Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Freut Euch!

Freut Euch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.07.2019

Sind Sie jeden Abend pünktlich um kurz vor acht vor dem Fernseher, um die Tagesschau nicht zu verpassen, oder um kurz vor sieben zu den heute-Nachrichten? Führt Sie ihr erster Gang am Morgen zum Briefkasten, um die aktuelle Tageszeitung zu holen oder zu Ihrem Tablet für die Onlineausgabe? Oder kostet es Sie eher Überwindung, sich die aktuellen Nachrichten aus aller Welt zu Gemüte zu führen? Nachvollziehbar wäre das. Denn was uns da allabendlich oder allmorgendlich präsentiert wird, ist häufig nicht besonders erbaulich: Kriege und Krisen, Not und Elend, politische Rangeleien, Umweltzerstörung und Klimawandel – und das ist nur eine kleine Auswahl von Themen, die uns nun wirklich keine gute Laune machen.
Ja, man darf vor alledem nicht die Augen verschließen. Ja, es ist hilfreich, sich mit diesen Themenfeldern zu befassen, um sich eine fundierte Meinung bilden und mitreden zu können. Ja, man sollte wissen, wo jeder einzelne etwas tun kann, um die Probleme vielleicht ein bisschen zu verkleinern oder sie zumindest nicht weiter wachsen zu lassen. Ja, das ist alles richtig. Aber irgendwann reicht es mir einfach mal und meine Aufnahmekapazität für schlechte Nachrichten ist erschöpft. Ich kann und will all das Negative dann nicht mehr sehen und hören und denken.
Der griechische Philosoph Demokrit hat vor rund 2400 Jahren treffend festgestellt: „Ein Leben ohne Freude ist wie eine lange Reise ohne Gasthaus.“ Und Recht hat er, wie ich finde. Ich brauche auch immer wieder mal Dinge, über die ich mich einfach freuen kann. Gute Nachrichten, nette Menschen, gutes Wetter, grundlose Albernheiten, schöne Musik, blühende Blumen, Vogelgezwitscher, stimmungsvolle Sonnenauf- und Untergänge.
Damit kann ich meine Akkus wieder füllen. Daraus ziehe ich Lebensfreude und Zuversicht. All das hilft mir, auch weniger schöne Lebensphasen auszuhalten, weil ich mich an die besseren erinnern kann. Ich kann mich an sie erinnern und ich kann dankbar dafür sein. Denn die meisten der vorhin genannten Kraftquellen bekomme ich geschenkt. Sie werden uns allen bereitgestellt, ohne dass wir dafür etwas tun müssen und insbesondere ohne, dass es etwas kostet. Wache Sinne und Offenheit reichen aus, um sie zu erfahren, zu erleben und zu genießen.
Und auch die Bibel liefert Gründe zur Freude. Die Texte heißen nicht umsonst Evangelium – frohe Botschaft, denn sie transportieren eben genau das. Mensch, du bist von Gott gewollt, geliebt und angenommen. Er wird es wohlmachen, auch mit dir und mir. Oder wie Paulus es schreibt: „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“
Und mit dieser Botschaft im Hinterkopf habe ich dann auch wieder Kraft, um mich um die nicht so schönen Seiten des Lebens zu kümmern – und mich ihnen zuversichtlich und voll Gottvertrauen zu stellen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Gott begegnen

Gott begegnen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 18.07.2019

Unterwegs mit dem Auto. Häuser ziehen links und rechts vorbei. Bäume. Gärten. Und Plakatwände. Und auf einer dieser Wände lese ich: „Mach dich bereit, deinem Gott zu begegnen!“ „Hu. Hu.“, denke ich. Eins zu eins entspricht diese plakative Mahnung dem Drohwort des Propheten Amos gegenüber seinem Volk Israel (Amos 4,12). Dort steht es am Ende einer langen Liste menschlichen Fehlverhaltens, das sich am Luxus labt, während es Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vergisst.

Und nun steht das Wort also am Straßenrand und wispert bedrohlich all jenen zu, die vorüber fahren: „Mach dich bereit, deinem Gott zu begegnen.“

Als ob die Gottesbegegnung etwas Schreckliches wäre.
Als ob es die Begegnung mit einem Tyrannen sei.
Als ob es nie ein Wort der Gnade gegeben hätte.

In einem Lied heißt es: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe wie nur du sie gibst.“ Und weiter steht, dass dieses Sehnen Sehnsucht nach Frieden sei, nach Freiheit, Hoffnung, Einsicht, Beherztheit, Beistand, nach Heilung, Ganzsein, nach Zukunft. Dieses Sehnen glaubt daran, dass der Gottesbegegnung Stärkung folgt. Kein verängstigendes „Mach dich bereit…“, sondern ein vertrauensvolles „vor dein Angesicht, Gott, will ich treten, weil ich daran glaube, dass mir diese Begegnung gut tun wird und sie mich gut sein lässt.“ Paulus wusste darum, hat er doch den Saulus in seiner Biographie. Und all jene Tischgefährten Jesu wussten es auch, deren Leben durch die Begegnung mit ihm neu ausgerichtet wurde.

Ja, wir sollten bereit sein, unserem Gott zu begegnen. Aber ohne Furcht. „Fürchte dich nicht“, sagt schließlich der Weihnachtsengel Jahr für Jahr. Und vielleicht ist das sogar das eigentlich Neue des Christentums: Es ist nicht zuerst die Forderung nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die nahezu jede Religion kennt, sondern das Wissen Gottes um die menschliche Anfälligkeit zu scheitern. „Fürchtet euch nicht.“, spricht der Engel und erst dann sagt Jesus zu den Menschen: „Kehrt um. Tut Buße.“

Unser Gott traut uns zu, es besser zu können. Uns wird zugetraut, alles halten zu können, was Jesus uns als Mensch unter Menschen gelehrt hat. Nicht, weil wir es von uns aus vollbringen könnten, sondern weil der Glaube dazu verhilft. Wer sich vertrauensvoll von den Worten Jesu prägen, von ihnen ausrichten lässt, der bleibt im Herzen beweglich und wird Großzügigkeit und Wertschätzung nicht nur empfangen, sondern auch ausstrahlen. Und so werde ich mir also auch in Zukunft nicht vom Straßenrand her drohen lassen, sondern bleibe mit Luther dem Wort des Paulus treu, der in seinem Brief an die Römer schreibt (Röm 1,16f.): Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

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  Unverfügbar

Unverfügbar

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.07.2019

„Was soll das überhaupt sein, ein gelungenes Leben?“, fragt der Journalist Jonas Weyrosta den Soziologieprofessor Hartmut Rosa in einem Interview der Zeit. Hartmut Rosa gehört derzeit zu den bekanntesten Denkern in Deutschland. In der Wahrnehmung, dass es trotz unseres Wohlstands immer mehr psychische Krankheiten gäbe, wie z.B. das Burn-out-Syndrom, hat er seine Theorie der Resonanzen entwickelt. Der Mensch sei, so Rosa, ein Beziehungswesen. Deshalb auch sei ein gelingendes Leben ein Leben in Beziehung; Beziehung in Familie und Freundschaft, natürlich, aber auch in Musik, Sport, Kunst oder Religion. Dabei ist wichtig, dass eine Resonanz nicht „gemacht“ werden kann, sondern dass sie etwas ist, auf das ein Mensch sich einlassen muss. Sie enthält unbedingt einen Moment des Unverfügbaren.

Das Gespräch zwischen Rosa und Weyrosta ist deshalb spannend, weil es dem Journalisten unglaublich schwer fällt, diesen Gedanken der Unverfügbarkeit mitzudenken. Und doch – was ist eine Beziehung? Eine Beziehung ist etwas, in das ich so viel Vertrauen setze, dass ich bereit werde, mich von dem Gegenüber verändern zu lassen.

Derzeit aber, so Rosa, lebten wir keine Beziehungen, sondern verfolgten stattdessen den Wunsch nach immer größerer Weltkontrolle – selbst da, wo wir Neues zu entdecken behaupten. Als Beispiel benennt er die derzeit sehr beliebten Kreuzfahrtreisen. Hier führen Menschen scheinbar hinaus aufs große Meer; in Wahrheit aber blieben sie beim Altbekannten: sie haben ihr Bett, ihre Kajüte, ihr bestelltes Essen. Überraschungen sind nicht erwünscht; und damit auch nichts, was das eigene Selbst herausfordern und verändern könnte. Es sind vollständig kontrollierte Erlebnisse, und so kommen die Leute mit nichts mehr heim als einigen Panoramabildern auf ihrem Handy, die so oder ähnlich schon von tausend anderen gemacht worden sind.

Demgegenüber sei die Religion ein hilfreicher Weg zur Resonanzerfahrung. Nicht die dogmatische, einengende Religion natürlich, sondern jene ehrlich Suchende des Menschen nach seinem Selbst vor Gottes Angesicht. Noch einmal Rosa:
„Die menschliche Seele und Gott sind der Idee nach konstitutiv aufeinander bezogen. ‚Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!‘, heißt es beim Propheten Jesaja. Auch die Idee der Unverfügbarkeit ist bereits in der Bibel angelegt: ‚Der Geist Gottes weht, wo er will‘, heißt es etwa bei Johannes. Das ist genau diese Idee, dass man etwas nicht erzwingen kann. Es geht in der Religion gerade darum, einen Sinn für die Bezogenheit zu etwas herzustellen, auch wenn Gott nicht eindeutig hörbar ist. Man fühlt sich gemeint. Und die Welt begegnet mir nicht mehr stumm, sondern sagt mir, am Grunde meiner Existenz gibt es etwas, das mir den Atem des Lebens eingehaucht hat.“

Und die Theologin in mir denkt: Jawoll! Das ist die Erkenntnis der Geschöpflichkeit, die mir nicht nur ermöglicht die zu sein, die bin, sondern die zu werden, als die Gott mich gedacht hat.

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  "... wie schnell die Zeit vergeht"

"... wie schnell die Zeit vergeht"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.07.2019

Seit einigen Monaten sagt unser elfjähriger Knabe in wunderbarer Regelmäßigkeit folgenden Satz: „Wie schnell die Zeit vergeht!“ „… äh, ja“, antworte ich dann meist – und führe meine eigene Wortarmut darauf zurück, dass ich zwischen Schmunzeln und Staunen stehe. Der Junge hat Recht. Aber trotzdem? Was macht so ein Satz im Mund eines Elfjährigen? –

Vermutlich ist er erstes Anzeichen dafür, dass dem Kind sein eigenes Werden und das Werden der Welt bewusst wird. Wir sind zeitliche Wesen. Wir haben einen Anfang auf Erden und wir haben ein Ende auf Erden. Dazwischen liegen Leben und Veränderung. Und, ja, vor der Frage stehend: „Who wants to live forever?“, möchte ich eines guten Tages bereit sein und meiner Seele erlauben können, friedlich von Erden zu scheiden.

In den gegenwärtigen Tagen erlebe ich allerdings Seltsames: Da gibt es in unserer heimischen Gegenwart nämlich eine große Verschiedenheit in der Zeitwahrnehmung. Mein Mann hat sich vor gut sechs Wochen das Fußgelenk gebrochen, und nun muss er liegen, den Fuß höher gelagert als das Herz. Und während er die ersten Wochen noch gut für sich nutzen konnte, beginnt er inzwischen das Ende seines Herumliegens arg herbeizusehnen. „Wenn doch nur schon Mitte August wäre“, sagt er, und meint damit jene verheißungsvolle Zeit, in der der Fuß wieder belastet werden kann. Er hat begonnen, die Tage zu zählen. Die Kinder hingegen haben Ferien und hoffen darauf, dass diese Wochen bis Mitte August bitte, bitte nie enden mögen! Ausschlafen, freie Zeit, Freiheit!

Zur Freiheit, der inneren wie der äußeren, scheint also die Freiheit von Zwängen zu gehören. Sie scheint ein Zustand zufriedener Gegenwärtigkeit zu sein, und damit auch einer Gegenwart, die frei ist von allem Abwarten auf…. Angesichts einer Lebenswirklichkeit, in der wir so oft darauf warten, dass dieses oder jenes Ziel endlich erreicht ist, sei es das Ende einer Krankheit, der Beginn der Ferien oder die Auszahlung des Bausparvertrags, hoffe ich, dass wir uns wieder und wieder bewusst werden, dass Leben jeden Tag neu stattfindet und Lebenszeit ein großes Geschenk ist.

Denn wie stünden wir sonst da, am Ende unserer Zeit? Wäre es nicht gerade so wie bei jenem biblischen Kornbauern, der glaubt, er müsse zu seinem Glück jetzt nur noch dieses oder jenes erreichen, bevor er sich zur Ruhe setzen könne? Und dem Gott dann sagt: Du Narr! Weil er eines Morgens, als er erwachte, plötzlich tot war. Die ihm geschenkte Zeit auf Erden war ihm unbemerkt im Planen und Warten vorüber gezogen. Ob er wohl je gesehen hat, wie schön die Lilien auf dem Felde wachsen? Und ober er je die wunderbare Wärme des Sonnenlichts gespürt und genossen hat? Und ob er je sah, wie schön seine Frau war? Und wie staunenswert das Heranwachsen der Kinder zu Erwachsenen?

„… wie schnell die Zeit vergeht“, sagt das kluge Kind.

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  Einfach mal machen!

Einfach mal machen!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.07.2019

Wir Menschen lernen unter anderem dadurch, dass wir Dinge nachmachen. Jemand zeigt uns, wie etwas geht, wir probieren es selbst und können es dann auch irgendwann alleine. Unsere Muttersprache haben wir uns so angeeignet – durch hören, nachplappern und verfeinern. Gerade in den ersten Lebensjahren sind wir darauf angewiesen, dass uns unsere Bezugspersonen, also in erster Linie Eltern und Geschwister, das vermitteln, was wir zum Leben brauchen, denn autodidaktisch wird das noch nichts, weil wir ganz am Anfang ebenso gut wie gar nichts alleine können – schon gar nicht, uns aus eigenem Antrieb selbst irgendetwas beibringen.
Wenn es richtig gut läuft, dann haben wir in unserem Leben die Chance und das Glück, wichtige Dinge von wirklich guten Lehrern beigebracht zu bekommen. Bei manchen Themen, ist es auch hilfreich, ein Vorbild zu haben, an dem wir uns etwas abgucken können. Mit einem solchen Vorbild kann das Lernen richtig Spaß machen. Wir sind motiviert, weil wir auch so gut werden wollen, wie unser Idol und knien uns dann konsequenterweise auch richtig rein. Das klappt ganz gut im Sport mit einem ambitionierten Sparringspartner, im Beruf mit einem versierten und erfahrenen Kollegen oder, oder, oder. „So gut wie der möchte ich auch werden. Und dafür bin ich gern bereit, mich ordentlich anzustrengen!“ Bisweilen kann ein Vorbild aber auch demotivieren, weil die Messlatte, die uns vorgelegt und vorgelebt wird, so unerreichbar hoch ist. Unser großer Freund und Bruder Jesus Christus bringt uns in genau so eine Situation, wenn er sagt: „Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist!“
Donnerwetter denke ich, ne Nummer kleiner hätte es auch getan. Ich soll so barmherzig sein wie Gott selbst. Da steht doch von vornherein fest, dass das nichts werden wird. Es ist ja mit der Barmherzigkeit ohnehin schon schwierig genug. Wir aufgeklärten Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts sind ja sehr auf Leistung und Gegenleistung programmiert. Ich kriege etwas und muss dafür etwas geben. Das ist so bei Karstadt und Amazon, bei der Handwerkerleistung und auch im Beruf – überall gibt es dieses Geben und Nehmen.
Barmherzigkeit geht anders. Da gebe ich erst einmal und ich tue es aus mir heraus, aus der Überzeugung, dass es richtig ist. Ich gehe in Vorleistung, in dem ich anderen Menschen etwas zukommen lasse – Geld, Nahrung, Obdach, Zeit, Wertschätzung, Liebe. Ich frage nicht danach, ob mein Gegenüber das auch verdient hat und ich spekuliere nicht darauf, eine Gegenleistung zu bekommen. Das ist Barmherzigkeit und so erfahren wir sie auch von Gott: Er gibt, ohne zu Nehmen. Er schenkt, ohne auf Geschenke von uns zu warten. Er liebt, ohne dass wir verpflichtet sind, seine Liebe zu erwidern.
Dass wir Menschen das in dieser Perfektion nicht können, das weiß Jesus. Und dennoch sagt er uns, dass wir es Gott gleichtun sollen. Denn wenn wir Gott nacheifern, immer wieder versuchen, uneingeschränkte, man kann auch sagen radikale Barmherzigkeit zu leben, dann besteht eine gute Chance, dass sich diese Welt zum Besseren verändern lässt – durch barmherzige Taten in denen immer wieder Gottes Liebe aufleuchtet und es überall dort hell werden lässt, wo es vorher dunkel war.

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  Suche den Frieden

Suche den Frieden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.07.2019

So heißt es über diesem Jahr. Sechs Monat sind schon rum. Und? Haben wir das gemacht? Haben wir den Frieden gesucht? Haben wir begriffen, dass wir ihn nicht besitzen werden, sondern immer neu suchen müssen, dass er nicht einfach über uns kommt wie ein milder Sommerregen, sondern dass wir ihm nachjagen sollen – möglicherweise bis uns die Zunge raushängt?
Suchen und Nachjagen haben unterschiedliche Geschwindigkeiten.
Beim Suchen wird man systematisch vorgehen müssen, sich überlegen, wo es Sinn hat, zu suchen und wo nicht. Es wird also Strukturen und Systeme in unserer Welt geben, in denen wir keinen Frieden finden können, weil sie friedensfeindlich sind, Leben gefährden, Menschenrechte ignorieren, Würde verspielen. Dort muss man nicht länger suchen oder Kompromisse probieren.
Und andersherum: offenbar gibt es auch Orte und Räume, in denen sich Frieden und Friedfertigkeit finden lassen.
Wir brauchen also eine Idee, wonach wir suchen.
Das scheint gar nicht so leicht zu sein. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford –Strohm erzählte in seiner Neujahrspredigt zur Jahreslosung eine kleine Geschichte: „Von einem russischen Dichter wird erzählt, dass er eines Tages auf der Straße den Kindern beim Spielen zusah. „Was spielt ihr?“ fragte er schließlich. „Wir spielen Krieg“, antworteten sie. „Findet ihr das ein gutes Spiel? Warum spielt ihr nicht einmal Frieden?“ Die Kinder waren begeistert. „ O ja, das wollen wir spielen!“ riefen sie durcheinander. Der Dichter ging zufrieden weiter aber nur bis zur nächsten Straßenecke. Dort holten ihn die Kinder mit einer wichtigen Frage wieder ein: „Väterchen, sage uns doch, wie man Frieden spielt!“
Ja, wie geht das? Haben wir überhaupt Bilder und eine Vorstellung, wie eine sanftmütige, gewaltfreie Welt aussehen kann? Wollen wir das wissen? Wir ahnen ja, dass es den Mut zur Gerechtigkeit braucht, die Bereitschaft zu teilen, Wahrheitsliebe, Mitgefühl. Es braucht Kreativität und Beweglichkeit, Zuversicht.
Und Leidenschaft. Denn nur, was wir wirklich möchten, verfolgen wir mit Ausdauer und langem Atem. Nur dem, wonach wir uns ernstlich sehnen, jagen wir nach…
Ein halbes Jahr ist um. Es ist hohe Zeit und gilt uns noch immer die Aufforderung: „Suche den Frieden und jage ihm nach…“

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  Wortbesitz

Wortbesitz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.07.2019

Manchmal stolpert man über Alltägliches. Wahrscheinlich kommt das vom Grübeln über das Normale, denn was ist schon selbstverständlich…
„Wort zum Alltag“ – heißt unsere Andacht hier. Eigentlich eine merkwürdige Formulierung, denn sie meint weder ein alltägliches Wort noch eines, das den Alltag zum Alltag macht bzw. zum Alltag hinführt, wir sind ja immer schon mittendrin. Am ehesten ist es wohl ein Wort im Alltag und dabei nicht irgendein Wort, sondern ein deutendes, nachfragendes, ein suchendes, ein biblisches…
Zugleich ist es eine sehr weite Überschrift, eine, die Freiheit gibt und Assoziationen Raum gewährt, Zwiesprache ermöglicht zwischen dem, was tagtäglich passiert und den Heiligen hier. Und oft genug, muss man einen Gedanken loslassen, um das nächste Wort zu finden.
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat viele sehr eindrückliche eigene Worte gefunden und damit einen Alltag beschrieben, der sich eigentlich dem normalen Fluss von Wörtern entzieht. Und sie hat Wörter vorm Wegschmeißen bewahrt, Wortcollagen geschaffen.
Aus Zeitungen und Zeitschriften hat sie Wörter unterschiedlicher Farbe, Größe und Schrifttype ausgeschnitten und zusammengeklebt. Es sind, so sagt sie „gefundene Wörter“ und es ist für die der vielleicht „intensivste Kontakt mit Sprache überhaupt, weil man jedes Wort einzeln anfassen muss.“ Vielleicht sollten wir so Bibel lesen?
Und wie ein gesprochenes Wort nicht zurückgeholt werden kann, so kann man einmal aufgeklebte Wörter nicht mehr in einem anderen Satz unterbringen. Das Wort verfliegt nicht. Es ist. Am Anfang ist das Wort. Später wohnt es unter uns, findet uns.
Vielleicht braucht es die Sensibilität eines Menschen, der seine Texte immer aus Angst vor Hausdurchsuchungen verstecken musste, um wahrzunehmen, „dass es ein Ausdruck von Freiheit ist, dass Worte herumliegen dürfen: „Wortbesitz im Überfluss ist das Gegenteil von früher, von Zensur.“
Und: Wortbesitz im Überfluss heißt auch, dass Wörter auf uns warten. Das eine Wort erwartet uns – im Alltag der Welt und unseres Lebens.
Die Wahrheiten der Wortcollagen von Herta Müller treffen einen manchmal unvermutet, vielleicht weil man sich entziehen möchte – ist ja nur Zufall. Eine hießt: „Gegen den Hunger erzählte die Mutter mir und dem Bruder als Kind ein großes Stück Brot das überall aufhört und nirgends beginnt…“
Noch in der Collage klingt der beißende Hunger durch und auch ein Funken Ewigkeit.
Wort zum Alltag. Ein Bissen Brot. Täglich. Heute.

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  O du fröhliche, o du selige

O du fröhliche, o du selige

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.07.2019

Zwischen vielen Mails kam gestern eine an, die begann so:
„Der Sommer ist groß. Der Himmel ein Opal.“ Dann kamen die dienstlichen Informationen und lasen sich heiter, wie ein Geschenk. Dabei hatte nur eine ihre Freude an dieser Welt und diesem Leben weitergegeben, hatte nicht vergessen, dass auch Gott sich an der Schöpfung, inmitten derer wir leben, freut und gesagt hatte: „Siehe, es war sehr gut.“
Denn zwischen allem, was in unserer Welt nicht gut ist, was wir beweinen und beklagen, worüber wir Gott um sein Erbarmen bitten, gibt es doch immer wieder auch das Aufblitzen seiner Herrlichkeit.
Jeden Sonntag gehen wir so durch den Gottesdienst. Nicht nur Kyrie, sondern auch Gloria, nicht nur Bitte, sondern auch Dank, nicht nur Anspruch, sondern auch Zuspruch, nicht nur Sendung, sondern auch Segen…
Und in der Tageslosung für diesen Donnerstag heißt es:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ So singen es die himmlischen Heerscharen zum Lobe Gottes. Schon klingt es über der Krippe in Bethlehem. So klingt es durch die heilige Nacht in unsere Welt. So hören wir es nicht nur am Heiligen Abend. Und darum wohl endete die Mail gestern so ungewöhnlich, so fröhlich und beglückend, wie sie begonnen hatte:
„O du fröhliche, o du selige / Gnadenbringende Sommerzeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen: / Freue, freue dich, o Christenheit!
O du fröhliche, o du selige / Gnadenbringende Sommerzeit
Du in See und Sonne, uns zu Wohl und Wonne / Freue dich, freue dich, o Christenheit
O du fröhliche, o du selige, / gnadenbringende Sommerzeit!
Seele durchdrungen, Liebe erklungen: / Freue, freue dich, o Christenheit“
Ja! Christ ist erschienen, uns zu versühnen – diese frohe Botschaft ist nicht mit dem Weihnachtsbaum ausgemistet und rausgeworfen worden. Sie ist noch immer Grund aller Hoffnung, Grund zur Freude.

