Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Biblischer Alltag im Advent

Biblischer Alltag im Advent

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.12.2023

Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal die biblischen Geschichten gelesen, die aus der Adventszeit berichten? Fiese Fangfrage von mir, denn es gibt keine. Die Evangelien berichten uns sehr wohl, was ein paar Monate vor dem Advent passiert ist. Da war der Engel bei Maria und hat ihr verkündigt, dass sie die Gottesmutter sein soll. Da wird erzählt, wie sie Elisabeth, ihrer Cousine besuchte, die gleichzeitig mit Johannes schwanger war, der später der Täufer werden sollte. Und wir werden Zeuge von Marias großem Magnifikat. Aber was tatsächlich in den vier Wochen vor Jesu Geburt so los war, bleibt im Verborgenen.
Nun, Maria war im letzten Schwangerschaftsmonat. Obwohl ich so aussehe, kann ich aus eigener Erfahrung nicht erzählen, was das bedeutet. Ich weiß nur, dass es beschwerlich ist und alle Mütter, die heute hier sind, werden das bestätigen können. Vielleicht planten Maria und Joseph auch schon, wann und wie sie nun nach Bethlehem reisen würden, denn sie mussten ja an dieser Volkszählung teilnehmen, die Kaiser Augustus im fernen Rom angeordnet hatte.
Was mag Maria so alles beschäftigt haben? Sie hatte zwischendurch mächtig Stress mit ihrem Mann, der nur durch einen nächtlichen Auftritt eines Engels davon abgehalten werden konnte, Maria zu verlassen, weil sie unehelich schwanger geworden war. Und damit nicht genug: Sie wusste, wen sie zur Welt bringen sollte. Ihr war sehr wohl klar, dass ihr Kind besonders sein würde und ganz sicher kein normales Leben würde führen können. All das war Maria klar, ohne dass sie aber wusste, was das nun alles konkret zu bedeuten hatte.
Nichtsdestotrotz werden Maria und Joseph in den Tagen, die bei uns nun Advent heißen, ein mehr oder weniger normales Leben geführt haben. Joseph wird seiner Arbeit als Tischler nachgegangen sein, mit der man sicherlich keine Reichtümer erwerben, durchaus aber eine Familie versorgen konnte. Und Maria wird sich so gut es eben ging, um Haus und Hof gekümmert haben – Alltag im Heiligen Land vor 2023 Jahren.
Doch es sollte Großes passieren, dass wussten Maria und Joseph und wir wissen das auch. Im Bibelwort für diese erste Adventswoche hat es der Prophet Sacharja vorhergesagt: Er schreibt: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Darauf gehen wir zu in diesen Tagen und Wochen. Wir können und sollen uns vorbereiten auf das große Fest, das wir alljährlich aus diesem Grund feiern. Und wir können heute viel besser als Maria und Joseph einschätzen, was für ein wunderbares Geschenk Gott uns damit gemacht hat. Amen.

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  Am Ende des Tunnels: Weihnachten

Am Ende des Tunnels: Weihnachten

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.12.2023

Advent 2023 – eine herausfordernde Zeit, wie ich finde. Mittlerweile schaue ich fast ein wenig beklommen die 20:00 Uhr-Ausgabe der Tagesschau, weil uns dort immer wieder neue Meldungen über Krieg und Gewalt erreichen, weil dort von gerade noch verhinderten aber auch erfolgten Terroranschlägen zu hören ist, weil dort leere Staatskassen oder die Infiltration unserer Gesellschaft von Verfassungsfeinden aus dem rechten Spektrum thematisiert werden.
Max Reger komponiert das Stück „Weihnachten“, das uns Bernhard Schneider gerade gespielt hat, im Juli 1915. In Europa tobt der Erste Weltkrieg, doch die allgemeine Stimmung in Deutschland ist zu dieser Zeit noch von einem siegessicheren Patriotismus geprägt. Die findet sich bei Reger durchaus wieder, denn das letzte der sieben Stücke, zu dem auch „Weihnachten“ gehört, trägt den Titel „Siegesfeier“ und endet mit der kräftig intonierten deutschen Nationalhymne.
Und doch könnte man meinen, dass Reger die adventliche Stimmung aus unserer Zeit gekannt hat. Denn das sehr dunkle und schwere „Es kommt ein Schiff geladen“ könnte sehr passend als Unterlegung einer Tagesschausendung verwendet werden. Wobei das Schiff trotz aller schweren See, die unsere Zeiten mit sich bringt, tatsächlich kommt und nicht in den Stürmen aus Hass und Zwietracht versinkt.
Nichtsdestotrotz weist uns Reger mit dem Choral „Ach, was soll ich Sünder machen?“ auf uns selbst zurück. Und ich finde, dass wir tatsächlich an dieser Frage nicht vorbeikommen. Wo liegt unsere Verantwortung angesichts dessen, was in dieser Welt passiert. Sind wir nur Zuschauer oder tragen wir Verantwortung? Können wir nur abwarten, bis sich die Mächtigen dieser Welt endlich besinnen und auf die Wege des Friedens zurückkehren oder liegt es auch an uns, dem Frieden den Weg zu bereiten?
Reger holt uns heraus aus diesen Fragen, denn je weiter wir hören, desto heller und klarer wird es. Über „Vom Himmel hoch“ werden wir in die stille und heilige Nacht geführt. „Christ, der Retter ist da!“ So endet die letzte Strophe und das ist unsere leise adventliche Hoffnung, die wir in uns tragen dürfen – trotz allem Schweren, das um uns herum passiert, trotz aller Borniertheit und Ignoranz, die vielfach so bestimmend sind, trotz aller Lügen und Ungerechtigkeiten, die die Wahrheit und den Frieden bedrängen.
An Weihnachten ist Gott in Christus auf diese Welt und in unser aller Leben gekommen. Der Advent gibt uns Zeit, uns darüber klarzuwerden, was das für uns bedeutet – als Entlastung und als Verpflichtung und als sichtbares und erlebbares Zeichen dafür, dass es Gott es trotz allem gutmachen will und wird – mit Ihnen, mit Euch und mit mir. Amen.

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  Warten

Warten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2023

Das zweite Türchen ist geöffnet und wir haben noch nicht einmal die erste Kerze angezündet.
So kann einem die reine Lehre, ab wann es denn nun adventlich werden darf schon durcheinander kommen. Erst recht, wenn unser Leben und nicht zuletzt die Welt um uns herum mit all den Fragen, Zumutungen und Anwürfen die Reihenfolge des Kirchenjahres nicht einhält. Dann kann es schon sein, dass uns eher nach Karfreitag als nach Pfingsten ist, dass die Fastenzeit uns im ersten Frühling angenehmer ist als während des Weihnachtsmarktes. Genau so kann aber auch Sehnsucht auf einmal so groß werden, dass keine Zeit mehr scheint bis endlich das Licht wieder mehr wird,
Denn Warten und Sehnen kann ungeheuer an die Substanz gehen.
In Israel warten noch immer Menschen auf ihre Liebsten - und sie warten nicht wie wir am Bahnsteig, sondern vor aller Angst, was jede Minuten kosten und anrichten mag.
In der Ukraine warten noch immer Menschen auf die Rückkehr ihres Lebens und das Ende von Krieg und Gewalt, Hunger und Kälte.
In den Lagern und Einrichtungen warten Menschen auf Entscheidungen über ihre Asylanträge, sie warten auf die Wende zum Guten.
Und wir warten auch. Jede und jeder mit dem Bündel eigener Sorgen, jede und jeder mit dem Blick auf die Krisenherde unserer Gesellschaft.
Und als Christinnen und Christen schauen wir schon so lange, ob der Stern über Bethlehem nicht endlich zu sehen ist, ob das Frieden auf Erden endlich über die Weihnachtstage hinaus klingt und trägt, ob der uralte Umkehrruf nicht doch das Programm unserer Zeit werden könnte, ob das Schweigen gebrochen wird und Versöhnung möglich ist.
Eine, die Grund hat, ganz besonders dringend auf Heilsein und Ganzsein zu warten, ist Carola Moosbach. Sie dichtet und da schimmert es auf, bewegt sich das Kind unterm Herzen:
„Warten lernen / den Rhythmus hören / dass aus der Ungeduld / Tänze springen ein Schwung wird - Das Wundern üben / die Würze kosten / dass aus den fernen Bildern / ein Mensch wird zum Anfassen - Dich gut verstecken / Dein Wesen entdecken / dass Du heranwächst / in unsern schwachen Armen - Nimmst Du sie an? / Nimmst Du uns an?“
Darauf lohnt sich zu warten. Auch wenn es an uns zehrt.

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  Welt-Aids-Tag

Welt-Aids-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.12.2023

„Leben mit HIV. Anders als Du denkst?“ So lautet das Motto der Deutschen Aidshilfe zum diesjährigen Welt-Aids-Tag. Auch, wenn es in diesen Tagen an Themen, die unseren Adrenalinspiegel in die Höhe treiben, nicht mangelt, bleibt festzuhalten: Wir führen hier in unserem Land ein sehr privilegiertes Leben. Das gilt auch für unser Gesundheitssystem. Es ist ganz sicher nicht perfekt und auch hier gibt es Baustellen, um die wir uns als Land und als Gesellschaft kümmern müssen. Nichtsdestotrotz ist die medizinische Versorgung gut. Das gilt auch im Zusammenhang mit Infektionen mit dem HI-Virus.
Menschen, die das Virus in sich tragen, können mit entsprechenden Medikamenten nahezu unbeeinträchtigt leben und auch die Lebenserwartung ist nicht geringer als bei Nichtinfizierten. Das ist ein großartiges Ergebnis der medizinischen Forschung.
Leider ist das in vielen anderen Teilen der Welt nicht so. Dort ist eine HIV-Infektion noch immer ein Todesurteil, weil den Betroffenen erforderliche Medikamente nicht zur Verfügung stehen. Der Grund dafür ist, wie so oft, das Geld. Die Schwellen- und Entwicklungsländer können sich die notwendigen Präventions- und Versorgungsmaßnahmen schlicht und ergreifend nicht leisten. Und Nächstenliebe ist nicht unbedingt ein Unternehmensziel der Pharmakonzerne. Sie verkaufen ihre Produkte dort, wo sie am meisten verdienen können. Und das ist nicht in Afrika. In der Konsequenz ist die Sterblichkeit durch den Ausbruch der Aids-Erkrankung erheblich.
Die Deutsche Aidshilfe arbeitet seit Jahren sehr erfolgreich in der Aufklärung und der direkten Unterstützung – auch in unserer Stadt. Sie beteiligt in internationalen Netzwerken und leistet aktive Hilfe für Menschen in anderen Ländern, in denen die Hilfsangebote bei weitem nicht auf unserem Niveau sind. Außerdem engagiert sich die Deutsche Aidshilfe grenzüberschreit für Menschenrechte, denn die Stigmatisierung von HIV-infizierten Menschen ist nach wie vor ein großes Thema. Auch in Deutschland besteht hier nach wie vor Handlungsbedarf, denn in vielen Köpfen ist das HI-Virus noch immer ein Grund für Diskriminierung.
Menschen auszugrenzen und abzuweisen, nur, weil sie gesundheitliche Probleme haben, ist im Übrigen kein neues Phänomen. Auch zu Jesu Zeiten wurden Kranke oftmals an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Ein Grund war die Angst vor Ansteckung, ein weiterer war der Irrglaube, dass die Krankheit eine göttliche Strafe für ein schlimmes Vergehen war. Und mit Leuten, die davon betroffen waren, wollte man nichts zu tun haben.
Jesus hat gegenteilig gehandelt. Er hat sich gerade um jene gekümmert, um die alle anderen einen großen Bogen gemacht haben. Und ich denke, es wäre in seinem Sinne, wenn wir es ihm gleichtäten. Die Arbeit der Aidshilfe ist ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas in der Praxis aussehen kann. Daran erinnern wir sehr gerne, auch heute, am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag. Amen.

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  Eine „abgehobene“ Wohngemeinschaft

Eine „abgehobene“ Wohngemeinschaft

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.11.2023

Die wohl außergewöhnlichste Wohngemeinschaft, die es je gab, wird in diesen Tagen 25 Jahre alt. Sollten Sie den Bewohnern aus diesem Anlass einen Gratulationsbesuch abstatten und eine Flasche Sekt vorbeibringen wollen, wird das schwierig, denn Sie kommen dort weder zu Fuß, noch mit Auto, Schiff oder Flugzeug hin. Sie brauchen eine Rakete. Ich rede von der ISS, der International Space Station, die seit 1998 unsere Erde umkreist.
Wissenschaftliche Arbeit ist ein wesentlicher Aspekt. Wie wachsen Pflanzen in der Schwerelosigkeit, wie verhalten sich Flüssigkeiten und wie verändern wir Menschen uns, wenn es kein Oben und Unten mehr gibt? Solcherlei Fragen stehen auf der Forschungsagenda und viele andere mehr.
Doch die ISS erfüllt darüber hinaus eine weitere Funktion, die an Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist. Die ISS ist ein echtes Friedensprojekt. 15 Länder haben seinerzeit die Kooperationsverträge unterschrieben, darunter die USA und Russland. Und auch heute, in diesem Moment, arbeiten amerikanische und russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in 400 Kilometern Höhe kollegial zusammen. Bei der turnusmäßigen Kommandoübergabe nur wenige Tage nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine umarmten sich der russische und der amerikanische Kommandant demonstrativ vor laufenden Kameras und dieses Video ging um die Welt.
„Geht doch!“, möchte man ausrufen. Warum nur im All und nicht auf der Erde? Doch es gibt ja zum Glück Beispiele dafür, dass es auch hier klappt. Über eines, das uns unmittelbar betrifft, hat unser Landesbischof vor ein paar Tagen hier im Dom in seiner Predigt gesprochen: die deutsch-französische Freundschaft, die vor 60 Jahren im Elysee-Vertrag besiegelt wurde. Hier ist zwischen zwei Erbfeinden, die mehrere Kriege gegeneinander geführt haben, eine Freundschaft entstanden, die auch über Meinungsverschiedenheiten in einzelnen politischen Fragen hinweg trägt und hält.
Es ist so unglaublich banal, dass es fast wehtut. Man tut sich zusammen, um eine gute Nachbarschaft zu haben, um gemeinsam Probleme zu lösen, um die gegenseitigen Stärken zum Wohle aller einzubringen. Und anstatt weiterhin Panzer und Raketen zu kaufen, investiert man in humanitäre und Klimaprojekte und arbeitet Seite an Seite an deren Umsetzung. Was ist verwerflicher: die Naivität solcher Gedanken oder die Borniertheit derer, die sie als naiv verurteilen?
Jesus Christus war ein Radikaler, wenn es um Menschenwürde und Menschenrechte ging und sein Gruß war: „Friede sei mit euch!“ Ihm darin nachzueifern kann so falsch nicht sein. Amen.

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  Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.11.2023

Es ist nur noch eine knappe Stunde, dann wird es hell werden rund um unseren Dom. Burg-, Dom- und Europaplatz werden in warmes und weiches Licht getaucht und die verführerischen Gerüche nach Bratwurst, Glühwein und Kartoffelpuffer, die man jetzt schon wahrnehmen kann, sie werden sich noch intensivieren. Der Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2023 – gleich geht es los.
Die Marktzeit ist in diesem Jahr besonders kurz, denn der 4. Advent fällt auf den Heiligen Abend. Somit fehlt quasi eine Woche. In einigen Städten hat das dazu geführt, dass die Weihnachtsmärkte einfach eine Woche früher geöffnet haben. Hier bei uns in Braunschweig nicht und das ist auch gut so. Denn die Advents- und Weihnachtszeit, sie beginnt nach dem Totensonntag und nicht davor. An dieser Stelle: Danke an die Verantwortlichen, dass diese Klarheit in unserer Stadt nicht verlorengeht.
Nichtsdestotrotz erlauben Sie mir insbesondere mit Blick auf das beeindruckend große kulinarische Angebot den Hinweis, dass der Advent eine Buß- und Fastenzeit ist. Ja, Sie haben richtig gehört, ich habe „Fastenzeit“ gesagt. Da ist sie nun also wieder, die genussfeindliche Kirche, die Ihnen und mir die letzten Freuden am Leben verbieten will. Bleiben Sie bitte ganz entspannt: Das will sie nicht.
Die Wochen vor Ostern sind ebenfalls Fastenzeit. Und es gibt in jedem Jahr eine EKD-Aktion unter dem Titel „7 Wochen ohne“. Und dann folgt jeweils ein spezielles Thema für jedes Jahr. Sowas könnte man im Advent doch auch mal versuchen – einfach so und ohne Druck von außen. Fasten bedeutet ja, auf etwas zu verzichten. Aber das muss ja nicht die Bratwurst sein. Man könnte sich beispielsweise vornehmen, im Advent auf den alten Trott zu verzichten. Oder anders ausgedrückt: Wir nehmen uns vor, in der Zeit bis Weihnachten unseren Mitmenschen besonders herzlich und freundlich zu begegnen, mal die zu grüßen, bei denen ich das sonst eher lasse, mal wieder Freunde und Bekannte anzurufen, mit denen ich lange keinen Kontakt hatte, in meiner Nachbarschaft mal schauen, ob da jemand gerade in dieser Zeit besonders einsam ist.
Und mit diesen Menschen könnte man sich ja dann auf dem Weihnachtsmarkt verabreden, ein bisschen Zeit miteinander verbringen, die Atmosphäre genießen und die hektische Geschäftigkeit, die dieser Zeit zweifellos anhaftet, einfach mal für einen Moment vergessen.
Jesus war, davon berichten viele Geschichten der Bibel, ein durchaus feierfreudiger Mensch, der es liebte, sich mit anderen zu treffen, mit ihnen zu reden, zu essen und zu trinken. Und ich denke, es würde ihm gefallen, wenn wir dem Advent eine Prägung geben, bei der wir andere Menschen in besonderer Weise in den Blick nehmen – gerne auch bei Bratwurst und Poffertches.
In diesem Sinne wünschen wir vom Dom uns allen einen friedvollen und gesegneten Weihnachtsmarkt. Amen.

