Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Kraft gegen die Versuchung

Kraft gegen die Versuchung

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.02.2024

Am vergangenen Sonntag wurde in unseren Kirchen über die Geschichte von Jesu Versuchung gepredigt. Jesus ist 40 Tage lang allein in der Wüste. Dort begegnet ihm der Teufel und versucht dreimal, Jesus mit List und Tücke dazu zu bringen, sich gegen Gott zu stellen. Doch das misslingt. Jesus bleibt sich selbst und Gott treu und lässt sich nicht auf den Teufel ein.
Die Geschichte ist auch in kirchenfernen Kreisen recht bekannt und so dachte auch ich, sie gut zu kennen. Doch am vergangenen Sonntag hatte ich ein kleines Aha-Erlebnis, was den Beginn der Geschichte angeht. Denn dort steht in der Bibel: „Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde.“ Jesus geht nicht aus eigenem Antrieb in die Wüste, er wird vom Heiligen Geist, also von Gott selbst dort hingeführt. Das Zusammentreffen mit dem Teufel passiert also nicht, weil Gott einen Moment lang nicht aufgepasst hat. Nein, es ist Gottes Plan und Gottes Wille.
Das hatte ich in der Vergangenheit so nie gelesen und so nie verstanden und ich habe mich gefragt: Warum macht Gott das und macht er das vielleicht sogar auch mit mir? Das, was Jesus erlebt, ist ein Test seiner Glaubensfestigkeit und seines Gottvertrauens. Und Jesus besteht diesen Test und kehrt am Ende seiner vierzigtägigen Wüstenzeit gestärkt im Glauben zurück. Ja, aber es war eben Jesus.
Wie sieht das mit uns und unseren teuflischen Versuchungen aus? Sind sie vielleicht der Grund für all das Leid, das Menschen einander antun? Sind Putin oder die Anführer der Hamas im Grunde bedauernswerte Beispiele dafür, dass der Teufel manchmal eben stärker ist als wir Menschen? Das wäre ja mal eine elegante Begründung für nahezu jedes Fehlverhalten. Ich wolle es ja anders machen, aber der Teufel war stärker.
Nein, wir tragen die Verantwortung für unser Tun und Lassen, wir, und niemand sonst. Und ich bin mir sicher, dass Jesus den Versuchungen widerstanden hat, weil er Gott an seiner hatte. Er hat ihm ausreichend Kraft gegeben, sich gegen den Teufel und seine hinterhältigen Versprechungen zu behaupten. Und das tut er auch mit uns. Er will unser Begleiter und Ratgeber sein, wenn wir es denn zulassen und offen sind für seine Botschaft.
Und diese Botschaft ist eine Botschaft des Friedens, der Barmherzigkeit und die Liebe, mit der Krieg, Unterdrückung und Ausgrenzung nicht zu rechtfertigen sind. Gott gibt uns die Kraft, zu widerstehen, damit wie uns nicht vom Bösen überwinden lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden – in Jesu Namen. Amen.

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  Zähne und Zweifel

Zähne und Zweifel

Henning Böger, Pfarrer - 20.02.2024

Als er am Morgen aufwacht, hat er höllische Schmerzen am Zahn hinten links. Und weil er von Beruf Pfarrer ist, ist der Schmerz nicht einfach ein Schmerz, sondern gleich eine Anfrage an Gott: „Muss das denn sein, Gott? Muss Schmerz überhaupt sein in dieser Welt?“ So erzählt es der Schriftsteller John Updike in seiner wunderbaren Kurzgeschichte „Zähne und Zweifel“.
Als sich der Pfarrer gegen Mittag zum Zahnarzt aufmacht, ist ihm schon der halbe Tag verhagelt und Gott immer noch verborgen. Aber der Zahnarzt versteht etwas von seinem Handwerk. Der Zahn wird betäubt, das Bohren tut nicht weh. Der Pfarrer beginnt, sich endlich etwas zu entspannen. „Was genau machen Sie beruflich?“, fragt der Arzt. „Ach“, antwortet der Pfarrer, „ich schreibe eine Doktorarbeit über einen alten, englischen Kirchenlehrer, der ist schon über vierhundert Jahre tot.“ „Ach so“, sagt der Arzt und bohrt weiter. „Können Sie mir vielleicht einen wichtigen Satz von dem alten Herrn sagen?“
Der Pfarrer überlegt, gerade wird der Nerv seines Zahnes freigelegt. Jetzt fällt ihm doch tatsächlich nichts ein. „Macht nichts“, sagt der Zahnarzt und verpasst dem Zahn eine kräftige Füllung. Der Pfarrer wird wieder nervös: erst Schmerzen am Morgen, dann
viele Fragen an Gott und jetzt fehlt ihm eine Antwort. Es ist wirklich kein guter Tag!
Zähne und Zweifel … Niemand muss erst Pfarrer werden, um dieses Gefühl zu kennen: dass sich die ganze Welt gegen uns verschworen hat, dass sich Hoffnung und Zuversicht beim besten Willen nicht finden lassen, dass du dich so fühlst, als wärest du von Gott
und seinen guten Geistern verlassen. In solchen Situationen kann es hilfreich sein,
einen kleinen Vorrat an guten Worten zu haben. So hat das meine Kollegin Cornelia Götz einmal gesagt. Einen Vorrat an guten Worten, die wir für diese Fälle in uns tragen, wie diese etwa: „Ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Oder: „Siehe, der dich behütet, schläft und schlummert nicht.“ Oder:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“
Ein solcher Vorrat an guten Worten kann den eigenen Horizont ein wenig heller und weiter machen, als man ihn sich selbst gerade denken oder machen könnte.
„Sie müssen noch einmal wiederkommen“, sagt der Zahnarzt. Auch das noch, denkt der Pfarrer. „Ob Gott mich heute Morgen endgültig verlassen hat?“ Bedrückt gibt er dem Arzt die Hand, aber plötzlich hellt sich sein Gesicht auf: „Herr Doktor, ich weiß jetzt doch einen Satz des alten Theologen. Er schrieb einmal: ‚Ich räume ein, wir sind geneigt, willens und bereit, abzulassen von Gott; ist Gott aber ebenso bereit abzulassen von uns? Unser Sinn ist wankelmütig; ist der Seine es auch?“ (Richard Hooker). Der Zahnarzt lächelt und der Pfarrer tut es auch. Da ist er, der Vorrat an guten Worten! Und er wirkt- gegen die Zahnschmerzen und den Zweifel.

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  Say their names

Say their names

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.02.2024

„Say their names“, nennt ihre Namen, unter dieser Überschrift wird heute bundesweit an die Opfer des Terroranschlages von Hanau erinnert, auch bei uns in Braunschweig. Jetzt in diesem Moment beginnt eine Kundgebung auf dem Kohlmarkt und eine Mahnwache vor dem Schloss. Und auch wir erinnern hier im Braunschweiger Dom. Vor vier Jahren, am 19. Februar 2020 ermordete ein Rechtsradikaler aus rassistischen Motiven heraus neun Menschen in und vor einer Bar in Hanau, anschließend erschoss er seine Mutter und schließlich auch sich selbst.
Der Täter war offen rechtsradikal, glaubte an Verschwörungstheorien und hatte ein von solchen Wahnvorstellungen geprägtes Weltbild, aus dem heraus er sich mehr und mehr radikalisierte, schließlich die Morde beging und so zum Täter wurde. Aber war er nicht gleichzeitig auch Opfer?
Sprache schafft Wirklichkeit. Und wenn Sprache Lügen und Falschinformationen transportiert und diese nicht kritisch hinterfragt und widerlegt werden, dann werden auch daraus irgendwann Wirklichkeiten. In diversen Milieus in unserem Lande sind Menschen mittlerweile gefangen in Netzen aus solchen falschen Wirklichkeiten, die ausgeworfen werden von jenen, die unserer Demokratie feindlich gegenüberstehen und ihr politisches Süppchen zunächst mit der Verunsicherung, den Zukunftssorgen und der Angst der Menschen gekocht haben.
Mittlerweile säen sie ganz offen Hass und skandieren ihre Parolen, von denen man dachte, dass sie in unserem Land und bei unserer Geschichte niemals mehr in der Öffentlichkeit gesagt werden könnten. Und mit der AfD haben diese rechten Verfassungsfeinde einen parlamentarischen Arm, dessen Einfluss und Stärke wir nicht unterschätzen sollten.
Bundespräsident Steinmeier sagt zurecht, dass sie wie Rattenfänger durch unser Land ziehen, um ihre menschenverachtenden Positionen unter die Leute zu bringen. Und wir sehen immer öfter, wie diese Parolen auf fruchtbaren Boden fallen und in Gewalt gegen Politiker, Journalisten und sogar die Polizei umschlagen.
Die Opfer von Hanau mahnen uns zur Achtsamkeit, sie mahnen uns, nicht hinzunehmen, dass Ausgrenzung immer salonfähiger wird, sie mahnen uns, nicht stillzuschweigen, wo die Lüge zur anerkannten Wahrheit wird.
Gerade wir als Christinnen und Christen dürfen nicht kleinbeigeben und haben, wie ich finde, einen besonderen Auftrag und auch ein besonderes Rüstzeug, denn: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.” Amen.

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  1984

1984

Henning Böger, Pfarrer - 17.02.2024

Ein spannendes Buch wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Es ist der Roman „1984“ von George Orwell. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erzählt er von einer Welt, in der nur noch eine „Partei“ herrscht und ein nicht weiter bekannter „großer Bruder“. Das totalitäre System überwacht jeden Schritt im Leben und im Denken aller Menschen. Erschienen ist das Buch zum ersten Mal im Jahre 1949.
Der Protagonist des Buches, ein gewisser Winston Smith, arbeitet für die Partei im sogenannten „Ministerium für Wahrheit“. Dort verdreht und fälscht man die Weltgeschichte so, wie es der Partei nützt. Nach außen tut Winston seine Pflicht, aber tief im Herzen ist er unzufrieden. Er beginnt heimlich Tagebuch zu schreiben, was strengstens verboten ist. Er wird verraten und verhaftet. In sein Tagebuch hatte Winston kurz zuvor noch geschrieben: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ergibt. Wenn das gilt, folgt alles Übrige von selbst.“ Unter der erdrückenden Macht des Systems gesteht er aber schließlich, dass zwei plus zwei natürlich fünf sei.
Der Roman erzählt von der Fälschung der Wahrheit, indem die Sprache neu erfunden wird. Sie heißt jetzt „Neusprech“ und sagt: „Krieg ist Frieden“, oder: „Freiheit ist Sklaverei“. In den Köpfen aller Menschen soll die Wahrheit so lange verdreht werden, bis die Lügen geglaubt und für wahr gehalten werden. Es ist offensichtlich, dass wir nur 75 Jahre später in vielen Ländern der Welt genau dort angekommen sind. In Russland, wo der politische Häftling Alexander Nawalny gestern in einem Straflager verstorben ist, verkauft sich das Buch rasant. In Weißrussland wurde es bereits verboten.
Die Wahrheit, so verstehe ich George Orwell, hat niemand wie einen sicheren Besitz. Man muss für sie eintreten, manchmal auch kämpfen und sich dabei selbst infrage stellen können: Was weiß ich? Oder was meine ich zu wissen? Könnten andere mehr Recht haben als ich? Das sind schwierige Fragen. Aber wo sie gestellt werden, kommt jene Wahrheit ins Spiel, von der Jesus gesagt hat: „Sie wird euch Menschen frei machen!“ (Johannes 8,32)
Diese Wahrheit beginnt, wo Menschen ohne Furcht vor Verfolgung ihre Meinung kundtun können; so, wie es Winston Smith seinem Tagebuch anvertraut: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ergibt. Wenn das gilt, folgt alles Übrige von selbst.“ Ja, so soll es sein!

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  Klug werden!

Klug werden!

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.02.2024

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Dieses Wort aus dem 90. Psalm steht über dem heutigen Tag. Braucht es diese Aufforderung? Muss man uns lehren, uns daran erinnern, dass wir sterben müssen. Sicherlich ist das Thema nicht ganz oben auf unserer Liste der Gute-Laune-Quellen, aber wir wissen doch, dass wir sterben müssen, oder?
Tatsächlich ist das so eine Sache für sich. Denn die meisten Menschen leben so, als wären sie unsterblich. Das ist auch nachzuvollziehen, denn unsere über Jahrzehnte gereifte Lebenserfahrung sagt uns ja, dass immer nur die anderen sterben und nicht wir. Je älter man wird, desto häufigen geht man zu Beerdigungen, aber es sind immer nur die anderen, die begraben werden.
Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Ja, diese Erinnerung kann in der Tat nicht schaden. Bleibt die Frage, was sie bei uns auslöst? Im schlechtesten Fall ist es eine Panikattacke. Wir könnten, wenn die Erkenntnis unserer eigenen Sterblichkeit bei uns angekommen ist, auf diese Welt und auf unser Leben schauen und feststellen, dass es deutlich mehr Orte, Aktivitäten und Möglichkeiten gibt, die uns fremd sind als umgekehrt. Also lassen wir alles stehen und liegen und versuchen, aus unserem Leben so viel nur irgendwie geht, herauszupressen. Wir hetzen durch die Zeit, um nur ja nichts unversucht zulassen und ja nichts zu verpassen.
Kann man so machen, ist aber ganz sicher nicht die beste Idee. Um was bittet der Psalmbeter noch gleich: Wir sollen klug werden! Und das könnte heißen, sich zu fragen, worauf es im Leben wirklich ankommt – zu sehen, zu erleben und zu tun, so viel nur irgendwie geht oder sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Keine Sorge, der Zeigefinger bleibt unten, denn welches diese wirklich wichtigen Dinge sind, können wir alle für uns selbst entscheiden und mit einer christlichen Grundeinstellung ist das auch gar nicht mal so schwer.
Apropos christliche Grundeinstellung. Mit ihr verliert das Thema der eigenen Vergänglichkeit ja ohnehin seinen Schrecken, denn diese Vergänglichkeit ist Gott sei Dank auf unser irdisches Dasein beschränkt. In gut sechs Wochen feiern wir Ostern, das Fest der Hoffnung und des Lebens, vor dem auch der Tod kapitulieren muss. Und so verstanden ist selbst das Wort aus dem 90. Psalm, dass wir beim Hören nicht gerne an uns heranlassen wollen, eine echte Freudenbotschaft: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Amen.

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  Wege des Friedens

Wege des Friedens

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.02.2024

Mein aktuelles Buch heißt: „Das Gedächtnis der Töchter“.
Es erzählt eine Familiengeschichte, beginnend in Westpreußen am Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin nach Sibirien.
Es ist eine mennonitische Familie, deren Glauben auf die Täuferbewegung der Reformationszeit zurückgeht und sich durch radikale Gewaltlosigkeit auszeichnet.
Darum bleibt die Wanderbewegung und Entwurzelung immer dann nicht erspart, wenn Wehrpflicht droht.
Die Entschlossenheit dahinter ist ein Einspruch gegen das Dogma der Alternativlosigkeit militärischer Gewalt, Aufrüstung oder Verteidigung.
Es sind auch heute immer wieder Mennoniten - wie der Theologe Fernando Enns -, die daran erinnern, dass das Bekenntnis an Jesus Christus ohne das Bekenntnis zu radikaler Gewaltlosigkeit nicht zu haben ist.
Sie begründen das theologisch, im Hören auf Gottes Wort.
Sie verweisen darauf, dass militärische Antworten nicht zum Frieden führen - wir sehen das gerade in der Ukraine und in Gaza. Sie erinnern, dass - mit Dorothee Sölle - „Aufrüstung auch ohne Krieg tötet.“: Wir sind weiter weg denn seit langem, wenn nicht sogar seit je, von dem Ziel, den Hunger in der Welt abzuschaffen. Jetzt wird mit Weizen spekuliert, werden Handelswege torpediert und Kriege um Wasser geführt.
Und wir? Wir tun etwas, von dem der Bundeskanzler mehrfach wiederholt: das gab es vorher, bisher, hier nicht, nicht, nicht.
Wir bauen eine Munitionsfabrik in der Heide.
200 000 Stück 155-Millimeter Artilleriegranaten pro Jahr.
Das sind die Zeichen der Zeit.
Das muss sein? Das brauchen wir, wenn Trump, wenn die Russen…
Rheinmetaller arbeiten hier – so der Kanzler - zum „Wohle des Volkes“.
Wann je hat das zu Frieden geführt?
Deutschland hat im letzten Jahrhundert zwei entsetzliche große Kriege über die Welt gebracht. Sollten nicht ausgerechnet wir es mit einer anderen Option als der Militarisierung versuchen anstatt daran Geld zu verdienen?
„Selig sind, die geistlich arm sind und sanftmütig, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, die Frieden stiften…“
Sind wir das? Wo führt uns unser Weg gerade hin? Sind es Wege des Friedens???

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  Lund II

Lund II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.02.2024

Lund, die zweite. Am Montag habe ich hier schon ein bisschen von der Nordeuropäischen Kathedralkonferenz in Lund berichtet. Es waren dichte Tage, darum gibt es auch mehr zu erzählen als das, was nur in eine kleine Abendandacht passt.
Mir ging es während der Gottesdienste und Andachten, der Vorträge, Workshops und gemeinsamen Mahlzeiten immer wieder so, dass ich mich wunderte, wie weit weg all die Fragen und Themen sind, die uns hier so sehr umtreiben.
Gerade hatten wir bei der Politischen Andacht die Sorgen zusammengetragen, die Krieg und Gewalt, wirtschaftliche Not und Klimawandel, Nationalismus und Totalitarismus mit sich bringen und Kurz vor der Abreise saß ich noch kurz mit einer jüdischen Freundin zusammen; sie ist Künstlerin und lebt mit ihrem Mann und Kind in Berlin. Jetzt gerät sie in Not, denn es wird zunehmend schwer, den Lebensunterhalt zu verdienen, wenn jedes Engagement eine politische Entscheidung ist oder andersherum: Jetzt gerät sie in Not, weil sie sich den Mund verschließen und auf ihren künstlerischen Ausdruck dessen, was sie umtreibt verzichten muss, um gebucht zu werden…
All das war für ein paar Tage fast weg.
Aber nur fast. Denn die Kathedrale in Lund ist Besitzerin einer fantastischen astronomischen Uhr aus dem Mittelalter. Sie zeigt nicht nur einen immerwährenden Kalender und bezaubernde Mechanik, wenn sich morgens und mittags um 12.00 Türen rechts und links der Madonna öffnen und Könige und einfache Menschen an der Marienfigur vorbeiziehen und ihr die Ehre erweisen - aber Achtung: es verbeugen sich nur die Könige! :-)
Besonders eindrücklich ist ein Geräusch zu jeder vollen Stunde, egal ob gerade gebetet oder musiziert, geschwiegen oder geredet wird. Es ist kein Glockenschlag sondern eine Irritation, die immer wieder funktioniert. Dabei knallt es merkwürdig und während man sich noch fragt, was da gerade kaputtgeht, fällt einem ein: das ist die Uhr!
Zu jeder vollen Stunde kämpfen ganz obendrauf zwei Ritter miteinander, deren Schwerter aufeinander prallen, so oft wie es eben spät ist. So kämpfen Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Mächte und Gewalten mit Wucht gegeneinander und reißen uns raus aus der Blase und der Selbstbeschäftigung - hinein in das, was jetzt in unserer Welt wichtig ist, wofür wir beten wollen und sollen, was Gottes Gehör und Erbarmen braucht. Denn was uns zu menschlichen Ebenbildern Gottes in unserem narzisstischen Zeitalter macht - auch daran wurden wir erinnert - kommt vom außen, extra nos: Liebe, Erbarmen, Vertrauen, Barmherzigkeit, Gnade, Segen.
Davon zehren wir. Das können wir geben.
Nicht zuletzt, wenn wir füreinander beten.
Was für eine kluge Störung!

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  Lund I

Lund I

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.02.2024

In der letzten Woche waren wir - Musiker, Mitglieder des Kirchenvorstandes und ich - auf der Nordeuropäischen Kathedralkonferenz in Lund – und das war so einprägsam, dass ich den Rosenmontag heute bis eben gar nicht auf dem Schirm hatte.
Normalerweise findet die Tagung alle zwei Jahre auf den britischen Inseln, in Skandinavien oder hier auf dem Kontinent statt. Jetzt gab es eine große Unterbrechung wegen der Pandemie. So haben wir uns das letzte Mal 2019 in Dublin gesehen. Davor, 2017, war der Braunschweiger Dom Gastgeber. Ich bin jedes Mal - trotz aller Anstrengung, die eine englischsprachige Konferenz mit sich bringt - dankbar allein für Erinnerung, dass an so vielen anderen Orten dieser Welt Menschen wie wir hier auch Mühe, Liebe, Begabung und Sorgfalt in Gottesdienste und Andachten, die Pflege dieser alten und besonderen Orte stecken.
In Lund, einer Kathedrale, die uns nach Alter und Ausstattung ähnlich ist, gab es viel zu sehen:
Den Hochaltar, der wie hier eher weit hinten steht, schmückte ein Parament, das den Weg nach Ostern hin zeigte - Spuren menschlicher Füße, ein schwarzes Kreuz, goldenes Osterlicht in einer Landschaft, die es am Jordan geben mag aber sicherlich auch rund um Lund. Gewebt war das alles aus ungefärbten Leinenfäden ganz unterschiedlichen Alters. Manche waren uralt, ganz dich, fast gelblich, anderer frisch und fein. Einprägsam schrieb sich da jahrhundertealte Geschichte ein, handgemacht.
In der Krypta dann eine sagenhafte Figur.
Eine Art dänisches Rumpelstilzchen. Da umarmt ein geschrumpfter steingewordener Riese ohne Gesicht eine Säule - als klammere er sich daran oder versuche sie niederzureißen. Die Legende dazu erzählt von einem Riesen, der dem Dean der Stadt versprochen hatte, ihm eine Kathedrale zu bauen. Sie sollte geschenkt sein, wenn der den Namen des Riesen herausfände. Andernfalls sollte der Dean dem Riesen zum Lohn Sonne und Mond übergeben und wenn er diese nicht besorgen könne, dann müssen es seine Augen sein. Dem Dean ist das recht. So baut der Riese die Kirche und der Dean sieht kommen, dass er seinen Augenlicht verlieren und die Kathedrale niemals sehen wird, bis er bei einem Spaziergang die Frau des Riesen ein Schlaflied singen hört, das den Namen - Finn - verrät.
Der wütende Riese, um seinen Lohn gebracht, stürmt daraufhin zur Kathedrale und will sie zerstören - aber je näher er kommt, desto kleiner wird er bis er am Ende menschliches Maß hat. Schon das ist ein schönes Bild. Denn wie ist das mit den Supermächten, wenn wir sie beim Namen nennen, decodieren und entzaubern???
Die Geschichte um den Riesen Finn endet mit einem Fluch, der sich als Segen erweist: Die Kathedrale möge niemals fertig werden. Toll. So möge es auch hier sein. Niemals zu Ende – es geht immer weiter. Gott sei Dank.

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  Zufallsfund

Zufallsfund

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.02.2024

Es gibt Tage, so auch heute, da sitze ich morgens am Schreibtisch und suche nach einem passenden Thema für den Abendsegen. Glücklicherweise hilft das Internet dabei, besondere Gedenktage zu finden, es kennt die Lebensdaten großer und kleiner Berühmtheiten, weiß, wer im Heiligenverzeichnis oder dem evangelischen Namenskalender gerade dran ist. Doch manchmal finde ich da nichts, von dem ich denke: Jawoll, darüber will ich heute Abend reden. Und aufbauende Themen aus der aktuellen Weltlage sind momentan ja eher Mangelware. Als Ultima Ratio oder besser gesagt, als letzter Rettungsanker bleibt die Bibel. Und die schlage ich dann tatsächlich wahllos auf und schaue, wo ich gelandet bis.
Heute lag Jesaja, Kapitel 12, aufgeschlagen vor mir und dort ist zu lesen: „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils.“
Recht hat er, der Prophet! Doch ich gebe zu, dass mir insbesondere dieser Aspekt meines Glaubenslebens immer mal wieder aus dem Fokus rutscht. Dabei ist es tatsächlich der Kern meiner ganz persönlichen Beziehung zu Gott und Ihrer im Übrigen auch. Gott ist unser Heil, wir sind sicher und brauchen uns nicht zu fürchten. Doch es gibt Momente, in denen ich dieses Grundvertrauen in mir wachrufen muss. Denn es gibt genug, was belastet – ein Blick in die Zeitung reicht, um unsere Fröhlichkeit und Zuversicht einer echten Belastungsprobe zu unterziehen. Und auch im eigenen Leben gibt es immer wieder schwere Zeiten.
Aber Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht! Wenn wir uns dessen erinnern, flüchten wir damit eigentlich vor dem, was gerade in unserem Leben passiert? Nein, das denke ich nicht. Wir haben bei Gott einen Rückzugsort, einen sicheren Hafen, einen Platz, den uns nichts und niemand streitig machen kann und an dem es uns geht und auch gut gehen darf. Ich brauche diesen Ankerplatz, um Kraft zu tanken und manchmal auch, um nicht zu verzweifeln.
Denn das, woran uns Jesaja erinnert, hat Bestand, ganz egal, was auch immer passieren mag, was auch immer auf unseren Lebenswegen auf uns wartet. Es ist verlässlich, wie das Amen in der Kirche. Und so bin ich ganz zufrieden mit meinem heutigen Zufallsfund in der Bibel. Oder war es vielleicht gar kein Zufall? Denn Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht! Amen.

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  Verstockte Herzen

Verstockte Herzen

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.02.2024

Das größte Problem in der Kommunikation, ist die Illusion, dass sie stattgefunden hat. Weise Worte von George Bernhard Shaw, die mittlerweile auch wissenschaftliche Bestätigung gefunden haben. Wir reden miteinander, wir reden vielleicht auch aufeinander ein, wir gehen davon aus, dass unsere Rede nicht nur gehört, sondern dass uns auch zugehört wird und stellen dann aber irgendwann fest, dass doch so einiges in den Kanälen zwischen Sender und Empfänger versickert, oder beim Zuhörenden eine ganz andere Botschaft angekommen ist, als wir meinten, losgeschickt zu haben.
Doch selbst wenn alles super läuft in diesem Austausch von Rede und Gegenrede, diesem Wechselspiel von Frage und Antwort, dann ist immer noch nicht sicher, dass unser Gegenüber tatsächlich so reagiert, wie wir es erwarten. Denn das setzt Zustimmung voraus und die ist nicht immer gegeben.
Über dieser Woche heißt es aus dem Hebräerbrief: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ Da arbeitet jemand dafür, Gottes Wort die Bahn zu ebnen, dafür zu sorgen, dass es nicht nur gehört und verstanden wird, sondern dass es auch ankommt und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen.
Es kann wirklich frustrierend sein, mit einem verstockten Menschen zu reden. Denn ganz egal, wie überzeugend die eigenen Argumente auch sein mögen, ganz egal, wie fragwürdig die Position des anderen auch immer ist, Sie dringen nicht durch, weil auf der anderen Seite gar keine Bereitschaft vorhanden ist, ernsthaft und ergebnisoffen über das nachzudenken, was Sie sagen. Es ist, als rede man gegen eine Wand, so fühlt sich das dann mitunter an.
Vielleicht tröstet es ein wenig, dass wir nicht die einzigen sind, die solche Erfahrungen machen, sondern dass es Gott tatsächlich auch so geht. Seine wunderbare Botschaft von Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft und unverdienter Gnade, sie stößt auf taube Ohren und, wie es der Schreiber des Hebräerbriefes formuliert, auf verstockte Herzen. Gottes Wort kommt nicht an, und die Liebe, die in dem steckt, was er uns verheißt, sie wird nicht wahrgenommen. Die Orientierung, die er uns gibt, wird weggewischt und der Trost und die Hoffnung, die er uns zuspricht, sie zerschellen an menschlicher Ignoranz und Selbstüberschätzung.
Ich glaube, es wäre schon viel erreicht, wenn wir Menschen Gott zumindest einmal zuhören würden. Und ich gehe fest davon aus, dass viele zu der Erkenntnis kämen, dass Gottes Wort hervorragende Lösungsansätze für viele Probleme unserer Zeit liefert. Und wenn es nicht gleich das ist, so kann es uns in jedem Fall ein gutes Leben schenken – als Gotteskinder, von ihm gewollt und geliebt. Amen.

