Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Reichweite

Reichweite

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.02.2021

Neulich stand eine Frau vor mir in der Schlange an der Hauptpost, die um sich einen sehr großen Stockschirm drehte und so für Abstand sorgte – sie war außer Reichweite. So wie fast alle anderen Menschen auch - eine Armeslänge Abstand mindestens. Im wahrsten Sinne des Wortes: außer Reichweite.
Dabei nutzen wir das Wort allermeist im übertragenen Sinne.
Reichweite von Signalen und Botschaften, Reichweite von Angeboten.
Auch hier diskutieren wir: ist die Reichweite groß genug, erreichen wir alle oder kommt es am Ende darauf nicht an sondern eben auf das, was passiert, wenn wir einander erreichen und erst recht, wenn Gott uns erreicht.
Reichweite.
„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten…“
Heute kam das Wort „Reichweite“ noch einmal ganz anders auf meinem Schreibtisch zu liegen. „Reichweite Frieden“ so steht es über der nächsten Friedensdekade. Waffen haben Reichweite. Gottes Reich weitete sich aus. Friedensarbeit reicht weit – zurück in die Vergangenheit, rechts und links zu den Nachbarn, nach vorn in die Zukunft.
Auf dem Plakat für diesjährige Friedendekade sieht man Tauben – sie spannen und fliegen ein Netz ohne jede Reichweitenangst. Die Sehnsucht nach Frieden scheint grenzenlos und zugleich gibt immer Knotenpunkte, denn Reichweite ist manchmal doch nur so groß, wie mein Stimme weit klingt, meine Füße gehen und mein Arm langen kann. Aber wenn wir einander dann vom Frieden erzählen, dass ist die Reichweite nahezu grenzenlos, dann erfüllen sich Verheißungen. Darum steht als Bibelwort über dem zehntägigen Friedensgebet im Herbst:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. … Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende …“
Auch der Stern von Bethlehem hat eine ordentliche Reichweite – fast bis zum Licht des Ostermorgens.

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  Sieben Wochen II

Sieben Wochen II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.02.2021

Nun ist es auf einmal schon ganz frühlingshaft, der letzte Schnee ist weggetaut und mit ihm verschwindet der Winter, erst aus den Knochen, dann aus der Seele, hoffentlich endgültig in diesem Jahr. Es geht auf Ostern zu. Aber erst einmal: Passionszeit. In anderen Jahren hätten wir uns irgendeinen Verzicht für diese Zeit vorgenommen. Dies Jahr mutet das fast überflüssig an. Wir sind, wie ich in der Fastenmail der Evangelischen Kirche in Deutschland gelesen habe, doch ohnehin schon „Verzichtsprofis“.
Das Weglassen von Rotwein und Schokolade ist ein zusätzliches Verschärfen dessen, was wir ohnehin schon tun – uns klarmachen, was fehlt bzw. bewusst verzichten – einer größeren Sache wegen.
Aber Passionszeit ist nicht nur Zeit des Verzichts, sondern vor allem auch Vorbereitungszeit auf Ostern.
Wie kann das gehen in diesem Jahr? 40 Tage lang. Das Wort „Quarantäne“ kommt daher. Vierzig Tage bis zum Wendepunkt. Vierzig Tage Versuchung. Vierzig Tage Schutz vor der Außenwelt. 40 Tage. Diese Quarantäne hat ein klares Ende.
Und auch ein Motto. Letztes Jahr hieß die Fastenaktion „Sieben Wochen Zuversicht“. Als das Motto überlegt wurde, hatten wir das Wort „Corona“ noch gar nicht im aktiven Wortschatz. Sieben Wochen Übung in Zuversicht hieß 2020 eigentlich: Sieben Wochen lang für möglich zu halten, dass Ostern wirklich geschieht, dass Auferstehung und Leben schon jetzt und dann erst recht passiert. Sieben Wochen waren das in 2020, die unsere Zuversicht strapazierten.
Carolin Emcke, Publizistin und Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, schrieb jüngst, provinziell zu sein, hieße, sich nichts anderes vorstellen zu können als das was gegenwärtig ist. Sieben Wochen Zuversicht sprengt solche Provinzialität ganz im Sinne des 31. Psalms: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – meine Zeit steht in deinen Händen“, denn die Welt und auch das Morgen sind größer und anders.
Ein Jahr weiter gibt es nun eine neue Fastenaktion.
Dieses Mal heißt sie „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“. Tja… Aber schon im Zweifel, ob das ein gutes Thema ist, taucht seine Chance auf. Warum nicht sieben Wochen herausfinden, was trotz allem geht, warum nicht sieben Wochen lang ohne Abwehr und Skepsis nehmen, was jeder Tag schenkt? Dem Virus können wir so vielleicht nur bedingt beikommen aber die innere Widerstandskraft lässt sich stärken, die verstopfte Seele kann vielleicht wieder besser atmen.
Auf dem Altar liegen Steine und Dornen, sie sind Erinnerungen an die eine alte Geschichte, Bild der magereren Gegenwart. Aber auch: Platzhalter für Osterglocken, Hoffnung, Zukunft, Licht und Farbe. Das lässt sich ausmalen, damit kann man spielen. Und vielleicht erleben wir dann etwas, worauf wir schon ganz lange verzichten: Sieben Wochen Vorfreude! Denn: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

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  Sieben Wochen ohne

Sieben Wochen ohne

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.02.2021

Gestern war der Sonntag Invokavit, der erste Sonntag in der Passionszeit. Das zu diesem Tag gehörende Evangelium berichtet von Jesu 40-tägigem Aufenthalt in der Wüste. Er hat sich dorthin zurückgezogen, um zu fasten und um zu beten. Jesus hat verzichtet, auf Nahrung, auf Wohnung, auf Gemeinschaft.
Für viele Menschen sind die Wochen vor Ostern eine Zeit, in der ganz bewusst Verzicht geübt wird. Die Vorhaben sind sehr unterschiedlich. Da geht es darum, ohne Süßigkeiten oder Alkohol durch die Tage und Wochen zu kommen, weniger Zeit mit dem Smartphone oder dem Computer zu verbringen, den Fernsehkonsum zu reduzieren, oder, oder, oder.
Auch die EKD bietet jedes Jahr ein Fastenmotto an. „Sieben Wochen ohne“ ist es überschrieben und wird in jedem Jahr durch ein besonderes Thema ergänzt. In diesem Jahr ist das Ziel: Sieben Wochen ohne Blockaden. Ein weites Feld!
An allen Ecken und Enden begegnen uns Blockaden, oder besser gesagt, sie bremsen uns aus. Mir fallen so banale wie lästige Dinge wie zwei blockierte Lendenwirbel ein. Ich denke an Handelsblockaden im internationalen Warenverkehr und komme zu blockierten Straßen im Elm und im Harz am vorigen Wochenende, als dort meterhohe Schneeverwehungen im Weg waren.
Unser Leben in den vergangenen Monaten war auch geprägt von Blockaden, was unsere Mobilität anging. Ein Virus stand und steht unserer sonst fast unbegrenzten Beweglichkeit entgegen. Reisen ist kaum möglich und auch die üblichen Kontakte zu Freunden und Bekannten und sogar zu Familienmitgliedern sind blockiert.
Letztgenannte Blockaden werden sich so ohne weiteres und nur aus Eigeninitiative heraus nicht beseitigen lassen. Ein großes Betätigungsfeld mit greifbaren Erfolgsaussichten bietet allerdings die Liste unserer Denkblockaden. Was erlauben wir uns eigentlich noch nicht einmal zu denken? Oder in welche Richtungen haben wir uns gedanklich noch gar nicht vorgewagt, weil wir von vornherein ausgeschlossen haben, dass wir dort Lösungen für unsere akuten Probleme finden könnten?
Wie viele Erfahrungen machen wir nicht, weil uns innere Blockaden daran hindern, neue Menschen kennenzulernen, auch mal mit denen zu reden, die wir nicht so mögen, lange eingeschlafene Kontakte wieder aufleben zu lassen – durch ein Telefonat, eine Mail oder einen Brief?
Sieben Wochen ohne Blockaden können sieben spannende Wochen sein. Und es geht nach meinem Verständnis beinahe weniger darum, zu verzichten, sondern dazuzugewinnen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es im 31. Psalm. Von Blockaden ist da keine Rede und die Freiheit, die uns Gott geschenkt hat, hat mit Begrenztheit und Beschränkung auch wenig zu tun. Die kommenden Wochen können eine gute Zeit sein, um zu erleben und auszuprobieren, was das bedeuten kann. Lassen wir uns einfach drauf ein – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Die Knotenlöserin

Die Knotenlöserin

Henning Böger, Pfarrer - 20.02.2021

„Alle in der Stadt wissen es, alle in der Stadt spüren es: Jetzt ist es Zeit, jetzt ist es so weit. Denn wenn der Wind singend durch die Straßen weht und wenn der alte Hahn viereinhalbmal kräht - dann kommt sie!“ So beginnt die österreichische Autorin Lena Raubaum ihre wunderbare Erzählung von der Knotenlöserin. Die kommt sanften Fußes und frohen Mutes daher, lässt sich am Brunnen der Stadt nieder und nimmt sich mit geduldigen Ohren Zeit für all das, was sie hört und sieht. Und dann bringen Jung und Alt, Mensch und Tier zu ihr, was gelöst werden soll: die arg verknoteten, verworrenen und verwickelten Dingen. Aber die Knotenlöserin weiß auch, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Niemals löst sie alle Knoten, denn: „Manche Knoten müssen sein, manche Knoten sind nicht mein und manche lösen sich ganz von allein.“
Das kleine Büchlein von Lena Raubaum ist eines für Menschenkinder aller Lebensalter. Denn es regt zum Nachdenken an: über die Knoten im eigenen Leben und die verschiedenen Möglichkeiten, diese zu lösen. Jede und jeder kennt sie: die Knoten im Hals, die uns die Luft rauben, so dass wir kaum sprechen können; die verworrenen Beziehungen in Familien- und Freundeskreisen, in die wir manchmal so tiefverstrickt sind, dass wir selbst gar nicht mehr wissen, wo Anfang und Ende ist. Wie gut, wenn dann jemand kommt und hilft, das Wirrwarr wieder aufzulösen - mit Sanftmut, Zeit und viel Geduld.
„Manche Knoten müssen sein, manche Knoten sind nicht mein und manche lösen sich ganz von allein.“ Das ist auch ein schöner Gedanke für die sieben Wochen der Passions- und Fastenzeit. Sie laden uns zwischen Aschermittwoch und Ostern zum offenen und ehrlichen Blick auf unsere Leben einladen: Wo stehe ich und wo stecke ich bisweilen fest? Was braucht Veränderung und Aufbruch? Was ist so verstrickt in mir, dass es Lösung und Befreiung braucht?
Wer diesen Fragen im Glauben nachgeht, der landet nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei Gott. „Du, Gott, kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne." Das sind alte Bibelworte aus dem 139. Psalm. Ich höre sie so: Gott ist wie einer, der alles von mir weiß, der das Wirrwarr meines Lebens kennt und trotzdem nicht irre an mir wird. Ich bin durchschaut, aber von einem, der mich liebt und löst.

