Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Heimat

Heimat

Pfarrer Werner Busch - 20.05.2019

Trocken war’s und roch nach Sommer.
Wärme wehte mild mich an.
Grillen zirpen und Strohgeruch
sättigt den Wind immer dann,
wenn verstreut, als Erfolg eines Tages
auf frisch gemähtem Felde ruh’n
ein paar gelbliche Ballen, die sagen:
was menschliche Arbeit kann tun.
Ich atme den Duft, den Getreide verströmt,
aus frisch geschnittenen Halmen,
schmecke den Staub eines Erntetag’s
wie andere ein Mahl unter Palmen.
Ein Tag hat sein herbes Aroma gelegt
in die Nase hinein und trocknet den Mund.
Sinne und Herz waren weich und belebt,
auch wenn Finger und Arme ganz wund.
Den langen Tag umgab mich ein Rhythmus,
ein Schaukeln mit Ächzen und Krach,
Die Ballenpresse, sie schuf und sie schuf,
in Kraftakten bebend gab sie nicht nach.
Mit mechanischer Unrast sie ging
beim Brüllen des Treckers, der zog das Gespann.
bis der Bindfaden riss, da machte es zing,
zum Ärger von Helfer und Mann.
Stundenlang ging’s bei sengender Hitze
wie mächtiger Bass in den Bauch.
Eine alte und kraftvolle Menschheitsmusike,
die schüttelt die Großen doch auch.
Berauschte im Jambus der Arbeit
den kleinen, vibrierenden Leib,
der auf der Maschine stolz dasitzen durfte,
mit leichtem und durstigem Geist.
Mit einer Seele, die die Welt wollte filmen,
und mich sehen und hören und riechen ließ
und im Sehen, Hören und Riechen auch fühlen,
dass das, wo ich war, meine Heimat hieß.
Wohltuende Leere kriecht langsam nach innen.
gemischt mit Erleicht’rung und Schauer,
Nach all dem Lauten ein taubes Empfinden.
Das verging, sowas ist nicht von Dauer.
Jetzt dastehen. Und schauen. Und fühlen.
Ich atme. Ich bin. In der Welt.
Im Staunen kommt alles nach innen,
was verbindet, versöhnt und erhält.
Die Dämmerung, die gibt etwas Kühlung.
Ich fühlte mich wohl. Und in eins.
Der neigende Tag nimmt mit Dunkelheit Fühlung,
die stiehlt sein saphirblaues Dach,
lässt schau’n in unendliche Weiten,
und sagt: dieses All - es ist deins.
Jetzt wechselt die Szene, es dreht sich die Zeit,
im Lauf der Gestirne durch Schmerz und durch Streit.
Da stirbt eine Mutter und Liebe vergeht,
Familie wird ratlos und Traurigkeit steht
in Gesichtern, die müde, in Blicken, die weit
in die Ferne schweifen, zurück und voraus.
Die Heimat ist auch ein verfallendes Haus.
Mich packte die Sehnsucht, ich ging in die Weite,
liebte Städte wie Marburg und Köln,
meine Herkunft ward fern, und das Leben befreite
von Erinnerungen wie Gefängniszellen.
Die Domstadt am Rhein war mir fremd zu Beginn,
doch schon nach knapp einem Jahr
waren Freunde und Freiheit mein Hauptgewinn,
und ich lebte und blühte und war
noch nie so aktiv und so hungrig im Geist,
habe nahe und ferne Länder bereist.
Ein Studium begonnen, gegen Freundes Rat,
neue Zukunft gewonnen, eine Wagnistat.
Im Trapez ohne Netz meinen Sprung gemacht,
hab der Ungewissheit entgegengelacht,
meine Liebe gefunden, ihr mein Herz geschenkt,
im Vertrauen, dass Gott schon die Wege lenkt.
Wir wollten dort bleiben und mussten doch geh’n,
durften nicht auf dem Berg der Verklärung steh’n
mussten zieh’n in das Land, das doch hinter mir lag, zurück dorthin, wo zu Jahr und Tag
ich auf Feld, Hof und Haus meine Wurzeln bekam, und das, was mir Leichtigkeit gab. Und nahm.
Die Heimat? Ein Wort mit Untertönen,
mit Bildern und Spannung und Fernweh-Sehnen,
in ihm ist noch Wärme, s’hat Dornen und Fragen,
was es mir bedeutet, ich kann’s dir nicht sagen.
Bin unruhig und frag’, ob ich richtig bin.
Bezweifle den Ort und den Weg und den Sinn.
Und am meisten mich selbst. Mein Ich ein Zelt,
das nur notdürftig Schutz gibt in und vor der Welt.
Doch immer, wenn es nach Sommer riecht,
und das Dach des Himmels in’s Dunkle verschwindet,
wenn bei Mondschein Verzaub’rung nach innen kriecht,
und ein Staunen von etwas ganz Großem kündet:
Dann bin ich als Gast im Universum zu Haus,
und schau’ die geräumige Gotteswelt,
und sehn mich aus allem ins Weite hinaus,
nach dem, was noch kommt: Sieh da! Jenes Zelt
Gottes, unter dem die Völker ruh’n,
wo keiner mehr ein Leids wird tun,
wo Leben, Frieden und Glück wird gesammelt.
Davon seit Ostern die Hoffnung stammelt.
Die bleibende Stadt, der Friedenshort,
an dem jeder satt wird von Brot und
wo wir leben auf ewig ohn’ Abschied und Trauern,
und lieben das Heute und tanzen auf Mauern.
Ein Wort noch an brüllende Heimatbeschützer,
an Gedanken-, Politik- und Gefühls-Verkürzer,
die mit Pathos und Zorn und mit einfachen Reden
den Menschen ein Trug- und ein Zerrbild geben,
ihre Ziele verschleiern und Wahrheit scheuen,
ob rechts oder links, wer sie wählt, wird’s bereuen.
EINMAL nur hör zu, es ist gleich verklungen,
ich red’ nicht mit Engels-, nur Menschenzungen.
Heimat heißt nicht, es einfach zu haben.
Heimat kann heißen, ein Glück zu begraben.
Heimat ist fern und ist selten nah.
Heimat ist Hoffnung. Du warst noch nicht da.
Wenn du mit Gewalt sie willst schützen und halten,
dann wird dir dies Glück noch an dem Tag erkalten,
da du dir mit Fahne und Brüllen genommen,
was nur durch Geduld und mit Liebe kann kommen.
Geh in deine Zukunft mit offenem Herzen,
und mach dich bereit für Zweifel und Schmerzen.
Manches wird glücken, manches wird schlecht,
bewahr’ nur den Frieden, die Würde, das Recht.

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  Glauben. Singen. Lernen

Glauben. Singen. Lernen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 18.05.2019

In der vergangenen Woche war unser Braunschweiger Pfarrkonvent auf Besuch in Leipzig. Leipzig ist eine boomende Stadt, inzwischen chic und trendy. Die Kirchen in ihr stehen inmitten dieses Wandels. Aufgrund der Ostvergangenheit sind es gerade einmal noch zehn Prozent der Bevölkerung, die kirchlich gebunden sind. Salz der Erde….

Ein Wahrzeichen der Stadt bleibt aber natürlich der gute alte Johann Sebastian Bach. Mit Bach-Denkmal, Bach-Museum, Thomaskirche und Thomanerchor. Der Thomanerchor blickt inzwischen auf eine ungebrochene achthundertjährige Geschichte zurück. In allem Wandel. Zu diesem Wandel gehört, dass der Chor durch die napoleonischen Gesetze Anfang des 19. Jahrhunderts in die Verantwortung der Stadt überging. Das war zu DDR-Zeiten durchaus spannend, als eben nicht klar war, was ein derart säkularisierter Staat mit einem Chor, der besonders gern Bach singt, anfangen soll. Der Chor hat überstanden und als nun vor einigen Jahren sein Jubiläum ins Haus stand, da kam die Frage nach einem Slogan für die Jubiläumswerbung auf. Was ist der Kern, der die Thomaner seit achthundert Jahren ausmacht und trägt? Lautete die Frage. Bach allein reichte nicht, schließlich kam der erst sehr viel später. Und auch Luther und die mit ihm protestantische Prägung der Thomaner sind angesichts von 800 Jahren Geschichte zu jung. Am Ende schlug die Kirchengemeinde vor: „Glauben. Singen. Lernen“. Das täten die Jungs durchgehend seit achthundert Jahren.

Diesem Vorschlag folgte, was bei einem städtischen Chor wohl folgen musste: das Wort „Glauben“ im Slogan wurde lang und breit diskutiert. Glauben für einen seit knapp zweihundert Jahren städtischen Chor? Das könne doch nicht angehen. Glaube und Stadt – das seien doch wirklich zwei Paar Schuhe.

So wahr diese Aussage rechtlich sein mag, so unwahr ist, dass die Thomaner ein säkularisierter Chor wären. Rechtlich mag jeder Kantatengottesdienst eine Kooperation zwischen Stadt und Kirche sein, praktisch aber singen die Jungs Theologie, den Menschen zur Freude und Gott zur Ehre. Der damals verantwortliche Pfarrer Christian Wolff beendete seine Schilderung um den Jubiläumsslogan damit, dass der sich glücklicherweise durchgesetzt habe. Denn während des Jubiliäums sei allen, auch den Kritikern deutlich geworden, dass er schlicht wahr sei. Gemeinsam glauben, singen, lernen – das ist es, was das alltägliche Leben der Jungs im Thomanerchor ausmacht. Denn die Knaben singen zuallererst von Gott. Und diese himmlische Musik macht etwas mit den Menschen: mit den Knaben, die singen, mit den Lehrern, die Unterricht und Musik verantworten, mit dem Team rundherum, mit den Kooperationsverträgen zwischen Stadt und Partnern und auch mit jenen, die am Ende zuhören. Die Musik verbindet jede und jeden einzelnen und richtet sie aus. Die Musik richtet sie alle aus auf den einen – auf den, der da ist und der da war und der da kommt. Und das Beste daran ist wohl, dass am Ende alle, selbst jene 90 Prozent der kirchlich nicht Verbundenen, den Eindruck haben, dass das genau richtig ist – und dass etwas Wesentliches fehlen würde, wäre diese Form des Gotteslobes in ihrer Stadt nicht mehr zu hören. Salz der Erde….

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  Mauern

Mauern

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.05.2019

In Berlin stand fast 30 Jahre eine, der amerikanische Präsident möchte eine an der Grenze nach Mexiko bauen, die chinesische hat es als historisches Bauwerk zu Weltruhm gebracht. Ich rede von Mauern. Die gibt es aus Stein und aus Beton, manche von ihnen sind schon sehr alt, so wie die unseres Doms hier, sie sollen schützen, abgrenzen, ausgrenzen, je nachdem, wofür sie gebaut wurden.
Auch auf unseren Lebenswegen kommen wir immer wieder an Mauern. Und davon sind die wenigsten aus Stein und Beton. Die Mauern auf unserem Lebensweg sie werden errichtet aus Ängsten, aus Sorgen, aus Trauer, Leid und Schmerz. Manche von ihnen sind zum Glück ganz niedrig. Sie reichen uns bis ans Knie und wir können aus eigener Kraft darüber hinweg steigen. Andere wiederum sind so hoch, dass wir nicht darüber hinwegsehen können und der Schatten, den sie werfen, lässt es dunkel werden in unserem Leben. Einige dieser Mauern können wir schrumpfen lassen. Manchmal reicht es schon aus, wenn wir Anderen von unseren Mauern erzählen. Es hilft, wenn ich mit meinem Partner, meinen Freunden oder wer auch immer mein Seelsorger und mein Vertrauter ist, darüber rede, dass ich traurig bin oder mich Sorgen quälen.
Das ist aber nicht immer so. Manchmal fehlt mir der Gesprächspartner und manchmal auch der Mut. Für solche Situationen gibt es folgendes, hilfreiches Wort aus dem 18. Psalm: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ So schlicht und bildhaft es klingt, so sorgfältig sollten wir diesen Satz Wort für Wort annehmen. Er heißt nicht: Mit Gott kann ich über Mauern springen, sondern: mit meinem Gott. Es ist nicht irgendein Gott, der von ganz weit weg auf die Menschen schaut – so weit weg vielleicht, dass er den einzelnen gar nicht mehr erkennt. Nein, es ist mein Gott – Ihrer und Deiner und meiner. Gott ist für mich da, ganz unmittelbar, höchstpersönlich und individuell. Und er kennt eben nicht nur die Sorgen der Menschen im Allgemeinen, nein er kennt das, was mich gerade jetzt ganz konkret bedrückt und was mir auf der Seele liegt. Gott kennt jeden von uns in- und auswendig und er weiß vielleicht besser über uns Bescheid, als wir selbst.
Und ja, wir können mit ihm über Mauern springen. Das funktioniert nun allerdings nicht immer so, wie wir es uns vielleicht erhoffen. Gott ist keine Wunscherfüllungsmaschine und die Art und Weise, wie er uns hilft, ist oftmals anders, als wir uns das vorgestellt haben. Das Bibelwort heißt nicht, dass unser Gott uns über die Mauern tragen wird. Anlauf nehmen und losspringen, das müssen wir schon selbst. Aber er wird uns dabei helfen – mit Kraft und Hoffnung und Selbstvertrauen.
Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Also dann vor der nächsten Mauer: Loslaufen und drüberspringen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Tag des Lichts

Tag des Lichts

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.05.2019

Heute ist der Tag des Lichtes. Die UNESCO hat ihn im vergangenen Jahr ausgerufen, um die Bedeutung des Lichtes für Wissenschaft, Kultur und nachhaltige Energieversorgung zu unterstreichen. Der 16. Mai wurde gewählt, weil der amerikanische Forscher Theodore Maiman am 16. Mai 1960 den ersten funktionsfähigen Laser in Betrieb nahm. Damals wusste man noch nicht, was man mit einem Apparat, der Licht sehr stark bündeln konnte, anfangen sollte. Maiman sagte, er habe eine Lösung gefunden, die noch nach einem Problem sucht. Heute ist der Laser im produzierenden Gewerbe aber insbesondere auch in der Medizin nicht mehr wegzudenken.
Doch Licht spielt nicht nur in Forschung und Technik eine große Rolle. Licht ist ganz grundlegende Voraussetzung für Leben schlechthin. Ganz wenige Pflanzen und Tiere können in vollkommener Dunkelheit überleben. Ihre ganze Pracht entwickelt die Natur erst dann, wenn Licht ins Spiel kommt. Wir Menschen haben keine Chance, ohne Licht zu überleben – für einen begrenzten Zeitraum vielleicht, auf Dauer aber nicht, denn ohne Licht versiegen all unsere Nahrungsquellen. Außerdem leidet unsere Seele unter der Dunkelheit. Nicht zuletzt deshalb steigt die Zahl von Selbstmorden und suchtkranken Menschen in den langen dunklen Wintern zum Beispiel in Skandinavien.
Licht ist für uns existenziell wichtig. Und so verwendet auch die Bibel das Licht in vielen Beschreibungen. Jesus Christus sagt von sich selbst, dass er das Licht der Welt ist. Dieses Wort hat Bedeutung in verschiedener Hinsicht: Zum einen ist dieses Licht der Welt die Basis für unser Leben insgesamt, es erhellt aber auch das Dunkel, damit wir klarer erkennen können, worauf es wirklich ankommt. Jesus bringt Licht in unsere Unwissenheit und erleuchtet, was vorher verschwommen, verborgen und unklar war. Und Paulus fordert uns auf, als Kinder des Lichts zu leben. Belohnt werden wir dafür mit Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Wunderbare Bibelworte und Bilder. Doch was bedeutet das für uns nun ganz konkret? Ich denke, dass wir alle im übertragenen Sinne Lichter brauchen, an denen wir uns orientieren können, die es hell werden lassen in unserem Leben. Es sind die Dinge, aus denen wir Kraft schöpfen, die uns Hoffnung geben, die uns immer wieder motivieren, weiter zu gehen auf unseren Lebenswegen. Familie und Freunde, kurz: Menschen, die uns guttun, können dieses Licht sein. Ein für uns wertvolles Hobby, unser Beruf oder ehrenamtliche Tätigkeiten spielen für manche eine solche Rolle und natürlich und last but not least ist es unser Glauben.
Dazu lädt uns Jesus Christus ein. Er will uns diesen Glauben schenken, der es hell machen kann in uns, auch und gerade dann, wenn alles andere dazu nicht mehr ausreicht. Der Tag des Lichtes: Eine gute Gelegenheit, auch unsere inneren Scheinwerfer wieder einmal neu auszurichten auf den, der uns sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.“

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  Liebe Schwestern und Brüder!

Liebe Schwestern und Brüder!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.05.2019

Ich fange heute mal etwas anders an. Normalerweise werden Sie wochentäglich um 17:00 Uhr mit „Liebe Andachtsbesucherinnen und Andachtsbesucher“ begrüßt, was ja auch passend ist. Heute begrüße ich Sie mal mit: Liebe Schwestern und Brüder. In den Sonntagsgottesdiensten ist diese Anrede durchaus gebräuchlich. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir uns mit „Schwester“ und „Bruder“ anreden, hier bei Kirchens?
Auf dieses Thema gekommen bin ich, weil heute der internationale Tag der Familie ist. Er wurde von den Vereinten Nationen ausgerufen und liegt jedes Jahr auf dem 15. Mai. Mit Familie ist das ja so eine Sache. Meist herrscht eine recht enge Bindung unter den Familienmitgliedern, das Miteinander ist geprägt von Vertrauen und Vertrautheit und meistens kommt man auch ganz gut miteinander aus. Die besondere Erschwernis liegt allerdings in dem Umstand, dass man sich Familie im Gegensatz zu zum Beispiel Freunden nicht aussuchen kann. Die Familie, in die wir hineingeboren werden, ist einfach schon da und ein Umtauschrecht gibt es nicht.
Und nun also auch noch eine zweite Familie, nämlich die derer, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Schwestern und Brüder sollen wir sein. Gestiftet hat diese Familie niemand geringerer als Jesus Christus selbst und das Ganze kirchenjahreszeitlich vor nur ein paar Wochen. Es passiert am Ostermorgen, als Maria Magdalena den Auferstandenen trifft. Zunächst erkennt sie ihn nicht und hält ihn für den Gärtner. Dann jedoch, als die beiden, Jesus und Maria Magdalena miteinander gesprochen haben, fordert Jesus sie auf: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Und damit ist klar, dass Jesus unser aller Bruder ist, Gott unser aller Vater und wir logischerweise Schwestern und Brüder.
Das sollten wir uns wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: Spätestens an dieser Stelle begibt sich Jesus mit uns allen auf Augenhöhe. Er ist nicht der große, abgehobene Gottessohn, vor dessen Macht und Göttlichkeit wir uns alle in den Staub werfen müssten. Nein, unser Bruder ist er, vielleicht unser großer Bruder, der uns hilft und beschützt, keinesfalls jedoch jemand, der uns unterdrücken will.
Und wir untereinander: Durch unseren christlichen Glauben sind wir mit hineingenommen in die Heilige Familie. Wir gehören dazu und das mit allen Privilegien. Wir sind mit Gott auf Du und Du und stehen uns auch untereinander allein durch die gemeinsame Basis unseres Glaubens schon sehr nahe. Und ich denke, dass das auch gut so ist.
Auch ein Glaubensleben ist niemals nur glatt und einfach. Immer wieder sind wir Anfechtungen ausgesetzt, haben Zweifel, weil uns Dinge widerfahren, die so gar nicht mit unserem Gottesbild zusammenpassen wollen. Wir werden belächelt, wenn wir erzählen, dass wir Christen sind und es sogar zum Äußersten kommen lassen und ab und zu mal ganz freiwillig in die Kirche gehen. All das ist in Gemeinschaft – in geschwisterlichen Gemeinschaft – viel besser auszuhalten. Es ist schwer, für sich alleine Christ zu sein. Gemeinsam klappt das besser. Gut, dass wir einander haben und gut, dass unser großer Freund und Bruder uns zu seinen Geschwistern gemacht hat.

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  Und es reicht doch!