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  Hoffnungszeit

Hoffnungszeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.02.2024

Heute in einer Woche ist Aschermittwoch, mit dem die Passionszeit beginnt, sehr früh in diesem Jahr, weil eben Ostern bereits auf Ende März fällt. Und damit bleiben uns gerade mal zehn Tage um umzuschalten zwischen dem Weihnachtsfestkreis, der in diesem Jahr bis Anfang Februar andauerte, und der Buß- und Fastenzeit vor Ostern. Diese zehn Tage sind, wenn Sie so wollen, kirchliche Alltagszeit, wenn auch die Sonntage mit Sexagesimä und Estomihi klangvolle Namen tragen. Es sind die Sonntage vor der Passionszeit und ich hätte gerne ein paar mehr davon, denn der Bruch von „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ zu „O Haupt voll Blut und Wunden“ ist ganz schön heftig.
Doch wir werden tatsächlich gut vorbereitet, denn die Texte, die für diese Zwischenzeit vorgesehen sind, erzählen von Gottes Fürsorge, von seiner Liebe und davon, dass wir trotz allem immer hoffnungsvoll in die Zukunft blicken dürfen. Und so heißt es über dem heutigen Tag aus dem 118. Psalm: „Der Herr züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.“
Das ist zugegebenermaßen keine Hoffnungszusage aus dem Rundum-Sorglos-Paket. Es ist viel mehr eine Hoffnungszusage, die das aufnimmt, was unser Leben ausmacht. Da sind schwere Zeiten, da sind Phasen, in denen wir denken, es geht nicht mehr, da sind Situationen, in denen Angst und Verzweiflung für nichts anderes mehr Platz lassen. Und wir kommen nicht umhin, zu akzeptieren, dass Gott das weiß und sieht und zulässt. Denken wir an das, was er seinem eigenen Sohn zugemutet hat. Der Herr züchtigt auch ihn schwer.
Doch er gibt ihn und eben auch uns dem Tode nicht preis. Hinter allem Schweren wird es wieder leicht und hell werden. Und dass es so wird, müssen wir nicht allein mit unserer kleinen Kraft erreichen. Gott sorgt für neues Licht und eine gute Zukunft. Und so sind auch alle anderen Verse des 118. Psalms voller Dankbarkeit und Freude:
„Wir segnen euch vom Haus des Herrn. Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars! Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen. Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Amen.

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  Bärenraupen-Mut

Bärenraupen-Mut

Henning Böger, Pfarrer - 06.02.2024

Keine Chance.
Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst.
Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.

So beschreibt der Dichter Rudolf Otto Wiemer „die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen". Ich weiß nicht genau, was eigentlich eine Bärenraupe ist. Aber das herrliche Grün auf der anderen Straßenseite - damit habe ich Erfahrung.
Privat, beruflich, gesellschaftlich. Noch mehr Erfahrung habe ich mit dem Asphalt, den Lastern, Fuhrwerken, Autos und anderem - mit all jenem, was uns vom Grün auf der anderen Straßenseite fernhalten kann. Nennen wir es Vorsicht, Unsicherheit, Bequemlichkeit, Mutlosigkeit. Ja, man müsste hinüber, aber … der gute Vorsatz allein macht noch keinen ersten Schritt.
„Du, Gott, zeigst mir einen Pfad zum Leben.“ Das sind alte Bibelworte aus dem 16. Psalm. Ich höre sie mit Blick auf das lockende Grün und die sechs Meter Asphalt davor, im steten Auf und Ab von gutem Vorsatz und erlebtem Stillstand so: Was auch immer es ist, das uns manchmal oder immer mal wieder ausbremst, es gibt einen, der Wege und Pfade vorwärts kennt, der mich auch dann begleitet, trägt und antreibt, wenn ich stecken zu bleiben drohe. „Du, Gott, zeigst mir einen Pfad zum Leben.“
Manchmal wäre ich gern wie die Bärenraupe: Einfach losgehen, den ersten Schritt machen und dann einfach nicht mehr aufhören mit den kleinen Schritten, bis ich am Ziel bin. Was es dazu braucht? Bärenraupen-Mut!

Noch einmal Rudolf Otto Wiemer:
Keine Chance.
Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht und kommt an.

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  Abwarten

Abwarten

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.02.2024

Gestern war in unseren Kirchen das Gleichnis vom Sämann zu hören. Da erzählt Jesus, wie jemand auf den Acker geht und die Saat ausbringt. Das wird auch in unseren Breiten bald wieder der Fall sein, zwar mit Maschinen und nicht mit der Hand wie zu Jesu Zeiten, aber dennoch im Grunde so wie seit Jahrtausenden. Das Korn kommt in die Erde und neues Leben entsteht.
Spannend ist, was Jesus uns über das erzählt, was nach der Saat dran ist. Dort heißt es sinngemäß in der Bibel: Und der Sämann geht nach Hause und er schläft und steht auf, es wird Nacht und Tag, und der Same geht auf und wächst. Können Sie das? Ich meine, etwas anfangen, etwas auf den Weg bringen, etwas in Gang setzen und dann einfach mal in aller Ruhe darauf warten, dass es wird und gelingt? Ich tue mich zugegebenermaßen nicht immer leicht damit. Doch es geht im Grunde ja darum, hinzunehmen, dass nicht nur alles seine Zeit hat, wie uns die Bibel ebenfalls lehrt, sondern auch darum, dass alles seine Zeit braucht. Und um mal im Bilde des Sämanns zu bleiben: Das Gras wächst eben tatsächlich nicht schneller, wenn man dran zieht. Und das gilt es eben anzunehmen und auszuhalten.
In der Zwischenzeit könnte man sich ja dann voller Elan einem weiteren Projekt widmen. Doch Jesus sagt uns: Nein, das ist jetzt nicht dran. Der Sämann geht nach Hause und schläft und steht auf und es wird Nacht und Tag und Nacht und Tag. Der Sämann macht Pause. Er ruht sich aus und wartet, bis es Erntezeit wird. Dann geht er wieder zum Acker und bringt die Ernte ein.
Von dem, was da in der Zwischenzeit passiert ist, sagt Jesus: Und der Sämann weiß nicht, wie das vonstattengeht. Auch daran hat sich bis heute nichts geändert. Ja, wir wissen, dass Pflanzen Photosynthese betreiben und mithilfe von Licht, Wasser und Kohlendioxyd neue Biomasse herstellen. Das haben wir dem Sämann aus Jesu Gleichnis ganz sicher voraus. Doch warum das alles so ist, warum es diesen Kreislauf von Vergehen und Entstehen gibt, dass können auch wir nicht beantworten. Und ja, in diesem Kreislauf folgt das Leben auf den Tod, nicht umgekehrt.
Jesus erinnert uns in seinem Gleichnis dran, Dinge getrost auch in Gottes Hand zu legen und sie dort reifen zu lassen. Er weiß, was kommen muss und er sorgt dafür, dass es geschieht. Wir können und wir müssen uns nicht um alles alleine kümmern. Gott ist da, der für uns sorgt, und das ist auch gut so. Amen.

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  Kathedralen...

Kathedralen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.02.2024

„Cathedralen“ heißt das erste Musikstück heute.
Kathedralen sind ihrer Definition nach Bischofsitze, denn sie sollten einen altgriechisch καθἐδρα kathedra oder lateinisch cathedra Thron bzw. Sitz haben, damit die bischöfliche Amtsvollmacht augenscheinlich festgestellt ist. Wir haben derlei nicht. Ergo: sind also keine. Auch kein Dom.
Unser Bischof hat zwar hier seinen Predigtsitz, aber der verbindet sich nur mit dem Liturgenstuhl und dem Kanzelrecht.
Wir sind eine Stiftskirche.
Und auch ein durchgebetetes Gotteshaus voller Bitten und Flehen, voller Dank und wohl auch manchem Geheimnis und vermutlich für manche Sinnbild – wie Fulbert Steffensky sagte - steingewordener „Verwaltung der Träume“.
Wobei: welche Anmaßung ist es eigentlich von einem Gotteshaus zu reden? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ein Haus, in dem Gott wohnt, der doch so viel größer ist als alles was wir denken und uns ausmalen geschweige denn entwerfen und bauen können?
Irgendwie ja und irgendwie nein – denn unser Dom ist wie so viele andere große beeindruckende oder kleine anrührende Kirchen ein Ort nicht ganz von dieser Welt. Es hat eine besondere befriedende Atmosphäre, fast wie in auf einem Berg, dem Heiligen ein bisschen näher.
Louis Vierne, der das Stück eben komponierte, muss das auch erlebt haben. Geboren 1870 (die Lebensdaten auf dem Programm sind falsch – Entschuldigung!) mit einer schweren Sehbehinderung konnte ihn eine Kirche nicht wirklich durch Wandmalereien in Bann ziehen, Wir erleben das manchmal erleben oder sehen es an anderern: wenn man den Kopf in den Nacken legt und nach oben schaut – dorthin wo Himmel und Erde sich berühren, ins Himmlische Jerusalem, dem irdischen so ähnlich, in einer Haltung, die sich hier gründet und dorthin wendet. Deswegen bin ich keine Freundin des Spiegeltischs – da sehe ich ja immer und immer nur mich.
Louis Vierne hätte das wahrscheinlich gar icht erst probiert, denn er hatte eh eine andere Begabung. Darum bekam er nachdem die Familie nach Paris gezogen war, Klavier- und später Orgelunterricht.
Von nun an führte ihn sein Weg nicht auf die cathedra aber auf die Orgelbänke wunderbarer Pariser Kirchen, wie der schönen St.Sulpice. 1900 schließlich wurde er Titularorganist an Notre Dame, fraglos eine Kathedrale. Er starb während eine Konzertes am Spieltisch.
Muss einen das gruseln? Oder scheint in solch einem existentiellen Moment auf, was die Benediktiner*innen schon lange wissen: das Gotteshaus ist nicht nur die Kirche, sondern das ganze Anwesen vom Schlafraum bis zum Stallwinkel, vom Vorratskeller bis zum Allerheiligsten, Zuhause.
Ein Ort meines Lebens.

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  Lichtmess

Lichtmess

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.02.2024

Heute ist Weihnachten nun wirklich zu Ende. Unsere katholischen Geschwister feiern Mariä Lichtmess, den Tag der Darstellung Jesu im Tempel.
Maria bringt ihr Kind, ihren Erstgeborenen ins heilige, so heiligt sie ihn.
Und Simeon, ein frommer alter Mann, der sein Leben lang auf diesen Moment gewartet hat, nimmt den Jungen auf den Arm und sagt zu Gott und zu sich selbst: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“
Er ist da, angekommen unter den Menschen, im Alltag und wirklichen Leben - nicht mehr beschienen von den himmlischen Heerscharen oder dem Stern von Bethlehem. Jetzt sieht man: Jesus Christus selbst macht die Welt heller.
Dieser ist, so heißt es bei Lukas, „ein Licht unter den Menschen.“
Und also sind die dunklen Tage fast geschafft.
Darum war Lichtmess das Ende der Kunstlichtzeit. Ab jetzt kann man wieder bei Tageslicht zu Abend essen.
Darum ging am 2. Februar die Spinnstubenzeit zu Ende und das Bauernjahr begann.
Darum endete an diesem Tag das Dienstboten- und „Knechtsjahr. Der Rest des Jahreslohnes wurde ausbezahlt, die einen suchten sich eine neue Dienststelle, die anderen verlängerten um ein Jahr. Tat man Ersteres gab es drei Tage Zeit zum Umziehen, dann ging es am Agathatag anderswo weiter.
Zeugnisferien also - von alters her.
Verschnaufpause zwischen zwei Arbeitsperioden.
Zu Lichtmess ordnete sich alles wieder neu - der Alltag nahm wieder Fahrt auf, in alten oder neuen Konstellationen, manchmal mit neuen Schuhen, manchmal mit einer neuen Liebe.
Da liegt es nahe, einen Blick nach vorn zu wagen, die Zeichen zu deuten.
Eine Bauernregel sagt:
„Ist’s an Lichtmess hell und rein, / wird ein langer Winter sein. / Wenn es aber stürmt und schneit, / ist der Frühling nicht mehr weit.“
Und wenn es dazwischen liegt, das Wetter?
Dann kommt der Frühling trotzdem.
Dann wird es in jedem Fall wieder grün und warm. So ist auch dieser Freitag ein Tag mit einer Hoffnungsgeschichte - tauglich für uns, die wir Schritt für Schritt gehen mit diesem Gotteskind, das mitgeht - durch das Dunkel hindurch - und von dem es dann heißt: „es wuchs und wurde stark, voller Weisheit und Gottes Gnade war bei .“
Also ganz in unserer Nähe.

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  Wörter am Weg

Wörter am Weg

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.02.2024

Ana Blandiana, geboren 1942 in Timisoara, eine rumänische Dichterin, Bürgerrechtlerin, Tochter eines orthodoxen Priesters, der unter den Kommunisten im Gefängnis saß und kurz nach seiner Freilassung verunglückte, Tochter eines „Volksfeindes“, die nicht studieren durfte, Regimekritikerin – schreibt:
„Vorsichtig gehe ich vorwärts, langsam, / auf einem Weg, / den ich ausschreitend / selber mir bahne:
Um zurückzufinden. / streue ich hinter mir / Krümel von Buchstaben und
Wörtern. / Seit langem bin ich auf den Beinen, / schon ist / die Hand voll Silben, die meine / Wegzehrung war, alle.
Glücklicherweise fand ich heraus, / das alles / in Vokabeln umgemünzt werden kann, / und laufe weiter, ausstreuend / die Wörter, in die ich mich auflöse, / so wie sich ein alter Pullover auftrennt / in Wollfäden, eng gekräuselt vom überlangen Tragen.“
Vorsichtig. Schritte setzen. Einen Weg suchen.
Das geht so ein ganzes Leben lang.
Manchmal kann man eine Weile ausgetretenen Pfaden folgen, manchmal kann man sich einem anderen Menschen anschließen, in seinen Spuren gehen.
Aber allermeist müssen wir unseren ganz eigenen Weg finden, fest vertrauen darauf, dass Gott etwas mit uns vorhat, dass er weiß, wohin er uns führt, Türen öffnen wird, die wir noch nicht kennen.
Seit langem bin ich auf den Beinen, schreibt die Dichterin, die sich durch ihren Künstlernamen „Blandiana“ mit dem Heimatdorf ihrer Mutter verbunden hat.
Um nicht verloren zu gehen, streut sie Wörter und Silben. Manche Wörter waren Wegzehrung, andere haben ihre Geschichte zusammengesetzt, sie haben Wirklichkeit ins Leben gerufen und Menschen erreicht, Wurzeln geschlagen, Blüten getrieben, geduftet, genährt.
Solche Wörter kennen wir auch.
Wir zehren von ihnen:
Liebe – Dankbarkeit – Hoffnung – Frieden – Heilung – Licht. Segen.
Du. Ja.

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  Schönheit wird die Welt retten

Schönheit wird die Welt retten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.01.2024

Vor einigen Jahren hatte ich ein ungeheures Privileg: ich durfte im Rahmen einer Fortbildung für zwei Wochen meinen Dienstort verlegen und in eine orthodoxe Ikonenwerkstatt auf Kreta ziehen.
Das Haus lag direkt am Meer und bog sich in die Küste hinein oder eigentlich schob es sich eher im Bogen raus - darum hatte man in jedem Zimmer das Gefühl ganz allein mit sich und der blauen Weite, dem Licht über dem Wasser, der Unendlichkeit zu sein.
Wie Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“.
Das Staunen über so viel Schönheit kommentierte die griechische Ikonenmeisterin fast lakonisch: das muss so sein, sonst kann man keine Ikonen schreiben. Kein Versprecher: Ikonen malt man nicht; man schreibt sie. Schicht für Schicht, Pinselstrich für Pinselstrich, wobei der Pinsel manchmal nur ein Haar hat. Man schreibt sie genauso wie es die vor uns getan haben denn das Bild ist ein Text: es ist deshalb nicht egal, wo die dritte Falte auf der Stirn beginnt und endet oder am tiefsten ist. Und es kommt nicht nur auf die Genauigkeit an - dafür bräuchte man (außer um sich von der absoluten Konzentration zu erholen) das Meer vor der Tür nicht.
Es kommt darauf an, beim Umgang mit den kostbaren Materialien - Blattgold, wertvolle Pigmente - und den uralten Techniken sich so intensiv in die Schönheit der Ikonen zu verlieren, bis man mit dem Heiligen, den man gerade schreibt, Zwiesprache hält. Es ist kein Handwerk, sondern Gebet, Meditation.
Und für Letzteres braucht man das Meer und eine begnadete Ikonenmeisterin, die Fehler - ein Loch hier wegen Drübermalens, ein verwackelter Heiligenschein dort, ein zu tiefer Farbton hier, ein zu dicker Strich - mit leichter Hand korrigiert.
Und warum das alles?
Das kriegten wir gleich am ersten Tag gesagt:
„Schönheit wird die Welt retten.“
Heute Morgen beim Zeitunglesen ist mir dieser berühmte Satz von Fjodor Dostojewski wiederbegegnet. Es ging um eine Modenschau, die nicht Millionärinnenstangenware zeigte, sondern Würde, Schönheit.
„Schönheit wird die Welt retten.“
Dostojewski sagte das nicht einfach so. „Jedes Jahr begab sich der große russische Schriftsteller nach Dresden - so schrieb der lateinamerikanische Theologe Leonardo Boff - um die Sixtinische Madonna zu betrachten. Vor diesem großartigen Werk verweilte er lange Zeit.“
Inmitten der Finsternis suchte er Schönheit.
Das Gegenteil der Schönheit war für ihn nicht Hässlichkeit, sondern die Verzweckung anderer Menschen, die sie ihrer Würde beraubt. Schönheit ist deshalb mehr als Ästhetik, sie hat eine religiöse Dimension.
Gott hat die Welt so schön eingerichtet. Grund zur Hoffnung. Einer mehr.
Schönheit kann retten. Auf Kreta, beim Ikonenschreiben hab ich das erlebt - tiefen Frieden. Der Haut-Couture-Reporter hat es auch erlebt. Wir spüren es an einem lichten Tag wie diesem. Noch ein Baustein zum gestrigen Fest der Verklärung:
Schönheit erinnert an Würde.

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  Holocaustgedenktag

Holocaustgedenktag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.01.2024

Es hat eine Weile gedauert, um den Holocaustgedenktag fest im Kirchenjahr zu verankern und ihn auch liturgisch in den Blick zu nehmen.
So finden sich Texte, die wir an diesem Tag befragen können - auf das Ungeheuerliche hin, das geschehen ist, auf das gefährliche Vergessen hin und auf die Gegenwart, auf Schuld und Scham, Tränen.
Einer dieser Texte steht im Lukasevangelium; wir begegnen ihm normalerweise in der Passionszeit. Da wird erzählt, wie Jesus Christus ergriffen und abgeführt wurde und Petrus, sein Freund, das von Ferne sieht.
Von Ferne…
Es ist nicht sein Leid, nicht sein Schicksal.
Es ereilt den anderen. Zum Glück nicht mich? Hat es nicht dennoch mit mir zu tun? So mag er sich fragen. Und dann wird erzählt:
„Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof …“
Nicht Besonderes eigentlich - aber heute riecht das Feuer nach Büchern, nach Synagogen, nach Menschen. Gezündelt haben die vielen und Petrus setzt sich dazu, ein Mitläufer, ein Unbeteiligter, einer, der nicht auffallen will.
Das kann einen schaudern und zusammenschrecken lassen.
So aktuell. So dringend.
Auf den Demonstrationen am vergangenen Wochenende gab es Plakate mit dem Text: „Jetzt ist Gelegenheit zu zeigen, was wir in der Situation unserer Großeltern getan hätten.“
Was hätten wir getan?
Wären wir auch ein Petrus gewesen?
Der sitzt da.
Eben noch hat er mit angesehen wie sein Freund abgeholt wurde.
Eben noch ist er auf Distanz gegangen, hat sich rausgehalten - sicherheitshalber.
Da werden die vielen, die anderen auf ihn aufmerksam. Du bist doch auch…?
Du kennst den doch? Du warst doch mit ihm zusammen? Er ist doch dein Freund?
„Nein“ sagt Petrus.
„Nein.“
„Nein.“
Dreimal lügt er.
Dreimal verrät er ihn.
Dreimal traut er sich nicht.
Dann kräht der Hahn. Und Petrus erinnert sich, dass ihm gesagt worden war, dass es genauso kommen würde, dass er nicht den Mut hätte, sich zu widersetzen, beizustehen.
Da weint er.
Erschüttert über sich selbst.
Beschämt.
So kennen wir das.
So fürchten wir, womöglich auch zu versagen.
So tröstet uns, dass die Bibel dieses Scheitern nicht verschweigt.
So überlesen wir den vielleicht wichtigsten Vers:
In dem Moment als der Hahn kräht, „wandte sich Jesus um und sah Petrus an.“
Vielleicht ist das der bitterste Moment, der Augenblick der grenzenlosen Scham.
Vielleicht ist es aber auch der Moment, der erlaubt, weiterzuleben, zu hoffen und darauf vertrauen, dass es anders werden kann.
Die Dichterin Hilde Domin hat diesen Moment erspürt. Sie schreibt:
„Dein Ort ist / wo Augen dich ansehen. / Wo sich Augen treffen / entstehst du.
Von einem Ruf gehalten, / immer die gleiche Stimme, / es scheint nur eine zu geben / mit der alle rufen.
Du fielest, / aber du fällst nicht. / Augen fangen dich auf.
Es gibt dich / weil Augen dich wollen, / dich ansehen und sagen / daß es dich gibt.“

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  Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Werner Busch, Pfarrer - 22.01.2024

Jedem Anfang wohnt nicht nur ein Zauber inne, sondern auch eine Entscheidung. Womit also beginnen? Wie anfangen?
Satirisch-humorvoll staunt ein Clown mit großen Augen und ratlosem Blick. Ein heller Lichtkegel ruht auf ihm, das Publikum beobachtet ihn amüsiert aus dem sicheren, wohligen Dunkel heraus. Beim Zuknöpfen seines bunten Mantels ist am Ende ein Knopf übriggeblieben. Das Publikum lacht über die gespielte Unbeholfenheit. Die Kinder wissen natürlich sofort, woran es liegt. „Der erste Knopf ist falsch!“, rufen sie ihm zu. Er prüft nacheinander jeden Knopf. Jeder ist in einem Knopfloch. Stimmt doch alles. „Nein!“, rufen sie ihm zu. „Der erste stimmt nicht.“ „Wieso?“, fragt er mit unschuldiger Miene zurück. „Der erste Knopf ist doch auch in einem Knopfloch“, sprach´s und zeigte mit großer wilder Geste stolz die Stelle des Mantels in der ganzen Manege herum. Er versteht nicht. „Passt doch ins Knopfloch“, antwortet er mit dem empörten Gesichtsausdruck von jemandem, der rein gar nichts falsch gemacht hat. Dann merkt er, dass neben dem übriggebliebenen Knopf oben am Kragen ganz unten am Saum ein leeres Knopfloch auf sein Pendant wartet. Er hat verstanden, schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn und ruft erleichtert: „Natürlich!“ Jetzt geht wird es wild. Er biegt sich und dehnt sich, verknotet seine Arme, unter den Beinen durch, um den Hals herum. Fast verschwindet er ganz in dem übergroßen Mantel. Das muss doch zu schaffen sein! Er strengt sich an und wischt sich mit schwungvoller Armbewegung den imaginierten triefenden Schweiß von der Stirn. Dann krempelt er die Ärmel hoch und sagt im Tonfall der Entschlossenheit: „Das wäre doch gelacht! Die beiden krieg ich schon.“ Alles lacht. Irgendwann ruft eines der Kinder: „Du musst noch mal von vorn anfangen!“ „So´n Quatsch“, erwidert er mit besserwisserischem Gesichtsausdruck und winkt ab. „Sonst stimmt doch alles“, ruft er der Menge zu und zeigt nacheinander auf jeden einzelnen Knopf. „Stimmt. Stimmt. Stimmt. Stimmt auch.“ Die Leute im Dunkel wissen schon längst, wo der Fehler liegt. Langsam wirkt er etwas verzweifelt. „Du musst alles noch mal aufknöpfen“, ruft ein Kind. Zögernd fängt er an. Erst ein Knopf. „Und jetzt? Klappt es jetzt?“ „Nein, alle. Du musst alles nochmal aufknöpfen!“ „Wirklich? Auch den?“ Dann öffnet er den zweiten Knopf. Und so weiter. Es dauert ewig und die Kinder werden schon ganz ungeduldig. Bis er endlich beim letzten, d.h. beim ersten Knopf angekommen ist. Jetzt wird es spannend. Kriegt er das hin? Unter lautem Rufen und „Nein!“ und „Ja!“ und „Halt!“ der Kinder schafft er es, den ersten Knopf ins richtige, also ebenfalls erste Knopfloch zu bugsieren. Endlich!
Sein Gesicht hellt sich auf. Sein Zeigefinger schnellt in die Höhe, die Augenbrauen hoch und ein lautes „Aaah!“ ist von ihm zu hören. Mühsam aber mit Begeisterung knüpft er nun nach und nach jeden Knopf ins richtige Knopfloch. Unter tosendem Beifall streckt er wie ein Weltstar beide Arme in Luft, stolzgeschwellte Brust und ein freudiges Lachen sitzt breit auf seinem geschminkten Gesicht. Er hat´s geschafft und hat kapiert: Der Anfang war falsch.
Womit beginnen? Wie anfangen? Jedem Anfang wohnt nicht nur ein Zauber inne, sondern auch eine Entscheidung. Mindestens eine.
Seinen bedeutendsten Brief hat der Apostel Paulus an die Christen in Rom geschrieben. Nach einer ausführlichen Selbstvorstellung beginnt er mit dem eigentlichen Brief. Ich sehe ihn vor mir. Da sitzt er an einem Tisch voller sauberer Papyrusrollen mit einem Stylus in der Hand. Er hält inne, die mit Tinte getränkte Spitze setzt auf der Papyrusrolle auf. Er stockt. Womit beginnen? Wie anfangen?
Dann, langsam, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort fließt es aufs die feine Faser:
„Zuerst.“ Schreibt er. Und schaut sich das Wort an. „Zuerst einmal“, so geht es weiter. Man merkt, er sucht die Fortsetzung dieses Anfangs. Wie und womit knöpfe ich den ersten Knopf? „Zuerst einmal … danke ich.“
Der Ton ist gesetzt. Eine Stimmung kommt auf. Ein Gefühl erwacht. Der Anfang ist gemacht. „Zuerst danke ich meinem Gott.“
Im Verlauf des Briefes kommt allerhand Verschiedenes zur Sprache. Es ist ein ernster Brief. Vom Zorn wird die Rede sein, sogar vom Zorn Gottes. Von der Schlechtigkeit der Menschen wird erschreiben, ausführlich. Von Liebe, vom Glauben, von der Freiheit wird er jubeln, und der Hoffnung einen Siegeston geben. Aber ganz vorne, als erstes, steht ein besonderes Gefühl. Für manche Menschen ist es eine seltene Emotion.
Dieses Gefühl ist grundlegend wie die Grundstimmung eines Klaviers oder einer neuen Orgel. Wenn die Grundstimmung stimmt, dann kann das Instrument alle Emotionen zum Klingen bringen. Dur und Moll. Freude und Trauer. Harmonien und Dissonanzen, Glück und Verzweiflung – alles ist spielbar, wenn der richtige Anfang gemacht ist.
Diesen Anfang setzt Paulus in seinem größten und wichtigsten Brief mit diesen Worten: „Zuerst einmal danke ich meinem Gott für euch alle.“ (Römer 1,8)
Es gibt sicher vieles, wofür er hätte dankbar sein können. Die Versorgung auf seinen turbulenten Reisen. Die Erfolge seiner Predigttätigkeit. Die Bildung, die er als junger Mann in seiner Heimatstadt Tarsus genossen hatte. Sie hat ihm eine große geistige Beweglichkeit und kulturelle Offenheit ermöglicht. Es gibt so vieles, wofür auch wir danken können. Dinge. Umstände. Erfahrungen und manches Gelingen.
Aber Achtung: Auf den richtigen Anfang kommt es an!
Also wählt Paulus die Worte mit Bedacht und legt sich schließlich fest.
„Zuerst einmal danke ich meinem Gott für euch alle.“
Am Anfang steht der Dank für Menschen.
Ein neues Jahr hat begonnen. Noch ganz frisch und unverbraucht liegt es vor uns. Wohin geht der Blick? Worauf sich freuen? Wovor sich fürchten? Und an wen das alles adressieren? In diesem Anfang stecken gleich mehrere Entscheidungen.
Wie beginnen Sie dieses Jahr? Mit welchen Entscheidungen setzen Sie Ihre Anfänge, liebe Braunschweigerinnen und Braunschweiger?

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  Klare Kante – in Jesu Namen!

Klare Kante – in Jesu Namen!

