Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Sich eine Sehnsucht leisten

Sich eine Sehnsucht leisten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2021

Mittagsgebet 4.12.2021
Dietrich Bonhoeffer schrieb 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge: „Wer leistet sich hier noch ein starkes, persönliches Gefühl, eine wirkliche Sehnsucht?“ Damals saß er bereits ein Jahr im Gefängnis, noch nicht mal vierzig Jahre alt. Die Frau, die er liebte, hatte er gerade erst gefunden, ihre Lebensgeschichten hatten sich berührt aber noch nicht verbunden - dabei wird es bleiben. Ob er das ahnte? Immerhin schrieb er weiter: „Von mir persönlich muss ich jedenfalls sagen, dass ich viele viele Jahre lang zwar nicht ohne Ziele und Aufgaben und Hoffnungen, doch ohne persönliche Sehnsucht gelebt habe; und man ist vielleicht dadurch vorzeitig alt geworden….“
Vielleicht klingt in diesen Zeilen etwas nach - nicht im vollem Sound, das wäre vermessen, denn wir leben ja trotz aller Sorgen in relativer Behaglichkeit - vom Lebensgefühl dieses Advents. Wir sitzen nun auch schon über ein Jahr in Virushaft. Wir haben weiter gearbeitet, manche sogar bis an die Grenzen ihrer Kraft, natürlich hatten wir Ziele und Aufgaben, riesige sogar. Und Hoffnung - dass es dieses Weihnachten endlich vorbei wäre zum Beispiel, dass wir einander wieder richtig nah sein können. Mit Haut und Haar.
Hartmut Rosa, Soziologe in Jena, sagte vor Monaten: dieser Virus würde wie Mehltau auf unserer Gesellschaft, auf unseren Leben liegen. Mehltau. Natürlich, den Vergleich kennen wir und wissen: wenn Mehltau drauf liegt, sind Leichtigkeit und Klarheit dahin - dann dumpft man irgendwie rum.
Mehltau. Ich habe mich belernt. Im Brockhaus, dem gedruckten Old-Style-Lexikon steht: „mehlstaubähnlicher Belag auf den Blüten vieler Pflanzen, der aus echten oder falschen Mehltaupilzen besteht. Die Pilze entziehen der Pflanze durch Saugorgane die Nahrung.“
Wenn es ganz schlimm kommt, führt der Mehltaubefall zum Totalausfall der Ernte, jedenfalls aber gibt es vertrocknete braune Blätter - man wird, mit Dietrich Bonhoeffer, vorzeitig alt…
Dagegen hilft nur, so scheint es, „sich eine große Sehnsucht zu leisten“.
Zu leisten. Zu gönnen. Über den Durst hinaus. Ganz unabhängig von der Alltagsbilanz. Eine große Sehnsucht. Nicht nur die nach Plätzchen von Zuhause, sondern nach der Rückkehr des richtigen Lebens.
Dietrich Bonhoeffer, der hier in der Diesseitigkeit glauben lernen wollte, schrieb vielleicht deshalb an seine Liebste: „Du schreibst glücklicherweise keine Bücher, sondern tust, weißt, erfährst, erfüllst mit wirklichem Leben das, wovon ich nur geträumt habe.“
Vielleicht muss Weihnachten auch deshalb genau so sein: Gott kommt in das wirkliche Leben und füllt es so. Das ist die große Sehnsucht, die wir uns leisten können und sollten.

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  Was Musik so kann

Was Musik so kann

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.12.2021

Da saß Angela Merkel gestern abend vor dem Bendlerblock in der Stauffenbergstrasse – dort wo einst das Reichsmarineamt und später das Reichswehrministerium samt Heeresleitung residierten. 1938 wurde das Gebäudeensemble für das Allgemeine Heerasamt umfassend erweitert. Am 21. Juli 1944 wurden Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sein Adjutant Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht im Innenhof des Oberkommandos hingerichtet.
Und nun sitzt da eine Frau.
Uniformierte mit Stahlhelm und Fackeln marschieren auf und spielen: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nina Hagen, die nur ein Jahr jüngere Musikikone, Stieftochter von Wolf Biermann und wie er ausgebürgert, hatte das Lied 1973 gesungen. Das war sie genauso jung wie Angela Merkel. Vielleicht war es das Lied dieser Generation, ein heißgeliebter DDR-Schlager voller Bitternis.
Später folgten noch Hildegart Knefs: „Für mich soll es rote Rosen regnen“ und „Großer Gott, wir loben Dich.“
Alles ohne Text.
Alles in dieser Kulisse.
Unglaublich, wie sich die große Geschichte auf einmal in wenigen Liedern verdichtet und man spürt, dass man diesen Moment im Leben dieser Frau und der Geschichte der beiden Deutschlands gar nicht besser ausdrücken könnte.
Das ist eine Erfahrung, die ich dieser Tage auch mache.
Eigentlich schlägt einem die Situation aufs Gemüt – ich sehe den leeren Weihnachtsmarkt draußen und habe traurige alte Menschen am Telefon, die nicht wissen ob sie ihre Lieben dieses Jahr zu Weihnachten sehen werden und wer weiß, ob sie nächstes Jahr noch…
Es ist manchmal schier unmöglich, trotzdem von Hoffnung zu erzählen. Wie gut, dass es dann Musik gibt: die zauberhafte Chormusik aus dem Kings-College in Cambridge und die Mädchen und Jungen hier, die großartigen alten Gesangbuchlieder und das Weihnachtsoratorium: Lasset das Zagen, verbannet die Klage; Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit ein.“
In solchen Liedern kann man sich bergen – nicht zuletzt, weil die, die sie schufen – wussten, wie es sich anfühlt, wenn das Leben ein Schwarz-Weiß-Film ist. Erst recht, kann man sich darin bergen, wenn sie besingen für das, was der Kopf nicht fassen kann: „Die Nacht ist schon im Schwinden, / macht euch zum Stalle auf! / Ihr sollt das Heil dort finden, / das aller Zeiten Lauf / von Anfang an verkündet, / seit eure Schuld geschah. / Nun hat sich euch verbündet, / den Gott selbst ausersah.“




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  Welt-AIDS-Tag

Welt-AIDS-Tag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2021

Heute ist Welt-AIDS-Tag. Wenn Sie mögen, können Sie – wie in den Jahren zuvor auch – ein Bärchen erwerben. Es ist noch das vom letzten Jahr, denn die Reiseerschwernisse treffen auch die Teddys – immerhin habe ich bei der Gelegenheit aber gelernt, dass sie handgemacht sind – und zwar nicht von Kindern.
Als AIDS nach und nach in unser Bewusstsein drang, hat es gedauert, bis wir wahrgenommen haben, was für eine schreckliche Plage da über die Menschheit kam. Der Übertragungsweg tat sein Übrigens, um die Krankheit zu tabuisieren und die Menschen, die an ihr litten und starben zu stigmatisieren.
Erst als das große Sterben begann – inzwischen sind es über 36 Millionen Tote - und die Zahl der AIDS-Waisen unübersehbar wurde, begann ein ernsthaftes Aufklären und Umdenken. Dabei gehörte zum Alptraum dazu, dass die HIV-Infektion unheilbar war und es entsetzlich lange dauerte, bis endlich Medikamente auf dem Markt waren. Doch damit war den Ärmsten der Armen – die unter anderem auch deswegen so schwer betroffen waren, weil Männer sich als Wanderarbeiter verdingten und Kondome ungebräuchlich waren – noch lange nicht geholfen, denn die Patente wurden nicht aus der Hand gegeben.
Vielmehr verteuerten Patente einmal mehr die Preise lebensnotwendiger Medikamente.
Vielleicht erinnern Sie an den Beginn der Corona-Pandemie.
Damals warnten verschiedene Politiker nahezu sofort, die Fehler aus dem Umgang mit den AIDS-Medikamenten nicht zu wiederholen und die Patente für Coronamedikamente und –impfungen der Weltgesundheit zur Verfügung zu stellen – und wenn es das schon nicht aus humanitärer Einsicht geschähe, dann doch wenigstens weil Unsummen staatlicher Gelder in die Entwicklung geflossen sein würden.
Nun stehen wir vor dem zweiten Coronaweihnachten und hören die Nachrichten, ahnen wie bitter die Konsequenzen der Gier für alle sein werden. Und hören noch immer und auch immer noch nicht auf den Propheten Jesaja, der sagt: „Merke auf mich... denn Weisung wird von mir ausgehen und mein Recht will ich zum Licht der Völker machen.“



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  Maria durch ein Dornwald ging

Maria durch ein Dornwald ging

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2021

Wort zum Alltag 1. Dezember 2021
Eines meiner Lieblingslieder im Advent ist schon immer „Maria durch ein Dornwald ging.“- Ich glaube, das liegt daran, dass meine Mutter das Lied so liebte und ich es immer ganz mit Dornröschen in Verbindung gebracht habe. Irgendwie habe ich da wohl immer eine Prinzessin gesehen, die sich durch die Dornen kämpft – Prinzen spielten in meiner Gedankenwelt keine große Rolle…
Später habe ich dann selbst ein in Kind im Dezember bekommen und noch einmal neu gehört, was es bedeutet, sich hochschwanger durch ungewisse Zeiten zu schleppen – damals wussten wir nicht, ob wir für unserer kleine Familie einen Ort finden würden, an dem wir gemeinsam leben und arbeiten können. Aber es war Advent und ging auf Weihnachten zu… - was für ein Segen.
Und heute höre ich:
„Maria durch ein' Dornwald ging. Kyrieleison!
der hatte in sieben Jahr'n kein Laub getragen! Jesus und Maria.“
Maria, sie ist noch eine ganz junge Frau – wenn der Wald seit sieben Jahren dürr und trocken war, dann sind es Kindheitserinnerungen, die von grünen Bäumen erzählen. Damals…
Wird das denen, die jetzt jung sind auch so gehen – dass sie sich eines Tages an ihre Kindheit erinnern werden – und erzählen: damals als die Pandemie noch nicht ausgebrochen war und im Harz noch Fichtenwälder standen.
„Was trug Maria unterm Herzen? Kyrieleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.“
Sicher und geborgen wächst das Christkind in Marias Leib heran. Einerseits. Und andererseits kommt Gott genauso auf die Erde – nicht von Engeln getragen und vorsichtig in die Krippe gelegt. Er wird von einer Menschenmutter ausgetragen, die sich sorgte, ob das Kind gesund sein würde und ob es in eine Welt geboren wird, in der es heil an Leib und Seele großwerden kann. Gott kommt im Leib einer Frau zur Welt, die sich angestrengt und mit geschwollenen Knöcheln durch dürre Landschaft schleppte – so wie überall auf der Welt junge Frauen ohne jede Fürsorge und Schutz schwanger gehen. Wie viele mögen es heute Abend sein?
In den Hungergebieten, in Flüchtlingslagern, dort wo kein Impfstoff hingeliefert wird???
„Da haben die Dornen Rosen getrag'n; Kyrieleison! Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen! Jesus und Maria.“
Gott kommt und die Dornen blühen Brot und Rosen heißt es in einem andern wunderbaren Lied, Heil und Heilung endlich – dort, wo man sich durch Dornen kämpft.

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  Richtig reich sein!

Richtig reich sein!

Henning Böger, Pfarrer - 30.11.2021

Manche Menschen haben viel gewonnen in der Coronazeit. Die Pandemie,
die uns auch in diesem Advent wieder schwer zu schaffen macht, hat rund
um den Globus Reiche und Superreiche noch etwas reicher gemacht.
Das hat die Studie einer Schweizer Bank ergeben.
Allein in Deutschland sind demnach in den letzten beiden Jahren etwa 90 Milliarden Euro an Geld und Vermögen hinzugekommen. Manche verdienten vor allem im Bereich der Computertechnik und an allem, was mit Hygiene- und Gesundheitsartikeln zu tun hat. Und andere hatten einfach zur richtigen Zeit die richtigen Aktien im Depot und sind jetzt eben noch ein wenig vermögender.
Was wird wohl aus dem schönen neuen Geld?
Das würde Jesus vielleicht auch gerne wissen. Denn der hatte ja, folgt man den Bibelerzählungen, nichts gegen reiche Menschen. Aber Jesus konnte sie dann und wann richtig herausfordern mit der Frage, was es bedeutet, richtig reich zu sein.
Als einmal ein reicher junger Mann zu Jesus kommt und mit ihm redet, sagt Jesus einen Satz, der berühmt geworden ist: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Das ist ein starker Satz, bei dem es, wenn ich recht sehe, gar nicht ums Geld geht, sondern um etwas anderes, nämlich um Verantwortung. Es ist schön, reich zu sein. Aber was machst du mit deinem vielen schönen Geld?
Darauf fällt dem jungen Mann nichts mehr ein. Und das ist sein Problem. Dabei könnte die Antwort doch ziemlich einfach sein, oder? Vor allem in der Adventszeit …
Ich gebe etwas ab von dem, was ich habe. Ich muss nicht alles festhalten. Lieber teile ich. Und jede und jede teilt, was er oder sie verantworten kann. Und im Zweifel vielleicht einfach ein klein wenig mehr. Das ist ein schöner Gedanken, finde ich! Es ist eine wunderbare Gabe, etwas besitzen zu dürfen. Man kann sich mit seinem Besitz das Leben schön machen. Aber das war es dann ja noch nicht. Wie wäre es, höre ich Jesus fragen, wenn du noch ein Schrittchen weiterdenkst: Besitz ist schön, aber richtig reich bist du erst, wenn du auch abgeben kannst. Dann können sich nämlich noch andere ihr Leben etwas schöner machen.

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  Acht Kerzen

Acht Kerzen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.11.2021

Mittagsgebet 27. November 2021
In diesem Jahr hätten wir unter anderen Umständen 1700 Jahre Jüdisches Leben gefeiert - nicht nur daran gedacht - und dann wäre uns auch mit besonderer Freude aufgefallen, dass das Chanukkafest mit dem ersten Advent zusammenfällt.
Das jüdische Lichterfest hat seine Wurzel in der Erinnerung an die Wiedereinweihung des jüdischen Tempels 146 vor Christus. Nach der jüdischen Zeitrechnung ist das das Jahr 3597. Während ich das schreibe, staune ich still: so selbstverständlich orientiert sich unser Kalender noch immer an der Geburt Jesu. Unvorstellbar, dass sich das heute durchsetzen würde…
Zu Chanukka jedenfalls gehört nicht nur die Geschichte des Makkabäeraufstandes sondern auch ein Lichtwunder. Es gab eigentlich bei jener Einweihung nur Öl für einen Tag, aber es reichte acht Tage lang. Zeit, den Neuanfang zu feiern. Zeit, zu feiern, dass man überstehen kann und das man länger durchhalten kann als man dachte. Acht Tage lang staunen, wieviel Widerstandskraft in uns ist und sich zu vergewissern, dass wir nicht allein sind - denn dort, wo man als jüdische Familie sicher wohnen kann - steht der Chanukkaleuchter im Fenster…
Während ich der Geschichte des Festes nachgegangen bin, stieß ich in der „Jüdischen Allgemeinen“ auf eine spannende Debatte zwischen zwei jüdischen Denkschulen Beit Hillel und Beit Schammai. Man stritt über die ideale Art, die Chanukkakerzen anzuzünden. Nach Beit Schammai sollten am ersten Tag von Chanukka acht Kerzen und an jedem weiteren Tag eine Kerze weniger angezündet werden. Nach Beit Hillel sollte sich die Anzahl der Kerzen hingegen in jeder Nacht erhöhen.
Vielleicht spiegelt diese die Art und Weise wider, wie wir von solchen Geschichten zehren. Entweder schenken sie uns einen inspirierenden Monet, eine Art Erleuchtung, die nach und nach verglimmt und wieder in Vergessenheit gerät oder an Bedeutung verliert. Oder es wird eine Hoffnung gesät, die Wurzeln schlägt und Kraft gewinnt, bis aus einem winzigen Flämmchen richtig helles Licht geworden ist. Der Londoner Rabbi
Jonathan Sacks schloss daraus: „Es gibt immer zwei Wege, um in einer Welt zu leben, die dunkel und voller Tränen ist: Wir können die Dunkelheit verfluchen oder wir können ein Licht anzünden.“
Morgen ist für uns der erste Advent…

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  Das neue Kirchenjahr...