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  We are not numbers

We are not numbers

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.07.2019

Neulich habe ich in der hiesigen Buchhandlung einen Band mit Texten junger Menschen aus Gaza gefunden. Im Vorwort zu den Gedichten, Berichten und Kurzgeschichten steht: „Lesen Sie jedes Wort. Werden Sie wütend. Weinen Sie. Lachen sie zwischendurch. Das ist Gaza…“
Es ist eigentümlich, dass ein solches Buch den Weg aus dem Irrsinn des eingeschlossenen Landstriches in eine friedliche sommerlich ruhige Stadt wie Braunschweig gefunden hat und nun zwischen klassischer und zeitgenössischer Lyrik zu liegen kommt. Die Autorinnen und Autoren sind beinahe alle in den neunziger Jahren geboren, so alt wie unsere Kinder… Während die die Welt entdecken, Berufswege einschlagen und manchmal auch die Richtung ändern, während unsere Kinder Gott sei Dank bis zu ihrem Urgroßvater zurückgehen müssen, wenn sie einen Menschen in der Familie finden wollten, der in den Krieg musste, schreibt Doaa Mohaisen einen Text: „Was der Krieg uns lehrt“. Die junge Frau hat in Gaza Anglistik studiert – wenigstens eine Möglichkeit, mit der Welt draußen Kontakt zu halten - und hält sich, so sagt sie, indem sie schreibt, am Leben.
In ihrem Text, den sie am 24. Juli 2016 gepostet hat, zählt sie auf:
„Du lernst, nicht aufzuspringen, wenn in der Nähe Bombenanschläge oder Schüsse zu hören sind…
Du lernst, das Leben zu schätzen …
Du lernst die Wassermenge in einem Fass abschätzen, wenn du nur ranklopfst …
Du lernst, zu vergeben und Vergangenes ruhen zu lassen …
Du lernst, richtig zu lieben. In Kriegszeiten wartest du nicht auf eine Gelegenheit, den Menschen um dich herum zu sagen, dass du sie liebst.“
Es schmerzt, dass ein junger Mensch all das lernen muss. Es schmerzt, dass wir so schnell vergessen, wie viele junge Menschen überall auf der Welt, Wege finden müssen, zu überleben, ohne Lebensmut, körperliche Kraft oder den Verstand zu verlieren.
Doaa Mohaisen erzählt, wie ihr junges Leben in Schutt und Asche fällt und zugleich, wie sie mit Gott verhandelt und zu tauschen versucht, ein bisschen Sicherheit gegen eine Woche ohne… Sie lernt, sich auf Gott zu verlassen, trotz allem. Und wir lernen von ihr, dass möglich werden kann und dass es guten Grund hat, wenn Paulus über diesem Tag schreibt: „Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“

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  Dieser Moment…

Dieser Moment…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.07.2019

Der Philosoph, Theologe, Ordensmann und Mystiker Meister Eckhart, geboren 1260 in der Nähe von Erfurt, gestorben 1328 in Avignon ist einer, von dem sich immer wieder Worte finden lassen, die zeitlos sind.
Man kann sie sich mühelos im Leben eines Menschen vorstellen, der zwischen den schiefen Fachwerkhäusern Erfurts lebte oder zwischen Olivenhainen in der Provence zuhause war. Aber sie klingen genauso richtig unter der Linde draußen während wir mit unseren Freunden chatten oder am Schreibtisch sitzen und Texte in eine Computertatstatur tippen. So sagte er:
„Der gegenwärtige Augenblick ist das Fenster, durch das Gott in das Haus meines Lebens schaut.“
Der gegenwärtige Augenblick, dieser Moment…
Nicht irgendwann, wenn ich ein neues Leben angefangen habe und mit mir zufrieden bin, nicht nur dann, wenn ich mich und ein Leben für vorzeigbar halte oder während dieser Andacht, wenn ich mich Gott zugewendet habe, schaut Gott in mein Leben und durch seine Fassaden hindurch.
Nein, er tut es immer. Sein Blick gehört zu meiner Gegenwart. Sein Blick macht prägt mein Leben.
Jetzt und nachher…
Er sieht in mein Herz, wenn ich den Tag beginne, meine Wege durch die Wohnung gehe, den Blick aufs Handy – gibt es Nachrichten von den Kindern? Er sieht mir zu, während ich die Zeitung lese. Wieder ein Boot voller Flüchtlinge vornedrauf...
Er sieht, wie ich frische Sachen aus dem Schrank nehme und dabei große Auswahl habe. Er sieht, dass in unserem Kühlschrank eher Gefahr ist, dass etwas schlecht wird als das etwas fehlt.
Er sieht wohl auch, dass ich weiß, was für ein gutes Leben ich habe.
Und er sieht, dass Denken und Tun manchmal weit auseinanderliegen, dass Manches vertagt wird, was heute schon nottäte, dass hilfreich ist, mir bewusst zu machen, dass das „Jetzt“ gilt, dieser Moment.
Denn Zeit zu beginnen oder zu entscheiden, ist jetzt. Zeit aufzuhören, ist jetzt. Zeit, genau zu sein und ehrlich, ist jetzt. Zeit, gastfreundlich zu sein und großzügig, ist jetzt.
Gott sieht den gegenwärtigen Augenblick. Sein blick ist heilsam und klärend.
So verstanden klingt noch viel intensiver, dass es in der Tageslosung heute heißt: „Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, auf dass Ihr Kinder des Lichtes werdet.“ (Joh 12)

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  Coaching von höchster Stelle

Coaching von höchster Stelle

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.07.2019

Ich war blind vor Wut, blind vor Liebe, blind vor Hass. Es gibt Phasen, da laufen wir durch unser Leben, ohne wahrzunehmen, was um uns herum passiert. Besonders wenn wir in extremen oder gar existenziellen Lebenssituationen stecken, kann dies passieren. Sie ziehen unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich und verhindern, dass wir analytisch und differenziert denken, reden und handeln. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob es negative oder positive Einflussfaktoren sind, mit denen wir zu tun bekommen. Über beide Ohren verliebt zu sein, ist ganz sicher eines der schönsten Gefühle, die wir kennen und dennoch kann es uns durchaus ein wenig unzurechnungsfähig machen, genauso wie die genannte blinde Wut oder der blinde Hass.
Doch es sind gar nicht immer die großen und bedeutenden Ausnahmesituationen, in denen wir „fremdgesteuert“ sind. Nein, manchmal verrennen wir uns auch ohne besonderen Grund in irgendeine schräge Idee, eine merkwürdige Verhaltensweise oder ein unpassendes Denkmuster. Und in aller Regel fällt unseren Mitmenschen dann eher auf als uns selbst, dass irgendwas mit uns nicht stimmt. „Wie ist der denn drauf? Der war doch sonst immer ganz anders!“
Menschen, die es gut mit uns meinen, die uns nahestehen und uns gut kennen, sprechen uns auf unser verändertes Verhalten im Idealfall an und geben uns so die Chance, kritisch über uns selbst nachzudenken und uns zu hinterfragen. Der Lebenspartner, die Freundin, der Arbeitskollege, die gute Bekannte aus der Kirchengemeinde können solche Feedbackgeber sein. Doch manches bleibt einfach verborgen, weil sich die Menschen nicht trauen, uns anzusprechen oder weil es ihnen nicht auffällt oder gar nicht auffallen kann. Dann bleiben wir in unseren möglicherweise falschen Gedankenstrukturen, Handlungsmustern und Sichtweisen gefangen und finden einfach nicht mehr heraus, weil wir uns ihrer selbst gar nicht bewusst sind. Das klingt ziemlich übel, denn wir finden die zur Befreiung notwendige Hilfe nirgends und wir erkennen noch nicht einmal, dass wir ihrer bedürfen.
Auch in solchen Lebenslagen hilft ein Blick in die Bibel. Es gibt ein wunderbares Wort aus dem 139. Psalm und es lautet: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ Da bittet ein Mensch: Gott, sein Du bitte mein Sparringspartner. Schau mir auf die Finger, schau in meine Gedanken und schau mir ins Herz und sage mir, ob ich in meinem Leben auf dem richtigen Kurs bin. Und wenn Du feststellst, dass irgendwas nicht passt, dann hilf mir, es zu verändern.
Ich empfinde dieses Bibelwort als eine große Hilfe und Entlastung. Ich darf Gott bitten, mir Feedback zu geben und ich darf mich darauf verlassen, dass er es wohlwollend tut und mir zeigt, wie ich selbst besser werden kann. Gott wird dadurch mein ganz persönlicher Trainer und Lebensberater. Und wenn Sie es wollen, auch Ihrer.

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  "Peter! Peter! Wie ies es mit dem Leben!"

"Peter! Peter! Wie ies es mit dem Leben!"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 06.07.2019

„ ‚… Peter! Peter! Wie ist es mit dem Leben! Erzähl schnell, wie es mit dem Leben ist! Nein, jetzt sage nicht wieder deine unanständigen Wörter ... die weiß ich allein. Wie ist es? Jetzt gleich will ich es wissen!‘ – Ich sog den bittern Geschmack aus einem trocknen Zweig mit Fichtennadeln. / ‚Erst habe ich gemerkt‘, sagte ich, ‚wie es ist. Und dann habe ich verstanden, warum es so ist – und dann habe ich begriffen, warum es nicht anders sein kann. Und doch möchte ich, dass es anders wird. Es ist eine Frage der Kraft. Wenn man sich selber treu bleibt...‘“

„Erzähl schnell, wie es mit dem Leben ist!“ ruft die Prinzessin ihrem Peter alias dem literarischen Kurt Tucholsky in der kleinen Sommergeschichte „Schloss Gripsholm“ zu. Und seine Antwort, gesogen aus dem bittern Geschmack eines trockenen Zweigs Fichtennadeln, beschreibt das Missverhältnis zwischen dem wie es ist und wie es sein sollte, zumindest wenn man so einer ist, der sich nicht abfinden mag, sondern sich selbst treu bleiben will.

Peter und seine Prinzessin machen im sommerlichen Schweden Urlaub. Sie scherzen und sinnieren, philosophieren: über das Menschsein; über die Freundschaft; und auch über die Liebe.

Tucholsky beschreibt in seiner wunderbar humorvollen Sprache die Alltagsstrukturen einer Welt von vor etwa hundert Jahren; einer Welt, die der unseren erstaunlich nahe scheint. Von dem, wie Erfolgstypen gestrickt sein sollten, über die Frage nach Sinn und Unsinn nationaler Grenzen bis hin zu den existentiellen Fragen des Seins. Tucholsky beschreibt eine unerlöste Welt, die doch Augenblicke der Erlösung kennt. Sie findet sich in der Leichtigkeit und der Tiefe von Freundschaft und Liebe, von Selbst-Treue und der Überzeugung, dass man zumindest versuchen sollte, die Dinge ein wenig besser zu machen, wo möglich.

Gott ist für Tucholsky in alledem keine sichtbare Größe – und doch spricht viel dieser kleinen Sommergeschichte von Gott. Es ist ein bisschen wie mit dem Buch Ruth, wo Gott nie persönlich auftaucht, in keinem Dornbusch, nicht am Ende einer Himmelsleiter und auch sonst in keinem Traum, und der dennoch mit seinem Segen die Frauen treu leitet und ihr Schicksal zum Guten begleitet. Denn, wissen Sie, wenn Gott darin göttlich zu denken ist, dass er zum Leben treibt, dann vollzieht sich das in spielerischer Freude, in den Zwischentönen tragender Freundschaften, in Sehnsucht und Leidenschaft, im Wunsch, Retter und Erlöser eines Nächsten zu sein. Menschen erleben Gott. Nicht spektakulär, sondern in den Momenten des Kairos. Das ist Leben.

„Vergnügt. – Erlöst. – Befreit.“ Unter dieser Überschrift stehen in diesem Jahr unsere drei Sommernächte. Gestern Abend ging‘s vergnüglich zu. Heute möchte ich Sie zusammen mit Dorothea Lübbe, Dramaturgie, einladen, sich am kommenden Freitag um 22 Uhr ein wenig aus ihrem Alltag herauszulösen und in Tucholskys Sommergeschichte voller Momente des Kairos einzutauchen. Mit Andreas Döring als Vorleser sowie Tabea Wink und Witold Dulski in musikalischer Leichtigkeit.

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  Gott mit mir

Gott mit mir

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 05.07.2019

„Gott sieht alles…!“, lautete eine alte Kinderdrohung. Wenn es um Kritik von Kirche und Glauben geht, dann ist es nicht selten der Vorwurf, dass die Religion mit Angstmacherei arbeite. Und tatsächlich haben Menschen gerade so gelebt und gehandelt. Wer nicht pariert, der kommt in die Hölle, so wurde gedroht. Und welches Tun der Hölle wert war, das bestimmte meist der Zeitgeist.

Als ein Kind der siebziger Jahre habe ich davon höchstens noch milde Ausläufer erlebt. Für mich stand hinter diesen Worten keine religiöse Höllenangst, sondern spielerische Mahnung. Als ich in den Neunzigern dann das erste Mal im Kino jenen Film sah, in dem irische Nonnen die ihnen anvertrauten Waisenkinder aufs Schrecklichste psychisch und körperlich misshandelten – und zwar mit Drohungen und Prügel im Namen Gottes und der Buße, war ich ebenso entsetzt wie all jene, die kurz darauf aus Protest aus der Kirche austraten. Allein: das alles hatte nichts mit meinem Glauben zu tun. Es hatte nichts gemein mit diesem Jesus von Nazareth, der Nächstenliebe eben nicht nur gepredigt, sondern bis zum eigenen Tod am Kreuz gelebt hat.

Die Tageslosung heute stammt aus dem 139. Psalm; sie lautet (Ps 139,1f.):
„Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von fern.“

Mein Lehrer für das Alte Testament erklärte, dass auch dieser Anfang von Psalm 139 Pate gestanden habe könnte für solch böse Drohsätze wie jenen oben zitierten; weil Gott nämlich alles sehe und selbst noch die Gedanken verstehe, könne man ihm nichts verheimlichen und ihm deshalb auch nicht entkommen. In dieser Lesart wird der allmächtige Gott nicht als gerecht barmherziger, sondern als gerecht strafender Gott beschrieben. Nirgendwohin lässt sich vor ihm fliehen, denn ganz gleich, wohin der Übeltäter läuft, Gott wird immer schon da sein… welch Alptraum.

Es ist eine verquere Art, den 139. Psalm zu lesen. Aber liest man gegen das Offensichtliche, eine Mögliche. Offensichtlich aber ist die Schönheit der Worte, ihr freundlicher Klang, und auch jene Sätze sind es, in denen der Beter sich selbst als wunderbar gemacht und von Mutterleibe an geborgen und von Gott freundlich umfangen beschreibt. Hart wird der Psalmbeter allein gegen jene, die Gott verleugnen; die sich lustig machen über Gottvertrauen und Gottesliebe.

Ich selbst mag diesen Psalm sehr, wohl auch deshalb, weil für mich in ihm anklingt, was später Paulus als einer formuliert, der sein ganzes Leben, eben sein Leben mit allem Gelingen und Scheitern, von Gott geborgen weiß. Er schreibt (Röm 8,38f.):

„Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

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  "Dazugelernt"

"Dazugelernt"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.07.2019

„Zu Mark Twain kam ein Siebzehnjähriger und beklagte sich: ‚Ich verstehe mich mit meinem Vater nicht mehr. Jeden Tag Streit. Er ist so rückständig, hat keinen Sinn für moderne Ideen. Was soll ich machen? Ich laufe aus dem Haus.‘ Mark Twain antwortete: ‚Junger Freund, ich kann dich gut verstehen. Als ich siebzehn Jahre alt war, war mein Vater genauso ungebildet. Es war kein Aushalten. Aber habe Geduld mit so alten Leuten. Sie entwickeln sich langsamer. Nach zehn Jahren, als ich 27 war, hatte er soviel dazu gelernt, dass man sich schon ganz vernünftig mit ihm unterhalten konnte. Und was soll ich dir sagen? Heute, wo ich 37 bin – ob du es glaubst oder nicht – wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen Vater. So können die sich ändern.“
(aus: „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“, Hamburg 132017)

Eine hübsche Erzählung, wie ich finde, die sehr schön davon zeugt, dass das zu Betrachtende stets abhängig ist von seinem Betrachter. Objektivität scheint es kaum oder gar nicht zu geben. Wir und auch die anderen unterliegen der Veränderung. Wenn es gut läuft. Und mit der Veränderung stellen sich neue Perspektiven ein. Da gibt es im längst bekannt Geglaubten plötzlich Töne, die man so noch nie gehört oder vielleicht zuvor sogar abgelehnt hat; jetzt aber beginnen sie für das eigene Leben zu klingen.

In dieser Woche habe ich meine Konfis in die Ferien geschickt. Wenn ich mit ihnen über die alten Erzählungen aus der Bibel nachdenke, dann fällt es ihnen oft schwer, dem Ganzen irgendeine Relevanz für ihr konkretes Leben zu entnehmen. Doch wer die alten Väterschriften in diesem Alter vorschnell zum rückständigen Hut erklärt, der wird ihren Wert für sich selbst wahrscheinlich nicht entdecken. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene erste Bibellese, da habe ich mich viel gewundert und auch gequält, so langweilig erschien mir, was ich da las. Inzwischen ist es so, dass die alten Texte richtig spannend für mich sind. Da lese ich Existentielles, Philosophisches, Historisches, Wirres, und hin und wieder sogar Witziges. Nicht die Schrift, aber ich habe mich verändert, auch, weil ich dazugelernt habe. Und in jeder Wieder-Auseinandersetzung mit einem Text lerne ich weiter. Und nehme ich andere in mein Lesen mit hinein, wird es erst richtig interessant, weil sie durch ihre Vorprägung, ihre Lebenssituation oder auch ihr Alter stets noch einmal anderes hören. Dank derer, die ihre Gedanken preisgeben, darf ich für mich lernen – das ist wertvoll.

Beim Prediger Kohelet heißt es im dritten Kapitel (Koh 3,1):
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“
Das ist wahr, sogar dann, wenn es um einen einzelnen Menschen oder einzelne Dinge geht. Zumindest ist es dann wahr, solange ich selbst zur Veränderung bereit bleibe.

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  Schöne Ferien & gesegnete Langeweile!

Schöne Ferien & gesegnete Langeweile!

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 03.07.2019

Ferien, endlich Ferien! Mit diesem Gefühl werden heute die meisten Schülerinnen und Schüler nach Hause gegangen sein. Und dazu wahrscheinlich auch mit Vorfreude auf das, was sie für ihre Ferien geplant haben: Urlaube oder Besuche, FiBS oder Zeltlager, Chorfreizeit und anderes mehr. Es gibt heutzutage viele Möglichkeiten, die schulfreie Zeit angenehm und sinnvoll zu vertreiben. … doch gleichzeitig:

Gestern habe ich mit meinen Konfis ein Fragespiel gespielt und eine der Fragen lautete: „Welche Vorteile bringt die Langeweile?“. Und siehe, die Jugendlichen hatten tatsächlich bereits an sich selbst beobachten können, dass auch Langweile in die Aktivität führt. Eine meinte z.B., dass sie Aufräumen zwar weniger als gar nicht leiden könne, die Langeweile sie aber hin und wieder dazu treibe, und sie dann im Nachhinein sehr zufrieden mit sich sei. Eine andere sagte, dass ihr mit der Langweile oft Ideen kämen. Und eine dritte, dass sie in Phasen der Langeweile oft zu zeichnen oder zu schreiben beginne. Die Langeweile scheint also geradezu eine Quelle der Kreativität und Produktivität zu sein.

Das mag daran liegen, dass Langeweile etwas anderes ist als erschöpfte Ruhepause. Sie hat mehr von der guten alten Muße: Die Seele, die sich langweilt, hat Zeit und Raum und auch Kraft, um sich zu entfalten. Langeweile ist so etwas wie die Phase vor dem Aufbruch. Es kribbelt in Fingern und Füßen, weil man irgendwie den Eindruck hat, dass jetzt doch etwas kommen könnte.

Bei aller Möglichkeit zur Ablenkung und Beschäftigung, wünsche ich unseren Schülerinnen und Schülern deshalb für diesen Sommer, dass sie nicht nur spannende und wunderbare Dinge erleben, die sie sich vorgenommen haben, sondern auch ein bisschen Langweile. Eine gelangweilte Leere, die dazu führen möge, dass sie sich am Ende selbst mit irgendetwas überraschen.

Ein biblisch schönes Vorbild dafür scheint mir übrigens der siebente Tag der Schöpfungsgeschichte. Gott hat sechs Tage geschaffen und getan, im wahrsten Sinne des Wortes kreiert, um dann, am siebenten Tag, zu ruhen. Mit diesem Ruhetag unterbricht sich Gott, hält inne vor allem Nächsten. Der Schöpfung folgt die Pause, bevor neu geschaffen wird. Am Ende der Schöpfungserzählung heißt es (Gen 1,31- 2,3):

„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.“

In diesem Sinne wünsche ich schöne Ferien, aber auch gesegnete Langeweile!

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   "... damit ihr am Ende lachen könnt"

"... damit ihr am Ende lachen könnt"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.07.2019

„Summertime – an’ the livin’ is easy“, heißt es in einem alten Sommerhit. Und wer derzeit durch die Straßen läuft, dem scheint das ein sehr wahres Wort. Leicht ist es, wenn das Licht hell ist, die Sonne warm scheint und ein leichter Wind über die Haut fährt.

Auch unsere Schülerinnen und Schüler sehen derzeit deutlich entspannter auf ihren Schulwegen aus. Überhaupt – derzeit besteht Schulzeit ja vor allem aus Projekten, Festen, Filmen, Sporttagen oder Spielen. So dürfte Schule wahrscheinlich immer sein….
Und erst dann, wenn das Zeugnis ausgegeben wird, wird so manch einem das sommerliche Herz wieder schwer. Ich erinnere mich noch, dass ich hier irgendwann zu einem der Zeugnistage eine Andacht gehalten habe, in der ich von einem Jungen berichtete, der sich mit seinem Zeugnis nicht nach Hause wagte. So setzte er sich in den nächstbesten Zug und reiste gen Süden. Viele, viele Kilometer später erst wurde er entdeckt und dann durch fast ganz Deutschland wieder nach Hause gebracht. Das für mich damals Eindrücklichste war, dass er mit seinen Noten in Wahrheit überdurch-schnittlich gut gewesen ist. Damals habe ich mich gefragt, unter welch ungesunden Druck wir uns und unsere Kinder so manches Mal setzen. Was aber tun, wenn es passiert? Wenn die Enttäuschung in mir selbst groß ist, ganz gleich, was andere denken mögen.

Nun, dieser Tage läuft die Frauenweltmeisterschaft. Auch da gilt ja: Wer hier mitspielen und in Frankreich dabei sein darf, hat in Wahrheit schon gewonnen. Denn die Teilnahme belegt, dass eine Frau eine super Fußballspielerin ist. Für die Brasilianerin Marta Vieira da Silva gilt das erst recht: sie ist mit ihren 34 Jahren schon lange dabei und gilt derzeit als die vielleicht beste Fußballerin der Welt. Sie hat eine Olympia-Gold-Medaille zu Hause, ist schon sechs Mal zur Weltfußballerin des Jahres gekürt worden – allein: Weltmeisterin war sie noch nie. Und nun sind sie und ihr Team gegen Frankreich ausgeschieden. Das schmerzt ungemein. Dennoch sagte sie im Interview danach: „Weint am Anfang, damit ihr am Ende lachen könnt.“ – Das ist schön gesagt! Denn es geht nicht über Empfindungen hinweg, die ehrlicherweise da sind. Mit solch einem Satz zeigt die Frau sich unverstellt und ohne Schutzmauer. Und das kann sie, weil sie weiß, dass Tränen nicht das Ende sind.

Wer traurig ist, muss weinen. Ja. Das stimmt in aller Trauerarbeit. Wer Tränen nicht weinen will, dem fallen sie später und oft in veränderter Form auf die Füße. Und das wird schwerer sein, als die Trauer des Augenblicks zuzulassen. Wer weint, stellt sich. Das ist der erste Schritt zum Neuanfang. Denn in den Tränen werden Ent-Täuschung und Einsicht, Abschließendes und sich Neuem Öffnendes gleichermaßen liegen. Tränen, die man sich selbst gestattet, kräftigen – und am Ende werden sie aufhören.

