Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

Das Wort zum Alltag als App für Android™

Android ist eine Marke von Google LLC

Worte zum Alltag

  Zahlen und Namen

Zahlen und Namen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2021

Im Lukasevangelium heißt es: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
Eigentlich möchte ich mich doch darüber freuen, dass wir endlich diese Talsohle hinter uns haben, dass es Frühling wird, dass die Menschen sich auf den Straßen begegnen und fröhlich um sich schauen, dass die Geschäfte und die Theater öffnen, dass die Menschen wieder draußen sitzen können und miteinander essen und trinken, sich begegnen und um dem Hals fallen, wenn sie sich lange nicht gesehen haben. Eigentlich möchte ich mich darüber freuen, dass Gott unsere Gebet erhört hat, dass in den Krankenhäusern kein Gedränge, keine Not, kein Leid, kein Schmerz, kein Tod mehr ist, dass Kinder endlich wieder zur Schule gehen können und hier im Dom alle wieder zusammen Musik machen.
Aber dann heißt es: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
Es klingt als sollten wir uns mit etwas Abstraktem sehr Jenseitigem zufrieden geben. Aber dann denke ich: Gerade jetzt, wo wir umgeben werden von immer mehr Zahlen, sagt genau dieses Wort, du bist keine Zahl, du bist nicht einer von Zehntausenden, die sich infizieren könnten, einer von Millionen, die geimpft werden müssen, einer von Hundertausenden der Corona Hilfe braucht, sondern du bist einzigartig und Gott kennt dich bei deinem Nahmen. Du verschwindest nicht in Statistik und Zahl unter einem Datum, in einer Kurve oder einem Säulendiagramm, sondern du bist ein einzelner besonderer Mensch.
Dieser Vers hebt uns auf und so ist er zwischen den kleinen Dingen, die wir uns gegenseitig an Freunden bereiten können und dem vorauf wir hoffen im Tagesgeschäft dieser Welt. Dies ist der Zuspruch, dass wir in alldem nicht verloren sind, dass Jede und Jeder von uns aufgehoben ist.
Beim Namen.

Download als PDF-Datei

  O du selige

O du selige

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.01.2021

Als ich gestern Abend hier stand und betete, fing mein Blick in der Bibel folgende Verse auf, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den vertrauten alttestamentlichen Weissagungen der Propheten gehören, die wir zu Weihnachten hören.
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
So steht es bei Jesaja. In Blockbuchstaben.
Und dann heißt es weiter:
„Wehe den Schriftgelehrten, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die unrechtes Urteil schreiben, um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am Recht der Elenden in meinem Volk, dass die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden! Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe? Und wo wollt ihr eure Herrlichkeit lassen? Wer sich nicht unter die Gefangenen bückt, wird unter den Erschlagenen fallen.“
Und noch einmal:
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
Es ist wie eine Kanonade, die uns das Fürchten lehrt – ganz ähnlich der BBC-Serie, die ZDF-Neo gestern Abend ausstrahlte. „Years and Years“ ist eine verstörende Politserie. Ich bin zum Glück ehe es ganz schlimm wurde, eingeschlafen… - aber später hatten wir doch eine lange Debatte.
Es ist gruselig, wenn eine Dramaserie beschreibt, was wir bei der Ausstrahlung erleben: ein gestürmtes Capitol, eine Pandemie, den Brexit, das Wanken der sozialen und gesellschaftlichen Ordnung. Es braucht Kraft, sich zu schütteln:
Nein, das ist nicht die ganze Wahrheit. Es gibt ebenso viele gute Geschichten. Wir haben erlebt, dass Atomwaffen abgebaut und Mauern niedergerissen wurden, wir haben erlebt, dass AIDS kein Todesurteil mehr ist, wir haben erlebt, dass Menschen ihr Können und Vermögen nicht in die Mehrung ihres Geldes sondern in den Dienst an anderen Menschen stecken
Nein, das ist nicht die ganze Wahrheit, wenn Gott spricht:
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
Das ist nicht das letzte Wort.
Gott selbst hat seine Hand ausgestreckt – in seinem Kind, seinem Sohn.
Gott selbst hat sich mit uns versöhnt:
„Welt ging verloren – Christ ist geboren.
Christ ist erschienen – uns zu versühnen.
O du fröhliche, o du selige, GNADENbringende Weihnachtszeit.“

Download als PDF-Datei

  Nebenkosten

Nebenkosten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.01.2021

In Bayern sind FFP2-Masken ab kommender Woche in allen Geschäften sowie Bussen, U- und S-Bahnen Pflicht, so hat es die Staatsregierung in München beschlossen. Mediziner und Virologen halten das sicherlich für eine gute Entscheidung, denn nur solche Masken schützen alle Teilnehmer des öffentlichen Lebens.
Aber FFP2-Masken kosten Geld. Für manche Menschen sind das Lebenshaltungskosten, die nicht weiter ins Gewicht fallen wie anderer Hygieneartikel auch. Für andere sind sie Dinge, die man sich leistet wie Kinokarten und jetzt betrüblicherweise statt Kinokarten kauft.
Für Dritte gibt es überhaupt keinen finanziellen Spielraum – weder für besonders gute Masken noch für Kinokarten. Dabei sind in dieser Gruppe oft Menschen, deren Möglichkeiten der Pandemie auszuweichen ohnehin klein sind, weil sie kein Auto besitzen um zur Arbeit zu kommen und also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, weil sie sich die fußläufigen guten Wohnlagen nicht leisten können und einpendeln müssen, weil sie froh sein müssen – was für eine herbe Formulierung – überhaupt eine Arbeit und ein Einkommen zu haben.
Wer nicht mal das hat, wer also von Hartz IV oder Grundsicherung leben muss, dem stehen für rezeptfreie medizinische Produkte monatlich 2,63€ zur Verfügung. Die Regelsätze für Kinder und Jugendliche sind noch niedriger…
Dass Maskenpreise steigen werden, wenn sie stärker nachgefragt werden müssen, gehört zur banalen Logik des Marktes.
Für diejenigen, deren Situation bisher schon prekär war, fallen solche Effekte ungleich stärker ins Gewicht. Andere kommen dazu: Mahlzeiten in Schulen und Kitas fehlen, dafür braucht jedes Schulkind statt Heft und Stift auf einmal einen Rechner oder Smartphone und Internet, möglichst auch noch einen Drucker und einen eigenen Arbeitsplatz…
Anlaufstellen für Nothilfe sind schwerer zugänglich und manchmal gar nicht erreichbar,
Man könnte all das lang und breit vertiefen. Das ist nicht nötig.
Man könnte all das auch ausblenden. Das ist fahrlässig und unbarmherzig. Man kann sich all das immer wieder ins Gedächtnis rufen. Das macht aufmerksamer und dankbarer.
Und dann kommt einem die Tageslosung auf einmal nicht mehr abwegig vor sondern punktgenau heute dran: „Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen IHM jauchzen! Denn der Herr ist ein großer Gott.“

Download als PDF-Datei

  Stille

Stille

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.01.2021

Heute Morgen habe ich in der Zeitung gelesen: Stille wäre gesund. Dazu das Bild eines Steges an einem einsamen See. Ja, die Art von Stille ist herrlich und sicher sehr gesund. Manchmal hört man dann noch einen Seevogel oder das Platschen eines Fisches…
Die aufmerksame Stille während eines Gottesdienstes ist heilsam, die Stille der Nacht sicherlich auch.
Aber die Stille auf den Straßen? Die Stille in den Schulen, Schwimmhallen, Kindergärten, Tanzschulen, Fitnessstudios???
„Meine Seele ist Stille zu Gott, der mich liebt“ – ein schöner Kanon aus einer lauten Zeit, Klang für Einkehr und Ruhe inmitten einer unruhigen schnellen Welt.
„Zeit für Ruhe, Zeit für Stille, Atemholen und nicht schwätzen und das Schweigen nicht verletzten“ – auch ein Kanon aus Kinderkirchenzusammenhängen. Den konnte ich noch nie richtig leiden. Schweigen „verletzten“ – also ob schweigen per se gut oder sogar was Heiliges wäre. Dabei kann es manchmal schrecklich sein.
Schweigen auszuhalten ist allermeist eine schwere Übung. Reden muss sein, das ist menschlich. Eine Konfirmandin schrieb mir letzte Woche (wir machen grade Einzel-Unterricht per Post) auf die Frage, welche Farbe Stille für hat: nicht etwa schwarz oder blau, sondern grau. Stille macht traurig, weil dann geschwiegen wird…
Stille. Wenn man das Wort in der Online-Bibel sucht, kommen lauter Stellen, in denen ein Kind gestillt wird. Nährende wärmende geborgene Stille. Auch das.
Mich begleitet ein Gedicht von Eva Strittmatter durch diese Zeit:

Ich mach ein Lied aus Stille / Und aus Septemberlicht. / Das Schweigen einer Grille / Geht ein in mein Gedicht.
Der See und die Libelle / Das Vogelbeerenrot. / Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne. / Der schwarze Rabenschrei. / Der Orgelflug der Schwäne, / Was es auch immer sei,
Das über uns die Räume / Aufreißt und riesig macht / Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille. / Ich mach ein Lied aus Licht. / So geh ich in den Winter; / Und so vergeh ich nicht.


Download als PDF-Datei

  Good Night Lights

Good Night Lights

Henning Böger, Pfarrer - 12.01.2021

In einem Kinderkrankenhaus in Providence, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Rhode Islands, gibt es ein besonderes Ritual: Jeden Abend um halb neun versammeln sich im Hasbro Children’s Hospital viele der kleinen Patienten hinter der großen Fensterfront des Krankenhauses und warten auf die „Good Night Lights“, die Gute-Nacht-Lichter ihrer Stadt.
Kein Abend vergeht, an dem die Kinder nicht dieses Lichter-Spektakel erleben können: Restaurants, Hotels, die nahe gelegene Universität lassen um halb neun Ortszeit eine Minute lang ihre Lichter aufleuchten. An-aus-an-aus-an-aus. Auch Feuerwehr und Polizei machen mit und viele weitere, die um diese Uhrzeit mit Autos, Fahrrädern oder Taschenlampen unterwegs sind und den Kindern einen Gruß zur Nacht schicken wollen.
Die Idee zu den „Good Night Lights“ für kranke Kinder hatte der Zeichner Steve Brosnihan. Der ist ehrenamtlich im Kinderrankenhaus tätig. Als er eines Abends mit dem Rad nach Hause fuhr, habe er aus einiger Entfernung die erleuchteten Klinikfenster gesehen. Wie schön wäre es, dachte er, wenn ich den Kindern, die dort gerade ihre Zähne putzen, Geschichten zum Einschlafen hören, Medikamente bekommen, unter die Bettdecken kriechen, noch einen Gruß schicken könnte. Also knipste er die Stirnlampe seines Fahrradhelms an und aus. Wie ein Signal, wieder und wieder. Und er hoffte dabei, dass vielleicht eines der Kinder sein Signal sehen würde.
Es wurde gesehen, wieder und wieder. Und schließlich konnte er auch andere überzeugen mitzumachen, Lichtsignale in die Nacht zu senden. Eine kleine Geste mit großer Botschaft: Wir denken an euch. Werdet schnell wieder gesund! Denn das Leben, eure Stadt, wir alle warten auf euch!
Für mich sind die Good-Night-Lights von Providence eine echte Mutmach-Geschichte für dieses noch junge Jahr, das mit so viel Unsicherheit und Fragen, auch mit Angst und Sorgen begonnen hat. Vergessen wir darüber das andere nicht: die lichten Momente, in denen das Leben leuchtet. Wenn Herzen und Gesichter strahlen. Wenn sich Wege durchs Dunkel auftun.
„Gott hat uns einen hellen Schein in unsere Herzen geben.“ Das schreibt der Apostel Paulus im zweiten Korintherbrief. Wer diesen Schein in sich spürt, der kann selbst für andere zu leuchten beginnen, Licht in dunkle Herzen tragen.
Die Kinder im Krankenhaus von Providence antworten auf die Gute-Nacht-Lichter ihrer Stadt. Sie grüßen zurück. Mit Taschenlampen oder Zimmerleuchten. Jeden Abend, bevor sie zu Bett gehen.

Download als PDF-Datei

  Gottes Geist und Gottes Kinder

Gottes Geist und Gottes Kinder

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.01.2021

Über dieser Woche heißt es: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Paulus schreibt diese Worte an Gemeinde in Rom. Welcher Geist treibt Sie? Sind Sie am Anfang dieses noch jungen Jahres begeistert ob der vielen Möglichkeiten, die sich bieten werden? Oder sind Sie eher entgeistert, weil eben auch 2021 in vielen Punkten absehbar kein „normales“ Jahr werden wird? Mit gutem Geist kommen wir sicherlich besser durch diese besonderen Zeiten. Doch manche Geister, die wir riefen, entpuppten sich im Nachhinein als böse, und wir wurden sie nicht mehr los. Wie ist das also nun mit diesem Geist Gottes? Wie finden wir ihn oder findet er uns?
Wes Geistes Kind so manch einer ist, stellt sich oft erst in besonderen Momenten und extremen Situationen heraus. Ein Blick nach Amerika genügt, um das bestätigt zu finden. Es gibt diese alte afrikanische Geschichte, in der ein Mann zum Dorfältesten kommt und sagt: „In mir kämpfen zwei Hunde miteinander, ein guter und ein böser und ich weiß nicht, wer von den beiden gewinnen wird.“ Und der Dorfälteste antwortet ihm: „Gewinnen wird der, den Du fütterst!“
Mit den Geistern in uns, ist es genauso. Wenn den Menschen immer und immer wieder und von höchster Stelle eingetrichtert wird, dass sie betrogen und bestohlen wurden, dann glauben es einige irgendwann und je länger die Lügeninfiltration anhält, desto mehr werden es. Und wenn diesen Menschen dann erzählt wird, dass man sich das nicht gefallen lassen darf, dann lassen sie es sich irgendwann auch nicht mehr gefallen und sie werden gewalttätig.
Wir alle sind selbst verantwortlich dafür, welche Hunde in uns gefüttert werden und welchen Geist wir laut werden lassen. Gottes Kinder sind wir dann, wenn wir uns von seinem Geist antreiben lassen. Was diesen Geist ausmacht, ist schnell beschrieben. Es sind die Attribute, die uns Jesus Christus vorgelebt hat: Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft, Friedfertigkeit, Gradlinigkeit, Liebe.
Menschen, die sich von diesen Werten leiten lassen, kommen nicht auf die Idee, gewaltsam demokratisch gewählte Parlamente zu stürmen und dort auf Polizisten einzuprügeln. Menschen, die sich von diesen Werten leiten lassen, werden nicht mit Galgenmodellen durch die Straßen ziehen, an denen Politikerpuppen hängen. Menschen, die sich von diesen Werten leiten lassen, sind durchaus streitbar und diskussionsfreudig, doch sie behandeln ihre Gegenüber mit Respekt und Wertschätzung.
Und zusätzlich oder besser: über allem, sind sie Gotteskinder, Mitglieder der Heiligen Familie, in die uns Gott einlädt, Geschwister untereinander und mit Jesus Christus, der unser aller Bruder wurde.
Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder – ich finde das eine gute Orientierungshilfe, um trotz aller Widrigkeiten und schrägen Überraschungen, die ganz bestimmt auf uns warten, sicher auf Kurs zu bleiben – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gnade – aus Liebe