Das neue Kirchenjahr...

Marc Bühner, Prädikant - 26.11.2021

Ewigkeitssonntag liegt hinter uns und damit schließen sich die Pforten des alten Kirchenjahres und das neue Kirchenjahr öffnet seine um einen Spalt. Und wie bei allem Neuen wird gefragt, was es bringen wird und was wird uns erwarten?
Das neue Kirchenjahr beginnt übermorgen, also am kommenden Sonntag und damit die Adventszeit. Irgendwie hat man ja aber schon wieder seit Anfang November das Gefühl, das Advent ist. Im Fernsehen laufen schon seit Wochen irgendwelche amerikanischen Weihnachtsfilme, in den Regalen im Supermarkt liegt das Weihnachtsgebäck auch schon lange zum Kauf bereit und die Innenstadt ist geschmückt und auch viele Hausbesitzer haben weihnachtlich dekoriert und der Weihnachtsmarkt ist im vollen Gang. Die einen freuen sich sehr darüber und die anderen fragen sich, ob es in der derzeitigen Situation mit den steigenden Corona-Zahlen wirklich vernünftig ist.
Ja und so laufen auch wir mal wieder im vollen Gang, denn nun ist es auch an uns die Advents- und Weihnachtszeit vorzubereiten und halt alles was so dazu gehört. So beginnen wir das neue Kirchenjahr mit Hektik und Stress, wobei wir doch eigentlich in der kommenden Zeit die Ankunft unseres Herrn bedenken sollten. Nicht ohne Grund ist die Adventszeit eine stille Zeit und das zeigt uns auch die liturgische Farbe violett. Aber können wir uns auf die Ankunft unseres Herrn vorbereiten, bei allem was uns in diesen Tagen treibt?

Ein in Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne.
Dieser sagte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“
Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: „Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“
Er sagte wiederum: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“
Wieder sagten die Leute: „Das tun wir doch auch.“
Er aber sagte zu ihnen: „Nein! Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

Und? Wie sieht es mit Ihnen aus?
Sind Sie gerade noch mit Ihren Gedanken hier in der Andacht oder sind die Gedanken schon auf Ihrem weiteren Weg?
Ich wünsche uns allen immer das Richtige zur rechten Zeit in dieser doch hektischen und ungewöhnlichen Zeit.
Ach so: Und natürlich eine ruhige und besinnliche Adventszeit!

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  Zwischen den Jahren...

Zwischen den Jahren...

Marc Bühner, Prädikant - 25.11.2021

Wir sind nun zwischen den Jahren. Mit "zwischen den Jahren" bezeichnen wir ja die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Keine Angst, Sie haben Weihnachten nicht verpasst und ich bin nicht zu dumm den Kalender zu lesen. Diese Zeit meine ich gerade nicht. Ich meine jetzt, zwischen Ewigkeitssonntag und erstem Advent.
Das alte Kirchenjahr liegt hinter uns und wir gehen mit großen Schritten auf das neue Kirchenjahr zu, was am kommenden Sonntag mit dem 1. Advent beginnt.
Hatten wir doch gerade erst noch Ostern gefeiert und Trinitatis und war es doch auch gerade erst noch Sommer. Und so wie draußen das Wetter dunkler wurde, so wurden auch die Feste des Kirchenjahres dunkler. Volkstrauertag, Buß- und Bettag und der Ewigkeitssonntag, sie liegen nun aber auch schon wieder hinter uns. Es war die Zeit, in der wir über das Leben und vor allem über den Tod nachgedacht haben. Zugegeben, eigentlich möchte niemand über den Tod nachdenken, aber wir müssen. Und da ist es gut, dass im Lauf des Kirchenjahres wir auch damit beschäftigt werden. Schließlich gehört der Tod nun mal zum Leben dazu. Ein altes, deutsches Sprichwort sagt: „Den Tod frißt ein jeder mit dem ersten Brei.“ Ja, so ist der Lauf der Dinge. Müssen wir es deshalb einfach so hinnehmen? Wenn ja, dann brauchen wir nicht mehr groß darüber nachdenken und das tun manche Menschen auch. Sie denken nicht weiter darüber nach. Sie nehmen es als gegeben hin.
Und wir? Und ich meine damit wir Christen? Wir nehmen es nicht einfach hin. Wir denken darüber nach. Wir gedenken unserer Verstorbenen und denken daran, dass wir Staub waren und zu Staub wieder werden. Eigentlich trostlos – oder doch nicht? Denn: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben!“ So bekennen wir unseren Glauben, immer wieder. Sicherlich nicht unerschütterlich und fest, aber wir warten voller Sehnsucht auf den Tag, an dem der Glaube vom Schauen abgelöst wird.
Und noch eins: Unser himmlischer Vater hat in seiner schöpferischen Weisheit den Tod ans Ende gestellt. Stellen Sie sich vor, er hätte den Tod an den Anfang gestellt? Was wäre dann unser Leben: nichts!
Und am jüngsten Tage wird er auch den Tod nicht am Ende lassen, sondern das ewige Leben! Das glauben wir, darauf hoffen wir.

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  Jetzt

Jetzt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2021

Gestern habe ich hier das Evangelium über die zehn törichten und zehn klugen Jungfrauen vom letzten Sonntag des Kirchenjahres noch einmal vorgelesen und einen Aspekt herausgekommen: es gibt ein zu spät. Es gibt keine Entschuldigung, wenn wir uns aus Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht vorbreiten, nicht sorgen und nicht kümmern. Aber der Text hat noch andere Punkte:
Hören wir also ein drittes Mal hin:
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.
Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“
Ich glaube, dass dieses Gleichnis auf zweierlei Weise vom Reich Gottes spricht. Wie ein Senfkorn oder ein winziges bisschen Sauerteig ist es unter uns, nur eine Schimmer, eine Ahnung – aber eben auch eine Hoffnung.
Es ist da seitdem Gott Mensch geworden ist. Aber noch ist es nicht mehr.
Jetzt aber spricht Matthäus von dessen Vollendung. Auch das wird geschehen. Am Ende der Zeit, wenn es Tag und Stunde nicht mehr gibt oder um Mitternacht – dann wenn wir genau die Uhr stellen können und ein neuer Tag anbricht. Mit Datum. Es könnte morgen sein. Haben wir damit jemals gerechnet?

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   Zu spät

Zu spät

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2021

Das Evangelium über diesen letzten Tagen des Kirchenjahres ist immer anders schwer verdaulich. Vielleicht haben Sie es am Sonntag schon gehört:
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.
Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“
Es gibt Vieles an unbegreiflicher Härte in diesem Text. In diesem Jahr sprang mich im Gottesdienst gestern an:
Es gibt ein zu spät. Wir können die Zeit nicht beliebig verrinnen lassen. Es hat einen bitteren Preis, sich nicht zu vorzubereiten. Dass die Situation unabsehbar ist und alles elend lange dauert, entschuldigt Fahrlässigkeit und Sorglosigkeit nicht.
Wir werden die Verantwortung für das, was wir nicht besorgt und uns gekümmert haben, übernehmen müssen.
Es mag alles wieder gut werden – aber nicht für die, die ihren Teil nicht tun.
Das klingt so ganz anders als alle Gnadenzusage, als das „Wir sind Gott recht“.
Das klingt knochenhart und wird nicht milder. Wenige Zeilen später heißt es: Werft den unnützen Knecht hinaus. Wie gesagt: es ist keine Rede davon, dass Gott die nicht kennen will, die scheitern, die sich kein Öl hätten besorgen können.
Er will die nicht kennen, die gedankenlos zum Fest wollen – als gäbe es keine Nacht und kein Morgen.

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  Kirche 2030

Kirche 2030

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.11.2021

Während ich am Schreibtisch sitze, habe ich immer wieder dem Lifestream der Landessynode zugehört. Es sind lange Debatten und ist gut, wenn sich Zeit genommen wird, einander zuzuhören. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, die Menschen und ihre Einschätzungen auch.
Ein wichtiger Tagesordnungspunkt ist der sogenannte Zukunftsprozess. In verschiedenen Arbeitsgruppen wird darüber nachgedacht, wie unsere Kirche in Zukunft aussehen und arbeiten könnte. Es geht um Versorgung in der Fläche, um Profis und um Professionen, um Zielzahlen und Strukturen.
Weil es ein Prozess ist, muss man damit leben, dass das Ergebnis noch nicht feststeht und auch mit einiger Leidensfähigkeit ertragen, dass es oft so zäh und mühsam vorwärts geht. Auch so gesehen, ist eine Synode Ende November gut terminiert. Es geht um die vorletzten Dinge, das was wir hier auf Erden tun und lassen, verantworten müssen.
Und während ich dem Ringen noch zuhörte, sagt einer: „Irgendwie bräuchte man doch noch ein Bild von dieser Kirche 2030.“ Und er wünsche sich dafür fünf klare Sätze. Die Wörter „Problem“, „schrumpfend“, „Mitglieder“ und Kirchensteuern“ sollten bitte nicht vorkommen.
Da hat er Recht. Es gibt so viele bessere Wörter: Geschwisterlichkeit und Auferstehung, Fülle und Segen, gute Nachricht, Begegnung, Umkehr, Barmherzigkeit, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Normalerweise versuchen wir hier mit dem Kirchenjahr streng zu sein:
Kein Weihnachten im Advent, kein Advent vor Totensonntag, kein Ostern vor Karfreitag. Einerseits. Denn solche gute Ordnung schafft Klarheit und hilft, sich vorzubereiten und den Weg mitzugehen.
Aber andererseits ist alles doch immer schon gewesen!
Der Geist, der tröstet und begeistert, der uns verbindet und hilft, das wir uns verstehen, kommt nicht erst in einem halben Jahr zu Pfingsten. Der Stern, der uns dorthin führt, wo Jesus Christus mitten unter uns gegenwärtig ist, scheint immer. Auch jetzt und über der Synode und warum nicht in einem Gottesdienst 2030? Mögen uns die genialen fünf Sätze jetzt nicht einfallen, so gilt doch, „dass Gott sich finden lassen wird, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen werden.“

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  Ströme lebendigen Wassers

Ströme lebendigen Wassers

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2021

Heute Morgen habe ich eine Geschichte gehört – ich weiß nicht mehr, wer sie geschrieben hat – aber das Bild war einprägsam. Ein Liebespärchen wandert tagtäglich an einem Kanal entlang. Die Hochzeit steht bevor und sie planen. Die Rede ist von einer Garage und einem Bad, Zentralheizung. Was man so braucht...
Als die Hochzeitsannonce in der Zeitung erscheint, der Tag gekommen ist, werden die beiden vermisst. Man findet ihre Kleider am Kanal und später auch das Liebespaar, eng umschlugen.
Wäre, so fragt sich der Erzähler, das alles anders ausgegangen, wenn die beiden jeden Abend an einem Fluss und nicht an einem Kanal spazieren gegangen wären? Hätten die beiden dann anders geträumt und gedacht?
Ein Fluss nimmt überraschende Biegungen, mal fließt er ruhig und unaufgeregt dahin, mal gibt es Stromschnellen, das Wasser ist hier flacher und dort tiefer – und überhaupt: von der Quelle bis zur Mündung wird manchmal aus einem Rinnsal ein breiter Strom, dann wieder aus einem kalten Gebirgsbach ein lieblicher Fluss.
Ein Kanal dagegen ist eine menschengemachte Wasserstraße. Er ist darauf angelegt, absehbar zu sein, Überraschungen und Umwege sollen tunlichst vermieden werden. Für ein Transportsystem ist es äußerst wünschenswert, Klarheit über Weg und Dauer für die Bewältigung einer Strecke zu haben. Aber für unser Leben ist solche Geradlinigkeit beängstigend.
Es gäbe keinen Ausweg, keine Veränderung, keine unerwartete Herausforderung, keine unverhoffte Richtungsänderung, keine neue Chance.
Wir wären fest eingespannt in den knallharten Zusammenhang von Tun und Ergehen, Ursachen und Wirkung – ausweglos verdammt, in die einmal festgelegte Richtung zu fahren. Das kann vielleicht sogar gut ausgehen – aber allermeist ist es eine hoffnungslose Vorstellung.
Auch die Bibel erzählt von Wasser.
Es kann totbringend über Menschen zusammenschlagen oder sich lebensbedrohlich verströmen. Dann wieder macht es uns rein und schenkt als Taufwasser einen neuen Anfang. Es löscht Durst – nicht nur den des Leibes, sondern auch den nach Gerechtigkeit und Freiheit.
Gott verheißt es als „Ströme lebendigen Wassers“ – kaum vorstellbar, dass es kanalisiert werden kann. Nicht auszudenken, wenn Gnade nur erfährt, wer sie absehbar verdient. Wenn zwingend eintrifft, was wir auf die Spur gesetzt haben.

