegfried Lenz, er habe damit gemeint, dass man, egal wovon man gerade redet oder schreibt, doch immer auch von sich selbst spricht. Seine Großmutter jedenfalls hatte schlicht keine guten Ehen erlebt. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es auf lange Sicht gehen kann.
Mir geht es dagegen mit dieser Geschichte eher so, dass hier auf eine ganz naheliegende und unmittelbare Weise konstatiert wird, dass wir Menschen ganz allein, aus uns heraus, den langen run wahrscheinlich wirklich nicht gut meistern würden. Wir sind zu ungeduldig, zu harmoniesüchtig, zu feige oder geben zu schnell auf. Das gilt wahrscheinlich nicht nur in Beziehungsfragen.
Damit ein langer Weg gelingt, braucht es mehr.
Darum fügen Brautpaare an das „ja“ ein „mit Gottes Hilfe“ an. Darum bitten sie um Gottes Segen und darum heißt es im Hebräerbrief: „Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“
Und vermutlich ist damit nicht nur das Vertrauen in einen anderen Menschen gemeint, sondern auch das Vertrauen in Gottes Wege, die Zukunft, die er schenkt. Einfach ist das nicht, da hat die masurische Großmutter recht. Darum ist es gut, dass wir hier noch immer Trauung und nicht Eheschließung oder Hochzeit sagen, denn daran klingt ja an: trau dich, zu vertrauen.
Und womöglich geht es dann doch gut.



Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  11.05.2018 - Schlüssel

Schlüssel

Cornelia Götz, Dompredigerin

Jetzt geht es wieder hoch her in Deutschland. Nach einem Vorfall in Zusammenhang mit der gescheiterten Abschiebung eines Togolesen kriegen alle die Oberwasser, die Flüchtlinge vor allem als Störung unserer öffentlichen Ordnung sehen und lieber heute als morgen wieder in ihren Heimatländern wüssten. Ehe man es sich versieht, werden Töne laut, die vergessen lassen, dass die große Mehrheit derer, die hier Zuflucht suchen keine Gefährder und Kriminelle sind, sondern Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist, die ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage verloren haben. Spitz und böse möchte man sagen, dass es gut wäre, wenn neben den Kruzifixen in bayrischen Räumen künftig auch ein Verweis auf den Propheten Sacharja angebracht würde, der von unserem Gott ausrichtete:
„So sprach der HERR Zebaoth: Richtet recht, und ein jeder erweise seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit, und bedrückt nicht die Witwen, Waisen, Fremdlinge und Armen, und denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!“
Sollte das nicht gefallen, gibt es beliebig viele andere Bibelstellen, die keine Fragen offen lassen. Überlesen und Überhören kann das vor allem, wem es an Herzensübung fehlt. Eine solche bietet das Magazin der Süddeutschen Zeitung aus der letzten Woche. Es zeigt Schlüssel, Wohnungsschlüssel, nutzlose Wohnungsschlüssel. Denn sie gehören Menschen wie Ahmad aus Aleppo, der die sonnendurchflutete Wohnung mit den vielen Büchern, in der seine Mutter kochte und er mit seinen Geschwistern und Eltern lebte, irgendwann abgeschlossen hat und seinem Nachbarn anvertraute. Inzwischen gibt es das Apartment vermutlich nicht mehr genauso wenig wie die Villa von Janet Sadeq aus Mossul, in deren Garten eines Tages ein Kampfhubschrauber landete, weil die Amerikaner glaubten, sie würde Terroristen beherbergen. So geht es weiter: Ein Gesicht, ein Schlüssel, eine Geschichte. Auch das sind immer Einzelbeispiele. Aber auch die müssen wir erzählen, vielleicht viel dringlicher als andere, denn eines Tages werden wir wegen unserer Herzenshärtigkeit befragt werden und dann werden wir gesagt bekommen: „Ich war unter Euch ohne Heimat und ohne Schutz, ohne Hoffnung und ohne Zukunft und Ihr, was habt ihr getan???


Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  09.05.2018 - Credo

Credo

Cornelia Götz, Dompredigerin

Nehmen Sie sich eine halbe Stunde Zeit und gehen Sie in die Brüdernkirche.
Dort gibt es eine erstaunliche Fotoausstellung mit Porträts des Braunschweiger Künstlers Klaus Kohn zu sehen. 17 großformatige Leuchtkästen zeigen Menschen, die mit ihrem Äußeren Haltungen durchscheinen lassen, Überzeugungen, Bekenntnisse. „Credo“ heißt das Projekt. „Ich glaube“ oder „ich bekenne“.
Es sind Menschen, so besonders und einzigartig wie jeder von uns und zugleich sind sie auf eine Weise deutlich und klar, die eindrücklich ist. Klaus Kohn scheint sich für jede und jeden von ihnen in der Tiefe interessiert zu haben. Seine Porträts sind voller Respekt und zugleich sehr liebevoll. Und so steht man und kann in aller Ruhe Menschen ins Gesicht und in die Augen sehen, die man auf der Straße bestimmt nicht so gründlich mustern würde.
Während ich gestern die Bilder ansah, sprach mich ein älterer Herr an und sagte: „Da hat sich die Landeskirche ja was getraut.“ Ich war perplex und habe deshalb nicht sofort zurückgefragt, was er gemeint haben könnte.
Vielleicht den Mut, ein schwules Pärchen oder zwei sehr tätowierte junge Frauen zu zeigen, die Genauigkeit, mit der Klaus Kohn ein langes Diakonissenleben dokumentierte oder die Ernsthaftigkeit, mit der er den Burschenschaftler porträtierte?
Ich denke, da brauchte die Landeskirche nicht mutig zu sein, denn es ist gut protestantisch, dass jede und jeder seinen Glauben und sein Leben vor Gott selbst verantwortet. Freiheit und Toleranz, Emanzipation gehören zur Geschichte des Protestantismus dazu. Sie mögen Fahrt bekommen haben durch die Aufklärung. Aber es ist gut lutherisch, dass „pro me“ – „für mich“ des Heilshandeln Gottes auch als große Unmittelbarkeit zwischen uns und Gott zu verstehen, die keine Mittler, Erklärer und Anstandswauwaus braucht.
Zumal er ja schon immer wusste, wer wir sind, denn im 139. Psalm heißt es:
„HERR, du kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. … Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht wüsstest.“


Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  08.05.2018 - Kriegsende

Kriegsende

Dompredigerin Cornelia Götz

Ich hatte ein paar Tage frei und bin ein bisschen an Flüssen lang gezogen; im Saaletal, dem Blütengrund an der Unstrut und an der breiten Oder. Wer heute in der Weite dieser Landschaft, die fast nur aus Himmel besteht, unterwegs ist, staunt über das sich ständig ändernde Licht und die zahllosen Vögel.
Es fällt einem das berühmte Eichendorff-Gedicht ein: „Es war, als hätt' der Himmel / Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blütenschimmer / Von ihm nun träumen müßt'. / … / Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“
So ist es tatsächlich. Die Seele erholt sich und wird weit als wäre sie ein atmendes Organ und man spürt, wie sich die Enge mancher Gedankenmühle löst.
Und dann kommt man nach Küstrin, eine kleine Stadt auf der polnischen Seite der Oder, deren alte Festungsbauten an die strategische Bedeutung des Flusses erinnern, der heute – vielleicht der vielen Sandbänke wegen – kaum noch schiffbar ist. Die tiefen geziegelten Tore mit den dicken Mauern führen auf alte Festungswälle und in ein System überwucherter Gassen und Reste alter Grundmauern. Es ist, als wanderte man durch Pompeji, so uralt scheinen die Spuren zu sein. Zwischendrin ein großes Holzkreuz.
Hier hat die Marienkirche gestanden. Bilder erzählen von einer stattlichen Pfarrkirche. Beim Anblick alter Fotos mit Straßenbahnen, die durch das eben passierte Stadttor fahren, dämmert einem langsam, dass diese Pflastersteine hier nicht schon sein Jahrhunderten vom Gras und Unkraut zurückerobert werden.
Es ist vielmehr erst ein Menschenleben her, dass es hier Cafés und Geschäfte gab, Menschen in schönen Häusern Zuhause waren…
Mit dem Erkennen bleibt einem das Eichendorffgedicht im Halse stecken.
Küstrin wurde 1945 zur Festung erklärt. Von hier aus startete die Offensive der Roten Armee auf Berlin. So wurde in der Endphase des Krieges Küstrin zum Grab zahlloser sowjetischer und deutscher Soldaten. Zivilisten wurden vertreiben. Später waren junge Polen an dieser Grenze stationiert. Auch ihre Zeugnisse stimmen ratlos und traurig. Offenbar mussten sie einen Wehrdienst verrichten, den man seinem Sohn nicht wünschen mag.
All das dokumentiert ein wirklich gutes Museum. Es unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, sondern erzählt von der Sinnlosigkeit von Kriegen.
Wieder unter dem weiten Himmel kommt der Atem zurück. Aber es bleibt die Frage, warum es nach Küstrin noch Gaza, Aleppo und Homs geben muss, warum es noch immer mehrheitsfähig ist, zu glauben, dass man mit Waffen Frieden schaffen kann. Darum klingt es jedenfalls in meinen Ohren gerade heute – am 8. Mai - wie ein trotziger Gegenentwurf, dass es über diesem Monat im Hebräerbrief heißt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“


Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  07.05.2018 - Regeln

Regeln

Prädikant Heiko Frubrich

Freie Fahrt für freie Bürger! So titelte und titelt der ADAC immer wieder, wenn es um die Einführung eines generellen Tempolimits auf den deutschen Autobahnen geht. Vieles ist reglementiert in unserem Land, nicht nur auf den Straßen und bei so manch einem Gesetz oder bei so manch einer Verordnung darf man sicher fragen, ob wir die wirklich brauchen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass weitere Vorschriften, Verbote und Gebote nicht nur zu uneingeschränkter Begeisterung führen. Freiheit ist in der Tat ein wertvolles Gut, allerdings führt die uneingeschränkte Freiheit des einen zu einem Verlust der Freiheit aller anderen. Und nachdem ich in der letzten Woche schon Karl Marx zitiert habe, lege ich heute mit Kant nach, der gesagt hat: „"Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt."
Ja, um anderen nicht zu schaden, muss ich mich an Grenzen halten. Andererseits sollte ich mich darauf verlassen können, dass sich meine Mitmenschen auch an ihre Grenzen halten – so funktioniert eine Gesellschaft, in der man es gut aushalten kann. Die Regeln, die zu beachten sind, können sich idealerweise die Menschen selbst geben. So funktionieren Demokratien. Wenn die Macht, die Regeln festzulegen, nur bei einigen wenigen liegt, ist das für die Bevölkerung insgesamt in aller Regel nachteilig. Diktaturen und Autokratien sind meist nicht die Staatsformen, in denen es sich gut, frei und fröhlich leben lässt.
Doch woher nehmen wir unsere Regeln? Was ist zu beachten, wenn wir uns neue Regeln geben? Unser Grundgesetz gibt uns einen festen Rahmen vor. In den ersten Artikeln, die nicht änderbar sind, ist festgeschrieben, worauf es ankommt: Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Unversehrtheit der Person und des Lebens. Das steht über allem. Und wenn Sie das einmal neben die Evangelien legen, werden sie eine große Übereinstimmung feststellen. Auch bei Jesus steht das Wohlergehen der Menschen im Vordergrund. Er braucht allerdings kein Grundgesetz. Er bezieht sich bei seinem Regelwerk auf Gott, der schlussendlich tatsächlich über allem steht. Alles was wir Menschen uns an Regeln geben, sollte mit Gottes Regeln zusammenpassen. Das zu beachten, nennen wir Demut. Die darf uns nicht verloren gehen und darauf zielt auch das Bibelwort aus dem 1. Korintherbrief, das über dem heutigen Tag steht:
„Lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden. So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“ Vieles wäre erreicht, wenn es uns Menschen gelänge, unser Denken, Tun und Lassen unter diese Maxime zu stellen. Dann gäbe es – im übertragenen Sinne – auf dieser Welt freie Fahrt für freie Menschen. Übrigens wäre es selbst morgen noch nicht zu spät, damit anzufangen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  05.05.2018 - modeautofrühling

modeautofrühling

Katja Witte-Knoblauch

Rund um den Dom ist wieder einmal der „modeautofrühling“. Und wahrscheinlich wird auch manch einer von Ihnen über die Plätze schlendern, vergangene Zeiten verklären, wenn die Oldtimer auf die Bühne rollen, sich hineinträumen in die schicken Autos, die sich kaum einer von uns leisten kann, oder aber wird mit echtem Kaufinteresse in seiner Preisklasse einmal Ausschau halten. Dazu sind sie da, die Märkte: zum Gucken und Klönen und halbernstem Träumen, aber natürlich auch zum Werben und Verkaufen.

Und in der Mitte all dieses Treibens steht unser Dom, in bleibender Pracht und old school gleichermaßen. Einst selbst Modestück, als er mit der jeweils neuesten zugänglichen Architektur aufzuwarten wusste. Wenn Sie z.B. einmal einen Blick auf unsere Bögen und Säulen werfen, dann können Sie sogar sehen, wie der Dom in den verschiedenen Jahrhunderten in der jeweiligen Mode der Zeit gewachsen ist. Und doch bleibt die Botschaft aller Kunst und Mode bis heute gleich: Dass der Mensch nicht alles ist – und worauf er hoffen darf im Glauben, davon sehen und hören wir in diesem Raum. Es ist keine Verkaufsbotschaft, aber durchaus eine zum Gucken und Klönen und Träumen; und sogar eine zum Werben.

Denn es ist doch großartig, sich nicht nur auf sich selbst verlassen zu müssen. Und sich davon sagen zu lassen, dass ein Mensch nicht in seinem Hab und Gut aufgeht. Und dass das Lebensende nicht das Ende des Lebens ist.

„HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter“, heißt es im 104. Psalm. Und wir sind Teil dieser wunderbaren Schöpfung. Wunderbar gemacht, gewollt, geliebt, wert. Das ist nicht immer leicht zu glauben. Vor allem dann, wenn man gerade unzufrieden mit dem eigenen Leben ist. Wohl jenen, denen dann der Perspektivwechsel gelingt. Die sehen, was sie haben, und nicht an den Gedanken kleben bleiben, was sie nicht haben. Was ist schon der Besitz auf Erden gegen den inneren Frieden? Bei Markus heißt es (Mk 8,36): „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?“

Und so erlebe ich unseren alten Dom in seiner Botschaft als sehr jung. Denn er bleibt Impulsgeber zum Nachdenken: Worauf baust Du Dein Leben? Was ist nur hübsches Spielzeug, Gedöns für die Freizeit und Anlass zum Plaudern und leichtem Quatschen – und was geht in die Tiefe? Was brauchst Du wirklich zum Leben?

Wissen Sie, unser Kind beschwert sich oft über das, was alle anderen haben, er aber nicht. Er ist z.B. einer von vieren seiner Klasse, die kein Handy haben. Wenn ich ihn dann aber frage, ob er deswegen unglücklich ist, dann sieht er mich erstaunt an und sagt: „Nein…. Aber, Mama….“. Und ich denke mir: Ja, Mode in all ihren Formen ist schön. Und macht an vielen Stellen einfach Spaß. Aber wenn es um das Wesentlich geht, dann geht es eben doch um Anderes. Kinder wissen das. Und wir sollten uns daran erinnern lassen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  04.05.2018 - 1938Projekt. Posts from the Past

1938Projekt. Posts from the Past

Katja Witte-Knoblauch

Gestern Abend wurde die Wanderausstellung „1938Projekt. Posts from the past“ in der Stadtbibliothek Braunschweig eröffnet. Die Funktion dieser Ausstellung ist allerdings eher so etwas wie ein Appetizer, denn die eigentliche Ausstellung findet online statt: 1938projekt.org. An jedem Tag wird vom Leo-Baeck-Institut ein Kalenderblatt online gestellt, das etwas Typisches des jüdischen Lebens aus dem Jahr 1938 in Deutschland oder Österreich berichtet. Denn die Repressalien begannen ja nicht erst mit der Reichsprogromnacht, sondern diese war ein erster Höhepunkt oder vielleicht besser gesagt Tiefpunkt von Vorurteilen und Repressionen, die schon lange im Schwange waren.
Und so erfährt der regelmäßige Leser von Unternehmen, die sich auf die Haushaltsauflösung jüdischer Exilanten spezialisiert hatten und die vom Möbeltransport ins Exil bis zum Hausverkauf vor Ort ihre Dienste anboten. Weiter lässt sich von hilfsbereiten Menschen lesen, die versuchten bei der Asylsuche zu helfen. So setzt sich ein kanadischer Bischof für eine jüdische Familie ein und versichert, dass diese dem kanadischen Staat nicht zur Last fallen werde, weil seine Gemeinde sich für sie verantwortlich fühle. Und auch Prof. Karl Bonhoeffer, Psychiater, Neurologe und der Vater Dietrich Bonhoeffers, setzte sich für Kolleginnen und Kollegen ein, die ins Exil zu fliehen versuchten. Und natürlich sind die vorsichtigen Worte der verängstigten Bedrohten selbst zu lesen, die sich plötzlich in der unfassbaren Situation wiederfanden, dass weder ihr bürgerliches Verhalten noch ihre Lebensleistungen mehr zählen sollten, sondern sie auf Blutslinien reduziert wurden. So schreibt ein Hamburger Jurist seiner dreijährigen Tochter am 3. Mai 1938 ins Tagebuch: „Die Zeiten sind sehr ernst geworden. Wir sind bedrückt und verzagt, und deshalb ist auch wenig Muße und Lust vorhanden, so ausführlich wie bisher zu schreiben und zu photographieren.“

Nach der Eröffnung sagte gestern Abend jemand zu mir: „Das kann man sich alles gar nicht wirklich vorstellen, oder?“ Und trotzdem geschehen Dinge wie diese weiter. Heute weniger offen, nicht im Lehrplan, aber auch alles andere als subtil. Deshalb ist es wieder einmal Zeit, vor unserer eigenen Tür zu kehren und aufmerksam zu hören und zu sehen, was im eigenen Umfeld geschieht. Denn es gilt zu widersprechen, wo Menschen aus welchen Gründen auch immer per se abgestempelt werden.