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  Was wird sein?

Was wird sein?

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.11.2023

Gestern haben wir den Toten- und Ewigkeitssonntag gefeiert – keine leichte Kost. Es geht ans Eingemachte, an die wirklich letzten Themen, es geht um das Erinnern an die aus der Kirchengemeinde im letzten Jahr Verstorbenen, aber es geht eben auch um grundlegende Fragen, die immer dann hörbar werden, wenn wir an Sterben und Tod denken. Und es geht um das Fundament unseres Glaubens: Das ewige Leben, das uns Jesus Christus höchstpersönlich verspricht.
Was wird sein, wie wird es sein und wo werden wir sein, wenn unsere Zeit im Hier und Jetzt abgelaufen ist? Eine für uns Menschen begreifbare und detaillierte Antwort finden wir in der Bibel nicht wirklich. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, sagt Jesus Christus. „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich“, schreibt Paulus. „Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein“, ist in der Offenbarung des Johannes zu lesen.
Wir haben uns bei den alten Griechen Ideen abgeschaut von einer unsterblichen Seele, die sich vom Körper trennt, wir denken an Engel, die uns in den Himmel begleiten, wir sprechen von einem hellen Licht, in das wir hineingehen.
Es sind Bilder, in denen da gesprochen und geschrieben wird, Bilder, die erklären wollen, was unerklärbar ist, Bilder, die den Versuch unternehmen, etwas in unseren Verstehenshorizont hineinzuziehen, was nicht hineinpasst.
All das sind Versuche, unserer Hoffnung und unserem Glauben greifbare Konturen zu geben, sie zu konkretisieren und damit unsere Unsicherheit zu vertreiben, vielleicht auch unsere Angst. Doch wir müssen anerkennen, dass all das mit großer Wahrscheinlichkeit viel zu kurz greift und wir Gottes Herrlichkeit damit auf etwas verengen, was wir Menschen mit unserer Begrenztheit gerade noch so verstehen können.
Das, was uns die Bibel verspricht, ist, dass wir auch mit dem Tod nicht herausfallen aus Gottes Liebe und dass wir eine Perspektive haben, die weit über unsere irdische Zeit hinausweist. Damit könnten wir es doch bewenden lassen und uns demütig in Gottes Obhut begeben und darauf vertrauen, dass er sich schon kümmern wird, so, wie er es uns versprochen hat.
Denn schlussendlich kommen wir nicht umhin, einfach mal abzuwarten, was er für uns alle vorbereitet hat. Gott lässt sich nicht in die Karten schauen, doch ich bin mir sicher, dass wir eine Überraschung erleben werden, die im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar sein wird. Amen.

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  Der Schwebende

Der Schwebende

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.11.2023

Im Dom zu Güstrow, der fast so alt ist wie unserer hier, hängt der „Schwebende“; vielleicht das bekannteste Werk des Mecklenburgischen Künstlers Ernst Barlach.
Im Mai 1927 wurde die Skulptur in der Backsteinbasilika zum Gedenken an die Toten des ersten Weltkrieges aufgehängt. Barlach hatte einen Engel geschaffen, von dem er glaubte, dass er „noch nach hundert und mehr Jahren ruhig an seinem Platz hängen wird. [...] Seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern."
Der Schwebende breitet seine Arme nicht aus, er hat auch keine Flügel und trotzdem mutet er wie ein Engel an. Es ist als umarmte und hielte er sich selbst. Die Augen sind geschlossen. Was mögen sie sehen?
Innere Bilder? Erinnerungen an Menschen oder eine untergegangene Welt, an Schlachtfelder, Tote, Trauernde oder eine Erinnerung an Frieden, an Schönheit und Unversehrtheit?
Heute, fast hundert Jahre später, hängt er noch immer da - aber das Erinnern des Schwebenden, der den versehrten Boden nicht berührte, war keineswegs ungestört.
Der friedliche Engel, in den – so schrieb der Künstler 1928 in einem Brief – „mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen ist, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte“ war vielen seiner Zeitgenossen nicht heroisch genug, untauglich als Heldendenkmal. Sie verstanden nicht, in dem Gesicht des Engels „innen und außen“ zu lesen.
Sie konnten mit dieser gewaltlosen Friedfertigkeit nichts anfangen.
Trotz aller Versuche der Kirchengemeinde, dieses kostbare Kunstwerk zu schützen, wurde der Schwebende 1937 von den Nationalsozialisten aus dem Güstrower Dom entfernt. Freunden des Künstlers gelang es immerhin, die Vernichtung des Engels bis 21. April 1941 zu verhindern.
An diesem Tag schreibt die Schrotthandel-Firma Sommerkamp an die NSDAP-Kreisleitung in Schwerin: "Wir bestätigen hiermit, vom Landesbischof der ev.- luth. Kirche Mecklenburg eine Bronzefigur im Gewicht von 250 kg, zum Zweck der Einschmelzung, für die Wehrwirtschaft erhalten zu haben…"
Aber: Gott sei Dank! Es gab einen Sicherungsguss. Versteckt im Wendland überlebte der Engel und hängt nun als Nachguss im Güstrower Dom.
Ganz am Ende eines Kirchenjahres, in dem wir so viele schlechte Nachrichten bekommen haben, schaut dieser Engel uns über das ganze Jahrhundert hinweg entgegen und in sich und uns ins Innere.
Noch immer sind seine Augen geschlossen.
Er sieht uns nicht jetzt, nicht hier.
Vielleicht sieht er, wie wir gemeint sind?
Oder mit Marie Luise Kaschnitz:
„Dein Schweigen / Meine Stimme / Dein Ruhen / Mein Gehen / Dein Allesvorüber / Mein Immernochda.“

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  jetzt sofort

jetzt sofort

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2023

Vielleicht haben ich es schon mal erzählt - dann bitte ich um Entschuldigung… - nach fast zehn Jahren „Wort zum Alltag“ weiß ich es nicht mehr genau. Jedenfalls: ich saß während der Reformationsdekade in einem Konferenzsaal in Dortmund und hörte einem Vortrag des sogenannten „Cheftheologen“ der EKD zu. Ich weiß nicht mehr worum es ging. Der Redner war ein brillanter Rhetoriker und wusste, wie er die Chancen und Herausforderungen des Reformationsjubiläums an die Zuhörerschaft bringen wollte.
Neben mir saß ein bärtiger ostdeutscher Pfarrer, der nach einer guten halben Stunde tief neben sagte: „ich brauch jetzt sofort Gedichte“ und aufstand und ging.
Das ist für mich eine Schlüsselszene geworden.
Wenn die Nachrichten immer schwerer werden, wenn die Themen des Tages erdrücken, dann schaue ich in die Tageslosung und suche ich nach Gedichten - weil in ihnen verdichtet ist, was immer auch gilt: ohne Hoffnung können wir nicht leben. So habe ich es heute Morgen auch gemacht. In meiner Zeitung verfolge ich Tag für Tag das Bangen um Yarden, eine der jüdischen Geiseln. Zu ihr, ihren Leidensgenossen und all den Wartenden, denke ich auch heute mein hin. Aber heute brauche ich Gedichte. Ich habe eines voller unerschrockender Ehrlichkeit von Wolf Biermann gefunden:
„Heute erscheint die Welt / häßlich / hoffnungslos
Das ist die stille Verzweiflung / eines alten Mannes / der in ihr sterben wird
Doch dagegen wehre ich mich / und ich weiß / dass ich in der Hoffnung
sterben werde. Heute / ist die Welt häßlich.“
Heute. Aber dann? Aber dann wird es sein - wie es so anrührend und unbegreiflich schön in der Offenbarung des Johannes über diesem Tag heißt: „Gott wird bei ihnen wohnen“ Bei ihnen. „und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“
Mit dem sanften Druck warmer Hände wird er über die Augen derer streichen, die weinen. Über die Lider, in die Augenwinkel und unter den Augen entlang. So wird er ihre Tränen trocknen. Behutsam voller Zärtlichkeit.

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  Eine Kerze im Sturm

Eine Kerze im Sturm

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2023

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden…“
So heißt es im 126. Psalm.
So wage ich es kaum in den Mund zu nehmen, wenn ich an die gefangenen Geiseln, die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen denke.
Ich kann es mir nicht vorstellen.
Ich weiß, wie sich einem das Herz umdreht, wenn man sein Kind in Not weiß und nicht helfen kann – weil es im Krankenhaus ist oder in einer Krise steckt, weil es weit weg ist.
Ich weiß, welche Unruhe mich überfällt, wenn ich von meinen Kindern nichts höre und nur an den blauen Häkchen unter meinen Nachrichten sehe, dass sie sie geöffnet haben.
Ich ahne, wie es meinen Großmüttern und Urgroßmüttern ergangen sein muss als sie um ihre Söhne und Brüder, ihre Männer und Väter ihrer Kinder gebangt haben und nicht wussten, ob sie sich auf den Postboten freuen oder vor ihm fürchten sollten.
Aber das was die Menschen jetzt aushalten müssen, die ihre Liebsten in der Hand gnadenloser Terroristen wissen, lebendige Verhandlungsmasse, die versuchen, ihre Nächsten mit der Hoffnung am Leben zu halten, ich wüsste nicht, wie das aushalten ohne verrückt zu werden.
David Grossmann, israelischer Schriftsteller und Vater, hat – als er ungefähr so alt war wie ich jetzt – solche Angst um seinen Sohn ausgestanden und ihn in diesem schrecklichen Konflikt schließlich verloren. Vier Jahre später, 2010, bekam er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und sagte in seiner Dankesrede:
„Vielleicht stimmen Sie mir zu, dass das wirkliche, große Drama der Menschheit das Drama der Familie ist. Jeder und jede von uns ist Teil eines solchen Dramas, denn wir alle wurden einmal in eine Familie geboren. …
Ich versuchte zu erzählen, welche Anstren¬gungen Menschen, die in diesem, oder auch in jedem anderen anhaltenden gewalttätigen Kon¬flikt gefangen sind, unternehmen, um in einer von Härte, Grausamkeit und Gleichgültigkeit bestimmten Situation, in der alles darauf ange¬legt ist, das Gesicht des Einzelnen auszulöschen, das komplexe feine Geflecht menschlicher Beziehungen, Sensibilität, Zartheit und Mitge¬fühl zu bewahren. Der Versuch, mitten im Krieg an all dem festzuhalten, erscheint mir wie das Vorhaben, mit einer Kerze in der Hand durch einen gewaltigen Sturm zu gehen. Erlauben Sie mir, Sie jetzt in diesen Sturm mitzunehmen, mit der Kerze in der Hand.“
Diese Kerzen sind vielleicht der Hoffnungsschimmer, mit dem man nach vorn schauen kann.
Vielleicht, hoffentlich, scheint irgendetwas von diesem Licht in die Dunkelheit derer, die jetzt warten und solche entsetzliche Angst haben und in die Finsternis derer, die die Geiselhaft überleben müssen.
Und ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dies Licht von Bethlehem herkommt und irgendwann kraftvoll und hell alle Dunkelheit vertreibt.

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  Buß- und Bettag

Buß- und Bettag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2023

Am vergangenen Wochenende war ich auf einer Tagung mit Menschen, die ich seit Jahrzehnten kenne. Wir haben uns – wie alle Jahre – an einem Thema abgearbeitet und miteinander gerungen und dabei darauf vertraut, dass wir uns kennen und miteinander reden können auch wenn wir verschiedener Meinung sind. Dieses Jahr wurde es eng. Klimakleber, Hamasterror, Gaza …
Wir erlebten schmerzhaft und hautnah, was von Carolin Emcke am Samstag in der Süddeutschen Zeitung so zu lesen war:
„Es gibt für diese Gespräche keine Abkürzungen. Wir müssen uns ihnen stellen, individuell und als Gesellschaft. Wir müssen bereit sein, einander zuzuhören, die Erfahrungen, die Schmerzen, die Argumente der jeweils anderen überhaupt wahrzunehmen. Das wird ungemütlich, das wird schwer. Wir werden dabei Fehler machen. Wir werden Worte sagen, die andere nicht verstehen, die verletzen, weil sie an frühere Erfahrungen rühren, von denen wir manchmal, in unserer Ignoranz oder Privilegiertheit, nicht einmal wissen. Wir werden alle lernen müssen, einander auch zu verzeihen, wenn mal der richtige Ton, der richtige Begriff verrutscht. Jene Gnadenlosigkeit, die allem, was sprachlich misslingt, was in der Geste scheitert, umgehend mutwillige Absicht oder menschenverachtende Ideologie unterstellt, schadet nur. Vielleicht werden Gespräche abgebrochen, vielleicht werden unsere Gegenüber oder wir selbst austreten wollen aus dem Raum, weil wir uns als nicht geschützt erleben. Und dann werden wir, hoffentlich, weiter sprechen, weiter ringen, um Argumente, um Anerkennung, um Verständigung….“
Das haben wir versucht.
Immer wieder. Innehalten. Neu starten. Weiter reden.
Der Schmerzpunkt, an dem das Gespräch vorläufig in Tränen endete, kam an einer unerwarteten Stelle. In eine erregte Debatte zu Israel und Palästina hinein, sagte eine Teilnehmerin: „Was wäre, wenn wir die letzte halbe Stunde statt zu diskutieren gebetet hätten?“
Es war eine ernste Frage. Es war, finde ich, eine berechtigte Frage.
Hätte das nicht am dringendsten Not getan?
Aber die Reaktion eines anderen war nicht nur barsch und verletzend sondern vielleicht auch bezeichnend für unsere je eigene Vorurteilsbeladenheit, die Grenzen unseres Vertrauens in unseren Glauben. Er sagte „Beten allein macht dumm“ …
Später entschuldigte er sich. So hart habe er es nicht gemeint.
Und damit sind wir beim Buß- und Bettag.
Die Zerknirschung des Herzens – contritio cordis - die im Beichtsakrament dem Bekenntnis des Mundes – confessio oris – vorausgeht, kriegen wir noch ganz gut hin. Wir können benennen, was schiefgeht, was uns sorgt oder sogar Angst macht. Wir schaffen es meistens auch noch, zu bekennen, wo wir selbst nicht tun, was wir tun sollten und wollten, wo wir feststecken in unseren Blasen und Systemen. Und wir finden wohl auch dann und wann ins Gebet.
Aber trauen wir dem Gebet zu, unsere Wirklichkeit zu verändern? Beten wir, weil wir von uns selbst absehen können und Gott zutrauen, dass er all unsere Angelegenheiten zum Guten wenden kann, dass sein Friede unsere Erde wirklich erreicht?
Meister Eckart, ein mittelalterlicher Theologe und Philosoph, ein Mystiker, schrieb schon vor Jahrhunderten:
„Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So haltens all jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trosts willen lieben, die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“
Das klingt streng und schmerzlich.
Und zwingt uns in die zweite Runde: Zerknirschung des Herzens und Bekenntnis des Mundes. Ja. Vielleicht ist das so. vielleicht fällt es uns unsagbar schwer, von uns selbst und unserer Wirksamkeit abzusehen und Gott alles zuzutrauen.
Oder mit der Losung über diesem Tag aus dem Hiobbuch: „Wie könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott?“ Lukas mag das gehört haben und entscheidet sich: „Dann will ich mich aufmachen und zu meinem Gott gehen.“
Deshalb sind wir hier.

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  Frieden

Frieden

Christina Siem - 21.11.2023

Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit, als die Kinder noch unverplante Stunden zum Spielen hatten. Sie hatten nicht so viel Technik wie die Kinder heutzutage, dafür aber eigene Ideen, Kreativität und mindestens genauso viel Spaß. Und sie waren wirklich beieinander und nicht nur durch einen Bildschirm verbunden.
Ein beliebtes Spiel war, aus den Buchstaben eines vorher bestimmten Wortes neue Wörter zu formen, je mehr, desto besser. Wenn aus den Kombinationen dieser Buchstaben eine Vielzahl von Substantiven, Adjektiven und Verben entstanden waren, gern auch in anderen Sprachen, dann ließen sich viele Worte verwenden, um daraus eine Erzählung zu schreiben. Diese musste mit dem Ursprungswort in Verbindung stehen. Das Schöne dabei war: es gab keine Verlierer und zum Schluss im Idealfall eine schöne Geschichte.
Das könnte sich damals in etwa so zugetragen haben: Lena und Mereth oder auch Jonas und Leon saßen im Garten, auf dem Heuboden oder bei schlechtem Wetter im Kinderzimmer und hatten sich das Wort „FRIEDEN“ zum Auseinandernehmen ausgesucht. Immer neue Kombinationen der sieben Buchstaben, unter denen es sogar zwei gleiche gab, fielen ihnen ein. Zum Schluss hatten sie mit diesen Buchstaben die stattliche Anzahl von 26 Wörtern gebildet. Damit musste sich doch etwas machen lassen! Nachdem ein Gedanke den anderen gab und hier und da noch etwas geändert worden war, entstand folgendes Ergebnis: (die gefundenen Wörter sind mit Großbuchstaben geschrieben)
In einem Nachbarort wohnt ein kleiner Junge, Paul, der ist gerade fünf Jahre alt geworden. Seine Eltern erzählen ihm jeden Tag eine Gutenachtgeschichte. Darin kommen Zauberer und FEEN, Helden und Menschen wie du und ich vor. Diese Geschichten begleiten Paul durch die Tage und nachts durch seine Träume. Oft kommen in den Geschichten Themen vor, die Paul Unbehagen bereiten: Spannungen, Streit, Krieg. All das verarbeitet er, so gut er kann. Manchmal weiß er dann gar nicht so genau, ob er sich gerade in der Realität oder im Traum befindet. So auch neulich, als er wieder über Kriege nachdachte. Plötzlich sah er eine FEE direkt vor sich, die sah ihn mit ernsten Augen an und fragte: „Paul, was bedrückt dich?“ und sofort sprudelte es aus ihm heraus: „ Ich möchte FREI sein und NIE Kriege erleben! Was kann ich tun, hast du eine IDEE?“ Die FEE schien diese Frage erwartet zu haben und antwortete in einer seltsamen, bruchstückhaften REDE: „ DIENE mit EIFER! REIFE! Sei FEIN und REIN!“ Plötzlich wechselte sie teilweise ins Englische: „Put an END to the FIRE auf der ERDE, make an enemy a FRIEND!“ und mit erhobenem Zeigefinger fügte sie hinzu: „NIE NEID! - Und nun geh‘ hinaus und sei entschlossen wie ein NERD: FINDE EDEN!“ Damit du dir das alles merken kannst, habe ich aus den Buchstaben F, E und D, die sowohl im Wort FRIEDEN als auch als Noten in der Musik vorkommen, eine kleine Melodie für dich geschrieben - die sing‘ und pfeif‘ vor dich hin, wann immer du daran denkst!
In dieser Geschichte hatten die Kinder zwar einige Wörter (z.B. RIEFE, EIER, DIENER, EID, NIERE, RIND, NEED) und natürlich auch die von ihnen nicht entdeckten weggelassen. Sicherlich war der Grund dafür, dass die Uhr schon Abendessenszeit anzeigte und die Freunde sich voneinander verabschieden mussten. Sie freuten sich aber schon auf ihre nächste Geschichte.
Und vielleicht können ja auch wir etwas mit den Aussagen der Fee anfangen…?