„Weint am Anfang, damit ihr am Ende lachen könnt.“, rät Marta.
Und der 126. Psalm sagt (Ps 126. 5): „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“
Wer kann schon wissen, woher Marta ihre Weisheit hat ;)

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  Wer sich nach Bremen aufmacht ...

Wer sich nach Bremen aufmacht ...

Pfarrer Peter Kapp - 01.07.2019

Wer sich nach Bremen aufmacht, kann sich ihnen kaum entziehen: den Bremer Stadtmusikanten. In diesem Jahr geht das noch weniger, weil sie nämlich Geburtstag feiern: den 200. Die Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm, haben im Jahr 1819 dieses Märchen in ihre Sammlung der Kinder- und Hausmärchen aufgenommen. Seitdem wird erzählt von vier besonderen Tieren auf ihrem Weg in ein neues Leben.
Wie wir wissen, sind sie nie in Bremen angekommen. Dass es überhaupt eine Ortsangabe gibt, ist ungewöhnlich, denn Märchen wollen ja gerade eben bewusst ortsunabhängige Wahrheiten vermitteln. Was eigentlich will das Märchen von den vier Tieren sagen, die alle altersschwach geworden sind, denen allen die Ausmusterung oder gar der Tod droht, für die es kein „Weiter so!“ geben kann auf dem jeweils heimatlichen Hof. Sie alle lassen jedenfalls aktiv bestehende Verhältnisse hinter sich, und sie verbünden sich auf dem Weg in neue Zukunft mit denen, denen es ähnlich geht. Und als sie in der Nacht das Räuberhaus sehen, da bilden sie die berühmte Tierpyramide, stürzen mit Getöse durchs Fenster und vertreiben die Räuber. Gemeinsam sind sie stark. Das Leben kann eine unerwartete Wendung nehmen.
Man hat die Vier auch schon mal als aktive Rentner in einer besonderen Form von Alters-WG bezeichnet. In jedem Fall: diese vier Tiere geben sich angesichts widriger Umstände nicht einfach geschlagen. Sie wagen den Aufbruch, sie wollen noch was entdecken, sie lassen sich nicht entmutigen, und sie riskieren die neue Verbindung untereinander.
Ja, es gibt ein paar Schnittmengen zu dem, was wir als innerstädtische Kirchengemeinden heute erleben. Wir sind zur Gemeinschaft genötigt. Allein geht es nicht mehr. Wir sollen und wir wollen uns auf neues Miteinander einlassen. Pfarramt Braunschweig-Mitte heißt das Neue, das es seit heute auch rechtssicher gibt. Kein Pfarramt Andreas mehr, kein Pfarramt Katharinen, Petri, Magni, Brüdern und auch St. Blasii hier als Dompfarramt. Nur noch Braunschweig-Mitte. Die Pfarrerinnen und Pfarrer kriegen neue Urkunden, weil wir eine gute Ordnung haben in unserer Kirche. Und sonst?
Da ist mindestens eine erste Antwort: mal sehen! Mal sehen, was wir miteinander hinkriegen und schaffen. Mal sehen, wie der neue Blick auf Schwestern und Brüder in der Nachbarschaft eigenes Denken verändern wird. Mal sehen, wie tröstlich es vielleicht auch ist, dass bei allen kommenden Fragen ich andere zur Seite habe, die auch Pfarrerin oder Pfarrer sind wie ich und die Verantwortung im selben Bereich haben. Gestaltungsraum. Wir wollen ja Evangelium verkündigen und miteinander Kirche sein in der Mitte dieser Stadt. Wir dürfen gemeinsam ausbreiten, was uns anvertraut ist. Bei allen Veränderungen in den Strukturen: der Auftrag bleibt ja bestehen. Die Botschaft bleibt, die wir nicht gemacht haben, sondern die uns allen anvertraut ist. In diesem Sinn vertrauen wir neuen Wegen.

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  Was für ein Vertrauen III

Was für ein Vertrauen III

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.06.2019

Kirchentagsnachlese, die dritte.
Kirchentag ist ein eine Massenveranstaltung in jeder Hinsicht. Das merkt man, wenn ein ganzes Stadtbild auf einmal geprägt ist von Kirchentagsbannern und –plakaten, von Menschen mit dem jeweils aktuellen Kirchentagsschal und auch, wenn die U- und S-Bahnen so hoffnungslos überfüllt sind, dass man schon auf dem Bahnhofsplatz in Schlangen einsortiert wird. Und man merkt es immer dann, wenn sich die Vielen ihrer kräftigen Stimme als große Bewegung unserer Zivilgesellschaft bewusst werden und sie nutzen zugunsten derer, die ein Sprachrohr brauchen.
Gestern vor einer Woche füllte sich mittags um zwei die Westfalenhalle außerhalb des regulären Programms. Grund war die akute Not (wie gesagt, vor einer Woche!!!) auf der Sea Watch 3, einem deutschen Seenotrettungsschiff, das noch immer vor Lampedusa liegt. Die Kapitänin hatte nicht zum Kirchentag kommen können. Sie teilt das Schicksal der Flüchtlinge und Besatzung, die nicht an Land dürfen. Wären wir hier in der Lage, vier Dimensionen an sinnlicher Wahrnehmung zu spielen, wie das manche Kinos inzwischen machen, dann würde ich ihnen jetzt nicht ersparen, was es allein für die Nase bedeutet, wenn Menschen, die tagelang in einem überfüllten Schlauchboot ohne sanitäre Anlagen beieinander waren…
Aber es kam Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo. Ein beeindruckender Mann. Ihm ist es gelungen ist, der Mafia in Palermo die Macht abzunehmen und das zu überleben. Es scheint, als hätte ihn dieser Gang durchs Feuer eine neue andere Klarheit gegeben. Von ihm stamm die Charta von Palermo aus dem Jahr 2015. Darin erklärt er seine Haltung zur Asylfrage, den Aufenthaltsrechten. Er sagt: „Wir können heute nicht sagen, dass Palermo die Rechte von Migranten respektiert. Denn wir haben in Palermo keine Migranten. Wenn Sie fragen, wie viele Migranten in Palermo sind, dann antworte ich nicht 100.000 oder 120.000, sondern keine. Wer in Palermo ist, ist Palermitaner. … Ich mache keinen Unterschied zwischen Menschen die in Palermo sind und die in Palermo leben.“
Die Charta hat Früchte getragen. Inzwischen gibt es die Initiative „Seebrücke“- Städte erklären sich zum sicheren Hafen für Flüchtlinge (64 sind es aktuell in Deutschland – Braunschweig gehört dazu). Sie haben sich bereit erklärt, über die Quote hinaus Menschen aufzunehmen, wie die, die jetzt noch immer auf der Sea-Watch 3 warten. Sie folgen dem Appell Leoluca Orlandos, der erinnerte, dass ein geschlossener Hafen kein Hafen, eine geschlossene Stadt keine Stadt ist und mahnte, dass Europa seine Seele und seine Würde angesichts des Sterbens im Mittelmeer verliert…
Längst wird er gehört und unterstützt von Bürgermeisterkollegen überall in Europa. Umso unfasslicher ist es, dass die Menschen vor Lampedusa trotz dieser erklärten Aufnahmebereitschaft verschiedener Kommunen nicht an Land dürfen.
Annette Kurschuss, die leitende Geistliche der westfälischen Kirche ergänzte zu dieser Debatte das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium: „Über das Aussehen des Himmels wisst ihr zu urteilen, über die Zeichen der Zeit aber könnt ihr nicht urteilen? Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen; doch es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Jona. Und er ließ sie stehen und ging davon.“
Jona wurde ins Meer geworfen…

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  Was für ein Vertrauen II

Was für ein Vertrauen II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.06.2019

„Was für ein Vertrauen.“ Fragezeichen, Ausrufezeichen, Punkt. Kirchentaglosungen sind allermeist Bibelzitate, aber eben ohne Zusammenhang. Der stellt sich erst allmählich ein und wird ergänzt durch andere Bibeltexte, die dem großen Thema Schwarzbrot beifügen und manchmal auch ein kleines feines Zuckerstück.
In Dortmund gab es am ersten Tag zur Bibelarbeit Knochenhartes zum Zähneausbeißen. Hiob.
Vielleicht erinnern Sie sich: Hiob war der Bilderbuchfromme, ein gerechter und gottesfürchtiger Mensch, einer, den der Teufel sich ausgesucht hatte, um Gott zu beweisen, dass Hiobs Treue und Änhänglichkeit, sein Gottvertrauen in die Brüche gehen würden, wenn er erstmal richtig schwere Schicksalsschläge erlitte.
Da fragt sich der geneigte Kirchentagsbesucher: DAS soll eine Beispielgeschichte dafür sein, dass wir Vertrauen wagen können? Da wird von einem Gott erzählt, der sich vom Bösen dazu verleiten lässt, einem Unschuldigen Leid zuzufügen und noch mehr, es scheint ein Gott zu sein, der spielt.
Hauptfigur ist scheinbar einer, den nicht die Not beten lehrt, sondern das Glück und der Wohlstand. Eine ganz seltene Sorte Mensch! Meiner Erfahrung nach, wird es hier im Dom voll, suchen Menschen das Gespräch, zünden Gebetskerzen an oder erbitten einen Segen, wenn sie Angst haben und nicht mehr weiter wissen. Dann braucht es Gottvertrauen. Aber doch nicht, wenn alles prima läuft…
Die heile Welt des Hiob bricht jedenfalls zusammen. Der Test läuft mit voller Härte. Seine Frau beschwört ihn, endlich von diesem Gott abzulassen.
Und Hiob? Hiob vertraut.
Woher hat er solches Vertrauen?
Vielleicht weiß ausgerechnet er, dass es töricht ist, zu glauben, dass Gottes Segen sich als Reichtum und Wohlstand zeigt, als ob wir reichen Weißen die besseren Menschen wären. Vielleicht weiß ausgerecht er, dass mancher Namenlose, der schwer an seinem Geschick trägt mehr Würde besitzt als die mächtigen Showmaster dieser Welt. Vielleicht weiß ausgerechnet er, dass wenn er den Teufel gewinnen lassen würde, das Böse den Ton angibt. Vielleicht weiß er auch, dass Vertrauen keine Versicherung ist, keine Gewissheit, sondern etwas, dass wir schenken und geben müssen, ehe wir sehen, ob e sich lohnt.
Oder ist es eine Geschichte, die davon erzählt, dass Gott uns vertraut? Dass er sich darauf verlässt, dass die Gier uns nicht das Hirn zerfrisst, dass wir wirkliche Menschen bleiben? Was für ein Vertrauen!

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  Was für ein Vertrauen I

Was für ein Vertrauen I

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.06.2019

Ich will noch ein bisschen erzählen vom Kirchentag in Dortmund, damit sich zwischen all den Kennzahlen und Prognosen, die der verfassten Kirche in Deutschland mühselige Zeiten vorhersagen, zwischen Hitzewellen, Wassermangel, Aufrüstung des Weltraums und Flüchtlingsnot, nicht Hoffnungslosigkeit breitmacht. Zwei, die den Kirchentag geprägt haben, Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky sagten schon vor Jahren: „Wir müssen einen Zwiespalt in unsere eigene Hoffnungslosigkeit säen. Sich selber zu zementieren in den Unglücksrezitativen, das ist die Sprache des Unglaubens.“ Oder noch schärfer: „Ich kann ja sowieso nichts machen, ist einer der atheistischsten Sätze der Gegenwart…“
Dem muss man Glaubenszuversicht entgegensetzen, Zukunftshoffnung, Vertrauen. Nicht blind, sondern gegründet.
„Was für ein Vertrauen“ –war deshalb Kirchentagslosung aus dem 2. Buch der Könige. Man hört ein Ausrufungszeichen. Aber wie immer lohnt es, einen Blick in die Bibel zu werfen (darum beginnt auch jeder Morgen auf dem Kirchentag mit einer Bibelarbeit), denn das Motto ist nur ein halber Vers. Eigentlich ist es eine Frage, die ein Fremder, ein Mächtiger, dem König Jerusalems stellt: „Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast?“
Ja, was ist das für ein Vertrauen?
1983 gab es einen Kirchentag in Dresden. Ich erinnere mich, dass sich mein Vater am Wettbewerb für das Kirchentagsplakat beteiligte. Auf seinem Vorschlag gab es eine große Wasserfläche, auf der etliche Sucher, Fernrohre von U-Booten, zu sehen waren. Militärisches Gelände also. Und zwischendrin ein Taucher, der auftauchte, um sich umzusehen, unbewaffnet und ungeschützt. Ein Mensch, der nichts anders kann, als aufzutauchen, sich umzusehen, Luft zu holen. Das Motto damals hieß: „Vertrauen wagen, damit wir leben können.“
Eine Bildidee, zu politisch, um einzuladen und zu feiern, erst recht, um die Genehmigung des DDR-Staates zu bekommen. Das Dortmunder Plakat zeigte einen Menschen, der sich von Luftballons in die Höhe tragen lässt…
Beim Eröffnungsgottesdienst war es jedenfalls, als verbinden sich alle diese Vertrauenssätze, denn er fand auf einer der großen mehrspurigen Kreuzungen der Stadt Dortmund statt, „dort, wo man sonst Gefahr läuft, unter die Räder zu kommen.“ Weil das große Verkehrsknotenpunkte so an sich haben, war es auch ein Ort ohne Bäume – man musste also auch mit Blick auf die Länge der Veranstaltung Vertrauen wagen, damit man keinen Hitzschlag kriegte…
„Was für ein Vertrauen ist das…?“ Eine erste Antwort kann aus dem 27. Psalm kommen: „Ich glaube aber doch, das ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“ Ich glaube aber doch, dass Gott sich zeigt und uns Wege zeigt, die leben helfen und ins Leben führen, dass lebendiges Wasser umsonst fließen wird. Und man wird doch irgendwas machen können, egal, wo es brennt, oder?

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  Pressesprecher

Pressesprecher

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2019

Dimitri Peskow arbeitet für Herrn Putin, bei Präsident Trump wechseln die Amtsinhaber öfter mal, Theresa May hat gar keinen richtigen und Steffen Seibert macht seit 2010 den Job für unsere Bundesregierung. Ich rede von Pressesprechern. Sie müssen das, was sich ihre Cheffinnen und Chefs ausgedacht haben, verkaufen und es auch bei nicht so tollen Inhalten irgendwie positiv rüberbringen. Sie müssen auf kritische Rückfragen vorbereitet sein, sich gut auch in Details auskennen und loyal sein, auch wenn das, was zu verkünden ist, so gar nicht ihrer eigenen Meinung entspricht.
Hätten Sie Interesse daran, so eine Position als Pressesprecher zu übernehmen? Manchmal wird man ja auch vor vollendete Tatsachen gestellt und man bekommt ein Amt, ohne dass man sich dafür in besonderer Weise beworben hätte. Das Bibelwort für diese Woche hat Jesus an seine Jünger gerichtet. Er sagte zu ihnen: „Wer euch hört, der hört mich.“ Man könnte nun auf die Idee kommen, zu meinen, dass uns das nichts anginge, weil Jesus ja seine Jünger angesprochen hat. Doch so leicht können wir es uns nicht machen, denn seine Jünger stehen stellvertretend für uns alle, die wir uns zu Jesus Christus bekennen.
Und damit sind wir drin in der Nummer, damit hat uns Jesus höchstpersönlich zu seinen Pressesprechern gemacht, einfach mal so und ohne, dass wir ihn darum gebeten hätten. Das ist eine ganz ordentliche Verantwortung, die er uns übertragen hat, denn schlussendlich sprechen wir in seinem Namen, wenn wir uns unseren Mitmenschen mitteilen. Und nicht nur das: Unterschwellig klingt auch der Auftrag an uns mit, eben genau das zu tun; wir sollen von unserem Glauben und Jesus Christus erzählen, dafür haben wir seine Vollmacht.
Doch das ist ja nun mal wieder dieses heikle Thema: Wir alle wissen, dass es sich über Fußball, das gestrige Fernsehprogramm oder das Wetter wesentlich leichter reden lässt, als über unseren Glauben. Das hat damit zu tun, dass wir unser religiöses Leben gern mal zur Privatsache machen, aber auch damit, dass uns einfach die Übung fehlt. Deswegen müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, denn wir alle, die wir Jesu Auftrag erhalten haben, bilden seine Kirche und diese Institution ist natürlich gleichermaßen in der Pressesprecherrolle, genauso wie wir es sind.
Kirche soll sich äußern. Sie soll von Jesus und vom Evangelium berichten und sie soll es so tun, wie Jesus es getan hätte. Wenn Sie die Bibel lesen, dann werden Sie feststellen, dass Jesus sich niemals in irgendwelchen frommen Plattitüden verloren hat. Er hat sehr konkret und an für seine Zuhörer aktuellen und greifbaren Beispielen aufgezeigt, wo das Evangelium seine Relevanz entfaltet und er hat sich eingemischt, wo Dinge Gottes Willen entgegengelaufen sind. Das ist Auftrag und Aufgabe von Kirche auch heute. Stellung beziehen zu den aktuellen Fragen unserer Zeit, klare Kante zeigen und sagen, welche Position Jesus bezogen hätte – zum Klimawandel, zum drohenden Krieg im mittleren Osten, zu Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus, und, und, und.
Pressesprecherarbeit vom Feinsten. Wer euch hört, der hört mich.

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  Johannes der Täufer

Johannes der Täufer

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.06.2019

Ich will Sie nicht in Panik versetzen, sondern Sie eher dezent vorwarnen, damit es nicht wieder so plötzlich kommt, aber heute in sechs Monaten ist Heiliger Abend. Das Jahr hat fast Halbzeit und zugegebenermaßen fällt es angesichts der Temperaturen draußen wirklich schwer an Advent und Weihnachten zu denken und zum Geschenkekaufen ist ja tatsächlich auch noch Zeit.
Der 24. Juni ist aber nicht nur das Halbjahrespendant zum Heiligen Abend, es gibt auch ein Geburtstagspendant zum 24. Dezember und Jesus Christus und zwar den Geburtstag Johannes des Täufers. Laut dem Evangelisten Lukas war er ein Cousin Jesu, Johannes Mutter, Elisabeth und Jesu Mutter, Maria, sollen Cousinen gewesen sein. Die historischen Quellen zu Johannes sind überschaubar. Der Geschichtsschreiber Flavius Josephus schreibt über ihn, allerdings weniger detailliert, als es die Bibel tut. Johannes hat, wie dort berichtet wird, die Menschen zur Umkehr aufgerufen und sie angehalten, sich taufen zu lassen. In der Taufe sah er die letzte und einzige Möglichkeit, gerettet zu werden. Johannes wird als ziemlich ruppige Persönlichkeit geschildert. Er soll sich in Felle gekleidet und von Heuschrecken und wildem Honig ernährt haben. Und auch in seiner Wortwahl war er nicht zimperlich: Seine Predigtzuhörer mussten sich schon mal als Schlangenbrut und Otterngezücht beschimpfen lassen – da haben Sie es heute deutlich besser.
Sein prominentester Täufling war ohne Zweifel Jesus von Nazareth. Bemerkenswert ist, dass Johannes Jesu Erscheinen bereits im Vorfeld angekündigt hatte: „Nach mir wird einer kommen, der größer ist als ich und der wird euch mit dem Heiligen Geist taufen“, hatte Johannes prophezeit. Und so kam es dann auch: Jesus erscheint am Jordan und lässt sich von Johannes taufen, wobei dieser es zunächst ablehnt, weil er sich dafür als nicht würdig erachtet. „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde und du kommst zu mir?“, wendet er ein, da ihm klar wird, dass es Gottes Sohn ist, der da vor ihm steht.
Johannes endet tragisch. Er wird von König Herodes gefangengenommen und auf Wunsch von dessen Tochter Salome enthauptet; sie hatte den Kopf des Täufers als Preis gefordert, um für ihren Vater Herodes zu tanzen.
Johannes der Täufer ist einer der Patrone unseres Doms – oben im hohen Chor steht seine Staue. Er gilt als Wegbereiter Jesu Christi und die enge Beziehung zwischen diesen beiden Personen wird auch durch ihre „gegenüberliegenden“ Geburtstage zum Ausdruck gebracht, der 24. Juni und der 24. Dezember. Mich beeindruckt Johannes, weil er kein Blatt vor den Mund genommen hat, weil die Dinge beim Namen nannte und das auch dann, wenn es für seine Zuhörerschaft unangenehm war. Irgendwie hat er damit schon ungewollt eine Art protestantischer Tradition begründet. Und sich daran ein Beispiel zu nehmen, klare Kante zu zeigen und nichts schön zu reden, tut unserer Kirche insgesamt ganz sicher gut – nicht nur am Johannestag.

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  Spiegelbild

Spiegelbild

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.06.2019

„Es gab in Indien einen Tempel mit tausend Spiegeln. Er lag hoch oben auf einem Berg, und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages kam ein Hund in diesen Tempel. Als er in den Saal der tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne. Voller Panik rannte der Hund davon und glaubte von nun an, dass die ganze Welt aus knurrenden, gefährlichen und bedrohlichen Hunden bestehe. / Einige Zeit Später kam ein anderer Hund. Auch er betrat den Tempel. Als er in den Saal kam, sah auch er tausend andere Hunde. Er aber freute sich. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich hin und her und forderte die Hunde zum Spielen auf. Und er sah tausend Hunde, die ihm schwanzwedelnd entgegen sprangen. Dieser Hund verließ den Tempel mit der Überzeugung, dass die ganze Welt aus netten, freundlichen Hunden bestehe, die ihm wohlgesonnen sind.“
(Quelle: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, 2017)

Eine hübsche kleine Erzählung, die daran erinnert, dass unsere Einstellung zur Mitwelt ganz stark von dem abhängt, wie wir selbst sind – und mit welchen Vorprägungen wir durch die Welt laufen. Gleichzeitig wäre es doch spannend, zu fragen, wie es diesen beiden Hunden jeweils im Nachhinein auf den Straßen und in den Gassen ergeht:
Wie prägt die eigene Geprägtheit das Sein in der Gegenwart und Zukunft?

Nun gerade durfte ich mir wieder von einem Menschen erzählen lassen, der gegenüber anderen Menschen grundpositiv eingestellt war. Er hielt Kontakte und pflegte Freundschaften, half gerne und selbstverständlich, übernahm Verantwortung und war überhaupt ein Kümmerer. Und wie ein Spiegel kehrt das, was er für andere tat, nun zu seinem Haus zurück. Gelingendes Miteinander schafft nicht nur Wohlgefühl, sondern auch Verbindlichkeit. Es gibt ein Grundvertrauen ins Leben und setzt praktische Hilfe frei, wenn sie notwendig ist. Dabei ist es wichtig, die eigenen Grenzen und die der anderen zu wahren. Nur wer Raum hat, kann sich wirklich binden.

Im Matthäusevangelium heißt es: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12)

... ein gutes Gebot, von dem her derzeit vieles auf der Welt noch einmal neu bedenkenswert wäre…

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  Freiheit

Freiheit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 21.06.2019

„Freiheit, das ist das einzige, was zählt.“, sang Marius Müller-Westernhagen 1987 und traf damit den Zeitgeist. Freiheit ist in den letzten Jahren zu einem Idealbegriff geworden. Dabei geht es um einen Freiheitsbegriff, der Freiheit als Freiheit zur Selbstverwirklichung definiert. Aber ist das so?

Die Erkenntnis, dass allzu enge gesellschaftliche Vorstellungen unfrei machen, ist gewiss richtig. Und auch Religionen nehmen Freiheit, die in ihrer Ethik moralin werden und / oder die vergessen, dass all unsere Redeversuche von Gott „just human“, eben menschlich sind - und die eine schräge Form der Autorität beanspruchen.

Aber noch einmal: Liegt in dem, was wir heute Freiheit nennen, wirklich Freiheit?

