Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.10.2018

„Für Tage wie diese braucht es eine neue Jahreszeit“, meinte meine Kollegin heute, als wir durch die Stadt gingen. Der Himmel klar und blau, die Temperaturen spätsommerlich, die kahlen Zweige der Herbstbäume verlachend. Wir Städter konnten in diesem Jahr das Wetter wirklich in vollen Zügen genießen. Lange konnte man draußen liegen und in den Himmel sehen. Am Tag mit geschlossenen Augen, die warme Sonne wohlig im Gesicht. In der Nacht ehrfürchtig staunend angesichts der Unendlichkeit des Sternenhimmels. Heiko Frubrich hat in der letzten Woche ja gerade erst wieder eingestimmt in das Staunen des Matthias Claudius: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ Wer den Himmel sieht, der sieht auch leicht darüber hinaus – in jene Wahrheit, die unserer Wirklichkeit zugrunde liegt.

Doch was, wenn wir eines Tages den Himmel gar nicht mehr sehen können – weil wir uns in der Wunscherfüllung unserer kleinen Konsumträume den Blick auf den Himmel mehr und mehr verbauen? Zumindest kam mir dieser Gedanke heute Morgen, als ich das Interview mit Olaf Jaeschke las, dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Innenstadt. Ganz bestimmt beschreibt er die Stadt der Zukunft zu Recht als eine, die sich mehr und mehr zu einem Erlebnisort wandeln wird. Viel Gastronomie und kleine Geschäfte, in denen man gar nicht mehr direkt einkaufe, sondern die vor allem als Showräume dienten. Gekauft würden die Produkte dann über das Internet. Und weiter meint er: „Und man kann gar nicht ausschließen, dass es eines Tages Drohnen sein könnten, die Waren ausliefern. Es gibt ja bereits Tests in Großstädten. Und wer weiß, was im Jahr 2050 nicht alles möglich sein wird.“

Die Innenstadt als Erlebnisort und Ort der Begegnung, das gefällt mir gut für eine Stadt der Zukunft; aber Drohnen, die vierundzwanzig Stunden am Tag Stadt und Land gleichermaßen mit Waren versorgen? Die das Bestellen und die Rückgabe noch leichter machen, indem sie die Dinge bis an die Haustür liefern. Da fehlt mir nicht nur der freundliche Postbote im Bild, sondern auch der freie Blick zum Himmel. Denn ganz ehrlich, Drohnen die in großer Menge durch die Lüfte schwirren, scheinen mir das Gegenstück dessen zu sein, was ich einst in der Menschenarmut Finnlands erleben durfte: den klaren Himmel bei Tag; und in der Nacht jenen Sternenhimmel, der nicht nur Claudius im 19. Jahrhundert inspirierte , sondern auch vor über zweitausend Jahren den Beter des 19. Psalms, als er schrieb:

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern,
ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.
Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“ (Ps 19)

Deshalb hoffe ich für unsere Tage, dass wir uns solchen Blick in den Himmel nicht ganz und gar verbauen, sondern uns lieber die Möglichkeit erhalten, uns weiter ganz leicht unmittelbar als Geschöpfe einer unfassbar schönen und weiten Welt zu begreifen.

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  Der fliegende Holländer

Der fliegende Holländer

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.10.2018

Am vergangenen Sonnabend hatte „Der fliegende Holländer“ Premiere in unserem Staatstheater. Es ist die Geschichte eines Seemanns, der dazu verdammt ist, bis zum jüngsten Tag über die sieben Weltmeere zu fahren. Der fliegende Holländer kann und darf nicht sterben und er ist darüber unendlich verzweifelt. Komisch, oder? Wäre es nicht durchaus erstrebenswert, eine – positiv formuliert – Garantie darauf zu haben, dass uns der Tod nichts anhaben kann und ist das nicht sogar der Kern unseres christlichen Glaubens?
Die Geschichte vom fliegenden Holländer stammt aus der Welt der Sagen, dennoch lohnt es sich, einmal genauer auf das Schicksal dieses Seemanns zu schauen. Er sehnt sich nach einem Ende seiner Odyssee und er bringt dies in bewegenden Worten zum Ausdruck. Gefragt, aus welchem Land er komme, antwortet er: „Unmöglich dünkt mich', dass ich nenne die Länder alle, die ich fand: Das eine nur, nach dem ich brenne, ich find' es nicht, mein Heimatland!“ Der Tod als Heimatland – ist das nicht eine merkwürdige Sicht auf die Dinge? Gerhard Engelsberger, Pfarrer und Autor, hat in seinem Buch „Den Müden ein Fest“ einen Text über das Leben geschrieben. Seine Kernaussage: Auf unserem Lebensweg sind wir unterwegs nach Hause. Wir sind unser ganzes Leben lang auf dem Heimweg. Beim ersten Lesen hatte ich sofort ein Bild im Kopf, dass sich fest mit dieser Geschichte verbunden hat. Es ist das Bild des Nach-Hause-Fahrens zu meinen Eltern, um dort gemeinsam Weihnachten zu feiern. Damit verknüpft sind angenehme Gefühle von Geborgenheit, Vertrautheit und davon, angenommen und angekommen zu sein. Aus dieser Stimmung heraus werden alle Holprigkeiten, aller Ärger und alle Belastende auf dem Weg viel leichter, sie verlieren ihr Stress-Potenzial und lassen sich einfach besser ertragen. Der Stau auf der Autobahn, schlechtes Wetter, all das ist egal, denn ich habe den Blick auf zu Hause.
Übertragen auf unser Leben ist dieser Vergleich natürlich recht banal, die grobe Richtung, denke ich, kann aber durchaus passen. Unser Glaube schenkt uns eine Perspektive auf etwas Wunderbares, das nach dem Hier und Jetzt auf uns wartet. Ich muss aus den Jahren meines Lebens auf dieser Erde nicht alles herausquetschen, nicht in Panik verfallen, irgendetwas zu verpassen, nicht mit Ellenbogen arbeiten, um immer der erste in der Reihe zu stehen. Christliche Botschaft sagt: Bleibe entspannt, denn das Beste hast du noch vor dir! Aus diesem Denken heraus kann eine angenehme Gelassenheit erwachsen, eine Gelassenheit im Vertrauen auf unseren großen Freund und Bruder Jesus Christus, der in seines Vaters Hause auch für uns eine Wohnung bereiten wird.
Auch der fliegende Holländer findet am Ende Erlösung und er findet sie durch die Liebe. Die Liebe ist stark genug, seinen Fluch zu durchbrechen, sie ist stark genug, ihn herauszuholen aus seinen nicht enden wollenden Irrwegen und sie ist stark genug, ihn schlussendlich nach Hause zu bringen. Erlösung durch Liebe – auch das ist uns Christinnen und Christen durchaus nicht fremd.

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  Erntedank – noch immer…

Erntedank – noch immer…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.10.2018

Am letzten Sonntag haben wir Erntedank gefeiert, der Dom ist inzwischen wieder abgeschmückt (ziemlich radikal sogar, wir haben hier ja grade eine Baustelle) und die Woche neigt sich dem Ende. Grund genug, noch einmal auf Erntedank zurück zu sehen.
Dietrich Bonhoeffer schrieb in einem Erntedanktext: „Nicht Besitz ist Segen und Güte, sondern Verantwortung.“ Und ich bin sicher, dass es in seinem Sinne wäre, diesen Besitzbegriff zu weiten: Nicht das Leben in Frieden und Freiheit sind Güte, sondern Verantwortung.
Eine Lektion dafür bekam ich diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse. Dort war ich bei einem Podium mit der Schriftstellerin Asli Erdogan, um ihren Besuch am 19. November hier im Dom, vorzubereiten. Man muss Hornhaut auf der Seele haben, um sich von der schmalen gepeinigten und zugleich unendlich tapferen Frau, nicht anrühren zu lassen. Ich sag es immer wieder, damit Sie die Lesung nicht verpassen.
In ihrem Buch: „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ beschreibt die Exgefangene des türkischen Präsidenten Erdogan, was derzeit in der Türkei nicht veröffentlicht werden darf. Es klingt so: „Die Mutter eines Häftlings bat: Sag mir doch, bevor du gehst noch irgendwas, das mir Hoffnung gibt. Dabei sah sie mir unverwandt mit bohrendem Blick in die Augen. In diesem Blick lag alles, Bitterkeit und Verstehen, … dann waren da noch Freundschaft, Güte, alles, außer Hoffnung.“ Es sind also Wege durch die Hoffnungslosigkeit, die gegangen werden müssen und dennoch steht wenige Seiten weiter, sie schriebe, um nicht zu vergessen, „das alles, was wir besitzen, zu dem wir gehören, bei dem wir dabei sein oder mittendrin sein wollen … mit einem Wort untrennbar verbunden ist… Frieden.“
Für Asli Erdogan sind Hoffnung und Frieden unschätzbare Kostbarkeiten.
Für uns aber, die wir in Freiheit und Sicherheit leben, die wir in Frieden säen und ernten (auch wenn die Ernte dieses Jahr mancherorts sehr mager ausgefallen ist), kommen solche Zeilen aus einer anderen Welt.
Aber es ist unsere Welt. Gerade deshalb müssen wir diese Worte laut werden lassen und in unseren Herzen bewegen. Nur so können wir begreifen, wie eng unsere Vorstellungen von Gnade und Dankbarkeit geprägt sind, von dem, was wir sind und haben.
Dietrich Bonhoeffer verstand das 1930 auf einer Reise nach New York und während seiner Begegnungen in den schwarzen Gemeinden von Harlem. Darum schrieb er zum Erntedankfest: „Speist Gott seine Lieblingskinder und lässt die Verworfenen hungern? Der gnädige Gott bewahre uns vor der fürchterlichen Versuchung solcher Gedanken und solcher Dankbarkeit. … Sehen wir denn nicht, dass die Geschenke seiner Güte uns zum Fluch werden, … wenn wir auf uns selbst schauen, statt mit dem Blick auf die Not unseres Nächsten ganz demütig zu werden?“ Und er schließt mit den Worten, die ich anfangs zitierte: „Nicht Besitz ist Segen und Güte Gottes, sondern Verantwortung.“

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  Unterm Imervard

Unterm Imervard

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.10.2018

Nun sitzen wir hier also schone eine ganze Woche unterm Imervard so wie es sonst Menschen tun, die eine Kerze angezündet haben und dann einfach sitzen bleiben, weil sie wissen oder zum ersten Mal spüren, dass mein heiler wird, wenn man unterm Imervard sitzt, dass dem, der den Blick mit ihm wechselt Frieden und Gnade schenkt.
Es ist eine eigentümliche Vorstellung, dass dieses Kreuz einmal durch die Straßen unserer Stadt getragen worden sein soll, dass Menschen das schweißtreibende Buckeln als reinigend empfunden haben und andere dabei zusahen.
Auch im Dom ist das Kreuz gewandert, es hat frei schwebend im Mittelschiff gehangen und heute hier seinen Ort, korrespondierend mit dem Taufstein und dem Osterleuchter, an einer oft sonnenhellen Wand.
Von Karl Rahner, einem katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts stammt die grundsätzliche Feststellung: „Das Christentum ist die Religion, die den an das Kreuz Genagelten und dort gewaltsam Sterbenden als Siegeszeichen und realistischsten Ausdruck des menschlichen Lebens erkennt und zum eigenen Zeichen gemacht hat.“
Der Sterbende als Siegeszeichen…
Es gibt viele Kreuzesdarstellungen, die genauso wirken – aber dieses hier???
Dieser Christus hängt nicht, wie einer, der eben einen schrecklichen Foltertod gestorben ist. Ihn anzuschauen, wirkt nicht wie ein Spiegel all dessen, was schmerzt, bedrückt, verzweifelt, demütigt. Ihn anzuschauen tröstet.
Ich weiß, dass manche Menschen, das Antlitz bzw. den Ausdruck dieses Menschenbildes zunächst hochmütig finden. Aber ich kenne keinen, der unterm Imervard sitzend bei dieser Meinung geblieben ist.
Vielleicht liegt es daran, dass man früher der Meinung war, dass der irdische Jesus so ausgesehen haben müsste. Jedenfalls bezeugen alte Handschriften eine Legende, wonach der Bischof von Lucca schon 742 auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem auf den Auftrag eines Engel hin nach einer Schnitzerei suchte, mit der Nikodemus Jesus Christus porträtiert haben soll. Mit diesem Kunstwerk stünde dann auch unser Imervard hier in Verbindung. Und vielleicht hat diese Legende ja einen wahren Kern.
Aber eigentlich denke ich nicht, dass Menschen, die unter dem Imervard verharren, vor allem Kunstgeschichte meditieren. Ich glaube vielmehr, dass sie sich von den weit geöffneten Augen der uralten Figur anrühren lassen, dass sie sich angesehen fühlen im allerbesten Sinne des Wortes, dass sie Gnade spüren.
Denn Gnade kann nur erfahren, wer wahrgenommen wird.
Gnade ist die Erfahrung von zärtlicher Zuwendung, Gott neigt sich uns zu ohne jede Herablassung – darum wird Gott Mensch, denn Gnade verbindet oben und unten. DAS ist die Kernbotschaft, von der Meister Imervard mit seiner Kunst erzählt. Und er wusste oder ahnte noch etwas: das hebräische Wort für Gnade heißt auch Anmut. Das sieht man.
Dieser Christus ist es, der zu uns sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“

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  Das geknickte Rohr…

Das geknickte Rohr…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.10.2018

Die Süddeutsche Zeitung titelt heute: „Papst: Abtreibung ist wie Auftragsmord“. Es scheint ganz so als hat er das gestern auf dem Petersplatz vor Tausenden Menschen tatsächlich gesagt. Dass er dabei von seinem Manuskript abgewichen sein soll, macht es nicht besser – oft kommt ja grade bei der Rede ins Unreine das zutage, was wir tatsächlich denken und was eben nicht vorab die innere und äußere Zensur passiert hat.
Auftragsmord. Während er das sagte, saß ich auf der Frankfurter Buchmesse, um einen Abend im Dom mit Asli Erdogan vorzubereiten. Es ging um Pressefreiheit und die ermordete bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa, um so viele ihrer Kollegen, die ihr Leben verloren haben. Es ging um Asli Erdogans sogenanntes „Glück“ den Folterern und Gefängniswärtern in der Türkei entronnen zu sein. Sie sah in die Runde und hielt uns ihr schmales von Elend gezeichnetes Gesicht entgegen und fragte: Glück? Sieht so ein glücklicher Mensch aus???
Gewiss nicht, denn Asli Erdogan weiß, was ein Auftragsmord ist.
Sie weiß, welche Kaltblütigkeit und brutale Gewalt einem da begegnen. Und auch wozu fanatische Machthaber fähig sind.
Werdende Mütter sind solche Monster nicht.
Sollte der Papst also tatsächlich verzweifelte Frauen, die in ihrer Not keinen anderen Weg sehen, als eine Schwangerschaft abzubrechen, mit kaltblütigen Auftragsmördern verglichen haben, dann hat er sich an ihnen schuldig gemacht.
Vielleicht/ wahrscheinlich finden aber solche Frauen nicht den Weg in sein Büro zur Seelsorge. Bei mir sitzen sie schon. Es sind unendlich traurige Gespräche und nicht an mir, ein Urteil zu fällen, sondern miteinander Wege zu suchen, Gottes Vergebung glauben zu dürfen. Er hat das letzte Wort. Wir sollten nicht gnadenloser sein als er, denn bei Matthaus heißt es nach einem Jesajawort: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“


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  Aktionstag gegen die Todesstrafe

Aktionstag gegen die Todesstrafe

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.10.2018

Heute ist der internationale Aktionstag gegen die Todesstrafe. Amnesty International hat diesen Tag ausgerufen, um gegen die Verhängung der Todesstrafe zu protestieren, die es noch in gut 100 Ländern auf dieser Erde gibt. Wirklich verlässliche Zahlen sind kaum zu ermitteln, denn aus vielen Ländern dringen nur wenig Informationen zu diesem Thema an die Öffentlichkeit. Amnesty vermutet, dass allein in 2017 mehrere 10.000 Menschen hingerichtet wurden.
In Europa ist die Todesstrafe mittlerweile in allen Ländern abgeschafft, in einigen allerdings erst seit den 1990er Jahren. In unserem Land schließt das Grundgesetz die Verhängung der Todesstrafe aus. Dies wurde ganz maßgeblich befördert auch vor dem Hintergrund der grausamen Entwicklungen im Dritten Reich. Allein von 1933-45 wurden von deutschen Gerichten über 30.000 Todesstrafen verhängt und die meisten davon auch vollzogen. Die Entwicklung, die zur Abschaffung der Todesstrafe in Europa geführt hat, dauerte über mehrere Jahrzehnte an. Sie war geprägt von vielen kontroversen Diskussionen, unvereinbar erscheinenden Standpunkten und teilweise großem Engagement bei Befürwortern und Gegnern. Erst 1970 hat sich der Europarat auch unter großem öffentlichen Druck dazu durchgerungen, eindeutig Position gegen die Todesstrafe zu beziehen. Das Europaparlament hat dann in 2010 mit großer Mehrheit einen entsprechenden Beschluss gefasst und diese Haltung bestätigt.
Auch die Position der Kirchen war nicht immer eindeutig. Papst Franziskus hat erst in diesem Jahr im Rahmen einer Enzyklika klargestellt, dass die Todesstrafe „unter allen Umständen unzulässig“ ist. Aus evangelischer Perspektive wird diese Position schon seit vielen Jahrzehnten so vertreten. So sagte beispielsweise Margot Käßmann in einem Interview: „Mit Jesus können Sie keine Todesstrafe rechtfertigen.“
Evangelikale in den USA haben diese Argumentationsschwierigkeiten nicht. Auge um Auge – Zahn um Zahn ist für sie ein Bibelwort, mit dem sich die Todesstrafe sehr wohl rechtfertigen lässt. Aus meiner Sicht wird dabei allerdings verkannt, dass diese Regel gewaltbegrenzend wirken soll, in dem sie Reaktionen deckelt und eben nicht verlangt, dass alles, was auf dieser Welt passiert, mit gleicher Münze zurückgezahlt werden soll. Denn Jesus sagt weiter: „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“
Jesu Botschaft ist Vergebung und Liebe. Und wenn uns die Bibel sagt, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und unsere Zeit in seinen Händen steht, dann kann sich niemand anmaßen, über das Leben eines anderen Menschen zu verfügen und damit Göttliches zu zerstören. Dieser Grundsatz gilt auch in unserem Land – ein gutes Beispiel dafür, das Grundgesetz und christliche Botschaft einen guten Zusammenklang ergeben können – den Menschen zum Wohle, Gott zur Ehre und in Jesu Namen.

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  Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.10.2018

Konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten den Sommer genießen? Haben Sie vielleicht den einen oder anderen Abend genutzt, um in der Dämmerung mit einem Glas Saft, Bier oder Wein draußen zu sitzen? Wenn das Licht des Tages schwächer wird und der Himmel klar ist, dann werden wie aus dem Nichts kommend, die ersten Sterne am Himmel sichtbar. Und je dunkler es wird, desto mehr sehen wir. Wer schon einmal abseits von unseren auch nachts beleuchteten Städten und Dörfern bei völliger Dunkelheit in den Sternenhimmel geschaut hat, der weiß, wie unfassbar beeindruckend dieses Bild ist.
Ich denke, Sie allen kennen das Lied „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?“ So leicht und so lieblich es auch daherkommt und so wunderbar es sich als Einschlaflied für unsere Kleinen eignet, so wahr und so groß ist doch seine Botschaft. Denn wir müssen auf diese so banal klingende Frage: „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?“ ganz offen einräumen: Nein, ich weiß es nicht. Da stehen wir ach so fortschrittlichen und wissenschaftlich versierten, modernen Menschen des 21. Jahrhunderts in sternenklaren Nächten mit dem Kopf in den Nach gelegt da, schauen nach oben und können nur staunen. Denn das, was wir dort geboten kriegen, ist einfach zu groß, um es zu erfassen. Das Sternenzelt ist unendlich groß und allein das übersteigt unser Vorstellungsvermögen, denn ein echtes Bild von der Unendlichkeit können wir uns nicht machen. Und wir wissen eben nicht, wie viele Sternlein stehen, können nur sagen, dass es unfassbar viele sind, doch das Raum und Zeit und Menge all unsere menschliche Vernunft sprengen.
Doch das Lied weist uns auf den, der all das fassen kann, es weist uns auf den, der alles gemacht hat: Gott der Herr hat sie gezählet. Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, schenkt uns dieses wunderbare Bild, dass in klaren Nächten über uns aufgespannt ist. Und wir Menschen sind gut beraten, es demütig und dankbar anzunehmen und einfach zu akzeptieren, dass wir eben nicht alles erforschen, ergründen und begreifen können, auch wenn wir manchmal in einem Anflug von Selbstüberschätzung meinen, es zu können.
Demut ist angesagt, auch wenn wir uns immer schwerer damit tun, dieses Wort „Demut“ überhaupt noch zu verstehen. Für mich ist Demut die Verneigung der Seele vor etwas Größerem. Demut heißt, anzuerkennen, dass ich eben nicht alles selbst im Griff habe und dass ich angewiesen bin auf Gottes Gnade und auf seinen Segen, damit mein Leben gelingen kann. Und Demut heißt, anzuerkennen, dass da einer ist, der größer ist, als ich selbst: Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.