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  Spuren

Spuren

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.11.2023

So manches, was wir erleben, hinterlässt dauerhafte Spuren. Da bleibt die freundliche Erinnerung an glückliche Momente, da bleibt Gelerntes aus gemachten Fehlern, da bleibt tiefer Dank für Freundschaft und Liebe. Doch es bleiben auch Narben von zurückliegenden Verletzungen, Schmerz nach erlittenen Verlusten und es bleiben Wunden, die niemals ganz verheilen – Wunden an Körper und Seele.
Wenn Menschen sexuell missbraucht werden, hinterlässt das solche Wunden. Sie sind von außen nicht sichtbar, es sind innere Zerreißungen, ausgelöst durch die gewaltsame Verletzung von Würde und Scham, ausgelöst durch die gewaltsame Missachtung von Intimität und Selbstbestimmung. Es ist besonders perfide, wenn Menschen ihr Vertrauensverhältnis zu anderen für derartige Verfehlungen und Straftaten missbrauchen. Es ist besonders perfide, wenn das in vermeintlich geschützten Räumen geschieht. Es ist besonders perfide, wenn Kirche, die sich der Liebe Christi verschrieben hat, der Ort dafür wird.
In den letzten Jahren haben erschreckend viele solcher Missbrauchsfälle das Vertrauen in die Institution Kirche und zu den dort handelnden Menschen erschüttert. Die Schuld, die auf diesen Menschen und auch auf der Kirche, unter deren sie Dach sie gehandelt haben, lastet, ist groß.
Das Leid der Betroffenen ist schwer in Worte zu fassen. Die erlittenen Traumata sind lebensbestimmend und lebenszerstörend. Ein Ungeschehen-Machen dieser Taten ist nicht möglich und die verletzten Seelen sind nicht durch Geld oder Medikamente zu heilen. Eine echte Wiedergutmachung gibt es nicht. Das mindeste, was zu erwarten ist und an dem alle, die in Kirche Verantwortung tragen, zu arbeiten haben, ist eine rückhaltlose Aufklärung unter sofortiger Einbeziehung unserer rechtstaatlichen Organe und zwar ohne Wenn und Aber!
In einer Gemeinde im Siegerland, in der unsere EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus Pfarrerin und Superintendentin war, ist nun auch ein solcher Verdachtsfall aufgetaucht und es steht die Frage im Raum, ob Annette Kurschus seinerzeit korrekt gehandelt hat. Insbesondere wird diskutiert, ob sie Kenntnis davon hatte, dass Minderjährige von sexuellem Missbrauch durch einen Kirchenmitarbeiter betroffen waren.
Aufklärung hat auch hier höchste Priorität. Und doch muss die Frage erlaubt sein, wie wir als Gesellschaft, als Kirche und als Christenmenschen mit jemandem umgehen, gegen den oder die solche Verdachtsmomente bestehen? Haben nicht auch sie einen Anspruch auf Gerechtigkeit und Fairness? Sind mit dem ersten Wort, das in einer solchen Sache gesprochen oder geschrieben wird, alle Grundlagen für Vertrauen und Respekt zerstört? Auch Vorverurteilungen sind Verurteilungen. Und auch sie können Menschen schwer verletzen.
Es ist wichtig, die Vorgänge, die sich seinerzeit in Siegen zugetragen haben, schnell und rückhaltlos zu klären und dann die Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen. Doch jeder und jede Beteiligte hat neben der Verpflichtung, zur Klärung beizutragen, einen Anspruch auf die Unschuldsvermutung und auf Achtung seiner und ihrer Würde. So hat es uns Jesus vorgelebt und dem sollten wir folgen.
Annette Kurschus ist heute von ihren Ämtern zurückgetreten, um Schaden von unserer Kirche abzuwenden. Dafür gebührt ihr unser tiefer Respekt und als redlicher Schwester im Glauben ist es richtig und wichtig für sie zu beten. Amen

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  Hoffnung

Hoffnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.11.2023

„Ich habe mit allen Freuden und Genüssen dieser Welt vollkommen abgeschlossen, bin so düster und verbittert geworden.“ So schreibt Max Reger 1894 in einem Brief an einen Freund. Eine Reihe von Enttäuschungen mögen der Grund für diese Stimmung gewesen sein. Reger erntet schlechte Kritiken für seine Musik und die Beziehung zu seiner Partnerin geht in die Brüche. Reger sucht Zuflucht im Alkohol – natürlich vergeblich – und er komponiert das Werk, das wir gerade von Kantor Robin Hlinka gehört haben.
Mehrere Choralmelodien sind darin verarbeitet, deren Texte Regers Lebenssituation aufnehmen und widerspiegeln. „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, „Es ist das Heil uns kommen her“, „Herzlich tut mich verlangen“, vielleicht haben Sie sie erkannt. In einer ganzen Reihe der Strophen dieser Choräle werden Todeswünsche geäußert, Wünsche, all das hier auf dieser Welt hinter sich lassen zu können und in großem Vertrauen auf Gottes Gnade endlich in seine Herrlichkeit zu gehen.
Wie viele Menschen auf dieser Welt mögen in unserer Zeit so denken und das vollkommen unabhängig davon, welchen oder ob sie überhaupt einen Glauben haben? Wie viele Angehörige der von der Hamas massakrierten Israelis werden keinen Lebensmut mehr finden? Wie viele Menschen im Gazastreifen, denen es an Nahrung und an Wasser mangelt, werden mit ihrem Leben abgeschlossen haben? Wie sieht es aus in der Ukraine oder in den russischen Familien, die auf Lebenszeichen ihrer Lieben warten, die im Donbass an der Front sind?
Es wird dunkel in uns Menschen, wenn die Hoffnung nicht mehr trägt. Es wird dunkel, wenn wir meinen, keine Chance mehr zu haben, drohendes Unheil abzuwenden oder zumindest aufzuhalten. Es wird dunkel, wenn Lebensinhalte zerbrechen. Es sind nicht immer und Gott sei Dank Todeswünsche, die dann erwachen. Doch oftmals erleben wir Rückzüge – aus Freundes- und Bekanntenkreisen, aus ehrenamtlichem Engagement, aus gemeinschaftlichem Leben.
Für uns alle ist es herausfordernder geworden, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Der Frieden auf dieser Welt scheint immer weiter auf dem Rückzug zu sein, die Stimmung in unserem Land wird aggressiver und gewalttätiger und jene, die die Axt an die Wurzeln unserer Demokratie legen wollen, gewinnen an Einfluss.
Doch gerade weil all dies so ist, wäre ein Rückzug auf uns selbst der falsche Weg und ganz sicher nicht in Gottes Sinn. Denn wir werden auch wieder Osterchoräle singen, die vom Sieg des Lebens berichten und uns Hoffnung darauf geben, dass Frieden und Liebe trotz allem auf dieser Welt eine Chance haben. Und ein Blick auf Ostern ist immer erlaubt, auch und gerade wenn unsere Hoffnung etwas schwächelt. Amen.

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  Gottes Reich ist mitten unter uns!

Gottes Reich ist mitten unter uns!

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.11.2023

In seinem Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom schreibt Paulus folgenden Satz: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Die Christinnen und Christen in Rom hatten es schwer. Sie wurden ihres Glaubens wegen verfolgt, verschleppt und umgebracht und so kostete es großen Mut, sich zu Christus und dessen Botschaft zu bekennen.
Mit dem, was Paulus schreibt, will er Mut machen, durchzuhalten und sich nicht abschrecken zu lassen, von den drohenden Gefahren für Leib und Leben. „Ja, euch droht Leid, aber das, was euch verheißen ist, ist viel größer als alles Leid, das ihr erfahren könnt“, so die Botschaft des Apostels. Und dass er so argumentiert, ist nachvollziehbar, denn, wie schon gesagt, sich zu Christus zu bekennen erforderte eine große Opferbereitschaft.
Die Passage aus dem Römerbrief gilt auch noch heute und in unseren Breiten zu den prominentesten Pauluszitaten. Aber wieso eigentlich? Wir haben doch hier nichts auszustehen, was das Bekenntnis zu unserem Glauben angeht. Ganz im Gegenteil: Wenn jemand neu oder wieder in die Kirche eintreten will, wird er auf das herzlichste begrüßt. Wenn Sie es ausprobieren möchten, sprechen Sie mich gerne an!
Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue: Ich leide nicht. Ich bin glücklich und zufrieden und wenn Paulus dann von „dieser Zeit Leiden“ schreibt, dann fühle ich mich davon beim ersten Hören nicht angesprochen. Beim zweiten Hören allerdings schon. Ja, es klingt wie ein Vertrösten auf die Ewigkeit. Doch man kann diesen Satz auch als Aufforderung verstehen, die Hände nun eben nicht in den Schoß zu legen, und auf die Ewigkeit zu warten, sondern jetzt etwas zu tun.
Christliches Leben hat für mich zwei große Ausprägungen. Da ist einerseits das Leben als ein von Gott geliebter und gewollter Mensch, das Leben unter Gottes Schutz und Segen. Anderseits ist da aber auch das Leben, dass unter Gottes Erwartungshaltung steht, dass wir etwas daraus machen. Gott hat zu Abraham gesagt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Das sagt er auch uns. Wir sollen ein Segen sein – für unsere Mitmenschen und für diese Welt.
Und dazu gehört, die Werte anzunehmen, die Gott uns in Jesus Christus vorgelebt hat: Nächstenliebe, Respekt, Friedfertigkeit und Wahrhaftigkeit. Paulus schreibt nur zwei Sätze weiter, dass die gesamte Schöpfung darauf wartet, dass wir, die wir uns zu Jesus Christus bekennen, als Gottes Kinder sichtbar werden. Man soll uns als Christinnen und Christen wahrnehmen, an der Art und Weise, wie wir mit Gottes Schöpfung, mit unseren Mitmenschen und miteinander umgehen.
Das Reich Gottes ist mitten unter uns, sagt Jesus Christus. Wir haben die Chance, es aufleuchten zu lassen und damit ein wenig mehr Licht hineinzutragen in diese Welt, in der so viel Dunkelheit herrscht – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Wir müssen reden!

Wir müssen reden!

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.11.2023

„Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“
So beginnt der Anfang vom Ende eines großen Bauvorhabens. Der Turmbau zu Babel – einerseits eine Geschichte über menschlichen Größenwahn, andererseits eine Geschichte, die zeigt, welche Kraft Menschen entwickeln können, wenn sie dieselbe Sprache sprechen. Gott selbst bestätigt, dass Menschen alles gelingen kann, wenn sie untereinander einig sind und sich verstehen.
Das ist ja zunächst einmal eine positive Feststellung und sie zeigt, welch großes Zutrauen Gott in uns hat – wobei Zutrauen nicht unbedingt Vertrauen bedeutet. Berechtigterweise, denn der Plan war, sich einen Namen zu machen und den Turm bis an den Himmel zu bauen, bis vor Gottes Haustür sozusagen. Dieser Anmaßung tritt Gott entgegen, verwirrt die Sprache, verhindert also eine zielführende Kommunikation mit dem Ergebnis, dass es sich mit dem Turm erledigt hatte und die Menschen über die ganze Erde zerstreut wurden.
Das ist jetzt ein paar Tausend Jahre her und dennoch erinnert mich die Situation in unserem Land und in unserer Gesellschaft sehr stark an die Ereignisse, von denen die Bibel berichtet. Wie sieht es mit unserer Sprachfähigkeit aus, mit unserem Wollen und unserem Vermögen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die nicht im Kreise derer zu finden sind, mit denen wir uns ohnehin immer austauschen?
Der Ton ist insgesamt deutlich aggressiver geworden – in der Politik aber auch im alltäglichen Umgang. Und oftmals wird versucht, fehlende Sachkenntnis aber auch fehlende Redlichkeit durch Lautstärke zu ersetzen. Die meisten Brüller und die Spitzenreiter bei den Ordnungsrufen sitzen beispielsweise in unserem Bundestag ganz rechts außen.
Doch nicht nur den Ton wird rauer, auch die Offenheit miteinander zu sprechen nimmt ab. Ich stelle bei mir selbst fest, wie schwer es mir fällt, mit einigen Menschen in meinem Umfeld einfach nur zu reden. Da haben sich Standpunkte zu Weltanschauungen verfestigt, und es gibt keinen gemeinsamen Grundkonsens mehr, nichts und niemand erscheint noch vertrauenswürdig und alles wird in Frage gestellt.
Ich sehe darin eine ernstzunehmende Gefahr, denn das beste Mittel, um Konflikte beizulegen, um gute Lösungen für anstehende Probleme zu finden, um zu versöhnen und friedlich zusammenzuleben ist, miteinander zu reden. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, ist eine Eskalation meist nur noch eine Frage der Zeit. Ich sehe keine schnelle Lösung. Paulus schreibt in seinem Hohelied der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“
Liebe ist der Schlüssel, wie so oft, so auch hier. Gott schenkt sie uns überreichlich. Sie hält uns sprachfähig und sie kann verhindern, dass auch unsere Herzen hart werden. Möge Gott geben, dass das gelingt. Amen.

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  Aussätzige?

Aussätzige?

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.11.2023

Über dem heutigen Tag heißt es aus dem Markusevangelium: „Am Abend, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen.“ Jesus ist mit seinen Jüngern in Kapernaum, lehrt am Sabbat in der Synagoge und heilt dort einen Mann, der von einem bösen Geist besessen ist und befreit anschließend eine Frau vom Fieber. Das spricht sich in Windeseile herum und führt eben dazu, dass man alle Kranken und Besessenen zu Jesus bringt, damit er auch sie heilt.
Das passiert nach Sonnenuntergang, also nach dem Sabbat, denn vorher war es verboten. Doch ist das der einzige Grund? Krankheit und insbesondere das Besessensein oder der Aussatz wurden zu Jesu Zeiten als göttliche Strafen verstanden. Die so Erkrankten waren in den Dörfern und Städten nicht mehr willkommen und wurden im wahrsten Sinne des Wortes wie Aussätzige behandelt. Mit denen gab man sich nicht ab, wenn man nicht selbst in Verruf geraten wollte.
Zum Glück ist das heute anders. Zum Glück braucht sich heute bei uns niemand zu verstecken, weil er oder sie krank ist oder sonst irgendwie anders, weil er oder sie eine andere Hautfarbe hat oder eine andere Religion, weil er oder sie eine andere Meinung hat oder ein anderes Lebensmodell lebt. Zum Glück braucht sich heute bei uns niemand deswegen zu verstecken – oder?
Spätestens seit dem 7. Oktober haben Jüdinnen und Juden in unserem Land Angst, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen. Das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit ist gefährlich geworden und die Gottesdienste in den Synagogen finden mittlerweile vielfach unter Polizeischutz statt. Menschen mit Migrationshintergrund stehen mehr und mehr unter Generalverdacht, wenn eine Straftat begangen wurde und es ist dann auf einmal unglaublich wichtig, den Vornamen des Täters herauszubekommen, um kräftigen Dünger an die wuchernden Vorurteile zu geben. Politikerinnen und Politiker, insbesondere auf der kommunalen Ebene, geben ihr ehrenamtliches Engagement auf, weil sie und ihre Familien bedroht werden.
Jesus hat niemanden abgewiesen, der seinerzeit am Abend des Sabbat zu ihm gebracht wurde. Er akzeptiert jede und jeden, er hilft und er heilt. Er fragt nicht nach Herkunft, nach Glauben, nach Bildung oder Vermögen. Alle, die mühselig und beladen sind, sind bei ihm willkommen.
Wir können als Christinnen und Christen ein Zeichen setzen, in dem wir Jesus darin folgen. Wir können ein Zeichen setzen, in dem wir uns mit denen solidarisch erklären, die sich nicht mehr trauen, ihr Leben offen so zu leben, wie es gut für sie ist. Wir können ein Zeichen setzen, in dem wir Hass und Spaltung entgegentreten und die Wege ebnen für Versöhnung und Frieden. Ich glaube fest daran, dass Gott das von uns erwartet und dass er uns in unserem Bemühen darin stärkt. Amen.