Gnade – aus Liebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.01.2021

Über dem heutigen Tag heißt es: „Als die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.“
Die Worte stammen aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Kurz zur Erinnerung: Der Besitzer des Weinberges, der in diesem Gleichnis für Gott steht, holt sich zu unterschiedlichen Tageszeiten Arbeiter in seinen Weinberg, einige gleich früh am Morgen, andere mittags und die letzten erst kurz vor Feierabend. Und obwohl sie ganz unterschiedlich lange gearbeitet haben, bekommen sie am Abend alle den gleichen Lohn. Die Begeisterung derer, die nun schon den ganzen Tag gearbeitet haben, hält sich in gesunden Grenzen und das wird im eben zitierten Lehrtext deutlich: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.“
Nachvollziehbar, oder? Ich meine, da schuften die einen den ganzen Tag bei glühender Hitze und die anderen mal gerade eine Stunde in der kühlen Abenddämmerung und dann gibt es für jeden einen Silbergroschen? Gott steht doch für Gerechtigkeit, oder etwa nicht? Wir müssen vorsichtig sein mit einer zu voreiligen Bewertung der Situation. Denn schnell laufen wir Gefahr, mit irdischen, ja mit menschlichen Maßstäben an die Sache heranzugehen.
Wir haben das Prinzip von Leistung und Gegenleistung verinnerlicht – in allen Lebenslagen. Gerechter Lohn für gerechte Arbeit, angemessener Preis für gute Ware, faires Entgelt für adäquate Leistung. So ticken wir und so funktionieren in unserer Welt ganz viele Dinge. Ein Umstand kommt dabei allerdings nicht vor, nämlich Gnade. Haben Sie diese Vokabel schon einmal bei Tarifverhandlungen gehört oder beim Feilschen um Rabatte in einem Geschäft? Vermutlich nicht.
Wenn wir aber Gottes Handeln verstehen wollen, soweit das überhaupt möglich ist, kommen wir an Gnade nicht vorbei. Denn sie prägt maßgeblich Gottes Verhalten uns Menschen gegenüber. Und seine Gnade ist ein Geschenk, nicht verdienbar, nicht verhandelbar, nicht erzwingbar. Und das ist auch gut so!
Denn so wird sie jedem zuteil – nicht nur denen mit der größten Klappe, den spirituell wertvollsten Sprüchen oder dem vollsten Bankkonto. Nein, Gott entscheidet einzig und allein, wem er seine Gnade schenkt und wem nicht.
Wie wunderbar entlastend, finden Sie nicht auch? Wir müssen uns nicht hervortun durch fromme und noch frömmere Höchstleistungen, wir müssen nicht permanent versuchen, uns vor Gott im besten Licht zu präsentieren. Demut vor seiner Größe und Allmacht ist vollkommen ausreichend. Und das ist nicht anstrengend, das ist eine einfache Lebenshaltung, die ganz von allein aus unserem Glauben erwächst. Und auch der ist ein Geschenk – aus Liebe. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gedanken nach Washington

Gedanken nach Washington

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.01.2021

Gestern habe ich hier einen Text einer Frau aus Washington gelesen.
Es ging um Corona und das Ungleichgewicht der Welt, die Frage danach, wie wir eigentlich Balance zwischen der Beschwer dieser Zeit und Dankbarkeit, darin trotzdem glimpflich dran zu sein, umgehen können.
Mir tat der Text gut. Es war eine hilfreiche Erinnerung. Die Autorin kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wo sie in Washington lebt, welche Wege sie tagtäglich geht, wen sie gewählt hat und wie sie über die aktuelle Situation im Weißen Haus denkt. Aber gestern habe ich gespürt, dass wir Geschwister sind – im Geist und durch den Geist, verbunden durch einen gemeinsamen Glauben.
Ihre Worte passten auch in meinen Mund.
Wie mag es dieser fremden Schwester heute gehen?
Und mit ihr all denen, die an ein demokratisches anständiges Amerika glauben? Wie mag es all denen gehen, die gestern im Capitol Rechte und Pflichten gewählter Repräsentanten wahrnehmen wollten und in Lebensgefahr geraten sind oder gar ihr Leben verloren haben? Wie mag es denen gehen, die Angst um ihre Angehörigen haben, weil sie mit ihrem Gesicht für ihre Haltung einstehen oder weil sie arbeiten – in Sicherheits- oder Reinigungsdiensten der Regierung, bei der Polizei, der Nationalgarde? Wie mag es denen gehen, die sich der republikanischen Partei verpflichtet fühlen und zuletzt auf schrecklich falsche Weise loyal waren?
Es war ein trauriger und bitterer Tag.
Die Bilder und Videos, die nach und nach um die Welt gehen, sind schwer erträglich.
Einmal mehr erleben wir, dass man – egal wie groß die Geschichte gewesen sein mag - Freiheit und Demokratie nicht besitzen, sozialen Frieden nicht erwarten kann, sondern immer neu befördern, erwerben und vertreten muss. Ein Satz, den ich kaum aufschreiben kann ohne militärische Vokabeln wie „erobern“ und „verteidigen“ zu benutzen.
Auch in Deutschland sind Frieden, Freiheit, Demokratie, Würde kostbare und gefährdete Güter. Wir werden sie nur hüten können, wenn wir friedliche Wege und Worte finden – füreinander und vor Gottes Angesicht.

Download als PDF-Datei

  Grüße aus Washington

Grüße aus Washington

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.01.2021

Heute ist Epiphanias, Fest der Heiligen drei Könige – die Sternsinger-Kinder wären unterwegs und hätten uns den Segen über die Tür geschrieben. C+M+B 2021. Wird das dieses Jahr keiner tun? Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so fehlen würde. Normalerweise wäre heute auch der Neujahrsempfang der Burgplatzanrainer gewesen. Wir hätten uns getroffen und nebenan im Landesmuseum ums Büffet gequetscht, miteinander angestoßen, uns über das Neujahrskonzert in der Stadthalle unterhalten und Pläne geschmiedet.
Hätte, hätte…
Irgendwie scheinen wir jeden Tag weiter weg von solcher Alltäglichkeit zu sein und dass wir die schönen Epiphaniaslieder grade nicht singen dürfen, ist schon kaum noch einer Erwähnung wert. Noch ein Tröpfchen und das Fass läuft über. Auch bei mir.
Aber dann schickt mir mein amerikanischer Kollege, der mit seiner Frau an der Citykirche in Frankfurt am Main arbeitet ein Gebet. Eine Frau in Washington hat es dieser Tage geschrieben, Jeffrey hat es übersetzt. Es kommt grade im rechten Moment – ehe ich überm Klagen das Danken vergesse. Und es klingt so:
„Mögen wir, denen bloß Unannehmlichkeiten entstehen,
uns an die erinnern, deren Leben auf dem Spiel steht.
Mögen wir, die wir keine Risikofaktoren haben,
uns an die erinnern, die am meisten gefährdet sind.
Mögen wir, die den Luxus haben, von zu Hause aus arbeiten zu können,
uns an die erinnern, die vor der Wahl stehen, ihre Gesundheit zu schützen oder ihre Miete zu bezahlen.
Mögen wir, die wir unsere Kinder betreuen können,
wenn deren Schulen geschlossen werden, uns an die erinnern, die keine solche Wahl haben.
Mögen wir, die unsere Reisen absagen mussten,
uns an die erinnern, die keinen sicheren Zufluchtsort haben.

Mögen wir, die wir unser „Spielgeld“ in den Turbulenzen des Finanzmarktes verlieren, uns an die erinnern, die keinen Spielraum haben.
Mögen wir, die in Quarantäne zu Hause bleiben müssen,
uns an die erinnern, die kein Zuhause haben.
Während Furcht unser Land erfasst, lasst uns die Liebe wählen.
Während dieser Zeit, in der wir uns nicht physisch umarmen können,
lasst uns Wege finden, um unseren Nachbarn Gottes liebevolle Umarmung zu sein.

Download als PDF-Datei

  Patchworkfamilien

Patchworkfamilien

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.01.2021

Das sind schwere Zeiten für Patchworkfamilien.
Wenn eingeschränkt ist, wer sich mit wem treffen darf,
wenn Haushalte gezählt werden und fraglich ist, wer eigentlich dazugehört,
wenn der Bewegungsradius eingeschränkt wird,
dann tut noch mehr weh als sonst, wenn Familien nicht in der für klassischen gehalten Weise zusammenleben, sondern aus verschiedenen Clustern bestehen,
dann schmerzt auf einmal, was bisher doch eigentlich gut gelungen ist, weil man sich verträgt und vernünftig abspricht,
dann wird endgültig wo ehedem schon Abstand nötig war.
Die Frage, wer jetzt eigentlich dazugehört, stellt sich drängend und wie so oft in solchen Momenten, in denen sich die Wahrnehmung verschiebt, fallen einem dann Aspekte auf, die man bisher nicht gesehen hat.
Ich denke an Josef.
Der hatte an Marias Seite die Vaterrolle übernommen, obwohl es ihm schwer geworden war. Zu Weihnachten haben wir davon gehört, dass er mit sich gerungen und überlegt hat, seine Braut und ihr Kind zu verlassen. Gott hatte ihn im Traum in die Pflicht genommen und Josef hat sich gekümmert, hat Maria mitgenommen nach Bethlehem zur Volkszählung, hat ihr zur Seite gestanden im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenig weiß man darüber. Er hat geschwiegen. Aber er hat sich nicht entzogen, sondern getan was ein Vater für sein Kind tut. Er ist sogar mit den beiden auf die Flucht gegangen. Später erzählt Lukas wie der 12-jährige Jesus verschwindet und seine Eltern nach drei Tagen Suche im Tempel wiederfinden. Maria klagt ein, dass sie schmerzt, wenn ihr Kind sich so verhält. Josef schweigt. Maria bewahrt auch diesen Teil der Geschichte in ihrem Herzen. Josef schweigt und hört – nicht zum ersten Mal – dass es für Jesus eine andere und bedeutsamere Vaterbeziehung gibt.
Josef erträgt das. Er hält es aus und durch.
Die Geschichte geht nicht ohne ihn. Vielleicht weiß er das. Vielleicht hat er sich auch entschieden, dass das Kind, der Junge nicht für die Lebenssituation seiner Eltern zahlen soll.
Vielleicht ist er schon von jeher die schweigende Erinnerung daran, dass Menschen noch ganz anders miteinander verbunden sind, als wir im Auge haben. und sicherlich ist er auf seine Weise eine Deutung der Jahreslosung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Download als PDF-Datei

  Zum Glück zwingen

Zum Glück zwingen

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.01.2021

Manche Leute muss man wirklich zu ihrem Glück zwingen! Zu dieser Aussage lassen wir uns gern mal hinreißen, wenn wir auf das Verhalten unserer Mitmenschen blicken, die gerade vor einer Entscheidungssituation stehen, die für uns vollkommen klar ist, für denjenigen, den wir im Blick haben, aber offenbar nicht. Da geht es vielleicht darum, ein neues Auto zu kaufen, sich für ein Urlaubsziel zu entscheiden oder sich beruflich zu verändern.
Für uns Außenstehende ist völlig offensichtlich, dass überhaupt nur eine einzige Option in Frage kommt und unser Gegenüber, der die im wahrsten Sinne des Wortes Qual der Wahl hat, kann sich nicht entscheiden. Das ist nicht verwunderlich, denn aus der Ferne betrachtet, ist manches leichter und klarer und offensichtlicher. Wenn man selbst in der Entscheidungssituation steckt, fällt es schwerer, alle Pros und Contras gegeneinander abzuwägen, zu bewerten und zu gewichten.
Und ja, dann muss man uns auch schon mal zu unserem Glück zwingen, uns in die richtige Richtung schubsen und unsere Verwirrtheit durch ein paar klare Worte von außen beseitigen.
In Glaubensfragen ist das ähnlich. Glaube ist zwar nicht mit einer einzigen Entscheidung ein- oder ausschaltbar; unser Glaube wird uns geschenkt. Dennoch bedarf es unserer Offenheit, um für dieses Geschenk empfänglich zu sein. Über dem heutigen Tag heißt es: „Der Herr spricht: Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten und meine Gebote halten, damit es ihnen und ihren Kindern für immer gut geht!“
Aus dem 5. Buch Mose stammen diese Worte, in denen Gott mit fast schon verzweifeltem Unterton sagt: „Muss man euch Menschen denn immer wieder zu eurem Glück zwingen?“ Ich fühle mich hier auch ganz persönlich angesprochen. Ich war viele Jahre meines Lebens ohne eine engere Beziehung zu Gott unterwegs – zumindest von meiner Seite. Und da ich nun beide Varianten kenne, kann ich aus voller Überzeugung sagen: Ein Leben im Glauben mit Gott als Wegbegleiter ist viel schöner als ohne!
Gott hat mich zu nichts gezwungen, aber der Anstupser, den er mir in Richtung auf meinen Glauben hin gegeben hat, der war schon nötig. Ich bin sehr dankbar, dass sich Gott die Mühe gemacht hat, um mich auf ihn aufmerksam zu machen und ich möchte die Lebensqualität, die sich mir dadurch erschlossen hat, nicht mehr missen. Dass uns Glaube und Gottvertrauen guttun, weiß Gott. Sonst würde er es nicht so formulieren: „…damit es ihnen und ihren Kindern für immer gut geht!“
Und ich finde, dass wir uns nicht zieren sollten, den Menschen, denen wir begegnen, genau das zu erzählen - dass Glaube guttut, dass es ein tolles Gefühl ist, angenommen und geliebt zu sein, dass man mit einem Grundvertrauen auf Gott entspannter und gelassener durch die Zeiten kommt.
Ja, manchmal muss man Menschen zu ihrem Glück zwingen. Und sie auf Gott aufmerksam zu machen, der auf sie wartet und der sich auf sie freut, gehört wohl dazu. Amen.

Download als PDF-Datei

  Auf ein Neues!

