Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Kartenhaus

Kartenhaus

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.07.2020

Irgendwo zwischen Beschäftigung gegen Langeweile und Kunststückchen rangiert das Kartenhaus. Je nachdem, wie geübt man darin ist und wie klebrig die Karten vom Kneipentisch oder der langen Benutzung sind, schafft man drei, vier oder in sensationellen Glücksmomenten fünf Stockwerke. Dann passiert, was unweigerlich kommen muss: die nächste Karte ist zu schwer, unten verrutscht was oder jemand macht das Fenster auf, stößt an den Tisch und die ganze Sache fällt zusammen.
Kartenhäuser sind faszinierend und großartig, verschaffen einem Augenblicke von Stolz und Könnerschaft, aber sie sind eben auch der Inbegriff von Instabilität. Der Zusammenbruch liegt in ihrer Natur.
Dieser Tage begegnet mir das Bild öfter.
Ein Freund abends am Küchentisch, müde, erschöpft. Mit ungeheurer Energie und Verlässlichkeit, mit sehr viel Liebe, hat er sein Kartenhaus lange vor dem Einsturz bewahren können. Er und seine Frau haben anstrengende und herausfordernde Jobs, für die sie brennen und ein Kind, das mehr Zuwendung und Fürsorge, Geduld braucht als andere. Dazu kam Corona mit allen Sorgen… Jetzt noch ein Unfall. Das Kartenhaus kann keine Erschütterung mehr vertragen.
Daneben eine Frau, alleinerziehend, freischaffend. Notbetreuung? Wenn beide Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Rücklagen Fehlanzeige. Perspektive heikel – wer weiß, wann es in ihrem Arbeitsfeld wieder gute Aufträge geben wird. Die Nerven liegen blank, wochenlang hat sie nachts gearbeitet und tagsüber ihr Kind versorgt. Jetzt kann sie nicht mehr…
Das Leben, ein Kartenhaus?
Und eine Großmutter, die einen scharfen Blick hat und Kartenhäuser schon von weitem erkennt, oft noch ehe die, die daran bauen, die Einsturzgefahr ahnen. Sie spricht nicht gern aber die Sorgen drücken aufs Herz und so rät ihr ein kluger Arzt, sich vor dem Einschlafen herzusagen: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für mich.“
Was ich davon halte, fragt sie mich.
Ich staune über diesen Satz. Er klingt anders als das „all eure Sorge werft auf ihn“. Man muss nicht mal mehr das. Nicht mal mehr die Sorge werfen. Es ist ein Satz für die, die auch das nicht mehr schaffen. Und ich erinnere mich an die Jahreslosung. Ein Vater bittet für sein krankes Kind. Er sieht nur noch das sein Lebensgebäude ein wackliges Kartenhaus ist und ruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Ja, ich glaube: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für unseren Freund, die alleinerziehende Frau, die Großmutter, für uns alle...“
Hilf meinem Unglauben.


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  Wundersam

Wundersam

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.07.2020

In der Tageslosung hieß es gestern aus dem Propheten Jesaja: „Ich will auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe.“
Diesen Vers habe ich mit Bewusstsein noch nie gehört. Es lohnt, sich diese merkwürdigen Worte auf der Zunge zergehen zu lassen.
Propheten sprechen zukunftsorientiert, sie sagen an, was kommt.
Sie sprechen, was Gott ihnen in den Mund legt.
Hier spricht Jesaja diesen Aspekt ausdrücklich mit: „ich will auch hinfort…“, in Zukunft, immer weiter und wie schon immer „… mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste …“
Wunderlich werden manche alten Menschen.
Wunderlich sind Narren und Kinder.
Wunderlich sind Liebende.
Wunderlich, merkwürdig und komisch – nicht ganz bei Verstand.
Damit soll Gottes Tun beschrieben werden? Wer würde das wagen? Aber offenbar sagt Gott das selbst und nachdrücklich:
Ja, wunderlich will ich handeln, sehr wunderlich und auch sehr seltsam…
Er braucht nicht hinzufügen, dass einem beim Hören solcher Worte alle Weisheit vergeht.
denn ja, es ist seltsam, dass Gott uns seine Erde anvertraut, obwohl er uns doch so gut kennt. Es ist wunderlich, dass er uns gewähren lässt, auch dann noch, wenn wir nicht zuende denken, was wir tun und das Maß verlieren, wenn wir unsere Mitmenschen schlecht behandeln.
Es ist höchst seltsam, dass er dabei zusieht, wie wir unsere Kreativität und Intelligenz missbrauchen, um Waffen zu entwickeln, Steuerschlupflöcher zu finden oder andere mit schlechten und minderwertigen Dingen zu betrügen.
Es ist wunderlich und seltsam, dass er uns immerfort eine neue Chance gibt und immer wieder einen neuen Tag werden lässt, dass er uns immerfort erfreut mit Sonne und Wind, Blumen und Früchten, dass er uns immer noch eine Ressource entdecken lässt und eine Technologie erfinden…
Es ist nahezu unglaublich, dass er uns die Freiheit schenkt, zu kommen und zu gehen, ihm zu vertrauen oder an ihm zu verzweifeln und uns trotzdem nachgeht, uns trotzdem heimkommenlässt – immer und auch dann, wenn wir nichts begreifen und uns nicht geändert haben.
Es ist so seltsam, dass wir ihm mit Weisheit nicht beikommen können.
Es ist so ungeheuer gnädig, dass einer Weiser sich nicht zu denken wagen geschweige zu sagen wagen würde, dass Gott uns trotz allem liebt.


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  Durst

Durst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.07.2020

Das Theater gehört dieser Tage zu den besonders schwer gebeutelten Orten. Umso vielschichtiger sind die Versuche, Theater trotz allem erlebbar zu machen. Seit letzter Woche gibt es nun eine Sonderausgabe der Theaterformen mit einigen Installationen, live.
Gestern Abend habe ich „Thirst“, Durst, gesehen. Der lettische Künstler Voldemärs Johansons verbindet dabei seine Interessen an Klang, Visualisierung und Wissenschaft. Es geht um Sturm. Meeressturm. Genauer: einen jahrhundertsturm auf den Färöer-Inseln. Auf der ganzen Bühnenbildfläche im Großen Haus donnert dem direkt davor sitzenden mit Ohrstöpseln versehenen Betrachter das schwarze Meer entgegen. Wellen bersten, die Wucht des Sturms brummt im ganzen Körper…
Man wird eingesaugt und ausgespuckt.
Diese brüllende gewaltvolle Masse kommt einem mit solcher brachialen Energie entgegen, dass man sich wundert, dass Menschen sich je aufs Meer gewagt haben…
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ heißt es in Psalm 8.
Klein fühlt man sich, machtlos, verletzlich, gefährdet.
Daneben ein anderer Gedanke: das sind die Urwasser, die die Erde bedeckten, von denen auch die Bibel am Anfang erzählt. „Gottes Geist“ schwebte darüber. Das scheint undenkbar. Schweben ist viel zu sanft angesichts solcher Kraft. Oder ist des allmächtigen Gottes Schweben für spielend ausreichend, das Toben der Ozeane zu befrieden?
Wenn Gott so unvorstellbar groß ist, wieviel Kraft mag dann seiner Schöpfung innewohnen? Was passiert, wenn sie sich aufbäumt? Was bleibt möglich, wenn sie uns Zuflucht schenkt? Was für ein unfassbarer Auftrag ist es, sie zu hüten und zu bewahren – als könnten wir das, klein und armselig, wie wir sind…
Ehrfurcht. Demut. Gottesfurcht.
Und dazwischen der Titel: „Durst“. Wonach?
Was mensch in dieser Installation zu verschlingen droht, ist Salzwasser. Undenkbar, damit physischen Durst stillen zu wollen. Aber diese sintflutartigen Wasserberge spülen durch, reinigen das Angesicht der Erde, legen Sehnsucht frei:
In einem unserer neuen Lieder heißt es: „da wohnt ein Sehnen tief in uns … es ist ein Sehnen, ist ein Durst … nach Frieden und Freiheit, Beherztheit und beistand, nach Heilung und Ganzsein, nach Zukunft, nach dir, Gott.“
Nach vierzig Minuten hat man das seltsame Gefühl, der eigene Herzschlag stimmt ein in das Donnern des Meeres, vielleicht auch in den Rhythmus der Schöpfung, als atmet Gott in uns.


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  Übermut

Übermut

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.07.2020

Ich bin aus der Sommerrodelbahn geflogen. Zu schnell gewesen.
Man erntet Anerkennung von anderen Verrückten und nimmt zur Kenntnis, was man schon vor Jahrzehnten zu hören bekam: „Übermut tut selten gut.“
Übermut.
Eigentlich ein komisches Wort. Ist das mehr als Mut oder schon keiner mehr? Mut ohne die Fähigkeit, Folgen einzuschätzen? Die Worterklärung ist streng: „Selbstüberschätzung zum Nachteil Anderer“, „Leichtsinn“.
In der Tat, das war es.
Die Sache ist zwar glimpflich abgegangen – aber es hätte auch anders kommen und andere gefährden können. So gab es nur eine schmerzhafte Bremsspur auf Armen und Beinen.
Coronatattoos.
Sehr passend in diesem Sommer. Denn vielleicht sind wir ja auch aus der Bahn geflogen, weil wir von selbst kein vernünftiges Tempo mehr gefunden haben? Das war ja in den ersten Tagen der Stille in diesem Jahr ein sehr spürbarer Kontrast: statt immer weiter alles immer schneller und immer mehr, musste man sich auf einmal ganz genau überlegen, was wirklich nötig ist, auf Ablenkung verzichten, mit menschlichem Maß und menschlichen Grenzen klarkommen.
Viele empfanden das als wohltuend, lehrreich, nötig.
Dabei konnte keiner wissen, wie es gehen wird und so haben wir uns als Schicksalsgemeinschaft wahrgenommen, die wir - mit Verlaub - auch sonst sind. Übriggeblieben von all dem sind vor allem die Masken, die uns erinnern, dass wir diese Krise noch nicht hinter uns haben und eben nicht allzu übermütig werden sollten.
Auch die Bibel ist voller Übermutsgeschichten:
Das Alte Testament erzählt vom Turmbau zu Babel, dem maßlosen Projekt, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht. Es gibt keinen Grund außer der Lust, Grenzen zu durchbrechen. Einfach, weil man es kann….
Später ist da Petrus, der von sich glaubt, übers Wasser gehen zu können. Nicht weil er es kann, sondern weil er es will.
Erinnern wir uns: während eines Sturms, in dem die Jünger vor Angst fast von Sinnen sind, sehen sie Jesus übers Wasser kommen. Und dann sagt Petrus: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot …“
Es ist purer Übermut. Es geht auch fast schief.
Aber es ist nicht nur Übermut. Es ist auch eine Geschichte, die zeigt, was möglich ist, wenn Menschen auf Gott vertrauen.
Dann trägt das sie Wasser. Sonst braucht man es, um die Bremsspur zu kühlen.

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  Wenn Gott schweigt

Wenn Gott schweigt

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.07.2020

Ein Mann mittleren Alters, nennen wir ihn Paul, ist seit Jahrzehnten alkoholkrank. Es gab sehr lange Phasen der Abstinenz, insgesamt aber auch drei Rückfälle, den letzten vor ein paar Monaten. Freunden war es aufgefallen und sie haben ihn gleich ins Krankenhaus gebracht, wo ihm professionell geholfen wurde, den Weg zurück in die Abstinenz zu finden. Heute geht es ihm wieder gut.
Natürlich hatte der Rückfall einige größere und kleinere Scherbenhaufen hinterlassen, denn mit dem Trinken kamen die Lügen, der Versuch zu vertuschen, geheim zu halten, unter den Teppich zu kehren. Das hat Freunde verletzt und Vertrauen zerstört. Dieses Vertrauen galt und gilt es nun wiederaufzubauen – nicht immer eine ganz leichte Aufgabe; das geht nicht einfach so von jetzt auf gleich und manches lässt sich vielleicht auch gar nicht mehr reparieren.
Paul ist überzeugter Christ und in einem Gespräch sagte er: „Weißt Du, in der Zeit, in der ich getrunken habe, da hat mein Glaube geschwiegen und Gott war für mich nicht spürbar.“ Das klang gar nicht mal so sehr nach Vorwurf, so nach dem Motto: Na, da hätte der Herr ja wohl besser auf mich aufpassen können! Nein, es klang eher fast fragend, verwundert, überrascht. Es klang beinahe so, als hätte Paul seinen Rückfall nicht nur vor seinen Freunden verbergen können und wollen, sondern sogar vor Gott.
Es ist eine der ganz großen Fragen, die mit unserem Glauben zusammenhängen und der wir uns nicht entziehen können: Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Wo ist Gott, wenn wir ihn brauchen? Warum hilft er nicht ganz konkret, wo doch so klar ist, wie geholfen werden könnte? Einfache Antworten auf diese Fragen sind kaum zu finden, weil wir uns als Menschen immer in diesem Spannungsfeld zwischen der ganz persönlichen Freiheit und unserer Verantwortung befinden, weil diese Welt eben beides kennt: Gutes und Böses.
Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Die Antwort finden wir, wenn wir vertrauen. Selbst wenn Paul den Eindruck hatte, sein Glaube habe geschwiegen und Gott sei nicht da gewesen, so hat sich seine Situation doch wieder zum Guten gewendet. Da waren Menschen, die geholfen haben, da war neue Zuversicht und Hoffnung, das war ganz viel Vergebungsbereitschaft und da waren und sind Neuanfänge – große und kleine.
Paul kann heute sagen, dass er all das als Gottesgeschenke sehen kann und dass Gott ihn auch durch diese schweren Zeiten begleitet hat. Aber eben nicht so, wie erhofft, nicht so, wie erwartet, nicht so, wie erbeten, eben nicht so, wie es nach menschlichen Maßstäben doch so offensichtlich gewesen wäre. Gott ist oft ganz anders, als wir es erwarten. Aber er ist da für uns – verlässlich, liebevoll und manchmal eben auch ganz leise. Amen.