Mit unseren Kindern sprechen wir hier und da über das, was „geht“: Handys, Tablets, Spielekonsolen, T-Shirts, Schuhmarken, Sportklamotten, Urlaubsziele und überhaupt: Anzahl der Urlaubsreisen, ein Instrument oder mehre, eine Sportart oder wie viele, Chor, Haustiere, Gemüse aus dem eigene Anbau, Konzerte, Theater, Musical, Workshops, Straßen-, Schul- und Sportfeste – … Sie können sich denken: all das ist längst keine abschließende Aufzählung. Es ist phantastisch, was Menschen heute alles tun können – und es ist schrecklich, wie sehr das, was geht, treibt. Wo ist hier Freiheit zu finden? Oder wird man nicht vielleicht umgekehrt durch die Vielzahl der Angebote sogar dazu gezwungen, Teil einer Maschinerie – und damit höchst unfrei zu sein? Inwieweit also gebiert die Möglichkeit zur freien Selbstverwirklichung am Ende selbst neuen Zwang?
Das Sprichwort meint: Weniger ist mehr.

Und auch ich vermute, dass wir unseren Freiheitsbegriff dringend überdenken sollten.

Bei Westernhagen hieß es zur Alternative: „Alle, die von Freiheit träumen, sollten ’s Feiern nicht versäumen, sollten tanzen auch auf Gräbern. Freiheit. Freiheit.“ Tanzen auch auf Gräbern…. Das ist eine gute Spur. Denn dem Tod trotzt nur ins Gesicht, wer innerlich frei ist. Es ist eine Freiheit, die sich von Selbstverwirklichung unterscheidet, insofern sie nichts anderes braucht, als dass ein Mensch ganz bei sich selbst ankommt. Frei ist, wer gelassen, vertrauensvoll und fröhlich seiner Wege ziehen und dabei offenen Auges und Herzens für die Mitmenschen da sein und es dazu noch gut mit sich selbst aushalten kann. Diese Freiheit meint Zufriedenheit. Und die kann und darf, Gott sei Dank, nicht nur ganz unterschiedlich aussehen, sondern sich auch unabhängig machen von allem Mainstream.

Und so lautet meine Vermutung, dass wir innere Freiheit gerade da erlangen, wo wir uns nicht permanent selbst neu erfinden müssen, sondern wo ein guter Rahmen für das eigene Handeln steht. Mir ist meine Religion da lieb. Denn sie engt nicht, sondern verheißt:

„Der HERR ist Geist; wo aber der Geist des HERRN weht, da ist Freiheit.“ (2. Kor 3,17)

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  Gedenktag

Gedenktag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.06.2019

Fünf Jahre ist es her, dass der Bundestag parallel zum Weltflüchtlingstag einen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung einrichtete. Und ausgerechnet am 20. Juni 2015 wurde dieser Gedenktag zum ersten Mal begangen. Ausgerechnet sage ich, weil ab dem Herbst 2015 ja viele Menschen zu uns nach Deutschland kamen, die ihre Heimat aus ganz verschiedenen Gründen, vor allem aber als Flüchtlinge des Krieges, verlassen hatten.

Unser deutscher Gedenktag bezieht sich allerdings nicht auf die, die bei uns nach Hilfe suchen, sondern erinnert als historischer Gedenktag an jene, die zwischen 1945 und 1950 ihre Heimat verlassen mussten, weil diese Heimat nach dem Krieg eben nicht mehr zu Deutschland gehörte. Auch Menschen meiner Familie gehörten zu jenen, die damals in Viehwaggons von Ost nach West transportiert worden sind. Meist aber höre ich mehr von der Zeit, als sie in jener Wohnung angekommen waren, in der Menschen sie willkommen geheißen hatten. Und dieses Zimmerchen war wahrlich nicht das erste in der neuen Heimat. Frage ich nach der Zwischenzeit, dann höre ich: „Ach, das war schrecklich.“ Nicht viel mehr, es sei denn, ich bohre....

Angesichts der aktuellen Tagespolitik frage ich mich, wie lernfähig oder lernwillig wir eigentlich sind. So viele Menschen haben damals am eigenen Leib erfahren, wie hässlich es ist, wenn die eigene Heimat verlassen werden muss, und wie wichtig es ist, wenn da, wo man ankommt, Menschen freundlich begegnen. Auch wenn die Gründe damals andere gewesen sein mögen als heute, ist das, was widerfährt, doch ähnlich. Zuerst das Leben in einem größeren Lager, verbunden mit der Unsicherheit, wo man irgendwann bleiben darf, die Zuteilung in bestimmte Landstriche und dann der Versuch, sich ein Leben aufzubauen, das irgendwie normal ist.

Schon damals war das kompliziert. Und das, obwohl viele kulturelle Grundlagen übereinstimmten. Heute hat deshalb auch so manch einer Angst, dass die Situation derart vielschichtig geworden sei, dass Integration grundsätzlich nicht möglich wäre. Und so entscheiden viele dieser Menschen sich, nicht freundlich zu sein. Sie lassen spüren, dass die, die neue Heimat suchen, nicht willkommen sind. Stattdessen stellen sie die schwarzen Schafe, die Probleme, die Gräben in den Vordergrund.

In einem Gesangbuchlied heißt es: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt, sich regen, weil Leben wandern heißt. Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmelstand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.“

Menschen waren schon immer in Bewegung. Nicht nur Abraham, auf den das Lied sich ja bezieht. Und sie sind noch heute in Bewegung. Die Geschichte lehrt: da, wo sie miteinander und nicht gegeneinander leben, wo sie gemeinsam ein Neues zu schaffen versuchen, da entsteht am Ende für alle das größte Gelingen.

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  Perspektiven

Perspektiven

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.06.2019

„Tischgebet. Ein christlicher Missionar wandert tapfer durch die Wüste, als eine hungrige Löwenfamilie brüllend auf ihn zuspringt. Der fromme Mann kniet nieder, schließt die Augen und betet: ‚Lieber Gott, lass diese Löwen friedlich und fromm werden!‘ Ringsum Stille. Als er vorsichtig die Augen öffnet, knien die Löwen im Sand, die Pranken gefaltet und beten: ‚Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast ….‘“

Ob es nun besser ist, mit Tischgebet gefressen zu werden als ohne, wer weiß. Sicher dürfte aber sein, dass der Missionar sich von seinem Gebet anderes erwartet hatte.

In unserer heutigen Tageslosung heißt es (Ps 115,13):
„Der HERR segnet, die ihn fürchten, die Kleinen und die Großen.“

Vermutlich wird, wer Gott fürchtet, also wer auf Gott vertraut, darauf hoffen, dass ihm kein einziges Unglück widerfährt. Das wäre ja auch schön. Dies oder jenes tun und dann von göttlicher Instanz aus versichert sein, dass mir kein Leid begegnet. Allein… so läuft es nicht. Jedem Menschen widerfahren Unglücke im Laufe seines Lebens. Aber - nicht immer, doch nicht selten – sind Glück und Unglück Frage der Perspektive. Natürlich gibt es Unglücke, die aus jeder Perspektive Unglück bleiben. Wie jener Unfall, bei dem auf der Klassenfahrt ein Zehnjähriger den Tod fand. Da hadert man auch unbekannt auf Seiten der Eltern mit Gott; und weiß doch, dass unsere Wirklichkeit auf Erden leider eine unerlöste ist.

Daneben gibt es aber jene anderen Unglücke: Da fällt z.B. einer die Treppe zuerst hoch und dann wieder runter – und am Ende hat er einen gebrochenen Knöchel. Da sind weder Hals noch Rücken gebrochen, da ist keine Gehirnerschütterung noch anderes Schlimmes geschehen. War das nun ein Unglück, weil er gestolpert ist, oder Glück, weil nicht mehr passiert ist? Oder da ist der junge Mann, der sich ein schnelles Auto geleistet hat. Natürlich darf man auf den Bundesstraßen nur 100 fahren, aber – es macht doch Spaß…. Das Auto kommt von der Straße ab, rammt gegen einen Baum und gleicht einem Viereck. Der junge Mann jedoch steigt aus – und ist mit nicht mehr als ein paar Kratzern davon gekommen.

Vermutlich kennen wir alle Erzählungen dieser Art aus unseren Familien- und Bekanntenkreisen, vielleicht auch aus unserem eigenen Leben. Doch auch wenn nun Glück und Unglück im jeweils konkreten Fall Perspektivfragen sind, wo bleibt der verheißene Segen? Nun, vermutlich in der Einsicht, die Dinge lieber von ihrer guten als ihrer schlechten Seite zu betrachten, und in der Weitsicht, dass gesegnet ist, wer noch in den schlechten Zeiten daran glaubt, dass ihm jene Kraft zuwachsen wird, die er in Krisenzeiten braucht, und der Glaube daran, dass am Ende das Gute alles Böse überwindet.

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  Worte in deinem Mund

Worte in deinem Mund

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 18.06.2019

Woran hängt eigentlich das, was wir von und über eine Religion sagen können? Ganz allgemein gesprochen werden Judentum, Christentum und Islam als Schriftreligionen bezeichnet. Aber wie ist das mit „der“ Schrift? Da haben wir unser Buch, das auch vorne auf dem Altar liegt, und müssen uns wohl selbst die Frage stellen (Apg 8,30): „Verstehst du auch, was du da liest?“ Was bedeutet es, wenn in der Schrift dies oder jenes steht? Oder konkreter: Welche Konsequenzen sollten die einzelne Sätze für das eigene Tun und Lassen haben?

Als jemand, zu deren Ausbildung die Auslegung der Schrift anhand der hebräischen und griechischen Originaltexte gehörte, empfinde ich es oft als seltsam, wenn Menschen autoritär darauf pochen, dass etwas genauso geschrieben stehe. Denn nichts steht einfach so geschrieben. Schon zum Erstverständnis braucht es ein wenig Wissen um die historischen Kontexte der jeweiligen biblischen Schriften und viel Aufmerksamkeit beim Forschen in Wörterbüchern und Konkordanzen.

Was aber ist dann „christlich“, wenn es nicht das Wortwörtliche der Bibel sein kann? Nun, die Heilige Schrift gibt einen guten und festen Rahmen dessen vor, wie Gott sich eine lebendige und Leben wirkende Existenz für uns Menschen denkt, oder um es mit dem Propheten Micha zu sagen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.“ (Micha 6,8)

Dieser Rahmen ist nicht besonders flexibel; nur deshalb hatte er auch über die Jahrtausende hinweg immer wieder die Kraft, Irrwege einzelner Prediger oder der Kirche insgesamt zu entlarven. Dabei geht es um das Credo, dass wir Menschen auf Erden friedlich und achtsam beieinander wohnen sollen. Schade eigentlich, dass so viele von uns Menschen diese beiden Grundsätze nur so ungern hören.

Wer auf Gott ausgerichtet lebt, wer ernsthaft nach seinem Willen sucht, der muss jedoch innerhalb des unflexiblen Rahmens flexibel bleiben. Das lässt sich im Handeln Jesu immer wieder erkennen. Und der Theologe Friedrich Schleiermacher formuliert in seinen Reden ganz zu Recht: „Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.“

Einer angemessenen Gottesrede geht es um das, was aus dem Herzen fließt und nie um das blinde Einhalten geschriebener Sätze. „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ Spricht Gott, der HERR, im Buch des Propheten Ezechiel (Hes 36,26f.). Und die Tageslosung besagt: „Der HERR sprach zu Jeremia: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jer 1,9)

Gotteswort kommt in Menschenworten zu uns. Nicht anders. Und das große Ziel lautet: so gut es geht, aus dem Geist Gottes zu leben nach dem Vorbild dessen, was uns gesagt ist.

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  17. Juni

17. Juni

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.06.2019

Wenn Menschen permanent Unrecht widerfährt, dann begehren sie irgendwann auf. Wenn Menschen ausgebeutet werden und man ihnen vorgaukelt, es sei eine Wohltat für sie, wenn man Menschen also für dumm verkaufen will, dann löst das Widerstand aus. Diese Erfahrungen mussten auch die Machthaber der DDR im Juni 1953 machen. Das Land stand kurz vor dem Bankrott, die Ausgaben unter anderem für Rüstung und den Ausbau des Polizeiapparates überstiegen die Einnahmen nachhaltig. Um dem zu begegnen, wurde beschlossen, die Produktivität der volkseigenen Betriebe um 10% zu steigern, was aber nicht funktionieren konnte, da es an so Vielem mangelte, was für diese Produktivitätssteigerung erforderlich gewesen wäre. In der Konsequenz hätte die Erhöhung der Arbeitsnormen zu einer Lohnsenkung geführt, die die Menschen nicht bereit waren, hinzunehmen.
Sie waren nicht bereit, dies hinzunehmen, weil sie auch in anderen Lebensbereichen Einschnitte erleben mussten – insbesondere da, wo es um ihre Freiheit ging. Selbständigen Handwerkern und Bauern wurde die Existenz durch willkürliche Steuererhöhung und die Beschlagnahmung von Maschinen entzogen, kritische Pfarrer wurden inhaftiert und Schüler von den Oberschulen verwiesen, wenn sie sich offen zum christlichen Glauben bekannten.
Einhergehend mit einer echten Versorgungskrise im Frühjahr 1953, die auch durch staatliche Fehlplanung und Misswirtschaft verursacht worden war, führte all dies dazu, dass für viele Menschen, die in der damaligen DDR lebten, das Maß endgültig voll war. Und so kam es am Morgen des 17. Juni 1953 zu landesweiten Streiks, Demonstrationszügen, Besetzungen von öffentlichen Gebäuden, darunter Polizeistationen und Gefängnissen. Doch Widerstand gegen das herrschende Regime und offene Kritik an der diktatorischen Ordnung waren unerwünscht und so wurde der Volksaufstand von Militär und Polizei mit Waffengewalt und mit Unterstützung der Sowjetunion blutig niedergeschlagen. Insgesamt 39 Menschen verloren dabei ihr Leben.
Vergleichbares passiert auf dieser Welt immer und immer wieder. Menschen, die sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen, werden verfolgt und getötet – auch in der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ist der 17. Juni 1953 kein Einzelfall. Und bemerkenswerterweise stört in Diktaturen auch immer die christliche Botschaft. Bei den Nazis, bei den Kommunisten bei den Kims in Nordkorea, bei den totalitären Regimen in Nah- und Fernost, überall ist die Freiheit verkündende frohe Botschaft Jesu Christi den Machthabern ein schmerzender Dorn im Auge. Gut so, möchte ich sagen!
Zumindest muss man den Gegnern des Evangeliums zugestehen, dass sie verstanden haben, worum es geht. Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit, schreibt Paulus. Und wo das so ist und wo Menschen das leben, da haben Diktatur, Unterdrückung und Missachtung der fundamentalen Menschenrechte einfach keinen Platz mehr. Wo Gerechtigkeit und Friede sich küssen, da müssen Knechtschaft und Ausbeutung weichen.
Neben dem Gedenken an die Opfer des Aufstandes ist der 17. Juni auch immer wieder ein Datum, sich der Freiheit-stiftenden Kraft des Evangeliums zu erinnern – in Jesu Namen.

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  Suchet der Stadt Bestes, oder?

Suchet der Stadt Bestes, oder?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.06.2019

Suchet der Stadt Bestes, oder?
Auf den diversen Kanälen beginnt allmählich das Erinnern an die friedliche Revolution in Ostdeutschland vor dreißig Jahren. Es war eine ungeheuer intensive Zeit, die viel schneller als man sich hätte vorstellen können den scheinbar allmächtigen DDR-Staat zum Einsturz brachte.
Den Frühsommer 1989 erlebte ich als eine Art trotzigen Dauerabschied.
Es wurden zunehmend mehr Ausreisen genehmigt. Für die, die dableiben wollten oder mussten oder sich für keins von beiden entscheiden konnten, häufte sich die Gelegenheit, irgendwelches Haushaltgerät zu übernehmen, Trabbis zu erben und Bekannten oder Freunden nachzuwinken, wenn sie in die langersehnte Freiheit aufbrachen…
Abendliche Wege wurden zur Suche nach Lebenszeichen, wenn Fenster dunkel blieben. Und hin und wieder gab es schmerzlich denkwürdige Aktionen: so verschenkte ein Freund seine mühsam zusammengesammelten Schallplatten. Bald könne er ja…
Zwischen all dem gab es schmerzhafte und manchmal auch unversöhnliche Debatten: Gehen oder Bleiben? Gottesdienste mit Wegsegen für die Ausreisewilligen gestalten oder dafür trommeln, dass Gott uns hier an diesen Ort gestellt hat und wir hier versuchen sollten, Dinge zu verändern. War der Sozialismus nicht doch verbesserlich? Wie sollten Jesu Nachfolge, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, stetigem Wachstum und Wohlstand vereinbar sein…?
Und natürlich fand jeder auch ein biblisches Bild zum Grundieren der jeweils eigenen Überzeugung: Mehrheitsfähig war es unter Christenmenschen, die vierzig Jahre Wüstenwanderung der Israeliten nun auf die vierzig Jahre alte DDR zu beziehen: das musste zuende gehen! Aber kommt dann das Land, wo Milch und Honig fließt oder galt: Sag deinen Kindern, dass sie weiterziehen? Gab es hier im Ostteil Deutschlands keine bleibende Statt mehr oder sollten wir grade und genau hier der Stadt Bestes suchen?
Es ist verführerisch, ein Bibelwort zu nutzen, um eine Entscheidung zu begründen und mehr als heikel, wenn es eine zutiefst eigene menschliche Entscheidung ist…
1989 war ein Jahr, in dem man spüren konnte, dass wir an einen Gott glauben, der in der Geschichte mit uns Menschen wirkt und gegenwärtig ist. In der Herrnhuter Tageslosung des 15. Juni 1989 – als noch niemand wusste, wie das alles ausgehen würde und das Blutbad in Peking eben passiert war - hieß es: „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können mir Menschen tun?“




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  Hikimori

Hikimori

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.06.2019

Gestern habe ich hier von Asli Erdogan erzählt, von den Spuren, die Isolationshaft in Leib und Seele hinterlässt. Es sind keine Hämatome und Wunden, dafür aber ein regelrechtes Verkümmern und Vertrocknen…
Heimgekommen habe ich am Abend einen Bericht über die Hikimori gelesen, Japaner – vor allem Männer – die oft jahrelang in selbstgewählter Isolation leben. Über 1,2 Millionen Menschen sind es im Moment, die Dunkelziffer wird erheblich höher sein. Sie brechen den Kontakt zu Außenwelt ab, sprechen nicht, gehen nicht vor die Tür.
Allermeist werden sie von Familienangehörigen versorgt, die die Not ihrer Nächsten verschweigen und still aushalten.
Hikikomori bedeutet so viel wie „sich selbst wegschließen“, freiwillig verkümmern, vertrocknen, vergessen werden.
Aber was heißt schon „freiwillig“? In einer Gesellschaft, in der Lebensläufe normiert, Umwege und Scheitern nicht vorgesehen sind, kann man sich vielleicht nur so entziehen, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Oft sind es hochgebildete, empathische junge Männer, die nicht mehr funktionieren können – und es werden mehr.
Von hier aus kann man nur ahnen, was es für Eltern und Angehörige bedeutet, wenn ein Mensch beschließt, nicht mehr dabei sein zu wollen, wenn er nicht mehr glaubt, dass er für andere ein Segen oder doch wenigstens eine freundliche Begegnung sein kann…
Hinzu kommt, dass seelische Probleme in Japan noch immer tabuisiert werden, wer sie hat wird unberührbar, denn das ist der Sinn eines Tabus: Abstand waren um jeden Preis. Woher soll dann Hilfe kommen???
Im Nachdenken darüber inmitten unserer Gesellschaft, in der die Teilnahme an Therapien und Selbsthilfegruppen Gott sei Dank keine Schande mehr ist, die man geheim halten muss, bleibt die Unruhe:
Auch hier ist der Druck, perfekt auszusehen, körperlich und geistig fit und auf der Höhe der Zeit zu bleiben, aus den vielen Möglichkeiten das Beste, also die steilste Karriere oder das dickste Geld zu mache, riesig. Auch hier zerbrechen Menschen daran – nur eben auf andere Weise.
Umso dringender ist es, nicht zu vergessen, dass es im Matthäusevangelium nicht heißt, „ihr könntet das Salz der Erde und das Licht der Welt sein, wenn Ihr euch richtig Mühe gebt“, sondern „ihr seid“ es, weil wir jetzt „Stückwerk sehen, dann aber Vollkommenheit.“

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  Asli Erdogan

Asli Erdogan

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.06.2019

Im November 2018 hatten wir hier im Dom die in der Türkei angeklagte Journalistin und Schriftstellerin Asli Erdogan zu Gast. Sie wartet in Frankfurt auf ihren Prozess und versucht, dieses Exil zu überstehen, indem sie Worte findet für die Erfahrungen, die man kaum in Worte fassen kann.
Als sie bei uns war, konnte man Spuren ihrer schlimmen Haftzeit nur ahnen: sie konnte nicht laut sprechen. Und sie wollte damals auch gar nicht vom Gefängnis berichten, sondern sich freimachen davon und endlich einmal wieder die Künstlerin sein, die sie doch eigentlich ist.
Dieser Tage nun hat sie im Nachgang der Berichte von Deniz Yücel mit dem Spiegel über Folter gesprochen. Isolationshaft, so sagt sie, hinterlässt keine körperlichen Spuren – deswegen wird sie gerade bei Prominenten eingesetzt – aber, so sagt sie: „Es ist erschreckend, wie schnell man bereits nach wenigen Tagen allein in einer Zelle abbaut. Die Augen werden schlecht. Die Sprache ist stark eingeschränkt. Die Muskeln bilden sich zurück. Alles in dir vertrocknet. So wird deine Persönlichkeit nach und nach gebrochen. Ich habe acht Tage in Isolationshaft erlebt, die waren schlimmer als all die anderen Monate im Gefängnis. … Die Zelle war furchtbar dreckig, fremder Kot überall. Das Bett starr vor Urin. Alles kann da Folter sein. Wenn sie dir das Wasser abstellen. Die Decke nehmen. Das Ausgeliefertsein. Wenn sie kommen und dein einziges Buch, deinen einzigen Brief zerstören...“
Geholfen haben außerhalb der Einzelhaft Mitgefangene, um nicht „die Wahrheit zu vergessen, sich nicht aus Verzweiflung umzubringen…“
Im Fortgang berichtet sie, wie durch gezielte Brutalität eine Gesellschaft verwahrlost und finde Worte für ihr Exil hier unter uns: Es ist „wie dieser Raum, in dem man am Flughafen eingesperrt ist, bevor man in den Flieger darf. Ich sitze seit Ewigkeiten allein am Gate. Ich lebe nicht. … Ich kann nicht mehr nach Hause. Ich kann nichts entscheiden, nur abwarten. Falls sie mich wie so viele andere zu lebenslanger Haft verurteilen, hoffe ich, dass Deutschland mich nicht ausliefert. Im Juli soll angeblich die offizielle Anklage verlesen werden, aber das wird schon seit Jahren immer wieder verschoben. Denn … sie hoffen, dass die Welt mich vergisst. Dann können sie endlich mit mir machen, was sie wollen.“
Deswegen widme ich ihr diese Andacht – gegen das Vergessen.