Und es reicht doch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.05.2019

Fünf war‘n geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen! Das wäre eine augenzwinkernde Zusammenfassung der biblischen Geschichte von der Speisung der 5.000. In den Evangelien schwankt die Zahl Hungrigen, mal sind es 5.000 mal 4.000, doch im Kern geht es immer um dieselbe Problematik: Es ist weniger verfügbar, als benötigt wird. In der biblischen Geschichte geht es ganz konkret um Nahrung, doch ich denke, dass man den Tenor auch weiter fassen kann.
Wir Menschen kommen immer wieder in Situationen, in denen wir mehr von etwas brauchen, als wir haben. Sorgen und Probleme können sich zu derartig hohen Bergen auftürmen, dass wir meinen, wir könnten nicht darüber hinwegsehen. Trauer und Schmerz können uns so stark bedrücken, dass uns die Luft zum Atmen genommen wird. Menschen, die uns nahe sind, können uns so tief verletzten, dass unsere Liebe zu ihnen nicht auszureichen scheint, um ihnen zu verzeihen.
Die Jünger in der biblischen Geschichte von der Speisung der 5.000 schlagen Jesus vor, die Leute wegzuschicken, damit sie sich selbst um Essen kümmern. Das kann man machen. Man kann versuchen, eigene Probleme anderen anzuhängen, sie wegzudelegieren und zu sagen: Das ist nicht meine Baustelle. Das klappt aber nicht immer und da es im vorliegenden Fall um das Wohl anderer Menschen geht, verwundert es wenig, dass Jesus darauf nicht einsteigt. Ganz im Gegenteil. Er sagt zu seinen Jüngern: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Das ist eine stramme Ansage, denn augenscheinlich warten da 5.000 Leute und im Korb sind fünf Brote und zwei Fische. Das wird nicht aufgehen. Doch Jesus ignoriert alle Einwände, nimmt das, was zur Verfügung steht, segnet und verteilt es und siehe da: Auf einmal ist es so viel, dass am Ende sogar noch etwas übrigbleibt. Wie das genau passiert ist, erfahren wir nicht. Doch darauf kommt es auch gar nicht an, denn die Geschichte will uns etwas anderes sagen: Sie will uns sagen, dass es auch jenseits unserer eigenen Kraft, unseres eigenen Geldes, unserer eigenen Zeit, unseres eigenen Könnens und Wollens etwas gibt, das uns weiterhilft, auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind. Wir dürfen uns auf Gott verlassen, der es schon richten wird, auch wenn die Situation in der wir stecken, völlig aussichtslos erscheint.
Wir alle sind begrenzt in unseren Fähigkeiten, in unserem Vermögen in unserer Zeit und Lebenszeit. Doch wenn wir das, was wir haben – und wenn es uns noch so unzureichend erscheint, dankbar annehmen, es teilen und an andere weiterreichen, dann können wir erleben, dass Gott auf ganz wunderbare Weise für uns sorgt: Mit unserem täglichen Brot, mit wunderbaren Menschen, die er uns in den Weg stellt, mit seiner unendlichen und unbedingten Liebe. Das ist die Botschaft dieser Geschichte. Vertrau dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohlmachen, auch mit Dir!

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  Tag der Pflege

Tag der Pflege

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.05.2019

Wir sind am Dom mit den Worten zum Alltag ja meist tagesaktuell, heute jedoch nicht, denn gestern war Sonntag, da gab es kein Wort zum Alltag und so schauen wir heute einen Tag zurück. Denn gestern, am 12. Mai, war der internationale Tag der Pflege und das darf nicht unerwähnt bleiben.
Der Gedenktag geht zurück auf Florence Nightingale, die am 12. Mai 1820 in Florenz geboren wurde. Sie war eine britische Krankenschwester und gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und als einflussreiche Reformerin des Gesundheitswesens. Nightingale forderte neben dem ärztlichen Berufsstand auch eine eigenständige pflegerische Ausbildung. Hierzu gründete sie in London eine Schule für Pflegekräfte und legte damit den Grundstein für eine Professionalisierung des Krankenpflegewesens und zur gesellschaftlichen Anerkennung des Pflegeberufs.
Mit dieser Anerkennung ist es bis heute bei uns so eine Sache. Ich denke, dass zumindest jeder, der schon einmal den Dienst einer Pflegekraft in Anspruch genommen hat, den Pflegerinnen und Pflegern hohen Respekt zollen kann. Sei es in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder in der ambulanten Versorgung von alten und kranken Menschen, die pflegenden Frauen und Männer vollbringen einen wertvollen und unverzichtbaren Dienst. Mein Vater liegt seit knapp drei Wochen im Krankenhaus und er genauso wie wir als Familie erleben gerade ganz unmittelbar, wie segensreich es ist, zugewandte, kompetente und empathische Pflegerinnen und Pfleger in seiner Nähe zu wissen. Die individuelle Anerkennung und Würdigung des Pflegeberufes ist also meist unbestritten.
Anders sieht es aus, wenn wir uns die gesellschaftliche Wertschätzung des Pflegestandes ansehen. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit von pflegenden Berufen wird dabei immer wieder von Politikern, Verbänden und Gesundheitsorganisationen betont. Wirft man allerdings einen Blick auf die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung von Krankenschwestern und Pflegern, verliert die zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung mitunter ziemlich an Glanz. Die Arbeitszeiten sind herausfordernd – kein regelmäßiges Wochenende, keine arbeitsfreien Feiertage und die Vergütung ist nicht so, dass damit Reichtümer anzuhäufen wären. Hinzu kommt, dass die Betreuungsschlüssel aus finanziellen Gründen immer schlechter werden, will sagen, dass sich immer weniger Pflegekräfte um immer mehr Patienten kümmern müssen.
Dabei ist das, was sich diese Menschen zum Beruf gemacht haben, nicht hoch genug zu würdigen. Sie vollbringen aktive Nächstenliebe. Ihr Dienst an Kranken und Hilfsbedürftigen ist das, was auch aus christlicher Perspektive Verpflichtung von uns allen untereinander sein sollte. Sie investieren ihre Kraft zum Wohle anderer Menschen. Uns als Gesellschaft und auch uns als Kirche muss daran gelegen sein, dass der Pflegeberuf in der öffentlichen Diskussion nicht zu einem Kostenfaktor verkommt. Vielmehr müssen wir deutlich machen, dass er ein unabdingbares Element für ein soziales und menschliches Miteinander ist und somit den Pflegerinnen und Pflegern in jeder Beziehung Wertschätzung und Respekt für ihr segensreiches Tun gebührt. Der Tag der Pflege ist ein gutes Datum, daran zu erinnern. Denn einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6.2)

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  Kanzelsegen

Kanzelsegen

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.05.2019

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. So lautet das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht. Und dieses Wort ist wahrscheinlich schon tausendfach von dieser Kanzel gesprochen worden, denn mit ihm endet fast jede evangelische Predigt. Es ist der sogenannte Kanzelsegen, der aus dem Paulusbrief an die Gemeinde in Philippi stammt. Vom Friede Gottes ist darin die Rede und davon, dass er höher ist, als alle Vernunft. Gerade dieser Halbsatz hat es in sich, wie ich finde. Er mahnt uns, die wir hier oben stehen, uns selbst und das, was wir zu sagen haben, nicht zu wichtig zu nehmen und schon gar nicht als der Weisheit letzten Schluss zu verkaufen. Denn das kann es niemals sein. Predigt kann nur helfen, zu verstehen, sie kann gedankliche Türen öffnen, Anstöße geben und darf dazu durchaus auch anstößig sein. Doch Glauben stiften kann selbst eine noch so gute Predigt nicht. Das bleibt dem vorbehalten, von dem wir in unseren Predigten erzählen.
Darüber hinaus führt uns der erste Teil des Kanzelsegens in jedem Gottesdienst auch vor Augen, dass wir Menschen in unserem Verstehen begrenzt sind. Im Alten Testament wird Gott prophetenseitig mit den Worten zitiert: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Gedanken höher als eure Gedanken. Gott und sein Handeln sind und bleiben unergründlich. Wir dürfen uns einfach nicht anmaßen, alles verstehen zu wollen, alles durchschaut zu haben und somit auf Gott nicht mehr angewiesen zu sein. Mit einer solchen Haltung werden wir ganz sicher scheitern. Denn wir haben eben nicht alles selbst im Griff, wie uns selbst immer wieder eindrucksvoll vor Augen führen.
Ja, es ist final ein anderer, an dem wir nicht vorbeikommen und vor dessen Allmacht wir uns nur demütig verneigen können. Doch wir dürfen eben wissen, dass er es gut mit uns meint. Wir können uns in Demut vor ihm verneigen, er will uns aber nicht klein halten. Auch wenn wir noch so unverständig auf das schauen, was uns und den Menschen um uns herum widerfährt, wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird.
Und daher vertraut Paulus auch unsere Herzen und Sinne unserem Freund und Bruder Jesus Christus an. Wir sind noch immer in der österlichen Freudenzeit und feiern den Sieg des Lebens über den Tod, feiern, dass wir immer Hoffnung haben dürfen, feiern, dass Gott in seinem Sohn seines großes „Ja“ zu uns gesprochen hat. Bei ihm dürfen wir uns geborgen, angenommen und geliebt fühlen, ganz egal, was uns auch passieren wird auf unseren Lebenswegen. Es ist uns geschenkt, in dieser Gewissheit leben zu dürfen. Das entlastet, beruhigt und stärkt – auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Latein und unserem Verstand am Ende sind.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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  Tag des freien Buches

Tag des freien Buches

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.05.2019

Heute ist der Tag des freien Buches. Er wurde 1983 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen und erinnert an die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, die die Nazis als „Aktion wider den undeutschen Geist“ initiiert hatten. Werke vor allem jüdischer, sozialdemokratischer, marxistischer und pazifistischer Autoren, darunter Heinrich und Thomas Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Karl Marx, Siegmund Freud und Carl von Ossietzky wurden verbrannt, um „die Reinheit der deutschen Sprache zu sichern“ und „die Lüge auszumerzen“, wie es hieß. Auch hier bei uns in Braunschweig auf dem Schlossplatz brannten Bücher. Etwa eintausend Werke waren es, die angeführt vom damaligen Rektor der Technischen Universität vernichtet wurden. Die Gedenktafel vor dem Schloss trägt die Inschrift: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Die perverse Idee, die hinter der Bücherverbrennung stand, sollte in zweierlei Hinsicht wirken: Zum einen sollte fokussiert werden, welche Ziele die neuen Machthaber verfolgten und welche Gedanken, Religionen und Weltanschauungen vernichtet werden sollten. Zum anderen war das Ziel, die guten deutschen Zeitgenossen von den schlechten abzugrenzen und letztere auszugrenzen. Die Bücherverbrennung war keine Aktion, die sich nur speziell gegen die Autoren der verbrannten Bücher und deren Werke richtete. Sie war eine Aktion gegen die jüdischen, sozialdemokratischen, marxistischen und pazifistischen Mitbürgerinnen und Mitbürger insgesamt. Sie war einer von vielen Keilen, mit denen die Gewollten von den Ungewollten getrennt werden sollten. Im Feuerschein der brennenden Literatur sollte allen klargemacht werden, auf welcher Seite man zu stehen hatte und was einem drohte, wenn man das nicht einsah. Die Nazis wollten, wie sie sagten, die Lüge ausmerzen und der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen. Was für ein unfassbarer Zynismus. Die rechte Propaganda war maßgeblich aufgebaut auf Lügen, mit denen die identifizierten Feinde des Deutschen Volkes diskriminiert wurden. Auch die Nazis nutzten Fake news. Sie nutzen Fake news, um Stimmung zu machen gegen diejenigen, die sie in die Rolle des Sündenbocks gesteckt hatten, um gegen sie zu hetzen und die öffentliche Meinung gegen sie aufzubringen.
Das passiert auch heute immer wieder. Da macht ein Politiker dieser Partei, die seit der letzten Bundestagswahl in unserem Bundestag sitzt, Migranten für Wohnungsnot und Verwahrlosung verantwortlich und wird dafür vom Parteivolk grölend bejubelt, da wird eine Mauer gefordert, um die USA vor Kriminellen zu schützen, da will man uns weismachen, dass der Klimawandel bloß ein bisschen schlechtes Wetter ist. Ich denke, wir müssen aufmerksam sein, um die zu erkennen, die uns mit ihren falschen Wahrheiten für ihre falsche Sache gewinnen wollen. Und wir müssen mutig genug sein, ihnen zu widersprechen. Als 1933 die Bücher brannten, war es für vieles schon zu spät. Der heutige 10. Mai ermahnt uns, wachsam zu sein und zu bleiben, damit sich dieser Teil der Geschichte, den manche verantwortungsloserweise einen „Vogelschiss“ nennen, nicht wiederholt.
Motivation dafür finden wir in Worten aus dem 2. Timotheusbrief. Dort heißt es: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

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  Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug

Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 09.05.2019

„Selbst, wenn uns unsre Blindheit von dir triebe, wenn uns betört des eignen Herzens Trug:
Größer als unser Herz ist deine Liebe! Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug.“

Der brasilianische Theologe Lindolfo Weingärtner hat diese Worte verfasst. Und er trifft damit unsere Gegenwart. Inmitten neuer Diskussionsrunden zur Zukunft der Kirche sind es stärkende und vergewissernde Worte. Denn am Ende hängt der christliche Glaube eben nicht an uns Menschen, sondern an Gott selbst. Das ist die tröstliche Botschaft.

Tatsächlich lese ich die Geschichte der Kirche in den vergangenen zweitausend Jahren genauso: Immer wieder, wenn die sichtbare Kirche auf ganz schrägen Bahnen unterwegs war, entwickelte sich aus dem Evangelium heraus hauseigener Widerstand. Gegen das Sammeln zu großer Reichtümer, gegen eine zu enge Verknüpfung von politischer und religiöser Macht, überhaupt gegen falsche Machtansprüche, gegen den Verkauf des Evangeliums bis hin zum Thema von heute, also die Frage vieler Glaubender danach, welche Strukturen dafür verantwortlich sind, dass Missbrauch und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in dieser Masse passieren konnten. Stattdessen werden wir Glaubenden regelmäßig daran erinnert, dass uns gesagt ist, was gut ist, nämlich uns für den Nächsten einsetzen und demütig sein vor niemand anderem als unserem Gott.

Denn auf Erden bleibt der Mensch in all seinen Bezügen – und eben auch in jenen der sichtbaren Kirche – im Unvollkommenen. Deshalb braucht es Zusage und Evangelium gleichermaßen: die ernsthafte Einsicht, fehl gegangen zu sein, verbunden mit dem inneren Wunsch der Umkehr sowie die Zusage, dass die Umkehr Veränderung ermöglicht. Wahrscheinlich ist mir deshalb das Gleichnis vom verlorenen Schaf eines der liebsten. Sie erinnern sich? Bei Matthäus heißt es:

„Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er's findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ist's auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“ (Mt 18,10-14)

Gott bleibt. Auch wenn wir uns kleingeistig von ihm abwenden. Er bleibt, geht uns nach, begegnet uns in immer wieder anderen Gestalten, Gesichtern, Fragen und Deutungen. Und spätestens am Ende wird ER selbst uns finden – und, so vertraue ich, auch heimholen. Denn:

„Selbst, wenn uns unsre Blindheit von dir triebe, wenn uns betört des eignen Herzens Trug:
Größer als unser Herz ist deine Liebe! Du kommst mit uns zum Ziel. Das ist genug.“

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  VE-Day

VE-Day

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 08.05.2019

Heute ist in vielen Ländern Europas „VE-Day“, „Victory in Europe Day“; also „Sieg in Europa Tag“, der Gedenktag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945. Mit dem 8. Mai wird das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert – und in anderen Ländern wird dieser Tag als Feiertag begangen. 74 Jahre liegt dieser 8. Mai zurück, ein ganzes Menschenleben. Und dieses ganze Menschenleben lang durfte Europa Frieden erfahren!

VE-Day. Siegestag. Meine Generation hat diesen Tag in dieser Deutung gelehrt bekommen. Als einen Tag des Siegs des Guten über das in Hitler personifizierte Böse. Aber die Wahrheit ist wohl auch, dass nicht alle schon mit diesem Tag den Frieden erlebten. Und schon gar nicht alle ihn als Sieg erlebten. Wenn ich mir die Erzählungen derer anhöre, die damals Kinder waren, dann galten auch für die Zeit nach dem 8. Mai vielerorts Hunger, Gewalt und Vertreibung.

VE-Day. Siegestag. Mir scheint, dass der Sieg vor allem erst einmal in der Zukunft lag, die dieser 8. Mai ermöglichte. Die einen wurden befreit und konnten endlich wieder nach Hause zurückkehren. Auch wenn sie nicht wussten, was genau sie dort eigentlich erwarten würde – und wie sie mit dem Erlebten würden leben können. Die nächsten konnten endlich ihre Verstecke verlassen, die wirklichen oder die, mit denen sie ihrem Herzen Stillschweigen verordnet hatten, um in jenem Deutschland von damals nicht aufzufallen. Und die letzten mussten lernen, dass ihre Ideologie nicht nur Irrtum, sondern eine Fratze des Bösen gewesen war.

Am VE-Day lag der wahre Sieg in einer Zukunft, die erst noch werden musste – und, Gott sei Dank!, geworden ist. Heute nun ist er schon lange Gegenwart. So lange, dass ich mir manchmal Sorgen um ihn mache. Schätzen wir ihn wirklich noch hoch genug? Jenen Sieg, der eben nicht nur Sieg unserer Gegner war, sondern mit Frieden, Demokratie, Freiheit und Wohlstand, die auf die Kriegsjahre folgten, am Ende auch unser Sieg geworden ist.

Vermutlich braucht es den steten Blick zurück, um zu begreifen, wie kostbar und welch großer Sieg diese Friedenszeit ist, in der wir leben. In der Jahreslosung ist uns gesagt: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Ps 34,15)

Und als Mittel, die zum Frieden führen, empfiehlt der Apostel Paulus der Gemeinde in seinem Galaterbrief das Leben im Geiste Gottes. Es schreibt:
„Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet. Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Die Frucht aber des Geistes Gottes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut“. (Gal 5,13-16.22)

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  Warum so furchtsam?

Warum so furchtsam?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.05.2019

„Experten: Kirchen müssen mehr mit ihren Leistungen werben“, so titelt eine Pressemeldung des Evangelischen Pressedienstes. Sie zitiert damit Reaktionen auf die Prognosen der sinkenden Kirchenmitgliedschaft bis 2060. Mal davon abgesehen, dass ich der Typ bin, der lieber auf das halb volle als das halb leere Glas schaut, wundere ich mich auch. Mit meinen Leistungen werben? Mir scheint, da geraten Kategorien wesentlich durcheinander – und das ist ein Problem.

Natürlich trage auch ich in mir den tiefen Herzenswunsch, dass die Botschaft von der Auferstehung Christi, von der göttlichen Leidenschaft für den Menschen und von einem Leben auf Erden, das das Gebot der Nächstenliebe als göttlich und in seiner Wirksamkeit für das Leben anerkennt, sich als gute Nachricht weitersagt. Ich glaube auch fest daran, dass wir Menschen durch unseren Glauben wieder und wieder über uns selbst hinauswachsen können, weil sowohl die Erzählungen des Glaubens als auch das Gebet uns existentiell treffen und so neue Perspektiven eröffnen. Aber die Kategorie der Werbung ist doch nicht die Kategorie der Mission, also des fröhlichen Weitersagens dessen, was uns selbst fröhlich unserer Wege ziehen lässt.

Als Beispiel einer möglichen Werbung werden die Taufen benannt: so sollen wir z.B. mehr Tauffeste anbieten. Und ich merke, wie es in mir aufbegehrt: Die Taufe ist doch nun wirklich kein Produkt, das zu verkaufen wäre…. Die Taufe ist mein antwortendes „Ja“ auf das „Ja“ Gottes zu mir. Und nichts, was ich jemandem aus guten oder schlechten Gründen unterjubeln will. Ansonsten finde ich Tauffeste ganz wunderbar, weil ich als ehemals Alleinerziehende weiß, dass es manchmal auch die äußeren Umstände eines schwierig zu organisierenden Familienfestes sind, die von der Feier der Taufe abhalten. In meiner Vikariatsgemeinde waren die Tauffeste in der Kirche die reine Freude; außerdem bieten Tauffeste die Möglichkeit, auch einmal in die Natur zu gehen und z.B. an einer Quelle zu taufen oder an einem Fluss. Unter dem himmlischen Zelt Gottes zu feiern, kann etwas ganz besonders Schönes sein! Aber gerade solch besondere Momente im Sinne einer Werbung zu verzwecken, halte ich für den Tod im Topf. Wollen wir wirklich, dass unsere Sakramente anderes sein sollten als selbstzwecklicher Ausdruck des Glaubens?