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  Ermutigung

Ermutigung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.11.2021

In dieser Woche ist Wolf Biermann 85 Jahre alt geworden. Eines seiner berühmtesten Lieder heißt: „Ermutigung“. Und beginnt so:
„Du, lass dich nicht verhärten / In dieser harten Zeit.“
Wie schwer muss eine Zeit sein, wenn die Ermutigung darin besteht, nicht hart zu werden. Die Gründer und Mitarbeiter von „Memorial“, einer internationalen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau zum Beispiel stehen kurz vor dem Verbot. Soll man da nicht hart werden und sei es nur, um nicht mehr ganz so empfindlich zu sein?
Verhärtung…
Ein Herz aus Stein oder ein Herz aus Fleisch? Die Bibel kennt das alte Bild genauso wie den Hinweis, dass Ehescheidung möglich sein muss – unserer Herzenshärtigkeit wegen. Menschliche Herzen sind gefährdet, sehr hart zu werden. Die Mosegeschichte erzählt in großen Bögen von der immer weiter fortschreitenden Verhärtung des Pharaos gegenüber den Bitten des Mose, sein Volk in die Freiheit zu entlassen. Solche Verhärtung mag reine Abwehr sein, vielleicht kommt sie dem Entstehen von Mitgefühl sicherheitshalber zuvor – jedenfalls führt sie direkt ins Scheitern: für den verhärteten Pharao und für die Menschen, für die er verantwortlich ist – die Ägypter, über die Gottes Plagen mit Wucht hereinbrechen.
Auch wir erleben Härte, nicht nur bei politisch Verantwortlichen.
Manchmal kann man der Versteinerung regelrecht zusehen und ahnt wieviel Bitternis und Leid folgen werden. Auch für den, der hart wird, denn:
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich
Verletzlich und berührbar sein zu wollen und zu bleiben, braucht Mut – aber von daher kommt auch die Hoffnung, denn Gott hat uns nicht einen „Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe“ – oder mit den Worten des alten Barden:
„Wir woll'n es nicht verschweigen / In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen / Wir wolln das allen zeigen / Dann wissen sie Bescheid.“

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  Kosten aufrechnen

Kosten aufrechnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.11.2021

In den Materialien der ökumenischen Friedensdekade finden sich neben Meditationen, Literaturtipps, Filmempfehlungen und Lebenserinnerungen auch Zahlen. Teilweise sind sie so groß, dass ich sie mühsam gliedern muss, um überhaupt aussprechen zu können, wovon ich rede. Vorstellen kann ich mir diese Größenordnungen ohnehin nicht – darum sind Gegenrechnungen von Rüstungs- und Sozialausgaben allein deswegen erhellend, weil sie Dimensionen illustrieren.
So klingt das:
Eine Flugstunde im Eurofighter: 67 852,00€
Eine Sozialwohnung: 60 000€
Nachfolgeauftrag für den Panzer Leopard 2: 100 000 000 000€
Sanierung deutscher Hochschulen und bestandserhaltende Maßnahmen in den Krankenhäusern: 53 000 000 000€
Weltweite Militärausgaben 2019: 1 589 000 000 000€
Stopp der Klimakrise und des Welthungers: 1 061 000 000 000€
„Aufrüstung tötet auch ohne Krieg“
So hieß ein Buch von Dorothee Sölle als ich noch ein Schulkind war.
Seither hat sich nicht viel verändert.
Seither haben Menschen immer wieder dafür gestritten und geworben, die Logik der Abschreckung und Aufrüstung endlich zu überwinden.
Ist es naiv, anderer Wege suchen zu wollen?
Ist es sinnlos, angesichts solcher Zahlen von David zu erzählen?
Der hatte, wie jeder weiß, nur eine Schleuder und fünf glatte Steine.
Die Philister hingegen, so erzählt die Bibel, waren martialisch gerüstet.
Militärische Aufrüstung ist für David keine Option.
Sie wird ausdrücklich verworfen und findet ihr Bild darin, dass David in der Rüstung, die Saul ihm zur Verfügung stellt, nicht gehen kann.
Er ist vollkommen unbeweglich.
Um die Situation zu verändern, muss er seine Berufs- und Lebenserfahrung in den Konflikt einbringen. Das tut er nicht kampflos – sondern als der Hirte, der er ist und der seine Vision von einer humaneren Gesellschaft verteidigt.



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  Ungemalte Bilder

Ungemalte Bilder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.11.2021

„Wer ist bereit, dem Herrn heute eine Gabe zu bringen?“
So heißt es heute in den Tageslosungen aus dem ersten Buch der Chronik. Eine Gabe für unseren Gott. Was könnte das sein?
Ein Moment uneingeschränkter Hingabe?
Bewusstsein dafür, wie unverdient und unvergleichlich gut es mir doch trotz allem geht?
Zehn Tage mit Friedensgebeten, in denen wir nicht übersehen, wieviel Unglück durch Kriege entsteht – Kriege ,die nicht abstrakt irgendwo gewonnen oder verloren werden, sondern Menschenleben kosten und Biographien prägen, Familien zerstören.
Vielleicht ist eine Gabe an Gott auch der dankbare Blick auf das, was mir zuteilwurde durch die, die er zu meinen Nächsten macht?
So sehend habe ich einmal mehr das Heft der Aktion Sühnezeichen 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion in die Hand genommen. Jede Seite, jedes Bild ist mit solcher Sorgfalt gesetzt und gewählt – ich kann nur ahnen, wieviel Lebenszeit und Herzblut allein in diesem 60-Seiten-Magazin steckt.
Und ich fühle mich gegrüßt von denen, die es gemacht haben, auch wenn wir uns nicht kennen. Wir erkennen und bestärken uns.
In dem Heft finden sich etliche Porträts. Es sind junge und alte Gesichter. Die einen haben einen Friedensdienst bei Aktion Sühnezeichen gemacht und werden die Geschichten und Begegnungen dieser Zeit in ihren Herzen bewahren und in ihr Leben mitnehmen. Die anderen haben ihre Kindheit und Jugend in einem grauenvollen Krieg verloren, waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, sind KZ-Überlebende.
Die Furchen in ihren Gesichtern sind tief. Aber Gott sei Dank: ich finden in ihren Gesichtern keinen Hass. Einer heißt Victor Sabulis, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, aus Odessa und er sagt: „Wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht ein noch freundlicherer Mensch geworden. Wahrscheinlich wäre ich Maler geworden."
Seine ungemalten Bilder fehlen uns. Sie fehlen genauso wie angesungene Lieder und ungehaltene Reden. Gaben, die uns jetzt helfen würden, einander nicht aus den Augen verlieren. Gaben, die wir Gott und einander hätten schenken können. Es ist so viel verloren worden und trotzdem noch kein Frieden. Auch deshalb gibt es die Friedensdekade.

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  Klagen

Klagen

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.11.2021

„Wie geht’s?“ „Ach, ich kann nicht klagen.“ Diesen kurzen Dialog kennen wir wahrscheinlich alle. Die Frage nach dem Wohlbefinden wird beantwortet mit einer augenzwinkernden Umschreibung von „Mir geht es gut“. Ich kann nicht klagen. Damit soll fast immer gesagt werden: Ich habe keinen Grund, zu klagen. So verstehen wir es jedenfalls meistens. Doch es könnte auch bedeuten, dass der Gefragte Gründe genug hat, es aber einfach nicht kann.
In der Bibel gibt es ein ganzes Buch, dass sich mit diesem Thema beschäftigt, die Klagelieder im Alten Testament. Wer sie verfasst hat, ist unklar, bisweilen werden sie dem Propheten Jeremia zugeschrieben, doch das ist eher unwahrscheinlich, im Grunde aber auch nicht wichtig. Inhaltlich geht es um die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 586 v. Chr.
„Ach, wie einsam ist sie geworden, die Stadt, die so voller Menschen war. Sie weint bitterlich in der Nacht, Tränen rinnen über ihre Wangen. Niemand ist da, der sie tröstet.“ So lauten die ersten Verse. Jerusalem ist gemeint, doch diese Worte hätte man im Oktober 1944 auch über Braunschweig sagen können, im August 1945 über Hiroshima, im November 1940 über Coventry.
Der Verfasser dieser Verse konnte klagen. Er konnte seine Trauer, seine Wut und seine Verzweiflung in Worte fassen, konnte benennen, was schwer war und er konnte es adressieren. „Gott, du hast mit meinen Seelenfrieden genommen“, so bringt er es auf den Punkt.
Macht es sich da einer mal wieder zu leicht? Da hat es einen Krieg gegeben, Jerusalem liegt in Schutt und Asche und Gott ist schuld. Da hat es einen Krieg gegeben, Coventry, Braunschweig und Hiroshima liegen in Schutt und Asche und Gott ist schuld? Nein, das ist er ganz sicher nicht. Die Verantwortung liegt nicht bei ihm, sondern bei uns. Es waren und es sind Menschen, die sich dazu entschließen, gegeneinander Krieg zu führen. Und am Rande bemerkt: Diejenigen, die diese Entscheidungen treffen, sind meist am wenigsten betroffen.
Doch ich möchte das Thema „Verantwortung“ gar nicht so sehr strapazieren. Ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass sich der oder die Klagende hier zurecht an Gott wendet, völlig unabhängig davon, wer hier nun woran Schuld ist.
Gott hat uns zugesagt, für uns da zu sein. „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Diese Einladung spricht uns Jesus Christus zu. Und er sagt nicht: “Aber nur, wenn ich auch wirklich zuständig bin.“ Wir dürfen mit allem Mist zu ihm kommen, können in uns aufräumen und alles, was uns bedrückt, vor ihn bringen. Das entlastet und befreit. Und es ist eben auch eine Aufforderung, das Klagen zu üben. Denn es braucht unsere Sprachfähigkeit, damit wir selbst erst einmal Klarheit darüber bekommen, was uns denn tatsächlich auf der Seele liegt.
Wenn wir das wissen, dürfen, ja sollten wir es rauslassen, dürfen wir klagen und uns auch beklagen und damit mit dem einen oder anderen sorgenbehafteten Thema unseren Frieden machen. Dafür hat Gott stets ein offenes Ohr. Klagen ist wichtig. Amen.

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  Nicht erst irgendwann, sondern jetzt!

Nicht erst irgendwann, sondern jetzt!

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.11.2021

Schwerter zu Pflugscharen - unter diesem Bibelwort aus dem Buch des Propheten Micha steht seit über 40 Jahren die Ökumenische Friedensdekade. Wörtlich heißt es dort im Alten Testament: „Gott wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
Das klingt alles ganz wunderbar und man möchte nur noch fragen: „Wo muss ich unterschreiben?“ Dabei dürfen wir allerdings ein kleines Detail nicht übersehen: Der Text steht im Futur. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ja, wann wird es denn soweit sein?, ist die schlüssige Frage, die sich aufdrängt. Und der Prophet Micha beantwortet sie mit: „In den letzten Tagen“.
Das ist nun mehr als desillusionierend. Wann beginnen denn diese letzten Tage und wenn es ohnehin die letzten sind, ist dann nicht sowieso alles egal? In mir regt sich Widerspruch gegen diese Perspektive, denn ich denke, dass es doch möglich sein muss, Frieden auf dieser Welt zu haben, bevor der jüngste Tag anbricht.
Ja, Gott selbst hat gesagt, dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist. Aber wenn das denn das Ende der Geschichte sein soll, dann frage ich mich, warum er den ganzen Aufwand betrieben hat, selbst Mensch zu werden und in Jesus Christus in diese Welt zu kommen?
Immer und immer wieder sagt Jesus zu uns Menschen: Frieden sei mit Euch! Das tut er doch nicht, weil es nett klingt und irgendwie sympathisch rüberkommt. Nein, er meint das ganz ernst und es ist, so wie ich es verstehe, Wunsch und Aufforderung gleichermaßen.
Es liegt in der Verantwortung von uns allen, dafür Sorge zu tragen, dass der Friede eine Chance hat. Jesus wünscht uns, dass wir bei unseren Bemühungen erfolgreich sein werden und er zeigt uns, welche Schritte zum Ziel führen. Er lebt uns vor, wie wir respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen können, woher wir die Kraft und den Mut dazu bekommen und wie es eine Freude für jede und jeden einzelnen sein kann, so zu leben.
Doch er hat eben keinen Zauberstab, mit dem er unseren freien Willen gerade in diesem Punkt soweit beeinflussen könnte, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kämen, irgendetwas zu denken, zu sagen oder zu tun, was schlecht oder böse ist.
Wir müssen das selber hinkriegen. Dass wir Menschen insgesamt dabei nicht die Besten sind, zeigt die Geschichte ebenso eindrucksvoll wie ernüchternd. Ich möchte aber einfach nicht aufhören, daran zu glauben, dass wir es hinbekommen können und uns einer Welt nähern, die dann schon jetzt so aussieht, wie der Prophet Micha sie beschreibt. Das Zeug dazu haben wir. Wir müssen es einfach nur machen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Eine heilige Pflicht

Eine heilige Pflicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.11.2021

Wir sind mitten in der Friedensdekade und über diesem Tag heute heißt es aus dem Propheten Jeremia: „Weicht den von den felsige Hängen der Schnee des Libanon? Oder versiegend die laufenden Wasser aus sprudelnden Quellen…?“
So alt ist der Text und doch so aktuell, denn die Lebensbedingungen so vieler Menschen im Libanon sind erbärmlich. Es fehlt an allem. Genauso wie im Irak oder in Afghanistan. Es ist nicht lange her, dass wir der Katastrophe in Kabul zugesehen haben und erinnert wurden, dass es mal hieß, „unsere Freiheit würde am Hindukusch verteidigt“.
Leicht vergisst sich, was man nicht wahrhaben oder gern erinnern will.
Die vielen Flüchtlinge im Jahr 2015 setzten sich in Bewegung, weil zugesagte Hilfsgelder aus der westlichen Welt fehlten und deshalb die Situation in den großen Lagern unerträglich wurden.
Auf der Insel Lesbos haben „effektiver“ Grenzschutz und Abschreckung absolute Priorität. Deswegen hausen Menschen wie Tiere in Zelten, eingesperrt und ohne Hoffnung. An der polnischen Grenze werden derzeit Europas Wohlstand und Sicherheit verteidigt, vielleicht auch die Menschenrechte der Westeuropäer.
Aber was ist mit den Menschen in den Wäldern?
Flüchtlinge als Waffen.
Kinder als Waffen.
Frauen als Waffen.
Mag es das Ziel der Diktatoren in Minsk und Moskau sein, vorzuführen, dass die EU mit ihren westlichen Werten scheitert. Sie erreichen es – auf Kosten von Menschen, die nicht wegen der Reisefreiheit, sondern aus existentieller Not ihre Heimat verlassen haben und fortgegangen sind aus Weltgegenden, in die wir Waffen geliefert haben, deren Konflikte wir wegen diverser Verteilungskämpfe nicht befriedet haben.
Im jüngst erschienen „Gemeinsamen Wort der deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland – Migration menschenwürdig gestalten“ heißt es: „Die Bibel erinnert … daran, dass der Schutz des Lebens jedes einzelnen Menschen eine heilige Pflicht ist.“
Wenn das nicht der Maßstab unseres Handelns an der polnischen Grenze ist, wird nichts gut werden.

