Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

Das Wort zum Alltag als App für Android™

Android ist eine Marke von Google LLC

Worte zum Alltag

  Kraftquelle

Kraftquelle

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.11.2019

Wenn ich zu Jahresbeginn mit meinen Konfis deren Konfirmationssprüche erarbeite, dann kündige ich ihnen diese als ihre ganz persönlichen Lebensworte an; als Worte, die sie dazu auserwählen über ihrem Leben zu stehen: als Ermutigung oder Schutzwort, als Segen oder als Weisheitswort, als Lob oder als Dank. Eines der Lieblingsworte, die alle Jahre wieder mindestens ein oder zwei Liebhaber finden, ist folgendes: „Die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ – Oft sind es Jungs, die sich für dieses Wort entscheiden. Und wenn ich die Konfis dann ihre Sprüche malen lasse, dann sehe ich nicht selten einen großen Bizeps. Kraft, Leistungsstärke, vielleicht sogar Heldentum – all dies scheint ihnen das Wort zu verheißen.

Nun endet unser heutiger Textvorschlag zur Friedensdekade auf genau jenem Wort.
Aber siehe, der Anfang, der ist überraschend anders und geht wie folgt:
„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes 40,28-31)

„Jünglinge werden müde und matt, Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren…“. Vermutlich ist es fast schon das Gegenteil dessen, was die Jungs sich erhoffen. Hier nämlich geht es zuerst um das Eingeständnis, dass menschliche Kraft ganz schön schnell ermüdet. Und wer kennt das nicht: So manche Aufgabe scheint doch wie eine Möhre, die dem Esel mit dem Stock vor die Nase gehalten wird. Er läuft und läuft, nur erreichen kann er sein Ziel nicht.

Friedensklima heißt es in diesen zehn Tagen zum Ende des Kirchenjahres. Und beschreibt darin gleich zwei Hoffnungen: den Frieden von Menschen untereinander und eine friedvolle Natur. Nicht selten erscheinen uns in unserem täglichen Handeln sowohl der eine als auch der andere Friede als nicht erreichbare Ziele. Wir können uns vielleicht vorstellen, wie eine Welt ohne Krieg und ohne Umweltmissbrauch aussähe, doch wissen wir nicht, wie sie zu erreichen sein könnten. Und selbst ein Land, so stark wie Deutschland, scheint in seinen Bemühungen regelmäßig wie der Jüngling zu ermatten und müde zu werden. Das heutige Bibelwort mahnt wie schon andere dieser Woche zu Vertrauen und Treue. Selbst wenn wir uns hilflos fühlen, gilt es, nicht aufzugeben. Warum? Weil Friede etwas zu Suchendes ist. Friede ist etwas Leises, etwas Freies, etwas, das wir Menschen uns als Traum im Herzen bewahren müssen. Ich für meinen Teil glaube: Je sanfter wir den Frieden suchen, desto mehr werden wir erleben, dass, wer sucht, auffährt mit Flügeln wie Adler, läuft und nicht matt wird, wandelt und nicht müde wird – und findet.

Download als PDF-Datei

  Echte Helden

Echte Helden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.11.2019

Für jeden Tag schlägt das Team der Friedensdekade einen biblischen Text vor. Der von heute überrascht. Es ist einer der mehr oder weniger strengen Gerichtstexte des Evangelisten Matthäus. Dort heißt es (Mt 10,40-42): „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird auch wie ein Prophet belohnt werden. Und wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird auch wie ein Gerechter belohnt werden. Und wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt, weil er mein Jünger ist, Amen, das sage ich euch: ein solcher Mensch wird ganz bestimmt seine Belohnung dafür erhalten.“

Do ut des. Wie du mir, so ich dir. Das scheint das Grundmuster dieser Worte Jesu zu sein. Puh. Denke ich. Denn meine Theologie ist das nicht. Und überhaupt: was hat das eigentlich mit dem Stichwort Friedensklima zu tun?

Geht es darum, dass sowas von sowas kommt, dass Freundlichkeit Freundlichkeit wirkt oder Umweltschutz Umweltheil? Für mich stelle ich fest, dass ich beim Lesen dieses Textes vor allem bei den Worten: „wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt …“, aufmerke.

Wie oft geht es in unserem Reden nicht um das große Ganze? Um dann resigniert festzustellen: Das Bisschen, das ich tun kann, das bringt doch sowieso nichts.

„Wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt“, heißt es in der Bibel. Genau. Es geht um mehr als die ganz wichtigen, um die ganz großen Dinge. Es geht um das, was ich tun kann. Mir mag weder ein Prophet noch ein Gerechter begegnen, und weder bin ich der Wirtschaftsminister und für die Zeichnung der Waffentransporte zuständig noch Bundeskanzlerin mit Richtlinienkompetenz, aber die kleinen Dingen auf meinem Weg, in meinem Umfeld, die kann ich angehen. Oft ist es das scheinbar Unbedeutende, das Bedeutung hat: Dem Dürstenden ein Glas kühlen Wassers zu geben – das ist wichtig.

In Umweltfragen ziehe ich für mich also das Fazit, dass ich getreulich weiter versuche umweltbewusst zu leben. Mit meinem Fahrrad, mit meinen Stoffbeutelchen, mit meinem Klamotten Auftragen, mit meiner Bevorzugung regionaler Produkte, mit meinem Versuch, möglichst wenig wegzuschmeißen, mit all meinen Tropfen auf den heißen Stein. Auch dann, wenn ich an der Wirkkraft meines Engagements manchmal zweifle. Aber wie hat schon Fanta Vier in meiner Jugend gesungen: „Wir retten die Welt, sag ich, und werd ausgelacht; doch wenn das alle denken würden, hätten wir’s schon längst gemacht.“

Wenn das mal nicht prophetisch ist;)

Download als PDF-Datei

  "Sieh zu, was du tust"

"Sieh zu, was du tust"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.11.2019

„Wir Wissenschaftler sagen seit 30 Jahren das Gleiche und bisher ist fast nichts passiert. Da wird es immer weniger realistisch, Ziele für die 2030er oder 2040er Jahre zu erreichen. Wichtiger als die Festlegung, welches Ziel oder welches Datum wir schaffen müssen, finde ich die Frage: Wie kann eine Gesellschaft in einer Demokratie dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern? Da sehe ich persönlich noch keine Antwort.“

Das sind Worte von Professor Dirk Notz, Klimawissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe „Meereis im Erdsystem“ am Max-Planck-Institut in Hamburg. Friedensklima heißt die diesjährige Friedensdekade und nimmt damit auf, dass Friede mehr braucht als freundliche Menschen, die sich vertragen. Eine der Auswirkungen des Klimawandels, so Notz, seien mit hoher Wahrscheinlichkeit Wetterextreme, also Hitze, Dürre und starke Niederschläge. Dies sei auch für die Landewirtschaft eine große Herausforderung. Denkt man seine Worte konsequent weiter, geht es also um die Ressourcen Wasser, Nahrung und Lebensraum. Ressourcen, um die schon viele Kriege geführt worden sind.

Seit 30 Jahren sei also nichts passiert, resümiert Notz trocken. Und die vielen Schülerinnen und Schüler, die sich der „Fridays-for-future“-Bewegung anschließen, fragen mit Recht, warum eigentlich Erwachsene sich nicht an Verträge halten, die sie einst geschlossen haben. Wie viel Gezerre um Umweltschutzmaßnahmen gab es nicht schon auf all den weltweiten Klimakonferenzen, deren Beschlüsse oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner fanden; und nicht einmal die wurden konsequent verfolgt. – Trotz der Bilder von Plastikinseln im Meer, von Bergen unseres Mülls, den wir nach Russland verkaufen, um ihn dort in Sibiriens Weiten abzuladen, von Flüssen, die Schaumbädern gleichen, Städten, denen unter Smog-Glocken die Luft wegbleibt und der Umweltnachrichten mehr.

Also: Warum halten wir uns nicht an die Verträge, von denen wir wissen, wie zukunftsrelevant sie sind? In der heutigen Erzählung zur Friedensdekade geht es auch um einen Vertragsbruch. Und der hat keinen anderen Grund als schnöde, kurzsichtige Gewinnsucht.

Nabal heißt der Vertragsbrüchige. Und David ist der Mann, gegen den er vertragsbrüchig wird. David, reizbar wie er ist, zieht daraufhin los und schwört dem Nabal blutige Rache. Verhindert wird dieses Blutbad durch Abigajil, Nabals kluger Ehefrau. An sie hatten sich die Männer Nabals gewandt, nachdem sie Zeugen dessen unglückseligen Handelns geworden waren. Ihr Bericht endet mit den Worten (1. Sam. 25, 17): „So bedenke nun und sieh zu, was du tust.“ Abigajil ahnt, was kommen wird, und entschließt sich um ihrer aller Überleben willen, dem David entgegen zu gehen. Sie erfüllt dem David den Vertrag übermäßig und bittet für ihren Mann um Entschuldigung. Der, erklärt sie, sei, wie er heiße: Nabal, zu Deutsch: ein Narr. – Nun, auch wir können so manche Narretei nicht mehr ändern. Aber wie Abigajil können wir bedenken und sehen, was zu tun ist.

Download als PDF-Datei

  Nicht verzagen

Nicht verzagen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.11.2019

Hongkong, 2019. Lina, 38, erzählt: „Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist zu einem Albtraum geworden…. 2014 war ich noch gegen die Proteste für Demokratie. Mir ging die Forderung der Regenschirmbewegung nach einem allgemeinen Wahlrecht einfach zu weit. … Im Großen und Ganzen war ich mit der Arbeit der Regierung zufrieden. / Die Attacke in Yuen Long hat mich und meine Freunde furchtbar enttäuscht. Ich habe keinerlei Vertrauen mehr in die Regierung oder die Polizei. Wir fingen deshalb an, die Proteste logistisch zu unterstützen. …. Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein. / Die Proteste haben mein gesamtes Leben verändert. Ich glaube, allen Hongkonkerinnen geht es so, egal, auf welcher Seite sie stehen. … Die Proteste haben auch großen Einfluss auf meine Arbeit in der Finanzindustrie. ... Für mich ist das in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass der Kampf für unsere Zukunft wichtiger ist als finanzielle Verluste. Aber ich muss auch sagen, dass es mir finanziell gut geht. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren eine Wohnung kaufen können. Jetzt besitze ich sogar mehrere, die ich vermiete. Ich habe diesen Wohlstand nicht mehr oder weniger verdient als andere oder die jungen Leute heutzutage. Ich hatte einfach Glück, früher geboren zu sein und schnell einen guten Job zu finden. / Viel schlimmer als die wirtschaftlichen Auswirkungen sind die psychischen: Ich bekomme die Bilder der Polizeigewalt, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen und die selber miterlebt habe, nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Tränengas rieche, sobald ich meine Augen schließe. Und ich mache mir permanent Sorgen um meine Eltern, weil sie in einer Gegend leben, in der die Polizei immer wieder Tränengas einsetzt.“

Die Journalistin Katharin Tai protokollierte für „Die Zeit“, was Menschen aus Hongkong heute von ihrem Alltag berichten. Veröffentlicht wurde der Beitrag am 11. November auf zeit-online. Als ich Kind war, da gehörte Hongkong noch zum British Empire. Im Fernsehen sah ich damals die Bilder, wo Menschen protestierten, weil sie sich vor dem fürchteten, was sich mit der neuen Staatszugehörigkeit für sie in ihrem Alltag ändern könnte.

An dem gerade zitierten Bericht geht mir nah, dass die Berichtende eine erfolgreiche Geschäftsfrau mittleren Alters ist. Es geht ihr nicht um Prinzipien, nicht um Gesellschaftsvisionen, sondern um ihr Entsetzen angesichts ihres Staates als Unrechtsstaat. „Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein“, konstatiert sie – und versucht mit sich selbst Kompromisse zu schließen: Wie weit kann, wie weit will sie gehen? Wäre ich an ihrer Stelle, mir ginge es wohl ähnlich.

Und doch tut sie mehr als nichts. Sie steht zu ihrem leisen, aber aufrechten Widerstand. Unser heutiger Bibeltext zur Friedensdekade zitiert den Brief des Timotheus an seine Gemeinde, der schreibt: „Der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr weckt er in uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ (2. Tim. 1,7)

Mögen dieser Gottesgeist jene stärken, die derzeit für Recht und Gerechtigkeit einstehen, und ihnen in ihrem friedlichen Protest zum Erfolg verhelfen.

Download als PDF-Datei

  Hasspredigten

Hasspredigten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.11.2019

Manchmal hängen Leute Zettel an unsere Schaukästen. Meist sind es nicht die klügsten Botschafter, die sich auf diese Weise Ausdruck verschaffen, weshalb wir die Botschaften auch nicht weiter kommentieren. In dieser Woche eine Ausnahme von der Regel:

Dieses Mal ging es um die Kritik am Bischof, weil dieser dazu einlädt, am 30. November im Mittagsgebet gemeinsam um Frieden zu bitten. Außerdem hat er angekündigt, sich auf dem Schlossplatz an der Abschlusskundgebung der Initiative „Bündnis gegen Rechts“ zu beteiligen und sich damit gegen all jene Stimmen in der AfD zu stellen, die Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder die hässlichen Seiten eines Nationalismus aufleben lassen, die wir vor 74 Jahren hinter uns zu lassen gehofft hatten. Besonders seltsam ist an dieser Kritik, dass unser anonymer Zettel-Schreiber gar nicht auf das eingeht, was der Bischof in seinem Bischofswort sagt, sondern er sich gegen einen Aufruf des Spiegel-Redakteurs Haznain Kazim wendet, der mahnt, sich gar nicht erst mit jenen auseinanderzusetzen, die die AfD wählen, sondern diese auszugrenzen und zu ächten. Zu diesen Votum kann man stehen wie man möchte. Christlich würde ich behaupten, dass überall da, wo Unversöhnlichkeit gepredigt wird, am Ende auch Unversöhnlichkeit steht. Aber zurück zu uns: Wir haben vor gar nicht langer Zeit einen Anschlag auf eine Synagoge erleben müssen, und täglich erleben wir sprachliche Ausfälle, die fassungslos machen. Gar nicht selten sind jene, die sich im Ton vergreifen, Mitglieder der AfD. Deshalb die berechtigte Frage: Wie stellen Christen sich dazu?

Wortwörtlich erklärt der Landesbischof, ich zitiere: „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinen. Christen sehen in jedem Menschen, egal, welchem Volk er angehört, ein Kind Gottes. Das gilt auch für die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Zu ihnen zählen die Flüchtlinge und Fremden.“ Die Schnittmenge mit dem „Bündnis gegen Rechts“ benennt er mit den Schlagworten „Gerechtigkeit, Wertschätzung, Gleichberechtigung und Solidarität“. Diese entsprächen einer Kultur der Aufmerksamkeit, die er als Bischof unserer Landeskirche unterstützen möchte. Sie brauche es nämlich, um unserem Land in seinen demokratischen und humanen Grundlagen verpflichtet zu bleiben. Ihm geht es also gerade nicht um Ausgrenzung oder Ächtung irgendwelcher Menschen, sondern um die Ablehnung konkreter Positionen, durch die Menschen zu Worten des Hasses oder gar zur Taten der Gewalt verleitet werden.

Nicht Hass predigen, sondern aller Hasspredigt, ganz gleich aus welchem Munde, widerstehen; dem Nächsten Nächster sein, Falschem und Gefährlichem laut und klar widersprechen – das ist christlich. Dem entspricht das heutige Bibelwort zur Friedensdekade. Es lautet (Eph 2,14): „Christus selbst ist unser Friede. Er hat aus den beiden Teilen eine Einheit gemacht und die Mauer niedergerissen, die sie trennte. Er hat die Feindschaft zwischen ihnen beseitigt, indem er seinen Leib hingab.“

Oder – auf heute übertragen: Weil wir Menschen in Christus durch das Opfer seines Todes Frieden haben, sollte zu keiner Zeit an keinem Ort kein Mensch dem anderen Feind sein, und die Mauern zwischen Menschen sollten endlich niedergerissen werden.

Download als PDF-Datei

  Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Pastor Henning Böger - 11.11.2019

Wer das Städtische Museum am Löwenwall besucht, der kann dort ein ganz passendes Kunstwerk zur diesjährigen Friedensdekade betrachten. Inmitten der Sammlung, die einst Bürger der Stadt zusammentrugen, findet sich - eher kleinformatig - ein Bild des Malers Carl Spitzweg. Der lebte im 19. Jahrhundert und wurde von seinen Zeitgenossen wegen seines humorigen Blicks auf die Ideale seiner Zeit geschätzt.
Auf seinem Bild im Städtischen Museum sitzt ein einsamer, alternder Wachsoldat auf der kanonenbewährten Zinne einer Festung. Vor lauter Langeweile hat er das Stricken begonnen, weil Frieden ist und kein Feind in Sicht. Das ist ein feiner, ironischer Blick auf alles Heroische und Kämpferische, das auch unsere Gegenwart wieder so sehr prägt. Wie gerne möchte man den Herrschenden unserer Tage, den Präsidenten und Despoten, ihre Waffenarsenale aus den Händen nehmen - und Strickzeug in dieselben legen.
Der Gedanke, dass Menschen den Krieg vor lauter Frieden glatt verlernen können, der spricht schon aus den die biblische Friedensvisionen. Eine besonders schöne kann man beim Propheten Micha nachlesen: Er sieht den alles überragenden Gottesberg,
auf den herauf nur noch Friedenspfade führen. Auf ihnen kommen die Völker der Erde zusammen. Niemand muss sich den Weg dorthin mit Gewalt erkämpfen! Nein, das Kriegsgerät hilft hier zum Leben: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“
So sieht es der Prophet Micha. Und in mir beginnen, die Bilder zu sprechen: Aus Schwertern werden Pflugscharen! Aus Kriegshelmen Kochtöpfe! Aus Gewehrläufen Orgelpfeifen! Aus Hellebarden Stricknadeln!
Wenn die Phantasie so zu malen beginnt, dann entsteht mit festem Strich eine neue Welt. Dann ist der Frieden nicht mehr ferne Zukunftsmusik, sondern er prägt unser Handeln im Hier und Jetzt. Damit das Friedensklima unter uns eine echte Chance hat.

Download als PDF-Datei

  Füße

Füße

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2019

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ So heißt es im 31. Psalm. Freiheit schwingt da mit und auch die Herausforderung, sich in die Weite zu wagen, den eigenen Schutzraum zu verlassen und der Offenheit etwas zuzutrauen. Gut, dass es andernorts in den Psalmen heißt: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Immer sind es die Füße die uns tragen, denen wir aber, solange sie nicht wundgelaufen sind, schmerzen oder stinken, allermeist nur wenige Gedanken gönnen. Es mag überraschen, aber in unseren Füßen haben wir mehr Sinneszellen als in unserem Gesicht. Vielleicht fühlt es sich deshalb so bestürzend ja sogar intim an, wenn andere uns die Füße waschen…
Füße sorgen für Stabilität, Gleichgewicht und Beweglichkeit. Tausende Schritte tragen sie uns, oft innerhalb weniger Tage. Zahllose Nervenenden spüren den Boden, jede Unebenheit. Beim Barfußlaufen merkt man erst wie zart unsere Füße sind …
Auch Füße sind Gottes Meisterwerke: Es konzertieren fast 30 Knochen, beinahe 30 Gelenke, 60 Muskeln, mehr als 100 Bänder und über 200 Sehnen. Unsere Fußsohlen dämmen jeden Schritt, denn sie beherbergen ein Fettpolster, das nicht verrutschen kann. Niemals treten wir mit der ganzen Fußsohle auf, sondern rollen bei jedem Schritt ab. So sorgt diese Technik für einen gleichmäßigen schonenden Gang. Das aber will gelernt sein. Kinder setzen noch mit der ganzen Sohle auf und es braucht seine Zeit, oft bis ins zehnte Lebensjahr, bis ihre Füßchen rollen. Darum braucht es gute Kinderschuhe.
Gerade Kinderfüßen sieht man am deutlichsten an, wie es um den Wohlstand einer Familie bestellt ist. Mit anderen Worten, wer Armut nicht lesen und erkennen kann, sollte sich Kinderfüße ansehen. Manche stecken in schweren schwitzigen Kunststoffschuhen, andere in schlecht sitzenden Sandalen oder Flipflops und wieder andere sind ganz barfuß. Letzteres ist an sich gar nicht schlecht; so sind wir Menschen ja gestartet. Allerdings hört das auf gesund zu sein, wenn Wege nicht aus Sand und Wiese bestehen, mit Laub gepolstert sind. Über Asphalt und Schotter kann kein Kind laufen ohne sich die Füße wundzustoßen oder zu verbrennen…
Darum möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die mit ihrem Kirchgeld dazu beigetragen haben, dass 300 äthiopische Kinder der German Church Shool in Addis Abeba neue gute Schuhe bekommen können. 6000,00€ sind zusammengekommen. Wir sind es nicht und müssen es auch nicht sein, die diese 600 Füßchen auf weiten Raum stellen, aber wir können dazu beitragen, dass das Loslaufen auf hartem und heißen Asphalt nicht wehtut und diese Kinder noch viele, viele Schritte gehen können.
Und für uns mag an diesem Vorabend des neunten November, der ein so bestürzendes und segensreiches Datum gleichermaßen ist, Richtlinie sein: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

Download als PDF-Datei

  Hier und dort

Hier und dort

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2019

„Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle.“ So heißt es über diesem Tag aus dem ersten Buch der Chronik und dazu gelegt wurde aus dem Johannesevangelium: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Ein großer Rahmen. Unbehaust hier und mit Wohnung dort, als wäre es nicht andersherum dringender. Unbehaust hier: würde jetzt noch die Rettungsweste in der Laterne hängen, läge es nahe die Zeilen mit Blick auf die vielen Flüchtlinge zu aktualisieren. Das Thema ist ja nicht erledigt im Gegenteil. Unbehaust hier: 30 Jahre nach dem November 1989 schwingt durch diese Zeilen mit, was die ostdeutsche Schauspielerin Jutta Wachowiak letzte Woche hier im Staatstheater erinnerte. Nach der Öffnung der Mauer und der Deutschen Einheit konnten (wir) Ostdeutsche überall hin, nur nicht mehr nach Hause.
Unbehaust hier aber geborgen und Zuhause dort. Worte also, die im Blick behalten, dass wir im Laufe unseres Lebens zu einem Ziel hin unterwegs sind. Wegworte, die erzählen vom Wandern durch die Lebenszeit, vom sich fremd fühlen und irgendwann heimkommen, von Einsamkeit und Geborgenheit.
Die alten Worte kommen aus der Wüste und ländlicher Gegend. Aber es fällt nicht schwer, sie in der Stadt zu hören, denn hier wird man eher nicht gekannt und schneller nicht vermisst als auf dem Dorf. Vielleicht deshalb hat das Pilgern in der Stadt inzwischen solche Konjunktur, denn man spürt dabei Wegen nach, die mit Sicherheit an Orte führen, die uns bergen und ein Ziel sein können, die ein Vorgeschmack auf die Bleibe dort sind.
In Zürich haben Kollegen eine App entwickelt, die Menschen dazu bringen soll, nicht einfach nur durch ihre Stadt zu laufen als wären sie Fremdlinge, die nirgends hingehören, sondern einlädt zu testen wie sich die Plätze, an denen man sonst nur vorbeiläuft, anfühlen, ob man aushält, dort wirklich länger anzuhalten, still zu sein. Zwischendurch gibt es kleine geistliche und musikalische Impulse. Am Ende, so ist die Idee, soll man einen Gedanken, der an diesem Ort entstanden ist, in die App tippen. 33 Tage schickt sie diese Eingebung zurück. So kommt man langsam an. Und nicht nur das: die Züricher erzählen, dass es allermeist ganz verdichtete Nachrichten sind, die in uns im Stillehalten gewachsen sind, fast wie ein Gebet.

Download als PDF-Datei

  Bedürftigkeit

Bedürftigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2019

Gestern verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass die bisherige Sanktionspraxis der Jobcenter, nach der Hartz-IV-Empfängern Bezüge gekürzt werden, so nicht beibehalten werden darf. Denn der „Mensch dürfe nicht auf das schiere Überleben reduziert werden“. Erwartungsgemäß ging sofort die Debatte über die soziale Grundsicherung mit neuer Lebendigkeit los und dies in einer Zeit, in der die Bundesregierung unter anderem über die Grundrente streitet. Zentraler Konfliktpunkt ist die Frage, ob Menschen ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen oder ob ihnen dieses Geld einfach zusteht, weil sie Mitglieder unserer Gesellschaft sind.
Den Debatten spürt man ab: es geht um mehr. Womöglich könnten Entscheidungen hier ja andere Prozesse lostreten, Überlegungen zum bedingungslosen Grundeinkommen zum Beispiel. Dabei stellt sich – neben vielen anderen und nicht nur wirtschaftlichen Aspekten – auch die Frage nach unserem Menschenbild (sind wir von Natur aus Faulpelze oder doch leidenschaftliche Gestalter?) und der Bedeutung bezahlter Arbeit für den Wert und das Ansehen eines Menschen. Sehr interessant ist auch der bisher unbezifferte Wert unbezahlter Fürsorge, die Kinder und Alte – mithin jede und jeder von uns irgendwann – erfahren.
Nach Karlsruhe wird neu nachgedacht und gestritten werden müssen, was Menschenwürde eigentlich bedeutet, wenn eine erwerbsunfähig ist oder seelisch krank, abhängig von Hilfe. Und vielleicht müssen wir auch neu darüber nachdenken, was uns die Arbeit von Polizisten und Kindergärtnern, Lehrern, Ingenieuren, Bäckern, Müllfahrern, Pflegerinnen, Reinigungskräften und Musikern wert ist.
In einem Gleichnis erzählt Jesus Christus von einem Weinbergsbesitzer, der im Laufe des Tages Arbeiter einstellt und am Ende zur Empörung derer, die den ganzen Tag gearbeitet haben, alle gleich bezahlt. Ganz aktuell bestätigt die alte Geschichte davon, dass das Auskommen derer, die nicht viel beitragen (egal, woran es liegt), strittig ist. Und er überführt die tüchtigen Erfolgsmenschen ihrer Hartherzigkeit mit der Frage: „Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“



Download als PDF-Datei

  Werde licht!

Werde licht!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.11.2019

November ist für viele Menschen eine wirkliche Herausforderung. Trübe graue Tage noch ohne adventliches Leuchten und Schimmern machen es manchmal wirklich schwer, guter Dinge zu sein. Rainer Maria Rilke hat gedichtet: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Man möchte ihm ein recht geben und schon kriecht Novembereinsamkeit ins Herz und in die Knochen. Und nicht nur das: November ist auch voller schwerer Termine: das Gedenken an die Pogromnacht, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Das Ende des Kirchenjahres markiert auch unsere Endlichkeit und menschlichen Grenzen.
November ist eine Zeit, um bei der Wahrheit zu bleiben.
November ist eine Zeit, um Dinge beim Namen zu nennen.
Egal, ob es Kriegsschuld ist oder nur Müdigkeit.
Aber nicht nur: Auch November ist gottgeschenkte Zeit, in der immer noch wieder etwas Neues und Besonderes möglich ist, in der Karneval gefeiert wird und Martinstag, in der Menschen sich verlieben, zum ersten Mal oder wieder neu, sich versöhnen und vertragen. Auch im November werden Kinder geboren, Talente entdeckt, fallen Mauern, wird Frieden geschlossen.
Darum ist es eine besonders glückliche Fügung, wenn gerade für einen eher dunklen Herbsttag in der der silbernen Herrnhuter Schale noch drin ist und denn auch gezogen wird: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“
Es scheint an uns zu sein, ja es scheint uns möglich zu sein, licht zu werden. Schöne deutsche Sprache! Dies „licht“ schreibt sich klein. Wir müssen nicht das Licht an sich, schon gar nicht das der Welt sein. Wir sind es nicht, die die Welt ausleuchten müssen, damit andere den Weg finden.
Aber wir können kleingeschrieben licht sein, hell und heiter, hoffnungsvoll und zuversichtlich, denn im Ende scheint schon wieder der Anfang auf.


Download als PDF-Datei

  Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.11.2019

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ Die Schriftstellerin Christa Wolf hat die Grenzen der kommunizierbaren Erinnerung beschrieben nicht ohne dennoch zu erzählen. Mir gefällt das, weil in diesen Worten so schön mitschwingt, dass es allermeist eben doch noch ganz anders gewesen ist, als es klingt und weil solche Weisheit Raum gibt, mit neuer Offenheit zu hören, wie Andere besondere Zeiten und Situationen erlebt haben. Wir alle erzählen ja je unsere Deutung und unser Urteil mehr oder weniger absichtlich mit – je nachdem, was das Erlebte für uns bedeutet hat.
Die Ereignisse im Herbst 1989 in Ostdeutschland machen das einmal mehr bewusst. Heute vor dreißig Jahren versammelte sich eine ungeheure Menschenmenge auf dem Berliner Alexanderplatz zur ersten genehmigten nichtstaatlichen Demonstration der DDR-Geschichte, die zu aller Überraschung sogar im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Es war für viele der wichtigste Tag der friedlichen Revolution obwohl dieser vierte November im allgemeinen Bewusstsein im Schatten des Mauerfalls fünf Tage später geblieben ist.
Wenn man aber denen zuhört, die damals auf Initiative einiger Theaterleute auf der Holzbühne ausgerechnet vor dem „Haus des Reisens“ standen – es sind viele bekannte Namen: Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Günter Schabowski, Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer … - dann erinnert man sich wieder, wieviel Mut und Zuversicht unter Menschen möglich ist. Inzwischen ist eine weitere Generation in unser gemeinsames Land gegangen und wie müssen wieder von vorn lernen, miteinander zu streiten, Demokratie zu üben, Frieden zu bewahren und dabei keinen Millimeter nach rechtsaußen zu rücken.
Die Tageslosung hieß damals aus dem Propheten Jeremia: So spricht der Herr: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Und im Hebräerbrief stand dazu: „Christus erlöste die, die durch Furcht vor dem Tod im Leben Knechte sein mussten.“ Das kann getrost auch über diesem vierten November stehen.


Download als PDF-Datei

  Fortschritt

Fortschritt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.11.2019

„Der philosophisch, politisch, technologisch und ökonomisch geprägte Begriff Fortschritt wird verwendet, um bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften als grundlegende Verbesserungen zu kennzeichnen. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand.“ So ist ein erster Versuch der Definition des Begriffs Fortschritt auf Wikipedia nachzulesen, bevor es dann lang und breit in die Tiefe geht.

Nun war ich am Reformationstag gottesdienstlich mit meiner Familie unterwegs. Thematisch handelte der Gottesdienst von der Frage, die Pilatus im Johannesevangelium stellt: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) Einer der Prediger formulierte, dass wir doch in vielen Kontexten die Wahrheit kennen würden, sie aber lieber verdrängten, weil sie eine Veränderung unseres Handelns erforderte. In der Umweltfrage z.B. wüssten wir, wie schädlich das Fliegen sei. Dennoch wäre trotz aller „Fridays for future“-Bewegung die Zahl der Flüge im vergangenen Jahr nicht gesunken, sondern gestiegen. Jetzt möchte ich gar nicht über Vor- oder Nachteile einzelner Bewegungsmittel diskutieren, stelle aber in den Raum, dass anscheinend unser Bedürfnis nach Mobilität grenzenlos ist. Der Fortschritt macht es möglich, so schnell wie noch nie zuvor reisen zu können. Und in unserer Leidenschaft für Bewegung sind wir bereit, diese Möglichkeiten zu nutzen. Angesichts des Gesamtergebnisses stellt sich nun die Frage: Ist diese Möglichkeit zu großer Mobilität wirklich ein Fortschritt?

Im Nachgang zum Gottesdienst zitierte mir jemand das recht trockene Zitat des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, der meinte: „Wenn man Abgrund steht, dann ist der Rückschritt ein Fortschritt.“ Angesichts vieler Nachrichten dieser Tage, scheint da viel Wahres dran zu sein. Und doch bleibt das tief verwurzelte Empfinden, dass Rückschritt oder Stillstand tatsächlich keine Lösung sind, wenn Fortschritt per Definition eine grundlegende Verbesserung meint. Wenn Sie mich fragten, worin eine Verbesserung dieser Gegenwart liegen könnte, dann antwortete ich Ihnen: in der Konzentration. Nicht die Mobilität an sich ist ein Problem, sondern die Masse der Mobilität. Nicht das Mobiltelefon an sich ist ein Problem, sondern die Menge der Zeit, die wir darauf verwenden. Nicht die verschiedenen Ansichten in einer Gesellschaft sind das Problem, sondern jene Unerbittlichkeit, die zu Kompromisslosigkeit führt.

Die Reformation suchte nach der Wahrheit Gottes für diese Welt, die es in der Wahrheit Christi allein fand. Alle Äußerungen kirchlichen Lebens, forderten sie, sollten sich an dieser einen Wahrheit messen lassen. Es war die Konzentration auf das Wesentliche, die die Reformatoren einforderten; auf das, was das Leben befördert, groß macht und seinen Wert herausstellt. Das ist mehr als die Suche nach dem persönlichen Wohlergehen. Das ist mehr als eine Messung des Fortschritts an Zahlen aus der Wirtschaft oder der technischen Entwicklung. Die Konzentration auf das Wesentliche ist zuerst eine geistige und aus Perspektive der Christin: geistliche Größe. – Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass wir derzeit in einer eher geistlosen Welt leben, sondern Konsequenz dessen, an welchen Kennzahlen wir den Fortschritt zu messen begonnen haben. Uns neu auf die Werte dessen zu konzentrieren, der einst sagte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), das erschiene mir, ganz ehrlich, als ein großer Fortschritt unserer Zeit.