Auf ein Neues!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2021

2. Januar 2021 – so richtig in Gang gekommen ist es ja noch nicht, das neue Jahr. Gestern war Neujahrstag und jetzt ist erstmal Wochenende. Ich finde, es fühlt sich alles noch so ein bisschen wie in Watte gepackt an. Seit Weihnachten muss ich einmal öfter auf den Kalender schauen, um zu sehen, welcher Wochentag gerade ist. Die Strukturiertheit der Wochen und Monate sie ist mir ein wenig abhandengekommen. Doch das wird sich ganz sicher wieder einpendeln, wenn alle aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind und wieder das fühlbar wird, was wir Alltag nennen.
Und mit jedem neuen Tag werden wir mehr Klarheit darüber haben, was uns in 2021 erwartet und was wir von 2021 zu erwarten haben. Im Moment liegt das neue Jahr noch wie ein nahezu unbeschriebenes Blatt vor uns. Wir werden es füllen mit unseren Erlebnissen und Erfahrungen, mit dem, was wir selbst gestalten, mit dem, was uns widerfahren wird. Wir werden dieses noch leere Blatt füllen mit den Spuren unserer Lebenswege, die sich annähern, die sich kreuzen, die sich voneinander entfernen werden. Neue Lebenswege werden hinzukommen, andere werden enden.
Was wird überwiegen, Gutes oder Schweres, Heiteres oder Trauriges, Erwartetes oder Überraschendes? Und welche neuen Erkenntnisse werden wir erlangen? Wozu werden sich auch unsere Haltung und unsere Bewertung in der Rückschau mit zeitlichen Abstand verändern? Und werden wir in zwölf Monaten sagen, dass 2021 ein gutes Jahr war?
Wir haben nur begrenzten Einfluss auf das, was die Antworten auf diese Fragen prägen wird. Ja, wir können unser Bestes tun, damit wir gut durch die Zeiten kommen. Wir können auf uns selbst und auf unsere Mitmenschen achtgeben, können, so wie es uns Jesus Christus in der Jahreslosung sagt, barmherzig sein, wir können uns mit den besten Absichten auf den Weg in das neue Jahr machen. Und das sollten wir auch tun. Aber dennoch liegt vieles, und ich möchte sagen, das Wesentliche, nicht in unserer Hand.
Für uns ist dieses Jahr 2021 noch wie ein leeren Blatt Papier. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es das für Gott nicht ist. Er und nur er weiß, was er mit uns in diesem Jahr vorhat. Er weiß, was in diesem noch so jungen Jahr auf uns wartet, er hat alles bereits geplant und vorbereitet.
Wir senden unseren Lieben zum Jahreswechsel traditionell gute Gedanken und wünschen einander Gutes. Ich wünsche Ihnen und auch mir Gottvertrauen. Denn es ist Gott, von dem alles kommt und zu dem alles geht, es ist Gott, der unser aller Leben im Blick hat, der es wohlmachen wird, auch mit uns.
Gottvertrauen wird uns helfen, gut durch die Zeiten zu kommen. Es wird uns helfen, dankbar zu sein für alles Schöne und es wird uns helfen, auch schwere und dunkle Zeiten durchzustehen, denn auch dann dürfen wir uns getragen und geborgen fühlen in Gottes Hand.
Auch 2021 ist ein Anno Domini, ein Jahr des Herrn. Er bietet uns seine Begleitung an, seine Obhut und seine Liebe. Nehmen wir sie an. Gott befohlen. Amen.

Download als PDF-Datei

  „Viel braucht der Mensch nicht…“

„Viel braucht der Mensch nicht…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.12.2020

Zwischen den vielen Weihnachtskarten, die im Laufe dieser Tage auf meinem Schreibtisch landen - viele sind aufwändig gestaltet und manche komisch den Coronabedingungen angepasst - ist wie in den Jahren zuvor auch schon die der griechischen Gemeinde etwas Besonderes.
Es sind immer die Texte, die irgendwie aus einer anderen Welt kommen und trotzdem kein bisschen Fremdheit mit sich bringen. In diesem Jahr hat Despina Kazantzidou einen Text von Tolis Nikiphiroi geschickt:
„Ein kleiner Christus wird morgen erneut geboren, / ganz allein auf der Welt. / Ein kleiner Christus, der Bäume auf die beschlagene Fensterscheibe für die Kinder malt, / Schiffe für die Träume, / ein Märchen der Liebe für die Verzweifelten. / Es ist der Heiligabend und Tausende Lichter auf dem Platz / Glänzen in seinen Augen wie Tränen.“
1991 sind diese Verse erschienen – aber gerade dieses Jahr ist die Vorstellung, dass einer uns auf die Fenster malt, wie es sein kann, worauf wir zuleben und hoffen können, ganz besonders tröstlich. Kaum ein Jahr haben wir soviel aus dem Fenster und in die Fenster geschaut – so ist es, als schauten wir durch ein neues Bild. Und Tränen? Die gehören dazu.
Aber unsere griechischen Geschwister belassen es bei den Tränen nicht. Ein ganz kleiner Vers des Literaturnobelpreisträgers Odysseas Elytis kommt noch dazu:
„Viel braucht der Mensch nicht / um sanft zu sein und lieb / ein bisschen Essen, / ein bisschen Wein / Weihnacht und Auferstehung.“
Freundlich und dem Leben zugewandt, dankbar kommen diese Worte daher.
Mag dies Jahr auch vieles fehlen, Essen und Trinken, Weihnachten – das haben wir nicht entbehren müssen. Dann müsste auch viel gehen, denn es heißt ja nicht: „Viel braucht der Mensch nicht / um zu leben…“.
Es heißt: „Viel braucht der Mensch nicht / um sanft zu sein und lieb.“
Dann lasst uns das mal versuchen.



Download als PDF-Datei

  Mach dir keine Sorgen!

Mach dir keine Sorgen!

Henning Böger, Pfarrer - 29.12.2020

Tommaso ist fünf Jahre alt und lebt in Italien. Nach allem, was ich von ihm weiß, ist er ein kluger, kindlicher Kopf, der jedoch vor Weihnachten große Sorgen hat. Wenn jetzt wegen Corona niemand mehr reisen darf,
so fragt sich Tommaso: Wie, bitte schön, kommt dann der Weihnachtsmann zu mir und anderen? Wer die italienische Art, Weihnachten zu feiern, ein wenig kennt, der weiß, dass der Babbo Natale nicht nur für Kinder von großer Wichtigkeit ist. Ohne ihn wird am 25. Dezember nicht Weihnachten!
Schließlich hat Tommaso eine rettende Idee: Mit Hilfe seines Vaters schreibt er einen Brief direkt an den italienischen Ministerpräsidenten. Und siehe da: Der antwortet umgehend: „Mach dir keine Sorgen, Tommaso! Babbo Natale hat eine Reisegenehmigung, die für alle Länder dieser Erde gilt. Er darf überall hinreisen und Kinder beschenken. Außerdem trägt er Maske und hält Abstand. Stell‘ ihm nur ein Paar Kekse und etwas Milch neben den Weihnachtsbaum.“
Nun ist Weihnachten vorüber und Tommaso wird wissen, ob der Babbo Natale corona-konform reisen konnte. Das schönste Moment an dieser kleinen Geschichte, die sich digital schnell und weit verbreitet hat, ist für mich ohnehin etwas anderes: die Art und Weise, wie die Großen (und Mächtigen) die Sorgen des Jungen ernstnehmen. Auch Kindersorgen sind schwere Sorgen, genauso schwer wie bei uns Großen. Mit und ohne Corona.
„Mach dir keine Sorgen!“ Jeder und jede von uns weiß, wie gut dieser Satz der eigenen Seele tun kann, wenn er aufrichtig gesagt ist, wenn Angst und Fragen nicht einfach wegwischt oder sogleich daraufhin bewertet werden,
ob sie berechtigt sind oder nicht. Auch wenn wir nicht immer genau wissen können, was andere gerade suchen oder brauchen, so können wir doch ihre Sorgen teilen. Das sollte uns allen immer kinderleicht sein!
„Mach dir keine Sorgen!“ Wer diesen Satz auch zwischen den Jahren noch einmal weihnachtlich hören will, der hört ihn so: Als Gott zu Welt kommt, gilt sein erstes Wort den Sorgen: „Fürchtet euch nicht!“ So haben es die Engel gesagt. So haben es die Hirten gehört. So ist es auch uns zugesagt.
Der Gott, an dessen Krippe ich meine Sorgen und mein Glück bringen darf, er hat sich längst in mein Leben hineingelegt und spricht: „Fürchte das Leben, weil ich eben dort zu finden bin!“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Rauhnächte

Rauhnächte

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.12.2020

Es ist eine besondere Zeit, in der wir uns jetzt befinden. Und das hat ausnahmsweise nur am Rande mit Corona zu tun. Ich meine diese besondere Atmosphäre der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, die Tage, die ihren eigenen Rhythmus haben, in denen zwar kalendarisch Alltag ist, gefühlt aber eben auch nicht. Diesen Tagen haftet eine besondere Stimmung an. Zwar waren sonst wenigstens die Innenstädte, die Parkhäuser und die Geschäfte voll und auf unserem Weihnachtsmarkt pulsierte das Leben, aber selbst in „normalen“ Jahren war es ruhiger als in der Adventszeit vor dem großen Fest.
Doch nicht nur die Tage sind besonders, auch die 12 Nächte zwischen Weihnachten und Epiphanias sind von alters her mystisch und sagenumwoben. Rauhnächte oder auch Rauchnächte werden sie genannt. Viele Bräuche verbinden sich mit diesen Nächten, so das Verbrennen von Weihrauch in den Häusern, um den Teufel und böse Dämonen zu vertreiben.
Das ist uns in unseren Breiten zwar eher fremd, doch die Sorge um die ganz existenziellen Dinge, die kennen wir natürlich auch. Die Menschen der damaligen Zeit, die auf die Kraft des Weihrauchs vertrauten, wussten, dass es Ereignisse, Wendungen und Entwicklungen in ihrem Leben gab, auf die sie kleinen Einfluss hatten. Tierseuchen, schlechte Ernten, Feuer und Unwetter konnten lebensbedrohende Krisen auslösen, gegen die man dann trotz bester Vorbereitung machtlos war.
Etwas Vergleichbares, und nun bin ich dann doch wieder bei Corona, hat das ablaufende Jahr 2020 weltweit geprägt. Mit Weihrauch allein ist ganz sicher auch diesem Virus nicht beizukommen, da ist der seit gestern auch bei uns im Einsatz befindliche Impfstoff sicher segensreicher, doch wir haben gelernt, dass auch unsere ach so fortschrittliche Welt trotz aller modernen Errungenschaften, trotz allen angehäuften Wissens und trotz aller menschlicher Arroganz ganz schnell zum Stillstand kommen kann.
Wir haben ein besonderes Weihnachtsfest gefeiert, auch hier am Dom – hinter Plexiglas, ohne Gesang, mit großen Abständen. Das „Fürchte dich nicht!“ des Engels hatte einen anderen Klang als sonst. Ich habe es persönlicher, konkreter und auffordernder gehört als sonst. Fürchte dich nicht, auch wenn es anders ist als sonst, fürchte dich nicht, denn es geht trotz allem weiter, fürchte dich nicht, denn du hast die Gelegenheit, ganz anders und vielleicht sogar besser zu verstehen, was Weihnachten eigentlich für dich und dein Leben bedeutet.
In mir klingt vieles nach, was von Weihnachten her kommt. Und diese besonderen Tage und auch diese besonderen Rauhnächte bieten Gelegenheit, genauer hinzuhören, was es ist. Vielleicht haben Sie Lust, dem allen auch nachzuspüren und für sich selbst, ganz persönlich und individuell zu überdenken, was Ihnen der Engel sagen wollte. „Fürchte Dich nicht!“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Wen wundert’s II

Wen wundert’s II

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.12.2020

Am vergangenen Sonnabend habe ich hier an diesem Ort über Wunder und das Sich-wundern gesprochen und versucht, aufzuzeigen, was das alles mit Weihnachten zu tun hat. Es ist ja tatsächlich naheliegend, sich ganz kräftig darüber zu wundern, warum Gott sich in seinem Sohn das alles antut. Er kommt als Kind einer unehelich schwanger gewordenen Frau zur Welt und das obendrein in einem lausigen Stall, im Winter, im Dunkeln und ziemlich allein. Er muss bereits als Kind ins Ausland fliehen, eckt als Erwachsener ständig an, stößt selbst bei seiner Familie auf Unverständnis, legt sich mit der weltlichen und geistlichen Obrigkeit an, wird verspottet, gefoltert und schließlich hingerichtet. Du meine Güte – schlimmer geht es ja kaum.
Auf sich genommen hat er all das für uns, einzig und allein aus seiner Liebe heraus, die er für uns Menschen empfindet, aus Liebe zu Ihnen und Euch und mir – ganz individuell und höchstpersönlich. Das lässt uns in der Tat stauen und uns wundern, doch es stellt sich doch ebenso die Frage, was das alles für uns bedeutet?
Ein Bruder aus unserer Domgemeinde hat mir hierzu folgendes Gebet zugesandt: „Jesus, dein Werk ist es, dass ich ohne Furcht Gott dienen darf mein Leben lang: ohne Furcht vor meiner Schuld, denn du versöhnst; ohne Furcht vor meinen schwankenden Gedanken, denn du schaffst Glauben; ohne Furcht vor meiner lieblosen Eigensucht, denn du erweckst die Liebe.“
Ja, es ist genau das. In diesen Worten wird deutlich, was auch Paulus meint, wenn er sagt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Gott hat uns in seinem Sohn alle Ketten abgenommen, die unser Leben, und eben auch unser christliches Leben, schwergemacht hätten. Wir dürfen getrost und unverzagt unser Leben gestalten, dürfen dem nacheifern, was Jesus uns vorgelebt hat und wir brauchen dabei keine Angst zu haben, dass uns Fehler unterlaufen und wir Schuld auf uns laden. Dass das passieren wird, ist vollkommen klar, dafür sind wir Menschen. Aber Jesus sagt uns Vergebung zu und wir bekommen jeden Morgen die Chance auf einen Neubeginn.
Und ich bleibe dabei: Christliches Leben ist nicht kompliziert, überreguliert, anstrengend oder sonst irgendwie eine Quälerei. Ganz im Gegenteil: Es ist eine Lust, sich in Gottes Liebe geborgen fühlen zu dürfen und aus dieser liebevollen Umarmung heraus, Liebe weiterzugeben. All das ist möglich geworden, weil Gott seinen Sohn in unsere Welt und in unser Leben geschickt hat. Ab morgen werden wir das feiern. Und wir haben wirklich allen Grund dazu. Halleluja! Amen.

Download als PDF-Datei

  Wie weit ist es noch?

Wie weit ist es noch?

Henning Böger, Pfarrer - 22.12.2020

„Papaaaa, wie weit ist es noch?“ Wenn unserem Jüngsten unterwegs der Geduldsfaden reist, dann wird er die Ungeduld in Person. „Sag schon, Papa: Wann sind wir endlich da?“ Und ich vermute, diese oder ähnliche Fragen kennt so gut wie jeder, der einmal mit Kindern oder Enklen gereist ist.
Manchmal ist es leicht, über allzu große kindliche Ungeduld hinweg zu lächeln, zumindest dann, wenn man selbst die Strecke kennt. Wenn das aber mal nicht der Fall ist, sieht es schon anders aus, oder? Das merkt man spätestens dann, wenn man einmal mit dem Auto oder zu Fuß im Nebel unterwegs war und plötzlich die bekannten Bezugspunkte zur Orientierung fehlen.
Irgendwie erinnert mich unser momentaner Lebensalltag an diese Situation. Da kann man vieles noch so sorgfältig und umsichtig vorausdenken - und plötzlich versinkt alles im Nebel dieser Epidemie. Nichts scheint mehr sicher, alle Planungen werden von einem Tag zum anderen ganz plötzlich zur Makulatur. Fahren auf Sicht ist angesagt - und diese Sichtweite scheint fast stündlich abzunehmen.
Ist es noch weit? Bis Weihnachten? Bis die Infektionszahlen wieder sinken? Bis die Impfung endlich starten kann? Bis ich eine Chance habe, den Impfstoff zu bekommen? Bis die Krankenhäuser und Pflegeheime wieder normal arbeiten können? Bis man nicht mehr bei jedem Niesen unwillkürlich zusammenzuckt? Bis wir wieder Freunde treffen können, ohne zu überlegen, wie viele Hausstände da zusammenkommen?
Ich könnte diese Frageliste sicher noch weiterschreiben. Aber ich merke schon so: Ja, es ist wirklich lange her, dass ich selbst derart sehnsüchtig auf Dinge gewartet habe. Und oft genug fühle ich mich momentan wie unser Jüngster, wenn der Geduldsfaden kräftig gespannt ist: randvoll mit Wünschen, ungeduldig bis zum Platzen: Ist es noch weit? Wann ist es soweit?
Bald, ganz bald ist es so weit, sagt eine leise Stimme in mir. Schau nur, da vorne: Siehst du die Freude in den Augen? Da wird Licht sein am Ende des Weges. Und Gott ist an deiner Seite, der deine Ungeduld sieht, deine Sorgen kennt und deine Schritte lenken will. Ein Adventslied meiner Kindertage singt es so: „Ist es noch weit nach Bethlehem? Nein, nein, sehr nah! Kann ich im Dunkeln weitergeh‘n? Ja, bald bist du da!“
Sei du uns Halt, Gott,
Orientierung,
Weg zum Leben.
Sei uns Zuflucht,
den Klagen geöffnetes Ohr,
Nähe im Dunkel.
Sei du uns Zuversicht,
Hoffnung genug für den Tag heute
und für den weiten Horizont.