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  Dritter ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Dritter ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.10.2018

Geht doch! Unter diesem Motto steht der dritte ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit. Die Pilgerwanderung führt über drei Monate von Bonn quer durch Deutschland bis ins polnische Katowice, wo ab dem 2. Dezember über die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens verhandelt wird. Ganz unterschiedliche Menschen sind unterwegs und leben und erleben so eine Kombination aus Information und Mahnung, Freude am Wandern und gelebter Spiritualität, Gemeinschaftserlebnis und Zeichen-Setzen für einen guten und überlebenswichtigen Zweck.
Klimaschutz ist ein komplexes Thema. Es geht nicht nur darum, so wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht, die Erderwärmung auf 1,5° C zu begrenzen, sondern es geht auch darum, die bereits jetzt massiv spürbaren Folgen des Klimawandels auf dieser Welt soweit es irgend geht, gerecht zu verteilen. Denn wie so oft im Leben gilt auch hier: Diejenigen, die in erster Linie für den Klimawandel verantwortlich sind, nämlich die vergleichsweise reichen Industrienationen, sind nicht diejenigen, die die Konsequenzen am härtesten zu spüren bekommen. Das sind vielmehr die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, bei denen das Wasser noch knapper, die Versorgungslage noch prekärer und damit Armut und Elend größer und größer werden. Diesbezüglich genießen auch wir unseren Wohlstand ganz eindeutig zulasten anderer. Und diese anderen sind so weit weg, dass uns ihre Not nicht zwingend vor Augen geführt wird, denn auch Presse, Funk und Fernsehen richten ihre Scheinwerfer nicht unbedingt auf die schwächsten und ärmsten unserer Mitmenschen.
Ja, dieses Thema ist durchaus auch unbequem. Denn um Klimagerechtigkeit zu erreichen, um unseren Lebenswandel so zu verändern, dass uns nachfolgende Generationen überall auf dieser Welt eine faire Chance auf ein gutes Leben haben, kommen wir nicht umhin, unser eigenes Verhalten kritisch zu überprüfen und zu verändern. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Ein Gericht in Münster hat einem Antrag des BUND folgend, die Rodung des Hambacher Forstes zunächst einmal gestoppt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer! Doch auch ganz individuell können wir, Sie und ich, Einfluss nehmen auf die Geschwindigkeit des Klimawandels. Wir können darauf achten, ökologisch verantwortlich produzierte Waren zu kaufen, das eigene Auto öfter mal stehen lassen und Fahrrad, Bus und Bahn verwenden, und wir können laut und vernehmlich an die Entscheidungsträger appellieren, die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommens ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu treffen, diese auch einzuhalten.
Klimaschutz und Klimagerechtigkeit sind zwar als Schlagwort in der Bibel nicht zu finden, doch sie sind nichtsdestotrotz mindestens Gottes Erwartungshaltung an uns, wenn nicht sogar sein Auftrag. Wir Menschen sollen uns die Erde untertan machen, sagt Gott, doch wir sind dabei, diese Erde zu versklaven. Und wenn Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, dann müssen wir nach Afrika und Indien und Süd- und Mittelamerika schauen, die in den Blick zu nehmen, auf deren Kosten und zu deren Lasten wir leben und die unsere Hilfe brauchen. Daran zu erinnern sind Menschen seit dem 9. September in Gottes Namen unterwegs. Ihr Engagement verdient unser aller Respekt und unsere Unterstützung.
Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Brot

Brot

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.10.2018

Wir haben es gut, finde ich. Nirgendwo gibt es so gutes Brot wie in Deutschland. Und heute gibt es im Dom ganz besonders gutes Brot. Jetzt duftet es. Nachher können Sie hineinbeißen.
Das ist Luxus in jeder Weise. Luxus, dass wir so viel Brot haben können, wie wir wollen, Luxus, dass wir uns die Sorten aussuchen können, dass wir das Brot danach auswählen, was wir dazu essen wollen…
So gesehen, ist es eigentlich merkwürdig, dass wir beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute?“ Denn wer so betet, der fragt sich nicht, was oder wie er essen möchte, sondern ob es überhaupt heute etwas zu essen gibt.
Im Vaterunser ist die Brotbitte die erste, die sich auf uns bezieht. Zuerst geht um die tägliche Nahrung, denn das war und ist wichtiger, existentieller als alles andere. Wir mögen dabei vieles Lebensnotwendige mitdenken – ganz im Sinne von Dorothee Sölle, die sagte, dass der Mensch vom Brot allein nicht nur nicht leben, sondern am Brot allein sterben würde.
Das will ich nicht kleinreden.
Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass es unfasslich viele Menschen gibt, für die die Brotbitte wortwörtlich dringlich ist und Hunger so dominant, dass sie an nichts anderes mehr denken können. Zeugnis davon gibt ein Erlebnis, von dem der argentinische Autor Martín Caparrós berichtet.
Er erzählt:
„An Aisha, eine etwa dreißigjährige Mutter in einem Dorf in Niger, erinnere ich mich besonders gut. Wir saßen bei unserem Gespräch auf einer Sisalmatte im Schatten eines dürren Baums. Als ich sie fragte, was sie sich wünschen würde, wenn ein Zauberer käme, der ihr jeden Wunsch erfüllen würde, antwortete sie nach einer Weile schließlich: eine Kuh. Die gäbe Milch, die könnte sie verkaufen, so käme sie besser zurecht. Ich sagte, aber der Zauberer würde jeden Wunsch erfüllen, ob diese Kuh denn alles sei? Da sagte sie: zwei Kühe. Dann müsste ich nie mehr Hunger leiden….“
Jenseits des Hungers gibt es keinen Horizont. Das kennen und erleiden wir hier Gott sei Dank nicht mehr. Grund genug, wie immer der Ertrag gewesen sein mag, Erntedank zu feiern und zu teilen, denn: „Wenn das Brot, dass wir teilen, als Rose blüht, und die Not, die wir lindern, zur Freude wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann ist er schon in unserer Welt.“



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  Nadia Murat

Nadia Murat

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.10.2018

Auf dem Deckblatt der Süddeutschen Zeitung sieht man heute Angela Merkel einen Kranz in Yad Vashem niederlegen. Ein Akt, der, so kann man lesen, niemals zum Ritual werden wird. Das glaube und hoffe ich auch.
Vor fast einem Jahr stand eine junge Frau in Yad Vashem, eine von über zwei Millionen, die jedes Jahr die Holocaustgedenkstätte besuchen, eine von tausenden Mädchen und Frauen, die vom IS verschleppt und missbraucht worden sind und werden, eine, deren Volk immer wieder Pogromen und Vernichtungsversuchen ausgesetzt ist.
Die schmale dunkelhaarige Frau wurde von einem weißhaarigen Überlebenden der Shoa durch das Museum geführt. Mehr stolperte sie als sie ging. Sie wollte lernen, wie man eines Genozids gedenkt und hörte, wie zu ihr gesagt wird: „Wenn ihr eines Tages ein Museum baut, stellt ihr Überlebende vor eine Kamera."
Die junge und zugleich uralte Frau wird diesen Satz lange mit sich herumtragen. Sie heißt Nadia Murad. Und ist Jesidin.
Heute ist ihr der Friedensnobelpreis zugesprochen worden.
Als UN-Sonderbotschafterin kämpft sie dafür, dass die Verbrechen der der Terrormiliz IS endlich strafrechtlich verfolgt werden, dass nicht vergessen wird, was mit ihrem Volk und ihren Schwestern geschieht, dass niemand mehr den IS mit Waffen versorgt. Dass sie die Kraft dafür hat, grenzt an ein Wunder.
Mit ihr bekommt Denis Mukwege den Preis. Der Arzt operiert im Ostkongo Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden und kämpft für die Bestrafung der Täter.
Die Jury in Oslo hätte kaum ein traurigeres Thema in das Licht des Nobelpreises ziehen können.
In den nächsten Tagen werden wir viel zu hören und zu lesen bekommen über das vergessene Leid all derer, deren Leben endgültig zerstört wurde, weil sie als Prämie sogenannter Gotteskrieger entführt, missbraucht und weitergereicht wurden.
Als ich diesen Text heute Mittag geschrieben habe, wollte ich ein Video über Nadja Murats Aussage im Dezember 2015 vor dem UN-Sicherheitsrat ansehen. Dem Video sind zehn Sekunden zwangsweise Opelwerbung vorgeschaltet. Schöne Menschen in schöner Landschaft mit schönen Autos. Konsumfreude pur. Ich hätte – Entschuldigung – auf die Tastatur kotzen können.
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Was muss passieren, damit uns jemand die Hornhaut von der Seele schruppt?
Und: Wird Nadia Murat sich freuen? Wird sie Hoffnung haben, dass die Weltgemeinschaft dem Terror ein Ende zu setzen vermag? Oder erlebt sie nur wieder einen Teil der Mitgefühlvermarktungsmaschinerie?
Das liegt auch an uns.
Bei Micha heißt es über diesem Tag: „Er ist der Friede.“ Er. Nicht wir. Aber wenn wir auf ihn hören, wird unter uns Frieden werden. Heute ist wieder ein Tag, der uns mahnt, endlich dranzubleiben…


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  Evangelium

Evangelium

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.10.2018

Meist geschieht es unverhofft, unvermittelt – und ich stolpere über Altvertrautes. Über Worte, die ich schon so oft gelesen, geschrieben, gehört oder auch gesagt habe, dass ich sie kaum mehr wahrnehme. So z.B. der erste Vers des Markusevangeliums:
„Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“
Klingt längst nicht mehr spektakulär – und bleibt es doch. Denn Markus war der erste, der damals so begann. Er wählte nicht mehr wie all seine Vorgänger die Briefform, um seine theologischen Überzeugungen auszudrücken, sondern er machte den Anfang, indem er Erzählungen von Jesus sammelte, sie ordnete und erzählend seiner Theologie Gestalt gab. Er machte den Anfang, indem er vom Anfang eines neuen Zeitalters auf Erden berichtete – und diesem Bericht gab er den Namen „Evangelium“. Zu Deutsch: Frohe Botschaft. Aber sagen Sie, freuen Sie sich eigentlich, wenn Sie die Bibel aufschlagen? Begeistert es sie? Oder ist es Ihnen ermüdend fremd, was da steht, oder gerade umgekehrt: längst viel zu langweilig vertraut? Doch weiter: Markus will von der frohen Botschaft von Jesus Christus berichten. Jesus, der Christus: der Gesalbte, der Auserwählte, der Besondere, der, dem ich mein Leben anvertrauen kann. Der Sohn Gottes. Nicht irgendein Prophet, sondern Mensch und Stimme Gottes zugleich.
Nicht mehr als ein Vers und doch hat jedes Wort Gewicht. Aber wie oft stolpern wir noch über solche Worte? Wie oft lassen wir uns von ihnen ins Nachdenken bringen?

Albert Schweitzer meinte einmal: „Du bist so jung wie deine Zuversicht. Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt, sie ist ein geistiger Zustand. Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel. So jung wie deine Hoffnungen, so alt wie deine Verzagtheit. Solange die Botschaft der Schönheit, Freude, Kühnheit, Größe von der Erde, von den Menschen und von dem Unendlichen dein Herz erreicht, solange bist du jung.“

Vielleicht überhören wir Verse wie jenen ersten aus dem ältesten unserer Evangelien deshalb, weil unsere Seelen alt und des langen Nachdenkens müde geworden sind. Keine Begeisterung mehr. Zwei Jahrtausende Geschichte liegen hinter uns – und sowohl unsere Hoffnung als auch unser Vertrauen auf die Wahrheit jener Frohen Botschaft schwinden. Dabei könnten sie uns doch genauso entflammen wie die Menschen einst. Eine Frohe Botschaft, die von anderem zeugt als der Rede von Leistung, die mehr verspricht als irgendeinen Kick auf Erden, der dann doch nur wieder nach Steigerung sucht, die anderes in uns sieht als den Käufer oder die Arbeitskraft oder den Nutzlosen und so fort…. Alter ist keine Frage der Jahre, sondern davon, ob und wie sehr wir berührbar bleiben für die Größe allen Lebens und die Unendlichkeit jener Textur, die ihr zugrunde liegt. Gesegnet deshalb der, der den Zauber der ewigen Jugend der Frohen Botschaft in sich spürt. Zumindest hier und da und immer wieder einmal im Leben.

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  Tag der Deutschen Einheit

Tag der Deutschen Einheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.10.2018

Zum 28. Mal feiern wir heute den Tag der Deutschen Einheit. Es ist ein gesetzlicher und kein kirchlicher Feiertag, doch es hat gute Tradition, dass wir uns hier im Dom auch an diesem Tag versammeln, um auf Gottes Wort zu hören und die Bedeutung dieses Tages herauszustellen und zu würdigen. Die zentralen Feierlichkeiten finden jedes Jahr in dem Bundesland statt, dass gerade die Bundesratspräsidentschaft innehat – in diesem Jahr ist es Berlin. Seit Montag findet dort ein buntes Fest statt, bei dem Vielfalt und Demokratie, Gemeinschaft und Engagement in den Mittelpunkt gerückt werden.
„Nur mit Euch“, so lautet das Motto. Es soll ausdrücken, dass das Erreichte der vergangenen 28 Jahre seit dem Fall der Mauer eine Gemeinschaftsleistung ist und nicht der Erfolg einiger weniger. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert in der Tat nur dann dauerhaft, wenn sich möglichst alle zu ihr bekennen, ein gemeinsames Grundgerüst an Werten und Regeln akzeptieren und sich vor allem engagieren für das, was eine freiheitlich-demokratische Grundordnung in ihrem Kern ausmacht. Ein Blick auf unser Land kann einem da schon die eine oder andere Sorgenfalte auf die Stirn treiben. Es gab auch in der Vergangenheit an den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums Gruppen, die sich nicht eindeutig zu unserer Demokratie bekannt haben. In der Vergangenheit waren diese Gruppen klein, sie tauchten auf und verschwanden wieder und stellten nie eine wirkliche Gefahr für unsere Gesellschaft dar. Das hat sich deutlich und auch schnell geändert. Jetzt sitzt seit über einem Jahr einer Partei in unserem Bundestag, ihre Plätze sind räumlich gesehen ganz rechts, bei deren politischen Inhalten und Aussagen es einem schon mal angst und bange werden kann.
Und unser Parlament ist an dieser Stelle nur ein Spiegel unserer Bevölkerung. Auch hier erodiert Gemeinschaft zusehends. Fragen zu Migration und Integration von Geflüchteten polarisieren, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer und unter dem fortdauernden Rückzug aus gemeinschaftlichen Aktivitäten hinein ins Private leiden politische Parteien, Vereine und auch wir als Kirche. Mangelnde Integration ist längst nicht mehr ein Thema, dass sich auf Menschen mit Migrationshintergrund beschränkt. Auch viele Deutsche sind in unserer Gesellschaft nicht wirklich integriert, denn auch Armut, mangelnde Bildung, Krankheit und Alter grenzen aus und schließen aus. All das schwächt unsere Demokratie und macht sie anfällig für Angriffe von denen, die andere Gesellschaftssysteme im Kopf haben und sie in unserem Land auch umsetzen wollen.
„Nur mit Euch.“ Beim genaueren Hinhören drückt selbst dieses mit Sicherheit gut gemeinte Motto aus, dass es eine Spaltung gibt. Denn wenn es ein „Euch“ gibt, dann gibt es auch ein „Uns“, wenn es ein „wir“ gibt, dann gibt es auch „die Anderen“. Das soll so nicht gesagt werden, aber verstehen könnte man es so. Unser Land, Europa und diese Welt stehen vor großen und bisher ungekannten Herausforderungen. Klimawandel, Verarmung, aus ihrer Heimat flüchtende Menschen, Terror und Krieg sind nur einige Überschriften. Zu lösen sind diese Problemstellungen nicht im Alleingang einzelner. Zu lösen sind sie nur in großen Gemeinschaften, in denen darauf geachtet wird, dass Menschenrechte und Menschenwürde nicht unter die Räder geraten.
Wir alle werden uns auf Veränderungen einzustellen haben und es ist wichtig, dass gerade wir als Kirche darauf achten, dass bei diesen Veränderungen niemand auf der Strecke bleibt. Jesus Christus hat uns vorgelebt, dass wir diejenigen im Blick halten sollen, über die andere gerne einmal hinwegsehen. Und er hat uns vorgelebt, dass wir uns einmischen sollen, dass wir unsere Stimme erheben sollen, überall da, wo Entwicklungen stattfinden, die mit christlichen Werten nicht übereinzubringen sind. Und Kirche kann diejenigen wieder in den Dialog bringen, die momentan nur noch übereinander aber nicht mehr miteinander sprechen.
Im zweiten Timotheusbrief heißt es: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit! Kraft, Liebe und Besonnenheit sind eine gute Basis für ein gelingendes Miteinander. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind gute Orientierungspunkte, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, die das Wohl der Menschen und den Fortbestand von Gottes Schöpfung im Fokus haben. Und mit Kraft, Liebe und Besonnenheit wurde auch viel Gutes erreicht, nachdem der Eiserne Vorhang zwischen den beiden deutschen Staaten endlich eingerissen wurde. Neben allem Nachdenklichen ist heute auch der Tag, dafür dankbar zu sein.
Vertrauen wir auf das, was Gott uns geschenkt hat und womit der uns immer wieder neu zurüstet. Der Tag der Deutschen Einheit ist ein gutes Datum, um uns selbst zu fragen, wo wir uns einbringen und einmischen können, um unsere Demokratie zu stärken – mit Kraft, Liebe und Besonnenheit, Gott zur Ehre und in Jesu Namen.

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  Schutzengel

Schutzengel

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.10.2018

Unsere katholischen Brüder und Schwestern feiern heute, also am 2. Oktober, alljährlich das Schutzengelfest. Da wird zum einen die Verehrung der Schutzengel selbst gefeiert und weiter soll dieser Tag den Menschen daran erinnern, dass er sein Leben lang von Schutzengeln begleitet und durch sie vor Schaden bewahrt werde. Folgerichtig beschreibt die Augsburger Allgemeine süffisant: „Engel sind die Streetworker Gottes“. Die Erfahrung, dass einem dennoch Böses widerfährt, mag einst die Iren zu folgendem selbstkritischen Segenswort bewogen haben: „Möge dein Schutzengel nie mehr Arbeit mit dir haben, als der Besitzer von einem Sack Flöhe.“

Engel gibt es in der Bibel viele. An 305 Stellen werden sie erwähnt – als Mächte und Gewalten, als Erzengel, Seraphim und mit anderen Namen mehr. Wer die Bibel auch als sich entwickelndes historisches Dokument liest, wird auch eine Entwicklung in der Engelsdarstellung verfolgen können. Doch in allen Fällen können sie als mystische Wesen gelten, in denen dem Menschen das Göttliche begegnet. Dabei sind nicht alle Engel freundlich und die wenigsten von ihnen als Schutzengel unterwegs. Der katholischen Tradition gelten Engel als Mittler zwischen Gott und Mensch. Und zugegeben, vielleicht fällt’s der protestantischen Predigerin auch deshalb schwer, mit ihnen umzugehen. Denn solch eine Vermittlung braucht es in unserer Tradition nicht. Und wenn doch, dann ist es der Christus selbst, der bei Gott für uns bittet.

Trotzdem finde ich sie ernst zu nehmen, diese Sehnsucht vieler von uns nach Engeln: Denn ich vermute, dass nicht wenige auch heute hier ihren ganz persönlichen Schutzengel bei sich tragen: Sei es als Bronzefigur oder kleines Bildchen, als Anhänger oder Postkartengruß. Aber was ist es, das uns an den Himmlischen Heerscharen festhalten, uns nach ihnen sehnen lässt?

Ich denke, es ist das, was ich bei vielen unserer Taufeltern höre: Sie wissen, dass sie ihr Kind nicht auf allen Schritten seines Lebens begleiten können – und spüren die Furcht der Endlichkeit. Sie wissen, dass sie „just human“ sind, „nur Menschen“. Deshalb also hoffen sie auf Gott. Und sind ihm gleichzeitig fremd. Sie haben gelernt, dass das Bild Gottes als eines alten Mannes mit Bart nicht trägt, wie ihn einst Michelangelo auf seinem Bildnis der Erschaffung des Adam in der Sixtinischen Kapelle wirkmächtig darstellte. Doch dann sind da die Engel, Männer in weißen Gewändern wie in der Auferstehungsgeschichte, Gestalten mit Flügeln wie in der Weihnachtsgeschichte, Mittler des Göttlichen auf Erden, nahbare Göttlichkeit.