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  Feuer

Feuer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.06.2019

„Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.“
So heißt es im Sonnengesang des Franz von Assisi.
Bruder Feuer…
Wärmend und beschützend an einem milden Sommerabend, heimatlich im kalten Winter, wegweisend manchmal. Aber so freundlich kommt Feuer nicht immer daher: urplötzlich kann es als Blitz seine gewaltige Vernichtungskraft entfalten oder langsam und unersättlich Wälder und Felder kahl fressen, im Fackelrausch Hirne verdrehen.
Feuer kann eine wunderbare Gabe sein, ein Segen aber eben auch Gefahr und Fluch. So ist es auch, wenn wir Menschen „Feuer und Flamme“ sind. Manchmal sind wir dann erfüllt von einer Kraft und Begeisterung, die uns zur besten Version unserer selbst macht; manchmal sind wir aber auch wie besessen und verzehren uns nach etwas, dass oft nicht nur unser eigenes Leben zum Einsturz bringt.
Leidenschaftliche Liebe kann wie Feuer brennen und ins Gegenteil verkehrt zu glühendem Hass werden. Begeisterung kann die Welt verändern oder blind und hartherzig machen.
Feuer – so hat uns im wörtlichen wie übertragenen Sinne die Erfahrung gelehrt - ist nur dann wohltuend, heilsam, segensreich, wenn wir es beherrschen können. Kein Wunder also, dass der Umgang mit Feuer immer wieder in heiligen Handlungen auftaucht nicht zuletzt hier im Dom, den ein gewaltiger Leuchter ziert. Und erst recht kein Wunder, dass Gott selbst sich im Feuer zeigt: Im Dornbusch, als Feuersäule, als Pfingstflamme.
So ist er unmittelbar und unnahbar zugleich in unserem Leben gegenwärtig, denn wir haben, wie es der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer dieser Tage noch einmal in aller Deutlichkeit sagte, einen aufrichtenden, keinen netten Gott. Nett bedeutet, so Wilmer, „belanglos, nicht herausfordernd, nicht kantig. Wir haben Gott zum Softie gemacht, zum alten Mann, der einem auf die Schulter klopft und sagt. Ist schon gut so, Junge. So einen Gott brauchen wir nicht.“ Genauso wenig wie Feuer, das nicht wärmt, leuchtet, entzündet, Wege weist und uns verbrennt, wenn wir es missbrauchen. Er hatte schon Recht, der alte Heilige, als er betete:
„Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und liebenswürdig UND KRAFTVOLL UND STARK.“

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  „Nur ein Hauch?“

„Nur ein Hauch?“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.06.2019

Noch steht hier im Dom das Reformationsparament von Gerd Winner, Feuersäule und brennender Dornbusch, Flammenzungen, Heiliger Geist. Das alles schwingt mit und ist gerade an Pfingsten eingängig. Dies einmal mehr als Pfingsten von allen kirchlichen Hochfesten wohl dasjenige ist, welches die Fantasie am meisten strapaziert.
Der Deutschlandfunk hat mit einer erstaunlich bekenntnistreuen Sendung am Pfingstmontag Erhellendes hinzugefügt: Es ist eine uralte Überlegung nicht nur unseres Glaubens sich dann und wann zu vergewissern, was es eigentlich bedeutet, dass wir atmen. Denn egal wie Menschen aussehen mögen, ihre Hautfarbe, Haare oder Hinterteile sich unterscheiden, physiologisch und anatomisch sind wir alle gleich.
Und keiner kann leben, ohne zu atmen. Deshalb erzählt die Schöpfung davon, dass Gott den Figuren, die er schuf, den Lebensatem einhauchte und deshalb vergaß man – jedenfalls früher – nicht, dass wir einander zutiefst verbunden sind, weil wir nicht nur alle atmen, sondern einer die Luft einatmet, die der andere ausatmet. Wir teilen den Lebensatem, so wie wir diese Erde und ihre Ressourcen miteinander teilen.
Weitergedacht und von Pfingsten her erfüllt ist es dann ganz naheliegend zu sagen: wir leben aus dem einen Geist, der lebendig unter uns ist, weil wir ihn teilen und der nicht nur dafür sorgt, dass wir einander verstehen – so wie es die Pfingstgeschichte erzählt – sondern uns auch empfindlich macht für die Fragen nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Gottes Lebensatem, sein Heiliger Geist, klärt uns innerlich, er säubert unsere Gedanken, frischt unseren Mut auf, bringt Wahrheit mit sich. Ich denke, solcher Geist war es, der den Papst trieb, zu sagen: „Der Zorn Gottes wird einst gegen die politisch Verantwortlichen der Länder entfesselt, die über Frieden sprechen und Waffen für Kriege verkaufen.“
Über diesem Tag heute heißt es übrigens in der Herrnhuter Losungen aus dem 94. Psalm: „Der Herr kennt die Gedanken der Menschen: Sie sind nur Hauch!“ Ja, so ist es oft. Unsere Gedanken sind nur ein Hauch, zu zart, um irgendwas wirklich weg zu pusten, weil wir uns immer wieder in Zweifeln und Ängsten verlieren, vorsichtig formulieren, zaghaft hoffen …
Darum brauchen wir Gottes Geist, um die wichtigen Fragen unserer Zeit voranzutreiben, denn der kam, das wissen wir seit Pfingsten, über die Menschen wie ein Sturm, nicht nur wie ein Hauch.

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  Pfingsten

Pfingsten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.06.2019

Die Pfingstfesttage stehen vor der Tür – und damit das Fest, von dem wahrscheinlich die wenigsten erklären können, was wir Christen da eigentlich genau feiern. Irgendetwas mit Wind oder Flammen oder einer Taube? Andere werden sich vielleicht noch an ihren Kindergottesdienst erinnern und antworteten, würden sie gefragt, dass zu Pfingsten doch der Geburtstag der Kirche gefeiert werde. Nun, wüssten Sie, worauf Pfingsten zielt?

Wer jetzt schnell bei Wikipedia die Weisheit sucht, der wird als Antwort finden: „Pfingsten (von griechisch πεντηκοστὴ ἡμέρα pentēkostē hēméra, deutsch ‚fünfzigster Tag‘) ist ein christliches Fest. Am 50. Tag der Osterzeit, also 49 Tage nach dem Ostersonntag, wird von den Gläubigen die Entsendung des Heiligen Geistes gefeiert – als Mysterium oder ikonografisch Aussendung des heiligen Geistes oder auch Ausgießung des heiligen Geistes genannt.“

Ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie sich jetzt kein bisschen klüger fühlen, auch wenn das eine sehr ordentliche Antwort ist. Lassen Sie es mich noch einmal so versuchen:

Pfingsten ist das Fest, das uns die größte und tiefste Nähe Gottes verspricht. Gott kommt zu uns, in uns, er macht sich zu einem Teil von uns. Er ist dann nicht mehr ein Gott irgendwo, sondern Gott, dessen Geist ich in mir selbst als treibende und bewegende Kraft spüre. Der Geburtstag der Kirche ist Pfingsten höchstens insofern, als dass Menschen vom Geist her leben und Leben gestalten wollen. Pfingsten ist nicht die Feier eines Vergangenen, sondern eines beständig Werdenden: Das Kommen Gottes zu jeder und jedem von uns als eine Gabe.

Nun mag man mit Nietzsche fragen, warum wir Christen denn dann nicht viel erlöster aussehen… Nun vielleicht, weil viele – auch Christen – diese Gabe gar nicht annehmen mögen. Christian Morgenstern schrieb einmal:

„Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, - prüfen wir uns einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem Möglichen wird unter Umständen mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein Leben lang an deiner Tür vorbei geht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben lang ungerufen daran vorbeigehen; denn seine Bettwärme, wie sein appetitliches Frühstück oder seine Zeitung oder gar seine ‚Pflicht‘ lässt keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen.“

Pfingsten ist das Fest, in dem Gott uns nahe kommt – und näher vielleicht, als es uns lieb ist, weil es bedeutet, dass unser Leben sich durch diesen Geist verändert. Der Zuspruch findet seine Fortsetzung im Anspruch, dem eigenen Leben noch einmal neue Maßstäbe zu setzen. Da lässt so mancher das Lebensbrot lieber vorübergehen, wie Morgenstern schreibt, und findet viele gute Gründe dafür, warum es jetzt, heute oder auch grundsätzlich leider nicht möglich ist, sich auf diesen christlichen Gott einzulassen. Schade eigentlich. Ihnen wünsche ich von Herzen ein gesegnetes, „Geist“-reiches und fröhliches Pfingstfest, das ihr Herz berührt.

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  Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut

Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.06.2019

„Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut,
dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“
(5. Mose 4,9)

Heißt es im fünften Buch Mose. Aber was ist es, das wir gesehen haben und nicht vergessen sollen – und das die Kraft hat, unsere Seele zu bewahren?

Vielleicht ist es das, was die Psychologen Urvertrauen nennen. Das, was wir im besten Falle in den Tagen der Kindheit erlebt haben. Und falls nicht, das, was wir Christen als Gottes Liebe zu uns Menschen aus Gnade allein glauben. Wir nennen es den Segen Gottes, der uns durch die Höhen und Tiefen unseres Lebens begleitet und leitet. Es ist das Vertrauen, das sich in Worten wie dem 23. Psalm ausdrückt, in dem es heißt, dass der Herr unser Hirte ist, der uns zum Reichtum eines Lebens zu führen weiß und auch in dunklen Tagen zu stärken vermag. Es ist das Vertrauen, das sich in alten Abendliedern wie „Der Mond ist aufgegangen“ ausdrückt, wenn es heißt:
„Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“ (482.2)

Das Wissen um dieses Urvertrauen, das unabhängig vom menschlichen Tun bleibt – und vor allem das nicht vom Gelingen menschlichen Tuns abhängt, geht mehr und mehr verloren. Stattdessen laufen und laufen wir unseren Erfolgen nach – und verzweifeln, wo sie ausbleiben. Wir Menschen bestehen mehr und mehr auf unsere Sicht der Dinge. Wir behaupten Wahrheit, obwohl jeder weiß, wie anfällig dieses Wort auf Erden ist. „Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“

Wahrheit gibt’s allein bei Gott; auf Erden gilt es, sie je und je neu zu finden. Wer von der Wahrheit nicht mehr will als die uns Menschen nachvollziehbaren Fakten, der will viel zu wenig. Viel schöner aber formuliert das Hanns Dieter Hüsch in folgendem Gebet:

„Herr / Es gibt Leute die behaupten / Der Sommer käme nicht von dir
Und begründen mit allerlei und vielerlei Tamtam / Und Wissenschaft und Hokuspokus
Daß keine Jahreszeit von dir geschaffen / Und daß ein Kindskopf jeder / Der es glaubt
Und daß noch keiner dich bewiesen hätte / Und daß du nur ein Hirngespinst
Ich aber hör nicht drauf
Und hülle mich in deine Wärme / Und saug mich voll mit Sonne
Und laß die klugen Rechner um die Wette laufen
Ich trink den Sommer wie den Wein
Die Tage kommen groß daher / Und abends kann man unter deinem Himmel sitzen
Und sich freun / Daß wir sind / Und unter deinen Augen
Leben“

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  Das Böse meiden

Das Böse meiden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 06.06.2019

Immer wieder treffe ich auf Menschen, denen es das Leben zerschossen hat. Dabei kann dieses „es“ vielfältig sein: von familiären Problemen über Schwierigkeiten in der Arbeitswelt bis hin zu körperlichen oder seelischen Leiden. Wie tief die Not geht, ist dabei ganz verschieden. Und wie tief eine Not sich anfühlt, natürlich auch.

Wenn Menschen Elend geschieht, die wir kennen, dann würden wir gern helfen. Irgendetwas tun, damit es dem anderen besser geht. Aber oft ist das gar nicht so richtig möglich. Wir können da sein, mit aushalten, Gemeinschaft anbieten oder bei konkret anfallenden Arbeiten unterstützen. Wir können lindern, besser aushaltbar machen, das Gefühl geben, nicht allein zu stehen, und doch lässt die konkrete Sorge sich letztlich nicht abnehmen.

Wenn ich selbst große Sorgen hatte, dann hat es mir geholfen, mit anderen darüber zu sprechen. Ich habe meine Zuhörer regelmäßig genutzt, um Worte für das zu finden, was mein Leben schwer gemacht hat. Manchmal wurden die Sorgen durch die Worte kleiner, manchmal wurden sie konkreter und damit handhabbarer, und manchmal entdeckte ich auch neue Seiten, die ich so vorher noch gar nicht wahrgenommen hatte. Es tat gut, zu sprechen. Schlecht war es, wenn der Zuhörer es nicht aushielt, Zuhörer zu sein, sondern glaubte, mit Sätzen wie: „Wird schon wieder“, Sinnvolles zu sagen. Trost und vertrösten sind eben doch zwei ganz verschiedene Sachen.

Ein zweites, das ich selbst als sehr hilfreich erlebt habe, war die Einsicht, mich nicht nur auf das Schlechte zu konzentrieren, sondern umso stärker für das Gute meines Lebens zu danken. Denn die Blickrichtung bestimmt viel in der Wahrnehmung des eigenen Ergehens. Anders ausgedrückt: Je stärker ich mich auf die Schatten konzentriere, desto dunkler wird meine Welt. Und je mehr ich mich von dem, was licht ist, leiten lasse, desto heller wird sie. Eine ältere Dame antwortete regelmäßig auf meine Frage, wie es ihr gehe: „Ach, ich gucke immer nur auf das Gute, dann geht es mir auch gut.“ Das fand ich vorbildlich. Und gerade diesen Geist höre ich in dem, was unsere Tageslosung für diesen Tag empfiehlt.

Dort heißt es im Buch Hiob (Hiob 28,28):

„Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.“

Und der Lehrtext dazu aus dem 1. Brief an die Korinther (1. Kor. 7,15):
„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“

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  Gemeinsam

Gemeinsam

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.06.2019

„77 ways to get connected“, heißt eine Initiative der Fourth Church in Chicago. 77 Wege, um in Kontakt zu kommen, um sich gemeinsam auf den Weg zu machen, um Wirklichkeiten zu verändern oder neu zu gestalten.

Bei dieser Initiative geht es darum, dass sich mindestens drei Menschen finden müssen, die eine konkrete Idee teilen, was Kirche vor Ort tun sollte. Und wenn diese drei sich gefunden haben und der Kirchenvorstand die Idee für nicht allzu abwegig hält, dann dürfen die drei die Verantwortung übernehmen: Sie müssen Geld finden, das notwendige Team, und sie müssen dafür sorgen, dass ihre Zielgruppe von ihrem Tun erfährt. Erst wenn all das gelungen ist, führt eine Idee zu einer neuen Gruppe, einem neuen Kreis, einer neuen Initiative. Und gleichzeitig erleben sich Menschen als lebendiger Teil ihrer Kirchengemeinde und als Christinnen und Christen, die vor Ort handeln.

Nun sind die USA anders gestrickt als Deutschland. Die Charity hat dort einen anderen Stellenwert. Überhaupt das „sich-selbst-verwirklichen-in-einem-Tun“ hat dort eine andere Tradition als hier bei uns, die wir doch mehr im Lutherischen „allein aus Gnade“ verhaftet sind. Und doch sollte man die Traditionen nicht gegeneinander ausspielen, denn auch wir Lutheraner kennen ja die guten Früchte des Glaubens, also den Wunsch, dem eigenen Glauben entsprechende Handlungen folgen zu lassen.

Es geht um die offenen Augen für das, was vor Ort zu tun notwendig ist. Dabei denke ich nicht nur an das viel und gern zitierte Klientel der Armen, Kranken und Alten oder der Kinder und Jugendlichen, sondern an jede und jeden. Kirche ist Ort der Ruhe und des Gebets, vielleicht könnte sie ja auch Raum für den Mittagsschlaf in der Bürowüste sein. Manchmal braucht es für die eigenen Sorgen einen Therapeuten, manchmal reicht aber auch schon die Seelsorgerin, um erste Dinge in Zeiten der seelischen Not zu sortieren. Kirche kann Vesperkirche sein, die Menschen an Tischen zusammenbringt, um sie mit körperlicher und seelischer Speise zu nähren. Usw. Was immer gerade gebraucht wird, Kirche sollte aus ihrer Überzeugung heraus dort ins Tun finden, wo sie Menschen in ihrem Leben nützt oder aber dem Nächsten zum Samariter werden kann. Solches Tun des Notwendigen muss fester Charakterzug unserer kirchlichen Existenz bleiben, sein oder werden.

Aber – natürlich & Gott sei Dank! – sind nicht nur wir auf guten Wegen helfend und mit offenen Augen unterwegs, sondern auch viele andere Menschen, die ganz im Sinne des „77 ways to get connected“ an ihren Lebensorten tun, was notwendig ist. Dieses Engagement zu ehren, ist selbst ehrenhaft. Und deshalb freuen wir am Dom uns, wenn wir gleich wieder den Gemeinsam-Preis der Braunschweiger Zeitung und viele tolle Menschen mit ihren wunderbaren Initiativen für die Menschen vor Ort zu Gast haben.

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  Der Geist der Wahrheit

Der Geist der Wahrheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.06.2019

Je weiter wir uns im Kirchenjahr nach vorne bewegen, desto anspruchsvoller werden die Feste. Die Ereignisse zu Weihnachten sind noch sehr griffig und konkret, Karfreitag und Ostern zu verstehen, ist dann schon anspruchsvoller, Christi Himmelfahrt in der vergangenen Woche stellt eine wirkliche Herausforderung dar und am kommenden Wochenende dann Pfingsten. Falls Sie jetzt ganz kurz überlegen mussten, warum und was wir an Pfingsten feiern: Deswegen brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben – schließlich ist es Ihnen mittlerweile bestimmt ja wieder eingefallen. Andere sind viel schlimmer dran. Die überwiegende Mehrheit unserer Mitmenschen weiß gar nicht, was es mit Pfingsten auf sich hat. Ja, es sind nach aktuellen Umfragen sogar nur 25r Deutschen, die wissen, was an Pfingsten passiert ist.
Ich will nun das Fest nicht vorwegnehmen, doch so ein paar Details können ja auch die Vorfreude steigern. Wir feiern an Pfingsten die Ausgießung des Heiligen Geistes. Damit ist dann die Dreifaltigkeit komplett – Vater, Sohn und Heiliger Geist sind gegenwärtig, für uns, mit uns und um uns. Pfingsten ist ein großes und bedeutendes Fest. Gleich zwei Feiertage haben wir zur Verfügung, um das Geschehene angemessen zu würdigen – zwei Feiertage, weil da ein Geist kommt. Das ist schon irgendwie verrückt, oder? Doch es geht nicht um irgendeinen Geist. In der Tageslosung für heute wird Jesus zitiert, der zu diesem Thema sagt: „Ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit.“
Der Heilige Geist ist also auch der Geist der Wahrheit. Da möchte man doch laut ausrufen: „Herr, gerne mehr davon!“ Mit der Wahrheit ist es ja so eine Sache. Sie ist nicht so absolut und so objektiv, wie wir uns das bisweilen wünschen. Unsere individuelle Wahrheit wird auch immer von der persönlichen Perspektive beeinflusst, von unserer aktuellen Lebenssituation, vom eigenen Erfahrungshintergrund. Schon Pontius Pilatus hat mit seiner Frage „Was ist Wahrheit?“ die Kompliziertheit und Komplexität von Wahrheit treffend zum Ausdruck gebracht.
Es ist schwer zu definieren, was absolute Wahrheit ist, unsere Liebe zur Wahrheit und der Antrieb bei der Wahrheit zu bleiben, sollten dadurch jedoch nicht geschmälert werden. Wer ganz bewusst lügt, der hat den Geist der Wahrheit ganz sicher nicht auf seiner Seite.
Doch so schwer wir uns mit dem Thema auch tun mögen, die Bibel verspricht uns, dass wir in Göttlicher Wahrheit leben dürfen und leben werden, wenn wir uns zu dem bekennen, der uns zu Pfingsten den Geist der Wahrheit geschenkt hat. „Ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit.“ Und Jesus sagt weiter: „Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ Freuen wir uns darüber und am kommenden Wochenende können wir es dann auch kräftig feiern.

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  Irgendwo da draußen

Irgendwo da draußen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.06.2019

Gestern habe ich ganz unvermutet passend zwischen Himmelfahrt und Pfingsten einen Vortrag des Standortleiters des Zentrums für Luft und Raumfahrt hier in Braunschweig, Prof. Dr. Joachim Block, gehört. Der Weltraumforscher bezeichnet sich als „Raumfahrer“ und weil er eine so packende Art hat, zu referieren, hat man fast selbst das Gefühl, einer zu sein.
„Ist da draußen noch jemand?“ So fragte er.
In der DDR-Schule wurde diese Frage mit einiger Häme als negativ und damit befriedigend beantwortet zur Seite gelegt. Spätestens nach dem Raumflug Siegmund Jähns sollte ja jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass die Himmel und aller Himmel Himmel leer und unbewohnt sind. Wer dort einen Gott vermutet, oder himmlische Heerscharen, dem ist eben nicht zu helfen.
Zwischenzeitlich ist Einiges geschehen.
Nicht nur die DDR samt ihrem merkwürdigen wissenschaftlichen Kommunismus ist untergegangen. Es hat sich auch in der Erforschung des Weltraumes Einiges getan.
Inzwischen kann man, dank fantastischer Teleskope, Planeten beim Wachsen zusehen und hat eine ziemlich genaue Vorstellung von unserer Galaxie, der Milchstraße, die nur eine von vielen ist. Man weiß, O-Ton-Block, dass unsere geliebte Erde um einen sehr unspektakulären Stern kreist, der wiederum an einer sehr unauffälligen und gewöhnlichen Stelle in der Galaxie seinen Ort hat. Unser wunderbarer blauer Planet ist mithin überhaupt nichts Besonderes.
Warum sollte bei Milliarden Möglichkeiten nicht anderswo auch alles gut zusammenkommen und Leben entstehen? Vielleicht sogar intelligentes? Vielleicht welches, das kommuniziert?
Es ist höchst wahrscheinlich, dass es unter den unzähligen Sternen allein unserer Galaxie welche gibt, die Planteten haben, deren Umlaufbahn sich in so geeigneter Entfernung befindet, das Leben möglich ist. Und vielleicht hätte man schon längst Signale von irgendwo empfangen, wenn nicht um unsere Erde eine Signalschmutzschicht läge, dass man da eh nichts hören kann…
Er meint das ganz ernst, wenn er sagt: er rechnet noch zu unserer Lebenszeit damit, genauer zu wissen, mit wem wir so sind. Und er findet es wichtig, sich das klarzumachen, weil er meint: es trägt vielleicht ein bisschen zur menschlichen Demut bei, sich bewusst zu machen, dass unser Leben hier auf unserer Erde wunderbar und wahrscheinlich nicht einzigartig ist. Das kann nur gut sein, denn vielleicht würden unsere Religionen und Überzeugungen bramherziger, wenn wir nicht mehr glaubten, dass wir das Zentrum des Universums sind, dass es Ordnungen und Lebensregeln nur um unseretwillen geben muss. Wir haben es ja ohnehin geahnt: Gott ist größer und wunderbarer als wir uns das vorstellen können, warum ihn beschränken auf das, was wir uns vorstellen können? Oder mit Worten aus dem 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“

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  Fundsache

Fundsache

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.05.2019

Draußen haben wir das Banner für die Sommernächte aufgehängt. Dieses Jahr sind die Farben ein bisschen kühner geraten und so macht es hoffentlich auch hinter dem Baum neugierig. „Vergnügt-erlöst-befreit“ – so soll es über den drei musikalische-farblich-textlich bunten Spätsommerabenden im Juli heißen. Wenn Sie schon einmal dabei waren, werden Sie ahnen, dass Choreografielaien wie wir ein bisschen länger daran rumtüfteln müssen, damit die Stimmungen des Lichtes und der Musik mit den Texten korrespondieren.
Als wir vorgestern zusammensaßen und begonnen haben, Ideen zu sammeln, haben wir natürlich auch den Hanns-Dieter-Hüsch-Text gegoogelt und uns noch einmal zu Gemüte geführt, aus dem das Motto stammt. Aber wie es manchmal mit den Suchmaschinen und ihrem geheimnisvollen Vorwissen um unsere je eigenen Fragen und Themen so ist: erstmal hat das Netz einen anderen Hüschtext ausgespuckt. Und nicht nur, weil wir hier in einer Kirche und zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind, glaube ich: diese Fundsache ist vielleicht doch nicht zuerst ein Googlevolltreffer, sondern ein kleiner Wink des Geistes, der uns verbindet, leitet und tröstet – besonders dann, wenn wir selbst nicht so richtig wissen, wo es hingehen kann und wohin lieber nicht.
Hanns Dieter Hüsch ist ein kritischer, menschenfreundlicher, frommer und äußerst humorvoller Mann gewesen. Seine Scherze waren nie darauf aus, andere zu verletzen oder vorzuführen. Es ging ihm um Aufmerksamkeit und manchmal auch um eine Warnung. Und also habe ich – eben kurz vor Pfingsten und mitten im Wirrwarr um Stellen und Strukturen - folgenden Text gefunden, den ich mir in Herz und Sinn schreiben will, damit es so hier nicht kommt:
„Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, / in aller Freundschaft nahegelegt, / doch das Weite aufzusuchen, / aus der Kirche auszutreten und gleich alles / mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört hat. / Nämlich seine wolkenlose Musikalität, / seine Leichtigkeit und vor allem / Liebe, Hoffnung und Geduld. / Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, / seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, /
seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen / und zu helfen –
sogar denen, die ihn stets verspottet; / seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe, / seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben, / seine Virtuosität des Geistes überall und allenthalben, / auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit, / seine unberechenbare Größe und vor allem, / seine Anarchie des Herzens – usw. … / Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte / unter Hausarrest gestellt. / äußerst weit entlegen, dass er keinen Unsinn macht / und fast kaum zu finden ist.“
Gott sein Dank, ist er uns ja über mit seinen Flügeln der Morgenröte und seit Himmelfahrt wissen wir auch. Er musste weggehen aus unserer irdischen Nähe, um überall da zu sein, auch hier. Egal, wie gut wir seinen Laden bespielen. Was für eine wunderbare Nachricht!