Werbung will verkaufen. Kirche sollte nicht verkaufen. Weder Ablässe noch Events noch ihre frohe Botschaft. Kirche sollte begeistern. Sie sollte um die Menschen ringen, um jede und jeden einzelnen, mit Herz und Leidenschaft. Sie sollte gesellschaftlich mahnen, wo Unrecht oder Unbarmherzigkeit geschehen. Und sie sollte so selbstbewusst und so mutig in die Zukunft gehen, wie sie selbst von Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft predigt. In der Tageslosung heißt es: „David wusste sich stark durch den Herrn, seinen Gott“ (1. Sam. 30,6) – Sollten wir diese Stärke angesichts eines Prognosen-Goliath etwa vergessen?

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  Anti-Diät-Tag

Anti-Diät-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.05.2019

Wenn Sie – so wie ich bisweilen – zu Hause um Ihre Waage einen großen Bogen machen oder nur mit feuchten Händen draufsteigen, wenn Sie beim Gedanken an Schokolade, Torte oder Sahnesoße ein schlechtes Gewissen bekommen oder wenn Sie sich über kneifende Hosenbünde ärgern, dann dürfen Sie heute befreit aufatmen! Denn heute ist der internationale Anti-Diät-Tag. Ins Leben gerufen hat ihn die englische Schriftstellerin Mary Evans Young, nachdem sie von einer Essstörung geheilt war. Young setzt sich seitdem für die Akzeptanz des eigenen Körpers und gegen den in den Medien in unseren Breiten propagierten Schlankheitswahn ein.
Gerade junge Menschen und unter ihnen insbesondere Mädchen leiden oft darunter, dass ihr eigener Körper nicht dem allgemein als akzeptiert geltenden Schönheitsideal entspricht. Depressionen, Magersucht und sogar Selbstmord können die schlimmen Konsequenzen sein, die aus einer solchen Selbstablehnung erwachsen. Doch wer bestimmt eigentlich, was schön ist und was nicht? Ja, es sind ganz maßgeblich die Medien, die hier den Zeitgeist beeinflussen. Schlank ist attraktiv, erfolgversprechend, „in“ und erstrebenswert. Mollig sind hingegen die Außenseiter, die Erfolglosen, die, die ihr Leben nicht im Griff haben. Was für ein Blödsinn!
Ziele des Anti-Diät-Tages sind konsequenterweise die Würdigung und Wertschätzung der Unterschiedlichkeit von uns Menschen. Es gibt eben große und kleine, dicke und dünne, schwarze und weiße – Gotteskinder. Was Mode und Schönheitsideale beschreiben, sind ausnahmslos Äußerlichkeiten, die das, was einen Menschen tatsächlich ausmacht, völlig außer Acht lassen. Es klingt etwas abgedroschen und manchmal sogar als Entschuldigung, doch es ist einfach so, dass die inneren Werte entscheidend sind und nicht, wie jemand aussieht und schon gar nicht, wie viel er auf die Waage bringt.
Und doch werden Menschen immer noch und immer wieder wegen derartiger Unwichtigkeiten diskriminiert und verletzt. Ja, natürlich tragen wir auch Verantwortung für uns selbst, für unsere Gesundheit und dafür, dass wir mit unserem geschenkten Leben und unserem Körper sorgsam umgehen. Aber wir dürfen eben auch wissen, dass Gott uns annimmt und liebt, so wie wir sind. Und wir dürfen das auch selbst. Ich darf und ich soll mich selbst lieb haben – liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus. Und irgendwelche Einschränkungen bezogen auf den BMI oder die Konfektionsgröße, sind in diesem Satz nicht zu finden.
Im Übrigen denke ich, dass es für ein gelingendes Leben unabdingbar ist, dass wir mit uns selbst im Reinen sind. Nur wenn ich mich selbst lieb habe, kann ich auch auf andere Menschen liebevoll zugehen. Ich muss erfüllt sein mit Liebe, auch zu mir selbst, um Liebe an andere weiterzugeben. Darauf kommt es an. Und ob wir dabei ein paar Kilo mehr oder weniger auf die Waage bringen, wird Gott herzlich egal sein.

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  Die Mischung macht’s!

Die Mischung macht’s!

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.05.2019

Was denn nun? Carpe diem – pflücke den Tag oder Memento mori – bedenke, dass du sterben musst? Besonders im Mittelalter waren diese beiden Kontrapunkte zeitgeistbestimmend.
Dabei wurde das Memento mori auch gern als Mittel eingesetzt, um Menschen Angst vor ewiger Verdammnis einzuflößen. Man sagte, dass jedes Fehlverhalten im irdischen Leben zur Eintrittskarte in die Hölle werden könnte. Die Ableitung daraus waren größte Anstrengungen, um die Strafe des Jüngsten Gerichtes abzumildern und um sich Gottes Gnade zu verdienen. Die Gegenposition dazu war das Carpe diem: Hol aus deinem ohnehin nur kurzen und leidvollen Leben soviel raus, wie nur geht! Lass dir keine Gelegenheit entgehen, um Lust, Freude und persönliches Glück zu erleben und zu genießen. Jüngstes Gericht? Mir doch egal!
Für die Menschen unserer Zeit ist die Entscheidung zwischen den beiden Polen Memento mori und Carpe diem deutlich leichter, denn das erstgenannte hat seinen Drohcharakter verloren, was auch gut ist. Nicht zuletzt hat Martin Luther klargemacht, dass man sich das Himmelreich und Gottes Gnade nicht verdienen kann. Beides ist und bleibt ein Geschenk. Außerdem bestätigt uns Luther, dass wir alle durch Jesus Christus vor Gott bereits gerechtfertigt sind, ohne dass wir unser Leben lang permanent eine Glaubensheldentat nach der anderen produzieren müssten.
Damit könnten wir ja nun getrost auf den Carpe-diem-Pfad abbiegen und es in unserem Leben so richtig krachen lassen – ich sag mal ganz platt: auf Teufel komm raus! Doch wie das oft so ist: Extreme sind selten die beste Lösung. Denn ein Carpe diem in Reinkultur kann sehr schnell mal den eigenen Vorteil zum Nachteil des Mitmenschen werden lassen, weil das eigene Wohl und der eigene Nutzen über die des Anderen gestellt werden. Dann wird mein Carpe diem zum reinen Egoismus, zur Verantwortungslosigkeit und zum Leben zu Lasten meines Nächsten.
Es ist die gesunde Mischung aus beiden Positionen, die ein gutes Leben ausmachen kann, wie ich finde. Dass Jesus uns ein Leben in Fülle wünscht, hat er selbst gesagt. Und ein Leben in Fülle beinhaltet ganz sicher auch Glück, Spaß und Freude. Doch dabei darf die Nächstenliebe nicht unter die Räder geraten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagt Jesus. Sieh zu, dass es deinen Mitmenschen gut geht und achte darauf, dass du selbst nicht zu kurz kommst. Lass es dir gut gehen, übernimm aber auch Verantwortung für das, was du tust und sorge dafür, dass deine Mitmenschen ebenso eine Chance auf ein gutes und erfülltes Leben haben. Das ist die Jesuanische Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Was denn nun?
Und wenn wir trotz bester Absichten einmal aus der Balance geraten zwischen Carpe diem und Memento mori: Gott gibt uns jeden Tag die Chance für einen Neuanfang und für den Versuch, es heute besser zu machen als es uns gestern gelungen sein mag – mit Lebensfreude, mit Liebe und in Jesu Namen.

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  Von Statistiken und Prognosen

Von Statistiken und Prognosen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 03.05.2019

Es ist mal wieder so weit. Die Kirche geht unter. Mindestens emotional. Dieses Mal sind es die Freiburger Finanzwissenschaftler, die uns auf Anfrage der EKD mit der Hiobsbotschaft um die Ecke kommen: 2060 werde die Kirche nur noch halb so viele Mitglieder und Einnahmen haben wie heute. Als Gründe werden der demographische Wandel sowie Tauf- und Austrittsverhalten der letzten Jahre angegeben. Meine Tageszeitung hat übrigens den tiefgreifenden demographischen Wandel aus ihrer Darstellung gestrichen und den vollen Fokus auf jene gelegt, die sich von der Kirche abwenden – eine Botschaft ganz eigener Art.
Ich selbst lese die Zahlen und verzweifle. Nicht weil ich Angst vor der Prognose hätte, sondern weil ich es ehrlich gesagt nicht mehr hören kann. Seit ich sechszehn bin, bin ich im kirchlichen Raum unterwegs. Und genauso lange höre ich das Prognosen-Lamento. Damals war es das Jahr 2020, in dem die Kirche am finanziellen Abgrund stehen sollte. Nun sind wir hier, die Gemeindegliederzahlen sind tatsächlich gesunken, aber deutlich weniger dramatisch als erwartet. Und die Einnahmenlage ist vollkommen wider Erwarten stabil geblieben.
Wissen Sie, durchaus ketzerisch frage ich mich, ob sich der Jesus am Kreuz eigentlich auch Gedanken darüber gemacht hat, wie die Zahlen seines Haufens sich wohl prognostisch entwicklen würden, ausgehend davon wie sie sich in den letzten Tagen entwickelt hatten: Denn waren es beim Einzug in Jerusalem noch Menschenmassen gewesen, die ihn phrenetisch jubelnd empfangen hatten, wendeten sich im Moment der Verhaftung nicht nur diese vielen von ihm ab, sondern sogar jene elf Jünger, die ihn nicht verraten hatten. Wer blieb, waren einige Frauen, die allerdings in der damaligen Gesellschaft, ist man ehrlich, gar nichts galten….
Wissen Sie, bei aller Verantwortung, die Synoden und andere Gremien tragen, wenn sie über die kirchlichen Gelder entscheiden, möchte ich angesichts dieser Prognosen doch sehr darum bitten, sich das Gleichnis der anvertrauten Pfunde noch einmal vor Augen zu führen (Lk 19,11-27): Dort gibt ein Mann edler Herkunft zehn seiner Knechte je ein Pfund, damit sie es während seiner Abwesenheit verwalten. Die Knechte tun das mit unterschiedlichem Erfolg. Bei der Rückkehr des Verwalters werden die, die mit dem Pfund gearbeitet haben, gelobt; und zwar sowohl jene mit wenig als auch jene mit viel Erfolg. Und nur ein einziger spürt am Ende den Zorn seines Herrn und verliert alles, was er hat. Und das ist der, der das Pfund ängstlich vergraben hatte.
Ich hoffe also sehr darauf, dass die Verantwortlichen sich fragen, wofür Menschen uns ihr Geld als Kirchensteuer überlassen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht tun, damit wir es sicherheitsmotiviert auf Anlagekonten vergragben. Vielmehr denke ich, dass sie es im weitesten Sinne dem Menschen zugut und Gott zur Ehr eingesetzt sehen wollen. Und vielleicht könnten wir uns ja von den nicht eingetretenen pessimistischen Prognosen von vor dreißig Jahren insoweit belehren lassen, dass die Zukunft am Ende – Gott sei Dank – offen ist.

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  Schlummern

Schlummern

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.05.2019

Erinnern Sie sich? An die Zeiten, als die Geschäfte mittags um halbeins schlossen und erst um drei wieder geöffnet haben? Als es in den Straßen nach Mittagessen roch und wir Kinder fröhlich von der Schule nach Hause schlenderten. Mit Glück am Kaugummiautomaten vorbei, wo die am Morgen gefundenen zehn Pfennig schnell wieder dem Wirtschaftskreislauf zugeführt wurden. Das waren Zeiten! Mitten am Tag hielt die Welt damals inne. Deshalb durften wir Kinder uns auch erst frühestens ab drei Uhr verabreden, denn sonst drohten wir Lärmbolde gewiss die Mittagsruhe zu stören – und das wäre ein echtes Sakrileg und damit den Nachbarschaftsstreit wert gewesen.

Meine Konfis kennen das gar nicht mehr. Schon in meiner Jugend verschwand dieses Ritual. Stattdessen öffneten mehr und mehr Geschäfte auch über Mittag. Als Service für den Kunden, versteht sich. Und jenen, die mittags die Augen einfach nicht offen halten können, wird seither der „Powernap“ empfohlen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich klingt das vielmehr nach einer Sportart als einer ordentlichen Ruhepause. Es scheint, als wäre es peinlich zuzugeben, dass irgendwann am Tag die Zeit gekommen ist, in der wir nicht mehr können und neue Kraft finden müssen.

Deshalb habe ich mich von Herzen gefreut, als ich kürzlich folgendes Loblied des Mittagschlafs von Susanne Niemeyer gefunden habe: „Wisst ihr, was Luxus ist? Vergesst teure Autos und Schnürsenkel aus Schlangenleder. Ob das Schnitzel in Blattgold gewickelt ist, ist mir schnuppe. Ich brauche kein Privatjet, weil ich sowieso nicht gern fliege. Verliebt sein kann man genauso gut im Bus und bei Liebeskummer hilft auch keine Limousine. 5-Sterne-Hotels lassen mich kalt, meinen Urlaub verbringe ich am liebsten im Zelt, allerdings einem, das dichthält, das ist auch schon ein Luxus. Aber den meine ich nicht. / Luxus ist ein Mittagsschlaf. Sich am helllichten Tag aufs Sofa zu legen und sanft davongetragen zu werden in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Sich nicht gemeint fühlen von den Alltagsgeräuschen, sondern selig schlummern. Schon das Wort „schlummern“ erzählt von der Süße dieses Zustandes. Wer schlummert schläft nicht, wer schlummert trägt keinen Pyjama, wer schlummert, schlüpft nur kurz aus dem Getriebe des Alltags hinaus. […] Das ist Luxus. Es ist auch ein Akt der Unverfügbarkeit, und ich glaube, solche Momente brauchen wir immer nötiger. Sie sind Lücken, durch die das Unvorhersehbare schlüpft. Entspannung und Ruhe sowieso, auch Freiheit jenseits der Betriebsamkeit und der Unabkömmlichkeit, eine Freiheit jenseits der persönlichen Produktivität. Es ist, als würde man eine dieser alten Schultafeln wischen, vollgeschrieben mit Formeln, Gedanken, Notizen, bevor die nächste Stunde beginnt.“

Schlummern ohne Zweck und Ziel – einfach zum Kraft Schöpfen und, wie Niemeyer sagt, vielleicht sogar mit dem Glück gesegnet, dem Unvorhersehbaren zu begegnen. Das ist doch etwas. Und biblisch noch dazu, denn im 127. Psalm heißt es (Ps 127,2):
„Seinen Freunden gibt‘s der HERR im Schlaf!“ - Ich finde, das klingt nach echter Weisheit!

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  Maifeiertag

Maifeiertag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.05.2019

„Wie lieblich ist der Maien“ heißt es im Kirchenlied! Und tatsächlich sind die in Blüte brechende Natur, das junge Grün und die ersten wärmenden Lichtstrahlen ja auch wunderbar! Vielleicht ist es diese Zeit, in der Menschen am wenigsten dazu bereit sind, sich einfach abzufinden; in der sie ahnen, dass Dinge und Zeiten sich wandeln können.

Und so passt es eigentlich ganz gut, dass am 1. Mai 1919, also vor genau einhundert Jahren, der erste Maifeiertag in Deutschland stattfand. Gerade einmal zwei Wochen zuvor war er von einer Mehrheit der Weimarer Nationalversammlung durchgesetzt worden. Er war eine Verbeugung vor jenen Kämpfern der Chicagoer Arbeiterbewegung, die am 1. Mai 1886 gegen den Zwölf-Stunden-Tag aufbegehrt und für einen Acht-Stunden-Tag gekämpft hatten. Den Reden des 1. Mai folgten Arbeitsniederlegungen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, die schließlich zu Aufständen und am Ende zu viele Toten führten – unter den Arbeitern und den Polizisten. Tote sind im politischen Ringen stets ein zu hoher Preis. Und ich selbst empfinde die Rede vom Arbeits“kampf“ deshalb auch eher als unpassend heroisch. Aber den Kern der Bewegung: Ungerechtigkeiten benennen und ändern zu wollen, den empfinde ich als ein hohes Gut.

Denn es braucht die rechten Bedingungen, damit nicht nur die Natur, sondern auch das Menschsein sich entwickeln und wachsen kann. Dass viele Menschen in unserem Land heute nicht nur siebzig oder achtzig Jahr, sondern achtzig, neunzig oder hundert Jahr werden, liegt letztlich an den guten Lebensbedingungen und einer flächendeckenden medizinischen Versorgung.

Die frohe Botschaft des Frühlings lautet, dass noch aus dem, was tot scheint, Leben hervorbrechen kann. Von ihr lassen wir unsere Osterbotschaft der Auferstehung begleiten. Und mit ihr unsere Hoffnungen für Lebendigkeit. Für gutes Leben, das von der Suche nach Gerechtigkeit, von der Sehnsucht nach einer Liebe, die gleichermaßen empfängt und schenkt, sowie von der Hoffnung auf Barmherzigkeit geprägt ist.

Die Journalistin Susanne Niemeyer schreibt in einem Gedicht zur Osterzeit:
„In diesen Nächten / rufst du mich hinaus / In diesen Nächten / schläft die Eule /
und der Dämon ruht / In diesen Nächten wehen die jungen / Buchenblätter /
und die Luft schmeckt / nach Werden.“

Es muss nicht alles so bleiben, wie es ist.
Wir dürfen so werden, wie wir gedacht sind. Wir dürfen gut sein.
Das ist das große Gnadenwort des christlichen Glaubens. Ein Geschenk.

Ein Geschenk, das nicht nur für den einzelnen Auswirkungen zum Leben hat, sondern auch über sich hinaus wirkt. Gerade der Maifeiertag könnte ein guter Moment sein, um sich selbst in diese Gedanken des Werdens neu einzuschreiben und in den eigenen Verantwortungsfeldern daran mitzutun, dass Dinge sich zu einem Besseren wandeln.

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  Confirmare

Confirmare

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.04.2019

Zwischen Ostern und Pfingsten liegen die Wochen der Konfirmation. Es ist ein besonderes Fest, das Menschen ganz verschieden berührt und angeht – je nachdem, wer sie am Tag der Konfirmation sind….

Meine eigene Konfirmation liegt schon lange zurück – und in meiner Erinnerung an diesen besonderen Tag waren es das Aussuchen schöner Kleider im Vorfeld sowie die Gespräche meiner Eltern zur Festgestaltung, die hängen geblieben; dazu die Konfirmandenfrage, mein „Ja, mit Gottes Hilfe“, das Niederknien vor dem Altar, die Hände segnend auf dem Kopf und mein Konfirmationswort: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ (1. Joh 5,4). Es war die Freude, mit den anderen gemeinsam zum ersten Mal im Leben etwas zu einem Abschluss gebracht zu haben. Das fühlte sich erwachsen an. Natürlich waren auch die Geschenke wichtig. Aber – sie waren nicht das wichtigste. Bei weitem nicht.

Später habe ich selbst konfirmiert, mir die jungen Menschen betrachtet, mit denen ich knappe zwei Jahre Unterrichtszeit geteilt hatte, und mich gefragt, wohin ihr Leben sie treiben wird. Meine Konfis wachsen mir regelmäßig ans Herz – und so wünsche ich mir auch von Herzen, dass sie ihre Wege finden mögen und sich dabei in einem gutem Glauben als starke und selbstbewusste Menschen bewegen; dass sie nie jenen Gedanken aus dem 139. Psalm verlieren, der da heißt: „Ich danke dir dafür, Gott, dass du mich wunderbar gemacht hast; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“

Und an diesem Wochenende saß ich nun erstmals in der Elternrolle in der Kirche und habe erlebt, was es bedeutet, wenn das eigene Kind sichtbar einen so symbolischen Schritt weg tut. Für mich war es ein Moment der Annahme dieses Erwachsenwerdens, verbunden mit dem innigen Wunsch, dass das, was kommt, gut sein möge.

