Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Es bleibt nicht mehr als Hoffnung

Es bleibt nicht mehr als Hoffnung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 21.02.2019

Im Anschluss an diese Andacht wird im Hohen Chor anlässlich des Jahrestags der Heiligsprechung von Thomas Becket ein Vortrag zu diesem Bischof aus Canterburry stattfinden. Sein Martyrium ist als eine der Wandmalereien zu sehen. Wenn Sie möchten, können Sie gleich also gerne bleiben.

Thomas Becket ist ein Heiliger ist, wie man ihn sich wünscht: Zuerst mit saloppem und luxeriösem Lebenswandel, als Berater des Königs alle Vorteile dieses Amts für sich genießend, wird er dann sprichwörtlich vom Saulus zum Paulus. Er ändert sein Leben radikal in dem Augenblick, als er – zunächst gegen seinen Willen, wie die Legende sagt – zum Bischof von Canterbury berufen wird: Er verteilt seine Einkünfte und führt ein schlichtes, asketisches Leben als Benediktiner. Wie er dann stirbt, das lassen Sie sich später erzählen. Mir ist für diese Andacht wichtig, dass Menschen, die mit ihrem Glauben ernst machen, schon immer beeindruckt haben. Die meisten von uns werden den jungen Thomas gut verstehen, der seine Position in der Welt bestens für sich nutzt. Wer täte das nicht? Auch und gerade deshalb wird Thomas, der als Bischof mit seinem Christsein ernst macht und dem Üblichen entgegen handelt, spannend. Irgendwie erwarten Menschen von Menschen, die sich Christen nennen, dass sie tun, was sie sagen.

Leider krankt unsere Kirche daran immer wieder. Bis heute. Und so kann die Rede derer nur erschüttern, die vom Missbrauch sprechen, den sie unter den Dächern der Kirche erlitten haben. Es ist ja schon schlimm genug, wenn kirchliche Orte die Menschen, für die sie da sein sollen, aus dem Blick verlieren – oder gar Gelder veruntreut werden. Aber der Missbrauch Minderjähriger ist unerträglich.

Irgendwann habe ich schon einmal davon erzählt, wie schwer mir dieses Thema fällt, weil ich eine der vielen bin, die nicht gesehen haben. Einer der ehrenamtlichen Musiker in meiner allerersten Kirchengemeinde hatte Jungs während des Einzelinstrumentalunter¬richts missbraucht. Und wir haben es damals alle nicht gesehen. Der Mann war freundlich, zuvorkommend, unterhaltsam. Er war in seinem Beruf angesehen, leitete neben der Musik die Gemeindebriefarbeit – und war wirklich ein Ehrenamtlicher wie er im Buche steht. Hätte nicht irgendwann einer der Jungs gesprochen, so wäre sein Tun trotz aller Verwaltunsverfahren, die wir zum Schutz der Kinder inzwischen eingeführt haben, nicht aufgefallen. Deshalb bin ich wirklich froh, dass dieses Thema in den letzten Jahren laut wird. Auch die Kinder hören jetzt davon – und wissen dann, dass das, was der Erwachsene ihnen da vorschlägt, falsch ist. Denn das ist ja eine der perfiden Seiten vom Missbrauch, dass er oft im Namen von Freundschaft und Vertrauen geschieht und auf diese Weise das Kind noch zum Schweigen verleitet wird.

Es ist schrecklich. Nichts anderes hat der christliche Glaube dazu zu sagen, dem die Segnung der Kinder ins Herz geschrieben worden ist. Das Schweigen der kirchlich Verantwortlichen, die dann doch in Kenntnis gesetzt wurden, mag mit Scham und Angst erklärbar sein, aber es ist ein Abgrund. So bleibt nicht mehr als die Hoffnung, dass das Reden jetzt zur Einsicht, zum Schuldbekenntnis und zur Umkehr in Wort und Tat führt. Auf dass das, was war, nicht mehr geschehe, und jene, die gelitten haben, vielleicht keinen Trost, aber doch endlich Gesten der Bitte um Entschuldigung erfahren.

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  Viel Lärm um Esel

Viel Lärm um Esel

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.02.2019

In der letzten Woche konnte ich an der Kathedralkonferenz in Dublin teilnehmen. In der anglikanischen Kirche gibt es die Tradition sich fortsetzender Bibellese in den täglichen Andachten. Und so gab es zum Eröffnungsgottesdienst keinen gesondert dazu ausgewählten Text, sondern eben den, der dran war: Es war der Bericht der Erwählung Sauls als erstem König Israels durch Samuel (1. Sam 9,15-10,1). Ein seltsamer Text ist das, in dem drei Esel von Saul abhanden kommen und dessen Vater ihn zum Seher Samuel schickt, damit der ihm bei der Eselssuche helfe. Am Ende kommt heraus, dass die Esel nur abhanden gekommen sind, damit Saul und Samuel einander auf ihren Lebenswegen begegnen. Beim Hören des Textes stellte sich sehr schnell die Frage: „So what?“ – Was um Himmels willen sollen Texte dieser Art heute, in denen es um die Deutung der Staatenbildung Isreals geht? Dann begann der Bischof mit seiner Predigt:
„Samuel antwortete Saul: Ich bin der Seher. Geh vor mir hinauf auf die Höhe, denn ihr sollt heute mit mir essen; morgen früh will ich dich ziehen lassen, und alles, was in deinem Herzen ist, will ich dir kundtun. Und um die Eselinnen, die du vor drei Tagen verloren hast, sorge dich jetzt nicht; sie sind gefunden.“ (1. Sam 9,19)

Für den Bischof ging es in seiner Predigt um das dem Menschen Wesentliche auf der einen Seite – und der Frage von dem Verhältnis von Kirche und Staat auf der anderen. Mir geht es heute mehr um den ersten Punkt: Worauf fokussieren wir Menschen uns? Was halten wir für existentiell? Wie lenkt Gott in der Erzählung die Geschicke einzelner und was lässt sich für uns daraus an Erkenntnis gewinnen?

Nun, wichtig für Saul und dessen Familie sind Beruf und Besitz. Esel waren kostbar – und gleich drei Esel auf einen Streich zu verlieren glich einer Katastrophe. Also galt es tätig zu werden. – Motivierend ist demnach damals wie heute das, was uns im Alltäglichen angeht. Wäre Samuel zu Saul gekommen und hätte ihm schlicht mitgeteilt, dass sein zukünftiger Job der des Königs wäre, hätte der wahrscheinlich dem Esel gleich störrisch reagiert. So aber lenkt Gott auf andere Weise: Er lässt das, woran das Herz hängt, verloren gehen. Er schickt auf die Suche – und lässt finden. Die wiedergefundenen Esel geraten dabei zum Nebensatz. Sie sind zwar noch da, aber schon nicht mehr im Fokus. Das, was Saul in Wirklichkeit findet, ist Anderes, Größeres: Eine Aufgabe.

Wenn wir sagen, dass Gottes Wege unergründlich seien, dann stelle ich mir gerne Gottes Tun einer Landkarte gleich vor: Es gibt Dinge, die geschehen und mich zum Handeln auffordern. Entscheiden kann ich mich so oder so. Und je nachdem, wie ich mich entscheide, geht meine Geschichte weiter. Bis zur nächsten Kreuzung. Bis zum nächsten Mal, wenn mir entweder unerwartet Esel zulaufen oder aber verloren gehen. Aber wissen Sie, was mich dabei doch nachdenklich macht? Es ist die Frage, ob wir, während wir uns mit den Eseln unserer Leben beschäftigen, im schlechten Fall nicht einmal bemerken, dass in Wahrheit ganz Anderes, Größeres läuft – und wir stattdessen vielbeschäftigt am Willen Gottes für uns vorbei leben.

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  Dem Leben dienen

Dem Leben dienen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.02.2019

In unserem heutigen Lehrtext aus dem Johannesevangelium heißt es (Joh 8,31): „Christus spricht: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger.“

Nun, wir sind hier als seine Jünger. Und gewiss wüssten nicht nur die Konfis unter uns so manches Mal gerne, was es eigentlich bedeutet, am Wort Christi zu bleiben. Es gibt schließlich nicht nur ein Verständnis des Glaubens, sondern für uns gilt ja letztlich auch jenes Bonmot aus dem Judentum, in dem es heißt: „Da, wo drei Glaubende zusammen sitzen und über den Glauben streiten, da sind mindestens vier Meinungen im Raum.“

So gibt es neben dem traditionellen, vierfachen Schriftverständnis das evangelikale, das politische, das tiefenpsychologische, das existentielle, das befreiungstheologische, das dialektische, das feministische und noch so manches Schriftverständnis mehr. Tatsächlich ist es wohl eine der wichtigsten Aufgaben des Theologiestudiums sich seiner eigenen Hermeneutik bewusst zu werden, um frei mit der Schrift umgehen zu können und keinem falschen und unangemessenen Dogmatismus zu verfallen.

Bleibt nun aber doch die Frage, was es Ihnen bedeuten soll, die Sie nun keine sechs Jahre Regelstudienzeit Theologie aufwenden möchten. Ist es wirklich so schwer, die Schrift zu verstehen? Oder anders: ist es wirklich so schwer am Wort Jesu zu bleiben und als Christ, als Christin zu leben?

Ich meine nicht. Denn wer sich mit den Erzählungen vor allem des Neuen Testaments beschäftigt, der lernt wieder und wieder und wieder, dass alles Handeln Gottes dem Leben dienen will. Ganz gleich, ob es um die hungrige Menge nach langer Predigt geht oder um Krankheitsbekämpfung oder auch um die Überwindung von Außenseitertum.

Es geht darum zu leben – und anderen dazu zu verhelfen, dass sie leben können. Ganz gleich, was ihnen gerade auf der Seele lastet: dem Körper zur Heilung verhelfen, der Seele zur Ruhe, dem Herzen zur Lust, den Füßen zum Gehen, den Augen zum Sehen, den Ohren zum Hören. Und so gilt: Ganz gleich, was wir tun, es darf einem selbst nützen, soll aber niemand anderem schaden. Ja mehr noch: es soll anderen nützen, selbst dann, wenn es mir schadet oder für mich mühsam ist.

Und was erst einmal befremdlich klingt, kennen doch viele Eltern, die gute Eltern sein wollen: Denn natürlich nehme ich mein Kind auch nachts um drei schützend in den Arm, wenn es schlecht geträumt hat. Was soll auch der ganze Schlaf? Und natürliche verzichte ich um der Kinder willen auf die freie Zeiteinteilung, die mir früher möglich war. Und Erziehung – nun ja, die ist für beide Seiten mühsam – und manchmal auch verletzend. Trotzdem lohnen Schlafmangel, Zeitmangel und alles andere dazu – und zwar um der Menschen willen, die da unter uns aufwachsen, die wir lieben und von denen wohl die meisten Eltern hoffen, dass sie eines Tages als aufrechte und selbstbewusste Menschen frei in ihr selbstbestimmtes Leben gehen. Diesen Wert des Lebens hoch zu halten, das ist mein Verständnisschlüssel zum Wort Jesu. Daran will ich bleiben. Für mich selbst. Für meine Lieben. Aber auch für jene, die mir in meinem Leben begegnen.

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  Auf Du und Du

Auf Du und Du

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.02.2019

Der Termin für den Brexit rückt immer näher. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier am Dom eine ganz besondere Beziehung nach England, denn es gibt Partnerschaften zu den Kathedralen in Blackburn und Bath. Wir sind gerade dabei, darüber nachzudenken, welche Bedeutung diesen Partnerschaften insbesondere dann zukommt, wenn Großbritannien nicht mehr Mitglied der Europäischen Union ist.
Gegenseitige Kontakte bringen es auch immer mit sich, dass wir unsere Sprachkenntnisse wieder etwas aufpolieren können. Eine Besonderheit der englischen Sprache ist ja zum Beispiel, dass es dort die Unterscheidung zwischen „Sie“ und „Du“ nicht gibt und dass man sich im Vergleich zu Deutschland relativ schnell mit Vornamen anredet. Das kann für unser deutsches Empfinden manchmal ein bisschen ungewohnt sein, denn die Möglichkeit sowohl Distanz als auch besondere Wertschätzung und Achtung dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass ich die Anrede „Sie“ und den Nachnamen verwende, diese Möglichkeit entfällt. Andererseits verstärkt das „You“ kombiniert mit dem Vornamen meines Gesprächspartners das Gefühl der Verbundenheit und es beseitigt ganz schnell auch Hürden und Barrieren und das nicht nur in der Kommunikation. Wenn wir unsere Freunde aus Großbritannien treffen, spielt diese Frage kaum mehr eine Rolle, denn unter Freunden duzt man sich ja ohnehin.
Unter Freunden duzt man sich. Es ist Ihnen sicher nicht neu, dennoch möchte ich sie noch einmal darauf aufmerksam machen: Wir duzen auch Gott. Wenn Sie das Vater Unser einmal durchgehen, dann werden sie dort an acht Stellen auf Formulierungen stoßen, in denen wir Gott mit „Du“ anreden. Ich finde das wirklich bemerkenswert! Unserem Glauben entsprechend ist es dieser Gott, der allmächtig, allwissend und allgegenwärtig ist. Von ihm kommt alles und zu ihm geht alles, er ist Herr über Himmel und Erde und insbesondere auch über unser Leben – und wir sagen einfach mal „Du“ zu ihm.
Doch wir tun das nicht aus eigener Überheblichkeit, das ausnahmsweise mal nicht. Wir tun es, weil er selbst uns dazu einlädt. Die Worte des Vater Unser hat uns Jesus Christus gelehrt. Er bestätigt uns, dass wir keine künstliche Distanz zwischen uns und Gott durch Sprache aufzubauen haben. Und er selbst sagt: „Euch aber habe ich meine Freunde genannt.“ Wir müssen uns nicht klein und unbedeutend fühlen gegenüber der Größe, der Macht und der Herrlichkeit Gottes. Denn so schaut er auch nicht auf uns. Wir alle, Sie und ich, sind gute Gedanken Gottes, jeder von uns ist ihm wichtig, jeder von uns ist vor ihm wertvoll. So ist es nur verständlich, dass er uns einlädt, ihm auf Augenhöhe zu begegnen – als einem Freund, dem ich alles erzählen kann, der immer Zeit für mich hat, auf den ich mich verlassen darf und vor dem ich keine Angst zu haben brauche. Wir sind mit Gott auf Du und Du. Was für ein großartiges Geschenk!

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  Besser zusammen?

Besser zusammen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.02.2019

Wie sieht ihr Gott aus? Sieht er überhaupt irgendwie aus, ich meine, haben Sie ein konkretes Bild von Gott? Ich glaube, wenn wir hier heute im Dom die Antworten auf diese Frage einsammeln würden, so gäbe es nicht einmal zwei vollkommen übereinstimmende. Das liegt ganz maßgeblich daran, dass niemand von uns Gott jemals gesehen hat und dass das, wenn wir der Bibel Glauben schenken, in unserem jetzigen Leben hier auf dieser Erde auch so bleiben wird.
Schon immer haben Menschen versucht, zu ergründen, wie Gott wirklich ist – wie er aussieht, wie er spricht, wie er denkt, wie er handelt. Doch all diese Bemühungen verliefen ergebnislos. Denn wir treffen Gott immer nur ganz individuell in unseren eigenen Gotteserfahrungen und niemals zeigt er sich uns ganz. Und aus der Verschiedenheit unserer Erfahrungen heraus haben sich nicht nur unterschiedliche Gottesbilder, sondern sogar eigenständige Religionen entwickelt. Da ist das Judentum, dessen Geschichte mit Gott im Alten Testament unserer Bibel ihre Wurzeln findet, da ist der Islam, der sich in den Schriften des Koran manifestiert und da sind natürlich wir als Christen, die wir unseren Glauben auf unseren Freund und Bruder Jesus Christus aufbauen, in dem Gott uns offenbar geworden ist.
Alle, Juden, Moslems und Christen kennen den Gott Abrahams und den Gott Jakobs, von dem alles kommt und zu dem alles geht. Doch anstatt uns auf diese gemeinsamen Wurzeln zu besinnen und das zu beherzigen, was uns dieser Gott in die Bücher geschrieben hat, verwenden wir unglaublich viel Zeit und Energie darauf, uns gegenseitig zu erzählen, worin wir uns unterscheiden. Und damit das nicht irgendwann mal langweilig wird, haben wir Christen es dann auch noch zur Meisterschaft entwickelt, uns in Orthodoxe, Katholiken und Lutheraner, Reformierte, Unierte, Anglikaner, Baptisten, Methodisten und was weiß ich aufzuteilen und jeweils vortrefflich Argumentationsketten aufzubauen, an deren Ende steht, dass wir alles sind aber nicht eins.
Als hätte Paulus das schon kommen sehen und als hätte er die Notwendigkeit einer Umkehr erkannt, schreibt er in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus folgenden Satz, der auch der Lehrtext für den heutigen Sonnabend ist: „Es ist ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ Dieser Satz fokussiert uns darauf, dass es eben nur einen Gott gibt, der unser aller Vater und Mutter ist. Dieser Satz kann auch verstanden werden als Aufforderung zu ökumenischem Denken und Handeln. Gerade wir christlichen Kirchen in Europa jammern und klagen darüber, dass wir immer weniger werden. Wäre es nicht allein vor diesem Hintergrund schlau, unsere schwindenden Kräfte zu bündeln und einzusetzen für das, was Gott von uns erwartet? Gemeinsam sind wir stark, dieser Satz gilt auch für uns als Christinnen und Christen. Und mit der Gewissheit, unseren Freund und Bruder Jesus Christus im Rücken zu haben, wird uns in ökumenischer Eintracht deutlich mehr gelingen als in konfessioneller Abgrenzung. Denn es ist ein Gott, der da ist über allen und durch alle und in allen.

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  INNERER TAPETENWECHSEL

INNERER TAPETENWECHSEL

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.02.2019

Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal zu Hause tapeziert? Und haben Sie dabei den Mut bewiesen, auch mal etwas Neues, vielleicht sogar Extravagantes, auszuprobieren? Wir Menschen brauchen ab und zu einmal Tapetenwechsel im wörtlichen aber auch im übertragenen Sinne. Wenn wir jeden Tag nur im selben Rhythmus begehen, dann wird sich vieles abschleifen, wir werden unsere Tage durchleben, ohne einen wirklichen Höhepunkt dabei zu erfahren. Wie wunderbar, dass uns die Tageslosung einen guten Impuls und Ratschlag gibt. Die Losung lautet: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Das hört sich an wie eine Generalüberholung! Gleich das Rund-um-sorglos-Paket, ein neues Herz und einen neuen Geist. Das klingt nach Neuanfang, nach „Altes über Bord werfen“, nach: „Jetzt kann ich endlich mal richtig Gas geben, weil ich von dem ganzen alten Ballast befreit bin!“
Aber Vorsicht, denn wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es uns nicht guttäte, tatsächlich alles über Bord zu werfen, was uns ausmacht und was zu unserem Leben dazu gehört. Wir alle haben unsere Ecken und Kanten. Das macht uns als Mensch aus, dadurch sind wir unverwechselbar, und darauf sollten wir nicht verzichten. Und wenn uns Gott anbietet, uns einen neuen Geist zu geben, dann sollten wir nicht davon ausgehen, dass damit alle unsere Schwächen, Unzulänglichkeiten und Fehler auszuradieren wären. Nein, wir bleiben so wie wir sind und wir werden durch dieses Bibelwort nicht zu perfekten Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Gott sei Dank! Es wird uns nie gelingen, keine Fehler mehr zu machen, nur noch mit einem hell glänzenden Heiligenschein durch die Gegend zu laufen und damit erreichen, dass sich alle anderen an uns ein Beispiel nehmen.
Immer wieder versuchen Zeitgenossen, sich in vermeintlich positiver Weise von allen anderen abzuheben, mit dem Erfolg, dass sie dann auch wirklich abheben und die Bodenhaftung verlieren. Immer wieder versuchen Zeitgenossen, vollkommen zu sein, und sie sind dann auch vollkommen, vollkommen unausstehlich nämlich, weil sie meinen, sich über ihre Mitmenschen erheben zu können.
Was uns die heutige Tageslosung allerdings anbietet, das ist die Chance, über unser bisheriges Leben, unsere Verhaltensweisen, unsere Meinungen und Haltungen noch einmal kritisch nachzudenken. Wie oft befinden wir uns mental in einer Sackgasse, wie oft gelingt es uns nicht, auf einen Menschen zuzugehen und ihn um Verzeihung zu bitten, nur, weil wir eben aus den alten Gedankenstrukturen nicht herauskommen. Wir sollen uns nicht von jetzt auf gleich zu 100% verändern – aber wir sollen bereit sein, alte Verhaltensweisen und Denkmuster in Frage zu stellen. Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Viel wäre schon erreicht, wenn wir ihm einfach mal die Chance geben, unser Herz wirklich zu erreichen, mit seinem Wort, mit seinem Beispiel und mit seiner Liebe, die Kraft genug hat, diese Welt zu verändern – wenn wir es zulassen.

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  Valentinstag

Valentinstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.02.2019

Liebe Andachtsbesucherinnen und Andachtsbesucher, heute ist Valentinstag. Dieser Tag geht zurück auf den Heiligen Valentinus, bei dem es sich im Übrigen nicht um den Schutzpatron der Blumenhändler handelt, sondern um einen Märtyrer, der 269 in Rom hingerichtet wurde. Wirklich belastbare, historische Informationen gibt es wenig über ihn, doch es haben sich einige Geschichten aus seinem Leben bis heute erhalten.
Valentinus war wohl ein christlicher Priester in Rom. Dort soll er verbotenerweise Gottesdienste für verfolgte Christen gehalten und Trauungen von Soldaten vorgenommen haben, denen das Heiraten nicht gestattet war. Angeblich wurde er nach seiner Gefangennahme vom römischen Kaiser Claudius II persönlich verhört. Der Kaiser soll von Valentinus so beeindruckt gewesen sein, dass er ihn überzeugen wollte, zum römischen Heidenglauben überzutreten, um ihm so das Leben zu retten. Valentinus lehnte ab und versuchte stattdessen, Claudius zum Christentum zu bekehren. Aus diesem Grund wurde er dann hingerichtet. Vor der Hinrichtung soll er die blinde Tochter seines Gefängnisaufsehers geheilt und wieder sehend gemacht haben. Und sein Abschiedsbrief an eben jene Tochter, in die er sich wohl verliebt hatte, soll geendet haben mit den Worten: „Dein Valentinus“
Diese Liebesbezeugung ist nun der Grundstein für die heutige Bedeutung des Valentinstages. Es wird berichtet, dass im 15. Jahrhundert am französischen Hof große Feste mit Wettbewerben zu Liebesliedern und Liebesgedichten stattgefunden haben, im 16. Jahrhundert beginnt in England die Tradition, Valentinskarten mit Liebesversen und Blumenmotiven zu versenden und seit dem 19. Jahrhundert ist dieser Tag in England ein Datum, an denen man sich gegenseitig auch größere Geschenke macht. Hier bei uns in Deutschland war die Tradition des Valentinstages lange Zeit unbekannt. Erst amerikanische Soldaten haben den Brauch nach dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht und seitdem ist der Valentinstag der Tag im Jahr, an dem sich Verliebte Blumen und Süßigkeiten schenken.
Die zunehmende Kommerzialisierung dieses Tages wird vielfach kritisiert, genauso wie dies im Zusammenhang mit Weihnachten stattfindet. Sicherlich kann man kritisch hinterfragen, ob es denn überhaupt möglich ist, die Größe der Liebe in die Größe von Blumensträußen zu übersetzen. Ganz sicher ist es aber nicht falsch, den Menschen, die ich liebe, die ich wertschätze und die mir nahe sind, eine Freude zu bereiten. Wenn das denn am Valentinstag passiert, ist es allemal besser als gar nicht. Wer es am Valentinstag aus Überzeugung nicht möchte, dem bleiben ja noch 364 andere Tage im Jahr über, um anderen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Dafür muss es in der Tat nicht der 14. Februar sein. Doch ganz unabhängig davon gilt für dieses Thema: je öfter desto besser!

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  Wir sitzen doch alle im selben Boot!

Wir sitzen doch alle im selben Boot!

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.02.2019

Wir sitzen doch alle im selben Boot! Wenn dieser Satz gesagt wird, gilt es achtsam zu sein, denn er kann vielerlei bedeuten. Er kann ausdrücken, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen, er kann aber auch eine Erwartungshaltung transportieren, dass wir uns alle für dieselbe Sache einsetzen sollen und unsere persönlichen Sichtweisen hintanzustellen haben. Wir sitzen doch alle im selben Boot, kann heißen: „Nun packt doch endlich mit an und hör auf, dich immer nur auf die anderen zu verlassen!“
Auf dem See Genezareth sitzen auch ein paar Männer im selben Boot. Und das Wetter wird schlecht und der Sturm nimmt zu und die Wellen werden höher und das Boot droht unterzugehen. Die Männer werden völlig panisch und kopflos, versuchen so gut es geht, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen und fühlen sich dem Tode nah. Alle bis auf einen – denn der bleibt ganz ruhig und entspannt und unbeteiligt – und er schläft. Dieser eine ist Jesus. Und als ihn seine Jünger geweckt haben, fahren Sie ihn wüst an, ob er denn noch ganz bei Trost sei, in dieser lebensbedrohlichen Situation zu schlafen. Wahrscheinlich ist Ihnen der Fortgang der Geschichte geläufig: Jesus greift souverän ein und bringt den Sturm ganz mühelos zum Schweigen. „Und es war eine große Stille“, so beschreibt es die Bibel. Doch so richtig bemerkenswert wird es erst jetzt. Denn Jesus versucht nicht etwa, seine völlig aufgebrachten Gefolgsleute zu beruhigen und ihnen gut zuzureden, nein, er kritisiert sie scharf und fragt: „Habt ihr denn gar keinen Glauben?“ Was haben die Jünger falsch gemacht? Nun, sie gehörten seit einiger Zeit zum engsten Zirkel um Jesus Christus, haben seine Reden gehört, haben gesehen wie er geheilt hat und sie durften erfahren, welche Kraft Glauben haben kann. Doch in einer Situation, in der es nun wirklich darauf ankommt, Gottvertrauen an den Tag zu legen, ist all ihr Erfahrungsschatz vergessen und sie verfallen in blinden Aktionismus und sind nur noch voller Angst.
Auf dem Ölper See oder dem Mittellandkanal kann man nur selten in Seenot geraten – im übertragenen Sinne allerdings ganz leicht. Unsere täglichen Belastungen und Anforderungen können steigen, so wie das Wasser im Boot. Wir werden gebeugt vom Sturm, der uns ins Gesicht bläst, wenn der Druck im Beruf oder in der Familie permanent höher ist, als wir es ertragen können. Und dann drohen wir zu versinken in den Wellen aus Überforderung und Perspektivlosigkeit, dann drohen wir zu versinken hinein in den Burn-out oder die Depression.
Hilft dagegen diese Geschichte aus dem Markusevangelium? Nun, wir haben zumindest die Chance, mehr zu verstehen als Jesu Jünger vor 2000 Jahren. Die Botschaft dieser biblischen Geschichte an uns lautet: Solange wir mit Jesus in einem Boot sitzen, sind wir auf der sicheren Seite. Solange wir mit Jesus in einem Boot sitzen, dürfen wir uns darauf verlassen, geborgen zu sein in Gottes Hand. Solange wir mit Jesus in einem Boot sitzen, wird es am Ende gut werden. Aber glauben müssen wir es eben, damit es uns nicht so geht wie den Jüngern, die vor lauter blinder Angst das Vertrauen in ihren Herrn verlieren. Aus unserem Glauben heraus, den Gott uns geschenkt hat, dürfen wir wissen, dass nach allen Turbulenzen unseres Lebens immer die große und friedliche Stille sein wird, die es auch auf dem See Genezareth gab, nachdem sich der Wind gelegt hatte. Ich bin dankbar für dieses Geschenk, mit Jesus in einem Boot sitzen zu dürfen und ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann, selbst wenn ich von außen betrachtet den Eindruck habe, dass er schläft.