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  Aber…

Aber…

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.11.2023

Am vergangenen Sonntag habe ich einen Militärseelsorger kennengelernt und mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Die Aufzählung der Orte, an denen er und seine Kollegen im Einsatz waren oder noch sind, war lang. Dabei waren es nur die Krisengebiete in denen die Bundeswehr im Einsatz war. Momentan bereite man sich auf eine mögliche Eskalation zwischen Serbien und dem Kosovo vor. Das wäre dann ein weiterer Krieg in Europa.
In der Militärseelsorge komme es im Übrigen nicht darauf an, möglichst viele Bibelverse auswendig zu können, sagte er mir. Auch sei es vollkommen unerheblich, ob man nun katholisch oder evangelisch oder sonst was sei. Wichtig ist nur, im Gegenüber den Menschen zu sehen und seine Ängste und seine Sorgen ernstzunehmen. Und manchmal ist es schon genug, einfach nur da zu sein.
Im Gegenüber den Menschen sehen, nicht die Soldatin oder den Soldaten, nicht den Katholiken oder die Protestantin, nicht den Juden oder die Muslima, nicht die Deutsche oder den Migranten. Hört sich sicher gut an, ist aber eine echte Herausforderung, denn sehr schnell kommt uns dieses „Aber“ in den Sinn, das uns den Blick auf den Menschen schneller verstellt, als uns lieb ist.
Es ist dieses „Aber“, das unsere Erfahrungen mit einzelnen Menschen auf eine ganze Gruppe überträgt. Es ist dieses „Aber“, das nicht differenziert zwischen der Person und ihrem Verhalten. Es ist dieses „Aber“, das auf dem Nährboden unserer Vorurteile kräftig wächst und gedeiht.
Dieses „Aber“ ist Auslöser, Begründung und Propagandainstrument in so vielen Konflikten. Auch ein Putin wird nicht bestreiten, dass es in der Ukraine friedfertige Menschen gibt, aber… Natürlich ist es ein Skandal, dass fast täglich Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, aber… Nicht jeder, der Bürgergeld bezieht, ist zu faul zum Arbeiten, aber… Man kann sich gut hinter diesem „Aber“ verstecken, denn es ist eine funktionierende Ausrede, um die Hände weiterhin in den Schoß zu legen. „Natürlich finde ich das nicht gut, aber was kann ich schon tun, aber die sind doch selber schuld, aber der andere hat doch angefangen.
Die Welt zum Besseren zu verändern ist schwer, wenn wir es nicht schaffen, den „Abers“ in den Köpfen den Mund zu verbieten und sie aus dem Weg zu räumen. Gerade uns Christinnen und Christen sollte daran gelegen sein, denn Jesus hat uns vorgelebt, dass Frieden und Versöhnung kein „Aber“ dulden. Amen.

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  Sicher nicht – oder?“,

Sicher nicht – oder?“,

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.11.2023

„Sicher nicht – oder?“, so lautet das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade. Anfänglich hatte ich ein großes Fragezeichen im Kopf, denn ich habe nicht verstanden, was ich anfangen soll mit diesem „Sicher nicht – oder?“. Und damit hatte das Motto bei mir bereits sein Ziel erreicht und ein weiteres Fragezeichen zu all den anderen hinzugefügt, die mir, aber wahrscheinlich nicht nur mir durch den Kopf geistern.
Diese Fragezeichen entstehen aus einer wachsenden Unsicherheit heraus. Worauf kann ich mich überhaupt noch verlassen, wenn ich in diese Welt schaue? So vieles ist in einer Weise im Umbruch, die wir doch niemals für möglich gehalten hätten. Hätten wir noch vor fünf Jahren gefragt: Wird es wieder Krieg in Europa geben, hätten wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht! Hätten wir noch vor 10 Jahren gefragt, ob eine in Teilen faschistische Partei mit erschreckend hohen Mandatszahlen in die Parlamente unseres Landes einzieht, hätte wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht! Hätten wir seinerzeit gefragt, ob in unserem Land und mit unserer Geschichte Antisemitismus, ja offener Judenhass, beinahe unkontrollierbare Ausmaße annehmen kann, hätten wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht!
Doch nun steht ein „oder?“ im Raum und unsere überzeugten Ausrufungszeichen werden durch Fragezeichen ersetzt, wobei die bereits überflüssig sind, denn vieles einst Unvorstellbare ist mittlerweile Realität. Und die Anzahl existenzieller Fragen wächst. Wie wird künstliche Intelligenz unser Leben und vor allem unser Zusammenleben verändern? Wie gehen wir mit den Folgen des Klimawandels um? Welche Rolle spiele ich ganz persönlich bei all dem? Und wie gelingt es mir, trotz allem in meinem Leben auf Kurs zu bleiben und nicht die Orientierung zu verlieren.
Wenn wir in diesen Tagen des Friedens in besonderer Weise gedenken und für ihn beten, dann geht es natürlich um den Frieden in dieser Welt, an dem es vielerorts so erschreckend mangelt. Es geht aber auch immer um den Frieden in uns selbst. Wir müssen alles, was uns verunsichert, was wir bis vor Kurzem noch für unvorstellbar hielten und was wir als unerträglich empfinden in unser Leben einsortieren – ob wir wollen oder nicht.
Dabei dürfen wir Gott um seine Hilfe bitten, für uns ganz persönlich, für unsere kleine Welt. Wir dürfen ihn um Klarheit bitten und um Kraft, nicht zu resignieren angesichts von so viel Schwerem. Wir dürfen ihn bitten, damit sein Friede, den er der Welt verheißt, auch zu unserem inneren Frieden wird und wir zumindest, was unseren Glauben und unser Gottvertrauen angeht, keine Fragezeichen mehr im Kopf haben. Amen.

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  Martini

Martini

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.11.2023

Heute jährt sich der Geburtstag Martin Luthers zum 540. Mal. Morgen tut das sein Tauftag. Der wiederum auf den Martinstag fällt. Der kleine Junge wurde einen Tag nach seiner Geburt auf den Namen des heiligen Martin getauft und so verschwimmen Figuren und Traditionen, Martinsgans und Martinsumzug sehr gemütlich und wohltuend nach dem allermeist schweren (und nur kurz glücklich aufleuchtenden) Tag gestern.
Für mich wird der Martinstag immer mit Martini in Erfurt verbunden sein.
Dort mischt sich alles ganz besonders eindrücklich. Die schöne alte Stadt hat in dem heiligen Martin aus Tour ihren Namenspatron. Zugleich zählt Erfurt zu den bedeutenden Lutherstätten. Dort war der spätere Reformator Mönch geworden. 1505 war er ins Augustinerkloster eingetreten, 1506 legte er dort sein Gelübde ab. Auf den kalten Steinen hatte er der Länge nach gelegen, in seiner Zelle gelitten und mit seinem geistlichen Begleiter gerungen, bis er endlich Klarheit fand.
Martini in Erfurt – heute Abend um 18.00 – ist also auch sein Fest.
Aus den engen Gassen der Stadt strömen dann Tausende mit Lampions und Kerzen zusammen bis der große Platz zu Füßen des Domes und der Severikirche voll ist. Das ist immer ein traumschönes besonderes Bild.
Zu DDR Zeiten war es noch mehr.
Denn die dritte Seite des Platzes flankierte das wuchtige Gebäude der Staatssicherheit, in dem auch Gefangene in Untersuchungshaft saßen und sich heute eines der eindrücklichsten Museen befindet, das ich kenne.
Es war allen bewusst, was es bedeutete, tausendstimmig auf diesem Platz in diesem Moment das Vaterunser zu beten, gemeinsam zu singen und sich unter Gottes Segen zu stellen. Es war eine Erfahrung von Vergewisserung und Selbstwirksamkeit – gegen die Angst, die Vereinzelung, das Schweigen und die Nische.
Zudem gab es neben den alten Liedern immer schon eine Predigt, die die Friedensdekade und Friedensfrage im Blick hatte während sich die Menschen in Gewaltlosigkeit übten. Das Bild, das alle Jahre auf dem Erfurter Domplatz an Marini zu sehen war, gab es im Herbst 1989 in ganz Ostdeutschland.
Für mich bleibt das Kerzenmeer ein Hoffnungsbild.
Es gibt die vielen. Es ist möglich, behutsam zu sein und dennoch überaus deutlich.

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  9. November...

9. November...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.11.2023

Der 9. November...
Jedes Jahr wieder fällt einem schwer zu glauben, dass Geschichte sich so auf einem Datum versammeln kann, vielleicht folgerichtig versammeln musste.
9. November 1918 – Ausrufung der Republik
9. November 1923 – Putschversuch durch Adolf Hitler
9. November 1938 – Reichspogromnacht
8. November 1939 – Georg Elsers Anschlag auf Hitler
9. November 1989 – Mauerfall
Es ist eine Aufeinanderfolge von Ereignissen, an denen sich die Demokratie aufgebäumt hat und sie verachtete wurde, an denen Einzelne zum Helden und entsetzlich viele zu Tätern wurden, an denen zahllose Jüdinnen und Juden verstehen mussten, dass sie aus sinnlosem tiefsitzendem Hass in Lebensgefahr geraten sind, an dem Freudentränen flossen.
Heute 85 Jahre nach der Reichspogromnacht sind wir an einem unvorstellbaren Punkt wieder angekommen. Wieder hat es einen Pogrom gegeben. Wieder schweigen viel zu viele.
Margot Friedländer, eine der letzten Überlebenden des Holocaust, unermüdliche Zeitzeugin, antwortete dieser Tage auf die Frage, ob der Mensch aus all dem etwas lernen, damit sich schließlich alles zum besseren entwickelt: „Nein. Leider nicht. Ich habe das gehofft. aber ich glaube es nicht.“
Warum spricht sie dann trotzdem vor Schulklassen und Politikern? „Weil man es doch wenigstens versuchen muss.“
Ja. Das muss man.
Mich reißt dieser Gedanke hin und her.
Es scheint so müßig zu sein.
Ich empfinde einerseits eine tiefe Ohnmachtserfahrung angesichts dessen, dass das „nie wieder“ nach 1945 verklungen und verhallt ist, dass wieder laut gehasst wird, dass Jüdinnen und Juden Angst haben müssen. Ja. Müssen.
Und ich spüre große Ratlosigkeit angesichts dessen, dass die friedliche Revolution in der DDR nicht ernstgenommen wird als Ergebnis einer mit vielen persönlichen bitteren Konsequenzen teuer erkauften Einsicht in die Kraft der Gewaltlosigkeit als Weg zum Frieden. Als hätte man das nicht erstritten. Als hätte das nicht funktioniert.
Und wieder der Griff zu den Tageslosungen, die so oft deuten und überschreiben, was wir erleben. Im 118. Psalm heißt es: „Ich sprach wohl in meinem Zagen: ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch Du hörtest die Stimme meines Flehens als ich zu Dir schrie.“
Es ist wieder dringend.

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  Seenotrettung - tatsächlich

Seenotrettung - tatsächlich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2023

Man kann sich wundern:
Während man sich auf dem Migrationsgipfel die Nacht um die Ohren schlägt, während wir glauben sollen, dass sich akute Not ändern wird, weil man Asylverfahren außerhalb von Europas Grenzen postuliert obwohl es dafür weder Partner noch verlässliche Strukturen gibt,
während wir verstehen sollen, dass Menschen, die weniger Bargeld oder Sozialleistungen bekommen würden, sich doch nicht auf den Weg machen,
während wir die Konsequenzen falsch verstandener Freiheit und Toleranz erleben und uns fragen müssen, wo genau Meinungsfreiheit eigentlich ihre Grenzen hat,
während immer weiter Menschen auf dem Weg nach Europa sterben,
startet Braunschweig eine Kampagne für die Seenotrettung.
Was für eine Nachricht.
Seit 2020 gehört unsere Stadt zu den „Sicheren Häfen“, um sich für eine humane – das heißt menschliche, menschenwürdige – Migrations- und Flüchtlingspolitik einzusetzen.
Während die Rettung von Menschen in Seenot kriminalisiert wird,
während unsere Gesellschaft aus vorgeblicher Sorge einen Rechtsruck unternimmt – ich finde nicht, dass es keine Probleme gibt oder dass wir mit dieser Art ungesteuerter Einwanderung den großen Fluchtbewegungen oder der erschöpften Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft gerecht werden -
währenddessen übernimmt Braunschweig die Patenschaft für das Seenotrettungsschiff „Humanity1“. Allein in diesem Jahr konnten durch den Betrieb des Schiffes 900 Menschen vorm Ertrinken gerettet werden.
Nur nochmal zur Sicherheit:
900 Menschen, ein brechend voller Dom zu Weihnachten – sie alle wären sonst jetzt tot.
Es sind keine riesigen Geldmengen, die die Stadt zur Verfügung stellt - in 2023 und 2024 je 5000,00€ - die Nothilfe-Organisation bleibt auf Spenden angewiesen. Aber es ist ein wichtiges Signal.
Gegen alle Stimmen, die dagegen reden:
Wir werden Menschenwürde und Menschenrechte nur schützen können,
wir werden die Demokratie und Friedensfähigkeit unserer Gesellschaft nur erhalten können, wenn wir uns nicht abbringen lassen, von dem was wir für richtig und menschlich halten – auch wenn es nicht am lautesten gebrüllt wird.
Morgen ist der neunte November. Auf unbegreifliche Weise fallen in der deutschen Geschichte zentrale Ereignisse auf diesen Tag.
Wir können der Gleichzeitigkeit rabenschwarzer und leuchtender Momente nicht ausweichen.
Wir können nur einstehen.
„Du bist ein Gott, der mich sieht“ heißt es noch immer über diesem Jahr.
Gott sieht, die in Not sind.
Gott sieht, die helfen können.
Gott sieht, die zögern.
Gott sieht uns. Mögen ihn das nicht zum Weinen bringen.

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  Carmina Burana

Carmina Burana

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2023

Im Braunschweiger Staatstheater hatte die „Carmina Burana“ Premiere. 1803 hatte man die Sammlung 254 mittelalterlicher Lieder in der Klosterbibliothek von Blaubeuren gefunden. Nachdem Carl Off hatte 1936 einen Teil davon vertont hatte, wurde das Werk weltberühmt. Es sind Frühlingslieder und welche übers Fressen und Saufen. Liebeslieder.
Eigentlich ist es ein Chorwerk. Aber hier in Braunschweig hat Gregor Zöllig mit seiner Tanzkompanie eine Choreographie dazu erdacht, die nicht nur das Leben feiert, kraftvoll und voller Wucht – so dass man staunend sieht und spürt: jetzt ist Corona aber wirklich vorbei. Wir sind wieder da und wir leben noch!!!
Schon allein das macht Freude, die guttut.
Aber das Stück schafft mehr. Zwischen all dem Spiel und aller Lust, zwischen Sprachengewirr und jugendlichem Übermut, der Macht des Schicksals und der Gewalttätigkeit eines betrunkenen Abtes entsteht zwischen blau durchscheinenden Tüchern eine Liebesszene. Während die beiden schönen jungen Menschen sich entkleiden, möchte man eigentlich noch schnell stöhnen und die Enttäuschung darüber, dass das jetzt doch nicht sein muss, runterschlucken – aber das wird nicht nötig sein.
Denn die Szene ist nicht nur ungemein anrührend, ebenbürtig, schön – wie die beiden tanzend zwei und eins sind, miteinander, umeinander, gleichberechtigt – es ist auf einmal auch ein hochpolitisches Bild:
Es ist ein Gegenbild zu all den Bildern dieser Zeit: hier sind zwei Menschen,
nicht hassverzerrt, nicht waffenstrotzend, nicht im Schutzanzug oder in Uniform, nicht blutverschmiert, nicht staubbedeckt, nicht missbraucht, nicht verhungert, nicht Parolen brüllend – und auch nicht vereinsamt, nicht weichgezeichnet, nicht marktkonform.
Es sind zwei Menschen.
Zärtlich, verletzlich, nackt, aufeinander bezogen. Jede, jeder ein Du.
Nicht ist peinlich, nichts voyeuristisch.
So könnte es gemeint sein, wenn die Schöpfungsgeschichte erzählt, dass Gott Freude an seinen Menschen hatte, denn sie waren ihm gut gelungen oder wenn der Psalmist betet: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst“, wenn Gott Mensch wird unter uns. Vollkommen uns ähnlich.