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  Hanau

Hanau

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.02.2021

Vor einem Jahr ermordete ein 43-jähriger Mann neun junge Menschen in und vor einer Shisha-Bar in der hessischen Stadt. Anschließend erschoss er seine Mutter und schließlich auch sich selbst. Die jungen Leute, die ihr Leben verloren, waren unterwegs, um einen schönen Abend mit Freunden und Bekannten zu verbringen, zu reden, zu lachen, gute Gemeinschaft zu haben.
Die Motivation ihres Mörders war getrieben von Hass, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und wüsten Verschwörungstheorien. Ja, der Täter war psychisch krank. Aber das ist keinesfalls eine hinreichende Erklärung oder gar Entschuldigung für seine Tat. Möglicherweise war er aber deshalb besonders zugänglich für verdrehte Tatsachen, Lügen und Aufstachelei.
Jesus erzählt uns das Gleichnis vom Sämann. Der Samen, den er auswirft, fällt teilweise auf den Weg und wird von Vögeln gefressen, teilweise auf harten Fels und verdorrt, doch es fällt auch etwas auf fruchtbaren Boden. Und dort keimt die Saat, sie wächst, blüht und gedeiht. In Jesu Gleichnis geht es um Gottes Wort, das sich da, wo es gehört und angenommen wird, segensreich entwickelt.
Doch das, was Jesus hier sagt, gilt in gleichem Maße auch für das Böse. Und es gibt sie eben mehr und mehr, die Sämänner des Hasses, der Verleumdung, der Ausgrenzung und der Lüge. Sie sind unterwegs in geheimen Zirkeln in den Untiefen des World wide Web, anonym in den sogenannten sozialen Netzwerken und auch immer mehr und immer intensiver auf offener Bühne – sogar im Deutschen Bundestag.
Es ist immer wieder derselbe Ablauf: Erst sind es Gedanken und dann sind es Worte und die fallen dann eben auch bei dem einen oder anderen auf fruchtbaren Boden und wachsen sich dort zu Taten aus. Es werden Menschen bedroht, verunglimpft und eben auch getötet, weil sich andere Menschen angemaßt haben, Wertigkeiten für menschlichen Leben zu verteilen. Und ohne Wert kann nach ihrer Auffassung ein Leben dann eben auch weg. Was das bedeuten kann, mussten wir in Hanau vor einem Jahr mitansehen und miterleben.
Ohne Frage muss man die Täter zur Verantwortung ziehen. Aber sie tragen diese Verantwortung nicht allein. Es sind eben auch die Sämänner und Säfrauen, die ihre Hassparolen und Lügen immer und immer wieder verbreiten, so lange, bis sie dann eben wirklich auf fruchtbaren Boden fallen. Die Ernte ist Leid, Gewalt und Tod.
Wir dürfen nicht müde werden, ihnen zu widersprechen. Wir dürfen nicht müde werden, klar und deutlich zu sagen, dass Gott alle Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat. Jeder Mensch, jedes Leben ist gleich wertvoll, unermesslich wertvoll. Und niemand hat das Recht, sich über jemand anderen zu stellen. Das ist die christliche und auch die göttliche Basis für unser Zusammenleben. Und allen entgegenzutreten, die das in Frage stellen, ist, wie ich finde, unser aller Verpflichtung – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Gnade finden

Gnade finden

Heiko Frubrich - 18.02.2021

Über dem heutigen Tag heiß es: „Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.“ Abraham spricht diese Worte, als ihm Gott in seinem Zelt einen Besuch abstattet, in dessen Verlauf er Abraham und seiner Frau Sara eröffnet, dass die beiden trotz ihres hohen Alters noch Eltern werden würden. Sara kann das am wenigsten glauben und zeigt eine entsprechende Reaktion: sie lacht.
Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so beginnt Abraham seine Willkommens-Rede vor Gott. Habe ich Gnade gefunden. Woran merkt man das eigentlich? Mich treibt diese Frage regelmäßig um. Führe ich mein Leben so, wie Gott es von mir erwartet? Wann fülle ich die mir geschenkten Gestaltungsspielräume ausreichend aus, wann laufe ich Gefahr, zu überziehen? Was ist ein gottgefälliges Leben und wo riskiere ich, bei Gott im wahrsten Sinne des Wortes in Ungnade zu fallen?
Ich denke, dass diese Fragen und Gedanken zu jedem Glaubensleben dazugehören, so wie auch unsere Zweifel niemals ganz verstummen werden. Einer, der sich damit geradezu gequält hat, war Martin Luther, dessen Todestag sich heute zum 475 Mal jährt. Er hat sehr gehadert, insbesondere mit seiner Kirche. Luther war Augustinermönch, katholisch natürlich, und er studierte später Theologie.
Luther verstand seine Kirche immer weniger, die sich nach seiner Auffassung mehr und mehr von Gottes Wort und Gottes Botschaft entfernte. Insbesondere der Ablasshandel war ihm zuwider. Gott ist nicht käuflich, so war sein Standpunkt und mit dieser Position war der Ärger und schließlich auch der Bruch mit der katholischen Obrigkeit vorprogrammiert.
Luther vertrat die Position, dass jeder Mensch durch Jesus Christus gerechtfertigt ist und dass die Freiheit, die uns Gott schenkt, nicht durch kirchliche Institutionen und Autoritäten unterdrückt werden darf. Luther hat Mut bewiesen, denn er war anfangs mit seiner Meinung ziemlich allein auf weiter Flur. Doch es hat sich dann auf seinen Impuls hin eine reformatorische Bewegung entwickelt, die den Grundstein auch für unsere evangelische Kirche gelegt hat.
Ich bin mir sicher, dass Luther im Gebet oft die Frage gestellt hat, ob er mit seinem Handeln Gnade gefunden hat vor den Augen Gottes. Schlussendlich war er dann aber mit sich und seinem Tun und Lassen im Reinen. Ob er Gnade gefunden hat, weiß nur er und ob wir Gnade finden werden, wird sich auch erst herausstellen, wenn wir tatsächlich vor dem göttlichen Richterstuhl stehen. Doch im Vertrauen auf Jesus Christus, der unser Fürsprecher ist und im Vertrauen auf Gottes Liebe, dürfen wir zuversichtlich sein, dass der Herr, so wie bei Abraham und Sara auch an uns nicht achtlos vorübergeht. Amen.

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  Aschermittwoch

Aschermittwoch

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.02.2021

Aschermittwoch. Glaubt man einem alten Karnevalsschlager, ist heute alles vorbei. In den Karnevalshochburgen konnte man, mal abgesehen von den beiden letzten Jahren, auch wirklich den Eindruck haben, dass die Welt auf einmal stillsteht. Ein Freund von mir lebt im Rheinland, und er hat mir schon oft geschildert, wie das Leben in den „tollen Tagen“ zwischen Weiberfastnacht und Karnevalsdienstag so abläuft – für einen Bewohner des Braunschweiger Landes ist das alles nur schwer nachvollziehbar.
Heute beginnt nun also die vierzigtägige Fastenzeit bis zum Ostersonntag. Wenn Sie zu Hause am Kalender nachzählen, kommen Sie auf 46 Tage. Die Differenz kommt von den Sonntagen, denn die werden nicht mitgezählt, weil ja jeder Sonntag für sich allein schon ein kleines Osterfest ist. 40 Fastentage sind es in Anlehnung an die Zeit, die Jesus betend und fastend in der Wüste verbracht hat. Er hat 40 Tage lang verzichtet.
Auch wir hier im Dom verzichten: auf Blumen auf den Altären; sie werden ersetzt durch Steine und Dornen, um an Jesu Leiden zu erinnern. Wir verzichten auf das Gloria und das Halleluja in der Gottesdienstliturgie. Beides wird erst wieder in der Osternacht erklingen, dann aber umso festlicher und fröhlicher.
Unsere Gottesdienste werden also stiller, der Kirchenraum schmuckloser. All das soll den Charakter der kommenden Wochen unterstreichen. In der katholischen Kirche werden heute den Gottesdienstbesuchern Aschekreuze auf die Stirn gezeichnet. Die Asche stammt von den verbrannten Palmwedeln des letzten Palmsonntages. Auch dies ein Symbol der Zurücknahme, der Buße als einer Form der persönlichen Reflexion. „Bin ich in meinem Leben auf dem richtigen Weg?“ Diese Frage gehört mit einem klaren Blick auf Jesus Christus in diese Tage.
Genauso sollten wir eigentlich auch den Advent verbringen. Auch er ist eine Buß- und Fastenzeit. Doch wir wissen selbst, dass man das den Wochen vor Weihnachten überhaupt nicht anmerkt – das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die Passionszeit hingegen hat den zu ihr gehörenden Charakter behalten und bietet somit wirklich eine Chance, in sich hineinzuhören und sich Zeit zu nehmen, auch und gerade zu Gesprächen mit Gott.
Vollkommen falschverstanden wäre die Passionszeit aus meiner Sicht, wenn wir sie ausschließlich mit trüben Gedanken, hängenden Ohren und schlechter Stimmung begehen würden. Wir dürfen immer unseren Fokus auf das Licht des Ostermorgens legen, das es auch in unseren tiefsten persönlichen Dunkelheiten hell werden lässt.
So verstanden, sind die kommenden Wochen eine gute Zeit, unser Tun und Lassen zu hinterfragen, ohne uns selbst und unsere Hoffnung in Frage zu stellen. Machen wir uns also auf den Weg durch spannende sieben Wochen – zuversichtlich und doch kritisch, aber immer mit Gott an unserer Seite. Amen.

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  Dein heiliger Engel sei mit mir...

Dein heiliger Engel sei mit mir...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.02.2021

Über diesem Tag heißt es aus dem ersten Buch der Könige: „Alle Völker auf Erden sollen erkennen, dass der Herr Gott ist und sonst keiner mehr.“
Woran, mag man sich fragen?
Daran, dass er das Gefüge der Welt erzittern lässt?
Daran, dass er uns so sehr auf uns selbst zurückwirft, dass wir endlich alle verstehen, dass Menschen nicht als vereinzelte Solitäre gedacht sind sondern als Gegenüberwesen, als Du?
Oder doch daran, dass sehr viele von uns – obwohl nun schon ein ganzes Jahr unseres Lebens von einer Krankheit geprägt wird – gesund geblieben sind?
Ist er der barmherzige Gott, der fürsorgliche Vater oder doch der Fremde und ganz Andere?
Diese Zeit ist eine Herausforderung und geht so oder so jedem an die Substanz. Wenn dann noch Texte wie am vergangenen Sonntag über der Woche zu stehen kommen, die von Gott erzählen, der laut und eindringlich wird, der offenbar mit leisen Tönen nicht zu uns durchdringt, der verlangt, alles aufzugeben und ganz nebenher noch sagt, dass er nicht hören oder sehen will, dass wir den Kopf in den Sand stecken – dann kann das zur Grenzerfahrung werden.
Denn eigentlich sehnen wir uns danach, dass uns einer behutsamen begegnen möge, uns zeigt, dass wir nicht allein sind, der mit seinem Segen Geborgenheit schenkt, uns Hoffnung verheißt.
Aber das ist manchmal aus den Worten und Texten, aus dem was passiert, gar nicht so leicht herauszulesen.
Vielleicht braucht es dafür Engel.
Engel sind Boten und Mittler. Sie überbringen Nachrichten oder Brot und Fleisch. Sie ordnen unsere verwirrten Gedanken und Gefühle im Traum oder stellen sich uns leibhaftig in den Weg. Sie rühren uns an. Sie machen Gott erfahrbar als den, der nahe ist – auch dann, wenn er Schweres von uns will.
Martin Luther schließt seinen Morgen- und Abendsegen mit folgenden Worten: „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine macht in mir finde.“
Es ist die Bitte, bewahrt zu werden – vor allem Schaden und Gefahr, von innen und außen. Mögen Engel um uns sein – aber es ist doch der eine Gott, der sie schickt und von dem es heißt:
„Alle Völker auf Erden sollen erkennen, dass der Herr Gott ist und sonst keiner mehr.“

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  Der Groschen muss fallen

Der Groschen muss fallen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.02.2021