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.01.2024

Wikipedia lehrt uns, dass es Waschhilfsmittel sind, die den bei trockener Wäsche auftretenden Effekt der Trockenstarre unterbinden sollen. Ich rede von Weichspülern, die uns kuschelige Handtücher aber auch den Frühling, eine Meeresbrise oder einen Rosengarten in unsere Kleiderschränke zaubern. Nicht jeder verwendet sie. Meine Empfehlung: Bilden Sie sich ihr eigenes Urteil.
Weichspüler findet man nicht nur in der Nähe der heimischen Waschmaschine. Es gibt sie auch in unserer Sprache und ich gebe zu: Ich verwende sie in dem, was ich sage, auch immer mal wieder. Da tauchen Worte auf wie: eigentlich, bisweilen oder ein Stückweit. Sie machen aus harten Aussagen Angebote und geben den Zuhörenden die Freiheit, sie anzunehmen oder liegenzulassen.
„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ Diese klare Ansage stammt von Jesus Christus höchstpersönlich. Im konkreten Zusammenhang geht es um das Schwören, von dem Jesus nichts hält. Er legt uns vielmehr ans Herz, unseren Standpunkt klar und unmissverständlich kundzutun. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Da ist kein Platz mehr für Weichspüler.
In den letzten Tagen ist in unserem Land etwas in Bewegung gekommen. In vielen Städten gehen Menschen auf die Straße, um gegen die faschistische Ideologie der AfD und ihrer Sympathisanten und für die Sicherung und Bewahrung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung zu demonstrieren. Heute um 14:00 Uhr treffen sich in unserer Stadt vor dem Schloss Menschen, die dieses Anliegen teilen. Auch wir als Kirche rufen zur Teilnahme auf und das muss auch so sein. Unser Landesbischof Dr. Meyns und Propst Dedekind werden dabei sein und Flagge zeigen und hoffentlich viele, viele weitere Christinnen und Christen auch.
Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Wenn es um die menschenverachtenden Positionen der AfD, der Werteunion und sonstiger in ihrer Gefolgschaft befindlichen Gruppierungen geht, dann ist diese von Jesus geforderte klare Kante die einzig mögliche Antwort – auch und gerade für Christenmenschen. Jegliche Form von Diskriminierung und Unterdrückung ist mit dem, was Jesus uns vorlebt nicht in Einklang zu bringen, und wenn die Weichspüler auch noch so stark sind. Er ermahnt uns: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan. Das gilt sehr konkret auch für die Menschen, die nach den kruden Ideen der AfD-Leute millionenfach aus unserem Land vertreiben werden sollen. In jedem einzelnen, dem Hass und Verachtung entgegenschlagen, begegnet uns Jesus Christus.
Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Und wer immer noch sagt: Ich wähle die doch nur, weil ich den anderen mal einen Denkzettel verpassen will, der hat nicht verstanden, was mittlerweile auf dem Spiel steht. Wer so wählt, öffnet Faschisten Tor und Tür und legt so mittelbar auch die Hand an die Wurzeln unserer Demokratie und unserer Freiheit.
Jesus hat sich eingemischt, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohten. Ich bin fest davon überzeugt, dass er das auch von uns erwartet. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Heute Nachmittag um 14:00 Uhr vor dem Schloss – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Gib mir, so viel ich brauche.

Gib mir, so viel ich brauche.

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.01.2024

„Bescheidenheit, Bescheidenheit, verlass mich nicht bei Tische und hilf, dass ich zur rechten Zeit das größte Stück erwische.“ Den Spruch kennen Sie auch, oder? Ja, es gibt einiges zu erleben, wenn man sich in die berühmte Schlacht am kalten Buffet begibt, von der Reinhard Mey so treffend singt und wo sich – Auge um Auge, Aspik um Gelee – zeigt, wer kämpfen kann.
Und dennoch bleibt immer so einiges übrig, bei den kalten Buffets genauso wie in den heimischen Töpfen und Kühlschränken. Und irgendwann ist es dann verdorben oder man ist ihm überdrüssig und es landet im Müll. Allein in den Privathaushalten in unserem Land werden jährlich etwa sieben Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, das ist nicht weit weg von zwei Zentnern pro Kopf.
Über dem heutigen Tag heißt es aus dem Buch der Sprüche Salomos: „Gib mir weder Armut noch Reichtum, gib mir zu essen, soviel ich brauche.“ Auf den ersten Blick herrscht in unserem Land an Nahrung kein Mangel. Die Regale in den Supermärkten sind gut gefüllt. Und dennoch sind bei uns zwei Millionen Menschen darauf angewiesen, Lebensmittel von der Tafel zu beziehen. Damit lässt sich der Hunger bekämpfen, der Hunger nach Nahrung.
Doch es gibt so viel mehr, was unser Leben ausmacht. Wir gehen gern mal mit Freunden aus, gönnen uns einen Abend im Kino oder im Theater, fahren in den Urlaub, laden Menschen zu uns nach Hause ein. Auch von alledem sind viele in unserer Gesellschaft ausgeschlossen, weil es finanziell einfach nicht geht.
Salomo will weder Armut noch Reichtum. In unserem Land gibt es beides und die Schere dazwischen geht immer weiter auf. Sieben Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel auf der einen und zwei Millionen Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, auf der anderen Seite sind ein Abbild dieser Entwicklung, die uns als Christinnen und Christen nicht zufriedenstellen kann.
Es gibt Instrumente, dem entgegenzuwirken. Wir können Geld spenden oder auch Zeit, in dem wir uns ehrenamtlich einbringen. Wir können mithelfen, von Armut betroffene Menschen aus ihrer oftmals damit verbundenen Einsamkeit herauszuholen und wir können darauf achten, dass wir im Sinne Salomos tatsächlich nur so viel zu essen haben, wie wir auch wirklich brauchen. Und über all das in einer ruhigen Minute mal nachzudenken, wäre ein erster Schritt. Amen.

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  Kannst du dir das merken?

Kannst du dir das merken?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2024

Der S. Fischer–Verlag hat ein Buch herausgegeben: „Worte in finsteren Zeiten“. Hintendrauf steht: „Viele Menschen haben seit dem Krieg in der Ukraine und dem Überfall der Hamas auf Israel das Gefühl, keine Worte mehr zu haben für die Welt – für die Gewalt, die Trauer, die Angst, die Ungewissheit.“ Darum wurde nach Worten gesucht, gibt es jetzt eine Anthologie mit Zitaten, Gedichten, Kurzgeschichten mehr. Dieser unserer Zeit, dem Winter 2023 / 2024, gewidmet.
Naturgemäß sind das Texte mit längerer Haltbarkeit. Aber das ändert nichts daran, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kommen, weil es wohltuend ist, die Erfahrung der Sprachlosigkeit zu teilen. Es ist ja nicht nur eine Frage des Schreckens, der einem die Wörter im Halse steckenbleiben lässt; auch die Suche nach geeigneten Formulierungen wird erschwert durch Diskurse, die das Reden verkomplizieren.
Was darf ich sagen und was nicht.
Welche Wortwahl triggert die Debatte und wohin?
So gerät man ins Schweigen und das ist vermutlich im Moment weder Gold noch Silber.
Wir aber zehren von Worten.
Wir hängen am Tropf des Evangeliums.
Wir üben das Hören.
Und das Hoffen.
„Am Anfang war das Wort.“
So steht es im Johannesevangelium.
Vor allem anderen. Worte schaffen Wirklichkeit. Helfen sie auch zu widerstehen?
Im oben erwähnten Buch findet Zsuzsa Bank ihre Wörter für unsere Gegenwart bei Karl Ove Knausgard: „Manchmal tut es weh zu leben, aber es gibt immer etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Meinst du, du kannst dir das merken?“
Da klingt etwas von weit her – vielleicht aus der Kindheit:
So heißen wir. So heißt deine Straße. Meinst du, du kannst dir das merken?
Es ist doch ganz einfach und zugleich so unhinterfragbar:
Das bist du. Dort wohnst Du. Irgendwas geht immer.
Meinst du, du kannst dir das merken?
Aber ja doch, will man antworten. Selbstverständlich. Ich bin ja nicht…
Und dann hat man es doch schon wieder vergessen, lässt den Kopf hängen, schaut zu Boden und sieht: „Dort liegt das Kind in der Krippe.“
Unten. Hier. Bei uns.
Vollkommen. Friedlich. Es ist noch ganz im Heilsein. Wir sollen es hüten. Dafür lohnt es sich zu leben.
Kannst Du dir das merken?

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  Zu harte Worte

Zu harte Worte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.01.2024

Über unsere Andachten hier im Dom stelle ich immer wieder die Tageslosung, weil es gut tut, sich von diesen zufällig deutenden Gottesworten begleiten zulassen. Dabei bin ich nicht unparteiisch und hoffe auf Bestärkung und Trost, wenn der Tag das braucht und verstopfe meine Ohren, wenn es anders klingt. Manchmal dröhnt es dann trotzdem weiter und hallt lange nach. So ging es letzte Woche Donnerstag mit einem Wort des bei dem Propheten Jesaja: „Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends.“
Das mag ich nicht hören - nicht angesichts der Not in der Welt, der riesigen Ungerechtigkeit, der Gewalt, des Hungers und auch nicht mit Blick auf das konkrete Unglück neben mir.
Überhaupt ist das eine Tonart Gottes, die wir gerne überhören.
Der gute, der liebe Gott würde wohl nicht sagen: „Siehe, ich habe dich geläutert, aber nicht wie Silber, sondern ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Um meinetwillen, ja, um meinetwillen will ich’s tun, dass ich nicht gelästert werde; denn ich will meine Ehre keinem andern lassen.“
Der hier spricht, geht nicht vorsichtig mit seinen Menschen um.
Der hier spricht scheint die Ursache betäubender Schmerzen, quälender Leere, verzehrender Angst zu kennen, vielleicht sogar zu sein. Er prüft und läutert uns.
Wofür???
Was kann man nicht anders erreichen als auf die harte Tour?
Oder geht es dabei gar nicht um uns? Geht es um ihn?
Der hier spricht, dem ist es offensichtlich nicht egal ob er uns wichtig ist, ob wir ihm die Ehre geben, ob wir mit ihm rechnen, uns auf ihn verlassen.
Der hier spricht, hat längst Spuren in unserem Leben hinterlassen, er hat uns gedacht, vollkommen, menschlich, liebenswürdig im Wortsinn und er erlebt, was er seinen Propheten ein paar Verse vorher ausrichten lässt: „Weil ich weiß, dass du hart bist und dein Nacken eine eiserne Sehne ist und deine Stirn ehern…“
Sind wir das wirklich? Unbelehrbar und uneinsichtig, starrköpfig, nicht zu erweichen? Ist das Gottes letztes Wort über uns?
Ich glaube das nicht.
Das ist nicht meine Erfahrung - schon gar nicht im Lichte des Sterns von Bethlehem, schon gar nicht in physischer Nähe zur Krippe.
So sitze ich vor meinem blauen Losungsheft und frag mich, wer um Himmels Willen diesen Vers nicht aussortiert hat?
Und denke mir: es war jemand, der wollte,
dass wir es uns nicht zu leicht machen, dass wir bei der Wahrheit bleiben und den Zumutungen des Glaubens nicht aus dem Weg gehen.
dass wir nicht schon Mitte Januar vergessen, was für ein unbegreifliches herzerweichendes Wunder zu Weihnachten geschehen ist,
dass wir daran denken in den Härten unserer Zeit.

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  Den Himmel nicht überhören

Den Himmel nicht überhören

Henning Böger, Pfarrer - 16.01.2024

Es gab einen Tag, der sein ganzes Leben verändert hat. Sieben Jahre sei das nun her, erzählt er: „Ich war 34 Jahre alt und wog 140 Kilo. Ich hatte starke Schmerzen und ging zum Arzt. Der schickte mich ins Krankenhaus. Dort stellten sie fest, dass ich Krebs hatte.“ Dann geschah, was geschehen musste: Bestrahlung, Chemotherapie und Operation - alles mit guter Prognose. „Schließlich sagten die Ärzte, ich sei geheilt, aber ich war auf eine seltsame Weise hoffnungslos. Meine Seele war so schwer wie mein Körper.“
Und dann kam der Tag, der alles veränderte. „Ich lag auf dem Sofa, als meine Mutter von der Arbeit kam“, erzählt er: „Sie packte ihre Tasche aus, zog sich um und kam in mein Zimmer und sagte: ‚So kann das nicht weitergehen. Los, wir gehen jetzt spazieren!‘ Das taten wir. Fünfzehn Minuten, mehr schaffte ich nicht. Und am nächsten Tag wieder. Ein paar Tage hintereinander. Und auf einmal, nach einer Woche vielleicht, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Und ging von selbst nach draußen. Erst dreißig Minuten, dann vierzig, dann trabte ich ein bisschen, dann joggte ich. Und immer so weiter. Na ja, was soll ich sagen: Heute wiege ich 71 Kilo, laufe Halbmarathon und meine kleine Tochter feuert mich an.“
Als er seine Geschichte erzählt, strahlt er. So richtig glauben kann er das alles auch nach sieben Jahren nicht. Nach den ersten Spaziergängen habe er auf einmal Hoffnung gehabt, sagt er. Sie war ganz klein, aber sie war da und wuchs mit jedem Schritt. So als habe ihm jemand gesagt: „Du kannst das!“ „Und irgendwann, beim Laufen, habe ich mir überlegt, wer oder was das denn war mit diesem ‚Du kannst das!‘ Und heute, sieben Jahre später, denke ich, dass der Himmel mich irgendwie nicht alleine gelassen hat. Ich habe ihn nur lange nicht gehört.“
Mir gefällt dieses Bild vom Himmel, den wir Menschen nicht überhören sollen, der uns nicht nur aufs Gemüt drücken muss, sondern manchmal auch leicht und weit werden kann, um dann tief in Kopf und Herz hineinzureichen.
Dieser Himmel ist ein Bild für Gottes Güte, weiß die Bibel: Seine Weite will in dich hinein, sieht mehr als nur deine Grenzen, bringt dich in Bewegung, setzt dich auf eine neue Spur - und du merkst: „Da geht doch mehr. Du kannst das!“ Es tut gut, wenn wir diesen Himmel nicht überhören.
„Los, wir gehen jetzt spazieren!“, hat seine Mutter damals gesagt, aber irgendwie doch auch der Himmel. Nun, wer kann und will das schon so genau auseinanderhalten.

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  Wir brauchen mehr Verrückte!

Wir brauchen mehr Verrückte!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.01.2024

Der Evangelist Markus berichtet, wie Jesus aus der großen Gruppe seiner Anhängerinnen und Anhänger die zwölf Jünger auswählt. Sie sollen bei ihm bleiben, Vollmacht haben, das Evangelium zu verkündigen und zu heilen. Wir erfahren, dass all das offenbar eine große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, denn Jesus und seine Jünger finden kaum Zeit und Ruhe, um sich wenigstens einmal zum Essen zurückzuziehen, denn die Menschen folgen ihnen in großer Zahl überall hin.
Auch Jesu Familie erfährt davon. Seine Verwandten sind voller Sorge. Sie machen sich auf den Weg, um Jesus mit Gewalt wegzubringen und sie sagen ganz unverhohlen: Er ist verrückt! Dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilet war, wissen wir. Und wir wissen ebenfalls, dass auch alle weiteren und alle zukünftigen Versuche, dies zu tun, keinen Erfolg haben werden. Jesus lässt sich nicht wegbringen aus dieser Welt und mit Gewalt erst recht nicht.
Wie oft haben Menschen schon versucht, Jesus zu begraben? Schon beim ersten Mal in Jerusalem hat es nicht funktioniert. Und in den seitdem vergangenen 2000 Jahren gab es unzählige Versuche, ihn und seine Botschaft ein für alle Mal zu beerdigen. Doch beides ist einfach nicht tot zu kriegen, noch nicht einmal durch das mitunter hanebüchene Verhalten der Kirche.
„Er ist verrückt!“ So lautet der Vorwurf, den Jesu Familie gegen ihn erhebt. Ich finde diese Meinung durchaus nachvollziehbar. Denn was hat Jesus unter anderem so gesagt: „Liebt eure Feinde. Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst. Wer an mich glaubt, wird leben, selbst wenn er stirbt. Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Kann ein normaler Mensch so etwas ernstmeinen?
Wenn wir als „normal“ das bewerten, was dem Denken, Reden und Handeln der meisten Menschen entspricht, dann kommen wir sehr schnell zu dem Schluss, dass Jesu Positionen tatsächlich verrückt sind. Die Frage ist nur: Sind sie deshalb verwerflich oder sind diese verrückten Haltungen nicht möglicherweise ein Ausweg aus unseren von Sachzwängen geformten Sackgassen?
Ich behaupte: Wir brauchen mehr verrückte Christinnen und Christen, um etwas in Bewegung zu setzen. Wir brauchen mehr Verrückte, die daran glauben und sich dafür einsetzen, dass es wieder besser werden kann in dieser Welt, dass es nicht die Populisten, Autokraten und Diktatoren sind, die das Wohlergehen der gesamten Menschheit aufs Spiel setzen, sondern, dass Jesu Botschaft von Demut, Frieden und Liebe eine echte Chance erhält.
Wir brauchen mehr von solchen Verrückten. Und Jesus lädt uns alle ein, dazuzugehören. Amen.

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  Schatten im Marmeladenglas

Schatten im Marmeladenglas

Lisa koch-Wehe, Vikarin - 13.01.2024

Sie hatten das Fenster weit aufgemacht, damit ihnen zum Abschied nochmal der salzige Wind in die Nasen zog. Als ihnen kalt wurde, rückten sie einfach näher zusammen.
‚Jetzt müsste die Zeit stehenbleiben’, sagte Trude leise. ‚So für eine Woche ungefähr.’
Frieda nickte. ‚Wisst ihr, was ich mir manchmal vorstelle? Dass man so eine schöne Zeit einfach in ein Marmeladenglas stecken könnte. Und wenn man unglücklich ist, dreht man einfach den Deckel auf und schnuppert ein bisschen daran.’
Goldene, duftende Marmeladenglasmomente. Cornelia Funke beschreibt so einen in ihrem Buch „Die Wilden Hühner auf Klassenfahrt“.
Zeit im Marmeladenglas. „Alles hat seine Zeit“ (Koh 3,1) sagt der Prediger Kohelet. Vielleicht sammeln sich alle Momente aus dem Strudel unserer Zeit in so einem Marmeladenglas. Die großen und die kleinen, goldenen und die tiefschwarzen. Ein Glas voller Zeitkonfetti.
Neues Jahr, neues Marmeladenglas. Und in diesem Jahr steht auf dem Etikett: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (1Kor 16,14) Wenn ich mir mein Marmeladenglas vorstelle, dann sind da jetzt schon einige von den liebevollen kleinen Goldmomenten drin gelandet. Als feiner Glitzerstaub und zartes Seidenpapier.
Aber diese Woche haben sich große schwarze Fetzen und schwere dunkle Steine aus Wut und Angst über die kleinen Goldmomente in meinem Zeitkonfetti gelegt: Am Mittwoch titelte das Recherchekollektiv Correctiv: „Neue Rechte. Geheimplan gegen Deutschland.“ Konkrete Ideen und viel Geld für die Vertreibung von Menschen, die Aushöhlung des demokratischen Rechtsstaates und Propaganda für menschenfeindliche Ideologien. Wenig überraschend in der Sache, aber so deutlich vor Augen, wie ich es kaum wahrhaben möchte. Mitten hinein in mein Marmeladenglas, in dem doch alles in Liebe geschehen sollte. In dem ich das Glitzern, die Goldmomente und die Hoffnung auf Frieden finden wollte.
Aber vielleicht geschieht auch das in Liebe: Ich bin wütend, weil ich liebe. Und weil ich an einen Gott glaube, der das Leben liebt und in Liebe Mensch geworden ist. Als Friedefürst für alle. In der Krippe. In der Fremde. Dann vertrieben von einem, der das Leben verachtet.
Und ich habe Angst: Dass Fantasien aus diesem Hotel in Potsdam kurz davor sind, bittere Realität zu werden. In der Zukunft unserer Marmeladengläser: Vertreibung durch Gewalt. Von allen, die nicht reinpassen in eine menschenverachtende Ideologie. Mit legalen Mitteln, weil die Demokratie Schlupflöcher geboten hat. Weil wir diesem liebesleeren Wahnsinn die Politik und alles davor überlassen haben. Weil wir nichts getan haben. Weil „nie wieder“ schon jetzt ist.
Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Dass Gott gerade jetzt noch eine Erinnerung als Untertitel auf das Etikett unserer Marmeladengläser für dieses Jahr schreibt: Jetzt ist die Zeit! Die Zeit etwas zu tun. In Liebe. Das Zeitkonfetti nutzen, das uns geschenkt wird und es mitgestalten, so gut wir können. Den Schatten nicht die Macht überlassen.
„Seid wachsam, haltet am Glauben fest, seid mutig und stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!“ (1Kor 16,13-14) schreibt Paulus an Gemeinde in Korinth und als Erinnerung auf unsere Marmeladengläser.
„Als ihnen kalt wurde, rückten sie einfach näher zusammen“. So machen es die wilden Hühner in ihrem Marmeladenglasmoment. Wenn wir irgendetwas tun können gegen dieses dunkle, kalte, schwere Zeitkonfetti und für echte Goldmomente, dann vielleicht das: Näher zusammenrücken. Uns versammeln unter der Liebe Gottes. Etwas tun und einstehen für unseren Glauben an einen Gott, der Leben schenkt und an Jesus Christus, der immer für die einstand, die unterdrückt wurden und denen Andere ihr Recht auf Leben und Liebe absprechen wollten. Der selbst verfolgt und getötet wurde. Und für uns den Tod besiegt hat und als Hoffnung auf Leben und Liebe wieder auferstanden ist. Durch alle Zeiten.
Amen.

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  Der Geist Gottes

Der Geist Gottes

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.01.2024

Über dieser Woche heißt es aus dem Römerbrief: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Welcher Geist treibt Sie? Schauen Sie begeistert in die Zukunft an diesem 12. Januar, weil 2024 noch jung und so voller neuer Möglichkeiten ist? Oder sind Sie eher entgeistert angesichts der wenig rosigen Aussichten? Vielleicht fehlen uns zur Lösung so mancher Probleme geistreiche Ideen? Doch manche Geister, die wir hierzu herbeirufen, können auch böse sein und man wird sie nicht mehr los. Das wusste schon Johann Wolfgang Goethes Zauberlehrling.
Diese Befürchtung brauchen wir nun bei Gottes Geist sicher nicht zu haben, ganz im Gegenteil. Gottes Geist, den wir auch den Heiligen nennen, ist ein guter. Er ist es, der uns hilft, so miteinander zu leben, wie es Gottes Plan entspricht: in Liebe, in gegenseitigem Respekt, in selbstbewusster Toleranz. Gottes Geist hilft uns, im positiven Sinne demütig zu sein, zu erkennen, wie viel Geschenktes unser Leben ausmacht und wie wenig wir im Vergleich dazu selbst auf die Beide stellen können. Gottes Geist öffnet uns die Augen für unsere eigene Begrenztheit in Raum und Zeit, doch er hilft uns genauso, diese Begrenztheit freundlich anzunehmen. Und so befreit uns dieser Geist von der Last, uns vor Gott durch irgendwelche vermeintlichen Heldentaten einen Namen machen zu müssen. Denn wir sind bereits im Buch des Lebens mit unserem Namen eingeschrieben. Das genügt.
Jene, die von Gottes Geist getrieben sind, sehen im Gegenüber den Menschen, der von Gott zu seinem Ebenbild geschaffen wurde, so, wie Sie und ich. Und so, wie wir Gottes Gegenwart in vielfältiger Weise erleben können, so sind auch wir Menschen vielfältig – in Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion, Geschlecht und Weltanschauung. Das bereichert unser aller Leben und macht die Welt bunt.
Doch es gibt Menschen, die meinen, sie und ihresgleichen wären wertvoller als andere. Und jene, die nicht in dieses verschrobene und verschwurbelte Weltbild passen, die müssen dann eben weg. Und dann trifft man sich in geheimen Zirkeln und schmiedet Ausweisungs- und Abschiebepläne, um Menschen millionenfach aus unserem Land zu deportieren. In diesen geheimen Zirkeln sitzen auch Landtags- und Bundestagsabgeordnete. Und man möchte ein Stoßgebet zum Himmel schicken und rufen: „Herr, lass Hirn regnen auf jene, die diese Leute noch immer in unsere Parlamente wählen wollen!“
Man sagt ja so flapsig, dass niemand überflüssig ist, weil er immer noch als schlechtes Beispiel dienen könne. Die Kreise, die solche faschistoiden Pläne entwickeln, sind für mich ein Beispiel dafür, wie es ist, wenn Menschen gerade nicht von Gottes Geist getrieben sind. Dann entstehen solche menschenverachtenden Szenarien. Wir sollten die Kraft des Heiligen Geistes nutzen, dazu laut und deutlich Nein zu sagen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Seid beharrlich!

Seid beharrlich!

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.01.2024

Was machen denn Ihre guten Vorsätze für 2024? Hatten Sie welche oder haben Sie, so wie ich, darauf verzichtet, sich etwas für das neue Jahr ins Pflichtenheft zu schreiben? So ein Jahreswechsel ist ein gern gewählter Zeitpunkt, um sich selbst zu sagen: Ab morgen wird das anders! Und wir haben ja glücklicherweise auch die Möglichkeit, uns zu verändern, schlechte Verhaltensweisen zurückzufahren und gute zu verstärken. Doch es gibt Grenzen.
In der Psychologie kennt man die sogenannten „Big Five“. Es sind die Wesensmerkmale, die uns in die Wiege gelegt wurden und die wir tatsächlich nur begrenzt verändern können, nämlich: unsere Offenheit, unsere Gewissenhaftigkeit, unsere Extraversion, unsere Verträglichkeit und unser Neurotizismus, also die Art und Weise, wie wir mit negativen Emotionen umgehen. Wir sind in diesen fünf Punkten ziemlich unbeweglich und aus einem eher verschlossen Charakter einen offenen zu machen, kostet permanente Anstrengung.
So ist es auch mit der Extraversion, also der Frage, ob wir eher extrovertiert oder introvertiert sind. Da ist auf der einen Seite der Springinsfeld, der Partylöwe und Alleinunterhalter, der bei jeder Zusammenkunft in der ersten Reihe steht und auf der anderen Seite der Stille, der Zurückhaltende, das Mauerblümchen, das seine Pracht eher im Verborgenen zeigt.
Diese Wesensart trägt sich durch alle Lebenssituationen. Eine Ausnahme bildet dabei unsere Religiosität. Denn bei diesem Thema werden selbst die Lautesten oftmals leise und verbergen ihre Frömmigkeit und ihren Glauben gern mal im Privaten. Das kann man so machen, doch es ist beinahe etwas egoistisch.
Ich empfinde meinen Glauben als ein großes Geschenk, das maßgeblich zu meiner guten Lebensqualität und Lebensfreude beiträgt. Das wünsche ich anderen auch. Natürlich wissen wir alle, dass man Glauben nicht kaufen, nicht erarbeiten oder verdienen kann. Er wird verschenkt und zwar von Gott höchstpersönlich. Doch ich denke, dass wir unsere Mitmenschen dafür sensibilisieren können, wenn wir von unserem Glauben erzählen. Denn eine gewisse Wachsamkeit und Offenheit für dieses Geschenk ist durchaus hilfreich, damit man nicht achtlos daran vorbeiläuft.
Eine solche Zugewandtheit steht uns übrigens auch in Richtung auf unseren Gott gut zu Gesicht. Über dem heutigen Tag heißt es aus dem Kolosserbrief: „Seid beharrlich im Gebet!“ Das ist die andere Seite der Medaille. Insbesondere gegenüber Gott müssen und sollen wir aus unserem Herzen keine Mördergrube machen. Er weiß ohnehin, wie es in uns aussieht und was in uns vorgeht. Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass ein Gebet, in dem man sich auch mal so richtig Luft machen darf, eine große Entlastung bringen kann.
Gott ist auch darauf vorbereitet und lädt uns in seinem Sohn dazu ein: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Auf geht’s! Amen.