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  Der Westfälische Frieden

Der Westfälische Frieden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.11.2023

Am 26. Oktober 1648, fast genau vor 375 Jahren, wurde der Westfälische Frieden geschlossen.
Der venezianische Diplomat Alvise Contarini bezeichnete den Friedensschluss damals als „Weltwunder.“ Dreißig Jahre lang, mehr als eine Generation, hatten Krieg und damit einhergehende Hungersnöte und Seuchen ein irgendwie normales Leben nahezu unmöglich gemacht.
Was als Religionskrieg begann endete als Schlacht um Territorien.
Protestanten zogen gegen Katholiken, Habsburger kämpften gegen Franzosen, Niederländer, Schweden und Dänen. Kaiser und Fürsten rangen um die Vorherrschaft im Reich. Es war ein Weltenbrand.
Um Frieden zu schaffen, musste eine schier unübersehbare Konfliktlage mit zahllosen sich widersprechenden Interessen geordnet werden.
Man verhandelte zutiefst kriegserschöpft fünf Jahre lang.
Zunächst dauerte es allein zwei Jahre, um Rahmenbedingungen zu klären, Mechanismen zu finden, Übersetzungsarbeit zu leisten. Es war nötig voneinander verstehen zu lernen, was ein gerechter Friede sein könnte; aber auch, welche Schmach man sich nicht zumuten kann.
Jeder einzelne Konflikt wurde separat beraten aber alle einte der Wille zum Friede und die Bereitschaft dafür zu sorgen, dass jeder Gesicht und Ehre wahren kann.
Es war nötig, sich kennen und vertrauen zu lernen. Dabei wird geholfen haben, dass viele der Gesandten vor Ort blieben und ihre Familien nachholten. Man rang und lebte miteinander.
Vielleicht lag das Besondere dieses Friedensschlusses darin, dass man auf Augenhöhe miteinander redete und einen gemeinsamen Weg fand, der es vermied, einer Partei einen Frieden zu diktieren, der demütigte und also keiner ist.
Gefragt danach, ob man aus den Verhandlungen vor fast 400 Jahren etwas für die heutige Situation in der Ukraine lernen könne, erklärt die Historikern Sigrid Westphal, dass es ohne den Verzicht auf einen Sieg zugunsten des Friedens auf allen Seiten nicht gehen wird.
Der Westfälische Frieden ist kein Weltwunder. Er ist eine irdische und zerbrechliche Angelegenheit. Auch damals hörten die Kämpfe nicht auf.
Aber doch gibt er Hoffnung, dass Menschen, die dem Frieden nachjagen nicht immer aber immer wieder erleben, dass Friede wird.
Und bis dahin ist uns verheißen, wie es der Prophet Jesaja übe diesem Tag von Gott ausrichtet: „Ich will euch trösten – wie einen seine Mutter tröstet.“

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  Gott är läcker

Gott är läcker

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.11.2023

Eben noch war ich auf der Citykirchenkonferenz in Schweden.
Überall duftet es dort nach Zimtschnecken und ist überhaupt vieles viel süßer.
Jemandem wie mir, die stets und ständig auf der Suche nach Ideenschnipseln für Andachten unterwegs ist, sprang dort die Kette „Gott“ ins Auge, ein Spezialist für Süßigkeiten, 1500 verschiedene sind im Angebot.
Der naheliegende Slogan heißt „Gott är läcker.“
Man zelebriert das samstags: wenn Süßigkeiten ohne Ende gekauft und konsumiert werden und jeder weiß: das ist nur samstags so.
Meine Kollegin an der deutschen Kirche in Göteborg ist eben noch dabei schwedisch zu lernen. Darum verknüpfte sie ihre Begrüßungsandacht mit der dem Scherz: bei uns schmeckt Gott lecker.
Was sonst. Man liest es an jeder Straßenecke…
Sie bewegte dann sehr nachdenklich der Frage, wie Gott denn schmeckt:
Schmeckt er nach Schmalzbrot und Kräutertee – wie in der Studentengemeinde oder nach Freud- und Leidkuchen – wie bei Geburtstagsrunden oder nach Beerdigungen?
Schmeckt er nach Mahangobrei wie bei den Owambos, nach Biryani wie in Indien oder nach Granatapfelsaft wie in Jerusalem?
Schmeckt er nach Nudeln und Tomatensoße wie auf den Kinderfreizeiten oder nach der Kirchentagsnugatecke???
Schmeckt er nach salzigen Tränen?
Nach Rotz und Wasser, nach Schweiß?
Nach fauligem Trinkwasser oder doch wie ein zärtlicher Kuss?
Die Menschen der Bibel träumten von dem einem Land, in dem Milch und Honig fließen, Datteln und Feigen wachsen.
Sie sollen und wollen das Salz der Erde sein.
Jesus Christis schließlich hat das Gedächtnis an ihn, die Erinnerung an seine Nachfolge an den Geschmack von Brot und Wein gebunden.
Heilung und Ganzsein,
Stärkung und Trost,
Vergebung, wir können all das schmecken. Immer wieder.
Im täglichen Brot, im Abendmahl. Und dann aufbrechen und Frieden suchen.

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  Neid

Neid

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.11.2023

Im Jahr 2021 hat das Institut der deutschen Wirtschaft einen Forschungsbericht herausgegeben. Thema: „Die sieben Todsünden“.
Der Text kommt als einer der ersten Treffer zum Thema.
„Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn“ kannte man schon in der frühen Kirche als Triebkräfte menschlichen Verhaltens. Ihre alltagsprägende Destruktivität gilt als Begründung für die biblische Sintflut.
Das Institut der deutschen Wirtschaft interessiert sich nun für Verhaltensökonomie und Entscheidungsmuster. Es ist wohl auch ein Versuch, dem Verdacht, dass Wirtschaft von ausgelebter Völlerei, Gier und Trägheit ordentlich profitiert, zu wehren und - Zitat: „die den Todsünden zugrunde liegenden Motive so zu verändern und zu lenken, dass für alle positive Folgen entstehen.“
Also Folge 1: Der Neid (uns auch bekannt durch die zehn Gebote: Du sollst nicht begehren deines Nächsten…).
Die Verhaltensökonomik nutzt Laborexperimente. Auch Neid kann so untersucht werden. Ein Versuchsaufbau heißt Ultimatumspiel und funktioniert wie folgt: Spieler 1 wird ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Er muss sich entscheiden, wie viel er davon Spieler 2 anbieten möchte, den Rest darf er behalten. Spieler 2 muss das Angebot entweder annehmen oder ablehnen. Im Falle des Ablehnens gehen beide Spieler leer aus.
Eigentlich müsste Spieler 2 jeden Betrag akzeptieren. Alles ist besser als nichts. Aber Studien zeigen, dass die meisten Spieler erst dann annehmen, wenn das Angebot über 30 Prozent des Gesamtbetrages liegt. Mithin: sie sorgen vor allem dafür, dass der Mitspieler nicht zu viel selbst behält.
Es ist ernüchternd wie ausschlaggebend für das Entscheidungsverhalten des Einzelnen der Blick auf den Besitz und das Vermögen des anderen ist.
Die Studie freilich sucht nach positiven Effekten des Neides, der Stimulanz vergleichenden Verhaltens.
Ich habe Zweifel.
Kain hat in Gottes Reaktion auf Abels Opfer keinen Grund gesehen, sich für seinen Bruder zu freuen oder sich selber neu und anders einzubringen. Konkurrenz hat das Geschäft nicht belebt. Im Gegenteil. Es ist Blut geflossen. Denn, so steht es im Buch der Sprüche:
„Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.“ „Todsünde“ ist schon ein gutes Wort.

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  Saure Trauben

Saure Trauben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.11.2023

Mich überfällt dieser Tage ein Wort des Propheten Jeremia, der ausrichtet:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich das Haus Israel und das Haus Juda besäen will mit Menschen und mit Vieh. Und gleichwie ich über sie gewacht habe, auszureißen und einzureißen, zu verderben und zu zerstören und zu plagen, so will ich über sie wachen, zu bauen und zu pflanzen, spricht der Herr.
Zu derselben Zeit wird man nicht mehr sagen: »Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf«, sondern ein jeder wird um seiner eigenen Schuld willen sterben, und wer saure Trauben isst, dem werden die Zähne stumpf.“
Diesen Worten kann ich nicht ausweichen.
Sie machen mich ratlos und traurig.
Es ist als ob alle diese Zusammenhänge gleichzeitig wirksam werden.
Der Nachgeschmack dessen was war, vergeht nicht – er bleibt in unseren Mündern.
Ich lese mit Blick auf den Krieg, den Israel jetzt führen muss und die Reaktion der Staatengemeinschaft: Verantwortung und Verpflichtung, Befangenheit und alte Schuld.
Ich lese mit Blick auf die Waffen und das Geld, das auch wir in die Region geschickt haben: unmittelbare blutige Konsequenzen.
Ich lese mit Blick auf das, was wir jetzt erleben– auch im eigenen Land – angesichts von Hass und Hetze, Angst und Gewalt, eiskaltem Terror: dass immer neue saure Trauben wachsen und verschlungen werden, Zähne stumpf sind und mit ihnen Herz, Verstand und Gewissen.
Und doch sagt Gott:
Es kommt die Zeit.
Nicht nur die, zu zerstören, zu plagen, einzureißen - sondern auch die, zu wachen, zu bauen, zu pflanzen.
Es kommt die Zeit, in der wir die Folgen saurer Trauben nicht nur kennen, sondern endlich lernen, sie nicht mehr essen.
Es kommt die Zeit, in der wächst und Frucht bringt, was Gott sät.
Auch das ist unsere Zeit. Lasst uns nicht aufgeben zu hoffen, zu glauben, zu vertrauen: Frieden ist möglich. Auch für Israel und Palästina.


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  Was ein Mensch nicht kann

Was ein Mensch nicht kann

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.10.2023

In einem Interview sagt die Schauspielerin Sandra Hüller – vielen Menschen ist ihr Name durch den Film „Toni Erdmann“ ein Begriff geworden - auf die Frage, woher man weiß, ob man den Kern einer Figur gefunden hat:
„Man hat ihn nicht immer… ich suche mir aus, auf welcher Grundfarbe ich malen möchte, es gibt sanfte Menschen oder laute Menschen, ruppige, leise … ich frage mich, ist sie in der Lage, Freude oder Zufriedenheit zu empfinden, wie viele Kinder hat sie geboren, ist sie jemand, der gern in der Erde arbeitet und viel getragen hat im Leben?“ Und dann folgt ein, wie ich finde, ungewöhnlicher und zugleich sehr weiser Satz: „Ich glaube, die Unmöglichkeiten sind wichtiger als die Möglichkeiten. Die Dinge, die eine Figur nicht kann, machen sie erst zu einer Figur.“
Das ist sehr konträr zu allem, wie wir sonst auf Menschen schauen.
Wir leben nicht nur in einer Leistungsgesellschaft, sondern auch in einer virtuellen Performance, in der Makellosigkeit und ideale Umstände etwas suggerieren, was nichts mit unserer Wirklichkeit und unseren Möglichkeiten zu tun hat.
Und last but least haben wir wohl auch in unseren ganz eigenen Zusammenhängen hier die Tendenz, die Einzigartigkeit jedes Menschen eher mit besonderen Stärken zu verbinden, Gottebenbildlichkeit mit Vollkommenheit zu verwechseln als den in sich selbst Verkrümmten zu sehen, das Fragment, das wir doch eigentlich sind.
Wir sind und bleiben erlösungsbedürftig, angewiesen darauf, dass uns nicht angerechnet wird, wo wir hinter dem zurückbleiben, wie wir eigentlich gemeint sind oder wie weit wir entfernt sind von konsequenter Nachfolge Jesu Christi.
Martin Luther, der so sehr um einen gnädigen Gott gerungen hat, der sich geschunden und gequält hat, um dem Bild des Frommen und Gerechten zu entsprechen, formulierte seine berühmten Thesen nicht zuletzt deshalb, weil er verstanden hatte, dass wir Gott mit allem was wir versuchen nicht bestechen können, sondern Glauben wagen müssen.
Darum ist der Blick auf das, was wir nicht können, vermutlich viel näher an unserer Wahrheit, womöglich auch gnädiger und barmherziger, als die große Leistungsschau.
Solcher Blick macht uns ehrlicher, neidfreier, versöhnlicher. Er hilft, wie es über dieser Woche steht, das Böse mit Gutem zu überwinden.

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  Kein kalter Kaffee

Kein kalter Kaffee

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.10.2023

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, sagt ein Sprichwort. Und ja, in unserer schnelllebigen Zeit sind Nachrichten und Erkenntnisse prompt überholt, und sie verlieren dabei ihre Aktualität. Bei Zeitungsinhalten mag das vielfach so sein, bei Inhalten anderer Medien ist das erstaunlicherweise nicht so, obwohl sie nicht nur einen Tag, sondern bereits 3000 Jahre alt sind. Ich rede von den Psalmen. Da ist beispielsweise Psalm 12, von König David verfasst und, so schreibt es die Bibel, vorzusingen auf acht Saiten.
König David beklagt sich darin, dass die Gottesfürchtigen immer weniger werden und die Menschen Lug und Trug reden und meinen, dass ihre große Klappe Legitimation genug ist – so aufgeschrieben vor 3000 Jahren. Martin Luther hat aus dem Psalmtext ein reformatorisches Kampflied gemacht.
Luther hat, wie hinlänglich bekannt ist, den Umgang der Amtskirche mit Gottes Wort aber auch mit den Gläubigen kritisiert. Der Ablasshandel, eine nur noch vordergründige Frömmigkeit und die Unterdrückung der Menschen im Namen Gottes waren seine Ansatzpunkte. Die Worte des 12. Psalms und klingen so, als wären sie genau dafür geschrieben. Luther formuliert: „Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen, wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen. Dein Wort man lässt nicht haben wahr, der Glaube ist verloschen gar bei allen Menschenkindern.“
Bemerkenswert finde ich, dass Luther zur Vertonung die Melodie eines alten Liebesliedes verwendet, in der die Trauer eines Mannes beschrieben wird, der unglücklich verliebt ist. Es macht, wie ich finde, deutlich, wie sehr Luther unter dem Zustand seiner Kirche gelitten hat.
Doch sein Text verdrängt alle Resignation. Gott wolle wehren allen gar, die falschen Schein uns lehren, schreibt er. So rein und bewährt wie siebenmal geläutertes Silber sei Gottes Wort, dessen Kraft sich am Kreuz zeigt und stark in alle Lande leuchtet. Luther lässt keinen Zweifel daran, wie aktuell doch die Worte Davids zu Luthers Zeiten waren, so aktuell, dass er sie beinahe unverändert als Liedtext verwenden konnte, bei dem jeder sofort verstand, was damit gesagt werden sollte.
Und heute? „Gott wolle wehren allen gar, die falschen Schein uns lehren, dazu ihr Zung stolz offenbar spricht: "Trotz! Wer will's uns wehren? Wir haben Recht und Macht allein, was wir setzen, gilt allgemein; wer ist, der uns sollt meistern?"
Sind da nicht in unseren Tagen genug unterwegs, die genau so agieren? Werden nicht jene tatsächlich immer lauter, die falschen Schein uns lehren mit manipulierten Nachrichten und Bilder in den sogenannten sozialen Netzwerken, die Lügen verbreiten ohne rot zu werden, und die von sich meinen, dass sie Recht und Macht allein besitzen?
Davids Psalm ist 3000 Jahre alt, Luthers Lied im kommenden Jahr 500. Und doch ist beides ganz weit weg von kaltem Kaffee und Psalm und Lied schlagen mit ihrer Aktualität nicht nur die Zeitung von gestern, sondern auch die von heute und vielleicht sogar von morgen. Amen.

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  Lebendiges Wort

Lebendiges Wort

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.10.2023

Jerusalem ist der Sitz von Musalaha, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Die Organisation ist, so wie unser Dom, auch Nagelkreuzzentrum und sie hat im aktuell aufgebrochenen Konflikt ein Gebet geteilt, dass Verse aus den Psalmen enthält, unter anderem aus dem 23. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Psalm gebetet und gesungen habe. Auch viele von Ihnen werden ihn auswendig mitsprechen können.
Doch beim Lesen des Gebets bin ich an einer Stelle hängengeblieben und habe den darin enthaltenen Psalmvers vollkommen neu gehört. Diese Stelle lautet: „Wir beten für den Schutz derer, die von der Hamas als Geiseln genommen wurden. Mögen sie auf ihrem Weg durch dieses dunkle Tal kein Unglück fürchten.“
Ich habe immer gelesen und gesungen und gebetet: Auch, wenn es mal schwierig und dunkel wird in meinem Leben, wird mir kein Unheil passieren. Aber das steht da gar nicht. Der Psalmbeter sagt, dass er sich vor keinem Unheil fürchtet. Das ist eine vollkommen andere Aussage. König David, von dem auch dieser 23. Psalm stammt, schließt keineswegs aus, dass ihm und uns Unheil wiederfährt. Und damit hat er ja auch recht.
Mir ist schon klar, dass Gott nicht rund um die Uhr damit beschäftigt ist, Elend, Leid und eben auch Unheil von uns fernzuhalten. Wäre dem so, würde unser aller Lebenserfahrung uns sagen, dass er einen ziemlich schlechten Job macht. Denn kein Leben ist tatsächlich frei davon. Doch all das habe ich bei Psalm 23 irgendwie ausgeblendet.
Doch furchtbarerweise ist es ja so, dass den von der Hamas verschleppten Geiseln sehr wohl Unheil droht. Es wäre realitätsfremd, das zu ignorieren. Das Psalmwort verstehe ich hier so, dass es eine Bitte um ein starkes Gottvertrauen ist, das trägt und das hält, ganz egal was auch passieren mag. Gottes Stecken und Stab sollen trösten. So hat es auch Jesus Christus erlebt. Gott hat das Unheil nicht von ihm abgewendet, aber er hat ihn hindurchgetragen, ihn begleitet und es am Ende gut werden lassen.
Ich weiß nicht, ob Sie ähnliche Erfahrungen mit Bibeltexten gemacht haben. Ich finde es spannend, dass wir selbst jene, die wir meinen, bestens zu kennen, auf einmal ganz anders hören und verstehen. Es ist und bleibt eben Gottes lebendiges Wort. Amen.