Zwei Bibelworte sind es, die es dazu nützt, sich immer wieder einmal vor Augen zu halten. Zum einen das alttestamentliche Wort: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollt ihn lieben wie dich selbst“ (2. Mose 19,33f.)
Und das andere ist ein Wort Jesus, der spricht: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  03.05.2018 - Tag der Pressefreiheit

Tag der Pressefreiheit

Katja Witte-Knoblauch

Seit inzwischen 26 Jahren ist der 3. Mai der Internationale Gedenktag der Pressefreiheit.
Unter der Überschrift „Deniz ist frei – aber viele andere Journalisten sind gefangen“ weist die Tageszeitung „Die Welt“ seit der Freilassung Deniz Yücels bis heute täglich auf das Schicksal gefangener Journalistinnen und Journalisten hin, die eigentlich nichts weiter verbrochen haben, als ihre Arbeit zu tun. Denn wer versucht, Skandale und Konflikte aufzudecken, wer Fehlentwicklungen und dazu noch die konkret Verantwortlichen benennt, der macht sich Feinde. Nicht erst heute, sondern auch schon zur Zeit des Alten Testaments. In den Büchern der Propheten ist gut nachzulesen, was jenen passiert, die auf die Missstände im eigenen Land hinweisen und darauf, dass solche Missstände nicht im Sinne Gottes sind; die Umkehr fordern.

Als Theologin finde ich an diesen Darstellungen interessant, dass das unbequeme Aussprechen von Wahrheiten als Wille Gottes gedeutet wird. Wer sagt, was Sache ist, was Recht wäre und wer sich gegen Unrecht auflehnt, der spricht im Namen Gottes. Dabei gehen die biblischen Schriften davon aus, dass die Menschen eigentlich in ihren Herzen darum wissen, was gut und was böse ist, und zum anderen erzählen sie, dass Gott an uns Menschen glaubt, daran dass wir uns ändern und unser Handeln verändern können.

Es ist erstaunlich und bedauerlich, dass wir knapp dreitausend Jahre nach dieser Zeit scheinbar noch immer nicht zwischen Gut und Böse zu unterscheiden bereit sind. Für die Bibel ist die Frage von Gut und Böse gar nicht schwer zu beantworten, weil es ihr weder um die Einhaltung eines festen Regelwerks geht, noch um die Einhaltung von Rechten, noch um die Durchsetzung von Vorteilen des einen gegen den anderen, sondern weil sie stattdessen fragt: Wo finden Menschen genug zu essen? Wer sorgt dafür, dass alle Kleidung haben und einen Platz zum Schlafen? Wer kümmert sich um seinen Nächsten, wenn der einsam ist? Wer sieht nach den Kranken und nach jenen, die Sorge haben? Wer öffnet die Tür für die Mühsamen und Beladenen, wer geht zu zu jenen, die im Gefängnis sind? Wer lebt im Geiste Gottes, der die Freiheit ist (2. Kor. 3,17)?

Die Bibel fragt also, wer von uns dazu bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Dabei gilt ihr als Leitstern die Frage: Wo verhelfen Menschen anderen Menschen zum Leben? Oder christlich formuliert: Wo sind Menschen bereit, dem zu folgen, der da spricht(Joh 14,6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

So bleibt auch wichtig, dass Menschen zu allen Zeiten mit kritischen Worte darüber schreiben und sprechen, wo menschlichen Verhalten dem Leben und dem Frieden wehrt; denn ganz gleich, wie sie sich selbst verstehen, solches Tun geschieht ganz gewiss im Geiste Gottes.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  02.05.2018 - Fröhlich im Geist zur Himmelspfort

Fröhlich im Geist zur Himmelspfort

Katja Witte-Knoblauch

Traditionen und Rituale helfen zur Aufmerksamkeit. Wir erleben nicht nur, was ist, sondern wir nehmen es ganz bewusst wahr. So ist z.B. der Tanz in den Mai eine Tradition, mit der die bösen Geister des Winters endgültig vertrieben und ein gutes Jahr mit Regen und Sonne zur rechten Zeit herbeigetanzt werden soll. Freude und Lob für Wärme und Frühling sowie Hoffnung für den nahenden Sommer.

Auch unser Gesangbuch kennt ein wunderbares Mai-Lied: „Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, / des sich die Menschen freuen, / weil alles grünt und blüht. / Die Tier sieht man jetzt springen / mit Lust auf grüner Weid, / die Vöglein hört man singen, / die loben Gott mit Freud.“ (EG 501.1)

Die Natur erwacht, das Leben wird wieder reicher und bunter, das Gemüse auf dem Teller frischer – und man selbst musste gar nichts dafür tun. … Außer vielleicht im Herbst die Tulpenzwiebeln setzen; und, na gut, irgendjemand hat bestimmt auch den Spargel auf meinem Teller gehegt, gepflegt und schließlich geerntet. Also doch alles Menschenwerk?

Nein! bzw.: auch!, ist zu antworten. Denn zu Recht heißt es in der zweiten Strophe: „Herr, dir sei Lob und Ehre / für solche Gaben dein! / Die Blüt zur Frucht vermehre, / lass sie ersprießlich sein. / Es steht in deinen Händen, / dein Macht und Güt ist groß; / drum wollst du von uns wenden / Mehltau, Frost, Reif und Schloss.“ (EG 501.2)

Auch ohne unser Zutun, ohne unsere Arbeit lässt Gott Vieles wachsen: vom Löwenzahn bis zur Sonnenblume, vom Girsch bis zum großen Baum. Doch wäre das für viele von uns nicht so recht das, was wir uns wünschen. Aber wir können dankenswerterweise mit unserem Tun beeinflussen, was auf Erden wachsen, was geschehen soll. Das ist das Abbild für den Dichter Behm, wenn er in der letzten Strophe schreibt: „Mein Arbeit hilf vollbringen / zu Lob dem Namen dein / und lass mir wohl gelingen / im Geist fruchtbar zu sein; / die Blümlein lass aufgehen / von Tugend mancherlei, / damit ich mög bestehen / und nicht verwerflich sei.“ (EG 501.4)

Was in unserem Leben geschieht, hängt weder allein an uns noch allein an Gott. Sondern es ist ein Reigen zwischen unseren Entscheidungen und Gottes Willen für uns Menschen. Wer sich versucht auf Gott hin auszurichten – und zwar nicht nur äußerlich, sondern von ganzem Herzen, dessen Leben wird sich verändern.

Und also schließe ich mit den Gebetsworten der dritten Strophe: „Herr, lass die Sonne blicken / ins finstre Herze mein, / damit sich’s möge schicken, / fröhlich im Geist zu sein, / die größte Lust zu haben / allein an deinem Wort, / das mich im Kreuz kann laben / und weist des Himmels Pfort.“ (EG 501.3)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  01.05.2018 - Der 1. Mai