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  Ruhetage

Ruhetage

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.07.2020

Heute, auf den Tag genau vor 1699 Jahren, am 3. Juli des Jahres 321 nach Christus, trat ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin in Kraft, nachdem im gesamten römischen Reich der Sonntag zum allgemeinen Ruhetag erklärt wurde. Lediglich landwirtschaftliche Arbeiten blieben sonntags gestattet.
„Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ So lesen wir im ersten Buch Mose. Dieser siebente Tag ist allerdings der Samstag und nicht der Sonntag, da nach jüdischer und christlicher Tradition die Woche nicht am Montag beginnt, sondern eben schon am Sonntag. Nur nach dieser Zählung liegt der Mittwoch dann tatsächlich in der Mitte der Woche. Mit einem Wochenbeginn am Montag passt das irgendwie nicht.
Der gute Kaiser Konstantin hat also nicht den siebten Schöpfungstag im Hinterkopf, als er den Sonntag zum Ruhetag erklärte. Und wir Christinnen und Christen im Übrigen auch nicht. Wir feiern den Sonntag in ganz besonderer Weise, weil es der Tag Jesu Auferstehung ist. Somit ist jeder Sonntag ein kleines Osterfest. Dass es sich lohnt, das zu feiern, liegt auf der Hand, wie ich finde.
Die Bedeutung des Sonntages hat allerdings seit geraumer Zeit zu erodieren begonnen. Natürlich können nicht alle Menschen am Wochenende die Hände in den Schoß legen. Damit würde unser Gesellschaftssystem zusammenbrechen. Wir brauchen Menschen, die auch am Sonntag arbeiten und wir sind dankbar, dass es sie gibt – im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr, in der Gastronomie und nicht zuletzt auch bei uns in der Kirche.
Doch unabhängig davon gibt es immer wieder Tendenzen, die Sonntagsruhe infrage zu stellen und ihn mehr oder weniger zu einem Tag wie jeder andere zu machen. Die Diskussion um verkaufsoffene Sonntage wird in diesem Zusammenhang immer wieder geführt, so auch jetzt, wo seitens der Landesregierung vier zusätzliche Termine zur Ladenöffnung für dieses Jahr genehmigt wurden.
Es gibt nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung, denn insbesondere der Einzelhandel in unseren Städten hat unter der Coronakrise massiv gelitten und leidet noch immer. So ist die Ermöglichung von zusätzlichen Öffnungszeiten als einmalige Reaktion auf den Lock-down durchaus verständlich. Dennoch sollten wir achtgeben, dass sich hier durch die kalte Küche nicht irgendetwas einschleicht, was dann zur Regel wird.
Ich denke, dass wir Menschen die Wochenunterbrechung am Sonntag zwingend brauchen – natürlich, um uns an unserem Glauben zu erinnern und um den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern, aber eben auch, damit es einen besonderen Tag in der Woche gibt, an dem wir zur Ruhe kommen, an dem unser Alltagsleben pausiert und an dem wir uns erholen können. Wenn alles an jedem Tag in gleicher Weise möglich und gleich gültig ist, dann ist eben irgendwann alles gleichgültig. Wir sollten wachsam sein, dass Bewahrenswertes auf bewahrt bleibt. Amen.

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  Blühende Dornwälder

Blühende Dornwälder

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2020

Nun haben wir bereits den Zenit des Jahres überschritten, gestern war der erste Tag der zweiten Halbzeit. Jetzt geht es schon wieder stark auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. Grund genug, an ein Adventslied zu erinnern, dass im Grunde gar keines ist. Ich meine das Lied: „Maria durch ein Dornwald ging“. Leider ist es in unserem evangelischen Gesangbuch nicht zu finden, ich persönlich finde es wunderschön. Es ist entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts und bezieht sich auf eine biblische Geschichte, und zwar der Begegnung von Maria und ihrer Cousine Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers.
Heute wird in den christlichen Kirchen dieses Ereignisses gedacht und das ganze passiert unter der Überschrift „Mariä Heimsuchung“. Um das nicht misszuverstehen, muss man wissen, dass das Wort Heimsuchung ursprünglich nicht negativ besetzt war. Maria besucht Elisabeth in ihrem Heim – so soll es verstanden werden. Und das Lied beschreibt eben den Weg, den Maria dabei zurücklegt und der sie, so wie es die erste Strophe metaphorisch beschreibt, durch einen Dornwald führt, der seit sieben Jahren kahl ist.
Elisabeth ist im sechsten Monat schwanger und auch ihr ist, ebenso wie Maria, Wunderbares widerfahren. Sie ist trotz ihres hohen Alters schwanger geworden. All das hatte Maria der Engel mitgeteilt, der ihr erschienen war, um zu verkünden, dass sie den Gottessohn zur Welt bringen soll.
Lukas schildert das Zusammentreffen der beiden schwangeren Frauen sehr anschaulich. So schreibt er, dass der ungeborene Johannes der Täufer, im Leib seiner Mutter hüpfte, als er die Stimme Marias hörte. Es ist dies quasi das erste Zusammentreffen von Jesus und Johannes und schon hier wird die große Bedeutung der beiden füreinander sichtbar.
Auch das Adventslied, das wie gesagt eigentlich gar keines ist, beschreibt die Wirkung, die von Jesus ausgeht. „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen“, so heißt es. Noch ungeborenen zeigt sich Jesu Kraft, die augenscheinlich Totem wieder Leben einhauchen kann. Kahle Dornen beginnen zu blühen und der ungeborene Johannes hüpft im Mutterleib.
Jesus löst Begeisterung und Lebensfreude aus, einfach, weil er da ist. Und weil wir glauben, dass Jesus auch uns überall begleitet – „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, so hat er uns versprochen – dürfen wir uns auch von dieser Lebensfreude und dieser Begeisterung anstecken lassen, jeden Tag aufs Neue. Und so können aus unserem Glauben heraus auch die kahlen Dornen, die immer mal wieder rechts und links unserer Lebenswege stehen, wieder Rosen tragen; Gott sei Dank! Amen.

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  Tal-Weg-Worte

Tal-Weg-Worte

Henning Böger, Pfarrer - 01.07.2020

Nach einer alten indianischen Erzählung kommt der Mensch in seinem Leben der Reihe nach an vier Berge: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. Jeder der vier Berge ist steil. Jeder hat seine Herausforderungen und Gefahren. Aber bist du einmal oben, sagt die Legende, dann gehst du eine Zeit lang einen ebenen Weg. Du kannst den Berg ‚oben‘ erleben, machst die Erfahrung von Weite und hast dein eigenes Bild von der Welt.
So mühsam wie der Aufstieg auf die Berge ist auch jeweils der Abstieg von ihnen. Es falle den meisten Menschen ungemein schwer, meinen die alten Indianer mit einer Lebensweisheit, die alle Berge gesehen hat, die einzelnen Berge wieder zu verlassen. Aber man muss hinuntergehen, ins Tal hinein und hindurch, damit man von unten her den nächsten Berg wieder besteigen kann. So nur kommt das Leben letztlich zu seinem Ziel!
Vom Tal aus beginnt der neue Aufstieg. Dieser Gedanke gefällt mir. Denn da ist viel Lebenserfahrung im Spiel. Mit dem Leben, das eben nicht nur Höhen kennt, sondern auch die Tiefen, die Täler, die uns zu schaffen machen, weil das Leben dort wie feststeckt - in Krankheit oder Krise, in Angst oder Streit. Manchmal ist da unten im Tal einfach kein Licht und kein Ende in Sicht; und ein Aufstieg in neue Höhen erst recht nicht.
Wer mit diesem Gedanken im Kopf die Bibel zur Hand nimmt, kann echte Mut-Mach-Worte für diese Talwege entdecken. Eines stammt aus dem 23. Psalm, den wir soeben gehört haben: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."
Ich höre diesen Satz so: Ja, es gibt die finsteren Täler, unbestritten. Nicht, dass man sich wünschen müsste, dort dauerhaft unterwegs zu sein. Aber wer weiß schon, was ihm bevorsteht. Und wo steht geschrieben, dass mir dort im Tal kein Unglück widerfahren wird? Im 23. Psalm steht etwas anderes geschrieben: „Ich fürchte kein Unglück.“
Das heißt nicht beschwichtigend: Es wird schon nichts passieren. Doch, mir kann etwas zustoßen. Aber: Ich muss mich davon nicht beherrschen lassen. Und das hat einen einzigen Grund: „Du, Gott, wirst bei mir sein, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gerade dort, wo das Leben hart daherkommt, sollen wir Menschen erfahren dürfen, dass der Glaube an Gott uns zu tragen vermag, auch Sorgen und Zweifel überwinden lässt, eben weil wir Gott über uns und neben uns wissen dürfen als treuen Weg-Begleiter.
"Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." In diesem Satz liegt ein Versprechen, das uns allen gilt: Gott trägt. Gott hält. In Zeit und Ewigkeit.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Amen.

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  Was uns lebendig hält

Was uns lebendig hält

Henning Böger, Pfarrer - 30.06.2020

Endlich darf Walter seinen Freund wieder besuchen. Natürlich unter Auflagen, denn dieser lebt in einem Seniorenwohnheim. Die Zeit war lang, in der die beiden sich nicht sehen durften. Viele ältere Menschen und ihre Angehörigen haben darunter gelitten.
Jetzt geht es an vielen Orten wieder. Und an manchen hat man kreative Ideen dazu: In Frankreich zum Beispiel, so berichtet eine Zeitung, stehen nun kleine Zelte im Garten eines Seniorenheimes. Hier können Familien ihre Angehörigen besuchen. Dann braucht man nicht durchs ganze Haus zu gehen und ist zugleich vor Wind und Wetter und den Blicken anderer geschützt.
In Frankreich und auch hier in Braunschweig: Endlich kann man sich wieder in die Augen sehen, endlich lächelt man sich wieder an und hört dabei, was der andere sagt. Wie sehr haben Menschen das vermisst. Es ist noch nicht alles wie früher, aber es gibt erste vorsichtige Schritte. Wir können einander wieder zeigen: Wir haben uns nicht vergessen!
Es gibt ja Menschen, die sagen: Ich brauche niemanden! Hoffentlich sagen sie das nur und glauben es nicht auch noch. Denn das wäre ein schwerer Irrtum! Jeder und jede braucht Freunde und Vertraute im Leben. Es müsse nicht viele sein, aber es sollen Menschen sein, die auf uns achtgeben, die anrufen und nachfragen oder nach dem Rechten sehen.
In den vergangenen Corona-Wochen war das vielfach zu erleben: wie Menschen sich umeinander kümmern. Und so vorleben, was niemand vergessen sollte: Dass wir Menschen keine Insel sind, sondern andere zum Leben brauchen.
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Diesen Gedanken Gottes überliefert die Bibel im ersten Mosebuch und erzählt dann in wunderbaren Bildern davon, wie Gott den Menschen als Beziehungswesen schafft. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Ich höre das so: Wir Menschen sind füreinander bestimmt. Wir brauchen einander, mal etwas weniger, mal viel mehr. Wir brauchen Menschen, die auf uns achtgeben und sich um uns sorgen. Das hält uns lebendig.
Auch Walter wird nun bald seinen Freund im Seniorenheim besuchen. Die Zelte im Garten sind aufgebaut. Es gibt so viel zu erzählen, sagt er. Und Gott danken wollen sie dafür, dass sie einander haben und sich nun wiedersehen dürfen. Endlich!

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  Ärmel hochkrempeln!

Ärmel hochkrempeln!