Download als PDF-Datei

  Eine dreifache Schnur

Eine dreifache Schnur

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.11.2019

In den letzten drei Trauungen, die ich begleiten durfte, wählten alle Brautpaare zufälligerweise denselben Trauspruch. Er steht im Buch des Predigers und lautet (Koh 4,9f):

„So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm der andere auf. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

Den letzten Teil haben zwei der drei Paare weggelassen, weil er so fremd und unverständlich klingt. Da geht’s die ganze Zeit um wunderbare Zweisamkeit, darum, wie man sich als Paar verhält, zueinander steht, einander im Leben weiterhilft – und dann kommt da irgendetwas über eine dreifache Schnur. Was soll das sein? Und selbst jene, die die Bibel aufschlagen, um zu sehen, ob sich irgendetwas aus dem ergibt, was drum herum steht, werden enttäuscht. Diese Verse finden sich inmitten einer Sammlung von Lebensweisheiten. Und so bleiben wir in der Deutung auf uns selbst verwiesen.

Ich glaube, dass diese dritte Schnur neben jenen zwei Lebensfäden des Paares für den steht, von dem es heißt, dass er die Liebe ist. Gott selbst wirkt und webt das Leben von Menschen zusammen; so sie es denn zulassen und möchten. Und zwar nicht irgendwie als Zaubermittel, sondern indem Menschen sich gemeinsam vor Gott stellen und auf sich als einzelne und als Paar blicken. Meinem Paar heute habe ich deshalb ein Ritual vorgeschlagen: Wie wäre es, wenn sie regelmäßig in den Dom oder auch in eine andere Kirche gingen und dort eine Kerze entzündeten? Und wenn sie dann ein Gebet sprächen, in dem sie dafür danken, dass sie einander begegnet und gemeinsam auf dem Weg sind? Und zwar nicht nur dann, wenn die Liebe gerade heiß und fettig ist, sondern auch und gerade dann, wenn sie nur noch als Schatten ihrer selbst erscheint. Und was wäre, wenn die beiden dann im Anschluss hinausgingen und sich in ein Café setzten und einander zu erzählen begännen? Wie habe ich die letzten Wochen und Monate erlebt? Was wünsche ich mir von dir? Was du dir von mir? Worin kann ich dir aufhelfen und gegen welche Kälte dieser Welt solch ich dich wärmen? Und umgekehrt zu fragen: Hilfst du mir auf und wärmst mich da, wo mir das Herz kalt und schwer ist?

Wissen Sie, manchmal habe ich den Eindruck, dass Paare nach dem glücklichen Start in eine Beziehung irgendwann an dem Punkt sind, an dem die Partner jedem aufhelfen: den Arbeitskollegen, dem Betrieb, den Freunden, der Familie, den Kindern, dem Sportverein, dem Kindergarten, der Schule, wem auch immer, nur sich als Partner verlieren sie dabei aus dem Blick und helfen sich gegenseitig nicht mehr auf. Liebe, so besagt einer der biblischen Texte zur Ehe, braucht Pflege und Aufmerksamkeit. Und das geht am besten, indem man sich diese Liebe je und je neu bewusst macht. Als göttliches Geschenk, also dritter Faden, vor Gott und in der Partnerschaft.

Download als PDF-Datei

  Einfach vertrauen?

Einfach vertrauen?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.10.2019

In dem lebensklugen Film „Jenseits von Afrika“ gibt es eine eher bittere Szene, in welcher Karen Blixen und Denis Finch Hatton einander gegenübersitzen als sie ihn bittet, gefragt zu werden, wenigstens einmal im Leben, ob sie geheiratet werden möchte, wenn sie verspräche „nein“ zu sagen. Die Antwort lautet: „Dir einfach vertrauen???“ Sie kommt mit Redfordcharme und aller Nüchternheit. Er fragt nicht.
Einfach vertrauen? Vertrauen ist nicht einfach.
Heute standen gleich zwei Vertrauensgeschichten in unserer Zeitung: Die eine berichtet vom Ruhestand einer Person, die tatsächlich uneingeschränktes Vertrauen genossen hat: Sigrid Krampitz. Jahrzehntelang war sie Büroleiterin von Gerhard Schröder. Dass er ihr, wie sonst vielleicht nur noch Frank-Walter Steinmeier vertraut hat, war im Politikbetrieb ein seltenes und äußerst kostbares Gut und überlebenswichtig.
Die andere Geschichte erzählt von verlorenem Vertrauen. Eine Frau, die zu DDR-Zeiten nur ihren Vater hat, weil die Mutter sie nicht will und die Stiefmutter erst recht nicht, die diesem Vater vertraut, obwohl er sie schlägt und sie in der DDR zurücklässt als er die Chance hat, im Westen bleiben. Sie vertraut ihm, obwohl sie nach dem Versuch, die Ostsee zu durchschwimmen um zu diesem Vater zu kommen, im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck landet. Sie vertraut ihm, obwohl ihre Freunde und sie selbst immer wieder unerklärliche Schwierigkeiten mit dem DDR-System haben; einer nimmt sich deshalb das Leben. Sie vertraut, weil sie nicht anders leben kann und weil sie sich nicht vorstellen kann, dass solch bedingungsloses Vertrauen missbraucht wird. Viele Jahre später erfährt sie, dass der Vater sie und ihre Freunde bespitzelt und damit ein ordentliches Zubrot verdient hat. Die Stasiakte ist gnadenlos und das Loch, in das sie fällt, endlos tief. Von da an wird sie eine sehr lange Zeit nicht mehr vertrauen…
Vertrauen ist eine empfindliche leicht zerstörbare Sache.
Wem wir vertrauen, dem vertrauen wir uns an, dem liefern wir uns aus: „Dein Wille geschehe“ beten wir voller Verzweiflung, wenn Vertrauen in Menschen verloren gegangen ist und wir hoffen, dass das nicht das letzte Wort ist. „Dein Wille geschehe“ kriegen wir manchmal kaum über die Lippen, wenn Gottes Wege mit uns so schwer sind, dass uns fast unmöglich ist zu glauben, dass er es dennoch gut mit uns meint, dass wir ihm trotz allem vertrauen können. Ein Bibelwort, dass diesen tiefen Zwiespalt und die große Hoffnung, dass unser Vertrauen bei Gott gut aufgehoben ist, festhält, steht im 27. Psalm: „Ich glaube aber DOCH, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“ In diesem „doch“ ist alles drin. Wir können nicht einfach vertrauen, aber trotzdem.


Download als PDF-Datei

  Schaut hin

Schaut hin

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.10.2019

Dieser Tage wurde die Losung für den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt bekannt veröffentlicht: „Schaut hin“ wird das Motto sein, unter dem dann wieder Tausende zusammenkommen, Gottesdienst feiern, Musik machen, zuhören, diskutieren, Frankfurt entdecken.
„Schaut hin!“ Der dahinterliegende Bibelvers stammt aus dem Speisungswunder im Markusevangelium: „ Da nun der Tag fast vergangen war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Stätte ist einsam, und der Tag ist fast vergangen; lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? Er aber sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische.“
Es ist eine Abendgeschichte. Der Tag, das Leben, die Zeit sind weit vorangeschritten und es ist schon deutlich zu sehen, was dabei aus uns geworden ist. Das, was war, hat sich in unsere Gesichter eingegraben und unsere Umgebung geprägt. Vieles ist aus der Balance geraten. Aber noch immer sind wir Menschen, die einander suchen und brauchen, die essen und trinken müssen. Aber am Abend dieser Zeit sind die Ressourcen knapp geworden. So richtig kann sich keiner vorstellen, wie es weiter gehen soll. „Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben?“ fragen sie und darin schwingt mit: Lässt sich das immer noch lösen, wie bisher? Mit Geld? Sollen wir irgendwo anders suchen ob wir von daher holen können, was nottut? Wie überhaupt stellen wir uns das vor? Es ist doch absurd, fortzugehen und für eine solche Menschenmenge Brot kaufen zu wollen, selbst wenn das Geld da wäre…
Da hinein, spricht Jesus die Worte, die als Kirchentagslosung ausgesucht wurden: „Geht hin und seht nach! Schaut hin!“ Lasst Euch nicht einreden, es ginge nicht oder nur so oder so, sondern überzeugt euch selber! Lasst euch nicht einreden, dass Ihr am Ende seid! Schaut doch och mal genau hin, nehmt einander wahr und traut euch zu, gemeinsam einen Weg zu finden. Vertraut doch darauf, dass auch der Abend eine gesegnete Zeit ist.
Wir wissen, wie die alte Geschichte ausgeht: Sie finden fünf Brote und zwei Fische. Das scheint zu wenig zu sein. Das scheint, keine Lösung zu sein. Aber es reicht. Alle werden satt. Überfluss und Fülle kommen woanders her.



Download als PDF-Datei

  Anlauf nehmen und drüberspringen

Anlauf nehmen und drüberspringen

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.10.2019

Manchmal stehen wir in unserem Leben vor Mauern, solchen aus Beton und Stein, aber auch vor solchen aus Sorgen, Ängsten und Nöten. Manche davon sind nur niedrig und wir kommen gut aus eigener Kraft darüber hinweg. Andere sind so hoch, dass allein ihr Schatten alles Licht aus unserem Leben verdrängt. Darauf zu warten, dass diese Mauern schrumpfen, ist oft im Wortsinne aussichtslos. Hilfe ist notwendig, damit wir weiterkommen, damit wir darüber hinwegkommen, damit es weitergeht.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen,“ so heißt es im 130. Psalm. Ich habe dazu gleich ein Bild im Kopf von einem Menschen, der schwungvoll eine Mauer überwindet, ohne zu stürzen, mit zuversichtlicher Mine, überzeugt davon, dass er es schafft. Doch neben allem Bildhaften lohnt es sich, genauer auf das Bibelwort zu hören. Es heißt nicht: Mit Gott kann ich über Mauern springen, es heißt: mit meinem Gott. Es ist eben nicht irgendein Gott, der irgendwie von ganz weit weg auf die Menschen schaut – von so weit weg vielleicht, dass er den einzelnen gar nicht erkennt.
Nein, es ist mein Gott – Ihrer und Eurer und Deiner und meiner. Gott ist für mich da, ganz unmittelbar, höchstpersönlich und individuell. Und er kennt eben nicht nur die Sorgen der Menschen im Allgemeinen, nein er kennt das, was mich gerade jetzt ganz konkret bedrückt und was mir auf der Seele liegt. Gott kennt jeden von uns in- und auswendig und er weiß vielleicht besser über uns Bescheid, als wir selbst. Deswegen müssen wir vor ihm auch nichts versteckt halten, ja wir können vor ihm auch gar nichts versteckt halten, weil er es ohnehin schon weiß. Und so braucht uns vor ihm auch nichts peinlich zu sein, wir brauchen keine Angst davor zu haben, ausgelacht zu werden. Wir können mit ihm reden, über alles, ganz offen und immer.
Und ein weiteres ist wichtig, wie ich finde: Wir müssen springen. Gott trägt uns nicht über Mauern. Anlauf nehmen und losspringen, das müssen wir schon selbst. Aber er wird uns dabei helfen. Er wird uns Kraft geben und Hoffnung und Selbstvertrauen und mit all dem können wir es eben schaffen, über die Mauern zu springen, die wir in unserem Leben zu überwinden haben.
Und wenn‘s dann mal doch nicht klappen sollte, dann wird sich Gott nicht kopfschüttelnd von uns abwenden und uns als Versager abstempeln. Er ist ein Gott der neuen Chancen. Auch wenn wir gescheitert sind, wenn wir mal wieder so richtig großen Mist gebaut haben, Gott verzeiht, sieht uns freundlich an und sagt: „Na, das war jetzt keine Meisterleistung, aber Schwamm drüber, steh auf und versuch‘s noch mal. Ich helfe dir!“
Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Ich finde, wir könnten gut immer und überall einen Zettel mit diesem Hoffnungswort im Portemonnaie haben. Und vor der nächsten Mauer: Lesen, Anlauf nehmen und drüber springen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

Download als PDF-Datei

  absichtlich unabsichtlich plötzlich

absichtlich unabsichtlich plötzlich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.10.2019

Auf einem Büchertisch fand ich dieser Tage ein Buch von Zaeri Mehrdad und Nils Petersen. „Erzählte Bilder“ heißt es. Die beiden Männer, einer aus Schleswig-Holstein und der andere aus Isfahan erzählen zusammen.
Im Blätter und Stöbern bleibe ich hängen: ein Bild voller Sterne und warmen Farben, vielleicht ein Herbstabend zwischen Oliven. Eine Frau im goldenen Kleid oder doch ein Mann mit rotem Bart? Die Figur erhebt ihr Angesicht und versinkt zugleich in sich selbst.
Daneben ein Text:
„Und dann steht da plötzlich dieser Mensch, der einfach so dein Leben ändert. Einfach so und vielleicht ohne Absicht, absichtslos, doch nicht unbeabsichtigt. Einfach so steht da dieser plötzliche Mensch unbeabsichtigt und ändert dadurch dein Leben…
Stille, Schweigen, so als gäbe es kein Gestern und kein Geradeeben mehr…
So still ist’s plötzlich, und nicht vorgewarnt, so dass es keinen Schutz gibt. So dass es zu spät wäre, sich die Ohren vor der Stille zuzuhalten. Die Hände vor die Augen zu halten wollte nichts nützen, vor dem plötzlichen Erkennen und Erkanntwerden…
Wir atmen die milde Luft des plötzlichen Momentes, Luft die nie zuvor durch menschliche Lungen geströmt war. Luft, ganz unverbraucht, erfüllt mit Geist, der plötzlich weht, ganz ohne Absicht, unabsichtlich absichtlich. Und wir ändern unser Leben, weil wir erkannt sind und erkennen.“
Das muss eine Liebesgeschichte sein, denke ich.
Oder eine Gotteserfahrung?
Oder beides?
Jedenfalls ist ein Gewahrwerden, dass ich bin und angesehen werde, dass Gott mich ansieht und ich deshalb ein Mensch bin, geheiligt. „Du bist ein heiliges Volk, dem Herrn deinem Gott…“ heißt es in der Herrnhuter Tageslosung aus dem fünften Buch Mose. Aber dazwischen, darüber und mitten hindurch klingt das Hohelied der Liebe aus dem Korintherbrief: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“
Ich bin, weil ich gerade auf eine Liebesgeschichte gestoßen bin.
Wie gut, das es Büchertische gibt und man absichtlich unabsichtlich plötzlich versinkt und sich erinnert, was unser Leben eigentlich kostbar und schön macht…



Download als PDF-Datei

  Regina Jonas

Regina Jonas

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.10.2019

Gestern Abend lud die Jüdische Gemeinde hier in Braunschweig zum Neujahrsempfang ein. Das Jahr 5780 seit Erschaffung der Welt hat begonnen. Dass auf diesem Abend der Schatten des Anschlages auf die Hallenser Synagoge lag ist naheliegend und so war auch die Trauer, dass es nach wie vor nicht selbstverständlich ist, als Jüdin oder Jude in Deutschland zu leben, im Raum. Dies umso mehr als Gesa Ederberg, die Gemeinderabbinerin der großen Berliner Synagoge an der Oranienburger Straße, in ihrem Festvortrag nach Selbstverständlichkeiten für deutsche Juden im 21. Jahrhundert fragte. Sie erinnerte dabei an Regina Jonas, die fast vollständig vergessene erste Rabbinerin überhaupt,
Regina Jonas wurde 1902 in Berlin geboren und wuchs im Scheunenviertel, einem äußerst armen Viertel im Herzen der Stadt auf. Die Familie lebt streng religiös. Regina geht auf die jüdische Mädchenschule und fängt Feuer für die Grundlagen des Judentums. Schnell weiß und sagt sie auch, Rabbinerin werden zu wollen obwohl es das Amt nicht gibt. Als Regina Jonas Anfang der 20er Jahre Abitur macht, hat die Frauenfrage Hochkonjunktur. Es geht um das Frauenwahlrecht und Frauen an Universitäten. Sie studiert und schreibt 1930 eine spannende Abschlussarbeit mit dem Titel: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Bis sie ordiniert wird, gehen aber noch einmal fünf lange Jahre ins Land. Erst 1937, ein Jahr vor der Reichspogromnacht, bekommt sie endlich eine Stelle in Berlin. Sie wächst in ihre Berufung hinein und wirkt mit enormer Kraft tröstend und stärkend in dieser überaus dunklen Zeit. 1942 wird Regina Jonas mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt deportiert. Dort schreibt sie: „Unser jüdisches Volk ist von Gott in die Geschichte gepflanzt worden als ein gesegnetes.“ Und weiter: „von Gott ‚gesegnet‘ sein, heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage, Segen, Güte, Treue spenden.“ Am 12.10. 1944 wird sie Auschwitz gebracht und dort ermordet.
Ihr 75. Todestag und der Angriff in Halle fallen beinahe zusammen.

Download als PDF-Datei

  Was bedeutet Reformation für mich?

Was bedeutet Reformation für mich?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.10.2019

Heute in einer Woche ist in Niedersachsen frei. Der im letzten Jahr neu festgelegte Feiertag jährt sich zum zweiten Mal. Oder eben zum 502. Mal – je nach Perspektive. Wir also gedenken kommende Woche Donnerstag um elf Uhr mit einem Gottesdienst, in dem Prof. Dr. Dr. Christoph Markschies von der Theologischen Fakultät Berlin die Predigt hält, dass sich der Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg zum 502. Mal jährt. Reformationstag – nicht, weil an diesem Tag die Reformation durchgesetzt worden wäre, sondern weil sie an ihm mit einem ersten Schritt den Anfang genommen hat.

Nun hat die EKD anlässlich des Reformationstages 2019 weltweit in Lutherischen Kirche gefragt: „Was bedeutet Reformation in meinem Kontext?“ Herausgekommen sind zahlreiche Voten, in denen Menschen von dem schreiben, was ihnen die Reformation bedeutet. Mal eher persönlich, mal tatsächlich kontextuell. Ergeben hat sich ein buntes Bild, das erahnen lässt, wie sehr gesellschaftliche Kontexte das Christsein bestimmen. Dann aber wieder gibt es auch Haltungen, die uns Lutheraner, wie es scheint, weltweit einen. Zwei Voten möchte ich heute mit Ihnen teilen: Ein mich überraschendes – und eines, das mir aus dem Herzen spricht.

Das mich überraschende Votum stammt von der Chinesin Dr. Ying Gao. Sie erzählt, dass das Christentum in China mit der Politik der Religionsfreiheit nach der Kulturrevolution außerordentlich an Mitgliedern gewonnen habe. Dabei spräche viele insbesondere das Menschenbild an, und zwar, und jetzt folgt das Überraschende: „die Vorstellung des Menschen als Ebenbild Gottes“. Was auch immer das für die Menschen dort meint.

Der Beitrag mir aus dem Herzen stammt aus Papua-Neuginea von Frehda Wele. Sie schreibt: „Die Reformation ist sehr bedeutsam für mich und für meinen Glauben und mein christliches Leben. Wenn es die Zeit der Reformation in der Geschichte nicht gegeben hätte: / Ich würde nicht die Wahrheit wissen, die das Wort Gottes in der Bibel beschreibt. / Ich würde nicht verstehen was es bedeutet: "Erlöst durch die Gnade Gottes allein". /
Ich würde nicht glauben an den dreieinigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. / Ich würde einige Wege meines Lebens nicht verstehen, die ich Wunder nenne.
Mein Leben wäre heute völlig anders als es jetzt ist. / Außerdem erinnert es mich daran wie dieser Reformations-Funke schließlich bis zu meinem Inselstaat kam. Der Funke kam und hat ein Feuer entfacht, nur weil jemand vor 500 Jahren von Gott berührt wurde. Deshalb bin ich in der Lage, das Evangelium Christi und die gute Nachricht des Heils zu kennen. Die Reformation des allmächtigen Gottes begann mit Dr. Martin Luther, aber sie endete nicht in Wittenberg, sondern sie geht weiter durch das Leben von so vielen anderen. Daher glaube ich, dass die Reformation ein lebendes Wort ist, das im Laufe der Geschichte weiter zieht, es lebt und wird in Zukunft weiter leben.“

Download als PDF-Datei

  Was wirklich zählt

Was wirklich zählt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.10.2019

Veränderungen im Leben führen zu der Frage, was wirklich zählt. Was soll bleiben? Worum möchte ich kämpfen? Was brauche ich überhaupt zum Leben – trotz aller Veränderungen, die ja freiwillig oder unfreiwillig begegnen. Meiner Wahrnehmung nach ist es oft erst der Moment der Ruhe nach dem Sturm, in dem diese Fragen aufbrechen. Der Moment, in dem sich von außen denken ließe, jetzt seien die Dinge geordnet und das Leben könne weiter gehen. Nicht selten überrascht Menschen diese Krise nach der Krise. Schließlich schien doch alles geklärt…. Allein: das Herz ist langsamer als der Kopf, die Gewohnheit störrischer als der Veränderungswille und alte Gedanken erweisen sich als anhänglicher als erwartet oder erwünscht. Ganz ehrlich: aus dem Weg gehen kann man diesem Prozess nicht. Es bleibt nichts anderes, als diese Lebensphasen auszuhalten und sie bestenfalls als einen Läuterungsprozess im eigenen Werden zu verstehen.

Im 23. Psalm heißt es vertrauensvoll für solche Stunden (Ps 23,4): „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ – Auch hier gilt für den Beter: das finstere Tal lässt sich nicht umgehen. Es gibt keine Berghöhe, die von der einen Spitze zur anderen führte. Und stehen bleiben oder sesshaft werden lässt sich auf den Wegen des Lebens alternativ leider auch nicht. Sondern Tag für Tag schreiten die Stunden des Lebens voran und wir mit ihnen. Sie stellen uns vor Situationen. Sie fordern uns heraus. Sie schenken aber auch Zeit.

Von Dietrich Bonhoeffer sind folgende Worte überliefert: „Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt; wenn es Gott gefällt, uns überwältigendes irdisches Glück genießen zu lassen, dann soll man nicht frömmer sein als Gott und dieses Glück durch übermütige Gedanken und Herausforderungen wurmstichig werden lassen. Gott wird es dem, der ihn in seinem irdischen Glück findet und ihm dankt, schon nicht an Stunden fehlen lassen, in denen er daran erinnert wird, dass das Irdische nur etwas Vorläufiges ist und dass es gut ist, sein Herz an die Ewigkeit zu gewöhnen.“

Glück und Leid – das sind die zwei, die gleichermaßen zum Leben gehören. Wer im Glück steht, der tut gut daran, dieses Glück ausreichend wertzuschätzen und gleichzeitig nicht undankbar zu werden, wenn es ihm dann einmal nicht hold ist. Und wer Leid auszuhalten hat, der mag daran denken, dass es eine Möglichkeit ist, den Kopf zu senken und schön stetig auf die dunklen Füße im dunklen Tal zu schauen. Eine andere aber wäre, den Kopf zu heben und Ausschau zu halten nach jenem Gipfel, von dem her das Licht lockt. Und in dem guten Gottvertrauen eben jenes Beters des 23. Psalms zu wandeln, der sich behütet weiß durch Gottes Schutz und Schirm und mit den Worten schließt (Ps 23,6):
„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Download als PDF-Datei

  Füreinander

Füreinander

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.10.2019

In der letzten Woche ging ich mit einer Gruppe von Menschen spazieren. Wir unterhielten uns über Werte und Gesellschaft und die Aufgaben, die Kirche in alledem hat. Einer meiner Gesprächspartner formulierte dabei für uns Gegenwärtige: „Wie will man auch vermitteln, dass Menschen füreinander da sein sollten, wenn es fast immer nur noch um den einzelnen geht. Alles dreht sich um Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung. Auf Youtube und all den anderen Kanälen erzählen die Leute von sich und noch einmal von sich.“

Solche Meinungen neigen zur Pauschalität und werden für eine angemessene Gesellschafts¬analyse nicht reichen. Trotzdem erscheint mir der Hinweis, dass unsere Medienwirklichkeit vermuten lässt, dass wir gesellschaftlich zuerst egozentrisch unterwegs sind, berechtigt. Egozentrisch ist nicht egoistisch. Und erst einmal ist es ja auch etwas ganz Menschliches, wenn die einen Lust haben, sich in Szene zu setzen, und die anderen Lust haben, dem zu folgen. Ich selbst bin sogar richtiggehend begeistert, wenn ich mir bei irgendeiner Sache, die ich konkret tun möchte, aber nicht weiß wie, im Netz anschauen kann, wie andere es machen und ich so von ihnen lernen kann. Dass Menschen dabei mittels Werbung Geld verdienen, ist das täglich Brot, von dem sie leben. Das will ich ihnen gar nicht neiden. Problematisch finde ich eher, dass bestimmte Fragestellungen gegenwärtig nur noch wenig auftauchen. So gilt die Frage: „Was bringt mir das?“, als normal. Wird aber die Frage gestellt: „Was kann ich Dir Gutes tun?“, dann lautet die misstrauische Gegenfrage, warum und mit welchem Ziel das Gegenüber handelt.

Vielleicht zwei Assoziationen aus jüngerer Zeit: Wir müssen die soziale Schere zwischen arm und reich bekämpfen – aber geschieht das um des einzelnen Menschen willen, oder aber um den sozialen Frieden im Land zu sichern? Wir sind bereit Flüchtlinge aufzunehmen – aber tun wir das um ihrer Not willen oder braucht es dazu doch erst das Begleitargument, dass wir aufgrund des demographischen Wandels in unserem Land auch Arbeitskräfte aus anderen Ländern benötigen. Gewiss muss die eine Perspektive nicht gegen die andere ausgespielt werden. Es ist ja gut, wenn Gutes für Individuen auch Gutes für die Gesellschaft wirkt. Und doch bleibt der unschöne Verdacht, dass ein selbstloses Um-des-Nächsten-willen mehr und mehr aus dem Blick gerät. Kein barmherziger Samariter in Sicht, der auch ohne zu vermutenden Gewinn zur Hilfe bereit ist.

Aber vielleicht und sogar hoffentlich ist auch das viel zu pauschal und die Wirklichkeit noch einmal anders. Wahr aber bleibt für mich, dass dem Leben zum Gelingen dient, was als biblischer Vers aus dem Römerbrief über diesem Tag steht (Röm 14,19):

„Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“

Download als PDF-Datei

  Widersprüche?

Widersprüche?

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.10.2019

Wir leben in bewegten und bewegenden Zeiten, die Welt um uns herum und auch unser Leben werden immer komplexer und komplizierter. Vielfach hilft ein Blick in die Bibel, wenn wir nach Antworten suchen – einfach mal überlegen, wie Jesus wohl entschieden hätte oder was uns Paulus rät. Um Sie vor Frustrationen zu bewahren: Das, was Sie dort lesen, wird Ihnen helfen, Orientierung zu finden, die Entscheidungen müssen Sie dennoch selber treffen.
Doch vielleicht geht es Ihnen um grundlegende Fragen zu Ihrem ganz persönlichen Christ-Sein und was sich daraus für Ihre Lebensweise und Ihre Lebensführung so ableitet. Und dann blättern Sie durchs Neue Testament und lesen bei Jakobus: „Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ Den Satz kann man verstehen und er sagt: Wenn wir glauben, müssen wir auch danach handeln. Wenn Sie an dieser Stelle aufhören zu lesen, ist alles gut. Blättern Sie allerdings etwas weiter zum Galaterbrief des Apostels Paulus, dann finden Sie dort folgendes: „Wir sind zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben und nicht durch Werke.“ Das klingt ziemlich genau nach dem Gegenteil dessen, was Jakobus uns sagt und das kann und schon ratlos machen. Doch die beiden liegen gar nicht so weit auseinander, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Was Paulus kritisiert, sind unsere von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuche, uns unser Seelenheil zu erarbeiten, zu verdienen, zu erkaufen. Das funktioniert nicht, sagt er, denn Rechtfertigung vor Gott erhalten wir einzig und allein aus Gnade. Sie wird uns geschenkt, ist unverfügbar und eben auch unverdienbar. Das finde ich im Übrigen auch unglaublich entlastend: Ich muss nicht darauf spekulieren, durch irgendwelche Glaubensheldentaten vor Gott in einem besonders guten Licht dazustehen. Darauf kommt es – Gott sei Dank – nicht an. Und dem widerspricht Jakobus auch nicht. Er sagt vielmehr, dass wir gar nicht anders können, als unserem Glauben auch entspreche Taten folgen zu lassen. Aus unserem Glauben erwächst die Sammlung der Werte, die uns wichtig sind: Respekt und Wertschätzung gegenüber unseren Mitmenschen, Barmherzigkeit, Achtung vor der Schöpfung, Liebe.
Und dieses Wertesystem steuert doch auch, wie wir unser Leben leben, nach welchen Kriterien wir Entscheidungen treffen, was wir tun und was eben auch nicht. Wir handeln christlich, barmherzig, liebevoll, weil wir es für angezeigt halten, weil alle Alternativen für uns nicht passen, weil wir sonst gegen unsere Überzeugung handeln müssten. Wir sind so, wie wir sind, weil wir es gerne sind. Im täglichen Leben hat das ganz unterschiedliche Ausprägungen: Ein freundlicher und wertschätzender Umgang miteinander ist für mich, um mit Jakobus zu sprechen, ein Glaubenswerk. Menschen in Not zu helfen und sei es dadurch, dass man ein Schiff ins Mittelmeer schickt, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist für mich ein Glaubenswerk. Laut zu widersprechen, wo Minderheiten ausgegrenzt, Meinungsfreiheit beschnitten, alte, menschenverachtende Parolen wieder salonfähig gemacht werden sollen, ist für mich ein Glaubenswerk und Gott dankbar zu sein, für diese Welt, für meine Mitmenschen und für mein Leben, ist für mich ein Glaubenswerk.
Paulus und Jakobus sind sich diesbezüglich absolut einig und ich denke, wir haben die beiden verstanden. Die Umsetzung liegt nun an uns. Mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

Download als PDF-Datei

  Pforten sind eng aber nicht lang

Pforten sind eng aber nicht lang

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.10.2019

Martin Luther hat einen Großteil seiner Begabung und Kraft darauf verwendet, den christlichen Glauben aus den Sprachformen akademischer Theologe herauszulösen. Er wollte Worte finden, die uns Menschen, egal wie gebildet wir sind oder vielleicht sollte man eher sagen: egal, wie verständig wir sind, unmittelbar erreichen und leben helfen oder wo es Not tut, trösten.
Er wusste, dass man manchmal Worte braucht, in denen man sich bergen kann, weil unsere eigene Sprache sich als zu mager oder zu pathetisch erweist.
Gestern rief ein Freund an, der am Sterbebett seines Vaters saß.
Eigentlich ist alles klar. Ein erfülltes Leben kommt zuende. Er geht nicht weg, nur voraus. Und doch weiß man nicht mehr, was sagen und denken.
Martin Luther, der selbst an manchem Totenbett stand und dem über dem Sterben seiner beiden Töchter fast das Herz gebrochen ist, schrieb: „Wir müssen eine neue Rede und Sprache lernen … es geht nicht um eine menschliche, irdische Sprache, sondern um eine göttliche und himmlische. Darum sagte er, „dass es nicht gestorben heißt, sondern auf den zukünftigen Sommer gesät.“ Und auch, „dass der enge Gang des Todes macht, dass uns diese Leben weit und jenes eng erscheint“ obwohl doch die Himmel so viel weiter sind…
So schenkte er mit dem Reichtum seiner Sprache den Seinen Trost und hilft auch uns, wieder zu atmen, sprechen und beten zu können. Dabei war er überzeugt, dass sich singend leichter glauben lässt. Musik findet offenbar auf andere Kanälen in unser Herz, Verstand und Gemüt. Darum dichtete er, wenn ihm ein Glaubensinhalt für das Leben eines Christenmenschen besonders wichtig war, Lieder. Eben haben sie Töne seiner Liedversion des Vaterunsers gehört. Dort heißt er in der ersten Strophe – Sie haben den Text auf der Rückseite Ihres Programms – „Gib, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund.“
Das steht wie ein Vorzeichen. Worte und Bilder mögen altmodisch klingen. Aber sie sind deshalb auch unverbraucht und wirken unmittelbar. Sie erinnern uns, dass die engen Pforten dieser Welt und erst recht die am Ende des Lebens, - mit Martin Luther - wohl „eng sind aber nicht lang“.