„Es grünt zu grün wenn Spaniens Blüten blühen. Ich glaub, jetzt hat sie‘s, ja, ja, jetzt hat sie‘s!“ Vielleicht kennen Sie diesen gesungenen heiteren Dialog aus „My fair Lady“. Die Blumenhändlerin Eliza Doolittle hat Sprachunterricht bei dem leicht verschrobenen Professor Higgins und nach langwierigen und ruppigen Lehreinheiten kriegt Eliza es endlich hin, ihre Ausspracheschwierigkeiten zu überwinden. Der Groschen ist gefallen, große Euphorie bei allen Beteiligten. „Es grünt zu grün wenn Spaniens Blüten blühen!“
Manchmal brauchen wir wirklich lange, bis der Groschen bei uns fällt. Ich erinnere mich gut daran, wie lange ich in der Schule auf den Regeln für die Bruchrechnung herumgekaut habe. Es wollte nicht rein in meinen Kopf. Doch irgendwann, von jetzt auf gleich, hatte ich es verstanden und seitdem nie wieder Schwierigkeiten damit. Der Groschen war gefallen und ich konnte im Nachhinein gar nicht mehr nachvollziehen, warum es mir so schwergefallen war, die Regeln zu begreifen und zu verinnerlichen.
Das mit dem fallenden Groschen ist aber nicht nur ein Thema, wenn es um Mathematik geht. Auch bei unseren Werten und Haltungen spielt es eine Rolle. Wenn Menschen ihr Leben ganz grundlegend verändern, dann dauert ein solcher Schritt oftmals sehr lange. „Ich habe Jahre gebraucht, bis mir klar war, dass ich in die falsche Richtung unterwegs war“, so etwas ist dann bisweilen zu hören.
Auch in unserer Spiritualität ist das so. Ich selber war jahrzehntelang ohne meinen Glauben unterwegs. Und dann hat es mich vor gut 15 Jahren hier in diesem Dom erwischt, wofür ich sehr, sehr dankbar bin. Auch andere Menschen, die zum Glauben gekommen sind, berichten von solchen Entwicklungen.
Über dem heutigen Tag heißt es: „So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ Sünde ist nach meinem Verständnis alles, was uns von Gott trennt, und ein Sünder ist somit jemand, der Gott nicht an sich heranlässt bzw. sich selbst von Gott entfernt hält. Zu lösen ist eine solche Situation durch Umkehr, durch eine Korrektur der Richtung auf unserem Lebensweg.
Nach dem neuen Kurs muss man dabei gegebenenfalls auch erst einmal suchen. Nicht immer ruft Gott so laut, dass wir ihn sofort wahrnehmen. Aber wenn wir ihn dann gefunden haben und ihm einen Platz in unserem Leben einräumen, dann haben wir es geschafft. Und es ist egal, wie lange wir suchen mussten, es ist egal, ob wir überhaupt erst sehr spät mit dem Suchen begonnen haben: Es wird Freude im Himmel sein! Wenn der Groschen gefallen ist, empfängt uns Gott mit offenen Armen, um uns seine Liebe zu schenken. Und dann blühen nicht nur Spaniens Blüten. Amen.

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  Die Liebe und die Blumen und die Kirche...

Die Liebe und die Blumen und die Kirche...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.02.2021

Mittagsgebet 13. Februar 2020

Morgen ist Valentinstag und wer mag, kann es dann Schokoladenherzen und Rosen regnen lassen. Immerhin, dass wir wieder Blumen kaufen, ist jedenfalls für mich ein echtes Glück. Gerade jetzt, mitten im Winter, sind Frühlingsblumen eine so ungeheure farbenglühende Freude! Jedes Jahr wieder denke ich, dass die vielen Jugenstilmotive mit Tulpen und Ranunkeln, die in sanften Bögen wachsen, unbedingt mal aufgegriffen werden musste für Vasen und Fensterbilder, Gebäudesimse und Ohrringe.
Dieses Jahr ist die Sehnsucht nach Blumen und Freude besonders groß, wenn uns der Valentinstag diese Öffnung beschert – mir ist es recht. Und auch das Reden über Liebesgeschichten tut zwischen all den großen Sorgenthemen gut. Es ist ja ganz wie das Hohelied im Korintherbrief sagt: „Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete…“
Passend dazu gab es auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein paar schöne Liebesgeschichten und zwischendrin den Rat einer Mutter, die ihn ihrerseits von einem niederrheinischen Standesbeamten hatte: Überleg dir, welche drei Schwächen oder Gewohnheiten dich an deinem Liebsten, deiner Partnerin am meisten stören bzw. nerven und toleriere sie. Das wird jede Menge Alltagsärger um Kleinkram vermeiden.
Ein kluger Rat, wie man lesen konnte – denn dieser Prozess des sich-selbst-klar-werdens, welche drei Aspekt nehme ich hin, erhellt ja auch Einiges über mich und meine Unduldsamkeiten. Eine schöne Übung, bei der – wenn es ganz gut geht – am Ende rauskommt, dass es tatsächlich nicht die ganz großen Fehler sind, die wir geheiratet haben , sondern eben nur echte Menschen mit kleinen Macken.
Lässt sich solche Alltagsverträglichkeit auch auf andere Lieben übertragen? Eine Kneipe, einen Fußballclub oder gar unsere Kirche? Was sind die drei Aspekte, die uns da am meisten ärgern und stören? Könnte ich es schaffen, sie stehenzulassen und mich nicht mehr abzuarbeiten an …
Ja, woran? Das ist nicht so leicht zu formulieren. Ist es Mutlosigkeit oder Behäbigkeit? Fremdheit? Brennt da noch unser Herz? Der Gedanke ist noch unfertig aber der Blick wird freundlicher. Denn so schreibt es Paulus, der ja auch am Kirchebauen war und manchen menschlichen Ärger hatte: wenn ich „prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. …Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, …
Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“
Und das Vollkommene ist womöglich nicht mal aus der Welt. Man sieht es an den Blumen…





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  Dresden

Dresden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.02.2021


Während wir hier zum Abendsegen zusammenkommen, würde sich unter anderen Umständen in Dresden eine große Menschenkette bilden.
Tausende Menschen, Alte und Junge, Männer und Frauen, Kinder würden sich bei den Händen fassen und sich so verbinden – symbolisch und leibhaftig.
Seit vielen Jahren ist das die Sprache der Stadtgesellschaft am Vorabend der Bombardierung Dresdens.
Es war ein mühsamer Weg dahin, bis die Erinnerungskultur sich freigemacht hatte von der Legende der Opferrolle, dem Mythos der unschuldig zerstörten Stadt voller Zivilisten. Als wären nicht auch andere Städte in Schutt und Asche gesunken, als wären nicht auch in Hamburg und Köln, in Coventry und Rotterdam Frauen und Kinder, Alte und Kranke, Zwangsarbeiter und Gefangene gestorben, als wären die Nationalsozialisten nicht bis Dresden gekommen, als wären die Ströme von Flüchtlingen aus alten deutschen Gebieten nur hier angekommen…
Die DDR-Ideologie hat das ihre dazu getan und angloamerikanische imperialistische Kriegstreiber für alle Zeiten als Täter festgeschrieben.
Solches erkennen schützt nicht immer Wiederholung aber man kann daraus lernen. Erinnerung beschreibt eben nicht unbedingt richtig, was wirklich passiert ist, sondern das was wir erinnern wollen oder können, was im Laufe des Lebens die eigene Geschichte geworden ist. Manches holen wir immer wieder hervor und erzählen es mit den immer gleichen Worten. Anderes versinkt in Sprachlosigkeit. Jede Familie hat ihre Geschichte. Manchmal ist das Gedächtnis dabei gnädig und spaltet zu Schmerzhaftes ab, manchmal ist es verworren und manipuliert von Bildern und Worten, manchmal glaubt es erlebt zu haben, was wir nur immer wieder hörten.
Die Eindringlichkeit der Zeitzeugen trifft deshalb auf die Unwissenheit der Nachgeborenen, die Wunden auf Arglosigkeit. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb tragen alle Verantwortung für die Friedensfähigkeit unserer Gesellschaft.
Insofern ist eine Menschenkette ein wirklich gutes Bild. Menschen verbinden sich mit ihrer je subjektiven Sicht auf die Dinge und Erfahrung zu einem großen Symbol – rauhe und knorrige Hände umfasst von weichen kleinen Fingern, warm sie alle. Menschenhände alle miteinander. Hände, die nicht zerstören, nicht wüten, nicht töten sondern berühren und halten.
Ein gutes Bild, erst recht wenn eine Stadt dazu im Schnee versinkt als stünden alle auf einem weißen Tuch, um einen weißgedeckten Tisch, unschuldig, rein, neu…
So wird es heute nicht sein können. In Dresden werden aber Bilder von Menschen mit ausgebreiteten Armen und geöffneten Händen, die heute zusammenkommen wollten, an Gebäude projiziert. Ein Bilderreigen, der verbunden wird durch den Klang der Glocken – in einer stillen weißen Stadt.
Irgendwann gehört auch das zu den Erinnerungsbildern. Hoffentlich.

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  Erfahrung

Erfahrung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.02.2021

Je länger je mehr verschwinden die Selbstverständlichkeiten aus unserem Leben. Wie geht Vorfreude, wenn Planen schwierig ist? Wie geht Demokratie, wenn Abstand und Kontaktverbot gelten? Wie geht Macht, wenn Wahrheitsfindung komplex und Interessen verschieden sind? Wie geht Selbstfindung und Selbstwerdung wenn der Resonanzraum fehlt?
Während ich mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden darüber schreibe, wie sie sich Gott vorstellen, was sie ihn fragen möchten, erahnen wir neu, was wir schon immer nicht wissen und auch warum Glauben dann doch ein Geländer ist.
Wie stellst du dir Gott vor? „Erfahren“ schreibt ein Junge. Er ist 14 Jahre alt und ich denke mir, dass es nicht von ungefähr kommt, dass Erfahrung auf einmal etwas ist, das mit Gott assoziiert wird, eine göttliche Eigenschaft – wie Allmacht und Gnade. In der alten Welt war Erfahrung etwas, das Menschen im Laufe ihres Lebens sammeln und zu Rate zogen, wenn etwas Unvorhergesehenes passierte. Erfahrung macht gelassen und zuversichtlich. Erfahrung hilft einzuschätzen, was da im Kommen ist.
Aber mit einem gesamtgesellschaftlichen Stillstand – weltweit – hat niemand Erfahrung. Auch nicht mit einem globalen Impfprogramm mit neuen Impfstoffen über deren Wirksamkeit keine Erfahrungsberichte vorliegen. Ich könnte das lange fortsetzen.
Was möchtest du Gott gern fragen?
Ich hätte gedacht, dass meine Konfirmandinnen schreiben: Wann ist Corona zuende? Warum lässt Gott das alles zu? Aber sie haben offenbar intuitiv verstanden, dass Gott größer und näher zugleich ist, denn sie fragen:
Wozu gibt es mich?
Was hat er mit mir vor?
Und diese Frage korrespondiert dann auf einmal mit Gedanken, warum heiße ich, wie ich heiße – ist die Farbe meines Lebensgefühl, grau, schwarz oder doch hellgelb? Es ist sehr viel Erdenschwere in all dem Denken. Kein Konfirmandenunterricht, der in irgendeiner Weise selbstverständliche Formate und Antworten birgt.
Aber ein neues Horchen und dann doch Vorfreude – auf die Konfirmation, auf den Chor, auf den Frühling, auf irgendwas jenseits all unserer Erfahrung.