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  Emckes roter Fingernagel

Emckes roter Fingernagel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.01.2024

Vor einigen Jahren kamen wir nach einem Familienfest nach Hause und fanden unser Haus chaotisch durchwühlt vor. Dieser Einbruch hat – jedenfalls bei unserer Tochter – das Gefühl zu Haus sicher und geborgen zu sein, nachhaltig gestört. Ohne ein klares Bild der Einbrecher mutierten die Täter zum Bösen an sich, vor dem unser Leben nicht sicher ist.
Die Polizei kam, wir haben aufgeräumt, die Versicherung hat gezahlt (jedenfalls für alles, was wir in diesem Moment als vermisst erinnerten); der Schreck hat sich gelegt.
Diese Erfahrungen sind der Anflug einer Ahnung, was den Menschen am 7. Oktober in Israel passierte, ein Anflug – höchstens. Das Zuhause zerstört, Menschen brutal getötet und entführt.
Es sind immer noch weit mehr als hundert Geißeln nicht nach Hause gekommen.
Nur unser Leben hier hat sich weitergedreht.
Nur unser Schreck hat nachgelassen.
Carolin Emcke hatte am 16. Dezember in der Süddeutschen Zeitung geschrieben, dass sie seit einer Woche, also inzwischen seit einem Monat einen roten Fingernagel hat, Ergebnis eines letzten Kontaktes mit einem Mädchen in Gaza. Sie hatten sich versprochen, dass sich Carolin Emcke jeden Tag einen Nagel mit der Farbe lackieren würde, die das Mädchen sich wünscht und wieder von vorn, wenn alle zehn Finger bemalt sind, bis sie sich wiedersehen.
Aber es kam kein Farbwunsch mehr.
Der eine lackierte Nagel wurde zur schmerzhaften Erinnerung.
Ja nicht vergessen und daran gewöhnen – Schreck, der nicht nachlässt, Sorge, die nicht beruhigt wird und innerer Bilder des Bösen, die sich jeder Kontrolle entziehen.
Ich weiß nicht, wie das ausgegangen ist.
Ich weiß, dass Weihnachtsfrieden nicht bedeutet, dass alles wieder gut ist– sondern im Gegenteil: es kann nicht gut werden so lange Menschen einander derartige Gewalt antun, solange Hass Fakten schafft.
Ich weiß nicht, ob es je ein Mensch, der hasst, zur Krippe geschafft hat.
Aber wir, die wir dort waren und angebetet haben, wir sollten das unbedingt weiter tun.
Bis endlich die Geißeln nach Haus können, bis sich endlich um all die wunden Leiber und Seelen gekümmert werden kann, bis endlich keine jungen ukrainischen Männer mit einem Arm hinter mir an der Supermarktkasse stehen und die Bewohner am Domplatz 5 da sind, weil sie as wollen, nicht weil sie nicht mehr nach Hause können.
So ist das Abendgebet für mich ein roter Fingernagel.
Gut, dass wir es haben.

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  Herr Schnepp sagt merci

Herr Schnepp sagt merci

Henning Böger, Pfarrer - 09.01.2024

Viele Menschen lesen und lieben ihre Kolumnen. Darum hat die Schriftstellerin Mariana Leky ihre Texte zu einem kleinen Büchlein zusammengefasst: „Kummer aller Art“ ist sein Titel und es erzählt von Menschen, die alle auf ihre eigene, manchmal etwas skurrile Art versuchen, in dieser Welt zu bestehen. Dabei plagen sie allerlei Ängste und Nöte, Liebeskummer und Melancholie, Zwänge und Sorgen; Kummer aller Art eben.
Das Entscheidende aber ist, dass die von Mariana Leky beschriebenen Menschen allem, was ihr Leben zuweilen schwer macht, nicht allein ausgeliefert sind, sondern einander auf eine anrührend menschliche Art helfen, so dass ihr Kummer Teil des Lebensalltags sein kann.
Einmal, so erzählt Mariana Leky, beobachtet sie ihren Nachbarn Herrn Schnepp, genannt Schneppi, in einer sehr langen Schlange an der Supermarktkasse. Alle stehen im zweiten Jahr der Coronapandemie auf Abstand zueinander und es geht nur langsam voran. Und dann sieht sie, wie Herr Schnepp nach dem Bezahlen etwas umständlich die gerade erworbene Schachtel Merci-Schokolade unter der Plastikplane hindurch schiebt, die den Kassierer schützen soll: „‚Die ist für Sie‘, sagt Herr Schnepp leise. Er wird rot, als er das sagt, er nuschelt: ‚Weil Sie hier sitzen und das machen.‘“
Es ist nur eine kleine, freundliche Geste, aber eine, durch die diese Welt weit werden kann! „Alle, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ So sagt es die biblische Losung für dieses noch junge Jahr 2024. Und diese Liebe, die wir einander geschehen lassen sollen, hat viele Gesichter: die Achtsamkeit, das Mitgefühl, die Höflichkeit und Warmherzigkeit im Umgang mit uns und anderen. Diese Liebe ist ein Gottesgeschenk, weiß die Bibel, und als solche ist sie die wunderbarste aller menschlichen Möglichkeiten. Was immer wir tun oder lassen, das soll mit Liebe zu tun haben. Die wir anderen Menschen geben können. Oder die wir gerne selbst erfahren möchten. Bei allem, was geschieht, hoffen wir auch auf Liebe. Dass jemand uns achtet, uns wertschätzt, uns verzeiht - das alles ist Liebe, um die wir uns unter allen Umständen bemühen sollen.
Noch einmal Mariana Leky: „ ‚Tschüss‘, murmelt Herr Schnepp verlegen und möchte schnell verschwinden, fast fällt er vor Hektik in seinen Einkaufswagen. ‚Warten Sie mal‘, sagt der Kassierer und erhebt sich. ‚Vielen Dank für Ihr Geschenk‘, sagt er feierlich. Und weil Händeschütteln undenkbar ist, macht der Kassierer, was üblicherweise buddhistische Mönche tun: Er faltet seine Hände vor der Brust und deutet eine Verneigung an, und Herr Schnepp tut das auch. Höflichkeit, denke ich, und jetzt bin ich dran.“
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. (1. Korinther 16,14)

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  eiserne bande

eiserne bande

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.01.2024

Eines der schönsten Epiphaniaslieder - Jesus ist kommen - hat in der 2. Strophe folgenden Text:
„Jesus ist kommen, nun springen die Bande, / Stricke des Todes, die reißen entzwei. / Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; / er, der Sohn Gottes, der machet recht frei, / bringet zu Ehren aus Sünde und Schande, / Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“
Alle Jahre wieder gesungen und doch nicht gehört.
Aber dieses Jahr erinnert mich diese Strophe an das Märchen vom Eisernen Heinrich.
Ein Prinz war in einen Frosch verwandelt worden und er brauchte die Liebe und den Kuss einer Prinzessin, um in seine Menschengestalt zurück zu finden. Einfach ist das nicht. Mag sich der Frosch auch nah am Ziel gesehen haben, als die goldene Kugel, das Prinzessinnnenlieblingsspielzeug, in seinen Brunnen fällt und die Königstochter alles mögliche verspricht, wenn er sie nur wieder heraufholt - es wir dann doch zäh und mühsam, bis letztlich die Sache, wie es sich für ein Märchen gehört, ein gutes Ende nimmt.
Nach der glücklichen Rückverwandlung gibt es schließlich noch eine Kutschfahrt während der der erlöste Prinz es knallen hört und ruft: „Heinrich, der Wagen bricht!“ Und zur Antwort von seinem Diener hört: „Nein Herr, das ist der Wagen nicht! es ist ein Band von meinem Herzen, das nun befreit von Schmerzen…“
Ein eisernes Band, fest geschmiedet, nicht selbst zu lösen oder gar aufzuschließen.
Diese eiserne Band, das unser Herz vorm Zerreißen schützen soll, wohl dem, der nicht weiß, wie sich das anfühlt. Wer es kennt, der versteht auch von jenem Erleichterungsmoment, wenn die Angst oder Sorge, Trauer oder Kummer, die unser Herz gefährdet haben, nachlassen, manchmal sogar verschwinden- dann und sich das eiserne Band. Es springt auf!
„Heut schleußt er wieder auf die Tür“ klingt es zu Weihnachten.
Ja, das kann Weihnachten sein!
Ungeheuer erleichternd und erlösend.
Niederknien, Herz und Seele in das Licht der Krippe halten,
Endlich weinen können
Und erleben, dass Härte und Kälte sich auflösen.
„Stricke des Todes, die reißen entzwei.“
So singen wir, weil wir singend glauben und verstehen, dass wir nicht mehr gefangen sind in der Finsternis, sondern Gott, die Quelle der Gnaden, die Ursach zum Leben, unter uns Mensch geworden ist.
Da ist. Bleibt.

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  Epiphanias

Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.01.2024

Epiphanias, Fest der heiligen drei Könige.
Alles ist unterwegs zur Krippe, jetzt auch was Rang und Namen hat, Macht und Geld. Deren Weg war offensichtlich weiter – ob sie an den Rand der Gesellschaft mussten? In der Weihnachtsgeschichte kommen die Reichen und Mächtigen vom Rand her zur Mitte.
Sie sind bereit die Knie zu beugen vor diesem Kind, vor der Zukunft, vor der Hoffnung. Bereit, anzubeten.
Womöglich in die Knie zu gehen…?
Wer weiß.
Noch sind wir geblendet von Pomp und Selbstbewusstsein derer, die da kommen und halten innere Distanz. Der Predigttext für Epiphanias verstärkt das: denn hier ist die Rede von der märchenhaften Königin von Saba und dem legendären Salomo.
Die Königin hatte die Kunde vernommen.
Sie hatte von einem weisen überaus erfolgreichen Herrscher gehört, dessen Regentschaft Frieden brachte, Wohlstand und Ansehen. Wahrscheinlich waren diese Nachrichten nicht nur kurz aufgeblobbt – wer sich auf solche Reise macht, ist umgetrieben und unruhig von etwas, das ihn nachhaltig beschäftigt – von Gedanken und Fragen, von Hoffnung oder Sorgen, strategischen Überlegungen, vielleicht sogar Sehnsucht.
Da wird womöglich das Reiseziel überhöht?
Das kann gefährlich werden.
Allzu leicht reist man Hirngespinsten und Luftspiegelungen hinterher, lässt sich von Mutmaßungen und Behauptungen in die Irre führen, erliegt der Gewissheit der eigenen Blase.
Die Königin kennt das Risiko.
Sie kann sich den beeindruckenden Berichten nicht entziehen und will doch ihrem Sog nicht verfallen.
Wer könnte das nicht verstehen!
Wo uns Hoffnung herkommt, worauf wir trauen, woran wir glauben – es hat für uns existentielle Bedeutung, da können wir uns Fakenews nicht erlauben.
Darum überlegt sich die Königin sich Rätselfragen für Salomo.
Sie zweifelt, fragt, glaubt nicht blind.
Und riskiert damit Ablehnung, denn die Vorsicht ist offensichtlich.
Aber ganz im Gegenteil: Salomo antwortet so gut er kann.
Er nimmt diesen Gast ernst.
Und er sieht: diese Königin reist mit Geschenken – sie investiert (vielleicht ohne schmerzhaftes Opfer aber immerhin doch) und erntet Begeisterung, Energie und Freude und im Fortgang der Geschichte auch einige materielle Güter.
Zuletzt stimmt sie ein in ein Loblied für den Gott Salomos an, ein Gloria, ein Gebet. Sie ahnt, was Segen ist, wo Fülle wirklich herkommt.

So mögen auch wir zur Krippe kommen, gleich oder später.
Voller Fragen ob diese Hoffnung trägt.
Voller Zweifel, ob Zukunft, die so verletzlich daher kommt, Wirklichkeit gewinnen und groß werden, Frieden bringen kann.
So mögen wir erfahren, dass Gott, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, uns hört und antwortet.
So mögen wir Hoffnung schöpfen.
Staunend, dankbar, ermutigt.

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  Jahreslosung die Dritte

Jahreslosung die Dritte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.01.2024

Noch stehen Weihnachtsbaum und Krippe und wir denken an der Jahreslosung herum, immer wieder neu und ein bisschen in andere Richtung.
Wie kann es gehen dem Wort „Alles, was ihr tut, lasst in der Liebe geschehen.“?
Die Liebe, so schreibt der Autor an anderer Stelle ist langmütig und freundlich, geduldig, sie erträgt alles.
Und eine Kollegin schreibt, dass die gerade zurückliegenden Feiertage ja eine gute Gelegenheit waren, um festzustellen, dass es mit der Liebe manchmal gar nicht so einfach ist. Langmut und Freundlichkeit, Versöhnlichkeit und Vergebungsbereitschaft, Gerechtigkeit und Wahrheit sind große Worte. Es ist schwer, sie in Verben zu verwandeln, all das zu leben. Und manchmal schaffen wir nur das mit dem Dulden, dem Ertragen.
Der Liebe wegen halten wir allerlei aus.
Das ist ein Glück, denn so haben wir beieinander in aller Unvollkommenheit eine Bank. Das ist ein Problem, denn so blockieren wir uns manchmal, bei der Wahrheit zu bleiben, das Nötige zu tun.
Und so wandelt sich ganz unmerklich das ich zum Wir.
In der Liebe geht es um mehr als Dich und mich.
Sie wird auch mehr, wenn es nicht nur um dich und ich geht.
Und jedenfalls hat sie dann, wenn sie uns alle betrifft mit Glaube und Hoffnung zu tun, denn erzwingen kann Liebe keine.
Darum ist es ein Glück, dass wir die Jahreslosung nicht in der Übersetzung „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ vorfinden. Sie käme wie ein einer der gewaltigen Vorsätze, die man schon nach ein paar Stunden nicht mehr einhalten kann, daher.
Es wäre eine riesige Überforderung.
Wie gut, dass uns Martin Luthers Übersetzung „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen“ gegönnt ist.
Denn das klingt nicht nur sanfter, liebevoller.
Solche Worte vergessen auch nicht, dass es bei der Liebe eben doch immer nur um die Dinge geht, die man gerade nicht machen kann, eben um das, was einfach geschehen muss und was man geschehen lassen muss.
Und jedenfalls zeigt sich schon am 5. Januar, dass es gut tut, befriedet und tröstet, diese Jahreslosung hin und her zu wenden und zu sehen, was dann doch alles in der Liebe geschieht.

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  Liebe ist der einzige Weg!

Liebe ist der einzige Weg!

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.01.2024

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!“ So lautet die Jahreslosung für 2024 und diese Worte stammen von Paulus, der sie an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat. Liebe spielt in der Bibel eine große Rolle. Jesus wird einmal gefragt, was denn das höchste Gebot sei. Und er hat geantwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.“ In diesem Sinne sollen wir unser Leben führen – in Liebe zu Gott, in Liebe zu unseren Mitmenschen und in Liebe zu uns selbst.
Mir fällt auf, dass hier, so wie bei Paulus auch, eine deutliche Aufforderung an uns gerichtet wird. Du sollst den Herrn lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Aber kann man denn Liebe anordnen? Ich finde das schwierig und unser aller Erfahrungen belegen ja auch, dass sich Liebe nicht ein- oder ausschalten lässt wie die Lichter hier am Weihnachtsbaum.
Das wissen Jesus und Paulus natürlich auch und so verstehe ich diese Aufforderung so, dass es den beiden um unsere Haltung geht. Liebe hat so viele Gesichter und so viele Erscheinungsformen. Vielleicht weisen uns Begriffe wie Respekt, Achtung, Verständnis und Wertschätzung in die Richtung eines kleinsten gemeinsamen Nenners für dieses große Wort „Liebe“.
Eine solche liebende Haltung, die davon geprägt ist, kann ich bewusst einnehmen. Sie ist gegenüber Gott anders als gegenüber meinen Mitmenschen. Sie ist gegenüber meinem Lebenspartner anders als gegenüber Ihnen und Euch. Sie ist gegenüber Dritten anders als gegenüber mir selbst. Und doch finde ich in allen diesen Beziehungen die Basisbausteine wieder: Respekt, Achtung, Verständnis und Wertschätzung.
Und nur, um das mal ganz deutlich zu sagen: Liebe bedeutet nicht, allen alles durchgehen zu lassen. Ganz im Gegenteil! Liebe bedeutet, denen beizustehen, die unseren Beistand brauchen. Liebe bedeutet, denen Grenzen aufzuzeigen, die mit ihrem Denken, Reden und Handeln andere in ihrer Würde oder ihrer körperlichen und psychischen Unversehrtheit verletzen oder ihnen sonst Schaden zufügen. Liebe und Gerechtigkeit schließen sich nicht etwa gegenseitig aus. Sie bedingen einander.
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe! Haben wir damit nun endlich die Lösung für alle Probleme dieser Welt gefunden? Martin Luther King hat gesagt: „Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die heilende Kraft der Liebe. Und wenn wir das entdecken, dann werden wir aus dieser alten Welt eine neue machen können. Liebe ist der einzige Weg.“
Ich glaube, er hat recht. Amen.

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  Dreikönigssingen 2024

Dreikönigssingen 2024

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.01.2024

„Gemeinsam für unsere Welt – in Amazonien und weltweit“, so lautet das diesjährige Motto des Dreikönigssingens. Dabei haben die Sternsängerinnen und -Sänger eine Region in den Blick genommen, die zwar auf dem Globus weit von uns entfernt erscheint, die uns tatsächlich aber sehr nahe ist. Der Amazonas verbindet neun südamerikanische Länder und an seinen Ufern leben rund 33 Millionen Menschen. Jeder zehnte von ihnen gehört einer indigenen Gruppe. Sie sind also Nachfahren der Menschen, die schon am Amazonas lebten, bevor das Land gewaltsam von Europäern erobert wurde.
Amazonien ist uns so nah, weil von den dortigen Regenwäldern, den größten und ältesten der Erde, maßgeblich auch unser Klima beeinflusst wird. Sie sind die grüne Lunge der Welt und sie bieten den dort lebenden Menschen alles, was sie zum Leben brauchen. Doch diese Lebensgrundlage wurde und wird durch Brandrodung und rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen immer weiter zerstört. Übrigens landet mehr als ein Drittel der zu Lasten der Umwelt gewonnenen Waren in Europa, also auch in unseren Einkaufswagen.
Insbesondere die Menschen mit indigenen Wurzeln spüren einen massiven Veränderungsdruck bezüglich ihrer Lebensumstände. Und natürlich sind auch die Kinder davon betroffen. In vielen Regionen des Amazonas setzen sich deshalb Partnerorganisationen der Sternsinger für ein Recht der Kinder auf einen geschützten Lebensraum ein. Damit soll erreicht werden, dass sie ihr bisheriges Leben im Einklang mit der Natur und unter Erhaltung ihrer Traditionen weiterführen können, gleichzeitig aber auch neue Perspektiven aufgezeigt bekommen. So geht es um nachhaltige Landwirtschaft genauso, wie um den Schutz der eigenen Kultur.
Die Jahreslosung für 2024 lautet: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Ich finde, dass uns die Sternsängerinnen und Sternsänger ein wunderbares Beispiel geben, wie das konkret aussehen kann. Sie bringen sich ein, sie proben, sie gehen von Tür zu Tür, sind heute hier bei uns im Dom. Und sie tun das für Kinder in ihrem Alter, die sie nicht kennen, die weit weg sind, von denen sie nur wissen, dass sie Hilfe brauchen.
Das zu wissen, ist genug, um in einem Menschen den Nächsten zu erkennen, der darauf wartet, dass ich ihn sehe und ihm helfe. Und ob diese Hilfe nun evangelisch oder katholisch ist, spielt aber auch so gar keine Rolle. Das ist den Kindern in Amazonien egal und den Sternsingern im Übrigen auch, denn seit vielen Jahren ist man ökumenisch auf dem Weg – gut so!
Wir sind jedes Jahr von Neuem dankbar für Euren Besuch hier bei uns und wir wünschen Euch für Euer Tun viel Erfolg und Gottes Segen. Amen.

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  Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben!

Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2024

Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben. Der erste Abendsegen in 2024, viele weitere werden folgen, zu fröhlichen und traurigen Anlässen, hoffnungsstiftende und kritische, immer mit Musik und vor allem anderen immer mit Gottes Wort. Das wird auch, so, wie es bei uns gute Tradition ist, an jedem Tag dieses neuen Jahres so sein, an tatsächlich jedem.
Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben. Bei vielem in unserem Leben ist das auch gut so. Denn obwohl die Stimmung in unserem Land und vielleicht auch bei uns selbst nicht die beste ist: Es ist ja zum Glück, oder besser gesagt: Gott sei Dank, nicht alles nur schlecht und wenn wir unser Leben mal mit anderen vergleichen, sitzen wir hier vergleichsweise noch immer Loge.
Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben. Bei manchem ist das aber vielleicht doch nicht die beste Idee. Ich will mit Ihnen jetzt nicht über das Für und Wider von mehr oder weniger sinnvollen Neujahrsvorsätzen philosophieren. Dennoch dürfte sich aus meiner Sicht in 2024 das eine oder andere gerne verändern.
Ja, da sind die großen Wünsche nach Frieden in der Ukraine oder im Nahen Osten. Unser ganz persönlicher Einfluss darauf ist eher gering. Doch wenn dann in unserem Land diese Kriege dazu instrumentalisiert werden, um unverhohlen gegen Menschen jüdischen Glaubens zu hetzen oder durch gezielte Falschinformationen Täter- und Opferrollen zu vertauschen, dann können wir uns sehr wohl einbringen.
Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben. Zu diesen Tagen des Jahreswechsels gehört ein Wort aus dem Hebräerbrief und das lautet: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Ich finde es wohltuend, sich das immer mal wieder zu vergegenwärtigen. 2023 hatte ohne Frage eine ganze Reihe von Schattenseiten. Doch wir waren in allem nicht allein. Auch 2024 wird uns nicht nur eitel Sonnenschein präsentieren, doch auch in all dem, was kommt, werden wir begleitet sein. Im Übrigen, und das gerät gern mal aus dem Fokus, wir haben auch in den glücklichen Momenten unseres Lebens Jesus an unserer Seite. Er ist unser Anker in tatsächlich allen Lebenslagen.
Wir fangen so an, wie wir aufgehört haben. Wenn wir damit ein Leben in Gottvertrauen meinen, ist das sicher ein guter Plan für das neue Jahr. Und wenn Sie dazu den einen oder anderen kleinen Gedankenanstoß brauchen: Wir am Dom sind für Sie da – an jedem Tag des Jahres. Amen.

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  Die eine Karte

Die eine Karte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.12.2023

Um diese Jahreszeit hat die analoge Post richtig ordentlich zu tun.
Es kommen Briefe und Karten, man vergewissert sich guter Zusammenarbeit, freundlicher Gedanken und Wünsche für das neue Jahr gepaart mit klugen Texten, schönen Bildern und hin und wieder einem pfiffigen Effekt.
Eine Karte macht mich jedes Jahr glücklich.
Ich vergesse es – aber wenn sie dann auf meinem Schreibtisch liegt, fällt mir wieder ein, dass ich darauf gewartet habe.
So ist es vielleicht mit manchem in der Weihnachtszeit: Gerüchen und Geschmäckern, Liedern, Gedichten, Begegnungen. Da kommt eine Freude verlässlich und doch hatten wir das fast vergessen, werden immer aufs Neue – alle Jahre - wieder überrascht.
Meine Lieblingskarte jedenfalls kommt aus der griechisch-orthodoxen Gemeinde, von Despina Katzanzidou.
Jedes Jahr erinnert sie mich an die großartige Kunst und Liturgie ihrer Kirche, daran dass Griechenland nicht nur für Säulen, Philosophie und Ouzo steht – sondern auch für Literatur, die wir allermeist nicht kennen.
Dieses Jahr ist es ein Text von Odysseas Elytis, Dichter, Maler, Lieraturnobelpreisträger. Er wunderte sich, dass Menschen „Wörter so verbinden, dass sie nicht das sagen, was wir jeden Tag sagen“ und machte es selbst:
„Bis ich am Schluss gespürt habe / auch wenn man mich für verrückt / erklären sollte / dass aus dem Nichts entsteht / das Paradies.“
Bis ich am Ende des Weges – durch das ganze lange Jahr und die Adventszeit hindurch - spüre, fühle, weiß – dass da alles in allem wirklich IST, nicht nur sein könnte. Leuchtet. Lebendigkeit verheißt.
Denn, und so heißt dann das zweite Gedicht in Despinas Weihnachtskarte (von Fani Athanasiadou; hinter deren Namen ich eine junge Frau vermute):
„Der Weihnachtsstern strahlt / und in Begleitung meiner Gitarre singe ich, / in der Hoffnung, in der Hoffnung, dass morgen / die Sonne wieder strahlen wird / und ich singe über den Frieden.
Der Himmel ist bewölkt / doch für mich / strahlt der Weihnachtsstern / ich schreite auf den Straßen der Stadt / und singe dabei für den Frieden / in der ganzen Welt.“
Und klingt das nicht nach: „Welt ging verloren, Christ ist geboren? Darum freue dich, freue dich du Christenheit.“
Danke für deine Karte, du Liebe.

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  Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht!

Henning Böger, Pfarrer - 28.12.2023

Drei Schwestern leben unter einem Dach. Sie sind zusammen alt geworden. Die jüngste von ihnen ist 87 Jahre alt. Sie sorgt sich darum, wie alles weitergehen kann, denn ihre beiden älteren Schwestern brauchen sie, vor allem die älteste und hand-festeste Schwester. Sie ist im Advent schwer erkrankt und dem Tod schon sehr nahe.
Sie sei schon immer etwas ängstlicher und besorgter gewesen als die beiden Großen, erzählt die jüngste Schwester, aber die Familie helfe ja, wo sie kann. Auch mit Ermutigungen besonderer Art. So steht seit Beginn der Adventszeit ein Satz auf allen Spiegeln des Hauses: „Fürchte dich nicht!“ Das habe die Nichte aufgeschrieben als Trostwort und Ermutigung. Wer in den Spiegel sieht, soll nicht nur die Sorgenfalten zählen müssen, sondern auch diesen Mutmacher-Satz lesen dürfen: „Fürchte dich nicht!“ Und dabei schon einmal vorausdenken an Weihnachten mit seiner Botschaft des Engels über den nachtdunklen Feldern Bethlehems: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!“
„Fürchtet euch nicht!“ Die in diesem Jahr neu gewählte Schleswiger Bischöfin Nora Steen, eine gebürtige Braunschweigerin, schreibt, das seien für sie die drei wichtigsten Worte in der Weihnachtsgeschichte. „Diese Engelsworte sind nicht nur zu den Hirten, sondern auch zu uns gesagt. Wir sind gemeint - auch hier und heute.“
„Fürchte dich nicht!“ Im Haus der drei betagten Schwestern geht es mit diesem Satz Weihnachten entgegen. Und dann am zweiten Weihnachtstag geht es der ältesten Schwester ein wenig besser. Sie kann noch einmal aus dem Bett heraus und in die gute Stube hinein. Dort muss sie feststellen, dass Weihnachten noch gar nicht so recht Einzug gehalten hat. Und ihr erster Satz ist: „Macht doch mal die Kerzen an, es ist doch Weihnachten!“
So soll das sein mit uns und Weihnachten: Dass wir einander spüren lassen, was in unserem Leben von der Krippe her neu aufscheinen will: Gott legt sich in unser Leben hinein, indem er sagt: „Fürchte das Leben nicht in seinen Widersprüchen und Abgründen, weil ich eben dort zu finden bin.“ Solche Ermutigung tut gut, nicht nur zur Weihnachtszeit. Darum noch einmal hören: „Fürchte dich nicht!“

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  Weihnachten jetzt?

Weihnachten jetzt?

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.12.2023

Freunde von mir haben sich vor einiger Zeit einen kleinen Haushaltshelfer zugelegt. Er heißt Hupsi und ist ein Saugroboter. Zu festgelegten Zeiten am Tag zieht er seine Runden durch die Wohnung und saugt und bürstet den Fußboden sauber. Intellektuell ist Hupsi eher einfach gestrickt. Er kann nicht viel mehr als saubermachen. Doch er hat eine Gabe, von der wir uns eine Scheibe abschneiden können: Hupsi fährt immer rechtzeitig, also bevor er irgendwo liegenbleibt, zu seiner Ladestation und lädt seinen Akku wieder auf.
Damit tun wir uns bisweilen schwer. Da frisst der Job alle Kräfte, das Sorgen für die Familie kostet mehr Energie, als vorhanden ist, und auch Einsamkeit und das Gefühl, dass man von niemandem mehr gebraucht wird, zehrt an unseren Reserven. Die Folgen sind dann Burnout, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankung. Achtsamkeit ist gefragt, um das zu vermeiden. Achtsamkeit ist gefragt, um die Menschen um uns herum davor zu bewahren.
Wir haben uns hier am Dom bei der Vorbereitung der Gottesdienste und Konzerte immer wieder gefragt, wie man denn in diesen Zeiten angemessen Weihnachten feiern kann.
Es ist das zweite Weihnachtsfest in Folge, an dem in Europa ein Krieg herrscht. Die Feierlichkeiten im Heiligen Land sind in diesem Jahr nahezu komplett ausgefallen, weil dort ebenfalls kein Friede einkehren will. Und bei uns erinnern Stark- und Dauerregen daran, dass da irgendwas mit unserem Klima passiert.
Apropos Klima: Damit steht in unserem Land und in unserer Gesellschaft nicht zum Besten. Die Verächter unserer demokratischen Grundordnung werden immer lauter und obwohl Politiker als gesichert rechtsextrem und damit verfassungsfeindlich identifiziert werden, wollen sie laut Umfragen über 30r Menschen bei anstehen Wahlen in die Parlamente holen. All das nur ein paar Schlaglichter auf Weihnachten 2023.
Und noch einmal die Frage: Passt zu all dem Weihnachten und wenn ja, dann wie? Es wird Sie wenig überraschen, dass ich von Herzen dafür bin, gerade jetzt, gerade in diesen so schwierigen und auch belastenden Zeiten, Weihnachten zu feiern. Denn es ist ja nicht nur dieses Fest mit seiner Gänsebraten-Kaminfeuer-White-Christmas-Atmosphäre. Es ist, und das ist ja viel wichtiger, die Erinnerung an ein Ereignis, das alles verändert hat und immer wieder auch alles neu verändern kann.
Ja, vieles scheint aus dem Ruder gelaufen zu sein. Doch wo wären wir, wenn wir in diesen Zeiten ohne Hoffnung sein müssten? Den Frieden auf Erden haben die himmlischen Heerschaaren uns allen verheißen. Wäre denn ohne diese Zusage ein Blick in diese Welt überhaupt noch zu ertragen?
Weihnachten weist uns darauf hin, dass es immer Hoffnung gibt. Denn die Lebensaufgabe dieses Kindes in der Krippe, sie war ja mit seiner Geburt in Bethlehem nicht erfüllt. Das tatsächlich Lebensverändernde sollte ja alles noch kommen. Jesu Botschaft von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden, sie ist in dieser Welt. Sie hat 2000 Jahre überdauert und ist immer noch da. Und es braucht wenig Erklärung, um sie zu verstehen. Sie besticht durch ihre Klarheit.
Das, was vor 2023 Jahren im Stall von Bethlehem seinen Anfang genommen hat, ist noch lange nicht zu Ende. Der Akku der Botschaft, die vom Kind in der Krippe ausgeht, ist nach wie vor voll. Und die Kraft der Liebe, die von diesem Kind ausgeht, sie hat das Potential, unser aller Leben und diese Welt zu verändern. Deshalb brauchen wir Weihnachten – heute mehr denn je! Amen.