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  Väter

Väter

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.05.2019

Morgen ist Himmelfahrt und wir werden uns hier im Dom und draußen am Schloss Richmond für die Deutung des Feiertags an die entsprechende biblische Geschichte halten. Beim Gottesdienst im Grünen müsste man aber erfahrungsgemäß taub und blind sein, um nicht zu realisieren, dass parallel auch Vatertag ist.
Tatsächlich ist das wahrscheinlich keiner geschlechtergerechten Feierlaune geschuldet, sondern lag schon früher terminlich aufeinander. Im 16. Jahrhundert zog man an Christi Himmelfahrt auf die Felder, um dort für eine gute Ernte zu beten und feierte hinterher. Als der kirchliche Feiertag „Himmelfahrt“ im 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor, blieb die sogenannte „Herrenpartie“ übrig. Dann war es nicht mehr weit zum modernen Vatertag.
Grund genug, heute nach den mal nach den Vätern fragen.
Der Neutestamentler Jürgen Ebach hat sich mit den biblischen Vätern auseinandergesetzt und festgestellt, dass es in der Bibel vor allem eigentümliche wenn nicht sogar katastrophale Vätergeschichten gibt.
Der erste Vater, Adam, zeichnet sich, so meint Ebach, durch Abwesenheit und Schweigen aus: Gottes erstes Wort an einen Menschen überhaupt heißt ja: „Wo bist du, Adam?“ Zum Drama seiner Söhne, Kain und Abel, einer wird der erste Mörder, der andere das erste Opfer der Geschichte, schweigt er. Auch Noah schweigt. Später folgt Abrahams Geschichte. Der sein Kind mit dessen Mutter. der Magd Hagar in die Wüste. Das andere Kind Isaak hätte er getötete und geopfert, wäre er nicht aufgehalten worden. Dann kommt Jakob, er so ungerecht mit seinen Kindern umgeht, dass die Brüder schließlich den Josef verkaufen. Und so weiter…
Erst im neuen Testament wird es ein bisschen besser. Da ist der Vater zum verlorenen Sohn, der einfach nur überglücklich ist, sein Kind wieder zu haben. Und nicht zuletzt Josef, der einem Kind den Vater ersetzt, das nicht seines ist und der es beschützt vor der mörderischen Absicht des Herodes.
In Süditalien sind deshalb viele Kirchen dem heiligen Guiseppe, Josef, geweiht. Man sieht Altarbilder, auf denen Josef das Kind zärtlich und beschützend im Arm hält. Andernorts sieht man den ergrauten Mann, der ein größeres Kind an der Hand hält, es leitet, begleitet und freigibt und immer wieder Mutter, Vater und dazwischen an den Händen das „mittelgroße“ Kind Jesus.
Ein Menschenvater im besten Sinne. Ein Vater, der die Idee dessen weiterträgt, dem wir ähnlich sind. Einer, an den wir uns wenden können mit allem, was uns beschwert.


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  Einmütig beieinander

Einmütig beieinander

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.05.2019

„Niedersachsen für Europa“ heißt eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass wir Niedersachsen uns auch als Europäer verstehen. In den letzten Wochen hat diese Initiative stark an dem Thema gearbeitet, Menschen zur Wahl zu motivieren. Immerhin, das hat geklappt. Die Wahlbeteiligung ist gegenüber 2014 wesentlich gestiegen.

Auch wir als Braunschweiger Dom haben unseren Namen für diese Initiative gegeben. Denn Europa gilt uns als Friedensprojekt. Und an allem mitzuwirken, was den Frieden in Europa stärkt, ist sinnvoll. Mich persönlich lassen die vielen europakritischen Stimmen deshalb auch grübeln. Wir leben in Europa auf so engem Raum beieinander, dass ich mir die Alternative einer Welt, die erneut mehr das Trennende als das Einende sieht, gar nicht vorstellen mag. Wir haben so viel gewonnen in diesen letzten sieben Jahrzehnten, seit der Zweite Weltkrieg Europa in Schutt und Asche gelegt hat, dass es mich wundert, wie leichtfertig über 10% unserer Bevölkerung das verbindlich Einende aus der Hand zu geben bereit sind. Und in anderen Völkern sind es ja noch viel mehr Menschen.

Mir geht es dabei tatsächlich weniger um die politischen Entscheidungen im konkreten Fall – deren Ergebnisse ich mal als ganz wunderbar, mal als sehr verwunderlich und mal auch nur zum Wundern finde – als um die Einsicht in die Notwendigkeit, an einem Tisch zu bleiben – und aller Verschiedenheit zum Trotz miteinander zu verhandeln. Über die Umwelt. Über Grenzen. Über Wirtschaft. Über Sicherheit. Über Bildung. Über Kultur. Über Verteidigung. Über Reichtum. Über Armut. Über den Wunsch von Menschen aus aller Welt, in den Ländern Europas leben zu wollen. Über so vieles, was unseren Alltag ausmacht, und worin wir in einer Welt internationalen Handels und Handelns auch kaum mehr sinnvoll vereinzelt unterwegs sein können. Es braucht heute doch unbedingt jenen Blick, der uns aller Verschiedenheit zum Trotz an einem gemeinsamen Tisch hält und der darum ringt, den anderen trotz all seiner Macken und Verrücktheiten auszuhalten.

Dabei finde ich die Tischgemeinschaft meines Glaubens als vorbildlich. Jesus versuchte die Menschen an einen Tisch zu holen und lehrte sie das große Ziel, in Frieden mit sich, ihrem Gott und beieinander zu wohnen. Dabei hielt er die Verschiedenheit der Seinen aus. Es waren keine Heiligen, die er um sich versammelt hatte. Zumindest nicht zu ihrer Zeit. Sondern es war eine Gruppe Williger, die miteinander etwas Gutes für die Menschen und ihren Alltag wollten. Über dem heutigen Tag steht ein Wort aus der Apostelgeschichte (Apg 2,46f.):
„Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.“

Wer versucht, um der guten Sache willen einmütig beieinander zu bleiben, wer politisch auf mehr sieht als die Eigeninteressen und um des Friedens willen Kompromisse zu schließen bereit ist, der wird am Ende die Frucht seines Tuns ernten. Darauf hoffe ich und darum bitte ich meinen Herrn.

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  Mit Geist und Verstand

Mit Geist und Verstand

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.05.2019

Eben geht im Haus der Wissenschaft die Landessynode zuende. Hauptthema dieser Tagung sind die Gebäude gewesen. Es ging also um etwa 1400 Kirchen und Kapellen, Pfarr- und Gemeindehäuser, Kindergärten, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser und Nebengebäude. Sie sind ein Schatz und ein großartiges Erbe aber manchmal auch drückende Last. Man ahnt, dass kleiner werdende Gemeinden, denen weniger Geld und vermutlich noch weniger Manpower zur Verfügung steht, sich Sorgen machen um die Erhaltung solcher Gebäude. Es ist richtig zu hinterfragen, ob man so viel steingewordene Präsenz braucht oder andersherum: Es tut not, Prioritäten zu setzen und sich zu entscheiden, wohinein wir Kraft und Geld investieren wollen.
Und natürlich klingt alles danach, dass es nötig sein wird, schlanker zu werden. Sowas zu entscheiden ist schwer, denn aus der ursprünglichen Bewegung ist längst ein großer Apparat und Arbeitgeber geworden, der ein ganzes Netz von Einrichtungen bespielt. Und mag auch in manchem Dorf nur noch eine sehr kleine Gemeinde sein, oft ist dann der Gemeinderaum zugleich Dorfgemeinschaftshaus – nicht zu halten aber eben auch nicht zu entbehren.
Dazu kommen die vielen Kirchen und Kapellen, mancherorts Spiegel des Reichtums aus der Zuckerrübe und vielfach überdimensioniert. Andererseits: Dass Menschen zur Ehre Gottes Kirchen gebaut und kostbar eingerichtet haben, ist ja ein Glück – denn sie sind Heimat und Zufluchtsort, Herzkammer und Oase wo immer man hinkommt.
Die Synodalen haben also eine schwere Aufgabe, wenn sie Zukunft verantwortlich gestalten wollen und sind nicht zu beneiden. Zugleich haben Sie es auch ein bisschen besser als die Europaabgeordneten, die wir morgen wählen (Indikativ! Also: nicht wählen könnten, sondern wählen werden – bitte machen sie das unbedingt!), denn die Zukunft unserer Kirche garantieren nicht wir mit unserem Mut und unserer Weitsichtigkeit, sondern unser Gott. Wir sind sein Leib und leben von seinem Wort und Sakrament. Das lässt sich weder durch demographische noch finanzielle Prognosen gefährden und sollte deshalb wie eine Präambel allen Entscheidungen vorangestellt werden.
Vielleicht ist es deshalb mehr als tröstlich, sondern regelrecht leitend, wenn es über einem solchen wohl mühseligem Tag in den Herrnhuter Losungen heißt: „Ich will beten mit dem Geist und auch beten mit dem Verstand; ich will Psalmen singen mit dem Geist und will auch Psalmen singen mit dem Verstand.“
Beides: Mit dem Geist, also im Vertrauen auf Gottes Geist und mit dem Verstand, nüchtern und nachvollziehbar – so sollten wir rangehen. Und nicht ohne zu beten und zu singen, denn letztlich bleibt Kirche nur dann lebendig und kann die Häuser, die sie verwaltet und besitzt, auch bewohnen.


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  70 Jahre Grundgesetz

70 Jahre Grundgesetz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.05.2019

Heute vor siebzig Jahren stellte der parlamentarische Rat in Bonn fest, dass alle deutschen Länder – kein halbes Jahr später wird es zwei deutsche Staaten geben – das Grundgesetz mit Zweidrittelmehrheit angenommen haben. Konrad Adenauer sagte damals, dass an diesem 23. Mai 1949 ein neuer Abschnitt der deutschen Geschichte begönne.
Die Kapitulation lag vier Jahre zurück und das Land in Trümmern. Väter, Brüder, Freunde fehlten. Die Suchdienste arbeiteten fieberhaft. Kriegsgefangene kamen zurück. Flüchtlinge versuchten irgendwo anzukommen. Die Besatzungsmächte hatten Deutschland in vier Zonen aufgeteilt, die Nürnberger Prozesse hatten einen Anfang gemacht, dies entsetzlich dunkle Kapitel deutscher Geschichte aufzuarbeiten.
Es gab unendlich viel Leid, Schuld und Schweigen aber auch Hoffnung, Neuanfang, Wiederaufbau.
Die Autoren des Grundgesetzes hatten all das vor Augen als sie die Präambel unserer Verfassung formulierten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetzt gegeben.“ Und dann geht es an mit den Grundrechten…
Das ist wohlgemerkt kein historischer Text, sondern gültig.
Eine Präambel vom lat. „praeambulo – vorangehen“ ist wie eine vorangestellte Vergewisserung des Fundamentes, von dem her alles gedacht wird. Darum werden die zehn Gebote des Alten Testamentes eingeleitet mit den Worten: „Ich bin der Herr, dein Gott! Ich habe dich aus Ägypten befreit.“ Das ist die Voraussetzung für alles, was folgt.
Das sollten wir uns an diesem Jahrestag auf der Zunge zergehen lassen: „In der Verantwortung vor Gott…“ heißt es vor allem anderen in unserer Verfassung. Vor seinem Angesicht wollen wir Bürger dieses Landes uns verstehen und unser Tun und Lassen begreifen. Mit anderen Worten, wir wollen egal ob als Bundesregierung, Schulelternrat oder Dorfbürgermeister, als Lehrerin oder Rentner mit Gott rechnen und seinen Willen ernstnehmen – in der Sozialpolitik und um Bildungswesen, beim Asylrecht und beim Umweltschutz, in den Gefängnissen und Jugendämtern, als Wählerinnen und Wähler. Immer.
Im 21. Jahrhundert und einer Gesellschaft, in der sich keineswegs die Mehrheit der Menschen zu diesem Gott bekennt, ist das unerhört! Und das war es auch 1949. Auch damals war Deutschland kein zutiefst christliches und barmherziges Land. Umso deutlicher hallt nach und sollte uns auch heute anrühren und wachrütteln, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes festschreiben, dass dies die einzige Kompassnadel ist, die ein Volk vor Unmenschlichkeit, Barbarei und Zerstörungswut bewahrt.
Wie gesagt: kein historischer Text. Das gilt für uns alle.

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  Unverdient

Unverdient

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.05.2019

Filicudi ist eine sehr kleine Insel im Mittelmeer, genauer gesagt im Tyrrhenischen Meer. Das Wasser hat Farben zwischen glitzerndem Türkis und tiefem Blau, die man nicht der Natur sondern Bildbearbeitungsprogrammen zutrauen würde und ist von einer Klarheit, die es vermutlich nicht mal im frischgeputzten Waschbecken gibt.
Es ist so schön, dass man den Schrecken dieses Meeres vergisst. Erst wenn der Wind auffrischt und man sieht, wie schnell die Fischer ihre Boote an Land holen, wieviel Respekt sie trotz uralter Erfahrung vor diesem Meer haben, fährt einem wieder in Mark und Bein, was es bedeuten muss, in einem überfüllten Schlauchboot zu sitzen und zu wissen, dass kein kleines Kind bei diesen Wassertemperaturen lange durchhalten kann, ganz zu schweigen von der Unmöglichkeit, schwimmend an Land zu kommen.
Wir reisen und wenn die See etwas höher geht, verschieben wir die Weiterfahrt. Aber wer nur diese eine Chance hat??? Und kein Weg zurück?
Im Nachbarzimmer haust ein paar Stationen später ein junger Afrikaner mit seinen Tüten. Sicher ist er froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Er lacht fröhlich und geht seiner Wege. Ich sehe in ihm meine eigenen Kinder, die auch irgendwo ein Zimmerchen bewohnen. Aber sie können jederzeit heimkommen, sind versichert und haben ausreichend Geld, dazu Netz und doppelten Boden ihres Zuhauses. Sie haben sich das, was sie gerade machen, den Ort, an dem sie sind, ausgesucht und nur die Qual der Wahl erlitten.
Das ist das Ungleichgewicht dieser Welt.
Ganz leicht kann man es auf einer abgelegenen Insel vergessen!
Denn wer außerhalb der Saison in Pecorini auf Filicudi aufschlägt, erlebt sehr bescheidene Verhältnisse, keinerlei touristische Infrastruktur und auch sonst keinen Laden, keinen Bus, keinen Hafen – dafür Stille, Insektengebrumm, Blürenmeere und hin und wieder das Perlen italienischer Unterhaltung. So saßen wir in unserem Quartier und aßen zu Abend, neben uns ein paar Fischer und deren Freunde. Wo kommt Ihr her, war die Frage, was hat euch auf diese Insel hinter dem Mond geführt…?
Sehnsucht, Erschöpfung, Reiselust, so was…
Ein Mann, so alt wie wir, hört schweigend zu. Dann sagt er auf Deutsch: „Ich kann nicht reisen ohne zu Weinen.“ Reisen führt ihn immer nur fort, fort von Zuhause, fort von den Menschen an denen er hängt, fort von den Umständen, unter denen er nicht leben kann. Das geht uns nach.
Es ist unverdient, dass es uns so gut geht. Unverdient, dass unsere Sorgen nicht existentieller Natur sind. Unverdient, reisen zu dürfen, ohne zu weinen und heimkommen zu können, wenn es genug ist. Ein unverdientes unglaubliches Geschenk.





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  Heimat

Heimat

Pfarrer Werner Busch - 20.05.2019

Trocken war’s und roch nach Sommer.
Wärme wehte mild mich an.
Grillen zirpen und Strohgeruch
sättigt den Wind immer dann,
wenn verstreut, als Erfolg eines Tages
auf frisch gemähtem Felde ruh’n
ein paar gelbliche Ballen, die sagen:
was menschliche Arbeit kann tun.
Ich atme den Duft, den Getreide verströmt,
aus frisch geschnittenen Halmen,
schmecke den Staub eines Erntetag’s
wie andere ein Mahl unter Palmen.
Ein Tag hat sein herbes Aroma gelegt
in die Nase hinein und trocknet den Mund.
Sinne und Herz waren weich und belebt,
auch wenn Finger und Arme ganz wund.
Den langen Tag umgab mich ein Rhythmus,
ein Schaukeln mit Ächzen und Krach,
Die Ballenpresse, sie schuf und sie schuf,
in Kraftakten bebend gab sie nicht nach.
Mit mechanischer Unrast sie ging
beim Brüllen des Treckers, der zog das Gespann.
bis der Bindfaden riss, da machte es zing,
zum Ärger von Helfer und Mann.
Stundenlang ging’s bei sengender Hitze
wie mächtiger Bass in den Bauch.
Eine alte und kraftvolle Menschheitsmusike,
die schüttelt die Großen doch auch.
Berauschte im Jambus der Arbeit
den kleinen, vibrierenden Leib,
der auf der Maschine stolz dasitzen durfte,
mit leichtem und durstigem Geist.
Mit einer Seele, die die Welt wollte filmen,
und mich sehen und hören und riechen ließ
und im Sehen, Hören und Riechen auch fühlen,
dass das, wo ich war, meine Heimat hieß.
Wohltuende Leere kriecht langsam nach innen.
gemischt mit Erleicht’rung und Schauer,
Nach all dem Lauten ein taubes Empfinden.
Das verging, sowas ist nicht von Dauer.
Jetzt dastehen. Und schauen. Und fühlen.
Ich atme. Ich bin. In der Welt.
Im Staunen kommt alles nach innen,
was verbindet, versöhnt und erhält.
Die Dämmerung, die gibt etwas Kühlung.
Ich fühlte mich wohl. Und in eins.
Der neigende Tag nimmt mit Dunkelheit Fühlung,
die stiehlt sein saphirblaues Dach,
lässt schau’n in unendliche Weiten,
und sagt: dieses All - es ist deins.
Jetzt wechselt die Szene, es dreht sich die Zeit,
im Lauf der Gestirne durch Schmerz und durch Streit.
Da stirbt eine Mutter und Liebe vergeht,
Familie wird ratlos und Traurigkeit steht
in Gesichtern, die müde, in Blicken, die weit
in die Ferne schweifen, zurück und voraus.
Die Heimat ist auch ein verfallendes Haus.
Mich packte die Sehnsucht, ich ging in die Weite,
liebte Städte wie Marburg und Köln,
meine Herkunft ward fern, und das Leben befreite
von Erinnerungen wie Gefängniszellen.
Die Domstadt am Rhein war mir fremd zu Beginn,
doch schon nach knapp einem Jahr
waren Freunde und Freiheit mein Hauptgewinn,
und ich lebte und blühte und war
noch nie so aktiv und so hungrig im Geist,
habe nahe und ferne Länder bereist.
Ein Studium begonnen, gegen Freundes Rat,
neue Zukunft gewonnen, eine Wagnistat.
Im Trapez ohne Netz meinen Sprung gemacht,
hab der Ungewissheit entgegengelacht,
meine Liebe gefunden, ihr mein Herz geschenkt,
im Vertrauen, dass Gott schon die Wege lenkt.
Wir wollten dort bleiben und mussten doch geh’n,
durften nicht auf dem Berg der Verklärung steh’n
mussten zieh’n in das Land, das doch hinter mir lag, zurück dorthin, wo zu Jahr und Tag
ich auf Feld, Hof und Haus meine Wurzeln bekam, und das, was mir Leichtigkeit gab. Und nahm.
Die Heimat? Ein Wort mit Untertönen,
mit Bildern und Spannung und Fernweh-Sehnen,
in ihm ist noch Wärme, s’hat Dornen und Fragen,
was es mir bedeutet, ich kann’s dir nicht sagen.
Bin unruhig und frag’, ob ich richtig bin.
Bezweifle den Ort und den Weg und den Sinn.
Und am meisten mich selbst. Mein Ich ein Zelt,
das nur notdürftig Schutz gibt in und vor der Welt.
Doch immer, wenn es nach Sommer riecht,
und das Dach des Himmels in’s Dunkle verschwindet,
wenn bei Mondschein Verzaub’rung nach innen kriecht,
und ein Staunen von etwas ganz Großem kündet:
Dann bin ich als Gast im Universum zu Haus,
und schau’ die geräumige Gotteswelt,
und sehn mich aus allem ins Weite hinaus,
nach dem, was noch kommt: Sieh da! Jenes Zelt
Gottes, unter dem die Völker ruh’n,
wo keiner mehr ein Leids wird tun,
wo Leben, Frieden und Glück wird gesammelt.
Davon seit Ostern die Hoffnung stammelt.
Die bleibende Stadt, der Friedenshort,
an dem jeder satt wird von Brot und
wo wir leben auf ewig ohn’ Abschied und Trauern,
und lieben das Heute und tanzen auf Mauern.
Ein Wort noch an brüllende Heimatbeschützer,
an Gedanken-, Politik- und Gefühls-Verkürzer,
die mit Pathos und Zorn und mit einfachen Reden
den Menschen ein Trug- und ein Zerrbild geben,
ihre Ziele verschleiern und Wahrheit scheuen,
ob rechts oder links, wer sie wählt, wird’s bereuen.
EINMAL nur hör zu, es ist gleich verklungen,
ich red’ nicht mit Engels-, nur Menschenzungen.
Heimat heißt nicht, es einfach zu haben.
Heimat kann heißen, ein Glück zu begraben.
Heimat ist fern und ist selten nah.
Heimat ist Hoffnung. Du warst noch nicht da.
Wenn du mit Gewalt sie willst schützen und halten,
dann wird dir dies Glück noch an dem Tag erkalten,
da du dir mit Fahne und Brüllen genommen,
was nur durch Geduld und mit Liebe kann kommen.
Geh in deine Zukunft mit offenem Herzen,
und mach dich bereit für Zweifel und Schmerzen.
Manches wird glücken, manches wird schlecht,
bewahr’ nur den Frieden, die Würde, das Recht.

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  Glauben. Singen. Lernen

Glauben. Singen. Lernen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 18.05.2019

In der vergangenen Woche war unser Braunschweiger Pfarrkonvent auf Besuch in Leipzig. Leipzig ist eine boomende Stadt, inzwischen chic und trendy. Die Kirchen in ihr stehen inmitten dieses Wandels. Aufgrund der Ostvergangenheit sind es gerade einmal noch zehn Prozent der Bevölkerung, die kirchlich gebunden sind. Salz der Erde….

Ein Wahrzeichen der Stadt bleibt aber natürlich der gute alte Johann Sebastian Bach. Mit Bach-Denkmal, Bach-Museum, Thomaskirche und Thomanerchor. Der Thomanerchor blickt inzwischen auf eine ungebrochene achthundertjährige Geschichte zurück. In allem Wandel. Zu diesem Wandel gehört, dass der Chor durch die napoleonischen Gesetze Anfang des 19. Jahrhunderts in die Verantwortung der Stadt überging. Das war zu DDR-Zeiten durchaus spannend, als eben nicht klar war, was ein derart säkularisierter Staat mit einem Chor, der besonders gern Bach singt, anfangen soll. Der Chor hat überstanden und als nun vor einigen Jahren sein Jubiläum ins Haus stand, da kam die Frage nach einem Slogan für die Jubiläumswerbung auf. Was ist der Kern, der die Thomaner seit achthundert Jahren ausmacht und trägt? Lautete die Frage. Bach allein reichte nicht, schließlich kam der erst sehr viel später. Und auch Luther und die mit ihm protestantische Prägung der Thomaner sind angesichts von 800 Jahren Geschichte zu jung. Am Ende schlug die Kirchengemeinde vor: „Glauben. Singen. Lernen“. Das täten die Jungs durchgehend seit achthundert Jahren.