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  Kräftiger und schärfer und lebendig

Kräftiger und schärfer und lebendig

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.02.2021

Zur Stille durch die Pandemie kommt nun die einer tief verschneiten Stadt und während ich das Dokument für diesen Text öffne, fliegen Kraniche übers Haus, laut trompetend. Es werden immer mehr. Unwirklich das alles. Beinahe dystopisch.
Am Freitag hatte ich hier noch gesagt, wie mühsam es ist, physisch, leiblich nachzuvollziehen, was passiert, wie sehr uns fehlt, dass wir nicht körperlich und gemeinsam verarbeiten können, was die Seele noch nicht fasst. Sie kommt ja, wie die Afrikaner sagen, zu Fuß hinterher.
Inzwischen hat die Natur ein sehr markantes Ausrufungszeichen gesetzt. Noch eine Dimension mehr, um die Krise erfahrbar zu machen. Auch physisch. Nix geht mehr.
Und dann heißt es über dieser Woche in der Lesung aus dem Hebräerbrief:
„Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“
Lebendig und kräftig und schärfer.
Ja, sowas brauchen wir jetzt!
So stand es über dem Kirchentag 2007 in Köln. Die Wise Guys sagen damals: „Zusammen erleben, was das Leben ist... / lebendig und kräftig und schärfer. / Und spüren, dass du nicht alleine bist – / lebendig und kräftig und schärfer.“
Und es klang mit, dass wir dank Gottes Wort politischer, mutiger, klarer werden können. Das braucht es nach wie vor unbedingt auch.
Und doch höre ich heute noch anderes darin.
Gottes Wort scheidet Geist und Seele. Mark und Bein.
Es trennt Denken und Fühlen, innen und außen.
Denken und entscheiden, klären und abwägen, so begründet und nachvollziehbar wie nötig, so gerecht und barmherzig wie möglich, unbeeindruckt von seelischer Bewegung – macht Gottes Wort das?
Ja, vielleicht. Denn so sehen wir, dass es jetzt nicht nur um unsere je eigene Gesundheit geht, sondern auch darum, dass die Menschen in den armen Ländern der Erde schnell geimpft werden; dass nicht nur hier Zukunftschancen schwinden sondern anderswo Anstrengungen von Jahrzehnten gegen Kinderarbeit und Hunger zunichte gemacht werden, dann zeigen Schnee und Kraniche, dass wirtschaftliche Erholung nicht weiter auf Kosten des Klimas gehen darf, sonst sitzen wir ganz demnächst noch ganz anders fest.
So denkt es in mir. Und die Seele, die vom Geist durch das Wort Gottes geschieden ist, tut das ihre, damit wir in all dem Menschen bleiben: sie schmerzt und leuchtet, erinnert und wärmt. Denn Gottes Wort ist nicht nur kräftig und schärfer; es ist auch lebendig.

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  Zutrauen

Zutrauen

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.02.2021

Vor kurzem haben wir der Verklärung Christi gedacht. Die Evangelisten berichten, wie Jesus mit drei Jüngern auf einen hohen Berg geht und dort vor ihren Augen zu einer Lichtgestalt wird. Mose und Elia sind zu sehen und Gott selbst spricht zu der Gruppe: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören!“ Die Jünger sind, wen wundert‘s, von diesem Erlebnis geradezu überwältigt. Wann wird einem Menschen so etwas schon zuteil.
So wunderbar diese Geschichte auch ist, es lohnt sich weiterzulesen. Denn als Jesus und seine Jünger vom Berg zurückkommen, trifft sie der raue Alltag mit aller Vehemenz. Die zurückgebliebenen Jünger streiten sich laut und heftig mit einigen Schriftgelehrten, mittendrin ein verzweifelter Vater, der seinen von einem Dämon besessenen Sohn zu ihnen gebracht hat, in der Hoffnung, dass die Jünger helfen könnten. Das aber hat nicht funktioniert. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Menschen wütend, enttäuscht, desillusioniert.
Jesus ist richtig sauer. Als ihm der Vater berichtet, wie hilflos seine Gefolgsleute waren, bricht es aus ihm heraus: „O du ungläubiges Geschlecht! Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen?“ Kennen Sie diese Bibelverfilmungen aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts? Davon gibt es eine ganze Menge und was sie alle miteinander verbindet, ist, dass Jesus dort in aller Regel als stoischer Held dargestellt wird, der auf mich schon fast emotionslos wirkt. Diese Geschichte zeigt uns einen ganz anderen, einen höchst menschlichen Jesus, dem auch durchaus mal der Draht aus der Mütze fliegt, wenn das Maß voll ist.
Schlussendlich erklärt er seinen Jüngern aber, woran es gehapert hat. Ihr Glaube war zu schwach, sie hatten einfach zu wenig Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das ist oft genug ein Grund, aus dem heraus Vorhaben scheitern. Es ist unglaublich wichtig, dass wir mit ausreichendem Gott- und Selbstvertrauen an die Sachen herangehen, die vor uns liegen. Wenn ich von vornherein denke, dass eine Aufgabe, die ich zu lösen habe, zu groß für mich ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht klappt deutlich höher, als bei einem Herangehen, das geprägt ist von: „Das kriegen wir schon hin!“ Das ist diese Geschichte von der selbsterfüllenden Prophezeiung.
Und nun kommt dieser Jesus von Nazareth und hält uns vor Augen, dass er uns was zutraut. „Ihr könnt das! Ihr kriegt das hin, wenn ihr nur auf euren Glauben und auf Euch selbst vertraut!“ Mit Glauben, so groß, oder besser gesagt, so klein wie ein Senfkorn, könnt ihr Berge versetzen, sagt er. Und wenn schon Jesus eine so hohe Meinung von uns hat, warum sollen wir dann nicht selber von der Kraft unseres eigenen Glaubens überzeugt sein? Und wenn‘s dann doch mal eng wird: Gott ist an unserer Seite – mit Barmherzigkeit und Liebe. Und damit ist so manches zu meistern. Amen.

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  Jenseits der Grenze des Erträglichen

Jenseits der Grenze des Erträglichen

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.02.2021

Man sieht es mir ein bisschen an: Sportliche Aktivitäten sind nicht unbedingt mein Lebensmittelpunkt, weder theoretisch noch praktisch. Meine guten Vorsätze, regelmäßig für Bewegung zu sorgen, haben meist nicht allzu lange gewirkt. Immerhin bin ich zahlendes Mitglied in einem Fitnessstudio, oftmals biege ich aus der Umkleidekabine aber gleich in Richtung Sauna ab.
Aber eine gewisse Unsportlichkeit hat auch Vorteile. Wenn ich manchmal erlebe, wie es Menschen die Stimmung verdirbt, wenn der geliebte Fußballverein am Wochenende verloren hat, bin ich ganz froh, dass mir das alles herzlich egal ist. Gerade in unserer Stadt ist ja die Eintracht für viele ein Stück Braunschweiger Lebensart, ein Stück Braunschweiger Kultur. Sogar hier bei uns im Dom gab es nach dem Aufstieg der Mannschaft in die zweite Liga 2011 eine Andacht für den Verein und mit dem Verein.
Seit Mitte der Woche ist Eintracht wieder in den Schlagzeilen, diesmal allerdings nicht wegen sportlicher Erfolge. Sogenannte Fans sind im Stadion aufgetaucht und haben dort ihre Mannschaft für das nächste Spiel motivieren wollen. Dass dabei die Corona-Regeln wie das Abstandsgebot und die Maskenpflicht nicht beachtet wurden, ist an sich schon ziemlich daneben, dass dann aber Sprüche wie „Hass und Tod dem HSV“ und „Hannover verrecke“ skandiert wurden, ist, wie ich finde, weit jenseits der Grenze des Erträglichen.
Es ist kein Geheimnis mehr, dass Gedanken zu Worten werden und Worte zu Taten. Die Verrohung von Sprache ist ein erstes und warnendes Zeichen, dass sich im Zusammenleben von Menschen etwas in die vollkommen falsche Richtung entwickelt. Wir erleben das leider immer häufiger im politischen Diskurs, insbesondere aus einer ganz bestimmten Ecke. Und dass die gewählten Formulierungen uns in ihrem Duktus ganz eindeutig an die finsterste Zeit der Deutschen Geschichte erinnern, ist offensichtlich.
Da stellt sich dann schon die Frage, ob so etwas, sozusagen als Kollateralschaden, auch zur Braunschweiger Lebensart und Kultur dazugehört? Ich lese und höre, dass derartige Anfeuerungsrufe im Fußball nichts Besonderes sind und eben einfach dazugehören. Man möge das doch nicht überbewerten. Das darf doch aber bitte nicht wahr sein, dass es hier, von allen geduldet und teilweise sogar goutiert, eine Nische gibt, in der solche Parolen salonfähig sind. Dann darf man sich bitte auch nicht wundern, wenn es um sportliche Ereignisse herum zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Die Sprache macht den Anfang, die Taten folgen.
Ich denke, dass es wichtig ist, hier wachsam zu bleiben und solchen Ausbrüchen laut und vernehmlich zu widersprechen, auch und gerade als Kirche, auch uns gerade hier im Dom. Christliche Werte haben ein friedliches und respektvolles Miteinander aller Menschen zum Ziel, das geprägt ist von gegenseitigem Respekt und von Wertschätzung. Selig sind, die Frieden stiften, sagt uns Jesus Christus. Und wo wir uns davon entfernen, auch verbal, bedarf es deutlicher Kurskorrekturen – auch beim Fußball. Amen.

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  Und der Leib...

Und der Leib...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.02.2021

Zu diesem Tag heute heißt es in der Apostelgeschichte: „Und siehe, der Engel des HERRN kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von den Händen.“ Und dann sagt der Engel weiter, er möge anziehen und Mantel und schuhe schnappen und mitkommen. Petrus folgte ihm und dann heißt es: „Und er wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschah.“
Da passiert völlig Unvorstellbares und ehe Petrus sich versieht, steht er in einem anderen und neuen Leben. Draußen vor der Tür. Seine Freunde erschrecken sich. Es dauert, bis jemand sein Klopfen ernstnimmt und ihm aufmacht.
Eigentlich eine sehr schöne und ermutigende Geschichte, die man dieser Tage wirklich gut gebrauchen kann, denn zuallererst ist es ja ein Befreiungswunder. Nach so was sehnen wir uns auch: dass wir rausgerissen werden aus den Beschränkungen und all die Ketten hinter uns lassen und bei unseren Freunden an die Tür trommeln und dann mit ihnen losziehen. Wirklich eine gute Geschichte und warum sollte nicht auch hier irgendwann ein Engel des Herrn mit seinem Licht reinleuchten und sagen: Steh auf, es geht weiter!
Das genügt schon für eine freundliche Abendandacht. Aber diese Geschichte hat noch einen zweiten sehr aktuellen und lebensnahen Aspekt. Es ist eine Geschichte, die Petrus kaum verarbeiten kann. Sie braucht physische Aspekte.
Wie wir auch. Denn wir sind Menschen mit Leib und Seele. Körper und Herz. Kopf und Verstand.
Wenn Petrus sich einfach nur wieder draußen vor dem Gefängnis vorgefunden hätte, wie wollte er dann zurückfinden in seinen Alltag? Würden Herz und Seele nicht drin bleiben? Wenn wir Menschen begleiten und trösten wollen, wie soll das gehen über Zoom, wo es doch nicht auf Worte ankommt, sondern auf die Wärme einer Hand und dass da einer ist und bleibt. Wie soll man Hochzeit feiern oder einen Menschen begraben, ohne miteinander zu essen und zu trinken, zu lachen und zu weinen, sich in den Armen zu liegen?
Ja, es muss sein. Ja, es ist großartig. Ja, es ist traurig. Aber wie sollen wir das verdauen, wenn wir es nicht körperlich zelebrieren können?
Als der verlorene Sohn heimkommt, lässt der Vater sofort ein Kalb schlachten und ein Festmahl zubereiten. Erstmal runterschlucken, was da alles hochkommt. Erstmal begießen, was sich da alles angestaut hat.
Das brauchen wir und auch Petrus. Er muss seine Schuhe an den Füßen spüren, die Ketten fallen hören, den Knöchel an der Tür wund klopfen, damit es wahr wird.
Und zugleich: Es ist das Wort, das alles in Bewegung bringt.
Irgendwo dazwischen sind wir auch und gut, wenn es dann in den Tageslosungen weiter heißt (nach Hanna Hümmer): „Wage es, dich in die Armut deines Herzens fallen zu lassen und du wir erleben, dass auf dem Grund des Nichts der Anfang von Glauben geschieht.“