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  9. November

9. November

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.11.2021

Es klingt beinahe abgedroschen, dennoch ist die Formulierung richtig: Der 9. November ist ein deutsches Schicksalsdatum. In den vergangenen gut 100 Jahren fallen vier gravierende und unsere Geschichte nachhaltig verändernde Ereignisse auf einen 9. November: 1918 endet mit der Abdankung Wilhelms II. die Monarchie und Deutschland wird zur Weimarer Republik, 1923 versuchen Adolf Hitler und Erich Ludendorff gegen diese parlamentarische Demokratie zu putschen, was misslingt, den Nationalsozialisten aber zu erhöhter Popularität verhilft, 1938 dann die Reichspogromnacht und 1989 schließlich der Fall der Mauer.
Die Ereignisse sind nicht auf einen Nenner zu bringen, denn sie sind ihrem Charakter und ihrer Bedeutung nach so weit auseinander, wie es weiter nicht sein könnte.
Der 9. November 1938 markiert den Übergang von der immer perfider werdenden Diskriminierung der Juden in Deutschland hin zu ihrer systematischen Vertreibung und Ermordung. Die Pläne für die Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser lagen seit Längerem in den Schubladen der Nazis und es war eben nicht eine spontane Entladung des deutschen Volkszornes, wie es im Nachhinein propagiert wurde, sondern eine von den Machthabern initiierte und geplante Aktion. Mehr als 1.400 Synagogen und Tausende jüdischer Geschäfte wurden angezündet und zerstört. Mehrere Hundert Juden wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November ermordet oder sie nahmen sich verzweifelt und voller Angst das Leben.
Im Epilog aus Berthold Brechts Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ heißt es: „Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert / Und handelt, statt zu reden noch und noch. / So was hätt' einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch / dass keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Vor 80 Jahren geschrieben, an Aktualität kaum zu übertreffen, denn die Zeichen eines wachsenden Antisemitismus in unserem Land sind nicht zu übersehen. Diejenigen, die Anschläge auf Synagogen in den sogenannten sozialen Netzwerken laut und unverhohlen beklatschen, werden mehr und mehr, nutzen Querdenker- und sonstige Corona-Demonstrationen für ihre Zwecke und finden mittlerweile sogar in der Nähe einer im Bundestag vertretenen Partei ihre zweifelhafte politische Heimat.
Wir Christinnen und Christen stehen aus meiner Sicht in einer besonderen Verantwortung, wenn es darum geht, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Zum einen, weil es der Botschaft des Evangeliums diametral entgegensteht, zum anderen weil sich auch unsere evangelische Kirche im Dritten Reich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Viele evangelische Christinnen und Christen und eben auch die Institution Kirche an sich haben das Handeln der Nazis mehr oder weniger stillschweigend gebilligt, wenn nicht sogar offen befördert.
Es ist gut, dass dieser 9. November in die Friedensdekade fällt, denn Frieden kann nur werden, wenn Hass, Gewalt und Unterdrückung weichen und Respekt und Wertschätzung unser Miteinander bestimmen. Dafür einzutreten, heißt Jesu Beispiel zu folgen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ohne Einschränkung und ohne Ausgrenzung. Amen.

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  Reichweite Frieden

Reichweite Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.11.2021

„Reichweite Frieden“, so lautet das Motto der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade, die wir auch hier bei uns am Dom mit besonderen Andachten und Gottesdiensten begehen. Reichweite Frieden – wie weit reicht er denn tatsächlich oder anders gefragt: Wie weit muss Frieden reichen, damit es besser wird auf dieser Welt?
Um eine Reichweite zu messen, muss ich einen Anfangspunkt haben. Wo ist der Anfangspunkt für Frieden? Liegt er in der Politik, in den Parlamenten, bei den Machthabern der internationalen Staatengemeinschaft? Oder müssen wir den Anfangspunkt ganz woanders suchen? Ich meine, dass er in unseren Gedanken und Empfindungen liegt. Denn dort entsteht das, was unser Miteinander prägt. Dort liegen unsere Werte, unsere Zu- und Abneigungen, unsere Haltung unseren Mitmenschen gegenüber.
Und ein weiterer Meilenstein sind die Worte. Sie zeigen an, wo Respekt und Wertschätzung den Ton angeben und sie zeigen eben auch an, wo genau diese fehlen. Vielerorts wird angemerkt, dass sich deutliche Tendenzen zur Verrohung unserer Sprache zeigen. Da werden dann Menschen als unnütze Subjekte bezeichnet, und Menschenleben mit qualifizierenden Kategorien von wertvoll und weniger wertvoll belegt.
Und es darf niemanden mehr verwundern, dass aus solchen Worten eben auch Taten werden. Deshalb ist es so wichtig, die Macht der Worte nicht zu unterschätzen. Am Wochenende gab es in Leipzig mehrere Demonstrationen von Impfgegnern und Kritikern der Corona-Maßnahmen. Im Fernsehen konnte man einige kurze Interviews mit Teilnehmenden sehen und der abgrundtiefe Hass, der in einigen der Befragten sichtbar wurde, ist schockierend.
Sicherlich gibt es Menschen, die aus einer ehrlichen und verzweifelten Besorgtheit zu diesen Demonstrationen gehen. Doch es gibt eben bedenklich viele andere, die durch gezielte Desinformation, das gebetsmühlenartige Wiederholen von Verschwörungstheorien und anderen Lügen ihre eigenen Ziele verfolgen, die mit Freiheit, Demokratie und eben auch mit Frieden aber auch so gar nichts zu tun haben.
Die Stimmung in Leipzig war, wie bei den meisten anderen Demonstrationen dieser Art auch, von Misstrauen, Hass und einer latent spürbaren Gewaltbereitschaft bestimmter Teilnehmergruppen geprägt. Da war dann augenscheinlich kein Frieden mehr, doch seine Reichweite hat bereits viel früher aufgehört. Frieden hört schon in uns auf, hat keine Chance, auch nur ansatzweise zu wachsen, wenn Menschen ihm in ihrem Inneren keine Nahrung mehr geben.
Reichweite Frieden – es liegt an uns, an jeder und jedem Einzelnen immer wieder auch uns selbst zu überprüfen, ob wir nicht nur sagen, dass die Anderen endlich Frieden machen sollen, sondern ob wir selbst ihn stärken – in unserem eigenen Denken, Reden und Handeln.
Jesus Christus sagt in der Bergpredigt: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Wir können selbst entscheiden, ob wir dazugehören wollen. Amen.

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  Safety first?

Safety first?

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.11.2021

Wir Deutsche sind ganz weit vorne im Abschließen von Versicherungen. Haftpflicht-, Kraftfahrzeug-, Hausrat-, Rechtsschutz-, Unfall-, Berufsunfähigkeit-, Lebens- und Haustierkrankenversicherung sind nur ein paar Beispiele dafür. In Amerika kann man sich für umgerechnet 12,00 Euro pro Jahr auch gegen das Steckenbleiben im Fahrstuhl oder als werdender Vater gegen das Ohnmächtig-Werden im Kreißsaal versichern. Für letzteres weiß ich die aktuelle Jahresprämie grad nicht. Die lässt sich aber sicher in Erfahrung bringen, falls jemand Interesse hat.
Sicherheit zu haben, ist gut, kritisch wird es allerdings, wenn man vor lauter Risikobewusstsein nur noch in einer latenten Angst lebt, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte. Eine solche Lebensangst kann lähmen, alle Freude und Leichtigkeit nehmen und zu einer echten Belastung werden. Dagegen kann man sich dann übrigens nicht versichern.
So oder so ähnlich dachten wohl auch einige Leute in der jungen christlichen Gemeinde in Galatien. Sie hatten, so wie Paulus im Übrigen auch, jüdische Wurzeln, waren im jüdischen Glauben aufgewachsen und mit den Regeln der Tora bestens vertraut.
Klar, sie bekannten sich zu Jesus Christus. Aber von der Beschneidung wollten sie auch nicht lassen, denn sie war wesentlich für ihren bisherigen Glauben und sie besiegelte den Bund mit Gott und bestätigte die Zugehörigkeit zu Israel, Gottes auserwähltem Volk.
Vielleicht dachten sie auch: Sicher ist sicher; falls das mit Christus nun doch nicht so funktioniert, wie gedacht, dann haben wir bei Gott immer noch den Fuß in der Tür, und das mit vergleichsweise geringem Aufwand.
Doch nun kommt Paulus um die Ecke und sagt: Wenn Ihr euch beschneiden lasst, wird euch Christus nichts nützen. Das wollte ganz sicher nicht jeder hören, denn es bedeutete mit anderen Worten: Entweder, du bekennst dich zu Christus, oder du lässt es bleiben. Irgendwas dazwischen funktioniert nicht.
Aber Paulus haut ihnen das nicht einfach so um die Ohren, denn er sagt weiter: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Am vergangenen Sonntag war Reformationstag und dazu passt dieses Pauluswort bestens. Denn es beschreibt kurz und knapp auch Luthers Position und ist somit aus unserer evangelischen Grundüberzeugung nicht mehr wegzudenken.
Paulus sagt, dass Christus dafür gesorgt hat, dass des Menschen Seelenheil nicht mehr davon abhängt, dass man jede einzelne Regel des Alten Testaments bis in die letzte Nachkommastelle 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr im Blick hat und dass allein die Einhaltung dieser Regeln lebensbestimmend wird. Von dieser Knechtschaft, von diesem Joch der Regeln, Gesetze und Vorschriften hat Christus uns befreit und sie durch Gnade ersetzt.
Klingt nach Anarchie, ist es aber nicht. Denn Paulus schlussfolgert richtig weiter: Wenn jemand fest im Glauben steht, dann wird er sich ganz automatisch an dem orientieren, was Christus uns vorgelebt hat. Paulus sagt, dass der Glaube in Liebe tätig wird. Und so ist es auch, niemals in Perfektion, sondern auch immer wieder mit Pleiten, Pech und Pannen, die zu jedem Leben dazugehören. Doch der Kurs sollte stimmen – und zwar aus Überzeugung, aus unserer christlichen Grundhaltung und aus der Freiheit eines Christenmenschen. Amen.

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  Eine Rübe und ein Stück glühende Kohle

Eine Rübe und ein Stück glühende Kohle

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.11.2021

Die Sache mit der Lutherrose im Kürbis - eine Empfehlung aus dem Reformationstagsmaterial der niedersächsischen Kirchen - geht mir immer noch nach…
Wie kommt der Kürbis zur Reformation? Traditionsgeschichtlich scheinen sich da der katholische Feiertag „Allerseelen“ und alte keltische Bräuche in Gegenden mit Kürbisanbau vermischt zu haben.
Den einen ging es um das Gedächtnis ihrer Verstorbenen und anderen um die Rückkehr deren Seelen in den Tagen, wenn auch das Vieh von draußen in die Ställe zurückgeholt wird. Dabei fürchtete man offenbar, nicht nur den Seelen der Verstorbenen Zuflucht zu gewähren sondern auch bösen Geistern. Letztere sollten mit Feuer abgeschreckt werden.
Der heutige Brauch, Kürbisfratzen zu schnitzen, geht vermutlich auf den irischen Bösewicht Jack Oldfield zurück. Dieser musste nach seinem Tod auf der Erde umherirren, denn als Bösewicht konnte er nicht in den Himmel und die Hölle war ihm versperrt, weil er den Teufel überlistet hatte. Immerhin schenkte der ihm eine Rübe und eine glühende Kohle für seinen Weg durch die Dunkelheit. Aus der Rübe wurde später ein Kürbis, in dem man eben Fratzen schnitt – damit das Böse draußen bleibt.
Freundliche Kürbisgesichter sind also sowieso ein Missverständnis oder eben bestenfalls herbstliche Dekoration. Wer es genau nimmt, so habe ich inzwischen von Halloweenexperten gelernt, der schnitzt hinein, was er bannen und jedenfalls nicht im Haus haben will: Corona oder Drogen, unheimliche Monster, böse Gedanken, schlechte Gesellschaft, Schulden, , Intransparenz, Stress, Erschöpfung.
So gesehen ist es wirklich eine merkwürdige Idee, ausgerechnet eine Lutherrose schnitzen zu sollen – es sei denn man will das Gedächtnis an den Reformator und seine Kirchenkritik wirklich draußen halten.
Darum wenn schon Kürbisse – dann hätten wir unsere Engstirnigkeit, unseren Kleinmut, die Selbstgerechtigkeit oder all die Zweifel hineinschnitzen sollen, mit denen wir uns so abplagen und die uns hindern, Licht der Welt zu sein.
Martin Luther wäre vermutlich nicht auf so eine Idee gekommen – so dunkle Zeiten er auch erlebt haben mag.
Er wusste, dass uns das Licht von Jesus Christus herkommt – nicht von beleuchteten Feldfrüchten.

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  Glasgow

Glasgow

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.11.2021

Die Augen der Welt sind auf Glasgow gerichtet, doch nicht, weil die Rangers 1 – 6 gegen Motherwell gewonnen haben, auch nicht, weil gestern in der Kathedrale St. Mungo ein festlicher Gottesdienst gefeiert wurde und ebenso nicht, weil die Müllabfuhr in der Stadt noch immer bestreikt wird. Nein, es geht um Größeres, es geht um Existenzielles und zwar um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunftsaussichten unseres Planeten, um nicht mehr und nicht weniger als unsere und die Lebenschancen nachfolgender Generationen.
COP26, so lautet der offizielle Titel der UN-Klimakonferenz, die bis zum 12. November in Glasgow tagt. Sie muss liefern – konkrete Maßnahmen, konkrete Zeitpläne, konkrete Ziele. Dass das gelingen wird, ist nach den eher schwammigen Vereinbarungen und Erklärungen des gestern zu Ende gegangenen G20-Gipfels in Rom nicht wahrscheinlicher geworden.
Dass akuter Handlungsbedarf besteht, wird mittlerweile von den meisten teilnehmenden Staatenvertretern nicht mehr in Zweifel gezogen, wobei es einige Ignoranten tatsächlich und trotz aller wissenschaftlicher Belege für die von Menschen zu verantwortenden Ursachen des Klimawandels noch immer gibt.
Nichtsdestotrotz führt die Akzeptanz trotzdem viel zu oft zu Aussagen, die der Karikaturist Gerhard Mester heute in der Braunschweiger Zeitung angesichts einer brennenden Welt so treffend ins Bild gesetzt hat: „Man müsste dringend was unternehmen!“ „Ich bin dabei, wenn alle anderen mitmachen.“ „Ich würde ja helfen, aber…“
Es ist immer dasselbe Spiel: Wenn wir gefordert oder sogar gezwungen sind, deutliche Veränderungen in unserem Leben vorzunehmen, dann wird es schwierig. Wer schon einmal versucht hat, sich das Rauchen abzugewöhnen, weiß wovon ich rede. Doch wenn es sich dann auch noch um Veränderungen handelt, von denen ich persönlich und unmittelbar keinen Vorteil habe, sondern nur eine vage Perspektive auf eine ausbleibende Verschlimmerung in der Zukunft, oder sogar vordergründig Nachteile in Kauf nehmen muss, dann bedarf es einer erheblichen Motivation, um eigene bzw. nationale Egoismen hintanzustellen.
Doch es ist noch nicht einmal immer ein Nicht-Wollen, dass konkrete Fortschritte verhindert. Bei einigen der Beteiligten ist es auch ein Nicht-Können. Viele der Maßnahmen auf dem Weg zu Klimaneutralität kosten neben politischem Mut auch viel Geld und das ist gerade bei den Schwellen und Entwicklungsländern mehr als knapp.
Was hülfe, wäre Solidarität zwischen den Reichen und den Armen. Und was somit eben auch auf der Agenda steht, ist mal wieder das Thema einer gerechteren Verteilung von Lebenschancen auf dieser Welt.
Der Apostel Paulus schreibt: „Aber Gott hat den Leib zusammengefügt, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.“ Er hat dies auf das Miteinander von Christinnen und Christen bezogen, doch es passt auf das Miteinander in der Staatengemeinschaft in gleicher Weise.
Es wäre mehr als zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis bei allen Beteiligten in Glasgow durchsetzt. Dafür zu beten, kann ganz sicher nicht schaden. Amen.