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.06.2020

In den vergangenen Tagen wurden in den Medien gleich mehrere Hiobsbotschaften über unsere Kirche verbreitet. Zum einen wurde berichtet, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Kirchenaustritte deutlich zugenommen hat und zum anderen, dass Corona durch sinkende Steuereinnahmen die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland massiv und schmerzhaft treffen wird.
Es wird sie nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, dass diese Nachrichten bei uns keine gute Laune auslösen. So waren auch die Reaktionen der Kirchenleitungen eher traurigen Inhalts, denn was ist die Konsequenz, wenn einem die Mitglieder weglaufen und die Einnahmen wegbrechen: Sparen ist angesagt. Dabei besteht die große Gefahr, dass man es an der falschen Stelle tut. Glücklicherweise haben beide großen Kirchen darauf hingewiesen, dass sie sich gerade nicht aus der diakonischen Arbeit und aus dem Verkündigungsdienst noch weiter zurückziehen wollen – na wenigstens was.
Für mich persönlich ist aber auch eine weitere Konsequenz zwingend, und zwar die Frage nach dem Warum. Warum wenden sich Menschen von der Kirche ab? Warum können wir diese Menschen nicht davon überzeugen, zu bleiben? Und was müssen wir tun, damit sich das ändert? Antworten auf diese Fragen sind nicht ganz leicht zu finden. Aber manchmal kann man es ja auch nach dem Ausschlussprinzip versuchen. Hoch falsch wäre auf jeden Fall, auf die Zahlen zu blicken und sich dann jammernd in den Schmollwinkel zurückzuziehen, um die ach so böse und ungerechte Welt zu beweinen. Das wäre ebenso verkehrt wie nutzlos und wer auch nur ein bisschen vom Evangelium verstanden hat, kann auf eine derartig schräge Idee eigentlich gar nicht kommen.
Denn worum geht‘s? Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der sich für uns interessiert, dem unser Wohlergehen am Herzen liegt und der uns lieb hat. Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der nicht gern allein ist und deshalb den Kontakt zu und sucht. Es geht darum, Menschen von der frohen Botschaft zu erzählen, die dieser Gott für uns alle bereithält. Es geht darum, Menschen von Jesus Christus zu erzählen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht! Es geht darum, Menschen davon zu berichten, dass dieser Jesus Christus den Tod für uns besiegt hat, ein für alle Mal und der uns so eine Perspektive schenkt, in der Hoffnung aufleuchtet im Licht des Ostermorgens.
Ja, all das ist der Institution Kirche nicht immer abzuspüren. Auch und gerade in diesen Corona-Zeiten haben wir uns als Kirche anfangs nicht mit Ruhm bekleckert, waren vielfach angstgetrieben, zu leise, zu angepasst. Doch ich glaube, wenn wir es schaffen, zu den Menschen zu gehen, und ihnen zu erzählen, worum es wirklich geht, nämlich Gottes Liebe zu empfangen und sie weiterzugeben an die Menschen um uns herum, wenn wir uns als Kirche einmischen und einsetzen für die Schwachen, für Gerechtigkeit und für den Frieden, dann sollten wir gute Chancen haben, auch wieder bessere Zeiten zu erleben – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  75 Jahre Vereinte Nationen

75 Jahre Vereinte Nationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.06.2020

Heute vor 75 Jahren, am 26. Juni 1945 wurden in San Francisco die Vereinten Nationen gegründet. Dies geschah durch Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen durch 50 Staaten, darunter die USA, Russland und China. Aus der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege heraus war die Initiative zur Gründung der Vereinten Nationen der Versuch, eine dauerhafte und stabile Basis für ein friedliches Miteinander der Staaten dieser Erde zu etablieren.
Nach Art. 1 der Charta der Vereinten Nationen sind die Hauptaufgaben der UN folgende: die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, die Entwicklung besserer, freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen, die internationale Zusammenarbeit und Lösung globaler Probleme und die Förderung der Menschenrechte. Die UN soll bei alledem der Mittelpunkt sein, an dem die Nationen diese Ziele gemeinsam verhandeln.
Die UN kann auf viele bedeutende Erfolge zurückblicken. So hat sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948 entwickelt und weltweit verbreitet, maßgeblich an der Ausrottung und Eindämmung von Krankheiten mitgewirkt, mit der UNHCR eine Organisation zum Flüchtlingsschutz gegründet und unter anderem mit dem Welternährungsprogramm wesentliche Beiträge zur Unterstützung der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern geleistet. Schwerpunkt der Arbeit ist nach wie vor die Friedenssicherung. Und auch hier haben wir, hat die Welt der UN viel zu verdanken. Sie hat an der Gründung des Staates Israel mitgewirkt, dazu beigetragen, die Kubakrise zu entschärfen und war und ist in vielen Ländern mit ihren Blauhelmen aktiv in der Friedenssicherung engagiert.
Ein ums andere Mal wird auch bei der UN deutlich, dass in Gemeinschaft große Aufgaben, Probleme und Herausforderungen deutlich besser zu meistern sind, als im Alleingang. Insbesondere das Thema Friedenssicherung erfordert den Schulterschluss der einzelnen Nationen und den Blick auf das gemeinsame Ziel. Insbesondere die Förderung des gemeinschaftlichen Austausches ist hier hervorzuheben, denn Menschen, die miteinander reden und sich für eine gemeinsame Sache einsetzen, führen in aller Regel keinen Krieg gegeneinander.
Ganz ohne Frage sind die Vereinten Nationen nicht perfekt. Immer wieder fällt negativ auf, dass einzelne Länder durch ihr Vetorecht wichtige Entscheidungen blockieren können. Auch die Frage nach der demokratischen Legitimation der UN wird immer wieder gestellt. Nichtdestotrotz sollten wir aus meiner Sicht dankbar sein, dass es sie gibt, denn sie hat trotz ihrer Schwächen und Fehler in den vergangenen 75 Jahren viel Gutes bewirken können.
Paulus schreibt: „Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, sind doch ein Leib.“ Das, was der Apostel hier auf die Gemeinde Jesu Christi bezieht, kann auch ein schönes Bild für die Staatengemeinschaft sein. Denn auch die funktioniert nur, wenn alle mittun. Die Vereinten Nationen sind ein erfolgreicher Versuch, dem einen Rahmen zu geben. Hoffen und beten wir, dass das dem Frieden weiterhin dienlich ist. Amen.

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  Friede sei mit Dir!

Friede sei mit Dir!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2020

Vor ein paar Tagen bin ich mit einer Dame ins Reden gekommen, die so wie ich hier am Dom ehrenamtlich tätig ist. Sie erzählte mir von einer Begebenheit, die sie vorne an unserem Empfangstresen hatte. Während sie dort Dienst tat, betrat ein Mann den Dom und fragte sie, ob er sich den Dom ansehen dürfe. Auf die Frage: „Ja, warum denn nicht?“, antwortete er: „Ich bin Moslem.“ „Bei uns ist jeder willkommen!“, war die knappe und zutreffende Antwort meiner Kollegin.
„Porta patet, cor magis.“ Diese lateinische Inschrift ist oft über Klosterpforten zu lesen. Sie bedeutet: „Die Tür ist offen, das Herz noch mehr.“ Es ist ein uralter Willkommensgruß und ich finde, dass er auch gut über unsere Domtür passen würde. Es ist gute christliche Tradition, dass alle Menschen in unseren Kirchen gern gesehene Gäste sind, vollkommen losgelöst davon, welcher Konfession sie angehören oder ob sie überhaupt an Gott glauben. Natürlich wird erwartet, dass sich die Gäste der Würde dieses Ortes angemessen verhalten. Aber das gilt ja überall dort, wo wir zu Gast sind, ob nun in einer Kirche oder privat bei Freunden in deren Wohnzimmer.
Schon oft haben hier bei uns im Dom ökumenische Friedensgebete stattgefunden, bei denen Juden, Moslems, armenische Christen, Katholiken und Protestanten einträchtig nebeneinander an unserem Marienaltar gebetet haben. Und warum auch nicht? Schließlich glauben wir alle an denselben Gott – den Gott Abrahams und Jacobs. Ich maße mir nicht an, zu sagen, dass nur eine Religion die richtige ist und schon gar nicht, welche. Offensichtlich ist in Gottes Plan Raum für ganz unterschiedliche Wege, die zu ihm führen. Ich fühle mich auf meinem evangelischen gut aufgehoben und von Gott gesehen und angenommen. Aber kann ich deshalb sagen, dass alle anderen Wege falsch sind? Ganz sicher nicht!
Neben aller Unterschiedlichkeit gibt es vieles, was verbindet. Salam alaikum, Shalom, Pax vobiscum, Friede sei mit dir. Ja, der Friede, der von Gott kommt, ist eine der großen Gemeinsamkeiten, die Gott uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Bücher geschrieben hat. Bedauerlicherweise steht das, was wir Menschen daraus gemacht haben, auf einem ganz anderen Blatt – und das völlig unabhängig von Konfessionen. Doch wer friedfertig ist, der ist dann eben hier bei uns im Dom auch jederzeit herzlich willkommen.
Unser muslimischer Besucher war von der einladenden und freundlichen Art meiner Kollegin so berührt, dass er sie zum Abschied herzlich umarmt hat. Gottes Friedensbotschaft verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Amen.

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  Verstockung

Verstockung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.06.2020

Heute ist Ende der Spargelsaison und Johannistag, der Tag Johannes des Täufers, in dessen Mund das Wort über dem Tag aus dem Johannesevangelium liegt: „Er muss wachsen. Ich muss abnehmen.“
Das kann man als hartherzige Verdrängungen lesen, als ein machtvolles Kräftemessen um Räume und Einfluss. Aber darin spiegelt sich großes Einverständnis: Es bleibt nicht, wie es ist. Zukunft wird möglich, wenn ich sie wachsen lasse, wenn ich dem Entwicklung zugestehe, woran ich glaube, wenn ich zulasse, dass es ganz anders kommt.
Das Evangelium für den Johannistag steht bei Lukas und erzählt die Ankündigung und Geburt Johannes des Täufers.
Seine Eltern Elisabeth und Zacharias waren hochbetagt und kinderlos. Elisabeth war unfruchtbar. Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzten das hebräische Wort dafür mit „wurzelverstockt“. Ein hartes schmerzhaftes Wort, so hart und schmerzhaft wie es ungewollte Kinderlosigkeit zu allen Zeiten gewesen. Ein unvorstellbares hartes Schicksal dort, wo der Wert einer Frau darin bestand, ob sie Söhne gebären kann.
Aber bei genauem Hinhören, birgt es doch eine Offenheit, eine Chance: es ist nicht endgültig unmöglich, Veränderung nicht ausgeschlossen, Verstockung kann sich lösen so muss es nicht bleiben. Und auch: Solche Verstockung an der Wurzel hat ihren Ort in der Tiefe. Es ist Elisabeths Leben, nicht ihr Versagen.
Als der Verkündigungsengel, in Zacharias‘ Leben tritt und ein Kind ankündigt, überfällt den Furcht und Zittern. Er kann es nicht glauben. „Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen.“ Sagt der Engel. Es ist eine Verheißung so voller Zukunft und Hoffnung, die mit diesem Kind einhergehen soll, dass man kaum erahnen kann, was für eine kostbare Wurzel in Elisabeth geruht hat.
Aber Zacharias?
Er kann es nicht glauben. Er braucht einen Beweis, ein Zeichen, ein Art Ultraschallbild. Er bekommt das auch eins und finde, da beweist die Bibel Humor. Wenn Zacharias nicht verstehen, begeifern oder glauben kann, was da werden will, wenn er sich eine Zukunft vorstellen kann, die ganz anders ist als alles, was er bisher kennt und erlebt hat, dann ist besser, er kommentiert das nicht und zerredet die Hoffnung nicht.
Und also sagt Gabriel: „Und siehe, du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.“
Zacharias wird aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt, Pause. Zeit zum Nachdenken und genauem Hinsehen. Zeit, zu merken: Die Welt bleibt nicht stehen. Es wächst etwas Neues heran. Leben bricht auf. Den alten Vater wird es überfallen und wie ein Dammbruch aus ihm herausbrechen.
Und dann singt Zacharias.
Ausgerechnet! Das erleben wir auch. Dann.

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  Wir sind gesehen

Wir sind gesehen

Henning Böger, Pfarrer - 23.06.2020

Ein Klassenzimmer, kurz nach Stundenschluss. "Glauben Sie an Gott?", fragt der Schüler mit leiser Stimme. Es ist eine unbelauschte Sekunde. Sonst wäre er wohl mit den anderen sofort in die Pause herausgetollt. Aber diesmal war die Physikstunde zum Nägelbeißen spannend gewesen.
"Glauben Sie an Gott?" Der Lehrer streift seinen Schüler mit einem Blick, wie um zu prüfen, ob die Frage ernst gemeint wäre. Dann tritt er ans Fenster und schaut hinaus. "Wenn, wie Sie sagen", setzt der Junge nach, "wenn da oben wirklich so ein gewaltiges Kräftespiel tobt, wenn schwarze Löcher alles Licht einsaugen, wenn Sterne explodieren und Gravitationswellen hundert Milliarden Galaxien durchrütteln ... Wie kann man da noch an einen Erdengott glauben?"
Ohne den Blick zu wenden, hebt der Lehrer an: "Vielleicht stellen wir uns Gott nicht groß genug vor. Vielleicht erzählen uns die Himmel von seiner wahren Größe. Vielleicht ist Gott größer als das All. Und alles, was sich ausdehnt, lebt und weitet, das bewegt sich mit seinem Atem. Vielleicht wachen wir gerade auf und bekommen eine unfassbare Weite zu sehen. Mit jeder Erkenntnis, die die Astrophysik hervorbringt, wird mir dieser Gott geheimnisvoller, ehrfurcht-gebietender."
Der Junge braucht eine Weile, bis sich dieses Bild in ihm aufbaut: Gott, so groß, dass ein sich ausbreitendes All in IHM Raum hat! Gott als Raum der Welten, in dem sich Endlosigkeit zu Orten und Ewigkeit zu Zeit und Geistesgegenwart verdichten! Die Sekunden verstreichen, dann sagt er: "Glauben Sie an so einen Gott?"
"Glauben", sagt der Lehrer, das Wort wiegend, "ich würde eher sehr sagen, ich bin tief beeindruckt. Ich begreife nicht, wie es IHM möglich ist, so groß zu sein und zugleich so klein, um uns auf dieser Erdmurmelt hier in die Augen zu schauen. Ich glaube, die Generationen vor uns haben wirklich recht gehabt: Wir sind gesehen. Zuweilen spüre ich seinen Blick. Und der Gedanke geht mir durch und durch: Auch ich bin gesehen!"

Gebet:
Gott, in dir sammeln wir uns an diesem Abend, zu dir sammeln wir
unsere Gedanken. In der Weite unseres Lebens bist du unser Fixpunkt.
Darum segne uns mit deinem Schutz. Halte uns in deiner Liebe.
An diesem Abend, am neuen Morgen. Das bitten wir dich durch Christus.
Amen.