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  153 Fische

153 Fische

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.02.2021

„Reicht es denn nicht, Herr, dass die Welt uns einpfercht und für unfähig hält, in der Öffentlichkeit auch nur irgendetwas für dich zu tun, was etwas wert wäre …“
Fast 500 Jahre alt ist diese Klage. Teresa von Ávila hat mit diesen Worten gehadert. Als Frau konnte sie ihrer Kirche nicht so dienen, wie sie das gern gewollt hätte, denn die katholische Kirche hatte und hat ihr Priesteramt Männern vorbehalten.
500 Jahre später hat sich unsere Schwesterkirche auf einen synodalen Weg gemacht.
Anlass war die dringend notwendige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.
Aber inzwischen kristallisiert sich heraus, dass die Teilhabe von Frauen an den Ämtern der katholischen Kirche zur wichtigsten Zukunftsfrage wird. Deshalb hat sich die Benediktinerin Philippa Rath auf den Weg gemacht, Zeugnisse dafür zu sammeln, dass sich Frauen sehr wohl berufen wissen. Sie will damit Bischöfe widerlegen, die meinen, das käme eigentlich gar nicht vor.
Schwester Philippa schrieb am 26. April 2020 an zwölf Frauen und bat sie, ihre Berufungsgeschichte aufzuschreiben, von ihrem Weg zu erzählen, von ihrem Scheitern und ihrem Schmerz. Fünf Wochen später, zu Pfingsten, 2020, hatte sie 150 solchen Zeugnisse in den Händen. Und drei Berichte von Männern, die sie unterstützen wollten.
153 Texte.
Eine krumme Zahl. Eine biblische Zahl.
Denn im Johannesevangelium wird erzählt, wie Petrus nach einem vergeblichen Fischzug von Jesus aufgefordert wurde, noch einmal hinauszufahren, das Netz noch einmal auszuwerfen, dieses Mal zu anderen Seite, zur rechten und dann heißt es: „Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da stieg Simon Petrus hinauf und zog das Netz ans Land, das mit großen Fischen gefüllt war, 153 Stück; und obwohl es so viele waren, riss das Netz nicht.“
153 Fische.
Vielleicht ist das Zufall.
Vielleicht ist es aber eine wirkliche Pfingstgeschichte.
Wenn Petrus nicht den Mut gehabt hätte, noch einmal rauszufahren – obwohl er es für unsinnig hielt – er wäre leer ausgegangen, leer geblieben. Was wäre also, schreibt Schwester Philippa, „wenn wir uns von dieser Erfahrung des Petrus inspirieren ließen, … wenn wir heute noch einmal die Netze in unbekannten Gewässern auswerfen würden?“
Die Sammlung all der Frauentexte ist ein überreicher Fischzug, der erahnen lässt,
wie viele Gaben und Ressourcen verschwendet und missachtet werden. Dieser Fischzug lässt die Fülle all dessen aufleuchten, wie Kirche sein könnte heute, hier und jetzt.
Erstmal ist daraus ein Buch geworden, „weil Gott es so will“ – aber vielleicht wird daraus auch ein wunderbarer neuer Weg in unserer Schwesterkirche - heraus aus dieser mageren mühsamen Zeit.



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  „Matthäi am Letzten“

„Matthäi am Letzten“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.02.2021

„Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Mt 28,20
So steht es altmodisch gesagt bei „Matthäi am Letzten“.
Letzteres ist eine Redewendung, die allermeist anzeigt, dass es mit einer Sache schlecht steht und ungewollt zu Ende geht, dass etwas oder jemand nicht mehr zu retten ist.
Wenn Matthäi am Letzten ist, dann sieht es nicht gut aus.
So gesehen ist es beunruhigend, dass das Strategiepapier unserer Landeskirche „Lebendige Kirche 2030“ mit Matthäi am Letzten beginnt und dann auch noch mit der Zusammenfassung einsteigt. Wobei: die „Zusammenfassung“ erweist sich als lesefreundliches Konzentrat dessen, was später gründlich ausgeführt wird. Anlass des Strategiepapieres sind Befunde aus der sogenannten Freiburger Studie. Sie machen einen Prozess nötig, innerhalb dessen wir uns klar werden müssen, wie wir kirchliche Arbeit zukünftig gestalten wollen, denn was die puren Zahlen betrifft – Mitgliedschaft, Kirchensteuern, Gotteseinstbesuch – sind wir als Kirche in Kurven und Diagrammen ausgedrückt demnächst bei Matthäi am Letzten angekommen.
Kaum noch zu retten.
Einerseits. Aber anderseits ist es dann zum Glück doch auch ein Papier, welches sich an den Grund unseres Glaubens erinnert. Wir leben allein aus Gnade und das heißt ja, dass Gottes Wirksamkeit nicht abhängig ist von dem, was wir schaffen und machen können. Trotzdem geht allerlei. Sein Wort und Gaben sind uns anvertraut und darin liegt ja schon wortwörtlich begründet, dass ohne Vertrauen nichts gehen wird. Vielleicht, hoffentlich, darum steht nun auch im Papier unserer Landeskirche kursiv und hervorgehoben, dass „die wichtigste Aufgabe darin bestehen wird, Vertrauen bei allen, die in der Kirche mitarbeiten, zu bestärken.“
Mir wäre lieb gewesen, wenn es „erbitten“ geheißen hätte.
Aber egal, erstmal zeigen solche Sätze ja, dass es mit Matthäi noch nicht am Letzten ist. Wobei: der letzte Vers des Matthäusevangelium klingt gar nicht so sehr nach Ruin und Untergang. Wer weiß woher er die Tönung bekommen hat. Der letzte Vers klingt nach Schutz und Beistand bis zum letzten Moment:
„Siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“
Darauf lässt sich vertrauen.
Und so kommt es auch gut über solch einem Papier zu stehen.

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  Sternstunden

Sternstunden

Henning Böger, Pfarrer - 02.02.2021

Es gibt Augenblicke, die man nie vergisst: „Sternstunden“ nennen wir sie. Auch in der Bibel gibt diese magischen Momente. Von einem erzählt das Evangelium des vergangenen Sonntags: Jesus führt drei seiner Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes, auf einen Berg. Dort erleben die drei, wie Jesus in ein überirdisches Licht getaucht wird, und sie hören eine Stimme vom Himmel: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Matthäus 17,5) Für die drei Freunde Jesu ist es einzigartige Erfahrung, ein von Gott erfüllte Moment. Sie würden alles geben, um ihn für immer festzuhalten: „Augenblick, verweile doch!“ Aber das wird ihnen von Jesus verwehrt, denn sein Weg führt vom Berg hinab, aus dem göttlichen Glanz in die Dunkelheit der Welt. Auch ich weiß das ja: Sternstunden sind Moment-aufnahmen und nicht für die Ewigkeit gemacht. Aber das, was wir in ihnen erleben, das prägt uns dann oft für ein ganzes Leben.
Es ist vielleicht kein magischer Moment, aber doch eine große, historische Stunde, als der Sozialdemokrat Friedrich Ebert im Februar 1919 in Weimar zum ersten Reichspräsidenten gewählt wird. Der erste Weltkrieg ist verloren, die Monarchie hat abgedankt und das Deutsche Reich ist eine Republik geworden. Bei seiner Vereidigung sagt der vom Weltkrieg gezeichnete Ebert folgende Sätze: „Mit den alten Königen und Fürsten von Gottes Gnaden ist es für immer vorbei. Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst. Das ist der einzige Trost und Halt, an dem es sich aus dem Blutsumpf des Krieges und der Niederlage wieder herausarbeiten kann.“
Eine Sternstunde der Demokratie, die sich jedoch alsbald ins Gegenteil verkehrt. Die Widerstände gegen Ebert und die demokratische Idee sind einfach zu stark. Die Weimarer Republik versinkt im sogenannten Dritte Reich, in der rohen Verhöhnung und gewaltsamen Ermordung vieler den Nazis unliebsamer Menschen. Aber die Ideen vom Volk, das frei sein und nur sich selbst regieren soll, ist nicht mehr auszulöschen. Heute noch stehen wir im demokratischen Deutschland auf den Schultern Friedrich Eberts.
Als Jesus am Berg verklärt wird, so erzählt die Bibel, da lässt Gott sich vernehmen und sagt: „Ihn sollt ihr hören!“ Ein kurzer Satz nur, aber ein echter Lichtblick für dunkle Zeiten: In der Botschaft Jesu wird das rechte Maß für diese Welt, genauer für das Menschenrecht in dieser Welt offenbar. Wo die Würde des Menschen unantastbar ist, da wird auch Gott geehrt. Da erleben Himmel und Erde ihre Sternstunde. Gut, das nie zu vergessen!

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  Ein Hoffnungsanker

Ein Hoffnungsanker

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.02.2021

Neulich sagte mir eine Kollegin ziemlich genervt: Corona ist bestimmt ein Übersetzungsfehler. Das heißt gar nicht „Krone“, sondern „Kerker“. Auslöser dieses kleinen Wutausbruchs war, dass wir nun schon wieder alle im Home-Office sitzen und da kann einem dann in der Tat irgendwann schon mal die Decke auf den Kopf fallen.
Klar, es gibt heutzutage viele moderne Kommunikationsmittel, an die vor 10 oder 20 Jahren nicht zu denken gewesen wäre. Hätte uns diese Pandemie damals getroffen, wäre es kaum möglich gewesen, dass so viele Menschen wie heute von zu Hause aus arbeiten. Doch so hilfreich Skype, Zoom und Teams und was es da sonst noch gibt, auch sein mögen – den persönlichen Kontakt und das direkte Gespräch im Büro an einem Tisch können Sie einfach nicht ersetzen. Je länger die Situation nun andauert, desto mehr wird uns bewusst, wie sehr wir das doch alles auch vermissen, ja mehr noch, wie sehr wir es für unser Wohlergehen brauchen.
Keine Frage, wenn man nur darüber zu klagen hat, dass man im Home-Office auf Kontakte zu den Kollegen verzichten muss, ist das sicherlich ein Jammern auf hohem Niveau. Viele haben sehr viel mehr auszuhalten; zum Beispiel die Menschen in unseren Krankenhäusern und den Alten- und Pflegeheimen, die seit vielen Wochen nicht mehr besucht werden können. Einsamkeit löst nicht nur Langeweile aus, Einsamkeit macht krank und nicht wenige sagen, dass Menschen auch an Einsamkeit sterben können, weil die sozialen Kontakte als Quelle von Lebenskraft und Lebensfreude zwangsweise versiegt sind.
Ja, man kann, wir alle können etwas dagegen tun. Der persönliche Kontakt ist nur schwer zu ersetzen, aber ein Anruf, eine Postkarte, sogar eine SMS oder WhatsApp-Nachricht können etwas Licht ins dunkle Tageseinerlei bringen. Schlimm und kaum zu lindern ist es hingegen, wenn Menschen allein sterben müssen und das sowohl für die Sterbenden als auch für jene, denen es verwehrt bleibt, sich von ihren Lieben zu verabschieden.
Über dem Monat Februar heißt es: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ Wenn Sie jetzt denken, dass sich das nach billigem Trost anhört – ja, vielleicht ist das beim ersten Hören tatsächlich so. Aber dieses Bibelwort bringt für mich zum Ausdruck, was ein Eckstein meines Glaubens ist. Unsere Namen sind im Himmel verzeichnet. Daran rüttelt nichts und niemand. Ganz egal, was uns hier auf dieser Erde auch passiert, egal wie schwer, wie tiefgreifend und wie lebensverändernd es auch sein mag, was auf unseren Lebenswegen auf uns wartet – daran, dass wir eingeschrieben sind im Buch des Lebens, ändert all das nichts.
Beten wir für alle, die einsam, verzweifelt und traurig sind, für all jene, die Angst haben und voller Sorge in die Zukunft blicken, dass sie diese Zusage hören und glauben können: Wenn nichts mehr hilft, nichts mehr trägt und nichts mehr hält: Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind! Amen