Download als PDF-Datei

  Mit Liebe

Mit Liebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.12.2020

Kennen Sie dieses unangenehme Gefühl, wenn Sie mit jemandem zu tun haben, der nicht so richtig bei der Sache ist? Jemand, der Ihnen ganz offenbar nicht wirklich zuhört, sich mit anderen Leuten oder anderen Dingen beschäftigt, obwohl Sie gerade seine ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hätten? Mich ärgert so etwas immer sehr, weil diese Form des „Nicht-bei-der-Sache-Seins“ unterschwellig auf Gleichgültigkeit und mangelnde Wertschätzung ausdrücken kann und das mag ich nicht.
Gott kennt das im Übrigen auch. Über dem heutigen Tag heißt es: „Dies Volk naht mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.“ Der Prophet Jesaja verkündet diese Worte und sie beschreiben auch eine Form des „Nicht-bei-der-Sache-Seins“. Gott moniert, dass es nicht reicht, nur in frommen Hülsen über ihn zu reden und sich in leeren Worten zu ihm zu bekennen. Es kommt darauf an, dass wir mit unseren Herzen bei Gott sind.
Wenn das fehlt, dann sind unsere Bekenntnisse und unsere Gebete nur Schall und Rauch, oder wie Paulus es sagt: „Dann sind wir ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Nur, was wir mit dem Herzen tun, ist etwas, bei dem wir mit allen Sinnen und Kräften sind, weil wir es dann mit Liebe tun.
Weihnachten ist das Fest der Liebe. Ja, Sie haben recht, wenn Sie denken, dass dieses Satz mehr als abgedroschen klingt. Aber er ist dennoch richtig. Es kommt nur darauf an, wie man ihn versteht. „Weihnachten ist das Fest der Liebe“ wurde und wird gern dazu verwendet, um uns dazu zu motivieren, unsere Liebe zu anderen Menschen in möglichst teuren Geschenken auszudrücken. Das ist natürlich völliger Blödsinn und von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Denn es gibt keinen Maßstab für Liebe und Geld ist es nun schon gleich gar nicht.
Dennoch kann man sich dem Fest nicht nähern, ohne die Liebe mit einzubeziehen und zwar die Liebe Gottes zu uns Menschen. Er schenkt sich uns in Jesus Christus, macht sich klein und verletzlich und kommt in unser Leben. Und er bleibt uns treu bis zu seinem eigenen Kreuzestod und darüber hinaus. Das ist Gottes Liebesbeweis und den feiern wir.
Vieles von dem, was wir sonst in diesen Tagen und Wochen getan und erlebt hätten, findet in diesem Jahr nicht statt. Was bleibt, ist der Kern von Weihnachten, das, worum es wirklich geht, das, bei dem wir, wenn es uns ernst ist, mit Herz und Sinnen bei der Sache sind. Ich bin sehr gespannt, mit welchen Gefühlen wir im Nachhinein dieses Weihnachten 2020 verbinden werden. Gott allerdings wird uns in jedem Fall durch die Festtage begleiten – spürbar, erlebbar und liebevoll. Soviel ist sicher. Amen.

Download als PDF-Datei

  Wen wundert’s?

Wen wundert’s?

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.12.2020

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich. Dieses geflügelte Wort ist oftmals zu hören, wenn etwas passiert, mit dem wir nicht gerechnet haben. Dann wundern wir uns, weil unsere Erwartungshaltung eine andere war, weil wir ein anderes Ziel verfolgt haben, weil es so, wie es gekommen ist, nun gerade nicht kommen sollte. Wir wundern uns.
Sich wundern kommt von Wunder. Aber was ist das eigentlich? „Ein außergewöhnliches, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen oder Ereignis, das Staunen erregt.“ So beschreibt es der Duden und so kann ich es auch gut annehmen.
Wenn alles in geordneten Bahnen, nach von uns akzeptierten Regeln und in transparenten Prozessen abläuft, fühlen wir uns sicher. Zwar gibt es dann wenig spannende Überraschungen, aber eben auch keine bösen. Unsere Lust auf Außergewöhnliches und Unvorhersehbares ist je nach Typ zwar sehr unterschiedlich, dennoch empfinden alle Menschen in einer akzeptierten Ordnung das Gefühl von Geborgenheit – auch, wenn es für den einen oder anderen schnell langweilig wird.
Begegnen wir einem Wunder, ändert sich das schlagartig. Wir sind irritiert, erstaunt, verunsichert, je nach Bedeutung, Größe und Auswirkung des Wunders. Gern verbinden wir übrigens den Begriff mit positiven Effekten: Wie durch ein Wunder ist er wieder gesundgeworden! Ihm ist auf wunderbare Weise nicht schlimmes passiert! Das ist ja ein echtes Wunder, dass diese Geschichte gut ausgegangen ist. Und damit man in der katholischen Kirche zum Heiligen wird, muss man Wunder vollbracht haben – und ganz sicher keine schlechten.
Wie ist denn so Ihre Haltung zu diesem Thema? Glauben Sie an Wunder und mögen Sie sie vielleicht sogar? Ich hoffe, dass das so ist, denn ansonsten kriegen Sie in den kommenden Tagen ganz sicher ein Problem, denn Weihnachten steht vor der Tür und da kommt man am Wundern nicht vorbei:
Lukas berichtet von Menschen, die sich über die Hirtenrede wunderten, Maria und Joseph wundern sich über das, was Simeon ihnen sagt und „dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt“, heißt es in einem bekannten Adventslied.
Ja, wir dürfen uns wundern über das, was wir an Weihnachten feiern. Gott wird Mensch, er erniedrigt sich selbst, wie es im Hebräerbrief heißt, wir einer von uns und lässt sich auf alles ein und alles über sich ergehen, was menschliches Leben ausmacht. Da kann man sich tatsächlich nur drüber wundern.
Und wir dürfen dankbar sein für dieses größte Weihnachtsgeschenk, was uns Menschen jemals zuteilwurde oder wie es der Engel sagte: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk wiederfahren wird.“ Ist das nicht wirklich wunderbar? Amen.

Download als PDF-Datei

  Verlorenes Zeitgefühl

Verlorenes Zeitgefühl

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.12.2020

Das ist dieses Jahr wahrlich auch anders: normalerweise weiß ich im Advent sehr genau, welcher Tag ist – sowohl der Zahl nach als auch mit Blick auf die Wochentage. Normalerweise halte ich mich auch strikt ans Kirchenjahr: erst ist Advent und dann Weihnachten und dann Jahreswechsel.
2020 verschwimmt das. Das weihnachtliche „Fürchtet euch nicht“ klingt schon genauso durch die Texte wie die himmlischen Heerscharen, die in diesem Jahr an unserer Stelle singen. Die Suche nach dem Raum in der Herberge ist schon die ganze Zeit präsent, weil man grade jetzt so froh ist ein Zuhause zu haben. Und nun ist auch noch der Neujahrsgruß an die Jugendlichen vor der Zeit rausgegangen. Kein Wunder, dass ich gedanklich schon bei einem Lied bin, das theoretisch noch zehn Tage Zeit hat:
„Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.“
Als Jochen Klepper diese Zeilen schrieb, war es in Deutschland stockfinster. Der Krieg lag in der Luft. Deutschland hatte Anstand und Würde verloren.
Viele Menschen sahen sich ihrer Existenz beraubt. Vor ihren Augen zerrann buchstäblich, was Leben in dieser Welt ausmacht.
Das, was selbstverständlich, normal oder erwartbar gewesen wäre, versank und wurde so unbrauchbar wie zerschlissene Kleider. Im besten Falle. Es tat dringend not, sich irgendwie daran festzuhalten, dass das nicht alles ist.
„Sei Du selbst der Vollender.“
Das ist eine Bitte für diese und jene Welt: Nach menschlichem Ermessen mag man sich nicht ausmalen, wie das alles ausgeht – aber wenn wir darauf vertrauen, dass Gott der Vollender ist, dann wird es wieder hell werden - auch hier. Und dort, in seinem Frieden, sowieso.
Ob Jochen Klepper damals schon ahnte, dass er selbst im Advent 1942 aufgeben würde zu hoffen…? Uns hat er jedenfalls ein zutiefst ehrliches und bestärkendes Lied hinterlassen, das eine Glaubenshoffnung formuliert, in die wir uns auch bergen können:
„Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.“

Download als PDF-Datei

  „Markt und Straßen stehn verlassen…“

„Markt und Straßen stehn verlassen…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.12.2020

„Markt und Straßen stehn verlassen, / Still erleuchtet jedes Haus, / Sinnend geh ich durch die Gassen“ alles sieht so anders aus. So habe ich den Anfang dieses Eichendorff-Gedichtes im Kopf. Das es falsch ist, dass es nicht „anders“ aussieht, sondern „festlich“, habe ich nicht gleich bemerkt.
Denn erstmal staunt man ja, dass das alte Weihnachtsgedicht nun so verblüffend aktuell daher kommt.
In der Tat: Markt und Straßen stehen verlassen. Besser kann man es nicht sagen. Die Innenstadtplätze sind ja normalerweise nicht leer wie die Stadtansichten des surrealistischen Malers Giorgio de Chirico sondern durchaus höchst belebt. Aber selbst wenn: an sich sind leere Straßen und Plätze nichts Schlimmes. Es könnte ja auch Fussball laufen oder eine königliche Hochzeit übertragen werden und zu Weihnachten kommt ja wirklich aus vielen Fenstern ganz besonders schönes Licht. Warum nicht spazieren gehen und sich von der Atmosphäre verzaubern lassen.
Aber dann hakelt es …
Jetzt sind Markt und Strasse wider Willen verlassen und wer weiß, ob alle, die gern zurückkehren würden es auch können werden.
Die Leere in den Straßen ist Ausdruck dessen, dass Menschen sich zurückziehen, , sich schützen und verkriechen, dicht machen. Und dann sieht es wahrlich anders aus als wir das kennen und lieben.
Dabei kann in Eichendorffs Gedicht keine Rede von verstörend anderen Eindrücken sein. Das dichtet er ja auch nicht. Es heißt: Alles sieht so „festlich“ aus.
Das sollten wir in all dem nicht vergessen.
Auch wenn wir vermutlich Zeitzeugen einer globalen Krise werden, die viele Früchte der letzten Jahre fressen wird; auch wenn wir vermutlich durch eine Zeit gehen, in der sich Grundstürzendes verändert, so sitzen wir doch nicht wie unsere Eltern oder Großeltern zitternd vor Angst im Keller oder Bunker, weil Menschen einander zerstören und vernichten, demütigen und kleinkriegen wollen. Im Gegenteil:
Wir haben es in allem doch ziemlich gut.
Wir bleiben nicht ohne Nachricht von denen, die wir lieben. Technik macht Hören und Sehen möglich. Wir bleiben nicht ohne Nahrung und Heizung, ohne Ärzte und Medikamente. Wir müssen nicht zusehen, wie unsere Kinder und Eltern verhungern und erfrieren. Wir müssen nicht die Verdunklung runterlassen, sondern können einander Kerzen ins Fenster stellen – denn wie heißt es gleich in Paul Gerhardts schönem Adventslied: „O Jesu, Jesu setze, mir selbst die Fackel bei!“ Und dann lasst leuchten!

Download als PDF-Datei

  Nur eine Nebenrolle?

Nur eine Nebenrolle?

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.12.2020

Wir nähern uns mit großen Schritten dem Weihnachtsfest – morgen ein einer Woche ist Heiliger Abend. Und wir werden trotz allem, was sich gerade in dieser Welt ereignet, die alte Geschichte aus dem Lukasevangelium hören. „Und es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“, so beginnt sie uns sie ist vielen von uns geläufig.
Es gibt viele bekannte Namen, die in der Weihnachtsgeschichte vorkommen: Jesus natürlich und Maria, die drei Weisen aus dem Morgenland, der König Herodes, um nur einige zu nennen. Und da ist auch Joseph, Marias Verlobter.
Die Bibel berichtet wenig über ihn. Bauhandwerker soll er gewesen sein. Die Informationen über Josephs Vater sind widersprüchlich und was sein Leben sonst so ausmachte, ist wenig bekannt. Und wenn wir an die Krippenspiele denken, dann ist der Joseph meist eine Nebenrolle, die manchmal noch nicht einmal einen eigenen Text zu sprechen hat.
Ich finde, dass wir ihm damit nicht gerecht werden, denn ohne Joseph wäre die Weihnachtsgeschichte und all das, was sich anschließt, nicht denkbar. Joseph ist mit Maria verlobt und Maria wird schwanger, allerdings nicht von ihm. Normalerweise hätte das das sofortige Ende der Beziehung bedeutet. Joseph hätte sich von seiner Verlobten getrennt und diese, Maria also, wäre in größte Schwierigkeiten geraten, sich mit ihrer unehelichen Schwangerschaft weiter durchs Leben zu schlagen. Doch Joseph verlässt sie nicht, er hält zu ihr und heiratet sie sogar. Das hat ihm mit Sicherheit unangenehme Fragen, schräge Blicke und massives Unverständnis seiner Mitmenschen eingebracht. Wie konnte er nur? Da setzt seine Verlobte ihn ganz offensichtlich Hörner auf und er hält weiterhin zu ihr. Das war nach den damaligen Wertvorstellungen ein absolutes Unding. Doch trotz alledem bleibt Joseph bei ihr, kümmert sich um seine hochschwangere Frau auf dem Weg nach Bethlehem und wird Jesus ein treusorgender Vater.
Ist das nicht weitaus mehr als Stoff für nur eine Nebenrolle? In vielen, ja fast allen Lebensbereichen ist es so, dass es die Stars im Rampenlicht gibt, die Macher, die großen und strahlenden Helden und Richtungsweiser. Doch kaum einer von ihnen könnte da vorne oder da oben ganz allein etwas ausrichten. Überall gibt es diese vermeintlichen Nebenrollen, ohne die es nicht geht. Der Top-Chirurg ist ohne die namenlose OP-Schwester aufgeschmissen, der Star-Sänger kann ohne den namenlose LKW-Fahrer seine Tournee vergessen, der Regierungschef wird ohne seine namenlosen Zuarbeiter wenig bewegen. Unsere Welt funktioniert nicht nur der Häuptlinge wegen, mindestens genauso wichtig sind die Indianer.
Heute ist der Gedenktag des Heiligen Joseph von Nazareth. Und ich finde es einen passenden Anlass, auch an alle anderen „Nebenrollenspieler“ dieser Welt zu erinnern, ohne die es einfach nicht geht. Amen.

Download als PDF-Datei

  Ein bisschen Himmel geht immer!

Ein bisschen Himmel geht immer!