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  Den Kopf in den Sand stecken

Den Kopf in den Sand stecken

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.10.2023

Würden sie mit Vollgas durch unsere Innenstädte jagen, würden sie ständig geblitzt. Würden sie in unseren Häusern wohnen, müssten sie sich bei jeder Tür ducken, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Sie sind beeindruckende Tänzer. Sie haben riesige Augen aber nur ein sehr kleines Gehirn und was man ihnen nachsagt, das tun sie tatsächlich nicht, nämlich den Kopf in den Sand stecken.
Ich rede von Straußen, diesen riesigen flugunfähigen Vögeln, die in einigen Regionen Afrikas zu Hause sind. Es ist ein Mythos, dass sie bei Gefahr den Kopf in den Sand stecken. Wenn es mal brenzlig wird, dann laufen sie davon oder sie wehren sich tapfer mit ihren Krallen. Und wenn der Straußenkopf tatsächlich mal im Sand verschwindet, dann nur, weil es dort was zu fressen gibt.
Nichtsdestotrotz hat sich das Bild bei uns festgesetzt. Wir sprechen von „Vogel-Strauß-Politik“, wenn Probleme aus unserer Sicht nicht energisch genug angegangen werden, oder wir stecken vielleicht auch mal selbst den Kopf in den Sand, um nichts mehr zu höre und zu sehen. Ist so ein Verhalten eigentlich legitim? Ich finde, und jetzt gibt es die klassische Antwort: Es kommt darauf an.
Wir alle wissen, dass unsere Energie, unsere Kreativität und auch unsere Geduld endlich sind. Und es gibt Herausforderungen in unserem Leben, die fordern mehr von uns, als wir leisten können. Dabei sind meist nicht alle Ressourcen gleichermaßen knapp. Doch wenn ich eine komplexe und komplizierte Aufgabe zu lösen habe, dann kann ich noch so energiegeladen und geduldig sein, wenn es an der erforderlichen Kreativität mangelt, werde ich scheitern.
Und so denke ich, dass es durchaus sehr weise sein kann, ein Problem ein Problem sein zu lassen und es für eine gewisse Zeit zur Seite zu schieben. Das geht nicht mit allem – wenn das Haus brennt, muss man sofort löschen und nicht erst nächste Woche. Doch angesichts der Fülle von Themen, für die Lösungen so dringend erforderlich sind, müssen wir tatsächlich achtsam sein, damit wir uns nicht überfordern.
Wir brauchen Pausen, um unsere Akkus wieder aufzuladen und um den Kopf frei zu kriegen. Und manchmal ist es dann überraschenderweise so, dass sich sowohl unsere eigene Leistungsfähigkeit als auch das Problem über Nacht so verändert haben, dass die Lösung kein Marathonlauf mehr ist, sondern nur noch ein Spazierganz.
Beim Prediger Salomo heißt es: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Das ist der Gegenentwurf zu „Ich muss alles jetzt und gleichzeitig tun“. Das können wir nicht und so ist, wie ich finde, eine Runde „Kopf in den Sand stecken“ nicht nur erlaubt, sondern mitunter sogar segensreich. Amen.

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  Unfassbar und unerträglich!

Unfassbar und unerträglich!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.10.2023

Ich bin dankbar dafür, dass ich hier in Deutschland geboren wurde und hier leben kann. Ich bin dankbar für die Freiheit, die ich genieße, dankbar, dass Frieden herrscht, dankbar, dass meine Würde geschützt ist und das sogar verfassungsrang hat. Keine Frage, es gibt Baustellen in unserem Land und manche davon haben es tatsächlich in sich. Und es gibt kontroverse Diskussionen in der Politik und in der Gesellschaft, welcher Weg denn nun der richtige ist. Diese Diskussionen sind richtig und wichtig und dass niemand dabei aus Angst mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten braucht, ist staatlicherseits garantiert.
Doch es gibt Grenzen. Und die verlaufen dort, wo wir mit dem, was wir sagen oder auch tun, andere Menschen verletzen. „Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Dieser Satz stammt von Matthias Claudius und er trägt viel Wahres in sich. Er erinnert an die sogenannte „Goldene Regel“, die uns Jesus explizit mit auf den Weg gibt und die unser Grundgesetz inhaltlich aufgreift. Dass das in meinem Land so ist, finde ich großartig und kostbar und es macht mich auch ein wenig stolz.
Gar nicht stolz hingegen macht mich das Ergebnis einer EU-Studie, die in 13 EU-Staaten, unter anderem auch in Deutschland durchgeführt wurde. Es geht dabei um Rassismus gegen Schwarze und ich konnte kaum glauben, dass Deutschland dabei am schlechtesten abgeschnitten hat. 76r in Deutschland Befragten gaben an, in den letzten fünf Jahren wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Religion diskriminiert worden zu sein; 76%!
Und nicht nur dieser Wert an sich ist erschütternd und ein absoluter Skandal, sondern auch die Entwicklung. 2016 wurde eine vergleichbare Studie erstellt und der Anteil der Menschen, die damals angaben, von Diskriminierung betroffen gewesen zu sein, lag bei 39%. Er hat sich also in den vergangenen sieben Jahren beinahe verdoppelt.
Mich erschreckt diese Entwicklung. Es darf doch nicht wahr sein, dass ausgerechnet in unserem Land mit unserer Geschichte, die uns und der Welt mehr als deutlich gezeigt hat, wohin Diskriminierung und Rassismus führen können, so ein Ergebnis entsteht. Doch leider ist es wahr, und diejenigen, die diese Stimmung anheizen und damit ihr eigenes politisches Süppchen kochen, werden immer salonfähiger – so mein Eindruck.
Es ist zwar absolut überflüssig, das noch einmal zu sagen, aber: Für einen Christenmenschen ist jede Form von menschenverachtendem Denken, Reden und Handeln ein No-Go! So etwas ist mit Jesu Botschaft nicht zu machen. Und es ist Aufgabe von Kirche und Aufgabe von Christinnen und Christen, dem entgegenzutreten. Denn Jesus mahnt uns: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan! Amen.

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  Sorgt euch nicht!

Sorgt euch nicht!

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.10.2023

50 ist das neue 40 und 75 das neue 60 – so war es kürzlich in einer großen Wochenzeitung zu lesen. Im Kern ging es darum, dass wir uns insgesamt jünger fühlen als wir sind. Das kann ich aus eigener Anschauung bestätigen und als ich mich neulich darüber beklagte, dass ich auch schon einmal belastbarer war, riet mir ein guter Freund, doch mal auf meinen Personalausweis zu schauen, denn dort stünde unter anderem auch mein Geburtsdatum. Ich habe kein Problem mit meinem Alter, doch ich fühle mich nicht so alt, wie ich tatsächlich bin. Erfreut haben mich dann die weiteren Feststellungen in diesem Zeitungsartikel, denn: Menschen die sich jünger fühlen als sie sind, leben länger und sind zufriedener. Na bitte!
Jesus Christus sagt: „Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch darum sorgt, seinem Leben auch nur eine Elle zusetzen könnte?“ Wir gehen mit großen Schritten auf das Ende des Kirchenjahres zu, also auf eine Zeit, in der wir uns mit den letzten Dingen beschäftigen. Da geht es um Abschiede, um das Sterben und um den Tod. Und ja, Jesus hat natürlich recht, wenn es ans Sterben geht können wir nicht sagen: Ich beiße jetzt mal kräftig die Zähne zusammen und hänge nochmal ein Jahr dran.
Doch der Zusammenhang, in dem der Ausspruch Jesu steht, heißt: Sorgt euch nicht! Denn Gott weiß, was ihr braucht und er wird für euch sorgen, so, wie er für die Vögel unter dem Himmel sorgt, die nicht säen und nicht ernten und keine Vorräte anlegen und doch leben.
Das heißt nun nicht, dass uns ab sofort wie im Schlaraffenland die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Wir müssen uns natürlich kümmern. Aber wir müssen uns nicht sorgen und ein Blick in den heimischen Kühlschrank wird Ihnen zeigen, was ich meine. Ja, wir sind sicherlich ein Musterbeispiel für die Wahrheit, die in Jesu Aufforderung steckt: Sorgt euch nicht!
Doch unser privilegiertes Leben, dass wir hier führen dürfen, ist kein Maßstab für die ganze Welt. Aber ist der Grund dafür nicht, dass wir Menschen es verbockt haben? Niemand müsste auf dieser Welt verhungern, wenn wir es nur hinbekämen, die Lebensmittel und Lebensressourcen gerecht zu verteilen. Dass wir das nicht schaffen, können wir wohl kaum Gott anlasten.
Vielleicht wäre es ja eine ganz gute Idee, unsere neue Lebensenergie auch dafür einzusetzen, für mehr Gerechtigkeit in dieser Welt einzutreten, anstatt so vieles durch Kriege und Gewalt gegen die Wand zu fahren. Und wenn 50 das neue 40 und 75 das neue 60 ist, dann haben wir ja tatsächlich ordentlich Zeit geschenkt bekommen, etwas zu bewegen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Kein Dienst nach Vorschrift

Kein Dienst nach Vorschrift

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.10.2023

Der macht nur noch Dienst nach Vorschrift. Das ist zu hören, wenn wir über Menschen reden, deren Arbeitsmotivation ziemlich im Keller ist. Wenn jemand Dienst nach Vorschrift macht, macht er in der Regel nichts falsch, weil er ja jede Vorschrift penibel beachtet. Doch er bewegt auch kaum noch etwas, er erledigt seine Arbeit, doch echte Motivation sieht man bei ihm nicht. Menschen, die Dienst nach Vorschrift machen, haben oft mit ihrem Job abgeschlossen, haben innerlich gekündigt, wie man sagt. Und die Lähmung, in die sie verfallen sind, erstickt jegliche Freude an der Arbeit.
So etwas kann uns in unserem Glaubensleben auch passieren. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „Gott hat uns tüchtig gemacht zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“
Das Leben eines Christenmenschen kann, so verstehe ich Paulus, nicht daraus bestehen, jeden Buchstaben, jeden Satz, jede Regel der Bibel isoliert für sich betrachtet als unumstößliche Wahrheit und Handlungsmaxime zu verstehen. Das führt schnell in fundamentalistische Sackgassen, die nicht das Ziel sind. Es geht vielmehr darum, dass wir uns von Gottes Geist inspirieren lassen und so erkennen, was das große Ganze ist, das hinter den Worten steht.
Auch Jesus hat so argumentiert. Als er am Sabbat einen Kranken geheilt hatte und von den Pharisäern dafür angefeindet wurde, hat er ihnen entgegnet: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Er hat immer wieder gesellschaftliche und religiöse Grenzen überschritten, wenn er damit anderen helfen konnte.
Es geht nicht darum, aus der Bibel eine Checkliste zu machen und diese Checkliste erst einmal von A bis Z durchzugehen, bevor wir den nächsten Schritt in unserem Leben wagen. Das wäre so ein Dienst nach Vorschrift, und der bringt uns nicht weiter. Es reicht, wenn wir verstanden haben, was Evangelium bedeutet. Es reicht, wenn wir verstanden haben, was Gottes Verhältnis zu uns Menschen ausmacht. Es reicht, wenn wir verstanden haben, wie Jesus Christus sich unser Zusammenleben vorstellt. Und dazu braucht es nur einen einzigen Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Liebe ist das Schlüsselwort für all unser Tun und Lassen. Wenn die Liebe der Motor unseres Denkens, Redens und Handelns ist, sind wir auf dem richtigen Weg. Wenn wir in unserem Nächsten den Menschen erkennen und nur den Menschen und wenn wir einander den Respekt entgegenbringen, der einem Gotteskind gebührt, dann haben wir den Dienst nach Vorschrift beendet und sind zu inspirierten Dienern von Gottes lebendigem Geist geworden. Und er selbst hilft uns dabei. Amen.

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  Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.10.2023

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! So bitten wir in jedem unserer Gottesdienste. Kyrie eleison heißt auch das Orgelwerk von Sigfrid Karg-Elert, dass uns Domorganist Witold Dulski gerade gespielt hat. Es beginnt mit eher leisen fast flehenden Tönen, ist an einigen Stellen sehr harmonisch, an anderen auch dissonant, und endet in einem starken, fordernden und doch hoffnungsvollen Ruf: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
Was wir da von Gott erwarten, kann so ganz unterschiedlich sein. Menschen bitten darum, ihr Leiden zu lindern, ihre Krankheit, ihre Schmerzen, ihre Trauer, ihre Einsamkeit. Ich denke an jene, die auch in unserem Land am Rande der Gesellschaft stehen, die wir nicht mehr im Blick haben, weil sie alt und schwach sind, weil sie nicht mehr schritthalten können mit unserem „Höher-Schneller-Weiter“. Sie haben aufgehört, von sich und ihrem Schicksal zu erzählen, weil ihnen niemand mehr zuhören will, außer dem einen: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
Andere Bitten, die wir an Gott richten, grenzen allerdings schon fast an eine Unverschämtheit. Wenn wir in diese Welt schauen und uns die Orte vor Augen führen, an denen Krieg und Terror und Gewalt das Leben der Menschen bestimmen, dann muss man zuallererst mal eines feststellen. Gott hat keinen dieser Kriege angefangen. Gott hat den Terroristen der Hamas nicht befohlen, diese unbeschreiblichen Massaker an Unschuldigen anzurichten. Und es ist nicht Gottes Wille, dass in Israel oder in Gaza oder in der Ukraine oder sonst irgendwo auf der Welt Menschen einander umbringen.
Und es sind ja nicht nur die Toten. Auch in anderen Teilen der Welt, auch in unserem Land und in unserer Stadt reißen die Kriege Gräben auf. Da löst der Krieg im Nahen Osten eine Welle unverhohlenen Antisemitismus bei uns aus, da gibt es hasserfüllte und gewalttätige Demonstrationen, und da gibt es Menschen, die einfach nur Angst und Verzweiflung in sich spüren angesichts der Bilder, die uns die Medien präsentieren.
Dass das dennoch so passiert, haben Menschen zu verantworten und niemand sonst. Und Gott dann darum zu bitten, die Karre aus dem Dreck zu ziehen, die wir hineingefahren haben, ist schon ganz schön steil. Niemand ist perfekt und immer wieder unterlaufen uns Fehler – das weiß ich, das wissen Sie und das weiß vor allem auch Gott. Aber Menschen sind durchaus in der Lage, aus ihren Fehlern zu lernen. Doch was das Thema Krieg und Gewalt angeht, ist die Lernkurve ziemlich flach.
Ich weiß, dass Meckern von der Kanzel all das nicht ändert und auch ich habe genug damit zu tun, vor meiner eigenen Haustür zu kehren. Doch ich glaube fest daran, dass uns Gott trotz allem auch in diesen scheinbar so hoffnungslosen Situationen zuhört und hilft. Ich halte kein einziges Gebet für überflüssig, keine einzige Fürbitte für sinnlos. Denn Gottes Liebe und seine Vergebungsbereitschaft sind größer als alle menschliche Dummheit und Arroganz. Und damit können wir es nicht oft genug rufen: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! Amen.

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  Übersetzungsarbeit

Übersetzungsarbeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.10.2023

Am vergangenen Wochenende tagte die Mitgliederversammlung der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft. Neben den mühseligen Regularien, die solche Sitzungen mit sich bringen, gab es auch einen sehr lebendigen und zwischenzeitlich richtiggehend aufregenden Diskurs über die erste Bitte des Versöhnungsgebets aus Coventry: Sollte die englische Originalversion „The hatred which divides nation from nation, race from race, class from class“ weiter übersetzt werden mit „Der Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse“?
Das ist eine Frage, die die einen längst überfällig finden. In Deutschland verbindet sich mit dem Wort „Rasse“ die nationalsozialistische Ideologie, die so viele Menschen das Leben gekostet hat. Es braucht keine lange Erklärung, um zu verstehen, dass man das Gebet so auf dem Boden eines Konzentrationslagers nicht mehr sprechen kann. Der Schritt, dass es eigentlich nicht mehr geht, ist naheligend.
Aber: Etliche sorgen sich um die Gebetsgemeinschaft, wenn vertraute Formulierungen, die man mit vielen teilt, aufgegeben werden. Zwar teilen wir unsere deutsche Übersetzung vor allem mit Deutschen und dann gilt: siehe oben. Aber es gilt doch auch zu hören, dass zum Beispiel Gemeinden in Südafrika das Wort „Rasse“ auf keinen Fall aufgeben wollen. Ohne die rassistischen Diskriminierungen wäre das Apartheidssystem nicht vorstellbar gewesen.
Es ist also möglicherweise nicht an uns Weißen, das Wort zu streichen.
Muss man ja auch nicht. Mit Südafrikanern oder Afroamerikanern kann man ja englisch beten.
So ging es hin und her und wurde nicht einfacher durch die Frage, was denn eine gute Übersetzung sein könnte. Und wie Gebetssprache eigentlich funktioniert. Wenn die Worte zu richtig sind, kann es passieren, dass der Verstand stolpert und das Herz schweigt.
Vielleicht sind das Elfenbeinturmdebatten angesichts der konkreten Not und brutalen Gewalt der Gegenwart. Vielleicht ist aber auch nichts aktueller als sich klarzumachen, dass es der Haß ist, der Menschen trennt, unterscheidet, abwertet, umbringt. Liegt also darauf die Betonung?
So haben wir gerungen und uns manchmal nur mühsam verständlich machen können - obwohl wir alle dieselbe Sprache sprechen. Theoretisch jedenfalls.
Zuletzt gab es eine große Mehrheit dafür, das Wort „Rasse“ zu streichen.
Andere Fragen dieser Art werden folgen. Wenn es gut geht, dann bleibt die dringende Versöhnungsbitte lebendig. Dann rattern wir die Worte nicht einfach runter, sondern meinen, was wir sagen.