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  Selig sind, die Friedfertigen

Selig sind, die Friedfertigen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.01.2021

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! Dieses Wort scheint für eine ganze Reihe von Menschen auf dieser Welt Maxime ihres Handelns zu sein. Und oft genug entsteht der Eindruck, dass der grobe Keil schon zum Einsatz kommt, bevor überhaupt klar ist, ob der Klotz, den es zu bearbeiten gilt, tatsächlich auch ein grober ist.
Gewalt kommt zum Einsatz und die ist bekanntermaßen zur Lösung vorhandener Probleme nicht immer das Mittel der Wahl. Vielmehr schafft Gewalt vielfach neue Schieflagen, ist Auslöser für Elend, Leid und Tod. Ein Blick in die Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt reicht, um das bestätigt zu finden.
Menschen dazu zu motivieren, grobe Keile einzusetzen, ist nicht schwer. Immerwährendes Wiederholen von Lügen schafft einen Nährboden dafür, die Verbreitung von Argwohn und Hass gegenüber Menschen, die einen anderen Glauben haben, eine andere politische Einstellung, eine andere Hautfarbe, ein anderes Heimatland, erzeugt eine Stimmung, die sich in konkreten Taten fortsetzt. Und dann stürmen auf einmal Menschen gewaltsam die Treppe des Reichstages oder dringen in das Capitol in Washington ein, beschmieren Holocaust-Mahnmale, schänden jüdische Friedhöfe, töten Politiker oder unschuldige Passanten – auch in unserem Land.
Dass auf diese Weise auf dieser Welt nichts, aber auch gar nichts besser wird, liegt auf der Hand. Glücklicherweise oder besser: Gott sei Dank, haben immer wieder Menschen andere Wege beschritten, Wege, die friedfertig und gewaltfrei waren. Einer von ihnen war Mahatma Gandhi, dessen Todestag sich heute jährt. In Südafrika und in seiner Heimat Indien setzte er sich Zeit seines Lebens für Gerechtigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit ein und wurde so zum geistigen und politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Gandhis gesamtes Denken, Reden und Handeln war geprägt von Gewaltfreiheit. Den groben Keil hat er nie benutzt, sondern vielmehr versucht, seine Kontrahenten mit friedfertigen Mitteln zu überzeugen. Während seiner Zeit in London hat sich Gandhi, der gläubiger Hindi war, auch mit dem Christentum auseinandergesetzt. Insbesondere die Inhalte der Bergpredigt haben ihn angesprochen. Er erklärte: „Ich werde den Hindus sagen, dass ihr Leben unvollständig ist, wenn sie nicht ehrerbietig die Lehren Jesu studieren.“
Gewaltfreier Widerstand hat in der Weltgeschichte schon oft Dinge zum Guten gewendet. Ein greifbares, uns allen sehr nahes Beispiel ist der Fall der Mauer in unserem Land. Dass es dazu kam, ist das Verdienst von Millionen friedlich demonstrierenden Menschen, die für ihre Freiheit und gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen sind.
Ich denke, dass wir alle gefordert sind, wachsam zu sein, wenn wieder und wieder grobe Keile ausgepackt und benutzt werden sollen, mit der Begründung, dass nur so die groben Klötze aus dem Weg zu räumen sind. Hören wir auf unseren Freund und Bruder Jesus Christus; er sagt: „Selig sind, die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen.

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  Partytime

Partytime

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.01.2021

Vor kurzem wurde in unseren Kirchen über die Hochzeit von Kana gepredigt. Der Evangelist Johannes berichtet uns in dieser Geschichte, wie Jesus Wasser in Wein verwandelt. Er ist mit seiner Familie zu dieser Hochzeit eingeladen und offenbar haben die Gastgeber die Trinkfreude ihrer Gäste falsch eingeschätzt, auf jeden Fall geht irgendwann der Wein zur Neige und es gibt ratlose Gesichter. Jesus hilft, in dem er in mehreren Behältnissen Wasser in Wein verwandelt – Party gerettet, Ende der Geschichte.
Doch es gibt ein paar Haken und Ösen, die der Bericht über das Fest mit sich bringt. Zum einen hätte man aus meiner Sicht auch gut darauf verzichten können, ausgerechnet in diesen schrägen Coronazeiten über das Feiern zu reden. Fröhliche Menschen, die das Brautpaar bejubeln, dicht an dicht an Tischen sitzen, miteinander reden, essen und trinken und getanzt und gesungen wird ganz sicher auch. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott feiernden Menschen mag. In der Bibel gibt es viele Schilderungen von großen Festen, Versammlungen mit gemeinsamen Mahlzeiten und guten Gesprächen bei Tisch. Wer gerne feiert, der hat, wie ich finde, einiges vom Evangelium verstanden. Doch genau das wird uns momentan aus nachvollziehbaren Gründen verwehrt. Muss man uns da auch noch biblischerseits den Mund wässrig machen? Gut, wir könnten es auch positiv sehen und uns durch die Erzählung unsere Vorfreude wecken lassen, auf Zeiten, in denen so etwas wieder möglich ist.
Eine größere Holprigkeit ist allerdings folgende. Der Evangelist Johannes berichtet, dass das Weinwunder von Kana das erste Zeichen war, das Jesus tat, und ich frage mich: Warum ausgerechnet so? Ich meine, versetzen wir uns in die Situation: Jesus ist zu dem Zeitpunkt ein absolut Unbekannter. Er ist mit seiner Familie zu einer Hochzeit eingeladen. Und nun beginnt dieser Jesus von Nazareth seine göttliche Heilsgeschichte ausgerechnet damit, dass er für ausreichend Alkohol auf einer Party sorgt?
So könnte man es auslegen und dann wäre es tatsächlich irgendwie schräg. Aber man kann es auch anders verstehen und so kommt es bei mir an: Jesus präsentiert hier in Kana die Maxime seines Handelns: Er schenkt unverdient Gnade und Wohlergehen in Fülle. Der Wein ist ein Symbol für Leben und Lebensfreude und davon soll es so reichlich geben, dass es für alle mehr als ausreichend ist. Und es soll nicht nur viel sein, sondern auch gut.
Jesus will, dass wir Freude am Leben haben, dass wir in guter Gemeinschaft zusammen sind – fröhlich, sorgenfrei und gut versorgt. Er trägt dazu bei, dass wir uns fühlen dürfen wie die Gäste auf einer Hochzeit und er weist uns damit schon darauf hin, dass wir mit ihm zusammen dereinst das große himmlische Hochzeitsfest erleben werden.
Und so ist die Geschichte der Hochzeit von Kana gerade in diesen Zeiten eine willkommene Hoffnungsquelle, die uns hilft, immer wieder zu sehen, wie gut es unser Freund und Bruder mit uns meint. Amen.

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  Wände eines Hauses

Wände eines Hauses

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.01.2021

Regina Scheer schreibt in ihrem Buch „Gott wohnt im Wedding“:
„Die meisten denken, ein Haus sein nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben. Ihre Tränen, ihr Blut habe ich aufgesogen, ich habe ihre Schreie gehört, ihr Flüstern, ihr endloses Gemurmel in den Nächten. All ihre Leben habe ich in mich aufgenommen, durch sie lebe ich selbst, auf meine Weise...“
Eine kluge Beschreibung.
So ist es mit unseren Häusern ja auch.
Dieser Tage sammelt sich in den Wänden ordentlich was an – wir sind viel mehr zuhause als sonst, kochen, reden, sorgen, lachen, weinen.
Und viel öfter als sonst höre ich, dass Menschen sagen, dass der Dom ihr Zuhause wäre. Hier ist es zwar nicht so gemütlich, hier kann man nicht rumlümmeln, kochen, laut sein, schon gar nicht bei der Einrichtung mitmachen. Aber hier muss man sich auch nicht zusammennehmen und funktionieren, durchhalten, Einsamkeit überstehen.
In diesen alten Wänden hier steckt erst recht viel Menschenfreude und Leid, Geschichten und Geschichte. Denn trauen wir uns bei dem zu blieben, was wirklich wichtig ist. Betend bitten und danken wir ja nicht nur, wir bringen in der Stille vor Gott wofür gar keine Worte haben, sie womöglich auch gar nicht finden wollen.
Einfach, indem wir da sind, bringen wir unser ganzes Durcheinander vor Gott, all die Gedanken und Gefühle, die noch nicht mal ins Unreine formuliert sind, damit er ordnen hilft und befriedet, Klarheit schenkt – wohl wissend, dass er versteht und hört, was wir noch gar nicht ausgesprochen haben.
Und was, wenn wir nicht kommen können?
Dann erleben wir vielleicht, dass Gott uns entgegenkommt. Oder mit den Worten einer Kollegin: „Gott, ich komme mit meiner Sehnsucht nach Leben zu dir. Bist du selbst in meiner Sehnsucht verborgen? Bist du Sehnsucht nach mir? So komm mir entgegen“
Dann gilt vielleicht, wie es in der Tagesslosung heißt: „Jesus sprach zu Zachäus: heute ist deinem Haus Heil widerfahren…“






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  HOLOCAUSTGEDENKTAG

HOLOCAUSTGEDENKTAG

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.01.2021

Am Anfang der Woche erzählte mir eine Kollegin von einem Kindergartenkind. Ein kleines Mädchen, drei Jahre alt. Es kommt aus einer, wie wir manchmal sagen, behüteten Familie. Mit anderen Worten: es gehört nicht zu denen, die in jeder Weise beengt und von Sorgen umgeben durch diese Zeit gehen müssen.
Das kleine Mädchen hat aufgehört zu sprechen. Es lacht nicht mehr.
Im Gegenteil. Es bringt andere zum Weinen.
Man kann nur vermuten, was da passiert ist. Ich stelle mir vor, dass das Kind die Veränderung seines Lebens, den Ernst und die Gedämpftheit auf allem, das Fehlen von Fröhlichkeit und Übermut, nicht aushalten oder verarbeiten kann. Es erlebt ein Trauma und wahrscheinlich wird es dauern, bis es seine Worte wiederfindet und erst recht, bis es Worte hat für das, was gerade passiert.
Das kleine Mädchen steht stellvertretend für die, die in Schweigen fallen, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben geschehen ist.
Heute, am 27. Januar 2021 erleben wir etwas Ähnliches und doch so anders! Menschen suchen nach Worten. Viele finden sie ihr ganzes Leben lang nicht.
Es ist Holocaustgedenktag.
In Deutschland gibt es dieses Gedenken seit 25 Jahren. Erst.
Immer wieder haben seither Überlebende ihr Schweigen gebrochen, um Fassung gerungen, Worte für das Unsagbare gefunden. Sie haben eine Dimension des Grauens erlebt von der wir nach einem Jahr Corona trotz allem Leid nicht im Entferntesten eine Ahnung haben. Weh dem der das vergleicht.
Hier in Braunschweig hätten wir uns eigentlich in der Schillstraße getroffen.
Wir hätten erinnert. Nicht im Sinne einer Geschichtsstunde, sondern als Mahnung. Dass wir solche gemeinsamen öffentlichen Zeichen als Bürgerinnen und Bürger im Moment nicht geben können, ist schlimm – denn sie sind dringend nötig, damit hoffentlich nie mehr unter uns etwas geschieht, bei dem wir ohnmächtig zusehen und damit hoffentlich keiner denkt, wir hätten keine Worte mehr.
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte heute im Bundestag, dass es "niederschmetternd" sei, eingestehen zu müssen: "Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte. Sie schützt auch nicht vor neuen Formen des Rassismus und des Antisemitismus." Und Marina Weisband, eine jüdische Publizistin, 33 Jahre alt, ergänzte aus eigener Erfahrung: "Einfach nur Mensch sein, ist Privileg derer, die nichts zu befürchten haben aufgrund ihrer Geburt."