Henning Böger, Pfarrer - 15.12.2020

Mutter und Tochter gehen vor mir durch die Fußgängerzone am Damm. Die Große hält die Kleine fest an der Hand und hat es erkennbar eilig. Ihre Tochter aber schlendert und trödelt, wie nur Kinder schlendern und trödeln können: mit tiefster Seelenruhe inmitten größter Eile. Auf einmal bleibt das Kind stehen. Und es beginnt auf dem Straßenpflaster zu hüpfen: drei Platten auf einem Bein, dann zwei mit beiden, dann wieder auf einem: Himmel und Hölle, ein Hüpfspiel, das wir als Kinder auch gespielt haben. Komm jetzt, sagt die Mutter und will schnell weiter. Aber das Kind spielt und hüpft und sagt: Warte, Mama, nur noch einmal kurz in den Himmel! Da bleibt die Mutter bleibt stehen und dann lacht sie: Du hast ja recht! Und irgendwie klingt es erleichtert.
Da ist sie: die Unterbrechung im Alltagsgalopp! Ein kurzer Moment nur, aber eben ein Moment, indem das, was muss, warten muss, weil jetzt nur der Himmel wichtig ist, den man ganz leichtfüßig erreichen kann.
Warte, nur noch einmal kurz in den Himmel! Das ist ein kindlicher und zugleich adventlicher Satz. Ich höre ihn so: Es muss jetzt einfach auch Hoffnung geben! Mitten in diesen strengen Tagen, in denen viele so erschöpft sind, sich wie gelähmt und ohnmächtig fühlen ob der Unsicherheit, was da denn noch alles werden und kommen wird. Auch wenn alles festlich glänzt und leuchtet, so leben wir in diesem Advent doch weiter ganz nah am Schrecken dieser Welt.
Und viele haben für sich längst verstanden, dass all das, was wir in diesem Jahr erleben, kein Augen zu und durch-Moment ist, sondern weiterhin Geduld und Achtsamkeit brauchen wird. Und Hoffnung! Vor allem Hoffnung!
Denn Hoffen heißt, nicht nur auf das zu sehen, was uns fehlt oder was nicht erlaubt ist. Und Hoffnung heißt, sich zu kümmern und zu sorgen. Das einzusetzen und zu pflegen, was wir können, was uns und andere froher und gelassener macht. Ein bisschen Himmel geht immer!
Beim Apostel Paulus lese ich im Römerbrief Gedanken, die ganz ähnlich klingen: Hoffnung wird dort genährt, wo wir uns nicht nur ausgeliefert fühlen, sondern uns zu bewähren wissen mit unseren kleinen Glaubeskräften. Hoffnung lässt nicht zuschanden werden, schreibt Paulus. Wir sind viel stärker, als wir oft befürchten, weil wir dort, wo uns die Zeit hart zusetzt, nicht alles von uns selbst erwarten müssen!
Der Advent ist und bliebt eine große Erwartungszeit. In diesem Jahr unter Corona vielleicht mehr denn je. Mitten im Trubel, in der zehrenden Geschäftigkeit, in den großen und kleinen Sorgen soll Hoffnung sein, die uns nicht zuschanden werden lässt. Weil einer sich aufmacht, Wege aus Licht ins Dunkle bahnt; weil einer die Welt nicht verloren gibt.
Amen.

Download als PDF-Datei

  Lockdown

Lockdown

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.12.2020

Nun kommt doch wieder, der harte Lockdown, so, wie schon einmal im Frühjahr. Geschäfte, Restaurants, Kinos, Theater, Hotels, Freizeiteinrichtungen und Sportstätten bleiben oder werden geschlossen, weil die Zahlen weiter steigen und all unsere Bemühungen, dem Virus mit diversen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu begegnen, nicht ausgereicht haben. Wir sind zehn Tage vor dem Heiligen Abend und normalerweise wäre in diesen zehn Tagen kein Durchkommen in unseren Innenstädten. Die Parkhäuser wären dauerhaft voll, die Kaufhäuser gleichermaßen, für viele Unternehmen wäre es die Zeit, in der sie den Hauptanteil ihrer Umsätze machen. Doch nun wird es erneut leer und still werden vielerorts.
Ja, rein verstandesgemäß betrachtet ist es nachvollziehbar, dass all das nötig ist, um so auf die Pandemie zu reagieren. Die Intensivstationen unserer Krankenhäuser kommen immer näher an ihre Leistungsgrenzen und die Zahl der Todesopfer steigt. Um einer weiteren Ausbreitung des Virus zu begegnen, müssen wir vieles zum Stillstand kommen lassen. Um Menschenleben zu schützen und zu retten, gibt es keinen anderen Weg.
Und doch beängstigt mich die Situation. Ich erinnere mich an Ostern, an die unwirklich leere Fußgängerzone, die verwaisten Straßen und Plätze unserer Stadt und ich erinnere mich auch und besonders schmerzlich an die Osternacht, in der ich zu Hause auf dem Sofa saß, seit vielen Jahren zum ersten Mal und keine Ruhe finden konnte, weil etwas fehlte. Kein Gottesdienst, kein jubelndes Halleluja mit dem ersten Sonnenstrahl des Ostermorgens.
Nun sind wir mitten im Advent und Weihnachten steht vor der Tür und wir wissen noch nicht, wie es werden wird. In den vergangenen Jahren wurden wir in unseren Kirchen nicht müde, immer wieder zu mahnen, doch das Licht an der Krippe nicht aus dem Blick zu verlieren vor lauter Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die weihnachtliche Botschaft und der Sinn des Advent drohten übertönt zu werden von Kommerz, Geschäftigkeit und sonstigen lauten Nebengeräuschen.
In diesem Jahr dürfen wir nicht müde werden, den Trost und die Hoffnung zu erkennen, die uns vom Licht des Advent und bald auch vom Licht an der Krippe entgegenleuchten. Ja, wir brauchen Geduld und Zuversicht, um durch diese Zeiten zu kommen. Bei Jesaja lesen wir: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Dieses Wort enthält beides. Wir brauchen Geduld, weil sich die Erlösung naht. Sie ist noch nicht hier, aber sie ist auf den Weg gebracht. Doch wir dürfen ihr bereits jetzt entgegensehen und unsere Häupter erheben, um herauszublicken aus den Tälern unserer Angst und unserer Trauer, aus den Schluchten unserer Einsamkeit und unserer Verzweiflung, aus den Gruben unserer Verunsicherung und unserer Fragen.
Wir feiern an Weihnachten Gottes ausgebreitete Arme, wir feiern Gottes Sohn, der mitten hineingekommen ist in unser aller Leben. Und es wird Weihnachten werden, auch in diesem Jahr. Und wir werden sie hören, die Worte des Engels: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige Euch große Freude!“ Trotz allem. Amen.

Download als PDF-Datei

  Wie soll ich dich empfangen?

Wie soll ich dich empfangen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.12.2020

Wie soll ich dich empfangen? Mit dieser Frage beginnt eines der für mich schönsten Adventslieder. Paul Gerhardt hat es geschrieben und ich finde es gerade in diesem Jahr besonders aktuell. Denn die Frage stellt sich ja tatsächlich ganz akut. Wie wollen, wie sollen, wir können wir in 2020 auf Weihnachten zugehen? Die Rahmenbedingungen sind für alle vollkommen neu – niemand hat Erfahrungen mit einer solch besonderen Zeit.
Auch Paul Gerhardt lebte in Zeiten, die die Menschen vor nie gekannte Herausforderungen stellte, die allerdings bei weitem dramatischer und furchtbarer waren, als das, was wir heute erleben. Der Dreißigjährige Krieg überzog Mitteleuropa mit Elend, Gewalt und Tod. Und Paul Gerhardt selbst verlor früh seine Frau und musste drei seiner eigenen Kinder begraben. Ein Leben also, das voller Schicksalsschläge war. Und so geprägt stellt Gerhardt im Lied eben diese Frage: Wie soll ich dich empfangen?
Und er schließt eine Bitte an: O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei. Wir schauen ja gern mal darauf, was uns guttut, wie wir Erbauung, Trost und positive Energie aus der Adventszeit ziehen können. Und das ist ja auch in Ordnung so. Ich bin sicher, dass es in Gottes Sinne ist, wenn es uns Menschen gut geht, wenn wir auf uns selbst und unsere Mitmenschen achten und uns die Zeit auf dieser Erde in Wertschätzung zueinander so angenehm wie möglich machen.
Doch Gerhardt ist hier anders unterwegs. Er schaut nicht auf das, was ihm weiterhilft. Er bittet Jesus, zu erklären, worauf es ihm ankommt – damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei. Paul Gerhardt geht es um die Erwartungshaltung, die Jesus an uns stellt. Was würde er uns wohl raten?
Nehmt Euch Zeit, über Euch und Euer Leben nachzudenken. Gebt aufeinander Acht. Seht, wo Hilfe gebraucht wird und helft. Vergesst die Einsamen nicht, die Ausgegrenzten, die Hungernden, die Hoffnungslosen. Und liebt euren Nächsten so wir euch selbst. Ich könnte mir vorstellen, dass es solche Antworten wären, die er uns gäbe. All das ist auch in diesen Zeiten durchaus machbar, und es ist, wie ich finde, nötiger als in kaum einem anderen Advent zuvor.
Ein Aspekt darf jedoch bei allem Schweren nicht außer Acht bleiben. Der Advent ist eine Zeit der Hoffnung. Wir warten auf unseren großen Freund und Bruder, den Gott mitten hinein in unseren Leben gesandt hat und der es gut meint mit uns. Wir dürfen uns zuversichtlich ausrichten und aufrichten am Licht, das uns durch den Advent begleitet und das immer heller wird, je näher Weihnachten kommt. Paul Gerhardt beschreibt es so:
Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht, wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht. Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst. Amen.

Download als PDF-Datei

  UNICEF-Tag

UNICEF-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.12.2020

Heute ist UNICEF-Tag. Die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen wurde am 11. Dezember 1946 gegründet, heute vor 74 Jahren. Der ursprüngliche Zweck war, den Kindern in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu helfen. Heute unterstützt UNICEF Projekte in 190 Ländern der Erde. Außerdem betreibt die Organisation politisches Lobbying, so zum Beispiel gegen den Einsatz von Kindersoldaten und für den besonderen Schutz von Flüchtlingskindern.
Es sagt sich immer so schön dahin, dass Kinder unsere Zukunft sind. Aber es ist ja tatsächlich so, dass die Geschichte der Menschheit immer auch die Geschichte eines permanenten Weitergebens des Staffelstabes ist. Jedes Lebensalter ist mit einer bestimmten Aufgabe und Rolle verbunden. Und wenn wir in eine neue Lebensphase eintreten, dann machen wir oftmals eben auch Platz für Jüngere. So ist der Lauf der Dinge, und das ist auch gut so.
Dafür ist es aber erforderlich, dass die, die uns nachfolgen, sei es im Beruf, im Verein, im Kirchenvorstand oder auch in der Familie, eine faire Chance hatten, sich auf die neue Rolle vorzubereiten beziehungsweise vorbereitet zu werden. Dazu gehört, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen können, in dem sie Liebe und Wertschätzung erfahren. Dazu gehört, dass sie die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Dazu gehört, dass sie dann später selbst eine Familie gründen können für deren Mitglieder es ausreichend Lebensmittel und Lebenschancen geben muss.
In vielen Ländern dieser Erde sind die Rahmenbedingungen dazu einigermaßen gut – dazu gehört auch Deutschland. Doch auch hier bei uns müssen wir darauf achten, dass unser Bildungssystem zukunftsfähig bleibt, dass wir die Kinderarmut, die auch in unserem Land weiter steigt, zurückdrängen können und dass wir die Kinder, die aus anderen Kulturkreisen stammen, gut in unsere Gesellschaft integrieren. Projekte, die solches als Ziel haben, werden auch in Deutschland von UNICEF unterstützt.
Dass, verglichen mit unserem Land, die Not auch und gerade von Kindern in vielen Regionen dieser Welt weitaus größer und dramatischer ist, muss ich Ihnen nicht sagen. Und dass das Geld der Hilfsorganisationen insbesondere auch durch Corona deutlich knapper wird, ist ebenfalls hinlänglich bekannt. Normalerweise wäre auf unserem Weihnachtsmarkt ein Stand von UNICEF, an dem Geld für die gute Sache eingenommen würde – in diesem Jahr nicht.
Die Arbeit zur Förderung und zum Schutz von Kindern ist segensreich, denn sie haben sonst kaum eine Lobby, die für sie eintritt und sie gehören nun einmal zu den Schwächsten und Hilfsbedürftigsten. Und ihre kleinen Seelen sind so verletzlich. „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen gehört das Himmelreich“, sagt Jesus Christus. Der UNICEF-Tag ist eine gute Gelegenheit, um an unsere gemeinsame Verantwortung zu erinnern. Amen.

Download als PDF-Datei

  Tag der Menschenrechte

Tag der Menschenrechte

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.12.2020

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Verabschiedung war eine unmittelbare Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges. Hier hatte die bewusste Missachtung von Menschenrechten zu entsetzlichen Akten der Barbarei und des Völkermordes geführt.
In Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Eigentlich braucht man nur diesen Satz. Denn aus ihm ist alles ableitbar, was wir Menschen beachten müssen, damit wir gut miteinander auskommen und friedlich und fair zusammenleben können.
Bedauerlicherweise ist die Erklärung der Menschenrechte erstens selbst für die Unterzeichnerstaaten rechtlich nicht bindend und zweitens, dazu genügt ein Blick in die Tageszeitung, werden Menschenrechte auch oft genug missachtet, um nicht zu sagen, mit Füßen getreten.
Religiös oder auch politisch motivierter Terror, Unterdrückung von Menschen um ihres Glaubens willen, Benachteiligung von Frauen, Ächtung von Homosexualität, Inhaftierung politisch anders Denkender – all das sind Beispiele, wo Menschenrechte zu wenig Beachtung finden.
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Dieser Satz könnte übrigens auch der Bibel entnommen sein, denn er beschreibt ein sehr christliches Menschenbild. Wir verdanken unser Leben und alles wir sind, einzig und allein Gottes Gnade. Und wir wissen, dass ihm all diese Kriterien, nach denen Menschen andere Menschen in wertvoll und weniger wertvoll einteilen, herzlich egal sind. Für Gott ist jeder Mensch von unermesslichem Wert und das eben vollkommen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Abstammung, Reichtum.
Ja, es gibt massive Unterschiede in den Lebenschancen, die Menschen haben. Ein Kind, das in einer Hungerregion Afrikas geboren wird, hat es so ungleich schwerer, ein gutes Leben zu führen, als jemand, der beispielsweise bei uns in Deutschland zur Welt kommt. Doch ich denke, dass Gott es uns Menschen zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass diese Unterschiede ausgeglichen werden. Wir können und sollen uns dafür einsetzen, dass Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Welt gerechter verteilt werden. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Diese Worte sind sozusagen die säkulare Übersetzung.
Und wenn Jesus Christus sagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr auch mir getan, dann sollte uns Christinnen und Christen diese Botschaft ausreichend Klarheit verschaffen. Der Tag der Menschenrechte ist ein gutes Datum, um uns das ins Gedächtnis zu rufen. Amen.