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  Koexistieren

Koexistieren

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.10.2021

Wenn man unmittelbar vor der Haustür auf ein Schild trifft, das einen auffordert, Koexistenz mit der Natur ernst zu nehmen und also nicht im Dunklen unterwegs zu sein, weil dann möglichweise Kojoten aggressiv reagieren oder man dazu beizutragen soll, dass ein Ort sicher für Bären und Menschen ist, dann lebt man vermutlich nicht in Wolfenbüttel oder Vordorf – aber doch auch auf dieser Erde.
Koexistieren lernen mit der Natur ist wichtig, um nicht aus Dummheit in Lebensgefahr zu geraten. Weltgegenden voller Kojoten und Bären sind dabei allermeist so wild und unbehaust, dass einem solches von alleine klar wird. Hier bei uns dagegen wird es höchste Zeit, dass wir uns bewusst machen:
Wir Menschen beherrschen die Natur nicht. Im Gegenteil. Die Erde braucht uns nicht, wir sie aber schon.
Die Erfahrung, dass Naturgewalten unvermittelt und totbringend über uns hereinbrechen, haben wir in diesem Jahr auch in Deutschland gemacht. Den Menschen an der Ahr wird noch lange in den Knochen stecken, welche zerstörerische Wucht der sanfte kleine Bach auf einmal entfaltet hat.
Und doch ist man offenbar schon wieder dabei zu ignorieren, dass das wieder passieren wird, wenn wir nicht lernen mit und neben der Natur zu leben – in Ehrfurcht und Respekt, in Staunen und Dankbarkeit.
Für einen moderaten Umgang mit dem Thema scheint die Zeit abgelaufen.
Am Wochenende nun versammelt sich die Weltklimakonferenz in Glasgow.
Wieder werden Wissenschaftler Szenarien beschreiben; Hitzerekorde, Verteilungskriege und Hungersnöte vorhersagen.
Wieder werden die reichen Länder auf gemäßigte Ziele pochen.
Wieder werde ich über Noah staunen.
Aus seiner Sicht und Erfahrung kann es weder dringend noch vernünftig gewesen sein, in der Wüste ein riesiges Schiff zu bauen. Aber Gott hatte ihm die Flut angekündigt und also reagierte Noah prompt. Wären wir an seiner Stelle, es hätte kein Schiff gegeben als der Regen einsetzte.
Noahs Klarheit und Entscheidungskraft verdanken wir einen neuen und. Deshalb gibt es hoch immer Sommer und, Winter, Tag und Nacht – und auch den Regenbogen, der uns erinnert, dass Gott verspochen hat, uns nicht noch einmal zu vernichten.
Darauf können wir vertrauen aber nicht ohne endlich zu lernen, mit der Schöpfung in Frieden zu leben. Oder in Abwandlung einer Strophe von Franz von Assisi: „Glücklich der Mensch, der so demütig lebt, bei denen, die ihm anvertraut sind, als wären sie seine Herren.“

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  Zwei volle Tage

Zwei volle Tage

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.10.2021

Nach so einer Konfirmandensegelfreizeit hab ich Material für viele Abendandachten. Kein Wunder, denn Wassergeschichten gibt es auch in der Bibel jede Menge und manche springen einen unmittelbar an, wenn sich der Himmel bezieht, das Schiff schaukelt und die ersten Bleichgesichter an Deck erscheinen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Seemänner um Jona herum dem Meer ein Opfer bringen wollten, damit es sich beruhigt – ganz zu schweigen von der Panik der Jünger, als Jesus trotz Sturm und Wellen schläft. Und dann ist da noch Noah, der nicht zögert als Gott ihm aufträgt, ein riesiges Boot zu bauen – mitten auf dem trockenen Land. Er protestiert nicht oder erklärt den Auftrag angesichts fehlenden Wassers für Unsinn. Er tut es. Und erlebt, dass ein Schiff Zuflucht und Geborgenheit schenkt, dass Seereisen Geduld brauchen und auch, dass man irgendwo stranden kann. Noah hängt mit der Arche auf der Spitze eines Berges fest und muss warten und warten und warten, bis das Wasser endlich soweit gesunken ist, dass es weitergeht. Wir hingen auch fest. In Enkhuizen.
Weil aus Wind Sturm geworden war.
Zwei volle Tage festsitzen – aus Vorsicht.
Zwei volle Tage warten, ob man überhaupt noch mal wegkann.
Zwei volle Tage mit 25 Konfirmanden und ohne Plan.
Ohnmächtig und gezwungen, sich zu arrangieren. Einerseits. Aber andererseits eben auch: zwei volle Tage geschenkte Zeit, um sich von einer kleinen Stadt überraschen zu lassen – an der man sonst vorbeigefahren wäre und höchstens die Fritten im Hafen probiert hätte.
Zwei volle Tage Zeit, dich darauf einzulassen, wo Gott uns hinführt oder was geschieht, wenn uns das Heft des Handels aus der Hand genommen wird.
Geschenkte Zeit darüber zu reden, was die viele Einsamkeit, während der Monate, in denen wir aus Vorsicht vor einem Virus so radikal gestrandet waren, eigentlich mit uns gemacht hat. Zeit, in der man ahnt, dass wir für diese Erfahrungen oft noch keine richtigen Worte haben.
„Siehe, in deine Hände habe ich dich gezeichnet – bis in euer Alter in ich derselbe“ So heißt es im Alten Testament. Da saßen wir, schauten in unsere Hände, haben darin nicht lesen können, was war und was kommt und doch verstanden: Gott verspricht nicht, dass alle Tage leicht und heiter sind und wir singend vorankommen – aber er verspricht, dass er da ist. Denn so heißt er: Ich bin der „Ich bin da“ übersetzt Martin Buber. Immer. Auch diese zwei vollen Tage lang – gestrandet in Enkhuizen.

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  Seenot

Seenot

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.10.2021

Wort zum Alltag 27. Oktober 2021
In der vergangenen Woche war ich mit einer Gruppe von Jungen und Mädchen, die im vergangenen Jahr konfirmiert worden sind, mit einer Segelfreizeit auf dem IJsselmeer. Zusammen mit anderen Gemeinden waren wir eine Flotte von fünf Plattbodenschiffen. Unsere Powel Jonas, ein ca 130 Jahre alter Dreimaster, war seinerzeit ein Frachtschiff. Unter Deck gab es nun Schlafkajüten, einen Gemeinschaft und eine Kombüse, dazu schmale Sanitäranlagen. Es war eng. Wirklich eng. Und mit 24 Menschen in einer mittelgroßen Wohnküche auch ziemlich laut. Vor allem aber war das Leben an Bord handgemacht. Segel ein-und auspacken, hoch- und runterziehen, Seile knoten, kochen und abwaschen, putzen - tagsüber ohne Strom leben.
Was es bedeutet, gemeinsam in einem Boot zu sitzen, erlebten wir unmittelbar und physisch. Und auch, was es bedeutet, einander zu vertrauen - denn bis auf den Schiffskoch waren wir alle miteinander Landratten und taten deshalb gut daran, genau das zu machen oder bleiben zu lassen, was der Skipper und seine Matrosin ansagten. Erst recht, als der Wind stärker wurde…
Denn wenn das Schiff Schieflage bekommt und in der Schiffsküche das Geschirr durcheinander purzelt, ist es nicht nur beruhigend zu wissen, dass der Skipper mit uns nicht losfahren würde, wenn Gefahr droht sondern auch beruhigend zu sehen, dass er das Schiff steuert und nicht von Wind und Wellen gesteuert wird. Umso erschreckender war es dann mitanzusehen, wie ein kleiner Katamaran kenterte und während wir das noch beobachteten schon gebrüllt wurde: „Alle Segel runter und Anker setzen.“
Es war ein Moment unbedingter Teamarbeit nötig, um das schnell segelnde Schiff zu stoppen und den Schiffbrüchigen an Bord zu nehmen. Wie nah Leben und Tod beieinander liegen wurde uns erst Abends in der Stille der Andacht richtig bewusst- nachdem sich die Aufregung gelegt und die Küstenwache den Menschen abgeholt und das Wrack geborgen hatte. Es hatte nicht viel gefehlt und wird hätten erleben müssen, dass ein Mensch vor unseren Augen ertrinkt. Nicht auszudenken, wenn diese Situation zwei Tage eher eingetreten wäre als wir noch ohne blassen Schimmer waren, wie man ein Segel einholt…
Wir waren behütet worden und hatten die Gnade erfahren, einem anderen zum Segen zu werden. Gott hatte uns vor Schaden und Gefahr bewahrt. Und nicht nur das: es war eine selbstverständliche blitzschnelle Reaktion gewesen. Ein Mensch kämpft um sein Leben. Wir retten ihn und nehmen ihn an Bord. Natürlich. Was sonst.
Das Bild, des zitternden Menschen, der auf dem Heck seines umgestürzten zerbrochenen Bootes im kalten Wasser trieb, wird keiner von uns vergessen. Hoffentlich fällt es uns bei der nächsten Diskussion um Seenotrettung, Klimaflüchtlinge und Asylrecht wieder ein.

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  Musik!

Musik!

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.10.2021

Es wird! Seit ein paar Monaten schon müssen wir auf unsere große Orgel verzichten, doch dank zweier fleißiger und kompetenter Orgelbauer nimmt die Zahl neu intonierter Register stetig zu und bald wird sie uns dann wieder in Gottesdiensten, Andachten und Konzerten begleiten, unsere große Domorgel. Und auch die Realisierung der Zwillingsorgeln in der Vierung rückt immer mehr in greifbare Nähe.
Doch warum unternehmen wir eigentlich diese enormen Anstrengungen? Warum hat die Musik in unserem Glaubensleben einen so hohen Stellenwert, der allein hier am Dom in der Domsingschule Hunderte von Menschen dazu motiviert, in diversen Chören, Ensembles und Orchestern zu musizieren?
Erstens mal: Musik ist ein Gottesgeschenk. Gott hat uns Menschen die notwendigen Fähigkeiten gegeben, hat uns mit Talenten ausgestattet und aus denen sollen wir – auch ganz unabhängig von der Musik – etwas machen. Und dann gehören die Musik und insbesondere Gesang und der Glauben seit je her zusammen. Die Psalmen – also alttestamentliche Texte wurden ursprünglich gesungen. Paulus hat die frühen christlichen Gemeinden zum Singen angehalten: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!“, so lesen wir im Epheserbrief.
Über die Jahre hat sich allerdings das Singen und Jubeln der Gemeinde aus den Gottesdiensten immer mehr verabschiedet. Schlussendlich blieb fast nur noch der liturgische Gesang der Priester. Sonntag ist Reformationstag. Grund genug schon heute an Martin Luther zu erinnern, dem diese Entwicklung überhaupt nicht gefiel. „Allein der Chor der Pfaffen singt“, so hat er es in seiner unnachahmlich prägnanten Art und Weise auf den Punkt gebracht.
Martin Luther hat den Gemeinden den Gesang zurückgegeben. In seiner Deutschen Messe, aus der sich auch die heutigen Gottesdienstformate abgeleitet haben, waren Gemeindelieder an vielen Stellen der Liturgie fest verankert: Zu Beginn, des Gottesdienstes, nach den Lesungen und auch während des Abendmahls. Die Lieder wurden auf Deutsch gesungen, nicht auf Latein, was außer den Priestern kaum einer verstand. Und sie hatten eingängige Melodien und Texte.
Luther hat, wie er selbst sagt, dem Volk aufs Maul geschaut und so wurden die neuen Kirchenlieder zu echten Gassenhauern und zu einer der schärfsten Waffen der Reformation. Sie wurden in Gassen der Städte als Protestlieder gesungen und zum Markenzeichen des evangelischen Gottesdienstes.
Über das Lied „Ein feste Burg“ wird berichtet, dass damit eine Gemeinde in Schweinfurt mal ihren rückwärtsgewandten Prediger niedergesungen haben soll. Kann man sich ja mal merken, falls mal eine Predigt zu langweilig oder zu abgehoben werden sollte.
Nochmal Luther: „Singen ist die beste Kunst und Übung. Es hat nichts zu thun mit der Welt; ist nicht fürm Gericht noch in Hadersachen. Sänger sind auch nicht sorgenfältig, sondern sind fröhlich und schlagen die Sorgen mit Singen aus und hinweg.“
Das funktioniert im Übrigen nicht nur in der Kirche, sondern auch in der heimischen Badewanne. Probieren Sie’s doch einfach mal aus. Amen.

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  Freundlich und herzlich

Freundlich und herzlich

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.10.2021

Ich wohne in Wendeburg, also nicht in einer Großstadt, sondern auf dem Dorf, wenn Sie so wollen. Dort ist alles etwas kleiner und beschaulicher. Doch nicht nur die Größenverhältnisse sind anders, auch das Verhalten der Menschen unterscheidet sich mitunter. So ist es bei uns üblich, dass man sich grüßt, wenn man sich auf der Straße trifft und das unabhängig davon, ob man sich kennt oder nicht. Mir gefällt das, denn Menschen, die sich mit einem „Hallo!“ oder einem „Moin!“ grüßen, drücken gegenseitig Wertschätzung aus. „Ich kenne Dich zwar nicht, doch ich nehme Dich wahr und Du bist mir wichtig genug, dass ich meine Gedankengänge für Dich kurz unterbreche, um Dir ein Lächeln zu schenken und Dir einen schönen Tag zu wünschen.“ So könnte man etwas blumig beschreiben, was dahintersteht.
Mir passiert es allerdings auch anderswo, dass ich aus Gewohnheit heraus auch mal fremde Leute grüße, denen ich begegne. Die meisten grüßen freundlich zurück, andere hingegen schauen irritieret und gehen stumm weiter.
Was dabei sichtbar wird, ist vielschichtig, vielleicht eine Mischung aus Ungewohntem, Unsicherheit und ein wenig Misstrauen. „Was will der denn vor mir? Warum grüßt der mich einfach so, obwohl wir uns gar nicht kennen?“ Klar, eine gewisse Zurückhaltung und eine wohldosierte Vorsicht sind sinnvoll, denn es gibt eben auch Menschen, die nicht nur Gutes im Schilde führen. Aber hinter jeder Straßenlaterne einen Strauchdieb zu vermuten, ist sicherlich übertrieben.
Wenn unser Panzer, den wir um uns herum aufgebaut haben, zu dick wird, dann wehren wir damit irgendwann auch die Dinge, die Eindrücke und die Erlebnisse ab, die uns guttun, die schön sind, die unser Leben bereichern, und wenn es nur ein freundlicher Gruß ist. Das rechte Maß zu finden, darauf kommt es an. Auch in Wendeburg lassen wir über Nacht nicht unsere Haustüren offenstehen.
Der Apostel Paulus sagt: „Seid untereinander freundlich und herzlich.“ Diesen Appell richtet er an die Christinnen und Christen in Ephesus. Es ist ein Punkt aus einem ganzen Katalog, in dem Paulus darlegt, wie christliches Leben funktionieren kann. Da sind ein paar echte Kracher dabei, deren Erfüllung eine ganz schöne Herausforderung darstellt. Die Sache mit dem Freundlich- und Herzlich-Sein finde ich hingegen vergleichsweise einfach umzusetzen.
Das könnte doch auch unser Aushängeschild werden, quasi unser Erkennungszeichen: Christinnen und Christen sind von ihrer Grundhaltung zunächst einmal freundlich und herzlich. Das wäre doch was, oder? Klar hat jeder das Recht auf einen schlechten Tag und wenn uns jemand ärgert, werden wir das mit der Freundlichkeit wahrscheinlich auch nicht immer durchhalten. Aber dass wir unseren Mitmenschen erst einmal freundlich und herzlich begegnen, ihnen gegenüber sozusagen in Vorleistung treten, das sollte sich doch machen lassen.
Seid untereinander freundlich und herzlich – ein Lächeln und ein kleiner Gruß wären da schon mal ein Anfang. Amen.