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  O komm, o komm, du Morgenstern

O komm, o komm, du Morgenstern

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.12.2023

„Ich bin der helle Morgenstern“, so lässt es der auferstandene Jesus Christus den Seher Johannes in der Offenbarung wissen. Kurz bevor die Sonne aufgeht, leuchtet er am Himmel auf, dieser Morgenstern. Und man kann sich darauf verlassen, dass es sehr bald hell werden wird, wenn dieser Stern zu sehen ist.
„O komm, o komm, du Morgenstern“, so heißt ein Adventslied aus unserem Gesangbuch. Die Wurzeln der Melodie stammen aus dem 15. Jahrhundert aus Frankreich. Daraus wurde ein sehr populärer englischer Adventschoral, dessen Text wiederum auf Antiphone aus Köln zurückgeht. Schlussendlich hat dann 1975 Otmar Schulz die Strophen geschrieben, die wir heute in unseren Gottesdiensten singen. Und last but not least wird Domorganist Witold Dulski uns zum Beschluss des Mittagsgebetes seine Interpretation dieses Stückes spielen.
„Vertreib das Dunkel unserer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht“, so bittet die erste Strophe. Ja, von diesem Dunkel gibt es in diesen Tagen wahrlich genug auf dieser Welt. Ob die Angehörigen der 14 an der Prager Karls-Universität erschossenen Menschen überhaupt wahrnehmen werden, dass Weihnachten ist? Wie mag es der Familie des Amokläufers gehen, der ebenfalls sein Leben verloren hat. Werden sie die Kraft und die Worte finden, um darum zu bitten, dass es in ihnen wieder hell werden möge?
Und es ist ja nicht nur Prag. Es ist auch die Ukraine, Israel, Palästina, Syrien, Afghanistan, Mali. Und manch eine und manch einer hat ja auch noch ganz persönlich sein Päckchen zu tragen. Kann man denn vor dem Hintergrund all dessen überhaupt Weihnachten feiern? Liebe Schwestern und Brüder, wenn nicht jetzt, wann dann?
„O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer, Osterlamm. Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.“ Die zweite Strophe erinnert uns daran, was dieser Jesus von Nazareth, dessen Geburtstag wir in den kommenden Tagen feiern wollen, für uns bedeutet. Er ist unsere Hoffnung auf Frieden, darauf, dass wir bei Gott einen Fürsprecher haben. Und er lehrt uns mit seinem Leben, dass trotz allem ein friedliches Miteinander möglich ist.
Ich glaube, dass es um uns noch viel schlechter bestellt wäre, wenn wir uns nur auf uns selbst verlassen müssten. Denn ganz offenbar sind wir Menschen ja ganz groß darin, den Karren in den Dreck zu fahren. Ihn aber wieder herauszuholen, fällt uns schwer.
Ich will nicht darauf verzichten, Gott an unserer Seite zu wissen, der in seinem Sohn mitten hineingekommen ist in unser aller Leben – als Quelle der Hoffnung und als Helfer in der Not. Und darum brauchen wir Weihnachten – gerade jetzt und mehr denn je! „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja!“ Amen.

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  Wie soll ich dich empfangen?

Wie soll ich dich empfangen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.12.2023

Es ist für mich eines der schönsten Adventslieder überhaupt. Von Paul Gerhardt stammt der Text, von Johann Crüger die Melodie und ganz egal, wie oft wir es singen, ich werde des Liedes nicht müde. „Wie soll ich dich empfangen?“, so lautet der Titel.
Was haben wir in den vergangenen Tagen und Wochen nicht so alles veranstaltet? Wir haben eingekauft, wahrscheinlich mal wieder viel zu viel. Wir haben einen Baum besorgt, die Wohnung geputzt und geschmückt, Geschenke organisiert, Karten geschrieben, überlegt, wer zu den Festtagen wann, wen besucht und zugesehen, dass die eigenen Weihnachtsbesuche auch noch irgendwie ins Programm passen. Wir sind zwischendurch vielleicht auch das eine ohne andere Mal etwas dünnhäutig geworden, weil in der Stadt kein Parkplatz zu finden, der Lachs ausverkauft und die Gans viel zu teuer war. Und all das haben wir wie in jedem Jahr auf uns genommen, damit Weihnachten auch schön weihnachtlich wird.
Paul Gerhardt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier? O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.“
Erkennen Sie den Unterschied. Gegen unseren vorweihnachtlichen Aktionismus, mit dem wir meinen, alles zu tun, was zu tun ist, damit es auch ordentlich Weihnachten wird, setzt Paul Gerhardt die Frage: Wie soll ich dich empfangen? In dieser Frage steckt ganz viel Demut, denn der Fragende maßt sich nicht an, zu wissen, was zu tun oder auch zu lassen sei. Er bittet viel mehr darum, dass Jesus selbst ihm sagt, was er sich für seinen Empfang wünscht.
Paul Gerhardt ist überwältigt von dem, was Jesus für ihn und damit natürlich auch für Sie und mich getan hat, und er ist voller Dankbarkeit. „Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.“
All das, was Gott für uns Menschen getan hat und immer weiter tut, geschieht aus Liebe. Nichts anderes hat Jesus veranlasst, in unsere Welt und in unser aller Leben zu kommen. Vielleicht liegt darin auch die einzig richtige Antwort auf Paul Gerhardts Frage: Wie soll ich dich empfangen? In Liebe! In derselben Liebe, mit der Jesus uns umfängt und die so groß und so reichlich ist, dass wir sie teilen können, immer und immer wieder, und wir dürfen wissen, dass wir an dieser Liebe niemals Mangel haben werden.
Und wenn wir uns in aller Ruhe oder auch in aller Hektik, auf jeden Fall aber „Liebe-voll“ auf Weihnachten vorbereiten, sind wir ganz sicher auf dem richtigen Weg. Amen.

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  Freiheit

Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.12.2023

Über dem heutigen Tag heißt es: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“ Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Korinth. Schon damals und wahrscheinlich seit es Menschen gibt, spielt Freiheit eine große Rolle. Ist ein würdevolles Leben möglich, ohne, dass es in Freiheit gelebt werden kann? Ich denke nicht. Und doch wurden und werden Menschen unterdrückt und in ihrer Freiheit massiv eingeschränkt.
Der Grund dafür ist in aller Regel die Angst, Macht, Einfluss und Reichtum zu verlieren. Ein Blick in die Diktaturen dieser Welt reicht, um das bestätigt zu finden. Herr Kim in Nordkorea, Herr Putin in Russland, Herr Lukaschenko in Belasus, sie alle schränken die Freiheit der Menschen in ihrem Land gewaltsam ein und dass das Wohlergehen ihrer Landsleute ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stünde, kann man nun wirklich nicht behaupten. Die eigenen Interessen und der eigene Wohlstand sind in jedem Fall deutlich wichtiger.
Doch ich will gar nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Auch unser Land hat dunkle Zeiten hinter sich, in denen Freiheit von einem menschenverachtenden Regime mit Füßen getreten wurde – mit katastrophalen Folgen. Wir müssen äußerst wachsam sein, damit diejenigen, die diese Zeit als einen Fliegenschiss bezeichnen und ein Ende unserer Erinnerungskultur fordern, in unserem Land keine Macht bekommen.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Kirche mit der Freiheit der Gläubigen nicht immer pfleglich umgegangen ist. Und auch hier ging es um Macht und Geld und Einfluss – alles ganz weit weg von dem, was Jesu Botschaft ausmacht. Und wie die für die Unterdrückung Verantwortlichen das Pauluswort in ihr Weltbild einsortieren konnten, bleibt wohl ihr Geheimnis.
Was der Apostel meint, ist die Freiheit, die Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat. Sie macht uns frei von der Verpflichtung zu frommen Höchstleistungen, denn Gott hat uns lieb, einfach weil wird sind. Damit müssen wir uns nicht mehr über andere definieren, nicht mehr zwanghaft wetteifern im „Höher-Schneller-Weiter“ unserer Zeit, denn wir können uns darauf verlassen, dass Gott uns annimmt, so, wie wir sind, mit all unseren Ecken und Kanten, unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten, unseren hellen und auch unseren dunklen Seiten.
Aus dieser Freiheit heraus können wir einander offen, ehrlich und freundlich gegenübertreten und dankbar dafür sein, wenn es auch unseren Mitmenschen gutgeht. Wir können befreit für andere sorgen, denn für uns ist bereits gesorgt.
Diese Freiheit, von der Paulus schreibt, liegt unter dem Weihnachtsbaum als ein großes Geschenk unseres großen Freundes, alle Jahre wieder. Amen.

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  Angelo träumt

Angelo träumt

Henning Böger, Pfarrer - 20.12.2023

„Das wird einfach herrlich“, sagt Angelo und blickt auf die Advents- und Weihnachtszeit. Angelo konnte sich in den letzten Jahren zwei große Träume erfüllen. Der erste Traum: runter von der Straße, raus aus der Obdachlosigkeit. „Ich war ganz unten angekommen“, sagt Angelo: „90.000 Euro Spielschulden, Familien, Arbeit und Wohnung - alles weg!“
Aber dann hatte der Leiter des Wohnheims für Obdachlose eine Idee: Er schickte Angelo, der großer Fan des 1. FC Saarbrücken ist, zu einem Lehrgang für Schiedsrichter des Deutschen Fußballbundes. Angelo war Feuer und Flamme. Er bestand den Lehrgang und durfte jetzt Spiele in der Kreisliga leiten. Damit erfüllte sich sein erster Traum: sich wieder wertvoll fühlen zu dürfen und anerkannt. „Ich habe ein Trikot, ich habe eine Pfeife. Ich fühle mich frei!“, sagt Angelo.
Und dann erfüllt sich vor kurzem ein zweiter Traum für Angelo. Der Deutsche Fußballbund nominiert ihn als Schiedsrichter bei der Obdachlosenweltmeisterschaft in den USA. Als er zurückkommt von der Weltmeisterschaft, hat er im Wohnheim viel zu erzählen. „Von der Straße gekommen und dann nach Amerika; das schafft auch nicht jeder“, sagt Angelo, der gar nicht mehr weiß, wohin mit seinem Dank. Oder doch, eins weiß er: „Jetzt will ich etwas zurückgeben von dem, was ich bekommen habe.“
Da ist das Geld, das er anderen noch schuldet. Vor allem ist da aber das Gefühl,
wertvoll und anerkannt zu sein. Das will er auch anderen geben. Ein Mensch lebt auch davon, dass andere ihn achten, ihm Freundschaft anbieten und wertschätzen.
Darum soll die Advents- und Weihnachtszeit einfach herrlich werden, sagt Angelo.
Sie wollen diese besondere Zeit im Wohnheim besonders gestalten mit kleinen Essen, Spielen, Gesprächen und Geschenken; soweit das möglich ist. Er sei glücklich, dass er hier dazugehöre, sagt Angelo. Wenn er jetzt vom Leben träume, dann viel Gutes.
Es dürfe so bleiben, wie es ist: mit Schiedsrichtereinsätzen in der Kreisliga und vielleicht auch wieder einer Weltmeisterschaft der Obdachlosen. Die wird in Australien sein.
Aber davon träumt Angelo nicht. Das ist nur ein Wunsch. Seine großen Träume haben sich längst erfüllt, sagt er. Gott sei Dank!

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  Gemeinsam!

Gemeinsam!

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.12.2023

Manchmal treibt die Ökonomie die Ökumene, so sagte jemand augenzwinkernd beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst am vergangenen Sonntag. Ort des Geschehens: die katholische Kirche St. Michael auf Helgoland. Was war passiert? Seit dem deutlichen Anstieg der Energiekosten haben die katholische und die evangelische Gemeinde auf Helgoland beschlossen, in der kalten Jahreszeit ökumenische Gottesdienste zu feiern – im monatlichen Wechsel zwischen der evangelischen Kirche St. Nicolai und der katholischen Kirche St. Michael.
Das hat in doppelter Hinsicht sein Gutes, denn erstens spart es Heizkosten und zweitens ist die Kirche voller, Katholiken und Protestanten feiern in trauter Einheit zusammen. Und da ich am vergangenen Wochenende die evangelische Pastorin vertreten durfte, wurde der Gottesdienst in der katholischen Kirche von zwei katholischen ehrenamtlichen Frauen und mir, einem evangelischen Prädikanten, gestaltet. Und was soll ich Ihnen sagen: Der Himmel über Helgoland ist nicht eingestürzt.
Ich denke, dass wir in der Zukunft viel mehr solcher Zusammenarbeitsmodelle brauchen. Beide Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder, was zwangsläufig dazu führt, dass es immer weniger Pfarrerinnen, Pfarrer und Priester gibt. Anderseits sehe ich, dass die Notwendigkeit, als Kirche oder sage ich besser als Christinnen und Christen sichtbar und hörbar zu sein, immer mehr zunimmt.
Die Spaltung auch in unserer Gesellschaft ist nicht wegzudiskutieren. Es wird Hass gesät gegen Migrantinnen und Migranten, gegen Menschen jüdischen Glaubens, gegen jene, die staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen müssen, um durchs Leben zu kommen.
Dem entgegenzutreten und an Jesu Botschaft zu erinnern, ist christlicher Auftrag. Denn die Diskriminierung von Menschen egal aus welchem Grund, ist mit „Liebe deinen Nächsten“ nicht übereinzubringen. Jedem Menschen ist Würde verliehen, und sie ist unantastbar. Und wenn wir uns dafür einsetzen, dass Menschenwürde und Menschenrechte nicht unter die Räder geraten, dann ist es vollkommen egal, ob wir evangelisch oder katholisch sind.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Gott für Debatten über unsere Unterschiedlichkeit an dieser Stelle wenig Verständnis haben dürfte. Ich glaube eher, dass er uns sagt: Nun kümmert euch mal um eure Mitmenschen und um die Welt, die euch anvertraut habe. Jetzt ist nicht die Zeit für tiefgehende theologisch-theoretische Diskussionen über das, was euch vermeintlich trennt!
Ob ich unseren Herrn damit tatsächlich richtig interpretiere, weiß ich nicht, jedoch eins steht fest: Jesus ist vor gut 2000 Jahren mit einer Schar von Jüngerinnen und Jüngern losgezogen, um diese Welt und unser aller Leben zu verändern. Und katholisch oder evangelisch war von denen niemand. Amen.

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  Warten

Warten

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.12.2023

Es sind tatsächlich nur noch sechs Tage, dann ist Heiligabend. Die Adventszeit war sehr kurz in diesem Jahr, weil der vierte Advent und der Heilige Abend auf einen Tag fallen. Und dennoch war und ist Jahr warten angesagt. Gerade für Kinder ist das manchmal schwer auszuhalten und so fiebern sie jeden Morgen dem nächsten Türchen am Adventskalender entgegen, denn der zeigt ja an, wann es endlich soweit ist mit Weihnachten.
Doch auch für uns, die wir knapp aus dem Kindesalter heraus sind, gehört das Warten zum Leben dazu. Einige von Ihnen warten sicher schon darauf, dass das Braunschweiger Weihnachtssingen hier gleich losgeht, andere haben vielleicht schon eine Runde im Wartezimmer einer Arztpraxis verbracht oder an der Bushaltestelle oder, oder, oder.
Viele warten aber auch auf Größeres: Darauf, dass sich die Menschen besinnen und miteinander Wege zum Frieden suchen anstatt gegeneinander Krieg zu führen; darauf, dass die Spaltung in unserem Land nicht noch weitergeht und aus dem Gegeneinander ein Miteinander wird, darauf, dass es nicht nur im Kalender Weihnachten wird, sondern auch in unseren Herzen.
„In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht. Weit entfernt von dem Gedränge klingt die Stimme, die da spricht: Sehet auf, der Retter kommt. Wachet auf und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.“
So heißt es in einem Adventslied. Ist es das, worauf wir warten und worauf wir vor allem auch hoffen? Mein Zutrauen in menschliche Vernunft und Einsichtsfähigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Denn wie kann es sein, dass es wieder Krieg gibt in Europa, wie kann es sein, dass die Populisten mit ihren spalterischen Parolen mehr und mehr die Macht übernehmen? Wie kann es sein, dass Armut und Hunger immer mehr um sich greifen?
Sehet auf, der Retter kommt – ja, so ein direktes Eingreifen Gottes, um all das wieder in Ordnung zu bringen, was momentan im Argen liegt, wäre schon klasse. Doch es wird realistischerweise nicht passieren. Warum auch?
Denn Gott hat das ja bereits getan. Er hat uns seinen Sohn geschickt, dessen Geburt wir in einer Woche feiern. Und er hat uns in ihm vorgelebt, wie Leben gelingen kann – in gegenseitiger Achtung, in friedlichem Miteinander und in Liebe.
Es ist an uns Menschen, unser Denken, Reden und Handeln daran auszurichten. Wir haben es in der Hand – im Großen wie im Kleinen. Das strahlend helle Licht ist bereits in dieser Welt und es liegt an uns, es zum Leuchten zu bringen. Amen.

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  Leuchten wie Lucia

Leuchten wie Lucia

Henning Böger, Pfarrer - 16.12.2023

Manchmal sagen Menschen: „Wenn es dunkel wird, dann kommt die Angst!“
Sie kommt als Schatten unterm Bett oder als Kloß im Hals, von tief unten, gemein und gefährlich. Kein Wunder, dass viele Menschen nachts ein Licht brennen lassen, im Kinderzimmer, im Flur, an der Haustür. Und kein Wunder, dass wir uns in den dunklen Tagen in jene Geschichten verkriechen, in denen es irgendwann hell wird.
Lucia macht das Licht an - und zwar so richtig! Eine halbe Ewigkeit ist das schon her. Und trotzdem hat Lucia in jedem Dezember ihren Auftritt. Immer etwa auf der Hälfte der Adventszeit, wenn die Tage am kürzesten und dunkelsten sind.
Lucia ist im dritten Jahrhundert nach Christi Geburt auf Sizilien zuhause. Christen werden verfolgt und verhaftet, oft grausam getötet. Dem Kaiser in Rom fehlt die Fantasie, um über sich hinaussehen zu können. Lucia hat, so wird erzählt, ihr Herz an Jesus verloren; von dem gesagt wurde, er liebe ohne Ende. Lucia hat sich diesem Jesus mit Haut und Haaren verschrieben und versorgt, seiner Liebe folgend, Geflüchtete und Geächtete im Untergrund. Um sich im Dunkeln, bei Nacht und in den Höhlen zurechtzufinden und vor allem die Hände frei zu haben, trägt Lucia einen Kranz aus brennenden Kerzen auf ihrem Kopf. Sie wird zur Heirat gedrängt und wehrt sich dagegen, darum wird sie selbst verfolgt und schließlich ermordet. Vergessen ist sie bis heute nicht.
Manche verehren Lucia als Heilige, andere staunen einfach und lassen sich anstecken. Ich auch. Denn Lucia macht das Licht. Und sie hält den Kopf aufrecht, so dass sie gute Sicht hat und schon von Weitem gesehen wird.
Ob wir das auch könnten: So Licht ins Dunkel bringen? Die großen und kleinen Sorgen dieser Welt erhellen? Uns mit dem, was an Liebe und Energie in uns ist, dorthin ausrichten, wo für andere das Leben gerade mühsam und finster ist? Ich bin mir sicher: Manche Schattenmonster würden sich in Luft auflösen und viele Ängste schrumpften auf Augenhöhe, wenn wir öfter miteinander leuchten würden, wie Lucia geleuchtet hat.

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  Das ist es

Das ist es

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.12.2023

Mit der Advents- und Weihnachtszeit ist es alle Jahr eigen.
Man stürzt sich in Rituale und Vorbereitungen, verliert sich im Anblick der Kerzen und der Lichter des Weihnachtsmarktes und wundert sich, dass der Körper offensichtlich mehr Süßes braucht.
Einerseits.
Und andererseits machen die Texte der Adventszeit und die Weihnachtsgeschichte selbst einem so dringend wie nur irgend denkbar bewusst, dass Gott alles Mögliche versucht hat, damit es hier unter uns menschenfreundlicher zugeht – er hat uns alles ab genommen im Paradies und uns rausgeworfen, weil das funktionierte. Er hat die Menschen mit der Sintflut vernichtet ehe sie es selber tun und dann einen Bund geschlossen, dass so etwas nie mehr passiert. Er hat Gesetze und Regeln aufgestellt, war nah, blieb fern… – es hat sich nichts geändert.
Wir machen es nicht gut.
Und doch wird Weihnachten.
Eine Freundin sagte dieser Tage, eigentlich müssten uns all die Sorgen und Ängste ganz verrückt machen, daher hält sie sich an folgendem Text von
Lothar Zenetti fest:
„Es ist jetzt nicht die Zeit, um zu ernten.
Es ist jetzt auch nicht die Zeit, um zu säen.
An uns ist es, in winterlicher Zeit
Uns eng um das Feuer zu scharen
und den gefrorenen Acker in Treue geduldig zu hüten.
Andere vor uns haben gesät. Andere nach uns werden ernten.
An uns ist es, in Kälte und Dunkelheit
beieinander zu bleiben und während es schneit,
unentwegt wachzuhalten die Hoffnung.
Das ist es.
Das ist uns aufgegeben
In winterlicher Zeit.“
Das ist uns aufgegeben. Das tut uns gut. In winterlicher Zeit. In weihnachtlicher Zeit. Hier.

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  Zahlenverhältnisse

Zahlenverhältnisse

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.12.2023

Adventszeit ist Wartezeit: es werden immer mehr geöffnete Türchen und immer mehr Lichter, bis wir endlich an Heiligabend angekommen sind.
Adventszeit ist Bußzeit,
Vorbereitungszeit, Zeit des Nachdenkens und der Einsicht.
Es braucht einen Begriff von Dunkelheit, um zu verstehen, was es bedeutet, dass Gott in tiefster Nacht erscheint.
Weil die Menschen, in der Sprache der Propheten, im Finstern wandeln, unterbrechen wir das Friedensgebet nicht – sondern im Gegenteil: Adventszeit ist Wartezeit auf den König der Ehre, in dessen Reich Menschenleben keine Kriegsmasse sind, keine Handelsware, kein Kanonenfutter, kein Kollateralschaden …
Dann. Aber noch nicht jetzt.
In seinem Buch und gleichnamigen Stück „Terror“ bearbeitet Ferdinand von Schirach eine moralische Konfliktsituation. Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Durfte der Kampfpilot Lars Koch eine Maschine abschießen, um zu verhindern, dass ein Terrorist das Passagierflugzeug auf ein vollbesetztes Stadion stürzen lässt?
86,9 Prozent einer unbekannten Zahl von Zuschauern stimmte für den Freispruch des verantwortlichen Piloten und nahmen in ihrer Abwägung in Kauf, dass Menschenleben möglichweise nicht den gleichen Wert haben.
427 : 1 stand das Verhältnis.
Im Gazastreifen, so habe ich gestern gelesen, steht das Verhältnis 2: 1. 10000 Zivilisten kommen auf 5000 Hamas-Kämpfer. Der israelische Militärsprecher Jonathan Conricus bedauert das, hält es aber doch für ein gutes Ergebnis angesichts anderer Konstellationen und der Tatsache, dass eine Terrororganisation, die sich menschlicher Schutzschilde bedient, in urbanen Gelände bekämpft werden muss.
König Herodes schließlich lässt nach der Geburt des Gotteskindes alle Jungen in Bethlehem, die jünger sind als zwei Jahre, ermorden. 14.000 Kinder seien dem Massaker zum Opfer gefallen, heißt es in der griechischen Liturgie…
14000 : 1.
All das sind schaurige Rechnungen. Sie beschreiben himmelschreiende Zustände. Sie erzählen davon, dass Menschenleben verhandelbar sind.
Sie machen das Warten auf den, der „Friedefürst“ heißt immer dringender.

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  Warten

Warten

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.12.2023

„Seht auf uns erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Dieses Wort aus dem Lukasevangelium steht über der zweiten Wiche im Advent. Von Jesus selbst stammen diese Worte, doch sie sind im Wochenspruch etwas aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch missverständlich. Beim ersten Hören klingen sie ermutigend und hoffnungsstiftend. Doch Jesus spricht sie, bezogen auf ein Ereignis, dass noch in der Zukunft liegt, nämlich seine Wiederkehr.
So gesehen ist der Advent eine doppelte Wartezeit. Wir warten auf das Kind in der Krippe einerseits und auf Jesu Wiederkehr andererseits. Beide Ereignisse, so sehr sie auch die Basis unseres Glaubens bilden, waren und werden kein Zuckerschlecken sein. Als die Hirten auf den Feldern in Bethlehem von der Klarheit des Herrn umleuchtet wurden, da fürchteten sie sich sehr, wie uns die Bibel berichtet, und über den Tag, an dem Jesus wieder in unsere Welt kommen wird, sagt er selbst, dass die Völker bange sein und die Menschen vor Furcht vergehen werden.
Diese Stimmungen blenden wir in unserer Art den Advent zu begehen, sehr gerne aus. Ja, auch mir geht es so, dass meine Laune nach einem Blick in die Zeitung nicht mehr die beste ist und auch ich freue mich über hell erleuchtete Fenster und eine gemütlich, freundliche Stimmung auf unserem Weihnachtsmarkt. Doch das, was den Advent ausmacht, ist anders.
Jesus verspricht uns, dass unsere Erlösung kommen wird. Doch bis dahin werden wir die Widrigkeiten unseres Lebens ertragen müssen und ich kennen niemanden, dessen Leben davon komplett frei ist. Es steht außer Frage, dass Gott uns in allem begleitet, und das Jesus uns zu sich einlädt, wenn wir mühselig und beladen sind, weil er uns erquicken will. Doch der ganz große Wurf, der steht tatsächlich noch aus.
In der Offenbarung des Johannes erhalten wir einen kurzen Blick darauf, wie es sein wird. Gott wird bei uns wohnen, heißt es da. Und er wird unsere Tränen von unseren Augen abwischen und Tod und Leid vertreiben und zu uns sagen: Siehe, ich mache alles neu!
Doch bis dahin heißt es, geduldig zu sein und zu bleiben und vielleicht auch ein wenig neugierig auf das, was Gott für uns alle vorbereitet hat. Auf jeden Fall verspricht er uns: „Siehe, ich komme bald!“ Amen.

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  Nun komm!

Nun komm!