Download als PDF-Datei

  Geschenke

Geschenke

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2020

Weihnachtsgeschenke – alle Jahre wieder ein großes Thema. Haben Sie schon alles zusammen, was Sie Ihren Lieben schenken wollen? Und falls dem noch nicht so sein sollte – es sind ja noch gut zwei Wochen Zeit – wissen Sie denn wenigstens schon, was es werden soll? Schenken ist gar nicht so einfach und es lauern echte Stolperfallen, auf die man achten sollte! Wie persönlich darf es sein? Trifft es den Geschmack des Beschenkten? Ist die Größe richtig? Und bringt es ausreichend Wertschätzung zum Ausdruck?
Die letzte Frage ist die kritischste, wie ich finde. Nicht selten wird versucht, aus Geschenken abzuleiten, wie wichtig und wie wertvoll der Beschenkte dem Schenkenden ist. Da geht es dann oft um einen Wert in Euro und Cent, den ein Geschenk hat. Und wehe der liegt dann unter den Erwartungen. Dann gibt es schnell lange Gesichter unterm Weihnachtsbaum.
Besonders herausfordernd kann es werden, wenn Geschenke gegeneinander abgewogen werden. „Da gebe ich 50,00 Euro für einen Restaurantgutschein aus und bekomme eine Flasche Rotwein von Aldi, von dem ich immer so Sodbrennen kriege!“ Und schon ist es Essig mit der weihnachtlich-harmonischen Stimmung am Heiligen Abend.
Das Problem bei alledem ist der menschliche Hang zum Bewerten. Wir messen, wiegen, schätzen, suchen gern für alles Mögliche und Unmögliche objektive Kriterien. Das ist in vielen Lebensbereichen auch richtig und wichtig, in anderen führt es aber unweigerlich in die Sackgasse. Und zu letztgenannten Lebensbereichen gehört auch das Schenken.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Rom. Ja, wir sagen oft, dass Jesus ein Gottesgeschenk ist. Doch wenn wir die Größe und Bedeutung dieses Geschenkes tatsächlich ermessen wollen, reicht nicht der Blick auf Weihnachten. Wir müssen weiterschauen zum Karfreitag und zum Licht des Ostermorgens.
Es hatte sich so manches an Trennendem angesammelt zwischen Gott und uns Menschen. Das aus dem Weg zu räumen, hat Gott nicht etwa uns überlassen, die wir es auch angerichtet haben. Nein, es war ihm so wichtig, dass er in Jesus eine neue, stabile und ewige Verbindung zu uns aufgebaut hat, die uns trägt – sogar über den Tod hinaus. Jesus war das letzte Opfer, das nötig war, um Gott und uns Menschen zu verbinden. Und dieses Opfer hat er selbst erbracht durch seinen Tod am Kreuz – für uns. Ich finde, man kann Weihnachten kaum feiern, ohne auch auf Ostern zu schauen. Erst dann wird das Bild rund.
Und wenn wir uns in nächsten Wochen mit Schenken und Beschenken befassen: Lassen Sie uns nicht aus dem Blick verlieren, worum es wirklich geht: nicht um Euro und Cent, sondern um Freude, Wertschätzung und Zeichen der Liebe. Und all das ist in Geld nicht zu messen – Gott sein Dank! Amen.

Download als PDF-Datei

  EIN KNIEFALL, DER GESCHICHTE SCHRIEB

EIN KNIEFALL, DER GESCHICHTE SCHRIEB

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.12.2020

Heute vor 50 Jahren kniete der damalige Bundeskanzler Willy Brandt am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Das Bild dieser Geste der Demut, der Ehrfurcht und der Bitte um Vergebung ging um die ganze Welt. Die Reaktionen waren, insbesondere in Deutschland, durchaus ambivalent. Brandt habe sich gegenüber Polen zu klein gemacht, hieß es unter anderem. In Meinungsumfragen hielt eine knappe Mehrheit der Befragten den Kniefall für übertrieben. Heute wird die Geste überwiegend als wesentlicher Meilenstein zur Verbesserung der Ost-West-Beziehungen gesehen. Willi Brandt bekam 1971 für seine Ostpolitik den Friedensnobelpreis.
Da kniete in Warschau ein Mensch, der selbst unter der Nazi-Diktatur gelitten hatte, verfolgt wurde, aktiv im Widerstand war. Da kniete also einer, der ganz sicher nicht für seine eigene Schuld um Vergebung bat, sondern für fremde Schuld. Da hat einer für die Gräueltaten anderer Verantwortung übernommen. War das selbstverständlich, weil er eben Kanzler war und es zu seinen Aufgaben gehörte? Ich denke nicht.
Brandts Geste macht etwas Wesentliches deutlich, wie ich finde: Obwohl Willy Brandt selbst ein Opfer der Nazidiktatur war, konnte er stellvertretend für seine eigenen Peiniger um Vergebung bitten. Er hat damit eine Grenze durchbrochen und hierbei vielleicht sogar ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte überwunden.
Vergebung braucht Mut. Ich denke, dass kennen wir alle. Wenn wir einem unserer Mitmenschen bewusst oder unbewusst geschadet, wenn wir ihn verletzt haben oder ihm in sonst einer Weise etwas schuldig geblieben sind, erfordert das Bitten um Entschuldigung einen ersten Schritt, der von uns ausgehen muss. Wir müssen um Verzeihung bitten und das kann mitunter eine große Herausforderung sein. Da heißt es dann über den eigenen Schatten zu springen und sich der Gefahr preiszugeben, dass der Gegenüber gar nicht bereit dazu ist, sich mit uns wieder zu vertragen.
Um Verzeihung zu bitten, heiß, sich angreifbar und verletzbar zu machen, denn wer um Verzeihung bittet, der führt nicht mehr, der begibt sich ganz in die Hand dessen, den er um Verzeihung gebeten hat und der nun entscheiden kann, ob er vergeben will oder nicht.
Doch schlussendlich bedarf es dieser mutigen Schritte, wenn wir uns untereinander aussöhnen wollen, wenn der Frieden eine Chance bekommen und alte Gräben zugeschüttet werden sollen. In den vergangenen 50 Jahren seit Willy Brandts Kniefall ist vieles passiert, dass alte Teilungen aufgehoben hat, auch in unserem Land. Doch es sind auch viele neue Mauern entstanden, die es zu überwinden gilt.
Paulus schreibt: „Seid vielmehr freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Hinter fremden Türen und Fenstern

Hinter fremden Türen und Fenstern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2020

Wenn ich dieser Tage Texte aus Andachtsbüchern oder Predigtmeditationen lese, kommt mir das immer wie aus einer völlig fernen Welt vor. Es klingt alles nach der Sehnsucht nach Stille und der Angst zwischen all dem Geglitzer und Geläut, dem Gebimmel und Gesumm nicht den Stern von Bethlehem zu übersehen und die Weihnachtsbotschaft zu überhören. Da ist dies Jahr keine Gefahr. Vielmehr stellt sich nun die Frage, wie es eigentlich geht ohne den Weihnachtskaufrausch, Weihnachtstheater, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsfilm, Weihnachtsmarkt…
Ich versuche mich zu erinnern. Wie war das eigentlich vor dem großen Weihnachtsgeschäft?
Im meiner Kindheit in Karl-Marx-Stadt am rande des Erzgebirges kam als erstes das große Stollenbacken. Tagelang wurden Mandeln geschlüpft und gehackt, Zitronat, Orangeat und Rosinen abgewogen. Irgendwann fuhr man dann mit dem Handwagen zum Bäcker, dort wurde der Teig geknetet und die großen Stollen geformt, die dann zuhause heiß auf dem Küchentisch lagen und mit Butter bestrichen und mit Puderzucker bestreut wurden, bis es eine dicke Kruste gab.
Es wurde viel zur Post gegangen und irgendwo angestanden.
An Weihnachtsmarkt kann ich mich irgendwie nicht erinnern – aber der Weihnachtsmann zog sehr spektakulär in die Stadt ein. Einmal sogar mit dem Hubschrauber…
In der Kirchengemeinde wurden Weihnachtsoratorium, Krippenspiel und Quempas einstudiert. Aber was mir vor allem fest im Kopf ist, sind die vielen Besuche bei alten und einsamen Menschen. Wir Christenlehrekinder bekamen aus dem Gemeindebüro Adressen und Geschenke und gingen dann zu zweit auf Besuchstour. Nicht sonderlich gern. Dier Straßen waren grau und schlecht beleuchtet und viele der Häuser waren in den späten 70ern in einem erbärmlichen Zustand. Es brauchte manchmal Mut, irgendwo zu klopfen oder zu klingeln. Außerdem zogen wir in kleinen Gruppen mit der Kurrende los, um unter fremden Fenstern zu singen.
Ich habe das nicht als fröhliche Wege in Erinnerung, eher als mühselige Pflicht. Aber es war eigentlich eine gute Sache. Schon als Kind ahnte man, dass es nicht hinter jedem Fenster warm und behaglich ist, dass Weihnachten sehr viel damit zu tun hat, dass man an andere Menschen denkt und auch, dass man viele Wege geht.
Über diesem 5. Dezember heißt es in der Tageslosung: „Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, dass es ihnen wohlgehe…“
Vielleicht sollen wir daran wieder anknüpfen und denen nachgehen, sie anrufen oder ihnen schreiben, die hinter ihren Fenstern einsam sind – damit sie von all dem hören, was die Hirten seit 2000 Jahren weitererzählen, wie denn zu ihnen gesagt war.


Download als PDF-Datei

  Halb blind...

Halb blind...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2020

In den Adventsliedern und –texten ist jede Menge vom Sehen die Rede:
„Seht die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde…“
„Wir sagen euch an den lieben Advent, sehet die erste, zweite Kerze brennt“
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“
„O seht in der Krippe im nächtlichen Stall...“
Es gibt so viel zu sehen aber wir – jedenfalls sehr, sehr viele unter uns – laufen derzeit ständig halb blind durch die Gegend, weil die Brillengläser über der Maske beschlagen sind. Wir können eigentlich nur ahnen, was wir in der Hand oder wen wir vor uns haben. Wir müssen geduldig sein und vertrauen – auf andere Sinne und andere Menschen.
Nach einer Weile wird es meistens besser und man sieht wieder ein bisschen deutlicher aber vermutlich nicht viel klarer als in den Jahren zuvor. Im Gegenteil, dieses ständige halb-Blindsein macht uns vielleicht überhaupt erst bewusst, was wir alles nur im Vorübergehen oder gar nicht wahrnehmen – weil wir so sehr mit dem beschäftigt sind, was angeblich zu Weihnachten sein muss.
Aber Weihnachten lebt von der alten Geschichte, dass Gott unser Leben mit uns teilen will, dass er selbst es ist, der unser Leben neu zentrieren will und dass in dem Kind in der Krippe seine Geschichte mit uns erzählt wird.
Nur deshalb feiern wir Weihnachten.
Ob ein oder zwei Kerzen am Adventsgesteck brennen, das kriegt man auch mit angelaufenen Gläsern noch mit – aber woran sehen wir, dass die gute Zeit nahe ist?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen und hat wenig mit unseren Menschenaugen zu tun – eher mit unseren Herzen. Die liegen dieses Jahr ein bisschen freier und sind leichter zu berühren und zu erschrecken – alles geht uns im Guten und im Schweren ein bisschen näher. Es muss von innen kommen, weil außen so wenig geht.
Was wir uns nicht zusingen können, müssen wir aus uns heraushorchen, was wir nicht mit schneller Umarmung ausdrücken können, müssen wir liebevoll platzieren – was heißt „müssen“. Wir müssen nich,t aber wir können und werden. Und zum Glück gibt es ja auch sowas: „Hört der Engel helle Lieder!“ – „Jauchzet frohllocket“ – „Ich steh an deiner Krippen hier…“
Geht alles. „Besinnlich sein“ heißt ja nicht: vor lauter Gemütlichkeit einschlafen, sondern: Zur Besinnung kommen.

Download als PDF-Datei

  Auf ein Kind warten...

Auf ein Kind warten...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2020

Advent – Zeit des Wartens.
Wer auf ein Kind wartet, der kennt die glücklich-unruhige Anspannung:
Wird es wirklich wahr?
Wird es gesund geboren werden?
Erst merkt man: ja, schwanger. Es ist eine merkwürdige Mischung von tiefen Gefühlen, eben je nachdem wo man gerade im Leben steht, und Biochemie.
Das Labor sagt „ja“ oder „nein“.
Man ist ganz und gar abhängig von diesem Befund und wagt sich meist gar nicht, davon zu erzählen. Wer weiß, ob es die ersten Wochen übersteht. Dann kommen die ersten Ultraschallbilder: ein schlagendes Herz und hoffentlich ein gutes Fleckchen, an dem sich der Embryo eingenistet hat. Jetzt kann man sich wagen, davon zu sprechen. Manche haben es schon vorher gesehen – am Leuchten von innen.
Nun beginnt das Horchen.
Bist du das mein Kind? Geht es Dir gut?
Nun beginnt das Planen und Vorbereiten. Das Kind braucht einen Namen und ein Bettchen. Noch spürt man nichts – oder war da doch schon was? Eine Bewegung unter dem Herzen?
Und irgendwann: ja, doch! Spürst du es auch? Nein, noch nicht. Nicht von außen. Aber dann: erst ganz sanft, dann immer kräftiger – ein Strampeln und Schieben, macht es Purzelbäume? Hörst du mich Kindchen? Weißt du, wie sehr wir auf dich warten?
Es ist ein Wunder, das nie normal wird und immer ein Wunder bleibt.
Das ist Advent. Ausgeliefertsein mit allen Fasern des Herzen an diese eine Ansage: ein Kind ist unterwegs. Noch sieht man es nicht, nur ein Leuchten, aber bald wird es unser Leben neu zentrieren, bald…

Download als PDF-Datei

  Zum Welt-AIDS-Tag: Leben ist ein Menschenrecht!

Zum Welt-AIDS-Tag: Leben ist ein Menschenrecht!

Henning Böger, Pfarrer - 01.12.2020

„Als mein Vater noch lebte, sagte er oft: ‚Ricardo, du musst ein Ziel haben im Leben, ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.‘ Dann kam das Ergebnis: HIV-positiv. Dann kam die Krankheit. Da kämpfte mein Vater nur noch um jeden einzelnen Tag. Meine Mutter kämpfte um sein Leben mit Gebeten und den armseligen Mahlzeiten, die wir uns leisten können. Ich kämpfte für ihn auf der Straße: als Schuhputzer, Lastenträger, Eisverkäufer, Autowäscher. Ich zählte mein Geld, ob es wohl für die Tabletten für einen Tag reichen würde. Es reichte nie. Erschöpft und verzweifelt starb mein Vater. Erschöpft und verzweifelt kämpft meine Mutter weiter Tag für Tag um eine Mahlzeit, um ein bisschen Würde, um unser Leben. Aber ich kämpfe mit Zorn und mit Mut für die, die die Krankheit haben, für ihre Kinder, für ihre Familien: Um Medizin kämpfe ich, die wir bezahlen können, die uns nicht wie ein Almosen in die Hand gelegt wird. Um unser Recht auf Behandlung, die den Kranken ihre Würde lässt, um Achtung, Respekt und Verständnis kämpfe ich, für die, die das Sterben in der eigenen Familien ertragen. Ich kämpfe. Für meinen Vater.“
Eine aufrüttelnde Rede voll Zorn und Mut, gehalten von einem jungen Mann aus Lateinamerika. Ricardo ist einer von weltweilt 15 Millionen Waisen oder Halbwaisen, deren Eltern an den Folgen des HIV-Virus gestorben sind.
Heute, am ersten Dezember, ist Welt-AIDS-Tag. Es ist im Jahreskalender ein politischer Aktionstag, der uns allen die immer noch große Gefahr dieser globalen Epidemie ins Bewusstsein rufen soll. Die Zahlen der aktuellen HIV-Statistik sind noch immer erschreckend: Seit Beginn der Epidemie vor über 35 Jahren haben sich über 78 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Im Jahr 2019 waren es 1,7 Millionen Neuinfektionen. Über 35 Millionen Menschen sind laut UNAIDS, dem Hilfsprogramm der Vereinten Nationen, bislang weltweit an AIDS-Erkrankungen gestorben.
Die Zahlen der Statistik sind das eine an diesem ersten Dezember. Sie sagen uns, dass der Kampf gegen AIDS eine globale Kraftanstrengung bleiben muss.
Das andere an diesem Welt-AIDS-Tag ist die Erinnerung an die persönlichen Schicksale, die hinter den Zahlen stehen. Das Schicksal Ricardos ist eines davon: „Ich kämpfe mit Zorn und Wut für die, die die Krankheit haben, ihre Kinder, ihre Familien … um Achtung, Respekt und Verständnis kämpfe ich, für die, die das Sterben in der eigenen Familien ertragen.“
Die Botschaft an diesem ersten Dezember sollen wir hören: Damit Ricardos Kampf nicht vergeblich ist, kommt es auch auf uns an! Es braucht unsere Solidarität mit denen, die mit HIV leben, und denen, die zu ihrem Leben gehören: Menschen, die um Betroffene Angst haben, die um ihre Toten trauern, die helfen wollen, der Krankheit vorzubeugen, ihre Schrecken zu bekämpfen.
Gut, wenn wir nie vergessen: Leben ist ein Menschenrecht! Amen.