Der 1. Mai

Prädikant Heiko Frubrich

„Religion ist das Opium des Volkes.“ Dieser steile Satz, den sie wahrscheinlich schon einmal gehört haben, stammt von Karl Marx. Er war der Auffassung, dass religiöse Lehren und Überzeugungen in erster Linie dazu dienen sollen, Macht auszuüben, Veränderungen zu verhindern und die Menschen klein zu halten, denen es ohnehin in der Gesellschaft schon am schlechtesten ging. Viele totalitäre Systeme, Diktaturen und Autokratien haben sich auf marxistische Lehren berufen und einige, so es sie noch gibt, tun es bis heute. Allein das ist schon bemerkenswert und paradox, denn Karl Marx wollte, dass die Unterdrückten befreit werden und gleiches Recht und gleiche Chancen für alle Menschen umgesetzt werden sollten. Über seine Lehren Unterdrückungssysteme zu legitimieren, war ganz sicher nicht in seinem Sinn. Was allerdings kommunistische Gesellschaftssysteme sehr wohl in seinem Sinne umgesetzt und weitergeführt haben, war eine konsequente Zurückdrängung des christlichen Glaubens. So wurden die Kirchen in der DDR systematisch unterdrückt, die russische Orthodoxie hat sich zu einer staats- und Putin-freundlichen Kirche verbogen und in Nordkorea ist das Bekenntnis zum christlichen Glauben im Wortsinne lebensgefährlich.
Heute ist der 1. Mai – Tag der Arbeit, Tag der Arbeiterklasse, internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung oder einfach nur Maifeiertag. Erstmalig ausgerufen wurde er 1889 von der Zweiten Internationalen, einem Bündnis sozialistischer und kommunistischer Parteien und Bewegungen. Gesetzlicher Feiertag ist der 1. Mai in Deutschland seit 1933. Und während Hitler am 1. Mai eine große Rede vor hunderttausenden von Arbeitern in Tempelhof hält, schalten die Nazis am 2. Mai die Gewerkschaften gleich und berauben sie damit ihrer Existenz. Ein perfides Detail der Geschichte.
Die marxistische Religionsfeindlichkeit hat sich über viele Jahrzehnte hinweg auch in den sozialistisch, sozialdemokratischen und gewerkschaftlich geprägten Institutionen verfestigt. Über lange Zeit war es nur schwer vereinbar, sich in der Arbeiterbewegung und gleichzeitig in der Kirche zu engagieren. Dieser konstruierte Widerspruch hat sich glücklicherweise aufgelöst. Grund dafür war unter anderem, dass sich im Dritten Reich die Bekennende Kirche, der auch Dietrich Bonhoeffer angehörte, Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter im Widerstand gegen das Naziregime als Verbündete erlebten. Gustav Heinemann schließlich, Gewerkschafter, Sozialdemokrat und Bundespräsident und engagierter Protestant in einer Person, ist ein Beispiel in der neueren Zeit für die auch heute völlig problemlose Vereinbarkeit dieser gesellschaftlichen Gruppen.
Und mehr noch: Wenn Sie gewerkschaftliche Grundüberzeugungen und Ziele neben die Evangelien legen, dann werden Sie feststellen, dass es dort eine ganze Menge an Überschneidungen gibt. Auch Jesus Christus hat sich für Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Ausgleich eingesetzt und auch er war ein Gegner von Diskriminierung und Unterdrückung. Da gibt es viele bemerkenswerte Parallelen. Und das Wort aus dem Galaterbrief: „Einer trage des anderen Last“, ist doch nichts anderes, als ein 2000 Jahre alter Aufruf zur Solidarität. Vielleicht wäre Karl Marx bei seiner Kirchenkritik auch zu einem anderen Ergebnis gekommen, wenn er einmal die Botschaft des Evangeliums aus dieser Perspektive betrachtet hätte. Denn unser Herr steht seit je her auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten; doch nicht um sie klein zu halten, sondern um sie zu befreien und aufzurichten.

Ihr
Heiko Frubrich, Prädikant

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  30.04.2018 - Das Kreuz

Das Kreuz

Heiko Frubrich, Prädikant

Bei den Friesen wird geboßelt und es gibt eine tolle Teezeremonie, im Erzgebirge haben handgeschnitzte Räuchermännchen und Weihnachtsschmuck aus Holz eine lange Tradition, in den Zechensiedlungen an der Ruhr gibt es noch heute viele Taubenzüchter und in Baden-Württemberg werden die Bräuche der alemannischen Fastnacht hochgehalten. In vielen Regionen unseres Landes gibt es ganz typische Besonderheiten, die den speziellen Charme und die ganz eigene Liebenswürdigkeit der dort lebenden Menschen ausmachen. Es gibt Vereine, die sich um die Pflege von Tradition und Brauchtum kümmern oder die dafür sorgen, dass regionsspezifische Dialekte oder eigene Sprachen wie das Plattdeutsch nicht aussterben.
In Bayern meinte nun die dortige Staatsregierung, als „Bekenntnis zur Identität“ und zur „kulturellen Prägung“ in allen öffentlichen Gebäuden Kruzifixe aufhängen zu wollen. Ein solches Kruzifix sei schließlich kein religiöses Symbol und verstoße somit nicht gegen den Neutralitätsgrundsatz des Staates. Bei allem Verständnis für bajuwarischen Individualismus: Hier haben einige Leute etwas sehr Grundlegendes nicht verstanden!
„Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren sind. Uns aber, die wir selig werden, ist‘s eine Gotteskraft!“ Diese Worte stammen von Paulus und er hat sie an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Und recht hat er! Das Kreuz ist das Symbol unserer christlichen Grundüberzeugung. Es ist ein Zeichen für Gottes grenzenlose Liebe, die er uns Menschen entgegenbringt und es ist das Zeichen dafür, dass auch in den tiefsten Hoffnungslosigkeiten unseres Lebens immer wieder das Licht des Ostermorgens aufleuchten wird. Denn Jesus Christus hat für uns alle eben an jenem Kreuz die Macht des Todes gebrochen und uns für alle Situationen auf unserem Lebensweg österliche Zuversicht geschenkt.
Es verbietet sich, die Botschaft des Kreuzes kleinzureden und es zu einem regional kulturellen Wandschmuck zu degradieren. Schon bemerkenswert, dass Politiker einer Partei auf so eine schräge Idee kommen, in deren Namen ein „C“ für christlich enthalten ist. Applaus dafür gibt es im Übrigen bemerkenswerterweise vom äußersten rechten Rand unseres politischen Spektrums. Ausgerechnet diejenigen, die in ihrem Parteiprogramm Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit salonfähig machen wollen und Barmherzigkeit sowie den Einsatz für Schwächere und Randgruppen vermissen lassen, begrüßen die Präsentation von christlicher Symbolik. Das ist schon hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit.
Das Copyright für das Kreuz liegt einzig und allein bei Jesus Christus selbst, bei den Menschen, die sich zu ihm bekennen und die seine Kirche sind. Ein Missbrauch als Mittel einer politischen Botschaft und zum Einsatz für Wahlkampfzwecke ist unredlich es widerspricht der Botschaft des Kreuzes im Kern. Bleibt zu hoffen, dass vielleicht doch noch der Heilige Geist durch die Hallen der Bayerischen Staatskanzlei wehen möge, um dort für Klarheit und Wahrheit zu sorgen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  28.04.2018 - "Ich bin da ... das ist wunderbar!"

"Ich bin da ... das ist wunderbar!"

Katja Witte-Knoblauch

„Ich bin da, ich bin da, ich bin da! Ich bin da, das ist wunderbar!“
Mit diesen Worten beginnt ein Lied, das gerne am Anfang von Kindergottesdiensten gesungen wird. Denn das ist ja das erste, worüber man sich schon einmal grundsätzlich freuen kann: die Tatsache, dass man selbst da ist. Von Gott gewollt, geboren und mit allem Drum und Dran, das es zum Leben braucht.

Wir hier in Deutschland erinnern dieses Wunder eher im pädagogischen Raum: eben im Kindergottesdienst oder in den Kindergärten. Aber dann hört’s oft auch schon auf, denn wenn ich mit meinen Konfis den 139. Psalm lese, in dem es heißt (Ps 139,14): „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“, dann höre ich nicht selten: „Wie arrogant ist das denn, wenn einer sagt: Danke, dass ich wunderbar bin.“ Daran ist erstens interessant, dass oft genau der Kern der Aussage also nicht gehört wird: nämlich ich bin wunderbar gemacht; und zweitens, dass es sich scheinbar in unserem Kulturkreis nicht gehört, sich über sich selbst von Herzen zu freuen. Und ich möchte mal vermuten, dass beides zwei Seiten ein und derselben Medaille sind.

In Mexiko, so durfte ich jetzt über ein Elternpaar lernen, die ihr Kind vor drei Jahren bei meinem Mann in Riddagshausen haben taufen lassen, sieht das ganz anders aus. Dort wird nämlich der dritte Geburtstag groß gefeiert wie eine Taufe. Vielleicht ja, weil mit dem dritten Geburtstag eine erste kritische Lebensphase überstanden ist, vielleicht auch, weil der Mensch sich nie wieder so schnell entwickelt wie in diesen ersten drei Lebensjahren; wer weiß. Fest steht aber, dass gefeiert wird. Familie, Freunde, Kinder, in diesem konkreten Fall ist es gleich die ganze Kindergartengruppe, werden eingeladen. Die Kinder dürfen sich verkleiden – von der Prinzessin bis zu Spiderman ist alles möglich, und dazu darf die Piñata, ein Pappmache-Tier mit Süßigkeiten im Bauch, nicht fehlen. Und dann gehört noch etwas unbedingt dazu: nämlich die gemeinsame Feier eines Gottesdienstes. Mein Mann freut sich schon, auf all die Piraten, Spidermen und sonstigen Gestalten, die da bald laut und fröhlich am Sonntagmorgen im Gottesdienst sein werden.

Freude und Dank über das Kind werden zum dritten Geburtstag hier noch einmal ausdrücklich. Und das scheinbar selbstverständliche Wachsen und Werden des Kindes vom Säugling zum großen Mädchen oder großen Jungen wird als etwas Wunderbares und Wundersames ernst genommen und benannt. Menschen bedanken sich für das scheinbar Selbstverständliche – und alle kleinen und großen Kinder dürfen in der Feier an diesem einen Kind lernen, wie wunderbar es doch ist, da zu sein und wie wunderbar ein jeder gemacht ist.