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  Demut und Wahrhaftigkeit

Demut und Wahrhaftigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.10.2021

Da hat’s ja mal einer so richtig drauf. Mächtig, erfolgreich, weise und unfassbar reich ist er und das bleibt kein Geheimnis, nein es spricht sich herum, die Leute erzählen davon mit Begeisterung, mit Ehrfurcht, manche auch mit Neid und Missgunst. Aber die Kunde von König Salomo, um den geht es hier nämlich, wird in die Welt hinausgetragen, von Juda bis in die Südspitze der arabischen Halbinsel nach Saba, in den heutigen Jemen.
Dort hört auch die Königin von Saba von diesem herausragenden Herrscher Salomo und sie glaubt es nicht, was von ihm erzählt wird. Vielleicht will sie es auch nicht glauben, weil sie sich selbst für die weltbeste Regentin hält und nicht diesen König im fernen Israel. Wie dem auch sei, sie will der Sache auf den Grund gehen und macht sich auf den Weg nach Juda. Und wie es damals wohl gewesen sein mag, als sie am Hof Salomos ankam, Georg Friedrich Händel hat es in Musik gefasst. Wir werden ihn gleich hören, den prachtvollen Einzug der Königin von Saba in Salomos Palast.
Sie hat so einiges im Gepäck: Gold in rauen Mengen, erlesene Gewürze und einen bunten Katalog mit kniffligen Fragen. Mit denen will sie Salomo auf die Probe stellen, um zu sehen, ob der denn nun tatsächlich so schlau und weise ist, wie die Leute immer sagen. Und siehe da: Salomo bleibt ihr nicht eine einzige Antwort schuldig. Die Königin von Saba ist tief beeindruckt und sie beschenkt Salomo reich.
Salomo hat sie überzeugt – nicht durch Blendwerk, nicht durch mehr Schein als Sein, sondern durch Authentizität, durch echtes Können, durch seine Talente und Begabungen. Das ist auch heute noch der beste und erfolgversprechendste Weg, um gradlinig und unverbogen durchs Leben zu kommen. Wenn Menschen versucht haben, ihre Zeitgenossen hinters Licht zu führen, ihnen etwas vorzugaukeln, was sie selbst nicht waren, nicht dachten, nicht konnten, wenn sie sie über ihre wahren Absichten im Unklaren gelassen haben, dann ist das nahezu immer aufgeflogen und hat die Täuscher zu Fall gebracht.
Allerdings ist bis dahin oft großes Leid und Elend entstanden, weil es eben auch genug Menschen gab, die auf die Blender hereingefallen sind. Die Katastrophe des Nationalsozialismus ist ein Beispiel dafür. Und selbst nach dieser Erfahrung gelingt es heute schon wieder Politikern, ihre wahren Ziele so gut zu verstecken, dass sie trotz allem erschreckende Erfolge bei Wahlen haben.
König Salomo hatte es nötig, seine Ziele zu verstecken, denn sie waren lauter. Salomo war ein guter Regent, der seinem Volk in Leben in Wohlstand, Frieden und Freiheit sicherte. Er war ein Menschenfreund, ein weiser obendrein. Und in seiner Weisheit erkannte er auch, dass seine Macht und sein Vermögen Grenzen hatten und dass er trotz all seiner Macht und Pracht auf Gottes Segen angewiesen war und dass er sich mit seinem Tun und Lassen vor Gott zu verantworten hatte. Demut und Wahrhaftigkeit waren Salomos Stärken. Beides kann man sich aneignen und es trägt offenbar dazu bei, selbst Königinnen zu beindrucken. Amen.

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  Auftraggeber oder Trainer?

Auftraggeber oder Trainer?

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.10.2021

In meinem Berufsleben habe ich eine ganze Reihe von kleineren und größeren Projekten geleitet oder daran mitgearbeitet. Die Aufträge kamen meist von meinen Chefs und nicht selten bestanden sie aus einer kurzen Mail oder ich erhielt sie einfach mündlich. Das Problem bestand dann darin, erst einmal ganz genau herauszufinden, was denn nun tatsächlich zu tun war. Gründliche Auftragsklärung war das Stichwort. Denn wenn man hier nicht sorgfältig genug war, arbeitete man möglicherweise in die ganz falsche Richtung und damit schlimmstenfalls für den Papierkorb. Meinen Chefs war diese Auftragsklärung manchmal eher lästig, denn darin mussten auch sie konkret erklären, was sie denn genau erledigt haben wollten und wenn sie den Auftrag von noch weiter oben erhalten hatten, wussten sie es bisweilen selbst nicht so richtig.
Im weitesten Sinne ist unser Leben ja auch so eine Art Projekt – sehr groß, sehr vielfältig, mit diversen Unbekannten, mit Überraschungen, Erfolgen, Misserfolgen und eben oftmals auch mit einem nicht ganz klaren Zielbild. Was ist der Sinn des Lebens, was ist der Sinn meines Lebens? Es sind im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen und denen wir uns stellen müssen, ob wir nun wollen oder nicht.
Bei der Beantwortung hilft ein Blick in die Bibel. Denn was unser großer Auftraggeber von uns erwartet, lässt er uns durch den Propheten Micha im aktuellen Wochenspruch mitteilen. Und der lautet: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Auch hier ist Auftragsklärung zwingend erforderlich, wie ich finde. Denn so klar der Inhalt des Prophetenwortes auf den ersten Blick auch zu sein scheint, die Konkretisierung im echten Leben ist nicht so ganz banal. Allein schon der erste Punkt: Gottes Wort halten – also ohne weitere Erläuterungen fühle ich mich damit ziemlich überfordert.
Es gibt übrigens unterschiedliche Übersetzungen des Halbsatzes „…was der Herr von dir fordert“. Eine davon lautet: „…was der Herr bei dir sucht“. Diese Variante finde ich toll. Gott sucht etwas bei uns. Er sucht nach positivem Verhalten, nach Ansätzen von dem, was ein Leben ausmacht, wie er es sich für uns vorstellt. Er sucht nach guten Talenten, die er mit uns gemeinsam aufgreifen und verstärken will. So wird Gott zu unserem Lebenstrainer, zum Ausbilder, zum Begleiter, der uns sagt, worauf es ankommt – Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein – der uns aber auch dabei hilft, nach diesen Maximen zu leben.
So verstanden, ist der Auftrag, ist die Erwartungshaltung, die Gott an uns hat, auch nicht mehr so übermächtig, so überfordernd, so unerreichbar. Denn ich habe einen Begleiter, der mir hilft. Und mit ihm will ich es auch gerne versuchen: sein Wort zu halten und Liebe zu üben und demütig zu sein. Amen.

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  Herbststurm

Herbststurm

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.10.2021

Tief Ignatz ist schuld, dass uns der erste Herbststurm dieses Jahres um die Ohren pfeift. Die Bäume tragen noch viel Laub und bieten so den Windböen eine große Angriffsfläche. Für Waldspaziergänge ist also heute eher nicht der beste Tag. Zum Segeln allerdings auch nicht. Nichtsdestotrotz ist die Konfi-Flotte mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden aus St. Magni und dem Dom gerade auf zwei Segelschiffen auf dem Ijsselmeer unterwegs. Heute sind sie allerdings im schützenden Hafen geblieben – gut so!
Andere hingegen können sich das nicht so ohne weiteres aussuchen. Sie sind im Zweifel mit dem Schiff unterwegs und müssen irgendwie heile durch den Sturm kommen oder sie müssen auslaufen, weil Termine einzuhalten sind und anderenorts auf die Güter gewartet wird, die sie in ihren Schiffen transportieren.
Heutzutage sind solche Stürme wie der aktuelle gut vorhersagbar. Schon Tage im Voraus kann man sich darauf einstellen. Früher war das anders. Da wurden die Menschen oft von Sturm und Wind überrascht und konnten sich kaum darauf vorbereiten.
Auch die Bibel berichtet von einem solchen Ereignis, als Jesus mit einigen Jüngern auf dem See Genezareth unterwegs war und ein Sturm ausbrach. Die Jünger kämpfen gegen den drohenden Schiffbruch. Sie schöpfen nach Leibeskräften Wasser aus dem Boot und tun alles Menschenmögliche, um den Untergang des Bootes zu verhindern.
Nur einer hilft nicht mit – Jesus. Der liegt hinten im Boot auf einem Kissen und schläft seelenruhig. Das bringt die anderen ziemlich in Rage. „Interessiert dich gar nicht, dass wir hier kurz vorm Untergehen sind?“, fragen sie ihn. Doch Jesus gebietet dem Sturm, still zu werden und das geschieht dann auch. Und er fragt seiner Begleiter: „Warum seid Ihr so ängstlich? Habt Ihr noch immer keinen Glauben?“
Noch an Land hatte Jesus ihnen diverse Gleichnisse erzählt, doch deren Inhalt scheint bei den Jüngern nicht angekommen zu sein. Wahrscheinlich haben sie aufmerksam zugehört und freundlich genickt, doch jetzt, da es ernst wird, sind der Glaube und das Gottvertrauen im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht. Da verlassen sich die Jünger dann doch lieber auf ihre eigene Muskelkraft anstatt auf Gott zu hoffen.
Klar, sich im Glauben geborgen zu fühlen, bedeutet nicht, von Stund an die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass der Herr es schon richten wird. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Für mich haben wir Christenmenschen den Auftrag, mitzumachen, uns einzumischen und diese Welt mitzugestalten. Und wenn der Dachstuhl brennt, dann sollte man auch und gerade als Christin oder Christ die Zeitung „Schöner Wohnen“ aus der Hand legen und löschen.
Aber wir dürfen eben wissen, dass wir einen starken Unterstützer an unserer Seite haben, der den Brand zum Verlöschen, den Sturm zum Schweigen und das Leid zu Ende bringen kann. Unsere Geschwister auf den Booten der Konfi-Flotte wissen das ganz sicher auch. Unser großer Freund und Bruder passt auf sie und auch auf uns, und das eben selbst dann, wenn wir den Eindruck haben, dass er gar nicht bei der Sache ist, sondern einfach nur schläft. Amen.

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  Keine Chance?

Keine Chance?

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.10.2021

Warum kriegen wir Menschen es eigentlich nicht hin, friedlich und freundlich miteinander umzugehen? Es könnte doch alles so schön sein! Das, was wir auf dieser Erde vorfinden an Lebensmitteln, Lebensraum und Lebenschancen ist für alle ausreichend. Man muss es nur gerecht verteilen und schon könnte es überall auf dieser Welt gut sein.
Dass die Wirklichkeit leider diametral anders aussieht, muss ich Ihnen nicht sagen. Wir haben das große Glück, in einer Region dieser Erde zu leben, in der uns ein großer Teil existenzieller Sorgen erspart bleibt: Wir haben ein Dach über dem Kopf, einen meist gut gefüllten Kühlschrank zu Hause und wir leben in Frieden und Freiheit. Das ist alles ganz weit weg von selbstverständlich. Und dass immer mehr Menschen aus anderen, weit weniger privilegierten Regionen dieser Erde zu uns drängen, ist kein Wunder. Sie fliehen vor Not, Terror und Unterdrückung und erhoffen sich ein gutes Leben. Das ist durchaus nachvollziehbar, wie ich finde.
Aber nochmal gefragt: Warum muss das sein? Warum scheinen Frieden und Gerechtigkeit so unerreichbar weit weg? Ich fürchte, dass Gott selbst uns darauf die Antwort gibt. In der heutigen Tageslosung sagt er zu Mose: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“
Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf – na herzlichen Glückwunsch, das macht ja wirklich Mut. Wenn Gott hier recht hat, und das hat er unbestrittenermaßen, dann können wir unsere Hoffnungen ja gleich an den Nagel hängen. Damit sind alle Gutwilligen chancenlos und werden berechtigterweise als Träumer und naive Weltverbesserer belächelt.
Aber vielleicht ist es ja gar nicht so aussichtslos, wie die Bibel vermuten lässt. Denn wir haben, Gott sei Dank, auch einen freien Willen geschenkt bekommen, der es uns ermöglicht, uns eben auch für das Gute einzusetzen und dem Bösen Paroli zu bieten.
Und wie das geht, steht auch in der Bibel. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, so sehr viel mehr muss man gar nicht beachten, um zu wissen, wie wir Menschen gut miteinander auskommen können. Das bedeutet aber eben, dass ich den bei uns allen vorhandenen Egoismus ins Gleichgewicht bringen muss mit der Fürsorge für andere. Das bedeutet, dass ich die Konsequenzen meines eigenen Handelns zu Ende denken muss, um zu sehen, ob ich nicht anderen damit schade. Und das bedeutet, dass ich mich selbst auch immer wieder hinterfrage und prüfe, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Das ist eine große Aufgabe und Fehler und Versäumnisse sind dabei vorprogrammiert. Doch es wird leichter, wenn ich mich vergewissere, dass Gott an meiner Seite ist – mit Rat und Hilfe, mit Vergebungsbereitschaft und mit ganz viel Liebe. Und so haben wir dann eben doch eine echte Chance, dass es gut werden kann auf dieser Erde – für alle! Amen.

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  Siehe!