Download als PDF-Datei

  Dein König kommt

Dein König kommt

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.11.2020

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Dieses Bibelwort aus dem Buch des Propheten Sacharja steht über der neuen Woche. Und der Prophet schreibt weiter: „arm, und reitet auf einem Esel und er wird Frieden gebieten den Völkern.“
Was ist das für ein König? Arm, auf einem Esel, ohne großes Gefolge, ohne Insignien der Macht? Auf jeden Fall ist er ganz anders, als die Herrschenden unserer Tage. Sie erkennt man meist schon auf den ersten Blick – an der Art und Weise, wie sie sich verhalten, wie sie sich nach außen hin geben, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Doch ganz egal welcher Couleur sie auch sein mögen, so, wie der König, von dem Sacharja spricht, ist keiner. Manchmal denke ich, dass es durchaus wünschenswert wäre, wenn der eine oder andere die Tugend der Demut, der Bescheidenheit und der Zurückhaltung etwas mehr verinnerlicht hätte. Und wenn man denn eine Wahl verloren hat, dann muss man das auch mal zugeben können.
Doch zurück zu Sacharja. Es war das Los vieler Propheten, dass sie bei ihren Zeitgenossen meist nur wenig Akzeptanz fanden. Der Spruch „Was zählt der Prophet im eigenen Land“ kommt nicht von ungefähr. Ich finde das durchaus nachvollziehbar. Ich meine, stellen Sie sich vor, Ihnen würde jemand erzählen, dass da bald ein König kommt, der arm ist und auf einem Esel reitet und allen erzählen wird, dass sie sich endlich vertragen und Frieden schließen sollen. So ein wenig kann man sich dabei durchaus an Aluhüte erinnert fühlen.
Wir verstehen heute, dass die Prophetenworte ganz klar auf Jesus Christus hinweisen. Er ist der König, dessen Kommen hier angekündigt wird. Es ist übrigens nicht irgendein König. Dein König kommt zu dir. Es nicht ein König, der über irgendein Volk regiert. Es ist dein König, Ihrer und Eurer und meiner, dem unser ganz persönliches Wohlergehen am Herzen liegt, der sich um jeden einzelnen Menschen kümmern will, dem niemand, auch nicht der geringste, egal ist, der keinen einzigen Menschen vergisst, ignoriert, übersieht.
Und dieser König zieht nicht in irgendein Schloss ein, nicht im Buckingham Palace, nicht im Bundeskanzleramt, nicht im Kreml und auch nicht im Weißen Haus. Nein, dein König kommt zu Dir. Er kommt mitten hinein in dein Leben. Er will einen Platz an deiner Seite.
Christus, unser König, er ist ein Gottesgeschenk, das größte Geschenk, das uns der Herr je gemacht hat. In ihm stiftet er den neuen Bund, räumt alles aus dem Weg, was sich zwischen Gott und uns Menschen an Hindernissen, an Störendem und auch Verstörendem angesammelt hat.
Ja, vieles ist anders in diesem Jahr. Und doch bleibt uns dieser Grund zur Freude, dieser Grund zur Dankbarkeit, dass Gott seinen Sohn in diese Welt geschickt hat. Und es bleibt uns der Advent als Zeit der Vorbereitung auf das Fest, an dem wir die Geburt unseres Freundes und Bruders feiern.
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Halleluja! Amen.

Download als PDF-Datei

  Einmal anders

Einmal anders

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.11.2020

Es ist heller geworden in unseren Straßen und Häusern, auf dem Domplatz steht, so wie in jedem Jahr, ein großer Weihnachtsbaum und taucht zusammen mit den Leuchtsternen in den Bäumen drum herum am Abend den Platz in warmes Licht. Wir sind ganz am Ende des Kirchenjahres angekommen, heute ist quasi Kirchen-Silvester, morgen ist der Erste Sonntag im Advent, mit dem dann ein neues Kirchenjahr beginnt.
Das klingt nach Normalität, das klingt nach: „So war es immer“ und doch ist es in diesem Jahr so ganz anders. Normalerweise würde es nach Glühwein, Mandeln und Bratwurst duften rund um den Dom, vorweihnachtliche Musik wäre zu hören von den Karussells, und in den Gängen des Weihnachtsmarktes wäre es richtig voll.
In diesem Jahr: Fehlanzeige. Der Weihnachtsmarkt wurde aus nachvollziehbaren Gründen abgesagt und auch im privaten Bereich soll sich der sonst übliche Trubel in Grenzen halten. Die Terminkalender sind deutlich leerer als sonst um diese Zeit, Advents- und Weihnachtsfeiern im Sporterein, mit den Arbeitskollegen, in der Kirchengemeinde, sie finden in diesem Jahr nicht statt.
Im kommenden Februar beginnt lt. dem Kirchenkalender die Passionszeit, die Buß- und Fastenzeit vor dem Osterfest mit ihren ruhigen und nachdenklichen Gottesdiensten und Andachten. Der Advent ist übrigens auch so eine Buß- und Fastenzeit. Das ist allerdings kaum mehr spürbar gewesen, angesichts dessen, was wir in dieser Zeit so alles veranstaltet haben. Da war vor lauter vorweihnachtlichem Trubel und diversen Terminen kaum mehr Platz für das, was den Advent im Kern ausmacht: die spirituelle Vorbereitung auf Weihnachten.
Ohne Frage gehört vieles Liebgewonnene zu dieser Zeit dazu: Kerzen, Plätzchen, festliche Adventskonzerte und auch ein intensiveres Zusammensein mit Freunden und Bekannten. Doch wie so oft im Leben ist auch hier das richtige Maß wichtig – zu viel des Guten sollte es dann eben auch nicht sein. In diesem Jahr werden wir nun zwangsweise ausgebremst von diesem Virus, das uns deutlich in unseren Aktivitäten aber auch in unserem Aktionismus behindert. Das trifft viele Menschen hart, weil ihnen auch wirtschaftlicher Schaden entsteht. Denken wir an die Schausteller auf den Weihnachtsmärkten, die Gastronomie, die Kultur, den Einzelhandel, und, und, und.
Doch neben allem Schwierigen bietet uns der Advent 2020 auch die Chance, ihn mal wieder oder überhaupt zum ersten Mal so zu erleben, wie er gedacht ist und wie er sein sollte: Als Zeit der Besinnung und Vorbereitung auf Gottes größtes Geschenk, das er uns Menschen jemals gemacht hat.
Wir hier am Dom wollen den Weg zum Weihnachtsfest mit Ihnen gemeinsam gehen – mit zahlreichen Gottesdiensten und Andachten. Vielleicht und so Gott will, gelingt es uns ja gemeinsam, den besonderen Zauber dieser Zeit zu erleben und spürbar werden zu lassen.
Sieh, dein König kommt zu dir – ein Gerechter und ein Helfer. Amen.

Download als PDF-Datei

  Rückschau

Rückschau

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.11.2020

Zwei Tage vor dem Beginn des neuen Kirchenjahres lassen Sie uns noch einmal auf die Themen zurückblicken, die uns in den vergangenen Wochen in unseren Gottesdiensten und Andachten beschäftigt haben. Es sind die existenziellen Fragen, um die es am Ende des Kirchenjahres geht. Es ist die Zeit, die uns auch mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert, immer wieder, jedes Jahr aufs Neue.
Wie gehen wir eigentlich mit diesem Wissen um, dass unsere Zeit in Hier und Jetzt begrenzt ist? Ich glaube, dass es da ganz unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Mach einen wird der Gedanke an den eigenen Tod, wenn er ihn denn überhaupt zulässt, in Angst und Panik versetzen. „Hoffentlich verpasse ich nichts von dem, was diese Welt bietet! Nach welchen Kriterien bringe ich das noch zu Erlebende in eine effiziente Reihenfolge, damit ich möglichst viel heraushole aus der Zeit, die mir noch bleib?“ Das könnten Fragen sein, die sich einstellen.
Folgt man ihnen unreflektiert, kann das dazu führen, dass man nur noch hektisch und getrieben durchs Leben eilt, alles Mögliche mitzunehmen versucht, aber schlussendlich für kaum etwas ausreichend Zeit und Muße hat, um es zu genießen.
Sollten wir als Christinnen und Christen da nicht gelassener sein können? Ja, in der Tat. Aber zu sagen, dass unser Gottvertrauen so groß ist, dass uns unsere Vergänglichkeit egal wäre, das ist wahrscheinlich dann doch zu viel verlangt. Angst und Unsicherheit zu verspüren, wenn es um die letzten Dinge geht, das gehört wohl dazu. Selbst Jesus war davon nicht frei. Denken wir an die Szene im Garten Gethsemane kurz vor seiner Festnahme am Gründonnerstag. Jesus zitterte von Angst, als er betete und Gott anflehte, den Krug des Leidens und des Sterbens doch an ihm vorübergehen zu lassen. Wenn selbst Jesus Angst hatte, dann müssen wir uns deswegen ganz sicher nicht schämen.
Doch wenn wir auf ihn schauen, dann sehen wir auch, dass seine Angst durch sein Gottvertrauen kontrollierbar wurde. „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“, hat er gesagt. Ich denke, dass uns diese Haltung auch in unserem eigenen Leben helfen kann. Ja, es bleibt die Unsicherheit, wie es sein wird – unser Sterben und auch, was danach auf uns wartet. Aber wir haben die Gewissheit aus unserem Glauben heraus, dass gut für uns gesorgt werden wird und bereits gesorgt ist.
Denn Jesus Christus versichert uns: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst, wenn er stirbt.“ Amen.

Download als PDF-Datei

  Der rote Knopf

Der rote Knopf

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.11.2020

Der rote Knopf. Anderswo in der Welt mag man mit dem roten Knopf eine besondere Taste für Regierungschefs verbinden, die dem militärischen Endschlag vorbehalten ist und das nukleare Inferno ausbrechen lassen kann. Hier in Braunschweig steht die Sache sehr viel friedlicher.
Allerdings ist die Betätigung desselben auch hier Sache des Chefs, des Oberbürgermeisters. Heute Abend wäre es soweit gewesen. Die Bläser hätten „Eine Muh, eine Mäh, eine Tschingderässädä“ und „Alle Jahre wieder“ oder „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ geblasen und dann hätten Ulrich Markurth und ich kleine Reden gehalten, die Glocken hätten geläutet und Punkt sechs wäre der Moment des roten Knopfes gekommen. Die Weihnachtsmarktbeleuchtung wäre angegangen und schlagartig hätten Tausende begonnen, Glühwein zu trinken, Poffertjes, Schmalzkuchen und Bratwurst zu essen.
Hätte, wäre, würde…
So ist es dieses Jahr nicht. Aber deswegen fallen Advent und Weihnachten nicht aus. Deswegen werden wir trotzdem davon erzählen, dass sich die Menschen bereit machen, dem Stern von Bethlehem hinterher und Gott entgegenzugehen. Auf der Weihnachtsmarktbühne hätten wir vermutlich gesagt, dass dieses freundliche Bild uns alle Jahre wieder daran erinnert, wie es sein soll unter uns in dieser Stadt: warmherzig, weltoffen, friedlich – ein großes Miteinander, geteilte Freude und geteilte Zeit…
Auch das wird dieses Jahr nicht unwichtig oder bedeutungslos. Obwohl die Plätze und Straßen, die Geschäfte und natürlich auch Kirchen viel leerer sind als wir das bisher erlebt haben (Kriegszeiten ausgenommen), so kommt es doch gerade jetzt darauf an, zusammenzuhalten und beieinander zu bleiben, friedlich gegenüber denen, die die Einhaltung des Infektionsschutzes im Auge behalten müssen und offen für das, was trotz allem gehen kann und werden will.
Weihnachtliches kann man ja auch Zuhause essen und trinken, schmücken erst recht. Und vielleicht gelingt es sogar, Zeit und Freude zu teilen – einander Briefe zu schreiben oder Mails mit Weihnachtsliedern und Gedichten, ein Lebkuchenherz in den Briefkasten zu stecken und die genaue Backanleitung dazu. Vielleicht gelingt es ja, sich einander die alten Geschichten vorzulesen…
Vorfreude schönste Freude. Lasst uns die einander bereiten und nicht zuerst dem nachtrauern, was alles nicht geht. Wir wissen doch: das Kind Im Bauch hüpfte vor Freude als Maria und Elisabeth sich begegnen. Warum sollte das dieses Jahr nicht sein? Vielleicht spürt man es sogar besser, wenn der Bauch nicht ganz so voll ist?
In Psalm 16 heißt es:
„Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle.“
So wird es sein. es geht nur nicht auf Knopfdruck, sondern wen wir uns aufmachen.