Ich finde, das ist eine tolle Tradition, um sich bewusst zu bleiben, dass das Leben nicht in unserer Hand liegt, dass man sich regelmäßig einmal ordentlich über sich selbst freuen darf, ja, sogar sollte!, und dass es gut ist, für all das doch auch einmal „Danke, lieber himmlischer Vater!“ zu sagen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  27.04.2018 - Lobe den Herrn, meine Seele

Lobe den Herrn, meine Seele

Katja Witte-Knoblauch

Die biblische Losung, die über dem heutigen Tag steht, ist ein Klassiker!
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“
(Ps 103,2)

Eigentlich müsste ich in den kommenden Minuten eher schweigen als reden, denn nicht zu vergessen geht notwendig damit einher, sich zu erinnern. Und dafür braucht es Ruhe und Muße: Was ist es, wofür ich dankbar bin? Ist es Gegenwärtiges? Vergangenes? Ist es das, worauf ich in der Zukunft zu hoffen wagen kann? Oder ist es eher Grundsätzliches?

Ich bemerke, dass das, wofür ich heute dankbar bin, oft das ist, das mich gestern noch angefochten hat. Es sind Krisen, die überstanden wurden. Entscheidungen, die zu treffen waren und die – Gott sei Dank – sich zu guter Letzt als gut erwiesen haben, obwohl es doch zunächst so schien, als ob es eine Entscheidung zwischen Falsch und Falsch wäre. Es sind ungeplante Momente, die sich zuerst nach Panik anfühlten, aber dann als großer Segen erwiesen. Dankbar bin ich für das, woran ich gewachsen bin und mich entwickelt habe. – Ein bisschen empfinde ich es so wie in der Gebetswunsch-Thematik von gestern: Von Gott erhoffe ich mir nicht, dass er mir meine Wünsche erfüllt, dass er tut, was ich will; sondern ich erhoffe mir von ihm, dass er das, was mir geschieht, am Ende zum Guten wendet.

Und zugleich sind es weniger die Einzelheiten meines Lebens, für die ich dankbar bin, sondern tatsächlich das Grundsätzliche. Für die frisch-kühle Luft am sonnigen Frühlingsmorgen, für Farbenpracht und Vogelgesang. Für die Wärme des Ofens und das Essen auf dem Tisch. Für die Vorfreude auf den Urlaub, die mit den Kindern geteilt werden kann. Für Spiel und die Möglichkeit, mich zu bewegen. Für Menschen, die mich umgeben und es gut mit mir meinen. Dafür, dass ich hier im Dom sein darf mit all den Arbeitsfeldern, die dazu gehören.

Vieles davon ließe sich schnell als Selbstverständlichkeit übersehen, anderes als selbst erarbeitet und verdient missverstehen; und Drittes mit einem „noch einmal Glück gehabt“ einfach wegwischen … - aber wie unaufmerksam wäre das. Also:

„Lobe den Herrn, meine Seele, / und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, / und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: / der dir alle deine Sünde vergibt / und heilet alle deine Gebrechen, / der dein Leben vom Verderben erlöst, / der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, / der deinen Mund fröhlich macht / und du wieder jung wirst wie ein Adler. / Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht / allen, die Unrecht leiden. / Barmherzig und gnädig ist der Herr, / geduldig und von großer Güte. / Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit / über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind / bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  26.04.2018 - Beten lernen

Beten lernen

Katja Witte-Knoblauch

„Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“ (Lk 11,1f.)

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wann eigentlich Sie beten gelernt haben? Und wie sieht es aus, wenn Sie beten? Brauchen Sie dafür eine bestimmte Körperhaltung oder ist es eher innerer Natur? Und was ist das überhaupt für Sie, ein Gebet?

In letzter Zeit begegnet es mir des Öfteren, dass ich auf Menschen treffe, die noch nie in ihrem Leben gebetet haben. Nicht weil sie entschiedene Atheisten wären, sondern eher weil sie bisher ohne Kontaktfläche zum Glauben geblieben sind. Auch bei meinen Konfis ist es immer öfter der Fall, dass ich auf die Frage: „Wer von euch hat schon einmal gebetet? Und bei welcher Gelegenheit war das?“, zur Antwort erhalte: „Nie.“ Den einen fällt dann vielleicht doch noch ihr Einschulungsgottesdienst ein, die anderen benennen die Domgottesdienste, an denen sie mit ihrem Chor teilnehmen, aber insgesamt gilt, dass nur etwa 25% meiner Konfis zu Hause in der Form des Nachtgebets, noch seltener des Tischgebets das Beten in ihren Familien lernen. Das ist schade; nicht weil ich jetzt über den Kulturverlust lamentieren wollte, sondern weil damit den späteren Erwachsenen eine m.E. ganz wichtige Fähigkeit verloren geht. Denn für Erwachsene ist es schwerer einen Zugang zum Beten zu finden als für Kinder. So war es für mich, als ich von meiner Mutter mit dem Nachtgebet das Beten lernte, z.B. gar keine Frage, ob Gott jetzt wohl zuhört oder nicht. Er war einfach da. Dieses Grundvertrauen aus der Kindheit habe ich mitgenommen; auch und gerade in jene Zeiten, in denen ich mich selbst Gott fern gefühlt habe. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3), sagte Jesus einmal. Und ich denke, er meinte genau das: So wie Kinder auf bestimmte Dinge fraglos vertrauen, so müssen auch wir werden. Wer beten lernen will, der muss erst einmal wie ein Kind ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass da einer ist, der ihm zuhört und der seine Anliegen ernst nimmt. Dass Gott ist – und zwar als Gott für uns, das ist das Vertrauen, das es zum Beten braucht. Jesu Antwort auf die Bitte des Jüngers, er möge sie beten lehren, war übrigens das Vaterunser. Ein gutes Gebet, weil es das zum Leben Notwendige umfasst – und weil es dem Missverständnis wehrt, Gott könnte eine Gebets-Wunsch-Erfüller-Maschine oder so etwas wie ein Sams sein. Denn anderes geschieht im Gebet; was, das hat Walter Jens in folgende schöne Gebetsworte gebracht:
„Leucht uns entgegen / mit deinem Licht, / Gott der Klarheit.
Befreie uns / von der düsteren Sicht. // Belebe unsere Welt / mit deinen Farben.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  25.04.2018 - Babylon

Babylon

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

„Niemand will vollkommen transparent sein;
nicht für andere und gewiss nicht für sich selbst.“

– meint der Philosoph Nassim Nicholas Taleb. Am Montag habe ich nun in einer szenischen Lesung Auszüge aus dem Stück „Babylon“ von Yasmin Reza gesehen. „Babylon“, so eine Besprechung von NDR-Kultur, sei programmatischer Name des Stückes, insofern es davon handelt, dass „Menschen alle ihre eigene Sprache sprechen; sie reden von sich, über sich, mit sich, auf sich fixiert, aber sie verstehen einander nicht“. Wie Loriot reizt Reza durch die absurde Handlung zum Lachen, die doch so viel aus dem „normalen“ Leben wiedererkennen lässt. Aber die eigentliche Erzählung findet zwischen den Worten und Gedanken der Handelnden statt. Z.B. wenn wir hören, worüber eine der Hauptfiguren, Elisabeth, nachdenkt, als es mitten in der Nacht an der Tür klingelt; so fährt ihr zufrieden durch den Kopf, was sie anhat: „ein ‚Hallo Kitty‘-Oberteil mit karierter Nachthose“ – und unzufrieden besieht sie den Zustand der Wohnung: „O Gott, die Wohnung ist noch völlig unaufgeräumt. Wir hatten nach der Party keine Lust mehr aufzuräumen und dachten, wir machen das morgen!“ Sie erweist ihre Oberflächlichkeit, indem ihre Gedanken an den Oberflächen, an dem Sichtbaren hängen bleiben. Fast schon absurd ist es, wie sie versucht, den Zustand der Wohnung zu rechtfertigen. Denn – wozu und vor wem? Die Zuschauerin wundert sich hingegen, wo die Fragen bleiben, die wissen wollen, was hinter dem Klingeln steckt.

Vor der Tür steht der Nachbar. Er sagt: „Ich habe meine Frau umgebracht.“ Stille. Man bittet den Nachbarn herein, setzt sich, schenkt Getränke ein. Und hakt nach. Daraufhin gehen alle nach oben und sehen den Tod. Die Dinge entwickeln sich. Und erst spät ergibt sich ein Bild davon, wie zwei Menschen zuerst nebeneinander her gelebt haben, um dann miteinander unzufrieden zu werden; wie ihre Sprachen auseinanderdriften und sie einander schließlich gar nicht mehr verstehen. Sie erkennen endlich, wie sehr sie sich verachten. Und im Affekt führt diese Verachtung dann zum Totschlag.

Das Nichtverstehen-Können des Anderen löst Aggressionen aus und bewirkt schließlich die Explosion der Gefühle. Bei diesen beiden hier im Stück ist es Mord, in der Wirklichkeit Gott sei Dank oft nur die Trennung von Beziehungen.