In meiner Nachbereitung des Tages habe ich mir jetzt die Mühe gemacht, noch einmal nachzusehen, was genau eigentlich „confirmare“, die Wurzel des Wortes Konfirmation, bedeutet: bekräftigen, bestätigen, beteuern, versichern, festmachen, für gültig erklären. All das klingt bekannt; es klingt nach Bekenntnis; nach dem „Ja“ zur eigenen Taufe und dem „Ja“ als Antwort auf die Frage: „Willst du Christ sein? / Willst du Christin sein?“

Es ist ein lautes „Ja“ – und in der Konfirmation muss das wohl auch so sein. Aber ich bin wirklich froh, dass mit diesem „Ja“ die Worte „Mit Gottes Hilfe“ einhergehen. Denn manchmal, da schläft der Glaube oder tritt zurück hinter Fragen des Lebens, er zweifelt auch angesichts von Krisen und angesichts der Situation, dass der christliche Glaube immer weniger selbstverständlich ist. In diesem Sinne ist es gut, dass auch das Wort „confirmare“ noch zwei weitere Bedeutungen kennt, nämlich „ermutigen“ und „trösten“. Denn es stimmt ja: das, wozu das Herz „Ja“ sagt, fordert nicht nur zum standhaften Bekenntnis, sondern es schenkt auch Trost durch innere Gewissheit. Gerade so wünsche ich allen Konfis dieses Jahres, dass ihnen durch ihren Glauben gelingt, was im 2. Buch Samuel geschrieben steht: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

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  Und es war doch nicht der Gärtner!

Und es war doch nicht der Gärtner!

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.04.2019

Die Paramente an den Altären unserer Kirchen sind weiß, so auch hier bei uns im Dom oben im Hohen Chor, wir sind mittendrin in der österlichen Freudenzeit und so komme ich Ihnen heute in dieser Andacht auch österlich um die Ecke.
Die Bibel berichtet uns von Ostersonntag, dass Maria Magdalena, nachdem sie das leere Grab vorgefunden hat, als erster Mensch überhaupt dem auferstandenen Christus begegnet ist. Es soll ganz in der Nähe des leeren Grabes gewesen sein und das Bemerkenswerte ist, dass Maria Magdalena Jesus nicht erkennt. Sie hält ihn für den Gärtner und fragt, ob er Jesu Leichnam weggetragen habe. Wörtlich steht bei Johannes: Sie traf ihn und wusste nicht, dass er es war. Das ist schon komisch, denn Maria Magdalena war eine der engsten Vertrauten Jesu, sie hat ihn begleitet bis in den Tod hinein und sogar darüber hinaus und nun sieht sie ihn nach seiner Auferstehung wieder und weiß nicht, dass er es ist.
Woran lag das? Ich denke, es gibt eine Reihe von Erklärungsansätzen. Vielleicht war Maria Magdalena so in ihrer Trauer gefangen, dass sie gar keine Chance hatte, Jesus zu erkennen. Vielleicht war sie zu fixiert darauf, seinen Leichnam zu finden und ihm mit wertvollen Ölen und Kräutern den letzten Dienst zu erweisen. Vielleicht konnte sie ihn aber auch gar nicht erkennen, weil er so ganz anders war als früher. Jesus hat zu Lebzeiten seinen Tod und seine Auferstehung mit einem Weizenkorn verglichen, das in die Erde fällt und stirbt und dadurch viel Frucht bringt. Die Weizenpflanze hat mit dem Samenkorb äußerlich wenig gemein – vielleicht so wenig wie der auferstandene Heiland mit dem am Kreuz gestorbenen Menschen Jesus.
Wie auch immer es in Maria Magdalena auch ausgesehen haben mag an diesem Ostermorgen, ich glaube, dass es uns auch immer mal wieder so geht wie ihr. Wir sehen Jesus, wir sehen seine Spuren und sein Handeln in dieser Welt und in unserem Leben und wir erkennen ihn nicht. Wir kämpfen mit Angst, mit Schmerz und mit Trauer, so wie Maria Magdalena. Wir sind fixiert auf das Elend, das Leid und die Not um uns herum, wir starren auf die Gräber in unserem Leben und erkennen nicht, dass Jesus längst in unserer Nähe ist und darauf wartet, uns zu begegnen.
Maria Magdalena erkennt Jesus schlussendlich, als er sie bei ihrem Namen ruft. „Maria“ sagt er, ganz vertraut und liebevoll. Das ist der große Augenöffner für die Trauernde, die in diesem Moment versteht, was tatsächlich passiert ist. Sie wird dadurch zur ersten Zeugin und Apostelin, denn Jesus beauftragt sie, von diesem Wunder zu erzählen, was sie dann auch tut. Sie bricht auf und sagt der Welt und damit auch uns, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Schatten des Todes Ewigkeitsmacht hatte. Sie sagt der Welt, dass die Traurigkeit ein Ende haben kann, weil unser Herr lebt! Er ist präsent in unserem Leben und an unserer Seite, auch und gerade dann, wenn wir – so wie damals Maria Magdalena – nicht wissen, dass er es ist.

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  Was ist der Mensch

Was ist der Mensch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.04.2019

Gestern Abend waren wir in Hannover und haben dem Pianisten Jens Thomas und Matthias Brandt dabei zugeschaut und zugehört, wie sie von den letzten Lebensmonaten Robert Schumanns in einer Irrenanstalt erzählten. Mit großer Kunst, tobend und schluchzend, laut und leise, zart und rauh haben sie verlebendigt, wie ein Mensch zerfallen kann, wenn er keinen Zugang mehr zu sich selbst hat, seine Musik vergisst, seine Liebe nicht mehr ausdrücken kann, immer wieder keine Worte findet. Und zugleich leuchtete zwischendrin immer wieder auf, wie wunderbar Menschen sein können: schöpferisch, sensibel, kraftvoll, ganz präsent und einander nah.
Die beiden Künstler zeigten das in ihrer Bezogenheit aufeinander, ihrer Musik und dem eindrücklichen Text der „Krankenakte“.
Auf dem Heimweg zwischen all den großen und schweren Karossen auf den dunklen regennassen Strassen in Hannover und später der A2 verstärkt sich der Eindruck von der Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des Menschen. Grade hatten wir noch Matthias Brandt dabei zugesehen, wie er sich zu den Lautmalereien von Jens Thomas unterm Flügel wie ein Embryo krümmt, da sind wir alle nur noch in Metall eingehauste isolierte Autofahrer. Schärfer konnte der Kontrast nicht sein.
Heute morgen in der Zeitung das schwedische Mädchen Greta allein auf einer Stockholmer Brücke mit seinem Schulrucksack, ein paar Seiten weiter übergroße Porträts von Kindern mit dem Downsyndrom…
Was ist der Mensch? Größer kann die Frage nicht werden. Älter auch nicht. wer weiß, was dem Beter des achten Psalms begegnet ist, als er schrieb:
„Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen,
der du zeigst deine Hoheit am Himmel!
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“
In den alten Psalmworten spiegeln sich die ungeheuren Dimensionen des Kosmos mit all seinen Mächten und Gewalten. Sonne, Mond und Sterne, die sich mit unvorstellbarer Kraft auf ihren Bahnen halten. Und dazwischen wir. Jeder Einzelne unersetzlich, einmalig und besonders, verrückt auch, eigensinnig, bockig, begabt andere anzurühren und zu verändern.
Was muss das für ein Gott sein, wenn wir ihm ähnlich sind!

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Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.04.2019

Nach Ostern ist Konfirmationszeit überall im Lande. Jungen und Mädchen schlüpfen in festliche Kleider und auf einmal ahnt man die Frauen und Männer, die sie noch werden. Es ist anrührend und wunderbar zu sehen, wie dieses Fest junge Menschen sichtbar macht. Unter Kirchenleuten sagen wir: Konfirmation ist ein Passageritus. Man passiert eine unsichtbare Schwelle. So wie man beim Schulanfang oder bei der Hochzeit, in gewissem Sinne auch bei der Beerdigung, in einen neuen Lebensabschnitt tritt, so ist auch die Konfirmation ein Schritt von einer Lebenszeit in eine andere. Vom Kind zum jungen Erwachsenen, der religionsmündig ist und sich nun selbst zu seiner Taufe bekennen kann – früher war es für viele auch der Schritt raus aus der Schule hinein in die Arbeitswelt.
Dazu braucht es Gottes Segen und gibt es oft auch ein Segenswort, ein Bibelvers, der wie ein Anker oder ein Wegweiser, ein Trost oder eine Ermutigung klingt – je nachdem welchem Menschen er für den Schritt über welche Schwelle mitgegeben wird.
Früher suchten Pfarrer solche Sprüche aus, wenn sie urkundenschreibend am Schreibtisch saßen und in Gedanken bei der oder jenem waren. Heute finden Konfirmandinnen ihre Sprüche selber. Oft sind es dann Wegworte oder solche mit viel Liebe, mit Engeln und Segen oder dem, was schon für die Großeltern ein guter Spruch gewesen ist. Das Leben liegt ja noch vor einem und so bergen sich in solchen Spruchsuchen oft sehr menschliche und legitime Sehnsüchte. Einer der Sprüche, die ein bisschen anders daherkommen steht bei Jeremia: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht Gott.“ Ich mag diesen Vers gerade zur Konfirmation, denn es ist ja nicht so, dass mit dem Glaubensbekenntnis allein schon Glaubenszuversicht gegründet wäre. Darum finde ich die Zusage, dass Gott sich finden lassen will, wenn man ihn wirklich in seinem Leben haben möchte, wunderbar. Umso überraschter war ich, als mir eine junge Frau neulich erzählte, dass sie dieses Bibelwort eher beängstigend fände: „Man sucht Gott doch erst, wenn man in Angst und Not geraten ist“ meinte sie. „Das kann man doch keinem mitgeben wollen.“
Ja, das verstehe ich und halte ich für einen sehr ehrlichen Einwand. Denn in der Tat: allermeist suchen wir Gott, wenn wir ohne ihn nicht weiter wissen. Älter werdend glaube ich aber auch: so viele Bereiche, in denen wir ganz ohne ihn auskommen, gibt es gar nicht – egal, ob wir ein Kind groß ziehen, einen Beruf suchen oder eine Alltagsform, in der wir heil an Leib und Seele bleiben. Immer braucht es Gottes Schutz und seinen Segen, seine Nähe. Wie gut, wenn er dann da sein will und warum nicht beim Schritt in das Erwachsenenleben gewärtig sein, dass wir ihn brauchen werden – wie immer wir ihn dann auf unserer Lebenssuche nennen und erleben: als Weg, als Liebe, als Licht, als Engel…

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  Heilungswunder

Heilungswunder

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.04.2019

Die Ostertage liegen im Rücken – und damit die so schwer fassbare Botschaft der Auferstehung. Als Erstling, wie es im Neuen Testament heißt, ist der Mensch Jesus von Nazareth auferstanden. Dabei lässt die Schrift offen, was das konkret für uns andere bedeutet. Ich denke, zum Verstehen müssen wir ohnehin überhaupt erst einmal unterscheiden zwischen der Auferstehung nach dem Tod, die kategorisch in einer uns verschiedenen Wirklichkeit spielt – und zu der sich deshalb nicht wirklich mehr als ihr „dass“ sagen lässt; und der Auferstehung im Leben. Von ihr sprechen wir, wo sich Bande lösen, die sich nach tödlicher Unbeweglichkeit anfühlen.

Solch eine „Auferstehung-im-Leben“-Erzählung ist eines der Heilungswunder aus dem Markusevangelium. Dort wird im zweiten Kapitel von einem Mann erzählt, der gelähmt ist. Vier Freunde tragen ihn auf seiner Bare liegend zu Jesus; und weil sie aufgrund des großen Menschenandrangs nicht zu ihm gelangen können, decken sie sogar das Dach jenes Hauses auf, in dem Jesus sich gerade befindet. Sie lassen den gelähmten Freund zu Jesus hinab. Was im Anschluss geschieht, ist einigermaßend überraschend. Es heißt: „Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Mk 2,5)

Tja. Was meinen Sie? Ob die vier sich wohl dafür gemüht haben? Also, ich vermute eher, dass sie auf eine Wunderheilung gehofft hatten. Aber da schwenkt die Erzählung auch schon von ihnen weg hin zu den anwesenden Schriftgelehrten. Die nämlich murren in ihren Herzen, dass Sünden doch nur Gott allein vergeben könne. Jesus weiß irgendwie, was sie denken und fragt deshalb: „Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher.“ (Mk 2,9) – Erst jetzt erfährt der Gelähmte doch noch seine körperliche Heilung; gleichsam als Beleg dafür, dass Jesus tatsächlich auch die Vollmacht zur Vergebung der Sünden hat.

In Kosequenz lässt diese Geschichte fragen, was denn das eigentlich Wichtige ist, das Jesus hier tut. Oder anders gesprochen: Stimmt eigentlich, was viele sagen? Nämlich: Hauptsache gesund! Sind es wirklich die körperlichen Gebrechen, die einen Menschen daran hindern, zu leben?

Im Alltag erlebe ich, dass Menschen ganz verschieden mit Krankheit umgehen. Die einen macht es kaputt, unbeweglich, zornig, seelisch krank. Die anderen sagen, dass es doch nichts hilft und sie deshalb anstreben, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Ich glaube, dass solch eine Lebenshaltung Gnade ist. Eine Gnade, um die wir bitten und beten können, so sie uns fern liegt. Denn sie ist die Voraussetzung dafür, auch in den kleinen Toden des Lebens Auferstehung erfahren zu können. Jenen Lichtmoment, in dem die Bande der Finsternis sprengen und sich Leben im Hier und Jetzt verändert.

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  Irgendwie auch nur eins mehr als dreißig Silberlinge

Irgendwie auch nur eins mehr als dreißig Silberlinge

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.04.2019

„31,- Euro“. So titelte „Die Zeit“ zum Osterwochenende. Es war einer der meistgelesenen Artikel. Er handelte davon, dass der Kirchenaustritt nicht mehr koste als eben diese einunddreißig Euro. So ganz klar, was die Autorin uns Lesern sagen oder klagen möchte, wurde leider nicht; aber vermutlich lag das auch gar nicht im Interesse des Redakteurs; der dürfte eher auf die leicht zu holenden Klickzahlen geschielt haben, die wohl zu erwarten sind, wenn gerade zum höchsten Fest der Kirche mit dem Preis des Kirchenaustritts getitelt wird. Darin sind „31,-„ Euro dann eben auch irgendwie nur eins mehr als dreißig Silberlinge…. Ein ähnliches journalistisches Verkaufsinteresse scheinen mir auch die alljährlichen Debatten um das Tanzverbot zu haben. Denn Kommentare, die mit einem „Hier ist doch kein Kirchenstaat“ titeln, gehen von einem Gesellschaftsbild aus, in dem die Kirche mit Macht ihre Interessen gegen die einer unfreien Bevölkerung durchsetzt. Eine Einschätzung, die wohl stark an der Wirklichkeit vorbei gehen dürfte.

Auch deshalb fühle ich mich als Glaubende mehr und mehr der Intoleranz ausgesetzt. Als Predigerin von Berufs wegen möchte ich natürlich Menschen für jene frohe Botschaft begeistern, auf die ich mein Leben setze. Dabei vertrete ich aber sehr bewusst einen Glauben, der die Verantwortung des einzelnen fordert. Der einzelne wird unter Nennung seines Namens getauft – und dazu muss im Vorfeld die Tauffrage bejaht werden. Der einzelne wird in die Nachfolge berufen – und muss sich im Rahmen der Buße selbst befragen, inwieweit es ihm gelingt, dem Doppelgebot der Liebe zu folgen. Der einzelne muss Rechenschaft legen über die Hoffnung, die in ihm ist, wie es im Ersten Petrusbrief heißt. Der christliche Glaube führt damit also gerade weg von einer Masse, in der Menschen nach fest vorgeschriebenen Regeln funktionieren müssen, hin zu einer Freiheit des Geistes Gottes, der an die Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen knüpft. Wer aus vollem Herzen seinem Gott nicht oder nicht mehr folgen kann, der muss tatsächlich seines Weges gehen. Wir werden niemanden gegen seine Überzeugung aufhalten, auch wenn uns jedes Abwenden schmerzt.

Aber wie gesagt: angesichts der diffusen Art und Weise, in der ich an diesem Wochenende bloße Stimmungen eines „Dagegen“ wahrgenommen habe, wünsche ich mir als Christin Toleranz von jenen, die nicht dazu gehören wollen! Und ich werbe sehr darum, dass jene, die ihre Glaubensfreiheit als Freiheit vom Glauben leben wollen, mir meinen einen stillen Tag im Jahr lassen. Karfreitag als gesellschaftliche Generalpause. Mindestens aus tolerantem Respekt den Christen gegenüber, die sich unter dem Kreuz ihre menschliche Anfälligkeit für Schuld und Sünde ritualisiert bewusst machen und dies in der Stille beklagen wollen; oder im besseren Falle sogar als eine gute Gelegenheit, die verordnete Tanzpause als Zeit zum Innehalten zu nutzen und sich selbst einmal zu befragen, wenn man denn Gott wirklich nicht mehr will, welche Instanz es eigentlich dann sein soll, vor man das eigene Tun und Lassen verantwortet.

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  Sri Lanka

Sri Lanka

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.04.2019

Es war zu befürchten, ist immer wieder zu befürchten: Anschläge zu den höchsten christlichen Festtagen. Auch wenn es nicht um Religion geht, sondern um Herrschaft. Sonst wären wohl kaum auch Hotels Ziel der Anschläge gewesen. – Symbolisch soll ein Fest der Freude zu einem Fest der Trauer verwandelt werden. Symbolisch soll signalisiert werden: Wir sind die Stärkeren.

Aber was ist Stärke? Wahre Stärke?

Jenen, die Menschen verloren haben, helfen keine Worte billigen Trostes. Sie müssen überleben, dass sie überlebt haben. Sie müssen die Trauer aushalten lernen – und die Enttäuschung, dass Gott ihnen nicht Schutz und Schirm vor allem Bösen war, während sie in seinem Namen zusammen gekommen sind. Und so noch einmal die Frage gestellt: Was kann in einem solchen Moment wahre Stärke überhaupt sein?

Hinter uns liegen die höchsten christlichen Festtage – von Palmsonntag über Karfreitag bis hin zu Ostern. Jene Tage, in denen wir den Friedenskönig feiern, der kein System der Herrschaft aufbauen will, sondern der jeden einzelnen Menschen zu einem Handeln in Liebe und Gerechtigkeit und Barmherzigkeit befähigen will.

Und so liegt der Weg wahrer Stärke als der schwerste Weg vor uns; denn es ist ein Weg, der einfordert, auf Vergeltung zu verzichten. Jesus rief am Kreuz nicht die Engel, die mit ihren feurigen Schwertern der Welt zeigen, wo der Hammer hängt. Er tat nicht, was jene wahrscheinlich getan hätten, die ihn unter dem Kreuz verhöhnten. Deshalb kein neutestamentlicher Marvel-Showdown der Gerechtigkeit, sondern trotzige Treue zum Friedenskönig, der es wagte, den Frieden tatsächlich auf den Wegen des Friedens bringen zu wollen.

Es ist der schwerste Weg, weil er Trauer und Zorn auszuhalten bereit sein muss. Und es ist ein großartiger Weg, weil man auf ihm die Opferrolle nicht annimmt, sondern sich selbst zu einem Täter eines alternativen Weges macht. Eines Weges, von dem es im Epheserbrief heißt: „Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Betet allezeit mit allem Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit und Flehen für alle Heiligen.“ (Eph 6,10-18)

Beten wir für jene, deren Leben in Finsternis gestürzt worden ist; dass sie aushalten und nicht auf den Wegen des Zorns und der Bitterkeit verloren gehen.