Siehe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.10.2021

Brillen - wenn ich mich hier so umsehe, tragen die meisten von Ihnen eine, ich auch. Ohne sie würde ich Sie nur verschwommen sehen können und den Text, der hier vor mir liegt, könnte ich nicht entziffern. Es gibt sie in allen möglichen Formen und Farben, es gibt sie in allen möglichen Preisklassen, manche braucht man nur zum Lesen, andere nur, um in die Ferne zu schauen und wiederum andere, so wie meine, haben beides in den Gleitsichtgläsern verbunden. Daran muss man sich erstmal gewöhnen, denn wenn man durch den falschen Teil des Brillenglases schaut, bleibt der Inhalt des Zeitungsartikels ein Geheimnis oder man kommt die Treppe schneller runter, als einem lieb ist.
Gut sehen zu können, erleichtert uns ganz eindeutig das Leben. Und so stellt der Verlust der Sehkraft eine enorme Herausforderung für die Betroffenen dar, denn sie müssen sich nicht nur neu im Leben zurechtfinden, nein, sie müssen auch verschmerzen, dass ihnen die Sinneseindrücke des Sehens nicht mehr zur Verfügung stehen. Sehen ist zentraler Bestandteil unserer Wahrnehmung. Das Sprichwort, etwas zu hüten, wie seinen Augapfel, bringt das zum Ausdruck.
Auch in der Bibel wird dies deutlich. Sie enthält über 1.200 mal den Imperativ „Siehe!“. Und es sind immer und immer wieder die Propheten und die Evangelisten und es sind immer und immer wieder auch Gott und Jesus Christus, die sich mit dieser Aufforderung an uns Menschen wenden. Siehe!
Wir werden so aufmerksam gemacht auf das, worauf es ankommt. Unser Blick wird geschärft für die Dreh- und Angelpunkte dessen, was wichtig ist im Verhältnis von Gott zu uns Menschen und im Verhältnis von uns Menschen zu Gott. Wir werden hingewiesen auf die Momente, in denen Gottes Liebe aufleuchtet, in denen Jesus Christus uns ein Beispiel gibt, an dem wir uns auch in unserem Leben orientieren können und sollen.
Siehe! Es ist auch die Ermunterung, mit wachen Augen durch diese Welt zu gehen, Situationen zu entdecken, in denen Gottes Zeichen auf unseren Lebenswegen sichtbar werden, in denen wir als Christenmenschen in besonderer Weise gefordert sind oder in denen wir dankbar erkennen können, wie groß Gottes Güte und Gnade sind. Siehe!
Man könnte sagen: Die Bibel ist eine Sehhilfe. Sie ist wie der Fokus einer Linse, der unserm Blick die richtige Richtung weist. Sie ist wie ein Vergrößerungsglas, dass uns wichtige Einzelheiten vor Augen führt. Sie ist wie ein Panoramaobjektiv, dass uns die Weite unserer Freiheit zeigt.
Und sie schenkt und Einblicke, wie wunderbar wir in Jesus Christus geborgen sind, der da sagt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.

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  Heil werden

Heil werden

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.10.2021

Wenn man der Werbung glauben darf, dann schaltet Spalt den Schmerz ab, dann befreit Dulcolax planbar und verträglich, dann ist Grippostad für jeden Erkältungstyp das Richtige. Ja, die moderne Medizin macht uns das Leben leichter und hilft uns auch schon mal hinweg über das eine oder andere kleine Zipperlein.
Doch auch gravierendere Erkrankungen, gegen die noch vor einigen Jahrzehnten machtlos waren, sind heute in den Griff zu bekommen. So, wie in vielen anderen Bereichen unseres Lebens, ist der Fortschritt auf dem Gesundheitssektor rasant; die Entwicklung von Impfstoffen gegen Corona in kürzester Zeit sind ein Beleg dafür.
Doch wie bei so vielem anderen auch können nicht alle Menschen gleichermaßen von diesem Fortschritt profitieren. Mit unserer Gesundheit oder, je nach Sichtweise, mit unserer Krankheit wird Geld verdient und das nicht zu knapp. Und so ist bedauerlicherweise vorprogrammiert, dass die Reichen auf dieser Welt deutlich stärker von segensreicher medizinischer Versorgung profitieren, als die Armen.
Es ist mal wieder eine Frage der gerechten Verteilung. Sie stellt sich nicht nur bei Nahrung und dem sicheren Zugang zu Trinkwasser, sondern eben auch bei der Medizin. Wir müssen nur die Corona-Impfquoten der Schwellen- und Entwicklungsländer mit denen hier bei uns vergleichen, und wir wissen sofort, wo die Säge klemmt.
Doch auch die Medizin kommt irgendwann an ihre Grenzen. Es gibt Krankheitsbilder, vor denen selbst die besten Ärzte dieser Welt kapitulieren müssen und auch unser Sterben ist mit noch so viel Geld nicht zu verhindern. Manches liegt eben nicht in unserer Hand, und das ist auch gut so.
Darüber hinaus gibt es weitere Grenzen des medizinischen Fortschritts. Beim Propheten Jeremia heißt es: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Jeremia betet mit diesen Worten aus einer tiefen Verzweiflung heraus. Er ist unterwegs in göttlichem Auftrag und mit göttlicher Botschaft, doch die Menschen nehmen ihn nicht ernst, sie verachten und verfolgen ihn. Jeremia ist am Ende seiner Kräfte.
Gott soll ihn heil machen, so bittet er und ich denke, dass das deutlich mehr ist, als einfach nur gesund. Heil zu sein, bedeutet für mich, im Reinen zu sein mit dieser Welt, mit seinen Mitmenschen, mit sich selbst und auch mit Gott. Wenn ich heil bin, dann bin ich gut ausbalanciert – zwischen Eigen- und Fremdliebe, zwischen Geben und Nehmen, zwischen Wollen und Können.
Diesen Zustand kriegt man nicht durch die Einnahme von irgendwelchen Pillen hin. Die können Defizite zudecken, beseitigen können sie sie allerdings nicht. Ich glaube, dass wir zum Heil-werden auch Gottes Hilfe brauchen. Er kann uns helfen, unsere Grenzen zu akzeptieren, kann uns Vertrauen schenken, das Gefühl, von ihm angenommen und geliebt zu sein. Durch all das kann uns Kraft zufließen, Lebensfreude und Zuversicht.
Und wir brauchen dafür kein Rezept von unserem Arzt und müssen noch nicht mal in die Apotheke gehen. Beten reicht aus: Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hild du mir, so ist mir geholfen. Amen.

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  Schließ die Augen

Schließ die Augen

Werner Busch, Pfarrer an St- Katharinen - 15.10.2021

„Schließ die Augen!“ So hat sie es gelernt. Wenn du betest, sprichst du mit dem Unsichtbaren. Lass dich dabei durch nichts Sichtbares ablenken.
So betet sie von Kindesbeinen an. Wenn sie mal betet. Und zieht die Vorhänge ihrer Seele zu. Manchmal kommen dann Bilder. Kleine Schnappschüsse, Szenen des Lebens. Vor allem, wenn sie das Vaterunser mitbetet. Dann darf es nicht zu schnell gehen, sie kommt sonst nicht mit. Kurze Bildfetzen tauchen auf. Erinnerungen. Tagträume.
Bei „Dein Reich komme.“ laufen ihr die eigenen Kinder lachend entgegen, als sie noch klein waren. Die nächste Generation. Was bringt ihnen die Zukunft? Ein paar Mal schossen ihr auch aktuelle Nachrichten durch den Kopf. Katastrophenbilder von Überschwemmungen oder Dürren. Verzweifelte Menschen. Dann steigt das Gefühl einer großen Sehnsucht in ihr auf, das diesen Satz bis zum Überlaufen anfüllt: „Dein Reich komme.“
„Unser tägliches Brot“ versetzt sie oft in die Kantine zurück. Viele Jahre hat sie mit Ihren Kollegen die Mittagspause verbracht. Sie hört wieder, wie das Pergamentpapier knistert, aus dem sie jeden Tag die Stullen ausgepackt hat. Sie riecht den Geruch von Leberwurst und herbem Käse. Sie sieht die bunten Brotdosen, aus denen andere ihr Essen holen. Die Krümel auf dem Tisch, der dampfende Kaffee. Und möchte am liebsten eine ganze Pause lang bei dieser Bitte verweilen. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Bei einer Bitte kommt fast immer dasselbe. Sie ahnt es schon. Wie beim Blättern in einem alten Fotoalbum weiß sie, was gleich kommt. Noch bevor sie die Seite aufschlägt, sieht sie das Bild. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Da steht sie am Rand des Stadtparks. Bei strahlendem Wetter. Zwischen den Bäumen geht der Weg, auf dem sie oft spazieren gegangen ist. Hier bleibt sie stehen. Die vollen Baumkronen werfen ihren kühlen Schatten über sie. Sie hält inne und blickt herüber über den freien Platz mit Rasen und Bänken und den gepflegten Kieswegen. Sie schaut zur gegenüberliegenden Seite. Ihr Blick fällt auf eines der Häuser, die dort stehen. Immer auf dasselbe. Da: die verschlossene Tür. „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Während alle anderen um sie herum weiterbeten, weitersprechen, weitergehen, steht sie nur da. Sie hört nichts mehr. Sie denkt nicht mehr, sie sieht nur dieses Bild. Und es klingt in ihr nach: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Lange ist das her. Die Über Jahre hat sie vergessen. Fast vergessen. Hat diesen Ort gemieden, an den das Vaterunser sie nun regelmäßig versetzt. Der Zorn ist schon lange gewichen. Es ist zu anstrengend, ein Leben lang wütend zu sein. Und zu viel Gutes hat sie erlebt, als dass die alten Geschichten noch die Regie übernehmen könnten. Das war einmal.
Jetzt steht sie nur gegenüber unter den Bäumen. Nichts bewegt sich in dieser Szene. Da: Das Haus. Die Tür. Und die zugezogenen Gardinen hinter den Fenstern. Und hier bei ihr dieser Satz, der nicht verklingt: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

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  Was bleibt?

Was bleibt?

Jacob Timmermann, Pfarrer - 14.10.2021

Was bleibt? Was bleibt stehen, wenn ein Fachwerkhaus niederbrennt? Ein Schornstein. Die Balken brennen, die mit Lehm und Stroh gefüllte Gefache brennen. Doch der gemauerte Kamin bleibt stehen.
Was bleibt? Was bleibt, wenn eine Stadt voller Fachwerkhäuser niederbrennt? Viele Schornsteine! Schornsteine, die sich unwirklich und zwecklos in die Höhe recken. Türme auf Schuttbergen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie entfernt werden. Ein Haus zu bauen, das zu einem Schornstein passt, ist sinnlos.
Es gibt Videoaufnahmen von der Braunschweiger Innenstadt, die amerikanische Soldaten 1945 aufgenommen haben. Eine Stadt wüst und leer. Riesige Schuttberge. Tore und Bögen, die sinnlos in der Stadt stehen, dahinter endlose Schuttwüsten und vor allem viele, viele einsame Schornsteine. Immer wieder sind die bedrohlichen Flugzeuge, die sich wie ein Hornissenschwarm näherten, an Braunschweig vorbeigeflogen. Immer wieder falscher Alarm oder nur vereinzelte Angriffe. Doch in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 durften die Menschen, die zu Tausenden in den Bunkern kauerten nicht wie üblich nach einer Stunde wieder raus. Sie blieben und wussten nicht, dass sie inmitten eines gigantischen Meeres aus Flammen und Feuer ausharrten. Sie wussten nicht, dass ihr Bunker eine Insel war.
Erst Stunden später konnten sie den Bunker verlassen. Geschützt von Wasserbrücken liefen sie zum Bürgerpark. Doch die Fontänen schützten nur vor Feuer. Nicht vor den schrecklichen Szenen, die sich um sie herum abspielten.
Schnell wurde damit begonnen die Straßen freizuräumen. Der Schutt wurde notdürftig von den Straßen getragen. Ein Hauch von Normalität. Aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ganze Familien und ihre Geschichten verschüttet blieben.
Monate später wurde Frieden geschlossen. Die Angst wich, was blieb? Zerstörte Seelen. Die Sorge ließ nach, doch was blieb? Scham.
Jahre später wurde die Stadt wiederaufgebaut. Ruinen abgerissen. Die Gunst der Stunde genutzt. Eine moderne Stadt, in der Autos das Maß aller Dinge waren. Jahrzehnte später erinnert kaum noch etwas an diese Bombennacht, an die Zeit im Krieg. Nur noch wenige Bunkerreste, Baulücken und Bausünden und Traditionsinseln erinnern noch an das andere Braunschweig, das mit dem Gesicht.
Was bleibt, liebe Gemeinde, wenn nicht einmal mehr Narben zu sehen sind. Ich befürchte zu wenig. Die letzten Zeitzeugen, die letzten Menschen, die noch erzählen könnten, werden bald nicht mehr erzählen können. Dann ist dieser Abschnitt endgültig zur Geschichte geworden. Zu Buchstaben, zu Fotos, zu Filmen, aber es fehlen die Augen! Es fehlen die Augen, in denen du lesen kannst. Augen, in die sich schreckliche Szenen eingebrannt haben. Es fehlen die Augen, in denen man die Angst sehen kann, vor dem Tod, Angst vor dem Verlust des Zuhauses. Es fehlen die Augen, die voller Scham sind und voller Schuldgefühle.
Was bleibt, wenn die letzten Augen, die erzählen könnten für immer geschlossen sind? Es bleibt ein Auftrag für uns. Wir müssen erzählen. Erinnerung wachhalten. Mahnen wozu der Mensch fähig war, und ist. Und daran erinnern, dass unser Gott kein Gott des Zornes ist und kein Gott der Rache, sondern ein Gott des Friedens.

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  Brücke zum Glück

Brücke zum Glück

Jacob Timmermann, Pfarrer - 13.10.2021

Jetzt ist sie schon fast 100 Jahre alt. Die Geschichte vom 12-jährigen Emil Tischbein, dem im Zug nach Berlin das Geld gestohlen wird, das er eigentlich seiner Großmutter mitbringen sollte. 1929 erschien das Buch „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. Solange gibt es die Geschichte schon und so lange fiebern Kinder und Erwachsene mit Emil und seinen Freunden mit. Seitdem hat sich vieles verändert. Keine Droschken mehr. Keine Pferdebahnen. Keinen Sechser mehr in der Hosentasche. Vieles hat sich verändert. Bis auf Emil Tischbein. Denn – so erklärt es Erich Kästner im Vorwort: „Es ist das eigentümliche Geschick von Romanfiguren: Sie leben zwischen zwei Buchdeckeln, ohne zu altern!“
Doch noch etwas hat sich nicht verändert. Nämlich, dass es damals wie heute Leute gab, die immer sagen: Gott, früher war alles besser. Doch das ist, wie Kästner es so wunderbar auf den Punkt bringt, „meistens nicht wahr, und die Leute gehören bloß zu der Sorte, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären!“
Über diesen Satz musste ich schmunzeln, als ich das Buch jetzt meinem Sohn, vorgelesen habe. Es gibt Menschen, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären. Offensichtlich fühlen sich viele wohl in einer Welt, in der es immer etwas zu meckern gibt; in der immer etwas fehlt. Und ich glaube, das sind ganz schön viele! Und vielleicht gehöre ich auch zu oft dazu.
Das könnte mich jetzt lähmen, es könnte mich resignieren lassen, dass sich die Welt nur äußerlich verändert und wir Menschen dieselben deprimierenden Kreise drehen, die wir immer schon gedreht haben. Oder aber - ich schaue zwischen zwei andere berühmte Buchdeckel und finde zeitlose Worte. Worte mit denen man spielen kann. Denn das ist das eigentümliche Geschick alter Worte, dass sie zwischen Buchdeckeln leben, ohne zu altern! Und dann finde ich das Wort Hoffnung.
Und ich versuche dieses Wort einzusetzen, wo vorher meine Unzufriedenheit war. Und plötzlich wird aus der hässlichen Lücke, die zwischen mir und meiner Zufriedenheit klafft, ein weiter Raum. Hoffnung wird zur Brücke zwischen mir und meinem Glück. Denn ich bin doch längst gerettet. Ich fühle es nur manchmal nicht. Ich bin doch längst gesegnet. Nur fühlt es sich manchmal nicht so an. Früher war nicht alles besser, vielleicht habe ich nur besser gefühlt!