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  „Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.06.2020

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“ – so beginnt ein Gebet von Margot Käßmann. Man hört schon die Distanz, sie ist unmerklich aber nicht unerheblich. „Dein“ Prediger… - nicht meiner, deine Weisheit, nicht meine, deine Wirklichkeit, nicht meine….
Alles hat seine Zeit. Pflanzen, bauen, lachen, tanzen, weinen, lieben, Steine sammeln… - so heißt es beim Prediger Salomo im dritten Kapitel. Bei Margot Käßmann dagegen folgt der große Stoßseufzer: „Aber ich finde für gar nichts mehr Zeit … Der Magen krümmt sich mir, wenn ich sehe, was zu tun ist. Und dabei bleibt so vieles auf der Stecke…“
Der Magen krümmt sich.
Bei Anderen gerät das Herz aus dem Takt oder schmerzt der Rücken, flieht der Schlaf - erst recht, wenn man den Druck mit sich allein herumträgt. Und ganz schwer wird es, wenn man von denen drumherum gesagt kriegt: „Du bist doch stark…“
Das macht dazu noch einsam.
Ich höre Sorgen dieser Art derzeit viel mehr als sonst.
Wenn ich frage, wie es geht, dann ist die erste Antwort meist: „Gut, alle sind gesund. Wenn klagen, dann doch auf hohem Niveau…“
Aber wenn ich dann einen Moment warte – oft muss ich gar nicht wirklich nachhaken – purzelt anderes hinterher. Der Schmerz, Kinder und Enkel nicht sehen oder wenn, dann nicht in den Arm nehmen zu können. Die ungeheure Erschöpfung nach wochenlangem Homeschooling, Haushalt, Homeoffice und dem Versuch, dabei geduldig zu bleiben und das Beste draus zu machen. Der fehlende – oft mühsam erkämpften – Ausgleich. Die Einsamkeit beim Online-Studium ohne Begegnung.
Der Mehltau über allem.
Die Nerven liegen blank.
Tränen. Die muss sich mancher erst trauen …
Dann folgen Entschuldigungen. Man wollte das eigentlich gar nicht alles sagen. Es ist eine schwer sorgenvolle Zeit – auch wenn es draußen Sommer wird und schon wieder ziemlich lebendig zugeht.
Noch ist kein Ende absehbar.
Während ich das schreibe, erfahren die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof, dass das Haus schließen wird. Es ist ein schlimmer Tag. Viele haben die Angst schon lange mit sich herumgetragen. Der Magen krümmt sich.
„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger. Aber ich…“
Aber wir?
Wir halten Gott unser Leben entgegen und hoffen, dass er sich der Last annimmt und Zukunft schenkt.

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  Auszeiten

Auszeiten

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2020

Fühlen Sie sich oft gehetzt oder getrieben? Es ist zum Markenzeichen unserer modernen Zeiten geworden, dass wir bei allem, was wir tun, darauf achten, dass es möglichst schnell vonstatten geht. Produktionsprozesse, Abläufe in der IT, Bearbeitungszeiten im Dienstleistungsgewerbe – alles wird auf Tempo getrimmt. Wie Sie vielleicht wissen, arbeite ich in einer Bank. Auch dort ist das Thema Prozessgeschwindigkeit und -Effizienz ein ganz großes. Denn je schneller und effizienter ein solches Unternehmen funktioniert, desto kostengünstiger kann es arbeiten.
Auch im zwischenmenschlichen Bereich spielt Geschwindigkeit eine immer größere Rolle. Wenn wir früher einen Brief mit Tinte auf Papier geschrieben haben, und der dann kuvertiert und mit Briefmarke versehen zur Post gebracht wurde, dann wussten wir, dass es schon ein paar Tage dauert, bis wir eine Antwort erhalten. Heute werden wir mitunter schon unruhig, wenn eine von uns versandte E-Mail nach ein paar Minuten noch unbeantwortet ist. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass gerade im Rahmen der elektronischen Kommunikation mit steigender Geschwindigkeit in gleichem Maße Qualität und Form deutlich nachlassen. Mag es bei E-Mails noch einigermaßen gehen, so treten doch spätestens bei SMS, WhatsApp und Co. die Regeln von Orthographie und Interpunktion deutlich in den Hintergrund, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch es kommt eben darauf an, möglichst schnell zu sein – alles andere rutscht in der Priorität häufig weiter nach unten.
Astrid Lindgren hat einmal gesagt: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Ach, wie recht sie doch hat! Wir brauchen alle unsere Auszeiten, wobei zu hinterfragen wäre, was wir unter Auszeit verstehen. Ich meine damit, dass wir uns regelmäßig aus unseren alltagsbestimmenden Hamsterrädern verabschieden müssen, um zur Ruhe zu kommen und unser Denken, Tun und Lassen einfach mal zu befreien vom Diktat des „Höher, Schneller, Weiter“.
Auch, wenn es sich komisch anhört, aber Nichtstun kann ganz schön anstrengend sein. Vielfach sind wir durch unsere Umwelt so auf Aktivität konditioniert, dass wir ein echtes Problem damit haben, ein paar Gänge zurückzuschalten. Und wenn wir es dann trotzdem schaffen, stellt sich nicht selten ein schlechtes Gewissen ein, weil wir unterschwellig meinen, dass Nichtstun Zeitverschwendung ist und sich irgendwie nicht gehört.
Ein Blick in die Bibel relativiert das glücklicherweise. Denn selbst Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um Zeit für sich zu haben, um nachzudenken und um zu beten. 40 Tage, so berichtet die Bibel, war er alleine in der Wüste. Solche Auszeiten standen ihm zu und das gilt auch für uns. Und wenn uns dazu keine passende Bibelstelle einfällt, dann doch vielleicht wenigstens der vorhin zitierte Satz von Astrid Lindgren. „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Amen.

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  Zeichen sehen lernen

Zeichen sehen lernen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.06.2020

Im ersten Buch Mose wird die Josefsgeschichte erzählt, vielen Familien hier am Dom ist sie zutiefst vertraut. Josef, den seine Brüder den „Meister der Träume“ nennen, träumt nicht nur selber heftig und umtreibend; er kann auch die Träume anderer deuten, Zeichen darin lesen und Zukunftsansagen verstehen.
Das bringt ihn in Schwierigkeiten, denn er sieht nicht rosarote Wunschträume sondern das, was ist oder kommen wird, ganz egal ob es ihm zur Ehre gereicht oder beschämt, ob es anderen dient oder ihnen Angst macht.
Er bleibt bei der Wahrheit, wenn er ausspricht, was er sieht.
Josef träumt schon als Kind. Zuerst von seiner Sonderstellung unter seinen Brüdern, Korngaben verneigen sich, Mond und Sterne umkreisen ihn. Er erlebt die Konsequenzen dieser Konstellation – aber, im eigenen Leben steckend, ohne Abstand, sieht er erst rückblickend, Jahrzehnte später, den Zusammenhang und sich selbst darin.
Anders ist es, als Josef im Gefängnis sitzt und die Träume seiner beiden Mitgefangen deutet. Es wird so im Guten wie im Bösen genauso kommen, wie er sagt.
Diese Fähigkeit führt ihn schließlich vor den Pharao, der sieben fetten Kühe träumt, die von sieben mageren Kühen verschlungen werden und zur Bestärkung dasselbe Bild noch einmal: sieben fette Ähren werden von sieben dürren Ähren gefressen. Keiner kann ihm das erklären.
Denn die Berater des Pharaos, seine Traumdeuter und Weisen, sind Teil des Systems. Sie sind erfüllt von der Kraft des Landes und ihrer eigenen systemrelevanten Rolle darin. Sie fühlen sich sicher.
Was sollte eine Wirtschaftsmacht wie Ägypten gefährden?
So können sie die Zeichen nicht sehen und den Zusammenhang nicht deuten. Sie können gar nicht denken und sich vorstellen, dass die guten Jahre vorbei sein könnten.
Aber Josef, der den Rauswurf aus der Geborgenheit des Vaterhauses und den Sturz, aus der privilegierten Rolle in Potifars Haus ins Gefängnis erlebt hat, der hat längst erfahren, dass Wohlstand und Glück nicht selbstverständlich sind, dass Menschen Verantwortung übernehmen müssen, für das, was ihnen anvertraut ist.
Mit der Freiheit des Ohnmächtigen kann er klar sehen.
Und so sieht er, dass die Krise bevorsteht, dass Hunger und Not über das Land hereinbrechen werden, wenn es seine Verschwendungssucht, seinen wahnsinnigen Ressourcenverbrauch nicht einstellt, sondern nachhaltig und fürsorglich wirtschaften lernt.
Aber das ist nicht das eigentlich Wunder der Geschichte.
Das Wunder geschieht, als der Pharao auf ihn hört. Sofort.
Das sollte uns nahe gehen! Denn auch hier werden die alten Geschichten wieder erzählt und wir staunen, wie aktuell sie sind. Aus der Ferne sehen sie uns klar. Darum mit Eva Zeller: wer wolle nicht meinen, „unverschämtes Glück zu haben, wenn er am Tropf der Bibel hängt.“



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  Offene Arme, weites Herz

Offene Arme, weites Herz

Pastor Henning Böger - 16.06.2020

Eine Woche habe sie geweint, erzählt Gabrielle einem Fernsehsender in den USA. Gabrielle wohnt in Memphis, im Bundesstaat Tennessee.
Reichlich Tränen flossen, weil ihre Hochschule alle Feiern zum Studienabschluss abgesagt hatte – wegen Corona! Keine Feier, kein Beifall, keine schwarzen Hüte als Zeichen der Reife. Das Abschlusszeugnis kam schmucklos per Post. Das war schlimm, sagt Gabrielle. Blödes Corona!
Ihr Vater kann die Tränen nicht lange mit ansehen. Dann hat er eine Idee: Er baut eine Bühne in den Garten. Dort wird seine Tochter gefeiert. In festlichen Kleidern. Mit allen Nachbarn und Freunden. Natürlich mit Abstand und Masken, aber die Tochter ist selig.
Eine Geschichte mit gutem Ende, die davon erzählt, dass Corona das Leben kräftig durcheinanderwirbelt. Auch in unseren Schulen sind die Abi-Bälle abgesagt. Und Konfirmationen werden in diesem Jahr ganz anders sein als geplant. Das passt nicht allen. Da gibt es Diskussionen und manchmal auch Ärger und Tränen.
Und mittendrin gibt es Familien, die merken: Es ist gar nicht leicht, sich in den Rollen von Eltern und Kindern zurecht zu finden. Viele Familien erleben sich zurzeit im Ausnahmezustand, wie auf dem Drahtseil zwischen Schule und Beruf, Aufgaben und freier Zeit, die gestaltet werden will. Für viele gilt: Ja, Familie ist ziemlich anstrengend!
Und sie ist auch ein großes Glück! Wenn das Miteinander gelingt. Wenn Eltern zuhören können und Kinder Rücksicht nehmen. Wenn Stress und Ärger nicht unterm Teppich landen, sondern alle in der Familie aufrichtig miteinander umgehen. Wenn die Arme offen und die Herzen weit bleiben!
Eine meiner liebsten Bibelgeschichten ist eine Familiengeschichte. Jesus erzählt sie von einer Familie, deren Rollen und Erwartungen heftig durcheinandergeraten: Da ist ein Kind, das unbedingt von zuhause fortgehen will, die Welt und ihre Möglichkeiten entdecken. Dazu fordert und erhält es einen beträchtlichen Teil des Familienvermögens und zieht davon. Im Laufe der Zeit aber verirrt sich das Kind in der Welt der Vielfalt und Möglichkeiten. Und merkt es nach Jahren und will wieder heim.
Und daheim? Da hört das Kind keinen Vorwurf, nicht einen! Dafür erlebt es offene Arme und weite Herzen. Einfach zu göttlich, denken Sie? Ja, genau! Denn Jesus sagt: So ist das auch bei Gott. Sein Herz ist weit und seine Freude groß über jedes Menschenkind, das zu ihm findet mit allem, was auf einem Herzen lasten kann. Der Weg dorthin ist nicht immer leicht, aber wenn er gegangen ist ein großes Glück!

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  Päpstliche Abmahnung

Päpstliche Abmahnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.06.2020

Wenn man im Berufsleben nicht das macht, was man soll, wenn man aus grober Unachtsamkeit oder gar mit Vorsatz Mist baut, dann muss man damit rechnen, eine Abmahnung zu bekommen. Darin kriegt man dann sein Fehlverhalten noch einmal schriftlich bestätigt, verbunden mit dem deutlichen Hinweis, es nicht noch mal zu tun, anderenfalls kann es sein, dass man seinen Job verliert.
Heute, auf den Tag genau vor 500 Jahren hat unser Bruder Martin Luther eine solche Abmahnung erhalten von seinem seinerzeit noch höchsten Dienstvorgesetzten, Papst Leo X. Die päpstliche Bannandrohungsbulle, wie das Schreiben offiziell heißt, war die Reaktion auf Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg. Den 500. Jahrestag dieses Ereignisses haben wir, wir erinnern uns, vor zweieinhalb Jahren festlich und mit einem neuen gesetzlichen Feiertag begangen.
Mit seiner massiven Kritik am Handeln der katholischen Kirche mit ihren Ablassbriefen, der weit verbreiteten Korruption und dem vielfach in erster Linie an Machterhalt orientierten Agieren der kirchlichen Organe, war Luther in Ungnade gefallen. Und nun wurde er vom Papst höchstpersönlich aufgefordert, innerhalb von 60 Tagen seine Thesen und Lehren zu widerrufen - anderenfalls würde er aus der Kirche ausgeschlossen.
Luther widerruft nicht, wie wir wissen. Als Antwort verfasst er vielmehr die Schrift „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ und ein Antwortschreiben an Papst Leo. Darin verteidigt Martin Luther die Freiheit des Wortes Gottes, dessen Verständnis und dessen Auslegung nicht durch menschliche Regeln eingeengt oder reglementiert werden soll und darf.
Das war konsequent und mutig gleichermaßen. Luther hat klargemacht, dass all das, was wir sind und haben, einzig und allein der Gnade Gottes zu verdanken ist und eben nicht erkauft werden kann. Der Menschen Seelenheil ist nicht abhängig von der Größe ihrer Geldbeutel und Gottes Vergebungsbereitschaft lässt sich nicht durch den Kauf von Ablassbriefen vergrößern. Jeder Mensch ist von Gott angenommen, gewollt und geliebt, einfach, weil er Mensch ist und nicht, weil er irgendetwas Besonderes geleistet hat.
Luther hat dem Druck aus Rom widerstanden und damit der Reformation weiter den Weg geebnet – Gott sei Dank. Durch Martin Luther hat sich die Kirche – und über die Jahre eben auch die katholische – wieder auf das zurückbesonnen, was tatsächlich ihr Auftrag ist, nämlich Gottes frohe Botschaft zu verkündigen und eben nicht den Menschen Angst zu machen und sie klein zu halten.
Manchmal brauchen wir Menschen einen kleinen Impuls, damit uns auffällt, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind, dass wir das eigentliche Ziel aus dem Blick verloren haben, dass wir nicht mehr hundertprozentig erkennen, worauf es wirklich ankommt. Manchmal reicht ein kleiner Impuls, manchmal braucht es einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten. Martin Luther hat diesen Impuls gesetzt und damit eine große Bewegung in Gang gebracht. Spannend fände ich, zu hören, was er heute wohl sagen würde, zu dem, was daraus entstanden ist. Amen.