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  Kindersoldaten

Kindersoldaten

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.02.2019

Heute ist der internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Er wird jährlich am 12. Februar begangen und soll an das Schicksal von Kindern erinnern, die zum Kampfeinsatz in Kriegen und bewaffneten Konflikten gezwungen werden. Ziel dieses Tages ist auch der Aufruf zu einem verstärkten Einsatz gegen diese besonders schwerwiegende und grausame Form des Kindesmissbrauchs. Am 12. Februar 2002 ist eine Ergänzung zur UN-Kinderrechtskonvention dieses Inhaltes in Kraft getreten, die von 92 Staaten unterzeichnet ist. Auch eine Reihe von nationalen und internationalen Organisationen setzen sich aktiv gegen die Rekrutierung von Kindern als Soldaten ein, beispielsweise das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Amnesty International, Terre des hommes und natürlich auch viele christliche Kirchen.
Mit dem Einsatz von Kindern als Soldaten machen sich Menschen in schändlicher Weise zu Nutze, dass Kinder je nach Alter noch nicht vollständig zwischen moralisch richtig und falsch unterscheiden können. Ihnen wird vorgegaukelt, dass Krieg ein spannendes Abenteuerspiel sei und so unvorstellbar es sein mag, auch Kostengründe spielen eine Rolle, denn Kinder sind als Soldaten billiger als Erwachsene. Aktuell werden in den Konflikten im Kongo und in Ruanda massiv Kindersoldaten eingesetzt. Insgesamt sind schätzungsweise 300.000 Kinder aktiv in kriegerische Auseinandersetzungen mit der Waffe in der Hand verwickelt.
In der vergangenen Woche war eine Reportage aus den USA im Fernsehen zu sehen, in der eine waffenverrückte Familie gezeigt wurde, deren Kinder bereits mit fünf Jahren ihr erstes echtes Gewehr geschenkt bekommen haben. In den Kinderzimmern der beiden Geschwister lagen Handfeuerwaffen herum und die elfjährige Tochter erzählte stolz, dass sie natürlich und ohne zu zögern auf jeden schießen würde, der in das Haus ihrer Familie ungebeten eindringt. Szenen aus einer Familie, die in den vereinigten Staaten von Amerika lebt. Schon solche Bilder wirken auf uns Mitteleuropäer verstörend und wir können angesichts der immer wieder vorkommenden Amokläufe mit vielen Toten in Amerika nur den Kopf schütteln. Doch es geht eben auch noch viel schlimmer, indem Kinder angeleitet werden, auf andere Menschen zu schießen. Kaum einer dieser jungen Menschen wird später einmal, so er denn überhaupt überlebt, ein fröhliches und unbelastetes Leben führen können, denn die Traumata, die ihnen zugefügt werden, bleiben für immer.
Ich habe lange überlegt, wie ich diese Andacht zu einem derart entsetzlichen Thema beenden und dennoch einen wenn noch so kleinen positiven Aspekt aufzeigen kann. Viel ist mir nicht eingefallen, außer dem Umstand, dass wir dankbar sein dürfen, dass uns selbst und auch unseren Söhnen, Töchtern, Enkeln und Patenkindern derartige Schicksale erspart geblieben sind und hoffentlich auf ewig erspart bleiben werden. Es ist an uns, genau dafür zu sorgen und auch diejenigen zu unterstützen, die dem grausamen Missbrauch von Kindern als Soldaten entgegenwirken. Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unseren Zeiten!

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  Hören, was man will. Glauben, was einfacher ist.

Hören, was man will. Glauben, was einfacher ist.

Dompredigerin Cornelia Götz - 11.02.2019

Heute Morgen habe ich eine Buchrezension gelesen. Es ging um Johannes Fried: „Kein Tod auf Golgatha“. Darin unternimmt der Mittelalterhistoriker mit Unterstützung von Pathophysiologien und Molekularbiologen den Versuch, eine These zu erhärten, wonach Jesus Christus weder am Kreuz gestorben noch auferstanden ist.
Indem die alten Texte gesichtet und mit heutigen medizinischen Erkenntnissen abgeglichen wurden, entsteht nun das Bild eines völlig anderen physischen Prozesses: Danach fiel der gefolterte und gekreuzigte Jesus, weil man ihm auf sein Bitten hin, einen mit Essig getränkten Schwamm (so berichtet es Markus) gereicht hatte in eine leichte Essignarkose, die für eine besonders flache Atmung sorgte. Man konnte ihn so für tot halten. Der Lanzenstich des Römers sorgte außerdem für Entlastung in der erstickenden Brust: Wasser und Blut entwichen. Die erfolgreiche Lungenpunktion sicherte das Überleben.
Der Rest ist leicht erzählt: man holte den Gequälten aus dem Grab und organsierte dem Verfolgten ein Leben im Verborgenen, zunächst naheliegenderweise als Gärtner. Aus dem Verschwinden wurde ein Auferstehungswunder, mit dem man sich bestens von den vielen falschen Messiassen der Zeit absetzen konnte…
Alles in allem also eine Darstellung, die uns die Schwierigkeit abnimmt, leibliche Auferstehung zu denken. Das kommt einem allgemeinen Bedürfnis entgegen, die großen Zumutungen lieber nicht hören zu wollen oder gar glauben zu sollen, Wege zu finden, die leichter gangbar sind: intellektuell und ethisch.
Ganz ähnlich leicht kann man es sich mit der Jahreslosung machen: „Suche Frieden und ja ihm nach…“ Psalm 34,15. Man neigt dazu, nur den ersten Teil zu hören. Das ist schon schwer genug, aber es kann gelingen, eine Nische zu finden, in der man friedlich lebt und miteinander umgeht, nachhaltig und fair wirtschaftet, Konflikte gewaltfrei löst und herrschaftsfrei kommuniziert. Aber das genügt eben nicht, denn Frieden ist flüchtig und gefährdet, er gehört nicht den einen und ist entbehrlich für andere. Darum: jage ihm nach! Suche ihn immer neu. Denn wir werden keinen vollkommenen Frieden finden, weil wir selbst unvollkommen sind. Wir brauchen den, der gekommen ist, den „Frieden zu bringen und nicht das Schwert“, der uns in die Nachfolge rief und den gewalttätigen Tod überwunden hat.
Es hängt alles zusammen. Eine Packung „light“ gibt es nicht.



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  Funkstille

Funkstille

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 09.02.2019

Wenn ich Sie aufforderte, mir den Begriff „Funkstille“ zu erklären, was würden Sie antworten? Würden Sie, wie ich selbst kürzlich als ich gefragt worden bin, von Menschen erzählen, die nicht mehr miteinander kommunizieren und deren Kontakt deshalb gegenwärtig unterbrochen ist? Oder kennen Sie vielleicht sogar die eigentliche Bedeutung des Wortes „Funkstille“ und würden mir erklären, dass die Funkstille ein Begriff der Seefahrt ist? Alle Viertelstunde nämlich, begonnen zur vollen Stunde, muss drei Minuten lang Funkstille gehalten werden. Der Grund dafür ist einfach: Diese Stille soll Notrufen die Chance geben, gehört zu werden. Die Funkstille sichert, dass erstens auch schwache Signale gehört werden können und zweitens Menschen sehr aufmerksam wahrnehmen.

Die Funkstille also ist eine Stille, in der ganz viel passiert. Sie ist eine bewusste Stille, die hinaushorcht und zur Antwort bereit ist.

Wäre das nicht etwas? Sich selbst einmal Funkstille zu verordnen?

Derzeit befinden wir uns in den Wochen vor der Passionszeit. Es ist eine gute Zeit, um darüber nachzudenken, ob man sich selbst nicht ein besonderes Verhalten, vielleicht sogar eine Aufgabe für die sieben Wochen vor Ostern auferlegen will. Und so biete ich Ihnen heute einmal die Idee an, ab Aschermittwoch bewusst Funkstillen in Ihr Leben einzubauen. Z.B. indem Sie morgens nicht gleich in den gewohnten Trott einsteigen, sondern drei Minuten lang liegen bleiben und sich Ihrer selbst und Ihrer Lebendigkeit bewusst werden. Luther dankt in seinem Morgensegen z.B.: „Ich danke dir, himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast.“ Es ist ein kleiner Dank für das eigene Leben und für das Geschenk, wieder einen ganzen Tag vor sich zu haben. Erst ein Dankeschön – und dann vielleicht einige Atemzüge lang bewusst atmen und horchen. Auf das eigene Leben und sein Woher. Oder aber Sie üben sich ganz bewusst mit einem Gebet vor dem Essen und machen damit das für uns so Selbstverständliche wieder einmal zu einem Besonderen. Oder Sie gehen bei Sonne, Regen, Wind und Wetter eine feste Runde, in der Sie sich ohne Handy, Musik oder sonstigen Ablenkungen mit sich selbst auf den Weg machen. Gerne können Sie natürlich auch in den Dom oder in eine andere Kirche kommen, eine Kerze entzünden und einen Moment der Ruhe genießen. Oder Sie setzen sich einfach hin und horchen an diesem Ort. Oder Sie nehmen an der Andacht teil. Was auch immer. Wichtig ist, dass es ein festes Ritual ist. Dass Dinge zur immer gleichen Zeit mit dem immergleichen Ablauf und, falls Worte dabei sind, mit den immer gleichen Worten geschehen. Denn im meine, nur dann gibt es auch wirklich die Chance, irgendwann etwas zu hören. Im Buch der Sprüche heißt es in Kapitel 8 (Spr 8,1):

„Ruft nicht die Weisheit, und lässt Klugheit sich nicht hören?“

Also Klappe halten, Ohren auf und hinhören. Und durch kleine Momente der Funkstille zum Rest der Welt bewusst horchen auf die Ewigkeit.

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  Als ob es wahr wäre

Als ob es wahr wäre

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.02.2019

Als ich ein Kind war, wollten meine Eltern nicht immer so wie ich wollte. Und weil ich kein Mensch bin, die leicht aufgibt, habe ich sie dann zwar gehört, bin aber auch umgehend in die Phase der Verhandlung eingetreten. Nun erfordern Verhandlungen, dass beide Seiten etwas anbieten. Also musste auch ich notgedrungen sagen, wozu ich im Falle eines Nachgebens bereit wäre. Und so habe ich ihnen ganz fest versprochen, dies oder jenes zu tun: Bad putzen. Einkaufen gehen. Rasen mähen. Und natürlich nicht nur einmal, sondern regelmäßig! … ganz bestimmt. Mindestens einmal musste ich denn auch, aber dann war die Sache für meine Eltern im Grunde erledigt. Erst wenn in eine nächste Verhandlung ging, wurde ich an meine Worte erinnert. „So regelmäßig wie beim letzten Mal?“, lautete die schmunzelnde Frage.

Wissen Sie, während ich da stand und das eine wollte und das andere dafür zu tun bereit war, da war ich wirklich bereit. Ich wollte. Ganz fest. Mein Versprechen war kein Trick, um meinen Willen durchzusetzen. Allein haben mich im Laufe der Zeit dann Trägheit und die Weisheit des Paulus ereilt, die da lautet (Röm 7,18f.): „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.“

Und nun lese ich im heutigen Lehrtext folgenden Vers aus dem Vaterunser (Mt 6,12):
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Aber tun wir das? Tun Sie das? Den Schuldigern vergeben? Die Forderung von Vergebung ist wohl eine der schwersten Aufgaben. Gerade dann, wenn es sich um eine tiefe Schuld handelt. Hinzu tritt die Frage, was eigentlich mit eigener Schuld ist: Kann man sich selbst vergeben?

Ich denke, die Stärke des Vaterunser¬-Verses darin liegt, dass er gerade keine Forderung formuliert, nicht einmal einen guten Vorsatz oder ein Versprechen, sondern wir beten den Vers, als ob er wahr wäre; als ob es wahr wäre, dass wir vergeben können. Das was da geschieht, wird vielleicht ganz gut durch das Modewort „performativ“ beschrieben, also: Indem ich einen Vorgang ausspreche, gewinnt er Wahrheit und auch die Kraft, sich zu vollziehen. So leitet der Vers weg von dem Kind, das die Eltern zwar mit großem Herzen und viel gutem Willen ansieht, um dann aber doch an den eigenen Vorsätzen zu scheitern. Hier gilt stattdessen der Gedanke, dass ich, indem ich glaube und für mich hoffe, dass Gott Vergebung schenkt, ebenfalls die Fähigkeit zur Vergebung habe.

Dass das im Alltag nicht regelmäßig gelingt, sondern eher als Ausnahme funktioniert, darum weiß auch die Bibel - so z.B. im Gleichnis vom Schalksknecht im Evangelium nach Matthäus 18,21-35. Nur ist das für den Geist des Vaterunsers nicht wichtig, weil es hier ja gerade nicht um einen Anspruch, also einen Befehl oder ähnliches geht, sondern die Worte von dem tiefen Vertrauen handeln, dass da, wo Menschen sich unter Gottes Macht begeben, auch schwer Mögliches möglich wird.

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  Gepflanzt an den Wasserbächen

Gepflanzt an den Wasserbächen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.02.2019

Was brauchen Sie, um an Gott zu glauben? Brauchen Sie für Ihre Spiritualität einen bestimmten Raum? Oder eine bestimmte Stimmung? Braucht es Kerzenlicht oder besinnliche Musik? Braucht es ruhige Einsamkeit oder gerade umgekehrt die Gemeinschaft? Braucht es eine bestimmte Form wie das Gebet oder das Lesen der Schrift? Den Gottesdienst, eine Andacht? Und worüber handelt eigentlich Ihr Glaube? Handelt ihr Glaube vom persönlichen Heil, Wohlbefinden und Hoffnungen für die Zukunft oder eher allgemein vom Geschehen in der nahen und fernen Welt.

Unser Glaube hat sich individualisiert. Und während ich Ihnen gerade einige Pole des Glaubens benannt haben, werden sich die meisten von uns wohl irgendwo mittendrin verorten. Andere werden auch sagen, dass sie die Kirche und ihre Rede gar nicht brauchen für ihren Glauben. Dass es alleine im Wald geht und sie lieber für vereinzelte, wohltätige Zwecke spenden als in eine der Institutionen des Glaubens zu investieren. Und so spiegelt sich unsere individualisierte Gegenwart in Glaubensaussagen, deren innerstes Credo lautet: Jeder muss selbst wissen, woran er glaubt.

Deshalb bin ich ganz froh, dass Generationen vor langer Zeit darüber verhandelt haben, in welchen Menschenworten sich Gottes Wort besonders gut finden lässt – und sie uns diese Worte überliefert haben; denn diese gesammelten Schriftworte, die wir Bibel nennen, bleiben so bis heute eine gute Richtschnur, um in den hochindividualisierten Sprachen des Glaubens nicht verloren zu gehen - und schlussendlich vielleicht gar nicht mehr so recht zu wissen, ob überhaupt irgendetwas in Sachen Glaubensfragen von Bedeutung ist.

In unserer heutigen Tageslosung heißt es (Ps 1,3):
„Der Gerechte ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.“

Die Worte stammen aus dem ersten Psalm – sie eröffnen damit jenen Abschnitt der Bibel, in dem 150 Gebete zum täglichen Gebrauch gesammelt wurden. Wie ist das Leben vor Gott? So fragen sie. Und die erste Antwort ist ein Bild des Lebens. Ein Leben, das am lebendigen Wasser wurzelt und sich von ihm nährt. Ein Leben, das Stabilität und Festigkeit verspricht. Und ein Leben, das über sich selbst hinausreicht, weil es anderem Leben Wohnung bietet und selbst Frucht treibt.

Wissen Sie, in all unseren politischen und gesellschaftlichen Diskursen, die wir heutzutage führen, frage ich mich manchmal, welche Rolle Werte dieser Art eigentlich noch spielen. Und das obwohl wir gut wissen, dass es einen gewissen Grad an Stabilität braucht, um nicht krank zu werden. Und jeder Mensch nicht nur körperliche, sondern auch geistige Nahrung braucht, wenn er wachsen und werden will. Ich denke, die alte Rede davon (5. Mose 8.3 und Mt 4,4), dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht, sollten wir mindestens insofern in neue Rede übersetzen, als dass geistliche Nahrung dem guten Leben dient und es wohl dem heißt, der sie regelmäßig genießt.

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  Für andere beten?

Für andere beten?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 06.02.2019

Es ist lange her, dass ich als Auszubildende in einer Bank gearbeitet habe. Damals gab es eine Fortbildung im Versicherungsbereich und zur Mittagszeit ging unsere Gruppe gemeinsam essen. Als es um Lebensträume für die Zukunft ging, erzählte ich von dem, was ich inzwischen für mich entschieden hatte: nämlich das Bankwesen verlassen und stattdessen Pfarrerin werden zu wollen. Auf dem Heimweg ging ich neben dem Ausbilder und war ziemlich überrascht, als er plötzlich sagte: „Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Aber wissen Sie, es wäre toll, würden Sie hin und wieder für mich beten.“ Diese Bitte hat mich nie verlassen. Und immer noch bete ich manchmal für diesen Mann. Obwohl ich vermute, dass er selbst seine Bitte an mich schon längst nicht mehr in Erinnerung hat.

Aber was macht es eigentlich, wenn wir füreinander beten?

Es ist zuallererst das tiefe Vertrauen, dass unser Gott mächtig ist. Es ist das Vertrauen, dass durch ihn selbst etwas geschieht. Und was geschieht, davon werden wir nur subjektiv sprechen können: indem Menschen ihr Leben deuten, werden sie die Macht Gottes für sich empfinden – oder aber eben auch nicht. Manchmal scheint mir der Glaube wie ein eigenes Element, das mich umgibt. Er ist mehr als eine Haltung, er ist mehr als eine Brille, es ist eine Wirklichkeit, die trägt, die treibt und die manchmal auch torkeln lässt. Es ist ein Sein vor Gott. Und in Gott. Und mit Gott.

Wenn ich also hier im Dom eine Kerze entzünde und dabei an bestimmte Menschen denke, wenn ich abends im Bett liege und für meine Lieben bitte, dann traue ich Gott zu, dass sein Sein für unser Sein bestimmend ist; dass sie umgeben sind von seinem Schutz und Schirm, dass sie geleitet werden in den Entscheidungen, die sie in ihrem Alltag zu treffen haben. Und ich hoffe und wünsche mir, dass sie sich in ihrem Leben geborgen fühlen und sie zur rechten Zeit am rechten Ort das rechte Wort und die rechte Idee finden.

Gott ist kein Wunscherfüller, sondern ein Lebensbegleiter. Im Matthäusevangelium heißt es (Mt 6,7): „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

Im Anschluss wird dann das Vaterunser eingeführt – als ein Gebet, in das wir all unsere Herzensanliegen hineinlegen können. Und wenn wir es beten, dann sind es mehr als Worte, sondern es ist das Vertrauen darauf, dass sich mit den Gebetworten Wirklichkeit gestaltet.

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  Vergiss es nie

Vergiss es nie

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 05.02.2019

„Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee, / und dass du atmest, kein Entschluss von dir. / Vergiss es nie: Dass du lebst, war eines anderen Idee, / und dass du atmest, sein Geschenk an dich. // Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur / ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. / Du bist ein Gedanke Gottes, / ein genialer noch dazu. / Du bist du.“

Diese Zeilen sind der Anfang eines Taufliedes, das der Journalist und Schriftsteller Jürgen Werth textete. Es ist ein Lied auf der Gitarre zu klampfen… aber das ist, wie ich finde, auch schon seine größte Schwäche. Sonst meine ich, hat Jürgen Werth es gut verstanden, in einfachen Worten davon zu erzählen, was einen Menschen aus christlicher Sicht ganz besonders macht: Jede und jeder von uns ist gewollt und gut gemacht.

Klingt nach Bla-bla, meinen Sie? Ich gebe zu: Ja, es fällt leichter, solch einem Gedanken zu widersprechen als ihn zu glauben. Denn vermutlich fällt nicht nur mir so manch ein Mensch in nah und fern ein, der daran zweifeln lässt, dass tatsächlich jeder Mensch wunderbar gemacht ist. Und in der Summe dessen, was die Menschheit so anstellt, liegt das Adjektiv „gut“ auch nicht wirklich nahe, schon „mittelprächtig“ wäre wahrscheinlich geprahlt…. Und doch, um es mit dem 139. Psalm zu sagen (Ps 139.14):
„Ich danke dir dafür, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“
Wem die Weisheit, gutes Geschöpf unter guten Geschöpfen zu sein, als Lebensgefühl ins Herz geschrieben ist, der wird Gewinn davon haben und anderen Gewinn bringen.

Warum?, fragen Sie. Nun, in der Schule unseres Sohnes gab es am Projekttag eine Einheit, die hieß: „Starkes Ich, starkes Wir“. Die These, die dem Lehrstoff zugrunde liegt, lautet: Wer sich selbst annimmt und in einem guten Sinne selbstbewusst ist, der hat es nicht nötig, abfällig oder arrogant zu sein; im Gegenteil, er wird sogar stark genug sein, jenen, die hilfsbedürftig sind, zu helfen.

Es ist die weltliche und auf das Zwischenmenschliche reduzierte Variante des Schöpfungs-gedankens. Sie hofft auf menschliche Einsicht. – Als Glaubende aber hoffe ich darauf, dass wir Gottes Schöpfung nicht nur erkennen und für sie danken, sondern dass wir dem Tun Gottes auch angemessen begegnen wollen – und deshalb immer wieder im Leben darum bitten und beten, dass uns der Geist Gottes die rechten Wege leitet. Und ja, ich vertraue darauf, dass wer sich bewusst vor Gott stellt und fragt, welches Tun im Leben das rechte Tun ist, der auch über den Gedanken stolpert, dass Gott die Liebe ist. Und das Leben. Und das „für dich“.

Diese Wege – der Liebe, des Lebens, des „für dich“ – selbst zu leben, das ist viel – und wem es gelingt, hier und da, dem wird, so meine und glaube ich, schon in dieser Welt ein kleines Stück vom Himmel auf Erden begegnen.

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  Perpektivwechsel

Perpektivwechsel

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.02.2019

„Oh, wie schön ist Panama“, kennen Sie diese eigentlich für Kinder geschriebene Geschichte? Sie handelt von den beiden Freunden Kleiner Tiger und Kleiner Bär, die glücklich in einem Häuschen in der Nähe eines Flusses wohnen. Kleiner Bär ist leidenschaftlicher Fischer und zieht eines Tages eine leere Holzkiste mit der Aufschrift „Panama“ aus dem Fluss. Die Kiste duftet nach Bananen und so beschließt Kleiner Bär, dass Panama das Land seiner Träume ist. Er erzählt seinem Freund Kleiner Tiger phantasievoll, dass in Panama alles besser, größer und schöner als zuhause ist und so machen sich die beiden auf den Weg zum Land ihrer Träume.
Während ihrer Reise treffen sie auf verschiedene Tiere. Die meisten wissen nicht, wo Panama liegt und geben ihnen falsche Richtungsangaben. Und so laufen die beiden Freunde im Kreis herum und kommen schließlich wieder am Ausgangspunkt ihrer Reise an.
Ihr Haus war Wind und Wetter ausgesetzt und sieht ziemlich verändert aus und die Bäume und Sträucher sind beträchtlich gewachsen und so fällt den beiden gar nicht auf, dass sie wieder zu Hause angekommen sind. Sie finden auf dem Boden vor ihrem Haus die Holzkiste mit der Aufschrift „Panama“ und glauben deshalb, nun an ihrem Ziel angekommen zu sein. Sie reparieren das Haus und sind glücklich, endlich im Land ihrer Träume zu sein.
Mir gefällt diese Geschichte. Nicht nur, weil ich ein Fan der Tigerente bin, die mit von der Partie ist, sondern weil sie eine kluge Botschaft enthält. Kleiner Bär und Kleiner Tiger bekommen einen neuen Blick auf ihre gewohnte Umgebung und fühlen sich auf einmal im Land ihrer Träume. Sie blicken auf ihre Welt aus einer veränderten Perspektive. Nicht ihr Leben und ihre Lebensumstände haben sich verändert, sondern ihre Haltung ist eine andere geworden.
Manchmal ist es hilfreich, eine andere Haltung einzunehmen. Manchmal ist es hilfreich, aus einer positiveren Perspektive auf unser Leben zu blicken und einfach mal die rosarote Brille aufzusetzen. Gerade wir Lutheraner neigen ja dazu, sehr verkopft und kritisch durchs Leben zu gehen. Das ist sicherlich auch in Ordnung, wenn es darum geht, die Augen nicht vor den Themen zu verschließen, in die wir uns als Christinnen und Christen in Jesu Namen einmischen sollten. Doch wir dürfen dabei nicht riskieren, unsere Lebensfreude zu verlieren, weil wir uns nur noch mit den negativen Aspekten unseres Daseins befassen.
Es gibt neben allem Schweren immer auch so viel Schönes und Erfreuliches auf dieser Welt und in unserem Leben, aus dem wir Kraft und Zuversicht ziehen dürfen. Gott will, dass es uns Menschen gut geht – davon bin ich fest überzeugt. Und damit ist es nicht nur legitim, sondern ganz sicher in Gottes Sinne, dass wir uns freuen, an dem was uns umgibt und was unser Leben mit sich bringt. Und manchmal müssen wir unsere Perspektive verändern, um genau das zu erkennen. Kleiner Bär und Kleiner Tiger haben es uns vorgemacht. Oh, wie schön ist Panama!

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  Nigeria

Nigeria

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.01.2019

Vorgestern erschien eine ganz frische Publikation des EKD-Referates für Menschenrechte, Migration und Integration. Fokus ist Nigeria. Allein seit Weihnachten haben im Nordosten des Landes, das wir vermutlich zuerst mit der Entführung von 274 Mädchen aus einer Schule in Chibok durch die islamistische Gruppierung Boko Haram verbinden, ungefähr 30 000 Menschen ihr Zuhause verlassen und sind auf der Flucht. Flüchtlingslager der Region sind längst überfüllt. Nach wie vor befinden sich zahllose Menschen in der Gewalt der Terrormilizen, Tausende Tote und Hundertausende Flüchtlinge prägen das Land.
Schon diese Zahlen sind groß und lassen einen frieren.
„Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und deine Güte“, heißt es im 25. Psalm. Erinnere Dich daran, dass sie alle, jede und jeder Einzelne, unersetzbar besonders sind, dass jeder Mensch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat, auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, dass seine Würde unantastbar ist.
„Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und deine Güte“. Erinnere dich an die, die wir vergessen, wenn die Nachrichten nichts mehr erwähnen. Erinnere uns daran, dass auch unter uns so viele Menschen leben, die noch immer in ihren Träumen auf der Flucht sind. Denn das Schicksal, verschleppt und missbraucht zu werden, die Angst vor Vergewaltigungen, hat auch manches Frauenleben hier geprägt.
Kriege schreiben sich in Körper und Seelen nicht nur derer ein, die Waffen tragen, sondern verletzen und zerstören die Schwächsten der Gesellschaft: Kinder, Frauen, Alte, Kranke. So geschah es am Ende des Krieges hier, so erleben es noch immer zahllose Menschen überall auf der Welt.
„Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und deine Güte“.
Die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, erzählt in einem ihrer Bücher davon, wie schwer es ist, in der eigenen verletzten Haut zu leben, wieviel Kraft es oft kostet. Sie beschreibt etwas davon an einem Beispiel, dass auf den ersten Blick nichts mit Krieg und Gewalt, Flucht und Angst zu tun zu haben scheint: „Auf dem Bahnsteig standen Leute, die dreimal so dick waren wie sie, und sie betrachtete bewundernd eine Frau in einem sehr kurzen Rock. Es war nichts Besonderes dabei, mit schlanken Beinen in einem Minirock anzugeben – es war kein Risiko und kostete keine Mühe, Beine zur Schau zu stellen, die die Welt guthieß.“
Man ahnt nur, wieviel Heimweh, Kummer, Angst diese Frau dick gemacht haben, wie gedankenlos, das Urteil anderer oft ist. Und man versteht, dass noch lange nichts gut ist.