Diesem Vorschlag folgte, was bei einem städtischen Chor wohl folgen musste: das Wort „Glauben“ im Slogan wurde lang und breit diskutiert. Glauben für einen seit knapp zweihundert Jahren städtischen Chor? Das könne doch nicht angehen. Glaube und Stadt – das seien doch wirklich zwei Paar Schuhe.

So wahr diese Aussage rechtlich sein mag, so unwahr ist, dass die Thomaner ein säkularisierter Chor wären. Rechtlich mag jeder Kantatengottesdienst eine Kooperation zwischen Stadt und Kirche sein, praktisch aber singen die Jungs Theologie, den Menschen zur Freude und Gott zur Ehre. Der damals verantwortliche Pfarrer Christian Wolff beendete seine Schilderung um den Jubiläumsslogan damit, dass der sich glücklicherweise durchgesetzt habe. Denn während des Jubiliäums sei allen, auch den Kritikern deutlich geworden, dass er schlicht wahr sei. Gemeinsam glauben, singen, lernen – das ist es, was das alltägliche Leben der Jungs im Thomanerchor ausmacht. Denn die Knaben singen zuallererst von Gott. Und diese himmlische Musik macht etwas mit den Menschen: mit den Knaben, die singen, mit den Lehrern, die Unterricht und Musik verantworten, mit dem Team rundherum, mit den Kooperationsverträgen zwischen Stadt und Partnern und auch mit jenen, die am Ende zuhören. Die Musik verbindet jede und jeden einzelnen und richtet sie aus. Die Musik richtet sie alle aus auf den einen – auf den, der da ist und der da war und der da kommt. Und das Beste daran ist wohl, dass am Ende alle, selbst jene 90 Prozent der kirchlich nicht Verbundenen, den Eindruck haben, dass das genau richtig ist – und dass etwas Wesentliches fehlen würde, wäre diese Form des Gotteslobes in ihrer Stadt nicht mehr zu hören. Salz der Erde….

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  Mauern

Mauern

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.05.2019

In Berlin stand fast 30 Jahre eine, der amerikanische Präsident möchte eine an der Grenze nach Mexiko bauen, die chinesische hat es als historisches Bauwerk zu Weltruhm gebracht. Ich rede von Mauern. Die gibt es aus Stein und aus Beton, manche von ihnen sind schon sehr alt, so wie die unseres Doms hier, sie sollen schützen, abgrenzen, ausgrenzen, je nachdem, wofür sie gebaut wurden.
Auch auf unseren Lebenswegen kommen wir immer wieder an Mauern. Und davon sind die wenigsten aus Stein und Beton. Die Mauern auf unserem Lebensweg sie werden errichtet aus Ängsten, aus Sorgen, aus Trauer, Leid und Schmerz. Manche von ihnen sind zum Glück ganz niedrig. Sie reichen uns bis ans Knie und wir können aus eigener Kraft darüber hinweg steigen. Andere wiederum sind so hoch, dass wir nicht darüber hinwegsehen können und der Schatten, den sie werfen, lässt es dunkel werden in unserem Leben. Einige dieser Mauern können wir schrumpfen lassen. Manchmal reicht es schon aus, wenn wir Anderen von unseren Mauern erzählen. Es hilft, wenn ich mit meinem Partner, meinen Freunden oder wer auch immer mein Seelsorger und mein Vertrauter ist, darüber rede, dass ich traurig bin oder mich Sorgen quälen.
Das ist aber nicht immer so. Manchmal fehlt mir der Gesprächspartner und manchmal auch der Mut. Für solche Situationen gibt es folgendes, hilfreiches Wort aus dem 18. Psalm: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ So schlicht und bildhaft es klingt, so sorgfältig sollten wir diesen Satz Wort für Wort annehmen. Er heißt nicht: Mit Gott kann ich über Mauern springen, sondern: mit meinem Gott. Es ist nicht irgendein Gott, der von ganz weit weg auf die Menschen schaut – so weit weg vielleicht, dass er den einzelnen gar nicht mehr erkennt. Nein, es ist mein Gott – Ihrer und Deiner und meiner. Gott ist für mich da, ganz unmittelbar, höchstpersönlich und individuell. Und er kennt eben nicht nur die Sorgen der Menschen im Allgemeinen, nein er kennt das, was mich gerade jetzt ganz konkret bedrückt und was mir auf der Seele liegt. Gott kennt jeden von uns in- und auswendig und er weiß vielleicht besser über uns Bescheid, als wir selbst.
Und ja, wir können mit ihm über Mauern springen. Das funktioniert nun allerdings nicht immer so, wie wir es uns vielleicht erhoffen. Gott ist keine Wunscherfüllungsmaschine und die Art und Weise, wie er uns hilft, ist oftmals anders, als wir uns das vorgestellt haben. Das Bibelwort heißt nicht, dass unser Gott uns über die Mauern tragen wird. Anlauf nehmen und losspringen, das müssen wir schon selbst. Aber er wird uns dabei helfen – mit Kraft und Hoffnung und Selbstvertrauen.
Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Also dann vor der nächsten Mauer: Loslaufen und drüberspringen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Tag des Lichts

Tag des Lichts

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.05.2019

Heute ist der Tag des Lichtes. Die UNESCO hat ihn im vergangenen Jahr ausgerufen, um die Bedeutung des Lichtes für Wissenschaft, Kultur und nachhaltige Energieversorgung zu unterstreichen. Der 16. Mai wurde gewählt, weil der amerikanische Forscher Theodore Maiman am 16. Mai 1960 den ersten funktionsfähigen Laser in Betrieb nahm. Damals wusste man noch nicht, was man mit einem Apparat, der Licht sehr stark bündeln konnte, anfangen sollte. Maiman sagte, er habe eine Lösung gefunden, die noch nach einem Problem sucht. Heute ist der Laser im produzierenden Gewerbe aber insbesondere auch in der Medizin nicht mehr wegzudenken.
Doch Licht spielt nicht nur in Forschung und Technik eine große Rolle. Licht ist ganz grundlegende Voraussetzung für Leben schlechthin. Ganz wenige Pflanzen und Tiere können in vollkommener Dunkelheit überleben. Ihre ganze Pracht entwickelt die Natur erst dann, wenn Licht ins Spiel kommt. Wir Menschen haben keine Chance, ohne Licht zu überleben – für einen begrenzten Zeitraum vielleicht, auf Dauer aber nicht, denn ohne Licht versiegen all unsere Nahrungsquellen. Außerdem leidet unsere Seele unter der Dunkelheit. Nicht zuletzt deshalb steigt die Zahl von Selbstmorden und suchtkranken Menschen in den langen dunklen Wintern zum Beispiel in Skandinavien.
Licht ist für uns existenziell wichtig. Und so verwendet auch die Bibel das Licht in vielen Beschreibungen. Jesus Christus sagt von sich selbst, dass er das Licht der Welt ist. Dieses Wort hat Bedeutung in verschiedener Hinsicht: Zum einen ist dieses Licht der Welt die Basis für unser Leben insgesamt, es erhellt aber auch das Dunkel, damit wir klarer erkennen können, worauf es wirklich ankommt. Jesus bringt Licht in unsere Unwissenheit und erleuchtet, was vorher verschwommen, verborgen und unklar war. Und Paulus fordert uns auf, als Kinder des Lichts zu leben. Belohnt werden wir dafür mit Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Wunderbare Bibelworte und Bilder. Doch was bedeutet das für uns nun ganz konkret? Ich denke, dass wir alle im übertragenen Sinne Lichter brauchen, an denen wir uns orientieren können, die es hell werden lassen in unserem Leben. Es sind die Dinge, aus denen wir Kraft schöpfen, die uns Hoffnung geben, die uns immer wieder motivieren, weiter zu gehen auf unseren Lebenswegen. Familie und Freunde, kurz: Menschen, die uns guttun, können dieses Licht sein. Ein für uns wertvolles Hobby, unser Beruf oder ehrenamtliche Tätigkeiten spielen für manche eine solche Rolle und natürlich und last but not least ist es unser Glauben.
Dazu lädt uns Jesus Christus ein. Er will uns diesen Glauben schenken, der es hell machen kann in uns, auch und gerade dann, wenn alles andere dazu nicht mehr ausreicht. Der Tag des Lichtes: Eine gute Gelegenheit, auch unsere inneren Scheinwerfer wieder einmal neu auszurichten auf den, der uns sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.“

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  Liebe Schwestern und Brüder!

Liebe Schwestern und Brüder!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.05.2019

Ich fange heute mal etwas anders an. Normalerweise werden Sie wochentäglich um 17:00 Uhr mit „Liebe Andachtsbesucherinnen und Andachtsbesucher“ begrüßt, was ja auch passend ist. Heute begrüße ich Sie mal mit: Liebe Schwestern und Brüder. In den Sonntagsgottesdiensten ist diese Anrede durchaus gebräuchlich. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir uns mit „Schwester“ und „Bruder“ anreden, hier bei Kirchens?
Auf dieses Thema gekommen bin ich, weil heute der internationale Tag der Familie ist. Er wurde von den Vereinten Nationen ausgerufen und liegt jedes Jahr auf dem 15. Mai. Mit Familie ist das ja so eine Sache. Meist herrscht eine recht enge Bindung unter den Familienmitgliedern, das Miteinander ist geprägt von Vertrauen und Vertrautheit und meistens kommt man auch ganz gut miteinander aus. Die besondere Erschwernis liegt allerdings in dem Umstand, dass man sich Familie im Gegensatz zu zum Beispiel Freunden nicht aussuchen kann. Die Familie, in die wir hineingeboren werden, ist einfach schon da und ein Umtauschrecht gibt es nicht.
Und nun also auch noch eine zweite Familie, nämlich die derer, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Schwestern und Brüder sollen wir sein. Gestiftet hat diese Familie niemand geringerer als Jesus Christus selbst und das Ganze kirchenjahreszeitlich vor nur ein paar Wochen. Es passiert am Ostermorgen, als Maria Magdalena den Auferstandenen trifft. Zunächst erkennt sie ihn nicht und hält ihn für den Gärtner. Dann jedoch, als die beiden, Jesus und Maria Magdalena miteinander gesprochen haben, fordert Jesus sie auf: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Und damit ist klar, dass Jesus unser aller Bruder ist, Gott unser aller Vater und wir logischerweise Schwestern und Brüder.
Das sollten wir uns wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: Spätestens an dieser Stelle begibt sich Jesus mit uns allen auf Augenhöhe. Er ist nicht der große, abgehobene Gottessohn, vor dessen Macht und Göttlichkeit wir uns alle in den Staub werfen müssten. Nein, unser Bruder ist er, vielleicht unser großer Bruder, der uns hilft und beschützt, keinesfalls jedoch jemand, der uns unterdrücken will.
Und wir untereinander: Durch unseren christlichen Glauben sind wir mit hineingenommen in die Heilige Familie. Wir gehören dazu und das mit allen Privilegien. Wir sind mit Gott auf Du und Du und stehen uns auch untereinander allein durch die gemeinsame Basis unseres Glaubens schon sehr nahe. Und ich denke, dass das auch gut so ist.
Auch ein Glaubensleben ist niemals nur glatt und einfach. Immer wieder sind wir Anfechtungen ausgesetzt, haben Zweifel, weil uns Dinge widerfahren, die so gar nicht mit unserem Gottesbild zusammenpassen wollen. Wir werden belächelt, wenn wir erzählen, dass wir Christen sind und es sogar zum Äußersten kommen lassen und ab und zu mal ganz freiwillig in die Kirche gehen. All das ist in Gemeinschaft – in geschwisterlichen Gemeinschaft – viel besser auszuhalten. Es ist schwer, für sich alleine Christ zu sein. Gemeinsam klappt das besser. Gut, dass wir einander haben und gut, dass unser großer Freund und Bruder uns zu seinen Geschwistern gemacht hat.

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  Und es reicht doch!

Und es reicht doch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.05.2019

Fünf war‘n geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen! Das wäre eine augenzwinkernde Zusammenfassung der biblischen Geschichte von der Speisung der 5.000. In den Evangelien schwankt die Zahl Hungrigen, mal sind es 5.000 mal 4.000, doch im Kern geht es immer um dieselbe Problematik: Es ist weniger verfügbar, als benötigt wird. In der biblischen Geschichte geht es ganz konkret um Nahrung, doch ich denke, dass man den Tenor auch weiter fassen kann.
Wir Menschen kommen immer wieder in Situationen, in denen wir mehr von etwas brauchen, als wir haben. Sorgen und Probleme können sich zu derartig hohen Bergen auftürmen, dass wir meinen, wir könnten nicht darüber hinwegsehen. Trauer und Schmerz können uns so stark bedrücken, dass uns die Luft zum Atmen genommen wird. Menschen, die uns nahe sind, können uns so tief verletzten, dass unsere Liebe zu ihnen nicht auszureichen scheint, um ihnen zu verzeihen.
Die Jünger in der biblischen Geschichte von der Speisung der 5.000 schlagen Jesus vor, die Leute wegzuschicken, damit sie sich selbst um Essen kümmern. Das kann man machen. Man kann versuchen, eigene Probleme anderen anzuhängen, sie wegzudelegieren und zu sagen: Das ist nicht meine Baustelle. Das klappt aber nicht immer und da es im vorliegenden Fall um das Wohl anderer Menschen geht, verwundert es wenig, dass Jesus darauf nicht einsteigt. Ganz im Gegenteil. Er sagt zu seinen Jüngern: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Das ist eine stramme Ansage, denn augenscheinlich warten da 5.000 Leute und im Korb sind fünf Brote und zwei Fische. Das wird nicht aufgehen. Doch Jesus ignoriert alle Einwände, nimmt das, was zur Verfügung steht, segnet und verteilt es und siehe da: Auf einmal ist es so viel, dass am Ende sogar noch etwas übrigbleibt. Wie das genau passiert ist, erfahren wir nicht. Doch darauf kommt es auch gar nicht an, denn die Geschichte will uns etwas anderes sagen: Sie will uns sagen, dass es auch jenseits unserer eigenen Kraft, unseres eigenen Geldes, unserer eigenen Zeit, unseres eigenen Könnens und Wollens etwas gibt, das uns weiterhilft, auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind. Wir dürfen uns auf Gott verlassen, der es schon richten wird, auch wenn die Situation in der wir stecken, völlig aussichtslos erscheint.
Wir alle sind begrenzt in unseren Fähigkeiten, in unserem Vermögen in unserer Zeit und Lebenszeit. Doch wenn wir das, was wir haben – und wenn es uns noch so unzureichend erscheint, dankbar annehmen, es teilen und an andere weiterreichen, dann können wir erleben, dass Gott auf ganz wunderbare Weise für uns sorgt: Mit unserem täglichen Brot, mit wunderbaren Menschen, die er uns in den Weg stellt, mit seiner unendlichen und unbedingten Liebe. Das ist die Botschaft dieser Geschichte. Vertrau dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohlmachen, auch mit Dir!

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  Tag der Pflege

Tag der Pflege

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.05.2019

Wir sind am Dom mit den Worten zum Alltag ja meist tagesaktuell, heute jedoch nicht, denn gestern war Sonntag, da gab es kein Wort zum Alltag und so schauen wir heute einen Tag zurück. Denn gestern, am 12. Mai, war der internationale Tag der Pflege und das darf nicht unerwähnt bleiben.
Der Gedenktag geht zurück auf Florence Nightingale, die am 12. Mai 1820 in Florenz geboren wurde. Sie war eine britische Krankenschwester und gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und als einflussreiche Reformerin des Gesundheitswesens. Nightingale forderte neben dem ärztlichen Berufsstand auch eine eigenständige pflegerische Ausbildung. Hierzu gründete sie in London eine Schule für Pflegekräfte und legte damit den Grundstein für eine Professionalisierung des Krankenpflegewesens und zur gesellschaftlichen Anerkennung des Pflegeberufs.
Mit dieser Anerkennung ist es bis heute bei uns so eine Sache. Ich denke, dass zumindest jeder, der schon einmal den Dienst einer Pflegekraft in Anspruch genommen hat, den Pflegerinnen und Pflegern hohen Respekt zollen kann. Sei es in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder in der ambulanten Versorgung von alten und kranken Menschen, die pflegenden Frauen und Männer vollbringen einen wertvollen und unverzichtbaren Dienst. Mein Vater liegt seit knapp drei Wochen im Krankenhaus und er genauso wie wir als Familie erleben gerade ganz unmittelbar, wie segensreich es ist, zugewandte, kompetente und empathische Pflegerinnen und Pfleger in seiner Nähe zu wissen. Die individuelle Anerkennung und Würdigung des Pflegeberufes ist also meist unbestritten.
Anders sieht es aus, wenn wir uns die gesellschaftliche Wertschätzung des Pflegestandes ansehen. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit von pflegenden Berufen wird dabei immer wieder von Politikern, Verbänden und Gesundheitsorganisationen betont. Wirft man allerdings einen Blick auf die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung von Krankenschwestern und Pflegern, verliert die zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung mitunter ziemlich an Glanz. Die Arbeitszeiten sind herausfordernd – kein regelmäßiges Wochenende, keine arbeitsfreien Feiertage und die Vergütung ist nicht so, dass damit Reichtümer anzuhäufen wären. Hinzu kommt, dass die Betreuungsschlüssel aus finanziellen Gründen immer schlechter werden, will sagen, dass sich immer weniger Pflegekräfte um immer mehr Patienten kümmern müssen.
Dabei ist das, was sich diese Menschen zum Beruf gemacht haben, nicht hoch genug zu würdigen. Sie vollbringen aktive Nächstenliebe. Ihr Dienst an Kranken und Hilfsbedürftigen ist das, was auch aus christlicher Perspektive Verpflichtung von uns allen untereinander sein sollte. Sie investieren ihre Kraft zum Wohle anderer Menschen. Uns als Gesellschaft und auch uns als Kirche muss daran gelegen sein, dass der Pflegeberuf in der öffentlichen Diskussion nicht zu einem Kostenfaktor verkommt. Vielmehr müssen wir deutlich machen, dass er ein unabdingbares Element für ein soziales und menschliches Miteinander ist und somit den Pflegerinnen und Pflegern in jeder Beziehung Wertschätzung und Respekt für ihr segensreiches Tun gebührt. Der Tag der Pflege ist ein gutes Datum, daran zu erinnern. Denn einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6.2)

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  Kanzelsegen

Kanzelsegen

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.05.2019

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. So lautet das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht. Und dieses Wort ist wahrscheinlich schon tausendfach von dieser Kanzel gesprochen worden, denn mit ihm endet fast jede evangelische Predigt. Es ist der sogenannte Kanzelsegen, der aus dem Paulusbrief an die Gemeinde in Philippi stammt. Vom Friede Gottes ist darin die Rede und davon, dass er höher ist, als alle Vernunft. Gerade dieser Halbsatz hat es in sich, wie ich finde. Er mahnt uns, die wir hier oben stehen, uns selbst und das, was wir zu sagen haben, nicht zu wichtig zu nehmen und schon gar nicht als der Weisheit letzten Schluss zu verkaufen. Denn das kann es niemals sein. Predigt kann nur helfen, zu verstehen, sie kann gedankliche Türen öffnen, Anstöße geben und darf dazu durchaus auch anstößig sein. Doch Glauben stiften kann selbst eine noch so gute Predigt nicht. Das bleibt dem vorbehalten, von dem wir in unseren Predigten erzählen.
Darüber hinaus führt uns der erste Teil des Kanzelsegens in jedem Gottesdienst auch vor Augen, dass wir Menschen in unserem Verstehen begrenzt sind. Im Alten Testament wird Gott prophetenseitig mit den Worten zitiert: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Gedanken höher als eure Gedanken. Gott und sein Handeln sind und bleiben unergründlich. Wir dürfen uns einfach nicht anmaßen, alles verstehen zu wollen, alles durchschaut zu haben und somit auf Gott nicht mehr angewiesen zu sein. Mit einer solchen Haltung werden wir ganz sicher scheitern. Denn wir haben eben nicht alles selbst im Griff, wie uns selbst immer wieder eindrucksvoll vor Augen führen.
Ja, es ist final ein anderer, an dem wir nicht vorbeikommen und vor dessen Allmacht wir uns nur demütig verneigen können. Doch wir dürfen eben wissen, dass er es gut mit uns meint. Wir können uns in Demut vor ihm verneigen, er will uns aber nicht klein halten. Auch wenn wir noch so unverständig auf das schauen, was uns und den Menschen um uns herum widerfährt, wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird.
Und daher vertraut Paulus auch unsere Herzen und Sinne unserem Freund und Bruder Jesus Christus an. Wir sind noch immer in der österlichen Freudenzeit und feiern den Sieg des Lebens über den Tod, feiern, dass wir immer Hoffnung haben dürfen, feiern, dass Gott in seinem Sohn seines großes „Ja“ zu uns gesprochen hat. Bei ihm dürfen wir uns geborgen, angenommen und geliebt fühlen, ganz egal, was uns auch passieren wird auf unseren Lebenswegen. Es ist uns geschenkt, in dieser Gewissheit leben zu dürfen. Das entlastet, beruhigt und stärkt – auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Latein und unserem Verstand am Ende sind.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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  Tag des freien Buches

Tag des freien Buches

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.05.2019

Heute ist der Tag des freien Buches. Er wurde 1983 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen und erinnert an die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, die die Nazis als „Aktion wider den undeutschen Geist“ initiiert hatten. Werke vor allem jüdischer, sozialdemokratischer, marxistischer und pazifistischer Autoren, darunter Heinrich und Thomas Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Karl Marx, Siegmund Freud und Carl von Ossietzky wurden verbrannt, um „die Reinheit der deutschen Sprache zu sichern“ und „die Lüge auszumerzen“, wie es hieß. Auch hier bei uns in Braunschweig auf dem Schlossplatz brannten Bücher. Etwa eintausend Werke waren es, die angeführt vom damaligen Rektor der Technischen Universität vernichtet wurden. Die Gedenktafel vor dem Schloss trägt die Inschrift: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Die perverse Idee, die hinter der Bücherverbrennung stand, sollte in zweierlei Hinsicht wirken: Zum einen sollte fokussiert werden, welche Ziele die neuen Machthaber verfolgten und welche Gedanken, Religionen und Weltanschauungen vernichtet werden sollten. Zum anderen war das Ziel, die guten deutschen Zeitgenossen von den schlechten abzugrenzen und letztere auszugrenzen. Die Bücherverbrennung war keine Aktion, die sich nur speziell gegen die Autoren der verbrannten Bücher und deren Werke richtete. Sie war eine Aktion gegen die jüdischen, sozialdemokratischen, marxistischen und pazifistischen Mitbürgerinnen und Mitbürger insgesamt. Sie war einer von vielen Keilen, mit denen die Gewollten von den Ungewollten getrennt werden sollten. Im Feuerschein der brennenden Literatur sollte allen klargemacht werden, auf welcher Seite man zu stehen hatte und was einem drohte, wenn man das nicht einsah. Die Nazis wollten, wie sie sagten, die Lüge ausmerzen und der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen. Was für ein unfassbarer Zynismus. Die rechte Propaganda war maßgeblich aufgebaut auf Lügen, mit denen die identifizierten Feinde des Deutschen Volkes diskriminiert wurden. Auch die Nazis nutzten Fake news. Sie nutzen Fake news, um Stimmung zu machen gegen diejenigen, die sie in die Rolle des Sündenbocks gesteckt hatten, um gegen sie zu hetzen und die öffentliche Meinung gegen sie aufzubringen.
Das passiert auch heute immer wieder. Da macht ein Politiker dieser Partei, die seit der letzten Bundestagswahl in unserem Bundestag sitzt, Migranten für Wohnungsnot und Verwahrlosung verantwortlich und wird dafür vom Parteivolk grölend bejubelt, da wird eine Mauer gefordert, um die USA vor Kriminellen zu schützen, da will man uns weismachen, dass der Klimawandel bloß ein bisschen schlechtes Wetter ist. Ich denke, wir müssen aufmerksam sein, um die zu erkennen, die uns mit ihren falschen Wahrheiten für ihre falsche Sache gewinnen wollen. Und wir müssen mutig genug sein, ihnen zu widersprechen. Als 1933 die Bücher brannten, war es für vieles schon zu spät. Der heutige 10. Mai ermahnt uns, wachsam zu sein und zu bleiben, damit sich dieser Teil der Geschichte, den manche verantwortungsloserweise einen „Vogelschiss“ nennen, nicht wiederholt.
Motivation dafür finden wir in Worten aus dem 2. Timotheusbrief. Dort heißt es: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

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  Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug

Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 09.05.2019

„Selbst, wenn uns unsre Blindheit von dir triebe, wenn uns betört des eignen Herzens Trug:
Größer als unser Herz ist deine Liebe! Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug.“

Der brasilianische Theologe Lindolfo Weingärtner hat diese Worte verfasst. Und er trifft damit unsere Gegenwart. Inmitten neuer Diskussionsrunden zur Zukunft der Kirche sind es stärkende und vergewissernde Worte. Denn am Ende hängt der christliche Glaube eben nicht an uns Menschen, sondern an Gott selbst. Das ist die tröstliche Botschaft.