„‚Engel‘“, schreibt die Alttestamentlerin Beate Ego, „ist eigentlich keine Bezeichnung für eine Gattung oder ein Wesen, sondern drückt eine Funktion aus, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch.“ Gestaltgewordene Verbindung zwischen Himmel und Erde, eine gute Hoffnung, die Eltern – und nicht nur Eltern trägt, wenn sie jenes Wort aus dem 91. Psalm für ihr Leben wählen, in dem es heißt (Ps 91,11):
„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

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  Klagen

Klagen

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.10.2018

Woran hatten Sie heute im Laufe des Tages schon etwas auszusetzen? Heute ist ein Montag und das ist ja bekanntermaßen der Tag in der Woche, den wir ohnehin nicht so gut leiden können. Raus aus dem Wochenende, rein in den Arbeitsalltag, da geht dann schon mal so einiges schief, wir alle wissen mit dem Begriff „Montagsauto“ etwas anzufangen und überhaupt ist dieser Tag bisweilen irgendwie „gebraucht“. Es müssen dann auch gar nicht die großen Katastrophen sein, die uns die Laune verderben – gerade wir Deutschen stehen in dem Ruf, Weltmeister im Nörgeln zu sein. Da sitzen wir dann am Meer und schauen in die untergehende Sonne und dann ist der Kaffee zu kalt oder das Bier zu warm, das Meeresrauschen zu laut oder die Mücken zu angriffslustig. Und ruckzuck verschleiern wir das göttliche Farbenspiel aus Sonne, Meer und Wolken mit einem Nebel von schlechter Laune. Zugegeben, das war jetzt überspitzt dargestellt, dennoch neigen wir unbestrittenermaßen dazu, uns doch sehr über das Haar in der Suppe aufzuregen, anstatt uns über die leckeren Nudeln oder die Fleischeinlage zu freuen.

Doch es gibt tatsächlich Situationen, in denen wir allen Grund haben, zu klagen und zu stöhnen. Menschen werden zu Opfern von Ungerechtigkeiten, weil sie z. Bsp. für Fehler verantwortlich gemacht werden, die andere begangen haben, eine schlimme Krankheit wirft uns aus der Bahn, wir verlieren einen Menschen, den wir liebhatten und der ein wesentlicher Teil unseres Lebens war. Wir werden enttäuscht von unseren Mitmenschen und mitunter auch von uns selbst. Solche Dinge wiegen schwer und können unser Leben nachhaltig aus dem Gleichgewicht bringen.

Wie geht man nun als aufrechter Christenmensch mit solchen Lebenssituationen um? Wenn wir das, was in der Bibel steht und was den Kern unseres Glaubens ausmacht, wirklich ernst nehmen, dann könnte man auf die Idee kommen, dass wir all diese belastenden Momente unseres Lebens in stiller Demut einfach mal zu akzeptieren hätten. Schlussendlich wissen wir, dass uns Gott die Zusage gegeben hat, dass am Ende alles gut werden wird. Also Augen zu und durch? Nein, das ganz sicher nicht! Jeder hat das Recht darauf, auch einmal unzufrieden, enttäuscht und traurig zu sein und mit seiner aktuellen Lebenssituation und auch mit Gott zu hadern. Der Zweifel ist der Bruder des Glaubens, das weiß jeder, der sich als Christ fühlt und vor allen Dingen weiß das auch Gott. Er erwartet nicht von uns, dass wir den stoischen Helden geben, denn er weiß ganz genau, dass wir eben das nicht sind. Und wir dürfen ihm dann bitte auch mit unserem Klagen und unseren Ängsten und Sorgen in den Ohren liegen, wir dürfen sie vor ihn bringen und ihn ganz konkret darum bitten und auffordern, die Lasten von unseren Schultern zu nehmen, von denen wir meinen, dass wir sie nicht alleine tragen können.

Der Monatsspruch für den Oktober bringt genau das zum Ausdruck. Er stammt aus dem 38. Psalm und lautet: „Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ Gott freut sich, wenn es uns gut geht. Doch er ist eben auch und gerade dann für uns da, wenn wir allein nicht mehr weiterkommen.

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  Fremd und doch so nah...

Fremd und doch so nah...

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.09.2018

Riccardo Muti dirigiert. Ich liege im Gras, rund um mich herum Menschen, eine Familie neben mir, deren kleine Tochter nach kurzer Rückversicherung wagt, immer wieder über mich hinweg zu springen. Ihr Körper bewegt sich im Takt der Musik, Vivaldis Vier Jahreszeiten. Sie strahlt und lacht. Wir sind im Milleniumpark Chicagos, einem Ort, der jedem Menschen offen steht. Viele Menschen stehen nahe der Bühne, um Muti und das Orchester zu sehen. Die meisten aber sitzen picknickend auf der Erde. Zu Beginn noch leise plaudernd, Neuigkeiten austauschend, dann hörend. Ein Hauch von Leichtigkeit und Spätsommer liegt in der Luft. Phantastisch, denke ich. Da gibt es Hochkultur frei für alle – auch für Kinder, die alles erleben dürfen ohne still sitzen zu müssen. Perfekt.

Und doch ist da ein Wehrmutstropfen, denn die Rassentrennung scheint noch immer einer stillen Verabredung gleich selbstverständlich. So wie wir in den Kirchengemeinden dieser Stadt nur entweder farbig oder weiß getroffen haben, so wie im Jazz-Club nur Weiße saßen und die Kollegin auf unsere Frage hin meinte, die Schwarzen gingen in andere Clubs, so wie in den Geschäften und Restaurants die Menschen weiß oder farbig waren, so sind in diesem Park fast nur Weiße zu sehen. Es scheint, dass die Milieugrenzen, die wir in Deutschland ja auch kennen, in diesem Land Farben tragen. Eine Kollegin sagte, sie fürchte, dass wir in dieser Stadt vielleicht unsere Zukunft sehen könnten. Eine Zukunft, in der jene, die neu dazukommen, nicht in die Teilhabe unserer Gesellschaft hineinfinden. So wie die Farbigen, die vor hundert Jahren in diese Stadt kamen, bis heute in ihren von Armut geprägten Stadtteilen verblieben sind. Eine Zukunft, die ins Gegeneinander, statt in ein Miteinander ihrer verschiedenen Glieder führt.

Fremd und doch ganz nah, denke ich. Denn auch wenn es bei uns keine Jahrhunderte lang währende Rassentrennung gegeben hat, so erleben wir doch gerade in diesen Tagen an uns selbst, wie groß die innere Distanz zum Fremden oder auch nur Andersartigen sein kann. Vielleicht essen wir gerne chinesisch, italienisch oder türkisch, aber gemeinsam mit den Köchen essen wir dann doch eher ungern an einem Tisch.

Von Jesus wird anderes erzählt. Er handelte ohne Ansehen der Person. Da wurde dem Hauptmann ebenso geholfen wie dem Zöllner, der Frau ebenso wie dem Kind, dem Lahmen und Blinden wie dem Aussätzigen – und der verachtete Samariter aus der Nachbarregion wurde gar zum Vorbild. Jesus scheute keinen Menschen, sondern brachte sie im Gegenteil miteinander an den Tisch. Ich denke, dass Jesus die Menschen so sah, wie sie im besten Falle sein könnten – und dass er sie gerade dadurch veränderte.

Es ist die Grundhaltung, in der wir einander begegnen, die die Welt verändern kann. Nicht Gleichheit ist das Ziel, sondern das Aushalten der Verschiedenheit auf Augenhöhe und die ehrliche Suche nach den jeweiligen Stärken des Anderen.

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  Community

Community

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.09.2018

Wer regelmäßig unsere Andachten hier am Dom wahrnimmt, der hat in dieser Woche bereits davon gehört, dass die Herzen voll sind von dem, was meine Kollegin und ich in der letzten Woche in Chicago erlebt haben. Dabei waren das nur auch die architektonischen Wunder, die dort unter dem Motto „Dream big“ gebaut werden; mehr noch waren es die Menschen, die uns beeindruckten. Und zwar gerade die, die von sich selbst sagten, dass sie in ihrem Alltag mit dem Rücken an die Wand stehen. Jene, deren Spielraum begrenzt ist, weil ihre Ausbildung schlechter, ihr Englisch nur rudimentär, ihre Gesundheit angefasst, ihre Herkunft eine gebrochene ist – oder weil ihre Grundstücke inzwischen da liegen, wo andere gerne teure Appartements um des Profit willens neu bauen möchten…. Aber: in all diesem Schlamassel haben diese Menschen einander. Und sie wollen keine Almosen – weder geben noch empfangen, sondern Platz, um ihren Stärken Raum zu geben.

Sie haben uns von ihren Communities, von ihren Gemeinschaften, ihrem Lebensmiteinander erzählt: Die einen mit Stolz auf das von ihnen Erreichte: Die Errichtung einer eigenen Schule, die Anstellung von Anwälten und Ärzten, dem Aufbau eines Sportzentrums, in dem junge Leute in Sportarten fit gemacht werden, die sie am Ende in eines der Förderprogramme für die Uni bringen könnten. Alles unter dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe; Empowerment. Die anderen mit Frust, weil sie finden, dass Rassismus nicht ihr Problem sei. Sie empfinden sich als Opfer des Rassismus der anderen. Doch in ihrer Community stehen sie einander bei. Sie stehen jenen bei, mit denen sie im Gemeinderaum den Tisch teilen, weil im Viertel längst nicht alle satt werden. Jenen, die aus dem Knast kommen und denen das amerikanische System kaum eine Chance gibt, eine neue Wohnung oder einen neuen Job zu finden. Jenen, die in den Gangs ihre Gegenwart gefunden haben und trotzdem Menschen sind, die sich für ihr Leben ganz gewiss auch anderes als Gewalt und Drogen vorstellen könnten. Und die Dritten, die sagen: „Wir wollen hier allen Menschen ein Zufluchtsort sein – auch und gerade jenen, die des Landes verwiesen sind. Deshalb bitten wir nicht darum, Kirchenasyl geben zu dürfen, sondern wir tun es.“

Ich vermute, nicht jede und jeder unter uns konnte allem zustimmen, dass er oder sie gehört hat. Aber eines ist uns allen doch sehr deutlich geworden: Wer unter jenem christlichen Motto lebt, das in der Apostelgeschichte des Lukas wie folgt klingt:

„Die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, trafen sich regelmäßig. Sie ließen sich von den Aposteln unterweisen, pflegten ihre Gemeinschaft, brachen das Brot und beteten.“ (Apg 2,42), der wird solche Community, solche Gemeinschaft ernst nehmen. Vielleicht lautete die häufigste Antwort auf die von unserer Seite immer wieder gestellte Frage: „Was braucht Ihr? Können wir etwas für Euch tun?“, deshalb auch:

„Ja. Betet für uns. Betet für uns, denn das Gebet ist stark. Gott ist die Hoffnung.
Nicht wir. Gott ist die Zukunft. Und er wird sie uns geben.“ Amen & Halleluja.

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  Mein Buch des Lebens

Mein Buch des Lebens

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2018

Vielleicht kennen Sie das ja auch: manchmal hat man derartig viel zu tun, dass der Tag kaum ausreicht, auch die dringenden Dinge nicht alle bearbeitet werden konnten und man auf dem Weg ins Bett denkt, dass es genügen würde, Schlafzimmer und Bad zu mieten, weil man die restlichen Räume der Wohnung ja doch nicht betritt. In diesem Stadium denkt man dann über Fortbildungen zum Zeitmanagement und die Work-Life-Balance nach und lässt sich von anderen sagen, dass ja auch Berufswahl eine Frage der Intelligenz ist…
All das hat auch eine Professorin der Universität Chicago, Cynthia Lindner, umgetrieben. Deshalb begann sie nachzufragen und nachzuhaken. Sie akquirierte Geld für ein Forschungsprojekt über die tatsächliche Berufs- und Lebenszufriedenheit und bot einen Teil davon einem renommierten Psychologen an, um einen Fragebogen zu entwickeln. Der nahm das Geld und präsentierte keinen Fragenkatalog sondern nur folgende einzige Frage: „Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie hieße es?“
Cynthia Lindner fand das frech und wollte mehr für ihr Geld. Sie bohrte und nervte, bis der Psychologe nachgab und sagte: Ok, noch eine Frage: „Wie heißen die Kapitel?“ oder präzisiert: „Wie heißt das letzte Kapitel?“
Dabei blieb es und so wurde das Forschungsprojekt schließlich angegangen.
Also: „Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie hieße es?“
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Ich vermute, wahrscheinlich eher nicht: „Keine Zeit für nichts“, „Das Leben als Langstreckenlauf“ oder: „Immer an der Leistungsgrenze“ … denn diese Titel würden zwar eine Wahrheit spiegeln aber zugleich auch nur einen Aspekt. Das hat auch Cynthia Lindner erlebt, denn in dem Moment als sich die Kollegen festlegen und vor allem entscheiden mussten (das ist der Charme der einen Frage!), merkten sie, dass sie ihren Alltag nicht darauf reduzieren wollten und konnten, dass alles anstrengend und viel ist. Im Gegenteil: Auf einmal sahen sie wieder die Fülle und den Reichtum, fanden dass ihr Leben wunderbar ist, weil sie ihren Beruf lieben und dass die Mühe ja immer nur die Rückseite dessen ist, was bewegt, gedacht, gemacht wird.
So ist unsere Müdigkeit (wenn es sich nicht um strukturelle Ausbeutung handelt – denn da gibt es nichts zu relativieren) vielleicht manchmal auch nur Kurzsichtigkeit und gut, dass uns die Schöpfung einen Lebensrhythmus mit Ruhetag vorgibt, gut, dass wir einen Ort zum Innehalten und Nachspüren haben, gut, dass unserer Zeit in Gottes Händen liegt und dass er unsere Füße auf weiten Raum stellt. Und nicht zuletzt, gut, dass unserer Wege bei ihm beschlossen liegen. Er wird die Überschrift wissen, denn er hat uns ja beim Namen gerufen und segnet uns.


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  150 Jahre

150 Jahre

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.09.2018

Gestern Abend haben wir hier 150 Jahre Evangelische Stiftung Neuerkerode gefeiert. 150 Jahre. Das sind sechs Generationen, in denen vermutlich in jeder Familie beinahe alles vorkommt, was zwischen Menschen passieren kann: große Liebe und große Einsamkeit, Kinder und plötzliche Todesfälle, besondere Begabungen, Charakterschwächen, Talente und Überforderungen, wirtschaftlich gute und schlechte Zeiten. Dazu kommen die äußeren Umstände: Kaiserreich und Demokratie, Diktaturen, staatliche Zusammenbrüche, Krieg, Krisen, Friedenszeiten.
In den meisten unserer Familien wird es dabei jedenfalls in den letzten beiden Generationen bergauf gegangen sein, denn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse haben sich stabilisiert, die medizinische Versorgung ist immerhin so gut, dass Frauen nicht mehr im Kindbett sterben und Eltern ihre Kinder begraben müssen.
Das ist nicht überall so. Gestern habe ich ja schon erzählt: die Dompfarrerin und ich waren in Chicago und haben in dieser kontrastreichen Stadt auch afroamerikanische Gemeinden besucht. Wir waren in Stadtvierteln, manchmal nur zehn Minuten von den glitzernden Wolkenkratzern in Downtown entfernt, in denen Schießereien zum Alltag gehören und Schulen geschlossen werden. Meist sind das sogenannte Fooddeserts, Verpflegungswüsten. Denn es gibt keine Supermärkte, von Wochenmärkten oder Restaurants ganz zu schweigen.
Betrachtet man schließlich in solchen Vierteln die Alterspyramide, dann fällt einem ein massiver Abbruch bei den Männern zwischen zwanzig und dreißig auf; ein Abbild der sozialen Situation: sie sitzen im Gefängnis, sind fortgegangen oder bei Gewaltdelikten oder durch Drogen ums Leben gekommen.
Würde man dort sechs Generationen zurückblicken, ergäbe sich ein trauriges Bild: Armut und Gewalt, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit sind durch die Zeit präsent. Egal, ob man noch vorn oder zurück schaut, es schmerzt.
Und dennoch feiern die Menschen Gottesdienste voller Hingabe und Dankbarkeit, sie singen ein großes Halleluja. In einer Gemeinde hing über dem Altar ein großes Transparent: „a season of excellence“ – schönste Jahreszeit, allerbeste Zeit schlechthin. Als könnte es nicht schöner sein.
Mich macht das ein bisschen ratlos. Ist das totale Verdrängung, Religion als Opium für das Volk? Oder bin ich nur zu kleinmütig und traue der Kraft des Glaubens, durch den Alltag zu tragen zu wenig zu?
Vielleicht müssen wir ja von diesen Christen neu glauben lernen und womöglich klingt es dann ganz anders, dass aus dem ersten Johannesbrief über dieser Woche steht: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

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  Der erste Immigrant

Der erste Immigrant

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.09.2018

Meine Kollegin und ich haben eine große Reise gemacht und Gemeinden in Chicago besucht. Wer heutzutage in die Vereinigten Staaten einreisen will, braucht einen biometrischen Pass und eine Extraeinreisegenehmigung, Esta. Man muss die Namen seiner Eltern angeben und noch ein paar andere Angaben mehr und ist dann in aller Regel im Besitz gültiger Dokumente.
Einen Pass zu haben und sich also legal in einem Land aufzuhalten ist für die meisten von uns eine absolute Selbstverständlichkeit. Das war auch hierzulande nicht immer so. Die Not zahlloser Menschen, die versuchten, Nazideutschland oder die DDR zu verlassen, sollte uns jedenfalls eine Erinnerung in die Gene geschrieben haben, dass die Freiheit, Grenzen zu passieren und sich ausweisen zu können, mithin im Besitz vollständiger Dokumente und Bürgerrechte zu sein, ein ungeheures Privileg ist.
Wie viele Menschen dennoch ohne Dokumente leben und überleben müssen, angewiesen auf die Hilfe derer, die den Zusammenhang zwischen Glauben und Tun unmittelbar und bestürzend konsequent leben, haben wir neu in einer Gemeinde Chicagos begriffen, die seinerzeit Heimat deutscher Auswanderer war und heute vor allem Hispanics begleitet.
Das Kirchengebäude trägt noch die Handschrift der Deutschen, die einst versucht haben, sich hier ein bisschen Heimat in der Fremde zu schaffen. Jetzt liegen buntgewebte Tücher über dem Altar und auch die Ausmalung der Kirche ist erheblich farbenfroher als wir es angehen würden. Nebenan hat die Gemeinde ein paar kleine Wohnungen, die immer schon Landebasis und Ankerpunkt derer waren, die in diesem Land zu fassen suchten. Jetzt sind es Mittel- und Lateinamerikaner, die hier ankommen, Rat und Hilfe brauchen und froh und dankbar sind, dass wirklich jede und jeder hier englisch und spanisch spricht.
Die Pfarrerin, eine Amerikanerin mit vielen europäischen Wurzeln, verheiratet mit einem Mann aus Guatemala, hat ihr kleines Kind auf dem Arm als sie von den Menschen erzählt, denen sie durchzuhelfen versucht. Dass Engagement für die Armen und Mittellosen hat sie selbst zu einer Exilantin im eigenen Land gemacht, denn ihre Kirche unterstützt diesen radikalen Einsatz für die Mittellosen ohne gültige Dokumente nicht. Vor die Wahl gestellt, hat sie sich für den Bruch mit der eigenen kirchlichen Heimat und Familie entschieden.
Davon kann die Frau, die bis eben mit ihrem unerschrockenen Mut und ihrer Fröhlichkeit beeindruckt hat, nur unter Tränen erzählen.
Zweifel hat sie trotz aller Schmerzen nicht, denn – so sagt sie - wir haben doch das Evangelium von Jesus Christus. Und war der nicht auch ein Immigrant, eingewandert von Himmel auf unsere Erde und ohne Dokumente?