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  Privatsphärencheck

Privatsphärencheck

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.01.2019

Mein Rechner möchte gerne meine Privatsphäre checken. Denn, so sagt er mir, „mithilfe der Funktion Privatsphäre-Check kannst du prüfen, wer deine Beiträge und Profilinformationen, z. B. deine Handynummer und E-Mail-Adresse, sehen kann. Außerdem siehst du deine Einstellungen für Apps, bei denen du dich angemeldet hast. Du kannst die Funktion Privatsphäre-Check benutzen, um deine Privatsphäre-Einstellungen zu prüfen und zu ändern und so sicherzustellen, dass du Inhalte auch nur mit den gewünschten Personen teilst.“
Anschließend ist meine Privatsphäre also vor Zudringlichkeiten fremder Augen sicher, wenn ich mal kurz verdränge, dass ja irgendwer die Sache checkt.
So absurd ist es inzwischen schon. Nicht nur, dass mir diese unaufgeforderte Nachricht suggerieren will, dass es im Internet Privatsphäre gäbe, das Angebot scheint auch nach dem Modell zu funktionieren: „Wenn ich mir die Augen zuhalte, bin ich nicht da.“ Nur weil dann möglicherweise nicht jeder mehr so einfach sehen kann, was ich ins Netz stelle, bleibt doch all denen, die technisch die Nase vorn haben, unbenommen, zu verwerten, was es von mir zu wissen gibt.
Urlaubsziele, Suchanfragen, Nachrichten, Einkäufe, Bilder, Ortung…
Womöglich kommen noch Schlafphasen, Herzfrequenz, Ernährung dazu.
Da kann man viel checken. Das Internet vergisst nicht und lernt zu sammeln und zu ordnen. Wie gut, dass es meine Gedanken nicht lesen und in mein Herz nicht sehen kann, dass ihm verborgen bleibt, was ich in mein Tagebuch schreibe oder meinem lieben Mann erzähle. Und wenn ich es nicht selber damit füttere, weiß es auch nicht, wie ich früh morgens aussehe, wenn ich gerade aufgestanden bin oder dann wenn ich im Lieblingsschlumpflook genieße, Zeit zu haben.
Das ist privat.
Dem Internet und diversen Administratoren wird es hoffentlich noch lange so gehen und als grenze unüberwindbar bleiben, wie es im Samuelbuch steht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“

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  Weltuntergänge

Weltuntergänge

Dompredigerin Cornelia Götz - 30.01.2019

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen, 42 mm dick – also ganz ordentlich – mit einer Auflistung zahlloser fälschlich prophezeiter Weltuntergänge seit 2800 vor Christus. Damals schrieb man auf eine Tontafel, dass das Ende unmittelbar und ausweglos bevorstünde…
Dann folgt jeweils ein Weltuntergang pro Seite. Mal behaupten die „Sternengeschwister“, dass der Atomkrieg ausbrechen und alle Mitglieder der Gruppierung mit Raumschiffen evakuiert werden, mal kündigen Adventisten oder Methodisten Termine an, mal warnen Astrologen, dann wieder Mystiker. Sogar die Reformatoren tauchen auf: Thomas Müntzer rechnete 1525 mit dem Jüngsten Gericht und wollte die Kanonenkugeln des Bösen persönlich abwehren. So gibt es zahllose Szenarien bis zu der Ansage ganz am Schluss, dass spätestens in fünf Milliarden Jahren Ruhe sei, weil dann die Brennstoffvorräte der Sonne aufgebraucht sind.
Gelehrte rechnen und analysieren und ermitteln präzise Daten, manchmal müssen sie sich aber auch korrigieren. So geschah es französischen Hugenotten, die 1705 mit dem Aus rechneten aber gleich einräumten, dass das Ende möglicherweise doch erst 1706 einträte.
Mit dem zwanzigsten Jahrhundert nahm all das rapide zu (oder wurde den entsprechenden Ankündigungen mehr Aufmerksamkeit gewidmet), jedenfalls stammen zwei Drittel aller Termine aus den letzten 120 Jahren.
Es ist wirklich bizarr.
Was treibt Menschen zu solchen Überlegungen? Ist es der Überdruss oder die Ohnmacht, das Spiel mit dem Schrecken oder die Angst vor der Ewigkeit?
Offenbar begleitet uns Menschen die Frage nach dem Ende unserer Welt ja seit Anbeginn. Auch die Bibel kennt Apokalypsen wie die große Sintflut zur Zeit des Noah oder die Offenbarung des Johannes.
Nach Jesu Auferstehung schließlich rechnete man jeden Moment mit dem Anbruch des Gottesreiches und dem jüngsten Gericht. Ganze ethische Entwürfe gingen davon aus, dass man sich hier nur noch für eine kurze Zwischenzeit einrichten müsse…
Dieses Ende wurde herbeigesehnt, weil Gottes Reich endlich anbrechen und alles gut werden würde. Denn schon der Psalmist hatte ja geschrieben: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“

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  Kemal hat verstanden

Kemal hat verstanden

Pastor Henning Böger - 28.01.2019

Es ist Winter in Kabul. In einem kargen Sprechzimmer beim Roten Halbmond sitzt Kemal. Ein Jahr war der Junge in Deutschland, damit sein von einer Mine zerstörter Arm gerichtet wurde. Sein Betreuer gibt ihm zum Abschied die Hand. Er zieht den Jungen zu sich, schaut ihm fest in die Augen und sagt: „Die Ärzte haben dir deinen Arm zurückgegeben. Mit dieser Hand rührst du niemals eine Waffe an, verstanden?“ Kemal nickt. Er hat verstanden.
Als junger Pastor stand ich zu besonderen Anlässen, wie Festen oder Feiertagen, vor den Gedenktafeln der gefallenen Soldaten unserer Dörfer. Daran dachte ich bei Kemals Geschichte. Jene Männer, deren Namen und Lebensdaten auf den Ehrenmalen in Stein gemeißelt waren, haben Waffen in die Hand genommen. Euphorisch, aus Vaterlandsliebe, dazu gedrängt oder ideologisch verblendet.
Sie alle starben viel zu früh – manche mit 32, 25 oder 19 Jahren. Für mich ist das schwer zu begreifen. Nie wieder soll das so sein!
Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang. So mahnt die Bibel im fünften Mosebuch. Das Bibelwort stand als Votum über dem gestrigen Sonntag. Der 27. Januar ist weltweiter Gedenktag für die Opfer des Holocaust, ein Tag gegen das Vergessen dunkler Geschichte.
Aus der Matthäus-Kirche in Braunschweig wurde dazu ein Fernsehgottesdienst übertragen. In ihm kamen auch Jugendliche zu Wort, die im vergangenen Sommer das Konzentrationslager Auschwitz besucht haben. Eine Jugendliche schrieb danach: Ich weiß, dass ich das niemals vergessen werde und den Menschen, die nicht viel darüber wissen, Vieles erzählen möchte. Ein starker Satz, der helfen kann, dass sich diese Vergangenheit niemals wiederholt.
Mit dieser Hand rührst du niemals eine Waffe an, verstanden? Kemal und die Opfer von Terror und Krieg gestern und heute erinnern uns daran, wie schnell und leichtfertig der Gewalt der Weg bereitet ist und wie mühsam der entgegengesetzte Weg zum Frieden sein kann.
Versöhnung lebt von behutsamen Gesten und sie braucht eine klare Haltung, die Schuld nicht nur bei anderen sucht. Behandle jeden Menschen mit Respekt! Jeder ist wie du! Rede, anstatt zu streiten! Biete dem Unrecht die Stirn! Ein Lichtblick ist jeder Mensch, der das für sich begriffen hat.

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  Was bleibt?

Was bleibt?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.01.2019

Weihnachten ist im Dezember. Das weiß jedes Kind. Vielleicht wundert sich deshalb auch der ein oder die andere, dass bei uns noch immer die erleuchteten Weihnachtsbäume stehen. Aber nein, wir haben sie nicht vergessen! Sondern tatsächlich haben wir erst an diesem Wochenende das letzte Weihnachtswochenende. Die Epiphaniaszeit nähert sich ihrem Ende, also die Zeit der Erscheinung des Herrn. In dem Weihnachtslied „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“ heißt es (EG 27): „Er kommt aus seines Vaters Schoß / und wird ein Kindlein klein, / er liegt dort elend, nackt und bloß / in einem Krippelein, / in einem Krippelein. // Er äußert sich all seiner G’walt, / wird niedrig und gering / und nimmt an eines Knechts Gestalt, / der Schöpfer aller Ding, / der Schöpfer aller Ding.“ - Kurzum: Gott wird Mensch und in einem Menschen lässt Gott sich finden.

Innerlich ist das alles weit weg. Da stehen wir längst wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden, den Blick auf die Füße oder vielleicht auch auf ein bisschen weiter nach vorne gewandt. Wenn ich Sie nun fragte, was Ihnen denn von den drei weihnachtlichen Festtagen geblieben ist, was würden Sie antworten? Gibt es etwas, das Sie mitnehmen? – Vielleicht das ein oder andere Geschenk. Vielleicht ein gutes Gespräch, das Sie zu Weihnachten geführt haben oder eine schöne Grußkarte. Vielleicht die Erinnerung ans Singen. Vielleicht aber ja auch nur ein, zwei Kilo zusätzlich auf den Rippen, weil es in der Advents- und Weihnachtszeit aber auch allüberall zu köstliche Dinge gibt.

Ich denke, das Besondere unserer christlichen Religion ist wie Gott dem Menschen begegnet: Gott nimmt seine Macht zurück und tritt als Mensch den Menschen entgegen. Er appelliert an ihre Vernunft, an ihr Herz, an ihr Mitgefühl. Er lockt sie mit Zeichenhandlungen und guten Geschichten, die bis heute unmittelbar wirken….
Gott wird Mensch – er lässt sich ansehen, hören, berühren. Und muss erfahren, dass viele Menschen lieber auf ihre eigenen Ordnungen und Mächte vertrauen, als sich auf einen Gott einzulassen, der um des Menschen Herz wirbt und keine Machtworte spricht. Was denken Sie, wäre Jesus heute unter uns, würden wir ihn und solch eine Botschaft wollen?

Was also bleibt von der Weihnachtsbotschaft im Alltäglichen bis der Reigen im Dezember neu beginnt? Darüber für das eigene Leben nachzudenken, könnte ein gewinnbringendes Gedankenspiel sein, das uns in den kommen Wochen bis Ostern begleitet.

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  Freude

Freude

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.01.2019

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“, heißt es (Mt 19,3), und ich dachte mir an diesem Morgen, dass das doch ein kluges Wort ist und tat es unserem Kind nach, das gestern ganz glückselig zum Schlittschuhlaufen losgezogen war. Also hinunter in den Keller, die Schlittschuhe hervorgekramt und ab aufs Eis. Zuerst die Erinnerung daran, dass es gar keine Selbstverständlichkeit ist, das Gleichgewicht zu halten und irgendwann dann wieder im alten Rhythmus neu die Bahnen ziehen. Mit der Ente auf Tuchfühlung, die über das Eis watschelt. Und am Horizont eine Joggerin, die es wohl auch nicht lassen konnte, vergnügt wie ein Kind über das gefrorene Wasser zu schliddern. Was für ein Genuss, denke ich mir – und: wie wenig es braucht, um Glück und Zufriedenheit zu erleben. Nur ein wenig Kälte, Schlittschuhe und eine Stunde Zeit. Mehr nicht.

So eine Stunde auf dem Eis muss man heutzutage wohl Alltagsluxus nennen. Denn wem ist die beruflich schon möglich? Stattdessen haben wir in unserer Gesellschaft Notwendigkeiten geschaffen, die uns Tag für Tag fordern und beanspruchen und über die hinweg unser Leben vorüberzieht. Ich frage mich, was davon ist eigentlich wirklich wichtig? Und wann und wo schulen wir unseren Blick für diese Dinge?

In unserer Tageslosung heißt es (Ps 104,24): „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ Der Lehrtext dazu lautet (Mt 6,28f): „Jesus Christus spricht: Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ - Sie werden wissen, dass die Lilien auf dem Felde zu jenem Wort gehören, das mahnt, sich nicht zu sorgen, weil es genug sei, dass ein jeder Tag seine eigene Plage habe. Dieses Wort ist kein „alles-egal-Text“, sondern die Mahnung, sich nicht von der eigenen Sorge auffressen zu lassen. Menschen sollen sich um das kümmern, was anliegt – aber ohne dabei aus lauter Sorge bekümmert zu werden.

Eine meiner wirklich wunderbaren Jugenderinnerungen gilt jenem Tag, als unser Rektor in einem sehr kalten Winter beschloss, den Lehrplan einen Tag lang Lehrplan sein zu lassen. Stattdessen bestellte er drei Busse und ging mit uns aufs Eis. Nur wenige, die nicht konnten oder wollten, blieben zurück. Ich befürchte, dass solch eine Aktion frei von besonderen didaktischen Zielen, die rein vergnüglich ist, heute im Schulwesen überhaupt nicht mehr möglich wäre. Ganz zu schweigen von den damit zusammenhängenden Versicherungsfragen. Und so hält vermutlich Sorge über Sorge hält davon ab, sich endlich darum zu kümmern, den Bus zu bestellen.

Nun, ich bin dankbar, dass mir damals auf diese unkonventionelle Weise vermittelt wurde, dass es Zeiten im Leben gibt, die es zu nutzen gilt, will man nicht irgendwann im Rückblick sagen: Ach hätte ich damals doch…. Der Herr hat seine Werke weise geordnet, allein: wir müssen aufmerksam dafür sein, dass wir mit der Ordnung unseres Lebens an dem, was wirklich wichtig wäre, nicht einfach vorbei sausen.

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  Aber ich will sie trösten

Aber ich will sie trösten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.01.2019

In diesen Tagen ist es wieder soweit: in Vorbereitung auf die Konfirmation werden die Jugendlichen sich ein Segenswort aussuchen, das sie in ihrem Leben begleiten soll. Dazu schauen wir uns im ersten Teil des Unterrichts verschiedene biblische Worte an. Viele der klassischen Vorschläge sind Segensworte. Dabei fällt alle Jahre wieder die Frage: „Was ist das eigentlich, Segen? Und was meint es, dass Gott einen beschützt und begleitet, wenn dann doch immer wieder schreckliche Dinge passieren?“

Der Blick in die Bibel antwortet auf diese Frage nicht philosophisch-abstrakt, sondern mit Erzählungen. So wird z.B. Abraham gesegnet. Gott verspricht ihm seine Begleitung, wenn er sich auf neue Wege macht. Trotzdem wird Abraham bis zu seinem Ziel in so manche Gefahr und auch in manche Schuld geraten. Sein Enkel Jakob wird um diesen Segen mit Gott an der Furt des Jabbok ringen und dabei bleibend verletzt. Das Volk Israel ist gesegnet. Dennoch wird es je und je in Kriege verwickelt, zerschlagen und ins Exil verschleppt. Die Propheten Gottes sind gesegnet. Und doch werden sie oft genug verlacht oder auch angegangen. Jesus selbst endet am Kreuz. Der Apostel Paulus schreibt davon, wie krank er ist, auch kommt er immer wieder ins Gefängnis und am Ende wird er das Martyrium erleiden. Kurzum: der Segen Gottes scheint kein Zaubermittel für ein sorgenfreies und wunscherfüllendes Lebens zu sein. Was aber kann er dann?

In der Tageslosung heißt es im Buch des Propheten Jeremia (Jer 31,9):
„Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.
Ich will sie zu Wasserbächen führen auf ebenem Wege, auf dem sie nicht straucheln.“

Trost und Geleit und gute Aussichten für das Morgen, gerade wenn das Heute schwer ist. Dem Lebenswanderer wird ein ebener Weg verheißen, der zu einem Ziel führt, an dem er rasten und Ruhe finden kann. Und genau das ist Segen.

Luther empfiehlt, jeden Tag und jede Nacht um den Segen Gottes zu bitten. Den eigenen Tag unter SEINEN Segen zu stellen. Nicht, weil dann das Leben leicht, ohne Probleme, ohne Krankheiten oder ohne Abschiede zu haben wäre, sondern weil unter dem Segen Gottes ein Leben in Vertrauen und Hoffnung - und damit in Gelassenheit geführt werden kann. Wer weint, soll Trost finden und Zukunft. Wer glücklich ist, soll dankbar sein und sein Glück nicht vergessen. Segen ist die Fülle eines Lebens und die Bewusstwerdung solcher Fülle. Zum einen. Und zum andern ist er die Furchtlosigkeit im finsteren Tal, Trost und Leitstern eines Lebens.

Segen ist nichts, das man zur Taufe oder nach einem Gottesdienst empfängt und dann wie einen Talisman mit sich herumträgt. Stattdessen muss er gelebt werden. Gesucht und gefunden, angenommen und wahrgenommen werden. Deshalb lassen Sie uns jetzt mit den alten Gebetsworten Martin Luthers um den Abendsegen bitten:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, / durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, / dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, / und bitte dich, / du wollest mir vergeben alle meine Sünde, / wo ich Unrecht getan habe, / und mich auch diese Nacht gnädiglich behüten. / Denn ich befehle mich, meinen Leib und meine Seele
und alles in deine Hände. / Dein heiliger Engel sei mit mir, / dass der böse Feind keine Macht an mir finde. / Amen.

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  Friedenskunde

Friedenskunde

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.01.2019

Anfang Januar hatte ich die Gelegenheit mit Jugendlichen über deren theologische Fragen zu diskutieren. Eine ihrer Fragen war die nach dem Zusammenhang von Religion und Krieg. Wen wundert’s? Schließlich kennt diese Generation Zeit ihres Lebens die Diskussion um die Gefährdung durch oftmals religiös motivierte Selbstmordattentäter. Und dann wissen sie schließlich auch um die Kreuzzüge und die Hexenverbrennungen und den Dreißigjährigen Krieg, also unseren europäischen Religionskrieg. Die Zeichen verdichten sich für diese jungen Menschen: Da wo die Religion stark ist, herrscht Gewalt. Warum also nicht alle Religion über Bord werfen, einfach Mensch sein, leben und leben lassen? „Imagine there’s no haven / it’s easy, if you try / no hell below us / above us only sky / imagine all the people living for today…”, sang schließlich auch schon John Lennon.

Aber so einfach ist es nicht. Denn es gibt sie ja, all die Menschen, die religiös musikalisch sind; und die nach einer Sprache suchen, um angemessen von dem zu reden, was sie empfinden. Solche Sprache wird stets menschlich und damit kategorial unzulänglich sein. Und erst, wo Religionsredner sich dessen entweder nicht mehr bewusst sind oder aber sie es verschweigen, um eigene Interessen durchzusetzen, wird‘s gefährlich. Denn ja, Glaube ist mächtig, auch und gerade dort, wo er unbewusst oder bewusst missbraucht wird. In diesen Fällen wird’s tragisch. Nur sind sie kein Grund, vom Glauben insgesamt Abschied zu nehmen. Denn gerade in der Friedensfrage könnte einem doch auffallen, dass Friede zunächst einmal nicht der Normalzustand einer Gesellschaft ist. Im Mythos von Kain und Abel wird bereits die These aufgestellt, dass Nichtigkeiten und Missverständnisse ausreichen, damit der eine Bruder den andern erschlägt. Friede wäre demnach kein bleibender Grundzustand, sondern müsste sich stetig aktualisieren, also je und je neu werden.

Mindestens hier ist die christliche Religion mit ihrer Botschaft stark. Denn schon in ihren Grundzügen will dieser Glaube keine Massen bewegen, sondern das Individuum ansprechen und zum rechten Tun locken. In der Taufe ruft er den einzelnen beim Namen, im Ruf zu Buße und Umkehr fragt er nach dessen Tun, einzelne werden in die Nachfolge gerufen und von einem jeden, der nachfolgt, wird gefordert, Rechenschaft geben zu können über die Hoffnung, die in ihm ist. Hier steht nicht „der Mensch“ im Allgemeinen, auch kein Volk, sondern ein jedes Individuum vor Augen. Und dieses Individuum wird dazu aufgerufen, Gott, seinen Nächsten und sich selbst zu lieben, denn, so die Schrift, dies ist das höchste Gebot. Im heutigen Lehrtext heißt es (Eph 2,17):

„Christus Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt
euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“

Und in diesem Evangelium, in dem der Friede verkündigt wird, liegt Widerspruchskraft, um Machtmissbrauch und Gewalt zu entgegnen. Es wäre ein großes Unglück, würden wir die Gefahren des Glaubens so groß reden, dass wir auch das Evangelium vom Frieden gleichsam als Kind mit dem Bade ausschütteten.

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  ... und weiter wächst die Kluft

... und weiter wächst die Kluft

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.01.2019

Jahreswechsel bringen Jahresrückblicke mit sich und auch die Hilfsorganisation Oxfam hat auf das Jahr 2018 zurückgeblickt. Ihr Urteil: Die Kluft zwischen Arm und Reich sei wieder einmal gewachsen. Während die Milliardäre ihr Vermögen um 12% hätten steigern können, hätte die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung Einbußen von etwa 11% hinnehmen müssen. So zumindest zitierte die Tagesschau gestern.

Um uns herum sind die Fotos der Ausstellung „Wohnungslos – Leben in Braunschweig“ zu sehen. Es sind Eindrücke aus der Perspektive derer, die ein Leben führen, das sich wohl nur die wenigsten unter uns vorstellen können. Mich berührt das Foto, auf dem die Beine der Vorübergehenden verschwommen zu sehen sind. Zwar sind es nicht meine Beine, die da von A nach B hetzen, aber sie könnten es durchaus sein. Ich weiß, dass ich die Gruppe der Obdachlosen oft genug wahrnehme; dass wir ihnen hin und wieder eine Zigarette geschenkt haben oder auch mal `nen Euro; aber dass es mich meistens eher stört, wenn sie mich ansprechen, weil ich es viel zu eilig habe in meinem Alltag – und wenn dann noch der Ghettoblaster dazu kommt, dann fühle ich mich auch belästigt. Ja, es sind zwei Perspektiven der ein und selben Situation – und auf beiden Seiten versuchen Menschen ihren Alltag zu bewältigen. Für mich spricht dieses Foto davon Bände, dass es keine einfachen Lösungen gibt.
Weiter die Fotos des Werbeplakats für die Ausstellung „Zerrissene Zeiten“. Plötzlich erzählt auf diesen Fotos der Titel nicht mehr vom Krieg, sondern von der Lebensselbstdeutung gegenwärtiger Menschen.
Und zuletzt vielleicht die Bilder von Essen und Trinken, die so deutlich zeigen, dass das Leben auf der Straße eben kein Picknick, sondern Überleben ist.

In vielen biblischen Erzählungen der Evangelien geht es darum, Menschen vom Rand der Gesellschaft in deren Mitte zurückzuführen. Sie setzen einen Maßstab für unser Tun. Besonders für die Armen, so das Neue Testament, tragen die Reicheren eine Mitverantwortung. Wenn nun seit Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, darf uns Christen das nicht kalt lassen. Aber was tun? Zwei Tropfen auf den heißen Stein benennt die Diakonie Braunschweiger Land in ihrem Begleittext zur Ausstellung. Zwei Tropfen, die aber doch für einzelne lebensverändernd wirken können: So wäre es zum einen schön, wenn Vermieter sich auf eine Vermietung an Obdachlose oder an die Diakonie einlassen könnten; und zum anderen hilft Geld, denn die Wohnungen und Obdachlosenunterkünfte müssen eingerichtet und instand gehalten werden.
Aber wissen Sie, vermutlich wäre es auch schon ein Schritt, wenn unsere Beine einmal nicht ganz so zügig vorübereilten an jenen, die da am Straßenrand sitzen, sondern wir ein Lächeln, einen Gruß, ein Wort oder auch nur ein wenig weniger Genervtsein erübrigen könnten.

In einem der Lieder dieser Kirchenjahreszeit heißt es (EG 67. 3): „Lass uns in deiner Liebe und Kenntnis nehmen zu, dass wir am Glauben bleiben, dir dienen im Geist so, dass wir hier mögen schmecken dein Süßigkeit im Herzen und dürsten stets nach dir.“

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  Weltknuddeltag

Weltknuddeltag

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.01.2019

Wann wurden sie das letzte Mal in den Arm genommen? Wohl gemerkt – in den Arm genommen und nicht auf den Arm. Wenn es dazu eines besonderen Anlasses bedürfen sollte, so hätten wir heute einen, denn heute ist Weltknuddeltag. Ja, Sie ahnen es vielleicht bereits, es waren mal wieder die Amerikaner, die auf diese Idee gekommen sind. Ganz konkret war es der Pfarrer Kevin Zaborney, der 1986 diesen Tag ausgerufen hat. Er hat den 21. Januar gewählt, weil dieser Tag genau in der Mitte zwischen Weihnachten, dem Fest der Liebe, und dem Valentinstag, dem Fest der Verliebten liegt. Pfarrer Zaborney war der Meinung, dass uns Menschen so ein Tag gerade in der kalten und dunklen Jahreszeit irgendwie gut tut.
Ziel dieses Tages soll sein, dass Menschen einander bestätigen können, wie sie zueinander stehen und das durchaus auch in der Öffentlichkeit. Ziel dieses Tages ist es nicht, auf wildfremde Menschen zuzugehen und sie ungefragt in den Arm zu nehmen. Das wäre auch hier bei unserer norddeutsch zurückhaltenden Mentalität nicht ganz so einfach. Nein, es geht um Menschen, die sich kennen und mögen und die sollen genau das auch gern einmal zeigen.
Gestern haben wir in unseren Kirchen über einen Abschnitt aus dem Römerbrief gepredigt, der einen langen Katalog von Empfehlungen und Maßgaben enthält, die der Apostel Paulus für ein gelingendes Miteinander zwischen uns Menschen aufgeschrieben hat. Kernaussage ist, dass wir einander herzlich und liebevoll begegnen sollen. Die besondere Herausforderung liegt darin, dass Paulus dies im Umgang mit allen Menschen fordert, also sowohl im inneren Zirkel einer Familie oder einer Kirchengemeinde, aber auch gegenüber Fremden und sogar gegenüber unseren Feinden.
Je größer meine Nähe zu Menschen ist, desto leichter fällt es mir, herzlich und freundlich mit ihnen umzugehen. Je weiter sie entfernt sind, desto höher werden die Hürden. Angesichts der seit einigen Jahren mit großer Emotionalität geführten Debatten um den Umgang mit geflüchteten Menschen wird deutlich, dass es mit der Fremdenliebe schon unglaublich schwer ist, von der Feindesliebe mal ganz zu schweigen. Doch Paulus sagt, dass wir daran nicht vorbeikommen, wenn wir tatsächlich ein Leben führen wollen, so wie Gott es gedacht hat. „Liebt Eure Feinde“, das schreibt uns auch Jesus Christus höchstpersönlich in die Bücher.
Wir Menschen wachsen mit unseren Herausforderungen und wenn man große Ziele hat, ist es gut, sich ihnen in kleinen Schritten zu nähern, denn jeder kleine Schritt, den wir geschafft haben, ist ein Erfolg, aus dem wir Kraft und Motivation für den nächsten ziehen können. Wenn wir denn also Gottes Liebe universell in dieser Welt weitergeben wollen, könnten wir das im ersten Schritt ja mal konsequent gegenüber den Menschen leben, die uns wohlgesonnen sind und denen wir uns nahe fühlen. Und vielleicht liefert ja der heutige Weltknuddeltag eine schöne Inspiration für die praktische Umsetzung.

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  „Schaut die Lilien auf dem Feld an…“

„Schaut die Lilien auf dem Feld an…“

Dompredigerin Cornelia Götz - 19.01.2019

Alexander von Humboldt notierte 1803 in seinem Reisetagebuch: „Querétaro ist berühmt durch seine Manufakturen für Tuche… das, was schaudern macht und wünschen, dass diese ganze Industrie nicht existierte, ist die schreckliche Behandlung, die man den unglücklichen Indios und anderen Farbigen, die dort arbeiten, angedeihen lässt. Die Fabriken erscheinen wie Gefängnisse… Nichts Schmutzigeres, nichts Stinkenderes, nichts Dunkleres, nichts Ungesunderes als diese Räume. … die Regierung muss sich mit diesen Missbräuchen befassen!“
Reichlich zweihundert Jahre später hat sich an den Zuständen in der Textilbranche vielerorts in der Welt wenig geändert. Der allgemeine Schrecken nach dem Einsturz einer Fabrik in Bangladesch vor reichlich fünf Jahren und den Berichten von Näherinnen über 14-stündige-sieben-Tage-Arbeitswochen bei miserabler Bezahlung ist längst verflogen. Von der tonnenweisen Vernichtung ungetragener Kleidung bei Herstellern und im Versandhandel erfahren wir nur wenig.
Der deutsche Entwicklungsminister Müller kündigte daher für 2019 die Einführung des „Grünen Knopfes“ als Textilsiegel für fair und nachhaltig produzierte Kleidung an. Diese Woche wandte sich der Gesamtverband der Deutschen Textil- und Modeindustrie an Wirtschaftsminister Altmaier mit der Bitte, die ökonomischen Auswirkungen des geplanten Labels intensiv zu prüfen.
Man ahnt, was diese Prüfung ergeben wird.
Es ist also an uns und das während die Verführung in vollem Gange ist: der Winterschlussverkauf läuft. Kleidung hat einen großen Stellenwert in unserer Gesellschaft, denn Kleider machen bekanntlich Leute und die Modetrends lösen sich in Hochgeschwindigkeit ab. Darüber vergisst man die Zustände in der Branche schnell und weiß sich in guter Gesellschaft, denn auch die Menschen der Bibel schätzten und liebten schöne kostbare Kleidung. Ihretwegen entbrannte der Neid zwischen Josef und seinen Brüdern. Das erste Buch Mose erzählt: „Jakob aber hatte Josef lieber als alle seine Söhne … und machte ihm einen bunten Rock.“
Dennoch geht es, so benennt es, ein wunderbares Heft der EKD über „Menschenrechte in der Textilindustrie“ um Alltagsfragen, das Verhältnis zum nächsten und zum Ganzen. Die Frage aus dem Matthäusevangelium „Womit sollen wir uns kleiden?“ wird „angesichts von Menschenrechtsverletzungen und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu einer sehr politischen Angelegenheit. Sabine Dreßler hat aus dem Anspruch einen Zuspruch formuliert, der befreit:
„Du bist ein Gotteskind. / Du bist Tochter, du bist Sohn / dessen, der Dich heilig macht. /Du bist getauft. / Du trägst das wunderschöne Kleid / des Gottes-Menschen-Sohns. / Du hast Christus angezogen. / Kleid der Freiheit / Kleid der Würde / Kleid der Hoffnung – / Festtagskleid. / Weil Christus Dich anzieht / bist Du eingewoben / einzigartig, / in Gottes Welten-Muster, / in die große Erzählung vom Leben, / von Anfang und Ende und Neubeginn. / Gott verbunden und all seiner Schöpfung, / farbenprächtig und leuchtend. / Du in Deinem neuen Kleid. / Du bist getauft, geliebt, heilig.“









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  Jan Palach

Jan Palach

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2019

In dieser Woche jährt sich zum fünfzigsten Male der Todestag von Jan Palach. Vielen wird sein Name kein Begriff mehr sein obwohl Zehntausende seinem Sarg folgten. Am 16. Januar 1969 hatte er sich auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergossen, am 19. Januar starb er an den Folgen der Verbrennungen.
Jan Palach war in der Nähe von Prag aufgewachsen. Wie so viele Menschen, nicht nur in der Tschechoslowakei, hatte er gehofft, dass der Prager Frühling, der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie Alexander Dubček, das Reformexperiment genannt hatte, sein Land und sein Leben verändern würde. Er war jung, das Leben lag noch vor ihm, warum sollte er nicht hoffen, der Zukunft nichts zutrauen?
Aber der Prager Frühling wurde eben auf jenem Wenzelsplatz von Panzern niedergerollt und mit ihm alle Hoffnung, dass der Sozialismus reformierbar wäre, dass es gelingen könnte, die gesellschaftliche Idee der Vergemeinschaftung der Güter ohne Diktatur und Einparteiensystem, Geheimpolizei und Gewalt, zu verwirklichen.
Jan Palach wollte keine Nachahmer, aber er wollte auch nicht als Selbstmörder missverstanden werden. Vielmehr wollte er mit seinem Tod die Gewissen der Menschen aufrütteln und eine Botschaft überbringen: „Man muss das Böse so gut wie nur möglich bekämpfen.“
Ob diese dramatische Selbstaufopferung tatsächlich ein guter Weg war, steht uns nicht frei zu beurteilen. Wir sind nicht in seinen Schuhen gegangen, haben seine Enttäuschung und Verzweiflung nicht geteilt. Dennoch klingen diese Worte der biblischen Aufforderung „lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ verwandt. Vielleicht, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar, hatte Jan Palach seinen Landsmann und Namensvetter Jan Hus vor Augen, der 1415 als Ketzer verbrannt wurde nicht zuletzt deshalb, weil er seine Lehre von der Gewissensfreiheit jedes Christen und der Bibel als einziger Autorität nicht widerrufen wollte.
Wir sollten an Jan Palach erinnern um der vielen jungen Menschen willen, die immer wieder, auch heute, um ihre Zukunft betrogen werden, die Opfer menschenverachtender Systeme werden oder Resignation und schweigen nicht mehr aushalten können.