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  Philippus

Philippus

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.10.2021

Er ist einer der sieben Diakone der jungen christlichen Gemeinde in Jerusalem, er wird zum Übersetzer und er hat keine Scheu vor Menschen, auch wenn sie so ganz anders sind als die, die er normalerweise so um sich hat. Die Rede ist von Philippus und heute ist sein Gedenktag.
Wie schon gesagt, wird er Diakon der Jerusalemer Gemeinde. Seine Stärke lag, so berichtet es die Bibel, in der Verkündigung der frohen Botschaft, er war also wohl ein ganz ordentlicher Prediger. Durch diese Begabung kommt ihm in einem Bericht aus der Apostelgeschichte eine ganz besondere Aufgabe zu.
Der äthiopische Kämmerer, heute würde man wohl eher Finanzminister sagen, war in Jerusalem, um dort im Tempel zu beten. Er befindet sich nun wieder auf dem Rückweg und liest unterwegs im Buch des Propheten Jesaja. Doch er versteht nicht, um was es geht. Auf diesen Umstand wird nun Philippus durch einen Engel aufmerksam gemacht, der ihm aufgibt, dem Kämmerer zu folgen, um ihn einzuholen und mit ihm zu reden. Philippus gehorcht, trifft auf den Kämmerer und erklärt ihm den biblischen Text, woraufhin sich der Äthiopier taufen lässt.
So weit so gut. Bemerkenswert an dieser Geschichte sind allerdings folgende Umstände: Der Kämmerer ist ein schwarzer Eunuch. Damit war er trotz seines hohen Amtes ein Mensch zweiter Klasse. Philippus stört das überhaupt nicht. Er hat keinerlei Berührungsängste, Vorbehalte oder Dünkel. Er sieht den Menschen, er sieht denjenigen, der Übersetzungshilfe braucht, um die biblische Botschaft zu verstehen. Alles andere ist ihm völlig egal.
Im Gegenüber zu allererst den Menschen zu sehen und nur den Menschen, das könnte so manchen Konflikt vermeiden helfen. Im Gegenüber zu allererst denjenigen zu sehen, dem ich weiterhelfen kann, an dessen Wohlergehen ich interessiert bin, dem ich auf Augenhöhe begegnen möchte, als Mitmensch, als Partner, als guter Wegbegleiter, das würde dazu beitragen, dass unsere Vorurteile, die so vieles verhindern, überwunden werden könnten.
Philippus zeigt uns, wie das geht und was für wunderbare Ergebnisse damit erzielbar werden. Nun müssen wir uns nicht alle von morgens bis abends an den Bohlweg stellen und darauf warten, bis ein Ochsenkarren mit einem fremdländischen Finanzbeamten vorbeikommt, dem wir dann unsere Hilfe anbieten können.
Denn es gibt Menschen genug, die etwas von diesem äthiopischen Kämmerer in sich tragen und denen wir täglich begegnen: die Kassiererin an der Supermarktkasse, der wir mit einem Lächeln oder einem Danke eine Freude machen können, der Bekannte oder die Nachbarin, die sich einsam fühlen könnten und die sich über einen Anruf von uns freuen, die Menschen weit entfernt von uns, denen wir durch eine Spende an „Brot für die Welt“ unsere Unterstützung zukommen lassen.
Auch wir können Gutes erreichen, so wie Philippus. Nach seiner Taufe hat der Äthiopier dann übrigens seine Reise fortgesetzt. Und die Geschichte endet mit den Worten: „Und er zog seine Straße fröhlich.“ Na bitte! Amen.

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  Du sollst ein Segen sein

Du sollst ein Segen sein

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin - 08.10.2021

Was verbinden Sie mit dem Wort Segen? In unserer Alltagssprache kommt es kaum vor, dafür im kirchlichen Kontext um so öfter! Nach biblischem Verständnis ist der Segen die Kraft Gottes, die sich dem Menschen besonders zuwendet, ihn schützen, stärken, bewahren und vor allem dies: geleiten will.
An Übergängen des Lebens, wenn Menschen sich wieder oder neu auf den Weg machen, wurde ein Segen gesprochen. Im Alten Testament finden wir im Buch Genesis, Kap.12 Vers 2 die Worte: “Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ Du sollst ein Segen sein“. Gott spricht diesen Satz zu Abraham an einem Wendepunkt seines Lebens. Er fordert Abraham auf, seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen wird. Segen lebt vom Weitergeben, davon dass er ausgebreitet wird. „Du sollst ein Segen sein“ beinhaltet Gottes Zusage, dass Abraham Nachkommen haben wird und seine Familie sich ausbreiten wird in dem neuen Land.
An allen wichtigen Lebensübergängen wird dieser Segen in der Kirche angeboten: Es gibt den Taufsegen, die Einsegnung zur Konfirmation, den Trausegen, den Segen zu Ehejubiläen und den Abschiedssegen, wenn ein Leben geendet hat. Die Zusage, dass Gott mit mir mitgeht, mein Leben, meine Liebe, meine Familie und mein eigenes Wohlergehen schützt, befördert und stärkt ist für viele Menschen immer noch wesentlich. Auch für Sie, die sie heute zum Abendsegen in den Braunschweiger Dom gekommen sind.
Mit dem Wort Segen verbindet sich auf menschlicher Seite das Empfangen. Mir meiner Segensbedürftigkeit bewusst zu sein. Dann kann ich mich öffnen für das Geschenk der Nähe Gottes, das mir im Akt des Segens zuteilwird. Ursprünglich gehörte das Handauflegen auch dazu. Mit dem Segen Gottes werde ich gut geheißen, wie ich bin: mit allen Stärken, Schwächen, Freuden und Nöten.
Mit dem 2. Vers aus dem Lied „ Komm,Herr,segne uns“ möchte ich schließen:
Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen schaden heilen, lieben und verzeihn.

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  Graswurzelbewegung

Graswurzelbewegung

Pfarrerin Gabriele Geyer-Knüppel - 06.10.2021


Graswurzelbewegung
In diesen Tagen wird er wieder verliehen, der Nobelpreis. Gestiftet wurde er von dem Chemiker Alfred Nobel, das erste Mal verliehen im Jahre 1900. Es sind die großen Forscher und Entdeckerinnen dieser Welt, die diesen Preis überreicht bekommen, nachdem eine Kommission sie ausgewählt hat: Ärzte, Biologinnen, Chemiker, etc. Sie entdecken atemberaubende naturwissenschaftliche Zusammenhänge, die den Menschen in Gesundheit und Entwicklung nachhaltig nutzen. Einen kritischen Blick auf das, was da mit staatlichen Fördermitteln an besonders ausgerüsteten Instituten und Forschungszentren exklusiv im Namen der Wissenschaft geschieht, gibt es selten. Die Großen kommen damit groß raus.
Doch gibt es noch einen anderen Blick auf das, was in dieser Welt ebenso zu würdigen ist. Es gibt den „alternativen Nobelpreis“. Schon mal davon gehört? Gerade dieser Tage wurde auch er verliehen.
An wen? An Menschen, die mit ihrem Handeln die Welt verbessern möchten, sie lebbarer gestalten wollen zu Gunsten aller Menschen auf der Erde! „Graswurzelbewegung“ ist das Schlagwort, das sich entwicklungspolitisch damit verbindet. Denn Gras, so einfach es im Garten oder zwischen den Steinen wächst, hat verborgene Kräfte. Es breitet sich langsam aus und setzt sich fest, ohne dass es gleich auffällt. Das ist die Arbeitsweise der Menschen, die sich in der „Graswurzelbewegung“ sammeln.
Sie helfen den Ureinwohnern in Kanada, wieder mehr Kontrolle über ihr Land zu bekommen: Sie engagieren sich in Kamerun dafür, dass Mädchen in diesem Land sicherer leben können und nicht mit 12 Jahren zwangsverheiratet werden. Sie weisen in Russland auf Umweltverschmutzung durch Kohleminen hin und in Indien hilft die „Graswurzelbewegung“ Menschen dabei, für ihre Rechte zu kämpfen, wenn sie in Betrieben arbeiten müssen, die umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe einsetzen.
Jesus würde heute wohl der Graswurzelbewegung angehören. Von ihm stammt der Satz: Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt.5). Auch ohne irgendeinen Nobelpreis lohnt es sich, danach zu handeln….darum gehet hin und tut desgleichen.



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  Für ein gutes Miteinander

Für ein gutes Miteinander

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.10.2021

Nun liegt die Bundestagswahl schon wieder über eine Woche zurück. Doch davon, dass man in Berlin und im ganzen Land schon wieder langsam zur Tagesordnung übergegangen wäre, kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Ich persönlich kann mich kaum an eine Wahl erinnern, die auch nach dem Wahltermin noch so spannend war, wie die vom vergangenen Sonntag. Und wenn man die Berichte aus dem Umfeld des neuen Bundestages in den Medien beobachtet, erkennt man, so zumindest mein Eindruck, dass sich nicht nur die Mehrheitsverhältnisse deutlich verändert haben. Ich finde, dass auch die Stimmung und die Atmosphäre irgendwie anders geworden sind, denn es haben sehr viele neue und vor allen Dingen auch junge Menschen erstmals in den Bundestag Einzug gehalten.
Tatsächlich ist der Altersdurchschnitt um gut zwei Jahre gesunken und gerade in den Fraktionen, die mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit zukünftig Regierungsverantwortung tragen dürften, sind sehr viele Abgeordnete zum ersten Mal im Bundestag. Die Reichbedenkenträger erheben nun ihre Zeigefinger und mahnen, dass diesen „Neuen“ ganz viel Erfahrung fehlt und dieser Umstand eine echte Gefahr darstelle. Ich bin da eher anders unterwegs und hoffe auf frischen Wind.
Aus meinem Berufsleben kann ich berichten, dass es immer wieder meine jungen und vermeintlich unerfahrenen Kolleginnen und Kollegen waren, die Anstöße zu echten Veränderungen gegeben haben. Sie haben oft die Frage gestellt: „Warum macht ihr das eigentlich so und nicht anders?“ Und die Antwort der Alteingesessenen war nicht selten und mit einem beschämten Lächeln: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Ich hoffe sehr, dass die alten Platzhirschinnen und Platzhirsche den jungen Leuten ausreichend Raum lassen, sich erstens auszuprobieren und zweitens ihre neuen Ideen, Herangehensweisen und Vorschläge auch zu platzieren. Alles andere wäre nicht nur schade, sondern eine vergebene Chance.
Und vielleicht kennen einige der neuen Abgeordneten ja sogar die Losung für den Monat Oktober. Die steht im Hebräerbrief und passt, wie ich finde hervorragend zum Arbeitsbeginn unserer neuen Volksvertreter. Das Bibelwort lautet: „Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“
Dieses Wort könnte gut hinter jedem Badezimmerspiegel unserer Volksvertreter stecken oder auf einem kleinen gelben Zettel am PC-Monitor kleben. Aufeinander achthaben, fair und freundlich miteinander umgehen und Wertschätzung zeigen, all das kann nur dazu beitragen, dass es gute Diskussions- und Arbeitsergebnisse gibt – im Deutschen Bundestag aber auch sonst überall.
Und sich in einer solchen Kultur gegenseitig zu guten Werken anzuspornen, sollte dann Freude machen und nicht als Druck empfunden werden. Natürlich bleiben Unterschiede in Sachfragen und das ist auch gut so, denn aus einer breiten Vielfalt von Meinungen, Standpunkten und Betrachtungsweisen kann dann der beste Weg und die beste Lösung ausgesucht und umgesetzt werden.
So stelle ich mir gutes Zusammenarbeiten vor, so habe ich es selbst erlebt und so wünsche ich mir den Umgang von uns Menschen insgesamt. „Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ Vielleicht erleben wir davon zukünftig ja mehr – und nicht nur in der Politik. Denn ein stückweit haben wir es selbst in der Hand. Amen.

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  Tanzen

Tanzen

Jacob Timmermann, Pfarrer - 02.10.2021

Das hätten Sie sollen! Ein Bild für die Götter. Vor ein paar Tagen war ich auf einer Tagung. Mit Kolleginnen und Kollegen. Und weil es auch Vorteile hat, haben wir uns nicht in echt getroffen, sondern in einer Videokonferenz. 30 Kacheln mit Bildern von Pfarrerinnen und Pfarrern aus ganz Niedersachsen. Es ging Präsenz im Gottesdienst und um Körpersprache. Beide Beine auf den Boden. Stabil stehen. Hüfte locker. Oberkörper locker. Nacken entspannt. Und dann machte er Musik an. Was Jazziges. Mit einem guten Beat. Einige fingen sofort an mitzuwippen. Anderen fiel das schwerer. Aber er spornte uns an. Locker in den Knien wippen. Dann immer mehr. Dann die Arme locker machen. Dann die Arme kreisen. Und dann verrückte Sachen mit den Armen machen. Und dann rief er in die Musik hinein: „Und machen alle das, was Iris macht!“ Und Iris machte was. Irgendwas mit ihren Händen. „Und jetzt machen alle, was Wolfgang macht!“ Und Wolfgang machte etwas mit den Händen. Ich kann Ihnen sagen: ein Bild für die Götter.
Und ein Bild, das nachdenklich. Warum fällt es uns so schwer in der Kirche von Freude zu sprechen – und es auch zu meinen. Warum klingt selbst ein „Der Herr ist auferstanden!“ furchteinflößend? Wo ist die Leichtigkeit, das Glück, die Dankbarkeit?
Vielleicht ist es ein bisschen so wie mit dem Tanz, für den die Musik geschrieben worden ist, die Frau Lindemann gerade am Cembalo gespielt hat. Barocktanz. Sie wissen schon: Prunkvolle Salons. In übertrieben verschnörkelten kleinen Schlösschen. Steife Kleider. Feste Regeln. Angeordnete Fußstellungen. Von einem Tanzmeister eingeübte Schrittfolgen. Und trotzdem – wer alles richtig macht; wer alle Regeln befolgt, der hat noch nicht verstanden, worum es geht. Erst, wenn alles nach Leichtigkeit aussieht. Wenn das Lächeln der Tanzenden echt ist und nicht nur Fassade. Wenn die Schritte nicht mehr eingeübt, sondern leichtfüßig aussehen. Erst dann wird es zum Tanz.
Vielleicht verheddere ich mich zu oft in den Regeln. In der Angst etwas falsch zu machen. Vielleicht fürchte ich mich zu sehr von dem strengen Blick des Publikums. Und vielleicht ist pure Freude auch einfach etwas, was mich schämen lässt. Und doch ist sie da. Das kann ich Ihnen sagen: pure Freude. Pures Glück. Pure Dankbarkeit dafür, dass diese Welt nicht alles ist.
Und wenn ich 30 tanzende Kolleginnen und Kollegen vor mir sehe, dann merke ich, dass diese pure Freude am Leben in allen schlummert. Und dann wird aus dem Bild für die Götter – ein Abbild göttlicher Freude.

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