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  150 plus 1

150 plus 1

Werner Busch, Pfarrer - 24.09.2018

In unseren Bibeln haben wir 150 Psalmen. Nach einer alten, orthodoxen Tradition gibt es noch einen weiteren. Man rechnet ihn zu den „Syrischen Psalmen“. In alten, historischen Bibelübersetzungen ist er enthalten: Psalm 151. Ein Lied, in dem David seine Berufung und sein erste Tat beschreibt. Dieses Lied beginnt mit Erinnerungen. „Ich war klein unter meinen Brüdern. Ich war der Jüngste im Haus meines Vaters. Ich weidete die Schafe. Meine Hand spielte die Leier.“
Beginnen wir doch unsere Gebete mit Erinnerungen! So wie der vergessene Psalm heutzutage weder gesprochen noch gesungen wird, so geraten auch Erinnerungen aus dem Blick. Wecken wir sie wieder auf. „Herr, hier bin ich.“ Hier bin ich mit meiner Kindheit, als ich noch klein war. Als ich noch angewiesen war auf Eltern und Großeltern, auf Lehrer, auf Freunde. Als ich in meiner kleinen Kinderwelt lebte, die mir heute wie eine ferne große Heimat vorkommt. Hier bin ich mit meiner Jugend, als die Sehnsucht nach Leben in mir erwachte. Hier bin ich mit den Träumen, die ich damals träumte, mit dem weichen Herzen, das damals in mir schlug und sich verliebte, sich begeisterte. Hier bin ich mit meinen Entscheidungen, die ich getroffen habe. Und mit den Erinnerungen an die Wege, auf die sie mich führten. Hier bin ich mit dem, was ich gelernt und geschafft habe. Hier bin ich mit den Bildern von den Lebensorten, die mich prägten. Das Mietshaus, die Straße von damals. Die Blumenwiese. Die Wege. Hier bin ich mit der Atmosphäre, die Menschen und Ereignisse mitgeprägt haben. Hier bin ich. Nichts ist vergessen. Es ist alles noch in mir, so wie in David. „Ich war klein. Ich war der Jüngste.“
Und dann: „Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“ Die Geschichte Davids ist eine bewegende Geschichte. David hatte viel Unruhe und Ungewissheit in seinem Leben. Einen langen Weg musste er zurücklegen, bis er wie zugesagt König wurde. Sie kennen die Geschichte. Seine lange Flucht vor Saul, der eigentlich sein König war und doch zugleich sein Feind wurde. Es zerriss David das Herz. Irgendwann nach vielen Jahrzehnten schaut er zurück und erinnert sich, wie alles begann. Er denkt an seine Berufung durch den alten Propheten Samuel. Er denkt an seinen Kampf gegen Goliath, den Spötter, den Menschenverächter und Gottesverächter. Und wenn David zurückschaut, dann kommt ihm eine Einsicht: „Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“
David ging seinen Weg mit Gott. Auch als er Fehler machte, hielt er am Glauben fest. Indem er betete. Nichts in ihm blieb ohne Worte. Nichts schloss er stumm in sich ein. Mit Gott leben heißt: beten. Beten heißt, sein Herz bei Gott ausschütten.
Ich vermute, Ihre Lebenswege sind auch bewegte Geschichten. Familiengeschichten. Freundschaftsgeschichten. Berufsgeschichten. Manchmal wartet man lange auf Gottes Hilfe. Manchmal muss man viel Geduld haben, und dann kommen Fragen. Im 151. Psalm steht eine solche Frage. „Wer sagt es meinem Herrn?“ Wer überbringt Gott die Nachricht aus unserem Leben? Wie wichtig ist es, gehört, gesehen, verstanden zu werden! Wie wichtig ist es, dass nicht einfach Gras über alles weg, dass der schwere, mächtige Gang der Zeit nicht einfach so über meine Seele hinweggeht. Wer bringt Gott die Kunde von dem, wie es mir ergangen ist?
„Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“ Diese Gewissheit hat dieses alte Gebet mit allen anderen 150 Psalmen gemeinsam.

Gott, wir kommen zu dir.
Du kennst uns.
Du kennst unser Leben.
Du verstehst, was in unseren Herzen ist.
Wir bringen dir unseren Dank.
Wir bringen dir unsere Klage.
Wir bringen dir unsere Sehnsucht, unsere Bitten.
Du selbst, Herr, du selbst hörst uns an.
Amen.

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  Messer, Gabel, Schere, Licht

Messer, Gabel, Schere, Licht

Janis Berzins, Pfarrer und Studieninspektor - 22.09.2018

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht!“ Vielleicht sind sie mit diesem Spruch groß geworden. Vielleicht haben sie ihn selbst verwendet, um den eigenen Kindern einzuschärfen, die Finger von gefährlichen Dingen zu lassen. Der Erfolg dürfte begrenzt gewesen sein. Vor allem, weil das Verbotene für uns immer das Interessanteste ist. Das war schon immer so, seit Anbeginn der Menschheit. In der Symbolik der Bibel zeigt sich das an der verbotenen Frucht im Paradies. Von der müssen Adam und Eva nach ausgesprochenem Verbot gleich erst einmal naschen. Die Konsequenzen sind bekannt.
Messer, Gabel, Schere, Licht: mit manchen Dingen muss man erst einmal umgehen lernen, damit man nicht sich und andere verletzt. Und das gilt nicht nur für kleine Kinder. Ich muss die Technik lernen und mich an die entsprechenden Handgriffe gewöhnen, ob ich nun Sterne aus Tonpapier ausschneide oder ob ich mich hinter das Lenkrad eines Autos setze. Aber das ist nur der eine Teil. Vor allem muss ich mir klar machen, was passieren kann, wenn ich unaufmerksam oder leichtsinnig bin. Ein beherzter Schnitt in den Finger oder eine Promillefahrt – die Konsequenzen können durchaus blutig sein. Verantwortlich handeln, das heißt, sich klar zu machen, mit welchen Folgen ich im schlimmsten Fall rechnen muss.
Um ein Auto fahren zu dürfen, brauche ich einen Führerschein. Um Waffen zu besitzen, brauche ich einen Waffenschein. Da steckt auch eine Warnung drin: Denk dran, dass du Verantwortung trägst. Für Messer, Gabel, Schere, Licht gibt’s keinen Führerschein. Und für manche Dinge gibt es keine Waffenscheinpflicht, die im Alltag so viel zerstören. Manchmal unterschätzen wir die Gefährlichkeit einfach.
Manchmal denke ich, wir bräuchten einen Waffenschein für unsere Worte. Für das, was wir so reden, manchmal ganz unbedarft und unüberlegt. Gar nicht so selten aber auch voller Hass und Häme. Hilde Domin dichtete:

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige,
eben noch ungesprochene
Wort?
Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf an-
zukommen.
Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei
Nicht das Wort.
Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

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  SOLANGE DIE ERDE STEHT

SOLANGE DIE ERDE STEHT

Werner Busch, Pfarrer - 20.09.2018

"Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." 1. Mose 8

"Gott lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse." Matthäus 5

Solange sie auf festen Pfaden ihre immer gleiche Bahn zieht. Solange, wie Naturgesetze gelten und selbst kosmisches Chaos, das Zerbersten von Sternen in neue Ordnung überführen. Solange, wie selbst über der schlimmsten Anarchie in der Menschenwelt jeden Morgen pünktlich die Sonne aufgeht. Solange, wie die Umbrüche in den Gesellschaften und der Streit zwischen Staaten vom verlässlichen Wechsel der Jahreszeiten begleitet werden. Solange, wie über meinem kleinen Leben der Sternenhimmel leuchtet wie schon vor Jahrzehnten. Als ich noch kindlich staunend noch oben blickte und die großen Zahlen üben konnte: Millionen, Trilliarden. Und wie schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden dieses uralte Licht auf die kleinen Leben der Menschheit strahlte und sie abergläubisch werden ließ, weil wir einfach nicht fassen können, was von so fern in unsere Welt strahlt.
Solange das so ist und bleibt, sollen Menschen ihre Archen verlassen. Sollen wir hinaus gehen in die Schöpfung. In die Parks. Sollen wir hingehen in unsere Stadt, in das gemeinsame Leben. In alle Welt.
Solange die Schöpfung aus unerschöpflicher Kraft den Wechsel von Blühen, Vergehen und Wiederaufblühen hervorbringt. Solange sich nach jedem Unwetter die Wasser verlaufen. Und es duftet nach nassem Gras. Braunes Laub liegt warm unterm Baum. Die Erde dampft. Solange der verbrannte Rasen wieder zu grünen beginnt und die Insekten in den Blüten trinken.
Solange sollen Menschen dem Herrn ihre Altäre bauen. Solange sollen wir unsere Herzen in den Melodien wiegen, mit denen schon die Alten dem Schöpfer ihre Freude zuspielten.
So lange.
Ich habe nicht den Atem für so lange. Ich habe nicht die Geduld. Mit mir nicht. Und mit meinem Nächsten nicht. Mit dem, der an der Kasse vor mir im Kleingeld kramt und dem, der an der grünen Ampel zögert, nicht. Mit den Politikern nicht und den Politikverdrossenen auch nicht. Mit den Wutbürgern nicht und denen, die sich abfällig und hitzköpfig über sie empören, auch nicht.
So treu, so lange, so ausdauernd wie Gottes Schöpfung uns trägt und nährt und freut, erfreut, ernährt, erträgt, - so weit komme ich nicht mit meiner schmächtigen Liebe und meinem flach hechelnden Wohlwollen.
Deshalb muss ich Atem holen. Ich muss mich ausruhen von meinem Zorn. Mich erholen von meinem Gekränktsein. Ich muss mich stärken und erfrischen. Lassen. Ich öffne meine Seele für das große Glühen und Wehen in diesen Wochen. Für den Abschied des Sommers. Für den Mars, den ich fast jeden Abend rötlich schimmern sehe und mich nicht sattsehen kann. Für den Mond, der hell und klar über den Himmel streift - wie ein ferner Begleiter, mit dem ich gerne reden würde. Weißt du noch? Als du mir vor Jahren den schneebedeckten Hof in silbernes Glitzern verwandelt hast? Weißt du noch, wie du am frühen Morgen der erste warst, der mich beim Erwachen milde lächelnd grüßte und sich noch schnell verabschiedete, bevor das Sonnenlicht dich in die Unsichtbarkeit verblassen ließ?
Ich betrachte die großen Wunder der Schöpfung. Nicht das Aussetzen der Naturgesetze versetzt mich in Staunen, sondern ihre schier unendliche Geltung. Bis in die fernsten Winkel des sich immer weiter dehnenden Alls gelten, gestalten und herrschen sie. Wahnsinn!
Ich betrachte. Während ich schaue, dämmert mir Unsichtbares. In den Werken der Schöpfung flimmert etwas von ihrem Schöpfer. Ihn sieht man nicht. Aber man erkennt etwas von seiner unendlichen Kraft. Von seiner Schönheit.
Solange die Erde steht.
Solange es unruhig und wild auf diesem Planeten zugeht. So lange hält er seine Hand über uns. Ganz dicht in einem nahen Jenseits hält er sie schützend über uns. Hinter allem, was ist, ist er.

GEBET:
Gott,
Gütiger,
Dein großer Sommer.
So heiß.
Sie klagen.
Wo soll ich schlafen?
Sie fragen.
Wie kommt das?
Beruhigen sich:
»Gabs schon immer«.
Beunruhigen sich:
»Gabs noch nie« …
Trotzdem: Hortensien blühn.
Aber die Wiese verdorrt.
Trauben reifen.
Und der Mais bleibt klein.
Dennoch Äpfel. Erstaunlich.
Wenig Heu.
Irgendwo Feuer auf dem Feld.
Gott,
Gütiger.
Ich dank Dir für den Sommer.
Bitte Dich um Regen.
Und, Gütiger, bitte:
Beruhige mich,
was Deine Treue betrifft.
Und beunruhige mich,
daß ich tu’, was zu tun ist.

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  Missing piece

Missing piece

Peter Kapp, Pfarrer - 19.09.2018

Seit ein paar Wochen liegt vorn vor dem Taufstein in St. Andreas ein großes Puzzle. Es scheint, als hätten zwei Menschen von zwei Seiten begonnen, das Puzzle fertigzustellen. Deshalb geht eine Art Riss quer durch das unfertige Werk. Einzelne Puzzleteile liegen zudem unverbunden herum und an einem Rand fehlt ein Teil offensichtlich ganz.
„Missing piece“ hat der Künstler Georg-Friedrich Wolf sein Werk genannt. Fehlendes Teil. Und was so unverbunden aussieht, soll auch so sein. Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft, das hat nicht nur der Künstler beobachtet. Manches ist kaum noch vermittelbar, Positionen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Der Ton wird rauer. Der jüdische Restaurantbesitzer in Chemnitz wird seine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, jetzt sicherheitshalber unter einer der üblichen basecaps verbergen. Bisher hatte er sie einfach so getragen. Er glaubt, dass das jetzt nicht mehr geht. Ich finde das schlimm. Dass da jüdische Menschen in unserem Land wieder Angst haben müssen, dass sie bedroht werden.
Der Riss durch unser Land. Nehmen wir das einfach hin, schweigen wir gar? Mischen wir uns lieber nicht ein? Als Kirche kann uns das nicht egal sein, wenn etwas schief geht in unserem Land. Wir nehmen die Brüche wahr und wir gehen den fehlenden Teilen nach.
Man kann die einzelnen Teile des Puzzles übrigens nicht mal eben zusammenlegen. Denn jedes wiegt an die 170 Kilo. Man braucht einen kleinen Kran, um sie zu bewegen. Ein Elektromagnet, so habe ich es beim Aufbau gesehen, hebt die einzelnen Teile an, dann werden sie vorsichtig an die richtige Stelle bugsiert. Ganz schön aufwendig.
Risse heilen nicht mal eben. Man muss sich Zeit nehmen, man muss sich Hilfe holen, man muss es gemeinsam versuchen. In der Geschichte von dem Gelähmten sind es vier Freunde, die ihn zu Jesus bringen. Sie lassen sich durch die Menschenmenge nicht abhalten. Sie machen einfach ein Loch ins Dach und lassen ihn hinter. Direkt vor Jesu Füßen. Sie haben ein Ziel und sie suchen und finden einen Weg. Sie lassen sich nicht entmutigen, sie haben Phantasie.
Diese Geschichte aus unserer Bibel kommt mir in diesen Tagen immer wieder in den Sinn, wenn ich das Puzzle sehe. Und ich denke: Kirche ist eine solche Gemeinschaft, wo Menschen mit Phantasie und Tatkraft anderen helfen. Wo andere ihnen nicht egal sind. Wo es uns interessiert, was mit der Gesellschaft passiert. Wo wir uns zusammentun, damit der Riss nicht größer wird.

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  Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Henning Böger, Pfarrer - 18.09.2018

Sie traut ihren Augen nicht. Ein Trinkgeld von über € 500 bekommt sie. Wo gibt es denn so was? In Amerika, Anfang dieses Jahres!
Da erzählt eine Kellnerin ihrer Kollegin, dass sie finanziell ganz arg in der Klemme steckt: Sie kann die Miete für ihre Wohnung nicht zahlen. Sie wird obdachlos, sagt sie und weint laut.
Zwei Gäste im Diner müssen das Gespräch mit angehört haben. Als sie ihr Essen bezahlen, runden sie großzügig auf: von 60 auf 600 Euro, umgerechnet.
Als die Kellnerin abrechnet, traut sie ihren Augen nicht. Sie dreht sich um, aber die Männer sind weg. Sie läuft auf die Straße und sucht. Vergeblich. Sie muss wieder weinen, aber nun aus Freude.
Geben und Danken, das ist auch die Welt.
Die Welt ist nicht nur Jammern und Klagen; nicht nur Krieg und Härte und Hass.
Die Welt ist auch Geben und Danken.
Und noch schöner ist es, wenn ganz ohne Worte gegeben wird.
So, wie in der Geschichte der Kellnerin: Die beiden großzügigen Helfer verschwinden. Sie wollen nicht als Gönner erscheinen, sondern nur mal helfen. Und Gutes tun, weil sie es können. Ganz einfach so.
Das ist eine schöne Geschichte vom Geben und Danken, die sich schnell in den Medien weltweit verbreitet hat. Eine Geschichte wie ein Spiegel, die fragt: Könntest du das auch? So großzügig sein? Gutes tun, weil du es kannst? Ganz einfach so?
Es muss ja nicht Geld sein, großzügig gerundet.
Es gibt viele Geschichten vom Gut Sein; davon, dass Menschen einander wahrnehmen und gegenseitig zum Leben aufhelfen.
Ich denke: Wir alle brauchen diese Geschichte, um die Welt ertragen zu können. Manchmal erdrücken einen die schlechten Nachrichten von Krieg, Gewalt und Konflikt. Oft weit weg und dann erschreckend nah, wie in Chemnitz in den vergangenen Wochen.
Da ist es wie Aufatmen, einfach nur gut zu sein.
Es wenigstens zu versuchen.
Glauben heißt auch, ins Leben zu vertrauen, mit Gottes Hilfe nicht bitter oder abschätzig zu werden, sondern gut sein zu wollen mit anderen.
Geben und Danken sind ein großzügiges Paar. Sie sind der schönere Teil dieser Welt.

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  Die Tore stehen offen

Die Tore stehen offen

Werner Busch, Pfarrer - 17.09.2018

Wenn man jung ist, scheint fast alles möglich.
Es gehört zum Jungsein, Erwartungen zu haben.
Während meines Studiums habe ich einmal den Satz aufgeschnappt: „Ein Student ist ein Nichts, aber es kann noch alles aus ihm werden.“ Es ist ein tolles Lebensgefühl, von der Zukunft noch viel und Schönes erwarten zu können.
Die Zukunftsträume von Kindern sind von dieser Art. Am Anfang: Ich will Baggerfahrer werden. Die Welt umgraben. Etwas bewegen. Beim Erbauen von etwas Großem eine wichtige Rolle spielen. Oder Feuerwehrmann. Gefahren abwehren. Die Welt retten.
Erinnern Sie sich an die Jahre, als das Meiste in ihrem Leben noch unentschieden vor Ihnen lag? Als die Idee für einen Beruf gerade begann, sich zu klären? Als es losging, dass Sie sich Ihre Zukunft erträumt haben? „Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (EG 395) Nicht alle Tore der Welt stehen einem offen. Das lernt man schnell. Die meisten in unserem Land lernen das zu schnell. Aber das braucht es auch nicht, dass alles geht und kommt, wie ich es mir wünsche. Was es braucht, ist das Gefühl: Da kommt noch etwas. Etwas mit Bedeutung für mich. Etwas mit Möglichkeiten. Junge Leute brauchen dieses Gefühl: Die Welt steht mir offen. Da geht noch was.
Es gibt ein Wort Jesu, das berühmt geworden ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ (Markus 9) Ich halte innerlich immer für einen Moment die Luft an, wenn dieser Vers irgendwo vorkommt. Lieber Herr Jesus, denke ich mir, hättest du das nicht ein bisschen bescheidener sagen können? Eine kleine Einschränkung wenigstens? Eine Brise Realismus? Nein. Da steht: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Herausfordernd. „Nur die Übertreibung ist wahr.“ (Adorno) Es gibt Dinge, die kann man nicht bescheiden formulieren.
Die Geschichte, aus der dieser Satz Jesu kommt, ist eine sehr starke und tiefe Szene im Neuen Testament. Ein verzweifelter Mann wendet sich an die Jünger. Sie sollen den schwerstkranken Sohn dieses Mannes heilen. So fremd, so beängstigend und krass war seine Krankheit, dass man sagte, da seien unheimliche Mächte im Spiel.
Aber die Jünger konnten nicht. Sie brachten nicht fertig, worum sie gebeten waren, und mussten den Vater bitter enttäuschen. Ja, Kirche ist manchmal enttäuschend. Verglichen mit der großen Botschaft, dem großen Glauben ist Gottes Bodenpersonal manchmal ein Grund für Ernüchterung. Gelegentlich sogar für tiefe hässliche Kränkung. Es hat keinen Sinn, das wegzureden, zumal das im Neuen Testament eben auch schon vorkommt. In dieser Geschichte aus Markus 9.
Dann schaltet sich Jesus ein und sagt: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Das Gegenteil war eigentlich gerade bewiesen. Trotzdem stellt Jesus den großen Satz ungeschützt, einladend, irritierend noch einmal neu auf. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Ein Satz, der nach dem Scheitern gesprochen ist, nicht vorher. Ein Satz, der in die Situation der Niederlage gehört, und nicht den geborenen Siegern gesagt ist.
Daraufhin antwortet ihm der Vater. In seinen Worten öffnet sich eine Tiefe, die nichts mehr zu tun hat mit Machbarkeitswahn und Fortschrittsnaivität. Kein Hauch mehr von ‚Wir schaffen das.‘ Er sagt: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ Die ganze Zerrissenheit eines Erwachsenenlebens liegt in diesem Satz. Die Fürsorge für sein krankes Kind. Die Liebe. Die Last, der Schmerz und ein tiefes Frustriertsein. „Unglauben.“ Er sagt es frei heraus und lässt die Tiefe seines Herzens sich aussprechen. Unglauben. Nicht nur Zweifel. „Zweifel“ sagen Christen gerne mit dem Unterton von Bescheidenheit. Das klingt wie das Kleingedruckte, dass es ja immer auch noch gibt. Die vielen kleinen Fallstricke und Klauseln, die in jeder Realen Sache stecken, die gibt es eben auch im Glauben. Zweifel ist ja schon fast eine Tugend, ein bisschen skeptisch sein, nicht fanatisch usw. Nein, hier wird ein Mann deutlich. Er meint etwas anderes. Es steckt eine Not in ihm, die sich nicht mehr selbstgefällig ummänteln lässt. Unmissverständlich sagt er: „Unglauben.“ Er kämpft mit sich selbst. Er kämpft mit dem Leben, das er nicht ändern kann. Er kämpft mit Gott, der ihn hängen lässt. Ein Vorbild für aufrechte Christenmenschen.
Aber auch das andere hat er in sich. Er hat noch etwas von dem Kind in sich bewahrt, das wir alle einmal waren. Etwas für möglich halten. Da muss doch noch was gehen! „Herr, ich glaube.“ Auch wenn ich schon alles versucht habe. Auch wenn die Kirche enttäuschend sein kann. Ich kann den Glauben nicht ganz aufgeben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Denn dieses Vertrauen hängt nicht an den Personen, die für den Glauben einstehen. Hängt nicht an den Ämtern, die ihm dienen sollen. Der Herzensglaube der Menschen nährt sich nicht von der Überzeugungskraft der Pastoren und Pastorinnen, der Pröpstinnen oder Bischöfe.
Sondern wir glauben an den, der selber unsere Zerrissenheit auf sich genommen hat. Es hat ihn ans Kreuz gebracht, dass er sich so ungeschützt auf unser Menschsein eingelassen hat. Dass er mit offenem Herzen in diese Welt kam, um Herzen zu finden. Er hat sich auf unser Leiden eingelassen, auf unser Scheitern. Und Gott hat ihn auferweckt. Geheimnisvoll, aber doch so, dass ein Gerücht nicht mehr aus der Welt zu kriegen ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“
Nicht jeder Kindertraum wird Wirklichkeit. Aber keine Kränkung, kein Misserfolg kann Gott davon abhalten, mit uns zu etwas Gutem zu kommen. Uns Menschen kann man aufhalten. Wir kennen die Hindernis, die uns hemmen. Uns wütend machen und resignieren lassen. Aber Gott kann man nicht aufhalten. Und er hat mit seinen Menschenkindern etwas vor. „Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“ (Martin Luther) Ob jung oder alt. Seine Tore stehen offen.