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2023

Es ist ein Bitten und ein Fordern gleichermaßen. Die Worte sind alt und die Melodie ist es auch. Seit über 1000 Jahren singen Menschen so im Advent. „Nun komm, der Heiden Heiland!“ Die textliche Grundlage kommt von Ambrosius, einem Mailänder Bischof des 4. Jahrhunderts. Die Melodieidee stammt vermutlich aus dem 9. Jahrhundert aus einem Kloster in St. Gallen. Martin Luther hat daraus einen Gemeindechoral geformt und viele große Komponisten haben Choralbearbeitungen darüber komponiert. Robin Hlinka wird uns gleich fünf davon zu Gehör bringen.
Die Melodie will sich so gar nicht in jene weichgespülte Adventsstimmung einfügen, die uns aus den Lautsprechern der Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte entgegentönt. Der Text erscheint holprig, ja fast hölzern und von einer eigenartigen Direktheit. Doch er fasst gut zusammen, aus welchem Grund wir uns alljährlich in diese Warteschleife oder besser gesagt, auf diesen Weg begeben, den wir Advent nennen. Es ist ein Weg, der uns aus dem dunklen November mit seinen Fragen zu den letzten Dingen hinführt in eine helle Zeit. „Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein“, so die 4. Strophe.
Es geht um nichts Geringeres, als um unser aller Heil und Wohlergehen und es geht um diese Zwillingsgestalt Jesus Christus, der seinem Wesen nach Gott ist und seiner Art nach ein Mensch wie Sie und ich. Ihn rufen wir, ihn fordern wir auf endlich zu uns zu kommen und sich in unserer Welt und in unserem Leben zu zeigen.
Ja, natürlich wissen wir, dass ihn Gott vor 2023 Jahren bereits zu uns gesandt hat. Und doch lässt das, was in dieser Welt passiert ist und immer wieder passiert, seine Gegenwart so schmerzlich vermissen. Dabei ist nichts von dem verlorengegangen, was er uns gesagt, gelehrt und uns vorgelebt hat. Seine Botschaft von Frieden, Barmherzigkeit und Liebe ist kein gut gehütetes Geheimnis. Sie steht allen offen und jede und jeder kann wissen, dass es diese Botschaft ist, die uns den Weg zu einem guten Leben für alle Menschen weist.
Doch sind Taubheit, Borniertheit und die Gier nach Macht und Geltung so stark, dass es Jesu Worte schwer haben, dagegen anzukommen. Wir brauchen einen neuen Impuls und einen neuen Verstärker, damit Jesu Friedens- und Gerechtigkeitsbotschaft wieder gehört und vor allem auch zur Basis unseres Denkens, Redens und Handelns wird. Denn ein faires und friedvolles Miteinander schaffen wir Menschen aus eigener Kraft offenbar nicht. Und daher: Nun komm, der Heiden Heiland! Amen.

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  Maria

Maria

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.12.2023

Hier am Braunschweiger Dom ist Maria stets gegenwärtig, denn dieser Altar hier vorne ist ihr geweiht. Und so nehmen wir auch die Marienfeiertage in unseren Andachten und Gottesdiensten gern in Blick, so auch heute. Denn der 8. Dezember ist Maria Empfängnis. Der Name des Feiertages kann schnell zu Missverständnissen führen, wenn man ihn als den Tag versteht, an dem Maria empfangen hat und mit Jesus schwanger wurde. Denn zwischen dem 8. Dezember und Weihnachten liegen definitiv keine neun Monate. Zwischen heute und dem 8. September allerdings sehr wohl und an diesem Tag wird Marias Geburtstag gefeiert. Es geht also nicht darum, dass Maria empfangen hat, sondern, dass Maria empfangen wurde, nämlich von ihrer Mutter Anna.
Maria hat in ihrem Leben einiges auszuhalten. Sie wird mit Jesus unehelich schwanger, Joseph will sie deshalb verlassen und kann nur durch den Auftritt eines Engels davon abgehalten werden, sie muss dann kurz vor der Entbindung im Winter auf einem Esel quer durch den Nahen Osten reiten und bringt ihr Kind in einem miefigen Stall zur Welt. Kurz danach muss sie mit Jesus und Joseph nach Ägypten fliehen, weil man ihrem neugeborenen Sohn nach dem Leben trachtet. Und später muss sie mit ansehen, wie dieser sich komplett mit den religiösen Machthabern in Jerusalem überwirft und schließlich vor Marias Augen gefoltert und umgebracht wird.
„Und Gottes Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihm die Ehre erweisen“, so sagt es Maria in ihrem berühmten Magnifikat. Da lag all das noch vor ihr. Wird sie im Laufe ihres Lebens Zweifel bekommen haben an Gottes Barmherzigkeit? Ist das, was Gott dieser tapferen jungen Frau auf die Schultern gelegt hat, nicht deutlich zu üppig? Hätte nicht gerade sie als Mutter Jesu ein sorgenfreies und uneingeschränkt glückliches Leben haben müssen?
Naja, ein solches Leben hatte ihr Sohn auch nicht, und auch unser Leben kennt nicht nur eitel Sonnenschein. Bei jeder und bei jedem tauchen auf den Lebenswegen auch mal Holprigkeiten auf. Davor sind auch Christenmenschen nicht gefeit. Doch wir können uns in solchen Momenten etwas von Maria abschauen. Denn diese jüdische Frau ist und bleibt ein strahlendes Beispiel für ein unerschütterliches Gottvertrauen, womit sie uns allen ein Vorbild sein kann – ganz egal ob wie katholisch oder evangelisch sind. Amen.

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  Psalm 24

Psalm 24

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.12.2023

Im 24. Psalm – DEM Adventspsalm - heißt es:
„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist /
Der Erdkreis und die darauf wohnen.“
Gott gehört die Erde, nicht mir, nicht dir, nicht Staaten, nicht Firmen.
Gott gehören alle, die hier leben und dort,
kein Menschenleben ist mehr wert als ein anderes,
keines, das verloren geht, sollte weniger betrauert werden als ein anderes.
„Denn: Gott hat die Erde über Meeren gegründet und über Strömen fest gefügt.“
Denn: es gibt eine Ordnung, die größer ist als wir.
Denn: es gibt ein Fundament, dass wir nicht zu setzen vermögen.
„Wer darf auf den Berg des Herrn gehen und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“
Wer darf Ansprüche reklamieren?
Wer darf den Ort zum Zankapfel machen?
Wer darf dort Gottes Nähe suchen?
Wer darf Heiligkeit feststellen?
Wer???
„Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist…“
Wer kann das von sich sagen?
Wer tut, was er denkt?
Wer denkt, was er fühlt und weiß, was er darf?
Wer unterscheidet zwischen Gut und Böse?
Ein Kind vielleicht.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen.
Eines, das heil an Leib und Seele bleien durfte.
Und der Psalmbeter ergänzt in seinem zweisprachlichen Lied:
„Wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört.“
Wer seine Worte hütet und sich bei der Wahrheit zu bleibt.
Wer weiß, dass die eigene Wahrnehmung getrübt ist, eingefärbt, parteiisch.
Wer nicht verspricht, was er nicht halten will oder kann.
Wer widerspricht, statt zu schweigen.
„Der wird Segen empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils“.
So wird es sein, so könnte es sein.
Denn:
„Denn das ist die Generation, die nach ihm fragt: die dein Antlitz, Gott, sucht.“
Das? Diese? Wir?
Oder erst die, die suchen wird?
Das habe ich im letzten Jahr bei den Benediktinerinne in Köln gelernt. Du musst keinen Grund finden, um bei ihnen eingelassen zu werden. Du darfst verletzt, durcheinander, verstört sein, du darfst hadern und zweifeln, du musst nichts verstehn.
Aber du musst nach Gott FRAGEN, ihn SUCHEN wollen – die Hoffnung nicht vergessen haben, dass uns von daher Hilfe kommt.
Dann kannst du eintreten.
SELA
Schreibt der Psalmbeter.
Tonzeichen.
Ruhepunkt.
Stille.
Lass das setzen.
Horch einen Moment in dich hinein.

Doch schon ruft der Psalmist uns entgegen:
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.“
Macht die Tore weit auf!!!
Schließt nicht ab. Sichert nicht mit Stacheldraht und Alarmanlagen.
Baut keinen Spion ein, hinter dem hier ängstlich schaut.
Macht die Tore weit auf,
Macht die Tore weit für den König der Ehre!
Wer ist das?
Würden wir ihn erkennen?
Haben wir ihn womöglich längst ausgeschlossen?
Ein König der Ehre.
Ehre ist ein altes Wort – es hat gelitten, weil Menschen stolz sein wollen, weil sie meinen, Ehre zu verdienen.
„Wer ist der König der Ehre?“
Wer?
So klingt die Frage durch die Zeit.
So wird aus der Frage eine Sehnsucht.
So wird daraus sehen und suchen und sehen.
Ein Stern, ein Kind, ein Weg.
Wahrheit, Unschuld, Verletzlichkeit.
Die Frage heißt nicht mehr: wer von uns darf eintreten – sondern:
wen lassen wir hinein?
Und die Antwort kommt mächtig:
„Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.“
SELA.
Tonzeichen.
Ruhepunkt.
Stille.

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  Biblischer Alltag im Advent

Biblischer Alltag im Advent

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.12.2023

Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal die biblischen Geschichten gelesen, die aus der Adventszeit berichten? Fiese Fangfrage von mir, denn es gibt keine. Die Evangelien berichten uns sehr wohl, was ein paar Monate vor dem Advent passiert ist. Da war der Engel bei Maria und hat ihr verkündigt, dass sie die Gottesmutter sein soll. Da wird erzählt, wie sie Elisabeth, ihrer Cousine besuchte, die gleichzeitig mit Johannes schwanger war, der später der Täufer werden sollte. Und wir werden Zeuge von Marias großem Magnifikat. Aber was tatsächlich in den vier Wochen vor Jesu Geburt so los war, bleibt im Verborgenen.
Nun, Maria war im letzten Schwangerschaftsmonat. Obwohl ich so aussehe, kann ich aus eigener Erfahrung nicht erzählen, was das bedeutet. Ich weiß nur, dass es beschwerlich ist und alle Mütter, die heute hier sind, werden das bestätigen können. Vielleicht planten Maria und Joseph auch schon, wann und wie sie nun nach Bethlehem reisen würden, denn sie mussten ja an dieser Volkszählung teilnehmen, die Kaiser Augustus im fernen Rom angeordnet hatte.
Was mag Maria so alles beschäftigt haben? Sie hatte zwischendurch mächtig Stress mit ihrem Mann, der nur durch einen nächtlichen Auftritt eines Engels davon abgehalten werden konnte, Maria zu verlassen, weil sie unehelich schwanger geworden war. Und damit nicht genug: Sie wusste, wen sie zur Welt bringen sollte. Ihr war sehr wohl klar, dass ihr Kind besonders sein würde und ganz sicher kein normales Leben würde führen können. All das war Maria klar, ohne dass sie aber wusste, was das nun alles konkret zu bedeuten hatte.
Nichtsdestotrotz werden Maria und Joseph in den Tagen, die bei uns nun Advent heißen, ein mehr oder weniger normales Leben geführt haben. Joseph wird seiner Arbeit als Tischler nachgegangen sein, mit der man sicherlich keine Reichtümer erwerben, durchaus aber eine Familie versorgen konnte. Und Maria wird sich so gut es eben ging, um Haus und Hof gekümmert haben – Alltag im Heiligen Land vor 2023 Jahren.
Doch es sollte Großes passieren, dass wussten Maria und Joseph und wir wissen das auch. Im Bibelwort für diese erste Adventswoche hat es der Prophet Sacharja vorhergesagt: Er schreibt: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Darauf gehen wir zu in diesen Tagen und Wochen. Wir können und sollen uns vorbereiten auf das große Fest, das wir alljährlich aus diesem Grund feiern. Und wir können heute viel besser als Maria und Joseph einschätzen, was für ein wunderbares Geschenk Gott uns damit gemacht hat. Amen.

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  Am Ende des Tunnels: Weihnachten

Am Ende des Tunnels: Weihnachten

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.12.2023

Advent 2023 – eine herausfordernde Zeit, wie ich finde. Mittlerweile schaue ich fast ein wenig beklommen die 20:00 Uhr-Ausgabe der Tagesschau, weil uns dort immer wieder neue Meldungen über Krieg und Gewalt erreichen, weil dort von gerade noch verhinderten aber auch erfolgten Terroranschlägen zu hören ist, weil dort leere Staatskassen oder die Infiltration unserer Gesellschaft von Verfassungsfeinden aus dem rechten Spektrum thematisiert werden.
Max Reger komponiert das Stück „Weihnachten“, das uns Bernhard Schneider gerade gespielt hat, im Juli 1915. In Europa tobt der Erste Weltkrieg, doch die allgemeine Stimmung in Deutschland ist zu dieser Zeit noch von einem siegessicheren Patriotismus geprägt. Die findet sich bei Reger durchaus wieder, denn das letzte der sieben Stücke, zu dem auch „Weihnachten“ gehört, trägt den Titel „Siegesfeier“ und endet mit der kräftig intonierten deutschen Nationalhymne.
Und doch könnte man meinen, dass Reger die adventliche Stimmung aus unserer Zeit gekannt hat. Denn das sehr dunkle und schwere „Es kommt ein Schiff geladen“ könnte sehr passend als Unterlegung einer Tagesschausendung verwendet werden. Wobei das Schiff trotz aller schweren See, die unsere Zeiten mit sich bringt, tatsächlich kommt und nicht in den Stürmen aus Hass und Zwietracht versinkt.
Nichtsdestotrotz weist uns Reger mit dem Choral „Ach, was soll ich Sünder machen?“ auf uns selbst zurück. Und ich finde, dass wir tatsächlich an dieser Frage nicht vorbeikommen. Wo liegt unsere Verantwortung angesichts dessen, was in dieser Welt passiert. Sind wir nur Zuschauer oder tragen wir Verantwortung? Können wir nur abwarten, bis sich die Mächtigen dieser Welt endlich besinnen und auf die Wege des Friedens zurückkehren oder liegt es auch an uns, dem Frieden den Weg zu bereiten?
Reger holt uns heraus aus diesen Fragen, denn je weiter wir hören, desto heller und klarer wird es. Über „Vom Himmel hoch“ werden wir in die stille und heilige Nacht geführt. „Christ, der Retter ist da!“ So endet die letzte Strophe und das ist unsere leise adventliche Hoffnung, die wir in uns tragen dürfen – trotz allem Schweren, das um uns herum passiert, trotz aller Borniertheit und Ignoranz, die vielfach so bestimmend sind, trotz aller Lügen und Ungerechtigkeiten, die die Wahrheit und den Frieden bedrängen.
An Weihnachten ist Gott in Christus auf diese Welt und in unser aller Leben gekommen. Der Advent gibt uns Zeit, uns darüber klarzuwerden, was das für uns bedeutet – als Entlastung und als Verpflichtung und als sichtbares und erlebbares Zeichen dafür, dass es Gott es trotz allem gutmachen will und wird – mit Ihnen, mit Euch und mit mir. Amen.

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  Warten

Warten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2023

Das zweite Türchen ist geöffnet und wir haben noch nicht einmal die erste Kerze angezündet.
So kann einem die reine Lehre, ab wann es denn nun adventlich werden darf schon durcheinander kommen. Erst recht, wenn unser Leben und nicht zuletzt die Welt um uns herum mit all den Fragen, Zumutungen und Anwürfen die Reihenfolge des Kirchenjahres nicht einhält. Dann kann es schon sein, dass uns eher nach Karfreitag als nach Pfingsten ist, dass die Fastenzeit uns im ersten Frühling angenehmer ist als während des Weihnachtsmarktes. Genau so kann aber auch Sehnsucht auf einmal so groß werden, dass keine Zeit mehr scheint bis endlich das Licht wieder mehr wird,
Denn Warten und Sehnen kann ungeheuer an die Substanz gehen.
In Israel warten noch immer Menschen auf ihre Liebsten - und sie warten nicht wie wir am Bahnsteig, sondern vor aller Angst, was jede Minuten kosten und anrichten mag.
In der Ukraine warten noch immer Menschen auf die Rückkehr ihres Lebens und das Ende von Krieg und Gewalt, Hunger und Kälte.
In den Lagern und Einrichtungen warten Menschen auf Entscheidungen über ihre Asylanträge, sie warten auf die Wende zum Guten.
Und wir warten auch. Jede und jeder mit dem Bündel eigener Sorgen, jede und jeder mit dem Blick auf die Krisenherde unserer Gesellschaft.
Und als Christinnen und Christen schauen wir schon so lange, ob der Stern über Bethlehem nicht endlich zu sehen ist, ob das Frieden auf Erden endlich über die Weihnachtstage hinaus klingt und trägt, ob der uralte Umkehrruf nicht doch das Programm unserer Zeit werden könnte, ob das Schweigen gebrochen wird und Versöhnung möglich ist.
Eine, die Grund hat, ganz besonders dringend auf Heilsein und Ganzsein zu warten, ist Carola Moosbach. Sie dichtet und da schimmert es auf, bewegt sich das Kind unterm Herzen:
„Warten lernen / den Rhythmus hören / dass aus der Ungeduld / Tänze springen ein Schwung wird - Das Wundern üben / die Würze kosten / dass aus den fernen Bildern / ein Mensch wird zum Anfassen - Dich gut verstecken / Dein Wesen entdecken / dass Du heranwächst / in unsern schwachen Armen - Nimmst Du sie an? / Nimmst Du uns an?“
Darauf lohnt sich zu warten. Auch wenn es an uns zehrt.

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  Welt-Aids-Tag

Welt-Aids-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.12.2023

„Leben mit HIV. Anders als Du denkst?“ So lautet das Motto der Deutschen Aidshilfe zum diesjährigen Welt-Aids-Tag. Auch, wenn es in diesen Tagen an Themen, die unseren Adrenalinspiegel in die Höhe treiben, nicht mangelt, bleibt festzuhalten: Wir führen hier in unserem Land ein sehr privilegiertes Leben. Das gilt auch für unser Gesundheitssystem. Es ist ganz sicher nicht perfekt und auch hier gibt es Baustellen, um die wir uns als Land und als Gesellschaft kümmern müssen. Nichtsdestotrotz ist die medizinische Versorgung gut. Das gilt auch im Zusammenhang mit Infektionen mit dem HI-Virus.
Menschen, die das Virus in sich tragen, können mit entsprechenden Medikamenten nahezu unbeeinträchtigt leben und auch die Lebenserwartung ist nicht geringer als bei Nichtinfizierten. Das ist ein großartiges Ergebnis der medizinischen Forschung.
Leider ist das in vielen anderen Teilen der Welt nicht so. Dort ist eine HIV-Infektion noch immer ein Todesurteil, weil den Betroffenen erforderliche Medikamente nicht zur Verfügung stehen. Der Grund dafür ist, wie so oft, das Geld. Die Schwellen- und Entwicklungsländer können sich die notwendigen Präventions- und Versorgungsmaßnahmen schlicht und ergreifend nicht leisten. Und Nächstenliebe ist nicht unbedingt ein Unternehmensziel der Pharmakonzerne. Sie verkaufen ihre Produkte dort, wo sie am meisten verdienen können. Und das ist nicht in Afrika. In der Konsequenz ist die Sterblichkeit durch den Ausbruch der Aids-Erkrankung erheblich.
Die Deutsche Aidshilfe arbeitet seit Jahren sehr erfolgreich in der Aufklärung und der direkten Unterstützung – auch in unserer Stadt. Sie beteiligt in internationalen Netzwerken und leistet aktive Hilfe für Menschen in anderen Ländern, in denen die Hilfsangebote bei weitem nicht auf unserem Niveau sind. Außerdem engagiert sich die Deutsche Aidshilfe grenzüberschreit für Menschenrechte, denn die Stigmatisierung von HIV-infizierten Menschen ist nach wie vor ein großes Thema. Auch in Deutschland besteht hier nach wie vor Handlungsbedarf, denn in vielen Köpfen ist das HI-Virus noch immer ein Grund für Diskriminierung.
Menschen auszugrenzen und abzuweisen, nur, weil sie gesundheitliche Probleme haben, ist im Übrigen kein neues Phänomen. Auch zu Jesu Zeiten wurden Kranke oftmals an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Ein Grund war die Angst vor Ansteckung, ein weiterer war der Irrglaube, dass die Krankheit eine göttliche Strafe für ein schlimmes Vergehen war. Und mit Leuten, die davon betroffen waren, wollte man nichts zu tun haben.
Jesus hat gegenteilig gehandelt. Er hat sich gerade um jene gekümmert, um die alle anderen einen großen Bogen gemacht haben. Und ich denke, es wäre in seinem Sinne, wenn wir es ihm gleichtäten. Die Arbeit der Aidshilfe ist ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas in der Praxis aussehen kann. Daran erinnern wir sehr gerne, auch heute, am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag. Amen.

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  Eine „abgehobene“ Wohngemeinschaft

Eine „abgehobene“ Wohngemeinschaft

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.11.2023

Die wohl außergewöhnlichste Wohngemeinschaft, die es je gab, wird in diesen Tagen 25 Jahre alt. Sollten Sie den Bewohnern aus diesem Anlass einen Gratulationsbesuch abstatten und eine Flasche Sekt vorbeibringen wollen, wird das schwierig, denn Sie kommen dort weder zu Fuß, noch mit Auto, Schiff oder Flugzeug hin. Sie brauchen eine Rakete. Ich rede von der ISS, der International Space Station, die seit 1998 unsere Erde umkreist.
Wissenschaftliche Arbeit ist ein wesentlicher Aspekt. Wie wachsen Pflanzen in der Schwerelosigkeit, wie verhalten sich Flüssigkeiten und wie verändern wir Menschen uns, wenn es kein Oben und Unten mehr gibt? Solcherlei Fragen stehen auf der Forschungsagenda und viele andere mehr.
Doch die ISS erfüllt darüber hinaus eine weitere Funktion, die an Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist. Die ISS ist ein echtes Friedensprojekt. 15 Länder haben seinerzeit die Kooperationsverträge unterschrieben, darunter die USA und Russland. Und auch heute, in diesem Moment, arbeiten amerikanische und russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in 400 Kilometern Höhe kollegial zusammen. Bei der turnusmäßigen Kommandoübergabe nur wenige Tage nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine umarmten sich der russische und der amerikanische Kommandant demonstrativ vor laufenden Kameras und dieses Video ging um die Welt.
„Geht doch!“, möchte man ausrufen. Warum nur im All und nicht auf der Erde? Doch es gibt ja zum Glück Beispiele dafür, dass es auch hier klappt. Über eines, das uns unmittelbar betrifft, hat unser Landesbischof vor ein paar Tagen hier im Dom in seiner Predigt gesprochen: die deutsch-französische Freundschaft, die vor 60 Jahren im Elysee-Vertrag besiegelt wurde. Hier ist zwischen zwei Erbfeinden, die mehrere Kriege gegeneinander geführt haben, eine Freundschaft entstanden, die auch über Meinungsverschiedenheiten in einzelnen politischen Fragen hinweg trägt und hält.
Es ist so unglaublich banal, dass es fast wehtut. Man tut sich zusammen, um eine gute Nachbarschaft zu haben, um gemeinsam Probleme zu lösen, um die gegenseitigen Stärken zum Wohle aller einzubringen. Und anstatt weiterhin Panzer und Raketen zu kaufen, investiert man in humanitäre und Klimaprojekte und arbeitet Seite an Seite an deren Umsetzung. Was ist verwerflicher: die Naivität solcher Gedanken oder die Borniertheit derer, die sie als naiv verurteilen?
Jesus Christus war ein Radikaler, wenn es um Menschenwürde und Menschenrechte ging und sein Gruß war: „Friede sei mit euch!“ Ihm darin nachzueifern kann so falsch nicht sein. Amen.

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  Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.11.2023

Es ist nur noch eine knappe Stunde, dann wird es hell werden rund um unseren Dom. Burg-, Dom- und Europaplatz werden in warmes und weiches Licht getaucht und die verführerischen Gerüche nach Bratwurst, Glühwein und Kartoffelpuffer, die man jetzt schon wahrnehmen kann, sie werden sich noch intensivieren. Der Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2023 – gleich geht es los.
Die Marktzeit ist in diesem Jahr besonders kurz, denn der 4. Advent fällt auf den Heiligen Abend. Somit fehlt quasi eine Woche. In einigen Städten hat das dazu geführt, dass die Weihnachtsmärkte einfach eine Woche früher geöffnet haben. Hier bei uns in Braunschweig nicht und das ist auch gut so. Denn die Advents- und Weihnachtszeit, sie beginnt nach dem Totensonntag und nicht davor. An dieser Stelle: Danke an die Verantwortlichen, dass diese Klarheit in unserer Stadt nicht verlorengeht.
Nichtsdestotrotz erlauben Sie mir insbesondere mit Blick auf das beeindruckend große kulinarische Angebot den Hinweis, dass der Advent eine Buß- und Fastenzeit ist. Ja, Sie haben richtig gehört, ich habe „Fastenzeit“ gesagt. Da ist sie nun also wieder, die genussfeindliche Kirche, die Ihnen und mir die letzten Freuden am Leben verbieten will. Bleiben Sie bitte ganz entspannt: Das will sie nicht.
Die Wochen vor Ostern sind ebenfalls Fastenzeit. Und es gibt in jedem Jahr eine EKD-Aktion unter dem Titel „7 Wochen ohne“. Und dann folgt jeweils ein spezielles Thema für jedes Jahr. Sowas könnte man im Advent doch auch mal versuchen – einfach so und ohne Druck von außen. Fasten bedeutet ja, auf etwas zu verzichten. Aber das muss ja nicht die Bratwurst sein. Man könnte sich beispielsweise vornehmen, im Advent auf den alten Trott zu verzichten. Oder anders ausgedrückt: Wir nehmen uns vor, in der Zeit bis Weihnachten unseren Mitmenschen besonders herzlich und freundlich zu begegnen, mal die zu grüßen, bei denen ich das sonst eher lasse, mal wieder Freunde und Bekannte anzurufen, mit denen ich lange keinen Kontakt hatte, in meiner Nachbarschaft mal schauen, ob da jemand gerade in dieser Zeit besonders einsam ist.
Und mit diesen Menschen könnte man sich ja dann auf dem Weihnachtsmarkt verabreden, ein bisschen Zeit miteinander verbringen, die Atmosphäre genießen und die hektische Geschäftigkeit, die dieser Zeit zweifellos anhaftet, einfach mal für einen Moment vergessen.
Jesus war, davon berichten viele Geschichten der Bibel, ein durchaus feierfreudiger Mensch, der es liebte, sich mit anderen zu treffen, mit ihnen zu reden, zu essen und zu trinken. Und ich denke, es würde ihm gefallen, wenn wir dem Advent eine Prägung geben, bei der wir andere Menschen in besonderer Weise in den Blick nehmen – gerne auch bei Bratwurst und Poffertches.
In diesem Sinne wünschen wir vom Dom uns allen einen friedvollen und gesegneten Weihnachtsmarkt. Amen.

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  Was wird sein?

Was wird sein?

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.11.2023

Gestern haben wir den Toten- und Ewigkeitssonntag gefeiert – keine leichte Kost. Es geht ans Eingemachte, an die wirklich letzten Themen, es geht um das Erinnern an die aus der Kirchengemeinde im letzten Jahr Verstorbenen, aber es geht eben auch um grundlegende Fragen, die immer dann hörbar werden, wenn wir an Sterben und Tod denken. Und es geht um das Fundament unseres Glaubens: Das ewige Leben, das uns Jesus Christus höchstpersönlich verspricht.
Was wird sein, wie wird es sein und wo werden wir sein, wenn unsere Zeit im Hier und Jetzt abgelaufen ist? Eine für uns Menschen begreifbare und detaillierte Antwort finden wir in der Bibel nicht wirklich. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, sagt Jesus Christus. „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich“, schreibt Paulus. „Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein“, ist in der Offenbarung des Johannes zu lesen.
Wir haben uns bei den alten Griechen Ideen abgeschaut von einer unsterblichen Seele, die sich vom Körper trennt, wir denken an Engel, die uns in den Himmel begleiten, wir sprechen von einem hellen Licht, in das wir hineingehen.
Es sind Bilder, in denen da gesprochen und geschrieben wird, Bilder, die erklären wollen, was unerklärbar ist, Bilder, die den Versuch unternehmen, etwas in unseren Verstehenshorizont hineinzuziehen, was nicht hineinpasst.
All das sind Versuche, unserer Hoffnung und unserem Glauben greifbare Konturen zu geben, sie zu konkretisieren und damit unsere Unsicherheit zu vertreiben, vielleicht auch unsere Angst. Doch wir müssen anerkennen, dass all das mit großer Wahrscheinlichkeit viel zu kurz greift und wir Gottes Herrlichkeit damit auf etwas verengen, was wir Menschen mit unserer Begrenztheit gerade noch so verstehen können.
Das, was uns die Bibel verspricht, ist, dass wir auch mit dem Tod nicht herausfallen aus Gottes Liebe und dass wir eine Perspektive haben, die weit über unsere irdische Zeit hinausweist. Damit könnten wir es doch bewenden lassen und uns demütig in Gottes Obhut begeben und darauf vertrauen, dass er sich schon kümmern wird, so, wie er es uns versprochen hat.
Denn schlussendlich kommen wir nicht umhin, einfach mal abzuwarten, was er für uns alle vorbereitet hat. Gott lässt sich nicht in die Karten schauen, doch ich bin mir sicher, dass wir eine Überraschung erleben werden, die im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar sein wird. Amen.