Babylon. „Wohlauf, spricht der Herr, lasst uns hierniederfahren und ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ (Gen 11,7)

Dass keiner des andern Sprache verstehe…– oder auch nur die eigene. Denn geschieht es nicht regelmäßig, dass wir zurückblicken und uns fragen, warum nur wir dieses oder jenes getan oder gesagt haben? Die Gegenerzählung zur Sprachverwirrung werden wir am Pfingstfest hören; der Heilige Geist führt Menschen, die einander nicht verstehen, in der Sprache des Glaubens endlich wieder zusammen – und ich will meinen: auch endlich wieder zu sich selbst.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  24.04.2018 - WELTTAG DES BUCHES

WELTTAG DES BUCHES

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Gestern war der Gedenktag des Drachentöters Georg, der einst eine Jungfrau aus den Fängen eines Ungeheuers errettet haben soll und für diese seine Tat später heiliggesprochen wurde. Davon berichtet ganz wunderbar eine mittelalterliche Legende, die Ihnen gestern Heiko Frubrich an dieser Stelle bereits erzählt hat. Das Wort „Legende“ stammt nun vom mittelalterlich-lateinischen Ausdruck „legenda“ und meint wörtlich: „das, was zu lesen ist“ bzw. „das, was vorzulesen ist“. Legenden waren also wichtige Erzählungen, die den Menschen zu Ohren und zu Herzen gehen sollten. Sachlich ging es in ihnen nicht um historisch Geschehenes, sondern um Glaubenswahrheiten, die in schöne und wundersame Geschichten verpackt wurden, auf dass sie den Menschen im Gedächtnis blieben und sie in ihrem Tun und Lassen prägen könnten. So eine Art mittelalterlicher Bildungs-Blockbuster des Glaubens also.
Nun war es am 23. April 1995, dass die UNECSO erstmals den „Welttag des Buches“ ausrief. Dass dieser Gedenktag nun ausgerechnet auf den 23. April fiel, hat übrigens tatsächlich mit unserem Drachentöter zu tun, denn in Katalanien werden am Volkstag des heiligen Georg Rosen und Bücher verschenkt.
Dreiunddreißig Jahre ist es also her, dass die Welt den Eindruck hatte, es gäbe zwar Jahr um Jahr mehr Bücher, aber leider nicht mehr ganz so viele Menschen, die diese Bücher auch lesen – und dass es deshalb einen Tag brauche, der noch einmal besonders auf den großen Wert und die Kostbarkeit des Lesens hinweist. Denn Legenden und andere Erzählungen mögen sich zwar filmisch umsetzen lassen, aber seien wir ehrlich: Wer einmal ein Buch gelesen hat und danach den Film dazu sieht, verlässt nicht selten enttäuscht das Kino. Hinzu kommt, dass es Literatur gibt, die sich einfach nicht darstellen lässt. Kennen Sie z.B. eine gelungene Darstellung der Bergpredigt? Ich nicht. Worte also, die die Kraft in sich tragen, Wirklichkeit zu sprengen, verpuffen so in öder Langeweile, nur weil sie zu wenig bild- und actionreich sind. Überhaupt scheint mir, dass viele unserer biblischen Erzählungen nicht für das Filmgeschäft taugen. Das Buch der Bücher muss und will also auch weiterhin gelesen oder vorgelesen werden. Und weil auch ich morgen schon nicht mehr die sein werde, die ich heute bin, lohnt das regelmäßige Lesen, das Worte über die Zeit hinweg je und je neu begreifen lässt.
Nun beendet der Prediger Kohelet sein Buch mit den Worten (Koh 8,12f.): „Über all dem, mein Kind, lass dich warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde. So lass uns die Hauptsumme aller Lehren hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote.“ Da mag Kohelet zwar irgendwie Recht haben, aber spannender bleibt’s doch, wenn man die Welt weder im Wort noch im Film auf eine Zusammenfassung reduziert, sondern sie in vielen Worten je und je neu entdeckt und so tiefer und tiefer in ihr Verständnis eintaucht.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  23.04.2018 - Der Heilige Georg

Der Heilige Georg

Prädikant Heiko Frubrich

In der Apsis unseres hohen Chores finden sie in der Mitte ein ziemlich finster aussehendes Fenster. Wenn es draußen sonnig ist, leuchtet es in sattem Blau und zeigt einen Ritter, der einen Drachen besiegt. Sie kennen diese Darstellung wahrscheinlich auch von anderen Illustrationen, der Kampf des Guten gegen das Böse wird hier personifiziert.
Der da auf dem Pferd sitzt, ist der heilige Georg und heute ist sein Gedenktag. Wir wissen nicht viel Verlässliches über ihn. Dass der 23. April der Tag ist, an dem er in Kappadokien als Märtyrer starb, ist vergleichsweise sicher und es soll um das Jahr 303 gewesen sein. Georg wurde Opfer der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian. Echte Berühmtheit erlangte er im Hochmittelalter, als sich um seinen Namen eben jene auch in unserem Kirchenfenster dargestellte Drachenlegende rankte. Georg soll dabei eine verschleppte Jungfrau aus den Fängen eines urzeitlichen Ungeheuers gerettet und dieses dann umgebracht haben. Der heilige Georg wurde fortan Schutzpatron des deutschen Ritterordens. In der Heraldik nehmen viele Wappen Bezug auf ihn, zahlreiche Kirchen sind nach ihm benannt und sein Vorname gehört mit all seinen sprachlichen Abwandlungen zu den beliebtesten in Europa.
Der heilige Georg – Sieger im Kampf gegen das Böse, Glaubensheld und Märtyrer. Ist er einer, an dem wir uns ein Beispiel nehmen sollten? Ist er einer, dem es nachzueifern lohnt? Grundsätzlich wohl schon, allerdings komme ich persönlich bei diesen ganz Großen sehr schnell an den Punkt, an dem ich sage: „Das schaffe ich doch sowieso nicht!“ Ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft und das Gottvertrauen hätte, mich für meinen Glauben foltern und umbringen zu lassen und ich hoffe inständig, dass mir eine solche Prüfung erspart bleibt. Ich stehe ganz gewiss nicht in einer Reihe mit Dietrich Bonhoeffer, Thomas Becket und dem heiligen Georg und ich könnte mir vorstellen, dass das bei Ihnen möglicherweise auch nicht so ganz anders ist.
Ich glaube aber auch, dass es das gar nicht braucht. Wenn wir uns einmal ansehen, welche Truppe Jesus mit seinen zwölf Jüngern zusammengesammelt hatte, dann finde ich mich da schon eher wieder. Sie begreifen oftmals nicht, was Jesus ihnen sagen wollte, Thomas will nur glauben was er sieht, Petrus verleugnet ihn dreimal in einer Nacht, Jakobus und Johannes möchten sich gern im Himmel einen Platz in der ersten Reihe reservieren und alle hauen sie ab, als es für Jesus im Garten Gethsemane wirklich um alles geht. In diese doch auch sehr menschliche und bestimmt nicht perfekte Truppe passe ich irgendwie besser.
Und so denke ich, dass es gar nicht die großen Glaubensheldentaten sind, die wir an den Tag legen müssen. Vieles wäre schon erreicht, wenn es uns Menschen im Hier und Jetzt gelänge, respektvoll, wertschätzend und liebevoll miteinander umzugehen. Und wenn wir dann doch mal den Mut eines Drachentöters brauchen, können wir ja in den hohen Chor gehen und einen Blick auf Georg werfen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  21.04.2018 - Komm lieber Mai und mache...

Komm lieber Mai und mache...