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  Welthospiztag

Welthospiztag

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.10.2023

Die ersten und die letzten Male, sie sind in unserem Leben immer ganz besonders wichtig und eindringlich. An die ersten Male können wir oft gut erinnern: der erste Schultag, die erste große Liebe, der erste Kuss. Bei den letzten Dingen ist es oft anders, denn wir wissen mitunter gar nicht, ob es das letzte Mal war – dass wir einen Freund oder eine Freundin getroffen haben, dass wir in den Urlaub gefahren sind, dass wir morgens frisch und fröhlich wachgeworden sind. Dass es das letzte Mal war, eröffnet sich erst in der Rückschau, doch manchmal ist selbst die uns nicht mehr möglich.
Bewusste letzte Male zu ermöglichen, ist das Thema des diesjährigen Welthospiztages, der seit 2005 jeweils am zweiten Wochenende im Oktober begangen wird. Die Hospizbewegung im heutigen Sinn ist dabei insgesamt noch gar nicht so alt. Erst Ende der 60er Jahre wurde sie in England begründet. Erste Hospize in Deutschland entstanden in den 80ern. Die Hospizidee basiert auf der Erkenntnis und der Überzeugung, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase besonderer Betreuung und Zuwendung bedürfen. Und auch die Familien und Freunde sterbender Menschen brauchen Unterstützung in dieser herausfordernden Zeit.
Ziel der Hospizarbeit ist es, Menschen einen würdevollen Abschied aus diesem Leben zu ermöglich, und sie und die ihnen nahestehenden Personen zu begleiten. Dies umfasst natürlich die medizinisch-palliative Versorgung, ganz wesentlich werden aber auch psychologische und spirituelle Bedürfnisse in den Blick genommen.
„Hospiz lässt mich noch mal“, lautet in diesem Zusammenhang das Motto des diesjährigen Hospiztages. Es geht darum, Menschen noch ein letztes Mal Dinge zu ermöglichen. Oftmals sind es keine großen Sachen: noch einmal das Lieblingsgericht essen, noch einmal an die See fahren, noch einmal Freunde treffen, um sich von ihnen zu verabschieden oder zu klären, was noch offen ist, noch einmal ein Konzert besuchen oder einen Gottesdienst.
All das versuchen Hospize ihren Gästen zu ermöglichen, oft und intensiv auch unterstützt durch die Arbeit Ehrenamtlicher. Hospizarbeit ist tätige Nächstenliebe, denn es sind tatsächlich die letzten Dienste, die für die Menschen, die kurz vor dem Ende ihres irdischen Daseins stehen, sehr wichtig sein können.
Und dass jeder Mensch ein Anrecht auf ein würdiges Sterben hat, versteht sich von selbst, auch wenn unsere Gesellschaft das Thema Tod immer noch gern verdrängt. Wir Christenmenschen können ihm gelassener entgegensehen, denn wir dürfen wissen, dass wir eine Perspektive haben, die weit über den Tod hinausweist. Denn nicht umsonst verspricht uns Jesus Christus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Der Welthospiztag ist ein guter Anlass, uns daran zu erinnern. Amen.

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  LIEBE, DIE TRÄGT

LIEBE, DIE TRÄGT

Henning Böger, Pfarrer - 13.10.2023

Zwei Menschen lachen in die Kamera. Das Foto stammt aus dem Juni diesen Jahres. Es entstand, nachdem in der Ukraine der große Kachowka-Staudamm gesprengt worden war. Bis heute wissen wir nicht genau, wer für diese schlimme Tat verantwortlich war. Im Krieg wird versucht, jede Wahrheit sofort zu verschütten. Wahr sind aber die vielen Bilder, die uns die schlimmen Folgen gezeigt haben.
Weite Landstriche in der Ostukraine standen in kürzester Zeit unter Wasser: Wiesen, Felder, Straßen und Häuser. Die Kräftigen wussten sich zu helfen. Die Alten und Schwachen aber waren hilflos.
In einem Haus steht eine alte Frau in der offenen Tür. Sie steht dort bis zu den Knie im Wasser. Ein Feuerwehrmann watet durch das Wasser zu ihr, nimmt sie auf seine Arme und trägt sie zu seinem Boot. Genau in diesem Moment drückt der Fotograf auf den Auslöser seiner Kamera: Beide lachen auf dem Bild, das sich über die Nachrichtenportale im Internet weltweit verbreitet hat. Und dann, so erzählt der Fotograf später, sei es aus der lachenden alten Dame herausgebrochen: „So schön bin ich nicht mehr getragen worden seit meinem Hochzeitstag!“
Zwei Menschen stehen inmitten einer gewaltigen Katastrophe; und dann lachen sie sich im Unheil ein wenig Heil herbei. Weil einer der anderen die Last nimmt. Vielleicht zehn Meter sind es, die der Feuerwehrmann die alte Frau zum Rettungsboot trägt. Der Starke hält die Schwache sicher.
Ich finde, dieses Foto ist ein großes Bild der Liebe: Ein Mensch hat Not, ein anderer packt an. Der Kräftigere tut, was die Schwache nicht vermag. Liebe tut immer das Nötige. Sie rettet dabei nie die ganze Welt, aber sie steht denen bei, die gerade Hilfe brauchen.
„Solche Liebe ist stark wie der Tod“, weiß die Bibel: „Keine Sturzflut reißt sie mit sich fort.“ Auch das ist ein tröstliches Bild: Inmitten von Krieg und Zerstörung, von Hilfslosigkeit und großer Sorge gibt die Liebe Kraft, nicht zu erstarren, sondern einander zum Leben aufzurichten. So retten wir einander unsere Welt.

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  Sturmwind

Sturmwind

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.10.2023

Über diesem Tag heißt es aus dem Matthäusevangelium: „Als Petrus den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie. Herr, rette mich! Jesus streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du, Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“
Ja, wenn man dieses aufgewühlte Wasser und die drohend dunklen Wolken sieht, wenn man spürt, wie der Wind zerrt und schiebt, dann kann man es wirklich mit der Angst zu tun kriegen.
Wo treibt uns das alles hin?
Da ist der sogenannte Asylkompromiss, der das ungute Gefühl hinterlässt, dass wir jetzt aus lauter Angst und Sorge wie es denn gehen soll, im trüben Wasser entrechtender Maßnahmen ertrinken.
Da sind Wirtschaftsprognosen und Wahlergebnisse, bei denen uns angst und bange werden kann. Werden die vielen denn überhaupt noch erreicht oder bläst ein Sturmwind antidemokratischer Ressentiments weg, was uns noch vom Amerika des Donald Trump unterschied?
Und wer weiß, was wir vor der Tür antreffen werden, wenn wir hier gleich nach der Andacht aus dem Dom kommen. Wird es eine friedliche Solidaritätskundgebung sein oder …
Ganz zu schweigen von all denen, die sich sorgen, dass die Aufmerksamkeit der Welt sich von ihnen und ihren Nöten abwendet.
Und dann ist da dieser schreckliche Krieg in Israel. Vorhin habe ich noch einen Kolumne von Ofer Waldman, einem ehemaligen Hornisten des West-Eastern-Diwan-Orchestra gelesen, der schreibt:
„Über meinem Arbeitstisch, der im Bunker meines Hauses steht, hängt ein Bild Thomas Braschs, der einst schrieb: die Moral wird zum Hobby in einer Welt, in der der Mensch entbehrlich ist. Brasch mahnt mich, nach Worten zu ringen. Mit ihm versuche ich nun, am Abgrund der Zivilisation stehend, aus Trümmern eine neue Welt zu flicken …. Mit den vielen solidarischen Nachrichten , voller Entsetzen. Kein israelisches, kein deutsches, kein arabisches – ein menschliches. Mit meinen Kindern, die auch nach den Kindern in Gaza fragen: Ich weiß nicht, ob sie die verschleppten meinen oder die einheimischen.“
Kein Wunder, dass Petrus schreit – immerhin hat er noch Worte.
Und unser Gott? Der ist schon da, sieht unseren Zweifel, greift unsere Hand.

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  Gegen den Hass

Gegen den Hass

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.10.2023

Carolin Emcke, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hat in ihrem Buch „Gegen den Hass“ geschrieben über das, was wir aktuell erleben: „Hass ist so wenig individuell wie zufällig. Er ist nicht einfach nur ein vages Gefühl, das sich mal eben aus Versehen oder aus vorgeblicher Not entlädt. Dieser hass ist kollektiv und er ist ideologisch geformt … er bricht nicht plötzlich auf, sondern er wird gezüchtet.“
Das sind harte und bittere Worte, denen sie an anderer Stelle hinzufügt: „Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt … Dem Hass begegnen lässt sich nur durch das, was dem Hassen abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.“
Mir hilft diese präzise Auseinandersetzung mit dem hochdestruktiven Phänomen Hass, um überhaupt eine Kategorie zu haben, in der ich einordnen kann, dass Menschen, die auf engsten Raum neben- und manchmal auch miteinander leben, sich Derartiges zufügen: Über tausend Tote auf beiden Seiten. Verschleppte, Obdachlose, Verletzte, Traumatisierte.
Mir hilft die Demutsübung „Selbstzweifel“ nicht in Versuchung zu geraten, ein klares Urteil fällen zu können, über das, was dort passiert sondern vielmehr anzuerkennen, dass auch in unserem Land, Terror und Hass auf eine Weise möglich waren, die nicht mehr unterschieden hat, im Anderen nicht mehr den Menschen sieht, der leben will und sich um seine Nächsten sorgt.
Ja, es hilft, zu Differenzieren und genau zu sein.
Und doch: da ist noch ein anderes Moment tiefer Ohnmacht.
Woche für Woche beten wir hier für den Frieden und gegen den Hass, der Volk von Volk trennt. Und nicht nur wir tun das. Es ist ein vielstimmiges Flehen. Es kommt aus aller Welt: von Orten, die noch immer die Narben längst vergangener kriege tragen oder gerade frische Wunden verheilen lassen. Das Bitten um Frieden kommt aus den Mündern derer, die gegen das Vergessen anflehen: Wer denkt jetzt an Armenien oder den Sudan? Und wird nicht auch in den Reihen derer, die ihre Lebenskraft der Befriedung des Nahostkonfliktes gewidmet haben, immer wieder inständig gebetet?
„Wenn der HERR die Gefangenen Israels erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden…“ – heißt es im 126. Psalm.
Wenn…
Es wird sich nicht logisch anfühlen, nicht folgerichtig, nicht verstehbar. Es wird sein als ob wir - und die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan erst recht - träumen.
Aber es wird sein.
Es wird.
Gott wird alle Tränen abwischen. Leid und Geschrei wird nicht mehr sein.
Lasst uns diese Hoffnung nicht aufgeben.
Lasst uns für den Frieden bitten und an ihm arbeiten. Auch hier.
Lasst das „Friede sei mit Euch“ immer wieder laut werden, damit wir einander und denen, mit denen wir fühlen und für die wir bitten, versichern, dass wir diesem Frieden, der größer ist als alle unserer Vernunft, alles zutrauen.
Und der Friede…

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  Ist es Liebe?

Ist es Liebe?

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.10.2023

Über dieser Woche heißt es aus dem 1. Johannesbrief: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe.“ Beim ersten Hören war ich geneigt, zu sagen: „Na klar, das versteht sich doch von selbst!“ Doch nachdem ich den Satz habe sacken lassen, bin ich doch ins Grübeln gekommen – zugegebenermaßen auch, weil uns unsere Dompredigerin Cornelia Götz im letzten Sonntaggottesdienst einen Impuls dazu gegeben hat.
Die Frage, die sich mir stellt, ist: Kann ich von mir sagen, dass ich Gott liebe? Ein klares und uneingeschränktes Ja kommt mir hierzu schwer über die Lippen. Wenn ich an Gott denke, dann empfinde ich Respekt, Demut und große Dankbarkeit. Ich spüre ein tiefes Vertrauen ihm gegenüber und die Gewissheit, dass ich getragen und geborgen bin. Aber ist das Liebe?
Liebe ist ein Gottesgeschenk, das steht für mich außer Frage. Gott liebt uns, Sie und Euch und mich und seine Liebe ist so reichhaltig, dass wir sie weitergeben und teilen können. Wenn Gott Liebe zwischen Menschen stiftet, dann ist das so groß und so wunderbar, dass man es nur erleben, aber kaum beschreiben kann.
Ist es vor diesem Hintergrund nicht fast anmaßend, zu sagen, dass ich diese Liebe, die von Gott kommt, auch in seine Richtung empfinde? Ich habe keine abschließende Antwort auf diese Frage. Deshalb finde ich den Satz aus dem Johannesbrief auch so sperrig. Denn er vermittelt den Eindruck, dass ich mir zuallererst meiner Liebe gegenüber Gott sicher sein sollte und sich erst dann weiteres anschließt. Aber was ist, wenn ich es anders empfinde und eben meine Beziehung zu Gott nicht mit Liebe, sondern mit Respekt, Dankbarkeit und Demut beschreibe? Bin ich dann weniger berechtigt, die Liebe, die von Gott kommt, weiterzutragen?
Gott hat sich in Christus offenbart. In ihm ist er für uns Menschen in einer vollkommen neuen Art und Weise erkennbar, erlebbar und sichtbar geworden. Dennoch bleibt vieles geheimnisvoll, rätselhaft und für uns Menschen unbegreiflich. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, dass bei mir Respekt und Demut überwiegen. Und vielleicht ist es auch protestantische „Verkopftheit“, die uns an dieser Stelle das Leben etwas schwerer macht, als es sein müsste.
Wie dem auch sei: Wir dürfen sicher sein, dass wir Gott an unserer Seite haben, denn er hat es uns versprochen, als er sagte: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein! Amen.

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  Krieg im Heiligen Land

Krieg im Heiligen Land

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.10.2023

Schon wieder überziehen Krieg, Gewalt und Tod das Heilige Land. Der Überfall der terroristischen Hamas auf Israel und die Gegenoffensive haben bis jetzt bereits über 1000 Menschenleben gekostet. Viele Israelis bangen um ihre verschleppten Angehörigen, die von der Hamas als Druckmittel eingesetzt werden – Menschenleben gegen politische Zugeständnisse, ein widerliches Geschäft. Man müsse sich auf einen langen und quälenden Krieg einrichten, sagen Experten. All das lässt nichts Gutes erwarten.
Ich fühle mich an den Februar 2022 erinnert, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Ich sehe die Bilder im Fernsehen, weinende und verzweifelte Menschen, zerstörte Häuser, Raketen am dunklen Himmel und die Frage, die in mir aufsteigt, lautet: Warum?
Ja, die politische, historische und auch die religiöse Situation im Nahen Osten ist hoch komplex und hoch kompliziert und viele, auch von außen initiierte Versuche, sie für alle Seiten zufriedenstellend zu lösen, sind gescheitert. Aber ist denn bitteschön nicht jede Lösung tausendmal besser als Blutvergießen? Wen trifft es denn mal wieder in erster Linie: die Zivilbevölkerung.
Es steht, so wie im Februar 2022, außer Frage, wer in diesem Konflikt eine rote Linie überschritten hat und wem unsere Solidarität gilt. Doch es gibt unschuldige Opfer auf beiden Seiten. Ich bin fest davon überzeugt, dass viele russische Soldaten, die für den Aggressor Russland kämpfen müssen, lieber heute als morgen zurück nach Hause wollen, um dort in Frieden mit ihren Familien zu leben. Und es ist ihnen wahrscheinlich herzlich egal, wie dieser unsägliche Krieg weitergehen wird. Genauso wird es auch in Gaza Menschen geben, die einfach nur Frieden wollen, genauso wie in Israel.
Doch die Entscheidungen über Krieg und Frieden haben mal wieder andere für sie mit getroffen, ohne zu fragen, ohne sich vorher zu erkundigen, wie es den Müttern geht, wenn sie ihre Söhne beweinen, die nicht aus Krieg zurückkommen, wie es den Kindern geht, die ihre Väter verlieren oder den Frauen, die auf einmal Witwen sind. Niemand kann einen Krieg gewinnen. Es ist immer nur die Frage, wer mehr und wer weniger verloren hat.
Und wir schauen nun also auf den Nahen Osten. Kriegen wir es trotzdem hin, auch auf den Krieg in Europa zu schauen? Kriegen wir es trotzdem hin, wahrzunehmen, dass eine in Teilen faschistische Partei bei den gestrigen Landtagswahlen in Hessen und Bayern erschreckende Erfolge erzielt hat? Kriegen wir es hin, all das in unser Leben einzusortieren und dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken?
Auch dafür haben wir Gott an unserer Seite. Ihn können und sollen wir um Frieden bitten, für das Heilige Land, für die Ukraine und auch für uns selbst. Und wir dürfen seinen Sohn beim Wort nehmen, der uns einlädt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ Amen.