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  Der Schwebende

Der Schwebende

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.11.2023

Im Dom zu Güstrow, der fast so alt ist wie unserer hier, hängt der „Schwebende“; vielleicht das bekannteste Werk des Mecklenburgischen Künstlers Ernst Barlach.
Im Mai 1927 wurde die Skulptur in der Backsteinbasilika zum Gedenken an die Toten des ersten Weltkrieges aufgehängt. Barlach hatte einen Engel geschaffen, von dem er glaubte, dass er „noch nach hundert und mehr Jahren ruhig an seinem Platz hängen wird. [...] Seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern."
Der Schwebende breitet seine Arme nicht aus, er hat auch keine Flügel und trotzdem mutet er wie ein Engel an. Es ist als umarmte und hielte er sich selbst. Die Augen sind geschlossen. Was mögen sie sehen?
Innere Bilder? Erinnerungen an Menschen oder eine untergegangene Welt, an Schlachtfelder, Tote, Trauernde oder eine Erinnerung an Frieden, an Schönheit und Unversehrtheit?
Heute, fast hundert Jahre später, hängt er noch immer da - aber das Erinnern des Schwebenden, der den versehrten Boden nicht berührte, war keineswegs ungestört.
Der friedliche Engel, in den – so schrieb der Künstler 1928 in einem Brief – „mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen ist, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte“ war vielen seiner Zeitgenossen nicht heroisch genug, untauglich als Heldendenkmal. Sie verstanden nicht, in dem Gesicht des Engels „innen und außen“ zu lesen.
Sie konnten mit dieser gewaltlosen Friedfertigkeit nichts anfangen.
Trotz aller Versuche der Kirchengemeinde, dieses kostbare Kunstwerk zu schützen, wurde der Schwebende 1937 von den Nationalsozialisten aus dem Güstrower Dom entfernt. Freunden des Künstlers gelang es immerhin, die Vernichtung des Engels bis 21. April 1941 zu verhindern.
An diesem Tag schreibt die Schrotthandel-Firma Sommerkamp an die NSDAP-Kreisleitung in Schwerin: "Wir bestätigen hiermit, vom Landesbischof der ev.- luth. Kirche Mecklenburg eine Bronzefigur im Gewicht von 250 kg, zum Zweck der Einschmelzung, für die Wehrwirtschaft erhalten zu haben…"
Aber: Gott sei Dank! Es gab einen Sicherungsguss. Versteckt im Wendland überlebte der Engel und hängt nun als Nachguss im Güstrower Dom.
Ganz am Ende eines Kirchenjahres, in dem wir so viele schlechte Nachrichten bekommen haben, schaut dieser Engel uns über das ganze Jahrhundert hinweg entgegen und in sich und uns ins Innere.
Noch immer sind seine Augen geschlossen.
Er sieht uns nicht jetzt, nicht hier.
Vielleicht sieht er, wie wir gemeint sind?
Oder mit Marie Luise Kaschnitz:
„Dein Schweigen / Meine Stimme / Dein Ruhen / Mein Gehen / Dein Allesvorüber / Mein Immernochda.“

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  jetzt sofort

jetzt sofort

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.11.2023

Vielleicht haben ich es schon mal erzählt - dann bitte ich um Entschuldigung… - nach fast zehn Jahren „Wort zum Alltag“ weiß ich es nicht mehr genau. Jedenfalls: ich saß während der Reformationsdekade in einem Konferenzsaal in Dortmund und hörte einem Vortrag des sogenannten „Cheftheologen“ der EKD zu. Ich weiß nicht mehr worum es ging. Der Redner war ein brillanter Rhetoriker und wusste, wie er die Chancen und Herausforderungen des Reformationsjubiläums an die Zuhörerschaft bringen wollte.
Neben mir saß ein bärtiger ostdeutscher Pfarrer, der nach einer guten halben Stunde tief neben sagte: „ich brauch jetzt sofort Gedichte“ und aufstand und ging.
Das ist für mich eine Schlüsselszene geworden.
Wenn die Nachrichten immer schwerer werden, wenn die Themen des Tages erdrücken, dann schaue ich in die Tageslosung und suche ich nach Gedichten - weil in ihnen verdichtet ist, was immer auch gilt: ohne Hoffnung können wir nicht leben. So habe ich es heute Morgen auch gemacht. In meiner Zeitung verfolge ich Tag für Tag das Bangen um Yarden, eine der jüdischen Geiseln. Zu ihr, ihren Leidensgenossen und all den Wartenden, denke ich auch heute mein hin. Aber heute brauche ich Gedichte. Ich habe eines voller unerschrockender Ehrlichkeit von Wolf Biermann gefunden:
„Heute erscheint die Welt / häßlich / hoffnungslos
Das ist die stille Verzweiflung / eines alten Mannes / der in ihr sterben wird
Doch dagegen wehre ich mich / und ich weiß / dass ich in der Hoffnung
sterben werde. Heute / ist die Welt häßlich.“
Heute. Aber dann? Aber dann wird es sein - wie es so anrührend und unbegreiflich schön in der Offenbarung des Johannes über diesem Tag heißt: „Gott wird bei ihnen wohnen“ Bei ihnen. „und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“
Mit dem sanften Druck warmer Hände wird er über die Augen derer streichen, die weinen. Über die Lider, in die Augenwinkel und unter den Augen entlang. So wird er ihre Tränen trocknen. Behutsam voller Zärtlichkeit.

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  Eine Kerze im Sturm

Eine Kerze im Sturm

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2023

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden…“
So heißt es im 126. Psalm.
So wage ich es kaum in den Mund zu nehmen, wenn ich an die gefangenen Geiseln, die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen denke.
Ich kann es mir nicht vorstellen.
Ich weiß, wie sich einem das Herz umdreht, wenn man sein Kind in Not weiß und nicht helfen kann – weil es im Krankenhaus ist oder in einer Krise steckt, weil es weit weg ist.
Ich weiß, welche Unruhe mich überfällt, wenn ich von meinen Kindern nichts höre und nur an den blauen Häkchen unter meinen Nachrichten sehe, dass sie sie geöffnet haben.
Ich ahne, wie es meinen Großmüttern und Urgroßmüttern ergangen sein muss als sie um ihre Söhne und Brüder, ihre Männer und Väter ihrer Kinder gebangt haben und nicht wussten, ob sie sich auf den Postboten freuen oder vor ihm fürchten sollten.
Aber das was die Menschen jetzt aushalten müssen, die ihre Liebsten in der Hand gnadenloser Terroristen wissen, lebendige Verhandlungsmasse, die versuchen, ihre Nächsten mit der Hoffnung am Leben zu halten, ich wüsste nicht, wie das aushalten ohne verrückt zu werden.
David Grossmann, israelischer Schriftsteller und Vater, hat – als er ungefähr so alt war wie ich jetzt – solche Angst um seinen Sohn ausgestanden und ihn in diesem schrecklichen Konflikt schließlich verloren. Vier Jahre später, 2010, bekam er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und sagte in seiner Dankesrede:
„Vielleicht stimmen Sie mir zu, dass das wirkliche, große Drama der Menschheit das Drama der Familie ist. Jeder und jede von uns ist Teil eines solchen Dramas, denn wir alle wurden einmal in eine Familie geboren. …
Ich versuchte zu erzählen, welche Anstren¬gungen Menschen, die in diesem, oder auch in jedem anderen anhaltenden gewalttätigen Kon¬flikt gefangen sind, unternehmen, um in einer von Härte, Grausamkeit und Gleichgültigkeit bestimmten Situation, in der alles darauf ange¬legt ist, das Gesicht des Einzelnen auszulöschen, das komplexe feine Geflecht menschlicher Beziehungen, Sensibilität, Zartheit und Mitge¬fühl zu bewahren. Der Versuch, mitten im Krieg an all dem festzuhalten, erscheint mir wie das Vorhaben, mit einer Kerze in der Hand durch einen gewaltigen Sturm zu gehen. Erlauben Sie mir, Sie jetzt in diesen Sturm mitzunehmen, mit der Kerze in der Hand.“
Diese Kerzen sind vielleicht der Hoffnungsschimmer, mit dem man nach vorn schauen kann.
Vielleicht, hoffentlich, scheint irgendetwas von diesem Licht in die Dunkelheit derer, die jetzt warten und solche entsetzliche Angst haben und in die Finsternis derer, die die Geiselhaft überleben müssen.
Und ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dies Licht von Bethlehem herkommt und irgendwann kraftvoll und hell alle Dunkelheit vertreibt.

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  Buß- und Bettag

Buß- und Bettag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2023

Am vergangenen Wochenende war ich auf einer Tagung mit Menschen, die ich seit Jahrzehnten kenne. Wir haben uns – wie alle Jahre – an einem Thema abgearbeitet und miteinander gerungen und dabei darauf vertraut, dass wir uns kennen und miteinander reden können auch wenn wir verschiedener Meinung sind. Dieses Jahr wurde es eng. Klimakleber, Hamasterror, Gaza …
Wir erlebten schmerzhaft und hautnah, was von Carolin Emcke am Samstag in der Süddeutschen Zeitung so zu lesen war:
„Es gibt für diese Gespräche keine Abkürzungen. Wir müssen uns ihnen stellen, individuell und als Gesellschaft. Wir müssen bereit sein, einander zuzuhören, die Erfahrungen, die Schmerzen, die Argumente der jeweils anderen überhaupt wahrzunehmen. Das wird ungemütlich, das wird schwer. Wir werden dabei Fehler machen. Wir werden Worte sagen, die andere nicht verstehen, die verletzen, weil sie an frühere Erfahrungen rühren, von denen wir manchmal, in unserer Ignoranz oder Privilegiertheit, nicht einmal wissen. Wir werden alle lernen müssen, einander auch zu verzeihen, wenn mal der richtige Ton, der richtige Begriff verrutscht. Jene Gnadenlosigkeit, die allem, was sprachlich misslingt, was in der Geste scheitert, umgehend mutwillige Absicht oder menschenverachtende Ideologie unterstellt, schadet nur. Vielleicht werden Gespräche abgebrochen, vielleicht werden unsere Gegenüber oder wir selbst austreten wollen aus dem Raum, weil wir uns als nicht geschützt erleben. Und dann werden wir, hoffentlich, weiter sprechen, weiter ringen, um Argumente, um Anerkennung, um Verständigung….“
Das haben wir versucht.
Immer wieder. Innehalten. Neu starten. Weiter reden.
Der Schmerzpunkt, an dem das Gespräch vorläufig in Tränen endete, kam an einer unerwarteten Stelle. In eine erregte Debatte zu Israel und Palästina hinein, sagte eine Teilnehmerin: „Was wäre, wenn wir die letzte halbe Stunde statt zu diskutieren gebetet hätten?“
Es war eine ernste Frage. Es war, finde ich, eine berechtigte Frage.
Hätte das nicht am dringendsten Not getan?
Aber die Reaktion eines anderen war nicht nur barsch und verletzend sondern vielleicht auch bezeichnend für unsere je eigene Vorurteilsbeladenheit, die Grenzen unseres Vertrauens in unseren Glauben. Er sagte „Beten allein macht dumm“ …
Später entschuldigte er sich. So hart habe er es nicht gemeint.
Und damit sind wir beim Buß- und Bettag.
Die Zerknirschung des Herzens – contritio cordis - die im Beichtsakrament dem Bekenntnis des Mundes – confessio oris – vorausgeht, kriegen wir noch ganz gut hin. Wir können benennen, was schiefgeht, was uns sorgt oder sogar Angst macht. Wir schaffen es meistens auch noch, zu bekennen, wo wir selbst nicht tun, was wir tun sollten und wollten, wo wir feststecken in unseren Blasen und Systemen. Und wir finden wohl auch dann und wann ins Gebet.
Aber trauen wir dem Gebet zu, unsere Wirklichkeit zu verändern? Beten wir, weil wir von uns selbst absehen können und Gott zutrauen, dass er all unsere Angelegenheiten zum Guten wenden kann, dass sein Friede unsere Erde wirklich erreicht?
Meister Eckart, ein mittelalterlicher Theologe und Philosoph, ein Mystiker, schrieb schon vor Jahrhunderten:
„Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So haltens all jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trosts willen lieben, die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“
Das klingt streng und schmerzlich.
Und zwingt uns in die zweite Runde: Zerknirschung des Herzens und Bekenntnis des Mundes. Ja. Vielleicht ist das so. vielleicht fällt es uns unsagbar schwer, von uns selbst und unserer Wirksamkeit abzusehen und Gott alles zuzutrauen.
Oder mit der Losung über diesem Tag aus dem Hiobbuch: „Wie könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott?“ Lukas mag das gehört haben und entscheidet sich: „Dann will ich mich aufmachen und zu meinem Gott gehen.“
Deshalb sind wir hier.

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  Frieden

Frieden

Christina Siem - 21.11.2023

Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit, als die Kinder noch unverplante Stunden zum Spielen hatten. Sie hatten nicht so viel Technik wie die Kinder heutzutage, dafür aber eigene Ideen, Kreativität und mindestens genauso viel Spaß. Und sie waren wirklich beieinander und nicht nur durch einen Bildschirm verbunden.
Ein beliebtes Spiel war, aus den Buchstaben eines vorher bestimmten Wortes neue Wörter zu formen, je mehr, desto besser. Wenn aus den Kombinationen dieser Buchstaben eine Vielzahl von Substantiven, Adjektiven und Verben entstanden waren, gern auch in anderen Sprachen, dann ließen sich viele Worte verwenden, um daraus eine Erzählung zu schreiben. Diese musste mit dem Ursprungswort in Verbindung stehen. Das Schöne dabei war: es gab keine Verlierer und zum Schluss im Idealfall eine schöne Geschichte.
Das könnte sich damals in etwa so zugetragen haben: Lena und Mereth oder auch Jonas und Leon saßen im Garten, auf dem Heuboden oder bei schlechtem Wetter im Kinderzimmer und hatten sich das Wort „FRIEDEN“ zum Auseinandernehmen ausgesucht. Immer neue Kombinationen der sieben Buchstaben, unter denen es sogar zwei gleiche gab, fielen ihnen ein. Zum Schluss hatten sie mit diesen Buchstaben die stattliche Anzahl von 26 Wörtern gebildet. Damit musste sich doch etwas machen lassen! Nachdem ein Gedanke den anderen gab und hier und da noch etwas geändert worden war, entstand folgendes Ergebnis: (die gefundenen Wörter sind mit Großbuchstaben geschrieben)
In einem Nachbarort wohnt ein kleiner Junge, Paul, der ist gerade fünf Jahre alt geworden. Seine Eltern erzählen ihm jeden Tag eine Gutenachtgeschichte. Darin kommen Zauberer und FEEN, Helden und Menschen wie du und ich vor. Diese Geschichten begleiten Paul durch die Tage und nachts durch seine Träume. Oft kommen in den Geschichten Themen vor, die Paul Unbehagen bereiten: Spannungen, Streit, Krieg. All das verarbeitet er, so gut er kann. Manchmal weiß er dann gar nicht so genau, ob er sich gerade in der Realität oder im Traum befindet. So auch neulich, als er wieder über Kriege nachdachte. Plötzlich sah er eine FEE direkt vor sich, die sah ihn mit ernsten Augen an und fragte: „Paul, was bedrückt dich?“ und sofort sprudelte es aus ihm heraus: „ Ich möchte FREI sein und NIE Kriege erleben! Was kann ich tun, hast du eine IDEE?“ Die FEE schien diese Frage erwartet zu haben und antwortete in einer seltsamen, bruchstückhaften REDE: „ DIENE mit EIFER! REIFE! Sei FEIN und REIN!“ Plötzlich wechselte sie teilweise ins Englische: „Put an END to the FIRE auf der ERDE, make an enemy a FRIEND!“ und mit erhobenem Zeigefinger fügte sie hinzu: „NIE NEID! - Und nun geh‘ hinaus und sei entschlossen wie ein NERD: FINDE EDEN!“ Damit du dir das alles merken kannst, habe ich aus den Buchstaben F, E und D, die sowohl im Wort FRIEDEN als auch als Noten in der Musik vorkommen, eine kleine Melodie für dich geschrieben - die sing‘ und pfeif‘ vor dich hin, wann immer du daran denkst!
In dieser Geschichte hatten die Kinder zwar einige Wörter (z.B. RIEFE, EIER, DIENER, EID, NIERE, RIND, NEED) und natürlich auch die von ihnen nicht entdeckten weggelassen. Sicherlich war der Grund dafür, dass die Uhr schon Abendessenszeit anzeigte und die Freunde sich voneinander verabschieden mussten. Sie freuten sich aber schon auf ihre nächste Geschichte.
Und vielleicht können ja auch wir etwas mit den Aussagen der Fee anfangen…?

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  Spuren

Spuren

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.11.2023

So manches, was wir erleben, hinterlässt dauerhafte Spuren. Da bleibt die freundliche Erinnerung an glückliche Momente, da bleibt Gelerntes aus gemachten Fehlern, da bleibt tiefer Dank für Freundschaft und Liebe. Doch es bleiben auch Narben von zurückliegenden Verletzungen, Schmerz nach erlittenen Verlusten und es bleiben Wunden, die niemals ganz verheilen – Wunden an Körper und Seele.
Wenn Menschen sexuell missbraucht werden, hinterlässt das solche Wunden. Sie sind von außen nicht sichtbar, es sind innere Zerreißungen, ausgelöst durch die gewaltsame Verletzung von Würde und Scham, ausgelöst durch die gewaltsame Missachtung von Intimität und Selbstbestimmung. Es ist besonders perfide, wenn Menschen ihr Vertrauensverhältnis zu anderen für derartige Verfehlungen und Straftaten missbrauchen. Es ist besonders perfide, wenn das in vermeintlich geschützten Räumen geschieht. Es ist besonders perfide, wenn Kirche, die sich der Liebe Christi verschrieben hat, der Ort dafür wird.
In den letzten Jahren haben erschreckend viele solcher Missbrauchsfälle das Vertrauen in die Institution Kirche und zu den dort handelnden Menschen erschüttert. Die Schuld, die auf diesen Menschen und auch auf der Kirche, unter deren sie Dach sie gehandelt haben, lastet, ist groß.
Das Leid der Betroffenen ist schwer in Worte zu fassen. Die erlittenen Traumata sind lebensbestimmend und lebenszerstörend. Ein Ungeschehen-Machen dieser Taten ist nicht möglich und die verletzten Seelen sind nicht durch Geld oder Medikamente zu heilen. Eine echte Wiedergutmachung gibt es nicht. Das mindeste, was zu erwarten ist und an dem alle, die in Kirche Verantwortung tragen, zu arbeiten haben, ist eine rückhaltlose Aufklärung unter sofortiger Einbeziehung unserer rechtstaatlichen Organe und zwar ohne Wenn und Aber!
In einer Gemeinde im Siegerland, in der unsere EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus Pfarrerin und Superintendentin war, ist nun auch ein solcher Verdachtsfall aufgetaucht und es steht die Frage im Raum, ob Annette Kurschus seinerzeit korrekt gehandelt hat. Insbesondere wird diskutiert, ob sie Kenntnis davon hatte, dass Minderjährige von sexuellem Missbrauch durch einen Kirchenmitarbeiter betroffen waren.
Aufklärung hat auch hier höchste Priorität. Und doch muss die Frage erlaubt sein, wie wir als Gesellschaft, als Kirche und als Christenmenschen mit jemandem umgehen, gegen den oder die solche Verdachtsmomente bestehen? Haben nicht auch sie einen Anspruch auf Gerechtigkeit und Fairness? Sind mit dem ersten Wort, das in einer solchen Sache gesprochen oder geschrieben wird, alle Grundlagen für Vertrauen und Respekt zerstört? Auch Vorverurteilungen sind Verurteilungen. Und auch sie können Menschen schwer verletzen.
Es ist wichtig, die Vorgänge, die sich seinerzeit in Siegen zugetragen haben, schnell und rückhaltlos zu klären und dann die Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen. Doch jeder und jede Beteiligte hat neben der Verpflichtung, zur Klärung beizutragen, einen Anspruch auf die Unschuldsvermutung und auf Achtung seiner und ihrer Würde. So hat es uns Jesus vorgelebt und dem sollten wir folgen.
Annette Kurschus ist heute von ihren Ämtern zurückgetreten, um Schaden von unserer Kirche abzuwenden. Dafür gebührt ihr unser tiefer Respekt und als redlicher Schwester im Glauben ist es richtig und wichtig für sie zu beten. Amen

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  Hoffnung

Hoffnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.11.2023

„Ich habe mit allen Freuden und Genüssen dieser Welt vollkommen abgeschlossen, bin so düster und verbittert geworden.“ So schreibt Max Reger 1894 in einem Brief an einen Freund. Eine Reihe von Enttäuschungen mögen der Grund für diese Stimmung gewesen sein. Reger erntet schlechte Kritiken für seine Musik und die Beziehung zu seiner Partnerin geht in die Brüche. Reger sucht Zuflucht im Alkohol – natürlich vergeblich – und er komponiert das Werk, das wir gerade von Kantor Robin Hlinka gehört haben.
Mehrere Choralmelodien sind darin verarbeitet, deren Texte Regers Lebenssituation aufnehmen und widerspiegeln. „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, „Es ist das Heil uns kommen her“, „Herzlich tut mich verlangen“, vielleicht haben Sie sie erkannt. In einer ganzen Reihe der Strophen dieser Choräle werden Todeswünsche geäußert, Wünsche, all das hier auf dieser Welt hinter sich lassen zu können und in großem Vertrauen auf Gottes Gnade endlich in seine Herrlichkeit zu gehen.
Wie viele Menschen auf dieser Welt mögen in unserer Zeit so denken und das vollkommen unabhängig davon, welchen oder ob sie überhaupt einen Glauben haben? Wie viele Angehörige der von der Hamas massakrierten Israelis werden keinen Lebensmut mehr finden? Wie viele Menschen im Gazastreifen, denen es an Nahrung und an Wasser mangelt, werden mit ihrem Leben abgeschlossen haben? Wie sieht es aus in der Ukraine oder in den russischen Familien, die auf Lebenszeichen ihrer Lieben warten, die im Donbass an der Front sind?
Es wird dunkel in uns Menschen, wenn die Hoffnung nicht mehr trägt. Es wird dunkel, wenn wir meinen, keine Chance mehr zu haben, drohendes Unheil abzuwenden oder zumindest aufzuhalten. Es wird dunkel, wenn Lebensinhalte zerbrechen. Es sind nicht immer und Gott sei Dank Todeswünsche, die dann erwachen. Doch oftmals erleben wir Rückzüge – aus Freundes- und Bekanntenkreisen, aus ehrenamtlichem Engagement, aus gemeinschaftlichem Leben.
Für uns alle ist es herausfordernder geworden, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Der Frieden auf dieser Welt scheint immer weiter auf dem Rückzug zu sein, die Stimmung in unserem Land wird aggressiver und gewalttätiger und jene, die die Axt an die Wurzeln unserer Demokratie legen wollen, gewinnen an Einfluss.
Doch gerade weil all dies so ist, wäre ein Rückzug auf uns selbst der falsche Weg und ganz sicher nicht in Gottes Sinn. Denn wir werden auch wieder Osterchoräle singen, die vom Sieg des Lebens berichten und uns Hoffnung darauf geben, dass Frieden und Liebe trotz allem auf dieser Welt eine Chance haben. Und ein Blick auf Ostern ist immer erlaubt, auch und gerade wenn unsere Hoffnung etwas schwächelt. Amen.

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  Gottes Reich ist mitten unter uns!

Gottes Reich ist mitten unter uns!

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.11.2023

In seinem Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom schreibt Paulus folgenden Satz: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Die Christinnen und Christen in Rom hatten es schwer. Sie wurden ihres Glaubens wegen verfolgt, verschleppt und umgebracht und so kostete es großen Mut, sich zu Christus und dessen Botschaft zu bekennen.
Mit dem, was Paulus schreibt, will er Mut machen, durchzuhalten und sich nicht abschrecken zu lassen, von den drohenden Gefahren für Leib und Leben. „Ja, euch droht Leid, aber das, was euch verheißen ist, ist viel größer als alles Leid, das ihr erfahren könnt“, so die Botschaft des Apostels. Und dass er so argumentiert, ist nachvollziehbar, denn, wie schon gesagt, sich zu Christus zu bekennen erforderte eine große Opferbereitschaft.
Die Passage aus dem Römerbrief gilt auch noch heute und in unseren Breiten zu den prominentesten Pauluszitaten. Aber wieso eigentlich? Wir haben doch hier nichts auszustehen, was das Bekenntnis zu unserem Glauben angeht. Ganz im Gegenteil: Wenn jemand neu oder wieder in die Kirche eintreten will, wird er auf das herzlichste begrüßt. Wenn Sie es ausprobieren möchten, sprechen Sie mich gerne an!
Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue: Ich leide nicht. Ich bin glücklich und zufrieden und wenn Paulus dann von „dieser Zeit Leiden“ schreibt, dann fühle ich mich davon beim ersten Hören nicht angesprochen. Beim zweiten Hören allerdings schon. Ja, es klingt wie ein Vertrösten auf die Ewigkeit. Doch man kann diesen Satz auch als Aufforderung verstehen, die Hände nun eben nicht in den Schoß zu legen, und auf die Ewigkeit zu warten, sondern jetzt etwas zu tun.
Christliches Leben hat für mich zwei große Ausprägungen. Da ist einerseits das Leben als ein von Gott geliebter und gewollter Mensch, das Leben unter Gottes Schutz und Segen. Anderseits ist da aber auch das Leben, dass unter Gottes Erwartungshaltung steht, dass wir etwas daraus machen. Gott hat zu Abraham gesagt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Das sagt er auch uns. Wir sollen ein Segen sein – für unsere Mitmenschen und für diese Welt.
Und dazu gehört, die Werte anzunehmen, die Gott uns in Jesus Christus vorgelebt hat: Nächstenliebe, Respekt, Friedfertigkeit und Wahrhaftigkeit. Paulus schreibt nur zwei Sätze weiter, dass die gesamte Schöpfung darauf wartet, dass wir, die wir uns zu Jesus Christus bekennen, als Gottes Kinder sichtbar werden. Man soll uns als Christinnen und Christen wahrnehmen, an der Art und Weise, wie wir mit Gottes Schöpfung, mit unseren Mitmenschen und miteinander umgehen.
Das Reich Gottes ist mitten unter uns, sagt Jesus Christus. Wir haben die Chance, es aufleuchten zu lassen und damit ein wenig mehr Licht hineinzutragen in diese Welt, in der so viel Dunkelheit herrscht – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Wir müssen reden!

Wir müssen reden!

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.11.2023

„Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“
So beginnt der Anfang vom Ende eines großen Bauvorhabens. Der Turmbau zu Babel – einerseits eine Geschichte über menschlichen Größenwahn, andererseits eine Geschichte, die zeigt, welche Kraft Menschen entwickeln können, wenn sie dieselbe Sprache sprechen. Gott selbst bestätigt, dass Menschen alles gelingen kann, wenn sie untereinander einig sind und sich verstehen.
Das ist ja zunächst einmal eine positive Feststellung und sie zeigt, welch großes Zutrauen Gott in uns hat – wobei Zutrauen nicht unbedingt Vertrauen bedeutet. Berechtigterweise, denn der Plan war, sich einen Namen zu machen und den Turm bis an den Himmel zu bauen, bis vor Gottes Haustür sozusagen. Dieser Anmaßung tritt Gott entgegen, verwirrt die Sprache, verhindert also eine zielführende Kommunikation mit dem Ergebnis, dass es sich mit dem Turm erledigt hatte und die Menschen über die ganze Erde zerstreut wurden.
Das ist jetzt ein paar Tausend Jahre her und dennoch erinnert mich die Situation in unserem Land und in unserer Gesellschaft sehr stark an die Ereignisse, von denen die Bibel berichtet. Wie sieht es mit unserer Sprachfähigkeit aus, mit unserem Wollen und unserem Vermögen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die nicht im Kreise derer zu finden sind, mit denen wir uns ohnehin immer austauschen?
Der Ton ist insgesamt deutlich aggressiver geworden – in der Politik aber auch im alltäglichen Umgang. Und oftmals wird versucht, fehlende Sachkenntnis aber auch fehlende Redlichkeit durch Lautstärke zu ersetzen. Die meisten Brüller und die Spitzenreiter bei den Ordnungsrufen sitzen beispielsweise in unserem Bundestag ganz rechts außen.
Doch nicht nur den Ton wird rauer, auch die Offenheit miteinander zu sprechen nimmt ab. Ich stelle bei mir selbst fest, wie schwer es mir fällt, mit einigen Menschen in meinem Umfeld einfach nur zu reden. Da haben sich Standpunkte zu Weltanschauungen verfestigt, und es gibt keinen gemeinsamen Grundkonsens mehr, nichts und niemand erscheint noch vertrauenswürdig und alles wird in Frage gestellt.
Ich sehe darin eine ernstzunehmende Gefahr, denn das beste Mittel, um Konflikte beizulegen, um gute Lösungen für anstehende Probleme zu finden, um zu versöhnen und friedlich zusammenzuleben ist, miteinander zu reden. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, ist eine Eskalation meist nur noch eine Frage der Zeit. Ich sehe keine schnelle Lösung. Paulus schreibt in seinem Hohelied der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“
Liebe ist der Schlüssel, wie so oft, so auch hier. Gott schenkt sie uns überreichlich. Sie hält uns sprachfähig und sie kann verhindern, dass auch unsere Herzen hart werden. Möge Gott geben, dass das gelingt. Amen.