Download als PDF-Datei

  Gerechtigkeit und Güte

Gerechtigkeit und Güte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.10.2019

In den Herrnhuter Losungen heißt über diesem Freitag aus dem Buch der Sprüche: „Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.“
Das klingt nach einem Erfolgsrezept für ein gelingendes Lebenswerk oder im Umkehrschluss nach einer Warnung. Es klingt nach einem Geländer für ein Leben hier auf Erden, dass nach menschlichem Maß ein gutes gewesen ist. Man wünschte sich, dass auch Boris Johnson und Donald Trump die Losungen auf ihrem Schreibtisch liegen hätten und sich darin morgendlich vergewissern würden, ehe sie daran gehen, ihr Lebenswerk umzusetzen.
Wer Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der …
Einer dessen Leben nicht in Ehre endete – und das mag viel mit einem falschen Gerechtigkeitsbegriff und deshalb fehlender Güte zu tun haben – war Erich Honecker.
Heute vor dreißig Jahren trat der Staatschef der DDR zurück.
Sein Leben hatte er dem Kommunismus verschrieben, einer politischen Idee, die Gerechtigkeit dann für erreicht hielt, wenn alle Macht in den Händen derer lag, die nur ihre Arbeitskraft besitzen: Arbeiter- und Bauernstaat hieß das. Solche Diktatur des Proletariats funktioniert nicht ohne Druck und Gewalt. Solches geht auf Kosten der Freiheit und Menschlichkeit oder altmodisch: der Güte.
Als Honecker vom Druck der Straße und aus den Reihen seiner Genossen gezwungen wurde, seine Ämter niederzulegen, war die DDR gerade vierzig Jahre alte geworden. Kaum eine Andacht während der Friedensgebete im Herbst 1989 verzichtete auf die naheliegende biblische Parallele. Man freute sich, dass nun die vierzigjährige Wüstenwanderung zuende sei und das Land, wo Milch und Honig fließt, in Sichtweite ist.
Im Oktober war damit noch nicht zwangsläufig die BRD gemeint. Manch einer ahnte schon, dass sich auch in der sozialen Marktwirtschaft Gerechtigkeit und Güte nicht immer küssen. Im Übrigen waren die innerdeutschen Grenzen noch dicht und schien eine demokratische und freiheitliche Version der DDR das realistischere Ziel zu sein.
Keinen Monat später fiel die Berliner Mauer, rückte die deutsche Einheit in den Bereich des Möglichen. Die Idee eines sozialistischen Staates auf deutschem Boden war gescheitert.
Für Honecker, der als Kommunist unter den Nationalsozialisten zehn Jahre inhaftiert war und nun den gesamten Ostblock zusammenbrechen sah, muss noch viel mehr in die Brüche gegangen sein als nur eine Staatsform. Sein Gesicht hatte sich mit dem Machtapparat einer menschenverachtenden Diktatur verbunden. Sein Hoffnungsbild einer besseren Welt hatte sich vollständig korrumpiert.
An diesem Freitag im Herbst 2019 liest sich diese Bilanz fast wie ein trauriger Kommentar zur Tageslosung. Man möchte ein mahnendes „nur“ voranstellen, das uns allen gilt: Nur „wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.“

Download als PDF-Datei

  Erinnern

Erinnern

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.10.2019

Im 5. Buch Mose heißt es: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. … Hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat …“
Diese Worte gehören zum Kernbestand des jüdischen Glaubens, jedes Kind kann sie auswendig. Sie sind Bekenntnis und Erinnerungskultur gleichermaßen. Wer solche Worte regelmäßig sagt oder hört, dem pflanzt sich ein, dass es nottut, nicht zu vergessen, wo wir herkommen und sich dankbar zu vergewissern, dass wir Gottes Geleit verdanken, wenn wir sicher und geborgen mit den Menschen, mit denen wir zusammengehören, die wir lieben, um einen Tisch sitzen können.
Wie oft haben jüdische Familien dies „Sch’ma Israel, Höre Israel“, in größter Not gebetet. Wie oft haben sie sich – auch in allerjüngster Zeit - erinnern lassen müssen, dass Gott ihr Volk gerettet hat und zugleich nicht sehen können, wo sich der rettende Weg dies Mal auftuen könnte.
Denn die alten Worte verklären Erinnerung nicht.
Ja, Erinnerung hilft, Strukturen zu erkennen, hilft, die Hoffnung zu stärken und das Gewissen wach zu halten, hilft aus den Erfahrungen derer, die vor uns waren, zu lernen. Aber sie zeigt auch, dass sich Geschichte nicht wiederholt, dass wir immer wieder neu, nach Wegen suchen müssen.
Dieser Tage haben wir hier auch mit Erinnerungsarbeit zu tun.
Der 14. Oktober wirkt dabei wie ein Katalysator.
Menschen erzählen von eigenen Kriegserlebnissen, den Alpträumen und der Ohnmacht angesichts immer neuer Bilder von Männern, Frauen und Kindern, die vor Bomben und Granaten flüchten, vor den Ruinen ihres Hauses stehen, mit dem, was sie auf dem Leib tragen auf die Flucht gehen.
Manchmal mag einem angesichts all dessen die bange Frage kommen, warum unser Gott nicht endlich Frieden schafft. Die Antwort ahnen wir: er bedient sich unserer Friedensfähigkeit. Darum sollten auch wir uns erinnern:
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. …


Download als PDF-Datei

  Herbst, Glück und Unglück

Herbst, Glück und Unglück

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.10.2019

Herbsttage erzählen auf eine unglaubliche Weise gleichzeitig von Vergänglichkeit und Freude, Glück und Unglück, der Begabung, einen besonderen Moment auszukosten und das Leben zu lieben.
Denn gerade im Oktober explodieren die Farben, schimmern gelb und gold, orange und rot vor blauem Himmel so intensiv, dass man sich vorzustellen beginnt, dass es auch im Himmel ein Bildbearbeitungsprogramm geben könnte. Herbst ist dann ein einziges Fest des Lebens und jede Dalienblüte ein leuchtendes Zitat.
Und schon am nächsten Tag liegen die bunten Blätter nass am Boden, zieht Regen einen grauen Schleier über alles, bleibt einem nichts anderes übrig als die Schultern hoch- und den Kopf einzuziehen, weil der Himmel weint.
Einer von den trüben Tagen muss es gewesen sein als Dorothee Sölle eine Vorlesung über das Glück zu halten hatte. Hinterher jedenfalls dichtete sie:
„In der der vorlesung geb ich mir mühe / das glück zu erklären /
von rechts und links / von oben und unten / von ost und west / kreis ich es ein / baue gatter und zäune / dass es mir ja nicht entwischt …
Schweigen wär besser / alle wörter sind löchrig / nur angesichts der herrschenden hungersnot / kriech heraus und geh los / die neue sprache zu finden / ach es tut weh um jeden / der nur das unglück erklärt / wissenschaftlich / ach es tut weh um jede / die nichts lernt als das.“
Tatsächlich. Vom Glück zu erzählen ist schwerer. Vom Glück zu erzählen scheint immer die Gefahr zu bergen, für ein sonniges unterkomplexes Gemüt gehalten zu werden. Dabei ist es ein Lebenselixier. Vom Glück zu erzählen und sei es nur, weil ein einzelner Moment sich warm anfühlt, macht uns empfänglich dafür, wieviel Gutes wir erfahren, macht uns dankbarer und zufriedener, hilft zuletzt durch graue Tage durch.
Und am Ende ganz am Ende, sagt dann eine: Ich hatte ein gutes Leben, es lag Segen drauf.



Download als PDF-Datei

  Wege

Wege

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.10.2019

Eine meiner Arbeitskolleginnen hatte vor ein paar Tagen ihr 25jähriges Dienstjubiläum und sie wurde zeitgleich auch noch 50. Zwei besondere Jahrestage, die da aufeinander gefallen sind und bemerkenswert eben auch deshalb, weil die Dienstzeit genau die Hälfte der gesamten Lebenszeit ausmacht. Meine Kollegin und ich, wir kennen uns schon über 20 Jahre und wir haben mal so Revue passieren, wem wir in dieser Zeit so alles begegnet sind – Kollegen, Chefs, Kunden. Es war wirklich spannend, die alten Erinnerungen wieder mal aufzufrischen und sich insbesondere die Menschen wieder ins Gedächtnis zu rufen, mit denen man so zu tun hatte.
Wenn wir über Menschen reden, woher sie gekommen sind, was für einen Beruf sie hatten, wo wir sie getroffen haben, dann benutzen wir gern die Worte Lebenslauf oder Lebensweg, die bildhaft beschreiben, wie wir so durch die Zeiten gehen. Mir gefällt dieses Bild, denn es zeigt nicht nur das individuelle Fortkommen, es macht auch deutlich, wie Menschen sich zueinander verhalten. Man kann es gut mit einer großen Landkarte vergleichen. Da kreuzen sich Wege, berühren sich für einen kurzen Augenblick, verlaufen vielleicht ein Stück parallel, es entsteht vorrübergehend Distanz oder sie entfernen sich dauerhaft voneinander, andere treffen sich und laufen nebeneinander, bis der eine dann irgendwann endet.
Es gibt diese Erzählung von Jesus, wie er mit einer Reihe von Menschen in einem Haus im Kreis zusammensitzt und mit ihnen redet. Draußen vor der Tür stehen Jesu Mutter und seine Geschwister, wie es die Bibel beschreibt. Als Jesus nun von jemandem darauf hingewiesen wird, dass seine Familie draußen auf ihn wartet, antwortet er ziemlich barsch: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?“ Und dann schaut er die Menschen an, die mit ihm im Kreis sitzen und sagt: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister.“
Zunächst klingt das wirklich fast befremdlich, wie Jesus hier seine eigene Familie abserviert. Und dennoch beschreibt er etwas, was auch uns immer wieder passiert. Wir Menschen begleiten einander unterschiedlich lange, unterschiedlich eng und in unterschiedlichen Rollen. Da gibt es den Lebenspartner, die Arbeitskollegen, die Freundin, den Kumpel, den Seelsorger, die Bekannte und die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und zu jedem Lebensweggefährten und zu jeder Lebensweggefährtin baut sich eine ganz eigene und einzigartige Beziehung auf, von der wir vorher niemals wissen, wie lang, wie intensiv und wie wertvoll sie wird – so auch in Jesu Leben.
Die Rolle der Geschwister, der Wegbegleiter wechselt immer mal wieder und ich bin fest davon überzeugt, dass darin auch Gottes Handeln auf dieser Welt und in jedem einzelnen Leben sichtbar und spürbar wird. Gott stellt uns Menschen an die Seite und manchmal auch in den Weg und es ist oft so, dass uns diese Menschen guttun, dass sie uns helfen, dass sie unser Leben bereichern. Nicht umsonst sagen wir manchmal: „Dich schickt der Himmel!“ Ja, wir können einander zum Segen werden. Ich glaube, dass es das ist, was Gott sich für uns gedacht hat

Download als PDF-Datei

  Kriegskinder

Kriegskinder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.10.2019

Vor einigen Jahren wurde in unser damaliges Haus eingebrochen. Wir kamen von einem Familienfest zurück und fanden alles, wirklich alles, vom Salatkopf bis zum Kinderbett durchwühlt und auseinandergerissen, Schränke ausgeleert, Schubladen ausgekippt. Nachdem die Polizei fort war, begann das Aufräumen und irgendwann waren alle äußeren Spuren beseitigt. Aber der Schreck saß tief. Die Angst, keinen Zufluchtsort zu haben, an dem nicht doch Böses einbrechen kann, lässt nur langsam nach. Bei unserer damals noch kleinen Tochter dauerte es Jahre…
Ich habe an ihr direkt erlebt, wie tief sich solche eine Erfahrung in Kinderseelen einbrennt, wie unvermutet und heftig die Angst wieder ausbricht, wenn durch irgendetwas Erinnerung ausgelöst wird. Dabei war es, wie gesagt, nur ein Einbruch. Keiner war zu Schaden gekommen. Es fehlten nur Schmuck und Geld. Das Haus stand noch.
Wie muss es also Kindern ergangen sein, die miterlebt haben, dass ihr Zuhause und ihre Straße, ihre Stadt und ihre Welt in Schutt und Asche gesunken sind, dass Erwachsene vor Angst den Verstand verlieren? Was geschieht mit Kindern, deren prägendes Erlebnis die grausige Ohnmachtserfahrung eines Krieges ist, dessen Wüten sie hilflos aufgeliefert sind?
Kaum vorstellbar, dass ein Mensch Lebenskraft und Lebensmut wiederfindet, wenn er Zeuge von solchem Ausmaß an Tod und Sterben geworden ist.
Kriegskinder haben ungeheures Leid und schreckliche Bilder in sich vergraben. Manche haben niemals darüber sprechen können. Kriegskinder haben sich durchgeirrt und durchgeschlagen, irgendwie weitergelebt. Sie sind es gewesen, die unser Land wiederaufgebaut haben. Sie sind unsere Eltern und Großeltern.
Die Kinder der Braunschweiger Bombennacht sind inzwischen alt geworden.
Sie haben das Leid dieser Nacht durch ihr ganzes Leben getragen.
Sollte das nicht endlich genügen?
Es scheint kein Ende in Sicht zu sein.
Ungezählte Kriege seither in Vietnam, Exjugoslawien, Ruanda, der Golfregion, in Gaza, Afghanistan und Syrien um nur einige zu nennen, haben Kriegskinder.
Sie alle mahnen uns, nicht aufzuhören, sich um Frieden zu mühen und für Frieden zu beten, nicht aufzuhören, in den Menschen, die zu uns kommen auch die zu sehen, die Opfer solch schrecklicher Tage geworden sind, wie er sich heute hier zum 75. Male jährt.

Download als PDF-Datei

  Widerstand?!

Widerstand?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.10.2019

Unsere Gesellschaft politisiert sich. Und das ist gut so, denn es wäre ein Irrglaube zu meinen, sich nicht zu verhalten wäre unpolitisch. Auch eine schweigende Mehrheit hat Macht zu dulden oder zu widerstehen. Anlass zu eigener Deutlichkeit gibt es genug: Klimaproteste, der drohende Krieg zwischen der Türkei und Syrien, der Angriff auf die Hallenser Synagoge, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlingsleid…
Hinzu kommt eine erhebliche Zahl von Politikern und Managern, die es mit der Wahrheit nicht genau nehmen, manipulieren, Vertrauen und Frieden verspielen.
„Suche Frieden und jage ihm nach!“ heißt es über diesem Jahr und das klingt nicht nach „Alles hat seine Zeit, Zeit zu schweigen, Zeit still zu halten…“ und schon gar nicht nach: „Zeit, Steine zu werfen, Zeit, Waffen zu schärfen.“
Wie dann? Das Alte Testament erzählt in dem politisch aufgeladenen und durchaus blutigen und gewalttätigen Buch Ester von den Möglichkeiten des Einzelnen: Da ist zunächst Königin Wasti. Sie soll sich im Rahmen eines Festes den Männern um ihren Mann darbieten. Wasti verweigert sich. Sie tut einfach nicht, was ihre Würde verletzt. Den Mächtigen macht Angst, dass sie Nachahmer finden könnte; darum wird Wasti verstoßen.
Ihr folgt die Jüdin Ester. Esters Vormund gehört zu den Angestellten des Hofes. Als ein neuer Günstling des Königs von ihm den Treueschwur verlangt, verweigert er sich. Er dient nicht einem Herrn oder einem System, wenn es mit seinem Glauben unvereinbar ist. Sein Widerstand macht den Mächtigen nicht nur Angst, er führt beinahe zu einem Pogrom.
Ester kann das drohende Blutbad vielleicht verhindern, wenn sie ein Gesetz bricht und unaufgefordert vor dem König erscheint und dort für ihr Volk bittet. Sie weiß, dass dieser Gesetzesbruch normalerweise lebensgefährlich ist. Aber sie widersteht der eigenen Angst. Sie widersteht auch der Versuchung, das Privileg einer geschützten Nische in Anspruch zu nehmen. Sie zeigt Gesicht und Haltung, riskiert ihre Unversehrtheit.
Widerstand hat viele gewaltfreie (!) Gesichter, so lehren es diese wenigen Kapitel: das stille Sich-Verweigern, das klare Sich-Bekennen, das Füreinander-Einstehen. Es ist immer gefährlich. Es kann immer bedeuten, dass unser Leben nicht so einfach weitergeht wie bisher.
Wir Menschen sind seither nicht anders geworden. Noch immer ist es nötig, dass wir uns entscheiden, wo wir mitmachen und wo wir widersprechen. Noch immer sind wir nicht allein. Noch immer ist unser Gott gerade in den Schwachen mächtig. Noch immer können wir gewaltfreien Wegen Wirksamkeit zutrauen! Denn so steht es über diesem Tag nach einer schweren Woche im 93. Psalm: „Mächtiger als das Tosen großer Wasser, mächtiger als die Wellen des Meeres ist der Herr in der Höhe.“


Download als PDF-Datei

  Zur Freiheit befreit

Zur Freiheit befreit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.10.2019

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ So steht es im Galaterbrief des Paulus und mag vielleicht wie eine sprachlich ungeschickte Dopplung klingen. Kann man Freiheit nicht einfach leben? Was bedeutet es, dafür befreit werden zu müssen?
Ich hatte dieser Tage Anlass der Frage nach der Freiheit nachzugehen. Wie frei bin ich eigentlich in meiner Haltung und Glaubensüberzeugung? Wie abhängig bin ich vom Wohlwollen der Menschen, die mich tragen? Wo hört Freiheit auf und beginnt Rechthaberei? Wo hört Rechthaben auf und beginnt Feigheit? Wie stark leben wir von der Anerkennung der Institutionen, bei denen wir uns verdingt haben? Wie abhängig sind wir von gesellschaftlichem Konsens?
Was verhilft zu wirklicher Freiheit?
Das ist, so lerne ich wieder neu, eine Frage, die nicht ein für alle Mal geklärt werden kann. Man muss sie immer von vorn durchbuchstabieren. Paulus markiert denn auch sehr klar, wo die Linie lang führt: „Allein seht zu, dass ihr nicht dem Fleisch Raum gebt sondern durch die Liebe einander dient.“ Meine Privilegien und Möglichkeiten auszuleben, meinen Status und Wohlstand zu schützen, hat mit dieser Freiheit von der Paulus spricht, wohl wenig zu tun. Paulus sagt ja sehr klar: Es geht um Liebe, um Andere.
Das zu leben ist schwer und oft schmerzhaft.
Immer wieder habe ich an dieser Stelle von Intellektuellen berichtet, die in türkischen Gefängnissen saßen. Asli Erdogan war eine von ihnen. Mesale Tolu eine andere. Letztere hatte für eine sozialistische Nachrichtenagentur gearbeitet. Nachdem bereits ihr Ehemann verhaftet worden war, wurde auch Mesale Tolu gewaltsam von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt und saß dann acht Monate mit ihrem kleinen Sohn in einer Istanbuler Haftanstalt. Nun hat sie ein Interview gegeben, „Gefangenschaft“ heißt es. Mesale Tolu und erzählt darin, wie es ist, wieder in Freiheit zu leben und sich dabei frei zu fühlen, wieviel Kraft es braucht, Stärke und Klarheit zu leben, die man tief drinnen nicht immer hat und es klingt, als wäre es einfacher, äußerlich gefangen zu sein als innerlich.
Das geht mir nach.
Paulus bohrt noch tiefer: „Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen?“ Wer? Wir selbst wahrscheinlich.
Mesale Tolu hat mit ihren Texten denen eine Stimme gegeben, die sonst nicht gehört werden. Sie hat Unrecht beim Namen genannt. Sie hat von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht, die es ermöglicht, sich zu entscheiden, für wen sie reden und schreiben will.
Sie ist eine Frau, zur Freiheit befreit. Ohne solche Menschen wie sie, immerhin das ist fraglos, geht Freiheit verloren.



Download als PDF-Datei

  Im Angesicht des Unendlichen

Im Angesicht des Unendlichen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 10.10.2019

„Ein paar Stunden später weckt mich die Ahnung, dass ich die Landschaft betrachten sollte. Ich ziehe den Vorhang weg, und was ich sehe, raubt mir den Atem: Das Flugzeug überfliegt gerade die Gipfel des Himalaya, deren strahlendes Weiß ausreicht, um das Dunkel zu erhellen. […] Ich klebe am Fenster, um diese verschneiten Riesen zu betrachten. Gesegnet sei die Nacht, die mir diese Betrachtung ermöglicht. Bei Tag hätte mich das gleißende Licht gezwungen, die Augen abzuwenden. Nun habe ich das Gefühl, einer Familie edler, regungsloser Blauwale auf einem Tauchgang zu begegnen, im unvollkommenen Dunkel der vorletzten Gründe, in dem man so viel besser sieht als in der scheußlichen menschengemachten Beleuchtung. / Ich betrachte diese Giganten mit umso größerer Begeisterung, als sie mich ignorieren. Sie beantworten meine Liebe mit wohlwollender Gleichgültigkeit von Meisterwerken. Das ist so göttlich, wie ein grandioses Buch zu lesen: Dem Text ist es egal, ob ich vor Begeisterung weine. Wie ich diese einsame Bewunderung liebe! Wie gut es tut, niemandem Rechenschaft legen zu müssen im Angesicht des Unendlichen! / Leider stimmt es nicht, dass keiner da ist: Ich bin da, und ich gebe nie Ruhe. Und schon mische ich mich wieder ein: ‚Schwöre dir, Amélie, dass du nie wieder Kummer oder gar Melancholie empfinden wirst; wer den Everest gestreift hat, hat dazu kein Recht mehr. Das Maximum, das ich dir von nun an gestatte, ist eine heitere Wehmut.‘ Ich schwöre. Dass ich dafür einen Eid leisten muss, beweist den Denkfehler. Ich zucke die Achseln. Der Himalaya ist immer noch da und beschützt mich.“

Amélie Nothomb schreibt all diese wunderbaren Sätze in ihrem autobiographischen Büchlein „Eine heitere Wehmut“. Für mich war es in diesem Jahr Urlaubslektüre. Und bei allem, was im Leben an Schwerem oder Herausforderndem begegnet, wünschte ich mir, diese ihre Ruhe des Augenblicks für mich gewinnen zu können. Alte Worte steigen auf in mir (Ps 104. 1+2+24):
„Lobe den Herrn, meine Seele. Herr, mein Gott, du bist sehr groß; in Hoheit und Pracht bist du gekleidet. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ Vielleicht haben ja einige von Ihnen erkannt, dass dies eben jener Psalm ist, der zum Erntedankfest gehört.

Nun also sitzen wir heute hier – und haben dieses schreckliche Attentat vom Mittwoch im Rücken. Und da ist der Himalaya, den das nicht stört, und da ist die Schöpfung, deren Wunder bleiben. Wissen Sie, ich glaube, es ist die Ruhe dieses Staunens, mit der ich betrachten möchte, was mich so unfassbar wütend macht in all meiner Hilflosigkeit. Ich will nicht vergessen und will mich erinnern, welche Wunder auf Erden zu finden sind, damit ich meinem eigenen Unfrieden nicht anheimfalle. Und will weiter an das Wunder glauben, dass aus der Ruhe der Anbetung ein Weg zu Barmherzigkeit, Güte und Frieden führt.

Download als PDF-Datei

  Mir graut es

Mir graut es

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 09.10.2019

Mir graut es, weil heute nur zwei Stunden Autofahrt von uns entfernt in Halle Menschen von Menschen erschossen wurden. Welch irre Gedanken mögen jene leiten, die vor ihre Haustür treten mit dem Ziel betende Menschen zu töten. Ganz gleich, welcher Religion.
Ich habe keine Lust, diese Mörder zu verstehen. Ich komme an meine Grenzen des Vergebens. Ich spüre, wie sehr mich diese Arroganz dieser Selbstgerechten anwidert. Mir graut es.

Heute ist Jom Kippur, der höchste Feiertag des Judentums. Und wissen Sie, was an diesem Tag gefeiert wird? Worin die höchste Anbetung unserer jüdischen Schwestern und Brüder besteht? Es ist die Bitte um Vergebung und Versöhnung. Es ist die Einsicht, dass Menschen keine Engel, sondern viel zu schnell Schuldige sind. Es ist die Einsicht, dass Menschen Schuld erkennen und bereuen müssen, um Versöhnung zu erlangen. 25 Stunden fasten Jüdinnen und Juden ab ihrem Jugendalter an diesem Tag, sie kleiden sich in weiß und tragen keine Lederschuhe. Es ist ein stiller Tag, den auch nicht religiöse Juden mehr oder weniger streng einhalten. Wer sich an unseren Karfreitag erinnert fühlt, der tut das zu Recht.

Im Hebräerbrief wurde vor dem Hintergrund dieses jüdischen Kults die christliche Formel „für uns gestorben zur Vergebung der Sünden“ geprägt und wir finden sie wieder im Abendmahlsruf: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser“. Wenn es etwas gibt, das unseren christlichen und jüdischen Glauben eint, dann ist es die Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen und die Notwendigkeit von Reue, Umkehr und Buße, um Versöhnung zu erlangen.

An solch einem Tag also macht sich jemand in Deutschland auf, um den Bußgottesdienst einer jüdischen Gemeinde zu stören. Hätten die Sicherheitsvorkehrungen im Eingangsbereich nicht standgehalten, wären jetzt siebzig oder achtzig Menschen tot. Menschen, die nach Reue, Buße, Umkehr und Vergebung suchten. Statt ihrer wurde auf Passanten geschossen. Zwei Menschen sind tot. Auf dem jüdischen Friedhof gab es eine Explosion und in eine Dönerbude in der Nähe wurde durch das Fenster hinein geschossen. So berichtet zumindest die aktuelle Medienlage. Einer von mehreren Tätern scheint inzwischen gefasst. Die anderen scheinen in Richtung Osten auf der Flucht, die Menschen in den Regionen werden gebeten, ihre Häuser nicht zu verlassen.

Mir graut vor der menschlichen Fähigkeit zu hassen, zu verletzen und zu töten. Gerade so wie vor der zu ignorieren. Bitte lasst uns in diesem Land eindeutig bleiben gegen alle Gewalt. Auch gegen die Wut unseres eigenen Herzens. Denn ist nicht das Kreuz unser Symbol, das eben diese menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit bildhaft vor Augen stellt? Aber nicht im Zeichen der Verzweiflung, sondern aus dem trotzigen Glauben, das sie in Christus überwunden ist – und in der Bitte um Vergebung auch von uns überwunden werden kann. In unserem wohl ältesten Osterlied heißt es:
„Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrie eleis.“ - … und Sie kennen die Übersetzung von Kyrie eleis? Herr, erbarme dich.

Download als PDF-Datei

  "Lasst uns reden"

"Lasst uns reden"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.10.2019

Am Sonntag haben wir Erntedank gefeiert – und einige der Landfrauen vom Landfrauenverband Niedersachsen haben uns nicht nur einen wunderschön geschmückten Altar zu diesem Fest geschenkt, sondern die Vorsitzende, Catarina Köchy, hat auch ein Grußwort gehalten.

Wer derzeit für die konventionelle Landwirtschaft steht, bekommt viel Gegenwind. Befördert wird dieser durch Bilder aus landwirtschaftlichen Betrieben, die, man muss es genauso sagen, kriminell handeln. Als Cousine eines Landwirts weiß ich, dass der Spagat zwischen Gewinn und Tier- bzw. Umweltschutz nicht ganz leicht ist, zumindest, wenn am Ende drei Generationen Familie von diesem Betrieb leben sollen; aber ich weiß eben auch, dass er möglich ist. Dass es heute verhältnismäßig artgerecht in den Betrieben zugeht, hat gewiss viel mit den entsprechenden Diskussionen der letzten Jahrzehnte zu tun. Wenn ich an die Hühnerhaltung meiner Großmutter denke, dann war das zwar den damaligen Gesetzen entsprechend, aber gewiss nicht hühnerfreundlich. Und wenn ich daran denke, dass der Geräteschuppen im Garten meiner Eltern 1962 deren Stall für das damalige Hausschwein war, dann gucke ich auch gleich etwas schuldbewusster. Aber so war es damals, Menschen und Tiere lebten zwar auf engstem Raum zusammen – und doch galten die Tiere als Sachen und nicht als Geschöpfe. Deshalb war es richtig, die Missstände anzumahnen und auch konkrete Konsequenzen zu fordern.

Was Frau Köchy jedoch in ihrer Rede andeutete, ist der schwierige sprachliche Umgangston, der inzwischen vorherrsche. Anstelle des Austauschs und der Diskussion, sei ein – freundlich formuliert – rauer Umgangston getreten. Durch ihre Worte klang hindurch, dass der Landwirt heute mit dem Vorurteil zu kämpfen habe, per se nicht artgerecht und der Natur unangemessen zu wirtschaften. – Wer ein bisschen etwas von Landwirtschaft versteht, der weiß, dass dem gar nicht so sein kann. Die Menschen leben von den Erträgen. Eine Landwirtschaft mit kranken und siechenden Tieren kann nur kurz ausgebeutet, aber nie dem Enkel vererbt werden. Ich selbst erlebe Landwirte als kluge Haushalter: die Natur soll zwar genutzt werden, aber nicht ausgenutzt. Schließlich fiele jede Misswirtschaft dem Betrieb eher über kurz als über lang auf die eigenen Füße.

Catarina Köchy endete mit den Worten, dass Landwirte gerne bereit seien, sich auch kritischen Stimmen zu stellen. Aber dass sie – angesichts des neuen rauen Tones – mehr und mehr darauf hoffe, auch mit ihren Argumenten gehört zu werden. „Lasst uns miteinander reden“, bat sie uns Städter in der Mitte der Stadt. Denn tatsächlich ließe sich ja über das Marktverhalten von Verbrauchern für die Landwirte hier in Deutschland viel und sehr unmittelbar bewirken. – Und wer weiß, wahrscheinlich passt sogar unsere heutige Tageslosung überraschend gut zu dieser Thematik, in der es heißt (Ps 34,5): „Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errette mich aus aller meiner Furcht.“ Denn: ein gelingendes Spiel von Frage und Antwort dient zur Überwindung der Furcht, nicht nur im Gottesverhältnis, sondern auch unter uns Menschen.

Download als PDF-Datei

  Menschenwürdige Arbeit

Menschenwürdige Arbeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.10.2019

„Na, der soll doch erstmal arbeiten gehen, und nicht auf meine Kosten leben!“ Schon mal gehört, so einen Ausbruch? Ich denke, dieser Satz wird durchaus zu hören sein an so manch deutschem Stammtisch. Ja, unser Gesellschaftssystem ist so aufgebaut, dass wir Menschen uns unseren Lebensunterhalt selbst verdienen, jeder für sich bzw. für seine Familie, durch nichtselbständige Arbeit, als Unternehmer oder Freiberufler. So soll es sein. Und für diejenigen, die das alleine nicht hinbekommen, tritt unsere Gesellschaft solidarisch ein und unterstützt durch die Rentenversicherung, die Krankenkassen und die Sozialhaushalte der Kommunen.
Ohne Zweifel gibt es Menschen, die diese genannten Unterstützungsleistungen ausnutzen. Das ist nicht in Ordnung und Kontrollen, die solchen Missbrauch verhindern sollen, sind sinnvoll und leider wohl auch nötig. Aber es geht hier um eine verschwindend kleine Minderheit der Leistungsempfänger. Es ist nun einmal so, dass das eine schwarze Schaf in der Herde von 100 weißen immer sofort ins Auge fällt. Was weniger, um nicht zu sagen viel zu wenig bemerkt und diskutiert wird, ist, mit welcher Scham viele Menschen zu kämpfen haben, bis sie sich überhaupt erst einmal dazu durchgerungen haben, die ihnen zustehende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es erscheint diesen Menschen als ein Eingeständnis des eigenen Versagens, dass sie auf Unterstützung anderer angewiesen sind, als der persönliche Offenbarungseid darüber, dass sie ihr Leben nicht allein in den Griff bekommen und Schuld sind an der eigenen Misere. Doch selbst wenn sie dann wieder Arbeit gefunden haben, ist damit die materielle Not noch nicht unbedingt beendet. Nach Angaben des Bundes benötigen 40r alleinstehenden Menschen, die den Weg aus der Arbeitslosigkeit heraus wieder zurück ins Berufsleben gefunden haben, weiterhin staatliche Unterstützung, weil das Einkommen, dass sie sich erarbeiten, einfach nicht zum Leben reicht.
Heute ist der Welttag für menschenwürdige Arbeit. Er wurde 2008 von Internationalen Gewerkschaftsbund ausgerufen. Jedes Jahr am 7. Oktober engagieren sich Menschen weltweit für die Abschaffung von Kinderarbeit, für Schutzrechte am Arbeitsplatz, für Gleichberechtigung im Beruf und für Lohngerechtigkeit. Insbesondere in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind dies Themen, die für viele Menschen im Wortsinne existenziell sind. Familien haben nur dann eine Chance, über die Runden zu kommen, wenn jedes Familienmitglied mitarbeitet inklusive der Kinder, die unter teilweise katastrophalen und gesundheitsschädigenden Bedingungen zum Lebensunterhalt mit beitragen müssen. Wie gut, dass wir in einem Land leben, dass Kinder vor derartigem Missbrauch schützt!
Und dennoch haben Familien und insbesondere alleinerziehende Elternteile auch bei uns oftmals kein Auskommen mit dem, was sie in ihrem Job verdienen. Ich finde, es ist eine Frage der Wertschätzung, wie die Arbeitsleistung eines Menschen vergütet wird. Und ich finde es bedenklich, dass Menschen, obwohl sie in Lohn und Brot stehen, davon nicht leben können. In einem Gleichnis, das Jesus erzählt, zahlt der Hausherr allen Arbeitern im Weinberg so viel, wie sie zum Leben brauchen, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben. Es ist eine Form von Gerechtigkeit, die auf der Seite der Schwachen wirkt und an der wir uns ein Beispiel nehmen können.

Download als PDF-Datei

  Kleine Wahrnehmungsschule

Kleine Wahrnehmungsschule

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 05.10.2019

Erntedank steht vor der Tür. Am vergangenen Wochenende haben wir mit den Kindern im Familiengottesdienst gefragt: „Was ist eigentlich Erntedank?“ Und dann erklärten mir die Kinder, dass man an diesem Tag dafür danke, genügend zu essen oder zu trinken, überhaupt, genug zu leben zu haben. So weit, so gut, so richtig. Im nächsten Schritt haben dann die Kinder alles mögliche, für das sie danken wollten und das sie von zu Hause mitgebraucht hatten, zum Altar gebracht. Und im letzten Schritt durfte sich jedes Kind etwas aussuchen, das es mit nach Hause nehmen wollte. Relativ schnell wurde in der Auswahl deutlich, dass die Dankbarkeit für Schokolade und Gummibärchen deutlich höher ist als die für Ravioli und Äpfel. Aber gut, so ist das eben.

Für mich ist Erntedank vor allem eine Wahrnehmungsschule. An den Kindern zeigte sich etwas zutiefst Menschliches: Schoki als etwas Besonderes auch im Alltag wird besonders wertgeschätzt, Äpfel, Trauben und Brot hingegen sind so alltäglich, dass man es im Grunde auch auf dem Altar liegen lassen kann.