Cornelia Götz, Dompredigerin

Irgendwann im April, ich vermute in der fünften oder sechsten Klasse, haben wir in der Schule „Komm lieber Mai und mache…“ singen gelernt und wenn ich es mir heute bedenke, dann war das für so eine Schulklasse halbfreiwilliger Brummbären eine ziemliche Herausforderung – zumal das einzelne Vorsingen auf Noten zwingend dazugehörte. Ich vermute, das lief mit Kichern und roten Köpfen ab, daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Tief in mein Gedächtnis eingegraben hat sich hingegen die Geschichte, deren Wahrheistgemäßheit mich heute eigentlich nicht mehr interessiert: Unsere Lehrerin erzählte, dass Wolfgang Amadeus Mozart dies Lied in seinem letzten Winter geschrieben habe, als er elend und krank lag und auf den Frühling wartete. Den habe er nicht mehr erlebt, sondern sei gestorben und in einem Armengrab beigesetzt…
Vielleicht erinnern Sie sich ja auch an das Lied?
„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün und lass uns an dem Bache die kleinen Veilchen blühn. / Wie möchte ich doch so gerne ein Veilchen wiedersehen, komm lieber Mai und mache, einmal spazieren gehen.“
Es ist ein Lied so voller Sehnsucht nach Licht und Farben, nach Wärme. Es ist ein Lied gegen die Angst, dass der Winter, die Dunkelheit und Kälte nicht vorübergehen wird. Es ist ein Lied voll der Bitte, man möge es doch noch einmal schaffen aus der Starre in die Lebendigkeit zurückzufinden!
Mir fällt es in jedem Frühling ein.
Manchmal nur, weil ich es genieße, Türen und Fenster aufzureißen.
Manchmal, weil ich an diejenigen denke, die es so viel Kraft kostet, durch den Winter zu kommen, die ihre Seele nicht vor der Dunkelheit schützen können.
Manchmal, weil es so schmerzt, an die zu denken, die diesen Frühling nicht mehr mit uns erleben.
Und heute, wo alle Welt von dringenden Aufbrüchen und Neuanfängen spricht – in der SPD, im Bundesamt für Flüchtlinge und Migration, in der Klimapolitik, in Europa – denke ich auch an meine Musiklehrerin, die uns Kindern damals in der DDR-Schule eine kleine bleibende Lektion darin erteilte, wie man auch bei einem harmlosen Text zwischen den Zeilen von etwas Anderem reden und sich verständigen kann. Sie träumte davon, die DDR zu verlassen und hat, wie ihr Mann dafür im Gefängnis gesessen und aushalten müssen, dass ihr Kind ins Heim musste.
Ob sie das Ende dieser starren dunkeln Zeit glücklich und erlöst erleben konnte oder ob sie über allem bitter und hoffnungslos geworden ist, weiß ich nicht aber die Erinnerung mahnt mich, Tage wie diese nicht für eine Selbstverständlichkeit zu halten.
Zuletzt: Wer Theologie s tudiert, kommt an den großen Dogmatikern des 19. und 20. Jahrhunderts nicht vorbei. Deshalb wird er bedenken müssen, ob er mit Karl Barth glaubt, dass unser Gott sich ausschließlich in Jesus Christus offenbart hat und man deshalb immer mit dem Blick auf ihn die Welt sehen lernen muss oder ob Gott sich doch in vielerlei Weise zeigt, in seiner Schöpfung zum Beispiel. Der geistigen Klarheit dient es sicherlich, sich an Karl Barth zu halten, aber wer an einem Morgen wie diesem nicht einen Gott denkt, der sich in seiner wunderbaren Schöpfung zeigt, ist für ihren Zauber womöglich nicht empfänglich. Und zusammen kriegt man das schon:
Welcher Gott sonst als einer, der aus scheinbar toten Zweigen Grün hervorbrechen lässt, könnte das Wunder der Auferstehung Jesu wirken?
Welcher Gott sonst, als der, der solche tage schafft, schenkt auch Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt?

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  20.04.2018 - „Trinkt alle daraus…“

„Trinkt alle daraus…“

Cornelia Götz, Dompredigerin

Im Februar berichteten die Medien, die katholischen Bischöfe hätten sich in Ingolstadt dazu durchgerungen, dass „Ehepaare unterschiedlicher Konfessionen künftig im Einzelfall gemeinsam an Eucharistiefeiern teilnehmen dürfen. Die Entscheidung werde vor Ort in den Gemeinden getroffen“, sagte damals Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz.
Ein Aufatmen ging durch die (ökumenische) Landschaft und die Hoffnung, dass sich hier endlich etwas bewegen würde, bekam neue Nahrung. Wenig später sammelte sich allerdings um den konservativen Mainzer Kardinal Rainer Maria Woelki eine Gruppe, die die Rechtmäßigkeit des Zugangs von evangelischen Ehepartnern zur Kommunion anzweifelt.
Jetzt hat der Papst ein Gespräch im Rom anberaumt, um die Angelegenheit zu ordnen. Zumeist alte und jedenfalls unverheiratete Männer werden denn das „für“ und „wider“ solcher Gnade erörtern.
Ich weiß, dass dieses – die wissen doch nicht, wovon sie reden – ein mageres Argument ist. Aber, wer Freud und Leid, Alltag und Festtage, Hochzeit und Krisen, Gemeinsamkeit und Einsamkeit in einer Ehe miteinander geteilt oder ausgehalten hat, der ahnt, dass geübtes und mitfühlendes Zuhören oder seelsorgliche Ausbildung eigene Lebenserfahrung nicht ersetzen können.
Zudem:
Es muss uns als Kirche und Christenmenschen doch daran gelegen sein, dass Paare, die ihre Zweisamkeit unter den Segen Gottes stellen, die in der Not zusammen beten und zu deren Leben es gehört, gemeinsam in den Gottesdienst zu gehen, die ihre Kinder taufen und ihre Eltern christlich bestatten zu lassen, auch zusammen zum Abendmahl kommen dürfen. Ausgerechnet!
Das gilt, finde ich, erst recht, wenn wir auf die Einsetzungsworte hören, die uns letztlich Begründung unserer Abendmahlspraxis sind und in denen Jesus Christus selbst uns einlädt. Gleich werden wir das Abendmahl feiern und dann hören: „Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nach dem Mahl nahm er den Kelch, sagte Dank, gab ihnen den und sprach: "Trinket alle daraus…“
Wer sind wir, dass wir einschränken dürften, was Gott uns gewährt, damit wir Vergebung und Neuanfang erfahren? Hoffen wir, dass der Papst und die Kardinäle auch von daher denken und Entscheidungskraft erbitten.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  19.04.2018 - Törichte Wünsche

Törichte Wünsche

Dompredigerin Cornelia Götz

Je schöner die Tage und je berechtigter die Hoffnung auf Sonnenschein, umso mehr Taufen und Trauungen auf dem Programm…
Neben der immer wieder fröhlichen Begegnung mit Menschen, in deren Leben sich etwas Glückliches ereignet hat, sei es nun die Geburt eines Kindes oder die Begegnung mit einem Menschen, mit dem man sein Leben teilen möchte, ballen sich dabei auch Gesprächsthemen über die Zukunft, die Hoffnungen und Wünsche für die Zeit, die kommt.
Wenn ich junge Eltern frage, was sie sich denn für ihre Kinder erhoffen, dann sagen sie oft: „dass sie alles erreichen, was sie sich wünschen.“
Es hat eine Weile gedauert – ich musste einfach älter werden – bis ich verstanden habe, dass solcher Wunsch eigentlich töricht ist. Ich weiß schon, dass Eltern für ihre Kinder ersehnen, dass sie ein glückliches und erfüllendes Leben haben mögen.
Aber je länger je mehr sehe ich auch, dass man beim Jagen nach dem Glück oder dem, was heute als erstrebenswert erscheint und man sich deshalb wünscht, gefährdet ist, sich selbst zu verlieren und das wirkliche gute Leben, das sein könnte, zu verfehlen, weil man von etwas träumt, das nicht zu haben ist.
Denn unsere Wünsche sind manipulierbar. Ganze Industrien leben davon.
Unsere Vorstellung von Erfolg und Glück sind nicht mehr gespeist von der Weisheit derer, die vor uns waren, sondern übermalt von medialen Giganten.
Es ist doch unfasslich, wenn sich junge Mädchen dick und hässlich finden, weil ihnen die digitale Welt vorspiegelt, dass alle gertenschlank sind, keine Leberflecken und superstraffe Haut haben …
Es ist vergeblich, wenn Kinder sich durch das Gymnasium und später irgendein Studium quälen, weil sie denken, dass man ein erfülltes Leben nur mit viel Geld haben kann und sich nicht trauen, dem zu folgen, was ihnen Spaß macht oder sie wirklich gut können…
Es ist bitter, wenn Menschen aneinander vorbeirennen, Beziehungen ruinieren oder Geborgenheit aufs Spiel setzen, weil sie von irgendeiner romantischen Liebe träumen, die es so ideal nur retuschiert im Fernsehen geben kann…
Umso eindrücklicher ist es, dass die, die vor uns waren – so erzählt es die Bibel – ihre Hoffnung auf Gottes Segen setzen.
Der kam nicht planmäßig und verdient wie ein gutes Zeugnis, eine Bankausschüttung, ein trainierter Körper – sondern unvermittelt und unerwartet. manchmal mitten in der Krise. Oft setzt er Menschen auf ein neues Gleis, gibt ihrem Leben Richtung und Ziel. Immer führt er in Gottes Nähe und immer hat Gott längst gewusst, dass es unser Weg sein wird.
Das wissen Taufeltern – und sei es nur noch unbewusst – offenbar immer noch. Denn als Taufspruch suchen sie für ihre Kinder und deren hoffentlich wunschgemäßes Leben am immer gerne aus, dass Gott spricht: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  18.04.2018 - 70 Jahre Israel