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  Sorget nicht - II

Sorget nicht - II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2018

Morgen werden wir einen Gottesdienst zum Schöpfungstag feiern, in der kommenden Woche folgt dann das Propsteifest. Aufhänger genug, sich am zehnten Jahrestag der Lehman-Pleite bewusst zu machen, dass Geld in Gottes Schöpfungsordnung nicht vorkam.
Er hatte Himmel und Erde geschaffen, Wasser und Festland, Licht und Finsternis voneinander geschieden und dann die Erde als vollkommenen Garten eingerichtet mit Pflanzen der Wiesen, Felder und Wälder, mit Tieren, die laufen kriechen, fliegen oder schwimmen und mit uns Menschen. Es war füreinander gesorgt aber offenbar bot auch die beste aller Welten noch Spielraum, um mehr und anderes zu wollen. Andernfalls hätten Adam und Eva nicht versucht werden können…
So wurden sie des Paradieses verwiesen. Lebensunterhalt, das tägliche Brot war von da an im Schweiße des angesichts der widerspenstigen Erde abzuringen. Nichts war mehr ideal aber wirtschaftlich ging es trotzdem bergauf. Die alttestamentlichen Väter sammelten große Familien und Herden um sich und es dauert nur zwanzig Kapitel, dass Abraham mit den Hethitern darüber verhandelte, was der Platz für Saras Grab kosten soll.
Hatte man in Israel zunächst noch Naturalien getauscht, so diensten bald kostbare Steine, Muscheln und Rohstoffe als Bezahlung. Zur Zeit des Aristoteles schließlich war Geld schon eine solche Macht und derart selbstverständlich, dass er zwischen Haushaltskunst und Geldwirtschaft unterschied. Ersteres betrachtet die Dinge nach ihrem Gebrauch, letzteres nach ihrem Wert. Daraus folgerte Aristoteles: in der Hauswirtschaft erwirbt man so viele Dinge, wie man wirklich braucht. In der Geldwirtschaft hingegen gibt es keine Grenze. Darum machten Menschen in der Geldwirtschaft, so beobachtete es schon Aristoteles, aus allem einen Gelderwerb, weil sie von der Illusion getrieben waren, waren mit viel Geld den wahren Reichtum, das gute Leben sichern zu können.
Folgerichtig verschwanden echte Güter aus der Tauschkette. Geld selbst wurde das Tauschobjekt bis sich die Spirale so heiß gedreht hatte, dass noch gar nicht vorhandenes Geld gehandelt wird. Die Insolvenz der Lehmanbank war nur ein Beispiel dieses Irrsinns und auch sie hat die Welt ins Trudeln gebracht, Millionen Menschen obdach- und heimatlos gemacht.
Wissen konnte man das.
Darum hat die Bibel sehr klare Regeln für die Zinswirtschaft und den Schuldenerlass. Darum auch unterscheidet das Neue Testament sehr genau zwischen Geld und Reichtum. Woran Du dein Herz hängst… Und auch deshalb sandte Jesus seine Jünger ohne Geld und seine Macht unter die Menschen. Das hatte viele Aspekte. Und unter anderem den, dass Lebenszeit in Jesu Nachfolge nicht gebraucht werden muss, um Geld zu akkumulieren sondern vielmehr offen wird auf anderer Ziele und Gottes Wege hin. Auch darum heißt es: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen..“


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  Sorget nicht…

Sorget nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2018

Im Matthäusevangelium heißt es: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Oft kann ich das gut hören. Es gibt ohnehin alle Tage so viel zu tun, dass es manchmal wenig Sinn hat, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es morgen oder übermorgen weitergehen wird. Zudem ist es eine hilfreiche Alltagsstrategie, ganz im Sinne von Michael Endes Beppo Straßenkehrer, sich nicht von all dem, was es zu bewältigen gibt, erschlagen zu lassen, sondern Schritt für Schritt zu tun, was dran ist und vor den Füßen liegt. Das hilft nicht nur, um Erschöpfungssyndrome zu vermeiden, sondern gibt auch Luft und Atem, das was man tut, in Ruhe und also ordentlich und gut zu machen. Solches schenkt dann ja wieder mehr Zufriedenheit und Kraft für den nächsten Schritt und Tag.
Ein guter Kreislauf, der in der Theorie auch fantastisch funktioniert.
Praktisch fällt einem trotzdem immer mehr vor die Füße als man sorgfältig bewältigen kann und so kommt es, dass man sich dann und wann auch eingestehen muss, dass Dinge schiefgegangen sind, weil keine Zeit war, sie gründlich vorzubereiten oder einfach nur die Konzentration und Kraft fehlte, im richtigen Moment präsent zu sein.
Und dann gibt es noch die Sorgen, die man nicht einfach beiseite- und ruhenlassen kann. Allermeist sind das die Dinge, bei denen man für andere Verantwortung übernommen hat oder abhängig ist von Entscheidungen Dritter. Dann sieht man die Schritte, die getan werden müssten. Aber es bewegt sich nichts und mit der verrinnenden Zeit, wächst die Sorge.
Dann kann ich das Matthäuswort nicht gut hören.
Und dennoch hat Jesus Christus nicht unterschieden zwischen den kleinen und harmlosen Alltagsfragen und den großen Nöten. Im Gegenteil. Er sagt, was auch immer uns umtreibt, wenn wir daran glauben, dass Gott uns Zukunft schenkt, wenn wir ihm vertrauen, wird es einen Weg geben. Ich finde, das ist eine schwere Übung. Und zugleich: Eine bessere Lösung fällt mir für die großen Sorgen auch nicht ein als zu hoffen, dass Gott bewegt, was ich nicht bewegen kann, dass er Herzen erweicht, die ich nicht erreiche und Türen öffnet, die für mich geschlossen bleiben. So gilt es, Vertrauen zu wagen ohne träge und teilnahmslos zu werden. So gilt: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

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  Weltsuizidpräventionstag

Weltsuizidpräventionstag

Karl-Peter Schrapel, Pfarrer - 13.09.2018

Am vergangenen Sonntag ist der aus „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt gewordene Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck während einer Kreuzfahrt unter bisher ungeklärten Umständen über Bord gegangen. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Suizidversuch, so berichten es die Medien. Die Suche nach Daniel Küblböck wurde inzwischen eingestellt. Somit ist davon auszugehen, dass er seinen mutmaßlichen Suizidversuch nicht überlebt hat. Selten erfahren wir öffentlich davon, wenn ein Mensch versucht, sich das Leben zu nehmen. Und auch jetzt weisen die meisten Medien darauf hin, dass sie in diesem Fall nur ausnahmsweise davon berichten, weil es sich um eine Person der Öffentlichkeit bzw. besondere Todesumstände handelt.
Warum ist das so, werden Sie sich vielleicht fragen?
Seit beobachtet wurde, dass sich nach einer öffentlich geschilderten Selbsttötung bzw. eines Suizidversuches, statistisch die Zahl ähnlicher Suizide bzw. Suizidversuche erhöht, haben sich die Medien dazu verpflichtet, bei diesem Thema zurückhaltend oder gar nicht zu berichten.
Das geschieht sicher in guter Absicht, hat aber einen fatalen Nebeneffekt: So bekommt das Thema „Suizid“ in unserer Gesellschaft als eine wichtige Herausforderung, mit der wir uns gemeinsam auseinandersetzen müssen, kaum Raum. Und wo etwas nicht benannt, verschwiegen wird, da entsteht eine Lücke, die Platz bietet für wilde Spekulationen, nicht überprüfbare Annahmen: Wie z.B. die völlig falsche Vorstellung, es sei besser, gar nicht über dieses Thema zu sprechen, weil erst dadurch Menschen „auf dumme Gedanken“ gebracht würden. Doch das Gegenteil ist richtig! Aufklärung über die Umstände, die zum Suizid führen, ist der beste Weg, weitere Selbsttötungen zu verhindern! Denn es ist fast nie Todessehnsucht, die Menschen zum Verzweifeln am eigenen Leben bringt, sondern die Überforderung mit den aktuellen Lebensumständen. Krisensituationen, die durch Hilfe, Beistand und Solidarität von Mitmenschen überwunden werden könnten, in denen sich suizidale Menschen aber häufig einsam, nicht gesehen und allein gelassen fühlen. Das müsste aber nicht so sein, wenn wir das rechtzeitig erkennen und entsprechend Hilfe leisten könnten.
Deshalb, um Leben zu retten, muss das Thema in die Öffentlichkeit! Diesem Ziel hat sich der „Arbeitskreis Suizidprävention“ in Braunschweig verpflichtet, der heute auch diesen Gottesdienst verantwortet. Seit 15 Jahren ist dieses sich kontinuierlich erweiternde psycho-soziale Netzwerk durch Fachaustausch und aufklärende, informierende Öffentlichkeitsarbeit mit regelmäßigen jährlichen Aktionen und Veranstaltungen im Rahmen des Weltsuizidpräventionstages in Braunschweig aktiv. Jedes Jahr am 10. September macht uns der Weltsuizidpräventionstag darauf aufmerksam, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. So geht unserer Gesellschaft pro Jahr die Einwohnerzahl einer Kleinstadt verloren. Das sind mehr Menschen, als im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und zurück bleiben die vielen Betroffenen mit der oft verzweifelten, unbeantworteten Frage nach dem „Warum?“: Familienangehörige, Freunde, Kolleg*innen, Mitschüler*inne und alle anderen, die von einem Suizid in ihrer Nähe betroffen sind. Und dafür braucht es einen Raum, wo Betroffene auch öffentlich zum Ausdruck bringen können, wie es in ihnen aussieht, welchen Kummer und welches Leid sie erlebt haben und immer wieder erleben? Wer von den nicht Betroffenen wäre bereit, Menschen auf diesem schmerzlichen Weg zu begleiten? Sicher nicht wenige! Doch dann darf es nicht mehr, wie so oft bisher, schamhaft verschwiegen werden, wovon sie betroffen sind! Und schließlich geht es insbesondere darum, jedes einzelne, von Gott einmalig geschaffene Leben, das uns durch Suizid verloren gegangenen ist, zu erinnern, zu würdigen und nicht einfach aus dem Blick der Welt verschwinden zu lassen. Ich weiß, das ist den Hinterbliebenen sicher mit das wichtigste, dass der Mensch, den sie betrauern, nicht vergessen wird, sondern gesehen wird mit seinem Leben und seinem Leiden. Schauen wir mutig dahin! Tun wir es im Vertrauen auf Gottes Beistand und Segen!

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  Gnade

Gnade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.09.2018

„Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig! Denn auf dich traut meine Seele“ (Ps 57,2),
heißt es siebenundfünfzigsten Psalm und in der Tageslosung. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig“, fleht der Beter, aber was meint das eigentlich – Gnade?
Im letzten Jahr haben wir unsere Sommernächte diesem Thema gewidmet und festgestellt, dass Gnade als Begriff ein schwerer Brocken ist. Weit weg von unserem alltäglichen Sprachgebrauch und von unseren gewohnten Vorstellungswelten. Denn Gnade ist ein Wort das unserer heißgeliebten Selbständigkeit entgegensteht. Zwar treffen wir Entscheidungen, formulieren Wünsche, sind rege und mühen uns, wir hoffen das Beste – aber eine Garantie, dass all unser Sorgen sicher zum gewünschten Ergebnis führt, gibt es nicht. Unser Leben liegt eben nur auch in unserer Hand. Wenn aber tatsächlich geschieht, was wir uns von Herzen wünschen, dann ist das Gnade.

Gnade meint das gute Ende zum Schluss. Sie ist das, worauf wir als Christinnen und Christen hoffen – „denn auf dich, Gott, traut meine Seele“.

Ein Leben birgt viele Momente des Zweifels, der Unsicherheit, des Unverständnisses, des Zorns, der Traurigkeit, der Hilflosigkeit. Und viele dieser Momente fühlen sich an, als ob die Welt um einen herum ins Wanken geriete. In solchen Momenten ist es manchmal schon Gnade, genau die Kraft zu finden, die es braucht, um so gut wie möglich die Balance zu wahren und nicht zu fallen. Und dann das Gegenstück dazu: Gnade liegt in der Freude über Schönes; über Zeiten und Augenblicke eines Lebens, die dankbar sein lassen. Das ist ein bisschen wie das Ernten der Früchte im Herbst. Einen ganzen Sommer lang hat man sie wachsen sehen, sich an ihnen gefreut, sie gepflegt und still gebangt, dass kein gemeiner Käfer sie befällt. Und dann ist es Gnade, wenn man sie pflücken und genießen darf.

Als ich mir im letzten Jahr die Lebensgeschichte des Paulus angesehen habe, der von sich selbst sagt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Kor. 15,10), da habe ich eine Lebensgeschichte neu entdeckt, in der Gott dem Paulus all seine Lebenspläne und Vorhaben in nicht mehr als einem Augenblick zerschießt. Paulus geht zu Boden – und muss neu aufstehen. Aber darin findet er zu seiner Lebensaufgabe. Und schließlich weiß er: Noch da, wo er hadert – mit seiner Geschichte, mit seiner Gesundheit, mit der Sturheit anderer, mit Problemen über und über, noch da gilt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“. Gott selbst wird es am Ende gut machen, auch wenn der Mensch (noch) nicht weiß, wie es geschehen wird.

Für mich meint Gnade deshalb ein vertrauensvolles und anmutiges Loslassen. Bei allem Tun, Schaffen und Arbeit, bei allem Sorgen und kümmern weiß ich mich als Mensch dann eben doch ganz in Gottes Hand gegeben und geborgen.

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  Jahrestag

Jahrestag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.09.2018

Erinnern Sie sich an den Film „Matrix“? Es war einer der Filme, die anlässlich des Jahrtausendwechsels mit dem Gedanken des Weltuntergangs spielten. Am Ende waren es drei Filme – und die Erzählung war die eines modernen Christus. Allein dass der Auserwählte auch sehr erfolgreich das Mittel der Gewalt zu nutzen wusste. Weshalb ich heute mit diesem alten Film daherkomme, ist ein Satz, den ich gestern in einem Podcast gehört habe. Dort sagte der Menschenrechtler John A. Powell, der in Berkeley das Haas Institut für faire und inclusive Gesellschaft leitet, dass seiner Einschätzung nach die Menschheit weniger auf die Liebe als auf eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Interessen vertraue. Wenn ich mich an alle Rambos, Neos, Harry Potters, Iron-Men und so manch andere Filmfigur erinnere, wenn ich mir Counter-Strike, Fortnite, Lara Croft als Spiele der Gegenwart anschaue, dann sehe ich, dass es zumindest einen großen Kult um die rechtschaffene Gewalt rechtschaffener Helden gibt.

Siebzehn Jahre ist es heute her, dass die Twin Tower fielen. Für die einen war es Terror, für die anderen die Tat von Märtyrern. Es sind siebzehn Jahre, in denen die Welt nicht friedlicher geworden ist. Wohl auch durch das, was damals geschah. Denn dem, was wir „den Westen“ nennen, wurde die eigene Verletzlichkeit bewusst. Und damit einher gingen Trauer und Zorn, Angst und Hilflosigkeit. Alles Gefühle, die schwächen. Und leider schlagen nicht nur Kinder manchmal aus Schwäche, Zorn oder Traurigkeit um sich. Dazu dann der in Filmen und Spielen gepflegte Überbau des heroischen Helden, der in seiner Schwäche Stärke entwickelt und als letzter Helden-Notausgang seine Waffen für den Showdown entdeckt.

„Wir trauen der Gewalt mehr zu als der Liebe“, meint Powell. Mein Bauch sagt, dass er Recht hat. Aber wenn das stimmt, dann bedeutet es, dass unsere christliche Aufgabe mehr denn je darin liegt, dagegen zu halten. Gewalt schafft neue Gewalt. Und eine Wahrheit des Kreuzes ist, sichtbares Zeichen gegen alle Gewalt zu sein. Im Hebräerbrief heißt es (Hebr 9,26-28): „Nun aber ist Christus ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“

Ein für alle Mal. Christus als das letzte Opfer, dem keine anderen mehr folgen sollten. Wir können diesen Gedanken gar nicht groß genug schreiben. Wenn der Tod Christi einen Sinn hatte, dann denjenigen, den Wahnsinn aller Gewalt sichtbar zu machen. Gewalt, die aus Rache zu Gegengewalt führt, zieht im schlimmsten Falle Rach-Sucht nach sich. In Folge verzerren sich wunderschöne menschliche Antlitze mehr und mehr zu hässlichen Fratzen. So hoffe ich darauf und bete darum, dass wir lernen, einander in die Gesichter, in die Augen zu sehen und das Schöne im Antlitz des Nächsten zu entdecken. Hier und da wird solche Begegnung Frieden schaffen. Und wenn nicht, dann macht es zumindet deutlich, dass es der Frieden ist, um den wir ringen, und dass Gewalt nichts, aber auch gar nichts Heroisches hat, sondern letzte Tat der Verzweiflung ist.