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  „Wer jetzt kein Haus hat…“

„Wer jetzt kein Haus hat…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.01.2019

Wenn man an einem Januarabend wie diesem aus dem Dom kommt, dann empfängt einen das Geschrei der Krähen. Gegen das letzte Dämmerlicht heben sie sich gerade noch ab; viele sitzen schon auf den Dachfirsten und in den Bäumen. Andere fliegen noch. Es ist eine gleichermaßen vertraute wie unbehagliche Szenerie. Friedrich Nietzsche hat diese Atmosphäre in einem Gedicht eingefangen und seine Zeilen „vereinsamt“ überschrieben. In der Tat, warm im Herz wird einem dabei nicht:

„Die Krähen schrei'n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n – / Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!
Nun stehst du starr, / Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr, / Vor Winters in die Welt – entflohn?
Die Welt – ein Tor / Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor, / Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich, / Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich, / Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg', Vogel, schnarr' / Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck' du Narr, / Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei'n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n – / Weh dem, der keine Heimat hat!“

Germanisten haben inzwischen bestimmt erforscht, was Friedrich Nietzsche widerfahren war, dass er Worte derartiger Unbehausheit gesucht und gefunden hat. Hier in unserem Kontext klingen sie heute sehr konkret, denn um uns herum hängen Bilder, die Menschen fotografiert haben, die mit Sicherheit eine Heimat aber kein eigenes Zuhause haben, die das Schreien der Krähen und den nahenden Winter, den Rückzug der Menschen aus dem öffentlichen Raum in die eigene warme Wohnung, sehr existentiell und konkret erleben.
Es lohnt, sich aus dem eigenen Schutzraum hinauszubegeben und genauer hinzusehen. Die Fotos erzählen von Ausgrenzung und Einschränkung, von sehr verschiedenen Perspektiven, von Schönheit und Würde, von Kälte und Einsamkeit…
Es sind keine Geschichten einer längst vergangenen persönlichen Katastrophe, wie sie Nietzsches Gedicht erzählt, sondern Braunschweiger Bilder; Dokumente persönlicher Schicksale aus dem Heute und Hier. Wir sollten uns dabei vor schnellen Einschätzungen und Urteilen hüten und uns an die Tageslosung halten. Bei Matthäus heißt es: „Selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören“. Anselm Grün scheint dazu: „Schenke mir Achtsamkeit, damit ich auf … deine leise Stimme in meinem Herzen achte.“

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  Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.01.2019

Fühlen Sie sich bisweilen eingeengt? Wir sind nicht allein auf der Welt und überall da, wo Menschen miteinander zu tun haben, muss es Regeln geben, damit es einigermaßen klappt. Wenn diese Regeln allerseits akzeptiert sind, ist das Ganze auch gut erträglich, wenn jedoch nur einige wenige zu bestimmen haben, wie unser Zusammenleben auszusehen hat, dann ist das häufig weniger erfreulich. Noch immer gibt es viel zu viele Diktaturen auf dieser Welt, in denen es meistens nur wenigen wirklich gut geht, dafür aber vielen anderen richtig schlecht.
Doch wir haben es nicht nur mit Zwängen zu tun, die von außen kommen. Wir sind aus uns selbst heraus begrenzt in unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten und stehen uns bisweilen auch wunderbar selbst im Weg. Minderwertigkeitskomplexe, fehlendes Selbstvertrauen und mangelnder Mut, auch mal über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen, verhindern oft genug, dass wir uns so weiterentwickeln, wie es uns möglich wäre. All diese Selbstbeschränkungen werden häufig verstärkt durch negative Erfahrungen, die wir machen mussten, weil Dinge misslungen sind, weil wir unsere Ziele nicht erreichen konnten, weil wir Stress und Ärger mit unseren Mitmenschen bekommen haben.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, dieses Bibelwort steht über dem heutigen Tag. Es setzt einen Kontrapunkt gegen alle Zwänge, gegen unser Klein-Fühlen, gegen unsere Selbstzweifel. Christus hat uns zur Freiheit befreit bedeutet, dass er uns hinweg geholfen hat über all das, was uns daran hindert, ein gutes Leben zu führen. Alle unsere Misserfolge, alle unsere Verfehlungen – er ist bereit, sie uns zu vergeben und uns die Chance für einen Neuanfang zu gewähren. Wir dürfen zu ihm kommen, wenn wir uns mühselig und beladen fühlen, so lädt er uns ein.
Diese besondere Freiheit, die Christus uns verheißt, sie ist größer und stärker als all das, was uns hier auf dieser Welt begrenzt. Das bedeutet nun nicht, dass wir uns wie Rambo benehmen sollen und einfach mal machen können, wonach uns der Sinn steht, völlig unabhängig davon, ob wir damit andere schädigen, oder nicht. Martin Luther hat es auf den Punkt gebracht in seiner Beschreibung der „Freiheit eines Christenmenschen“. Luther sagt, dass wir als Christinnen und Christen niemandes Knecht sind, andererseits aber auch jedermanns Knecht. Dieser verschachtelte und beim ersten Hören widersinnig klingende Satz will sagen, dass es keinem Menschen auf dieser Welt zusteht, sich über uns zu erheben, dass wir aber andererseits aus unserer christlichen Grundüberzeugung heraus verpflichtet sind, anderen Menschen überall dort zu helfen, wo sie auf unsere Hilfe angewiesen sind.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit, ganz groß gedacht verstehe ich dieses Wort auch so, dass wir eine Perspektive über die Endlichkeit unseres Lebens auf dieser Welt hinaus haben. Denn so wie Christus diese Welt überwunden hat, so werden auch wir sie dereinst überwinden. Zur Freiheit hat uns Christus befreit – für mich ein Bibelwort, aus dem ich Zuversicht, Sicherheit und vor allen Dingen eine große Gelassenheit ziehen kann, denn vieles relativiert sich im Licht dieser großen Worte, die Paulus uns schreibt.

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  Und Tschüss!

Und Tschüss!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.01.2019

Ich habe lange mit mir gerungen und überlegt, ob ich Ihnen den Aufhänger der heutigen Andacht zumuten kann. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich ihn hier an diesem besonderen Ort überhaupt laut aussprechen darf, habe dann aber doch entschieden, mich einfach mal zu trauen. Wir sind hier bodenständig norddeutsch, in guter lutherischer Tradition und dann darf es auch schon mal etwas deftiger zugehen, wie ich finde. Der Spruch, um den ich hier die ganze Zeit herumeiere, stammt aus der Seefahrt, ist mit viel Augenzwinkern zu verstehen und lautet: „Kotzen nur nach Lee!“
Lee ist die windabgewandte Seite und der Spruch sagt, dass man sich auf einem Schiff immer nur mit dem Wind erleichtern soll und keinesfalls dagegen. Mir gefällt dieser Spruch nicht nur wegen seines deftigen Humors, sondern auch deshalb, weil im übertragenen Sinne auch viel Wahrheit drinsteckt.
Gerade zu Beginn eines neuen Jahres versuchen Menschen immer wieder im Rahmen ihrer guten Vorsätze, sich von Altem zu trennen. Verhaltensweisen, die nicht gut für uns sind, ausgetretene Wege, die uns davon abhalten, Neues zu entdecken. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die meisten unserer Neujahrsvorsätze nicht erfolgreich und nachhaltig umgesetzt werden. Und ich glaube, dass das auch damit zu tun hat, dass wir keine sauberen Trennungen hinkriegen. Bildlich gesprochen versuchen wir, unseren Ballast gegen den Wind loszuwerden und wundern uns dann, dass das nicht gelingt und uns der alte Mist immer wieder um die Ohren fliegt. Bei so manchem sind wir vielleicht gar nicht mal traurig, denn die alten Gewohnheiten sind uns lieb geworden, obwohl sie uns schaden.
Unser Freund und Bruder Jesus Christus ist bei diesem Thema sehr klar und konsequent. Er sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ In Jesu Nachfolge zu leben, bedeutet also, sich selbst zu verleugnen, das heißt deutliche Kehrtwenden im eigenen Leben zu vollziehen, Dinge anders zu machen, selbst anders zu werden, vielleicht sogar ein Anderer zu werden. Und dass das durchaus mühsam ist, macht Jesus deutlich, wenn er sagt, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen müssen.
Wirklich nachhaltige und grundlegende Veränderungen in unserem Leben sind kein Spaziergang. Wir brauchen Kraft, Disziplin und Konsequenz um unseren neuen Kurs im Leben beizubehalten. Unser Glaube kann dabei ein Kompass sein genauso wie unsere selbst gesteckten Ziele, die aus ihm entstehen und ihm folgen. Doch ganz egal worum es geht: Wir müssen es sorgfältig und gründlich angehen und dafür sorgen, dass wir Belastendes und Hinderliches auch wirklich sicher loswerden – so wie auf einem Schiff, wenn uns die Seekrankheit erwischt hat. Immer dran denken: Bloß nicht gegen den Wind!

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  Motivation

Motivation

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.01.2019

Für viele ist es am Montag besonders schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Gerade am Montag scheint die Erdanziehungskraft auf unseren Matratzen besonders stark zu sein und der Weg in den noch dunklen Tag und die neue Woche besonders beschwerlich. Gestern und vorgestern war das anders. Da war Wochenende, die meisten hatten frei und obwohl es draußen kalt und grau war, werden die wenigsten das komplette Wochenende über im Bett geblieben sein. Vielleicht haben Sie den Tag etwas später begonnen, aber begonnen haben sie ihn. Stellt sich also die Frage: Was hat uns angetrieben, auch an einem freien Tag aktiv zu werden?
Die Frage nach der Motivation, sie stellt sich in vielen Lebensbereichen. Wenn wir etwas zu erledigen haben und uns die Motivation fehlt, fällt uns die Aufgabe mindestens doppelt so schwer, wenn wir sie denn überhaupt angehen. Je nachdem worum es geht, brauchen wir mehr oder weniger innere Kraft. Aber wo ist Ihre Quelle? Woher kommt die Energie, die uns antreibt? So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich werden auch die Antworten auf diese Frage ausfallen. Ehrgeiz kann uns antreiben, unsere eigenen inneren Werte, die Überzeugung, dass wir das Richtige tun oder auch die Vorfreude auf das fertige Ergebnis.
Das Bibelwort, das über dieser Woche steht, liefert eine weitere Antwort. Der Wochenspruch lautet: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Die Bibel sagt, dass Gottes Geist uns motivieren kann. Wobei „motivieren“ beinahe zu schwach ausgedrückt ist – hier ist von treiben, von antreiben die Rede. Gottes Geist wird offenbar eine ziemlich starke Kraft zugetraut. Doch was ist damit konkret gemeint? Ich verstehe es so, dass Gottes Geist uns sagen will, wie unser Leben gedacht ist, dass er uns dazu anhalten will, unser Tun und Lassen an dem auszurichten, was Jesus Christus uns vorgelebt hat. Für mich ist Gottes Geist der Wegweiser für ein Miteinander, in dem Toleranz, Wertschätzung und Liebe zwischen uns Menschen bestimmend sind und in dem auch deutlich wird, was Gott von uns erwartet.
Wenn wir an einem Montagmorgen in eine neue Woche starten, dann wissen wir nicht, was uns unser Handeln einbringen wird, was uns erwartet und wie es uns ergehen mag. Bei göttlicher Motivation ist das anders. Der Wochenspruch sagt, dass wir Gottes Kinder sind, wenn wir uns von seinem Geist treiben lassen. Und das ist doch eine erstrebenswerte Perspektive!
Wenn wir unser Leben aus der Kraft unseres Glaubens heraus antreten, wenn wir im Blick behalten, was christliches Miteinander in seinem Kern ausmacht, dann sind wir ganz automatisch hineingenommen in Gottes väterliche und mütterliche Liebe. Denn die Bibel sagt nicht, dass wir irgendwann einmal Gottes Kinder werden, sondern sie sagt, dass wir es sind – einfach so, ohne besondere Prüfung, ohne Eingangsvoraussetzungen, ohne Wartezeit. Besser kann‘s uns doch nicht gehen. Und mit einer solchen Aussicht kann dann sogar das Aufstehen an einem Montagmorgen leichter fallen. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!

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  Alle Tage

Alle Tage

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.01.2019

Noch keine ganze Woche ist es her, dass wir hier Epiphanias gefeiert haben, das Fest der Heiligen drei Könige. Thomas Hofer hat letzten Sonntag in seiner Predigt noch einmal den Horizont geweitet und daran erinnert, dass man nicht genau weiß, wer eigentlich zur Krippe gekommen ist. Waren es Wissenschaftler, Magier, Fürsten? Wieviele? Die Bibel erzählt nur, dass es Weise aus dem Osten waren, die kamen, um anzubeten und dass sie auf dem Heimweg die Begegnung mit Herodes vermieden haben. Mehr wissen wir nicht. Keine Ahnung, wie sie beurteilten, was sie erlebt haben, was sie für Schlussfolgerungen zogen oder denen erzählten, die Zuhause auf sie gewartet haben.
Es scheint, als käme es ausschließlich darauf an, dass sie die Knie vor dem Kind gebeugt und gebetet haben und als hätte Matthäus das alte Mosewort beherzigt, welches über diesem Tag heute steht: „Die Völker hören auf Zeichendeuter und Wahrsager; dir aber hat der Herr dein Gott so etwas verwehrt.“ Mit anderen Worten: die Deuter dieser Welt, seien es Analysten oder Astrologen, Politiker oder Psychotherapeuten werden uns Hilfskonstrukte liefern können, um besser zu verstehen, was um uns herum oder mit uns selbst geschieht, aber sie können uns nicht abnehmen, damit zu leben.
Schärfer formuliert, wir können nicht auf das Schicksal, auf Naturkatastrophen, Gene oder psychische Konstitution schieben, was in unserem Leben geschieht, sondern sollen unser Geschick zuallererst mit Gott verbinden. Er ist die Ursache und Quelle unserer Freude und unserer Not, er versagt oder gibt nach seinem für uns oft unergründlichem Ratschluss. Er weiß den Weg.
Der ist für uns oft schwer zu gehen. Es fühlt sich nicht immer nach Bewahrung und Liebe an, nach Geborgenheit uns Sinn. Es ist öfter, als uns lieb ist, schwer Gott zu vertrauen. Darum gehören diese scheinbar unspektakulären Tage, in denen wir jetzt kirchenjahreszeitlich unterwegs sind, zur Einübung in den Alltag des Lebens.
Noch sieht man zwar im Rückspiegel den Stern von Bethlehem aber der Ostermorgen blaut noch nicht. Noch erinnern wir uns an das besondere Licht von Weihnachten, aber jetzt schlagen wir uns mit dem normalen Ärger rum, dem Zweifel, ob alles falsch ist, dem Kummer, wenn Menschen aus unserem Leben verschwinden, mit unseren Grenzen und unserer Schuld, jetzt schöpfen wir aus unseren Gaben, unserer Tapferkeit, unserer Liebensfähigkeit. Jetzt singen nicht himmlische Heerscharen, sondern wir selbst. Jetzt hat alles menschliches Maß. Darum auch erzählen die biblischen Texte bis Ostern von seinem Leben hier unter uns, davon wie er Krankheit, Tod, Ausgrenzung, Schuld, Hunger und Armut begegnet aber eben auch Freundschaft erfährt, Fürsorge, Liebe.
Das ist es, was jetzt, im Alltag, gilt und trägt: Er geht mit. Einfach ist es nicht. Darum schätze ich auch in 2019 die unglaubliche Ehrlichkeit der Dorothee Sölle, die betet:
„schaffe in mir gott ein neues herz / das alte gehorcht der gewohnheit
schaff mir neue augen / die alten sind verhext vom erfolg
schaff mir neue ohren / die alten registrieren nur unglück
und eine neue liebe zu den bäumen / statt der voller trauer …
schaffe in mir gott ein neues herz / und gib mir einen neuen geist
dass ich dich loben kann / ohne zu lügen
mit tränen in den augen / wenns den sein muss / aber ohne zu lügen.“

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  Unser Zeichen

Unser Zeichen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.01.2019

In meiner Familie gibt es einen Familienpfiff. Daran erkennen wir uns in Menschenmengen oder rufen uns, wenn wir uns beim Pilzesammeln aus den Augen verloren haben. Andere Familien haben andere Zeichen. Eine uralte Form dieser Selbstvergewisserung sind Wappen. Heute Morgen hab ich die Geschichte eines Hamburgers mit griechischen Wurzeln gelesen, der erzählt, wie seine Familie anfing über das, was sie ausmacht und untereinander verbindet, nachzudenken, als der Hamburger Bürgermeister seinen Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit anbot.
Auf dem entsprechenden Schreiben prangte das Wappen der Freien und Hansestadt Hamburg und so begann Michalis Pantelouris mit dem Gedanken zu spielen, für seine nun deutsche Familie ein Wappen entwerfen zu lassen. Dazu brauchte es den Vertreter eines sehr speziellen Zweiges der Geschichtswissenschaft, einen Heraldiker. Wappen, das Wort kommt von Waffen, brauchte man früher auf dem Schlachtfeld, um erkennbar zu sein, damit Freunde einander nicht erschlugen. Damals wie heute stellt ein Heraldiker die Frage, was für eine Familie mit welcher Geschichte sich unter einem Wappen versammelt und woran sie erkannt werden will. Es geht um Familiengeschichte und Traditionen, Berufe, Orte, Namensbedeutungen, also darum höchst Komplexes das einfach dargestellt werden soll. So lernte Michalis Pantelouris Familie dank der Hartnäckigkeit des Heraldikers eine Menge über sich selbst, grub alte Geschichten aus und neue Wahrheiten.
Vielleicht klingt das in Ihren Ohrensehr eigenartig.
Aber sind nicht auch wir hier eine Familie, die sich unter einem Symbol, einem Zeichen versammelt und sich damit erklärt und zu erkennen gibt? Hier auf dem Altar steht es, das Kreuz. Manche Menschen tragen eines als Schmuckstück. Wir stellen Wegkreuze auf, um uns des Geleites unseres Gottes zu vergewissern und Straßenkreuz, wo ein Mensch verunglückt ist.
Es scheint uns Christen ganz selbstverständlich zu sein.
Aber wenn man genauer nachdenkt, dann ist es eine ungeheure Zumutung, dass wir als Erkennungszeichen das Symbol der Hinrichtung eines Unschuldigen für uns verabredet haben. Ein Zeichen voll Schmerz und Demut. Ein Symbol der Ohnmacht. Ganz reduziert zeigt das Kreuz die unbegreifliche Geschichte Gottes mit uns Menschen.
Wappen so sagte ich, waren in alter Zeit ein Schutz zur Unterscheidung von Freund und Feind. Vielleicht ist unser Zeichen das auch: ein Schutz zur Unterscheidung von Größenwahn, Hochmut und Eitelkeit und ein Ansporn, immer wieder darüber nachzudenken, was uns Christen ausmacht und verbindet, was unserer Geschichte ist, wer wir sind und woran wir erkennbar sein wollen.

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  Gewöhnung?

Gewöhnung?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.01.2019

Gestern Mittag. Zeitungblätternd. Ich hatte mir etwas Ordentliches gekocht und dabei mit halbem Ohr Deutschlandfunk gehört. Spott der Brexitbefürworter, die sich keine Sorgen um ausreichende Mengen an Schokoriegeln und Chips mit Käse machen, selbst dann nicht, wenn Ende März ein ungeordneter schwer chaotischer Brexit erfolgen sollte.
Auf der Zeitung indessen vornedrauf Schneechaos irgendwo in Bayern und hinten die Geschichte von Cyntoia Brown, einer Frau aus elenden Verhältnissen, die noch als Kind zur Prostitution gezwungen einen Freier aus panischer Angst ermordete als sie sechzehn war. Jetzt fünfzehn Jahre später wird sie begnadigt. Nach einem halben Leben im Gefängnis kann sie nun einen Neustart wagen. In der BZ die Gesichter der Region beim IHK- Neujahrsempfang in Schöningen. Auf Seite sechs der Süddeutschen ein Typ im Schwimmring. Sieht eigentlich ganz cool aus.
Ich esse und räume die Küche auf, mache mich wieder auf den Weg zum Dom. Da erst wird mir bewusst, dass ich mich gewöhnt habe und nicht mehr schockiert bin. Es ist keine besondere Nachricht mehr, dass Menschen versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, dass sie dabei scheitern und sterben, genauer ertrinken. Mann im Schwimmring. Das passiert dauernd, vielleicht sogar täglich.
Zurück Zuhause habe ich die Zeitung noch einmal aus dem Papiermüll gefischt, das Bild gesucht. Der Mann, der da im Wasser treibt – wie warm ist das Mittelmeer jetzt eigentlich? – sieht energiegeladen aus, zupackend. Er ist jünger als ich, aber nicht mehr jung. Es liegt schon eine Weile Lebenszeit hinter ihm. Es ist ein Flüchtling. Und er hat es in Sichtweite Europas geschafft. Malta ist zum Greifen nah. Aber das Schiff, das ihn gerettet hat, darf seit dem 22. Dezember – da hatten wir hier Quempassingen und Alphornnacht - nicht anlegen.
Man will mit dieser harten Linie andere entmutigen, lieber gar nicht erst aufzubrechen. Mancher rechnet vor, dass diese Haltung wirkt. Die Zahl derer, die Europa erreicht, ist gesunken. Der prozentuale Anteil derer, die die Überfahrt nicht überleben, ist aber vermutlich gestiegen. Genau weiß es keiner, denn es sind keine Rettungsboote im Mittelmeer unterwegs.
Ich fühle mich wie einer der Affen, die sich Augen und Ohren zuhalten. Es ist beschämend und bestürzend. Das darf nicht normal sein.










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  wohnungslos

wohnungslos

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.01.2019

Wer in Braunschweig oder in einer anderen deutschen Stadt eine Bleibe sucht, der weiß, dass er mit unzähligen anderen Interessenten konkurriert, dass der Markt bezahlbarer Wohnungen leergefegt ist und dass „bezahlbar“ eine sehr relative Größe ist. Die Mieten steigen, immer noch.
Darum wächst auch die Zahl derer, die wohnungslos leben müssen.
Als Unbetroffener mag man denken, dass es doch vermeidbar ist, in solche Situationen zu geraten aber wenn man genauer hinhört, dann beginnt man zu ahnen, wie schnell ein Lebensgefüge zusammenbrechen kann, obwohl es bis ungefährdet und stabil war.
Manchen reißt der Tod eines wichtigen Menschen derart den Boden unter den Füßen weg, dass er nicht weiter funktionieren kann. Bei anderen zerbricht eine Beziehung und damit auch die Lebengrundlage. Dritte sind psychisch krank …
Und ja, es gibt auch die, die niemals in einer eigenen Wohnung gelebt haben, das nicht können und manchmal auch nicht mehr wollen.
Ein Viertel der Menschen die auf der Straße leben, sind Frauen. Eine von ihnen, Rosi Behnken, erzählte gestern im Deutschlandfunk: „Im Sommer geht es. Man findet ja überall Möglichkeiten, irgendwo zu duschen und sich sauber anzuziehen, auch was zu essen. Die Möglichkeiten gibt es überall. Tagsüber…“
Wie es nachts und im Winter gehen soll, mag ich mir nicht vorstellen.
Rosi Behnken erzählte von den guten Zeiten als sie bei der Postbank arbeitete und ihr Mann noch ein eigenes Geschäft hatte. Sie hatten Kind, ein gemeinsames Haus. Dann kam der Konkurs. Die Ehe zerbrach. Der Sohn kam ums Leben. So begann eine jahrelange Odyssee durch Notunterkünfte, mit Nächten auf Parkbänken und in U-Bahn Schächten …
Und dann, so sagt sie: „Hat mir mal einer eine Kamera in die Hand gedrückt. Nimm mal die Kamera. … Ja, dann bin ich losgezogen, ich bin ja schon immer gerne spazieren gegangen. Es war dann etwas, was mich abgelenkt hat, worauf ich mich konzentriert habe.“
Das hat ihr gutgetan und ihren Tagen Sinn gegeben. Die Bilder schließlich schufen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.
In der kommenden Woche werden wir hier im Dom eine Fotografieausstellung eröffnen: „Wohnungslos – Leben in Braunschweig.“ Auch hier sind es Betroffene, die ihre eigene Situation, ihr Leben ohne Wohnung ins Bild gesetzt haben. Der Künstler Klaus Kohn hat sie begleitet und aus zweitausend Aufnahmen nun die ausgewählt und bearbeitet, die wir zu sehen bekommen.
Die Fotos werden in der noch immer weihnachtlichen Kirche zusammen mit der Krippe und dem Stern von Bethlehem zu sehen sein. Besser kann man nicht deuten.


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  Neujahrsvorsatz gefällig?

Neujahrsvorsatz gefällig?