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  Kinderarbeit

Kinderarbeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.06.2020

Kalizeta Kinda lebt in Karentenga im westafrikanischen Burkina Faso. Seit sie vier Jahre alt ist, hilft sie ihrer Mutter beim Geldverdienen in der Goldmine. Mit einem selbstgebauten Hammer zerschlägt sie Gesteinsbrocken in kleine Stückchen. „Die Arbeit hier ist sehr anstrengend“, sagt die Zehnjährige. „Meine Hände sind ganz aufgerissen.“
Kalizetas Schicksal ist kein Einzelfall. In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, zerschlagen Kinder schon ab dem 5. Lebensjahr stundenlang in gebeugter Haltung schwere Steine zu Baumaterial. Andere stehen den ganzen Tag in kaltem, schlammigem Wasser und helfen ihren Eltern beim Goldwaschen. Viele Kinder verletzen sich mit dem primitiven Werkzeug, werden krank – und können nicht behandelt werden. Die Jungen graben über 100 Meter tiefe, improvisierte Stollen, um an das goldhaltige Gestein zu kommen – tödliche Unfälle sind keine Seltenheit. Insgesamt arbeiten bis zu 600.000 Kinder in Goldminen und Steinbrüchen. Meist sind ihre Eltern selbst nie zur Schule gegangen und müssen auch ihre Kinder zur Arbeit schicken, damit die Familie überlebt.
Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation, einer Einrichtung der UN, arbeiten derzeit 152 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen fünf und 17 Jahren unter Gegebenheiten, die als Kinderarbeit zu bezeichnen sind, und die Hälfte von ihnen unter Bedingungen, die gefährlich, ausbeuterisch und gesundheitsgefährdend sind. Als schlimmste Formen von Kinderarbeit nennen die Vereinten Nationen Sklaverei und sklavenähnliche Abhängigkeiten, Zwangsarbeit, der Einsatz von Kindersoldaten, Kinderprostitution und Kinderpornographie.
Heute ist der internationale Tag gegen Kinderarbeit. Er soll auf die Not und das Elend der Kinder aufmerksam machen, die unter den geschilderten Bedingungen arbeiten müssen. Ziel ist es, im engen Schulterschluss der internationalen Staatengemeinschaft Kinderarbeit weiter zurückzudrängen. Hier sind insbesondere die Regierungen der betroffenen Länder in der Pflicht. Sie müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Verbot von Kinderarbeit schaffen.
Doch auch wir können mit unserem Konsumverhalten Einfluss nehmen, in dem wir darauf achten, fair gehandelte und produzierte Waren zu kaufen. So können wir dazu beitragen, dass von unserem Geld, das wir ausgeben, bei den Menschen in den Produktionsländern so viel ankommt, dass es für sie zum Leben reicht. Wenn wir hier 2,50 € für ein T-Shirt bezahlen, können wir uns ausmalen, dass das nicht der Fall sein wird. Die Liste der Produkte, die mit Kinderarbeit zu tun haben können, ist lang. Sie reicht von Blumen über Textilien bis hin zu Grabsteinen.
Dass Kinderarbeit mit christlichen Werten nicht zu rechtfertigen ist, liegt auf der Hand. Insofern ist unser Dom ein guter Ort, um für dieses Thema zu sensibilisieren. Und erinnern wir uns, was unser Freund und Bruder Jesus Christus gesagt hat: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ Amen.

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  Der Heilige Barnabas

Der Heilige Barnabas

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.06.2020

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ja, das ist unbestreitbar richtig, auch die ganz Großen sind nicht mit allem Können und mit aller Weisheit auf die Welt gekommen, auch sie mussten lernen und Erfahrungen sammeln und auch sie hatten Mentoren und Lehrer, so wie wir. Das gilt auch für den größten christlichen Apostel, den die Bibel kennt: Ich rede von Paulus.
Ja, auch er hatte einen Lehrer und dieser Lehrer hieß Barnabas. Er gehörte zwar nicht zum engeren Kreis der „Zwölf“, die Jesus um sich geschart hatte, doch die Bibel berichtet an mehreren Stellen von ihm als einem Apostel des Urchristentums. Und heute ist sein Gedenktag.
Die Apostelgeschichte berichtet, dass es Barnabas war, der Paulus in Jerusalem den Kontakt mit den Jüngern ermöglichte. Ursprünglich trauten die Jünger dem Gesinnungswandel des Paulus nicht und wollten zunächst nichts mit ihm zu tun haben. Erst als Barnabas für ihn ein gutes Wort einlegt und erzählt, was Paulus vor Damaskus widerfahren war, ließen sich die Jünger überzeugen. Von da an, so berichtet die Bibel, ging Paulus bei den Jüngern ein und aus. Später wird noch von mehreren Missionsreisen berichtet, die Barnabas durchführte und dabei zahlreiche christliche Gemeinden gründete. Bei einigen war Paulus sein Begleiter.
Neben seinen missionarischen und diplomatischen Fähigkeiten war Barnabas ganz offenbar ein sehr großzügiger Mensch. Lukas berichtet: „Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“
Religionshistoriker bescheinigen Barnabas eine große Bedeutung, wobei seine Lebensleistung nie so ganz aus dem Schatten des Paulus herausragen konnte. Nichtsdestotrotz kann uns sein Tun und Lassen Orientierung sein und Wegweisung geben.
Was ihn und die anderen Apostel in erster Linie auszeichnete, war ihre vorbehaltlose Bereitschaft, sich zu Jesus Christus zu bekennen und von ihm und Gottes froher Botschaft zu erzählen. Uns Christinnen und Christen der Jetztzeit erlebe ich da mitunter deutlich zurückhaltender – ich nehme mich selbst dabei nicht aus. Dabei hätten wir, so wie damals Barnabas und seine Kollegen, von Gutem zu berichten – von einem vergebenden Gott, der uns annimmt und uns lieb hat und von einem Jesus Christus, der mit Gottes Hilfe den Tod besiegt hat – für uns!
Manchmal wünsche ich mir, dass wir damit etwas offensiver umgehen würden, um anderen Menschen, die auf der Suche nach Orientierung sind, den Weg zum eigenen Glauben ein wenig zu ebnen. Vielleicht ist der heutige Barnabas-Tag dafür ja ein guter Impuls. Amen.

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  Und es reicht doch!

Und es reicht doch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.06.2020

Über dem heutigen Tag heißt es: „Jesus nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie sie ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. Und sie aßen alle und wurden satt.“ Aus dem Markus-Evangelium stammen diese Worte und die Geschichte, aus der sie sind, kennen Sie sicher alle. Es geht um die Speisung der 5000. Sie kommt so oder in ähnlicher Form mehrmals in der Bibel vor – mal sind es 3000, mal sind es 5000, die sich dort versammeln und hungrig sind, doch im Kern ist es immer dieselbe Geschichte.
Auch wenn wir den Ablauf der Dinge grob kennen – spannend finde ich, wie die Verteilung von Brot und Fisch vor sich geht. Zunächst einmal nimmt Jesus alles Verfügbare an sich – fünf Brote und zwei Fische, und er dankt Gott für diese Gaben. Das so zu tun, ist gute jüdische Sitte und war den Menschen, die sich dort versammelt hatten, sicher sehr vertraut.
Und dann gibt Jesus aber nur das Brot an die Jünger zurück, damit diese es an die Menschen verteilen. Den Fisch verteilt Jesus selbst. Warum tut er das? Warum gibt er nicht auch die zwei Fische an die Jünger damit sie diese gleich mit verteilen, wenn sie mit dem Brot schon einmal unterwegs sind? Am Rande bemerkt sei, dass über das eigentliche Wunder der Brotvermehrung in der Bibel nichts berichtet wird. Das geschieht im Stillen und bleibt im Geheimen.
Doch Markus bestätigt uns, dass es für dieses Wunder nicht darauf ankommt, wer austeilt. Dass der Fisch aus Jesu Händen für 5000 Menschen reicht, hätten wir uns vielleicht noch damit erklärt, dass Jesus schließlich Gottes Sohn ist. Aber auch die Jünger sind offenbar zu dieser Wundertat in der Lage, mit fünf Laiben Brot das Tausendfache an hungrigen Zuhörern satt zu bekommen.
Derjenige, der das Wunder wirkt, ist weder Jesus noch sind es die Jünger. Gott macht es möglich, dass mit ganz wenigem ganz viele satt werden, dass es wider alle Planung und Vernunft für alle reicht, ja dass am Ende der Geschichte sogar noch zwölf volle Körbe Brot übrigbleiben.
Die Geschichte von der Speisung der 5000 ist eine Geschichte gegen unsere Resignation und für unser Gottvertrauen. Sie sagt uns: „Nehmt das, was ihr habt, dankt Gott dafür und fangt einfach mal an! Und ihr werdet überrascht sein, ja, ihr werdet euch wundern, wie erstaunlich weit ihr damit kommt!“ Matthäus übermittelt uns eine Mutmach-Geschichte, die uns ermuntern will, auch in nach menschlichen Maßstäben hoffnungslosen Situationen, nicht aufzugeben. Die Jünger, ganz normale Leute, so wie Sie und ich, haben darauf vertraut und es hat geklappt. Daran dürfen wir uns ein Beispiel nehmen – in Jesu Namen. Amen.

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  Tag der Ozeane

Tag der Ozeane

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.06.2020

Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. So ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
So berichtet uns die Bibel von der Erschaffung des Meeres. Heute ist der internationale Tag der Ozeane. Vor elf Jahren haben ihn die Vereinten Nationen ausgerufen, um an die globale und lebenswichtige Bedeutung und die Schutzwürdigkeit der Weltmeere zu erinnern.
Was uns die Bibel in knappen Worten beschreibt, kann dem, was sich hinter dem Wunder Ozean verbirgt, kaum gerecht werden. Kein Ökosystem ist so komplex, so vielfältig, so beeindruckend und nach wie vor rätselhaft wie unsere Meere. Viele Zusammenhänge zwischen Meeresströmungen und unserem Klima beginnen wir erst jetzt langsam zu verstehen. In den fernen Bereichen der Tiefsee entdecken Forscher immer neue Lebensformen. Die Ozeane sind Nahrungsquelle, Filter für Treibhausgase, Lebensraum für unzählbar viele Tiere und Pflanzen. Kurz: Sie sind eines von Gottes ganz großen Wunderwerken. Und sie sind – wissenschaftlich belegt – die Quelle des Lebens schlechthin.
Dafür, dass das so ist, gehen wir nicht besonders pfleglich mit unseren Ozeanen um. Verschmutzung, Überfischung, Mikroplastikverseuchung – das sind nur ein paar Stichworte zu diesem Thema. Dass wir uns mit der Schädigung der Ozeane den Ast absägen, auf dem wir sitzen, dürfte allen klar sein. Dass wir es dennoch tun, das gehört zu diesen Unverständlichkeiten, die unser menschliches Dasein uns präsentiert, das gehört zu diesen offensichtlichen Kurzsichtigkeiten, die aus uns Menschen nicht herauszukriegen sind.
Ein ganz anderer Aspekt darf nun aber trotz aller erhobenen Zeigefinger nicht unerwähnt bleiben. Es ist diese Anmutung der Ewigkeit, die zumindest ich spüre, wenn ich am Meer bin und über das Wasser schaue. Das niemals endende Kommen und Gehen der Wellen, die unbeeindruckt von allem, was gerade passiert, ihren Rhythmus beibehalten und die uns ruhig und demütig werden lassen – Balsam für die Seele und ein Ort, an dem man sich Gott ganz besonders nahe fühlen kann.
Internationaler Tag der Ozeane – wir erinnern uns heute an ein großes Geschenk, das Gott, der Schöpfer, uns Menschen gemacht hat und das man nicht hoch genug wertschätzen kann. Amen.