Und wir? Was ist uns wichtig? Wofür sind wir von Herzen dankbar? Was nehmen wir als das Gute unseres Alltags wahr? Dazu gibt es eine hübsche Erzählung, die ich Ihnen wiedergeben möchte:

„Ein Indianer besucht einen weißen Mann. In einer Stadt zu sein, mit dem Lärm, den Autos und den vielen Menschen – all dies ist ungewohnt und verwirrend für ihn. / Als die beiden Männer eine Straße entlanggehen, hält der Indianer plötzlich inne und meint: ‚Hörst du auch, was ich höre?‘ Der Andere horcht: ‚Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und das Rattern der Omnibusse.‘ ‚Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen.‘ ‚Du musst dich täuschen. Hier gibt es keine Grillen. Und selbst wenn es eine gäbe, man könnte sie in dem Lärm nicht hören.‘ Der Indianer geht ein paar Schritte weiter und bleibt vor einer Hauswand stehen. Wilder Wein rankt an der Mauer. Er schiebt die Blätter auseinander – und da sitzt tatsächlich eine Grille. / Der Andere sagt: ‚Indianer können eben besser hören als Weiße.‘ ‚Ich bin nicht sicher‘, erwidert der Indianer, lässt sich ein 50-Cent-Stück geben und wirft es auf das Pflaster. Es klimpert auf dem Asphalt, Leute bleiben stehen und sehen sich suchend um. ‚Siehst du‘, sagt der Indianer, ‚das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, war nicht lauter als die Grille. Und doch hörten es viele. Wir alle hören auf das, worauf wir zu achten gewohnt sind.‘“ (Quelle: „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“, Hamburg 2017)

Bei Matthäus steht geschrieben (Mt 6,19-21): „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten oder Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

Download als PDF-Datei

  Wertschätzung durch Erinnerung

Wertschätzung durch Erinnerung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.10.2019

Günther Jauch und Sido. Zwei Typen, die – der eine alt und der andere auch schon längst nicht mehr jung – trotzdem Publikumslieblinge verschiedener Generationen sind. Auch deshalb hat wahrscheinlich das Redaktionsteam von „Hier spricht Berlin“ zum Auftakt dieses neuen Formats entschieden, diese beiden einzuladen. Und dann ging es um den 9. November. Folgender kleiner Schlagabtausch dazu, wie ich ihn aus verschiedenen Internetmedien rekonstruiert habe:

Ausgangsfrage an Sido: „Stimmt es, dass Sie den 9. November als Feiertag ablehnen?“
Sido: „Die Mauer ist ja nichts Gutes. Und mit dem Feiertag erinnert man daran. Ich finde, man sollte das einfach vergessen.“
Außerdem wäre der Feiertag zur Deutschen Einheit ja der 3. Oktober. Darauf
Jauch: „Mir geht es da ganz anders. Ich fand den 3. Oktober immer seltsam. Ich finde den 9. November im Spiegel der deutschen Geschichte bedeutender.“
Sido: „Aber das weiß ja heute keiner mehr. Finden Sie das wichtig?“
Jauch: „Ich habe schon ein Problem damit, wenn jemand sagt: Naja, Geschichte hat angefangen als ich zehn Jahre alt war und als ich gesehen hab, was es irgendwo gab.“
Sido: „Was ist das Problem damit, wenn jemand das nicht weiß, wenn er sich dafür gar nicht interessiert. Man zwingt ihn dann etwas zu wissen, das er nicht wissen will.“
Jauch: „Zwingen sollte man niemanden. Aber wenn sie geschichtslos aufwachsen, was be-deuten dann Freiheit, Demokratie, Gewaltenteilung für einen Menschen?“
Sido: „Also sollen wir die Leute doch zwingen.“
Jauch: „Ich hätte nichts dagegen, wenn einmal im Leben der Besuch eines Konzentrations-lagers auf dem Stundenplan stünde.“

Hiernach wechselte die Moderatorin das Thema schnell in Richtung des von Sido neu veröffentlichten Albums. „Ein echt uneleganter Cut“, wie sie im Nachhinein zugab.

Warum zitiere ich Ihnen dieses Gespräch so lang und breit. Ich denke, dass wir hier exemplarisch zwei derzeit häufig vertretene Positionen der Gesellschaft finden. Die Hilflosigkeit damit umzugehen, zeigt das Vorgehen der Moderatorin.

Für meine Person, die ich mich regelmäßig über die Aktualität zweitausend Jahre alter Texte auslasse, dürfte es niemanden verwundern, dass ich der Position von Günther Jauch näher stehe als der von Sido. Trotzdem möchte ich schmunzelnd zugeben, dass die erste Idee von Sido durchaus Biblisches hat: Denn die größte biblische Strafe im Alten Testament lautet tatsächlich, in Vergessenheit zu geraten. Das Erinnern gilt biblisch als ein Akt der Wertschätzung. Damit wären wir wieder beim 9. November 1989. Denn durch unsere Erinnerung wertschätzen wir all jene, die daran beteiligt waren, dass es eine friedliche Revolution gab. In diesem Zusammenhang von dem so übel klingenden Wort Zwang zu sprechen, empfinde ich als Unverschämtheit. Denn auch wenn meiner persönlichen Meinung nach der Zwang zur Bildung manch einem nicht schaden könnte, geht es hier ja gar nicht darum, dass irgendwer irgendjemanden zu irgendetwas zwingt; sondern um Respekt und um die Bereitschaft nicht nur zu lernen, sondern auch Zusammenhänge zu verstehen.

Download als PDF-Datei

  „Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd“

„Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.10.2019

Dorothee Sölle hielt 1992 in Erfurt eine Bibelarbeit. Das Thema hieß: „Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd.“ So unmittelbar nach der Wiedervereinigung, im Miteinander der Christen aus Ost und West, ahnt man in diesen Worten die Tiefendimensionen dieser Zeit vor dreißig Jahren: Gott hatte Schutz geschenkt, Frieden blieb bewahrt und Freiheit wurde möglich. Es war eine Zeit, in der Freudentränen geweint wurden und Menschen zutiefst dankbar waren, all das erleben zu dürfen. Aber auch: diese so lange erhoffte Zukunft fühlte sich für viele anders an als gedacht, war schwieriger, fremd.
So ist es manchmal im Leben.
Gestern hat jemand hier im Dom den Altar geschmückt – mit Äpfeln und Birnen, Trauben, Linsen und Wein. Es muss ein Mensch gewesen sein, der das nicht alle Tage macht, denn die Gaben lagen dort eher wie zufällig abgelegt las mit geübtem Auge arrangiert wie das die Landfrauen machen am Wochenende machen werden.
Ich habe mich gefreut und auch ein bisschen gewundert. Ob da einer meinte, dass wir das Erntedankfest vergessen würden, wenn er uns nicht erinnert? Oder hatte eine ganz besonderen Grund zu danken und wollte eine Spur hinterlassen, ein Zeichen, das Gott sieht, eine liebevolle Geste, die mehr ist als Worte? Hat ein Mensch aufgehört sich in Gottes Nähe fremd zu fühlen?
Solche ausdrückliche Dankbarkeit ist selten.
Selbst in unseren Gottesdiensten bitten wir ja erheblich mehr als wir danken…
Merkwürdig eigentlich, denn im Gegensatz zur allmählichen Luftnot, die Angst und Sorgen machen, stammt Dankbarkeit ja oft aus tiefer Erleichterung oder aus der Erfahrung, getragen zu werden. Einer hat gesehen, dass ich alleine es nicht schaffe und steht mir bei. Wenn ich vergesse zu danken, merkt er nicht, dass seine Hilfe so erleichternd, mitfühlend und liebevoll fand. Kein Wunder, dass ausbleibende Dankbarkeit schmerzt.
Dieser Tage kann man einiges hören und lesen über Dankbarkeit, weil sich der Tag der deutschen Einheit nähert und mit ihm die Erinnerung an die friedliche Revolution, die Zeit, in der Kirchen eine zweifelsfrei wertvolle Aufgabe hatten: Menschen beherbergen, stärken, ihnen Zuflucht bieten, sie zuzurüsten. Inzwischen ist mit der Diktatur in der ehemaligen DDR auch diese eindeutige Rolle verschwunden. Das ist ohne Frage ein Grund dankbar zu sein, denn Zeiten, in denen Kirche auf diese Weise gebraucht wird, sind keine guten. So sind wir wieder auf der Suche und auf dem Weg, welche Rolle Kirche in unserer Gesellschaft spielen soll, wo sie mitreden muss und wo sie sich verliert. Jetzt scheint es viele Menschen zu geben, die sagen würden:
„Gott bleibt nahe – ich bleibe fremd.“
Aber offenbar gibt es auch solche, für die alles ganz einfach ist. Sie schmücken einfach den Altar. Gott sei Dank.

Download als PDF-Datei

  Zerbrochene Familie

Zerbrochene Familie

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.10.2019

Das evangelische Magazin „Chrismon“ hat in seiner Oktoberausgabe ein schmerzliches Thema aufgegriffen: zerbrochene Familien, genauer gesagt Familien, in denen Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben. Eine Mutter erzählt dort von der Funkstille in ihrer Familie und dem jahrelangen In-sich-Horchen, Bohren und Fragen, wie das passieren konnte, wann es denn eigentlich begann. In diesem konkreten Fall gibt es den einen Moment, an dem die Beziehung zerbrach, nicht; dafür aber lange Jahre der Entfremdung und Sprachlosigkeit.
Ich kenne das auch. Familien, in denen Kinder nicht mehr mit ihren Eltern reden, Großeltern und Enkel einander deshalb nicht kennenlernen können und selbst am Grab kein Abschied in Frieden möglich ist. Leid, das sich in die nächste Generation fortschleppt.
Das Alte Testament ist in weiten Strecken eine Familiengeschichte, in der nicht nur das Kommen und Gehen der Generationen erzählt wird, sondern sich auch schwere Dramen abspielen.
Eine solche Geschichte ist die von der Opferung Isaaks. Vordergründig geht es um eine Versuchungsgeschichte. Gott testet Abraham, ob seine Treue so groß ist, dass er seinen Sohn opfern würde. Soweit man den Buchstaben Glauben schenkt – das sage ich ganz bewusst so und meine es wortwörtlich – ist Abraham dazu breit. Erst einen winzigen Moment bevor Abrahams das Blut seines Sohnes vergießt, greift Gott ein. Es findet sich ein anderes Opfer im Gestrüpp. Alles gut?
Ja, so scheint es. Aber wenn man weiter liest, dann spürt man: die Beziehung zwischen Abraham und seinem Sohn ist über diesem Kraftakt kaputtgegangen. Sie sprechen nicht mehr miteinander. Abraham schickt seinen Knecht aus, um seinem Sohn eine Frau zu suchen, er hinterlässt ihm auch sein Hab und Gut, Isaak schließlich beerdigt den Vater – aber die Zweisamkeit des Anfangs stellt sich nicht mehr ein. Später wird Isaak mit seinen Söhnen Jakob und Esau erleben, dass einer fortgehen muss, Jahrzehnte verschwindet. So wird es auch mit seinem Enkel Josef sein. Aber unter seinen Kindern und Enkeln wird auch Heimkehr und Versöhnung möglich. Jesus Christus schließlich verlässt seine Eltern und verlangt das von seinen Jüngern. Aber unterm Kreuz verbindet er sie neu. Siehe, sagt er zu seinem Lieblingsjünger – das ist deine Mutter. Und so sagt es auch zu seiner Mutter: siehe, das ist dein Sohn und fortan leben sie zusammen.
Erst dann? Kann es erst dann gut werden? So mag man denken. Ja. Aber vielleicht auch: es lohnt, nicht aufzuhören und den Kindern nachzugehen, es lohnt, liebevoll an sie zu denken, es bleibt so vieles möglich.

Download als PDF-Datei

  Entspannte Frömmigkeit

Entspannte Frömmigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.09.2019

Neulich auf Sizilien: Ich war in einem kleinen Dorf an der Ostküste der Insel unterwegs, um etwas einzukaufen. An der Hauptstraße steht die kleine Kirche und davor zwei Statuen: eine zeigt Papst Johannes XXIII, die andere Padre Pio. Im ziemlich dichten Verkehr war auch ein Radfahrer unterwegs und als er die Kirche passiert, bekreuzigte er sich im Vorbeifahren – einfach so, ganz selbstverständlich und ohne anzuhalten. Es ist auf Sizilien vollkommen normal, dass in jedem Geschäft, in jeder Bar, in jeder Pizzeria ein Kruzifix an der Wand hängt und sogar im Supermarkt über dem Büro des Filialleiters fehlt es nicht – gerahmt von Werbung für Käse und Bier.
Ich will jetzt nicht wieder über das Thema „Kreuze in öffentlichen Gebäuden“ reden, das in den vergangenen Wochen durch eine Empfehlung des deutschen Richterbundes ja mal wieder hochgekommen ist. Ich will auch gar nichts über das Verhältnis von Kirche und Staat sagen – das ist alles weise in Gesetzen geregelt. Nein, ich möchte über das Verhältnis der Menschen auf Sizilien zu ihrem Glauben und zu Gott berichten. Mich hat beeindruckt und begeistert, mit welcher entspannten Ernsthaftigkeit die Sizilianer ihren Glauben leben. Wir konnten durch einen Zufall in einem Bergdorf mit knapp 900 Einwohnern das jährliche Fest des Heiligen Kreuzes miterleben. Dabei wird ein mittelalterliches, prächtig bemaltes und geschmücktes Holzkreuz in einer Prozession durch den Ort getragen. Vorher wurde eine feierliche Messe gefeiert – und sie wurde wirklich gefeiert: fröhlich, festlich und irgendwie unaufgeregt und wir als deutsche Touris fühlten uns sehr willkommen. Alles in allem eine wunderschöne Atmosphäre.
In unseren Breiten ist für mich durchaus eine Grenze spürbar zwischen der ganz persönlichen Spiritualität und dem „normalen“ Leben, zwischen dem alltäglichen Umgang miteinander und dem oftmals eher im Privaten gelebten Glauben von uns Christinnen und Christen. Das mag für viele Menschen auch genau so in Ordnung sein und es liegt mir fern, diese Situation zu beurteilen. In Süditalien waren solche Übergänge jedoch viel weniger spürbar. Spiritualität und Alltag haben sich nicht gegeneinander abgesetzt, sondern sind in für mich sehr angenehmer Art und Weise ineinander übergegangen.
Manchmal erlebe ich uns als Kirche und auch mich selbst in Diskussionen über kirchliche und Glaubensthemen als ziemlich verkrampft und verkopft. Dabei gerät dann schnell mal unter die Räder, dass „Evangelium“ übersetzt „frohe Botschaft“ heißt. Das ist Christinnen und Christen nicht wirklich immer am Gesichtsausdruck abzulesen – gerade uns Lutheranern nicht.
Ich wünsche mir auch für mich selbst mehr von dieser heiteren Gelassenheit und Selbstverständlichkeit, mit der unsere mediterranen Schwestern und Brüder ihre Frömmigkeit leben. Paulus schreibt: „Freut euch in dem Herrn alle Tage und abermals sage ich: Freuet euch!“ Ich denke, dass das ein gutes Lebensmotto sein kann – für sizilianische Katholiken genauso wie für Braunschweiger Protestanten.

Download als PDF-Datei

  All eure Sorge…

All eure Sorge…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.09.2019

Im ersten Petrusbrief heißt es: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“ Ich erinnere mich an einen Abend in der Jungen Gemeinde in Pauli Kreuz in Karl-Marx-Stadt. Ich war gerade dem Konfirmandenalter entwachsen und freute mich, vom Christenlehrezimmer in den Jugendraum zu wechseln, zu den Langhaarigen mit Parka und Gitarre zu gehen, Tischtennis zu spielen, Tee zu trinken und abzuhängen. Auf Bibelarbeit war ich gar nicht so sehr aus obwohl ich damit am Rand es frommen Erzgebirges hätte rechnen können.
Also hieß es: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“ – Welches Wort ist dir in diesem Vers am wichtigsten?
Eigentlich eine einfache Frage, die sich als Anstoß für eine exzellente immer noch brauchbare Übung erwies, denn im Laufe des Lebens ändert sich,w as wir hören und so bleiben vertraute Worte lebendig.
Ich weiß nicht mehr, welches Wort ich damals ausgesucht habe.
„Alle“? Die großen und die kleinen Sorgen, die von denen ich denke, ich kriege sie selbst in Griff und auch die unüberschaubaren Probleme einer Jugendlichen in der DDR?
„Eure“? Meine, deine, unsere Sorgen? Verbindet uns das Sorgenhaben? Macht es uns nicht barmherziger und nachsichtiger, empfindsamer, wenn wir im Blick behalten, dass wir nicht die Einzigen sind, die Sorgen haben?
„Werft“? Heute jedenfalls gefällt mir das. Das hat etwas Kraftvolles und Aktives. Wenn Sorgen so sind, dass ich sie wegwerfen kann, nicht wegschmeißen, sondern weitwerfen, hochwerfen, zuwerfen, dann gehen sie mir nicht über die Kraft, erschlagen und erdrücken mich nicht. Dann kann ich was tun. Dann ist dafür gesorgt, dass Gott nicht zu weit weg ist, denn wie es mit meiner Wurftechnik aussieht weiß ich…
„Auf ihn.“ Er kann das ab. Es ist erlaubt und möglich und auch die allerbeste Stelle. Sorgen auf ihn zu werfen ist das Gegenteil davon, sie in mir zu vergraben, sie reinzufressen oder wegzurennen, ständig mitzuschleppen oder anderen aufzubürden.
„Denn er sorgt für Euch.“ Sorgen und sorgen. Sich sorgen und fürsorgen. Spüren, dass für mich gesorgt ist. Das zu hören ist wohltuend und im wahrsten Sinne des Wortes entlastend. Aber da schwingt noch etwas anders drin, etwas, das mit Loslassen zu tun hat.
Denn: Er sorgt für uns. Aber nicht für unsere Sorgen. Er sorgt für den Menschen neben mir und auch für die, um die ich mich sorge. Das ist gewiss aber eben auch ergebnisoffen und darum manchmal ungeheuer schmerzhaft. Denn er sorgt. Seine, Gottes Art, zu sorgen kann sich manchmal anfühlen, als hätte er meine, deine, unsere Sorge nicht wahrgenommen und unser Bitten gehört.
Es kann sich so anfühlen. Aber ehe uns dieser Zweifel erdrückt; sollten wir noch einmal versuchen, zu hören, wie in diesem Moment klingt: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“


Download als PDF-Datei

  Schiffbruch

Schiffbruch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2019

„Schiffbruch zu erleiden“ ist eine sprichwörtliche Scheitererfahrung, die auch Landratten sofort verstehen. Wer Schiffbruch erleidet, verliert den Boden unter den Füßen, gerät in existentielle Gefahr. Wer Schiffbruch überlebt, ist nicht mehr Derselbe.
Schiffbruch galt auch schon dem antiken Menschen als Bild für die grundsätzliche Gefährdung unseres Lebens. Wasser ist ein unendliches bedrohliches Element. Für die Tiefe des Meeres sind wir Menschen nicht gemacht; die endlose Weite mag faszinierend sein aber sie birgt auch die Gefahr, sich zu verlieren, vom Radar zu verschwinden. Leere, Einsamkeit und Entgrenzung halten wir auf die Dauer nicht gut aus.
All das fordert aber auch heraus und verlockt. Darum haben Menschen Meisterliches vollbracht, das Meer zu befahren und zu erforschen.
Bezwingen können wir es nicht.
Darum erzählt auch Gottes Geschichte mit uns Menschen von Ohnmachtserfahrungen und Lebensgefahr in den verschieden Wassermassen. Noah wird aus dem Sintflutregen gerettet und Jona im Fischbauch vor dem Ertrinken. Die Israeliten durchwandern das Schilfmeer, die Jünger erleben mit Jesus Sturm und Sturmstillung auf dem See Genezareth, der ihnen ein Meer war. Dass Paulus schließlich mehr als einen Schiffbruch überlebte, galt nicht nur seinen Zeitgenossen als nahezu unmöglich und schwer zu deuten.
Martin Luther nahm diese existentiellen Dramen auf und deutete sie neu.
All diese Wasser nahm er mit hinein in seine Betrachtung zum Taufwasser. Der Tod und der Zorn Gottes über uns Menschen gehen darin unter, das Böse in uns ertrinkt. Die Selbstsucht und der menschliche Größenwahn werden genauso abgewaschen wie unsere Unfähigkeit zu vergeben.
Erst auf Gottes Wort hin ist ein Neuanfang möglich – wenn die Arche landet, wenn der Fisch uns ausspuckt, wenn Gott uns in der Taufe beim Namen nennt.
Luther radikalisiert das alte Bild: unser Lebensschiff erleidet zwangsläufig Schiffbruch, wenn wir auf uns selbst gestellt bleiben. Ohne Rettung, ohne Gottes Segen, gehen wir schlicht unter.
Die Taufe sensibilisiert also dafür, dass Wasser Gefahr und Heil birgt und auch, dass Kirche sich genau hier bewährt.
Den kleinen Gedankenschritt zur Rettungsweste und Seenotrettung schaffen Sie selbst…




Download als PDF-Datei

  "Thursdays for future" : Freiheit oder Pflicht?

"Thursdays for future" : Freiheit oder Pflicht?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.09.2019

Kürzlich stellte mir einer meiner Konfis die Frage: „Was hat eigentlich Umweltschutz mit Christentum zu tun?“

Nur allzu schnell könnte ich jetzt auf das Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ kommen. Aber da Umweltschutz, also Schutz der Umwelt vor dem Menschen, noch gar kein Thema der Bibel ist, sondern dort eher umgekehrt die Frage verhandelt wird: „Wie wird der Mensch vor der ungezähmten Umwelt geschützt?“, braucht es einen Schlenker. Und der geht über das erste Gebot, das da lautet: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Also: Weil Gott einer und einziger ist, hat er auch die Welt geschaffen. Und wir sind deshalb zuerst Geschöpfe unter Mitgeschöpfen. Gott zu ehren heißt, Ehrfurcht vor dem zu haben, das wir als göttlich in der Welt erkennen. Und dazu gehört ganz gewiss auch das Gleichgewicht in der Natur, in das wir insbesondere in den letzten Jahrzehnten so wesentlich eingegriffen haben. Außerdem sollte dazu noch die Erkenntnis gehören, dass wir Menschen vom Schöpfer mit Fähigkeiten und Möglichkeiten begabt wurden, die uns einerseits eine unglaubliche Freiheit geben – und die uns gleichzeitig in die Pflicht nehmen.

Wenn’s um die politische Diskussion geht, dann stehen wir vor der Wahl: Freiheit oder Pflicht. Freiheit funktioniert dann, wenn es den Menschen gelingt, sich selbst ein gutes Maß für ihren Umgang mit der Umwelt aufzuerlegen. Oder, wie ich jüngst las: das Problem ist nicht, wenn Dinge hin und wieder geschehen, sondern wenn umweltschädliche Phänomene zu Massenphänomen werden.

Weil solche Selbstbeschränkung schwierig zu sein scheint, verwundert es vielleicht auch wenig, wenn meine Konfis, die ich kürzlich dazu aufforderte, für eine Gemeinschaft, in der sie leben möchten, Regeln zu formulieren, ganz konkret werden: Vom Mobiltelefonverbot im Alltagsleben bis hin autofreien Städten und der mobilen Selbstreduktion auf die Füße, das Fahrrad oder den Nahverkehr. Anscheinend ist ein enges Reglement für junge Menschen derzeit durchaus reizvoll. Wenn die Erwachsenen nicht von alleine bereit sind, sich für den Schutz des Lebensraumes einzusetzen, dann brauchen sie eben Gesetze, die sie zwingen. Meinten diese jungen Leute.

Doch theologisch? Was gilt da: Freiheit oder Pflicht?

Nun, die Freiheit, die wir haben, ist keine gleichgültige Freiheit, sondern eine, um die Welt zum Guten hin zu gestalten. So legen es Gesetze wie die Zehn Gebote oder das der Nächstenliebe nahe. Und um es anders zu formulieren: christlich wäre es eigentlich am allerschönsten, wenn es überhaupt keine äußeren Gesetze bräuchte, sondern stattdessen die Freiheit des Geistes Gottes in die Herzen der Menschen eingeschrieben wäre. So heißt es beim Propheten Ezechiel: „Gott spricht: Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten.“ (Ez 11,19f.) – Die Crux liegt nun wahrscheinlich darin, dass wir solch ein neues Herz zum Geschenk auch annehmen müssten.

Download als PDF-Datei

  "Wednesdays for future" : "Ein kleiner, aber existentieller Fehler"

"Wednesdays for future" : "Ein kleiner, aber existentieller Fehler"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.09.2019

Kennen Sie Terry Pratchett? In letzter Zeit habe ich wieder einmal seine Bücher gelesen, ganz schlicht, weil man dabei erstens so schön schmunzeln kann und zweitens so vieles wiedererkennt vom ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Eines dieser Dinge gilt einem menschlichen Grundzug, der da lautet: Gäbe es einen Knopf und darunter hinge ein Schild mit den Worten: „Achtung! Auf keinen Fall drücken!!“, dann würde es nicht besonders lange dauern, bis sich jemand findet, der auf diesen Knopf drückt. Erstens, weil er es kann, und zweitens, weil er neugierig ist herauszufinden, was wohl passieren wird.

Mir scheint, er wiederholt damit das bekannte biblische Thema des Sündenfalls. Denn wir erinnern uns, auch hier gab es genau eine Frucht, die tabu war. Und nach gar nicht allzu langer Zeit, bedurfte es nur eines kleinen Schubses, damit die Prototypen der Menschheit davon naschten. Im Ergebnis gilt dieser Fauxpas als das Ende der paradiesischen Zeiten auf Erden.

Zum Motiv des Sündenfalls gibt es eine interessante Deutung des Theologen Paul Tillich: Er beschreibt den Zustand des Paradieses als einen existentiellen Zustand des Menschen. Eigentlich weiß der Mensch, dass er im Paradies lebt, aber er weiß auch, dass es noch anderes gibt. Und so steht er vor der Angst, sich nicht selbst in all seinen Möglichkeiten zu verwirklichen. Also beißt er in den Apfel.

Oder drückt auf den Knopf: Z.B. indem er ausprobiert, was geschieht, wenn möglichst viele Menschen Auto fahren, von denen einige einen geradezu unanständig hohen Verbrauch haben. Oder indem er Flüge zum Spottpreis anbietet. Oder indem er Produkte im Namen der Marktwirtschaft auf Kurzlebigkeit hin konzipiert. Oder indem er nur nach den Vorteilen davon fragt, wenn gleich ganze Regionen im Regenwald in Brand gesetzt werden. Oder indem er den Müll einfach im Meer verklappt oder in entlegene Winkel der Welt bringt, anstatt diesen Müll zu vermieden. Und so. Natürlich hat diese Knöpfe niemand gedrückt. Sondern das waren die von höchstmöglich flexibler Mobilität und einem ins Mark gehenden Motorengeräusch. Es war der Knopf größtmöglicher Freiheit im Urlaub. Von wirtschaftlichem Erfolg und Arbeitsplatzsicherheit. Von Reichtum und Einflussnahme. Von aus den Augen aus dem Sinn. All das haben wir Menschen im Wunsch uns zu verwirklichen, einfach so getan. Und jetzt leben wir mit den Konsequenzen.

Ein Zurück ins Paradies gibt es nicht. Was aber dann?
In unserer heutigen Tageslosung heißt es (5. Mose 16,20):

„Was recht ist, dem sollst du nachjagen, damit du leben kannst.“

Download als PDF-Datei

  "Tuesdays for future" : "Greta - manche können es nicht mehr hören"

"Tuesdays for future" : "Greta - manche können es nicht mehr hören"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.09.2019

Jetzt hat sich also auch Dieter Bohlen indirekt zu Greta geäußert. Ihn nervt’s. Ist ja auch kein gute Laune-Thema und wahrscheinlich bekäme das Mädel bei ihm auch nur Höchstwerte im Angestrengt-Gucken. Er ist halt ein gute-Laune-auf-Kosten-anderer-Leute-Bär, unser Dieter. In der Braunschweiger Zeitung hat Linda Propst als junge Autorin gemahnt: „Greta, manche können es nicht mehr hören. Dabei ist es Zeit endlich etwas zu tun.“
Denn Denken und Tun müssen in einen Zusammenhang gebracht werden, soll sich etwas ändern. Derzeit geschieht das, tatsächlich angestoßen durch diese Jugendliche, auf vielen Ebenen. Greta Thunberg ist inzwischen zu einem der wichtigsten Symbole einer berechtigten Frage unserer Zeit geworden. Und die lautet: Es geht um das, was du selbst zu tun bereit bist. Noch mehr aber geht es um das, was Gesellschaften und ihre Eliten tun.

Im Buch des Propheten Amos wird der Niedergang des damaligen Nordreichs Israel auf das Verhalten der korrupten Eliten zurückgeführt. Dort steht (Amos 4,1f.): „Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen!“ Und auch die Männer bekommen ihr Fett weg, wenn es heißt (5,10-12): „Sie hassen den, der im Tor Recht spricht, und verabscheuen den, der die Wahrheit sagt. Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Frevel, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind.“

Es geht um den Zusammenhang von innerer Haltung, dem konkreten Handeln und den sich daraus ableitenden Konsequenzen. Wenn Menschen alle Vorteile nutzen, die sie sich nehmen können, wenn Wachstum als der einzige Weg zum Erfolg geglaubt wird, wenn die Scheren in den Bereichen Bildung und Wohlstand immer weiter auseinander gehen, dann wird all das Früchte tragen.

Derzeit treffen sich Politiker also mit dem Symbol Thunberg. Das ist gut. Denn das zeigt nicht nur, dass ihr Thema ein ernstzunehmendes Anliegen ist, sondern auch, dass die Bewegung hinter ihr wahrgenommen wird. Und umgekehrt, wenn jemand, der den Mainstream so sehr prägt wie Dieter Bohlen eine Blog online stellt, den andere als ein „Greta nervt“ verstehen, dann mag ihm das Klicks bringen, ist aber unverantwortlich. Ich denke, wir können die biblischen Worte der Sozialkritik des Amos übertragen auf eine Verhaltenskritik im ökologischen Bereich: Die Menschheit muss endlich aufhören, den Wohlstand dieser Erde für ihren eigenen Wohlstand auf den Kopf zu hauen und auch hier Zurückhaltung und Selbstverzicht lernen. Denn nur dann werden wir etwas retten können.

Download als PDF-Datei

  "MONDAYS FOR FUTURE": OKJÖKULL

"MONDAYS FOR FUTURE": OKJÖKULL

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.09.2019

Ich bin gestern aus dem Urlaub aus Süditalien zurückgekehrt und habe zugegebenermaßen noch so meine Schwierigkeiten, mich wieder an zu Hause zu gewöhnen: Hier wachsen keine Zitronen an den Bäumen, ich habe viel weniger Meer vor der Haustür und ich muss mich auch wieder auf den deutschen Fahrstil einstellen. Vieles ist deutlich anders auf Sizilien, unter anderem auch die Friedhöfe. Es gibt kaum Erdgräber, dafür richtige kleine Häuser, in denen sich gemauerte Grabkammern befinden, mehrere Etagen übereinander. Und anstelle von Grabsteinen, sind die steinernen Verschlussplatten mit dem Namen, Geburts- und Sterbedatum und oft einem Foto des Verstorbenen versehen. Das stärkt die Erinnerung und schafft Nähe auch über den Tod hinaus.
Wir erinnern auf Friedhöfen mit Grabsteinen und Gedenktafeln an unsere Verstorbenen. Auf Island erinnert seit dem 18. August eine Gedenktafel an den vor fünf Jahren für tot erklärten Okjökull-Gletscher. Vor 130 Jahren bedeckte er noch eine Fläche von 38 Quadratkilometern, das ist etwa ein Fünftel der Fläche unserer Stadt und er maß eine Eisdicke von 50 Metern, das ist ungefähr die Höhe unserer Domtürme. Heute ist er weg, nicht mehr aufzufinden, ein Opfer des Klimawandels. Der Text auf der Gedenktafel ist an die Leser der kommenden Generationen gerichtet und er lautet: „All unsere Gletscher werden in den nächsten 200 Jahren dasselbe Schicksal erfahren. Dieses Denkmal bezeugt, dass wir wissen, was passiert und was getan werden muss. Ihr allein wisst, ob wir es getan haben.“
Wir wissen was passiert und was getan werden muss. In der Tat ist heute wissenschaftlich unwiderlegbar nachgewiesen, dass unser Lebensstil und unser Verhalten das Klima auf dieser Erde nachhaltig verändern und zwar in eine Richtung, die nicht nur die Lebens- und Überlebensbedingungen für Gletscher deutlich verschlechtern, sondern auch für uns Menschen. Der kontinuierliche Anstieg der Temperatur, die damit einhergehenden Extremwetterlagen wie Dürren, Stürme und andere schwere Unwetter sind Anzeichen für diese Veränderungen. Auch hier bei uns wird dies spürbar: Wir sind im zweiten Jahr in Folge, in dem es in Norddeutschland viel zu wenig Regen gab. Manch einer leugnet all dies, erklärt politisch motiviert den sichtbaren Klimawandel einfach mal platt für schlechtes Wetter und geht zur Tagesordnung über, weil ihm die im Wortsinne Not-wendigen Konsequenzen nicht in den Kram passen. Noch einmal das Zitat von der Gletschergedenktafel: Wir wissen was passiert und was getan werden muss.
In einem unserer Kirchenlieder heißt es: „Wir wollen gut verwalten, was Gott uns anvertraut, verantwortlich gestalten, was unsre Zukunft baut. Herr, lass uns nur nicht fallen in Blindheit und Gericht. Erhalte uns und allen, des Lebens Gleichgewicht“ Gott hat uns unseren Verstand geschenkt. Den sollten wir nutzen, die Zeichen der Zeit erkennen und dann mutig und konsequent die richtigen Dinge tun. Ich denke, dass es das ist, was Gott von uns erwartet, damit wir nicht noch mehr Gedenktafeln aufstellen müssen, für all das, was wir hätten erhalten sollen und dann doch zerstört haben.

Download als PDF-Datei

  "Saturdays for future": Wonach streben?

"Saturdays for future": Wonach streben?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 21.09.2019

„Fridays for future“ ist gut und schön, aber eigentlich braucht es den täglichen Einsatz für die Zukunft, wenn sich etwas ändern soll. Deshalb also eine Woche lang Klimawoche in Braunschweig - auch bei uns im Dom. Heute also: Saturdays for future.