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  Mein erstes Gefühl

Mein erstes Gefühl

Werner Busch, Pfarrer - 10.09.2018


Wenn ich morgens aufwache – mit welchen Gedanken steige ich aus dem Bett und in den Tag? Das Erwachen am Morgen sind sensible Momente. In welches Lebensgefühl hinein erwache ich? Wenn ich morgens die Augen aufschlage – was bewegt mich zuerst? Man macht sich das meistens nicht bewusst. Aber über das Aufwachen nachzudenken, kann hilfreich sein.
Aufwachen ist ein bisschen wie geborenwerden. Aufwachen ist eine Art Machterfahrung. Es passiert etwas mit mir. Was prägt mich in diesen Momenten, in denen ich noch nicht ganz Herr über mich selbst bin? Bei manchen dauert das nur ein Gähnen lang. Einmal gereckt und zack geht’s los. Bei anderen hält das an, bis die ersten drei Tassen Kaffee drin sind. Wir alle kennen diesen Aggregatzustand. Was gibt mir die Themen, die Gedanken für diese ersten Momente?
„Zuerst danke ich meinem Gott.“ Nachdem Paulus sich selbst den Adressaten vorgestellt hat, beginnt er so sein Schreiben an die Christen Rom. „Zuerst danke ich meinem Gott.“
Womit fängt man normalerweise etwas an? Meist mit Kritik. Am Anfang vieler Veränderungen war die Unzufriedenheit. Irgendetwas klappt nicht, ich muss das anders machen. Am Anfang war der Frust. Dann packt man’s an, beginnt etwas Besseres, Neues.
Aber der Dank? Man soll doch den Tag nicht vor dem Abend loben.
Das große Projekt seiner Mission im Westen beginnt Paulus mit Dank. Noch einmal wird es ihn vorher nach Jerusalem führen, ins alte, östliche Zentrum der Christenheit. Und dann: Let’s go west. Hinaus in die Welt. „Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ Er plant bis nach Spanien. Think big. Dieses Mega-Vorhaben beginnt er mit Dank. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Mich beeindruckt das, weil es so anders ist als das, was ich kenne und selber praktiziere.
Wie beginnen wir etwas in der Kirche? Ich erinnere mich an 2006. Der Rat der EKD brachte das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Unter Theologen ist das inzwischen ein alter Hut und die Kritik daran schon abgenutzt. Aber immerhin war es der Anstoß für EKD-weite Reformen. Manches in den evangelischen Landeskirchen sieht heute anders aus als vor 2006. Und was stand am Anfang? Am Anfang standen Krisen-Prognosen. Man rechnete die Trends bis 2030 weiter und erschreckte. Es wird furchtbar. Wir steuern in die Katastrophe, wenn wir nichts ändern. Eines der größten kirchlichen Reformprojekte in der Evangelischen Kirche der Nachkriegszeit hat so begonnen: Am Anfang stand die Angst. Am Anfang stand der Gedanke, unterzugehen. Am Anfang steht der Druck.
Dazu das Kontrastprogramm aus dem Neuen Testament. DAS erste Großprojekt der Urchristenheit begann anders. „Zuerst danke ich in meinem Gott für euch alle. Ich will zu euch kommen und euch und mich an unserem gemeinsamen Glauben stärken.“ Römerbrief, Kapitel 1. Dabei war die Situation damals überhaupt nicht rosig. „Ich will euch nicht verschweigen, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen. Ich bin aber bis heute daran gehindert worden.“ schreibt Paulus. Dringliches schiebt sich vor das Wesentliche. In seinen Briefen finden wir immer wieder sehr menschliche Passagen von Paulus. Wenig Verlautbarungspathos, selten Timbre in der Stimme. „Ich bin fest davon überzeugt“. Sondern echt und ehrlich schreibt er. „Ich will das nicht verschweigen.“ Ich hab’s einfach nicht geschafft. Anderes hat mich in Atem gehalten.
Nichts von stringenter Projekt- und Prozessplanung in Hochglanz-Dossiers. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auch in der Kirche. Auch im Glauben an Gott. Es ist wie im richtigen Leben.
Der Apostel schwingt sich zum Dank auf. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Seit ich mich näher mit diesem Vers beschäftigt habe, hat sich mir ein Morgenchoral geradezu aufgedrängt. „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank.“ Ich merke aber auch: mich selber umstimmen ist nicht so einfach. Die Art des Aufwachens verändern, geht nicht einfach per Beschluss. Bibel und Choräle lenken den Blick auf Gott. „ER weckt mich alle Morgen.“
Welche Gedanken und Emotionen kultivieren wir, wenn wir etwas beginnen? Erproben wir es: Zuerst den Dank. Wenn die Dinge noch unklar, noch im Fluss sind. Wenn alles noch dämmert. Gott kümmert sich um die, die gerade aufwachen. Gott ist bei denen, die noch nicht ganz Herr über sich selber sind. Und bevor wir wichtige Entscheidungen treffen, geben wir diesem Gefühl, dieser Beziehung eine Chance: „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle und möchte mit euch den Glauben teilen.“
Ihr
Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen

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  Alan Kurdi

Alan Kurdi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.09.2018

Vorhin habe ich hier einen kleinen Jungen getauft, der es sich guthaben wird – mindestens sein Vater ist ein Backofen voller Liebe. Der Taufspruch hieß: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das passt zu dieser Familie und macht Freude mit anzusehen.
Und zugleich wissen wir: die Welt in der dieser kleine Junge groß wird, birgt viele Fragen und Nöte. Wenn wir ernstnehmen, dass wir Gottes Ruf folgen, dann können wir uns nicht nur einwickeln in seiner Liebe sondern müssen sie auch hinaustragen.
Darum habe ich den Eltern nicht nur die Taufkerze mitgegeben, sondern auch ein kleines Buch von Khaled Hosseini, das in der letzten Woche erschienen ist. Der Autor, Arzt und Botschafter des UN-Flüchtlingshilfswerkes ist durch seine Bücher, in denen er von seiner Heimat Afghanistan erzählt, längst weltberühmt. Sein jüngstes Werk ist ein schmales Bilderbuch. Er hat es Alan Kurdi gewidmet, dem kleinen Jungen, der in seiner blauen Hose, dem roten Hemd und den kleinen schwarzen Schuhen vor fast genau drei Jahren an der türkischen Küste lag, den Kopf im Wasser, ertrunken.
Das Bild ging um die Welt. Es erschütterte. Und verblasste. Haben Sie es noch vor ihrem inneren Auge?
Hosseini schreibt sein Büchlein wie einen Brief oder vielleicht doch nur die innerliche Zwiesprache eines Vaters mit seinem Kind. Er schreibt hinein in eine verlorene Vergangenheit, voller Erinnerung an Homs mit seiner Moschee und der Kirche, dem herrlichen Markt. „Ich wünschte, auch du könntest dich an die Gassen mit den vielen Menschen erinnern, erfüllt vom Duft warmer Kibbehs, an die abendlichen Spaziergänge mit deiner Mutter…“
Hosseini beschwört seine Erinnerungen regelrecht und braucht nur wenige Worte, damit man versteht: sein Kind hat diese Erinnerung schon nicht mehr. Denn, so Hosseini weiter, „dieses Leben, diese Zeit, kommen inzwischen sogar mir wie ein Trugbild vor, wie ein längst verstummtes Gerücht.“
Und dann folgen Bilder über die Zerstörung von Homs und die Flucht, das ungewisse Warten so vieler verschiedener Menschen an der Mittelmeerküste, die Angst und das Gefühl nicht willkommen zu sein. Man spürt all die tapferen Versuche, einander Mut zu machen: „Ich höre die Stimme deiner Mutter in der Brandung, sie flüstert mir ins Ohr: Ach wenn sie wüssten, Liebling, wenn sie nur wüssten, was in dir steckt, wenn sie das nur zur Hälfte wüssten, dann wären sie sicher freundlicher.“
Hosseini würde gern versprechen, dass alles gut wird. Aber er weiß, dass er das nicht richten kann. Darum endet sein Buch mit einem Gebet. …
Es ist keine große Literatur, vielleicht, weil auch der große Khaled Hosseini für das Sterben im Mittelmeer keine Worte hat. Aber es ist sein Versuch gegen das Vergessen und Verdrängen. Denn es ist ja nicht vorbei und wird auch heute Nacht wieder passieren….
Und auch: all das hat etwas mit uns zu tun. Es wird die Welt und das Leben unserer Kinder prägen. Darum müssen wir sie mit unserer Liebe stark machen und Beten lehren, denn: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

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  Käthe Löwenthal

Käthe Löwenthal

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.09.2018

Rainer Maria Rilke dichtete nicht wissend aber vielleicht doch ahnend vor über hundert Jahren:
„Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern. / Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern / und gewährst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klöstern / und lässest fünf Stunden noch Mühsal allen Erlöstern
Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben, / bis sie dir alle würdig sind und weit. / Ich will nur sieben Tage, sieben…“
Als hätte er gewusst, dass Städte mit Kirchen und Klöstern in Schutt und Asche sinken werden, dass Lebensgeschichten sinnlos abbrechen, dass sieben Tage zur rettenden Ewigkeit werden können. Vielleicht kannte er die beinahe gleichaltrige jüdische Malerin Käthe Löwenthal, die viele Sommer ihres Lebens auf der kleinen Insel Hiddensee verbrachte. Auch Rilke war dort zu Gast. Selbst nicht alt geworden, erlebte er nicht mehr, dass die jüdischen Mitglieder aus der Hiddenseer Künstlerkolonie verschwanden, schon gar nicht, dass Käthe Löwenthal, weil sie Jüdin war, deportiert und ermordet wurde.
„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben…“
Diese kleine Weile sollten Sie sich jetzt nehmen und die Ausstellung in der Jakob-Kemenate ansehen. Sie zeigt Bilder, Grafiken und Fotografien der Schwestern Löwenthal. Bei der Vernissage gestern Abend sang Svetlana Kundish zur Begleitung von Alan Bern verlorengegangene Lieder jüdischer Künstler. Es war ein Moment wider das Vergessen und auch ein politisches Lehrstück in Tagen, in denen in Deutschland rechtsextreme und antisemitische Haltungen wieder salonfähig werden…
Alan Bern sagte zur Auswahl der Lieder, dass er im Umgang mit den Flüchtlingen, die er in Weimar beherbergt, gelernt hat, dass es keineswegs unpolitisch ist, mitten in Not und Verfolgung, auf der Flucht Lieder zu singen, Bilder zu malen, Geschichten zu erzählen, die von der Normalität berichten. Gerade das holt Menschen aus der Opferrolle, der Außenseiter- und Extremsituation und erinnert alle anderen daran, dass ihre Normalität kein Privileg ist.

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  Sich selbst verbeulen

Sich selbst verbeulen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.09.2018

Der Papst wünscht sich eine verbeulte Kirche, also eine, die angeeckt ist und sich gestoßen hat, eine, die an der Seite der Armen, Rechtlosen, Ausgegrenzten steht, die Spannungen und Konflikte aushält. Er weiß, dass eine perfekte Performance, makellose Schönheit und streifenfreier Glanz nur mit Macht und Geld zu haben sind und auch, dass dies dem Evangelium widerspricht. Ich bin sicher, er weiß auch, dass Menschen unvollkommen sind und in sich selbst verbogen, auch wenn sie getauft sind. Jetzt gibt er trotzdem Anlass, dass man hofft – so Matthias Drobinski heute in der Süddeutschen Zeitung – dass der Papst so konsequent sein möge, dass er sich auch selbst verbeult.
Es geht dabei um die Missbrauchsskandale und deren Aufklärung, um Sexualität und Homophobie, um die Lebensform von Priestern in der katholischen Kirche. Mithin um den Mut, bei der Wahrheit zu bleiben auch dann, wenn der eigene Lack dabei abgeht und andere sehen können, dass man nicht weiter weiß, sich in Widersprüchen befindet. Und es genügt nicht, so Drobinski, predigend daran zu erinnern, dass Jesus Christus schwieg als gebrüllt wurde: „Kreuzige ihn!“
Ich finde, da hat Drobinski in allem Recht. Zugleich lohnt es, den Balken im eigenen Auge zu erinnern. Es sind etliche. Erstaunlich, dass wir überhaupt noch was sehen.
Einer der Balken hat mit der neuerlich entflammten Debatte um die Organspende zu tun. Mit dem Mut zur Selbsverbeulung wäre es doch dran, dass wir uns als Kirche an der Diskussion beteiligen auch wenn das hieße zuzugeben, dass ich – sollte es meinen Mann oder meine Kinder betreffen, hoffen und beten würde, dass sie ein Spenderorgan bekommen und dass ich zugleich Sorgen hätte, ob wirklich bin zum Letzen um ihr Leben gekämpft würde, wenn ihre Organe gebraucht werden. Ich müsste darüber reden, wie ich von Auferstehung predigen und sie bekennen kann, ob es also noch die Auferstehung des Leibes sein kann, wenn das Herz, die Nieren und wer weiß was noch fehlen… Und auch darüber, ob Nächstenliebe vor eigener Unversehrtheit steht? Darf ich mich selbst wie den Nächsten lieben und mein Herz behalten wollen??? Oder ist es egal? Oder kommt es am Jüngsten Gericht nur auf meine Beulen an nicht darauf, ob ich mich selbst als Geschöpf Gottes geachtet und geleibt habe? In meinem Organspendeausweis habe ich vermerkt, dass ich selbst der Organentnehme zustimme aber meine Kinder und mein Mann gefragt werden und keiner überstimmt werden soll.
Ein beuliger Kompromiss…
Über Flüchtlinge, Lebensstil, gerechte Weltordnung, Geld und Wohnraum habe ich dabei noch gar nicht geredet. Immerhin: Über diesem Tag heute heißt es in der Herrnhuter Losung: „Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken, denn der Herr ist deine Zuversicht.“
Das hilft bei der Angst vor Beulen.

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  Den Ruf gehört…

Den Ruf gehört…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.09.2018

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben….
Am letzten Abend unserer diesjährigen Bergtour hatten wir eine tiefergelegene Hütte in der Nähe einer Alm. Es gab noch ein paar Sträucher, die Baumgrenze lag nahe und jede Menge Kühe, deren Glöckchen friedlich vor sich hin läuteten. Im letzten Abendlicht war ich noch einmal rausgegangen, um Abschied zu nehmen als plötzlich von allen Seiten Rinder in atemberaubender Geschwindigkeit die Berghänge hinuntergestürmt kamen. Ich habe mich gewaltig erschrocken, in eine kleine Kiefer gedrückt und gehofft, in der Dämmerung nicht überrannt zu werden.
Die Tiere sammelten sich bei der Alm.
Ein für mich unhörbares oder unsichtbares Zeichen hatte sie zusammen gerufen und auf einmal sah ich, wie viele sie waren...
Vorgestern Abend sammelten sich Zehntausende in Chemnitz zu einem Konzert. Währenddessen war ich mit unserem Sohn im Kino. Wir haben „Gundermann“ gesehen. Die Geschichte eines Liedermachers aus der DDR, im Hauptberuf Baggerfahrer im Braunkohletagebau. Anschließend dann das abendliche Gespräch: Wie entsteht der Moment, das auf einmal Menschen sich sammeln und zeigen: so geht es nicht. Welches Signal ruft uns zusammen, weckt uns auf und holt uns aus der Zuschauerrolle?
In Chemnitz wirkte vermutlich besonders der Marktwert des Namens Campino. Aber nicht nur. Es gab auch ein Moment daneben…
Oder 1989: Fast zeitgleich wurden Friedengebete zu Demonstrationen, gingen Menschen mit Kerzen auf die Straßen. Auf welches Signal hin?
Wovon lassen wir uns aus der schützenden Deckung rufen ehe Stimmen, die wohl keiner haben will, alles niedergebrüllt und verängstigt und verjagt haben, was nicht in unsere fragwürdige Idylle zu passen scheint?
Welcher Ruf weckt uns aus alltäglicher Privatheit?
Dies ist kein Vortrag, nur eine Andacht, darum bitte ich die folgenden schnellen Schluss zu entschuldigen: Dietrich Bonhoeffer hat 1937 als ziemlich junger Mann im Vorwort seiner „Nachfolge“ geschrieben. „Wir wollen vom Ruf in die Nachfolge Jesu sprechen. Laden wir damit den Menschen ein neues schweres Joch auf? … Soll mit der Erinnerung an die Nachfolge Jesu nur noch ein spitzerer Stachel in die beunruhigten Gewissen getrieben werden?“
Wohl wissend also, wie schwer es ist, im Sinne Jesu zu leben, zu widersprechen, zu entscheiden, wohl wissend wie leicht man den Ruf Jesu überhören kann, wohl wissend, dass auf diesen Ruf nicht Menschen von allen Seiten strömen, vertraut Bonhoeffer doch darauf, dass das einzig verlässliche Signal ist. Nur von diesem Ruf will er sprechen und sich leiten lassen.
Das hat seinen Weg nicht einfacher gemacht, aber andere haben sich daran orientiert und Mut geschöpft.

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  Kriegskinder

Kriegskinder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.09.2018

Wenn man dieser Tage mit dem Auto vom Bahnhof Richtung Stadthalle fährt - und nicht nur da – bleiben die Augen an weißen Holzkreuzen hängen. Das ist ein bisschen gefährlich für den Verkehr, denn die Kreuze nehmen kein Ende und jedenfalls ich musste aufpassen, um nicht zu stark abgelenkt zu werden. Ganz schlicht sind sie. Es steht nur der Name eines Landes drauf.
Das letzte, was ich heute Morgen gelesen habe, war „Polen“.
Dann bin ich abgebogen. Was war das?
Die Kreuze sind Teil der Aktion „100 Jahre Kriegskind“. Den Initiatoren liegt daran, einhundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viele Kindheiten auch heute immer noch geprägt sind von Kriegserlebnissen. Daran ändert sich offenbar nie etwas. Egal wie viele großgewordene Kriegskinder unter uns leben, die Nacht für Nacht in Bunkern gesessen haben und viel zu früh bereifen mussten, dass nichts bleibt, alles jederzeit in Schutt und Asche versinken kann.
Kinder wurden und werden Zeugen von Blutbädern und Vergewaltigungen. Sie erleben Flucht und Vertreibung. Statt von Geborgenheit und Zuwendung geprägt zu werden und im Schutz eines fürsorglichen Elternhauses groß zu werden, erleben sie Angst und Ohnmacht, Schrecken und Leid, Hunger und Kälte. Unbekümmertheit und Lebensfreude verkümmern, wenn stets der Verlust droht, Gegenwart lebensgefährlich und Zukunft ungewiss ist. Dazu kommt die Einsamkeit. Viele Kriegskinder sind mit ihrer Seelenangst lebenslang allein geblieben. Wenn überlebt werden muss, wenn es alle betrifft, ist wenig Raum für die Not der Kleinsten.
Aber die Erinnerung verblasst nicht. Im Gegenteil. Sie bleibt schmerzhaft klar.
Grund genug, wenigstens einen Moment innezuhalten. Grund genug, inmitten aller Konflikte an die zu denken, die sich nicht wehren können.
Wie weit Kinderwelten auseinander liegen können hat die Braunschweiger Zeitung heute übrigens sehr eigenwillig dokumentiert: unmittelbar neben dem Artikel mit den weißen Holzkreuzen zeigt die Rubrik „Willkommen“ die Fotos der Neugeborenen in unserer Stadt…

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  Markierte Wege

Markierte Wege

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.09.2018

Ich hatte Urlaub und wir waren wandern. Dieses Mal im Montafon, einem Gebirgsstock der Alpen auf der Grenze zwischen Schweiz und Österreich. Grüne Hochtäler wechseln sich ab mit bizarren Felsformationen, nach jedem Pass sieht die Landschaft wieder völlig anders aus. So läuft und steigt man Pfade entlang der rotweißen Wegmarkierungen von Hütte zu Hütte und schaut nach dem Wetter, weißen und schwarzen Wolkentürmen.
Letztere machen es manchmal nötig, extra zeitig aufzubrechen und bescheren dann lange verregnete Hüttennachmittage, in denen man mit anderen Wanderern erzählt und Karten spielt und liest, was einem eben in die Hände kommt. So stieß ich auf einen Text aus der Geschichte des Alpentourismus und der Alpenvereine und las von einer hitzigen Debatte, bei der man vor hundert Jahren darüber stritt, ob die markierten Wege in den Bergen eigentlich eine kulturelle Glanzleistung oder totale Entmündigung sind.
Beide Seiten haben gute Argumente für sich. Es ist ohne Frage eine kulturelle Errungenschaft, die Bergwelt so erschlossen zu haben, dass auch Menschen, die weder dort oben groß geworden noch Extrembergsteiger sind, ihre Großartigkeit erleben können ohne ständig in Lebensgefahr zu geraten. Dafür braucht es gespurte Wege, gesicherte und markierte Pfade und die Einsicht des Wanderers, genau dort lang zu gehen, wo alle vor ihm schon ihre Füße hingesetzt haben. Letzteres kann man als entmündigende Gängelei betrachten. Es ist eben ausdrücklich nicht erwünscht, eine eigene Route zu suchen, eigene Wege zu gehen. Kreativität wird – jedenfalls auf Bergwanderwegen abseits alpiner Steige - nicht gebraucht.
Dieser Zwiespalt hat mich auf den folgenden Touren begleitet. Ich bin nicht geneigt, die vorgegebene Spur zu verlassen – schon weil ich weiß, wie es sich anfühlt, den Weg verloren zu haben.
Aber die alte Debatte hat sich in mir festgehängt als Bild für Größeres: Ist es nicht in unserem Glauben auch so? Wir bergen uns in alten Worten und liturgischen Formen, bekennen theologische Formulierungen seit Jahrhunderten immer in derselben Weise.
Das kann man kritisch finden, weil die eigene Gebets- und Glaubenssprache verkümmert, wenn ich nur nachspreche, was andere formuliert haben und weil es so immer schwerer wird, auszudrücken, was ich selbst im Leben und im Sterben hoffe und bekenne.
Aber zugleich bewahren uns die Psalmen und das Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Einsetzungsworte oder wunderbare Lieder, davor endgültig zu verstummen, weil die Fragen zu groß sind oder uns in der Einsamkeit der Zweifel zu verlieren, weil die Deutung des Lebens oft so unwegsam scheint. Darum sind die alten Glaubensworte wie die Wegmarkierungen im Gebirge. Sie sind ein Geländer, an dem entlang man von Zuflucht zu Zuflucht gehen kann.
Und sie sind Menschenwerk, müssen gepflegt und erneuert und den sich immer stärker verändernden Bergen angepasst werden.

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  Offenbar werden

Offenbar werden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 31.08.2018

Die Ereignisse rund um Chemnitz lassen nicht los. Und sie lassen einen Autor wie Thilo Sarazzin in anderem Licht erscheinen, der sich in seinem neuesten Buch anmaßt ohne jeglichen religionswissenschaftlichen Sachverstand die Heiligen Schriften anderer Religionen verurteilen zu können. Derzeit scheinen viel zu viele Menschen bereit, ihrem Frust auf Kosten anderer Luft machen zu wollen. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung kommentiert Sonja Zekri zum neuen Sarrazin-Buch: „Deutschland braucht dieses Buch so nötig wie einen Ebola-Ausbruch, und doch ist der Erfolg unabwendbar. Die zweitschlimmste Deutung dafür wäre, dass ein Autor auf einem gewachsenen Markt für Islamängste nur die alten Thesen in höheren Dosen anbietet. / Aber was, wenn viele das Buch gar nicht als Überdosis empfinden? Wenn ein Teil seines Erfolgs gar nicht darauf zurückginge, dass die Leser ihre „berechtigten“ Fragen an den Islam von Sarrazins biologistischen Übersteigerungen trennen, sondern, umgekehrt, Sarrazin gerade mit der Anrufung alter Ängste um Reinheit und Blut einen Nerv trifft? Wenn also, anders ausgedrückt, manche Vorbehalte gegen den Islam nichts mit Religion oder Kopftuch oder Terror zu tun haben, mit kultureller Überfremdung und schon gar nicht mit westlichen Werten, sondern darin eine uneingestandene Furcht zutage träte; etwas nie Bewältigtes, historisch Vererbtes, was jede Debatte über Integration zur Kulissenschieberei macht? Die Antwort auf diese Frage könnte unerträglich sein.“

Tja, was also, wenn trotz aller politischer Bildungsarbeit, trotz allem Geschichtsunterricht, trotz aller Gedenktage und Gedenkstätten viel zu viele Menschen in unserem Land wieder oder immer noch Rassisten wären? Die BZ betitelt den sächsischen Regierungschef Michael Kretschmer heute als den „Ratlosen“. Denn seine Wähler sind eben auch jene, die sich „abgehängt fühlen und neidisch-ängstlich auf Migranten schauen“. Die Journalistin Ulrike Winkelmann meint dazu, dass schlaue Ideen aus dem Westen jetzt nicht helfen würden, sondern stattdessen die Demokraten vor Ort zu stärken wären. Und wie? Indem offen gelegt werde, wer wo was rassistisch verlautbaren lässt, indem Rädeslführer benannt würden, indem Fußballforen, Facebook und WhatsApp noch einmal auf ihre Rolle bei Gewaltaufrufen hin überprüft würden.