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  Und hätte die Liebe nicht…

Und hätte die Liebe nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.06.2020

„Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen reden könnte und hätte die Liebe nicht, dann wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und hätte allen Glauben so dass ich Berge versetzen könnte und hätte die Liebe nicht… so wäre es mir nichts nütze“ –
Ob sich das einer denkt, wenn er voller Energie oder mit Augen-zu-und-durch Konjunkturpakete schnürt und dabei die Steuereinnahmen von Jahren auf dem Halm verkauft, verkaufen muss? Ob sich das einer denkt, wenn er Pläne verwirft und auf den Impfstoff hofft und ungeachtet all dessen eine Jahresplanung angeht, als wäre nichts gewesen. Weihnachten wird ja kommen…
Kleiner Schnitt:
In unserer Familie wird zu Corona für immer auch „Vom Winde verweht“ dazugehören. Mein Mann hat uns die neue Übersetzung des 1200-Seiten starken Ziegelsteins der Weltliteratur in sensationellen elf Tagen vorgelesen. Ich sehe schon die Stirnfalten bei den Bildungsbürgern – mein Mann war auch skeptisch: Weltliteratur! Ha! Aber es kommt ja immer darauf an, was man wann liest. Erstens ist natürlich in Zeiten ohne Theater, Kino, Party… eine große Liebesgeschichte mit einem so fantastischen Protagonisten wie Rhett Butler nicht zu unterschätzen. Aber wenn man in einer globalen Krise sitzt, die nicht nur die weltweiten Märkte betrifft sondern meinen Alltag und zwar für unabsehbar lange Zeit, dann hört man das Epos über den Untergang des alten Südens neu und staunt über seine Aktualität.
Vor Jahren bin ich mit meinem Mann bei brütender Hitze über die alten Baumwoll- und Reisplantaten Georgias gezogen. Unermesslichen Reichtum hat es da gegeben. Herrliche Villen im Stil des italienischen Baumeisters Paladio mit Säulen und Veranden, um sich von der Breeze kühlen zu lassen. Für weiße Nordeuropäer ist das Klima nicht gemacht. Spazieren in kleiner Dosis ja, aber Arbeiten auf den endlosen roten Feldern – unmöglich! Erwirtschaftet haben den Luxus dort zahllose Sklaven. Leibeigene in strenger Hierarchie für Haus und Feld. Schwarze, die nicht teilhatten an rauschenden Festen, gepflegter Unterhaltung, Reitsport. Schwarze, deren Ururenkel noch immer nicht gleichberechtigt teilhaben, weder am Wohlstand noch an den Bürgerrechten…
Aber dann kam der amerikanische Bürgerkrieg von 1861-1865 und das blutige Ringen um die Abschaffung der Sklaverei. Davon erzählt Margaret Mitchells Südstaatenepos. Die Konföderierten verloren die sogenannte „Gute Sache“ und als der Krieg vorbei war, saß man ohne Sklaven mit wertlosen Kriegsanleihen auf geschleiften Farmen und träumte von der guten alten Zeit, wartet gelähmt, dass alles wieder „normal“ wird. Weiter ging es nur für die, die sich trennten von alten Überzeugungen und Werten.
Und da wird das Buch spannend! Wenn es so wie es ist, nicht weitergeht, wenn das bisherige Modell darauf gebaut hat, sich von anderen beliefern zu lassen und abhängig zu machen, wenn die Schöpfung ächzt und stöhnt, dann wird nur Wege finden, wer unerschrocken neu denken lernt.
Das geht nicht ohne Liebe. Scarlett O Hara scheitert deshalb (und das hebt das Buch über den Kitsch!). Sie hat Kraft und Intelligenz aber sie kann nur in Geld denken. Sie kann die Menschen nicht sehen, weder die mit denen sie lebt und die sie lieben noch die, die für sie arbeiten.
Sie kann mit Menschen- und Engelszungen reden und Berge versetzen, aber sie hat die Liebe nicht und so ist es am Ende alles nichts wert.
Das sollten wir jetzt im Auge behalten. Sonst nichts helfen und zu nichts nütze sein.

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  David und Goliat

David und Goliat

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.06.2020

Über diesem Tag heute heißt es aus dem ersten Buch Samuel:
„Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Sichelschwert; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth.“
Die Worte stammen aus einer Geschichte, die zum Inbegriff für einen ungleichen Kampf geworden ist. David, fast noch ein Kind, tritt nur mit seiner Schleuder gegen Goliat an, einen versierten Kämpfer, der ihm in jeder Hinsicht überlegen ist.
Seither hat es solches Gegenüber unzählige Male gegeben. In aller Regel entstehen diese Situationen aus struktureller Ungerechtigkeit oder skrupellosem Machtmissbrauch.
Die Bilder prägen sich ein.
Am 4. Juni 1989 demonstrierten Studenten in Peking und wurden von Panzern niedergerollt oder verhaftet. Dieser Tage erstickt eine ganze Protestbewegung in Honkong unter dem Druck der Polizei. In Minneapolis stirbt ein schwarzer Bürger unter dem Druck des Knies eines weißen Polizisten und auf den Straßen Washingtons geht ein Präsident mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor. Ich habe ein Bild vor Augen: eine junge Frau in Shorts und Top, mit bloßen Armen und Beinen wird von zwei Polizisten in voller Montur mit Helmen, Schilden und Schlagstöcken bedrängt.
David gegen Goliat.
In der biblischen Geschichte gewinnt der Junge David den Kampf, weil Gott mit ihm ist. Heute missbraucht ein amerikanischer Präsident den Anspruch auf Gottes Geleit, indem er sich mit Gewalt den Weg bahnen lässt zu einer Kirche, die den Namen des Evangelisten Johannes trägt. Der hatte Jesu Wort überliefert: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Trump geht es nicht um die Wahrheit dessen, der Frieden und Gewaltverzicht lebte, der an der Seite der Wehrlosen stand. Ihm geht es nicht um Wege des Miteinanders, schon gar nicht um Gerechtigkeit. Ihm geht es um eine Pose. Er missbraucht Gottes Namen.
Mit den Konfirmanden habe ich diese Woche über die zehn Gebote gesprochen. Wir haben darüber geredet, wie aktuell diese alten Regeln heute noch sind. Dass es einmal mehr solch drastisches Beispiel für die Missachtung all dessen, was wir mit Gottes Willen verbinden, gibt, ist bitter.
Umso dringender ist es, den Namen des Herrn anzurufen, damit er mit denen ist, die jetzt auf den Straßen Amerikas knien – ähnlich schutzlos wie David.




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  Platz für die Seele

Platz für die Seele

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.06.2020

Kennen Sie auch dieses wunderbare Gefühl, wenn man erleichtert aufatmen kann? Beruflicher Stress, seelische Not, Sorgen und Ängste können uns nicht nur im übertragenen Sinne, sondern manchmal auch ganz unmittelbar die Luft zum Atmen nehmen. Wir spüren das wie einen schweren Ballast auf der Brust, der uns bedrückt, beklemmt und einengt. Solche Belastungen machen uns das Leben schwer, nehmen uns Freude, Hoffnung und Fröhlichkeit.
Im 31. Psalm heißt es: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Mir gefällt dieses Bild, das König David hier verwendet. Weiter Raum ist wichtig für unser Leben, wie ich finde, und das nicht nur in Corona-Zeiten. Wir brauchen weiten Raum, um uns entfalten zu können, weiten Raum, in dem wir unseren Gedanken freien Lauf lassen können, weiten Raum in dem genug Platz ist, um selber zu entscheiden, wie viel Nähe wir wollen und zulassen wollen und wie wichtig uns auch unsere Privatsphäre ist.
Wenn wir uns im Klein-Klein unseres Alltags verlieren, unser Weg verstellt ist von den ganzen Details, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, dann geht uns schnell der Blick für das große Ganze und das Wesentliche verloren, dann fehlt er uns, dieser weite Raum. Ich finde es wichtig, dass wir versuchen, uns auch immer wieder von den alltäglichen Kleinigkeiten zu lösen, einen Schritt zur Seite zu treten, um das in den Blick zu nehmen, worauf es in unserem Leben wirklich ankommt – darauf nämlich, mit mir selbst und meinen Mitmenschen im Reinen zu sein, Freude am Leben und am Glauben zu haben, offen zu sein für Gottes Liebe und dafür, sie weiterzugeben an die Menschen, die um mich herum sind.
Wenn das gelingt, dann betrete ich ganz automatisch diesen weiten Raum, auf den Gott meine Füße stellt, und mir wird klar, dass ich mich oft genug auch über Dinge aufgeregt und geärgert habe, die es bei weitem nicht wert waren.
Gott will uns heraushelfen und uns befreien von unnützen Ballast, er will unseren Blick und unsere Gedanken weiten und uns erleichtert aufatmen lassen, wenn wir seine Nähe spüren, wenn wir uns von ihm angenommen und geliebt fühlen und wenn wir seinen Heiligen Geist erleben, der uns verbindet, versöhnt und inspiriert.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum – wir können tief und erleichtert Luft holen und losgehen hinein in diesen weiten Raum – mit Gott an unserer Seite und in Jesu Namen. Amen.

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  Atem

Atem

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.06.2020

„Wann fühlen Sie sich am lebendigsten?“ heißt eine Frage beim MDR-Kultur Fragebogen. Viele Antworten heißen dann: beim Schwimmen oder beim Laufen, dann wenn sich die Lungen tief mit klarer frischer Luft fühlen oder wie Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs am Wochenende sagte: „Wenn einem der Wind ins Gesicht bläst.“ Luft ist im wahrsten Sinne des Wortes Lebensexilier. Wir sind keine Fische, sondern beginnen unser Leben hier auf Erden mit einem ersten Atemzug und einem ersten Schrei. (Vorher hat die werdende Mutter noch das richtige Atmen geübt…) Und am Ende: „kaum ein Hauch, warte nur bald ruhest Du auch.“
Der Atem ist ein Lebensprinzip. Das Strömen der Luft verbindet uns mit allen um uns herum und ermöglicht Sprache. Worte, entstehen, weil unser Atem unserer Stimmbänder zum Schwingen bringt. Wen wir keine Worte haben, weil alles überlauft, dann schluchzen Menschen und der Atem kommt so aus dem Fluss, dass mancher hinterher Schluckauf bekommt.
Beim Atmen saugen wir die Welt ein und geben ausatmend etwas von uns frei.
Am Anfang bläst Gott den Menschen seinen Atem in die Nase.
Am Ende bläst Jesus Christus seine Jünger an und schenkt ihnen so den Heiligen Geist.
„Wenn die Christenheit atmen könnte“, sagte der Theologe Eberhard Jüngel, „wenn sie Luft holen und tief durchatmen könnte, dann würde auch sie erfahren, dass ‚im Atemholen ... zweierlei Gnaden“ sind. Sie würde beides, das Einatmens-Müssen und das Ausatmens-Können als eine Gnade erfahren, ohne die sie nicht leben könnte. Einatmend geht die Kirche in sich, ausatmend geht sie aus sich heraus.“
Warum sollte Kirche nicht atmen können? Ich hoffe das! Erst recht, weil zu Pfingsten der Heilige Geist als Windhauch kommt und als Sturm!
In diesem Jahr, in dem es immer fort um Atemwege und Atemschutz, Mund und Nase geht, bekommt solche Gute Nachricht ganz andere Bedeutung und wird uns neu bewusst, wie prägend für unser Denken und unsere inneren Bilder, unseren Glauben und Assoziationsfelder der Atem ist..
Im Hebräischen liegen Leben, Seele, Kehle, Geist und Hauch ganz nah beieinander und vielleicht klingt dies alles durch das alte Wort „Odem“ hindurch?
Wir hier leben in einer Gegend, in der es viel Wind gibt. Bewegung in der Luft und im Haar. Manchmal ein Sturm, manchmal ein sanfter Abendwind und immer eine Erinnerung daran, das Gottes Geist weht wo er will, warum nicht uns ins Gesicht und ins Herz?


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  Ohne zu lügen…

Ohne zu lügen…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.05.2020

Über diesem Tag heute heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 35. Psalm: „Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.“ Und dazu aus dem Lukasevangelium: „Die Jünger kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“
Das klingt nach „lobet und preiset ihr Völker den Herrn…“ Aber ganz so einfach geht einem im Moment das große Loben gar nicht über Lippen. Ja, es ist wunderbar draußen und diese stilleren Tage haben uns auch Kostbares beschert. Die Schönheit dieses Frühjahrs ist tröstlich und der Reichtum unseres Landes wird manchen Sturz wenigstens abfedern können. Wir haben Grund zu loben und zu preisen.
Aber wir wissen: wir leben auf sehr dünnem Eis. Das Virus macht uns misstrauisch und ängstlich, es zu missachten wäre fahrlässig. So sichern wir uns ab und mit jedem Tag, der so ins Land geht, werden die Formulierungen für die Konsequenzen heftiger. Schon spricht man von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch wie nach großen Kriegen, der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten, einer verlorenen Generation. Und selbst wenn man wie Jogi Löw denkt, dass solche Vollbremsung nottat, denn, so sagt er: „Die Welt hat ein kollektives Burnout erlebt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Erde gegen die Menschen stemmt. Das Tempo, das wir Menschen vorgegeben haben in den letzten Jahren, war nicht mehr zu toppen. Machtgier stand im Vordergrund. Katastrophen haben und nur am Rande berührt…“
Selbst wenn wir also begreifen, dass wir unser Leben ändern müssen und froh sind, dass es so viele andere auch merken, wer wollte da loben? Dorothee Sölle hat einen ihrer Gedichtbände „Loben ohne lügen“ genannt. Es lag ihr daran, bei der Wahrheit zu bleiben, das Schöne zu sehen und trotzdem die Angst, den Zorn, das Virus nicht so groß werden als wären sie Gott. Darum betete sie:
„schaffe in mir gott ein neues herz / das alte gehorcht der gewohnheit
schaff mir neue augen / die alten sind behext vom erfolg
schaff mir neue ohren / die alten registrieren nur unglück …
schaffe in mir gott ein neues herz / und gib mir einen neuen geist
dass ich dich loben kann / ohne zu lügen /
mit tränen in den augen / wenns denn sein muss /
aber ohne zu lügen.“
Wir sind ganz kurz vor Pfingsten. Die Verlassenheit nach Himmelfahrt geht zu Ende. Es wird einen neuen Geist geben, der hilft, dass wir einander verstehen, der tröstet, der Klarheit schafft. Und dann erfüllt uns hoffentlich etwas von Hoffnung und Freude, von der Lukas erzählt: „Die Jünger kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ Und dann loben und danken wir hoffentlich nicht blind und taub für andere, sondern so, dass wir von Gottes Gerechtigkeit erzählen.