Und das mit einer alten Geschichte, nämlich der von Aladdin und seiner Wunderlampe. Sie erinnern sich? Es geht um den armen Schneiderssohn Aladdin, der das Handwerk seines Vaters nicht erlernen möchte und der nach dessen Tod gemeinsam mit der Mutter von deren erbärmlichen Einkommen als Baumwolldreherin mehr existiert als lebt. Nach ersten Abenteuern gelangt dann die Wunderlampe in Aladdins Hände. Durch einen glücklichen Zufall findet er heraus, wie die Lampe funktioniert. Und doch verfällt der arme Schneiderssohn der Versuchung nicht, alles Mögliche herbei zu wünschen, sondern er bleibt bescheiden. Wonach er strebt, ist das Dach über dem Kopf und ein voller Bauch. Erst als Aladdin sich in die Tochter des Sultans verliebt, bittet er den Geist um das, was der Sultan als Preis für seine Tochter fordert: schöne Kleider, Sklaven, Gold, Juwelen, Pferde und schließlich einen Palast. Aber: Aladdin vergisst nicht, woher er kommt. Und so lässt er regelmäßig Goldmünzen an das Volk verteilen. Sein Reichtum wird zum Wohlstand aller.

Zwei Dinge sind es, die das Märchen erzählt und die den Kopf zum Denken bringen: Das eine ist, wonach die Welt strebt. Die bösen Widersacher Aladdins, der Sultan, ja, selbst die Prinzessin: sie alle halten Gold und Juwelen, schöne Architektur, reiche Kleider, rassige Pferde, kurzum: einen überschwänglich reichen Prunk für das wahre Kennzeichen des Glücks. Und ein Seitenblick auf unsere eigenen Märchen bestätigt, dass das ein allgemein menschlicher Zug zu sein scheint. Allein: Aladdin wird von diesem ganzen Prunk nicht berührt. Er wünscht nur das, was er braucht, um das Ziel seines Strebens zu erreichen: Und das ist zuerst ein ruhiger Lebensalltag mit der Mutter ohne Hunger und Not – und später die Liebe seiner Braut sowie die Anerkennung als Bräutigam durch den Brautvater.

Essen, Trinken, Kleider, ein Dach über dem Kopf, eine liebe Frau, gute Nachbarn. So beschreibt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus, was denn mit der Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser gemeint sei. Danach sollten wir streben. „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Mt 6,21), heißt es im Matthäus-Evangelium. Wo aber sind sie, unser Schatz und unser Herz? Wonach streben wir?
Wer auf die reichsten Straßen der großen Städte unserer Zeit sieht, der ahnt, dass wir trotz aller weiser Erzählungen und kluger Auslegungen nichts dazugelernt haben. Wir halten die Wunderlampe zur Wunscherfüllung in der Hand, zumindest hier im Westen. Aber es gelingt uns nicht, diese Wunderlampe einfach auf der Anrichte für Notfälle stehen zu lassen. Stattdessen bekommen wir den Hals nicht voll und laufen sehenden Auges ins Verderben. Doch: Es ist nie zu spät für eine Umkehr, für den, der Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören. Heißt es.

Download als PDF-Datei

  "Fridays for future": Klimawoche in Braunschweig

"Fridays for future": Klimawoche in Braunschweig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.09.2019

„Muss nur noch kurz die Welt retten…“, so mag der eine oder die andere jene bespötteln, die im Rahmen von „Fridays for future“ für ihre Überzeugung eintreten. Gefühlt bewegt sich die Kritik zwischen einem „Was können wir schon tun?“, „Nicht mein cup of tea!“ und „Fünf vor zwölf ist doch längst gewesen – die Welt ist immer noch nicht untergegangen. Die sollen sich mal nicht so haben.“ Und ich selbst bemerke, dass ich die Anliegen all derer, die da auf die Straße gehen, gut verstehen kann. Denn, ja, es ist auch mein Anliegen. Für mich. Für unsere Kinder. Und hoffentlich in ein paar Jahren auch für unsere Kindeskinder.

Es geht darum, dass es in Sachen Umwelt ein Richtig und ein Falsch gibt; und darum, dass hier um eine gesamtgesellschaftliche Grundhaltung gerungen wird. In dieser und der kommenden Woche also haben sich deshalb viele Organisationen in Braunschweig der deutschlandweiten Climate Week angeschlossen und die Braunschweiger Klimawoche ausgerufen. Sie beginnt heute und endet am kommenden Freitag. Worum es geht ist einfach: Menschen sollen ins Nachdenken geraten. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, sagte einst Francis Picabia. Allein: Das ist nur der erste Schritt. Denn dem Richtungswechsel im Denken muss auch ein Richtungswechsel im Handeln folgen. Sonst nützt es alles nichts.

Wir vom Dom haben uns deshalb entschieden, eine Woche lang auch unsere tägliche Andacht unter die Fragestellungen menschlicher Träume, ihrer Ängste, ihrem konkreten Tun zu stellen angesichts einer Zukunft, für die alle Menschen mit verantwortlich sind. Es beginnt mit der Frage, wie Menschen ihre Welt sehen? Denken wir sie als Ressource, die wir frei aufteilen, uns an ihr bedienen können und es höchstens noch um eine gerechte Verteilung solcher Ressourcen geht? Oder aber denken wir sie als Leben, als Geschöpf, als ausgeklügelte Balance eines Lebenskreislaufes, der eben nur einen gewissen Grad an Selbstbedienung aushält.

Unsere Kinder und Jugendlichen sind bereit umzudenken. Ob sie das auch in ihren Ferien schaffen und im Kleinklein des Alltags, ist mir erst einmal egal. Sie sind bereit umzudenken, das ist der erste Schritt. Und sie fordern dieses Umdenken auch von uns Erwachsenen und gegenwärtig Verantwortlichen. Mit solchem Bewusstsein aufgewachsen, hoffe ich von Herzen, dass sie einen Teil davon in ihre Zukunft mitnehmen, in ihr Entscheiden, mit dem sie morgen die Welt gestalten.

Denn am Ende geschieht, was schon der Evangelist Matthäus einst beschrieb (Mt 7,16):
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“

Für meine Generation hoffe ich, dass wir an den Früchten unseres Tuns erkennen, was wir zu tun haben.

Download als PDF-Datei

  Fluchtgeschichten der Bibel III – Durch die Wüste…

Fluchtgeschichten der Bibel III – Durch die Wüste…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.09.2019

Wüsten gibt es viele: Sandwüsten und Eiswüsten, zerstörte geplünderte Landschaft, Ablehnung bis in dritte Glied, Endlosigkeit…
Immer wieder sind Menschen, die auswanderten oder fliehen mussten, durch Wüsten gezogen. Manch einer wird die Flüchtlingstrecks nach 1945 noch immer vor seinem inneren Auge haben, andere die Menschenzüge in Richtung mexikanischer Grenze, Dritte erinnern sich vielleicht an eindrückliche Bilder von Planwagen, die durch den mittleren Westen ziehen oder Menschen mit Gepäck und umständlicher Kleidung auf Ellis Island.
Die Bibel erzählt vom Auszug eines ganzen Volkes. Erinnerung und Tradition haben daraus einen endlosen Zug gemacht, der generationenlang von einem Land in ein anders zog, bis endlich das verheißene Land, wo Milch und Honig fließen, erreicht war.
Historisch werden die Dinge anders gelegen haben. Möglicherweise steht diese Wüstenwanderung für eine lange und mühsame Integrationsgeschichte inmitten einer fremden Umwelt. Denn die Israeliten waren ein Volk ohne König und Staat, ohne Ahnengräber und Tempel, dafür mit einem Gott ohne Heiligtum und ohne Namen. Unvorstellbar andersartig und fremd!
Sie hatten die ägyptische Sklaverei eingetauscht in eine andere endlose Prüfung. Es ist nicht nur eine Freiheitsgeschichte, es ist auch unabwendbares Schicksal und prägt mehr als nur eine Generation.
Wüstenwanderung ist Häutungszeit. Die Haut, die früher passte, taugt nicht mehr.
Und die die Bibel erzählt von Wundern in der Wüstenzeit.
Bitteres Wasser wird trinkbar, irgendwo kommt Brot und Fleisch her. Rettung hat kein verlässliches Konzept. Aber manchmal…
Auf dieser Wüstenwanderung schließen der namenlose Gott und das heimatlose Volk ein Bund am Berg Sinai. Er wird belastbar sein und durch die Zeit tragen. Dieser Gott wird sie in ein Land führen, indem zu leben sein wird. Allein, es war nicht unbewohnt.
So geht auch die biblische Geschichte einher mit Gewalt und Grausamkeit, Feindbildern, Abgrenzung. Nachfolgegeschichten sind das nicht. Aber auch das gehört zu unserer Geschichte und erst recht zu Fluchtgeschichten dazu.


Download als PDF-Datei

  Fluchtgeschichten der Bibel II – Rettung und Entfremdung

Fluchtgeschichten der Bibel II – Rettung und Entfremdung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.09.2019

Manchmal klingen die alten Geschichten der Bibel so, als wären sie erst für kommende Generationen erzählt, als würden sie erst viele Katastrophen später verständlich.
So scheint es mit Amos, dem Maulbeerenzüchter, zu sein, der den Untergang Israels, die Zerstörung Jerusalems und die Deportation der Bevölkerung zu einem Zeitpunkt kommen sah, als niemand ihm glaubte.
Er teilte das Schicksal von Propheten, Warnern und Rufern. Sie werden nicht gehört. Auch die großen Wanderungsbewegungen der Gegenwart sind schon vor Jahrzehnten mit Blick auf die ungerechte Weltwirtschaftsordnung und den Klimawandel angekündigt worden. Und selbst das Sterben im Mittelmeer scheint vorgezeichnet.
Denn das zweite Buch Mose erzählt: ein Kind treibt im Wasser, in einem Kästchen, einem Körbchen, einem Boot. Falls einer vergessen hat, wie klein Menschen am Anfang des Lebens sind, kann man es ahnen, wenn man sich die Brustkorbspanne der Rettungsweste an unserer Friedenssäule oder dem Jugendzentrum im Magniviertel ansieht.
Die Geschichte dieses Kindes ist die des Mose. Aus Angst vor einer zu starken jüdischen Minderheit in Ägypten hatte der Pharao die Tötung aller Jungen angeordnet. Bar jeder Hoffnung auf Zukunft vertrauten deshalb die verzweifelten Eltern Ihr Kind dem Nil an. Die Bibel erzählt: „Als die Mutter das Kind nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästlein von Rohr für ihn und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils.“
Dieses Kind überlebt nur, weil eine Fremde sich der Not, und dieser Tage können wir ruhig sagen, Seenot, des Kindes erbarmt und es aus dem Wasser zieht und aufnimmt. So wird der kleine Junge von Fremden erzogen und bekommt einen ägyptischen Namen. Er verliert seine Identität, seine Familie, seine Religion, seine Muttersprache.
Aber er lebt. Später wird er das Volk seiner Vorfahren in die Freiheit führen. Später wird er anderen zum Segen werden. Später wird mit ihm eine neue Zukunft beginnen.

Download als PDF-Datei

  Fluchtgeschichten der Bibel I – Vertreibung und Mord

Fluchtgeschichten der Bibel I – Vertreibung und Mord

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.09.2019

Am Anfang steht Gottes Schöpfung mit Himmel und Erde, Wasser und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere, zuletzt der Mensch, Mann und Frau. Es ist unsere Urgeschichte und sie geht einher mit Vertreibung und Heimatverlust.
Adam und Eva lebten in Gottes Garten, inmitten der paradiesischen Fülle ohne Krankheiten und Sorgen, Schmerzen, Gefahren, Angst, ohne Gewalt.
Sie leben wie Kinder, geliebt und versorgt und irgendwie auch unbedarft.
Aber sie bleiben keine Kinder, sondern werden erwachsen. Ewig kann man nicht zuhause unterkriechen. Ewig kann man Daseinsfürsorge nicht anderen überlassen.
So lassen sie sich locken von der Aussicht auf Wissen und Selbstbestimmung. Mit essen den Apfel vom Baum der Erkenntnis. Es weitet sich nicht nur ihr Horizont, sondern schärft sich auch die Wahrnehmung.
Aber zuerst kommt nicht die Freiheit. Zuerst kommt die Scham.
Mann und Frau schämen sich für ihre Nacktheit, vielleicht auch für ihre Abhängigkeit. Mann und Frau schämen sich dafür ohne alles zu sein.
Wer solchen Blick auf sein Leben hat, ist unwiderruflich kein Kind mehr.
Wer ist schuld?
Warum hat nicht genügt, wie es ist? Verantwortung will keiner übernehmen, nicht Eva, nicht Adam, schon gar nicht die Schlange.
Es folgt die Vertreibung aus dem Paradies der Vergangenheit.
Es folgt die Bitternis von Schmerz, Schweiß und Tod.
Es folgt eine Grenzsicherung. Von nun an wird ein Cherubim mit einem flammenden blitzenden Schwert den Weg zum Baum des Lebens verstellen.
Adam und Eva sind gescheitert und von jetzt auf ganz andere Weise auf sich selbst gestellt.
Dabei haben sie Kinder. Kain und Abel. Einer wird Feldarbeiter oder Bauer, der andere Hirte, Viehbesitzer. Einer führt ein gesegnetes Dasein in Frieden und unter Gottes Segen. Einer empfindet sein Leben als ungedeihlich. Gott sieht nur ein Opfer gnädig an.
Aus der strukturellen Ungerechtigkeit, wächst Neid und Gewalt. Einer wird zum Mörder und flieht, gezeichnet von seiner Schuld.
Das sind die Koordinaten für den weiteren Gang der Geschichte Gottes mit den Menschen. Das sind die Ausgangserzählungen, die das wandernde Gottesvolk nutzte, um seine Lebensumstände zu deuten.

Download als PDF-Datei

  Das Buch der Flucht

Das Buch der Flucht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2019

Das Buch der Flucht

Johann Hinrich Claussen, derzeit der Kulturbeauftragte der EKD, hat sich die Bibel wieder vorgenommen nachdem er sich in seiner Hamburger Gemeinde während der sogenannten Flüchtlingskrise zum Suppeausteilen gemeldet hatte. Unsicher zunächst, wie sich das anfühlen würde, realisierte er im Laufe des Abends, dass er den Ort, an dem nun ein Übernachtungsnotquartier eingerichtet war, zum letzten Mal während seines Examens erlebt hatte. Damals war der Raum nicht mit Tischen aus Getränkekisten und Brettern eingerichtet sondern mit mächtigen und schweren Möbeln. Es kamen auch nicht verängstigte (wenn man von den Examenskandidaten absieht) und frierende erschöpfte Menschen, sondern Professoren und Oberlandeskirchenräte…
Dieser Abend brachte ihn dazu, die Bibel neu zu lesen.
Für viele Menschen auch jenseits von Kirchenzugehörigkeit und Glaubensbekenntnissen gehört sie zum Kernbestand wenn nicht sogar Fundament europäischer Kultur. Dabei liest sie sich unter dem Brennglas von Fluchtgeschichten weniger als eine Vergewisserung unseres Lebens als vielmehr ständige Frage nach dem Eigenen und dem Fremden. Oder anders: Offenbar kann man die Bibel mit Claussen auch lesen aus Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Denn so klingt es bei Jesaja: „Sieh, Damaskus hört auf eine Stadt zu sein und wird zur Trümmerstätte … und sie fliehen in die Ferne, sie werden gejagt wie die Spreu auf den Bergen vom Wind … wenn auch der Morgen kommt, so wird es Nacht bleiben.“
Grund genug, den Fluchtgeschichten der Bibel in der Bibel in den nächsten Tagen nachzugehen.
Heute will ich einen Gedanken Claussens festhalten, mit dem er seine Bibellese eröffnet. Er schreibt: „Vielleicht ist es ein geheimes Zeichen der drei monotheistischen Weltreligionen, dass sie von … Heimatlosen ausgingen.“ Wer einen festen Wohnort hat, der kann auch Götter verorten – auf Bergen und in Tempeln, in heiligen Hainen oder Quellen. „Der Glaube aber an einen Gott, der auf der ganzen Welt zuhause ist und zugleich nirgends, ist der Glaube von Menschen, die keine sichere Heimat haben … und deshalb auf einen Gott hoffen, der so wie sie nicht sicher wohnt, aber mit ihnen geht.“
Die alten Texte sind immer vor dem Horizont eigener Lebenserfahrung weitererzählt und gedeutet worden. Auch wir schreiben sie in gewisser Weise weiter, wenn wir sie mit unseren Fragen ins Gespräch bringen.
Draußen hängt eine Rettungsweste…
Sie erinnert und mahnt an alle, die schutzlos unterwegs sind. Sie zwingt uns, hinzuhören und hinzusehen und zwar mit Amos, von dem es in den Tageslosungen heißt: „Suchet das Gute und nicht das Böse…“

Download als PDF-Datei

  Unter Gottes Angesicht…

Unter Gottes Angesicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2019

Der Genfer Reformator Johannes Calvin predigte vor fast 500 Jahren über den Galaterbrief (Kap 6,9-11), in dem es heißt: “lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden … solange wir noch Zeit haben“ und sagte dann in seiner Auslegung: „Denn weil wir menschliche Geschöpfe sind, müssen wir unser eigenes Gesicht, wie in einem Spiegel, anschauen in den Gesichtern der Armen und Verachteten, die nicht weiter können und unter ihrer Last zittern, selbst wenn es die Fremdesten der Welt sind. Wenn irgendein Maure oder irgendein Barbar zu uns kommt, weil er ein Mensch ist, bringt er einen deutlichen Spiegel mit sich, in dem wir sehen können, dass er unser Bruder und Nächster ist.“
Klare Worte. Wir hören sie hier im Dom unter den Augen des Weltenherrschers, vor dem, der sein Angesicht auf uns erhebt und es über uns leuchten lässt, dem wir ebenbildlich sind: Menschen, die Gesichter haben und sich manchmal entscheiden, Gesicht zu zeigen, in deren Gesicht sich das Leid oder Glück eines anderen spiegelt, in dem wir lesen können.
Was steht da?
Manch einer mag vom Domplatz reingekommen sein unter der Rettungsweste hindurch und nun lese ich Fragen in seinem Gesicht. Was soll das? Eine andere ist von der Magnikirche hergekommen und hat dort die kleine Kinderweste gesehen – Brustgröße gleich Regenrinnendurchmesser – und hat noch das Grausen und Frösteln im Gesicht. Ein Dritter leuchtet. Zeit, dass sich was dreht! Und wieder eine andere schaut in sich hinein. Da sind eigene Bilder, Erinnerungen, Fluchtgeschichten…
Wir hier eröffnen heute eine Aktion „Kirche trifft Seebrücke“.
Ziel ist, das Sterben im Mittelmeer so zu thematisieren, das klar ist, dass wir uns daran nicht gewöhnen dürfen und unser Angesicht eigentlich vor lauter Scham verhüllen müssten, dass überhaupt darüber diskutiert wird, ob dort Seenotrettung angesagt ist.
Ziel dieser Aktion ist es, genauer Bescheid zu wissen, Argumente zu hören, Zahlen, Fakten, natürlich auch Sorgen und miteinander darüber zu streiten und zu diskutieren, auch wenn es mühsam ist.
Nochmal Johannes Calvin: „Es hat seinen guten Grund, dass Gott dem Fremdling seinen ganz besonderen Schutz zusagt. Sind doch Leute, die sonst im Lande keinen Freund haben, Unterdrückung und Gewalttat in ganz besonderem Maße ausgesetzt.“
Ziel dieser Aktion ist es schließlich, dass wir einander ins Gesicht sehen und hoffentlich erkennen, dass wir solche sind, denen Gott einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat, dass wir uns erkennen als solche, die widersprechen, als solche die ihre Menschlichkeit nicht als Privileg verstehen, sondern daran bewähren ob auch anderen Menschlichkeit widerfährt.
Und weil beinahe alles mit einem Gedicht noch ein bisschen tiefer geht, lese ich von dem israelischen Dichter Jehuda Amichai, der als Elfjähriger ein Flüchtling wurde:
„Der Ort, an dem wir recht haben
An dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof. Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf wie ein Maulwurf, wie ein Pflug. Und ein Flüstern wird hörbar an dem Ort, wo das Haus stand, das zerstört wurde.“
Zu vorletzt: eine Aktion ist nur dann eine Aktion, wenn Menschen sich aktiv beteiligen. Machen Sie mit! Tragen Sie mit uns das Schlauchboot vor der Tür durch die Stadt. Dieses Boot wurde im Frühjahr leer vor der lybischen Küste gefunden. Es war ein Transportmittel, vielleicht ein Todesurteil. Jetzt ist es ein Symbol. Es ist groß und wird ein bisschen beschwerlich durch die Straßen unser Stadt zu tragen sein. Es wird stören und Manchen zum Stehenbleiben animieren der zwingen. Gut so. Lassen wir uns stören!
Am Ausgang gibt es heute keinen Andachtszettel, sondern ein oranges Blatt. Falten Sie daraus ein Boot. Stellen Sie es sich auf den Schreibtisch oder ins Küchenfenster, legen Sie es ins Auto, bringen Sie es zu unserer Friedenssäule hier im Dom oder in ihre Kirche. Lasst uns damit ein Zeichen dafür verteilen, dass es nicht sein kann, dass Menschen ertrinken, weil in unseren Gesichtern Kleinmut und Furcht geschrieben steht.
Und zuletzt aber ehe wir mit allem anderen anfangen lasst uns beten:

Download als PDF-Datei

  Eine Antwort an einen treuen Andachtsbesucher

Eine Antwort an einen treuen Andachtsbesucher

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.09.2019

Hier alle Tage eine Andacht zu halten, ist mühsam. Das werden Sie ahnen.
Aber dieses kleine zähe Format beschenkt uns auch mit vielen Reaktionen, kurzen und längeren Diskursen.
Neulich lag ein „Wort zum Alltag“ in meinem Fach. Jemand, der sich „ein treuer Andachtsbesucher“ nannte, fragte, ob es nicht möglich sei, die Gebete, mit denen ich die tägliche Andacht beende, zukünftig hintendrauf zu drucken. Hier kommt nun mangels Kontaktdaten die Antwort: Nein.
Das hat zweierlei Gründe. Einerseits habe ich in der Tat fast immer irgendein Buch dabei, in dem Gebete abgedruckt sind. Diese so ohne weiteres zu kopieren, könnte Nachfragen im Zusammenhang mit dem Urheberrecht mit sich bringen. Das ist aber nicht der Hauptgrund. Wir können die Gebete nicht abdrucken, weil ich wirklich bete und deshalb nur ganz selten das sage, was in meinem Buch steht. Ich habe einen Text mit, der zur Andacht passt. Aber eigentlich ist das nur professionelle Vorbereitung.
Denn Beten ist nicht Lesen.
Jörg Zink, einer der Theologen, die wirklich mit der Gabe des Wortes gesegnet sind, schloss sich auf die Frage wie wir eigentlich noch von Gott oder mit ihm reden können, einem anderen großen, Karl Rahner an, der sagte: „Der Mensch … wird ein Mystiker sein oder ein Heide.“ Und er meint jedenfalls für den Mystiker eine ganz eigene Offenheit Gott gegenüber, vielleicht kann man sagen: eine Erfahrungskunst.
Denn Christsein und damit auch das Beten kann man nicht in dem Sinne lernen, wie man sich Merksätze und Jahreszahlen, Funktionsmechanismen oder chemische Prozesse einprägt. Es braucht Begegnung und das Horchen.
Jörg Zink meinte, dass wir uns wieder trauen müssen, ins eigene Herz zu hören und eigene Glaubenserfahrung zu suchen. Was man er-fährt, gewinnt man unterwegs, auf der Suche. Jörg Zink sagt: „Es gibt zwei Seiten hin zu horchen … in die Überlieferung und in das eigene Herz.“ Denn „Beten ist nichts für Redegewandte, sondern für Hörfähige.“
In diesem Sinne gelingt das Gebet hier vielleicht immer dann, wenn wir zusammen hören – aufeinander horchen und in uns selbst. Es ist ein Moment auf dem Weg. Vielleicht deshalb stammt eines meiner Lieblingsworte aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen.“

Download als PDF-Datei

  Wahres Leben

Wahres Leben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.09.2019

Alljährlich am 10. September ist Internationaler Tag der Suizidprävention. Hier im Dom, nutzen wir diesen Tag, um gemeinsam inne zu halten, zu gedenken und zu bitten. Auch in diesem Jahr waren wir also beieinander, einige von Ihnen waren vielleicht dabei oder haben an der Andacht, die Pfarrer Christian Kohn gehalten hat, teilgenommen.

Als wir vor fünf Jahren anfingen, hatte mein Kollege für den Platz der Deutschen Einheit eine Bühne und Informationsstände organisiert. Um Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken, wie er damals sagte. Suizid ist kein öffentliches Thema. An wen also wenden, wenn die Sorgen zu groß werden und die Welt zu düster? Wie mit dem Wunsch zu sterben umgehen? Woran festmachen, ob es wirklich der Wunsch ist, tot zu sein – oder aber ob in dieser Phase schlicht der Sinn des Lebens nicht mehr deutlich ist?

In anderen Ländern wird offensiver mit dem Thema umgegangen als hier bei uns. In Chicago beispielsweise lasen wir in nahezu allen Bussen und Bahnen von Institutionen und Gruppen, die für den Fall, dass jemand Selbsttötungsgedanken hegt, zur Verfügung stehen. Hier in Braunschweig nun also wenigstens leise und exemplarisch der Versuch, auf das Thema aufmerksam zu machen, um im Fall der Fälle zumindest eine weitere Schlaufe des Nachdenkens zu ermöglichen. Denn für all jene, die bleiben, ist es nicht nur traurig, sondern eine das Leben durchziehende Verletzung. Die Fragen bleiben und das Gefühl der Hilflosigkeit auch.

An dem entsprechenden Tag hatte ich in diesem Jahr gleichzeitig Konfirmanden-Unterricht. Ich überlegte, dass dieses Thema ein Teil des wahren Lebens ist, und entschloss mich, mit ihnen teilzunehmen. Also sprachen wir vorbereitend auf die Andacht über das Thema. Und ich war erstaunt, wie sehr bei diesen ganz frischen Siebtklässlern schon Informationen und Überlegungen vorhanden waren. Sie wussten, dass in Japan viel mehr Schülerinnen und Schüler aufgrund des Leistungsdrucks nicht mehr leben möchten. Und sie hatten überlegt, inwiefern Mobbing, Familienprobleme oder das Gefühl unnütz zu sein, dazu führen können, dass jemand keinen Sinn mehr im Leben sieht. Sie kannten Menschen, die am Ende glücklicherweise doch genug Mut zum Überleben gefunden hatten. Und sie kannten Menschen, die es versucht hatten und im letzten Augenblick aufgehalten worden waren. Meine Konfis mit ihren zwölf, dreizehn Lebensjahren waren mit diesem Thema schon längst vertraut und mitten drin im wahren Leben.

Nach der Andacht haben wir uns noch einmal zusammengesetzt, weil ich gerne hören wollte, wie das Erlebte auf sie gewirkt hat. Nahezu alle hatten einen Gottesdienst erlebt, der sie berührt hatte. Nahezu alle hatten sich einlassen können auf das Schreiben eigener leiser oder lauter Fürbitten. Und alle haben wahrgenommen, dass ein Suizid nicht allein den Suizidalen, sondern auch dessen Familie und Freunde betrifft. Nachdenklich sind sie nach Hause gegangen – aber ich hoffe auch, dass sie in der Ermutigung gingen, um die der 139. Psalm weiß (Ps 139.5):
„Von allen Seiten, Gott, umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir.“

Download als PDF-Datei

  Von Gerechtigkeit und gutem Leben

Von Gerechtigkeit und gutem Leben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.09.2019

„Das ist aber ungerecht!“, rufen kleine Kinder gern. Gerecht allerdings heißt bei Kindern zumeist, dass sie selbst genauso viel erhalten oder genauso gut behandelt werden wie die anderen Kinder ihrer Vergleichsgruppe. Ihre Gerechtigkeit dient dazu, nicht in den Nachteil zu geraden. Werden sie aber auf Kosten anderer bevorteilt, dann finden sie das meist okay. Das zumindest ergaben empirische Untersuchungen: Gerechtigkeitsempfinden muss sich demnach entwickeln und durch eine entsprechende Erziehung befördert werden. Und dann lässt sich tatsächlich feststellen, dass Fünfjährige gerechter teilen als Dreijährige und Erwachsene zumindest sehr wohl wissen, wann sie bevorzugt werden.

Ich finde es ja immer spannend, was sich heutzutage per Versuchsanordnung alles herausfinden lässt. Allein: Das Wissen hilft noch nicht zum gerechten oder gar guten Leben. Zumal unser Gerechtigkeitsempfinden ja auch Kriterien in der Frage danach braucht, was eigentlich gerecht ist. Ist Gerechtigkeit z.B. Chancengleichheit oder absolute Gleichheit, ist es das Eingehen auf notwendige Bedürfnisse oder die Abgeltung von Leistung, ist es das, was die Mehrheit in einer Demokratie als gerecht bestimmt oder ist es vielleicht das Los, ist es Gendergerechtigkeit usw.. Gerechtigkeit also ist auch theoretisch eine komplexe Sache, und doch – wie im Kindergarten – spüren Menschen, wo sie dem Nachbarn gegenüber schlechter wegkommen; jene aber, die profitieren, sehen gerne großzügig darüber hinweg. Vielleicht benennen sie das Problem noch und stimmen ihm zu, aber die Energie zur Problemlösung hält sich eher in Grenzen.

Dazu gibt es jene, die auf ihre persönliche Bevorzugung hinarbeiten. Dass das ein wohl typisch menschlicher Zug ist, darauf verweisen Sätze wie die heutige Tageslosung, in der es heißt: „Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen; denn Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten.“ (5. Mose 16,19)

Wenn also nun die Akzeptanz oder auch die Suche nach dem eigenen Vorteil so menschlich scheint, wie soll es dann überhaupt Gerechtigkeit auf Erden geben? Jesus empfiehlt uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“ (Mk 10,43-45)

Ich denke, wer bereit ist, hier und da auch einmal zurückzustecken, der wird nicht nur die Barmherzigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit befördern; auf persönlicher Ebene genauso wie auf den kleinen und größeren politischen Bühnen genauso wie im Blick auf die Bewahrung der Natur. Aber tatsächlich ist wohl nur wenig so schwer wie das Zügeln der eigenen Möglichkeiten und Wünsche…. Umso wichtiger, es sich immer wieder einmal bewusst zu machen und sich selbst zu prüfen.

Download als PDF-Datei

  17. INTERNATIONALER TAG DER SUIZIDPRÄVENTION

17. INTERNATIONALER TAG DER SUIZIDPRÄVENTION

Christian Kohn, Pfarrer - 10.09.2019

Gegen den Tod ist kein „Kraut“ gewachsen. Das weiß eigentlich jeder. Irgendwann findet jedes Leben sein Ende, allen menschlichen Möglichkeiten zum Trotz. Wogegen aber möglicherweise ein „Kraut“ gewachsen sein könnte, das wäre dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Gründen beabsichtigen, sich selbst ihr Leben zu nehmen. Allerdings bleibt es bei zahlreichen Menschen nicht nur bei den Gedanken, sondern oft, allzu oft werden diese Gedanken auch in die Tat umgesetzt.
Jedes Jahr im September werden wir durch den Weltsuizidpräventionstag schmerzlich darauf aufmerksam gemacht, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. Das sind mehr Menschen als jene, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und das stellt uns alle vor die wichtige Frage, ob man dagegen etwas tun kann, um das mit dem Suizid einhergehende Leid bei allen Beteiligten zu verhindern? Oder, bildlich gesprochen: welches „Kraut“ oder welche „Kräuter“ dagegen gewachsen sind?
Dem heutigen Weltsuizidpräventionstag geht es, wie der Namen bereits sagt, vor allem um eines - um die Prävention. Es geht um das hilfreiche Vorbeugen, das den betroffenen Menschen dabei behilflich ist, in anderer Weise mit den eigenen Lebenskrisen umzugehen. Dazu braucht es allerdings eine gesellschaftliche Offenheit im Gegensatz zu einer Tabuisierung, eines Verschweigens von Krisen und suizidalen Gedanken. Denn gerade Gespräche mit anderen können dabei helfen, den eigenen sogenannten Tunnelblick wieder zu weiten, in den man durch eine Krise geraten kann. Und der Tunnelblick heißt deswegen Tunnelblick, weil er nur noch den Blick in ein düsteres Loch bietet, aber nicht mehr in die weitere Umgebung, die rechts und links neben dem Tunnel liegt.
Weil wir aber anderen Menschen nicht hinter die Stirn schauen können, um ihre Gedanken zu lesen, braucht es offene Augen und Ohren füreinander. Denn oft gibt es bei betroffenen Menschen Warnsignale, - eine veränderte Sprache oder ein verändertes Verhalten -, die wir aber nicht zu deuten wissen oder einfach ignorieren. Doch anstatt unsere Augen und Ohren zu verschließen, sollten wir, wenn wir solche Veränderungen beobachten, daran Anteil nehmen und fürsorglich sein für die, die in unserer Gemeinschaft ganz offensichtlich belastet sind. Zudem können wir kritisch anfragen, ob nicht auch unsere „Hochglanzbilder“ vom Leben, die uns täglich vermittelt werden - erfolgreich, gesund und glücklich – überhaupt mit unserer Lebenswirklichkeit etwas zu tun haben? Oder, ob sie nicht vielmehr auf ihrer Rückseite Menschen in die Verzweiflung und Depression stürzen, weil sie feststellen, dass ihr eigenes Leben diesen Bildern in keiner Weise zu entsprechen vermag?
Insofern wäre es eine weitere gute Form von Prävention, wenn wir uns untereinander unsere Krisen, Ängste und Zweifel nicht verschweigen würden. Und weder für uns selbst noch für andere ein Bild des Lebens entwerfen, in dem Krisen, Rückschläge und auch das Scheitern keinen Platz finden. Und weiter hilfreich wäre es, wenn wir uns untereinander mitteilen würden, was uns selbst geholfen hat, diesen Widerständen und dunklen Seiten des Lebens zu begegnen und durch sie hindurchzugehen. Das alles könnte das „Kraut“ für andere Menschen sein, die im Moment nicht wissen, wie es für sie weiter geht. Und die beste Nachricht, die sich auf diese Weise verbreiten würde, wäre wohl: Du bist nicht allein und Du bist mir wichtig!
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps. 23.4)

Download als PDF-Datei

  Karl Barth

Karl Barth

Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen - 09.09.2019

Der Theologe Karl Barth (1886 – 1968) gilt bei manchen als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“, bei anderen als längst überholter Denker. In den politisch unruhigen und sehr ereignisreichen Jahrzehnten nach dem 1. Weltkrieg hat er sich in der Kirche zu Wort gemeldet. „Gott ist anders.“ lautete seine Botschaft in jener Krisenzeit, als man die christliche Religion zum Kriegführen „für Gott und Vaterland“ und für die Ehrenmäler der Gefallenen vereinnahmt hat, auch in unserer Stadt. Karl Barth war zutiefst erschüttert von den Ereignissen des 1. Weltkrieges und der Kriegsbegeisterung maßgeblicher kirchlicher Kreise. Als Theologe erhob er Einspruch. „Gott ist anders.“ Der Schweizer Pfarrer in einem Industriedorf zwischen den Aargauer Bergen begann, den Glauben neu zu durchdenken. Mehr als einmal fing er von vorne an. Ich sehe darin ein anregendes Beispiel. Die Fragen der Zeit in den eigenen Glauben hineinlassen. Die Themen von heute dürfen mich auch religiös herausfordern. Was hat das mit Gott zu tun? Nachrichten machen etwas mit uns, auch mit unserem Glauben. Lassen wir das zu und nehmen uns Zeit, darüber nachzudenken!
Nach mehreren Anläufen setzte Barth zu seinem großen Lebenswerk an. Über Jahrzehnte arbeitete er daran und wurde damit bis zu seinem Tod nicht fertig. Schon auf der ersten Seite seiner „Kirchlichen Dogmatik“ stellt er etwas klar. Auch die hohe Theologie - wie alles, was sonst noch in der Kirche gesagt und getan wird – ist ein unvollkommenes menschliches Werk. Fehleranfällig. Vorläufig. Gerade in religiösen Angelegenheiten kann das eine sehr empfindliche und durchaus folgenreiche Begrenzung sein, wie wir aus Kränkungen und Enttäuschungen wissen. Aber es gibt kein Entrinnen, es gibt keinen heiligen religiösen Bezirk, der nicht davon betroffen wäre.
Trotzdem gilt es auf dieser Welt, etwas zu wagen. Auch wenn es unvollkommen ist, etwas wagen. Schon im Kleinen fängt das an. Ein Brief. Ein Gespräch. Ein Engagement.
Als Christenmenschen sind wir – jede und jeder von uns – berufen, ein eigenes Leben zu finden. Ich lebe, und möchte für das, was ich auf dieser Welt beitrage, meinen eigenen, unverwechselbaren Ton finden. Es kann sein, dass ich falsch liege. Es kann sein, dass kein Lebenswerk daraus wird. Aber ich will es wagen.
An Karl Barth finde ich beeindruckend, wie er sich auch in seinem besonderen Tun und Verfehlen selbst relativieren konnte. „Wir sind Menschen und können nicht von Gott reden“, sagte er pointiert. Wir sind Menschen, und können vieles von dem, das wir tun, nur sehr unvollkommen. Aber wir sollen trotz der eigenen Irrtümer und Fehler die Wahrheitssuche nicht aufgeben. Gott gebe uns, dass wir dabei humorvoll, musikalisch und auch genussfreudig bleiben. Diese Tugend hat Karl Barth, wie ich finde, eindrücklich vorgelebt. Man kann viel an ihm kritisieren, dennoch ist er ein Beispiel dafür, etwas Unvollkommenes zu wagen und dabei zuversichtlich zu sein. Denn ein anderer hat seine Finger mit im Spiel, und er kann aus wenig Etwas machen. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12).
Die evangelische Tugend einer engagierten Gelassenheit hat ihre Voraussetzung im Evangelium selbst. Auch Theologen brauchen, wie alle Christenmenschen, für ihr Reden, Tun und Sein eine Bejahung, die sie sich nicht selber zuschreiben können. Eine Bejahung von anderswoher, die auch nicht alle Beobachter gönnen können. Diese Bejahung wird jedem von uns als Zusage, als Geschenk zugemutet. „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12).