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.01.2019

Brauchen Sie noch eine Idee für einen guten Neujahrsvorsatz? Ich hätte da einen Vorschlag. Nehmen Sie sich doch vor, mindestens einmal am Tag dankbar zu sein. Zugegebenermaßen klingt das ziemlich banal, dennoch ist es nicht ganz leicht umzusetzen. Denn Dankbarkeit lässt sich nicht wie eine Deckenleuchte ein- und ausschalten. Dankbarkeit kann ich nicht auf Kommando empfinden und manchmal ist es schon eine echte Herausforderung, überhaupt einen Grund zu finden, aus dem heraus Dankbarkeit erwachsen könnte.
Wenn wir in diese Welt schauen, dann ist vieles nicht in Ordnung. Krieg Gewalt und Terror an so vielen Orten, Raubbau an der Natur, Mauerpläne, Handelskriege, und, und, und. Und auch auf unseren individuellen Lebenswegen gibt es Situationen, Ereignisse und Erlebnisse, die es uns schwer machen, Dankbarkeit zu empfinden. In keinem Leben herrscht immer nur eitel Sonnenschein. Nicht umsonst heißt es im 23. Psalm, dass wir auch in finsteren Tälern wandeln werden.
„Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat“ setzt der Beter des 103. Psalms dagegen. Er erinnert, ja er ermahnt uns geradezu, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass wir dennoch allen Grund haben, dankbar zu sein. Wie würden Sie reagieren, wenn der Psalmist an Ihrer Tür klingelte, um Ihnen seine auffordernden Worte als guten Rat mit auf den Weg zu geben? Wären Sie irritiert und würden fragen: „Loben, wofür denn?“ Oder würden Sie ihn freundlich hereinbitten, um ihm zu sagen: „Erzähl uns doch mal was Neues!“?
Wie gesagt, Dankbarkeit kann man nicht ein- und ausschalten, Dankbarkeit ist eine Haltung und für mich persönlich ist es einfach auch ein Geschenk, wenn ich Dankbarkeit empfinden kann. Dankbarkeit ist der sicherste Weg zum glücklich sein, hat mal jemand gesagt, und in diesem Satz steckt ganz viel Wahrheit. Eine Voraussetzung für das Gelingen ist, dass ich mit wachen Sinnen durch mein Leben gehe, dass ich keinen Panzer mit mir herum trage, der mich abschirmt gegen alles Gute und Schöne und Wunderbare, dass uns unser Leben immer wieder präsentiert.
Ja, manchmal ist es dunkel auf unseren Lebenswegen und das Tal, durch das wir gehen, ist finster. Doch wenn wir uns in diesen Situationen daran erinnern, dass Jesus Christus uns versprochen hat, immer und überall bei uns zu sein – bis an der Welt Ende – gelingt es besser, mit seiner Hilfe die Finsternisse unseres Lebens zu überstehen. Leben verändert sich, Leben verändert uns und was in der Zukunft sein wird, weiß Gott allein. Doch dass wir immer und allezeit in seiner Hand geborgen sein werden, dessen dürfen wir sicher sein und das ist ein ganz großer und unumstößlicher Grund für Dankbarkeit.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat! Einmal am Tag einen Augenblick der Dankbarkeit – es wird Ihnen gut tun, versprochen!

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  Überraschungen

Überraschungen

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.01.2019

Gestern haben wir das Epiphaniasfest gefeiert, das Fest der Erscheinung des Herrn. Vielen ist der 6. Januar geläufiger als der Tag der Heiligen Drei Könige. Wenn ich diese beiden Aspekte zusammennehme, dann hätte man gestern anstatt des Erscheinungsfestes auch gut das Überraschungsfest feiern können.
Denken wir kurz an das zurück, was sich vor 2000 Jahren im Heiligen Land abgespielt hat. Da sind die Weisen aus dem Morgenlande, der Legende nach Caspar, Melchior und Balthasar, die davon gehört haben, dass der neue Herrscher Israels gekommen sei und sie folgen dem berühmten Stern, der sie zu ihm führen soll. Was werden die Weisen erwartet haben? Sehr wahrscheinlich doch einen großen und mächtigen König, der so stark ist, dass er sich über alle weltliche Gewalt hinwegsetzen kann, der Heerscharen um sich sammelt, mit denen er die lang erwartete neue Ordnung errichten kann. Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen sie mit, um sie dem neuen König zu schenken.
Wahrscheinlich haben die Weisen doch erwartet, dass der Stern dann über einem großen und strahlenden Palast anhält, in dem sich der neue König aufhält. Wie überrascht mögen sie gewesen sein, dass sie auf ein Feld vor den Toren der Provinzstadt Bethlehem geführt wurden. Und um wie viel überraschter mögen sie gewesen sein, als sie dann vor dem Kind in der Krippe standen und eben nicht vor einem auf einem goldenen Thron sitzenden mächtigen Regenten.
Wenn wir Menschen uns auf Gott einlassen, dann kommen wir nicht umhin, uns auf Überraschungen einzustellen. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Gott uns Menschen überrascht: Er erscheint Mose im brennenden Dornbusch, Abrahams Frau Sara wird mit 90 noch schwanger, Jesus heilt unheilbar Kranke und schlussendlich beendet Gott ein für alle Mal die Macht des Todes und überrascht die Welt mit einem leeren Grab.
Und wie sieht es aus, wenn wir auf unser eigenes Leben schauen? Jesus verspricht uns, dass uns gegeben wird, wenn wir Gott bitten. Aber er sagt eben nicht, dass uns genau das gegeben wird, worum wir Gott gebeten haben. Und ist es nicht tatsächlich so, dass sich immer mal wieder Türen öffnen, die wir vorher gar nicht gesehen haben, dass sich Lösungen für unsere Probleme ergeben, die wir so nicht erwartet haben, dass unserer Lebenswege uns zu Zielen führen, die wir nie angesteuert haben?
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, gibt Gott uns mit auf den Weg. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir die Weisheit für uns gepachtet haben, nur ganz allein genau wissen, was für uns das Beste ist und schon gar nicht dürfen wir denken, alles selbst im Griff zu haben. Gott hält Überraschungen für uns bereit, immer neue und immer wieder. Darauf dürfen wir hoffen, darauf dürfen wir uns freuen und daran kommen wir nicht vorbei – im alten wie im neuen Jahr.

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  Sehr Ihr den Mond dort stehen…

Sehr Ihr den Mond dort stehen…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.01.2019

Unsere Landeskirche hat eine Stiftung, deren Ziel es ist, Jugendliche der Partnerkirchen, zusammenzubringen. Ökumenisches Lernen heißt das. Um sich für dieses Stipendium zu bewerben, braucht es einen kreativen Beitrag zu einem festgelegten Motto.
Vor einigen Jahren hieß das: „Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen…“ Die Jury ging davon aus, dass das breite Feld all unserer Werte und Vorurteile, der Spagat zwischen Wissenschaft und Glaube, unseren menschlichen Grenzen und Gottes Ewigkeit ein Assoziationsfeuerwerk freisetzen würde. Denn man weiß ja nichts über die andere und dunkle Seite des Mondes, die sich unseren Blicken verlässlich entzieht und auf der es still ist weil vollständig abgeschirmt von allen irdischen Signalen.
Damit ließ sich arbeiten…
Zumal ja wider alle Vernunft vermutet wird, dass der Mond auch auf der Rückseite nur rund und vollkommen sein kann. Darum heißt es bei Matthias Claudius ja auch: „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“
Heute greift das Bild nur noch fast. Die Entzauberung des Mondes schreitet fort. Seit der Landung einer chinesischen Raumsonde auf der erdabgewandten Seite des Mondes in dieser Woche gibt es nun kein wirkliches Geheimnis um den Mond mehr. Man wird die offenen Fragen nach und nach beantworten lernen, jetzt geht es darum, ob Kartoffeln auf der Mondrückseite wachsen würden, das nächste Experiment ist sicher schon in Arbeit.
Es ist ein Wettbewerb um technische Dominanz und markierte Gebiete, es wird Wissenschaftler in China geben, die heilfroh sind, dass das Vorhaben gelungen ist. Und dennoch hat all das auch etwas von Goethes Zauberlehrling: Wir kriegen die Geister, die wir riefen nicht wieder los, viele beherrschen uns, manche jagen uns vor sich her. Das wissen wird größer aber unser moralischer Horizont wächst nicht im gleichen Tempo mit.
Das hat wohl nicht zuletzt auch etwas damit zu tun, dass die reine Machbarkeit so ungeheuer verführerisch ist. Immanuel Kant hat vor reichlich zweihundert Jahren in seiner Logikvorlesung als Grundfragen formuliert: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“
Das können gute Leitlinien sein. Der Horizont aber bleibt der, von dem es über diesem Tag in der Offenbarung heißt: „Ich bin das A und O, der da ist und der da war und der da kommt.“
Dahinter werden nicht fliegen.

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  Was wichtig ist...

Was wichtig ist...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.01.2019

Über diesem Freitag heißt es in den Herrnhuter Losungen bei dem Propheten Haggai: „Ihr erwartet wohl viel, aber siehe, es wird wenig; und wenn ihr’s schon heimbringt, so blase ich’s weg. Warum das?, spricht der Herr Zebaoth. Weil mein Haus so wüst dasteht, ihr aber eilt, ein jeder für sein Haus zu sorgen.“
Haggais Worte stammen aus einer Zeit, in der der Jerusalemer Tempel in Trümmern lag. Die Menschen waren damit beschäftigt, ihre eigenen Kreise zu ordnen. Das Gotteshaus stand in der Prioritätenliste nicht wirklich oben. Jeder schien seines Glückes Schmied zu sein.
Es war eine Zeit voller Hoffnung. Die politische Konstellation ließ es möglich erscheinen, dass die Besatzung endet und wieder ein König aus dem Hause David statt der fremden Machthaber herrschen könnte.
Die Erwartungen der Menschen waren hoch.
Vermutlich hatten sie Gründe für die gute Prognose und trauten ihrer Analyse, so ähnlich wie das Wirtschafts- oder Marktforschungsinstitute heute machen. Aber offenbar war das Koordinatensystem der Menschen falsch. Mag sein, sagt der Prophet, dass Ihr sogar erwirtschaften könnt, was ihr Euch ausmalt und der Gewinn in Eure Tasche rollt, aber eure Erwartungen werden sich trotzdem nicht erfüllen und eure Hoffnungen verlorengehen, weil es nicht zum Segen sein kann, wenn der Tempel in Trümmern liegen bleibt.
Eine Übertragung dieses überraschend harten Urteils in die Gegenwart am Anfang des Jahres ist nicht schwer.
Auch wir mögen zuversichtlich sein. Gerade kamen die Zahlen über die zu erwartenden Kirchensteuereinnahmen in den kommenden Jahren. Daraus lässt sich ablesen, dass auch sonst viel Geld fließen wird. Aber, sagt der Prophet: „Wenn ihr’s schon heimbringt, so blase ich’s weg…“ spricht Gott.
Vielleicht tut er das aus Zorn, weil wir Besitz und materielle Sicherheit oft für so viel wichtiger halten als ihn. Vielleicht sagt er das aber auch, weil die Jagd nach Dingen uns leer macht und Kräfte bindet, die wir eigentlich dringend brauchen, um unsere Welt so zu gestalten, dass wir als menschliche liebenswürdige Wesen miteinander leben können. Besitz und Wohlstand führen leicht in die Irre. Wenn wir uns um sein Haus kümmern, um sein Wort, um seine Wege wird das richtiger und besser sein …
Oder mit dem wahrlich anspruchsvollen Lehrtext für diesen Tag, der im Römerbrief steht: „Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“



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  Verrückt! Na und?

Verrückt! Na und?

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.01.2019

„Ja bist Du denn verrückt geworden!“ Sind Ihnen diese Worte auch schon einmal über die Lippen gekommen oder hat man sie Ihnen vielleicht sogar entgegengeschleudert? Schmeichelhaft ist das nicht, aber es kommt halt vor. Die Bibel kennt einen, der es ganz bewusst darauf angelegt hat, dass man ihn für verrückt hält: den alttestamentlichen König David. Er ist in die Fänge des König Abimelech geraten, soll dessen Söldnerheer führen und hat darauf aber auch so gar keine Lust. Also täuscht er vor, verrückt geworden zu sein und kommt so tatsächlich um den ungeliebten Auftrag herum.
„Suche Frieden und jage ihm nach“, so lautet die Jahreslosung für 2019 und diese Worte entstammen dem 34. Psalm, den der König David in exakt der Situation gebetet haben soll, in der er alle anderen von seinem Wahnsinn überzeugen wollte. Können wir diese Worte also überhaupt ernst nehmen? Eignen sie sich als Jahreslosung? Suche Frieden und jage ihm nach – das klingt ohnehin fast unangenehm „richtig“, so ein frömmelnder Bibelvers, zu dem alle immer nur „Ja“ sagen können, der aber im richtigen Leben irgendwie nicht stattfindet. Dass es an Frieden auf dieser Welt mangelt, ist unbestritten. Auf fünf Kontinenten unserer Erde gibt es kriegerische Auseinandersetzungen – lediglich in Australien und in der Antarktis schweigen die Waffen. Und obwohl die meisten Menschen in Frieden leben wollen, kriegen wir es nicht hin, auf dieser Welt einen Zustand herzustellen, in dem tatsächlich Schwerter zu Pflugscharen werden und niemand mehr lernt, wie man Kriege führt, so wie es der Prophet Micha vorhergesagt hat. So gesehen hätte David vielleicht gar nichts Besseres einfallen können, als genau dieser Satz, um für verrückt gehalten zu werden, oder?
An Weihnachten haben wir die Ankunft des größten Weltenherrschers aller Zeiten gefeiert. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Bilder von anderen Ankünften und Amtsantritten von Menschen, die sich ebenfalls als Weltenherrscher fühlen. Trump und Putin haben sich mit unglaublichem Pomp und einem riesen Zinnober in ihre Präsidentenrolle hineinzelebrieren lassen und das Ganze unter den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit. Und Jesus? Keine Militärparaden, kein Funk, kein Fernsehen, keine Machtinsignien – ein hilfloses Baby in einem lausigen Stall in der tiefsten Provinz im Nahen Osten. Ist das nicht auch irgendwie verrückt? Was er uns dann in seinen Schaffensjahren vorgelebt hat, in seiner unbedingten Liebe, seiner unbedingten Verbundenheit zur Wahrheit, in seinem unbedingten Gottvertrauen, ist das in seiner radikalen Geradlinigkeit nicht auch verrückt?
Und dann frage ich mich: Brauchen wir nicht, um unser Leben und diese Welt dauerhaft zum Positiven zu verändern, vielleicht auch eine kleine oder mittlere Portion an Verrücktheit? Brauchen wir nicht ein Stück weit den absurden Geist der Weihnachtsgeschichte, in der ein Baby zum Retter der gesamten Menschheit wird? Gehört es nicht zum Christsein dazu, Mut und Hoffnung zu haben, um der Utopie von „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ eine Chance zu geben?
Suche Frieden und jage ihm nach, für mich kein frommer Spruch für die Schublade, sondern vielmehr eine gute Wegzehrung für 2019 und die Ermunterung, auch mal ganz bewusst ein bisschen verrückt um die Ecke zu denken und zu handeln, um die Verheißung von Frieden auf Erden nicht aus dem Blick zu verlieren – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  20*C+M+B+ 19 Sternsinger aus St. Bernward

20*C+M+B+ 19 Sternsinger aus St. Bernward

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2019


Sternsinger – die größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder. Seit Beginn im Jahre 1959 wurden über eine halbe Milliarde Euro gesammelt, die in über 2000 Kinderhilfsprojekte geflossen sind. Ein großartiger Erfolg und aller Ehren wert! Mindestens genauso großartig und aller Ehren wert ist es, dass die Sternsinger Gottes Segen zu den Menschen bringen – so auch heute zu uns in den Dom. Als sichtbares Zeichen dafür steht eine Tür-Überschrift mit gesegneter Kreide. Folgendes ist über unserer Domtür zu lesen: 20*C+M+B+19 und jedes Zeichen hat eine ganz besondere Bedeutung.
Die 20 ist der erste Teil der Jahreszahl. Das Sternchen steht für den Stern von Bethlehem, dem die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. Zugleich ist er aber auch ein Zeichen für Christus. Die Buchstaben C+M+B stehen nicht etwa für Caspar, Melchior und Baltasar – das wäre auch zu einfach – nein, sie stehen für die lateinischen Worte „Christus mansionem benedicat“ – Christus segne dieses Haus. Hinter den Buchstaben sind insgesamt drei Kreuze gezeichnet. Sie bezeichnen den trinitarischen Segen: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und am Ende steht dann die 19 für das Jahr 2019.
Was die Sternsinger darüber hinaus so wertvoll und wichtig macht: Sie leben ganz praktisch und unkompliziert Ökumene. Denn sie sind keine rein katholische Veranstaltung. In vielen Gruppen der Sternsinger sind seit vielen Jahren auch evangelische Kinder aktiv. Eine tolle Sache, wie ich finde, denn wenn es um Gottes Segen geht und darum, Gutes zu tun, spielt es nun wirklich keine Rolle, ob man evangelisch oder katholisch ist.
Ich persönlich glaube ohnehin, dass unser Herr für unsere „Abgrenzerei“ nur ein müdes Lächeln überhat und uns vielmehr sagt: Nun hört mal auf, Euch immer gegenseitig zu erzählen, worin Ihr Euch unterscheidet und kümmert Euch gefälligst mal um das, was wirklich wichtig ist. Die Sternsinger sind da auf einem guten Weg!
Klasse, dass es sie gibt und klasse, dass sie nun allen Menschen, die zu uns in dem Dom kommen, mit ihrer Inschrift über der Tür etwas hinterlassen haben. Ja, es ist natürlich „nur“ eine Kreideinschrift. Aber sie erinnert uns jedes Mal daran, wenn wir hier an diesen Ort kommen, dass da einer ist, der auf uns aufpasst, der uns begleitet und der uns lieb hat.
Gott unser großer Freund, will etwas mit uns zu tun haben – mit Ihnen, mit Euch und mit mir. Das ist die Botschaft, die die Sternsinger unter die Leute bringen und ich finde, dass man davon gar nicht genug hören kann – auch im neuen Jahr 2019.

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  „Erinnere dich gott an die zeit…“

„Erinnere dich gott an die zeit…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.12.2018

Das letzte Mittagsgebet in diesem Jahr…
Nächste Woche ist alles wieder neu und auf Anfang, nur wir sind noch dieselben oder wenigstens denen, die wir heute sind, wenn nichts Gravierendes passiert, sehr ähnlich.
Wozu dann eigentlich immer diese Zäsur? Es geht doch ohnehin dort weiter, wo wir eben sind. Vermutlich werden wir ganz ähnliche Vorsätze wie im letzten Jahr fassen, nicht weil das gute Gewohnheit geworden wäre, sondern weil es wieder nötig ist. Im Januar werden wir uns noch manchmal bei der Jahreszahl verschreiben und dann sind wir wieder im Trott.
Zeitstruktur brauchen wir, denke ich, trotzdem. Sie entspricht unseren menschlichen Maß, denn wir sind nicht für die Ewigkeit gebaut und würden uns verlieren ohne die kleine unsichtbare Skala auf unserer Lebensuhr.
Es hilft uns, zu ankern und uns zu orientieren, wenn wir auf dem Zeitstrahl des Lebens wenigstens halbwegs einordnen können, wann was war. Es tröstet oder relativiert den Schmerz, sich sagen zu können. „letztes Jahr um diese Zeit, da war noch…“ Das hat mit Erinnerung zu tun und mit Selbstvergewisserung. Und es schenkt auch ein bisschen Gelassenheit zu sehen, dass manches obwohl wir uns davor gefürchtet haben, geworden ist.
„… Erinnerung hör ich sagen“ schreibt Dorothee Sölle, „bricht die Zeit auf und füllt uns / mit schmerz und mit stärke …“
So kann man zurücksehen, das Helle und das Dunkle noch einmal in den Blick nehmen, die Momente, wo wir eine Gelegenheit verpasst haben und die, in denen uns ein Wunder in den Schoß gefallen ist, die Augenblicke, in denen Gottes Ewigkeit geleuchtet hat und die, in denen wir im Zementeimer unserer Mutlosigkeit standen und sich nichts bewegte.
Am Jahresende können wir Frieden machen und ein Stück unserer Zeit in Gottes Hände zurücklegen. Solche Übung unterwegs tut gut.
Der Psalmbeter schreibt: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Und Dorothee Sölle: „Erinnere dich gott an die zeit die wir hier haben / zeit zu weinen zeit zu lachen / zeit zu würden zeit zu heilen / … zeit zu leben zeit zu sterben / und keine zeit ohne deinen atem gott…“







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  Jeweils bei uns…

Jeweils bei uns…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.12.2018

Weihnachten im Stall. Auf Bildern ist das oft eine ganz zauberhafte Situation: Maria im rot-blauen Gewand, mit goldlockigen Haaren und dem zartesten Gesicht überhaupt. Das Christkind in ihrem Schoss oder doch auf Stroh gebettet, aber jedenfalls so gelagert, dass nichts piekst. Die Engel vorsichtig hineinlukend und alles erfüllt vom warmen Licht. In Finnland habe ich ein Altarbild gesehen, auf dem das Kindchen unter dicht verschneiten Tannen in einer Schneehöhle von der warm eingemummelten Mutter gewiegt wird und selbst in einem pelzbesetzten und traditionell bestickten Kissen steckt.
Auf Stromboli dagegen droht auf der Darstellung zwar der Vulkan im Hintergrund, aber das Kind umgeben von bärtigen Fischern liegt sicher und geborgen im Arm seiner bildschönen sizilianischen Mutter.
Es gibt noch viel mehr solcher Bilder und sie alle zeigen nicht nur etwas von der Glaubensüberzeugung, dass das Kind jeweils bei uns geboren ist, sondern auch von der Hoffnung, dass wir es anders machen würden als bei Lukas erzählt: weil wir ja merken, dass das der Heiland ist und die heilige Familie deshalb nicht in einen Stall oder sonst eine Notunterkunft abschieben würden. Ein Inbegriff dieser Sehnsucht vom perfekt gelungenen Weihnachtsfest ist Werner Bergengruens „Kaschubisches Weihnachtslied“:

Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande, / wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen, / wärst auf Daunen weich gebettet worden.

Nimmer wärst du in den Stall gekommen, / dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen, / dich und deine Mutter zu verehren.

Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten! / Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
blauen Mantel von kaschubischem Tuche, / pelzgefüttert und mit Bänderschleifen…

Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten! / Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
frische Buiter, wunderweiches Schmorfleisch, / mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke,…

Und wie wir das Herz dir schenken wollten! / Sieh, wir wären alle fromm geworden,
alle Knie würden sich dir beugen, / alle Füße Himmelwege gehen.

Niemals würde eine Scheune brennen, / sonntags nie ein trunk'ner Schädel bluten, —
wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande, / wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!

Ja, wenn – dann würden wir alles wunderschön herrichten und herrschte Harmonie und Frieden, keiner würde über einen anderen ein böses Wort verlieren oder missgünstig nach nebenan sehen. Wir wären … - Konjunktiv. Wunschform. Möglichkeitsform.
So gesehen ist es dann vielleicht ein Segen, dass die Weihnachtsgeschichte ihren Ort im Provisorischen hat, wir würden sonst vor lauter Überforderung, das Fest perfekt abzuwickeln noch gewaltiger scheitern als ohnehin. So ist der Stall nicht blitzsauber und kein kunstvolles Essen gekocht, die Beherbergung der Gäste nicht vorbereitet. So gilt es nur, die alten Worte in unserem Herzen zu bewahren und jeweils bei uns davon zu erzählen.




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  „Es muss aus dem Inneren kommen…“

„Es muss aus dem Inneren kommen…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.12.2018

Astrid Lindgren schrieb 1944 zu Weihnachten in ihr Tagebuch: „Die zweite Hälfte des Jahres ist die Hölle gewesen, und der Boden unter mir ist bis auf die Grundfesten erschüttert worden … - aber eigentlich bin ich nicht unglücklich. Es gibt ja trotz allem so vieles, was mein Dasein ausfüllt. Nach allem, was war hätte das ein fruchtbares Weihnachten werden müssen – und natürlich habe ich salzige Tränen in den Heringssalat vergossen, den ich am Abend vor Heiligabend zubereitet habe, aber da war ich erschöpft, das zählt also nicht. Wenn man glücklich sein mit gutgehen gleichsetzen kann, dann bin ich übrigens wohl immer noch glücklich. Aber so einfach ist es nicht … wenn man glücklich sein will, muss es aus dem eigenen Inneren kommen.“
Wie unterm Brennglas lesen sich diese Zeilen und ich glaube, sie vermögen es, wie so oft bei Astrid Lindgren, vielen Menschen aus dem Herzen zu sprechen.
Da sind die, die ein schlimmes Jahr hinter sich haben und nicht wissen, wie es zu Weihnachten gehen kann. Da sind die, die so kaputt und erschöpft am Heiligen Abend ankommen, dass es gar nicht so einfach ist, in ruhiges Fahrwasser zu finden und sich zu freuen. Und da sind wir, denen es ja eigentlich so gut geht, dass man sich fast gar nicht wagt, infrage zu stellen, ob diese besondere Botschaft am Heiligen Abend uns erreichen wird.
Aber dem ging die Einsicht voraus, dass es darauf ankommt, was in uns geschieht, ob es uns gelingt, auf das zu hören, was uns wirklich wichtig ist und das mit anderen zu teilen, was uns zu Menschen macht: unsere Verletzlichkeit und Sehnsucht, unsere Hoffnung auf Frieden, inneren und äußeren, unsere Sehnsucht nach gelingendem Leben.
Auf dem Weg zur Krippe lässt sich all das leichter in Gedanken und Worte fassen als irgendwann sonst, vielleicht weil diese familiäre Situation mit ihren Grenzen und Provisorien das ist, was auch unser Leben im Kern prägt – denn so beginnen wir alle.
Den Herrnhuter Losungstexten ist dieser Tage ein Wort von Franz Kett beigegeben: „Gott ist die Liebe. Willst du sie spüren, öffne dein Herz, wie Maria es tat. Vielleicht spürst du dann die Botschaft des Engels: Du bist voll Gnade, der Herr ist mit dir.“
In ihrem Tagebuch schreibt Astrid Lindgren später übrigens, dass es ein schöner Abend geworden ist.

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  Veni Creator Spiritus

Veni Creator Spiritus

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 21.12.2018

Wenn wir an die Begebenheiten von Weihnachten denken, dann denken die meisten von uns wahrscheinlich an die Geburt des Kindes in der Krippe. Das Leben in so einem kleinen Kind ist unfassbar nahe und berührt viele Menschen unmittelbar. Wohl auch deshalb mögen in diesen Tagen Menschen in die Kirchen pilgern, die mit der ganzen christlichen Glaubenskiste sonst nur wenig anzufangen wissen. Aber angesichts einer Geburt guckt man eben doch wieder einmal vorbei. Vielleicht sogar ein wenig neugierig, was eigentlich aus diesem alten Verein geworden ist. Und dann steht man da – erinnert sich. An die eigene Kindheit. An Menschen. An Orte. An Lieder. An das Entzünden einer Kerze. An die festen Rituale. Von damals und heute. Im besten Falle sind es gute Erinnerungen. Aber ich vermute, das ist nicht immer der Fall.

So wie schon damals vieles nicht nur gut, sondern manches schlecht war. Die überraschende Schwangerschaft. Z.B. Die Volkszählung zur Unzeit. Die Geburt mit Hindernissen. Und dann auch noch das Leben in der Fremde nach überstürzter Flucht vor dem König Herodes. Weihnachten hat viel mit dem Leben – und zwar in seiner ganzen Fülle – zu tun. Mit den guten, aber eben auch mit den finsteren Momenten.

Und wir stehen mittendrin, bis heute, mitten in den Worten aus der Vergangenheit, die sich schon erfüllt haben, erfüllen oder noch erfüllen mögen. Denn Weihnachten war und wird und soll wieder werden. Aber um es zu erleben, braucht es etwas.

Weihnachten geschieht nämlich zwischen den Dingen. Zwischen Vorbereitungsstress und besinnlicher Zeit, zwischen Geschenken und abendlichem Beisammensein, zwischen Streit und Freude, zwischen misslungenem Weihnachtsbraten und köstlichem Festschmaus. Es geschieht mittendrin, mitten in der Fülle des Lebens. Inmitten von Licht und Dunkelheit.

Und wenn es gelingt, dann – so mein Glaube, war Gott dabei. Und es ist geschehen, worum der niederländische Theologe Huub Oosterhuis in seinem Gedicht „Veni Creator Spiritus“ bittet:

Hierher, Atem, zünd mich an,
schick aus deiner fernsten Ferne
Wellen Lichts.

Komm Armeleutevater
komm oberster Mundschenk
komm Herzensjäger.

Bester Tränentrockner
lieber Seelengast
mein Freund mein Schatten.

Einmal ausruhen
für Grübler und Geschundene,
du, Atempause der Verkrampften.

Unerträglich schönes Licht
überschütte den Abgrund
meines Herzens, du Vertrauter.