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  Karsamstag

Karsamstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.04.2019

Zu Karsamstag gehören die Geschichte der Grablegung und nicht erst seit der Perikopenrevision der alte Text von Jona, der im Fischbauch seiner Herzensangst Luft macht. Die Bibel erzählt:
„Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe … dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. …
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. … Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir“
Hin und hergerissen davon, ob es lohnt, noch zu rufen, unsicher darüber, wie tief die Verlassenheit sein mag und zutiefst erschrocken, mit welcher Unerbittlichkeit der Tod in unser Leben einbricht, stehen wir an Gräbern, sucht Jona Worte.
Sein Klagen und Beten baut eine Brücke von Jesus Christus und seiner Verlassenheit zu uns. Die brauche wir: Denn Gottes unschuldiges Leiden und Sterben geschieht zwar für uns und um unseretwillen aber wir teilen es nicht. Diesen Kelch können wir nicht leeren.
Trotzdem weiß auch Menschenleid etwas davon, dass sich der Himmel verfinstert und die Augen dunkel werden, dass es unfassbar lange dauert, bis man endlich leergeweint ist, dass unvorstellbar scheint, dass wieder helle Tage kommen.
Die Philosophin Tara Bach sagt: Vielleicht ist es gar nicht die Dunkelheit des Grabes, sondern die der Gebärmutter, die uns umgibt. Ja, vielleicht ist die Schwärze eine andere, vielleicht geht die Nacht zuende, vielleicht wird es wieder Frühling, vielleicht erwächst aus allem neues Leben und ja, vielleicht speit uns die Finsternis wieder aus – aber noch sind wir hier.
Noch müssen wir uns in die Hoffnung derer bergen, die vor uns waren.
Das müssen nicht nur wir Menschen des 21. Jahrhunderts. Das haben schon die ersten Christen gemusst, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Darum ist es so anrührend, dass die verfolgte Urchristenheit in der römischen Calixtus-Katakombe dem Jona einen Bilderzyklus widmete.
Darum können wir den Gesang des Vocalensemble für unser Klagen nehmen und uns helfen mit den Worten, die Jesus Christus uns gelehrt hat, damit wir nicht sprachlos bleiben.












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  „Ich bitte dich aber…“

„Ich bitte dich aber…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.04.2019

Gründonnerstag. Weißes Parament wie zu Weihnachten und Ostern. Christfest. Und über dem Tag steht: „Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr.“
Erinnerungen und Erinnerungskultur sind unentbehrlich, wenn wir nicht vergessen wollen, wer wir sind und wo wir herkommen, welchen Gedanken und Überzeugungen wir uns verpflichtet fühlen, wem wir Liebe und Zuneigung bewahren wollen. Genauso dringend braucht eine Gemeinschaft Vergewisserung – das erleben wir aktuell eindrücklich in Frankreich. Der Wille, die geschundene Kathedrale wieder aufzubauen, wird einen.
Denn es braucht Geländer, Rituale und Orte, wenn Erschütterungen und Gewalt unser Leben auseinanderzureißen drohen, wenn Katastrophen über uns hereinbrechen.
Das muss auch an jenem letzten gemeinsamen Abend im Garten Gethsemane spürbar gewesen sein. Alle spürten, dass die Dunkelheitserfahrung schlechthin unmittelbar vor ihnen lag und dass danach nicht mehr so sein würde wie jetzt. Und zugleich wussten sie auch, dass es existentiell nötig bleiben würde, wieder anzuknüpfen an die Gemeinschaftserfahrungen, die Wunder, die heilsame Nähe, die sie mit Jesus Christus geteilt hatten. Ohne Frage war es gnädig und barmherzig, mit dem Abendmahl eine Form zu schenken, die eint, tröstete und stärkt.
Und nicht nur das: Jesus bittet für die Seinen: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“
Vielleicht, hoffentlich haben auch Sie schon einmal erfahren, wie kostbar es ist, zu wissen, dass einer für mich betet oder eine Kerze für mich anzündet. Gerade dann, wenn wir Wege allein gehen und uns auf uns selbst verlassen müssen, wenn wir Verantwortung für andere tragen, die zu schwer zu sein scheint, tut es gut, zu spüren, dass da einer ein Netz unter uns spannt.
So sorgt Jesus Christus für uns an seinem letzten Abend.
Darum ist Gründonnerstag ein Christusfest!


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  Trauer und Hoffnung

Trauer und Hoffnung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.04.2019

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ So fragt der Heidelberger Katechismus. Es ist eine wichtige Frage, denn wir alle kennen ja Menschen, die uns der Tod genommen hat. Meist kommt der Tod dabei plötzlich; ganz gleich, ob ein Mensch viel zu früh oder alt und lebenssatt stirbt. Die wenigsten Menschen, die ich kenne, fühlten sich darauf vorbereitet, stattdessen mussten sie den Tod aushalten lernen.

Theoretisch wissen wir ja alle, dass unser Leben endlich ist. Aber oft schmerzt der Gedanke an den eigenen Tod weniger als der an den Tod der andereren. Als Jesus in seinen letzten Tagen zu seinen Jüngern spricht: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“, da verstehen seine Jünger nicht, was seine Worte bedeuten sollen.

Jesus weiß, dass er sterben wird. Immer wieder kündigt er es seinen Jüngern an. Doch die können oder wollen das nicht begreifen. Oder vielleicht können sie es sich auch einfach nur nicht vorstellen: Dieser charismatische Mann, der predigen, heilen und auf so kluge Weise jenen begegnen kann, die ihn versuchen, der soll sterben? War er nicht gerade königlich in Jerusalem empfangen worden? Sein Tod scheint kaum denkbar.

Wissen, was kommt – und es dennoch nicht sehen. Das ist uns nicht fremd. Früher gab es das „Memento mori“ das „Gedenke des Todes“, das eine wichtige Rolle in Literatur und Kunst spielte. Doch das ist lange her. Wo gedenken wir heute noch des Todes – und damit auch der Kern-Hoffnung des christlichen Glaubens?

Wir sind in der Karwoche und erinnern uns an die letzten Schritte Jesu. Er selbst hat mit dem Einzug in Jerusalem die Rolle des Messias für sich angenommen, um sie dann auf seine Weise auszufüllen. Sein Weg führte durch Leid und Verzweiflung und Tod. In einer endlichen Welt, die dazu noch die Verstrickungen der Sünde kennt, gehören sie dazu. Das muss sogar Gott selbst im Menschen Jesus erfahren. Aber ER wird dem Üblen nicht das letzte Wort lassen. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft unseres Glaubens.

So stehen wir gemeinsam mit den Jüngern: Tod und Auferstehung sind uns verkündigt. Aber wer hat Ohren zu hören? Jesus Christus spricht: „Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Eine wortgewaltigere als ich schrieb dazu:
„Zur Beerdigung meiner / Wünsche ich mir das Tedeum / Tedeum laudamus / Den Freudengesang / Unpassenderweise / Passenderweise // Denn ein Totenbett / ist ein Totenbett mehr nicht / Einen Freudensprung / Will ich tun am Ende / Hinab hinauf / Leicht wie der Geist der Rose // Behaltet im Ohr / Die Brandung / Irgendeine / Mediterrane / Die Felsenufer / Jauchzend und donnernd / Hinab / Hinauf.“ - Marie Luise Kaschnitz

… „und Eure Freude soll niemand von Euch nehmen“.

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  Euer Herz erschrecke nicht

Euer Herz erschrecke nicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2019

"Erschrick nicht, ängstige Dich nicht“ – so sagt es Jesus Christus, als er Abschied nimmt.
Zunächst sind das fürsorgliche Worte. Wer so spricht weiß, dass es meistens schwerer ist, zurückgelassen zu werden als weiter- oder fortzugehen. Wer zurückbleibt mit der Lücke, mit der Leere, muss sich arrangieren und abfinden, die Ohnmacht aushalten.
Und es sind Ermutigungsworte, die den Weggefährten Jesu, denen das brutale Ende seines Menschenlebens vor Augen stand, anders in den Ohren geklungen haben werden, als späteren Hörern und Lesern des Evangeliums, die in je ihrer Zeit und ihren Nöten Trost und Hilfe gesucht haben.
Und vor allem sind diese Worte ein Auftakt.
Es bleibt nicht bei dem bloßen „du musst keine Angst haben“, wie Eltern es zu ihrem Kind sagen und dabei transportieren: „wir sind ja da und beschützen dich“; mit diesem Auftakt geht vielmehr eine Handlungsempfehlung und Begründung des Zuspruchs einher: „Hab Vertrauen“, „Glaub an Gott und glaub an mich.“
Wer Angst hat in dieser Welt, wer sich fürchtet, ist vermutlich weniger ein Hasenfuß als vielmehr ein verständiger Mensch, der sich nicht von oberflächlicher Beruhigung und kurzfristigen Problemlösungen ablenken lässt. Wer Augen hat zu sehen und Ohren, zuhören, der nimmt wahr, wo diese Welt und darum wir Menschen aus dem Gleichgewicht geraten sind, wo wir an der Grenze dessen angekommen sind, was Menschenkraft und -vernunft allein richten kann. Wer die Welt so erspürt, hat Grund sich zu fürchten und muss Vertrauen wagen, weil er sonst nicht leben kann.
Jesus Christus weiß das und hält diesen Zusammenhang darum vor allem anderen fest: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Das klingt wie ein Nebeneinander, aber gemeint ist ein fester Zusammenhang, eins geht nicht ohne das andere. So wie die Israeliten auf dem Weg durch das Schilfmeer Mose vertrauen mussten, der in allem was er sagte und tat, doch nur auf Gott verwies, so rät Jesus am Ende seines Weges, ihm zu glauben, weil durch ihn sichtbar ist, wie Gott es mit uns meint: fürsorglich, ermutigend, auffordernd.
Und dann mag es Grund geben sich zu fürchten, aber unser Herz muss nicht erschrecken, denn, so sagt Jesus Christus weiter: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Mit anderen Worten: Es ist längst für uns gesorgt.


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  Nach dem Tod kommt das Leben

Nach dem Tod kommt das Leben

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.04.2019

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Von Jesus stammen diese Worte und er soll sie in diesen Tagen an seine Jünger gerichtet haben – in diesen Tagen, also nach seinem triumphalen Einzug in Jerusalem, den wir gestern erinnert haben und vor den grausamen Ereignissen im Garten Gethsemane und auf Golgatha. In diesem einen Satz fasst Jesus zusammen, was ihm widerfahren wird und was sein Auftrag ist. Er ist das Weizenkorn, das schon in vier Tagen, am Karfreitag, in die Erde fallen und sterben wird. Jesus opfert sich auf, er verliert sein Leben im Hier und Jetzt, ja man kann durchaus sagen, dass er es sehenden Auges hingibt. Denn Möglichkeiten, sich seinem Schicksal zu entziehen, hätte er gehabt. Aber er nutzt sie nicht. Er nutzt sie nicht, weil er weiß, dass er auf diese Weise und eben nur auf diese Weise viel Frucht bringen kann und wird.
Viele Ausleger dieses Bibelwortes interpretieren es als Metapher dafür, dass wir in unserem Leben bereit sein müssen, uns von Altem zu trennen, um Platz für Neues zu schaffen. Wir müssen die Kindheit hinter uns lassen, um erwachsen zu werden. Wir müssen den bisherigen Job an den Nagel hängen und einen neuen annehmen, um Karriere machen zu können. Wir müssen die in einer Sackgasse steckende Beziehung beenden, um neues Glück zu finden. Ja, das mag alles gut und richtig sein, doch es spült Jesu Botschaft in unangemessener Weise weich, wie ich finde.
Denn das, worauf Jesus hinweist, ist weitaus größer als mit dem einen aufzuhören, um dann mit etwas anderem anzufangen. Durch Jesu Tod, durch sein „In-die-Erde-Fallen und Sterben“ wird etwas revolutionär Neues geschaffen. Die Frucht, die er bringt, ist nichts anderes als der Sieg des Lebens über den Tod und das nicht nur für ihn persönlich, sondern für uns alle. Diese Veränderung und diese Verwandlung, die Jesus vollzieht, sind so grundlegend, dass der Auferstandene selbst von seinen engsten Vertrauten zunächst nicht erkannt wird. Maria-Magdalena sieht Jesus am Ostermorgen ganz in der Nähe des leeren Grabes und meint, es sei ein Gärtner. Das Bild des Weizenkornes, das Jesus verwendet, passt perfekt. Die Pflanze, die aus einem Weizenkorn entsteht, hat äußerlich nichts mehr zu tun mit diesem kleinen Samenkorn, das dennoch ihr Ursprung war. Und so hat der auferstandene Jesus äußerlich ebenso nichts mehr gemein, mit dem am Kreuz gestorbenen Menschen Jesus. Und dennoch geht der eine aus dem anderen hervor.
Wir gedenken in dieser heiligen Woche dieser wunderbaren Verwandlung, der Verkehrung des Todes in Leben, des Erhellens jeder Hoffnungslosigkeit durch das Licht des Ostermorgens. Wir gedenken und wir werden es feiern in der Osternacht. Denn Jesus verspricht uns: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“

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  Acht geben

Acht geben

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.04.2019

Eine ganze Woche Urlaub liegt hinter mir und damit viel Zeit, um ausführlich Dinge zu tun, zu denen sonst eher wenig Gelegenheit ist – wie z.B. lange Spaziergänge durch den Wald oder rund um die Riddagshäuser Teiche. Und weil Zeit war, haben wir unsere Bestimmungsbücher mitgenommen. Wussten Sie z.B., dass auf den Riddagshäuser Teichen nicht nur Stockente und Blässhuhn, sondern auch Löffelente, Kolbenente und Reiherente zu Hause sind? Auch haben wir zwischen Eiche, Buche, Birke und Ahorn plötzlich eine Gleditschie, auch Christusdorn genannt, entdeckt. Und neben den wunderbaren Flächen blühender Waldanemonen lassen sich derzeit Scharbockskraut, Vogelmiere, wilde Veilchen, Lerchensporn und viele weitere Blumen an den Wegrändern finden. Diese ganze Bestimmerei ist für mich neu. Aber hat man erst einmal begonnen, genau auf das acht zu geben, was man sonst schnell mit dem Gesamtbild eines „Ach, ist das schön hier!“ zusammenfasst, dann wird’s richtig spannend. Und ehrfürchtig. Worte des 104. Psalms kamen mir in den Sinn:

„HERR, Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen, dass alle Tiere des Feldes trinken und die Wildesel ihren Durst löschen. Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen. Du tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“

Manchmal denke ich, dass wir inzwischen so viele eigene kleine und große Wunder geschaffen haben, dass wir für das Wunder, das uns ganz selbstverständlich umgibt, blind geworden sind. Da blicken wir noch einmal kurz auf und halten inne, wenn die Natur einmal besonders berührt; aber nur um dann sogleich wieder zu dem zu kommen, was wir tatsächlich für das Eigentliche des Lebens halten: die Arbeit an unseren persönlichen Erfolgsbilanzen – ganz gleich, ob sie Beruf, Freizeit oder Familie betreffen.

Es ist keine neue Rede, die ich hier halte. Aber mich hat berührt, dass auch ich es wieder einmal am eigenen Leibe erleben musste, um das Wissen ums Wort auch ins Gefühl zu kriegen. Der achtsame Blick, der zu erkennen und zu benennen versucht, lehrt begreifen, wie viel es in Wahrheit zu sehen gibt. Aber es braucht schon das Verlangen z.B. über den Begriff „Ente“ hinausdenken zu wollen, um die wahre Größe dieses Begriffes zu erahnen. – Eigentlich ein schönes Gleichnis für unsere Gottesbilder und unsere Versuche, angemessen von ihm zu sprechen. So richtig spannend wird’s nach dem ersten auf den zweiten Blick.

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  Wo ist Gott?

Wo ist Gott?

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.04.2019

Heute ist der internationale Tag der bemannten Raumfahrt. Der Gedenktag wurde 2011 von den Vereinten Nationen ausgerufen und erinnert an den ersten bemannten Weltraumflug des russischen Raumschiffes Wostok am 12. April 1961. Der Flug dauerte knapp zwei Stunden und an Bord war seinerzeit der Kosmonaut Juri Gagarin. Damit hatten die Russen bei diesem doch sehr prestigeträchtigen Thema den Amerikanern den Rang abgelaufen. Vom Gagarin-Schock war die Rede und John F. Kennedy soll ziemlich getobt haben, weil die USA nun schon wieder nur die Nummer Zwei im Weltall werden konnten – auch mit dem Sputnik waren die Russen schneller gewesen.
Neben einer Reihe von wissenschaftlichen Tätigkeiten, soll Juri Gagarin auch einen weiteren Auftrag mit auf seine Mission bekommen haben. Er sollte Ausschau nach Gott halten. Dem kommunistischen Regime der Sowjetunion war Gott lästig. Eine höhere Macht zu akzeptieren, passte so gar nicht in die marxistisch-leninistische Doktrin, die absolut atheistische ausgerichtet war. Nach seiner Landung soll Gagarin gesagt haben: „Gott habe ich da oben nicht gesehen.“
Schade, oder was meinen Sie? Wäre doch wirklich klasse gewesen, wenn Gagarin berichtet hätte, dass Gott tatsächlich da oben auf einer Wolke sitzt, freundlich lächelt und auf uns alle aufpasst. War aber nicht so und ist auch nicht so. Die russische Führung soll erleichtert gewesen sein, da man damit ja ein Stück weit dem Beweis nähergekommen war, dass es Gott nicht gibt. Die russische Kirche hat darauf sehr weise geantwortet. Sie hat gesagt: Wenn man einen Esslöffel voll Wasser aus dem Ozean schöpft und darin keinen Wal findet, kann man dann behauten, dass es im Ozean keine Wale gibt?
Wo ist Gott? Wo hält er sich versteckt? Oder versteckt er sich vielleicht gar nicht? Es ist eine der großen Fragen der Religion und viele Menschen haben versucht, darauf eine schlüssige Antwort zu finden. Durch den Propheten Jesaja verspricht Gott uns: „Und wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ Damit ist eigentlich schon klar, dass Gagarin ihn aus dem Fenster seiner Raumkapsel heraus nicht sehen konnte. Denn von ganzem Herzen hat er ihn ganz sicher nicht gesucht. Eher war er getrieben von einer gewissen Angst, Gott tatsächlich zu Gesicht zu bekommen.
Ich denke, dass es nicht den einen Ort, den einen Zeitpunkt und die eine Situation gibt, in der Gott sich uns offenbart. Gotteserfahrungen sind genauso individuell, wie wir es sind. Ich habe Gott vor knapp 15 Jahren hier in diesem Dom gefunden, andere erleben ihn in der Natur, in den Menschen, die wir treffen, die uns Gott vielleicht sogar in den Weg gestellt hat. Dass wir ihn vermeintlich nicht wahrnehmen, sollte uns nicht zu dem Schluss führen, dass er nicht da ist. Wachsamkeit ist gefordert, um Gottes Spuren in unserem Leben zu bemerken. Dass es welche gibt, davon bin ich überzeugt.

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  Leer…?

Leer…?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.04.2019

In den ersten Frühlingstagen wird viel gestorben, das ist jedenfalls mein „gefühlter“ Eindruck. Früher, als ich noch Dorfpfarrerin war, kam es mir manchmal so vor, als wollten die Alten und Kranken mit dabei sein am Ostermorgen, in dieser Runde mitauferstehen.
Vielleicht ist es aber auch nur die besonders üble Kälte, die einem im Frühling viel tiefer als im Herbst in die Knochen kriecht, weil man sich ja grade eben dran erinnert hat, wie wohltuend es sich anfühlt, wenn die Sonne endlich wieder wärmt. Der Rückfall in Minusgrade ist dann nur schlecht auszuhalten…
Und vielleicht wird im Frühling auch gar nicht mehr als sonst gestorben; man empfindet den Kontrast nur deutlicher, wenn alles drumherum von neuem Leben strotzt.
Einer schreibt mir, dass er nicht mit solcher Leere gerechnet hat, nachdem sein Vater starb. Eine andere, dass sie es je länger je mehr unbegreiflich findet, dass wir so oft sagen: jeder ist ersetzbar. Jetzt, im eigenen Leben erfährt sie ganz deutlich: Nein, keiner ist ersetzbar. Die Leere, die die Lücke nicht füllt, beweist es. Und dann ist da noch das undeutliche Gefühl am Grab des Freundes: die schmerzliche Ratlosigkeit, dass er da liegen soll, ist einem Gefühl von Leere gewichen – ist das Grab leer? Ist das der Anfang von Ostern?
Oder die Gewöhnung daran, dass er fehlt?
Über den Tod zu reden ist schwer.
In unserer Gesellschaft erst recht. Alt und gebrechlich zu werden, loszulassen, Endlichkeit mitzudenken passt nicht zu Gesundheitswahn und Jugendkult. Trauer, schmerz, Verlust und Einsamkeit zeichnen Gesichter, die nicht in die digitale Fröhlichkeit passen. Dabei betrifft es jeden. Keiner kommt daran vorbei. Und uns allen tut gut, dann Sprache zu haben, denn – so schreibt Dorothee Sölle: „Über den schmerz sprechen ist schwer / über die abwesenheit zu sprechen ist schwer / über das fehlen zu sprechen ist schwer / die sprache ist voll erinnerung/ … Sie erzählt die ale geschichte / weil du dort warst wirst du wiederkommen / die sprache ist voll unausrottbarer hoffnung…“ Die aber bleibt. Wie Glaube und Liebe.