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  Lichtblick

Lichtblick

Henning Böger, Pfarrer - 26.01.2021

"Wir hatten einen Lichtblick bitter nötig!" Diesen Satz schrieb Armin Maus, der Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung am vergangenen Samstag. Er blickte dabei auf die schier endlose Fortdauer der Corona-Krise mit ihren Nachrichten von verlängertem Lockdown, neuen Virusmutationen, Problemen bei der Produktion und Auslieferung von Impfstoffen und so weiter. Ja, man braucht zurzeit hier und dort auch mal einen Lichtblick! Aber woher?
Armin Maus hat ihn in der vergangenen Woche entdeckt - und zwar „von Westen“ her aus den USA: Dort ist Donald Trump vorerst Geschichte. Sein Nachfolger Joe Biden wurde feierlich als Präsident vereidigt.
Der vielleicht bewegendste Moment dieser Amtseinführung war der Auftritt der 22-jährigen Dichterin Amanda Gorman. Sie trug einen selbstverfassten Text vor mit dem Titel „Der Hügel, den wir erklimmen": eine deutliche Anspielung auf die schockierenden Bilder von der Erstürmung des Capitols Tage zuvor.
Einer ihrer stärksten Sätze lautet: „Es gibt immer Licht, wenn wir mutig genug sind, es zu sehen, mutig genug sind, es zu sein.“ Amanda Gorman hat mit diesem Satz ihrer Hoffnung auf Versöhnung und Heilung der in sich so zerrissenen us-amerikanischen Gesellschaft Ausdruck gegeben.
Aber man darf diesen Satz ruhig viel grundsätzlicher hören zu Beginn dieses Jahres, das mit soviel Angst und Fragen begonnen hat: „Es gibt immer Licht, wenn wir mutig genug sind, es zu sehen, mutig genug sind, es zu sein.“
Dazu passen Worte, die der Apostel Paulus im zweiten Korintherbrief schreibt: „Denn der Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll ein Licht aufstrahlen, dieser Gott hat uns einen hellen Schein in unsere Herzen geben.“ Erinnert euch daran, schreibt Paulus, dass noch bevor wir Menschen da waren, von Gott her schon etwas da war, was gut ist und was uns die Angst nehmen soll. Das Licht vom Anfang ordnete die Welt. Das Licht vom Anfang räumt die Welt bis heute auf. Es leuchtet auch in unseren Herzen. Gott selbst hat es als hellen Schein dort hineingelegt.
Wer diesen Schein sieht und in sich spürt, so verstehe ich, der kann selbst für andere zu leuchten beginnen. Der kann nicht nachlassen in der Unterstützung derjenigen, die es jetzt besonders schwer haben. Der wird sich daran machen, Licht in dunkle Herzen tragen. So nur leuchtet in dunklen Situationen neue Hoffnung auf.
"Es gibt immer Licht, wenn wir mutig genug sind, es zu sehen, mutig genug sind, es zu sein." Das ist ein echter Lichtblick und ein starker Hoffnungssatz zum Mitnehmen und Weitersagen in das noch junge Jahr hinein.

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  Es hat ihn vom Pferd gehauen

Es hat ihn vom Pferd gehauen

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.01.2021

Paulus von Tarsus. Als Sohn eines Pharisäers wird er geboren in der jüdischen Diaspora in der heutigen Südtürkei. Er und seine Familie gehörten dort zur Oberschicht, waren Bürger, wie es heißt. Er war gebildet, sprach mehrere Sprachen fließend, war ein exzellenter Kenner der Tora und ein Lehrer der Heiligen Schrift. Er lebt zur Zeit Jesu in Jerusalem, ihm begegnet ist er dort allerdings nie.
Paulus hatte auch keinerlei Sympathien mit Jesus und dessen neuer Anhängerschaft. Mehr noch: Er war einer ihrer schärfsten Feinde. Paulus selbst sagte, dass er die jungen christlichen Gemeinden verfolgt habe, um sie zu zerstören. Für ihn galt das Gesetz der Tora und nur das Gesetz der Tora und das in seiner engsten und strengsten Auslegung. Paulus hatte sich in dieses Regelwerk hineingelebt, es zum Maß aller Dinge erhoben und duldete weder für sich noch für jemanden sonst auch nur kleinste Abweichungen. Zero tolerance – so würden wir das wohl heute nennen, uns vielleicht aber auch an Fanatismus erinnert fühlen.
In der Rückschau bezeichnet Paulus seine Verhalten und seine Überzeugung als Dreck, räumt ein, sich seine eigene Gerechtigkeit geschaffen zu haben. Der allerdings fühlt er verpflichtet, mit Leib und Seele und aus voller Überzeugung, bis es ihn im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Sattel haut.
Vor Damaskus passiert es. Paulus begegnet dem auferstanden Jesus Christus und von dem Moment an wird alles anders. Bemerkenswert finde ich Jesu Auftreten, denn der fragt ihn: „Saul, warum verfolgst du mich?“ Es wäre zu erwarten gewesen, dass Jesus zornig und aufgebracht ist. Schließlich ist Paulus sein erklärter Gegner, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Doch in Jesu Frage klingen Gesprächsbereitschaft und Friedfertigkeit an und nicht irgendein Wunsch nach Vergeltung.
Paulus braucht drei Tage, um sich von dieser lebensverändernden Situation zu erholen. Hananias, ein Jünger Jesu, hilft ihm, sich neu zu orientieren, hilft ihm, seine Blindheit abzulegen. Es ist ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, berichtet die Bibel. Von diesem Erlebnis und dieser Erfahrung an, wird Paulus der größte und bedeutendste Apostel und Verkündiger des Evangeliums. Schon irgendwie irre, oder? Ich meine, warum wählt Jesus ausgerechnet ihn aus? Es gab mittlerweile genug engagierte Anhänger in den verschiedenen christlichen Gemeinden. Warum ausgerechnet Paulus, seinen größten Widersacher?
Man könnte meinen, Jesus wollte ihn auf diese Weise elegant aus dem Weg räumen. Ja, das hätte tatsächlich so sein können, doch ich sehe auch noch eine andere Aussage in dieser Geschichte. Und die lautet: In jeder Situation und aus jedem Lebenskontext heraus ist Umkehr möglich. Was uns an den Versuch erinnern mag, mit dem Auto bei Tempo 180 auf der Autobahn zu wenden – wir wissen, wie das ausgehen würde – vor Gott und mit Gott ist so etwas nicht nur möglich, sondern sogar hochwillkommen.
Gott freut sich über jeden Menschen, der seine alten Wege zu verlassen bereit ist, wenn diese in die Irre führen. Und auch, wenn wir das Gefühlt haben, dass es uns dabei vom Pferd haut: Gott fängt uns auf – mit seinem Wohlwollen, mit seiner Freude und mit ganz viel Liebe. Amen.

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  Glauben? Na logisch!

Glauben? Na logisch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.01.2021

Dass Menschen unserer Zeit eine feste Bindung zum Glauben und zur Kirche haben, ist durchaus nicht selbstverständlich und nicht selten erntet man ein mitleidiges Lächeln, wenn man sich dazu bekennt, gläubiger Christ zu sein und es sogar zum Äußersten kommen lässt, in dem man ab und zu mal am Sonntag einen Gottesdienst besucht. Doch ich erlebe durchaus auch andere Reaktionen, solche, aus denen fast so etwas wie Bewunderung durchschimmert. „Toll, dass Du Deinen Glauben hast, ich kann das leider nicht so wie Du“, so sagte mir vor einer Zeit mal ein Kollege.
Ja, es ist wirklich toll, glauben zu können. Ich bin sehr dankbar für dieses Geschenk. Dennoch gibt es auch die kritischen Stimmen, die sagen, dass man doch mit gesundem Menschenverstand und etwas Überlegen zu dem Ergebnis kommen muss, dass diese ganze Geschichte mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus und dessen Auferstehung einfach nicht stimmen kann. Ja, wenn ich mich nur in meinem eigenen Verstehens- und Begreifensraum bewege, dann kann ich zu diesem Ergebnis kommen. Gott zu fassen und zu ergründen, wird aber so nicht funktionieren. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und unsere Wege sind nicht seine Wege.
Aber wenn es denn unbedingt sein soll, dann kann man das Thema Glauben durchaus mal rein von der logischen Seite angehen. Also gehen wir mal davon aus, dass es Gott nicht gibt. Wenn wir trotzdem an ihn glauben und uns an unserem Glauben freuen, dann haben wir ein gutes Leben. Wenn es ihn nicht gibt und wir glauben nicht, dann verzichten wir vielleicht auf dieses positive Gefühl, aber ansonsten ist alles gut.
Wenn es Gott aber gibt und wir glauben, dann sind wir auf sicherem Kurs. Wenn es ihn gibt und wir glauben nicht, dann ist das wirklich blöd, denn der Zugang zu seiner Liebe und seiner frohen Botschaft bleibt mir verwehrt. Also selbst unter logischer Abwägung ist es cleverer, sich dem Glauben zu öffnen, als sich ihm zu verschließen, denn unter dem Strich kann ich durch meinen Glauben nur gewinnen.
Nun lässt sich Glaube nicht wie eine Glühbirne ein- und wieder ausschalten. Er wird uns geschenkt, direkt aus Gottes Hand. Doch wir können uns öffnen, im positiven Sinne empfindlich sein und wach bleiben für Gottes Zeichen auf unseren Lebenswegen.
Über diese Woche heißt es: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Das Geschenk unseres Glaubens gehört für mich dazu. Amen.

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  Heile Welt

Heile Welt

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.01.2021

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich freue mich in diesen Zeiten ganz besonders über jedes kleine Detail, das mich an „heile Welt“ erinnert. Winterliche Landschaften am Mittellandkanal, ein schöner Blumenstrauß, Musik, farbenfrohe Naturaufnahmen im Fernsehen. Ich merke, wie ich diese Eindrücke geradezu aufsauge – wie ein trockener Schwamm das Wasser. Auch aufbauende Texte sind mir sehr willkommen und heute ist der Todestag eines Lyrikers, der solche Texte geschrieben hat: Matthias Claudius. 1740 als Pfarrerskind in Holstein geboren, entfernt verwandt mit Johannes Brahms und Theodor Storm, wird er in Wandsbek Redakteur der dortigen Zeitung. Nach einem beruflichen Ausflug ins Hessische kommt er 1788 zurück nach Norddeutschland. Dort übernimmt er ein Revisionsamt bei einer Bank in Altona – ich könnte also sagen, dass Matthias Claudius ein Kollege von mir war.
Neben seinen hauptberuflichen Tätigkeiten schreibt Claudius Prosa und Lyrik. Sein wohl bekanntestes Gedicht hat Einzug in unsere Gesangbücher gehalten: „Der Mond ist aufgegangen“. Sieben Strophen sind es, aus denen Zuversicht und Gottvertrauen klingt. Und, wie schon gesagt, ich finde, dass wir das gerade wirklich gut gebrauchen können. In Strophe fünf heißt es: „Gott, lass dein uns Heil schauen, auf nichts vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun! Lass uns einfältig werden, und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein!“
Einfältig und wie Kinder fromm und fröhlich sollen wir werden. Bei „einfältig“ habe ich kurz gezuckt, denn das Wort hat mittlerweile einen eher negativen Beiklang. Es bedeutet aber auch soviel wie arglos und vertrauensvoll, und dann passt es wieder.
Aber darf man sich das denn als aufgeklärter und kritischer Zeitgenosse im Jahr 2021 überhaupt erlauben, arglos, fromm und fröhlich zu sein? Müssen wir nicht eher angesichts der großen Probleme unserer Zeit zerknirscht und mit hängenden Ohren durch die Gegend laufen? Keine Frage, wir sollen und können das, was um uns herum passiert, nicht ignorieren. Wir müssen uns dazu verhalten und es in unser Leben einbauen – so gut es eben geht. Aber wir sollen uns davon nicht komplett aus der Bahn werfen lassen. Unsere berechtigten Sorgen dürfen uns nicht aller Lebensfreude berauben, uns so bedrücken, dass wir kein Licht mehr sehen.
Und dazu ist es hochwillkommen, dass uns Gott schenkt, fromm und fröhlich zu sein und Vertrauen zu ihm zu haben. Ja, wir haben auf so manches Einfluss. Wir können Veränderungen mitgestalten, können richtige und falsche Entscheidungen treffen. Aber schlussendlich sind wir auf Gottes Gnade angewiesen. Und das so anzuerkennen, ist befreiend und entlastend gleichermaßen. Und es hilft, besser durch diese und alle anderen besonderen und auch schweren Zeiten zu kommen, weil wir einfach wissen dürfen, dass Gott für uns da ist, auf uns aufpasst und unser aller Wohlergehen im Blick hat. Wir können unsere Sorgen bei ihm abladen, sie in seine Hand legen und ruhig und voller Gottvertrauen in die Zukunft sehen.
So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder! Kalt ist der Abendhauch. Verschon’ uns Gott mit Strafen, und lass uns ruhig schlafen, und unsern kranken Nachbar auch! Amen.