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  Wie schön, dass Du geboren bist

Wie schön, dass Du geboren bist

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.12.2018

Dezember ist Geburtstagsmonat, nicht ganz so sehr wie Juli, August und September, aber doch völlig im Mittel. Kleine Menschen fangen natürlich auch im Dezember mit ihrem Erdenleben an und ich finde, Dezemberkinder haben Glück, denn alle Welt feiert doch, dass ein Kind geboren ist.
Wie schön, wenn das der Auftakt ist!
Wie schön, wir hätten Dich sonst sehr vermisst!
So fühlen wir es bei unseren Kindern, so hat es Maria ganz gewiss erlebt und in ihrem Herzen bewahrt, das ist Weihnachten!
Allerdings ist das auch, wenn man unseren Glauben und unsere Liturgie besieht, ziemlich gegen den Trend. Auf den Altären stehen Kruzifixe, es gibt unzählige Abhandlungen darüber, was Jesu Tod für unser Leben bedeutet und viele weihnachtliche Texte zielen auf das, was kommen wird, am Ende. Wir ja auch, denn allermeist fragen wir vom Ende her. Wir verstehen uns als Sterbliche.
Warum eigentlich? Was wäre, wenn wir es jetzt, ganz kurz vor Weihnachten, mal anders machten? Denn wir sind nicht nur Sterbliche, wir sind genauso auch Geborene!
Jede und jeder von uns hat einen „ganz unverwechselbaren Anfang in der Bezogenheit“ auf die Menschen, die zu uns gehören und schon vor uns da waren. Jeder kann, so schrieb die jüdische Philosophin Hannah Arendt „etwas Neues anfangen, weil … jeder ein Anfang, ein Neuankömmling in der Welt ist, darum können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden, Neues in Bewegung setzen.“ Ganz besonders darin sind wir Gott ähnlich, denn er ist auch ein Anfänger – er hat mit unserer Erde angefangen, mit uns Menschen, mit jedem einzelnen neuen Tag.
Ist es nicht das je größere Wunder, dass wir geboren werden?
Und wie schön ist es, dann zu erleben, wie ein kleiner Mensch nach und nach seine Welt entdeckt, sich selbst darin und all die anderen, die um ihn sind. Immer ist es ungewiss, wie der Lebensweg eines neuen Menschleins verlaufen wird – aber nichts verbinden wir mit mehr Hoffnung auf eine gute Zukunft als ein neugeborenes Kind.
Und schließlich noch einmal Hannah Arendt: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und auf die Welt hoffen, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten: „Uns ist ein Kind geboren.“
Dezember ist Geburtstagsmonat.

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  Perspektivwechsel

Perspektivwechsel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.12.2018

Hier im Dom geht es im Advent, das können Sie sich denken, nicht immer nur besinnlich zu. Es gibt in diesen Tagen eben ungeheuer viel zu tun. Das hat naturgemäß nicht jeder auf dem Schirm, deshalb bekommen wir jetzt manchmal Anfragen, von denen man denkt, dass es Menschen gibt, die völlig in einer anderen Zeit leben. Dann es gibt aber auch die, die uns Plätzchen vorbeibringen und manchmal sogar Texte und Ideen schicken, damit man bei der hohen Schlagzahl hier nicht noch eine Schreibblockade kriegt.
Sowas bekam ich letzte Woche und es klingt so:
„Advent heißt Warten / Nein, die Wahrheit ist / Dass der Advent nur laut und schrill ist / Ich glaube nicht / Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann / Dass ich den Weg nach innen finde / Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt / Es ist doch so / Dass die Zeit rast / Ich weigere mich zu glauben / Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint / Dass ich mit anderen Augen sehen kann / Es ist doch ganz klar / Dass Gott fehlt / ich kann unmöglich glauben / Nicht wird sich ändern / Es wäre gelogen, würde ich sagen / Gott kommt auf die Erde!“
Hm, werden sie denken, da tutet sie doch nur mit ins Horn und beklagt die allgemeine Erschöpfung, die Glühwein und Geschenkeorgien, die ewige süßliche Wiederkehr der Weihnachtsgeschichte, der ganze Harmoniestress, mit sich bringen. Ja, hab ich auch erst gedacht. Aber, das war kein Allerweltstext; er enthielt vielmehr die feine Aufforderung, die Perspektive zu wechseln, es mal anders zu machen, von hinten zu lesen und dann klingt das so:
„Gott kommt auf die Erde! / Es wäre gelogen, würde ich sagen: / Nichts wird sich verändern / Ich kann unmöglich glauben / Dass Gott fehlt / Es ist doch ganz klar / Dass ich mit anderen Augen sehen kann / Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint / Ich weigere mich zu glauben / Dass die Zeit rast / Es ist doch so / Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt / Dass ich den Weg nach innen finde / Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann / Ich glaube nicht / Dass der Advent nur laut und schrill ist / Nein, die Wahrheit ist / Advent heißt Warten.“




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  Hoffnung

Hoffnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.12.2018

Rund um unseren Dom tobt in diesen Tagen und Wochen das Leben. Und auch in den Straßen und Geschäften der Braunschweiger Innenstadt ist es so voll wie, sonst kaum im Jahr. Glücklich kann sich schätzen, wer einen freien Parkplatz ergattert hat und wenn man mal ein wenig unter Zeitdruck steht, kann ein Gang über den Weihnachtsmarkt zum echten Hindernislauf werden. Dennoch sind die Menschen gut drauf, an den Glühweinbuden und Kunsthandwerkständen wird viel gelacht und die Stimmung ist irgendwie fröhlich und freundlich.
Doch es gibt Menschen, die am vorweihnachtlichen Trubel und der adventlichen Geschäftigkeit nicht teilhaben wollen oder können. Da drücken Sorgen jeden Hoffnungsschimmer nieder, schwere Krankheit zerstört Zukunftspläne, Weihnachtsgeschenke für die Lieben zu kaufen, scheitert, weil das Geld fehlt, es bestehen Zweifel ob der befristete Arbeitsvertrag noch einmal verlängert wird. Wenn Menschen sich mit derartigen Problemen auseinanderzusetzen haben, ziehen sich nicht selten dann auch noch Freunde und Bekannte zurück. Und so kommt neben allem Schweren auch noch die Einsamkeit dazu, wo doch eigentlich Hilfe von anderen so dringend nötig wäre.
„Wie soll ich dich empfangen“ ist für mich eines der schönsten Adventslieder, das wir haben und es heißt dort in der vierten Strophe: „Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los; ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.“
Paul Gerhardt hat dieses Lied geschrieben. Er lebte zur Zeit des 30-jährigen Krieges und hatte höchstpersönlich viel Leid und Schmerz zu ertragen. Er musste vier seiner eigenen Kinder und seine Frau zu Grabe tragen und war dennoch in der Lage, Liedertexte zu verfassen, aus denen so viel Hoffnung strahlt. Kaum ein anderes Lied beschreibt besser, auf wen wir in den Tagen und Wochen des Advents warten. Wir warten auf den, der uns zusagt, zu helfen, wenn nichts Anderes mehr hilft. Wir warten auf den, der verlässlich bei uns sein will, auch wenn alle anderen und schon verlassen haben und wir warten auf den, der uns mit Gutem beschenken will, das sich nicht abgenutzt, nicht verbraucht und für alle Menschen verfügbar ist – völlig unabhängig von ihrer aktuellen Lebenssituation. Paul Gerhard beschreibt Jesus Christus in seinem Lied als Helfer, der auf der Seite der Schwachen steht, der sie befreit und wieder aufrichtet – der uns befreit und wieder aufrichtet. Und in dieser Perspektive auf unseren Herrn, Freund und Bruder gehen wir durch diesen Advent und auf Weihnachten zu – in der Gewissheit, dass all das Licht, das uns entgegenleuchtet in diesen Tagen, auch Licht der Hoffnung ist.
Paul Gerhardt schreibt: Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht, wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht. Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.

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  Glücklich der Mensch…

Glücklich der Mensch…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.12.2018

Als ich neulich am frühen Nachmittag über den noch nicht ganz so vollen Weihnachtsmarkt lief, kam mir eine vierköpfige Familie entgegen. Das Kleinste, ein Mädchen, saß noch im Kinderwagen. Als um eine Budenecke bogen, kam das Kinderkarussell ins Blickfeld.
Es war ein Vergnügen anzusehen, wie sich die Augen des Kindes vor Staunen weiteten. So sieht Freude aus. Man kann sie auch heute im Dom sehen: die Freude. Schauen Sie sich die Sängerinnen und Sänger der Lebenshilfe an. So sieht Glück aus.
Glück ist in unserer Gesellschaft ein magisches Wort, ein Forschungsobjekt, ein Produkt, ein Geschäft, Inhalt von Büchern, Seminaren, Apps – und für manche, wenn nicht sogar ganz viele Menschen, das Höchste zu Weihnachten.
Dabei macht die Suche, das Streben und Jagen nach Glück vermutlich eher unglücklich und einem nur bewusst, dass etwas fehlt. Siddhartha Gautama, der Religionsgründer des Buddhismus wusste das und riet deshalb, lieber loszulassen als festhalten zu wollen. Der griechische Philosoph Epikur lehrte, dass wir umso glücklicher sind je mehr subjektive Bedürfnisse wir befriedigen können. Das mag für Zeiten des Mangels und der ständigen Angst und Sorge gelten. In einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren klingt das hingegen sehr befremdlich und birgt die Gefahr, sich in der Spirale stetig neuer Bedürfnisse zu verlieren. Der kluge Steve Jobbs erklärte den Erfolg seines iPhones darum damit, dass es Bedürfnisse befriedigen würde, die es bisher gar nicht gab…
Das klingt nicht nach Glück. Überhaupt ist Glück womöglich das, was manchmal gerade nicht passiert und eingetroffen ist, die Abwesenheit von Unglück.
Wenn wir aber so minimalistisch herangehen, wie soll und kann Weihnachten dann gelingen, verfehlen wir es dann nicht erst recht? Die Hirten hat doch auch mehr getrieben als nur die Sorge vor möglichem Leid. Sie haben etwas erwartet und erhofft, sie hatten Träume und Sehnsüchte, ja Vorfreude, die sie, einmal losgegangen, zur Eile trieb. Und die Engel haben jubiliert und große Freude verkündigt. Glückliche Zeiten. Jesus selber hat später in den berühmten Seligpreisungen gesagt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“
Man kann auch übersetzen: „Glücklich sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden das Kind in der Krippe sehen…“

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  Lustvoll

Lustvoll

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.12.2018

Vielleicht passiert, was ich gestern erlebt habe, nicht nur im Advent, aber ich finde, es passt sehr gut zum Advent….

Als ich also gestern durch unsere vorweihnachtlich adventlichen Straßen lief, genau genommen durch die Burgpassage lief, tönte es plötzlich in meiner Nähe. Der Ursprung der Laute war ein älterer Herr, der fasziniert auf Klang und Hall jener Geräusche lauschte, die er in der Passage erzeugte. Seiner Frau war das Ganze sichtlich unangenehm, zumal die beiden anscheinend mit Freunden unterwegs waren: „Wie die Kinder“, schimpfte sie. Doch er ließ sich gar nicht stören und machte zufrieden und lustvoll weiter.

Die Szene gleicht einer Fußnote. Eigentlich fällt sie gar nicht weiter auf. Sie irritiert kurz und dann rutscht sie schon wieder ins Vergessen. Hätte seine Frau nichts gesagt, ich glaube, ich würde Ihnen heute nicht davon erzählen. Aber gerade ihr Widerspruch entlockte mir den Gedanken: Wie wunderbar ist es doch, wenn jemand Lust zum Spiel, zum Klang, zum Ausprobieren hat. Natürlich gebe ich seiner Frau zu, dass solch ein Tönen Menschen stören kann. Aber eigentlich doch nur, wenn es vom Klangspiel weg hin zu einem Tinnitus gerät. Aber jemand, der zehn Schritte lang tönt? Nein, der stört nicht. Sondern der verlebt einen lustvollen Augenblick.

Selbst bin ich niemand, die das gut kann. Wenn ich z.B. eine fremde Kirche betrete, dann möchte ich am liebsten gleich ihren Klang ausprobieren. Aber ehrlich gesagt, schaue ich bildlich gesprochen erst einmal hinter jede Säule, ob ich auch wirklich allein im Kirchraum bin, ehe ich zu singen beginne.

Was aber ist es, das uns zurückhält? Vielleicht ist es Höflichkeit, einfach niemanden stören wollen. Für mindestens genauso wahrscheinlich halte ich es aber, dass es uns schlicht peinlich ist, so viel von uns selbst und dem, was unserem Innersten Freude macht, preiszugeben. Natürlich kommt mir dabei jener Satz Jesu in den Sinn, dass wir werden sollen wie die Kinder, weil sie in ihrer tiefen Fähigkeit zu vertrauen und Tag für Tag drauf los zu leben, ein Stück vom Reiche Gottes schon hier auf Erden erfahren. Und ich denke daran, wie schwer es den Kindern in uns Großen fällt, sich doch auch wieder einmal hervorzuwagen.

Vor uns liegt ein Fest, das einen Menschen preist, bevor er irgendetwas geworden ist. Bevor er gelernt, begriffen, geleistet und sich Meinung gebildet hat. Vor uns liegt ein Fest, dass das Leben preist. In seiner schlichten Schönheit, Einzigartigkeit und der Lust auszuprobieren und zu genießen.

Als ich gestern weiter ging, da habe ich mich gefreut. Gefreut an der Freude eines älteren Herren. Und – zugegeben: leise – habe auch ich zu singen begonnen (EG 2.1):

„Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott.“

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  Taubers Sammlung

Taubers Sammlung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.12.2018

Adventszeit ist Geschichtenzeit. Zumindest bei mir. Dann stöbere ich in alten und neuen Büchern nach Gedichten und Erzählungen, die etwas in mir berühren. Freude oder Sehnsucht oder Traurigkeit oder Überraschung oder wer weiß. So stieß ich auf eine kleine Erzählung von Karl Olsberg, die „Taubers Sammlung“ heißt. Sie beginnt mit einem zerknautschten Kaugummipapier – und den Menschen, die zu diesem Papier gehören. Tauber ist nun ein Mann, der Dinge und ihre Geschichten sammelt. Das Kaugummipapier gehört z.B. zu einem jungen Pärchen, das innig, lustvoll und unschuldig zugleich am Bahnhof Abschied voneinander nimmt. Viele Dinge stehen in Taubers Schrank. Dinge, die nur durch ihn und seine Erinnerung Bedeutung haben. Eines Tages überkommt ihn das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen sei, seine Geschichten zu teilen. Deshalb bittet er die freundliche, alte Nachbarin, ihr seine Sammlung zeigen zu dürfen. Als sie geht, weiß er nicht, ob sie ihn mit seinem Tun nicht einfach lächerlich findet. Doch dann klingelt sie wieder und schenkt ihm einen Brief: es ist der erste Liebesbrief, den ihr Mann ihr einst geschenkt hatte. Und sie erzählt den anderen Nachbarn von Taubers Sammlung. Nach und nach kommen mehr und mehr Menschen, um sie zu sehen – oder ihm Dinge und ihre Geschichte anzuvertrauen. Die Sammlung wächst. Und an ihrem Ende wird Tauber selbst die Kraft finden, endlich auch die eigene Erinnerung der Sammlung zuzufügen: es ist ein Bild, das seine Frau und Kinder in der Woche vor deren tödlichem Unfall zeigt. – Zugegeben, die Erzählung ist vielleicht ein wenig rührselig. Aber mich berührt, wie Dinge durch Worte Bedeutung finden und dann sogar Gemeinschaft schaffen können.

Gleich im Anschluss werden wir das Abendmahl feiern. Auch hier werden Brot und Wein mit Worten verbunden. Und in dem Augenblick, in dem wir die Worte hören und für uns und unser Leben ernst nehmen, werden Brot und Wein neu: Mit ihnen lebt plötzlich die Erinnerung an einen Abend vor langer Zeit auf, als ein Mann, dessen Geburt wir in wenigen Tagen mit Dingen wie dem erleuchteten Christbaum oder den Geschenken oder einem besonderen Essen feiern, mit seinen Freunden aß und trank. Er nimmt an jenem Abend Abschied von ihnen und sagt: Erinnert euch an mich. Dann bleibe ich unter euch lebendig. Das tut, während ihr esst und trinkt.

Brot und Wein werden neu durch das Wort: Sie werden zu Stellvertretern der Hoffnung einer Gruppe von Menschen, die am Tisch zu einer Gemeinschaft zusammenwächst; einer Gemeinschaft für den Augenblick; einer Gemeinschaft des Vertrauens.

Und so können wir ihm bis heute leise unser Herz ausschütten, während wir Brot und Wein miteinander teilen. Jesus verspricht, dass wir bei ihm Gemeinschaft und Vergebung und die Freiheit zum Neuanfang finden, weil er jeder und jedem einzelnen von uns zusagt (Joh 6,35):

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern,
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“

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  Vorfreude

Vorfreude

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.12.2018

Bergfest war gestern. Heute ist es geschafft!
Die erste Tür der zweiten Hälfte des Adventskalenders auf den Heiligen Abend hin steht offen! Und langsam stellt sie sich tatsächlich auch bei mir ein: Die Vorfreude.
Trotz aller Vorbereitungen. Trotz aller Arbeit. Und manchmal sogar deswegen.

Das, worauf ich mich freue, ist, zugegeben, das Altbekannte.
Das Leuchten der Kerzen am Baum. Im Wissen darum, dass das Abbrennen echter Kerzen Aufmerksamkeit und Zeit braucht und gerade deshalb Ruhe schenkt.
Die Freude an neuen Dingen, die gemeinsam betrachtet, entdeckt, bestaunt und bespielt werden dürfen. Wer weiß, vielleicht liegt ja sogar die ein oder andere Überraschung unter dem Baum….
Die Fahrt zur Christnacht durch die Dunkelheit. Die Vorfreude auf die vertrauten Worte und Lieder; auf das Licht, das sich langsam ausbreitet und das den Kirchraum auf so wunderbare Weise erhellt.
Den Geruch von Gänsebraten, der vom Ofen aus seinen Weg ins ganze Haus findet. Die Freude darüber, dass Bratensache bei uns im Haus Männersache ist. Und die Neugierde, wie viele der Kinder in diesem Jahr wohl noch fragen, ob wir das mit dem Gänsebraten als Weihnachtsschmaus eigentlich ernst meinen und sie nicht vielleicht doch lieber ein Glas Würstchen zu Mittag aufmachen dürfen….

Ach ja, ich vermute, Weihnachten ist das wohl konservativste aller Feste, weil jede und jeder von uns eigene Rituale entwickelt hat, um diese Zeit zu begehen. Bei manchen ist es fröhlicher, gerade wenn es wie bei uns in der Familie noch eine ganze Schar kleiner Menschen gibt, die so wunderbar strahlen und staunen und sich vorfreuen und gegenwärtig freuen und nachfreuen können. Zumindest bin ich dafür sehr dankbar. Bei anderen ist es trauriger, wenn Menschen fehlen. Und bei wieder anderen ist es einsam, weil Sehnsucht nach Gemeinschaft unerfüllt bleibt. Und auch Streit lässt sich ja leider nicht immer vermeiden.

Deshalb wäre es vielleicht gar nicht schlecht, sich in der Vorfreude der kommenden Tage auch daran zu erinnern, dass die Botschaft der Heiligen Nacht in ihrem Kern von all unseren Vorstellungen und Ritualen unabhängig ist. Sie verspricht weder Geschenke noch Braten noch schönen Kerzenschein, sondern – ein Kind. Ein Kind, verletzlich und gefährdet. Ein Kind, dessen irdischer Vater zunächst einmal „not amused“ war, als er von der Schwangerschaft der Mutter erfuhr. Ein Kind, das erwachsen werden und viel Freude und Segen verbreiten sollte, dabei aber gleichzeitig mit seinen Worten und seinem Tun von der Welt verworfen blieb.

Ein Kind, das uns bis heute eine Vorfreude schenke möchte auf etwas, das weit über uns und unser Hier und Jetzt hinausreicht. Die Vorfreude gilt einem Morgen, das wir nicht kennen, sondern nur glauben können, und von dem es heißt (Offb. 21,4):

„Gott wird jede Träne abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer,
keine Klage, kein Schmerz. Das Alte ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu.“

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  Seid getrost

Seid getrost

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.12.2018

Als wir gestern Abend im Dom den Polizeigottesdienst gefeiert haben, da fragte mein Kollege Maic Zielke zu Beginn seiner Predigt, mit welcher Wahrnehmung wir denn über den Weihnachtsmarkt gingen. Seien es Lichter, Farben, Gerüche und adventliche Vorfreude – oder aber würde anstelle dessen die Wahrnehmung überwiegen, wie eigentlich der Weihnachtsmarkt polizeilich gesichert sei. Er fragte dies etwa eine Stunde, bevor in Straßburg ein Mann in die Menge schoss. Und zwei Jahre nach Berlin stehen wir also wieder, sind ratlos und hilflos wie zuvor. Denn es bleibt ja dabei: Weichziele, um es in der Polizeisprache auszudrücken, sind im Grunde kaum zu schützen.

Wir ahnen anhand der Herkunft des Attentäters die Folgen einer nicht wirksamen Integrationspolitik nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten und dritten Generation. Wir ahnen, dass es um den Frust eines Milieus geht, das sich übergangen, nicht gewollt und als Fremdkörper im Land seiner Geburt fühlt. Wir ahnen, dass es Gründe gibt, warum Menschen in ihrem Leben zu Verbrechern werden. Natürlich mag im Falle von gestern alles ganz anders gewesen sein, noch ist wenig über die Hintergründe der Tat bekannt, aber allein der Lebenslauf legt den verkorksten Werdegang auch in Abhängigkeit sozialer Wirklichkeit nahe.

Im gestrigen Gottesdienst ging es weiter um die Frage von Ängsten. Von Wirklichen und Scheinbaren, darum, wie man sie voneinander unterscheidet und mit ihnen umgeht. Die eigene Angst ansehen, war das Votum, und sie so handhabbar machen. Und dann wurde das just am Beispiel vom Berliner Weihnachtsmarkt durchgespielt. Was eine Stunde später geschah, mag all die Worte des Kollegen wie blanker Hohn erscheinen lassen. Und doch meine ich, bleiben sie wahr: denn wenn wir uns von unseren Ängsten beherrschen lassen, dann werden uns Vertrauen, Zuversicht und Freiheit als Gefühle fern bleiben. Gerade sie braucht es aber, um das Gute in der Welt wachsen zu lassen.

Das ist die ureigene Botschaft des Advents, der ja symbolisch als Zeit der Dunkelheit steht. In ihm beschauen wir verstärkt Gefühle wie Angst und Bedrängnis, Hass und innere Enge, Schuld und Scham. Wir sehen all das an, was ratlos und hilflos und die Welt dunkel macht. Dem entgegen setzen wir unsere Hoffnung auf das Licht, unser christliches Vertrauen auf den Erlöser aus der Krippe im Stall von Bethlehem.

Wobei – wer ist wir? Die Zahl der Christen im Land sinkt. Und erschreckenderweise wird die Zahl derer größer, die in alte Muster verfallen und meinen, dass simple Antworten Lösungen schaffen könnten; überhaupt: dass Erlösung irdisch möglich sei. Dem entgegen will ich meinem Glauben treu bleiben, der auf Vertrauen setzt und auf den Wert eines jeden Menschen; und möchte mit dem Propheten Joel rufen:

„Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der HERR hat Großes getan.“ (Joel 2,21)

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  Still schweigt Kummer und Harm

Still schweigt Kummer und Harm

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2018

In diesem Jahr habe ich in meiner Schreibwarenhandlung eine kleine, runde Box entdeckt, die Hyggelige Wohlfühlmomente im Advent versprach. Und nicht nur mit dem Modewort „Hygge“ haben die Hersteller wohl den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern auch mit dem Ziel des Wohlfühlens. Zumindest vermute ich, dass die Adventszeit für viele Menschen genau dann als gelungen gilt, wenn sie ihnen auf der einen Seite Momente der Gemütlichkeit und auf der anderen Seite Momente der Begegnung beschert.

„Maranatha, komm, Herr Jesus“, heißt es im vorletzten Satz der Heiligen Schrift (Offb 22.20) – und lenkt damit den Blick doch noch einmal anders als es die Hyggeligen Wohlfühlmomente tun. Zwar sind Adventsfeiern und der gemütliche Abend auf dem Sofa ganz wunderbar, aber der Ruf „Komm, Herr Jesus!“ reicht tiefer.

Leise raunt er, dass die Adventszeit mehr sein könnte als ein Countdown auf den Heiligen Abend hin; dass sie mehr sein könnte als eine jährliche Quality Time. Die alten Worte der Verheißung wollen mehr. Sie gleichen jenem Augenblick, in dem die Leserin zwar am Ende des Buches, der Schluss der Geschichte aber offen geblieben ist. Nun kann sie noch einmal von vorne beginnen und tiefer in die Worte der Erzählung eindringen. Gleichzeitig aber wartet ein Teil von ihr sehnsüchtig darauf, dass endlich die Fortsetzung der Geschichte folgt.

Wir haben unsere Verheißung. Sie jubiliert von Ostern her. Aber hier auf Erden, ist sie nur in seltenen Augenblicken ungebrochen spürbar. Meistens leben wir eher im alltäglichen Kuddelmuddel mit schönen und schweren Momenten.

Mir sagte mal jemand im Advent: „Ach wissen Sie, Frau Pfarrerin, wenn es im Lied heißt: ‚In den Herzen wird’s warm; still schweigt Kummer und Harm. Sorge des Lebens verhallt….“, dann darf einem doch auch schon einmal eine Träne laufen.“

Wie wahr, dachte ich. Es gibt so viele Gründe, die einem das Herz erkalten lassen. So viele Momente, die hadern lassen. So viel elende Wirklichkeit, die auszuhalten zugemutet wird. Und das sage ich darum wissend, dass wir in einem der reichsten und lebenswertesten Länder der Welt zu Hause sind. Aber trotzdem. Trotzdem passieren ja wieder und wieder Dinge, die hilflos und stumm machen. Die hart werden lassen und den Lebensmut nehmen. Die von einem Menschen nicht viel mehr übrig lassen als die Frage: „Warum?“

„In den Herzen wird’s warm; still schweigt Kummer und Harm. Sorge des Lebens verhallt. Freue dich, Christkind kommt bald.“

Seit jenem Moment singe ich diese Strophe in neuer Perspektive. Es geht um mehr als romantische oder – moderner: hyggelige Zeiten. Es geht um Hoffnung. Nämlich die Hoffnung, dass es überhaupt Hoffnung gibt.

Der Ruf steht: „Maranatha, komm, Herr Jesus.“ Komm, sei uns Licht. Denn du hast uns verheißen, dass wer an dich glaubt, der nicht wandeln wird in der Finsternis, sondern er das Licht des Lebens haben wird. (Joh 8,12) Möge es so sein.

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  70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.12.2018

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!“ Lassen Sie sich diesen Satz doch mal auf der Zunge zergehen. Er steht ganz vorne in der Bibel, im 1. Buch Mose, da, wo alles angefangen hat – Himmel, Erde, Luft und Meer und vor allen Dingen die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Um nichts Anderes geht es in der Bibel und denjenigen, den sich Gott als sein Gegenüber erschaffen hat, er wird ein Abbild von Gott selbst. Ist das nicht großartig? Sie und ich, wir sind gemacht als ein Abbild unseres Schöpfers. Damit tragen wir Göttliches in uns, sind einzigartig und wunderbar.
Diese 14 Worte am Anfang der Bibel genügen schon, um jede Diskussion darüber im Keim zu ersticken, ob es Menschen gibt, die mehr wert sind als andere. Jeder Mensch ist Gottes Abbild und damit unermesslich wertvoll. Und in dieser Wertschätzung schaut Gott auf uns. Wir sind ihm wichtig, jeder einzelne – und das völlig unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Bildung, Reichtum, Geschlecht und allem Übrigen, was wir Menschen so gern als Grenzen zwischen uns aufbauen. Mensch, du bist ein Wunder! Und das stimmt sogar dann, wenn uns der morgendliche Blick in den Spiegel vielleicht etwas Anderes suggerieren mag. Mensch, Du bist ein Wunder!
Ein weltliches Dokument, das dicht an diese biblische Wahrheit heranrückt, wird heute 70 Jahre alt. Es ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Sie wurde am 10. Dezember 1948 in Paris von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Im Artikel 1 heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“
Eigentlich sollte das ausreichen, damit es uns Menschen gelingt, friedlich und mit Respekt miteinander umzugehen. Eigentlich sollte das ausreichen, damit es uns Menschen gelingt, Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Erde so zu verteilen, dass alle Menschen eine faire Chance auf ein gutes Leben bekommen. Dass die Realität anders aussieht, zeigt jeder Blick in eine beliebige Tageszeitung und jede Nachrichtensendung. Gerade deshalb ist es gut, dass es die Erklärung der Menschenrechte gibt. Denn sie verdeutlicht unmissverständlich, was uns Menschen ausmacht und was wir von Gott an unabdingbaren Rechten und Pflichten in die Wiege gelegt bekommen haben: das Recht auf Leben, das Recht auf Würde aber auch die Verpflichtung, unseren Mitmenschen in Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit zu begegnen.
In seiner Wortwahl anders, dem Inhalt nach aber gleich hat es der formuliert, auf dessen Ankunft wir uns in diesen Tagen und Wochen vorbereiten. Jesus Christus hätte die Erklärung der Vereinten Nationen mit Sicherheit unterstützt. „Ihr sollt das Leben in Fülle haben“ und „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – so drückt er es aus. Und wenn wir das verinnerlichen, haben wir schon ganz viel von Menschenrechten und Menschenwürde und vom Evangelium verstanden.