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  Grün

Grün

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.05.2020

Ein paar Tage war ich draußen und fort. Gar nicht weit weg und im Vergleich zu anderen Reisen, eher nebenan. Und doch war es eine Reise in ein anderes Leben. Ein Dorf, ein Kindheitsort. Wälder, Felder, Wiesen, Teiche, Bäche, Himmel. Grün in allen Himmelrichtungen und Schattierungen. Die Augen erholen sich. Der Geist kommt zur Ruhe.
Manche Wirklichkeit zwischen den Steinen einer Stadt verliert an Selbstverständlichkeit. Die Gefahr durch das Virus verschwindet beinahe und muss immer neu ins Bewusstsein gerufen werden.
Auf langen Wegen durch die Natur, die sich immer wieder regeneriert und Bahn bricht, spürt man, was sich erst Zuhause zwischen Büchern und Worten von Hildegard von Bingen formt: „Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen, kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit, kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft, lebendige Ewigkeit selbst ist nicht ohne die Kraft zum Grünen.“
Grün ist, so habe ich gelernt, eine junge Farbe. Lange scheint sie zu selbstverständlich gewesen zu sein, um sie wirklich wahrzunehmen. Wasser war wichtiger, Feuer und Stein. Aber als die Menschen sich niederließen, Hirten wurden und Bauern, da begannen sie auf das Grün zu achten. Wachsen und Werden, Zukunft und Hoffnung, lag im Grün, wenn es keimt und üppig wächst.
Dort, wo es grün ist, kann man leben. In der Schöpfungsgeschichte heißt es „aufgehen lasse die Erde frisches Grün “ und die „Erde brachte hervor frisches Grün.“ Grün ist die erste Farbe in der Bibel.
Wo das Grün untergeht – wie in den Wassern der großen Flut – ist das Leben insgesamt bedroht.
Und wir, die wir gerade vor dem Virus Angst haben, flüchten ins Grüne.
Wir, die wir in vielen Bereichen unseres Lebens unfreiwillig stillhalten müssen, erleben, was Rainer Kunze wunderbar ins Gedicht gefasst hat:
„Was machst du, fragt gott / Herr, sag ich / … was soll man tun / Und seine antwort wächst grün durch alle fenster.“

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  Paul Gerhardt

Paul Gerhardt

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.05.2020

Würden wir versuchen, eine Liste aufzustellen, auf der alle Veranstaltungen aufgeführt sind, die wegen Corona abgesagt werden mussten, wir hätten viel zu tun. Unter anderem stünde auf dieser Liste auch der ESC, der European Song Contest. Mein persönlicher Schmerz über den Ausfall dieser Veranstaltung hat sich in Grenzen gehalten, anderes hat mich mehr getroffen. Doch ich will nicht verkennen, dass mit diesem Wettbewerb für viele Künstler ganz sicher auch die Hoffnung auf einen internationalen Durchbruch verbunden war, viel individuelle Vorbereitung und somit auch bestimmt große Enttäuschungen, dass all das nun nicht mehr auf die Straße gebracht werden konnte.
Würde es einen christlichen Song Contest geben, also nicht den ESC sondern den CSC, einer stünde in den Charts ganz sicher immer ganz weit oben oder hätte schon längst einen Ehrenpreis erhalten. Ich meine Paul Gerhardt. Heute ist sein Todestag und gleichzeitig der Gedenktag, an dem wir an ihn erinnern. Allein in unserem Gesangbuch sind 27 Lieder von ihm zu finden, darunter echte evangelische Gassenhauer wie „Geh aus mein Herz“, „Wie soll ich dich empfangen“, „Die güldne Sonne“ oder „Ich singe dir mit Herz und Mund“.
Paul Gerhardt, geboren 1607, stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern hatten eine Gastwirtschaft in Gräfenhainichen. Eine unbeschwerte Jugend dürfte er nicht gehabt haben, denn als er elf Jahre alt war, brach der 30-jährige Krieg aus, mit zwölf verlor er seinen Vater und mit 14 seine Mutter. Er besuchte die Fürstenschule in Grimma und schrieb sich 1628 an der theologischen Fakultät der Universität in Wittenberg ein. Danach lebte er in Mittenwalde und Berlin und in seinen letzten Lebensjahren in Lübben im Spreewald, wo er am 27. Mai 1676 im Alter von 70 Jahren starb.
Nicht nur in seiner Jugend musste Paul Gerhardt vieles ertragen, auch in seinem weiteren Leben war er stets von schweren Schicksalsschlägen begleitet. Er musste vier seiner fünf Kinder zu Grabe tragen und auch seine Frau verstarb 45-jährig und nach nur zwölf Ehejahren. Und immer und überall begleitete Gerhardt der Krieg, entsetzliche Pestepidemien und große Not und Elend.
„Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er's mit mir mein´. Ist doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.“ (EG 325. 1)
Wir groß muss Gottvertrauen sein, wenn man trotz all dieser Schicksalsschläge aus voller Überzeugung solche Texte schreibt. Ich denke, dass uns Paul Gerhardt darin ein Vorbild sein kann und dass wir selbst in Zeiten, in denen es uns schwer ist, aus diesen Texten Kraft und Hoffnung ziehen können. Und auch unseren Jubel und unsere Dankbarkeit können wir mit Paul Gerhardt in Worte fassen:
„Dein soll sein aller Ruhm und Ehr, ich will dein Tun je mehr und mehr aus hocherfreuter Seelen vor deinem Volk und aller Welt, solang ich leb, erzählen.“ (EG 497. 14)
Amen.

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  Die Lüge

Die Lüge

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.05.2020

Der Mensch und die Wahrheit – ein weites Feld; der Mensch und die Lüge – ein vielleicht noch weiteres. Würde wir Menschen vom Lügen lange Nasen kriegen, so wie bei Pinocchio, wir sähen alle sehr verändert aus. Denn wissenschaftlich belegt ist kein Mensch frei davon, ab und zu mal bei der Wahrheit in Stolpern zu geraten, ein wenig zu flunkern, nicht das zu sagen, was tatsächlich stimmt. Dabei passiert das gar nicht immer in böser Absicht. Manchmal bleiben wir aus reiner Höflichkeit nicht bei der Wahrheit, um unseren Gegenüber nicht zu verletzen oder zu beleidigen. Manchmal fehlt auch der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Angst ist der häufigste Grund, warum wir uns in Unwahrheiten flüchten.
Die Bedeutung der Lüge bzw. der Wert, den wir der Wahrheit beimessen, werden sehr unterschiedlich beurteilt. Für viele Menschen ist eine bewusste und in böser Absicht ausgesprochene Lüge ein absolutes Sakrileg. Andere Menschen haben diesbezüglich eine hohe Toleranz. Manche Lügen werden gezählt, so zum Beispiel von der Zeitung Washington Post in Bezug auf Donald Trump – die letzte Zahl, die ich gesehen habe lag bei rund 17.000 falschen oder irreführenden Aussagen seit Beginn seiner Amtszeit.
Auch der Umgang mit eigenen Lügen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Viele quält es im Nachhinein sehr, wenn sie nicht bei der Wahrheit geblieben sind. Und so sind in diesem Zusammenhang oftmals schwere und schmerzliche innere Kämpfe durchzustehen, insbesondere dann, wenn die Motivation zur Lüge Angst ist. Bin ich bereit, auch negative Konsequenzen zu tragen und zu ertragen, um meinem eigenen Wert der Wahrheitsliebe treu zu bleiben? Nicht selten müssen wir diese beiden Elemente gegeneinander abwägen und wir müssen, so oder so, mit den Folgen leben.
Im Buch Hiob heißt es: „Meint ihr, dass ihr Gott täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?“ Von Hiob selbst stammen diese Worte und er prophezeit denen, die vor Gott unredlich sind, dessen Zorn. Aber warum sollte man vor Gott lügen? Gott ist ein Gesprächspartner, bei dem wir alles Berechnende, alle Pläne und Strategien, mit denen wir in einem besonders guten Licht vor ihm dastehen, getrost beiseitelegen können. Gott anzulügen, ist ebenso verwerflich wie sinnlos. Wir können Gott die Wahrheit nicht vorenthalten, weil er sie viel besser kennt, als wir selbst. Wir müssen in unseren Gesprächen mit ihm keine Höflichkeitsfilter, keine Political Correctness und keine Qualitätskontrolle beachten, weil Gott durch all das hindurchsieht.
Ich empfinde das als sehr entlastend. Wir dürfen und wir sollen Gott alles sagen, was uns auf der Seele liegt – ungefiltert, ungeschönt und ohne jedes Wort vorher auf die Goldwaage legen zu müssen. Bei ihm ist alles gut aufgehoben was uns bedrückt, uns Angst macht und uns belastet. Genau dazu sind wir eingeladen, wenn Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ Amen.

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  Exaudi, Domine!

Exaudi, Domine!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.05.2020

Jetzt ist der eine weg und der andere noch nicht da. Der eine hinterlässt eine Lücke, die der andere noch nicht wieder gefüllt hat. Man fühlt sich so ein bisschen wie in einem Vakuum. Die Zeit erinnert fast an „zwischen den Jahren“ nach Weihnachten und vor dem Neujahrsfest. Christus ist aufgefahren gen Himmel. Das haben wir am vergangenen Donnerstag gefeiert und wir warten beinahe adventlich auf das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten, aber das ist nun einmal noch knapp eine Woche hin.
In diese Zeit hinein fällt der Sonntag Exaudi, den wir gestern gefeiert haben. Er hat seinen Namen aus Worten des 27. Psalms. Dort heißt es: “Exaudi, Domine, vocem meam!” „Höre, Herr, meine Stimme!“ Ich finde das sehr passend. Denn in der kirchenjahreszeitlichen Dramaturgie sind wir momentan tatsächlich ziemlich alleine, nach Jesu Verschwinden am Himmelfahrtstag und vor dem Ausgießen des Heiligen Geistes. Aus dieser Einsamkeit heraus, aus diesem Gefühl der beinahe Gott-Verlassenheit, da macht es durchaus Sinn zum Herrn zu rufen und ihn darum zu bitten, auf uns zu hören.
Wie mag es den Jüngern in diesen Tagen gegangen sein? Was werden sie gemacht haben in ihrem Versteck in Jerusalem? Uns in sie hinein zu versetzen, ist nicht ganz leicht, denn wir haben den Vorteil, dass wir den Fortgang der Geschichte kennen. Wir wissen das in sechs Tagen Pfingsten ist, das wussten die Jünger nicht. Und warten, ohne ein konkretes Ziel zu haben, das ist nicht leicht. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Jünger nach wie vor in großer Angst gelebt haben, von den Mächtigen in Jerusalem entdeckt und bestraft zu werden. Sie werden schwere Zeiten auszuhalten gehabt haben, bis es dann endlich Pfingsten wurde. Und sie werden zu Gott gerufen haben: „Exaudi, Domine!“ – „Höre, Herr!“
Zeiten des ungewissen Wartens kennen wir wahrscheinlich alle. Gerade in diesen Wochen sind wir gezwungen, auf Veränderungen zu warten, deren Eintreten nicht genau zu terminieren ist. Wenn wir krank sind, können wir selten Tag und Stunde benennen, zu der es uns dann wieder richtig gut gehen wird. Oder denken wir an die vielen Menschen die auf der Flucht sind oder in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt leben – sie alle werden auf bessere Zeiten warten, ohne zu wissen, ob und wann sie beginnen.
Höre, Herr, meine Stimme! Diese Möglichkeit bleibt uns zum Glück immer. Wir können uns an Gott wenden und ihm unser Leid klagen, um Hilfe bitten, auf seine Liebe und Barmherzigkeit hoffen. Und wir dürfen gewiss sein, dass er uns hört und uns antwortet. Die Woche des Exaudi-Sonntages will uns daran erinnern und uns diesen Rettungsanker ins Gedächtnis rufen. Gut, dass wir diese Zeit zum Warten haben zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Höre, Herr, meine Stimme! Amen.

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  Himmelfahrt

Himmelfahrt

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.05.2020

Gestern war Christi Himmelfahrt und das haben wir gefeiert. Aber ist das tatsächlich ein guter Grund für ein fröhliches Fest? Wenn man sich die Himmelfahrtsgeschichte vor Augen führt, die Lukas berichtet, dann kann man daran schon seine Zweifel haben. Denn dort wird geschildert, wie Jesus verschwindet. Das ganze passiert 40 Tage nach Ostern. In diesen 40 Tagen, da waren die Jünger mit dem Auferstandenen zusammen. Immer wieder gab es Kontakte, gemeinsame Gespräche über das Reich Gottes, wie es die Bibel berichtet, gemeinsam verbrachte Zeit unter Freunden.
Was muss das für eine unfassbare Erleichterung gewesen sein! Nach dem Schock des Karfreitags, an dem alle Hoffnung zerbrochen ist, war Jesus wieder aufgetaucht als strahlender Sieger über den Tod. Ganz sicher haben die Jünger neue Pläne geschmiedet, waren fest davon überzeugt, dass nun doch noch alles wieder gut werden wird, haben in Gedanken zuversichtlich die Befreiung Israels in ihren Köpfen geplant.
Und dann das! Jesus verspricht ihnen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen!“ Und dann verschwindet er in einer Wolke. Er wird vor den Augen der Jünger aufgehoben in den Himmel, wie Lukas berichtet, und dann ist er weg. Das mag für einige Jünger noch schmerzlicher gewesen sein, als die Ereignisse der Karwoche, denn da hatten sich die meisten, bevor es richtig kritisch wurde, ja bereits zurückgezogen und irgendwo versteckt. Sie mussten Jesu qualvollen Tod am Kreuz nicht mit ansehen. Aber jetzt verschwindet er vor ihren Augen. Und zwei Gestalten in weißen Gewändern erklären Ihnen reichlich diffus, dass er schon irgendwann mal wiederkommen wird. Und damit werden die Jünger in die Warteschleife geschickt. Und in dieser Warteschleife befinden wir uns irgendwie heute ja immer noch, genauso wie die Jünger, sie und ihr und ich. Ist er nun also tatsächlich weg, endgültig, dauerhaft, unerreichbar? Die Antwort wird Sie nicht überraschen: Nein, natürlich nicht!
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Auch diese Zusage stammt vom auferstandenen Jesus Christus und die gilt! Ja, natürlich ist Jesus jetzt anders bei uns, als er es 40 Tage lang bis zum Himmelfahrtstag bei den Jüngern war. Aber eben durch dieses Himmelfahrtsfest ist es überhaupt erst möglich geworden, dass Jesus tatsächlich immer und überall bei uns sein kann. Natürlich muss es für die Jünger großartig gewesen sein, ihn nach seiner Auferstehung körperlich bei sich gehabt zu haben. Aber da war er in Jerusalem und nirgends sonst. Seine Himmelfahrt hat ihm eine neue Art der Präsenz ermöglicht. Seit Christi Himmelfahrt ist Jesus omnipräsent – als persönlicher Begleiter jedes einzelnen Menschen, als persönlicher Begleiter auch für Sie und für mich.
Das haben wir gestern gefeiert und ich finde, dass dieses wunderbare Geschenk dafür auch Grund genug war. Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Halleluja. Amen.