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  Aussätzige?

Aussätzige?

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.11.2023

Über dem heutigen Tag heißt es aus dem Markusevangelium: „Am Abend, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen.“ Jesus ist mit seinen Jüngern in Kapernaum, lehrt am Sabbat in der Synagoge und heilt dort einen Mann, der von einem bösen Geist besessen ist und befreit anschließend eine Frau vom Fieber. Das spricht sich in Windeseile herum und führt eben dazu, dass man alle Kranken und Besessenen zu Jesus bringt, damit er auch sie heilt.
Das passiert nach Sonnenuntergang, also nach dem Sabbat, denn vorher war es verboten. Doch ist das der einzige Grund? Krankheit und insbesondere das Besessensein oder der Aussatz wurden zu Jesu Zeiten als göttliche Strafen verstanden. Die so Erkrankten waren in den Dörfern und Städten nicht mehr willkommen und wurden im wahrsten Sinne des Wortes wie Aussätzige behandelt. Mit denen gab man sich nicht ab, wenn man nicht selbst in Verruf geraten wollte.
Zum Glück ist das heute anders. Zum Glück braucht sich heute bei uns niemand zu verstecken, weil er oder sie krank ist oder sonst irgendwie anders, weil er oder sie eine andere Hautfarbe hat oder eine andere Religion, weil er oder sie eine andere Meinung hat oder ein anderes Lebensmodell lebt. Zum Glück braucht sich heute bei uns niemand deswegen zu verstecken – oder?
Spätestens seit dem 7. Oktober haben Jüdinnen und Juden in unserem Land Angst, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen. Das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit ist gefährlich geworden und die Gottesdienste in den Synagogen finden mittlerweile vielfach unter Polizeischutz statt. Menschen mit Migrationshintergrund stehen mehr und mehr unter Generalverdacht, wenn eine Straftat begangen wurde und es ist dann auf einmal unglaublich wichtig, den Vornamen des Täters herauszubekommen, um kräftigen Dünger an die wuchernden Vorurteile zu geben. Politikerinnen und Politiker, insbesondere auf der kommunalen Ebene, geben ihr ehrenamtliches Engagement auf, weil sie und ihre Familien bedroht werden.
Jesus hat niemanden abgewiesen, der seinerzeit am Abend des Sabbat zu ihm gebracht wurde. Er akzeptiert jede und jeden, er hilft und er heilt. Er fragt nicht nach Herkunft, nach Glauben, nach Bildung oder Vermögen. Alle, die mühselig und beladen sind, sind bei ihm willkommen.
Wir können als Christinnen und Christen ein Zeichen setzen, in dem wir Jesus darin folgen. Wir können ein Zeichen setzen, in dem wir uns mit denen solidarisch erklären, die sich nicht mehr trauen, ihr Leben offen so zu leben, wie es gut für sie ist. Wir können ein Zeichen setzen, in dem wir Hass und Spaltung entgegentreten und die Wege ebnen für Versöhnung und Frieden. Ich glaube fest daran, dass Gott das von uns erwartet und dass er uns in unserem Bemühen darin stärkt. Amen.

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  Aber…

Aber…

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.11.2023

Am vergangenen Sonntag habe ich einen Militärseelsorger kennengelernt und mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Die Aufzählung der Orte, an denen er und seine Kollegen im Einsatz waren oder noch sind, war lang. Dabei waren es nur die Krisengebiete in denen die Bundeswehr im Einsatz war. Momentan bereite man sich auf eine mögliche Eskalation zwischen Serbien und dem Kosovo vor. Das wäre dann ein weiterer Krieg in Europa.
In der Militärseelsorge komme es im Übrigen nicht darauf an, möglichst viele Bibelverse auswendig zu können, sagte er mir. Auch sei es vollkommen unerheblich, ob man nun katholisch oder evangelisch oder sonst was sei. Wichtig ist nur, im Gegenüber den Menschen zu sehen und seine Ängste und seine Sorgen ernstzunehmen. Und manchmal ist es schon genug, einfach nur da zu sein.
Im Gegenüber den Menschen sehen, nicht die Soldatin oder den Soldaten, nicht den Katholiken oder die Protestantin, nicht den Juden oder die Muslima, nicht die Deutsche oder den Migranten. Hört sich sicher gut an, ist aber eine echte Herausforderung, denn sehr schnell kommt uns dieses „Aber“ in den Sinn, das uns den Blick auf den Menschen schneller verstellt, als uns lieb ist.
Es ist dieses „Aber“, das unsere Erfahrungen mit einzelnen Menschen auf eine ganze Gruppe überträgt. Es ist dieses „Aber“, das nicht differenziert zwischen der Person und ihrem Verhalten. Es ist dieses „Aber“, das auf dem Nährboden unserer Vorurteile kräftig wächst und gedeiht.
Dieses „Aber“ ist Auslöser, Begründung und Propagandainstrument in so vielen Konflikten. Auch ein Putin wird nicht bestreiten, dass es in der Ukraine friedfertige Menschen gibt, aber… Natürlich ist es ein Skandal, dass fast täglich Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, aber… Nicht jeder, der Bürgergeld bezieht, ist zu faul zum Arbeiten, aber… Man kann sich gut hinter diesem „Aber“ verstecken, denn es ist eine funktionierende Ausrede, um die Hände weiterhin in den Schoß zu legen. „Natürlich finde ich das nicht gut, aber was kann ich schon tun, aber die sind doch selber schuld, aber der andere hat doch angefangen.
Die Welt zum Besseren zu verändern ist schwer, wenn wir es nicht schaffen, den „Abers“ in den Köpfen den Mund zu verbieten und sie aus dem Weg zu räumen. Gerade uns Christinnen und Christen sollte daran gelegen sein, denn Jesus hat uns vorgelebt, dass Frieden und Versöhnung kein „Aber“ dulden. Amen.

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  Sicher nicht – oder?“,

Sicher nicht – oder?“,

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.11.2023

„Sicher nicht – oder?“, so lautet das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade. Anfänglich hatte ich ein großes Fragezeichen im Kopf, denn ich habe nicht verstanden, was ich anfangen soll mit diesem „Sicher nicht – oder?“. Und damit hatte das Motto bei mir bereits sein Ziel erreicht und ein weiteres Fragezeichen zu all den anderen hinzugefügt, die mir, aber wahrscheinlich nicht nur mir durch den Kopf geistern.
Diese Fragezeichen entstehen aus einer wachsenden Unsicherheit heraus. Worauf kann ich mich überhaupt noch verlassen, wenn ich in diese Welt schaue? So vieles ist in einer Weise im Umbruch, die wir doch niemals für möglich gehalten hätten. Hätten wir noch vor fünf Jahren gefragt: Wird es wieder Krieg in Europa geben, hätten wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht! Hätten wir noch vor 10 Jahren gefragt, ob eine in Teilen faschistische Partei mit erschreckend hohen Mandatszahlen in die Parlamente unseres Landes einzieht, hätte wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht! Hätten wir seinerzeit gefragt, ob in unserem Land und mit unserer Geschichte Antisemitismus, ja offener Judenhass, beinahe unkontrollierbare Ausmaße annehmen kann, hätten wir doch überwiegend geantwortet: Sicher nicht!
Doch nun steht ein „oder?“ im Raum und unsere überzeugten Ausrufungszeichen werden durch Fragezeichen ersetzt, wobei die bereits überflüssig sind, denn vieles einst Unvorstellbare ist mittlerweile Realität. Und die Anzahl existenzieller Fragen wächst. Wie wird künstliche Intelligenz unser Leben und vor allem unser Zusammenleben verändern? Wie gehen wir mit den Folgen des Klimawandels um? Welche Rolle spiele ich ganz persönlich bei all dem? Und wie gelingt es mir, trotz allem in meinem Leben auf Kurs zu bleiben und nicht die Orientierung zu verlieren.
Wenn wir in diesen Tagen des Friedens in besonderer Weise gedenken und für ihn beten, dann geht es natürlich um den Frieden in dieser Welt, an dem es vielerorts so erschreckend mangelt. Es geht aber auch immer um den Frieden in uns selbst. Wir müssen alles, was uns verunsichert, was wir bis vor Kurzem noch für unvorstellbar hielten und was wir als unerträglich empfinden in unser Leben einsortieren – ob wir wollen oder nicht.
Dabei dürfen wir Gott um seine Hilfe bitten, für uns ganz persönlich, für unsere kleine Welt. Wir dürfen ihn um Klarheit bitten und um Kraft, nicht zu resignieren angesichts von so viel Schwerem. Wir dürfen ihn bitten, damit sein Friede, den er der Welt verheißt, auch zu unserem inneren Frieden wird und wir zumindest, was unseren Glauben und unser Gottvertrauen angeht, keine Fragezeichen mehr im Kopf haben. Amen.

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  Martini

Martini

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.11.2023

Heute jährt sich der Geburtstag Martin Luthers zum 540. Mal. Morgen tut das sein Tauftag. Der wiederum auf den Martinstag fällt. Der kleine Junge wurde einen Tag nach seiner Geburt auf den Namen des heiligen Martin getauft und so verschwimmen Figuren und Traditionen, Martinsgans und Martinsumzug sehr gemütlich und wohltuend nach dem allermeist schweren (und nur kurz glücklich aufleuchtenden) Tag gestern.
Für mich wird der Martinstag immer mit Martini in Erfurt verbunden sein.
Dort mischt sich alles ganz besonders eindrücklich. Die schöne alte Stadt hat in dem heiligen Martin aus Tour ihren Namenspatron. Zugleich zählt Erfurt zu den bedeutenden Lutherstätten. Dort war der spätere Reformator Mönch geworden. 1505 war er ins Augustinerkloster eingetreten, 1506 legte er dort sein Gelübde ab. Auf den kalten Steinen hatte er der Länge nach gelegen, in seiner Zelle gelitten und mit seinem geistlichen Begleiter gerungen, bis er endlich Klarheit fand.
Martini in Erfurt – heute Abend um 18.00 – ist also auch sein Fest.
Aus den engen Gassen der Stadt strömen dann Tausende mit Lampions und Kerzen zusammen bis der große Platz zu Füßen des Domes und der Severikirche voll ist. Das ist immer ein traumschönes besonderes Bild.
Zu DDR Zeiten war es noch mehr.
Denn die dritte Seite des Platzes flankierte das wuchtige Gebäude der Staatssicherheit, in dem auch Gefangene in Untersuchungshaft saßen und sich heute eines der eindrücklichsten Museen befindet, das ich kenne.
Es war allen bewusst, was es bedeutete, tausendstimmig auf diesem Platz in diesem Moment das Vaterunser zu beten, gemeinsam zu singen und sich unter Gottes Segen zu stellen. Es war eine Erfahrung von Vergewisserung und Selbstwirksamkeit – gegen die Angst, die Vereinzelung, das Schweigen und die Nische.
Zudem gab es neben den alten Liedern immer schon eine Predigt, die die Friedensdekade und Friedensfrage im Blick hatte während sich die Menschen in Gewaltlosigkeit übten. Das Bild, das alle Jahre auf dem Erfurter Domplatz an Marini zu sehen war, gab es im Herbst 1989 in ganz Ostdeutschland.
Für mich bleibt das Kerzenmeer ein Hoffnungsbild.
Es gibt die vielen. Es ist möglich, behutsam zu sein und dennoch überaus deutlich.

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  9. November...

9. November...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.11.2023

Der 9. November...
Jedes Jahr wieder fällt einem schwer zu glauben, dass Geschichte sich so auf einem Datum versammeln kann, vielleicht folgerichtig versammeln musste.
9. November 1918 – Ausrufung der Republik
9. November 1923 – Putschversuch durch Adolf Hitler
9. November 1938 – Reichspogromnacht
8. November 1939 – Georg Elsers Anschlag auf Hitler
9. November 1989 – Mauerfall
Es ist eine Aufeinanderfolge von Ereignissen, an denen sich die Demokratie aufgebäumt hat und sie verachtete wurde, an denen Einzelne zum Helden und entsetzlich viele zu Tätern wurden, an denen zahllose Jüdinnen und Juden verstehen mussten, dass sie aus sinnlosem tiefsitzendem Hass in Lebensgefahr geraten sind, an dem Freudentränen flossen.
Heute 85 Jahre nach der Reichspogromnacht sind wir an einem unvorstellbaren Punkt wieder angekommen. Wieder hat es einen Pogrom gegeben. Wieder schweigen viel zu viele.
Margot Friedländer, eine der letzten Überlebenden des Holocaust, unermüdliche Zeitzeugin, antwortete dieser Tage auf die Frage, ob der Mensch aus all dem etwas lernen, damit sich schließlich alles zum besseren entwickelt: „Nein. Leider nicht. Ich habe das gehofft. aber ich glaube es nicht.“
Warum spricht sie dann trotzdem vor Schulklassen und Politikern? „Weil man es doch wenigstens versuchen muss.“
Ja. Das muss man.
Mich reißt dieser Gedanke hin und her.
Es scheint so müßig zu sein.
Ich empfinde einerseits eine tiefe Ohnmachtserfahrung angesichts dessen, dass das „nie wieder“ nach 1945 verklungen und verhallt ist, dass wieder laut gehasst wird, dass Jüdinnen und Juden Angst haben müssen. Ja. Müssen.
Und ich spüre große Ratlosigkeit angesichts dessen, dass die friedliche Revolution in der DDR nicht ernstgenommen wird als Ergebnis einer mit vielen persönlichen bitteren Konsequenzen teuer erkauften Einsicht in die Kraft der Gewaltlosigkeit als Weg zum Frieden. Als hätte man das nicht erstritten. Als hätte das nicht funktioniert.
Und wieder der Griff zu den Tageslosungen, die so oft deuten und überschreiben, was wir erleben. Im 118. Psalm heißt es: „Ich sprach wohl in meinem Zagen: ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch Du hörtest die Stimme meines Flehens als ich zu Dir schrie.“
Es ist wieder dringend.

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  Seenotrettung - tatsächlich

Seenotrettung - tatsächlich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2023

Man kann sich wundern:
Während man sich auf dem Migrationsgipfel die Nacht um die Ohren schlägt, während wir glauben sollen, dass sich akute Not ändern wird, weil man Asylverfahren außerhalb von Europas Grenzen postuliert obwohl es dafür weder Partner noch verlässliche Strukturen gibt,
während wir verstehen sollen, dass Menschen, die weniger Bargeld oder Sozialleistungen bekommen würden, sich doch nicht auf den Weg machen,
während wir die Konsequenzen falsch verstandener Freiheit und Toleranz erleben und uns fragen müssen, wo genau Meinungsfreiheit eigentlich ihre Grenzen hat,
während immer weiter Menschen auf dem Weg nach Europa sterben,
startet Braunschweig eine Kampagne für die Seenotrettung.
Was für eine Nachricht.
Seit 2020 gehört unsere Stadt zu den „Sicheren Häfen“, um sich für eine humane – das heißt menschliche, menschenwürdige – Migrations- und Flüchtlingspolitik einzusetzen.
Während die Rettung von Menschen in Seenot kriminalisiert wird,
während unsere Gesellschaft aus vorgeblicher Sorge einen Rechtsruck unternimmt – ich finde nicht, dass es keine Probleme gibt oder dass wir mit dieser Art ungesteuerter Einwanderung den großen Fluchtbewegungen oder der erschöpften Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft gerecht werden -
währenddessen übernimmt Braunschweig die Patenschaft für das Seenotrettungsschiff „Humanity1“. Allein in diesem Jahr konnten durch den Betrieb des Schiffes 900 Menschen vorm Ertrinken gerettet werden.
Nur nochmal zur Sicherheit:
900 Menschen, ein brechend voller Dom zu Weihnachten – sie alle wären sonst jetzt tot.
Es sind keine riesigen Geldmengen, die die Stadt zur Verfügung stellt - in 2023 und 2024 je 5000,00€ - die Nothilfe-Organisation bleibt auf Spenden angewiesen. Aber es ist ein wichtiges Signal.
Gegen alle Stimmen, die dagegen reden:
Wir werden Menschenwürde und Menschenrechte nur schützen können,
wir werden die Demokratie und Friedensfähigkeit unserer Gesellschaft nur erhalten können, wenn wir uns nicht abbringen lassen, von dem was wir für richtig und menschlich halten – auch wenn es nicht am lautesten gebrüllt wird.
Morgen ist der neunte November. Auf unbegreifliche Weise fallen in der deutschen Geschichte zentrale Ereignisse auf diesen Tag.
Wir können der Gleichzeitigkeit rabenschwarzer und leuchtender Momente nicht ausweichen.
Wir können nur einstehen.
„Du bist ein Gott, der mich sieht“ heißt es noch immer über diesem Jahr.
Gott sieht, die in Not sind.
Gott sieht, die helfen können.
Gott sieht, die zögern.
Gott sieht uns. Mögen ihn das nicht zum Weinen bringen.

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  Carmina Burana

Carmina Burana

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2023

Im Braunschweiger Staatstheater hatte die „Carmina Burana“ Premiere. 1803 hatte man die Sammlung 254 mittelalterlicher Lieder in der Klosterbibliothek von Blaubeuren gefunden. Nachdem Carl Off hatte 1936 einen Teil davon vertont hatte, wurde das Werk weltberühmt. Es sind Frühlingslieder und welche übers Fressen und Saufen. Liebeslieder.
Eigentlich ist es ein Chorwerk. Aber hier in Braunschweig hat Gregor Zöllig mit seiner Tanzkompanie eine Choreographie dazu erdacht, die nicht nur das Leben feiert, kraftvoll und voller Wucht – so dass man staunend sieht und spürt: jetzt ist Corona aber wirklich vorbei. Wir sind wieder da und wir leben noch!!!
Schon allein das macht Freude, die guttut.
Aber das Stück schafft mehr. Zwischen all dem Spiel und aller Lust, zwischen Sprachengewirr und jugendlichem Übermut, der Macht des Schicksals und der Gewalttätigkeit eines betrunkenen Abtes entsteht zwischen blau durchscheinenden Tüchern eine Liebesszene. Während die beiden schönen jungen Menschen sich entkleiden, möchte man eigentlich noch schnell stöhnen und die Enttäuschung darüber, dass das jetzt doch nicht sein muss, runterschlucken – aber das wird nicht nötig sein.
Denn die Szene ist nicht nur ungemein anrührend, ebenbürtig, schön – wie die beiden tanzend zwei und eins sind, miteinander, umeinander, gleichberechtigt – es ist auf einmal auch ein hochpolitisches Bild:
Es ist ein Gegenbild zu all den Bildern dieser Zeit: hier sind zwei Menschen,
nicht hassverzerrt, nicht waffenstrotzend, nicht im Schutzanzug oder in Uniform, nicht blutverschmiert, nicht staubbedeckt, nicht missbraucht, nicht verhungert, nicht Parolen brüllend – und auch nicht vereinsamt, nicht weichgezeichnet, nicht marktkonform.
Es sind zwei Menschen.
Zärtlich, verletzlich, nackt, aufeinander bezogen. Jede, jeder ein Du.
Nicht ist peinlich, nichts voyeuristisch.
So könnte es gemeint sein, wenn die Schöpfungsgeschichte erzählt, dass Gott Freude an seinen Menschen hatte, denn sie waren ihm gut gelungen oder wenn der Psalmist betet: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst“, wenn Gott Mensch wird unter uns. Vollkommen uns ähnlich.

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  Der Westfälische Frieden

Der Westfälische Frieden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.11.2023

Am 26. Oktober 1648, fast genau vor 375 Jahren, wurde der Westfälische Frieden geschlossen.
Der venezianische Diplomat Alvise Contarini bezeichnete den Friedensschluss damals als „Weltwunder.“ Dreißig Jahre lang, mehr als eine Generation, hatten Krieg und damit einhergehende Hungersnöte und Seuchen ein irgendwie normales Leben nahezu unmöglich gemacht.
Was als Religionskrieg begann endete als Schlacht um Territorien.
Protestanten zogen gegen Katholiken, Habsburger kämpften gegen Franzosen, Niederländer, Schweden und Dänen. Kaiser und Fürsten rangen um die Vorherrschaft im Reich. Es war ein Weltenbrand.
Um Frieden zu schaffen, musste eine schier unübersehbare Konfliktlage mit zahllosen sich widersprechenden Interessen geordnet werden.
Man verhandelte zutiefst kriegserschöpft fünf Jahre lang.
Zunächst dauerte es allein zwei Jahre, um Rahmenbedingungen zu klären, Mechanismen zu finden, Übersetzungsarbeit zu leisten. Es war nötig voneinander verstehen zu lernen, was ein gerechter Friede sein könnte; aber auch, welche Schmach man sich nicht zumuten kann.
Jeder einzelne Konflikt wurde separat beraten aber alle einte der Wille zum Friede und die Bereitschaft dafür zu sorgen, dass jeder Gesicht und Ehre wahren kann.
Es war nötig, sich kennen und vertrauen zu lernen. Dabei wird geholfen haben, dass viele der Gesandten vor Ort blieben und ihre Familien nachholten. Man rang und lebte miteinander.
Vielleicht lag das Besondere dieses Friedensschlusses darin, dass man auf Augenhöhe miteinander redete und einen gemeinsamen Weg fand, der es vermied, einer Partei einen Frieden zu diktieren, der demütigte und also keiner ist.
Gefragt danach, ob man aus den Verhandlungen vor fast 400 Jahren etwas für die heutige Situation in der Ukraine lernen könne, erklärt die Historikern Sigrid Westphal, dass es ohne den Verzicht auf einen Sieg zugunsten des Friedens auf allen Seiten nicht gehen wird.
Der Westfälische Frieden ist kein Weltwunder. Er ist eine irdische und zerbrechliche Angelegenheit. Auch damals hörten die Kämpfe nicht auf.
Aber doch gibt er Hoffnung, dass Menschen, die dem Frieden nachjagen nicht immer aber immer wieder erleben, dass Friede wird.
Und bis dahin ist uns verheißen, wie es der Prophet Jesaja übe diesem Tag von Gott ausrichtet: „Ich will euch trösten – wie einen seine Mutter tröstet.“

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  Gott är läcker

Gott är läcker

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.11.2023

Eben noch war ich auf der Citykirchenkonferenz in Schweden.
Überall duftet es dort nach Zimtschnecken und ist überhaupt vieles viel süßer.
Jemandem wie mir, die stets und ständig auf der Suche nach Ideenschnipseln für Andachten unterwegs ist, sprang dort die Kette „Gott“ ins Auge, ein Spezialist für Süßigkeiten, 1500 verschiedene sind im Angebot.
Der naheliegende Slogan heißt „Gott är läcker.“
Man zelebriert das samstags: wenn Süßigkeiten ohne Ende gekauft und konsumiert werden und jeder weiß: das ist nur samstags so.
Meine Kollegin an der deutschen Kirche in Göteborg ist eben noch dabei schwedisch zu lernen. Darum verknüpfte sie ihre Begrüßungsandacht mit der dem Scherz: bei uns schmeckt Gott lecker.
Was sonst. Man liest es an jeder Straßenecke…
Sie bewegte dann sehr nachdenklich der Frage, wie Gott denn schmeckt:
Schmeckt er nach Schmalzbrot und Kräutertee – wie in der Studentengemeinde oder nach Freud- und Leidkuchen – wie bei Geburtstagsrunden oder nach Beerdigungen?
Schmeckt er nach Mahangobrei wie bei den Owambos, nach Biryani wie in Indien oder nach Granatapfelsaft wie in Jerusalem?
Schmeckt er nach Nudeln und Tomatensoße wie auf den Kinderfreizeiten oder nach der Kirchentagsnugatecke???
Schmeckt er nach salzigen Tränen?
Nach Rotz und Wasser, nach Schweiß?
Nach fauligem Trinkwasser oder doch wie ein zärtlicher Kuss?
Die Menschen der Bibel träumten von dem einem Land, in dem Milch und Honig fließen, Datteln und Feigen wachsen.
Sie sollen und wollen das Salz der Erde sein.
Jesus Christis schließlich hat das Gedächtnis an ihn, die Erinnerung an seine Nachfolge an den Geschmack von Brot und Wein gebunden.
Heilung und Ganzsein,
Stärkung und Trost,
Vergebung, wir können all das schmecken. Immer wieder.
Im täglichen Brot, im Abendmahl. Und dann aufbrechen und Frieden suchen.

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  Neid

Neid

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.11.2023

Im Jahr 2021 hat das Institut der deutschen Wirtschaft einen Forschungsbericht herausgegeben. Thema: „Die sieben Todsünden“.
Der Text kommt als einer der ersten Treffer zum Thema.
„Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn“ kannte man schon in der frühen Kirche als Triebkräfte menschlichen Verhaltens. Ihre alltagsprägende Destruktivität gilt als Begründung für die biblische Sintflut.
Das Institut der deutschen Wirtschaft interessiert sich nun für Verhaltensökonomie und Entscheidungsmuster. Es ist wohl auch ein Versuch, dem Verdacht, dass Wirtschaft von ausgelebter Völlerei, Gier und Trägheit ordentlich profitiert, zu wehren und - Zitat: „die den Todsünden zugrunde liegenden Motive so zu verändern und zu lenken, dass für alle positive Folgen entstehen.“
Also Folge 1: Der Neid (uns auch bekannt durch die zehn Gebote: Du sollst nicht begehren deines Nächsten…).
Die Verhaltensökonomik nutzt Laborexperimente. Auch Neid kann so untersucht werden. Ein Versuchsaufbau heißt Ultimatumspiel und funktioniert wie folgt: Spieler 1 wird ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Er muss sich entscheiden, wie viel er davon Spieler 2 anbieten möchte, den Rest darf er behalten. Spieler 2 muss das Angebot entweder annehmen oder ablehnen. Im Falle des Ablehnens gehen beide Spieler leer aus.
Eigentlich müsste Spieler 2 jeden Betrag akzeptieren. Alles ist besser als nichts. Aber Studien zeigen, dass die meisten Spieler erst dann annehmen, wenn das Angebot über 30 Prozent des Gesamtbetrages liegt. Mithin: sie sorgen vor allem dafür, dass der Mitspieler nicht zu viel selbst behält.
Es ist ernüchternd wie ausschlaggebend für das Entscheidungsverhalten des Einzelnen der Blick auf den Besitz und das Vermögen des anderen ist.
Die Studie freilich sucht nach positiven Effekten des Neides, der Stimulanz vergleichenden Verhaltens.
Ich habe Zweifel.
Kain hat in Gottes Reaktion auf Abels Opfer keinen Grund gesehen, sich für seinen Bruder zu freuen oder sich selber neu und anders einzubringen. Konkurrenz hat das Geschäft nicht belebt. Im Gegenteil. Es ist Blut geflossen. Denn, so steht es im Buch der Sprüche:
„Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.“ „Todsünde“ ist schon ein gutes Wort.

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  Saure Trauben

Saure Trauben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.11.2023

Mich überfällt dieser Tage ein Wort des Propheten Jeremia, der ausrichtet:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich das Haus Israel und das Haus Juda besäen will mit Menschen und mit Vieh. Und gleichwie ich über sie gewacht habe, auszureißen und einzureißen, zu verderben und zu zerstören und zu plagen, so will ich über sie wachen, zu bauen und zu pflanzen, spricht der Herr.
Zu derselben Zeit wird man nicht mehr sagen: »Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf«, sondern ein jeder wird um seiner eigenen Schuld willen sterben, und wer saure Trauben isst, dem werden die Zähne stumpf.“
Diesen Worten kann ich nicht ausweichen.
Sie machen mich ratlos und traurig.
Es ist als ob alle diese Zusammenhänge gleichzeitig wirksam werden.
Der Nachgeschmack dessen was war, vergeht nicht – er bleibt in unseren Mündern.
Ich lese mit Blick auf den Krieg, den Israel jetzt führen muss und die Reaktion der Staatengemeinschaft: Verantwortung und Verpflichtung, Befangenheit und alte Schuld.
Ich lese mit Blick auf die Waffen und das Geld, das auch wir in die Region geschickt haben: unmittelbare blutige Konsequenzen.
Ich lese mit Blick auf das, was wir jetzt erleben– auch im eigenen Land – angesichts von Hass und Hetze, Angst und Gewalt, eiskaltem Terror: dass immer neue saure Trauben wachsen und verschlungen werden, Zähne stumpf sind und mit ihnen Herz, Verstand und Gewissen.
Und doch sagt Gott:
Es kommt die Zeit.
Nicht nur die, zu zerstören, zu plagen, einzureißen - sondern auch die, zu wachen, zu bauen, zu pflanzen.
Es kommt die Zeit, in der wir die Folgen saurer Trauben nicht nur kennen, sondern endlich lernen, sie nicht mehr essen.
Es kommt die Zeit, in der wächst und Frucht bringt, was Gott sät.
Auch das ist unsere Zeit. Lasst uns nicht aufgeben zu hoffen, zu glauben, zu vertrauen: Frieden ist möglich. Auch für Israel und Palästina.


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