Download als PDF-Datei

  Von gut und böse

Von gut und böse

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.09.2019

In seiner Streitschrift um den freien Willen schreibt Martin Luther im Jahre 1524 gegen Erasmus von Rotterdam, dass der Mensch keinen freien Willen in Glaubensfragen habe. Stattdessen, so Luther, sei der Mensch wie ein Lasttier: „So ist der menschliche Wille in der Mitte hingestellt wie ein Lasttier; wenn Gott drauf sitzt, will er und geht, wohin Gott will […]. Wenn der Satan drauf sitzt, will er und geht, wohin Satan will. Es liegt nicht in seiner freien Wahl, zu einem von beiden Reitern zu laufen und ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst kämpfen darum, ihn festzuhalten und in Besitz zu nehmen.“
(WA 18,635, 17-22)

Es ist eine der Schriften, von denen ich nicht so recht weiß; denn zum einen scheint es mir richtig, dass wir nicht regelmäßig freier Herr all unserer Sinne sind, sondern durchaus Körper, Gesellschaft, Erwartungen und vieles mehr mich gerne von dem abbringen, was ich mir eigentlich vorgenommen habe; zum anderen aber halte ich nichts vom großen dialektischen Kampf zwischen Gott und Teufel, sondern glaube an den einen, allmächtigen Gott, der mich annehmen, behüten und bewahren will. Dazu halte ich uns Menschen auch für gar nicht so machtlos, sondern glaube durchaus an unsere kreative und schöpferische Macht, wie sie uns im Sinne der Ebenbildlichkeit Gottes geschenkt worden ist. Und so glaube ich daran, dass es eines jeden Menschen Auftrag ist, seinen Teil in der Welt gut, sich seiner Pflicht bewusst und auch in rechtem Glauben zu gestalten.

Ganz in diesem Sinne fand ich eine Erzählung ausdruckskräftig, die ein Kollege in dieser Woche als Andachtswort mit uns teilte: „Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt./ Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen. Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.“ / Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: „Welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ / Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

Und um dann doch wieder bei Luther zu bleiben: Vielleicht können wir uns unseren Reiter nicht aussuchen, aber ließe sich nicht eventuell bewerkstelligen, uns regelmäßig darin zu prüfen, von wem oder was wir uns füttern lassen? Damit, wenn’s das falsche Futter ist, wir den Reiter abwerfen und ihm, in guter Eselsmanier, einen ordentlichen Tritt versetzen - oder so….

Download als PDF-Datei

  Ökumenischer Tag der Schöpfung

Ökumenischer Tag der Schöpfung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 06.09.2019

Seit 2010 ist der erste Freitag im September als Ökumenischer Tag der Schöpfung ausgerufen. Dieser Tag soll dem Gebet dienen „für den Schutz der Schöpfung und der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils, um den Klimawandel aufzuhalten“. Vermutlich vermutet jetzt so manch einer, dass die Initiative zu diesem Tag von entsprechenden Initiativen politischer Couleur befördert wurde. Zumindest war das meine Vermutung; aber es ist doch immer wieder schön, eines Besseren belehrt zu werden: Tatsächlich geht die Initiative auf die orthodoxe Kirche zurück. Der Patriarch Konstantinopels, Dimitrios, rief 1989 „die ganze orthodoxe und christliche Welt“ auf „zum Schöpfer der Welt zu beten“, und zwar mit Dank und Bitte für diese Schöpfung. Von hier aus verbreitete sich der Gedanke zunächst auf europäischer und dann auf nationaler Ebene. - Dreißig Jahre nach dem Aufruf leben wir in einer Welt, die zwischen Initiativen wie „Fridays for future“ und der Leugnung des Klimawandels durch mächtige politische Vertreter wie dem Präsidenten der Vereinigten Staaten steht. Und mittendrin beschäftigen uns Nachrichten wie jene des Hurrikans „Dorian“, Überlegungen zum Plastiktütenverbot, der Kampf gegen Funklöcher und biologischer Ernteschutz. So zumindest einige der aktuellen Header auf „tagesschau.de“.
Ich empfinde uns in dieser Gegenwart oft als fast schon schizophren. Denn wenn wir politisch nicht gerade absichtlich weggucken, weil wirtschaftliche Folgen bange machen oder eine gute Lobbyarbeit geleistet wird, sieht unsere Zeit doch die Probleme und Nöte dieser Erde und findet es auch richtig sich zu engagieren: „Fridays for future“ oder die hohe Bereitschaft zur Mülltrennung und Müllvermeidung lassen das zumindest vermuten; insgeheim scheinen wir aber zu hoffen, dass es damit dann auch getan ist. Der Flieger setzt uns zur Urlaubszeit trotzdem nach Ami-Land, in die Bahamas, zumindest wenn’s da nicht gerade so schrecklich stürmt, oder nach Afrika bzw. in die Türkei über, zumindest solange dort politisch niemand aufbegehrt und Ruhe ist. Auch das Kreuzfahrtschiff wird gerne bestiegen, schließlich waren fast alle Freunde doch auch schon mindestens einmal auf solch einer Tour. Und natürlich möchte man sich auch mal etwas gönnen: Handy, Klamotten, Autos, Elektroroller, den eigenen kleinen Großpool im Garten und überhaupt.
Unseren Kindern wird eine Lebenserwartung von etwa einhundert Jahren vorausgesagt, und ganz ehrlich: ich wünsche mir, in einigen Jahren auch Großmutter zu werden. Aber unsere innere Haltung zwischen Wissen um das, was Not tut, und Tun, die macht mir Angst für diese Generationen. Ich habe Angst vor den Selbstverständlichkeiten dieser Gesellschaft, denen ich und viele andere uns derzeit kaum entziehen können.
Unsere heutige Tageslosung sagt (Ps 133,1.3): „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder und Schwestern einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheißt der HERR den Segen und Leben bis in Ewigkeit.“ – Ich denke, nicht nur Brüder und Schwestern sollten einträchtig beieinander wohnen, sondern wir alle auch mit der Schöpfung dieser Welt. Denn wo das Notwendige, um solche Eintracht zu erreichen, geschieht, dort sind Segen und Leben verheißen; hier auf Erden und gerne auch bis in Ewigkeit.

Download als PDF-Datei

  Wie ein Baum…

Wie ein Baum…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.09.2019

1976 und dann später immer wieder sangen die Puhdys, eine DDR-Rockband:
„Alt wie ein Baum möchte ich werden / Genau wie der Dichter es beschreibt /
Alt wie ein Baum mit einer Krone / die weit, weit, weit, weit / Die weit über Felder zeigt
Alt wie ein Baum möchte ich werden / Mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt / Alt wie Baum, der alle Jahre / so weit, weit, weit, weit / Kindern nur Schatten bringt…“
Es wurde ein großer Hit, zumindest in der kleinen DDR…
Wie ein Baum wollten die Puhdys sein, wie ein Baum, der Himmel und Erde verbindet, Träume einfängt und so auch irgendwie bewahrt, mit starken Wurzeln und einem riesigen Blätterdach…
Bäume sind Urbilder des Lebens, gerade hier im Dom unter dem siebenarmigen Leuchter, der ohne die Geschichte vom Baum des Lebens inmitten von Gottes Garten sicher nicht solche einen Ort gefunden hätte, wird das augenscheinlich.
Bäume wurden gepflanzt, wenn ein Kind geboren wird oder eine Zukunftshoffnung Wurzeln schlagen soll. Bäume überdauern uns und in ihrem Schatten finden wir Schutz. Bäume atmen für uns. Manch einer will unter ihnen begraben sein.
Dabei sind auch Bäume verletzliche Geschöpfe.
Im Harz kann man das sehen. Kaum vorstellbar, dass kleine Käfer ganze Wälder auffressen können und doch ein vergleichsweise kleines Unglück im Unterschied zur Katastrophe des Regenwaldes in Amazonien. Manch einer befürchtet, dass dieses kostbare und einzigartige Biotop an der Grenze seiner Regenrationsfähigkeit angekommen ist und kollabieren wird.
Schlimm genug, dass zunehmende Wetterextreme die Bäume angreifen, der Mensch tut ein Übriges, dass Bäume nicht alt werden und einem das Lied der Puhdys im Munde steckenbleibt.
In der Charta Oecumenica aus dem April 2001 heißt es: „Wir sehen mit Schrecken, dass die Güter der Erde ohne Rücksicht auf ihren Eigenwert, ohne Beachtung ihrer Begrenztheit und ohne Rücksicht auf das Wohl zukünftiger Generationen ausgebeutet werden. … Wir empfehlen, einen ökumenischen Tag des Gebetes für die Bewahrung der Schöpfung in den europäischen Kirchen einzuführen.“
In Braunschweig wird der Schöpfungstag am 21. September auf dem Kohlmarkt gefeiert werden. Aber es schadet nicht, heute schon dafür zu beten.


Dompredigerin Cornelia Götz

Download als PDF-Datei

  Wenn von Gott nicht mehr die Rede ist…

Wenn von Gott nicht mehr die Rede ist…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.09.2019

Jochen Klepper, der Autor des Silvesterliedes „Der du die Zeit in Händen hast…“ schrieb am 1. September 1939 in sein Tagebuch: „um zehn hören wir die Übertragung der Reichstagssitzung … kein Wort von Gott in dieser Stunde … nun wird erst allen bewusst werden, was mit Deutschland ist.“
Ich habe diese Stelle am Sonntag für das Gedenken an den Ausbruch des zweiten Weltkrieges rausgesucht aber im Nachgang zu den Landtagswahlen beschleicht mich noch ein anderer Gedanke: Könnte es sein, dass die hohe Unzufriedenheit im Osten Deutschlands auch mit dem großflächigen Verlust christlicher Sozialisation und Kirchlichkeit zu tun hat?
Ich frage das sehr vorsichtig und will nicht den Eindruck erwecken, dass wir hier im gelobten Lande lebten und alle Menschen treu auf Gottes Wegen wandelten. Aber könnte es nicht sein, dass dort, wo Menschen nicht mehr mit den biblischen Geschichten in Berührung kommen, wo Lebensdeutung und Lebensleistung nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden mit Gnade und Segen, das bittere Kraut der Unzufriedenheit besser gedeiht?
Wenn die Frage danach, ob mein Leben wert hat oder meine Lebensumstände gerecht sind, ob das, was ich geschafft habe und wie es mir jetzt geht, allein von politischen Akteuren beantwortet wird oder am Kontostand ablesbar ist, sind wir dann nicht allzu leichte Beute derer, die Unzufriedenheit und Neid schüren, Vernachlässigungsgefühle pflegen und Angst vor denen machen, mit denen man eventuell teilen muss?
Wenn es keine Rede mehr von Barmherzigkeit und Nächstenliebe gibt, dann muss die Lücke von einem Schuldigen geschlossen werden. Wenn es keinen mehr gibt, der davon erzählt, dass für uns gesorgt ist, muss Zukunft Angst machen.
Ich will nicht kleinreden, was es heißt, seine Arbeit zu verlieren und kein Gehör zu finden…
Ich glaube nicht, dass jemand, der im Braunkohletagebau malocht hat, so ohne weiteres Arbeit in einer Bundesbehörde findet. Was helfen dann tolle Fahrradwege?
Ich ahne, dass Altwerden beängstigend ist, wenn es keine Geschäfte und Ärzte mehr gibt, wenn die Kinder weggehen…
Und doch glaube ich, dass ein Gebet wie Jochen Kleppers, „der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen … Wir fahren hin durch deinen Zorn und doch strömt deiner Gnade Born in unsre Leeren Hände“ dazu beiträgt, Hoffnung nicht auf rechte nationalistische Populisten zu setzen, denn die werden es nicht gut machen. Darum wird – mit Jochen Klepper - nach diesem beinahe glimpflichen Wahlausgang mehr denn je wichtig sein, das wir deutlich von Gott reden.


Download als PDF-Datei

  Dies ist Schoschanas Geschichte

Dies ist Schoschanas Geschichte

Pastor Henning Böger - 02.09.2019

Es gibt Geschichten, die sind so schön, dass man sie einfach weitererzählen muss. Auch diese ist es: die Geschichte von Schoschana Ovitz.
Vor einigen Tagen wurde sie 104 Jahre alt. Sie hat sich für diesen Geburtstag etwas Besonderes ausgedacht. Sie feiert mit etwa 400 Familienmitgliedern – Kindern, Enkeln, Ur- und Ururenkeln – ihren Geburtstag in Jerusalem, an der Klagemauer auf dem Tempelberg. Diese Mauer ist nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus stehengeblieben. Oft sehen wir sie im Fernsehen und erkennen, wie Menschen vor ihr beten und kleine Zettel in die Mauerritzen stecken. Auf diesen Zetteln stehen Klagen, Dank und Bitten an Gott.
Schoschana Ovitz will nicht klagen. Sie und ihre große Familie wollen Gott danken und loben. Als junge Frau hat sie das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Der grausame KZ-Arzt Josef Mengele habe ihre Mutter auf dem Gewissen, sagt Frau Schoschana. Sie aber hat überlebt, später eine große Familie gegründet und den reichen Segen Gottes erlebt. Ihr ältester Enkel, der heute in Belgien lebt, sagt nach dem Fest an der Klagemauer: „Alle hatten Tränen in den Augen, so bewegend war es.“
Was für ein Fest; was für eine Geschichte vom Triumph des Lebens. Schoschana Ovitz erlebt als junge Frau die Hölle; dann überlebt sie diese und feiert fortan das Leben, feiert Gott, der sie trug und trägt. Der Mut, die Kraft und die Dankbarkeit dieser alten Frau sind ansteckend.
Oft rätseln wir darüber, warum Gott Böses zulässt. Wir fragen dann nach dem „Warum?“ - und fragen das auch mit Recht. Aber wir erhalten womöglich keine Antwort. „Dann bleibt nicht bei der Frage stehen“, sagt die Geschichte von Schoschana Ovitz: „Ihr könnt Schritte wagen über das Böse hinaus.“ Es hilft oft mehr, so verstehe ich, dem Schmerz zu trotzen, als sich ihm hinzugeben. Und das Leben zu feiern, wann immer es möglich ist. Weil Gottes Segenskraft darin stärker ist als das Böse. Weil wer Gott loben und danken kann, den ersten Schritt getan hat, um dem Schmerz die Stirn zu bieten. Ein Gedanke, den nachzuempfinden es lohnt!

Download als PDF-Datei

  Erinnern, um nicht zu vergessen…

Erinnern, um nicht zu vergessen…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.08.2019

In der DDR begannen die Sommerferien am ersten Juli und endeten am einunddreißigsten August, jedes Jahr. Der erste Schultag des neuen Schuljahres begann immer – jedenfalls in meinem Schulleben – mit einem Appell auf dem Schulhof zum „Weltfriedenstag“ am ersten September.
Die Botschaften vermischten sich während des kalten Krieges mit ideologischen Ansagen; die Aggressoren verbanden sich mit Namen von Ländern, deren Boden wir wahrscheinlich nicht betreten würden. Aber immerhin: kein Schulkind vergaß, dass das faschistische Deutschland Polen überfallen und den zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Und auch aus dem Tiefschlaf gerissen, hätte jedes Kind gewusst: „Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen.“
Im Laufe der Zeit präzisierte sich das Bild. Über den Weltfrieden mit kommunistischer Weltherrschaft schob sich das Gedenken an den Kriegsbeginn und seine Ursachen. Schmerzhafte deutsche Geschichte. Die achtzehnjährige Sophie Scholl schrieb damals an ihren Freund: „Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland.“
2019 jährt sich der Kriegsbeginn zum 80. Mal in einem Jahr, über dem es aus Psalm 34 heißt: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“
Das bleibt dringend nötig, denn zwischen Friedenssuche und dem Hinterherjagen klafft die Erkenntnis, dass man Frieden nie hat. Es bedarf immer wieder der ernstgemeinten Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und sich Mühe zu geben, zu verstehen, es braucht den Mut, zu widersprechen. Erst recht, wenn man bedenkt, dass es seit dem Mauerfall 1989 mehr Grenzen und Mauern auf der Welt gibt als je zuvor, dass zahllose Menschen an diesen Grenzen oder wegen dieser Grenzen sterben.
Das macht die Friedenssuche schwer und die Jagd erst recht….
Und morgen sind Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Diejenigen, die mit unterschwelligem oder grellem Hass zündeln, Unzufriedenheitsgefühle schüren und an die kleinen Angstfeuer noch ein Scheitchen anlegen, haben große Aufmerksamkeit und damit Sichtbarkeit. Es kommt darauf an, dass sie nicht noch Mehrheiten finden. Denn gerade das morgige Aufeinandertreffen der Daten gibt Anlass, sich zu erinnern, wohin all das führt. In einem jüdischen Sprichwort heißt es: „Vergessen verlängert das Exil. In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“



Download als PDF-Datei

  Nur wo du zu Fuß warst

Nur wo du zu Fuß warst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.08.2019

Von Johann Wolfgang von Goethe, dessen 270. Geburtstag in diese Woche fällt, stammt der Ausspruch: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Wenn man bedenkt, dass zu seiner Zeit Ortswechsel zu Land ohnehin nur per Muskelkraft möglich waren – die Eisenbahn war gerade erst im Kommen – dann ist das schon ein erstaunlicher Ausspruch.
Goethes Maß einer Tagesreise hatte jedenfalls noch so menschliche Dimensionen, dass es keiner Wartezeiten bedurfte, bis die Seele nachkam oder sich der Körper vom Jetlag erholt hatte. Die Reizüberflutung unserer schnellen Welt wird sich auch ein genialer Geist wie er es war, kaum ausgemalt haben.
Vielleicht ging es ihm also eher darum, einander zu vergewissern, dass wir unsere Ziele erlaufen, Gipfel ersteigen und uns manchmal auch beim Abstieg quälen müssen, dass Talwege bezaubernd oder eben auch endlos lang sein kann können und man je nachdem die Kilometer in den Knochen spürt.
Mit anderen Worten: wirkliches Leben geht nicht theoretisch oder digital – wir sind noch immer Menschen aus Fleisch und Blut und müssen mitten hindurch. Andernfalls stecken wir fest…
So ist es im Großen und im Kleinen.
Wir können analysieren und durchdenken, was um uns passiert aber letztlich wird es nötig sein, loszugehen. Wir können träumen und uns ausmalen, wie alles wäre, aber es wird nur etwas geschehen, wenn wir dem Leben nicht ausweichen.
Auch in der Bibel wird enorm viel gelaufen. Abraham und seine Söhne zogen riesige Strecken mit allen, die zu ihrem Hausstand gehörten. Jakob lief fort von seiner Bruder Esau. Das Volk Israel wanderte jahrzehntelang. Und auch Jesus ging und schickte auch seine Jünger auf Reisen zu Fuß. Natürlich. So war die Zeit…
So ist sie noch immer, denn nur wer läuft, bleibt stehen, wenn einer uns festhält, weil er Sorgen hat. Nur so kann sich einer auf dem Weg zu uns gesellen und uns erinnern, wie wir begeistert waren oder ermutigen, wenn die Füße schwer werden. Laufend sind wir gerade aufgerichtete Menschen. So kann reifen, was einer in uns sät.
Im Bibelgesprächskreis des Domes – einem Angebot, das jedem offen steht, der mit anderen in Bibeltexte hineinhören will – haben wir über das Gleichnis vom Sämann geredet. Ein Text, der damit quält, dass manche Saat nicht aufgeht und keine Frucht trägt, dass es passieren kann, dass man sich vorwärtsschleppt und einfach nicht vorwärtskommt, dass man in die Irre geht. Auch für diese schwierigen Wege gilt. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“
Kein Wunder, dass es im 23. Psalm heißt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück. Sein Stecken und Stab trösten mich.“
Gott geht mit. Vielleicht zu Fuß. Und dann und wann geht es zu frischem Wasser und auf eine grüne Aue, ganz wirklich.

Download als PDF-Datei

  Was bleibt

Was bleibt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.08.2019

Heute las ich in meiner Tageszeitung: „Wenn im Beruf Veränderung zum Normalzustand wird“. Dort ging es um lebenslanges Lernen. Ich selbst dachte: Die Wahrheit geht viel tiefer. Denn gilt das nicht für unsere ganze derzeitige Gegenwart: „Wenn Veränderung zum Normalzustand wird“?

Während vor zwanzig Jahren noch die Hoffnung pulste, dass man sich nur den gegebenen Veränderungen in den Bereichen Technik und Kommunikation anpassen müsste, um sich dann aber wieder in Ruhe neu einrichten zu können, muss man heute sagen: Diese Hoffnung hat nicht getragen. Veränderung ist zum Normalzustand geworden. Und diese Veränderung betrifft alles. Von der Möglichkeit zu leben und zu lieben bis hin zu den Erfordernissen in den Bereichen Beruf und Kommunikation. Es ist eine Situation, die die meisten von uns wahrscheinlich nicht nur fordert, sondern überfordert, weil es uns ans Sicherheitsgefühl geht und Menschen sich eben lieber auf gesicherten Pfaden bewegen als in unklarem Dickicht.

Was machen da wir als Religionsgemeinschaft? Zum einen müssen auch wir anerkennen, dass die Veränderungen uns nicht auslassen. Uns, die wir gerne von der ewigen Wahrheit sprechen. Und zum anderen werden wir trotzdem weiter glauben, dass wir eine frohe Botschaft haben, die individuell und gesellschaftlich noch genauso relevant ist wie vor zweitausend Jahren. Und gerade, wenn wir über die Prioritäten nachdenken, die derzeit gesetzt werden, gilt das umso mehr.

Wie also verändert man sich und bleibt doch? In unserer Tageslosung heißt es:
„Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.“ (Spr 15,33)

Oder in etwas anderen Worten: Gott erkennen wir als Gott an, indem wir uns in seiner Weisheit versuchen. Aber was ist Weisheit noch in einer Welt, in der alles der Veränderung unterliegt? Hören Sie dazu eine Erzählung:

„Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte: ‚Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.‘ ‚Aber wie sollte das zugehen?‘ ‚Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.‘ ‚Aber kann ich denn nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?‘ ‚In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist‘, flüstert die geheimnisvolle Stimme. ‚Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.‘ Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.“
(aus: Andere Zeiten, „Oh“ Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Hamburg 52017)

Download als PDF-Datei

  Von Wissen und Tun

Von Wissen und Tun

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.08.2019

Kürzlich saß ich in freundlicher Runde mit Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Es waren Leute meines Alters, die irgendwie ordentlich zu leben versuchen, die ihre Kinder anständig erziehen wollen, die bereit sind, sich einzusetzen und die gleichzeitig auch ein bisschen etwas vom Leben haben und es genießen möchten. Menschen wie du und ich. Trotzdem wirkte mir, je später der Abend wurde, das Zuhören wie ein Spiegel. Denn da wurden um der eigenen Arbeitsplätze willen Konzessionen gemacht in Hinsicht darauf, dass der eigene Arbeitgeber hoffentlich nicht zu stark rechtlich belangt werde für das, was er tatsächlich rechtswidrig verbockt hat. Und nachdem über das sich verändernde Klima und die Verantwortlichkeit des Menschen dafür sinniert wurde, nahm das Erzählen vom Urlaub viel Raum ein. Als Reiseziel waren die USA dabei, die auf dem Motorrad weiträumig durchquert worden waren. Weiter wurde von Kreuzfahrt-Reisen, Marokko, der Türkei erzählt. Es wurde über die Qualität der im All-Inclusive-Angebot enthaltenen Cocktails räsoniert und überhaupt über die den Touristen angebotenen Möglichkeiten. Und dann kam man auf das Thema, wohin es denn im nächsten Jahr gehen solle. In die USA, auf Kreuzfahrt, nach Ägypten. Innehalten meinerseits: Hatten wir nicht eben gerade noch über die Erderwärmung gesprochen? Was ist mit dem Wissen um die Umweltschädlichkeit des Fliegens, des Massentourismus? Was ist mit der Bewegung unserer Kinder „Fridays for future“? – Warum liegt das, worum wir wissen, so weit weg von dem, was wir tun? Und wie ist das eigentlich bei mir selbst? Genieße nicht auch ich gern die Vorzüge unserer Gegenwart – und kann deshalb jeden gut verstehen, der das genauso in Anspruch nehmen möchte?

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19)

Schreibt Paulus. Und es bleibt einer meiner Lieblingssätze. Denn er hält mich auf Trab, zwingt mich ins Nachdenken und in die Selbstreflexion. Gestern Abend im Bibelkreis ging es viel um die Frage, woran sich denn ausmache, dass die Saat des Wortes Gottes im eigenen Leben aufgehe. Das Ergebnis lautete erwartbar, dass es kein eindeutiges Ergebnis gibt. Stattdessen gleicht die tastende Antwort einer Bewegung zwischen gnädiger Erkenntnis, treuer Bereitschaft zum Dranbleiben und Hoffen darauf, dass das eigene Handeln Hand in Hand mit der rechten Erkenntnis geht. Dass dies oft erschwert wird durch gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und verständliche Eigeninteressen, das wusste schon die Bibel vor zweitausend Jahren. Umso wichtiger bleibt wohl, dass wir uns wieder und wieder strecken nach dem Richtigen und Wahren. Oder, um es noch einmal mit Paulus zu sagen (Phil 3,12f.):

„Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.“

Download als PDF-Datei

  Menschen glauben

Menschen glauben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.08.2019

Zum Thema „Glaube“ hat jeder seine eigene Meinung. Da rutschen Tradition und Erziehung, eigenes Suchen und Finden, eigenes Abgrenzen und Abwenden fröhlich ineinander. Aber ganz gleich, wo in dem Reigen man selbst steht, so richtig und bis in die Tiefe kennen sich nur noch wenige mit dem aus, was früher einmal Standardwissen war. Ein guter Selbsttest für den christlichen Glauben wäre z.B. die Frage nach der eigenen Auskunftsfähigkeit: könnte ich Pfingsten erklären oder den Sinn der Taufe oder worin evangelisch und katholisch sich voneinander unterscheiden. Wenn man das nicht kann, ist das nicht schlimm, aber es ist dann bedauerlich, wenn Menschen sich von etwas abwenden, das eigentlich nichts mit dem zu tun hat, wovon Jesus einst predigte.
Und weiter: Angesichts derer, die da sagen, sie würden an nichts glauben, frage ich mich inzwischen auch regelmäßig, ob das überhaupt geht. Können Menschen tatsächlich an nichts glauben? Etwas anders, aber eine ähnliche Frage stellen mir auch Konfirmandengruppen gerne; bei ihnen heißt es dann: „Wieso glauben Menschen überhaupt?“
Eine Frage, die nicht leicht, vielleicht sogar gar nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es Indikatoren: jenen z.B., dass sich religiöser Kult auch schon bei den ersten Menschen, die wir als Kulturmenschen identifizieren, nachweisen lässt, oder jenen, dass wir im Grunde keine Kultur ohne religiöse Traditionen, ohne Glauben kennen. Oder aber, zugegeben, ganz schräg anders, ein Hinweis aus der Gegenwart: Kürzlich lockte unser Sohn uns ins Kino, Spiderman. Und da sagt dann der Bösewicht, der die Welt mit Hilfe gut inszenierter Trugbilder getäuscht hatte: „Die Menschen müssen glauben. Heutzutage glauben sie an alles.“ Bei einem sonst philosophisch wenig tiefsinnigen Film ist das ja mal eine erstaunliche Aussage. Hier wird der Gedanke des Glaubens also als ganz selbstverständlich vorausgesetzt und dessen Formlosigkeit wird als Einfallstor zum Erfolg von bösen Gaukeleien erkannt. Formlosigkeit des Glaubens also führt zu falscher und in diesem Fall auch gefährlicher Leichtgläubigkeit.
Was eigentlich glauben wir, das uns vorgegaukelt wird? Und was überhaupt sind unsere Kriterien, um richtig und falsch voneinander zu unterscheiden? Woran machen sich unser Weltbild, unser Hoffen und unser Zielen fest?
„Jesus aber tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: / Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. / Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. / Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. / Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. / Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. / Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. / Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. / Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Download als PDF-Datei

  Jesus ist kein "neuer Besen"

Jesus ist kein "neuer Besen"

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.08.2019

Neue Besen kehren gut, diesen Spruch kennen Sie ganz sicher auch. Er besagt, dass wir Menschen zu Beginn von etwas Neuem immer besonders gründlich sind. Neue Besen kehren gut – einerseits können unsere Bemühungen tatsächlich dazu führen, dass alles sauber wird bzw. sauber läuft. Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass wir vor lauter Achtsamkeit und Sorgfalt in unseren Regelwerken geradezu erstarren und alles ziemlich gequält und steif erscheint. Mit der Zeit verändert sich das dann. Wir bekommen Routine, wir gewinnen Sicherheit und Souveränität und werden immer besser darin, wichtige Regeln von weniger wichtigen zu unterscheiden und unsere Ziele effizient und dennoch in guter Qualität zu erreichen. Dann kehren die neuen Besen nicht mehr so unangenehm gut, sauber wird es aber trotzdem.
Und nun zum Wochenstart eine ziemlich steile Frage: Ist Jesus auch so ein neuer Besen? Ist er einer, der alles auf den Kopf stellt, alles besser weiß und besser kann? Ist er einer, der sagt: „Vergesst alles, was Ihr bisher über Gott gelernt und geglaubt hat! Ich sage Euch jetzt erst einmal, wie es richtig geht?“ Nein, so war Jesus nicht und so ist er auch nicht. Markus berichtet uns von einer Situation, in der Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt wird, was denn das höchste Gebot sei. Jesus antwortet auf die Frage nicht etwa mit irgendetwas „Eigenem“. Jesus zitiert Mose, er antwortet mit Worten aus dem Alten Testament: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein. Und das andere: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Jesus zitiert das Alte Testament. Er hat nie gesagt, dass er auch nur einen Millimeter hinter „Mose und die Propheten“ zurück möchte. „Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen,“ sagt er. Was Jesus allerdings sehr konsequent betreibt, ist, den Menschen seiner Zeit Gottes Gesetze zu erklären und ihnen aufzuzeigen, wo sie sich nicht danach verhalten. Das tut er sehr klar, sehr direkt, sehr konsequent. Bedenkenswert ist, dass Jesu Antwort mit „Höre Israel!“ beginnt. Jesus zitiert Mose und der hat sein Wort natürlich an das jüdische Volk gerichtet. Sind wir also außen vor? Nein, das sind wir nicht. Denn Jesus ist nicht nur der Christus, sondern er ist auch der großer Grenzöffner.
„Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker“, hat er seinen Jüngern aufgetragen. Alle Völker, und so auch wir, sind eingeladen, zur großen göttlichen Familie zu gehören, auch wenn wir nicht zum ursprünglich auserwählten Volk Israel gehören. Heute sind auch wir auserwählt – nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, wie es Paulus sagt. Wir gehören dazu, ohne Wenn und Aber!
Jesus ist kein neuer Besen. Aber er fegt dennoch den Staub von Gottes Wort, damit wir besser erkennen können, wie wunderbar der Herr unser Leben und diese Welt für uns gedacht hat. Gott wünscht allen seinen Menschen ein Leben in Fülle. Darüber dürfen wir uns freuen und dafür dürfen wir dankbar sein. In Jesu Namen.