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  Influencer

Influencer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.12.2018

Ich bin wahrscheinlich ein bisschen „oldstyle“, denn ich habe eben erst gelernt, dass es „influencer“ gibt, kleine und große, im echten und im virtuellen Leben, vor allem aber bei YouTube.
Weil mich die Herkunft und Bedeutung von Wörtern und die Assozationsketten, die Bildern erzeugen, interessieren, geht in meinem Hirn bei dem Wort ein Verwirrspiel los: Einerseits denke ich bei „influenca“ an die echte Grippe, die Menschen richtig schwer krank macht und zudem äußerst ansteckend ist. Wenn dann andererseits „influence“ mit „Einfluss“ übersetzt wird, bekommt das Wort jedenfalls in meinen Ohren etwas Gemeingefährliches, etwas dem man hilflos ausgesetzt ist, wenn man sich nicht aktiv wehrt: bei der Influenza durch Impfungen, Händewaschen, Vitamine… Sonst nietet uns das um. Einfluss, der mit „influence“ zu tun hat, wirkt analog: schnell und massenhaft haut er uns aus der Spur unseres eigenen Lebens.
Und manchmal kann man damit ein irrsinniges Geld verdienen.
Manchen der Influencer, von denen ich bisher nicht wusste, folgen Millionen. Es sind Menschen, die sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag auf eigenen Kanälen im Internet präsentieren und damit ungeheuer viel Geld verdienen. Ganz besonders erfolgreich sind zur Begeisterung der Werbebranche „mini-influencer“. Kinder. Sie basteln oder wirtschaften in der Küche, essen Abendbrot, füttern ihre Katze, präsentieren Mode und Spielzeug, inszenieren Partys und alle schauen zu. Es sind hochbezahlte Stars mit Millionenpublikum.
Sie bekommen Aufmerksamkeit, draußen und von Eltern, die die Filmchen machen; nichts, was sie tun ist irrelevant. Dafür stehen sie aber eben auch ständig unter Beobachtung, entwickeln die Bedürfnisse anderer. Und: sie sehen zauberhaft aus. Sie rühren offenbar unzählige andere an.
Influenca eben. Ansteckend.
Der Schritt zum strengen Urteil – Stichworte Kinderarbeit, Entwicklungspsychologie, emotionaler Missbrauch – ist klein. Aber vorher muss noch was anderes gefragt werden:
Was machen wir hier mit Adventsstern, Weihnachtsmusik, alten Texten und Liturgien, Kindern mit Kerzen, den rationalen und emotionalen Tastaturen? Ist das Christkind womöglich der erste Superstar unter den Mini-Influencern?
Wir versuchen doch auch, Menschen zu beeinflussen, mitzunehmen dorthin, wohin wir gehen – Richtung Krippe und Bethlehem, dann nach Jerusalem und Golgatha. Und Jesus Christus tat das erst recht. Er predigte und forderte seine Zeitgenossen auf, alles stehen und liegen zu lassen und ihm nachzufolgen, sein Follower zu werden. Millionen haben es seither gemacht. Gibt es einen Unterschied zu den Influencern auf YouTube?
Ja, das hoffe ich. Denn es geht nicht um Inszenierung sondern um Beziehung, nicht um gesteuerte Wahrnehmung sondern um Gnade, also wirkliches Angesehenwerden in all unserer Unvollkommenheit, nicht um millionenfache Nachahmung, sondern darum das Gott jeden einzeln von uns unverwechselbar gemacht und meint.
Und weil wir alle so leicht zu beeinflussen sind, geht es um Vertrauen, um unsere ureigene Entscheidung, wem wir nachfolgen im Leben und im Sterben. Und wenn dann die Inszenierung hier im Dom hoffentlich gut ist, dann nicht unseretwegen (es herrscht ja eh Smartphoneverbot), sondern weil weil wir hier vor Gottes Angesicht sind, ihm zur Ehre und darum uns zur Freude.

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  Es darf geküsst werden…

Es darf geküsst werden…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.12.2018

„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein…“ werden wir zu Weihnachten singen und auf dem Weg dahin heißt es in einem unserer Adventslieder: „Gott will im Dunkel wohnen…“
Dichtend und singend nehmen wir die alten Geschichten mit hinein in unser Leben, manchmal werden sie sogar zum Ohrwurm. Es spiegelt sich darin Jesaja 60: „Mache dich auf, werde Licht…“
Manches vom Licht in dunkler Nacht kann man in diesen Tagen auch in unserer Stadt entdecken. Menschen schmücken ihre Fenster und erzählen damit etwas davon, was sie freundlich finden oder noch mehr, woran sie sich freuen. Sie zeigen einander ein bisschen mehr von sich als sonst.
Und manchmal sieht man sogar, wonach sie sich sehnen, als würden sich Herzen öffnen.
Auf meinem Weg heute Morgen begegnete mir etwas dieser Art.
In einer Erdgeschosswohnung hing etwas großes dickes Grünes von der Decke – es sah fast aus, als hätte jemand einen besonders unorthodoxen Umgang mit dem Weihnachtsbaum gefunden. Aber es war ein Mistelzweig, nein ein Mistelbusch. Durch das Zimmer, in dem er hängt, kommt keiner ohne geküsst zu werden – es sei denn, er drückt sich ganz schmal an der Wand lang.
Das ist doch fantasaieanregend:
Entweder lebt da jemand, der unglaublich verliebt ist und vor lauter Freude über dieses Glück nun dafür sorgt, dass richtig viel geküsst werden muss. Oder da lebt jemand, der so lange nicht geküsst worden ist, dass er sich jetzt diesen Busch hinhängt, damit aber auch wirklich alles passiert, was er tun kann, damit aus seiner Sehnsucht Wirklichkeit wird.
Beides macht Dunkelheit hell und bringt Licht in unser Menschenleben.
Denn wenn wir einander etwas von unserer Liebesfähigkeit und Liebensbedürftigkeit erzählen, dann sind das zutiefst menschliche Antworten auf die Verheißung, dass Gott kommen und unter uns wohnen wird, dann kann es anders gar nicht sein als „beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunklel mehr.“



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  Seht auf und erhebt eure Häupter….

Seht auf und erhebt eure Häupter….

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2018

Bei Lukas heißt es: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Ich habe mein halbes Berufsleben gebraucht, um zu merken, dass da nicht steht: „Steht auf und erhebt eure Häupter….“
Schade eigentlich, denn dieses Aufstehen ist so unvergleichlich aktiver! Wer aufsteht, der hebt nicht nur den Blick aus gekrümmter und niedergeschmetterter Haltung, der macht vielmehr den Rücken grade, der wird wieder losgehen und irgendwann auch bei der Krippe ankommen. Der wird nicht aufzuhalten sein, wenn er ausbricht aus dem, was ihn drückt und lähmt, gefangen hält und ängstigt.
Ein wunderbares Bild für solchen Aufbruch und eine Erlösungsgeschichte erzählt der Amerikaner Kirk Johnson. Als junger Mann lernte er arabisch, studierte die Sprache später. Als die Amerikaner im Irak einmarschierten, lebte er im Nahen Osten und wollte unbedingt helfen wieder gutzumachen, was seine Landsmänner da anrichteten. So meldete er sich zunächst bei der Behörde für Entwicklungszusammenarbeit in Bagdad, später mühte er sich um den Wiederaufbau von Falludscha.
Nach einem schweren Unfall (er schlafwandelte als Folge der Kriegstraumata und stürzte dabei aus einem Fenster), begann er sich zuhause für Iraker zu engagieren, die in ihrer Heimat in Gefahr geraten waren, weil sie während des Krieges für die Amerikaner gearbeitet hatten.
Gerade dreißigjährig war er physisch und psychisch vollkommen erschöpft. Frieden fand er nur beim Fliegenfischen.
Dort hörte er die Geschichte, die ihm half aufzustehen und ins Leben zurückzukehren. Sie erzählt von einem Engländer, Edwin Rist, im bürgerlichen Leben Flötist, der dem Fliegenfischen ganz und gar verfallen war.
Für das Fliegenfischen braucht es Fliegen, kunstvoll aus verschiedenen Materialien oft nach uralten Anleitungen gebunden. Sie sollen den Fischen überm klaren Wasser Insekten vorgaukeln. Je nach Saison und Biotop muss jede Fliege anders sein. Für wirklich gute Fliegen braucht man deshalb Vogelfedern und in manchen Gegenden der Welt müssen diese Federn vor allem eins: in all den Farben schimmern, die Insekten nur annehmen können.
Rist wusste, wo es die weltbesten Vogelfedern gab: in einer Dependance des britischen Naturkundemuseums. Dort lagerten Vogelbälge, die Charles Darwin und andere Naturforscher von ihren Expeditionen mitgebracht und konserviert hatten. In einer Novembernacht 2009 brach Rist ein und stahl 299 unbezahlbare Exemplare und verkaufte später einzelne Federn im Internet an die heißhungrige Fliegenfischercommunity.
Ein Kriminalfall. Und die Rettung für Kirk Johnson.
Er begann zu recherchieren, zu forschen und zu suchen. 174 Vögel fand die Polizei. Und auch Kirk Johnson brachte einige zurück.
Ist das eine Adventsgeschichte? Ja, ich glaube schon. Denn sie erzählt etwas davon, dass Menschen in unendliche menschengemachte Finsternis fallen können und auch, dass es Wege hinaus gibt. Es ist nur eine Fliegenfischergeschichte. Aber wenn die schon ein Menschenleben heilen kann, welche Kraft muss dann erst der Geschichte innewohnen, die seit 2000 Jahren nichts an Kraft und Wärme verloren hat und uns noch immer leben hilft, denn der Stern ist über Bethlehem aufgegangen, darum: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

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  Licht am Ende des Tunnels

Licht am Ende des Tunnels

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.12.2018

Ist Ihnen aufgefallen, wie hell es draußen ist und das mitten in der dunklen Jahreszeit? Gerade haben wir den November verabschiedet, der nicht nur bezogen auf das Tageslicht, sondern auch mit seinen Feier- und Gedenktagen nicht gerade zum Strahlen veranlasst. Volkstrauertag, Buß- und Bettag und der Totensonntag ganz am Ende des Kirchenjahres konfrontieren uns mit dem Tod und den vermeintlich letzten Dingen. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, diese mahnenden Worte aus dem 90. Psalm standen über dieser Zeit.
Trauer, Schmerz und Leid können es in unserem Leben nachhaltig dunkel werden lassen. Die Zeit heilt alle Wunden – das ist so ein Sprichwort, das uns anrät, geduldig zu sein auch und gerade in unseren schwierigen Lebensphasen. Doch das fällt schwer, wenn uns die Perspektive darauf fehlt, dass es in absehbarer Zeit auch mal wieder besser werden kann. Wir brauchen das berühmte Licht am Ende des Tunnels, um wieder Lebenskraft und Lebensfreude zu empfinden. Und um Ihnen den Kalauer nicht vorzuenthalten: Das Licht am Ende des Tunnels darf dann eben nicht der entgegenkommende Schnellzug sein.
Was ist Ihr Licht am Ende des Tunnels? So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Ressourcen, aus denen wir Hoffnung und Zuversicht schöpfen. Die Ladestationen für unsere inneren Akkus sind vielfältig: Das kann die Familie sein, berufliche Karriere, ein Team von freundlichen und wertvollen Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf, und natürlich auch mein Glauben. Nachhaltige Kraftquellen sind selten materieller Natur. Sicherlich kann mir das Ergebnis meiner Shoppingtour durch die weihnachtliche Fußgängerzone Freude bereiten und mich kurzzeitig auch glücklich machen. Doch erfahrungsgemäß währt dieses gute Gefühl nicht allzu lang. Es sind dann doch eher die immateriellen Dinge, die uns belastbar tragen.
Auf das Aufleuchten eines Lichtes am Ende des Tunnels bereiten wir uns in diesen Tagen gerade vor. Es ist ein Licht, das heller und verlässlicher strahlt als alle anderen. In drei Wochen feiern wir den Geburtstag dessen, der gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt!“ Und um deutlich zu machen, dass es um dieses Licht der Welt geht, lassen wir es bis zum Weihnachtsfest schon einmal hell strahlen in unseren Straßen, Häusern und Geschäften. Und wir lassen es heller werden mit jeder Woche des Wartens und der Vorbereitung. Jede Woche ein Licht mehr auf dieser großen Countdown-Uhr, die wir Adventskranz nennen. Wir sollen uns freuen auf Weihnachten doch wir dürfen uns auch völlig unabhängig von diesem Fest freuen, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, einer von uns, mittendrin in unserem Leben und verlässlich an unserer Seite. Wir Menschen brauchen ein Licht, an dem wir uns ausrichten und aufrichten können. Jesus Christus will dieses Licht für uns sein.
Das Bibelwort für den Monat Dezember berichtet von Menschen, denen Jesu Geburt im Stern von Bethlehem angezeigt wurde. Der Evangelist Matthäus schreibt: Und als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Wir dürfen uns anstecken lassen von dieser Freude und wir dürfen es hell werden lassen – nicht nur draußen auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt, sondern auch in unseren Herzen.

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  Prosit Neujahr

Prosit Neujahr

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.12.2018

Prosit Neujahr! Nein, wir hatten noch nicht zu viel Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und ich habe mich bei diesem Andachtstext auch nicht im Datum geirrt. Gestern war der 1. Advent und damit hat unser neues Kirchenjahr begonnen und da das erst gestern war, kann man durchaus noch Prosit Neujahr sagen. Doch anders als zum Kalenderjahreswechsel Ende Dezember verläuft der Start ins neue Jahr bei „Kirchens“ etwas ruhiger. Keine Raketen, keine Böller, kein Tischfeuerwerk und in aller Regel fließt auch nicht der Sekt in Strömen. Die Glocken der Innenstadtkirchen haben alle gemeinsam im großen Stadtgeläut am Sonnabend um 18:00 Uhr auf den Jahreswechsel hingewiesen und natürlich haben wir gestern einen festlichen Gottesdienst hier im Dom gefeiert. Doch wir geben nicht gleich Vollgas.
Am Altar im hohen Chor hängt ein Parament und es ist violett. Diese Farbe kennen wir aus der Passionszeit. Und genauso wie diese ist auch der Advent kirchenjahreszeitlich eine Buß- und Fastenzeit. Ja, Sie haben richtig gehört: Fastenzeit. Angesichts dessen, was wir rund um unseren Dom zu sehen, zu riechen und zu schmecken bekommen, klingt das schon irgendwie komisch. Doch die besondere Atmosphäre dieser Zeit hat durchaus ihren Sinn.
Zwar läuft der Countdown bis zum großen Fest unaufhaltsam. Doch die Zeiger auf der Adventsuhr zeigen keine Minuten und Sekunden an. Sie messen die Zeit in Wochen – jede Woche eine Kerze mehr. In solchen Zeiteinheiten zu denken und zu leben wird wahrscheinlich nicht zu Ihren vollen Terminkalendern passen – zu meinem im Übrigen auch nicht. Und dennoch ist der Advent eine Aufforderung an uns, dass wir uns Zeit nehmen sollen. Zeit zum Warten, Zeit dafür, über die Dinge nachdenken, die wirklich wichtig sind, Zeit für andere Menschen, Zeit auch für diejenigen, die an der vorweihnachtlichen Geschäftigkeit gar nicht teilhaben können: die Einsamen, die Hoffnungslosen, die Vergessenen.
Advent ist eine Aufforderung an uns, dass wir Zeit finden auch für uns selbst, dass wir zu uns kommen, dass wir in der Hektik der Vorweihnachtszeit einfach mal den Mut haben, kräftig auf die Bremse zu treten und zu sagen: So, nun ist es mal gut! Heute bin ich mal dran! Der Advent will, dass wir Ruhe finden und Besinnlichkeit, um zur Besinnung zu kommen und nicht besinnungslos durch diese Tage gehen. Dabei will Kirche kein Spielverderber sein – ganz gewiss nicht. Jesus hatte nichts gegen Feste, gutes Essen mit Freunden und gegen Fröhlichkeit schon einmal gar nicht. „Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben“, hat er gesagt. Und zu einem Leben in Fülle gehören ganz sicher auch Freude, Glück und Wohlergehen. Und wenn es vor 2000 Jahren im Heiligen Land schon Bratwurst, Glühwein und Poffertjes gegeben hätte: Jesus und seine Jünger wären ganz sicher nicht abgeneigt gewesen.
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir den Start ins neue Kirchenjahr mit allen Sinnen genießen können, dabei unsere Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren und dass wir Dankbarkeit darüber empfinden können, dass uns Gott all das geschenkt hat. In diesem Sinne: Prosit Neujahr!

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  Hochleistungszeit

Hochleistungszeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2018

Wir sind viel umgezogen, der statistischen Einschätzung folgend (wenn man noch einen Einbruch dazu rechnet) mindestens zweimal komplett abgebrannt. Einmal war es besonders übel. Die Landeskirche ließ damals alle Umzüge durch eine Arbeitsloseninitiative des Diakonischen Werkes erledigen. Das war eigentlich eine gute Idee aber dennoch schwierig für die ortsansässigen Umzugsunternehmen und für uns auch, denn statt professioneller Möbelpacker stand uns ein Heer gutwilliger aber völlig unerfahrener Menschen zur Verfügung. Meine Verzweiflung wuchs, als keiner wusste, wie mein uralter Kleiderschrank wieder zusammengebaut werden kann aber sie gipfelte, als einer von ihnen vor der Tür stand – mit dem Glockenbergmann unterm Arm!
Er wusste offenbar nicht, dass das eine Herzenskostbarkeit ist und nicht wie Gummistiefel behandelt werden kann. Nun befürchte ich, dass auch mancher von Ihnen nicht genau weiß, worum es sich bei einem Glockenbergmann handelt. Es ist eine erzgebirgische Holzfigur: ein Bergmann trägt in einer Hand eine Art Minipyramide, die von Kerzenwärme bewegt bei jeder Runde an ein Glöckchen schlägt. Noch wichtiger aber: damit drehen sich über dem Haupt des Bergmanns auch vier Engel in höchster Eile.
Dieses Bild liebe ich: Ich stelle mir vor, wie vor Zeiten einer die Gefahr unter Tage in diese Figur gelegt hat. Wer einmal eine Schachtkapelle gesehen hat, der ahnt, welcher Art die Gebete waren, die diese Räume durchdrungen haben. Es konnten gar nicht genug Engel sein, die um einen Bergmann herum schwebten und auf ihn aufpassten. Und es können auch jetzt, in dieser geschäftigen Zeit nicht genug Engel sein, die sich um jeden von uns herum drehen und uns behüten und beschützen: da sind die Polizisten, denen wir unsere Sicherheit in all den Menschenmengen auf dem Weihnachtsmarkt oder in unseren überfüllten Kirchen anvertrauen; da sind Busfahrer, die gewärtig sein müssen, dass glühweinselige Menschen nicht so genau gucken, wenn sie die Straßen überqueren, da sind kleine Kinder, die beim Staunen im Gewühl die Hand der Eltern loslassen, da sind unzählige Kurrendekinder mit Kerzen im Dom und übermüdete Mitarbeiter auf der Post, die viel zu viele Pakete verteilen müssen…
Ganz zu schweigen von denen, die die Engel ganz besonders im Auge behalten müssen, weil das Alleinsein besonders dann schwer auszuhalten ist, wenn alle anderen auf Familie machen oder die Angst vor dem Weihnachtsfest, weil die Ehe zerbrochen ist oder ein Kind im Krankenhaus liegt.
Ja, es ist nicht nur Hochleistungszeit für Schmalzkuchenbäcker und Blechbläser, sondern auch für die Engel Gottes, die uns behüten sollen auf allen unseren Wegen und achthaben, dass wir nicht stolpern und in irgendwelche Sackgassen laufen, sondern dass wir den einen wichtigen Stern aus all dem Gefunkel herausfinden, von dem gesagt ist: „Da sie diesen Stern gesehen hatten, wurden sie hocherfreut.“

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  „Da steht der Leib bequem“

„Da steht der Leib bequem“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.11.2018

Alle Jahre wieder geht es gleich nach dem Ewigkeitssonntag los, überall wird weihnachtlich geschmückt, es gibt Glühwein und Pförtchen, die alten Weihnachtslieder und -geschichten, alles beginnt wieder von vorn, äußerlich genauso wie im letzten Jahr. Und trotzdem fahren wir eben nicht wie auf einer Pyramide im Kreis, sondern ist all das jedes Jahr neu und anders. Advent geschieht jetzt und immer schon, weil Gott sich damals in der Geschichte erwiesen hat und jeden Tag neu in unserem Leben.
Mir ging es bisher so, dass ich die Holterdipolterumstellung nach dem Totensonntag immer ein bisschen stressig fand. Dann hat man zwar schon gebrannte Mandeln im Mund aber die Seele kommt langsamer hinterher, weil sie noch bei den Toten und den Themen des Novembers ist. Dieses Jahr dagegen hat das schnelle Eintauchen in all das Leibliche, Sinnliche, Fröhliche heilsame Wirkung.
Diese Wahrnehmung hat mich an eine Geschichte von Siegfried Lenz erinnert. Sie beginnt so: „Es starb … mein Tantchen Arafa. War ein schwerer fülliger Mensch, mein Tantchen, hatte mächtige Schultern und rötliche Kapitänshände, und außerdem war sie … gewohnt zu befehlen.“ Es passiert dann auf knapp zwei Seiten eine turbulente Überführung. Aber schließlich kommen alle im Trauerhaus zusammen, es wird gefeiert, gegessen, getrunken, musiziert, getanzt und sich verliebt. Zwischendurch taucht die Frage auf, wo denn der Sarg mit dem Tantchen ist. Und es zeigt sich: „Den Sarg, damit mehr Platz ist im Haus, haben wir hochkant gestellt, gegen den Ofen. Da steht der Leib bequem.“
Es ist eine Geschichte voller masurischem Humors und voller Wahrheit: Denn ja, gerade weil wir nicht im Kreis leben und das ewig Gleiche geschieht, geht die Zeit nicht spurlos an uns vorbei. Die Erfahrungen des letzten Jahres nehmen wir genauso mit hinein in diese Weihnachtszeit wie die Lücken, die diejenigen gerissen haben, die nicht mehr unter uns sind.
Aber jetzt, in diesen Tagen scheint etwas Neues auf. Der Tod ist nicht mehr so raumfüllend, wie er noch am letzten Sonntag war.
Es entsteht wider Platz für Hoffnung und Leben, für Licht und Neuanfang, für Erwartung und Freude.
Wie man bei einem Leichenschmaus durcheinander lacht und weint, so gehen wir auch jetzt weiter auf unserer Lebenstrasse. Was dunkel ist verändert sich. Tara Brandt sagte: „Es ist nicht mehr die Dunkelheit des Sarges, sondern die der Gebärmutter.“

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  Sehnsuchtsort Unterbrechung

Sehnsuchtsort Unterbrechung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.11.2018

Gestern Abend standen unser Sohn und ich inmitten einer riesigen Menschenmenge. Es müssen Hunderte gewesen sein. Wir alle drängten uns um die kleine Bühne, um dabei zu sein, wenn der Oberbürgermeister mit der Dompredigerin den Weihnachtsmarkt eröffnet. In seiner kleinen Ansprache sagte er, dass der Markt vielen Menschen – jung und alt – ein Sehnsuchtsort sei. Mindestens für unser Kind kann ich das bestätigen. Schon seit Tagen lebt es in Vorfreude auf die weihnachtliche Zeit. Während ich selbst eigentlich noch ganz anders unterwegs bin. Denn Sie wissen ja, am vergangenen Sonntag war Ewigkeitssonntag – und auch die Losungstexte dieser Woche folgen – interessanterweise – diesem Weg. Für den heutigen Tag heißt es z.B. (Ps 39,5):

„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben wird
und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Das scheint wenig adventlich.
Und doch….
Ist Weihnachten nicht gerade das Fest, das die Finsternis erhellen will?
Dass uns von jenem Ziel her leuchtet, auf das hin wir davon müssen?

Der Advent mit seinen Traditionen und Ritualen ist Unterbrechung des Alltäglichen.
Und Gelegenheiten wie der Gang über den Weihnachtsmarkt sind Auszeiten.
Eine Zeit, in die ich mich hineinfallen lassen kann;
fallen lasse in Licht und Farben, in Lachen und Freude,
in Staunen und in die Schönheit des Augenblicks.
Ich denke, solche Momente, in denen das Licht, das in der Welt ist,
ganz bewusst wahrgenommen wird, sind adventliche Momente.
Momente unverzweckten Seins.
Und nur deshalb ist dieser Ort auch mehr als ein Konsumort,
sondern eben möglicher Sehnsuchtsort, weil er Ort der Unterbrechung ist;
Ort, wo wir noch einmal mit den leuchtenden Augen des Kindes staunen, uns lachend über Schönes freuen und auf Gutes vorfreuen können.

Dorothee Sölle hat einmal geschrieben:
„Du sollst dich selbst unterbrechen.

Zwischen
Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein
und Freude,
dem Gruß des Engels zu
lauschen:
Fürchte dich nicht!

Zwischen
Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,
das alte Lied der Sehnsucht:
Maranata, komm, Gott, komm!

Zwischen
Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an den ersten Schöpfungsmorgen,
deinen und aller Anfang,
als die Sonne aufging
ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit,
die niemandem gehört
außer dem Ewigen.

Und so segne uns Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, dass wir seinen ewigen Segen in der Wärme und in der Anmut des Lichts, im Lachen und im Genuss, in Freude und Vorfreude, in der Stille eines gesegneten Augenblicks – in der Unterbrechung des Alltags auch in diesem Advent finden werden. Amen.

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  Himmel und Erde, Heerscharen und Weihnachtsmarkt…

Himmel und Erde, Heerscharen und Weihnachtsmarkt…

Dompredigerin Cornelia Götz - 28.11.2018

Über diesem Tag heute heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 1. Buch der Könige: „Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: da soll mein Name sein.“
Lass deine Augen offen stehen so reden Menschen zu Gott und bitten ihn: Schau nicht weg, schau hierher, sieh wie wir hier versuchen zu leben, schau her und wenn Du auf unseren Doms schaust, dann wirst Du auch das ganze Drumherum sehen: die Menschen, die ameisenfleißig, fantasie- und liebevoll hier eine kleine Weihnachtsstadt hingebaut und so eine Möglichkeit geschaffen haben, den öffentlichen Raum zu besetzen und ihn zu einem Ort der Begegnung und Freude, der menschlichen Geschwindigkeit oder Verlangsamung zu machen, der unverzweckten Zeit.
Das ist in Zeiten, in denen sich mancherorts Menschen auf der dunklen Straße unsicher fühlen und menschenunfreundliche Parolen laut werden, schon fast ein politisches Statement. Schaut: so kann es unter uns sein: friedlich und weltoffen gleichermaßen. Und mittendrin der Dom und noch einmal die Bitte:
„Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: da soll mein Name sein.“
Auch hier drinnen stehen turbulenten Zeiten an. Es werden viel mehr Menschen als sonst ein und ausgehen, dableiben, singen und zuhören, manchmal auch drängeln und poltern oder Druck und Angst ablassen von wegen der ganzen Weihnachtsharmonie…
Manche werden sich hinsetzen, um einen Moment zu verschnaufen.
Und viele werden hierherkommen, weil Weihnachten ja noch so viel mehr ist als Kerzenschein und Glühwein und Duft von Gebackenem und Geschmortem.
Hier drinnen braucht es keinen Weihnachtsmann. Aber es braucht eine Entscheidung, was wir denken und glauben, hoffen und erwarten wollen. Hier drinnen merken wir, dass unsere Sehnsucht mit weihnachtlicher Gemütlichkeit allein, so schön sie ist, nicht gestillt werden kann. In Magdeburg wurde vorgestern der Weihnachtsmarkt besonders spektakulär eröffnet. Der Weihnachtsmann wurde vom 60 Meter hohen Plateau der Johanniskirche abgeseilt….
Soweit lassen wir es hier nicht kommen, sonst geraten die Bilder durcheinander. Das Oben gehört den himmlischen Heerscharen, unten mögen Weihnachtsmänner unterwegs sein, dazwischen die Bläser, die Glocken, der Oberbürgermeister und wir. Weihnachten verbindet Himmel und Erde, die weltlichen Hoffnungen und die großen Sehnsüchte der Menschheit. So soll es sein.
Darum herzlich willkommen Ihnen allen und den Schaustellern, Sami und Samar aus Bethlehem… - es wird eine Art Wohngemeinschaft für die nächsten vier Wochen, Menschen kommen von überall. Am Ende werden wir uns bei der Krippe versammeln und dann sehen, was es heißt:
„Lass deine Augen offen stehen über diesem Dom Nacht und Tag, über dieser Stadt und dem Ort, von dem du gesagt hast: da soll mein Name sein.“

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  Gottgefällig

Gottgefällig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.11.2018

Fast ist es wieder soweit. In der Woche nach dem Toten- und Ewigkeitssonntag sieht es rund um den Dom schon ganz nach Weihnachtsmarkt aus. Kaum haben wir uns der Namen derer erinnert, die im vergangenen Jahr von uns gegangen sind, und haben uns als Wochenspruch sagen lassen (Ps 90,12): „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“, geht es schon wieder weiter. Muss ja auch, sagen viele. Und nicht selten höre ich es gerade von jenen, denen die Zeit still steht, weil sie so unfassbar traurig sind. Mit Worten wie „Es muss ja weitergehen“, versuchen sie sich, einen Ruck zu geben.