70 Jahre Israel

Dompredigerin Cornelia Götz

Gestern Abend haben wir nebenan zusammengesessen und über unser Glaubensbekenntnis gesprochen, sind der Frage nachgegangen, was wir damit ausdrücken, in welcher Bekenntnisgemeinschaft wir uns befinden. Hilfreich war, sich zu vergegenwärtigen, dass wir das Glaubensbekenntnis nicht beten oder es uns als Wort Gottes offenbart wurde. Der Text ist vielmehr eine menschliche Verabredung, die der eigenen Vergewisserung dient.
Ein bisschen anders verhält es sich mit dem berühmten „Höre Israel“ aus dem fünften Buch Mose, den Worten, die in jüdischen Familien fest zur religiösen Praxis und Begründung der eigenen Identität dazugehören. In unserer Bibel heißt es:
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. … Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat, sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen …“
In diesen uralten Worten klingt die Verheißung des Landes Israel an. Daraus erwächst der Anspruch der Juden auf das Land am Mittelmeer. Darum: Wenn diese kleine Abendandacht vorbei ist, werde ich in die Jüdische Gemeinde gehen. Dort wird es einen Festakt geben anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israels. 70 Jahre. In biblischen Maßeinheiten ist das ein Menschenleben.
Das britische Mandat für Palästina endete am 14. Mai 1948 um Mitternacht. Ben Gurion erklärte damals in Tel Aviv die Errichtung des Staates Israel „kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und aufgrund des Beschlusses der UNO-Vollversammlung.“
Was das für die Menschen bedeutete, kann man weder ohne den vorhergegangenen Holocaust noch ohne die biblische Verheißung des Landes an das Gottesvolk verstehen.
Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Transjordanien, der Libanon, der Irak und Syrien dem neuen Staat den Krieg. Seither hat das Land keinen Frieden erlebt und es seinen Befürwortern schwer gemacht, sich zu freuen. Nicht nur Israels berühmter Schriftsteller Amos Oz quält sich mit der Liebe zu seinem widersprüchlichen Land, das das palästinensische Westjordanlandes seit fünf Jahrzehnten besetzt hält.
Trotzdem wird er den 70. Geburtstag von Israel feiern und sagt: "Ich werde mein Glas erheben. Es ist nicht so, dass ich die heutige Zeit als Paradies empfinde. Aber ich wurde in der Zeit von Nazi-Deutschland geboren, von Hitler, Stalin, Mussolini. Ich wurde in einer kleinen Enklave geboren, in der sich verängstigte Juden befanden. Wir waren damals nur eine halbe Million. Wir hatten Hoffnungen, ja, aber keine klare Perspektive. Also: Unsere raue, blutige und grausame Welt von heute ist immer noch weniger rau, blutig und grausam, als in den 1940er Jahren."
An uns ist es nicht, dem zu widersprechen schon gar nicht angesichts des starken Antisemitismus mitten in unserer Gesellschaft. An uns ist es, zu unserem Gott, der auch der Gott Israels ist und der seinem Volk eben dies Land verheißen hat, zu beten und für den Frieden im Heiligen Land zu bitten.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  17.04.2018 - Gesichtserkenner

Gesichtserkenner

Cornelia Götz

Am Sonntag haben wir hier Konfirmation gefeiert, ein wunderbares Fest ganz auf Zukunft hin. Das Land liegt hell und weit vor den jungen Leuten, die festlich aussehen und von ihren Familien begleitet über eine unsichtbare Schwelle gehen: Mit dieser Entscheidung, sich zur eigenen Taufe zu bekennen, beginnt, dass wir Verantwortung für unser Leben übernehmen, Entscheidungen selbst treffen, Urteile selbst begründen müssen. Es ist der erste Schritt in eine „mündige Existenz“, die aber eben auch Freiheit im besten Sinne des Wortes bedeutet.
So gesehen finde ich es nicht überraschend, dass die Konfirmanden sich oft Segensworte aussuchen, die für die nächsten Schritte immerhin eine gewisse Fangsicherung umschreiben: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“. Das braucht es ohne Frage, um zuversichtlich ins weite Land zu gehen.
Denn der Blick nach vorn, so hat es Predigt meiner Kollegin gezeigt, birgt Untiefen. Unsere Zeit hat Möglichkeiten und Probleme hervorgebracht, deren Konsequenzen wir kaum abschätzen können. Die digitale Revolution und mit ihnen die sogenannten sozialen Netzwerke machen Menschen gläsern und scheinen einem göttlichen Alleinstellungsmerkmal Konkurrenz zu machen. Bisher galt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ (1.Sam) Ein Mensch sieht Äußerliches und kann mitfühlend auch manches Unsichtbare ergründen. Sein Gedächtnis ist gnädig. Er vergisst.
Jetzt aber werden menschliche Möglichkeiten durch künstliche Intelligenz erweitert und so unsere Interessen, Vorlieben, Lebensäußerungen, Verhaltensweisen gesammelt, ausgewertet und gespeichert, unsere Gesichter gescannt, Schritte und Aufenthaltsorte verfolgt.
Vorreiter dabei ist China. Dort soll es demnächst 600 Millionen Überwachungskameras geben, die prüfen, ob Menschen sich an die Straßenverkehrsordnung halten, kein Toilettenpapier verschwenden, nicht gegen den Mainstream laufen. Es braucht keine Geldkarte und keinen Pass. Der Gesichtserkenner weiß, ob ich was auf dem Konto habe oder hier reindarf…
Das kann vielleicht auch Vorteile haben und manche Prozesse sicherer und einfacher machen. Aber Mündigkeit und Freiheit verträgt das System nicht. In China läuft die Sache übrigens auf ein Sozialkreditsystem hinaus. Brave Bürger können dann Punkte sammeln, die man später braucht, um einen Flug zu buchen oder eine Wohnung zu bekommen, mehr Gehalt oder von all dem gar nichts…
Alles eher Vorstellungen, die Bauchschmerzen machen und derentwegen ich für genau richtig halte, dass ein anderer Hit unter den Konfirmationssprüchen heißt: „Sammelt euch Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.“ (Mt 6,20)
Ich glaube, nur im Himmel haben wir wirklichen Kredit – nicht solchen, den wir uns verdienen können und der unser Leben unter totale Kontrolle stellt. Himmlischer Kredit sieht das Einzigartige und ist uns erworben, durch den, der von sich sagt: „Zur Freiheit habe ich euch befreit.“ Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  16.04.2018 - Offenheit

Offenheit

Prädikant Heiko Frubrich

Offenheit ist großer Luxus. Ein steiler Satz zu Beginn einer kurzen Andacht – ich will Ihnen sagen was ich damit meine. Vielleicht sind sie auch schon einmal in einer Lebenssituation gewesen, in der sie etwas nicht nach außen tragen wollten oder konnten, was ihr eigenes Leben stark beeinflusst und geprägt hat. Vielleicht wissen Sie, wie belastend es sein kann, etwas mit sich herum zu tragen, ohne es anderen anzuvertrauen. Bei Menschen, die uns nicht besonders nahestehen, ist so etwas einigermaßen erträglich. Quälend wird es bei denen, die mir lieb und wichtig sind, die mir Vertrauen entgegenbringen und die ich nicht verlieren möchte. Diesen in meinem Leben so wichtigen Menschen Dinge vorenthalten zu müssen, kann mitunter sehr schmerzhaft sein.
Ich selber war einmal in einer solchen Zwickmühle und habe mit etwas hinter dem Berg gehalten, was untrennbar mit mir verbunden ist, was mich auch ein Stückweit ausmacht. Irgendwann habe ich mich dann entschlossen, über den eigenen Schatten zu springen und es meinen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und Nachbarn einfach zu erzählen. Ein echter Befreiungsschlag und die Steine, die einem da vom Herzen fallen, die können ausreichen, um daraus ein großes Haus zu bauen. Als es dann raus war, habe ich mich gefragt, warum ich so lange gewartet habe – und ich frage mich das noch heute. Denn die negativen Reaktionen, die ich zwar nicht erwartet aber unterschwellig befürchtet habe, sie sind komplett ausgeblieben. Vielmehr war zu hören: „Warum hast du dich so lange damit rumgequält? Hättest doch was sagen können. Dann hätten wir dir doch geholfen!“
Offenheit ist großer Luxus und Offenheit ist auch einer der Bausteine für ein gutes und vertrauensvolles Miteinander. Einem gegenüber haben wir allerdings diesbezüglich niemals Probleme. Einer ist da, der in unsere Herzen sieht und uns im Zweifel besser kennt, als wir uns selbst. Ihm gegenüber macht es überhaupt gar keinen Sinn, aus irgendetwas ein Geheimnis zu machen, weil es ohnehin schon weiß. Diese Erkenntnis ist eine große Befreiung, einfach deshalb, weil ich keine Kraft in meine Versteck-Aktionen zu investieren brauche.
Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, stammt aus dem Buch der Sprüche und lautet: „Eines jeden Wege liegen offen vor dem Herrn.“ Und hinzu kommt noch: Der Herr kennt uns und sieht uns. Doch er sieht uns nicht einfach nur so, er sieht uns freundlich an. Ganz egal wie es gerade in unserem Leben zugehen mag: Wir können uns seines Wohlwollens, seiner Liebe und seiner Barmherzigkeit sicher sein, auch und gerade, wenn es mit unseren Mitmenschen – aus welchen Gründen auch immer – gerade mal schwierig ist.

Ihr Heiko Frubrich, Prädikant

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