Download als PDF-Datei

  Kommt Gott aus Norddeutschland?

Kommt Gott aus Norddeutschland?

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.08.2019

Wenn Sie schon einmal in Südeuropa oder in Nordafrika gewesen sind, beispielsweise im Urlaub, und wenn Sie sich dann nicht ausschließlich im All-inclusive-Club am Meer aufgehalten haben, dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass nicht nur Wetter und Landschaft anders sind als zu Hause, sondern auch die Mentalität der Menschen. Manches davon gefällt uns gut und erscheint wirklich erstrebenswert. Ich beneide beispielsweise unsere Mitmenschen im mediterranen Raum um ihre Gelassenheit, um das Dolcefarniente, das genüssliche Nichtstun. Damit haben wir Deutschen bisweilen so unsere Schwierigkeiten – und ich eben auch.
Andere Wesensarten hingegen können uns ganz schön auf die Nerven gehen. Ich habe zum Beispiel so mein Problem mit aufdringlichen Verkäufern. Das Handeln ist nicht so meins und wenn gleich ein endloser Redeschwall auf mich niederprasselt, bloß, weil ich einmal kurz die ausgestellte Ware angesehen habe, dann fühle ich mich schnell unwohl. Und vielleicht geht es Ihnen ja auch so. In unserem Kulturraum ist es eher üblich, einen gewissen Abstand und eine gewisse Zurückhaltung an den Tag zu legen. Gerade uns Norddeutschen sagt man das ja nach. Menschen sind unterschiedlich und so trifft das ganz sicher auch nicht auf alle gleichermaßen zu, dennoch ist was dran.
Bitte entschuldigen Sie die etwas wüste Ableitung, aber ich glaube, dass Gott auch gut aus Norddeutschland kommen könnte. Nicht, weil er Platt spricht, nicht, weil er gerne Fisch mag, nicht, weil er schwarzbunte Kühe besonders gern hat, nein: Ich denke, dass Gott gut aus Norddeutschland kommen könnte, weil er so zurückhaltenden ist. Es ist eine Wesensart Gottes, dass er sich uns nicht aufdrängt. Gott zwingt uns zu nichts, er straft uns nicht, wenn wir nicht dauernd vor ihm auf den Knien liegen, er ist nicht eingeschnappt, wenn wir uns mal ein Stück weit von ihm entfernt haben. Gott kann in unserem Leben auch durchaus mal im Hintergrund sein und er hält das gut aus. In der Tageslosung sagt Gott selbst: „Und wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen.“
Das bedeutet doch: Gott ist für mich da, wenn ich nach ihm suche, wenn ich brauche, wenn ich ohne ihn nicht mehr weiterkann in meinem Leben. Dann darf ich nach ihm suchen und ich werde ihn finden – in den Menschen, die er mir zur Seite stellt, in der Entlastung und Befreiung, die ich im Gebet empfinden kann, in dem plötzlich in mir aufkommenden Gefühl, angekommen zu sein. Dann ist er dicht bei mir, trägt mich, hält mich, liebt mich so unmittelbar, dass ich es selbst wahrnehmen kann.
Doch er lässt uns dann auch durchaus alleine laufen, schickt uns los auf unsere Lebenswege und ruft uns zu: „Macht das Beste draus. Und wenn’s eng wird, komme ich Euch helfen! Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen.“ Mir tut es gut, wenn ich mich daran ab und zu mal wieder erinnere.

Download als PDF-Datei

  Gott will Frieden

Gott will Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.08.2019

Heute ist der Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Ursprünglich vorgeschlagen wurde der Gedenktag 2008 in der Prager Erklärung, in der eine Verurteilung auch von stalinistischen Verbrechen gefordert wurde. Das Europäische Parlament nahm diesen Vorstoß, den unter anderem auch Vaclav Havel und Joachim Gauck unterzeichnet hatten, auf und rief im Jahr 2009 den 23. August offiziell als europäischen Gedenktag aus. Der 23. August wurde gewählt, weil an diesem Tag im Jahr 1939 – also heute vor 80 Jahren – der Nichtangriffspakt zwischen Nazideutschland und Russland geschlossen wurde. Dieser Vertrag war der letzte Meilenstein auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, der gut eine Woche später mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann und mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.
Ziel des europäischen Parlamentes war es, ein gesamteuropäisches Erinnern an die furchtbaren Taten totalitärer Regime auf europäischem Boden zu ermöglichen. Dennoch ist der heutige Gedenktag durchaus umstritten. Kritiker sagen, dass allein dadurch, dass die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus in einem Atemzug genannte werden, die Beispiellosigkeit der nationalsozialistischen Gewalttaten und hier insbesondere der Völkermord an den europäischen Juden abgeschwächt würde. Die Diskussionen hierzu sind schwierig und sie werden vor dem Hintergrund der auch in unserem Land wieder sichtbarer und salonfähiger werdenden rechten und ultrarechten Positionen bestimmt nicht einfacher. Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt wie ich finde zurecht, dass wir nicht denjenigen Wasser auf die Mühlen geben dürfen, die behaupten, der Massenmord an den Juden habe es schließlich schon vor 1933 begonnen und die Taten der Nazis seien nur eine Ausprägung unter vielen anderen.
Vielleicht wird es etwas leichter, wenn wir den heutigen Gedenktag aus einer christlichen Perspektive in den Blick nehmen. Aus ihr heraus verbietet es sich, eine Rangliste von menschlichen Grausamkeiten aufzustellen und womöglich die Plätze nach der Anzahl der ermordeten Menschen oder der Art und Weise des Tötens zu vergeben, um dann daraus abzuleiten, dass Platz vier nur halb so verwerflich ist wie Platz zwei. Nein, weder die nationalsozialistischen noch die stalinistischen Gewalttaten gegen Menschen sind in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder schönzureden und ein Abwägen der einen gegen die anderen kann zu keinem sinnvollen Ergebnis führen.
Gottes Wille ist, dass wir Menschen in Frieden miteinander leben und uns in Wertschätzung und Liebe begegnen. „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe“, sagt Jesus Christus. Damit ist jeglicher Form von Gewaltherrschaft von vornherein jegliche Rechtfertigung entzogen. Und wenn wir den heutigen Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus so verstehen, ist es richtig und wichtig auch und gerade hier im Braunschweiger Dom daran zu erinnern.

Download als PDF-Datei

  Weggerissen

Weggerissen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.08.2019

Über diesem Tag heißt es in der Herrnhuter Losungen bei dem Propheten Jesaja: „Er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war…“
Wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann ist er unter den Toten oder dort, wo keiner mehr von ihm weiß, dann ist er vermisst, verschwunden, dann soll er vergessen werden.
Wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann hat er keine Rechte mehr und keinen Anwalt, keinen Schutz.
Und doch, wenn einer aus dem Lande der Lebendigen weggerissen ist, dann ist er immer noch ein Mensch…
Heute erzählt die Süddeutsche Zeitung von einem, der als Kind aus dem Lande der Lebendigen gerissen wurde: Mohammed el Gharani war vierzehn als er nach Pakistan reiste. Er wollte Englisch und Informatik lernen, vom Anschlag auf das World Trade Center hatte er nur gehört, von al-Quaida und Osama bin Laden dagegen nie. Aber er war zur falschen Zeit an einem Ort, von dem er sich nicht hatte vorstellen können, dass es der falsche sein könnte: in einer Moschee.
So geriet er in eine Razzia, wurde gefoltert und nach Amerika gebracht. Das Land seiner Träume! Dort würde sich der Irrtum aufklären. Aber Mohammed es Gharani landete in Guantánamo. Für sieben lange Jahre. Während andere erwachsen werden, sich verlieben, erste eigene Wege gehen, war er herausgerissen aus dem Lande der Lebendigen.
Es ist eine Geschichte zum Weinen.
Und eine zum Staunen. Denn dieser Mann, dessen Augen vom Stroboskoplicht kaputtgemacht wurden, dessen Rücken krumm ist von stundenlangem Gefesseltsein in fötaler Haltung, der immer wieder von vorn anfangen muss, hat trotz offenbar allem nicht begonnen zu hassen, nicht aufgehört zu lieben, er hat nicht aufgegeben.
Jesaja verwies mit seiner Prophezeiung auf den, der stellvertretend leidet, auf den Unschuldigen. Der exemplarisch Unschuldige ist für uns Jesus Christus. So ist es naheliegend, dass es im Lehrtext des Hebräerbriefes für diesen Tag heißt: „Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“
Denk an den! Das klingt ein bisschen danach, sich damit zu trösten, dass es anderen mindestens genauso schlecht geht. Aber gemeint ist ein je größerer Hoffnungshorizont, ein Grund, der leben hilft.
Mohammed el Gharani ist kein Christ. Aber er ist ein frommer Mensch, der darauf vertraut hat, dass sein Gott ihn retten wird und Gutes mit ihm vorhat. Das Porträt in der Zeitung endet den Worten: „Er schaut hinaus aufs Meer, muss plötzlich lachen und sagt: Und hier bin ich.“
Ich glaube, dass ist eine der Erfahrungen, die wir mit Menschen aus anderen Religionen teilen können.



Download als PDF-Datei

  Ganz nah – fast da…

Ganz nah – fast da…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.08.2019

„Serenade für Nadja“ heißt der Roman des türkischen Autors Zülfü Livanelli. Er erzählt die Geschichte des deutschen Wissenschaftlers Maximilian Wagner, der während des Nationalsozialismus versucht, das Land gemeinsam mit seiner jüdischen Frau Nadja zu verlassen. Auf der Flucht werden die beiden getrennt. Wagner kommt allein nach Istanbul und versucht von dort, seine Frau nachzuholen. Es gelingt schließlich, sie nach Rumänien zu bringen und für sie dort ein Ticket auf der Struma erwerben.
Von da an wird der Text zur Dokumentation einer historischen Katastrophe.
Das Schiff hätte im Frühjahr 1941 über 760 jüdische Flüchtlinge nach Palästina bringen sollen.
Nach etlichen Verzögerungen legte die Struma schließlich im Dezember 1941 ab. Es war vorgesehen, vierzehn Stunden später in Istanbul anzulegen. Daher gab es weder ausreichend Nahrung noch Rettungsmittel an Bord. Auch die sanitären Verhältnisse entsprachen, wenn überhaupt, nur den Herausforderungen einer sehr kurzen Reise. Wegen eines Motorschadens kam Istanbul jedoch erst vier Tage später in Sicht des überfüllten Schiffes. Aber statt der ersehnten Landung begann nun begann ein zähes Ringen. Die britische Regierung verweigerte die Einreise in Palästina wegen fehlender Visa, die Türken wollten die Migranten nicht von Bord lassen, solange die Weiterreise nicht gesichert war. Auf dem Schiff herrschten inzwischen katastrophale Verhältnisse. Es brach die Ruhr aus, die Menschen verzweifelten. Am 23. Februar wurde das kaputte Schiff aufs Schwarze Meer zurückgeschleppt und seinem Schicksal überlassen. Am 24. Februar explodierte es durch den Treffer eines Torpedos und sank. Fast alle starben…
Der Roman erzählt die Geschichte des alten Mannes, der nach Jahrzehnten noch einmal an den Strand des Schwarzen Meeres kommt, an die Stelle, an der er damals das Schiff liegen sah. Seine Frau in Sichtweite.
Der Roman, eigentlich ein Text, mit dem der türkische Autor vergessene und verdrängte Geschichte ins Bewusstsein seines Volkes zurückholen wollte, ist grauenvoll aktuell. Immer wieder liegen Schiffe in Sichtweite europäischer Häfen, überfüllt mit verzweifelten und traumatisierten Menschen, die allermeist eine lange Fluchtgeschichte haben und letztlich vor dem Ertrinken gerettet wurden.
Erst gestern wieder wurde das tagelange Tauziehen um ein Seenotrettungsschiff mit Flüchtlingen vor Lampedusa beendet, nachdem der zuständige Staatsanwalt an Bord war.
Migration ist ein komplexes Thema. Aber dass wir im Ernst darüber reden, ob die Menschen vorm Ertrinken gerettet werden sollen oder wir sie ertrinken lassen – nichts anderes war die Abschaffung der staatlichen Seenotrettung - ist eine Schande.
Hier im Dom fragte neulich jemand, was denn das Jüngste Gericht sei, vor dem Heinrich der Löwe sich offensichtlich so gefürchtete hatte. Es ist der noch ausstehende Moment über dem es ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen und ohne Ausweichmöglichkeit heißt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.


Download als PDF-Datei

  Blick von oben

Blick von oben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.08.2019

Am Wochenende demonstrierten Hundertausende in Hongkong, anderswo feierten Menschen auf großen Festivals oder saßen in der Burgplatzarena, waren irgendwo zusammengekommen in Angst und Sorge oder großer Freude…
Von oben sieht man Köpfe, Scheitel, helle und dunkle Haare, lichte Stellen. Bei den Bildern aus Honkong waren es solche Menschenmengen, dass selbst die Architektur dagegen klein wurde. Von oben sieht man gedrängte Enge und Masse. Von oben kann man kaum wissen, was die unten wirklich bewegt.
Götter sitzen oben.
Auf dem Olymp oder über den Wolken.
Mächtige sitzen oben in den Penthäusern und obersten Etagen der Wolkenkratzer, den einsamen Gipfeln steiler Hierarchien oder knallharter Partei- und Konzernstrukturen.
Sie sehen und mögen wohl manchmal auch genießen, dass die unten viele sind. Aber wie gesagt: von oben sieht man Scheitel, Schirme, Kopfbedeckungen…
Nur unten zwischendrin und gegenüber kann man einander in die Gesichter sehen und in den Augen lesen, ahnen, was im Herzen des Anderen vorgeht, hören, was sie sagt. Unten hört man von der Angst um die Zukunft und der Hoffnung, dass der gemeinsame Widerstand die Welt verändert. Unten sieht man, dass ein Einzelner sich allein vielleicht nicht auf die Straße wagen würde aber dass ihn jetzt die Gemeinschaft trägt. Oder erfahren wir, dass Freude und Begeisterung wachsen, wenn man sie teilt…
Unten sind wir nicht Masse, sondern Individuen – jeder ein einzigartiger und unverwechselbarer Mensch mit Würde begabt.
Wir Christen glauben an einen Gott, der uns gnädig ist und ins Herz sieht.
Wir glauben den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Allmächtigen, der in den Himmel wohnt und den Regenbogen zum Zeichen hat. Aber wir glauben auch den, der unter uns Mensch geworden ist und mit uns geht. Wir glauben den Bruder, der zwischen uns geht und unsere Angst und Hoffnung teilt, der menschliche Sehnsucht kennt und wirklich gnädig sein kann, weil er uns ansieht. Wir glauben den Geist, der uns verbindet – hier unten.
Unser Gott wird Mensch und ist uns ganz nah. Er geht mit. Wir können also getrost mutig sein und widerständig. Wir sollen es wohl auch.

Download als PDF-Datei

  Helfer im Fadenkreuz

Helfer im Fadenkreuz

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.08.2019

„Helfer im Fadenkreuz: Wenn Hilfsaktionen zu Selbstmordkommandos werden“, unter dieser Überschrift ist ein Artikel auf der Internetseite der SOS-Kinderdörfer zu finden. Dort wird berichtet, dass in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt immer öfter auch Helfer in große Gefahr, ja sogar in Lebensgefahr geraten. Das liegt nicht etwa daran, dass diese Menschen unbeabsichtigt in die Schusslinie geraten, nein, die Gewalt richtet sich ganz gezielt gegen die Mitarbeitenden und Unterstützenden von Hilfsorganisationen. Nach Angaben von Humanitarian Outcomes, einer Beratungsgesellschaft für humanitäre Hilfe, hat die Zahl der Menschen, die während ihres Einsatzes mit massiver Gewalt konfrontiert wurden, 2019 mit 405 den zweithöchsten Stand der Geschichte erreicht. 131 Helfer wurden beim Versuch anderen Menschen zu helfen getötet, 144 verwundet und 130 entführt.
Heute ist der Welttag der humanitären Hilfe. Er geht zurück auf den 19. August 2003. An diesem Tag kamen bei einem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad 22 Mitarbeiter ums Leben. Die Generalversammlung der UN erklärte in Erinnerung daran den 19. August zum Welttag der humanitären Hilfe, um internationales humanitäres Engagement und seine Prinzipien zu würdigen. Der Gedenktag ist den Menschen gewidmet, die im Rahmen ihres humanitären Engagements weltweit ihr Leben verloren haben.
Es gibt verstörende Erklärungsversuche, warum die Gewalt gegen Helfer immer mehr zunimmt. So wolle man Hilfsgüter gewaltsam umleiten, um die eigenen Leute damit zu versorgen oder es soll durch Entführungen Geld erpresst werde, um Milizen zu finanzieren. Teilweise seien in den Konflikten angeblich so viele Parteien beteiligt, dass zwischen Gut und Böse kaum mehr zu unterscheiden sei oder es ist bloßes Misstrauen, da man in den Hilfsorganisationen eingeschleuste Agenten vermutet.
Es ist erschütternd und nicht nachzuvollziehen, wie Menschen, die nur helfen wollen, nach dem Leben getrachtet wird. Und ich bezeuge meinen höchsten Respekt, dass sich trotz aller Gefahren für Leib und Leben diese Helferinnen und Helfer nicht davon abhalten lassen, ihrer inneren Überzeugung zu folgen und ihre Kraft und sogar ihr Leben dafür einsetzen, dass Not und Elend auf dieser Welt gemildert werden. Ihr Wunsch zu helfen ist stärker als ihre Angst und ganz sicher ist es bei dem einen oder anderen auch ein großes Gottvertrauen, dass Kraft, Mut und Zuversicht spendet.
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus Christus. Ja, diese Menschen, die sich in den Dienst der Hilfsorganisationen gestellt haben und stellen, leben Nächstenliebe in einer ganz unmittelbaren Art und Weise. Der heutige Welttag der humanitären Hilfe erinnert uns daran, für diese Menschen zu beten und sie Gottes Schutz und Fürsorge anzuempfehlen.

Download als PDF-Datei

  Heimat

Heimat

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.08.2019

Die Sommerferien sind vorüber und langsam kehrt der Alltag wieder ein. Aber vielleicht waren Sie ja in den vergangenen Wochen auf Reisen und haben fremde Orte besucht. Und vielleicht geht es Ihnen dabei ähnlich wie mir, und Sie genießen, wenn Sie auf Kirchen stoßen. Eintreten und sehen. Eintreten und riechen. Eintreten und spüren.

Diese Orte sind Orte, an denen Menschen ihr Leben – in aller Größe und in aller Schwachheit – vor den Ewigen bringen. Nehmen sie nur unseren Dom: Gebaut wurde er ganz bestimmt auch, um den Reichtum, die Größe, die Relevanz, den Machtanspruch Heinrichs des Löwen zu demonstrieren. Und gleichzeitig erzählt er beinahe zärtlich von dem, worauf die Eheleute Heinrich und Mathilde hofften. Keine Gerichtsdarstellung zum Jüngsten Tag sehen wir, nichts, das Angst und Bange werden ließe; stattdessen das Himmlische Jerusalem. Sie schauen und stehen vor den Mauern ihrer neuen Heimat. In der Johannesoffenbarung erzählt der Evangelist von der himmlischen Stadt Jerusalem als „der Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21,3f.) Und Heinrich und Mathilde, sie sehen – über den Lebensbaum des Paradieses hinweg, der zugleich ihr Totenleuchter ist, sie sehen also über diese Schwelle aus Licht auf das, worauf sie hoffen: ihre neue Heimat, in der nicht mehr sie herrschen, sondern Gott. Als Mann und Frau frommen Herzens begehren sie Einlass in seine Stadt.

Wissen Sie, als Kulturgüter sind Kirchen ganz bestimmt interessant, sie erzählen von Menschen – und davon, zu welch wunderbaren Dingen deren Glaube in Kombination mit den irdischen Interessen sie gebracht hat. Es ist ein Staunen über die Leistung anderer, das mich aber nicht mehr als eine Zuschauerin sein lässt. Auf der spirituellen Ebene jedoch gleichen diese Orte einer Frage: Willst Du vertrauen, hoffen, Dich einbeziehen lassen? Willst Du Teil jener Gemeinschaft sein, die über den Menschen hinaus auf Gott schaut? Willst Du dies erleben als einen Ort, an dem Du Deine Seele wachsen lassen kannst – über Dich hinaus auf Gott zu? Dann: Sieh! Sieh; wie jene beiden, die dort liegen mit offenen Augen ihr Heil schauen.

Und noch ein anderes: Kirchen erzählen davon, dass wir als Getaufte an diesem Ort andere Getaufte finden werden. Menschen, mit denen ich gemeinsam beten kann. Menschen, mit denen ich den Segen Gottes suchen und ersehnen kann. Auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Japanisch und so fort – in aller Herren Länder. In einer Zeit, die wieder einmal national wie international in einander sich belagernde Interessensgruppen zu zerfallen droht, halte ich den Gedanken für besonders wertvoll, dass der Glaube ein Band zwischen uns so verschiedenen Menschen knüpft, uns eine gemeinsame Heimat schenkt, eben weil wir bei Gott alle miteinander geliebte Kinder Gottes heißen.

Download als PDF-Datei

  "Aber bitte nicht Gott sagen!"

"Aber bitte nicht Gott sagen!"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.08.2019

Hans-Peter Ostermair, Leiter des Atriums Kirche in Bremen, schreibt: „‘Sie dürfen aber nicht Gott sagen….‘ Diese Antwort habe ich tatsächlich einmal von einem heiratswilligen jungen Mann bekommen, auf die Frage, ob er sich auch eine kirchliche Trauung vorstellen könne. Übersetzt heißt das doch: Spiritualität, Rituale, Tiefe – Ja! Aber Religion und Gott: muss nicht sein.“

Was Ostermair beschreibt, erleben wir Pfarrerinnen und Pfarrer genauso in unseren Traugesprächen, Taufgesprächen oder auch bei mancher Auswahl eines Konfirmationsspruches: Bitte nicht Gott sagen! Und Herr oder Christus noch viel weniger. Auch ich empfinde, dass die Menschen Spiritualität und Segen wollen; aber was genau das eigentlich sein könnte, das wissen sie nicht. Es ist ein diffuses Vertrauen in eine höhere Macht, der sie sich durchaus bereit sind zu öffnen. Aber mit konkreten Formen der Auslegung fällt es schwer. Ich vermute, Trauung, Taufe, Konfirmation, all das ist den Menschen wirklich von Herzen wichtig. Und gerade deswegen kann ich gut verstehen, dass sie nicht unbedingt über ihrem Leben Worte als Wege-Wort stehen haben wollen, deren Bedeutung sie nicht wirklich kennen. Sie möchten das Gute der Religion, aber in Worten, die sie auch zu ihren eigenen machen könnten.

Man könnte jetzt viel über das Unwissen der Leute lamentieren – oder selbstkritisch fragen, ob nicht vielleicht auch wir Christenmenschen Kinder unserer Zeit sind. Wie und wo und wann sprechen wir, die wir glauben, als Gegenwartsmenschen eigentlich noch von unserem Glauben? Und wir Predigerinnen und Prediger: Reduzieren wir Gott nicht allzu oft zu einem freundlichen Opa oder Kumpel-Typen, zu einem Kindergarten-Gott, von dem es dann auch nicht wundern darf, dass die Leute ihn irgendwann als nicht mehr relevant für ihr Leben vermuten. Und wie gehen wir mit unseren Kirchorten um: Stellen wir Topfblumen hinein, um uns wie zu Hause zu fühlen – oder nehmen wir sie ernst als Orte des Heiligen? Und wie sprechen wir von ihnen? Bestaunen wir ihre Kunstfertigkeit und bleiben stecken im: „Mensch, guck doch mal, was die damals nicht schon alles konnten!“ – oder stellen wir sie als Orte vor, in denen gebetet und gesungen und Gottesdienst gehalten wird. Sprechen wir von Museen, Kulturorten – oder erzählen wir von Christenmenschen und ihren Glaubensorten? Wie mutig nehmen wir als die, die in diesen Orten zu Hause sind, eigentlich Worte des Ewigen in den Mund? Wo machen wir die Leute darüber klüger, dass der Glaube lebendig ist, und wie gut können wir über unseren eigenen Glauben Rechenschaft legen? Sowohl, was die eigene Sprachfähigkeit betrifft, als auch den Mut, offen über so etwas Persönliches wie den Glauben zu sprechen. Denn dass es Mut braucht, steht schon in der Apostelgeschichte geschrieben. Dort heißt es: „Es sprach aber der HERR durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht.“ (Apg 18,9)
… Ich finde, diese Worte gelten weiter und auch uns.

Download als PDF-Datei

  Zurück auf Los!

Zurück auf Los!

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.08.2019

Erster Schultag! Heute war es wieder so weit. Aufs Neue läuteten die Schulglocken zum Aufbruch in das noch ganz unbeschriebene Schuljahr. Und daneben gibt es weitere Anfänge in diesen Wochen: Berufsausbildungen beginnen, Dienste im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres oder auch bald das Studium. Und selbst das Urlaubsende bringt doch irgendwie einen Neuanfang. Überall also stehen die Zeichen auf Start, geht es zurück auf Los, hinein in den alten oder neuen Alltag.

Dabei werden wie zum Jahreswechsel von vielen Wieder-in-den-Alltag-Einsteigern gute Vorsätze ausgelobt: Die Mappen ordentlich führen, jeden Tag zehn Minuten Vokabeln Lernen, die regelmäßige Teilnahme am wöchentlichen Ausgleichssport, dieses Jahr endlich einmal die Weihnachtsgeschenke rechtzeitig bedenken – je nach Lebenslage werden die Vorsätze für die kommenden Wochen und Monate ganz verschieden aussehen. Doch in nur wenigen Wochen schon werden die ersten unter uns darüber nachdenken, wie man eigentlich fröhlich scheitert. Denn das lehrt die Erfahrung ja leider auch: nicht jeder gute Vorsatz hält dem Realitätstest stand.

Doch jetzt, jetzt ist alles noch ganz wunderbar, voller Möglichkeit. Was so ein paar Wochen der Ruhe, des Schlafs und des Abstands nicht bewirken können! Oft merken wir ja erst, wie gut uns die Ungebundenheit in den Ferien tut, wenn es einmal nicht klappt, wenn äußere Bedingungen uns den inneren Abstand verwehren. Dann weisen Körper oder Geist uns eben doch mehr oder weniger dezent darauf hin, dass wir Menschen Wesen mit Grenzen sind – und diese auch achten sollten.

In einer nahezu religionslosen Zeit wird diese Achtsamkeit tatsächlich schwerer. Ohne alten Zeiten glorifizieren zu wollen, so ist doch nicht alles aus ihnen als von gestern betrachten. Ich selbst genieße die immer weniger selbstverständliche Sonntagsruhe, die wir hier in Deutschland haben. Ich empfinde diese Ruhe, die sich ja tatsächlich auf den Straßen hören lässt, als einen großen, großen Wert. Auch Rituale bringen Formen mit sich, die in vielem gut tun: Das gemeinsame Essen, das mit einem kurzen Dank eröffnet wird. Das Nachtgebet, mit dessen Hilfe der Tag noch einmal verarbeitet und die Sorge in der Gottesbeziehung geteilt werden kann. Überhaupt: das im Gebet sich selbst bewusst Werden als ein Geschöpf, in dessen Hand nicht alles liegt. In einem lebendigen Glauben wird ritualisiert Tag für Tag das Vertrauen in Gott gepflegt und erinnert; vieles wird dadurch leichter. Nicht weil man die Verantwortung und guten Vorsätze ließe, sondern weil man dem Wahn der Kontrollmöglichkeit nicht mehr folgen muss. Im Glauben beginnt der Mensch täglich neu. Als Suchender, als Vertrauender, als Hoffender.

Deshalb sei den Neu- und Wiederanfängern dieser Tage als gutes Wort für die kommende Zeit die heutige Tageslosung für ihren Weg anvertraut. Dort heißt es (Jes 52,7):

„Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen, der Frieden verkündet, der gute Botschaft bringt, der Rettung verkündet, der spricht: Dein Gott ist König!“

Download als PDF-Datei

  "Dich zurechtweisen lassen"

"Dich zurechtweisen lassen"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.08.2019

Kürzlich habe ich mich mit einer jungen Frau unterhalten. Sie war Anfang zwanzig, Studentin und überzeugte Veganerin. Ich selbst habe in meinen Zwanzigern lange Jahre mit einem Vegetarier zusammen gelebt – und kann deshalb bis heute viel besser vegetarisch kochen als ein Steak braten. Insofern konnte ich mich erinnern, als sie davon sprach, wie skurril sie es findet, dass allein das „dass“ ihrer alternativen Essgewohnheit zur sicheren Diskussion über Ernährung führt. Sie meinte, dass es doch ihr überlassen sein müsste, was sie esse, und da sie keinen missionarischen Anspruch habe, wundere es sie regelmäßig, wie aggressiv ihr Menschen begegneten. Woher kommt das, fragte sie, dass die Menschen plötzlich umgekehrt zu missionarischem Eifer erwachen?

Damals habe ich mich das auch oft gefragt. Genauso wie ich mich umgekehrt über vegetarische Würstchen gewundert habe. Dieses Gewürztofu in Wurstform gepresst kann ganz lecker sein, allein: mit Würstchen hat diese Speise garantiert nichts zu tun. Wozu also solch ein Name? Was soll das?

Wahrscheinlich geht es bei alledem am Ende ums Gewissen…. Um die Frage danach, wie Menschen verantwortungsbewusst essen können. Die Vegetarischen Würstchen gaukelten dann dem Verbraucher vor: „Komm, du kannst deine Gewürze auch in diese Tofumasse einrühren, es muss keine Fleischpaste sein. Iss doch bitte Tier-frei, du siehst, nicht einmal die gute deutsche Grillwurst, grau und voller Grieben, wird dir fehlen. Es gibt vegetarische Würstchen.“ Und der missionarische Eifer der Fleischesser gegenüber den Vegetariern handelte dann von den sich selbst bestätigenden Argumenten, dass fleischlos ungesund sei, obwohl natürlich auch wir Fleischesser um die Realität eines zu hohen Fleischkonsums wissen – und uns jene Veganer und Vegetarier in personas vor Augen führen, dass es eben doch anders gehen könnte.

Verantwortungsbewusstes Leben. Ich glaube, dieses Stichwort gehört zu den wichtigen unserer Zeit. Und ich glaube auch, dass wir mit Extremen an dieser Stelle nicht weiterkommen. Extreme führen oft eher zu Verhärtungen und Streit. Deshalb liegt meine Ernährungswahrheit inzwischen auch in der Mitte. Fleisch, gerne, aber sehr bewusst und in Maßen. Zumal ich dank meines Studiums ja auch noch darum weiß, dass Fleisch bis zur Antike vor allem und zeitweise auch ausschließlich im Opferkult produziert worden ist – und auf diese Weise für jedes genommene Leben gedankt wurde.

Die eigene Freiheit also leben und dem anderen die Freiheit lassen. Das ist der Weg. Und doch meint dies keine Gleichgültigkeit, denn es gibt Recht und Unrecht. Und das nicht nur im Bereich Ernährung, sondern auch beim Reisen, beim technischen Fortschritt und so weiter. Verantwortungsbewusstes Leben: Für mich meint das zuerst, auf der Suche nach dem Richtigen zu bleiben und mich regelmäßig selbst in Frage zu stellen anhand dessen, was andere für gut und richtig halten. Denn tatsächlich glaube ich daran, dass sich hier und dort im Menschenwort das Gotteswort finden lässt – und dass es gut ist, darauf zu hören. Gerade so, wie der Prophet Zefanja in der Tageslosung meint (Zef 3,7): „Gott, der HERR, spricht: Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.“ – Warum auch nicht?

Download als PDF-Datei

  "Der Rest meines Lebens"

"Der Rest meines Lebens"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.08.2019

Seit er denken kann, weiß Mortimer, dass er sterben wird. Und zwar um Punkt elf Uhr an seinem 36. Geburtstag. Schon seit Generationen sterben alle Männer seiner Familie zu diesem Zeitpunkt; deshalb beginnen inzwischen auch alle Jungennamen mit „Mor*“, abgeleitet von dem lateinischen Wort „mors“, also Tod. Mortimer nimmt sein Schicksal hin, was sonst soll er auch tun: Er ist bereit zu sterben. Und so liegt er zur vorgesehenen Stunde im schwarzen Anzug mit eigens zu diesem Anlass gekauften Socken auf dem Sofa. Wohnung und Job sind gekündigt, das Auto ist verkauft und die Erbregelung liegt auf dem Tisch. Doch dann geschieht das für ihn völlig Unerwartete: Die Uhr zeigt 11:05 Uhr – und Mortimer ist immer noch am Leben.

Es ist eine skurrile Ausgangssituation, die Marie-Sabine Roger für ihre Geschichte „Heute beginnt der Rest meines Lebens“ ersonnen hat. Der Kern ihrer Erzählung kreist dabei um die Frage: Was macht einer, der weiß, dass er sterben wird? Wie lebt er?