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  Leiden

Leiden

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.04.2019

Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis: „Zum zweiten Mal erlebe ich die Passionszeit hier. Ich wehre mich dagegen, wenn ich in Briefen … Wendungen lese, die von meinem Leiden sprechen … Ob ich mehr leide als Du oder die meisten Menschen, ist mir mehr als fraglich. Natürlich ist vieles scheußlich, aber wo ist es das nicht?“
Das klingt milde formuliert und nach einem Understatement; Dietrich Bonhoeffer saß ja als politischer Gefangener unter den Nationalsozialisten im Gefängnis, zweitweise während der Bombardierungen Berlins.
Vielleicht war dies also preußische Tapferkeit, die jedwedes Jammern verbietet. Haltung zeichnete ihn fraglos aus – aber seine Gedichte erzählen durchaus von Angst und Schmerz. Vielleicht war es auch eine besondere empathische Gabe. Mitfühlend das eigene Schicksal nicht absolut zu setzen, sondern gewärtig zu sein, dass es andere härter trifft, dass neben mir Dinge geschehen, die unaussprechlicher und quälender sind, als das was mir auf der Seele liegt, ist eine Fähigkeit, die nicht nur den Menschen neben mir im Blick behält, sondern vielleicht auch davor schützt, sich in das eigene Leid so tief einzugraben, dass man vereinsamt und in tiefe Selbstisolation versinkt.
Und ein Drittes: Dietrich Bonhoeffer konnte sich in der Gewissheit fallen lassen, dass Jesus Christus unser Leid und Weh trägt, mitträgt.
Uns mag das schwerer fallen.
Aber dahinter liegt eine gleichermaßen seelsorgliche wie politische Wahrheit. Wenn wir das, was uns ängstigt und schmerzt, was uns Kräfte raubt und mürbe macht, abgeben können an den, er es für uns nach Golgatha schleppt, dann werden wir frei für die Menschen neben uns, haben Ohren, Augen und Herzen für deren Geschichten, Sorgen und Probleme.
So ist das alte „Einer trage des anderen Last“ nicht zuerst eine Zusatzbelastung sondern ein zutiefst menschlicher Rat. Dietrich Bonhoeffer sagte es so: „Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, dass die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinausgerissen werden.“

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  Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.04.2019

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Vielleicht haben Sie diesen Spruch schon einmal gehört. Er bringt zum Ausdruck, dass nicht absehbar ist, wie etwas ausgehen wird – ob es gut endet oder eben auch nicht. Auf hoher See ist das tatsächlich so. Wenn man in einen Sturm gerät, ist daran wenig zu ändern. Man muss es aushalten und darauf hoffen, dass das Wetter wieder besser wird und das Schiff nicht untergeht. So ist es auf hoher See – aber vor Gericht?
Auch da ist nicht immer klar, wie ein Verfahren ausgehen wird und insbesondere nicht, wie hoch die Strafe ausfällt, wenn jemand für schuldig befunden und verurteilt wird. Schon komisch – da haben wir nun schon Gesetzbücher über Gesetzbücher und so viele Paragraphen wie Grashalme auf einer Wiese und dennoch gibt es immer wieder Urteile, die uns überraschen. Das liegt daran, dass es Auslegungsspielräume gibt. Diese Spielräume kann ein Richter nutzen und er orientiert sich dabei an seinem Rechtsempfinden, man könnte auch sagen: an seinem Gerechtigkeitsempfinden.
Und da sind wir auch schon bei des Pudels Kern: Die Sache mit der Gerechtigkeit. Ich denke, dass wir alle ein ganz gutes Gespür dafür haben, was gerecht ist und was ungerecht. Doch würden wir hier heute im Dom zu einer ganz bestimmten Gerechtigkeitsfrage mal alle Meinungen zusammentragen, wir würden feststellen, dass wir uns nicht einig sind. Unser Gerechtigkeitssinn ist subjektiv. Er wird geformt und beeinflusst von unseren eigenen Erfahrungen, von Sympathie und Antipathie, von den Werten, die wir für richtig und wichtig halten und von unserer aktuellen Lebenssituation. Weil das so ist, haben Menschen immer wieder versucht, die Grenzen zwischen Recht und Unrecht in Gesetzen zu beschreiben. Doch auch diese Versuche blieben immer unvollständig.
Dass jeder seine ganz persönliche Vorstellung von Gerechtigkeit hat, ist zunächst einmal nicht schlimm. Solange wir immer wieder bereit sind, unseren eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen, Argumente unserer Mitmenschen zu hören und uns auch davon überzeugen zu lassen, so lange wir unsere eigenen Vorurteile als solche erkennen und sie dann auch wieder über Bord zu werfen bereit sind – so lange ist alles gut. Kritisch wird es, wenn all das nicht mehr funktioniert. Dann wird unser Empfinden von Gerechtigkeit zur Selbstgerechtigkeit und damit ist vorprogrammiert, dass wir anderen Menschen unrecht tun.
Gestern war Judika, der vorletzte Passionssonntag. Benannt ist er nach Worten aus dem 43. Psalm und dort heißt es: Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Da ruft einer, der Unrecht erleidet. Schaffe mir Recht! Vielleicht ist Gott tatsächlich die einzige Instanz, die das kann. Dennoch sollten auch wir seinem Beispiel folgend gerecht mit unseren Mitmenschen umgehen – so gut es eben in unserer Macht steht und so gut wir es eben hinbekommen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen.

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  Brot des Lebens

Brot des Lebens

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 05.04.2019

Im Evangelium des Johannes gibt es keine Einsetzung des Abendmahls, zumindest nicht so wie bei den anderen Evangelisten. Was es jedoch bei ihm gibt, ist gleich ein ganzes Kapitel darüber, wie der Herr sich als „Brot des Lebens“ beschreibt. Anscheinend gab es unter den damaligen Christen, die ja schon gut knapp einhundert Jahre nach Christi Leben und Sterben unterwegs waren, eine heiße Diskussion darüber, was denn diese seltsamen Einsetzungsworte: „Dies ist mein Leib. Dies ist mein Blut.“, bedeuten sollten. Für Johannes ist es wichtig, die Worte als Deuteworte zu verstehen; Brot und Wein sind mehr als das existenzsichernde Manna, das vom Himmel fiel, weil sich in, mit und unter ihrer Schale Gott selbst findet; und gleichzeitig bleiben sie als Nährmittel eine wichtige Komponente, weil so Leib und Seele zusammengehalten werden.

Wofür das bis heute wichtig ist, habe ich vor kurzem im Wartezimmer meines Arztes gelernt. Dort las ich im Stern von einem jungen Mann namens Finn, der eigentlich sehr vielversprechend ins Leben gestartet war: er kam aus einer Familie, der er wichtig war und die ihn geliebt hat. Er war erfolgreicher Schüler und machte sein Abitur, hielt sogar die Abi-Abschlussrede. Nach der Schule wollte er dann die Welt kennen lernen, Südarmerika war der Kontinent seiner Wahl. Seine Familie war mäßig begeistert, aber gut. Als er wiederkam, war Finn verändert: er habe, so erklärte er, seine spirituelle Seite gefunden. Aber bar jeder Form für seine Erfahrungen, suchte er und stolperte er durch die Vielzahl der Angebote und fand schließlich die Idee der Lichtnahrung. Dort wird behauptet, man könne ohne Essen und Trinken leben, allein das Licht reiche aus, um sich zu ernähren. Die Bewegung versteht sich als konsumkritisch und weltverbessernd. Finn also versuchte sich auf diesen Wegen. Irgendwann schmiss er sein Studium – trotz der Therapie, die er seinen Eltern zuliebe begonnen hatte, und kehrte nach Südamerika zurück. Dort starb er an dem, was er als Fasten bezeichnete.

Wir sind in der Fastenzeit. Aber Fasten bedeutet eben nicht vorgeschriebener Verzicht auf dieses oder jenes, schon gar nicht um weltlicher Ziele willen, und seien sie auch noch so moralisch. Fasten ist stattdessen eine dankbare Antwort auf das sogennante Heilswerk in Christo. Dabei entspricht das Fasten einem spielerischen Zusammenfinden von Körper und Geist; es zielt auf den Zusammenhalt von Leib und Seele.

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh 6,35)

Wer von diesem Brot isst, bekennt, dass er dem Mann nachleben möchte, der uns als moralischer Mensch einerseits – und in der Großzügigkeit seiner Liebe andererseits vorgelebt hat, wie Wege, die zum Leben führen, aussehen können. Und wer von diesem Brot isst, bekennt, dass er daran glaubt, dass eine Existenz, die sich aus solchem Glauben nährt, zum Leben führt. In dieser Welt und darüber hinaus.

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  Spieglein, Spieglein

Spieglein, Spieglein

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.04.2019

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Wir alle wissen, wer diese Frage stellt – und wie sie am Ende beantwortet werden wird: Die böse, eitle Königin befragt ihren Zauberspiegel im Märchen – und ist erst zufrieden, wenn er antwortet, dass sie die Schönste im Land sei. Eigentlich spannend, oder? Ein der Wahrheit verpflichteter Spiegel und eine Königin, die ganz genau eine Wahrheit zu akzeptieren bereit ist – und die viel dafür tut, dass ihre Wahrheit auch wahr bleibe.

Ähnlich halten es biblisch die Ankläger Jesu: auch sie sind in einer einzigen Wahrheit festgelegt und scheuen nicht vor Maßnahmen zurück, damit ihre Wahrheit wahr bleibe. Pilatus, dem die Rolle des verurteilenden Machthabers im Prozess zukommt, nimmt sich der ganzen Sache laut dem Johannesevangelium eher widerwillig an. Dort heißt es:
„Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich nicht den Juden überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,33-38)

Wer will wann welche Wahrheit hören? Und wer kann Wahrheit akzeptieren und für sich annehmen, wenn er auf sie trifft? Seit Adam und Eva ist das alles keine leichte Sache. Denn die Wahrheit fordert heraus und verlangt nach Entscheidung. So muss die Königin entweder akzeptieren lernen, dass sie älter geworden ist und eine neue Generation ihren alten Platz eingenommen hat; dann wäre es an ihr, sie für sich selbst eine neue Rolle zu finden – oder aber sie kämpft darum, ihren alten Rang zu bewahren.
Im Johannesevangelium wiederum erkennen die Schriftgelehrten und Pharisäer die Wahrheit im Christus. Doch wissen sie genau: wenn sie ihr nachgeben, dann würden viele Gewohnheiten und alte Wahrheiten ihres bisherigen Lebens sich ändern.

Was ist Wahrheit? Fragt Pilatus. Nun, die ewigen Wahrheiten sind abstrakt und unabhängig von ihren konkreten Ausformungen – so wie die Schönheit im Märchen und beim Christus eine Liebe, die nicht von dieser Welt ist. Die Ausformungen solcher Wahrheit sind jedoch veränderlich. Und so gehört wohl zu den ewigen Wahrheiten jene, dass niemand die Wahrheit auf Erden hat, sondern wir sie auf unseren Wegen der Suche je und je neu finden müssen. Halten wir also die Augen offen und machen unser Herz für sie bereit.

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  Es besser machen - oder zumindest gut

Es besser machen - oder zumindest gut

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 03.04.2019

Dieser Tage wird viel diskutiert über Greta Thunberg, der jugendlichen Initiatorin von „Fridays for future“. Die bösen Zungen gehen die junge Frau an, indem sie sie diffamieren und klein zu reden versuchen. Dabei ist das, wofür sie eintritt, nicht einmal besonders aufregend: Sie versucht nicht mehr und nicht weniger als darauf zu drängen, dass Verträge zum Klimaschutz, die verarbredet und unterschrieben sind, auch eingehalten werden. Aufregend ist also eher, dass so etwas überhaupt notwendig ist; oder waren etwa schon bei Unterzeichnung der Pariser Verträge insgeheim alle einig, dass sie vor allem für Presse und Öffentlichkeit gezeichnet wurden?

So stehe ich und staune. Ich meine, dass sie hat Recht, diese junge Generation – es ist Zeit für Umkehr und Veränderung. Wir gehen in einer Selbstverständlichkeit verschwenderisch mit unseren Ressourcen um, die seltsam blind ist. Anscheinend haben wir uns die Erde untertan gemacht, nur leider im schlechtesten Sinne. Wissen Sie, selbst wenn man darauf bestünde, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei, dann könnten einen die Bilder doch trotzdem nachdenklich machen, die einen ganzen Plastikkontinent im Ozean zeigen, oder als weiteres Beispiel jene regelmäßig wiederkehrenden Smog-Werte aus Megastädten, die empfehlen einen Mundschutz zu verwenden oder lieber gleich ganz zu Hause zu bleiben.

Der Ruf, dass wir Alten doch bitte endlich in die Verantwortung gehen für das Erbe, das wir hinterlassen, ist richtig. Wir müssen Rechenschaft darüber legen, wie wir Arbeitsplatzfragen und Kostenrechnungen mit der Frage nach unserem Ressourcenverbrauch sinnvoll zusammen denken. Die Jugendlichen müssen das nicht!, das ist nicht ihre Aufgabe, sondern die jener, deren Beruf und Verantwortung das ist. Ich meine, da ist nicht nur die Politik, sondern vor allem auch die Wirtschaft gefragt.

Und warum das Ganze von der Kanzel? Nun, um seiner theologischen Einordnung willen:
Sind wir nämlich ehrlich, dann müssen wir unseren maßlosen Umgang mit Ressourcen bekennen. Wir müssten uns zudem fragen, wie viele der Ressourcen wir um unseres persönlichen – nicht Bedarfes, sondern Luxus willen verbrauchen, und ob wir so manche kritische Frage nicht lieber deshalb hochmütig beiseite wischen, um uns persönlich nicht reduzieren zu müssen. Wir sollten weiter darüber nachdenken, wie viel Eitelkeit darin steckt, wenn wir den Jugendlichen zu bedenken geben, sie müssten die Dinge doch bitte schön in ihren Zusammenhängen sehen; denn es ist ignorant, die Sorgen einer Generation nicht hören zu wollen für jene Zukunft, die ihre und nicht unsere ist.

Maßlosigkeit, Völlerei, Gier, Hochmut und Ignoranz gehören übrigens sämtlich zu den sogenannten „sieben Todsünden“. Also möchte ich als Theologin die verantwortlichen Generationen, die auch meine ist, auf Vers 3,19 in der Apostelgeschichte hinweisen, dort heißt es: „So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden.“ Und gleich dazu aus dem Lukasevangelium (Lk 6,31): „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“

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  Die Sache mit dem lieben Gott...

Die Sache mit dem lieben Gott...

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.04.2019

Kennen Sie „Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emmanuel Schmitt? Es ist die Erzählung von dem krebskranken Jungen Oskar, der im Krankenhaus von einer der dort ehrenamtlich tätigen Dame, einer sogenannten „Dame in Rosa“, begleitet wird. Mit ihr kommt er über die Ungerechtigkeit, dass er als Zehnjähriger bald sterben muss, ins Gespräch. Mit seinen Eltern, die selbst Angst vor seinem Tod haben, kann Oskar nicht reden. Und so wird die Dame in Rosa zu Oskars Vertrauter, die er schlicht Rosa nennt. Oskar will nicht belogen werden, weder über das Sterben noch über den Tod. Rosa versteht das – und wird ihm ein Experiment vorschlagen. Aber zuvor reden die beiden über Gott. Und das klingt wie folgt:

„Und wenn du an den lieben Gott schreiben würdest, Oskar? (…)
„Ich dachte, sie würden nicht schwindeln!“
„Aber ich schwindle nicht.“
„Warum reden sie dann vom lieben Gott? Man hat mich schon mal reingelegt, mit dem Weihnachtsmann. Einmal reicht mir völlig!“
„Oskar, der liebe Gott und der Weihnachtsmann haben nichts miteinander zu tun.“
„Doch. Ist alles das Gleiche. Lügengeschichten und so.“
„Meinst du, Oskar, dass ich (…) auch nur eine einzige Sekunde lang an den Weihnachtsmann glauben würde?“
„Nein.“
„Na also, ich glaube nicht an den Weihnachtsmann, aber ich glaube an Gott. Bitte schön.“

Es ist nicht leicht an etwas zu glauben, dass man nicht sieht. Und so fragt schon Jesus im Johannesevangelium seinen Jünger Thomas: „Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29)

Rosa also schlägt Oskar inmitten eines Leids, das eigentlich kaum auszuhalten ist, vor, es doch einmal versuchsweise mit Gott zu versuchen. Oskar gibt ihr nach, vielleicht weil er nichts zu verlieren hat.

Es doch einmal versuchsweise mit Gott versuchen.
Das ist es, was Eric-Emmanuel Schmitt seinen Lesern durch Oskar vorschlägt: Dabei verweist er darauf, dass es ohne Menschen, die ihren eigenen Glauben bezeugen, nicht geht. Oskar braucht Rosa, um diese Perspektive zu gewinnen.

Für Oskar wird es am Ende ein Gewinn gewesen sein, auch wenn die Erzählung mit keinem Heilungswunder aufwartet. Aber Oskar wird befriedet von dieser Welt scheiden können. Ich glaube, wenn uns die Passionszeit eines lehren will, dann ist es das: Unglück und Elend geschehen, das können wir nicht ändern in der noch unerlösten Welt; aber wir können entscheiden, wie wir ihm begegnen: lassen wir entweder zu, dass es uns bitter macht? Oder aber gehen wir mit ihm um und machen vertrauensvoll aus dem, was ist, das Beste?

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  Der 1. April

Der 1. April

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.04.2019

Ich kann Ihnen versichern: Diese Andacht ist absolut aprilscherzfrei. Hat man Sie heute schon einmal erwischt und Sie in den April geschickt? Ich habe bisher noch Glück gehabt – mal sehen, ob das so bleibt. Woher die Tradition des „In-den-April-Schickens“ kommt, ist nicht klar. Erstmalig wird 1618 aus Bayern von einem solchen Brauch berichtet. Der 1. April galt in der Vergangenheit übrigens so wie Freitag, der 13., als Unglücktag. Möglicherweise um die mit diesem Tag verbundene Angst vor dem, was einem so alles zustoßen könnte, zu mildern, hat man begonnen, sich gegenseitig mit kleinen Scherzen auf den Arm zu nehmen. Aber wie gesagt, sicher ist das alles nicht.
Manche Aprilscherze wurden von vielen Menschen für bare Münze genommen: Da berichtete die BBC von fliegenden Pinguinen, die auf King George Island entdeckt worden wären oder vom Spaghetti-Baum, auf dem diese Nudeln wachsen sollten oder davon, dass in England der Rechtsverkehr eingeführt werden würde. Alles Meldungen der ehrwürdigen BBC und viele Menschen haben das auch geglaubt! Gerade unsere englischen Nachbarn haben ein besonderes Faible für diese Art von Aprilscherzen und sie haben eben auch ihren so ganz besonderen englischen Humor. Schade, dass sie uns in der EU nun bald verlassen werden.
Erster April - darf man sich als Christenmensch und noch dazu mitten in der doch eher gedämpften Passionszeit überhaupt an dreierlei Scherzen beteiligen? In der Bibel ist so ganz konkret zum 1. April nichts zu finden, dennoch wirken einigen Bibelstellen in diesem Zusammenhang sehr klar und auch sehr eng: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, so lautet das Achte Gebot, „die Wahrheit wird euch freimachen“, steht im Johannesevangelium, „Zorn und Grimm aber denen, die der Wahrheit nicht gehorchen“, donnert Paulus im Römerbrief. Das könnte man in der Tat so verstehen, dass im Leben eines aufrechten Christenmenschen kein Platz ist für Aprilscherze.
Doch ich denke, dass Gott damit kein Problem hat. Wenn ich nicht komplett danebenliege, hat Gott Humor! Könnte sonst diese Welt so aussehen, wie sie aussieht? Sie ist bunt, vielfältig, großartig. Ist es nicht ein Zeichen von Humor, dass Gott uns einen Spieltrieb geschenkt hat – und nicht nur uns, sondern auch den Tieren? Ist es nicht humorvoll, dass er Abrahams Frau Sara im zarten Alter von 90 Jahren schwanger werden lässt und ist es nicht ein klares Zeichen von Gottes Humor, dass er uns allen das Lachen geschenkt hat?
Ich glaube, dass Gott sich freut, wenn es uns gut geht. Und wenn wir uns dann in aller Wertschätzung und in allem Respekt gegenseitig in den April schicken und so ein Lächeln auf das Gesicht unserer Mitmenschen zaubern, wird Gott uns das bestimmt nicht übelnehmen – ganz im Gegenteil. Lebe, liebe, lache! Das steht zwar so nicht in der Bibel, würde aber gut reinpassen, wie ich finde – und das selbst mitten in der Passionszeit.