Aber wissen Sie, manchmal denke ich, dass die Augenblicke der Stille doch auch gut tun. Dass es gar nicht immer gleich weitergehen muss. Es ist doch gut, sich Zeit zu nehmen, um innezuhalten und zu bedenken, wie ich gut leben und auch gut sterben kann. Es braucht doch Zeit, um mir Fragen zu stellen wie „Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Gibt es Menschen, die ich glücklich mache? Setze ich Zeit für Dinge ein, die ich als sinnvoll empfinde? Worin finde ich Freude? Woran hängt mein Herz?“

Oder ist das schnell gesprochene „Es muss ja weitergehen“ vielleicht der Versuch, der möglichen Antwort auf diese Fragen auszuweichen. Weil man instinktiv weiß, dass so manche der Fragen negativ oder unbefriedigend zu beantworten hätte. Und was dann?

Im biblischen Losungswort für diesen Tag heißt es (Jes 58,7): „Brich mit dem Hungrigen dein Brot“, und im Lehrtext dazu (Hebr 13,16): „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Diese Texte als Auszüge christlicher Moral zu verstehen, ist offensichtlich. Allerdings vermute ich, dass in Worten wie diesen mehr steckt. Gottgefällig sei das Tun für den Nächsten, meint der Schreiber des Hebräerbriefes. Und was gefällt Gott noch?

Ich glaube, IHM gefällt, wo wir den Wert des Lebens schätzen. Wo wir schätzen, was uns in unseren jeweiligen Leben geschenkt ist. Und wo dieses Gute über das eigene Selbst hinauswächst. Wer sich zwingen muss zu teilen, der hat wahrscheinlich nicht wirklich verstanden, worum es beim Teilen geht. Teilen ist mehr als eine Zwangsabgabe. Es ist die Bereitschaft, miteinander in Beziehung zu treten. Freude zu gewinnen an der Freude des Anderen. Freude zu gewinnen daran, dass man Leben, Zeit, Geschichten, Lachen, Weinen und eben auch Güter teilt. Ein gottgefälliges Leben gelingt für mich da, wo Menschen einander als Menschen ansehen. Als Geschöpfe und Mitgeschöpfe. Als wertvoll, kostbar und schön. Wahrscheinlich ist dies eine der schweren Aufgaben im Leben. Aber gleichzeitig mag sich da, wo es gelingt, Neues ankündigen; etwas, worin die Dinge nicht nur weitergehen, sondern zu ihrem guten Ende geführt werden. Schon tönt es leise weihnachtlich und kündigt sich an die hoffnungsfrohe Erwartung (Lk 2,14):
„Ehre sei Gott in der Höhe
und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

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  Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2018

Zwischen den Jahren – sie kennen diesen Ausdruck für die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Diese Zeit hat ihren so eigenen Rhythmus, der anders ist als sonst im Jahr. Die Welt wirkt entschleunigt und wir mit ihr. Zwischen den Jahren in der letzten Dezemberwoche – doch es gibt diese Zeitspanne auch im Kirchenjahr und heute ist der erste Tag.
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, der zugleich Volkstrauertag ist, Buß- und Bettag und gestern der Toten-und Ewigkeitssonntag, das sind die besonderen Fest- und Feiertage, die das Kirchenjahr beschließen. Mit dem Totensonntag beginnt die letzte Woche des Kirchenjahres, in der wir uns gerade befinden. Unser kirchliches Neujahr feiern wir am kommenden Sonntag mit dem ersten Advent. Doch bevor es soweit ist, leben wir in einer Zeit, in der wir Christinnen und Christen uns mit dem Tod auseinanderzusetzen haben und in der wir uns mit Fragen zu den vermeintlich letzten Dingen befassen. Gestern haben wir hier im Dom der aus unserer Gemeinde Verstorbenen gedacht. Ein bewegender und für viele auch schwieriger Gottesdienst.
Es gibt Themen die uns leichter in Jubelstimmung versetzen und dass wir diese besonderen Tage nun ausgerechnet auch noch im grauen November begehen, macht es nicht unbedingt einfacher. Dabei ist die Botschaft dieser Zeit so hoffnungsvoll, dass wir unsere Gottesdienste eigentlich viel fröhlicher und ausgelassener feiern könnten. Ja, da sind die Worte aus dem 90. Psalm: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Doch es gibt eben auch Offenbarung des Johannes, in der es heißt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, denn das Alte ist vergangen. Und Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Diese Tage zwischen den Jahren erinnern uns immer wieder daran, dass unsere Zeit hier auf der Erde begrenzt ist. Doch wir dürfen uns eben auch vergewissern, dass unser Weg mit Gott nicht an unseren Gräbern endet. Zu guter Letzt wird das Leben siegen, verspricht uns Gott und er zeigt uns in der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus, was er damit meint. Und so sind die Grabsteine auf unseren Friedhöfen doch nicht mehr als Meilensteine auf unserem Weg, auf unserem Heimweg, in Gottes Herrlichkeit.
Der Tod reißt immer wieder tiefe Wunden und er stürzt uns in Trauer und Verzweiflung. Doch Gott hat uns einen Glauben geschenkt, mit dem wir aufblicken können. Denn er verspricht uns, dass auch und gerade in die Dunkelheit unserer Trauer und unseres Schmerzes das Licht des Ostermorgens scheinen wird.
Unser Freund und Bruder Jesus Christus sichert uns zu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Gut, dass es diese stille Zeit im Jahr gibt, denn sie ist eine perfekte Gelegenheit, sich genau daran immer wieder zu erinnern

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  Der letzte dunkle Punkt

Der letzte dunkle Punkt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.11.2018

Immer enger, leise, leise,
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.

Unter dem Titel „Ausgang“ hat Theodor Fontane diese Verse verfasst. Ein düsteres Gedicht, das beschreiben mag, wie es sich in den dunklen Stunden anfühlt, wenn das Leben voranschreitet. Ihm scheint nichts zu bleiben als die Aussicht auf den letzten dunklen Punkt.

Trostlos, oder?
Und ich atme leise erleichtert auf, dass ich in Gottesdiensten so viele schöne Anlässe habe, Kerzen zu entzünden und dazu die Worte Christi zu sprechen (Joh 8,12):
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
Oder aber auch das Glück habe, die Worte des 23. Psalm zu kennen, zu unterrichten und sie schon deshalb immer wieder einmal zu beten (Ps 23,4):
„Und ob ich schon wanderte im finstersten Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Aber was, wenn man keine äußeren Anlässe hat, so regelmäßig Trostworte gegen die Dunkelheit zu gebrauchen? Wenn da nichts ist als die eigenen Gedanken, aus denen man für sich selbst Hoffnung gebären soll? Wenn da keine Zusagen, keine Verheißungen sind, in die man sich voller Vertrauen fallen lassen kann? Dann, ja dann mag es so sein, dass der Ausgang eines Leben nicht mehr ist als der letzte dunkle Punkt, der alle Lebensleistung genauso zunichtemacht wie alle Albernheiten und alle Schuld.

Keine Bewahrung. Keine verheißungsvolle Ruhe am Ende mit einem Gericht, dessen Ziel es ist, mich aufzurichten angesichts meines Lebens, das mit seinen Höhen und Tiefen eben war, wie’s war; stattdessen nicht mehr als die kalte Stille des Grabes, an dessen Rand Menschen mit den Füßen abstimmen und mit Worten wiegen, welche Bedeutung diesem Leben wohl zukommt.

Mehr und mehr begreife ich, warum das Wort Evangelium jenen ersten Christen eingefallen ist und angemessen erschien, als sie eine Überschrift für das suchten, was durch Christus in die Welt kam. Denn Sie wissen ja, Evangelium bedeutet: „Frohe Botschaft“. Und für mich ist es eine echte frohe Botschaft, wenn ich am Ende eines Lebens nicht nur von dessen Ausgang sprechen muss, sondern angesichts des Todes noch segnen kann (Ps 121,7f.):

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“
Amen.

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  Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste

Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.11.2018

Dreihundert Seiten. Mit Fünfunddreißigtausend Namen aus 25 Jahren. Und hinter jedem dieser Namen findet sich eine Lebensgeschichte, die mindestens von Bedrängnis, Aufbruchsmoment, leiser Hoffnung und schließlich Scheitern gezeichnet ist. Es sind die Namen von Toten, die auf diesen dreihundert Seiten festgehalten sind.

Die Organisation „UNITED for Intercultural Action“ hat zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember eine Liste der belegten Todesfälle von Flüchtlingen zusammengestellt, in der die Namen einiger Verstorbener um kurze Porträts, Fotos und Berichte von Überlebenden ergänzt werden. „Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste“, heißt das daraus entstandene Buch.

Wozu das nützt, fragen Sie? Ich lese die Worte der Journalistin Kristin Helberg, die in Damskus lebt und lange für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Korrespondentin tätig war. Sie schreibt: „35.000 Tote in 25 Jahren? Na ja, klingt gar nicht so schlimm. Trotzdem sind es, statistisch betrachtet, vier Menschen, die seit einem Vierteljahrhundert jeden Tag auf der Flucht nach Europa umkommen. Das sind freilich nur die registrierten Toten, wer unbemerkt stirbt, hinterlässt keine Spur, nur eine Lücke. ‚Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen‘ – schon klar. Aktuell sind es nicht einmal vier Prozent der weltweit Geflüchteten, die nach Europa gelangen. 2,6 Millionen von 68,5 Millionen. Doch genug der Zahlen. Es geht inzwischen nicht mehr nur darum Menschen zu retten, sondern unsere Menschlichkeit, die Fähigkeit zur Empathie.“ Und die Autorin Anja Tuckermann schreibt: „Seit einigen Jahren unterstütze ich intensiv Geflüchtete vor allem aus Afrika. Immer wieder drehen die Gespräche auch um geliebte Menschen oder Bekannte, die die Flucht nach Europa nicht überlebt haben. Wie sie spurlos verschwunden sind. Oder wie Überlebende die Angehörigen benachrichtigen müssen.“

Ich lese diese Worte und weiß als Pfarrerin, wie wichtig es, dass es Möglichkeiten gibt, um sich der Verstorbenen zu erinnern. Ein Trauergespräch erlebe ich als gut, wenn nicht nur organisiert, sondern ganz viel erzählt, geweint und gelacht wurde. Wenn der Verstorbene im Erzählen noch einmal mitten unter uns war. Wenn noch einmal die Augen gedreht wurden über die Eigenheiten, wenn noch einmal wertgeschätzt wurde, worin er für sich und andere stark war, wenn noch einmal erzählt wurde von Lieben und Lachen und Weinen und Streiten und Versöhnen und Tanzen und Unsinn Treiben und Leidenschaften und Scheitern und Gewinnen und so vielem mehr, das einen Menschen ausmacht. Namen sind wichtig, weil sich mit ihnen ein ganzer Kosmos verbindet. Eine eigene Welt, die den Menschen unverwechselbar und nicht austauschbar macht.

Deshalb empfinde ich dieses Buchprojekt als echten Beistand für die Hinterbliebenen. Es ist eine gute und wertschätzende und „den Flüchtling“ wieder zu einem Subjekt machende Geste. Vielleicht tatsächlich nicht mehr als eine Geste, aber ganz gewiss auch nicht weniger. Und dazu denke ich, dass doch gerade wir Christen wissen, wie wichtig Namen sind, weil wir Worten wie jenen vom Propheten Jesaja trauen, in denen es heißt: „Gott, der dich geschaffen hat, spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jes 43,1)

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  Mitfühlen

Mitfühlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2018

Zwischen Buß- und Bettag und Ewigkeitssonntag geht es nochmal ganz um das Hier und Jetzt, die vorletzten Dinge, die Frage nach der Umkehr.
MDR-Kultur hat dabei gestern „Mitfühlen“ empfohlen. Es ist das Sachbuch der Woche. In der Anmoderation konnte man hören, dass „der Ton rauer wird, politische Grabenkämpfe brutaler, Hemmschwellen sinken.“ Die Autorin Melanie Mühl widmet sich der wachsenden Unfähigkeit zur Empathie und kennt dafür viele Beispiele:
„Der Populismus blüht. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit erstarken. Die Hemmschwelle sinkt. Im Netz tobt ein Shitstorm nach dem nächsten, und der schiere Hass vieler Kommentare verschlägt einem die Sprache.“
Dann sind da noch die Voyeuristen, die das Handy lieber zum Fotografieren zücken als um Hilfe zu holen. Es braucht eine, so hören wir, gute Geschichte, um zu uns abgestumpften, reizüberfluteten und dauerverkabelten Menschen durchzudringen.
Eine solche Geschichte spielt vor der Erfurter Hauptpost auf dem Anger, Straßenbahn- und Fußgängerknotenpunkt der mittelalterlichen Landeshauptstadt. Eine Freundin erzählte, wie sie vor ein paar Wochen mit ihrem Mann aus der Hauptpost kommend, Zeugin wurde, wie ein Mann, der ganz offensichtlich auf der Straße lebt, einen Krampfanfall erlitt. Es war später Nachmittag und die Innenstadt voll. Unzählige Menschen unterwegs.
Schon malt sich trübe Fantasie aus, was passierte.
Und, so erzählt sie, keiner ging vorbei.
Jede und jeder bleib stehen und fragte, ob er oder sie helfen könnte.
Ich erzähle das nicht, weil das der gute Osten wäre oder eine Wundergeschichte, stimmt beides nicht – sondern, weil wir vielleicht anfangen sollten, uns wenigstens dann und wann freundliche Geschichten vom alltäglichen Gelingen zu erzählen, auch sie nähren die Hoffnung, dass es anders unter uns werden kann.
Vielleicht im Sinne Eva Strittmatters:
„In deinem Alter, Kind, / hat jeder Mensch noch Gründe, / anzunehmen, / er könnte / fliegen wie laufen / lernen.
Ich werde mich hüten / dich aufzuklären.
Vielleicht / bin doch ich es / die sich irrt.“
Ich werde mich auch deshalb hüten, weil ich hier am Dom – unter den vielen, die mittun, damit so vieles möglich wird - immer wieder erlebe, dass Menschen genau hinsehen, mit Herz und Verstand, dass sie sich einfühlen – auch dafür sind Orte wie dieser Dom eine Oase, weil wir hier vor Gottes Angesicht sind und von seinen Wundern hören

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  Frieden fängt im Kleinen an

Frieden fängt im Kleinen an

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.11.2018

Frieden fängt im Kleinen an. So banal dieser Satz auch klingen mag, so richtig ist er auch. Er bedeutet, dass ich zunächst einmal mit mir selbst im Reinen, im Frieden sein muss. Wir Menschen werden es nicht dauerhaft hinkriegen, uns einander in Liebe und Wertschätzung zu begegnen, wenn wir unsere eigenen inneren Kriegsschauplätze nicht bereinigt haben.
Wenn ich mit mir selbst nicht zufrieden bin, weil ich mit meinem Handeln an meinen eigenen Maßstäben scheitere, weil ich mich in dieser Welt und diesem Leben nur zweitklassig fühle – zu schwach, zu unbedeutend, zu alt, zu arm – dann fehlt mir die Kraft, in wahrer Herzlichkeit auf andere Menschen zuzugehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagt Jesus Christus. Oft neigen wir dazu, den zweiten Halbsatz zu überhören, doch er ist mindestens genauso wichtig wie der erste. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – hier ist eine Waage beschrieben, und wenn die aus dem Gleichgewicht gerät, dann gerät so manch anderes auch aus dem Gleichgewicht. Doch wenn ich sie in Balance halte, dann kann ich die Kreise größer ziehen: in meiner Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz.
Und was das konkret bedeutet, schreibt Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Das sind klare Worte, doch wir alle wissen, dass es mitunter eine echte Herausforderung ist, ihren Inhalt im Alltag umzusetzen. Ich soll keine Rachegedanken hegen, sondern es aushalten, wenn mein Gegenüber mich ungerecht behandelt. Ich soll verständnisvoll auf das Fehlverhalten meiner Mitmenschen reagieren und ich soll Bösem mit Gutem begegnen. Paulus fordert hier unser Engagement, um die Spirale der Gewalt, die sich immer nur nach oben schraubt, mit Liebe und Barmherzigkeit zu durchbrechen. Ja, wir laufen Gefahr, dabei zu scheitern, herbe Enttäuschungen zu erleben, und als „Gutmenschen“ belächelt zu werden. Auch das gilt es auszuhalten. Denn wenn wir dem Frieden eine echte Chance geben wollen, ist die paulinische Handlungsanleitung alternativlos.
Immer wieder gelingt es Menschen, große und kleine Friedenserfolge zu erzielen. Und Scheitern ist, wie gesagt, durchaus erlaubt. Niemand von uns ist perfekt, das wissen Sie, das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Doch aus Angst vor Fehlern oder aus Bequemlichkeit die Hände in den Schoß zu legen, ist ganz sicher kein Leben in Jesu Sinne. Dem Frieden eine Chance zu geben, ist anstrengend, doch anfangen muss jeder für sich. Frieden fängt im Kleinen an, bei Ihnen, bei mir aber immer mit Gottes Hilfe.

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  Krieg und Kriegsgeschrei

Krieg und Kriegsgeschrei

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2018

Das Vorbereitungsteam der ökumenischen Friedensdekade hat folgende Worte aus dem Markusevangelium über diesen Tag gestellt:
„Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, und werden viele verführen. Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht: Es muss geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da.“
Der Text stammt aus einer Rede Jesu über das Ende der Zeit.
Ich glaube, es ist nicht an uns, zu spekulieren, ob es schon so weit ist. Längst wissen wir ja, dass Anfang und Ende im Großen wie im Kleinen in Gottes Hand liegen. Wir können keine Stunde dazu tun oder wegnehmen.
Nichts destotrotz gibt es Anlass zur Sorge.
Yuval Noah Harari, ein israelischer Historiker und Philosoph, warnte vor wenigen Wochen in einem Interview vor den Folgen eines neuen Wettrüstens mit Hilfe der künstlichen Intelligenz. Er sagte damals, dass das Wettrüsten heute im Vergleich zur atomaren Aufrüstung völlig neue Risiken bergen würde. Zum einen ist es unvergleichlich viel schwieriger als bei der Entwicklung von Atomwaffen zu kontrollieren, woran jemand im Bereich KI genau arbeitet. Selbst wenn es gelingen würde, diesbezüglich Vereinbarungen zu treffen, bräuchte es ein nie dagewesenes Vertrauen zueinander, um Beschränkungen sicher zu stellen. Zum anderen: der Einsatz von Atomwaffen geht mit einem Weltuntergangsszenario einher. Diese Waffen taugen nur für einen Krieg, in dem man zum allerletzten Mittel greift und bereit ist, mit unterzugehen.
Gefährliche künstliche Intelligenzhin hingegen kann man jederzeit verwenden. Ihre Auswirkungen werden unsere Gesellschaften verändern noch ehe wir die Ursache zuordnen können. Ob man sie einmal losgelassen wieder einfangen kann, wer weiß…
Dieses Wettrüsten kann keiner gewinnen. Unter solchen Vorzeichen klingt das Jesuswort „wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht…“ regelrecht blauäugig. Sowas konnte man sich zu Jesu Zeit nicht vorstellen. Aber vergessen wir nicht, dass es auch damals technologische Wettläufe gab. Was müssen Menschen sich gefürchtet haben vor Gewehren, Kanonen, Tieffliegern, Giftgas? Immer schien eine bis dahin unvorstellbare Schallmauer durchbrochen zu sein.
Darum können wir wissen: Es wird keinen Weg geben, der dosierend mit Waffen verfährt. Dies wird immer zu Missbrauch und Vorherrschaftsfantasien führen und uns immer neu an den Rand des Abgrundes bringen. Es wird nur helfen, einander zu vertrauen und sich nicht zu fürchten, denn „Gott hat uns keinen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

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  Dennoch wert, bewahrt zu werden

Dennoch wert, bewahrt zu werden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.11.2018

Kann der Mensch sich ändern? Was denken Sie?
Für sich selbst hofft man das ja immer. Dass man lernfähig bleibt – ein Leben lang. Dass man gut zuhören kann und für Argumente stets offen ist. Dass es gelingt, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.

Und doch sind mit dem Blick auf die Weltgeschichte Zweifel angebracht…. Denn unserer menschlichen Lernkurve scheint ja bei Themen wie Frieden, Gerechtigkeit oder Altruismus eine deutliche Grenze gesetzt zu sein. Schon in jenen gut zwei- bis dreitausend Jahre alten Texten des Erstens Testaments lässt sich schließlich davon lesen, dass Menschen aufeinander achtgeben, füreinander einstehen und friedlich beieinander wohnen sollen. Die Zehn Gebote sind so alt. Und Jesus hat vor zweitausend Jahren göttlich noch über den Tod hinaus von der Liebe Gottes gezeugt. Und doch gelingt es der Menschheit insgesamt nicht, gut zu sein. Und wenn es doch einmal gelingt, hier und da, dann sind das wahrhaft himmlische Momente der Geschichtsschreibung.

Noch einmal also: Kann der Mensch sind ändern? Oder hat Luther mit seiner Beschreibung des Menschen vielleicht bleibend Recht, wenn er den Menschen als „simul iustus et peccator“, als gerecht, richtig und Sünder zugleich beschreibt.

Der für heute vorgeschlagene Text der Friedensdekade spricht eben diese Sprache. Es ist das Ende der Noah-Erzählung; jener Augenblick, in dem Gott mit Noah einen Bund schließt. Dort heißt es (Gen 8,21f.):
„Und Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Dass der Mensch sich grundlegend zu ändern vermag, darauf hoffte der nicht, der diese Worte einst formulierte. Aber dass der Mensch es dennoch wert sei, bewahrt zu werden, daran glaubte er fest. Und so schrieb er seine Worte voller Vertrauen als Gottesworte nieder: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, kurzum: das Leben in seiner guten Ordnung werde nicht aufhören. Ganz gleich, was diese närrischen Menschen auch anstellen.

Gottes „Ja“ steht zu uns Menschen. So der Glaube im Ersten Testament, so der Glaube, wie wir ihn in Christus kennen gelernt haben. Die für mich einzig angemessene Antwort des Menschen auf dieses „Ja“ Gottes zu uns lautet, sich in den göttlichen Willen einzustellen. Dran zu bleiben an den Worte des Lebens, wie sie in der Heiligen Schrift wieder und wieder erzählt werden. So gut wie möglich. Im Bewusstsein, scheitern zu können. Aber – so gut wie möglich. Auf dass dann doch, hier und da, im Namen und im Geiste Gottes sein Friede werde auf Erden.

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  Kriegsfolgen

Kriegsfolgen

Dompredigerin Cornelia Götz - 16.11.2018

Wir sind mitten in der Friedensdekade. Zehn Tage lange beten Menschen überall für den Frieden. Seit vielen Jahren schon. Die Idee stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, als die Hochrüstung so bedrohliche Ausmaße Annahme, dass ein dritter Weltkrieg unmittelbar vor der Tür zu stehen schien. Aber die Motivation erwuchs aus den Wunden und Narben derer, die wussten, was Krieg anrichtet.
Es waren Menschen, in deren Familien die Männer fehlten.
Es waren Menschen, in die Väter ihre Sprachlosigkeit und emotianale Ertaubung nach Krieg und Gefangenschaft hineingeprügelt hatten.
Es waren Menschen, die im Schweigen großwurden und nicht verstanden, ob es aus Scham herrührte oder aus Schuld, aus bodenloser Trauer.
Es waren Menschen, die ihre Heimat verloren haben.
Es waren Menschen, deren Körper von Gewalt gezeichnet sind, deren Seelen übervoll mit Bildern von Not und Leid waren.
Sie alle trugen Kriegsspuren. Diese Art, die heute Menschen überall auf der Welt Kriegsspuren zugefügt wird.
Auch Jesaja berichtet von solchen Spuren. Seien Stimme kommt aus einer Zeit, die nicht mehr akut schmerzt und trotzdem in die Menschheitsgeschichte und unser aller Gene eingetragen ist:
„Dies ist die Last für Moab: Des Nachts kommt Verheerung über Ar in Moab, es ist dahin; des Nachts kommt Verheerung über Kir in Moab, es ist dahin! Sie sind hinaufgestiegen zum Tempel und nach Dibon auf die Höhen, um zu weinen; … Auf ihren Gassen gehen sie mit dem Sack umgürtet, auf ihren Dächern und Straßen heulen sie alle und zerfließen in Tränen. Darum weine ich mit Jaser um den Weinstock von Sibma und vergieße viel Tränen über dich, Heschbon und Elale. Denn es ist Kriegsgeschrei über deinen Sommer und deine Ernte hergefallen, dass Freude und Wonne in den Gärten aufhören, und in den Weinbergen jauchzt und ruft man nicht mehr. Man keltert keinen Wein in den Keltern, dem Gesang ist ein Ende gemacht….“
Auch dieser Abend ist dem Friedensgebet gewidmet. Damit Menschen aufhören, Kriege zu führen, Waffen zu bauen, aufeinander zu schießen. Damit Versöhnung möglich wird.
Damit unsere Kinder nicht unter den Wunden ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Geschwister und Lehrer leiden.
Damit Frieden werde unter uns und überall.


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  Bereit zum Handeln - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

Bereit zum Handeln - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.11.2018

Es ist ein ungewöhnlicher Text, den das Vorbereitungsteam der Ökumenischen Friedensdekade für heute vorschlägt: es ist die lange Erzählung aus dem 1. Buch Samuel um Nabal, David und Abigail – eine Erzählung um Konventionen und was eigentlich geschieht, wenn einer sich nicht mehr an das hält, was als allgemeingültig gilt.

Ich versuch’s mit der Erzählung in Kürze (1. Sam. 25): David hatte über den Sommer gemeinsam mit den Hirten des Nabal die Herden in Karmel gehütet. Als er nun davon hört, dass Nabal die große Schafschur veranstaltet und Schlachtungen vornimmt, da sendet er seine Leute zu ihm, um den Teil zu erhalten, der eigentlich seiner Arbeit und seiner Gastfreundschaft den Hirten Nabals gegenüber angemessen wäre. Aber Nabal hält sich nicht an die Regel. Er fragt, wer denn David sei – und dass er doch nicht einem Dahergelaufenen gebe, was er für seine Scherer geschlachtet habe. David ist über diese Unverschämtheit sowie die Weigerung ihm das Seine zukommen zu lassen so erbost, dass er sich auf den Weg macht, um blutige Rache zu nehmen…. Abigail nun ist die kluge Frau des Nabal. Ihr wird von ihren eigenen Leuten das schlechte Benehmen ihres Mannes zugetragen und weil sie ahnt, wo alles enden kann, nimmt sie schnell Brote, Wein, Gebratenes und Kuchen, lädt es auf ihren Esel und geht David entgegen. Sie fällt vor ihm nieder und erklärt, ihr Mann Nabal sei wie er heiße: ein Narr. Und es wäre ihre Schuld, weil sie die Männer Davids nicht rechtzeitig gesehen und gehört habe. Und dann endet sie: „Der HERR selbst hat dich davor bewahrt, in Blutschuld zu geraten und dir mit eigener Hand zu helfen.“ David preist daraufhin ihre Klugheit, dankt ihr, ihn vor Schuld durch Selbstjustiz bewahrt zu haben, nimmt ihre Segensgabe an und lässt sie ziehen.

Wenn ich aus der Blickrichtung der Friedensdekade diese Erzählung lese, dann lese ich zum einen, dass Konventionen, die gebrochen werden, zu Aggressionen führen. Wenn mit einem falschen Tun das Selbstverständliche nicht mehr gilt, dann scheint plötzlich nichts mehr zu gelten. Es braucht also Menschen, die die stillen Verabredungen im Blick haben, damit der Frieden bleibt. Abigail ist solch ein Mensch. Sie regelt, was zu regeln ist. Leise, unauffällig, im Hintergrund. Und als ihr närrischer Mann alle durch sein Fehlverhalten gefährdet, ist sie bereit zum Handeln. Sie ist bereit, eine Schuld auf sich zu nehmen, die gar nicht die Ihre ist, damit sie a) den Fehler ihres Mannes ausbügeln und b) so dem David ein gesichtswahrendes Argument anbieten kann, warum der nun doch nicht das ganze Haus Nabals töten muss. Ihr Kommen, spricht sie klug, sei Gottes Wille, um den David vor der Blutschuld der Selbstjustiz zu bewahren. Der kluge David folgt der klugen Abigail gern in ihrer Rede und zieht befriedet davon.

Wie oft bricht nicht durch Kleinigkeiten auf, wie dünn die Kruste menschlicher Kultur ist. Mögen wir da, wo uns das widerfährt, so klug sein wie Abigail und bereit zum Handeln, damit auch wir das Richtige tun, um den Frieden zu bewahren.

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