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  „Siegesfeier“

„Siegesfeier“

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.10.2023

„Siegesfeier“, dieses Stück von Max Reger wird uns Kantor Robin Hlinka zum Beschluss des Mittagsgebetes zu Gehör bringen. Es stammt aus einem siebenteiligen Zyklus, den Reger in den Jahren 1915 und 1916, also während des Ersten Weltkrieges, geschrieben hat. Es gehört zu seinen letzten Werken. Reger starb im Mai 1916 mit nur 43 Jahren.
Die Siegesfeier ist neben einem grandiosen Orgelwerk aber auch ein Stück Zeitgeschichte und ein Spiegel des damaligen Zeitgeistes. Reger komponiert es mit klarem Bezug auf den in Europa tobenden Krieg und verbindet den Choral „Nun danket alle Gott“ mit der Deutschen Nationalhymne, die nicht nur irgendwie in verspielten Andeutungen zu hören ist, sondern die klar und strahlend das Werk beschließt. Was Reger damit zum Ausdruck bringen will, ist klar: Gott möge dafür sorgen, dass die kaiserlichen deutschen Truppen den Krieg gewinnen.
Was war das für eine Haltung, die Reger und seine Zeitgenossen vor nunmehr über 100 Jahren an den Tag legten? Waren sie Patrioten, also ihr Vaterland liebende Menschen, die aber durchaus Achtung und Respekt auch den anderen Staaten Europas entgegenbrachten? Oder war es Nationalismus, der alles andere außer der eigenen nationalen Identität verachtet? Die Grenzen zwischen beidem sind fließend.
Der Erste Weltkrieg ging verloren und es gab für Siegesfeiern wenig Anlass. 27 Jahre später kapitulierte Deutschland erneut. Das beendete den Zweiten Weltkrieg, doch die Bewertung dieses Kriegendes ist eine andere. Ja, der Krieg war verloren, doch trotz der militärischen Niederlage hatte Deutschland die Befreiung vom Nazi-Terror gewonnen.
Ist das Grund genug für eine Siegesfeier? Grund genug, Gott dafür zu danken, ist es, wie ich finde, allemal. Denn die Niederlage von Nazi-Deutschland war gleichzeitig eine Niederlage von Rassismus und Judenverfolgung und ein Sieg für Menschenrechte und Menschenwürde.
Immer wieder wurde und wird Gott darum gebeten, in Kriegszeiten den eigenen Truppen beizustehen und ihnen zum Sieg zu verhelfen. Ich glaube, dass Gott darauf nicht hört. Es sind Versuche, Gott für sich selbst und gegen andere zu vereinnahmen, das Töten der feindlichen Soldaten sozusagen mit einem göttlichen Beistand zu rechtfertigen.
Doch dazu wird Gott nicht bereit sein. Er steht auf der Seite der Menschen und das ganz unabhängig davon, welche Uniform sie tragen. Er ist ein Gott des Friedens und der Liebe und er wird sich niemals instrumentalisieren lassen und sich auf eine nationale Seite schlagen. Er wird dabei sein, wenn wir den Sieg der Freiheit über die Unterdrückung freien, den Sieg des Friedens über Krieg und Gewalt, den Sieg des Lebens über den Tod.
Und so sei der Friede des Herrn mit den Menschen auf dieser Welt und mit uns allen. Amen.

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  Vertrauen

Vertrauen

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.10.2023

„Festes Überzeugtsein von der Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit einer Person oder Sache“, so beschreibt der Duden die Bedeutung von Vertrauen. Das klingt sehr hölzern, wenn man sich vor Augen führt, wie wichtig, ja wie lebensnotwendig das Thema „Vertrauen“ ist. Wir brauchen Menschen in unserem Umfeld, denen wir vertrauen können, bei denen wir wissen, dass sie es gut mit uns meinen, bei denen wir uns darauf verlassen können, dass eine gemeinsame Basis da ist.
Zu einer solchen Basis gehört ein gemeinsames Werteverständnis und daraus abgeleitet verlässliche Regeln und Standpunkte. Da muss ich nicht erst klarstellen, dass man sich gegenseitig die Wahrheit sagt. Da muss ich nicht erst im Vorfeld vereinbaren, dass man die Würde anderer Menschen uneingeschränkt achtet und ihnen in Respekt begegnet. So etwas ist dann stillschweigender Konsens und wenn diese Grundlagen da sind, kann daraus Vertrauen erwachsen als ein stabiles Fundament für mehr.
Zwischen Menschen, die einander vertrauen, können Freundschaften entstehen, gute und offene Beziehungen, in denen man sich austauschen kann, ohne jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen. Das Vertrauen macht das möglich. Solche Menschen können Ankerpunkte sein, die mir Sicherheit geben und Angst nehmen, weil ich weiß, dass sie verlässlich da sind, auch, wenn es mir mal nicht so gut gehen sollte. Alles in allem ist es ein großes Geschenk, wenn ich mit Menschen verbunden bin, denen ich vertraue.
Doch es passiert auch immer wieder und in jedem Leben, dass Vertrauen erschüttert, enttäuscht oder sogar zerstört wird. Das passiert zum Beispiel dann, wenn sich jemand von den gemeinsam für richtig empfundenen Werten verabschiedet, wenn auf einmal der persönliche Egoismus über das Wohl anderer gestellt oder deren Schwachheit zur Erreichung der eigenen Ziele missbraucht wird.
In solchen Fällen kollabieren Beziehungen, zerbrechen Freundschaften und es bleiben schmerzhafte Fragen: Wie konntest du das nur machen? Wie kannst du das vor dir selbst verantworten? Was muss passieren, damit du mich genauso behandelst?
Was bleibt, sind oftmals tiefe und quälende Wunden, die nur sehr langsam heilen. Was bleibt, sind Verunsicherung, Enttäuschung und Trauer. Was bleibt, ist vielleicht sogar ein Rückzug aus anderen Beziehungen, aus Angst, noch einmal so verletzt zu werden.
Gut zu wissen, dass wir uns auch und gerade in solchen Situationen an unseren Gott wenden können, der uns zuhört, der uns versteht und der uns trösten will. Gott um Hilfe zu bitten, ist immer eine gute Option. Und vielleicht gelingt es ja sogar, nicht nur für uns selbst zu bitten, sondern auch für den Menschen zu beten, der uns enttäuscht hat. Das nimmt Last von den Schultern – spürbar und nachhaltig. Amen.

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  In Gottes Hand

In Gottes Hand

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.10.2023

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Dieses Sprichwort will mit einem Augenzwinkern darauf hinweisen, dass der Ausgang eines Gerichtsverfahrens durchaus eine Überraschung sein kann und dass recht zu haben und recht zu bekommen zweierlei Paar Schuhe sind. Das mag durchaus so sein, doch dass man sich vor Gericht nun in ganz besonderer Weise in Gottes Hand befindet, würde ich bestreiten. Wir sind immer in Gottes Hand, vor Gericht und auf hoher See genauso wie zu Hause auf dem Sofa.
Allerdings kann ich gut nachvollziehen, dass man sich auf hoher See tatsächlich eher daran erinnert, in Gottes Hand zu sein. Meine Hochseeerfahrungen beschränken sich zwar zugegebenermaßen auf seine Reihe von Überfahrten zwischen Cuxhaven und Helgoland, dennoch kann man auch dabei dieses besondere Gefühl und diese besondere Stimmung erleben, die ein Meer ausmacht. Denn wenn man so auf der Hälfte der Strecke auf dem obersten Deck steht, kann man tatsächlich nur die Nordsee sehen, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt und sich gerade im Winter grau und kalt und aufgewühlt präsentiert.
Ja, man braucht keine Angst zu haben, denn das Schiff ist sicher und doch weiß man, dass diese Naturgewalt der Nordsee bei Windstärke 8 größer ist als man selbst. Das macht demütig und dankbar gleichermaßen und es erdet, denn bei mir relativiert so ein Blick auf das bewegte Meer so einiges, stutzt die Bedeutung von so manchem Problem zurecht und schafft ein Gefühl von Freiheit.
Seit ein paar Jahren haben unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden die Chance, ihre eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Seefahrt zu machen. Eine Woche lang ist unsere Konfi-Flotte auf kleinen Segelschiffen auf dem Ijsselmeer unterwegs, um sich gemeinsam auf die Konfirmation vorzubereiten, gemeinsam zu singen und zu beten, gemeinsam klar Schiff zu machen und gemeinsam Spaß zu haben.
Das Ganze, liebe Eltern, wird begleitet von erfahrenen Teamerinnen und Teamern, begnadeten Köchinnen und Köchen, empathischen Pfarrern und seefesten Skippern, so dass die Vorfreude von keinerlei Bauchgrummeln getrübt sein muss.
Und Gründe zur Vorfreude gibt es wahrlich für alle Beteiligten: Die Konfis haben die Gelegenheit, in einer ganz besonderen Atmosphäre über ihren Glauben nachzudenken und sich mit anderen darüber auszutauschen und die Eltern haben eine Woche sturmfreie Bude.
Und um noch einmal zum Anfang zu springen: In Gottes Hand sind dabei alle, die Weggefahrenen und die Hiergebliebenen, die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen und somit auch Sie und Ihr und ich. Denn Gottes Liebe reicht, so weit der Himmel ist und seine Treue so weit die Wolken ziehen. Amen.

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  Täter und nicht nur Hörer

Täter und nicht nur Hörer

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.10.2023

Über dem heutigen Tag heißt es aus der Apostelgeschichte: „Gott hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt.“ Ja, das ist wohl so! Wir haben Erntedank im Rücken und haben genau diese göttliche Großzügigkeit gefeiert und dafür gedankt. Ich finde, dass es tatsächlich immer wieder dieser Vergegenwärtigung bedarf, was wir alles aus Gottes Hand empfangen haben und auch weiterhin empfangen. Denn es handelt sich ja nun wirklich nicht um eine Einmallieferung. Gottes Gnade und Barmherzigkeit und Liebe werden uns jeden Tag aufs Neue zuteil.
Diese Erkenntnis ist gleichermaßen erfreulich wie beruhigend. Es ist für uns gesorgt, von höchster Stelle, nachhaltig und verlässlich. Das könnte uns als Christenmenschen nun auf die Idee bringen, mal ganz grundsätzlich einen Gang herunterzuschalten, den lieben Gott den guten Mann sein zu lassen, der er ja ganz offensichtlich ist, und einfach mal die Beine hochzulegen. Wir haben uns beim Herrn vor drei Tagen ja überschwänglich bedankt. Das reicht fürs kommende Jahr erstmal.
Gestern war Tag der Deutschen Einheit und wir haben uns auch hier im Dom daran erinnert, dass vor 33 Jahren Menschen sich in einer friedlichen Revolution aus einer Diktatur befreit und so den Zusammenschluss beider deutschen Staaten ermöglicht haben. Mehrere Hunderttausend Menschen haben damals viel riskiert, um ihr weiteres Leben in Freiheit führen zu können und auch die Kirchen haben in der DDR dabei eine beachtliche Rolle gespielt. All das war ganz weit weg von „Beine hochlegen und einen Gang runterschalten“.
Der Oktober steht unter einem Wort aus dem 1. Jakobusbrief und dieser Apostel schreibt auch uns hinter die Ohren: „Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“ Ja, es ist gut, auf Gottes Wort zu hören. Es gibt uns Trost und Zuversicht und die Gewissheit, dass wir von Gott gewollt, geliebt und angenommen sind. Gott ist uns Schutz und Schirm vor allem Bösen und Kraft und Hilfe zu allem Guten.
Doch diese wunderbare Gewissheit soll uns nicht dazu motivieren, uns gemütlich zurückzulehnen. Vielmehr fordert uns Jakobus auf, zu Tätern von Gottes Wortes zu werden und diese Welt so mitzugestalten, wie Gott sie für uns gedacht hat. Täter des Wortes zu sein, heißt für mich, dafür einzutreten, dass christliche Werte unser Zusammenleben bestimmen. Es bedeutet, nicht zu schweigen, wo Menschenwürde und Menschenrechte unter die Räder zu geraten drohen. Und es bedeutet, Gottes Wort immer wieder Gehör zu verschaffen.
Es ist gut, dass Erntedank und der Tag der Deutschen Einheit so dicht beieinanderliegen. Denn das macht deutlich, wie reich wir von Gott beschenkt sind und welche Kraft er in uns Menschen legt, um diese Welt zum Guten zu verändern. Gott traut uns etwas zu, machen wir was draus – mit seiner Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  3. Oktober – Einigkeit und Recht und Freiheit

3. Oktober – Einigkeit und Recht und Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.10.2023

Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! 1841 hat Hoffmann von Fallerleben diese Zeilen auf der Insel Helgoland geschrieben, die zu der Zeit britische Kolonie war. Es ist der Beginn der dritten Strophe des „Liedes der Deutschen“ und noch heute unsere Nationalhymne. Tatsächlich war es als Protestlied verfasst, Protest gegen die Ansprüche Frankreichs auf die linksrheinischen Gebiete Deutschlands.
Dabei sind die Werte, die von Fallersleben proklamiert, ohne Zweifel erstrebenswert. Einigkeit, Recht, Freiheit – wenn diese drei zusammentreffen und von allen anerkannt sind, kann eine Gesellschaft gut funktionieren. Sie sind des Glückes Unterpfand, wie es weiter heißt. Und es sind auch christliche Werte, wie ich finde.
Schon Paulus schreibt von der Einigkeit in Vielfalt. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“, stellt er in seinem Brief an die Galater fest. Und dass Freiheit dort zu finden ist, wo der Geist des Herrn weht, hat der Apostel ebenfalls treffsicher formuliert. Und wenn Sie in der Bibel nach den begriffen „Recht“ und „Gerechtigkeit“ suchen, kommen Sie ganz locker auf weit über 700 Treffer.
Möglicherweise hatte sich Hoffmann von Fallersleben auch von diesen biblischen Quellen inspirieren lassen, doch er wollte ganz sicher kein Lied zum Lobe Gottes schreiben. Es ging ihm darum, die Menschen wachzurütteln, ihnen vor Augen zu führen, dass etwas in Gefahr war, dass durch die französischen Gebietsansprüche eine negative Entwicklung drohte, die Deutschland nachhaltig schädigen könnte.
Heute besteht keine akute Gefahr, deutsches Territorium zu verlieren. Und dennoch wächst eine Gefahr in unserem Land. Sie richtet sich aber nicht gegen unser Staatsgebiet, sehr wohl aber gegen die Form unseres Zusammenlebens. Es sind rechte Demokratiefeinde, die in unserem Land mit beängstigendem Tempo an Einfluss und Bedeutung gewinnen. Sie tragen die Werte Einigkeit, Recht und Freiheit zwar vor sich her, beabsichtigen aber etwas ganz anderes.
Statt Einigkeit setzen sie ganz bewusst auf Spaltung. Und Recht und Freiheit soll es zwar geben, aber bitte nur für jene, die ihr oft menschenverachtendes Weltbild teilen. Und dazu muss man eben die Stimmung gegen alle Migranten anheizen, Kinder mit Behinderungen aus den Regelschulen vertreiben, unser parlamentarisches System verächtlich machen, freie journalistische Berichterstattung erschweren und stattdessen Lügen und Verschwörungstheorien verbreiten.
Bei immer mehr Menschen fällt all dies auf fruchtbaren Boden. Und wenn der katholische Augsburger Bischof Meier relativierend darauf hinweist, dass sich diese Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ja schließlich auch gegen Abtreibung und gegen gleichgeschlechtliche Eheschließungen ausspräche und damit ja auch gute konservative Ziele verfolge, zeigt das, wie schnell wir selbst als Kirche in gefährliche Fahrwasser geraten können.
Wir feiern heute, am Tag der Deutschen Einheit, dass sich Menschen in einer friedlichen Revolution aus einer Diktatur befreit und auf den Weg Richtung Demokratie gemacht haben. Ihnen waren Einigkeit und Recht und Freiheit so wichtig, dass sie dafür hohe Risiken auf sich genommen haben. Die Kirche hat damals eine wichtige Rolle innegehabt und sie ist heute in der Verantwortung, gegen alle, die unsere Einigkeit und unser Recht und unsere Freiheit gefährden, klare Kante zu zeigen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Speise zur rechten Zeit?

Speise zur rechten Zeit?

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.10.2023

Es ist unübersehbar, gestern haben wir Erntedank gefeiert. Es war ein fröhlicher Gottesdienst mit den Kinderchören unserer Domsingschule und einer großen Gemeinde und mit dem Blick auf diesen, von den Landfrauen wunderbar gestalteten Altarraum haben wir gemeinsam gesungen, gebetet und auf Gottes Wort gehört.
„Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Dieses Bibelwort aus dem 145. Psalm steht traditionell über dem Erntedankfest. Es wird oft als Tischgebet gesprochen und der dazu von Heinrich Schütz komponierte Satz hat es bis in unser Gesangbuch geschafft.
Ich hadere ein wenig mit diesem Psalmvers. „Aller Augen warten auf dich, Herr“, da kann ich noch mitgehen. Angesichts dessen, was auf dieser Erde gerade so alles nicht in Ordnung ist, würde man sich schon über ein regelndes Eingreifen Gottes freuen. Die Kyrie-eleison-Rufe in unseren Kirchen werden nicht leiser, ganz im Gegenteil! Herr, erbarme dich!
Doch der zweite Teil des Verses ist irgendwie sperrig. Denn gibt Gott tatsächlich den Menschen ihre Speise zur rechten Zeit? Wäre dem so, könnte es doch wohl keine Hungertoten in Afrika mehr geben? Die Zahl der Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort an Leib und Leben bedroht werden, wäre weitaus geringer und überhaupt gäbe es doch viel weniger Not und Elend auf dieser Welt, wenn Gott tatsächlich allen ihre Speise zur rechten Zeit gäbe, oder?
Unser Landesbischof hat gestern hier im Dom über die Speisung der 4000 gepredigt. Das ist diese Geschichte aus dem Markusevangelium, in der berichtet wird, wie ein paar Laibe Brot und ein paar Fische ausreichen, um diese große Zahl hungriger Menschen sattzumachen. Das Mittel der Wahl ist, das was da ist, gerecht zu teilen.
So banal und uninspiriert das auch klingen mag, aber es ist auch die Lösung für den Hunger in dieser Welt. Es ist genug für alle da, nur wir Menschen kriegen es einfach nicht hin, fair und gerecht zu teilen. Würde nur ein Bruchteil des Geldes, was in dieser Welt pro Jahr für Rüstung ausgegeben wird, in Ernährungsprojekte investiert – der Hunger auf dieser Erde wäre ein für alle Mal Geschichte. Und wenn die Menschen dann auch noch aufhörten, sich gegenseitig aus kaum nachvollziehbaren Gründen die Schädel einzuschlagen – wir hätten eine Welt, in der es sich für alle gut leben ließe.
Gott hat das Seine dafür längst getan, denn er hat uns allen unsere Speise zur rechten Zeit gegeben. Es ist alles da, was wir Menschen brauchen, um friedlich und fröhlich und ohne Not und Elend leben zu können. Es ist alles da! Wir müssen nur noch vernünftig damit umgehen. Gott hat uns in Christus gezeigt, wie das gehen kann. Amen.

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In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!