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  Einmal Christ – immer Christ!

Einmal Christ – immer Christ!

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.05.2020

In diesen Corona-Zeiten präsentieren uns die Medien immer wieder aktuelle Meinungsumfragen zu dem Thema, wie sich die politischen Entscheidungen auf das Ansehen der Parteien und das Wählerverhalten auswirken. Bei der sogenannten Sonntagsfrage ist es dann auch immer wichtig, auf das Verhalten der Wechselwähler zu schauen, also zu untersuchen, welche Menschen unter welchen Voraussetzungen jetzt ihre Stimme einer anderen Partei geben würden, als sie es sonst getan haben.
Der Verfasser des Hebräerbriefes setzt sich mit religiösen Wechselwählern auseinander und sagt, dass er sich so etwas im christlichen Lager nicht vorstellen kann. Es ist für ihn nicht nachzuvollziehen, dass Menschen, die, wie er sagt, „einmal vom Heiligen Geist und vom gutem Wort Gottes und von der Kraft der zukünftigen Welt geschmeckt haben“, sich davon wieder abwenden können. Und wenn‘s dann trotzdem mal passiert, dann ist der Bruch nach seiner Auffassung so groß, so tief und so nachhaltig, dass ein erneutes Zurückfinden zur christlichen Überzeugung und zum christlichen Glauben nicht machbar ist. Über diese Aussage kann man durchaus ins Grübeln kommen, wie ich finde. Denn wo fängt ein Abkehren an? Sind bereits unsere Zweifel kritisch, machen wir uns allein durch unregelmäßige Gottesdienstbesuche angreifbar, bewegen wir uns auf dünnem Eis, wenn wir die Institution Kirche kritisieren? Und wie sieht es aus, wenn unser Glaube in unserem Leben zwar immer unterschwellig da ist, aber eben bisweilen nicht eine strahlende und alles überragende Rolle spielt?
Glücklicherweise formuliert der Briefeschreiber im Folgenden versöhnlicher. Denn über dem heutigen Tag heißt es: „Gott ist nicht ungerecht, dass er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient.“ Das klingt entlastend und schafft, wie ich finde, auch ausreichend Raum für meine eigenen, ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Denn zu denen gehören eben auch Anfechtungen, Zeiten, in denen ich Gott ferner bin und Lebensphasen, in denen andere Fragen und Themen mein Leben bestimmen, die eben nicht zuallererst mit meinem Glauben zu tun haben.
Doch das ist völlig in Ordnung! Denn Gott vergisst es nicht, wenn wir seine Liebe an unsere Mitmenschen weitergegeben haben, wenn wir in seinem Sinne gedacht, gehandelt und gelebt haben. Wir sind auch dann Gottes Kinder, wenn unser Glaubensleben mal etwas gedämpfter, leiser und unauffälliger verläuft. All das gehört zu unserem Dasein dazu. Das wissen Sie, das weiß ich und das weiß vor allem auch Gott. Wir haben die Freiheit, unsere Zeit auf dieser Welt zu gestalten. Und auch diese Freiheit ist ein Gottesgeschenk – mit allem, was dazugehört. Aber immer bewegen wir uns unter dem Schirm der göttlichen Liebe. Oder wie Paulus es sagt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Amen.

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  Umkehr

Umkehr

Heiko Frubrich - 19.05.2020

„Mit dem bin ich fertig bis in die Steinzeit!“ Dieser inhaltlich etwas schräge Satz ist zu hören, wenn ein Mensch so richtig verärgert wurde, wenn er unversöhnlich gekränkt ist, enttäuscht oder beleidigt. Ja, wir Menschen tun einander bisweilen nicht nur Gutes, wir können einander verletzen mit Worten und mit Taten; manchmal tun wir es mit Vorsatz und manchmal versehentlich. Und wir können Dinge nicht rückgängig machen. Was passiert ist, ist passiert und wir müssen damit leben.
Allerdings haben wir die Chance, die grundlegende Richtung unseres Lebens immer wieder kritisch zu hinterfragen und auch zu verändern. Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, stammt aus einer solchen Veränderungsgeschichte. Es lautet: „Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Lukas berichtet uns diese Geschichte. Zachäus ist der Chef der Zöllner in Jericho und dürfte damit einer der meistgehassten Leute in dieser Stadt gewesen sein, denn seinen Reichtum verdankte er im Wesentlichen Betrug und Erpressung.
Als nun Jesus nach Jericho kommt, will Zachäus ihn sehen. Mir persönlich ist sehr sympathisch, wie er das anstellt, denn Zachäus ist, so wie auch ich, nicht besonders groß. Also klettert er auf einen Baum. Als Jesus ihn dann dort oben sitzen sieht, spricht er ihn an und lädt sich für den Abend zu Zachäus zum Essen ein. Das führt zu großem Unverständnis bei den Menschen, die das mitkriegen, weil sie überhaupt nicht nachvollziehen können, warum Jesus sich ausgerechnet bei diesem Sünder einquartiert. Doch das stört Jesus nicht. Ganz im Gegenteil – die Geschichte hat ein Happy End. Denn Jesus sagt: „Heute ist dem ganzen Hause des Zachäus Heil widerfahren.“ Spannender Weise ist das nicht Jesu Antwort auf Zachäus Großzügigkeit, die Hälfte seines Besitzes den Armen zu geben und von ihm Betrogene vierfach zu entschädigen. Das Heil ist Zachäus widerfahren, weil er sich Jesus zugewendet und ihn bei sich aufgenommen hat.
Ich mag diese Geschichte sehr, denn sie bringt kurz und knackig zum Ausdruck, wie es so ist mit Gottes Gnade und mit seiner Liebe. Wir müssen sie uns nicht erkaufen oder durch sonstige fromme Heldentaten verdienen. Es reicht vollkommen aus, wenn wir uns Jesus zuwenden und ihm einen Platz in unserem Leben einräumen. Es reicht vollkommen aus, wenn wir an ihn glauben und bereit sind, ihn in unseren Häusern und unseren Herzen willkommen zu heißen. Und da Jesus Christus seit seiner Himmelfahrt überall präsent ist, brauchen wir auch nicht mehr auf irgendwelche Bäume zu klettern, ihn ihm nahe zu sein. Amen.

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  Betet!

Betet!

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.05.2020

Der gestrige Sonntag trug den Namen Rogate, übersetzt: Betet! Es gibt in der Bibel diese wunderbare Geschichte von einer Witwe, die immer und immer wieder zu einem Richter kommt und ihr Recht einfordert. Der Richter wird als ziemlich unangenehmer Zeitgenosse beschrieben, der noch nicht einmal Gott fürchtet, wie die Bibel es sagt. Die gesellschaftliche Stellung der Witwen zur damaligen Zeit war schlecht. Sie hatten keine Lobby, waren bestenfalls geduldet und auf die Unterstützung anderer angewiesen – kurz: Sie mussten und sollten sich mit dem zufriedengeben, was man ihnen an Almosen zukommen ließ. Dass eine solche Witwe aufbegehrt und nachhaltig, lautstark und vehement ihr Recht einfordert, dürfte die absolute Ausnahme und eine echte Sensation gewesen sein. Doch schlussendlich hat sie Erfolg. Der Richter ist genervt von ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Geschrei und hat sogar Angst, dass die Witwe handgreiflich werden könnte. Und so verhilft er ihr tatsächlich zu ihrem Recht. Eine schöne biblische Erzählung mit Happy end; Lukas, Kapitel 18; viel Spaß bei der Lektüre!
Und die Moral von der Geschicht? Jesus erzählt uns dieses Gleichnis nicht, weil die Geschichte so spektakulär ist. Nein, wir sollen uns von den Protagonisten und hier eben ganz konkret von der beharrlichen Witwe etwas abgucken. Wir sollen ebenso beharrlich sein, wenn es darum geht, die Dinge vor Gott zu bringen, die uns belasten, die uns ärgern, die wir nicht gerecht finden. Wir sollen beharrlich sein im Gebet und nicht nachlassen darin, mit Gott zu sprechen. Und ja, wir dürfen Jesus beim Wort nehmen und Gott wirklich mit unseren Anliegen auf die Nerven gehen.
Und Jesus sagt: Wenn schon dieser ungerechte Richter irgendwann eingeknickt ist, um wie viel großzügiger wird dann ein liebender Gott auf unsere Gebete reagieren. Gott wird seinen Auserwählten, also uns, Recht verschaffen in Kürze, sagt Jesus.
Hier meldet sich jetzt wahrscheinlich unsere Lebenserfahrung und wendet ein: Und was ist mit den Menschen, die Tag und Nacht gebetet haben, und deren Gebete nicht erhört wurden? Ja, es gibt unendlich viel Not und Elend auf dieser Welt und uns allen ist sicher schon einmal die Frage durch den Kopf gegangen: Wo ist Gott in diesen Situationen? Aber dennoch! Selbst, wenn unsere Gebete nach unserer eigenen Einschätzung von Gott nicht gehört werden mögen: Das ist noch lange kein Grund, um mit dem Beten aufzuhören. Denn wie vielen Menschen und wie oft auch Ihnen und mir hat Gott in unserem Gebet verborgene Reserven an Glaube, Mut und Vertrauen gezeigt? Wie oft hat er uns dann eben doch zugehört und geholfen!
Beten ändert immer etwas – mal stärker und mal schwächer spürbar, mal so, wie wir es uns erhofft haben und mal auch ganz anders. Bittet, so wird euch gegeben. Hinter diese Zusage geht Gott nicht zurück. Nehmen wir ihn beim Wort und lassen ihn wissen, wo wir ihn brauchen. Amen.

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  Internationaler Tag der Familie 2020

Internationaler Tag der Familie 2020

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.05.2020

Heute ist der internationale Tag der Familie. Er wurde 1993 von den Vereinten Nationen ausgerufen und wird in jedem Jahr unter ein besonderes Motto gestellt. Für 2020 haben die Vereinten Nationen den Klimaschutz gewählt. Ganz konkret geht es darum, herauszustellen, welche Rolle die Familie beim Klimaschutz spielt und welche Beiträge sie leisten kann. Doch auch die Rahmenbedingungen, die dazu erforderlich sind, werden beleuchtet, so zum Beispiel der weltweite Ausbau des Bildungssystems, die Schärfung des Bewusstseins für die Ursachen des Klimawandels sowie nationale und internationale Maßnahmen, ihn zu begrenzen.
Gerade in diesen Zeiten wird uns in positiver Weise eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Auswirkungen menschliches Handeln auf Klima und Umwelt hat. Die weltweiten coronabedingten Einschränkungen wirken entlastend auf Natur und Klima. Die Schadstoffbelastung der Luft hat deutlich abgenommen, das Wasser ist sauberer geworden – man kann in Venedig in den Kanälen auf einmal wieder bis auf den Grund schauen – und die Luft ist so klar, dass man seit über 30 Jahren von Indien aus erstmals wieder den Himalaja sieht.
Wir haben als Reaktion auf das Virus gezwungenermaßen kräftig an den Schrauben gedreht, die ganz unmittelbar auf die negativen Klimaeinflüsse wirken, die von uns Menschen ausgehen. Das zur Kenntnis zu nehmen und daraus zu lernen, ist durchaus erlaubt, wie ich finde. Denn es hängen das Wohlergehen und die Lebenschancen von vielen Menschen genau davon ab. Ein Fortschreiten des Klimawandels steigert den Hunger und die Not in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Auch diesen Zusammenhang greift der heutige internationale Tag der Familie auf.
Als Christinnen und Christen tragen wir in besonderer Weise Verantwortung für Gottes Schöpfung, die er uns Menschen anvertraut hat. Und wenn im Alten Testament steht, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, dann verbinde ich damit das Bild eines gütigen und zugewandten Regenten, dem in erster Linie und zu allererst das Wohl seiner Untertanen am Herzen liegt. Das tatsächliche Handeln der Menschheit ließe vermuten, dass wir das Bibelwort falsch verstanden haben. Wir haben uns die Erde nicht zum Untertan, sondern zum Sklaven gemacht. Dass das nicht in Gottes Sinne ist, können wir an den Konsequenzen ablesen.
Internationaler Tag der Familie zum Thema Klimaschutz – auch eine Mahnung, dass wir verantwortungsvoll mit dieser Erde umgehen sollen. Denn erstens haben wir nur diese eine und zweitens ist die uns nicht zur Ausbeutung anvertraut, sondern damit alle Menschen jetzt und in Zukunft auf ihr ein gutes Leben führen können, so, wie es Gott für seine Menschen gedacht hat. Amen.

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