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  Das wichtigste Buch

Das wichtigste Buch

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.03.2019

In der Schule nimmt unser Sohn derzeit das Thema „Bibel“ durch. Auf einem seiner Arbeitsblätter stand nun: „Für Christen ist die Bibel das wichtigste Buch“, und er kommentierte diesen Satz mit den Worten: „Ich bin Christ. Aber für mich ist die Bibel nicht das wichtigste Buch.“ Spannend, dachte ich. In meinem Beruf ist die Bibel so alltäglich gegenwärtig, dass ich über ihren Stellenwert für mich gar nicht mehr wirklich nachdenke. Einmal über den Satz gestolpert, habe ich mir die Frage also selbst gestellt. Würde ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt, dann wären das Geschichten und Erzählungen, in denen sich der normale Wahnsinn eines Alltags spiegelt. Das kann eine spöttische Elke Heidenreich genauso wie ein phantasievoller Terry Pratchett oder aber eine Jugendbuchautorin wie Kirsten Boie mit ihren Figuren wie Seeräuber-Moses sein. Ich liebe Geschichten von Menschen. Ganz gleich, ob sie autobiographisch oder schräg verdreht sind. Deshalb wundert es nicht, dass ich auch in der Bibel manche Erzählungen lieber mag als andere.

Aber wie ist es nun: Ist die Bibel für mich als Christin das wichtigste Buch?
Letztlich ist sie es wohl.
Und zwar deshalb, weil sie Kriterium dessen ist, was ich für wahr und für falsch halte.

Die biblischen Erzählungen, Berichte – und mit den Zehn Geboten sogar ein Teil der Gesetzestexte bestimmen mein Denken. Meine Haltung zum Leben ist geprägt durch Dankespsalmen. Mein Urvertrauen stimmt überein mit dem, was im Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt wird: jede und jeder kann einmal verloren gehen, aber Gott wird diesem Menschen auf den Versen bleiben, ihn suchen und seinerseits nicht verloren geben. Meinen Zorn will ich vom Gedanken der Vergebung einfangen lassen. Meine Traurigkeit in Hoffnung wiegen. Mein Tun soll nicht nur mich sehen, sondern auch meinem Nächsten. Dienst und Demut sollen für mich keine Begriffe der Dummheit sein, sondern dankbare Antwort auf das Geschenk des Lebens.

Wenn Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14.6), dann höre ich das nicht als arroganten Exklusivanspruch, sondern unter dem Wort, das nur einige Verse zuvor steht:
„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh 13,34)

Also: Nicht Wort für Wort, aber in dem, wie sie uns Menschen vom Guten her auf das Gute hin denkt, da ist und bleibt die Bibel für mich Heilige Schrift und somit das wichtigste Buch meines Lebens. Und für Sie?

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  Übersetzer gesucht

Übersetzer gesucht

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.03.2019

Wir haben bei meinem Arbeitgeber ein neues Übersetzungsprogramm eingeführt. Das funktioniert so ähnlich wie bei Google: Es gibt ein Textfeld, in das man den deutschen Text einträgt und die Maschine übersetzt in Windeseile in die Sprache, die man vorher ausgewählt hat. Die Qualität der Übersetzungen ist erstaunlich gut und das Tempo wirklich nicht zu toppen. Schon bemerkenswert, was moderne Technik so alles bewerkstelligen kann.
Kennen Sie die biblische Geschichte vom äthiopischen Kämmerer? Der war in Jerusalem, um dort im Tempel zu beten, ist nun wieder auf dem Heimweg und liest in der Bibel. Der Jerusalemer Diakon Philippus wird von Engeln auf den Plan gerufen, um sich des Äthiopiers anzunehmen. Das tut er auch, er folgt ihm und als er ihn eingeholt hat, fragt er: „Verstehst Du eigentlich, was Du da liest?“ Und der Kämmerer antwortet: „Wie soll ich denn verstehen, wenn es mir niemand erklärt.“
Schon komisch: Die Bibel gibt es in über 4000 Sprachen und dennoch benötigt man ganz offenbar weitere Übersetzungen. Der Kämmerer hat seinen Übersetzer in der Person des Philippus gefunden. Und der wiederum hat offenbar einen guten Job gemacht, denn der Kämmerer war nach dem kurzen Gespräch so überzeugt und hatte alles so gut und intensiv verstanden, dass er sich hat taufen lassen und so Christ wurde. Und wer steht heute als Übersetzer zur Verfügung? Die Kirche! Daran besteht kein Zweifel. Wenn es eine unbestrittene Kernaufgabe der Kirche gibt, dann ganz sicher die, die Bibel zu übersetzen, also die Relevanz biblischer Texte für Ihr und mein Leben aufzuzeigen. Die Kirche hat die Fragen zu beantworten, wo, wann und wie ich mit biblischer Botschaft im Hier und Jetzt in Kontakt komme, wo sie bedeutsam wird für mich und welchen Einfluss sie auf mein Tun und Lassen hat, haben kann oder haben sollte.
Den Auftrag für all das hat Jesus Christus erteilt. „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker und lehret sie halten, alles, was ich euch gesagt habe“, so waren seine Worte. Beachtenswert ist allerdings, dass er sie nicht ausschließlich an hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer gerichtet hat, denn die gab es damals noch gar nicht. Seine Jünger hat er angesprochen und damit implizit uns alle. Ja, der Übersetzer-Job ist bei uns allen gelandet, die wir uns Christen nennen. Wir dürfen und wir sollen von unserem Glauben und von Gottes froher Botschaft berichten. Das verlangt uns so einiges ab: Wir brauchen den Mut dazu und wir müssen erkennen, wo es überhaupt erforderlich ist. Wir müssen wachsam sein, um die ungestellten Fragen unserer Mitmenschen zu Glaube, Hoffnung und Liebe wahrzunehmen.
Klingt ganz schön groß, diese Aufgabe, oder? Doch Gott traut uns genau das zu, Ihnen und mir, und er wird uns dabei helfen, wo auch immer wir seine Hilfe brauchen. In Jesu Namen.

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  Holz auf Jesu Schulter

Holz auf Jesu Schulter

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.03.2019

Gerade haben Sie die Melodie eines der Passionslieder aus unserem Gesangbuch gehört: „Holz auf Jesu Schulter.“ Jürgen Henkys, geboren zwischen den beiden schrecklichen Kriegen in Ostpreußen, später Professor für praktische Theologie in Ostberlin, hat es aus dem Niederländischen übersetzt. Die Melodie stammt von einem Belgier, der den Kyrieruf einer gregorianischen Messe mit den Tönen seiner Zeit, des 20. Jahrhunderts, verbunden hat. So spannt das Lied ein Netz zwischen Ost und West, Mittelalter und Gegenwart, Golgatha und dem Paradiesgarten, Hier und Dort, Menschenzeit und Ewigkeit.
Es ist darum ein Lied, nicht nur für die Passionszeit, sondern für alle Zeiten des Lebens, es nimmt das Auf und Ab, die manchmal unbegreifliche Nähe von Glück und Leid, das Tempo, mit dem uns die Dinge entgleiten, auf und fasst all das in fast einfache Worte:
„Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, / ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. / Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn. / Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.“
Wenn es in uns ganz dunkel geworden ist, wenn wir in eine Situation geraten sind, aus der wir nicht hinausfinden ohne andere zu verletzen und an ihnen schuldig zu werden, wenn wir dabei sind die Hoffnung aufzugeben, dann wird die Angst und der Zweifel groß. Dann verstehen wir, dass Jesus weinte und darum bat, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, dann hören wir die bange Frage danach, woher all das Böse kommen mag und was uns ein ohnmächtiger Gott soll, mit anderen Ohren und ohne jede Widerstandskraft.
Dann rasen wir mit auf den Abgrund zu.
„Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?“
So einfach ist die Frage. So grundsätzlich.
Ja, warum zweifeln wir? Weil wir mit unserer kleinen Kraft am Ende sind? Weil wir glauben, selbst am besten einschätzen zu können, was Zukunft hat und Perspektive, wo Liebe blüht und Frucht gedeiht? Aber: Aus dem verfluchten Holz der Kreuzigung selbst, bleibt alles möglich, denn „der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht.“
Warum also nicht auferstehen, leben aus dem Licht, hoffen, glauben, vertrauen, lieben und anderer damit anstecken? Golgatha und Paradiesgarten, Hier und Dort, Menschenzeit und Ewigkeit, Passion und Ostern, Advent und Pfingsten. Es ist immer und alles schon vollbracht.





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  Mein lieber Uri

Mein lieber Uri

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.03.2019

In der großen Welt geschieht immer viel, aber dieser Tage spürt man das auch an der gelegentlich merkwürdigen Wichtung der Nachrichten. Die gemeinsame deutsch-französische Parlamentssitzung wäre zu anderen Zeiten eine Spitzenmeldung gewesen, auf die sich Superlative vereinigt hätten. Aber das Brexitchaos dominiert nahezu alles. Dazwischen Berichte über die russische Manipulation der Trumpwahl. Und Netanjahu ist in den USA gewesen. Es ging um die Golanhöhen. Jetzt bricht er die Reise ab wegen einer neuerlichen Gewalteskalation zwischen Israel und Gaza.
Die Berichterstattung dazu klang merkwürdig lakonisch. Das könne Netanjahu ja nur ungelegen kommen, denn jede militärische Auseinandersetzung bringt Tote mit sich. Mit solchen Nachrichten kann man keine Wahlen gewinnen.
In der Tat. Frieden stiften erst recht nicht, genauso wenig wie mit Vergeltungsschlägen.
Immer wenn es um Militäraktionen in Israel geht, erinnere ich mich an die unendlich traurige Grabrede, die der Schriftsteller David Grossmann seinem Sohn Uri gehalten hat. Er fiel gerade 20jährig im Libanonkrieg.
Fast dreizehn Jahre ist das inzwischen her. Inzwischen sind die, die damals Kinder waren, herangewachsen und werden eingezogen zum Militär. Wieder werden einige nicht mehr nach Hause kommen…
Damals, im August 2006, schrieb David Grossmann: „Mein lieber Uri, schon drei Tage lang beginnen fast alle meine Gedanken mit Nein. Nein, er wird nicht kommen, wir werden nicht reden, werden nicht lachen. Nein, er wird nicht mehr da sein, dieser Junge mit dem ironischen Blick und dem irren Humor… Nein, es wird sie nicht mehr geben, dieses warme Lächeln und den herzhaften Appetit … Nein, sie sind nicht mehr, Uris unendliche Zärtlichkeit und die Ruhe, mit der er jeden Sturm ausglich.“ Und dann sagt er weiter: „Ich werde zu diesem Zeitpunkt nicht über den Krieg reden, in dem du ums Leben gekommen bist. Wir, unsere Familie, haben diesen Krieg schon verloren. … Aber wir haben von Uri gelernt, …Wir müssen unser Leben verteidigen, aber auch unsere lebendige Seele bewahren, sie hartnäckig gegen die Verlockungen der Macht und des einseitigen Denkens schützen, … gegen die Grobheit des Herzens und die Geringschätzung der Menschen.“
Ich habe diesen Brief immer wieder vorgeholt und gelesen. Sicherlich auch an dieser Stelle, hier im Dom. Es ist der Brief eines verwaisten Vaters. Er spricht für alle Väter und Mütter, Schwestern und Freunde dieser Welt.
Man mag nicht glauben, dass das so oft nötig ist.
Dass er einfach nicht an Aktualität verliert…

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  Gott in den Blick nehmen

Gott in den Blick nehmen

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.03.2019

Die Sonntage in der Passionszeit tragen klangvollen Namen. Der Sonntag, mit dem diese Woche begonnen hat, heißt Okuli, das bedeutet: Augen. Abgeleitet ist dies aus dem 25. Psalm. Dort lesen wir: „Unsere Augen sehen stets auf den Herrn.“ Ist das so? Sehen Ihre Augen stets auf den Herrn? Also meine tun es nicht. Ja, da ist das kurze Gebet an jedem Morgen bevor ich das Haus verlasse und da sind auf immer wieder Momente am Tag, in denen ich mich meines Glaubens erinnere – das passiert mal öfter und mal seltener. Aber dass ich wirklich stets auf den Herrn fokussiert bin, ohne Pause, ohne Unterlass und ohne Ablenkung, das gelingt mir definitiv nicht. Unsere Tage sind angefüllt mit allem möglichen: Themen, Ereignisse, Erlebnisse, vielfältig, positiv, negativ, Routine, Besonderheiten, Leerlauf. Natürlich ist in alle dem Gott zu finden, doch vieles davon kriegen wir gut alleine in den Griff oder wir durchleben es einfach so, ohne dass uns Gottes Gegenwart bewusst wird.
Muss uns das jetzt ein schlechtes Gewissen machen? Ich habe diese Frage für mich noch nicht abschließend beantwortet. Einerseits habe ich persönlich schon den Anspruch, mein Leben so auszurichten, dass es so wird, wie Gott es gedacht hat. Anderseits hat uns der Herr aber auch mit großen Freiheiten ausgestattet und uns unseren freien Willen gegeben. Ich denke, dass Gott uns durchaus als mündige Gotteskinder sehen möchte, die selbständig und verantwortungsvoll durchs Leben gehen. Ich kann mich gut mit dem Bild von Eltern und ihren Kindern anfreunden: Kinder werden und müssen irgendwann einmal ihren Weg alleine gehen, doch ihre Eltern sind und bleiben ihre Eltern und stehen mit Rat und Tat gern zur Verfügung, wenn es nötig wird. Und außerdem begleiten sie ihre Kinder immer mit ihrer Liebe – und das ganz unabhängig davon, ob der Kontakt sehr eng und regelmäßig ist, oder auch mal etwas mehr Zeit ins Land geht, bis man sich mal wieder sieht oder hört.
Ich denke, dass es in diesem Zusammenhang auch eine der zentralen Aufgaben von uns als Kirche ist, Gelegenheiten und Anstöße zu liefern, die uns näher zu Gott bringen. Andachten, Gottesdienste, Bibelkreise und dergleichen mehr sind Orte und Zeiten, an denen das passiert. Und idealerweise werden dadurch auch unsere Sinne geschärft, damit wir wacher und offener für Gottes Zeichen in unserem Leben werden. Für mich sind es auch immer wieder diese Wochen der Passionszeit, die Raum geben, für eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Spiritualität. Denn anders als die Vorweihnachtszeit ist die Vorosterzeit deutlich weniger hektisch und terminüberladen. Dabei bieten Fastenaktionen, Passionsandachten und Gottesdienste mehr als sonst gute Impulse, um über den eigenen Glauben zu reflektieren und mit anderen Christinnen und Christen und auch mit Gott wieder ins Gespräch zu kommen.
Meine Augen sehen stets auf den Herrn – die Woche nach Okuli erinnert uns, immer mal wieder unseren Kurs im Leben zu überprüfen

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  Vielleicht doch zum Kirchentag?

Vielleicht doch zum Kirchentag?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.03.2019

Der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dortmund steht unter der Losung "Was für ein Vertrauen". Es gibt keine Interpunktion. Aber man möchte ein Ausrufungszeichen dahinter setzen. Jedenfalls klingt es danach, wenn der Präsident des Kirchentages des Kirchentages (manchen eher bekannt als investigativer Journalist der Süddeutschen Zeitung) Hans Leyendecker sagt, das ist „Gegengift gegen die Lust am Untergang.“
Mir spricht das zutiefst aus dem Herzen, denn mindestens all das Herbeigerede des Untergangs der Kirche, klingt absolut gottlos in meinen Ohren. Er ist es doch, der die Zukunft der Kirche garantiert, weil der auferstandene Jesus, sein Leib, die Kirche ist. Und auch in der Welt ist uns doch gesagt: „Siehe, in der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Das soll uns nicht passiv machen, schicksalsergeben, sondern vielmehr mutig, unverzagt, weise, fröhlich.
Hans Leyendecker sagte zur Auswahl dieser Losung und vielleicht macht Ihnen das ja Lust, nach Dortmund zu fahren:
„In einer fiebrigen und fiebernden Welt scheint das alte Wort Vertrauen manchem heute seltsam verbraucht. Wem kann man überhaupt noch trauen? Wer ist denn überhaupt noch vertrauenswürdig? Ist man vielleicht sogar blauäugig, einfältig, wenn man jemandem da Oben, da Unten noch traut? Jeder Akt des Vertrauens birgt immer die Gefahr, verletzt zu werden. Das gilt für private Beziehungen, aber auch für die Politik. …
Desinformation, Fake News, Halbwahrheiten – es gibt vieles, das wie eine Säure wirkt, die das Vertrauen in den Zusammenhalt der Gesellschaft zerstört.
Hirnforscher haben herausgefunden, dass das Vertrauen zunimmt, wenn die Angst in bestimmten Regionen des Denkorgans sinkt. Wir vertrauen also mehr, wenn wir weniger Angst haben. Zu viel Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt den Blick auf notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Allerdings, darauf weisen die Hirnforscher auch hin, braucht es schon ein bisschen Angst, damit Menschen überhaupt Vertrauen suchen. Wer gar keine Angst mehr vor nichts hat, kann auch nicht vertrauen.
Gemeinsam müssen wir die Vertrauenskrise überwinden. Wir wissen aber, dass Vertrauen nicht befohlen oder angeordnet werden kann. Nur wer bereit ist, anderen zu vertrauen, kann auch Vertrauen bekommen. Die Losung ist also bestens geeignet, um darüber zu reden, in welcher Welt wir leben wollen und in welcher Welt nicht. …“

Ein Anfang wäre es, uns zuzutrauen, dass wir einander Gottvertrauen und Zuversicht schenken können. Auf dem Kirchentag geht das oft besonders gut. Lassen Sie sich ermutigen, sich anzumelden und hinzufahren und lassen Sie es uns wissen, falls es am Geld scheitert.