Tatsächlich lese ich die Geschichte der Kirche in den vergangenen zweitausend Jahren genauso: Immer wieder, wenn die sichtbare Kirche auf ganz schrägen Bahnen unterwegs war, entwickelte sich aus dem Evangelium heraus hauseigener Widerstand. Gegen das Sammeln zu großer Reichtümer, gegen eine zu enge Verknüpfung von politischer und religiöser Macht, überhaupt gegen falsche Machtansprüche, gegen den Verkauf des Evangeliums bis hin zum Thema von heute, also die Frage vieler Glaubender danach, welche Strukturen dafür verantwortlich sind, dass Missbrauch und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in dieser Masse passieren konnten. Stattdessen werden wir Glaubenden regelmäßig daran erinnert, dass uns gesagt ist, was gut ist, nämlich uns für den Nächsten einsetzen und demütig sein vor niemand anderem als unserem Gott.

Denn auf Erden bleibt der Mensch in all seinen Bezügen – und eben auch in jenen der sichtbaren Kirche – im Unvollkommenen. Deshalb braucht es Zusage und Evangelium gleichermaßen: die ernsthafte Einsicht, fehl gegangen zu sein, verbunden mit dem inneren Wunsch der Umkehr sowie die Zusage, dass die Umkehr Veränderung ermöglicht. Wahrscheinlich ist mir deshalb das Gleichnis vom verlorenen Schaf eines der liebsten. Sie erinnern sich? Bei Matthäus heißt es:

„Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er's findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ist's auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“ (Mt 18,10-14)

Gott bleibt. Auch wenn wir uns kleingeistig von ihm abwenden. Er bleibt, geht uns nach, begegnet uns in immer wieder anderen Gestalten, Gesichtern, Fragen und Deutungen. Und spätestens am Ende wird ER selbst uns finden – und, so vertraue ich, auch heimholen. Denn:

„Selbst, wenn uns unsre Blindheit von dir triebe, wenn uns betört des eignen Herzens Trug:
Größer als unser Herz ist deine Liebe! Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug.“

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  VE-Day

VE-Day

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.05.2019

Heute ist in vielen Ländern Europas „VE-Day“, „Victory in Europe Day“; also „Sieg in Europa Tag“, der Gedenktag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945. Mit dem 8. Mai wird das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert – und in anderen Ländern wird dieser Tag als Feiertag begangen. 74 Jahre liegt dieser 8. Mai zurück, ein ganzes Menschenleben. Und dieses ganze Menschenleben lang durfte Europa Frieden erfahren!

VE-Day. Siegestag. Meine Generation hat diesen Tag in dieser Deutung gelehrt bekommen. Als einen Tag des Siegs des Guten über das in Hitler personifizierte Böse. Aber die Wahrheit ist wohl auch, dass nicht alle schon mit diesem Tag den Frieden erlebten. Und schon gar nicht alle ihn als Sieg erlebten. Wenn ich mir die Erzählungen derer anhöre, die damals Kinder waren, dann galten auch für die Zeit nach dem 8. Mai vielerorts Hunger, Gewalt und Vertreibung.

VE-Day. Siegestag. Mir scheint, dass der Sieg vor allem erst einmal in der Zukunft lag, die dieser 8. Mai ermöglichte. Die einen wurden befreit und konnten endlich wieder nach Hause zurückkehren. Auch wenn sie nicht wussten, was genau sie dort eigentlich erwarten würde – und wie sie mit dem Erlebten würden leben können. Die nächsten konnten endlich ihre Verstecke verlassen, die wirklichen oder die, mit denen sie ihrem Herzen Stillschweigen verordnet hatten, um in jenem Deutschland von damals nicht aufzufallen. Und die letzten mussten lernen, dass ihre Ideologie nicht nur Irrtum, sondern eine Fratze des Bösen gewesen war.

Am VE-Day lag der wahre Sieg in einer Zukunft, die erst noch werden musste – und, Gott sei Dank!, geworden ist. Heute nun ist er schon lange Gegenwart. So lange, dass ich mir manchmal Sorgen um ihn mache. Schätzen wir ihn wirklich noch hoch genug? Jenen Sieg, der eben nicht nur Sieg unserer Gegner war, sondern mit Frieden, Demokratie, Freiheit und Wohlstand, die auf die Kriegsjahre folgten, am Ende auch unser Sieg geworden ist.

Vermutlich braucht es den steten Blick zurück, um zu begreifen, wie kostbar und welch großer Sieg diese Friedenszeit ist, in der wir leben. In der Jahreslosung ist uns gesagt: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Ps 34,15)

Und als Mittel, die zum Frieden führen, empfiehlt der Apostel Paulus der Gemeinde in seinem Galaterbrief das Leben im Geiste Gottes. Es schreibt:
„Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet. Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Die Frucht aber des Geistes Gottes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut“. (Gal 5,13-16.22)

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  Warum so furchtsam?

Warum so furchtsam?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.05.2019

„Experten: Kirchen müssen mehr mit ihren Leistungen werben“, so titelt eine Pressemeldung des Evangelischen Pressedienstes. Sie zitiert damit Reaktionen auf die Prognosen der sinkenden Kirchenmitgliedschaft bis 2060. Mal davon abgesehen, dass ich der Typ bin, der lieber auf das halb volle als das halb leere Glas schaut, wundere ich mich auch. Mit meinen Leistungen werben? Mir scheint, da geraten Kategorien wesentlich durcheinander – und das ist ein Problem.

Natürlich trage auch ich in mir den tiefen Herzenswunsch, dass die Botschaft von der Auferstehung Christi, von der göttlichen Leidenschaft für den Menschen und von einem Leben auf Erden, das das Gebot der Nächstenliebe als göttlich und in seiner Wirksamkeit für das Leben anerkennt, sich als gute Nachricht weitersagt. Ich glaube auch fest daran, dass wir Menschen durch unseren Glauben wieder und wieder über uns selbst hinauswachsen können, weil sowohl die Erzählungen des Glaubens als auch das Gebet uns existentiell treffen und so neue Perspektiven eröffnen. Aber die Kategorie der Werbung ist doch nicht die Kategorie der Mission, also des fröhlichen Weitersagens dessen, was uns selbst fröhlich unserer Wege ziehen lässt.

Als Beispiel einer möglichen Werbung werden die Taufen benannt: so sollen wir z.B. mehr Tauffeste anbieten. Und ich merke, wie es in mir aufbegehrt: Die Taufe ist doch nun wirklich kein Produkt, das zu verkaufen wäre…. Die Taufe ist mein antwortendes „Ja“ auf das „Ja“ Gottes zu mir. Und nichts, was ich jemandem aus guten oder schlechten Gründen unterjubeln will. Ansonsten finde ich Tauffeste ganz wunderbar, weil ich als ehemals Alleinerziehende weiß, dass es manchmal auch die äußeren Umstände eines schwierig zu organisierenden Familienfestes sind, die von der Feier der Taufe abhalten. In meiner Vikariatsgemeinde waren die Tauffeste in der Kirche die reine Freude; außerdem bieten Tauffeste die Möglichkeit, auch einmal in die Natur zu gehen und z.B. an einer Quelle zu taufen oder an einem Fluss. Unter dem himmlischen Zelt Gottes zu feiern, kann etwas ganz besonders Schönes sein! Aber gerade solch besondere Momente im Sinne einer Werbung zu verzwecken, halte ich für den Tod im Topf. Wollen wir wirklich, dass unsere Sakramente anderes sein sollten als selbstzwecklicher Ausdruck des Glaubens?

Werbung will verkaufen. Kirche sollte nicht verkaufen. Weder Ablässe noch Events noch ihre frohe Botschaft. Kirche sollte begeistern. Sie sollte um die Menschen ringen, um jede und jeden einzelnen, mit Herz und Leidenschaft. Sie sollte gesellschaftlich mahnen, wo Unrecht oder Unbarmherzigkeit geschehen. Und sie sollte so selbstbewusst und so mutig in die Zukunft gehen, wie sie selbst von Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft predigt. In der Tageslosung heißt es: „David wusste sich stark durch den Herrn, seinen Gott“ (1. Sam. 30,6) – Sollten wir diese Stärke angesichts eines Prognosen-Goliath etwa vergessen?

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  Anti-Diät-Tag

Anti-Diät-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.05.2019

Wenn Sie – so wie ich bisweilen – zu Hause um Ihre Waage einen großen Bogen machen oder nur mit feuchten Händen draufsteigen, wenn Sie beim Gedanken an Schokolade, Torte oder Sahnesoße ein schlechtes Gewissen bekommen oder wenn Sie sich über kneifende Hosenbünde ärgern, dann dürfen Sie heute befreit aufatmen! Denn heute ist der internationale Anti-Diät-Tag. Ins Leben gerufen hat ihn die englische Schriftstellerin Mary Evans Young, nachdem sie von einer Essstörung geheilt war. Young setzt sich seitdem für die Akzeptanz des eigenen Körpers und gegen den in den Medien in unseren Breiten propagierten Schlankheitswahn ein.
Gerade junge Menschen und unter ihnen insbesondere Mädchen leiden oft darunter, dass ihr eigener Körper nicht dem allgemein als akzeptiert geltenden Schönheitsideal entspricht. Depressionen, Magersucht und sogar Selbstmord können die schlimmen Konsequenzen sein, die aus einer solchen Selbstablehnung erwachsen. Doch wer bestimmt eigentlich, was schön ist und was nicht? Ja, es sind ganz maßgeblich die Medien, die hier den Zeitgeist beeinflussen. Schlank ist attraktiv, erfolgversprechend, „in“ und erstrebenswert. Mollig sind hingegen die Außenseiter, die Erfolglosen, die, die ihr Leben nicht im Griff haben. Was für ein Blödsinn!
Ziele des Anti-Diät-Tages sind konsequenterweise die Würdigung und Wertschätzung der Unterschiedlichkeit von uns Menschen. Es gibt eben große und kleine, dicke und dünne, schwarze und weiße – Gotteskinder. Was Mode und Schönheitsideale beschreiben, sind ausnahmslos Äußerlichkeiten, die das, was einen Menschen tatsächlich ausmacht, völlig außer Acht lassen. Es klingt etwas abgedroschen und manchmal sogar als Entschuldigung, doch es ist einfach so, dass die inneren Werte entscheidend sind und nicht, wie jemand aussieht und schon gar nicht, wie viel er auf die Waage bringt.
Und doch werden Menschen immer noch und immer wieder wegen derartiger Unwichtigkeiten diskriminiert und verletzt. Ja, natürlich tragen wir auch Verantwortung für uns selbst, für unsere Gesundheit und dafür, dass wir mit unserem geschenkten Leben und unserem Körper sorgsam umgehen. Aber wir dürfen eben auch wissen, dass Gott uns annimmt und liebt, so wie wir sind. Und wir dürfen das auch selbst. Ich darf und ich soll mich selbst lieb haben – liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus. Und irgendwelche Einschränkungen bezogen auf den BMI oder die Konfektionsgröße, sind in diesem Satz nicht zu finden.
Im Übrigen denke ich, dass es für ein gelingendes Leben unabdingbar ist, dass wir mit uns selbst im Reinen sind. Nur wenn ich mich selbst lieb habe, kann ich auch auf andere Menschen liebevoll zugehen. Ich muss erfüllt sein mit Liebe, auch zu mir selbst, um Liebe an andere weiterzugeben. Darauf kommt es an. Und ob wir dabei ein paar Kilo mehr oder weniger auf die Waage bringen, wird Gott herzlich egal sein.

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  Die Mischung macht’s!

Die Mischung macht’s!

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.05.2019

Was denn nun? Carpe diem – pflücke den Tag oder Memento mori – bedenke, dass du sterben musst? Besonders im Mittelalter waren diese beiden Kontrapunkte zeitgeistbestimmend.
Dabei wurde das Memento mori auch gern als Mittel eingesetzt, um Menschen Angst vor ewiger Verdammnis einzuflößen. Man sagte, dass jedes Fehlverhalten im irdischen Leben zur Eintrittskarte in die Hölle werden könnte. Die Ableitung daraus waren größte Anstrengungen, um die Strafe des Jüngsten Gerichtes abzumildern und um sich Gottes Gnade zu verdienen. Die Gegenposition dazu war das Carpe diem: Hol aus deinem ohnehin nur kurzen und leidvollen Leben soviel raus, wie nur geht! Lass dir keine Gelegenheit entgehen, um Lust, Freude und persönliches Glück zu erleben und zu genießen. Jüngstes Gericht? Mir doch egal!
Für die Menschen unserer Zeit ist die Entscheidung zwischen den beiden Polen Memento mori und Carpe diem deutlich leichter, denn das erstgenannte hat seinen Drohcharakter verloren, was auch gut ist. Nicht zuletzt hat Martin Luther klargemacht, dass man sich das Himmelreich und Gottes Gnade nicht verdienen kann. Beides ist und bleibt ein Geschenk. Außerdem bestätigt uns Luther, dass wir alle durch Jesus Christus vor Gott bereits gerechtfertigt sind, ohne dass wir unser Leben lang permanent eine Glaubensheldentat nach der anderen produzieren müssten.
Damit könnten wir ja nun getrost auf den Carpe-diem-Pfad abbiegen und es in unserem Leben so richtig krachen lassen – ich sag mal ganz platt: auf Teufel komm raus! Doch wie das oft so ist: Extreme sind selten die beste Lösung. Denn ein Carpe diem in Reinkultur kann sehr schnell mal den eigenen Vorteil zum Nachteil des Mitmenschen werden lassen, weil das eigene Wohl und der eigene Nutzen über die des Anderen gestellt werden. Dann wird mein Carpe diem zum reinen Egoismus, zur Verantwortungslosigkeit und zum Leben zu Lasten meines Nächsten.
Es ist die gesunde Mischung aus beiden Positionen, die ein gutes Leben ausmachen kann, wie ich finde. Dass Jesus uns ein Leben in Fülle wünscht, hat er selbst gesagt. Und ein Leben in Fülle beinhaltet ganz sicher auch Glück, Spaß und Freude. Doch dabei darf die Nächstenliebe nicht unter die Räder geraten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagt Jesus. Sieh zu, dass es deinen Mitmenschen gut geht und achte darauf, dass du selbst nicht zu kurz kommst. Lass es dir gut gehen, übernimm aber auch Verantwortung für das, was du tust und sorge dafür, dass deine Mitmenschen ebenso eine Chance auf ein gutes und erfülltes Leben haben. Das ist die Jesuanische Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Was denn nun?
Und wenn wir trotz bester Absichten einmal aus der Balance geraten zwischen Carpe diem und Memento mori: Gott gibt uns jeden Tag die Chance für einen Neuanfang und für den Versuch, es heute besser zu machen als es uns gestern gelungen sein mag – mit Lebensfreude, mit Liebe und in Jesu Namen.

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  Von Statistiken und Prognosen

Von Statistiken und Prognosen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 03.05.2019

Es ist mal wieder so weit. Die Kirche geht unter. Mindestens emotional. Dieses Mal sind es die Freiburger Finanzwissenschaftler, die uns auf Anfrage der EKD mit der Hiobsbotschaft um die Ecke kommen: 2060 werde die Kirche nur noch halb so viele Mitglieder und Einnahmen haben wie heute. Als Gründe werden der demographische Wandel sowie Tauf- und Austrittsverhalten der letzten Jahre angegeben. Meine Tageszeitung hat übrigens den tiefgreifenden demographischen Wandel aus ihrer Darstellung gestrichen und den vollen Fokus auf jene gelegt, die sich von der Kirche abwenden – eine Botschaft ganz eigener Art.
Ich selbst lese die Zahlen und verzweifle. Nicht weil ich Angst vor der Prognose hätte, sondern weil ich es ehrlich gesagt nicht mehr hören kann. Seit ich sechszehn bin, bin ich im kirchlichen Raum unterwegs. Und genauso lange höre ich das Prognosen-Lamento. Damals war es das Jahr 2020, in dem die Kirche am finanziellen Abgrund stehen sollte. Nun sind wir hier, die Gemeindegliederzahlen sind tatsächlich gesunken, aber deutlich weniger dramatisch als erwartet. Und die Einnahmenlage ist vollkommen wider Erwarten stabil geblieben.
Wissen Sie, durchaus ketzerisch frage ich mich, ob sich der Jesus am Kreuz eigentlich auch Gedanken darüber gemacht hat, wie die Zahlen seines Haufens sich wohl prognostisch entwicklen würden, ausgehend davon wie sie sich in den letzten Tagen entwickelt hatten: Denn waren es beim Einzug in Jerusalem noch Menschenmassen gewesen, die ihn phrenetisch jubelnd empfangen hatten, wendeten sich im Moment der Verhaftung nicht nur diese vielen von ihm ab, sondern sogar jene elf Jünger, die ihn nicht verraten hatten. Wer blieb, waren einige Frauen, die allerdings in der damaligen Gesellschaft, ist man ehrlich, gar nichts galten….
Wissen Sie, bei aller Verantwortung, die Synoden und andere Gremien tragen, wenn sie über die kirchlichen Gelder entscheiden, möchte ich angesichts dieser Prognosen doch sehr darum bitten, sich das Gleichnis der anvertrauten Pfunde noch einmal vor Augen zu führen (Lk 19,11-27): Dort gibt ein Mann edler Herkunft zehn seiner Knechte je ein Pfund, damit sie es während seiner Abwesenheit verwalten. Die Knechte tun das mit unterschiedlichem Erfolg. Bei der Rückkehr des Verwalters werden die, die mit dem Pfund gearbeitet haben, gelobt; und zwar sowohl jene mit wenig als auch jene mit viel Erfolg. Und nur ein einziger spürt am Ende den Zorn seines Herrn und verliert alles, was er hat. Und das ist der, der das Pfund ängstlich vergraben hatte.
Ich hoffe also sehr darauf, dass die Verantwortlichen sich fragen, wofür Menschen uns ihr Geld als Kirchensteuer überlassen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht tun, damit wir es sicherheitsmotiviert auf Anlagekonten vergragben. Vielmehr denke ich, dass sie es im weitesten Sinne dem Menschen zugut und Gott zur Ehr eingesetzt sehen wollen. Und vielleicht könnten wir uns ja von den nicht eingetretenen pessimistischen Prognosen von vor dreißig Jahren insoweit belehren lassen, dass die Zukunft am Ende – Gott sei Dank – offen ist.

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  Schlummern

Schlummern

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.05.2019

Erinnern Sie sich? An die Zeiten, als die Geschäfte mittags um halbeins schlossen und erst um drei wieder geöffnet haben? Als es in den Straßen nach Mittagessen roch und wir Kinder fröhlich von der Schule nach Hause schlenderten. Mit Glück am Kaugummiautomaten vorbei, wo die am Morgen gefundenen zehn Pfennig schnell wieder dem Wirtschaftskreislauf zugeführt wurden. Das waren Zeiten! Mitten am Tag hielt die Welt damals inne. Deshalb durften wir Kinder uns auch erst frühestens ab drei Uhr verabreden, denn sonst drohten wir Lärmbolde gewiss die Mittagsruhe zu stören – und das wäre ein echtes Sakrileg und damit den Nachbarschaftsstreit wert gewesen.

Meine Konfis kennen das gar nicht mehr. Schon in meiner Jugend verschwand dieses Ritual. Stattdessen öffneten mehr und mehr Geschäfte auch über Mittag. Als Service für den Kunden, versteht sich. Und jenen, die mittags die Augen einfach nicht offen halten können, wird seither der „Powernap“ empfohlen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich klingt das vielmehr nach einer Sportart als einer ordentlichen Ruhepause. Es scheint, als wäre es peinlich zuzugeben, dass irgendwann am Tag die Zeit gekommen ist, in der wir nicht mehr können und neue Kraft finden müssen.

Deshalb habe ich mich von Herzen gefreut, als ich kürzlich folgendes Loblied des Mittagschlafs von Susanne Niemeyer gefunden habe: „Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. / Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. […] Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt.“

Schlummern ohne Zweck und Ziel – einfach zum Kraft Schöpfen und, wie Niemeyer sagt, vielleicht sogar mit dem Glück gesegnet, dem Unvorhersehbaren zu begegnen. Das ist doch etwas. Und biblisch noch dazu, denn im 127. Psalm heißt es (Ps 127,2):
„Seinen Freunden gibt‘s der HERR im Schlaf!“ - Ich finde, das klingt nach echter Weisheit!

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  Maifeiertag

Maifeiertag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.05.2019

„Wie lieblich ist der Maien“ heißt es im Kirchenlied! Und tatsächlich sind die in Blüte brechende Natur, das junge Grün und die ersten wärmenden Lichtstrahlen ja auch wunderbar! Vielleicht ist es diese Zeit, in der Menschen am wenigsten dazu bereit sind, sich einfach abzufinden; in der sie ahnen, dass Dinge und Zeiten sich wandeln können.

Und so passt es eigentlich ganz gut, dass am 1. Mai 1919, also vor genau einhundert Jahren, der erste Maifeiertag in Deutschland stattfand. Gerade einmal zwei Wochen zuvor war er von einer Mehrheit der Weimarer Nationalversammlung durchgesetzt worden. Er war eine Verbeugung vor jenen Kämpfern der Chicagoer Arbeiterbewegung, die am 1. Mai 1886 gegen den Zwölf-Stunden-Tag aufbegehrt und für einen Acht-Stunden-Tag gekämpft hatten. Den Reden des 1. Mai folgten Arbeitsniederlegungen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, die schließlich zu Aufständen und am Ende zu viele Toten führten – unter den Arbeitern und den Polizisten. Tote sind im politischen Ringen stets ein zu hoher Preis. Und ich selbst empfinde die Rede vom Arbeits“kampf“ deshalb auch eher als unpassend heroisch. Aber den Kern der Bewegung: Ungerechtigkeiten benennen und ändern zu wollen, den empfinde ich als ein hohes Gut.

Denn es braucht die rechten Bedingungen, damit nicht nur die Natur, sondern auch das Menschsein sich entwickeln und wachsen kann. Dass viele Menschen in unserem Land heute nicht nur siebzig oder achtzig Jahr, sondern achtzig, neunzig oder hundert Jahr werden, liegt letztlich an den guten Lebensbedingungen und einer flächendeckenden medizinischen Versorgung.

Die frohe Botschaft des Frühlings lautet, dass noch aus dem, was tot scheint, Leben hervorbrechen kann. Von ihr lassen wir unsere Osterbotschaft der Auferstehung begleiten. Und mit ihr unsere Hoffnungen für Lebendigkeit. Für gutes Leben, das von der Suche nach Gerechtigkeit, von der Sehnsucht nach einer Liebe, die gleichermaßen empfängt und schenkt, sowie von der Hoffnung auf Barmherzigkeit geprägt ist.

Die Journalistin Susanne Niemeyer schreibt in einem Gedicht zur Osterzeit:
„In diesen Nächten / rufst du mich hinaus / In diesen Nächten / schläft die Eule /
und der Dämon ruht / In diesen Nächten wehen die jungen / Buchenblätter /
und die Luft schmeckt / nach Werden.“

Es muss nicht alles so bleiben, wie es ist.
Wir dürfen so werden, wie wir gedacht sind. Wir dürfen gut sein.
Das ist das große Gnadenwort des christlichen Glaubens. Ein Geschenk.

Ein Geschenk, das nicht nur für den einzelnen Auswirkungen zum Leben hat, sondern auch über sich hinaus wirkt. Gerade der Maifeiertag könnte ein guter Moment sein, um sich selbst in diese Gedanken des Werdens neu einzuschreiben und in den eigenen Verantwortungsfeldern daran mitzutun, dass Dinge sich zu einem Besseren wandeln.

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Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

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Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

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Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!