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  Wahrheit

Wahrheit

Jakob Timmermann, Pfarrer - 20.01.2021

Vier Jahre lang hat Donald Trump der Welt gezeigt, dass Wahrheit nichts ist, auf das man sich verlassen kann. Letztlich geht es bei Wahrheit darum, ob man sie glaubt.
Während dieser Andacht findet in Washington die feierliche Vereidigung des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika statt. Und nicht wenige hoffen – und so auch ich -, dass dies ein Schlusspunkt hinter einer denkwürdigen Episode ist.
Erinnern Sie sich noch an die Vereidigung vor vier Jahren? Da hatten viele die Hoffnung, dass der gewählte Präsident nach seinem polternden und wirren Wahlkampf nun zur Besinnung kommt, dass ihn das Amt vielleicht zur Vernunft bringt. Doch schnell wurde klar: diese Hoffnung war umsonst. Denn als die Bilder veröffentlicht wurden, war offensichtlich, dass sich bei Trumps Vereidigung deutlich weniger Menschen versammelt hatten, als bei seinem Vorgänger Barack Obama.
Doch es war verrückt: Trumps Pressesprecher behauptete im Anschluss das Gegenteil. O-Ton: „Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war, sowohl vor Ort als auch weltweit. Punkt.“ Und als diese Behauptung anschließend von vielen Seiten widerlegt wurde, da verteidigte eine Beraterin von Trump diese Behauptung mit den berühmtgewordenen Worten: Das wären halt „alternative Fakten“.
Genau vier Jahre ist das her. Vier Jahre lang „alternative Fakten“. Was hat diese Zeit mit mir gemacht? Was macht das mit meinem Denken?
Ich gebe zu, dass ich Trumps Kommentare in den vergangenen Jahren mit Neugier gelesen habe. Zunächst mit einem lächelnden Kopfschütteln, doch im Laufe der Zeit auch immer mehr mit einer ängstlichen Fassungslosigkeit. Faszinierend und beängstigend zugleich. Denn dieser Umgang mit der Wahrheit hat mir auch gezeigt, wie zerbrechlich sie; wie zerbrechlich alles ist, was mich umgibt. Wahrheit war plötzlich nichts mehr, auf das ich mich verlassen kann. Sie war etwas, dass ich glauben muss.
Was unterscheidet jetzt aber die Behauptung, dass Trumps Vereidigung die größte aller Zeiten war, von der Behauptung, dass Gott in Christus Mensch geworden ist? Was unterscheidet, die Behauptung, dass es eine geheime Elite gibt, die in Wahrheit die Weltherrschaft besitzt, von der Behauptung, dass Jesus von den Toten auferstanden ist?
Das ist die erschreckende, aber vielleicht auch befreiende Erkenntnis aus den vergangenen vier Jahren, dass es letztlich darum geht, welche Wahrheit ich glauben will – welche Wahrheit ich erzählen will.
Und ich, ich will den Schwarzmalern erzählen, dass da Hoffnung durch die Straßen weht, weil es nicht dunkel ist, wo wir den Nächsten lieben. Ich will den Traurigen und Trauernden erzählen, dass da der Trost der Welt gekommen ist, um unsere Herzen leicht zu machen, denn der Tod wird nicht mehr sein. Ich will den Querdenkern und Verunsicherten erzählen, dass für mich nur wahr sein kann, was dem Leben dient und der Liebe und dem Vertrauen.
Und ich will den Zweifelnden und Verzweifelten erzählen, dass auch ich mir nicht ganz sicher bin, was wahr ist – aber das ich mich auf den Weg gemacht habe, sie zu finden. Und dass ich mich auf diesem Weg nicht einsam fühle. Denn Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

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  Verlieren muss man üben

Verlieren muss man üben

Henning Böger, Pfarrer - 19.01.2021

Manche fluchen, manche schmeißen die Spielsteine vom Tisch. Manche werfen den Mitspielern vor, dass sie geschummelt hätten. Das alles machen sie nur, weil sie verloren haben. Wer Kinder und Enkel hat, der weiß: „Ja, verlieren fällt oft nicht leicht.“
Und nicht nur Kinder tun sich damit schwer. „Ich bin wirklich kein guter Verlierer!“ Das sagte der scheidende amerikanische Präsident Donald Trump vor der Wahl über sich. Leider war es nicht selbstkritisch gemeint. Denn wie schwer ihm das Verlieren wirklich fällt, davon konnte sich die ganze Welt in erschreckender Weise überzeugen. „Auch verlieren will gelernt sein!“, sagt der Volksmund darum. Und aus eigener Erfahrung weiß ich: Verlieren muss man üben! Aber: Wie kann man lernen, ein guter Verlierer zu sein?
Mit dieser Frage beschäftigen sich sogar Wissenschaftler. Sie sagen: Wichtig sei dabei vor allem, Gefühle zu zulassen. Verlieren muss nicht schön sein. Es darf weh tun. Es ist nicht schlimm, wenn man verloren hat und wütend ist. Wer so verlieren darf, der kann leichter anerkennen, dass jemand anders gewonnen hat, weil er mehr Glück oder Können hatte.
Ein zweiter Schritt, der beim Verlieren wichtig ist: Nicht zu schnell aufgeben, es weiter probieren! Weil eine Niederlage immer eine gute Möglichkeit sein kann, mehr über die eigenen Stärken und Schwächen zu lernen: Wer beim Wettrennen verliert, der landet vielleicht beim Wissensquiz ganz vorne. Und umgekehrt!
Und dann noch ein dritter Gedanke zum Verlieren, das geübt werden will. Den finde ich in einem Jesuswort, das mir im alten Lutherdeutsch am besten gefällt: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16,26)
Mir gefällt dieses Bibelwort, weil es so fremd und so anders klingt. Und es die gängigen Vorstellungen vom Gewinnen so herrlich auf den Kopf: Fängt mein Glück erst da an, wo ich alles gewonnen haben und es nichts mehr zu verlieren gibt? Oder kann es auch anders sein: Dass ich nicht immer gewinnen kann, sondern auch loslassen können muss? Eine spannende Frage, finde ich. Sie verspricht gute Erfahrungen - beim Loslassen und Gewinnen, auch wenn ich mal verliere.

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  Zahlen und Namen

Zahlen und Namen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2021

Im Lukasevangelium heißt es: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
Eigentlich möchte ich mich doch darüber freuen, dass wir endlich diese Talsohle hinter uns haben, dass es Frühling wird, dass die Menschen sich auf den Straßen begegnen und fröhlich um sich schauen, dass die Geschäfte und die Theater öffnen, dass die Menschen wieder draußen sitzen können und miteinander essen und trinken, sich begegnen und um dem Hals fallen, wenn sie sich lange nicht gesehen haben. Eigentlich möchte ich mich darüber freuen, dass Gott unsere Gebet erhört hat, dass in den Krankenhäusern kein Gedränge, keine Not, kein Leid, kein Schmerz, kein Tod mehr ist, dass Kinder endlich wieder zur Schule gehen können und hier im Dom alle wieder zusammen Musik machen.
Aber dann heißt es: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
Es klingt als sollten wir uns mit etwas Abstraktem sehr Jenseitigem zufrieden geben. Aber dann denke ich: Gerade jetzt, wo wir umgeben werden von immer mehr Zahlen, sagt genau dieses Wort, du bist keine Zahl, du bist nicht einer von Zehntausenden, die sich infizieren könnten, einer von Millionen, die geimpft werden müssen, einer von Hundertausenden der Corona Hilfe braucht, sondern du bist einzigartig und Gott kennt dich bei deinem Nahmen. Du verschwindest nicht in Statistik und Zahl unter einem Datum, in einer Kurve oder einem Säulendiagramm, sondern du bist ein einzelner besonderer Mensch.
Dieser Vers hebt uns auf und so ist er zwischen den kleinen Dingen, die wir uns gegenseitig an Freunden bereiten können und dem vorauf wir hoffen im Tagesgeschäft dieser Welt. Dies ist der Zuspruch, dass wir in alldem nicht verloren sind, dass Jede und Jeder von uns aufgehoben ist.
Beim Namen.

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  O du selige

O du selige

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.01.2021

Als ich gestern Abend hier stand und betete, fing mein Blick in der Bibel folgende Verse auf, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den vertrauten alttestamentlichen Weissagungen der Propheten gehören, die wir zu Weihnachten hören.
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
So steht es bei Jesaja. In Blockbuchstaben.
Und dann heißt es weiter:
„Wehe den Schriftgelehrten, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die unrechtes Urteil schreiben, um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am Recht der Elenden in meinem Volk, dass die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden! Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe? Und wo wollt ihr eure Herrlichkeit lassen? Wer sich nicht unter die Gefangenen bückt, wird unter den Erschlagenen fallen.“
Und noch einmal:
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
Es ist wie eine Kanonade, die uns das Fürchten lehrt – ganz ähnlich der BBC-Serie, die ZDF-Neo gestern Abend ausstrahlte. „Years and Years“ ist eine verstörende Politserie. Ich bin zum Glück ehe es ganz schlimm wurde, eingeschlafen… - aber später hatten wir doch eine lange Debatte.
Es ist gruselig, wenn eine Dramaserie beschreibt, was wir bei der Ausstrahlung erleben: ein gestürmtes Capitol, eine Pandemie, den Brexit, das Wanken der sozialen und gesellschaftlichen Ordnung. Es braucht Kraft, sich zu schütteln:
Nein, das ist nicht die ganze Wahrheit. Es gibt ebenso viele gute Geschichten. Wir haben erlebt, dass Atomwaffen abgebaut und Mauern niedergerissen wurden, wir haben erlebt, dass AIDS kein Todesurteil mehr ist, wir haben erlebt, dass Menschen ihr Können und Vermögen nicht in die Mehrung ihres Geldes sondern in den Dienst an anderen Menschen stecken
Nein, das ist nicht die ganze Wahrheit, wenn Gott spricht:
„Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.“
Das ist nicht das letzte Wort.
Gott selbst hat seine Hand ausgestreckt – in seinem Kind, seinem Sohn.
Gott selbst hat sich mit uns versöhnt:
„Welt ging verloren – Christ ist geboren.
Christ ist erschienen – uns zu versühnen.
O du fröhliche, o du selige, GNADENbringende Weihnachtszeit.“

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In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!