Im 2. Brief an die Korinther heißt es (2. Kor 5,10): „Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat, es sei gut oder böse.“

Wenn das, was ist, offen gelegt und benannt wird, dann ist das gut. Ohne Fehl wird zwar erst der Christus selbst unser Tun beurteilen können, aber um einander in unserem Tun aufzuhelfen, haben wir ja doch ein paar Maßstäbe von ihm erhalten: Offene und ehrliche Rede gehören genauso dazu, wie ein Handeln, das eigene Vorurteile und Egoismus um des Nächsten willen überwindet. Es ist ein Weg fortwährender Selbstbefragung, ob das eigene Tun und Lassen noch mit diesen Maximen übereinstimmt. Das würde ich mir nicht nur für manchen Chemnitzer, sondern auch für viele andere Menschen der näheren und weiteren Umgebung wünschen.

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  Von Hochzeiten und inneren Bildern

Von Hochzeiten und inneren Bildern

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.08.2018

Es ist Sommerzeit und damit die Hoch-Zeit für Hochzeiten. In einer Zeit, in der niemand mehr heiraten „muss“, wie es bei uns zu Hause so schön hieß, ist das vielleicht doch ein noch einmal besonderer Schritt. Denn es stärkt den Gedanken, dass zwei Menschen bis zu ihrem Tod Seite an Seite bleiben wollen. Allen Trends und allen Statistiken entgegen.

Doch wahrscheinlich gerade weil es inzwischen keine selbstverständliche Lebensstation mehr ist, wird das Vermarktungsgeschehen um dieses Ereignis herum immer bunter. Fernsehshows formen innere Bilder, indem sie Brautpaare miteinander in Konkurrenz treten lassen und am Ende die schönste Hochzeit gekürt wird. Es sind Bilder von der ‚Prinzessin für einen Tag‘, die geschürt werden; oder, heute vielleicht besser gesagt: Bilder vom ‚Star für einen Tag‘. Und so blicke ich manchmal aus meinem Bürofenster – und staune. Kürzlich erst ließ sich ein Paar auf dem Domplatz fotografieren, deren Fotografen echte Verknotungskünstler waren. Da lag der eine auf der Erde, während der andere die Beleuchtung hielt, gleichzeitig aber auch selbst noch Fotos machte. Die beiden boten der stillen Betrachterin am Fenster über Minuten hinweg eine eindrückliche Show. Wenn dieses Brautpaar sich nicht wichtig vorkam, sich nicht als die Stars des Tages fühlten, dann - … ja dann haben sie die Show der Männer durchschaut. Denn gute Fotos machen auch Leute mit weniger akrobatischem Aufwand. Die beiden aber haben neben hoffentlich auch guter Bilder eine zweite Dienstleistung verkauft: und zwar die des ‚du bist der Star deines eigenen Films‘. Und wahrscheinlich sind die frisch Vermählten mit dieser Dienstleistung hochzufrieden und werden das Unternehmen am Ende weiterempfehlen.

Als Pfarrerin darf ich viele Hochzeiten begleiten. Und je länger ich das tue, umso stärker nehme ich wahr, dass das Gelingen der Hochzeit an dem hängt, was in den Menschen geschieht. Wir haben hier wunderschön geschmückte Hochzeiten erlebt und ganz minimalistische – und beide äußeren Szenarien boten Beispiele für Gelingen wie für Misslingen. Vielleicht habe ich es Ihnen sogar schon einmal erzählt, aber eine meiner schönsten Trauungen war jene, in der ein Brautpaar 23 Jahre nach seiner standesamtlichen Trauung entschied, dass sie im Kreise ihrer Kinder und deren Freundinnen die kirchliche Trauung nachholen wollten. Geld gab es keines, deshalb wären die Kleider manch einem lustig erschienen. Aber das alles machte nichts, weil alle von Herzen beteten und mit Leidenschaft und Freude schön schräg sangen. Von außen hätten die beiden Lacher und keinen einzigen Punkt in der Hochzeitsshow bekommen, trotzdem war es eine der wunderbarsten und schönsten Trauungen, die ich begleiten durfte – und, Sie hören es, von der ich bis heute regelmäßig schwärme. Das Gelingen der Hochzeit hängt nicht am äußeren Bild, sondern an der inneren Beteiligung. Es hängt nicht an diesem oder jenem Accessoire, sondern daran, ob Menschen dankbar sind und bereit, sich auf ihr eigenes Wagnis „Eheschließung“ ganz und gar einzulassen. Ohne Ablenkung, sondern von Angesicht zu Angesicht.

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  Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.08.2018

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, beten wir, weil Christus selbst es uns gelehrt hat. Wer die Erzählungen der Bibel ein wenig kennt, weiß, dass es dabei um Buße und Umkehr, also den kritischen Blick auf sich selbst geht.

In diesen Tagen lesen wir viel von dem, was die #ChurchToo-Debatte ausgelöst hat. Vieles von dem, was zu lesen ist, ist so weit von dem entfernt, wofür unser Glaube der Liebe und Nächstenliebe steht, das einem ganz flau wird. So finden sich auf tagesschau.de die Worte eines Opfers, der als neunjährigem Mädchen von ihren Eltern und dem Pastor gesagt wurde, sie müsse dem Täter vergeben; Christus habe schließlich Vergebung gelehrt. Sie musste ihren Vergewaltiger umarmen und ihm vergeben. Das ist einfach nur schrecklich.

Auch eine der Kirchengemeinden, in denen ich gearbeitet habe, gehörte zu jenen, die sich mit dem Thema Missbrauch auseinander mussten. Hier war es der ehrenamtliche Posaunenchorleiter, der einigen Kindern Einzelunterricht erteilt hatte. Irgendwann brach Gott sei Dank einer der Jungen das Schweigen. Für uns in der Gemeinde war es ein kaum zu verarbeitender Schlag. Denn wir alle hatten diesen Mann als sympathisch, lustig, zuverlässig, stets präsent und ansprechbar für viele Gemeindeaufgaben, ja, als einen Vorzeige-Ehrenamtlichen empfunden. Wir haben ihm… vertraut. Als dann der Missbrauch ans Tageslicht kam, fühlte es sich an wie das Messer im Bauch, verbunden mit einer riesengroßen Scham gegenüber den Opfern und ihren Familien. Und niemand wusste so recht, was gegenüber den fragenden Journalisten zu sagen sei, denn es gab nichts Vernünftiges zu sagen. Dass so manch einer diesen öffentlichen Teil gerne umginge, kann ich mir gut vorstellen. Denn das alles ist für alle Beteiligten nur schwer auszuhalten. So lässt sich nachvollziehen, das in einigen Gemeinden geschieht, was nicht geschehen darf: Nämlich das Verschweigen des Missbrauchs. Alles wird mit dem Wort Vergebung zugekleistert, sogar das eigene Gewissen. Hier wird die Mahnung zur Vergebung missbraucht, und mit diesem Missbrauch erfährt das Opfer einen weiteren Missbrauch. Ja, es ist wirklich einfach nur schrecklich.

Vertrauen und Vergebung. Ausgerechnet diese in ihrem Kern so großen Werte sind die Einfallstore. Der Vertrauensvorschuss macht es dem Täter leicht und die Mahnung zur Vergebung verhindert die gerechte Strafe und ermöglicht Folgetaten. Aber so wie Vertrauen nicht blindes Vertrauen sein darf, so ist Vergebung nicht Vergebung. Sie ist kein Persilschein, der die verschmutzte Weste weiß wäscht, sondern sie braucht, um wirklich und wahr zu sein, die Aufdeckung, die Bloßstellung der bösen Tat. Und erst wenn alle rechtlichen Schritte abgearbeitet sind – und man sich fragt, wie man eigentlich mit den Erinnerungen weiterleben soll, dann kommt die Vergebung ins Spiel. – Sie ist der Abschluss eines inneren Prozesses, der weiterleben und keiner Bosheit der Welt das Recht geben will, Macht über die eigene Seele zu behalten. Sie ist nichts, was sich fordern ließe, und schon gar nichts, was ohne die vorherige Aufdeckung der Straftat auskäme.

Wahre Vergebung meint m.E. in solchen Fällen, den anderen anzusehen und ihn in seinem Unrecht mit der eigenen Größe zu beschämen, ihn zurückzulassen – und so in größerem Frieden weiterzuleben als zuvor.

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  Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.08.2018

„Wie konnte das damals eigentlich passieren?“ So haben meine Klassenkameraden und ich uns in der neunten Klasse im Geschichtsunterricht gefragt. Unsere Lehrerin hatte einen Plattenspieler mitgebracht und eine Platte aufgelegt, auf der eine von Hitlers Reden mitgeschnitten war. Zu hören war eine abgehackte, aber dynamische Stimme sowie viel Jubel einer großen Menge. Zu verstehen war allerdings wenig. Im Nachhinein bekamen wir die Rede auf Papier, um sie zu analysieren. In dieser Rede war allen alles versprochen, bis dahin, dass einige der Versprechen einander eigentlich ausschlossen. „Hat das denn niemand gemerkt?“, fragten wir. Wenn, dann war es den Leuten wohl egal. Und es ist ja leider auch nur allzu wahr: Nicht was gesagt wird, ist wichtig, sondern wie und mit welchem Selbstbewusstsein es gesagt wird. Die Show und nicht der Inhalt gewinnt.

Wie kann das passieren, müssen wir heute fragen, wenn wir auf die Nachrichten des Wochenendes blicken. Was ist das für eine Katastrophe, wenn in einem demokratischen und reichen Land, plötzlich der Mob auf der Straße nach Selbstjustiz schreit und Menschen angegriffen werden allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Für mich ist das alles vor dem Hintergrund unseres damaligen Geschichtsunterrichts unfassbar. Denn da ist ja nicht nur der Mob, sondern da ist auch eine Partei, deren Vorsitzender Zeug erzählt wie: „Wir holen uns unser Land zurück“. Das mag für manchen heroisch und tapfer klingen, ist inhaltlich aber blanker Unsinn und gefährlich. Weiter gibt es Parteikollegen, die sich unverhohlen menschenfeindlich und rassistisch auf ihren Webseiten äußeren, die dann zwar halbherzig von der Partei zurückgerufen werden, man aber das Gefühl nicht loswird, dass der Medienrummel um solche Schlagzeilen eigentlich gern genommen ist. Und noch weiter gibt es kleine Männer, die sich zu Staatsmännern Deutschlands aufspielen, sich von Despoten dieser Erde einladen und fürstlich umsorgen lassen und anscheinend gut damit leben können, dass die Diktatoren solches Tun medial für ihre Zwecke ausschlachten. Aber anstatt dass die Menschen schreien und sich laut wundern, lese ich heute, dass im Sachsen-Trend zur Landtagswahl die CDU verliere und die AfD gewinne. Wie kann das passieren? Warum schrillen die Alarmglocken bei scheinbar immer weniger Menschen? Wir sind theoretisch so gut informiert wie noch nie und haben praktisch, scheint’s, aufgehört die Informationen zu werten und zu deuten.

Umso wichtiger, dass wir nicht schweigen. Als Christinnen und Christen ist uns nicht geboten, danach zu fragen, woher einer kommt oder wie er aussieht, sondern danach, wie wir mit ihm zusammen Wege und Möglichkeiten entwickeln können. Das ist weder ein: „Alle sollen in Deutschland leben“, noch ein: „Schließt die Grenzen“, sondern ist das hörende Fragen, das aufrechte Ringen und die feste Zuversicht, dass es am Ende Wege des Lebens gibt. Keine harte Hand, sondern die trotzige Nachfolge in einem Christuswort, dass Paulus uns überliefert hat (2. Kor. 12,9): „Der HERR hat zu mir gesagt:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

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  Die Kehrseite der Freiheit

Die Kehrseite der Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.08.2018

Es gibt eine Frage, die sich Menschen seit vielen 1000 Jahren stellen, die jedoch noch nie zufriedenstellend beantwortet wurde. Diese Frage lautet: Warum mischt sich Gott nicht ein, wenn hier auf dieser Erde Menschen einander Leid zufügen. So alt diese Frage sein mag, so aktuell ist sie auch. Ein schnelles Durchblättern der Zeitung oder auch schon die 5-Minuten-Nachrichten im Radio reichen aus, um mehr Situationen präsentiert zu bekommen, die uns diese Frage leise stellen lassen, als uns lieb ist.
Man kann sich auf Wikipedia schaurige Statistiken über die aktuell auf dieser Erde zu findenden bewaffneten Konflikte anzeigen lassen. Sortiert nach der Anzahl der Todesopfer wird dort dargestellt, wer gegen wen Krieg führt, was Gründe und Auslöser sind und waren und wo diese Kriege genau stattfinden. Derzeit herrschen auf fünf Kontinenten unserer Erde kriegerische Auseinandersetzungen; lediglich in Australien und in der Antarktis ist es friedlich. Das Perfide an diesen Gewalttaten ist, dass die Menschen, die sich auf den Schlachtfeldern dieser Erde gegenüberstehen oder sich mittels Drohnen und anderer ferngesteuerter Lenkwaffen gegenseitig umbringen, sich gar nicht kennen und persönlich auch nichts gegeneinander haben. Diese Absurdität wohnt Kriegen inne, solange es Menschen gibt. Diejenigen, die ihr Leben lassen müssen, als Soldaten oder unbeteiligte Menschen in der Zivilbevölkerung sind nicht die, die entschieden haben, dass Krieg zu führen ist. Die Mächtigen sitzen woanders und das meist weit weg von den Orten, an denen Menschen sterben müssen.
Warum greift Gott nicht ein? Es wird Sie nicht wundern, auch ich habe keine wirklich befriedigende Antwort parat. Ein Versuch: Gott hat uns mit unserem Leben auch große Freiheit geschenkt – Freiheit, selbst Entscheidungen zu treffen, Freiheit, unser Leben zu gestalten, Freiheit, an Gott zu glauben oder es eben auch zu lassen. Gott zwingt uns zu nichts, er lässt uns im positiven Sinne an der langen Leine laufen und wenn es eng wird, dürfen wir uns seiner Nähe sicher sein aber er drängt sich eben nicht auf. Die Kehrseite dieser Medaille der Freiheit ist, dass wir Menschen sie missbrauchen können, um unseren Mitmenschen zu schaden. Das kann bewusst und direkt passieren, indem wir anderen ganz konkret Gewalt antun, das kann aber auch indirekt so sein, in dem wir unser Leben zulasten anderer leben, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Von den drei Euros, die wir bei uns für ein T-Shirt bezahlen, wird die Näherin in der Fabrik in Bangladesch kaum ihre Familie ernähren können.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir tragen auch immer die Verantwortung für unser Tun und Lassen. Das Bibelwort für den heutigen Tag will uns Orientierung und Entscheidungshilfe sein. Es stammt aus dem Epheserbrief und lautet: „Führt euer Leben in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat.“ Liebe und Hingabe sollen Antrieb und Ziel unseres Lebens sein. Würden wir Menschen das im Blick behalten, wäre schon viel erreicht.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Was ist Glück?

Was ist Glück?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.08.2018

Haben Sie gerne Glück? Vermutlich schon, wie wir alle. Wohl auch deshalb wünschen wir einander zum Geburtstag viel Glück, zu Prüfungen oder auch zum Neujahrstag. Aber was ist das eigentlich: Glück?

Sigmund Freud fand, dass jede und jeder seines eigenen semantischen Glückes Schmied sei. Der Brockhaus wagt mehr; er definiert: „Glück ist eine komplexe Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen, des Eintretens positiver Ereignisse, Eins-Sein des Menschen mit sich und dem von ihm Erlebten. Glück beinhaltet sowohl günstige Fügung der Geschehnisse, als auch den Zustand des Wohlbefindens und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.“ Im Begriffslexikon zum Neuen Testament klafft hingegen eine große Lücke zwischen ‚Gleichnis‘ und ‚Gnade‘. Da findet sich kein Glück. Das ist kein Zufall, denn das Gute, das wir erleben, wird in der Bibel ja weder irgendeiner beliebigen Fügung noch einem diffusen Schicksal anheimgestellt, sondern Gott selbst wirkt es in unserem Leben. Glück entspricht also der göttlichen Gnade und der daraus folgenden Seligkeit des Menschen.

Die Literatin Connie Palmen fügt all dem eine schöne eigene Beschreibung von Glück hinzu, indem sie eine ihrer Figuren sagen lässt: „Glück ist das Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können.“ „Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können“. Welche wunderbare Definition! Sie macht das Glück unabhängig von gegenwärtigem Ergehen und Geschick, ja sogar von der Erfüllung irgendwelcher Wünsche oder Hoffnungen. Glück findet sich stattdessen da, wo man sich etwas von der Zukunft erwartet.

Wir leben in einer Gegenwart vieler Ängste und Sorgen. Und so mancher erwartet von der Zukunft nicht mehr, als dass sie schlechter sein wird als die Gegenwart. Welch‘ eine unglückliche Zeit, wenn Menschen derart den Glauben an die Zukunft zu verlieren drohen. Wenn sie keinem Gott mehr zutrauen, dass er selbst die Welt erhält und bewahrt.

In einem der wunderschönen biblischen Texte heißt es dagegen (Mt 6,26f..34):
„Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Ich meine, dass schon vielen vieles geholfen ist, wenn sie das leben könnten. Wenn sie täglich tun, was ihnen zu tun möglich ist, und sie sich angstfrei und voller Vertrauen auf das Erwachen am kommenden Morgen freuen.

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  Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.08.2018

Kleider machen Leute, so weiß es das Sprichwort. Und auch in Märchen und Sagen spielen Kleider eine wichtige Rolle. Hier unterscheidet sich durch die Kleidung der König vom Knecht, die Bäuerin von der Hexe und so fort. Und oft genug wird damit gespielt, dass der eine in die Kleidung und damit in die Rolle des anderen schlüpft. Es scheint bisweilen so zu sein, dass die Kleidung mehr mit ihrem Träger macht, als man vielleicht vermuten würde. In der Tageslosung für heute heißt es (Sach 3,4):
„Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“
Vergebung wird hier durch die Feierkleider sichtbar. Der, dem vergeben wurde, wird als veränderter Mensch erkennbar. Auch an anderer Stelle spielt die Bibel mit Bekleidungsbildern. So heißt es im Epheserbrief in Bezug auf den Christenmenschen in der Welt: „So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens.“ Und Paulus schreibt im Römerbrief sogar (Röm 13,14): „So zieht an den Herrn Jesus Christus.“

Zwar dürfte der Glaube sich kaum anziehen oder ablegen lassen wie ein Gewand, doch handelt es sich bei solchen Bildern um durchaus hilfreiche Vorstellungen. Zum einen, weil sie den Gedanken festhalten, dass der Glaube in einem Leben sichtbar werden soll: in Werten wie der Wahrheit, der Gerechtigkeit oder des Friedens, wie wir es gerade aus dem Brief an die Epheser gehört haben. Zum anderen, weil solche Vorstellungen eine spielerische Dimension haben. Was wäre wenn? Was wäre, wenn aus den Schwertern Pflugscharen würden und die Wölfe und Lämmer beieinander weideten und die Löwen Stroh fräßen wie das Rind? Was wäre, wenn Gemeinsinn mehr gälte als Egoismus? Was wäre, wenn wir uns im Leben einen Vorteil auf Kosten anderer verschaffen könnten und täten es einfach nicht?

Das Taufkleid, das dem Täufling ursprünglich nach seiner Taufe angezogen wurde, darf sinnbildlich für den Christus stehen, in dessen Gewand der Täufling sich mit der Taufe begibt. Sein eigenes Sein ist mit der Taufe nicht verschwunden, er bleibt – Mensch. Aber ein Mensch, der sich ab jetzt im Namen Christi kleiden will. Er formt sich äußerlich um in der Hoffnung, dass er seinem veränderten äußeren Bild hier und da schon in dieser Welt mit seinem Inneren entsprechen kann.

Kleider machen Leute. Aschenputtel muss erst eine Nacht lang in die Kleider einer schönen Prinzessin schlüpfen, um ihre wahre Bestimmung zu entdecken. Auch das Taufkleid gibt es nur einmal im Leben, und doch können wir es im besten Fall immer wieder einmal aus dem Schrank nehmen und erinnern, dass es zu uns gehört. Denn Christ oder Christin werden wir, indem wir uns nicht weniger als unser Leben lang auf Gott hin ausrichten.