Download als PDF-Datei

  VOLKSTRAUERTAG, BUSS- UND BETTAG, TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

VOLKSTRAUERTAG, BUSS- UND BETTAG, TOTEN- UND EWIGKEITSSONNTAG

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.11.2020

Wir haben sie hinter uns, die besonderen Tage im November am Ende des Kirchenjahres: den Volkstrauertag, den Buß- und Bettag und gestern den Toten- und Ewigkeitssonntag. Nur noch ein paar Tage, dann wird das Dunkel dieser Zeit abgelöst durch das Licht des Advents.
Es geht in diesen letzten Wochen des Kirchenjahres um die existenziellen Dinge: um Tod und ewiges Leben aber eben auch um die Wiederkunft Jesu. Wir sollen darauf vorbereitet sein – aber wie? Jesus erzählt uns dazu das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen:
Sie alle gehen dem Bräutigam entgegen, doch der verspätet sich und so müssen sie warten, bis das Hochzeitsfest endlich beginnt. Als es dann endlich soweit ist, da haben die klugen Jungfrauen ausreichend Öl in ihren Lampen und Krügen, um eingelassen zu werden, die törichten sind im wahrsten Sinne des Wortes leergebrannt. Sie müssen draußen bleiben, ihnen wird der Zutritt zum Fest und damit in Gottes Reich verwehrt. Und als sie dann Öl kaufen gehen und zurückkommen, ist die Tür verschlossen und auf ihr Klopfen hin antwortet Jesus: „Ich kenne euch nicht!“
Das klingt ganz schön heftig. Die törichten Jungfrauen haben nichts Furchtbares getan, kein Verbrechen, oder dergleichen. Sie haben lediglich kein Öl dabei. Und die Konsequenz ist, dass Jesus sie nicht einmal mehr kennt.
Die Auslegung des Gleichnisses ist schwierig und es gibt viele verschiedene Ansätze. Ich denke, dass Jesus uns daran erinnern möchte, dass wir gut daran tun, wachsam und vorbereitet zu sein. Es gibt diese Geschichte von einem Rabbi, der seinen Schülern dringend ans Herz legt, einen Tag vor ihrem Tod, Buße zu tun. Die berechtigte Frage der Schüler lautet: „Ja woher weiß ich denn, welches der Tag vor meinem Tod ist?“ Und der Rabbi lächelt seinen Schüler an und sagt: „Siehst Du?“
Ich denke, dass das Öl in Jesu Gleichnis sinnbildlich für unser geistliches Leben steht, für unser Leben im Glauben, für unser Leben, dass wir an christlichen Werten ausrichten. Das ist keine einmalige Sache, so, wie das hektische Loslaufen der törichten Jungfrauen, um schnell noch Öl zu kaufen. Christliches Leben ist ein Prozess, ein Unterwegssein, ein Suchen und Finden und Verwerfen und Neuentdecken. Auf diesem Weg füllen sich unsere Ölvorräte von ganz allein. Auf diesem Weg lernen wir Jesus kennen und er uns.
Wenn wir unser Leben so führen, dann sind wir ganz automatisch vorbereitet und müssen uns keine Sorgen darum machen, dass Jesus uns abweisen könnte, weil er uns nicht kennt. Nein, er wird vor uns stehen mit offen Armen und uns willkommen heißen.
Über dieser Woche heiß es: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.“ So sei es! Amen

Download als PDF-Datei

  Ein Lied aus Licht

Ein Lied aus Licht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.11.2020

Es sind ambivalente Tage. All die Novemberthemen machen sich gnadenlos breit und sie erfahren jede Menge Illustration.
Während wir hier am Montagabend in tiefster Einsamkeit den Gemeinsampreis verliehen haben, droht in Äthiopien – wo eines der Projekte seinen Ort hat – ein militärischer Konflikt zum Flächenbrand zu werden.
Während wir hier versuchen, die Domsingschule am Leben zu halten, Trostraum zu sein, stürze ich meine Konfirmanden ungewollt in ein dunkles Loch: „Wenn ihr wüsstet, dass es zuende geht, was würdet ihr unbedingt noch tun wollen?“ Ein Junge sagt. Ins Kino gehen. Mehr nicht? Nein, mehr nicht. Zwei Mädchen fangen an zu weinen…
Während wir hier für den Frieden beten, um friedliche Sprache und einen wohltuenden Ort ringen, entgleist in Berlin der letzte Rest ziviler Umgangsformen.
Woher nehmen, was trägt und erhellt? Wenn man doch nicht singen kann, um es leichter zu glauben: „Es ist gewisslich an der Zeit, dass Gottes Sohn wird kommen…“
Eva Strittmatter dichtet:
„Ich mach ein Lied aus Stille / Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille / Geht ein in mein Gedicht.
Der See und die Libelle / Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle / Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne. / Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne. / Was es auch immer sei.
Das über uns die Räume / Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume / In einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille. / Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter. / Und so vergeh ich nicht.
So geht es schon besser. Weil man sich bergen kann in Worten, die andere gefunden haben als der November zu dicht auf die Haut kam.
So geht es noch nicht gut genug.
Aber dann heißt es über diesem Tag: „Gott, deine Güte ist besser als Leben.“ Da klingen schon die riesigen Räume mit. Aber Güte, die besser ist als Leben? Wozu könnte die gut sein. Ist es nicht Güte im Leben und zum Leben, die wir brauchen? Aber dann heißt es: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“
Aber dann erklingt die Orgel. Und macht ein Lied aus Licht.

Download als PDF-Datei

  Es bleibt...

Es bleibt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.11.2020

Wort zum Alltag 20. November 2020

Heute jährt sich der Auftakt der Nürnberger Prozesse zum 75. Mal.
Die Süddeutsche hat die Erinnerung übertitelt: „Was bleibt“. Ohne Fragezeichen.
Es bleibt eine Leerstelle in Nürnberg, weil man sich nicht einigen kann, wer die Einrichtung eines „lebendigen Erinnerungsortes“ finanziert. Die originale Möblierung ist schnell beseitigt wurden wegen unguter Assoziationen mit Siegerjustiz.
Es bleibt ein heute 100-jähriger Mann, seinerzeit Chefankläger im SS-Einsatzgruppenprozess, der damals in Deutschland vergeblich darauf gewartet hat, wenigstens ein einziges Mal das Wort „Entschuldigung“ zu hören und der noch immer nicht begreift, dass ein zum Tode Verurteilter kein Wort für Frau und Kinder findet und statt dessen sagt: „Sie werden sehen, dass ich recht hatte.“
Es bleibt ein Novembermorgen im Jahr 2020, der im Bundestag mit einer Debatte über die Störung der Würde des deutschen Parlamentes durch „Gäste“ von Mitgliedern der AFD-Fraktion und der Forderung, es wäre Zeit, den Anfängen zu wehren, beginnt. Es wäre längst höchste Zeit gewesen…
Es bleibt die Befürchtung, dass das Gedankengut derer Anklagten in Nürnberg noch immer gepflegt und verteidigt wird.
Es bleibt, dass Corona vielen Menschen verhindert hat, die Hannah-Arendt-Ausstellung in Berlin zu sehen. Im Katalog lese ich: „Wenn ich etwas beurteile, führe ich objektives Wissen und subjektives Meinen zusammen. Sprechen ist dann kein spontaner Impuls persönlicher Ansichten … sondern begründete politische Intervention. Ich werfe meine persönliche Integrität in die Waagschale … und übernehme Verantwortung.“
Das ist dringend nötig, wenn wir nicht denen das Feld überlassen wollen, die von Lügenpresse reden, von Verschwörungstheorien, von Ermächtigungsgesetz.
Es bleibt, dass wir in einen anderen Horizont gestellt sind. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Download als PDF-Datei

  November

November

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2020

Das Kirchenjahr geht zuende…
Novembertage sind solche, an denen wir hier die vorletzten Dinge bedenken.
Wie verletzlich und gefährdet unser Leben ist, wie vorläufig all unser Planen, das haben wir dieses Jahr zur Genüge gehabt. Auch dass wir in der Schuld stehen – derer, die für uns sorgen während wir uns schützen, derer, die entscheiden, während wir zweifeln.
Und langsam dämmert uns auch, dass sich unsere Welt gerade sehr gründlich verändert, dass eben nicht nur Menschenleben endlich sind, sondern auch Kulturformen, Lebensentwürfe, Weltbilder, Heimat, wie wir sie kannten.
Manches davon erzählt auch die Ausstellung um uns herum. Am Montag wird sie abgehängt werden. Wir hatten immerhin ein paar Wochen zwischen Bildern und Texten der Lebensgeschichten zweier Künstler. Eigentlich konzipiert zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, endlich realisiert dreißig Jahre nach der Deutschen Einheit, hängen manche der Texte noch ganz anders richtig in diesem Jahr.
Denn es sind auch Heimweh- und Sehnsuchtsbilder. Sie erinnern Flüsse und Gerüche, Landschaftsbilder. Wenn die Luft hier nach Zucker riecht, dann tut sie es dort, wo ich nicht hinkann, ein paar Kilometer weiter, vielleicht auch.
Diese Gedichte erzählen von der Freiheit der Vögel, denen Grenzen nichts anhaben können und auch Kontaktsperren nicht, sie erzählen von der Frechheit mancher Flaschenpost, die trotz allem irgendwie durchkommt.
Und immer wieder wirkt die Natur in diesen Texten wie ein Trostraum, ein Garant dafür, dass im Werden und Vergehen nicht nur Endlichkeit und Vergessen liegen sondern auch Anfang und Heilung, Veränderung, Zauber des Neuwerdens.
Im allerletzten Gedicht heißt es: „Wundklee blüht / dem Kolonnenweg / wächst ein Bart aus Moos.“ Endlich. Da muss keiner mehr lang. Manche schmerzliche Spur wird nicht mehr gebraucht.
Dazwischen verwundert und schmerzt, dass nichts ist und nichts bleibt wie es war: „Schwarzerde das tägliche Brot / weithin wellt Ackerland
Überlanddrähte morsen / die Elbe führt Niedrigwasser …
oberirdisch Fernheizungsrohre / verschlingen das Bild von früher
dennoch wiedererkannt den / Glockenturm von Sankt Mauritius.“
Dennoch. Der Kirchturm. Das ist verlässlich. So wie auch der Dom steht – durch die Jahre und Zeiten verweist, wie es in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag steht:
„Seht, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut.“

Download als PDF-Datei

  Wie spielt man Frieden?

Wie spielt man Frieden?

Henning Böger, Pfarrer - 17.11.2020

Beim Theologen Jörg Zink ist folgende Begebenheit nachzulesen:
„Ein alter Mann ging über einen großen Platz. Er setzte sich auf eine Bank und beobachtete eine Gruppe Kinder, die offensichtlich ‚Krieg‘ spielten. Mit Stöcken und gellendem ‚Peng-Peng-Geschrei‘ rannten sie aufeinander los. Auch ganz Kleine waren dazwischen. Nachdenklich sah der Mann eine Weile dem Treiben zu. Dann stand er auf und ging entschlossen auf die Gruppe: ‚Kinder, spielt nicht Krieg! Spielt doch Frieden!‘ Die Stimme des alten Mannes ließ die Kinder aufhorchen. Sie unterbrachen ihr Spiel, zogen sich an eine Mauer zurück und berieten eine Weile miteinander. Dann kamen sie zum Mann, der sich wieder auf die Bank gesetzt hatte. Und ein kleiner Junge stellte sich vor ihn und fragte: ‚Du, wie spielt man Frieden?‘“
Keine leichte Frage, finde ich: Wie spielt man Frieden? Krieg zu spielen, erscheint dagegen „kinderleicht“: einander zu jagen, sich mit einem Stock und einem „Peng“ mächtig zu fühlen, die eigene Welt einzuteilen in Starke und Schwache, Sieger und Besiegte. Aber was ist mit Frieden: Wie spielt man den? Welche Gesten und Regeln braucht das Friedensspiel?
Erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen sagen: Die Aufgabe, Kindern Wege zum friedlichen Miteinander aufzuzeigen und diese miteinander spielerisch einzuüben, wird immer wichtiger in Zeiten, in denen der Ton zwischen Menschen zunehmend rauer, lauter, friedloser wird. Ich höre das so: Frieden kann man üben. Und man kann ihn erlernen!
Fragt man Kinder danach, dann sind gute Ideen und nützliche Regeln für ein friedliches Spiel schnell bei der Hand: „Alle müssen zufrieden sein beim Spielen.“ Und: „Man darf nicht hauen und keine Schimpfwörter sagen.“ Vor allem aber: „Alle dürfen mitspielen und jeder ist mal der Bestimmer.“
Das sind wertvolle Regel, die sicher nicht nur auf dem Kinderspielplatz für den Frieden wichtig sind. Sie sollten auch auf den großen Bühnen unserer Welt gelten: miteinander zufrieden sein, nicht immer gleich auf alles und jeden schimpfen, andere mitbestimmen lassen, auch unbequeme Meinungen hören. So könnte es gehen mit dem Friedensspiel!
Die Fähigkeit zum Frieden entsteht dort, wo wir selbst entdecken, dass auch anderen Menschen sind; wo sich zeigt, dass Liebe möglich ist oder wenigstens die Achtung vor dem anderen; wo wir von anderen nur das erwarten, was sie auch von uns erwarten dürfen.
Auf die Frage, wie man den, bitte schön, Frieden spielt, sollte keiner von uns ohne Antwort bleiben. Amen.

Download als PDF-Datei

  Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.11.2020

Gestern war Volkstrauertag, ein staatlicher Feiertag, kein kirchlicher, und dennoch spielt er berechtigterweise auch im gottesdienstlichen Leben eine wichtige Rolle. Der Tag geht zurück auf einen Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahr 1919. Der Volksbund hatte angeregt, an einem festen Tag im Jahr der Toten des Ersten Weltkrieges zu gedenken. 1922 fand die erste Feierstunde im Reichstag statt. Unter den Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag dann der Heldengedenktag. Das Erinnern beschränkte sich ausschließlich auf deutsche gefallene Soldaten und aus dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurden alle politisch Andersdenkenden und insbesondere auch alle jüdischen Mitglieder herausgedrängt. Mit Kriegsende 1945 wurde der Volksbund dann zunächst aufgelöst.
Fast jede Familie hatte Tote aus den beiden Weltkriegen zu beklagen. Und so wuchs der Wunsch, den Volkstrauertag in seinem ursprünglichen Duktus in Deutschland wieder zu etablieren. Und so wurde dieser in einigen Gegenden Deutschlands bereits 1946 wieder begangen, seit Anfang der 1950er Jahre bundeseinheitlich am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres.
Aus Fehlern zu lernen, zählt nicht unbedingt zu den herausragendsten menschlichen Fähigkeiten. Bei den eigenen Fehltritten ist die Chance eines Lernerfolges etwas höher – schließlich waren wir selbst daran schuld, dass wir uns eine blutige Nase eingefangen haben. Doch das Lernen aus den Fehlern der Anderen, insbesondere dann, wenn diese schon Jahrzehnte zurückliegen, fällt offenbar schwer. Wie ist es sonst zu erklären, dass wir Menschen angesichts der vielen Millionen Toten nicht längst aufgehört haben, einander mit Krieg, Gewalt und Terror zu überziehen?
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge arbeitet gegen das Vergessen. Wichtig dabei ist, dass die Toten und das Gedenken nicht für irgendeine politische Richtung instrumentalisiert werden. Die Toten dürfen niemals Mittel zum Zweck werden. Jeder Name auf jedem Kreuz steht um seiner selbst willen. Jeder Name bedeutet eine abgerissene Lebenslinie, ein nicht zu Ende gelebtes Leben, jeder Name steht für Leid, Trauer und Verzweiflung bei den Hinterbliebenen. Und wenn sich dann gestern am Abend des Volkstrauertages in unser Stadt Rechtsradikale zur Demonstration versammeln, dann kann man denen nur sehr deutlich sagen, dass wir sie und so etwas hier nicht wollen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist die Jugendarbeit. Neben umfangreichen Informationsangeboten werden junge Menschen aus verschiedenen Ländern in sogenannten Workcamps an den Gräbern der Kriegstoten zusammengeführt, um so Erinnerung wach zu halten und Freundschaft und Wertschätzung zu stiften, über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Das ist aktive und wirksame Friedensarbeit, die deshalb auch kirchlicherseits unterstütz wird. Denn Jesus Christus spricht: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen.

Download als PDF-Datei

Hier erreichen Sie uns:

Domsekretariat
0531 - 24 33 5-0
dom.bs.buero@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Mo. bis Fr. – 9.00 - 15.00 Uhr

Domkantorat
0531 - 24 33 5-20
domkantorat@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Di. bis Do. – 9.00 - 15.00 Uhr
Fr. – 9.00 - 13.00 Uhr

Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
ABENDSEGEN
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
MITTAGSGEBET mit 20 Minuten Orgelmusik

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 14.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!