Mortimer z.B. lebt zuerst einmal übermütig: Weil er ja weiß, dass er nicht vor 36 sterben wird, macht er nicht nur den für Jugendliche üblichen Blödsinn, sondern lebensgefährlichen Blödsinn, bis er irgendwann keine Lust mehr hat auf Krankenhaus und Schmerzen. Das Abi macht er nur seiner Tante zuliebe, die meint: „Man weiß ja nie.“ Und auf Beziehungen lässt er sich nicht ein. Eigentlich, so resümiert der Überlebende mit 36 plus einen Tag, hat er bisher nicht gelebt. Und dass trotz der Festanstellung, trotz der Reisen, trotz lieber Freunde. Und die Frau, von der er wusste, dass er sie vermissen würde, ließ er allein in die Ferne auswandern, weil er nicht den Mut aufbringen konnte, für nur fünfzehn Monate noch einmal neu anzufangen.

Wenn die Leserin sich fragt, was in Mortimers Leben eigentlich bis zu diesem Tag falsch gelaufen ist, dann erblickt sie die grotesk falsche Sicherheit, in der dieser sich wog. Mortimer konnte angesichts seines scheinbaren Wissens um den eigenen Tod nicht ins Leben finden. Er hatte sich festgelaufen im Hamsterrad der eigenen Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Das Leben vor dem Tod. Kein sicheres Ende mit 36, aber eben doch irgendwann mit sicherem Ende. Wie leben wir es? In den Sicherheiten unserer Wahrscheinlichkeitsrechnungen – oder frei?

Die heutige Tageslosung ist ein bekanntes biblisches Wort (Ps 23,1-3.): „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“

Wir hören das große Vertrauen eines Menschen auf den Wege-Gott; auf den Gott, der mit uns unterwegs ist. Ihn braucht man, wenn man sich seines Lebens und Sterbens nicht sicher ist, sondern im Gegenteil man mal stolpernd, mal fröhlich springend, mal langsam gehend und auch immer wieder vor sich hin trottend – lebt. Der Buchtitel „Heute beginnt der Rest meines Lebens“ gilt übrigens auch jedem von uns – an jedem Tag.

Download als PDF-Datei

  Kinder des Lichts

Kinder des Lichts

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.08.2019

Ständig kriegt man vorgeschrieben, was man zu tun und zu lassen hat. Haben Sie sich darüber auch schon des Öfteren geärgert? Wir leben in einem freien Land, aber einfach mal all das machen, was wir wollen, geht irgendwie trotzdem nicht. Bei etwas intensiverem Nachdenken wird uns dann schon klar, dass wir Regeln brauchen, damit wir einigermaßen miteinander zurechtkommen – aber trotzdem wird und ist unsere vielgepriesene Freiheit begrenzt.
Gut, dass es die Bibel gibt, denn da steht schwarz auf weiß durch den Apostel Paulus aufgeschrieben: „Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit!“ Na wenigstens was, könnte man sagen, wenigstens bei Gott, im Glauben, in der Kirche ist Freiheit – eine Oase der Grenzenlosigkeit in einer Welt voller Regeln und Vorschriften und Verboten. „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“, dieses Bibelwort, der aktuelle Wochenspruch und übrigens auch von Paulus, kann man allerdings schon wieder anders verstehen. „Lebt als Kinder des Lichts“ könnte auch ein Imperativ sein, ein Befehl oder ein Auftrag. Nun gebt Euch doch mal wenigstens etwas Mühe, reißt euch zusammen und lebt als Kinder des Lichts! Inhaltlich bedeutet es, dass wir ein Leben als Gotteskinder führen sollen, als Kinder des Gottes, der seinen Sohn zu uns gesandt hat als Licht der Welt.
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit sollen die Früchte sein, die wir ernten können, wenn wir auf Paulus hören. Das klingt ja durchaus erstrebenswert. Aber ist das vielleicht nicht nur die Möhre, die uns vor die Nase gehalten wird, damit wir schneller laufen, engagierter und motivierter das tun, was der Apostel uns in die Bücher schreibt?
Nein, ich denke so ist das Ganze nicht zu verstehen. Als Kind des Lichts zu leben, ist für mich kein Befehl, sondern die Ermunterung, ein Geschenk anzunehmen. Gott lädt mich zu sich ein und Sie im Übrigen auch. Er bietet uns an, unser Leben unter seine mütterliche und väterliche Liebe zu stellen. Bildlich gesprochen steht Gott mit ausgebreiteten Armen vor uns und Paulus sagt: „Ziert Euch nicht. Lasst Euch von Gott in die Arme schließen. Lebt als seine Kinder, als Kinder des Lichts!“
Und wenn wir dazu ja sagen, ja zu Gott und seiner Liebe, dann werden wir seine Güte, seine Gerechtigkeit und seine Wahrheit erfahren; seine Güte, die unerschöpflich, unbedingt und unverdienbar ist, seine Gerechtigkeit, die so viel tiefer und weiter ist, als das, was wir Menschen unter Gerechtigkeit verstehen und seine Wahrheit, die uns dereinst die Augen öffnen wird, damit wir Gottes Großartigkeit erkennen können.
Paulus fordert uns aus, uns einzulassen auf Gott, ihm einen Platz einzuräumen in unserem Leben. Gott wartet und er freut sich auf uns. Enttäuschen wir ihn nicht. Wir haben nichts zu verlieren aber unglaublich viel zu gewinnen.

Download als PDF-Datei

  Christopher-Street-Day

Christopher-Street-Day

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.08.2019

An diesem Wochenende leuchtet es nicht in Schwarz-Rot-Gold von den Fahnenmasten unserer Stadt, sondern es sind die Regenbogenfarben, die uns entgegenstrahlen. In Braunschweig wird das Sommerlochfestival gefeiert, der Christopher-Street-Day, und das nun schon zum 24. Mal. Der Ursprung des Christopher-Street-Days liegt in New York. Im Sommer des Jahres 1969, also vor 50 Jahren, kam es dort als Reaktion auf wiederholte, gewalttätige Razzien der Polizei in Bars mit homosexuellem Publikum zu tagelangen Straßenschlachten. Zum ersten Jahrestag dieses „Stonewall-Aufstandes“, wie er auch genannt wird, gab es dann in New York den ersten Straßenumzug von Schwulen und Lesben, der an das Ereignis erinnern und ein Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung setzen sollte. Ende der 70er Jahre begannen auch in Europa erste Demonstrationszüge unter der Überschrift CSD, in Deutschland 1979 in Bremen, Köln und Berlin und bei uns in Braunschweig dann, wie schon gesagt, 1995.
Die Bedeutung des Christopher-Street-Days und auch die Art und Weise, wird er begangen und gefeiert wird, haben sich über die Jahre erfreulicherweise verändert. Dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, ist glücklicherweise seltener geworden. Zumindest in unserer Gesellschaft ist es mehr und mehr Normalität, dass sich auch Menschen gleichen Geschlechts lieben und ihren Lebensweg gemeinsam gehen. Und um einen ehemaligen regierenden Berliner Bürgermeister zu zitieren: „Und das ist auch gut so!“ Trotzdem ist das Thema noch nicht vom Tisch und die mit großer Emotionalität aber auch mit großer wertschätzender Ernsthaftigkeit geführte Debatte um die Ehe für alle zeigt, das eben noch nicht alles selbstverständlich und alles einvernehmlich klar ist – übrigens auch bei uns in der Kirche nicht. In den evangelischen Landeskirchen der EKD gibt es unterschiedliche Regelungen zu kirchlicher Trauung oder Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. In unserer Landeskirche kann jede Kirchengemeinde für sich weitgehend selbst entscheiden, wie sie damit umgehen möchte. In der Vergangenheit jedoch hat die Kirche es oft und lange genug versäumt, sich klar gegen jede Form von sexuell begründeter Diskriminierung zu stellen. Ja, wir als Kirche haben uns da nicht nur mit Ruhm bekleckert.
Ich bin kein studierter Theologe und halte mich somit zurück, wenn es um eine theologisch-wissenschaftliche Bewertung dieses Themas geht. Ich habe aber ein ganz persönliches Bild von Gott und aus dem heraus ist seine Haltung für mich völlig klar. Überall dort, wo Menschen Liebe zueinander empfinden, überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, überall dort, wo Menschen sich dafür entscheiden, ihren weiteren Lebensweg gemeinsam zu gehen, da leuchtet für mich Gottes Liebe auf. Auch unsere sexuelle Orientierung ist ein Gottesgeschenk, von uns nicht beeinflussbar und somit ein Teil von uns, der einfach dazugehört und von Gott gewollt ist – so, wie jede und jeder von uns von Gott gewollt, angenommen und geliebt ist.
Und damit ist jeglicher Form von Diskriminierung der Boden entzogen – ganz egal auf welcher von uns Menschen konstruierten Basis sie auch immer aufbauen möge. Ich bin mir sicher, dass Gott freundlich auch auf das diesjährige Sommerlochfestival schaut, sich über die fröhlich feiernden Menschen freut und seinen Segen dazu gibt – der Liebe wegen.

Download als PDF-Datei

  Heiligt der Zweck die Mittel?

Heiligt der Zweck die Mittel?

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2019

„Der Zweck heiligt die Mittel.“ Dieses Sprichwort, dass in ähnlicher Form dem Jesuitenorden zugeschrieben wird, ist auch in unserer heutigen Sprache noch präsent. Es besagt, dass zur Erreichung eines guten Ziels der Einsatz aller Mittel erlaubt ist, da das Gute des Ziels, automatisch auch die Mittel gut werden lässt, sie „heiligt“, wie es heißt. Das ist aus meiner Sicht nicht so ohne weiteres zu unterschreiben. Ist denn wirklich alles erlaubt, um Gutes zu tun? Vielleicht hat Robin Hood nach diesem Wort gehandelt, wenn er den Reichen etwas abnahm, um es den Armen zu geben. Dabei war er nicht zimperlich und hat den Reichen auch schon einen über den Kopf gezogen, um sie berauben. Der Zweck heiligt die Mittel?
Wenn Menschen eine Idee haben, für die sie brennen, die sie unbedingt umsetzen wollen und die einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben hat, dann verlieren sie schon mal das Maß, wenn es um den Ressourceneinsatz geht. Dabei besteht dann auch durchaus die Gefahr, dass andere zu Schaden kommen, weil sich jemand sozusagen in seinem ganz persönlichen Ziel-Tunnel befindet und nicht mehr nach rechts oder links schaut.
Der biblische Statthalter Serubbabel, dessen Geschichte im Alten Testament erzählt wird, war in einer solchen Situation. Er führte das israelische Volk aus der babylonischen Gefangenschaft wieder zurück nach Jerusalem und zu seinen bedeutendsten Aufgaben gehörte, sich um den Wiederaufbau des JHWH geweihten Altars zu kümmern, damit dort der Opferdienst wieder aufgenommen werden konnte. Dieses Vorhaben hatte ganz sicher auch Kritiker – gerade im babylonischen Umfeld. Und als hätte Gott geahnt, dass es auch Stress geben könnte, lässt er durch den Propheten Sacharja folgendes ausrichten, was auch gleichzeitige die heutige Tageslosung ist: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“
Nicht der Zweck soll die Mittel heiligen, sondern Gottes Geist. Gottes Geist, der freundlich ist und verbindend, Gottes Geist, der Weisheit zu schenken vermag und Menschen aufeinander zu gehen lässt, Gottes Geist, der der Geist der Wahrheit und der Geist des Friedens ist. Durch ihn soll es geschehen und nicht durch Gewalt.
Die Prophetenworte sind gut 2.500 Jahre alt, ihr Inhalt ist jedoch brandaktuell. Wie oft würden wir uns wünschen, dass Konflikte durch Gottes Geist und nicht durch Heer oder Kraft ausgetragen würden. Wie oft würden wir uns wünschen, dass bei den Mächtigen auf dieser Welt Gottes Geist Licht und Klarheit verbreiten möge, um damit Trug und Schein zu verbannen?
Vielleicht haben wir ja alle die Chance, diesem Geist mehr Raum zu geben, indem wir so denken, so reden und so handeln, wie es Gottes Geist entspricht – also friedlich, liebevoll und wertschätzend. Einen Versuch ist es allemal wert.

Download als PDF-Datei

  Relativitätstheorie

Relativitätstheorie

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2019

Neulich habe ich auf Youtube ein Video gefunden, in dem ein Professor der Physik die Relativitätstheorie so erklärt hat, dass auch ich als Banker zumindest eine Idee davon bekommen habe, was sie bedeutet. Das Video dauerte eine halbe Stunde und es kam wirklich gut dabei rüber, dass Raum und Zeit keine festen Größen sind, sondern dass sie sich relativ verändern.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Nun, für mich war der Vortrag des Professors ein weiteres Mosaiksteinchen in dem Bild, das uns zeigt, wir wunderbar Gott doch diese Welt und alles Weitere darum herum geschaffen hat. Obwohl ich nicht alles verstanden habe, ist mir doch klargeworden, dass es eine große und unsichtbare Ordnung in allem gibt, deren Gesetzmäßigkeiten uns Menschen zu einem Teil, wahrscheinlich zum größten Teil verborgen sind und auch verborgen bleiben werden.
Das Ineinandergreifen all dieser Zahnräder in der Natur, die im Übrigen ja funktioniert ohne, dass wir Menschen etwas dafür tun – ja die sogar viel besser funktioniert, wenn wir nicht eingreifen, all das zu einem kosmischen Zufall zu degradieren, ist, wie ich finde, einfach zu kurz gesprungen. Für Zufälligkeiten ist mir diese Erde einfach zu bunt und zu schön und wir Menschen zu einzigartig. Jeder und jede von uns ist ein Unikat, ein Wunder, dass seinen Ursprung in zwei Zellen genommen hat und schauen sie sich um, was wir allein heute hier im schönsten Braunschweiger Dom der Welt für eine Vielfalt haben.
In einer Liedstrophe aus unserem Gesangbuch heißt es: „Mein Auge schauet, was Gott gebauet, zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und groß.“ Und Paulus schreibt: „Da sich die Menschen für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“
Ja, es bleibt uns wohl nichts Anderes übrig, als anzuerkennen, dass wir die Vielfalt und Tiefe und die Großartigkeit und Wunderbarkeit der göttlichen Schöpfung niemals ganz ergründen werden. Immer dann, wenn Menschen meinten, soweit zu sein, mussten sie bald ihren Irrtum erkennen oder aber sie haben in ihrem Größenwahn schlimmen Schaden angerichtet. Stattdessen sollte uns Gottes Schöpfung doch eher demütig und dankbar werden lassen. Demütig, weil wir wissen, dass all das hier für uns nur auf Zeit ist und wir es verantwortlich für die verwalten sollen, die nach uns kommen. Und dankbar, weil wir und eben gerade wir so ein privilegiertes Leben geschenkt bekommen haben.
„Da sich die Menschen für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden“, eine gute Erinnerung auch daran, einfach mal auf dem Teppich zu bleiben. Und ich bin mir ganz sicher, dass Gott mich lieb hat, obwohl ich seine Relativitätsgesetze wohl niemals ganz verstehen werde.

Download als PDF-Datei

  Die oberen Zehntausend

Die oberen Zehntausend

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2019

Kennen Sie den Film „Die oberen Zehntausend“? Es ist eine Komödie aus den 50er Jahren und sie nimmt mit viel Klamauk die amerikanische Oberschicht des vergangenen Jahrhunderts auf die Schippe. Insbesondere werden die besonderen Verhaltensweisen und der Snobismus der Reichen und Schönen aufs Korn genommen, in deren Kreisen es häufiger mehr um den Schein als um das Sein geht.
Was im Film unterhaltsam dargestellt wird, hat auch in unseren Tagen einen realen Hintergrund. Auch in unserem Land gibt es heute bildhaft gesprochen „die oberen Zehntausend“ und der Abstand zwischen unten und oben, er wird immer größer. Wenn ein Reicher reicher wird ist das zunächst einmal nicht verwerflich, wenn aber die Armen ärmer und vor allen Dingen auch zahlreicher werden, ist das ein alarmierendes Signal. Und Armut ist ein immer weiter um sich greifendes gesellschaftliches Problem – wohlgemerkt auch in unserem Land. Die Kinderarmut nimmt zu und insbesondere ältere Menschen, die nur über geringe Renten verfügen, sind von Armut bedroht oder bereits betroffen. Der Abstand zwischen oben und unten nimmt immer weiter zu und es wird auch immer schwerer, sich vom Unten zum Oben hinaufzuarbeiten. Wie das Leben eines Menschen bezüglich seiner Bildungs- und Berufschancen und seiner materiellen Rahmenbedingungen verlaufen wird, hängt immer stärker davon ab, wohinein er geboren wird – ins Unten oder ins Oben. Das ist so in Deutschland aber noch viel, viel gravierender, wenn wir es weltweit betrachten.
Die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt, haben unfassbar schlechtere Chancen auf ein gutes, sicheres und armutsfreies Leben als wir. Dort, wo alle Energie darauf verwendet werden muss, das bloße Leben zu retten, ausreichend Nahrung und Wasser zu bekommen, da haben Themen wie Bildung und Wohlstand und dergleichen einen weitaus geringeren Stellenwert – ja sie finden nachvollziehbarerweise kaum statt. Aus einer solchen prekären Lebenssituation auszubrechen, ist nahezu unmöglich. Die reiche westliche Welt weiß um die genannten Missstände. Die reiche westliche Welt hätte Möglichkeiten, daran etwas zu verändern. Doch wirklich grundlegende Aktivitäten, die mehr sind als Feigenblätter, sind kaum absehbar. Wir haben es uns bequem gemacht in unserer westlichen Komfortzone und wollen irgendwie nicht so gerne wieder heraus.
Gottes Position wird in der heutigen Tageslosung deutlich, die da lautet: „Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt.“ Gott stellt sich ganz klar auf die Seite der Schwachen, der Unterprivilegierten, der Hilfsbedürftigen. In Jesus Christus und seinem Handeln wird diese Haltung mehr als deutlich und seine Erwartungshaltung an uns, die wir uns in seiner Nachfolge verstehen, im Übrigen auch. Was vor der Welt gering ist, hat Gott erwählt – dieses Bibelwort fordert uns auf, unser eigenes Tun und Lassen immer mal wieder kritisch zu hinterfragen.

Download als PDF-Datei

  Hiroshima

Hiroshima

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2019

Heute vor 74 Jahren wurde über Hiroshima eine Atombombe abgeworfen. Es war der erste Einsatz einer solchen Waffe überhaupt. Drei Tage später, am 9. August 1945 sollte Nagasaki dasselbe Schicksal ereilen. Der Befehl für den Atomwaffeneinsatz wurde übrigens auf deutschem Boden erteilt. Der amerikanische Präsident Truman befand sich auf der Potsdamer Konferenz, als er die Entscheidung traf. Die Bombe explodierte am 6. August um 8:16 Uhr und riss in dieser Sekunde 70.000 bis 80.000 Menschen in den Tod. Die zerstörerische Kraft der Bombe ist kaum beschreibbar. Wenn man sich Bilder der Stadt vor und nach der Explosion ansieht, kann man grob ahnen, welche destruktive Gewalt diese Waffe in sich trug. Neben der unmittelbaren Zerstörung waren eben auch die Spätfolgen der freigesetzten Radioaktivität gravierend. Schätzungsweise 60.000 Menschen starben an radioaktiver Verstrahlung noch Jahre nach der Explosion.
Nach Hiroshima und Nagasaki wurden bis heute in kriegerischen Auseinandersetzungen keine weiteren Atomwaffen eingesetzt. Ein Mangel an ihnen besteht jedoch nicht und die Gefahr eines Atomkrieges scheint zu wachsen – auch weil die Berechenbarkeit so mancher Staatenlenker und auch ihr Friedenswillen durchaus zweifelhaft erscheinen.
Doch es gibt auch immer wieder hoffnungsstiftende Initiativen, die uns verdeutlichen, dass viele Menschen in verantwortungsvollen Positionen verstanden haben, dass der Einsatz von Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen unter keinen Umständen eine ernsthafte Option sein darf. So gibt es eine UN-Resolution zur Kontrolle von Massenvernichtungswaffen, zahlreiche bilaterale Abkommen und weitere zwischen-staatliche Vereinbarungen.
Dennoch hängt das Damoklesschwert dieser menschen- und schöpfungsverachtenden Waffen über unserer Welt. Ein Frieden, der nur auf gegenseitiger Abschreckung, also auf der Angst basiert, dass sich der Angegriffene grausam wehren und rächen wird, ist immer nur die zweitbeste Wahl. Doch wir finden ihn häufig auf unserem Globus und in unserer Geschichte. Der bessere und wirkliche Frieden ist der, der auf gegenseitiger Wertschätzung und Freundschaft beruht, so wie wir ihn hier bei uns in Europa über die letzten Jahrzehnte hindurch erleben durften.
Ziel allen politischen Handelns, Ziel aller gesellschaftlichen Aktivitäten auch von uns als Kirche muss somit sein, das zwischen den Menschen und zwischen den Völkern bestehende Misstrauen und die daraus resultierende Angst zu beseitigen und durch Vertrauen und Respekt zu ersetzen. Das ist ein Ziel, das die Menschheit umfassend in ihrer Geschichte bedauerlicherweise noch nie erreicht hat. Doch darf das kein Grund dafür sein, es nicht immer wieder zu versuchen. Wir haben Gott dabei auf unserer Seite – dessen dürfen wir sicher sein. Die nötigen Entscheidungen zu treffen und die richtigen Wege zu beschreiten, bleibt allerdings unsere Aufgabe. Der Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima kann uns eine deutliche Mahnung daran sein.

Download als PDF-Datei

  Gute Werke

Gute Werke

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2019

Immer wieder werden wir mit Nachrichten konfrontiert, die uns fassungslos machen und uns erschüttern. Vergangene Woche wird ein achtjähriger Junge in Frankfurt vor einen Zug gestoßen und kommt dabei ums Leben, in den USA sterben über 30 Menschen bei zwei Amokläufen, Leben wird zerstört durch Terror, Krieg und Gewalt an so vielen Orten auf dieser Welt. Uns erreichen diese Nachrichten, wir sehen diese Bilder und in mir höre ich die Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie kann das alles ein Ende finden?“. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit einmal anschaut, lässt sich daraus wenig Hoffnung schöpfen. Ein dauerhaft friedliches Miteinander scheint schwer erreichbar zu sein. Immer wieder gab es Kriege, ungerechte Verteilung von Lebensraum, Lebensmitteln und Lebenschancen und dass wir hier in Mitteleuropa über 70 Jahre in Frieden leben, ist fast schon eine Sensation.
Da die menschliche Geschichte auf dieser Welt also offenbar untrennbar auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit verbunden ist, könnte man auf Idee kommen, Gott in die Verantwortung zu nehmen. Denn wenn er allmächtig ist, könnte er schließlich auch dafür sorgen, dass wir uns hier auf diesem Globus alle vertragen und liebevoll miteinander umgehen, oder? Das ist, mit Verlaub, eine typisch menschliche Sicht auf das Thema. Wenn es unangenehm wird, versuche ich die Verantwortung anderen in die Schuhe zu schieben und wenn es gut läuft, kassiere ich Lob und Bewunderung selbst ein.
Doch so läuft das nicht und so hat Gott es für uns auch nicht vorgesehen. Er schenkt uns unser Leben und lässt uns loslaufen auf unserem Lebensweg. „Mach das Beste draus!“, könnte man ihn uns zurufen hören, „ich helfe Dir gern und passe auf Dich auf. Aber Deine Entscheidungen musst Du schon selbst treffen.“ Ja, Gott schickt uns los in unser Leben und stattet uns mit großen Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheiten aus. Und er zeigt uns auch, wie ein gutes Leben aussehen kann. Er lebt es uns vor in seinem Sohn Jesus Christus, der unser aller Freund und Bruder geworden ist. Die Tageslosung aus dem Epheserbrief greift dies auf. Wir lesen dort: „Wir sind Gottes Werk, geschaffen in Christus zu guten Werken.“
Gute Werke sollen wir vollbringen auf dieser Welt, damit es unseren Mitmenschen, Gottes Schöpfung insgesamt aber auch uns selbst gut geht. Das ist Gottes Erwartungshaltung an uns Menschen. Sie zu erfüllen ist meines Erachtens der einzige Weg, der aus der sich vielerorts immer schneller drehenden Gewaltspirale herausweist, der einzige Weg, der zu Gerechtigkeit und Frieden führt. Dieser Weg ist nicht leicht zu gehen und erfordert ein hohes Maß an Einsicht und Veränderungsbereitschaft. Doch wir dürfen sicher sein, dass wir Gott bei alledem an unserer Seite haben.

Download als PDF-Datei

  Frieden, Segen und das nahe Himmelreich…

Frieden, Segen und das nahe Himmelreich…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.08.2019

In dieser sommerlichen ersten Augustwoche heißt es in den Herrnhuter Tageslosungen aus den Sprüchen des weisen Predigers Salomo: „Wenn eines Menschen Wege dem Herrn wohlgefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen.“
Das sind Worte, die man jungen und alten Menschen sagen kann und die doch etwas von langen Wegen wissen. Es sind Worte, die etwas davon erzählen, dass Schuld vergeben werden kann und Wunden heilen, Beziehungen neu werden, dass man seinen Frieden gemacht hat und in Frieden gehen kann.
Ob sich Letzteres daran festmacht, wie es mit unseren Feinden geworden ist? Ich glaube, es hilft, sich bewusst zu machen, dass unsere Feinde ja vielleicht nicht zuallererst diejenigen sind, die irgendwo im Hinterhalt lauern oder sich überlegen, wie sie uns am besten schaden können – die meisten Feinde haben wir wahrscheinlich vielmehr mit uns und in uns selbst…
Irgendwann kennt man sie alle und wenn das nicht gleichbedeutend damit ist, ihnen zu Gefallen gewesen zu sein, sich ihren hässlichen Ansinnen gebeugt zu haben, wenn wir unsere Feinde in Schach halten konnten und versucht haben, unsere Wege immer wieder in Gottes heilsame Nähe und vor sein Angesicht zu lenken, dann – so sagt es das alte lebensweise Wort – wird es möglich, Frieden zu machen. Dann begreifen wir, dass wenn Gott uns gnädig ansieht, wir auch in Frieden mit uns selbst und unseren Nächsten leben können…
Gestern vor genau dreißig Jahren hieß es in eben diesen Tageslosungen: „Der Herr hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände. Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“
Das Geburtstagskind, dem wir all diese Bibelworte heute sagen, war schon 1989 nicht mehr ganz jung und mutmaßte wohl auch schon, dass die Zeit des Säens allmählich zuende gehen würde.
Aber es ist noch ein bisschen Wasser die Oker runtergeflossen und gab noch mancherlei Gelegenheit, blitzwach Erstaunliches zu verfolgen: die deutsche Wiedervereinigung, die digitale Revolution und weit weniger bedeutsam aber ganz nah dran: zwei Frauen am Dom…
Liebe Frau Levin, nun sind sie heute hier und mehr als ein Jahrhundert alt. Es ist zum Staunen und dankbar sein. Dem Dom sind Sie zum Segen geworden. Wir gratulieren von Herzen und wünschen Ihnen, dass sie Gottes Segen jetzt ganz deutlich spüren, dass seine Gnade sie wärmt und dass Ihnen guttut zu wissen, dass es über diesem Monat heißt: „Das Himmelreich ist nahe.“

Download als PDF-Datei

  Der Wald…

Der Wald…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.08.2019

An einem niedersächsischen Forsthaus aus dem 17. Jahrhundert steht geschrieben:
„Ich bin der Wald / Ich bin uralt / Ich hege den Hirsch / Ich hege das Reh / Ich schütz Euch vor Sturm / Ich schütz Euch vor Schnee / Ich wehre dem Frost / Ich wahre die Quelle / Ich hüte die Scholle / Bin immer zur Stelle
Ich bau Euch das Haus / Ich heiz Euch den Herd / Drum ihr Menschen
Haltet mich wert!“
Der Wald. Ohne ihn ist die deutsche Seele, das deutsche Gemüt nur schwer zu begreifen. Anlässlich einer Waldausstellung im Berliner Historischen Museums konnte man seinerzeit lesen: „Die Waldesliebe der Deutschen ist ein eigentümliches Ding. … Tief hat sich der Wald als wildromantische Kulisse in das Bewusstsein der Deutschen gegraben, als Schutz- und Freiheitsaum ihre Identität geprägt. … Die deutsche Identität ohne den Wald zu denken: es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schillers Räuber hausen dort, Hänsel und Gretel verlaufen sich darin, Rübezahl schützt ihn. .. Und wenn sich die Deutschen immer häufiger im Wald begraben lassen, in kühler Erde unter hohen Wipfeln, führt sie das … dorthin zurück, woher ihre Urväter in Horden über die Römer herfielen.“ Und was wären wir ohne Caspar David Friedrichs knorrige Eichen und grüne Tannen?
Dass der Wald missbraucht und instrumentalisiert wurde, mit nationalistischem Pathos überladen, dass die deutsche Eiche als Männlichkeitsideal herhalten musste, all das ließe sich lange ausführen.
Auch der Wald spiegelt gesellschaftliche Fragen.
Das Wort „Nachhaltigkeit“ entstand in der Forstwirtschaft.
Dass es dem Wals schon eine Weile nicht wirklich gutging, konnte man ahnen. Aber jetzt macht er uns wirklich Sorgen, womöglich stirbt der Wald, wie wir ihn kannten und lieben.
Es ist zu heiß und zu trocken. Seine Widerstandsfähigkeit bricht ein. Ohne ausreichend Harz ist er eine leichte Beute für die Borkenkäfer. Von Unwettern, Stürmen und zu schwerer Schneelast ganz zu schweigen…
Die Fichtenmonokultur war keine so gute Idee. Die Holzwirtschaft liegt am Boden.
Das dämmert nun auch der Politik …
Dabei hätten wir längst wahrnehmen können, dass die Schöpfung ächzt und stöhnt. Für dieses Jahr haben wir alle Ressourcen, die unsere Erde wieder generieren kann, verbraucht. Wir leben auf Verschleiß und unsere Seelenlandschaften bleiben davon nicht verschont.
Wer weiß, was gestern in der zauberhaften Umgebung des sächsischen Jagdschlosses Moritzburg von Julia Klöckner und ihren Kollegen beraten und geredet worden ist.
Die alten Psalmbeter und Propheten wussten jedenfalls schon, was wir jetzt vor Augen haben: „Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen; denn der dichte Wald ist umgehauen….“ Und sie wussten auch, dass Umkehr möglich ist, Neuanfang und Bewahrung, denn „es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“

Download als PDF-Datei

  Unsere Nachbarn – Blick nach Warschau

Unsere Nachbarn – Blick nach Warschau

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2019

Nachbarschaft hat verschiedene Dimensionen, im Englischen werden sie deutlich. „Neighborhood“ meint räumliche, „community“ soziale Nähe.
Neighborhood kann man sich nicht aussuchen. Damit Nachbarschaft gelingt, damit sich Vertrauen einstellt, muss man sie gestalten. Das Bewusstsein für diese Art der Schicksalsgemeinschaft geht jedoch in unserer modernen Gesellschaft allmählich verloren. Man kümmert sich um sich selbst.
Nachbarn haben wir dennoch, im Kleinen wie im Großen. Sie feiern neben uns und trauern neben uns. Kälte entsteht dort, wo wir nichts mehr voneinander wissen.
Das gilt im privaten Leben und mindestens so sehr in unserem gemeinsamen Haus Europa.
Nicht zuletzt deshalb sollte uns nicht egal sein, dass unsere Nachbarn im Osten heute einen Feiertag begehen, der von der Sehnsucht nach Freiheit erzählt, von dem Mut dafür zu kämpfen. Zugleich ist es ein Jahrestag, der nur mit großen Schmerzen erinnert werden kann. Denn heute vor 75 Jahren, am ersten August 1944, begann der Warschauer Aufstand, nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto.
Es war die größte Widerstandsbewegung in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs. Nicht zuletzt wegen der Zurückhaltung Stalins ging dieser Kampf verloren. Die Deutschen rächten sich bitter: 200.000 polnische Soldaten und Zivilisten wurden getötet, etwa eine halbe Million anschließend deportiert, Warschau fast komplett zerstört…
Nachbarschaft ernstnehmen heißt auch, sich zu erinnern.
Erinnern, dass Polen nicht nur die deutsche Besetzung erlitten hatte, das Hindurchrollen der Fronten, den Missbrauch des Landes für die Errichtung von Konzentrationslagern. Im Gegensatz zu den Nachbarn im Westen galten die slawischen Polen den Deutschen in ihrem Rassenwahn auch als minderwertig. Himmler hatte deshalb vorgeschrieben: „Für die nicht-deutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein, Lesen halte ich nicht für erforderlich. … Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen.“
Schlimme Schicksale, die Letzteres dokumentieren gibt es viele, nicht zuletzt in der VW-Gedenkstätte in WOB für die Zwangsarbeiter.
Aus dieser Missachtung und Diskriminierung, aus der Angst und Not des Krieges, aus dem Hunger wuchs den Menschen Kraft. Und offenbar auch aus ihrem Glauben.
Einer der dabei war, Miron Białoszewski, dessen unzensierte Erinnerungen aber erst jetzt auf Deutsch erschienen sind, erzählt: „Es krachte. Etwas stürzte ein. Immer näher. Fast schon in unserem Luftschutzraum – da stand auf einmal eine kleine Frau in einem hellen Mantel. Niemand kannte sie. Und plötzlich begann sie zu sprechen. Monoton, aber so, dass jedes Wort in seiner vollen Bedeutung an meine Ohren drang: ‚Wer im Schutze des Höchsten sitzt, der ruht im Schatten des Allmächtigen. Ich spreche zum Ewigen: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue.“


Download als PDF-Datei

Hier erreichen Sie uns:

Dompfarramt
0531 - 24 33 5-0
dom.bs.buero@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Mo. bis Fr. – 9.00 - 15.00 Uhr

Domkantorat
0531 - 24 33 5-20
domkantorat@lk-bs.de
Sprechzeiten :
Di. bis Do. – 9.00 - 15.00 Uhr
Fr. – 9.00 - 13.00 Uhr

Jede Woche im Dom:

Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
5 Minuten-ANDACHT
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
20 Minuten Orgelmusik im „MITTAGSGEBET“

Sonntag – 10.00 Uhr
GOTTESDIENST

Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!