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  Fehlerfreundlichkeit

Fehlerfreundlichkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.03.2019

Wenn in Unternehmen, in Behörden oder anderen Institutionen neue Prozesse etabliert werden, dann lautet ein Kriterium, dass diese Prozesse fehlerfreundlich sein sollen. Das gleiche gilt als Qualitätsmerkmal von Software und sogar in der Evolutionslehre ist der Begriff der Fehlerfreundlichkeit seit einigen Jahrzehnten fest verankert. Fehlerfreundlichkeit bedeutet ganz grundsätzlich, dass ein System bei Auftreten eines Fehlers nicht sofort zusammenbricht, sondern den Fehler verkraftet und idealerweise sogar aus ihm lernt. In unserer immer komplexer und komplizierter werdenden Welt ist Fehlerfreundlichkeit ein Muss. Die sichtbare und die unsichtbare Vernetzung nimmt immer weiter zu. Der Trend, Tätigkeiten und sogar Entscheidungen weg von den Menschen hinein in Maschinen zu delegieren und zu programmieren, ist ungebrochen. Denken Sie an die Medizin, an die ganzen Apparate und Apparaturen im Operationssaal oder auf der Intensivstation. Die Überwachung von Blutdruck, Herzschlag und Atmung wird von Maschinen erledigt und immer weniger von Krankenschwestern oder Pflegern. Wenn ein solches Überwachungssystem auf einen Fehler stößt, darf es nicht einfach so den Betrieb einstellen, sondern es muss idealerweise in der Lage sein, den Fehler eigenständig zu beheben.
Fehlerfreundlichkeit ist im Übrigen eine sehr menschliche Eigenschaft oder besser gesagt: Sie kommt dem Wesen von uns Menschen sehr entgegen. Wir mögen vieles sein, perfekt sind wir ganz sicher nicht und das gleich in vielerlei Hinsicht. Selbstverständlich haben wir Regeln, damit wir uns besser zurechtfinden. Manche davon haben wir uns selbst gegeben, auch damit unser Zusammenleben einigermaßen reibungslos funktioniert – es ist besser, bei Grün über die Kreuzung zu fahren als bei Rot. Anderes ist einfach lebensnotwendig – wir brauchen die Fürsorge anderer Menschen, unserer Eltern beispielsweise, um in und durch unser Leben zu kommen. Aber trotz aller Gesetze, Regeln und Konventionen bauen wir auch immer wieder großen Mist und machen Fehler. Damit müssen wir klarkommen. Bei Rot über die Kreuzung zu fahren, kann einen Unfall verursachen oder uns den Führerschein kosten. Mit diesen Risiken müssen wir leben und die Verantwortung für unser Tun übernehmen.
Auch Gott verlangt von uns, dass wir Verantwortung übernehmen für die Art und Weise, wie wir unser Leben führen. Sein Regelwerk, seine Orientierungshilfe für ein gelingendes Leben ist die Bibel, der Ort für Rückfragen an ihn ist das Gebet. Auch Gottes Regelwerk ist fehlerfreundlich. Kaum jemand, ja ich denke gar niemand wird es schaffen immer nach Gottes Willen zu handeln. Dafür sind wir nicht geschaffen und das weiß Gott am allerbesten. Und so ist er bereit, uns immer wieder zu vergeben und uns einen Neuanfang zu ermöglichen. Das ist seine Art von Fehlerfreundlichkeit.
Die Tageslosung für den heutigen Tag nimmt dieses Thema auf. Sie lautet: „Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ Gott hat ein großes Herz auch und gerade für unsere Fehlleistungen. Gut, dass er so verständnisvoll ist.

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  „Jahr ohne Frühling“

„Jahr ohne Frühling“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.03.2019

Endlich wieder ein warmer und heller Tag. Die Sonne wärmt und man sieht den Menschen an, dass sie ihre Schritte verlangsamen, das Licht genießen, dass Frühling eine Labsal ist.
In Leipzig hat unterdessen die Buchmesse wieder ihre Pforten geöffnet. Wohl dem, der Zeit hat, sich dort hineinzustürzen! Angelegentlich dessen habe ich einen Bericht über die sogenannte „verschwiegene Bibliothek“ gelesen. In der Reihe werden Texte von ostdeutschen Autorinnen und Autoren publiziert, die man zu DDR-Zeiten niemals auf der Buchmesse angetroffen hätte. Es sind vergessene Namen und Werke oft viel zu früh gestorbener Künsterlinnen und Künstler deren Stimmen uns schmerzhaft fehlen.
Eine von ihnen war Edeltraut Eckert. 1950, zwanzigjährig, wird sie verhaftet, nachdem sie sich einer Gruppe gegen Unmenschlichkeit angeschlossen hatte. Das Urteil, fünfundzwanzig Jahre Arbeitslager, wird später auf acht Jahre heruntergesetzt, aber das rettet sie nicht mehr. Sie stirbt 1955 an den Folgen eines Arbeitsunfalls in der Haft. Die Linde im Gefängnishof von Hoheneck wird am selben Tag gefällt.
Vielleicht haben Sie einen jungen Mann, eine junge Frau vor Augen, die eben zwanzig geworden ist. Noch liegt das Leben vor einem. Noch gibt es viel zu viel, was noch erlebt und erfahren werden muss. Noch steht die Begegnung mit einem Menschen, den man lieben wird, aus. Aber schon ist Begabung da und Talent, das wache Gewissen, der Glaube an eine veränderbare bessere Welt.
So beginnt, so endet das Leben dieser jungen Frau und nicht nur ihres. Es wird nach der Verhaftung nie wieder Frühling. Nicht in 1950, nicht in den wenigen Jahren, die für sie noch folgen.
Wegen guter Führung hatte man Edeltraut Eckert erlaubt, ihre Gedichte aufzuschreiben. Jetzt kann man sie nachlesen. Eines aus dem Frühjahr 1953 klingt so. „Wartest du aufs Früchtereifen? / Schaust du nach dem Blütenbaum? / Herz, nun lerne es begreifen, / All dein Sehnen war ein Traum. / Keine Blüte kann Früchte bringen / Wenn ihr Licht und Wärme fehlt - / Nimmer soll ein Lied erklingen, / Das von dir und mir erzählt.“
Diese Woche ist noch immer die des Sonntages „Reminiscere“. Er hat seine Namen von der Psalmbitte, Gott möge nicht vergessen, dass er barmherzig sein wollte. In diese Bitte lasst uns einstimmen – nicht ohne immer wieder an die zu erinnern, die Opfer unfasslicher Unbarmherzigkeit geworden sind.


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  Inkonsequent

Inkonsequent

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.03.2019

Am letzten Freitag gingen SchülerInnen für den Klimawandel auf die Straße. Im Moment scheint es so, als kämpften sie für ihre eigene Zukunft, weil ihre Generation nicht im Bundestag aber auch nicht in der Synode unserer Kirche vertreten ist. Ob sie den Blick schon auf die gerichtet haben, deren Existenz schon jetzt davon betroffen ist, weiß ich nicht. Wenn nicht, mache ich den Jungen ausdrücklich keinen Vorwurf. Sie kämpfen immerhin.
Letzten Freitag habe ich aus einem Buch mit Gebeten und Nachdichtungen biblischer Texte aus den 80er Jahren zitiert. Vielleicht erinnern sie sich an den Auszug zu den Worten des Propheten Hesekiel: „Ich tauche euch ein in reines Wasser, damit ihr gereinigt werdet.“ Und dazu: „am ende / war das meer / wüst und wirr / eine stinkende kloake / dunstwolken lagen über er flut / … am ende / war das meer / ein blinder spiegel / sprachloser zeuge / der zerstörung / opfer / der schöpfung mensch…“
Freitagabend war ich im kleinen Haus zur Premiere von „Autoland“, einem Zukunftskongress zu Mobilitätsfragen und natürlich unserer Region, in der immer mehr SUVs produziert werden und fahren. Keiner scheint es absurd zu finden, dass wir in Städten mit asphaltierten Straßen und Tiefgaragen glauben, Geländewagen fahren zu müssen. Es war ein kluges Stück mit allerlei Recherchearbeit im Rücken und es endete mit einer Einladung zum Gespräch zwischen Publikum, Schauspielern und „echten“ Experten. Und tatsächlich wurde ich gefragt, ob das als Werbung für VW zu verstehen war???
Was soll man sagen…
Am Sonntag „Reminiscere“. Gedenke Gott unserer! Die Texte dazu ließen keine Fragen offen: Wir hätten es verdient, das er uns vergisst.
In dieser Woche nun Bilder aus Mosambik. Gestern eine Frau im schönen afrikanischen Kleid, mit sehr gerader Haltung, das Kind auf dem Rücken, läuft sie durch die Nacht und das Wasser, dort wo mal ein Zuhause für sie und ihr Kind gewesen sind. Heute eine Gruppe schwarzer Menschen am Abgrund. Das Foto lässt ahnen, dass da eine Strasse unterspült ist. Sie blicken irgendwohin, als käme von irgendwo Rat und Hilfe, nur einer dreht sich um und sieht direkt in die Kamera, uns ins Gesicht. Er ist so alt wie SchülerInnen, die morgen wieder demonstrieren gehen.
Was ist mit seiner Zukunft???
Bei „Autoland“ frage Götz van Ooyen übrigens: „Wer soll das denn alles zusammenhalten?“ Und implizierte: „zusammendenken, tun?“ Die Antwort war überhaupt nicht kompliziert, sondern naheliegend und einfach: „Ich.“

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  Weltglückstag

Weltglückstag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.03.2019

„Was ist für Sie Glück?“ – So fragte meine Tageszeitung für Ihre heutige Ausgabe am Weltglückstag einige Menschen auf der Straße. Die Antworten der Menschen liegen wahrscheinlich nicht weit von dem entfernt, was wir selbt antworten würden: Gesundheit für meine Lieben und mich selbst, eine gute Partnerschaft, Zufriedenheit, die Erfüllung von Träumen, Genuss, Spass, aber auch der Friede von Gott, der innere Ruhe schenkt.

Der Redakteur befragte nun einen der Glücksforscher der TU Braunschweig zum Thema – und die Antworten waren wenig überraschend: Erstens nämlich hinge das Glück in nur wenigen Fällen vom Geldbeutel ab und zweitens ließe es sich trainieren.

Also noch einmal: Was ist denn nun Glück aus Sicht eines Glücksforschers? In der zeitungsfähigen Kurzantwort heißt es: „In der Psychologie arbeiten wir mit dem Konstrukt ‚subjektives Wohlbefinden‘. Das sagt: Glückliche Menschen haben häufig positive Emotionen, seltener negative. Allgemein: eine hohe Lebenszufriedenheit.“
Aha. Und wie lässt es sich trainieren? Der Glücksforscher verrät aus seinem Drei-Punkte-Programm zwei: Erstens solle man sich am Abend drei Dinge aufschreiben, die am Tag gut waren, und zweitens zu jeder Sache hinzufügen, was man selbst dazu beigetragen habe. Der erste Schritt befördere das Bewusstsein für das eigene Glück und der zweite das Bewusstsein dafür, dass der Mensch doch häufiger des eigenen Glückes Schmied sei, als er vielleicht denke.

All diese Dinge habe ich Ihnen schon einmal vorgestellt, als ich über das Buch der Glücksforscherin Sonja Lyubomirski referiert habe. Und damals wie heute bleibe ich bei meinem Fazit, dass, wer ein aktives Glaubensleben führt, dem Glück sehr nahe ist. Und zwar dann, wenn er Verse leiser Freude wie jene des 139. Psalms auf den Lippen führt, in denen es heißt: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Oder aber vertrauensvolle Verse wie jene des 23. Psalms: „Du bist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Du weidest mich auf einer grünen Aue und führest mich zum frischen Wasser. Du erquickest meine Seele und führest mich auf rechter Straße um deines Namens willen.“ Oder auch Verse des Zorns und der Anfechtung wie sie in vielen der Psalmen zu lesen sind – und durch die der Beter erfährt, dass er nicht allein ist in seiner Not; so z.B. im 31. Psalm: „Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele und übergibst mich nicht in die Hand des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum. Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst!“ Der ganze Psalm ist ein hin und her zwischen den Gefühlen der Kraftlosigkeit durch die Not und des Vertrauens, dass Gott ihn nicht allein lässt.

Also schließe ich mich der Dame in der Frage nach dem eigenen Glück an, die geantwortet hat, ihr Glück sei der Friede Gottes, der auf sie ausstrahle und ihr innere Ruhe schenke. Ich finde mein Glück, wenn ich bete: aus Dankbarkeit, aus Lust und Freude oder in meiner Not.

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  "Ich schäme mich des Evangeliums nicht"

"Ich schäme mich des Evangeliums nicht"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.03.2019

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die da glauben.“ (Röm 1,16f.) – Diesen Satz wird so manch einer von Ihnen wiedererkennen, denn so beginnen jene zwei Verse aus dem Römerbrief, anhand derer Martin Luther den Grundsatz des „sola fide“ wiederentdeckte und damit sein Hauptargument gegen die seinerzeit praktizierte Ablasspraxis der Kirche. Und es ist der Konfirmationsspruch eines der Konfirmanden meines Mannes. Keine gewöhnliche Wahl, also fragte mein Mann nach, warum es denn dieser Spruch sein solle. Der Jugendliche antwortete: „Na ja, von meinen Freunden bezeichnen sich viele als Atheisten. Da glaubt keiner an Gott. Und als Sie gerade diesen Spruch vorgelesen haben, dachte ich, das ist es! Ich schäme mich meines Glaubens nicht.“ Cool, dachten wir, denn er hat recht: sich heutzutage zu mehr als der Tradition oder den sogenannten christlichen Werten zu bekennen, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern eher verpönt. Schade eigentlich. Denn ein großer Teil der Kraft unseres Glaubens hängt ja nicht an seiner Theorie, sondern an seiner Praxis. Und nicht umsonst beginnen die Zehn Gebote damit, dass man an Gott glauben solle; oder das Höchste Gebot der Nächstenliebe damit, dass man Gott lieben solle – und zwar „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt“ (Lk 8,27). Es ist die Überzeugung, dass das, was einem im Herzen sitzt, auch das Handeln bestimmen wird; und wer an einen Gott der Liebe glaubt, dem werden Tricksereien, Aggression oder gar Gewalt nicht als erste Mittel der Wahl zur Durchsetzung der eigenen Interessen einfallen; überhaupt wird es dem nicht nur und ausschließlich um die Durchsetzung der eigenen Interessen gehen….

Aber noch einmal zurück: Die Wahl des biblischen Wortes „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“ als Ausdruck einer für junge Menschen heute ungewöhnlichen Position ist uns auf dieser Fahrt nicht nur bei diesem Jugendlichen begegnet, sondern in Variation auch bei einem zweiten: Er hatte sich für den Vorstellungsgottesdienst eine Fürbitte überlegt, in der er darum bittet, dass alle Kinder die Freiheit haben sollten, sich für ihren Glauben entscheiden zu dürfen. Das ist spannend, wenn man weiß, dass er aus einem Haushalt kommt, dem historisch aus Staatsgründen der Glaube aberzogen worden war. Anscheinend macht es etwas in den Familien, wenn ein Kind sich anders entscheidet als seine Eltern.

Und so gehe ich – wieder einmal – beeindruckt über die Tiefe der Gedanken unserer Jugendlichen aus dem Wochenende der Konfirmandenfahrt; und hoffe, dass diese jungen Menschen sich selbst auf ihren Glaubenswegen treu bleiben, immer weiter suchen – und wieder und wieder finden. Dass sie gestärkt werden durch den Geist Gottes auf ihren Lebenswegen. Und dass wir als Erwachsene, ganz gleich, ob wir selbst im Herzen dem Glauben nahe stehen oder fern, sie auf ihren Wegen des Nachdenkens und Handelns unterstützen.

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  Da muss doch was zu machen sein!

Da muss doch was zu machen sein!

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.03.2019

Da kann man ja sowieso nichts machen! Kennen Sie diesen Satz? Er drückt Frustration und Resignation aus – im Kleinen wie im Großen. Wo die Kraft und die Hoffnung zu Ende gehen, da ist dieser Satz zu hören. Wo Menschen aufgesteckt haben und sich zurückziehen, da erklingen diese Worte. Ja, natürlich, es gibt Lebenssituationen, in denen wir einfach anerkennen müssen, dass nichts zu machen ist. Denken Sie an das Wetter, den Lauf der Zeit, die Vergänglichkeit alles Irdischen. Auf gut Norddeutsch ist das ja mal so wie’s ist, wir müssen es hinnehmen und können in der Tat nichts dagegen tun.
Vielfach wird die Aussage aber auch als Entschuldigung und Ausrede verwendet. Unsere eigene Bequemlichkeit hält uns davon ab, Themen anzugehen, bei denen sich sehr wohl etwas machen ließe. Doch dazu müssen wir uns aufraffen und dann auch wirklich aktiv werden. Es ist bisweilen einfacher, sich nörgelig in sein Schneckenhaus zurückzuziehen und schmollend zu sagen, man habe keinen Einfluss, keine Chance, die Dinge positiv zu verändern und zu gestalten. Doch das stimmt eben sehr oft nicht!
Manchmal steht Macht im Wege. Doch diejenigen, gegen deren Handeln man vermeintlich nichts machen kann, die können nur solange munter weiteragieren, wie sie nicht gestört werden. Wenn sich auf einmal Widerstand rührt, ändert sich das. Ein schönes Beispiel dafür, wie auf einmal neuer Schwung in eine Diskussion kommen kann, ist die all freitägliche Protestaktion von Schülerinnen und Schülern, die sich für Klimaschutz und damit für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen einsetzen. Sie lassen sich nicht davon abhalten, Engagement zu zeigen. Sie lassen sich nicht beeindrucken vom: Da könnt ihr als Schülerinnen und Schüler doch sowieso nichts machen!“ Natürlich sind damit noch keine Probleme gelöst, aber das Thema ist präsent und die vermeintlich Großen und Mächtigen müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihr Tun und Lassen kritisch beobachtet wird.
Einer, der bei der Aussage „Da kann man sowieso nichts machen“ ganz sicher richtig sauer wird, ist unser Freund und Bruder Jesus Christus. Er hat sich überall eingemischt, wo es notwendig war. Wo Menschenrechte, Menschenwürde und Gottes Schöpfung unter die Räder zu geraten drohten, hat er seine Stimme erhoben und ist dazwischen gegangen. Der Apostel Paulus greift diese Haltung auf. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom lesen wir: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Stellt euch nicht dieser Welt gleich, gebt nicht auf uns lasst euch nicht frustrieren. Denn auch, wenn es manchmal unbequem ist: Machen kann man meistens doch was.

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  Fridays for future

Fridays for future

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.03.2019

Zur Konfirmation schenkte mir mein Patenonkel einen Fotoband mit Mediationen zu Bibeltexten. Damals habe ich dem Buch nur oberflächliche Aufmerksamkeit gewidmet. Ich hielt es für so eine Art frommes Geschenk, wie man es eben zur Konfirmation bekommt. Später habe ich die Texte lesen gelernt. Vielleicht hat einfach Zeit gebraucht, bis es einen Resonanzraum dafür in mir gab….
Noch immer sind die Fotos zeitlos schön, und wäre ich heute jung und würde dieses Buch bekommen, dann würde es mich darin bestärken, Schule Schule sein zu lassen und demonstrieren zu gehen – für die Bewahrung der Schöpfung gegen den Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Wohlstandswahnsinn.
Damals, 1982, wusste noch keiner etwas von Tschernobyl und Fukushima, aber die Rede war schon von saurem Regen und Waldsterben. Und es gab einen Text zu den Worten des Propheten Hesekiel: „Ich tauche euch ein in reines Wasser, damit ihr gereinigt werdet.“ Und dazu steht: „am ende / war das meer / wüst und wirr / eine stinkende kloake / dunstwolken lagen über er flut / … am ende / war das meer / ein blinder spiegel / sprachloser zeuge / der zerstörung / opfer / der schöpfung mensch…“
Reichlich dreißig Jahre später sehen wir, was diese beinahe prophetischen Worte bedeuten. Längst haben wir einen Punkt erreicht, an dem wir die Folgen dessen, was wir tun nicht mehr abschätzen und auch nicht mehr beherrschen können.
Eine Seite weiter heißt es im Buch des Predigers Salomo: „Die Generationen kommen und gehen, die Erde aber bleibt immer die gleiche … die flüsse wandern zu Meer doch das Meer wird niemals voll. Alle Dinge brauchen sich auf, kein mensch kann sagen wozu.“ Und dazu steht: „alles ist auf sand gebaut / die flut kommt / und nimmt es fort / die kinder beginnen beginnen von neuem…“
Vielleicht ist es das, was wir jetzt erleben, wenn Kinder und Jugendliche auf die Straße gehen, um ihr Recht an der Zukunft bei uns einzuklagen. Denn wir nur zu Gast und haben die Erde nur geborgt, um sie denen weiterzugeben, die nach uns kommen.

Als ich diese Zeilen geschrieben habe, kam die Nachricht vom Terroranschlag in Neuseeland. Dies spricht erst recht für den Schulstreik unserer Kinder. Nur wenn sie sich darin einüben, friedlich und miteinander für die Zukunft zu streiten, werden sie sie auch erleben statt in Krieg und Gewalt verlorenzugehen.

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Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
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In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!