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  Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.08.2018

- lautet die heutige Tageslosung. Das passt zu einer Sitzung, an der ich gestern teilnehmen durfte. Sie handelte von der Maria-Magdalenen-Kapelle. Diese lag inmitten der Stadt und war eine von drei Kirchen, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überlebt hatten. Ursprünglich gehörte sie als Kapelle zum Domstift. Mit der Reformation endete das aber und wie sie dann bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts genutzt wurde, ist nicht wirklich bekannt. Ab 1832 wurde sie erneut Stiftskapelle, dieses Mal des Frauenkonvents des Aegidienklosters. In den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts war sie dann vor allem Verhandlungssache. Die Druckerei Limbach wollte das Grundstück kaufen, auf dem sie stand, was nach einigem Hin und Her im Jahre 1944 auch gelang. Die Kapelle wurde allerdings erst 1955, nachdem der Kauf bestätigt worden war, abgerissen und machte so Druckereigebäuden Platz.

Im Rückblick betrachten viele dieses Geschehen vor allem kopfschüttelnd. Aber so manches an architektonischem Tun der Jahre des Wiederaufbaus ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Dass wir jetzt wieder von ihr lesen und sprechen liegt daran, dass sie einst dort zu sehen war, wo die Burgpassage derzeit neu in die Burgtwete umgestaltet wird, und die Frage aufbrandet, ob man nicht in irgendeiner Weise an die Kapelle erinnern und ihren noch erhaltenen Grundstein in einem unserer Museen ausstellen sollte.

Dazu gehört die Frage, wieso es eigentlich niemandem auffiel, als 1955 eine derjenigen drei Kirchen abgerissen wurde, die den Krieg heil überstanden hatten? Ein Teil der Antwort lautet, dass sie so versteckt lag, dass sie den Menschen im Stadtbild kaum sichtbar war. Der andere und wichtigere: Dass sich nicht genügend Menschen fande, die sie lieb hatten. Denn die Kapelle war nie Kirche der Öffentlichkeit. Sie war besonders, aber eben leider den Menschen der Stadt kein Ort ihres Gebets.

Eine Kirche mag ein Heiliger Ort sein, aber sie ist es nicht per se. Ihre Heiligkeit hängt an dem, was wir einem Kirchraum zutrauen bzw. in ihm erleben. Kann ich in ihm dem Heiligen begegnen? Rechne ich damit? Das ist die wesentliche Frage.

Und so kann ein Kirchbau im Laufe der Zeit tatsächlich überflüssig werden, während ein Küchentisch zum sakralen Ort wird, wenn nur Menschen mit Herz ihr Mittagsgebet an ihm singen oder sprechen. Manche Orte, oft sind es so alte wie auch unser Dom, laden Menschen unmittelbar ein. Selbst jene, die schon lange getrennte Wege von Gott gehen, spüren die Wirkmächtigkeit des Ortes. Ein über die Jahrhunderte stetig durchgebeteter Raum trägt. Eine Kirche, die man erst suchen muss und in der kaum je jemand war, die vielleicht zwischendrin als Stall oder Abstellraum diente, hat es da schwerer. Aber gut. In unserem Lehrtext heißt es entsprechend (Mt 18,20):

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

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  Barmherzigkeit

Barmherzigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.08.2018

Wenn es um das Christentum und seine christlichen Werte geht, dann gehört die Barmherzigkeit wahrscheinlich für uns alle unwidersprochen dazu. Schließlich ist eine der wichtigsten christlichen Beispielgeschichten jene des barmherzigen Samariters. Barmherzig ist demnach, wer bereit ist die Not eines anderen zu sehen und für ihn einzustehen, auch wenn er selbst kein Nutzen davon hat. Vieles in der aktuellen Weltpolitik scheint derzeit weit von solcher Haltung entfernt, stattdessen spielen wieder verstärkt sichtbare und unsichtbare Mauern ihre Rolle. Aber das ist ein anderes Thema. Denn unsere Tageslosung, die ebenfalls von der Barmherzigkeit Gottes spricht, bedenkt einen zweiten Aspekt neben diesem altbekannten. In ihr heißt es:
„Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit deinem Volk nicht ein Ende gemacht noch es verlassen.“ (Neh 9,31)

Der Stadthalter Nehemia baut im 5. Jh. v. Chr. nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil Jerusalem wieder auf und ordnet das Leben der Menschen mit Hilfe des Priesters Esra neu. In der Geschichtsdeutung der damaligen Zeit wird das Exil als Folge einer Schuld verstanden, die das Volk Israel auf sich geladen habe. Gott aber, so Nehemia, habe sein Volk trotzdem nicht verstoßen. Und das nach seiner großen Barmherzigkeit.

Vielleicht mag Ihnen das verschroben und auch langweilig in den Ohren klingen, aber das ist es nur, wenn man das Ganze in der Vergangenheit belässt. Denn seien wir ehrlich, wahrscheinlich kennen die meisten von uns Situationen, in denen der eine dem anderen Schuld vorwirft. Hier ein falsches Wort, dort eine missverstandene Geste, da ein aneinander Vorbei oder auch verschiedene Interessenslagen, die zu verschiedenen Handlungsforderungen führen – und schon sprechen Menschen nicht mehr miteinander. Beide Seiten fühlen sich in ihrer Position im Recht und niemand ist bereit zurückzustehen und auch das klärende Gespräch kann irgendwie nicht herbeigeführt werden. Tatsächlich geschieht ja auch oft genug wirklich Unrecht, das ein schlichtes Zurück in die Situation davor nicht mehr zulässt. – Und dann stehen wir Menschen da und wissen so recht nicht weiter. Der Weg in ein heiles Miteinander scheint nicht nur weit, sondern unmöglich. Die großmütige Barmherzigkeit des Samariters hilft hier nicht, sondern hier braucht es Menschen, die über sich selbst hinaus wachsen, indem sie nach dem Vorbild der großen Barmherzigkeit Gottes selbst von ihrem eigenen Recht abzusehen bereit sind. Ganz im Sinne der Bergpredigt, in der Jesus spricht:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,38f.)

Barmherzigkeit also ist mehr als Freundlichkeit aus einer Position des Stärkeren heraus, sondern sie ist auch die Bereitschaft des Verletzten, auf jegliches Aufrechnen zu verzichten: Kein Rabattmarken Kleben, kein aufs Butterbrot Schmieren, stattdessen der Wille trotzdem gemeinsam miteinander auf dem Weg zu bleiben. Ihre Folge aber ist hier wie da Heilung und Heil.

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  KOFI ANNAN

KOFI ANNAN

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2018

Vorgestern, am 18. August, ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren in Genf gestorben. Er war von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen und hat in seiner Amtszeit die Bedeutung und die Außenwirkung dieser Organisationen gestärkt und geprägt.
Kofi Annan wurde 1938 in Ghana geboren. Er gehörte zu einer eher privilegierten ghanaischen Familie und so war es ihm möglich, in seinem Heimatland zu studieren, was durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Über ein Stipendium der Ford-Stiftung konnte er sein Studium später in den USA und in der Schweiz fortsetzen. Bereits 1962 begann Kofi Annan seine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen, zunächst bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Zwischendurch arbeitete er einige Jahre als Tourismusdirektor für sein Heimatland Ghana, bis er 1976 zur UN zurückkehrte. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Koordination der Einsätze der UN-Blauhelmsoldaten. 1996 wurde er zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Er war nicht unumstritten, denn mit ihm wurde erstmalig ein Generalsekretär aus den Reihen der Mitarbeiter der UN gewählt und er war überdies der erste Schwarzafrikaner in diesem Amt. 2001 wurde er dann für eine weitere Amtszeit von der UN-Vollversammlung bestätigt, was ebenfalls bemerkenswert ist, denn normalerweise hätte turnusgemäß der Generalsekretär aus einem asiatischen Staat gestellt werden sollen.
Am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wies Kofi Annan in einer Rede noch mal eindrücklich darauf hin, dass die Gründung der Vereinten Nationen eine Antwort auf „das Böse des Nationalsozialismus“ gewesen ist. Damit beschrieb Annan die Funktion und die Bedeutung der UN. Sie soll das moralische Gewissen der Weltgemeinschaft sein, vor dem sich alle Nationen dieser Erde bezüglich ihres Tuns und Lassens zu verantworten haben.
In der Charta der Vereinten Nationen haben sich die Mitgliedsländer dazu verpflichtet, an der Sicherung des Weltfriedens mitzuwirken und gemeinsam und in freundschaftlicher Beziehung zueinander die globalen Probleme unserer Zeit zu lösen und für die Einhaltung grundlegender Menschenrechte zu sorgen. Kofi Annan hat für diese Ziele gelebt und 2001 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhalten.
Zu seinem Vermächtnis gehört ein Satz, den er auch ihnen und mir in die Bücher geschrieben hat. Dieser Satz lautet: „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Damit sind wir aufgefordert, nicht stumm bleiben, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohen. So etwas beginnt mit Gedanken, die später Worte werden, aus denen dann Gewalt erwächst. Wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren, dafür hat sich Kofi Annan sein Leben lang eingesetzt, und das ganz sicher auch aus der Kraft seines christlichen Glaubens heraus. Mit ihm verlieren wir einen unermüdlichen Kämpfer für den Frieden und für eine bessere Welt. Wir wissen ihn geborgen in Gottes liebevollen Händen.

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  Geduld

Geduld

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.08.2018

Sind sie ein geduldiger Mensch? Viele Dinge in unserem Leben können wir nicht beschleunigen. Wir müssen einfach abwarten, bis sie sich entwickeln. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mithilfe meiner Oma auf unserer Fensterbank in einer kleinen mit Watte ausgelegten Schale Kresse gezogen habe. Die wächst bekanntermaßen ziemlich schnell, dennoch hat es mir immer zu lange gedauert, bis wir endlich Butterbrot mit Kresse essen konnten. Was da genau passiert ist, wie aus den kleinen braunen Samenkörnchen diese kleinen grünen Pflänzchen wurden, habe ich damals noch nicht verstanden. Sehr wohl verstanden habe ich allerdings, dass ich keinen Einfluss auf das Tempo habe. Ich kann nur zusehen und abwarten.

In unserem Verhältnis zu Gott ist das mitunter auch so. Wir Christinnen und Christen warten darauf, dass das Reich Gottes anbricht. Wenn wir in diese Welt schauen, wird uns allerdings sehr schnell und sehr schmerzhaft deutlich, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist. Krieg, Gewalt und Terror herrschen an vielen Orten, Hunger und Elend scheinen in den Schwellen- und Entwicklungsländern keine Grenzen zu kennen, die Toten des Brückeneinsturzes in Genua machen uns traurig, wütend und betroffen und die Odyssee der vielen Geflüchteten, die auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet wurden und nun nirgends an Land dürfen ist schwer nachzuvollziehen. Nein, nach dem Reich Gottes, so wie ich es mir vorstelle, sieht das alles nicht aus. Also auch hier scheint Geduld gefordert. Oder haben wir es möglicherweise doch in der Hand, diesen Prozess zu beschleunigen?

Eine Antwort darauf liefert uns Jesus Christus höchst selbst, wenn er sagt: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen.“ Damit wird klar, dass in der Tat Geduld gefordert ist. Ja, wir sollen den Samen aufs Land werfen, was für mich so viel bedeutet wie, offen zu sein für Gottes Wort, mich anrühren zu lassen von seiner Botschaft und immer wieder neu mein Tun und Lassen an dem auszurichten, was uns Jesus Christus vorgelebt hat.

Dann allerdings darf ich sehr wohl meine Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass Gott mir etwas hineinlegt. Ich darf schlafen und aufstehen, schlafen und aufstehen und darauf warten und darauf hoffen, dass es irgendwann einmal so weit ist. Ich empfinde es als einen Segen, dass ich abwarten darf. Ich empfinde es als einen Segen, dass da etwas wächst, ohne mein Zutun. Und ich empfinde es als sehr entlastend, dass nicht wir es sind, Sie und ich, die die Verantwortung dafür tragen, das Reich Gottes zum Wachsen zu bringen. Wir sind frei von dieser Verantwortung. Gottes Reich wächst von allein, das verspricht uns Jesus Christus selbst. Wir dürfen Hoffnung haben auf dieses Reich, in dem Gott alle Tränen abwischen wird von unseren Augen und in dem Tod, Schmerz und Leid nicht mehr sein werden. Das ist, wie ich finde, eine gute Basis für ein entlastetes, fröhliches christliches Leben, in Jesu Namen.

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  Sünde

Sünde

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.08.2018

Bei mal wieder dringend nötig gewordenen Aufräumarbeiten auf meinem heimischen Schreibtisch ist mir ein Zeitungsartikel in die Hände gefallen, der folgende Überschrift trug: „Was Sie als Sünder jetzt wissen müssen“. Anlass war der Beginn eines Heiligen Jahres in 2015, das Papst Franziskus ausgerufen hatte. In einem solchen heiligen Jahr kann ein „Jubiläumsablass“ gewährt werden, also eine besondere Freisprechung von begangenen Sünden. Anders als im Mittelalter muss man dafür heutzutage kein Geld mehr bezahlen. Es handelt sich bei diesem Ablass vielmehr um einen symbolischen Akt, der mit dem Durchschreiten der Heiligen Pforte, zum Beispiel im Petersdom in Rom vollzogen wird. Wäre das für Sie eine Option? Hätten Sie Lust, sich auf den Weg machen, um einen solchen besonderen Sündenablass zu erhalten?

Bevor wir jedoch unsere Koffer packen, sollten wir vielleicht erst einmal überlegen, was denn „Sünde“ nach unserem heutigen Verständnis überhaupt ist. „Gestern habe ich gesündigt und mir ein dickes Stück Torte gegönnt“, ist bisweilen zu hören, es gibt die Verkehrssünderkartei in Flensburg, doch ich denke, dass das alles noch zu kurz gesprungen ist. Wir tun uns schwer mit dem Begriff „Sünde“. Aber wir tun uns unglaublich leicht damit, andere Menschen vermeintlicher Sünden zu bezichtigen und sie dann abzuurteilen. Besonders gründlich und besonders grausam geht es dabei in den sogenannten sozialen Netzwerken zu, wo man ganz ungeniert, weil anonym, Menschen mit Shit-storms überziehen, ihre Würde beschädigen oder sie nachhaltig verletzen kann.

Doch zurück zum Begriff „Sünde“. Nach evangelischen Verständnis ist Sünde alles das, was uns von Gott trennt. Natürlich ist es somit auch unser Fehlverhalten, denn nicht selten missachten wir dabei, wie Gott sich unser Leben gedacht hat. Der Sündenfall im Alten Testament, in dem Adam und Eva trotz göttlichen Verbots Früchte vom Baum der Erkenntnis essen, führt zur Trennung der beiden von Gott geführt – er hat sie rausgeschmissen aus dem Garten Eden. Glücklicherweise ist es bei dieser Trennung nicht geblieben, denn, wenn wir sagen, dass Jesus Christus unsere Sünden mit ans Kreuz genommen hat, bedeutet das, dass er alles Trennende weggeräumt hat, das sich zwischen Gott und uns so angesammelt hatte. Damit ist der Weg wieder frei geworden für Gottes unendliche und unbedingte Liebe. Und wenn wir nachher im Heiligen Abendmahl zugesprochen bekommen, dass uns unsere Sünden vergeben ist, dann bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als dass zwischen Gott und uns wieder alles in Ordnung ist.

Im Johannesevangelium heiß es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Damit ist zum Thema „Sünde“ schon ganz viel Maßgebliches und Wesentliches gesagt. Herzliche Einladung, das gleich noch einmal im Heiligen Abendmahl ganz persönlich zugesprochen zu bekommen, und nach Rom zu fahren, ist trotzdem eine gute Idee, weil die Stadt einfach so wunderschön ist!

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  Der Hauptmann von Köpenick

Der Hauptmann von Köpenick

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2018


„Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen - Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen. Und Gott sagt zu dir: Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?"

So klingt die Lebensbilanz des Schusters Wilhelm Voigt aus dem Hauptmann von Köpenick. Sein Leben ist aus seiner Sicht völlig schiefgelaufen – und schiefgelaufen ist auch, wie er Gott erfahren hat. Er kennt Gott nur als den Fordernden und Richtenden - nicht als den, der in Jesus Christus seine vorbehaltlose Liebe zu uns zum Ausdruck bringt und der uns so annimmt, wie wir sind, mit all unseren Schwächen und Fehlern. Die Lebensbilanz des Wilhelm Voigt wird so zur Lebensklage, erschütternd und anrührend. Auf den Tag genau vor 110 Jahren wurde er von Kaiser Wilhelm II begnadigt.

Zwei Jahre zuvor war er wegen „unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte sich mittels einer auf dem Flohmarkt gekauften Uniform als preußischer Hauptmann ausgegeben und sich so Zugang in das Köpenicker Rathaus verschafft, um dort – und hier gehen die Meinungen auseinander – entweder einen Auslandspass oder aber auch Geld zu stehlen. Der in die Jahre gekommene Schusterjunge hatte die Hoffnung, durch sein Äußeres auch aus seinem bisherigen Leben ausbrechen zu können. Gelungen ist es ihm nicht. Und im Scheitern seiner Pläne geht nun auch noch sein Gottvertrauen in die Brüche und er erwartet Zurückweisung statt Liebe, Tadel statt Barmherzigkeit, Strafe statt Vergebung.

Es wäre Wilhelm Vogt zu wünschen gewesen, dass er das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, für sich hätte annehmen können. Es stammt aus der Ersten Johannesbrief und lautet: „Und wir haben die Liebe erkannt und geglaubt, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Möge Ihnen und mir geschenkt sein, dass die Hoffnung, die aus diesen Worten erwächst, uns immer und überall auf unseren Lebenswegen begleitet. Ich bin im Übrigen fest davon überzeugt, dass der Schuster Wilhelm Vogt überrascht gewesen sein wird, als er vor seinen Herrgott hingetreten ist. Denn Gott hat ihn bestimmt ganz einfach nur in die Arme genommen und gesagt: „Lass jut sein Wilhelm, lass jut sein. Brauchst Dir nich zu schenieren. Hast alles prima jemacht!“

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  Reklamationen

Reklamationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.08.2018

Wenn wir uns ein technisches Gerät im Internet bestellt oder vor Ort in einem Fachgeschäft besorgt haben, es freudig zu Hause auspacken und dann feststellen, dass es nicht so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben, dann geben wir es zurück und es landet in der Reklamationsabteilung. Dort wird dann geprüft, woran es lag – manchmal liegt der Fehler nicht im Gerät, sondern er steht in Persona des Benutzers direkt davor – und irgendwann bekommen wir dann unser Gerät hoffentlich heile und voll funktionstüchtig wieder zurück.

Die Arbeit in so einer Reklamationsabteilung stelle ich mir recht vielseitig vor, denn es geht ja nicht nur darum, festzustellen, was tatsächlich kaputt ist, sondern eben auch darum festzustellen, ob der Reklamierer auch tatsächlich einen Anspruch auf eine kostenlose Reparatur hat. Und wenn dem nicht so ist, dann muss man erklären und verhandeln können, um dem Kunden die schlechte Nachricht zu überbringen: „Du bist schuld daran, dass dein Gerät kaputt ist und die Reparatur geht zulasten deines Portemonnaies.“ Nicht selten endet so etwas vor Gericht, zieht sich mitunter über Monate und Jahre hin und macht am Ende keinen so richtig glücklich und zufrieden.

Im Himmel übrigens gibt es keine Reklamationsabteilung. Ein steiler Satz, doch ich will ihnen auch sagen, wie ich darauf komme. Kennen Sie das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg? Da werden Leute an einem Tag zu unterschiedlichen Zeiten eingestellt morgens, mittags und abends, arbeiten damit auch unterschiedlich lange bis zum Feierabend und erhalten trotz ihrer ungleichen Arbeitsleistungen am Abend alle den gleichen Lohn. Jene, die am längsten gearbeitet haben, werden sauer und beschweren sich darüber, doch der Weinbauer – er steht in diesem Gleichnis für Gott – lässt die Beschwerdeführer locker ablaufen in dem er sagt, dass er zu entscheiden habe wer was bekommt und auch nicht so ganz nachvollziehen könne, warum sich jemand über seine Großzügigkeit aufregt.

In diesem Gleichnis steckt viel Wahrheit. Denn es sagt im Kern, dass Gott allein darüber entscheidet, was uns zuteilwerden wird. Er ist großzügig, davon dürfen wir ausgehen, wenn wir allerdings erwarten, dass er das, was wir in unserem Leben getan haben, nach irdischen Maßstäben vergütet, dann werden wir wohl überrascht oder sogar enttäuscht werden. Alles, was von Gott kommt, ist ein Geschenk – seine Barmherzigkeit, seine Gnade, seine Liebe. Und all das erhalten wir eben deshalb unverdient aus seinen Händen, weil man es sich gar nicht verdienen kann. Wir haben Gott gegenüber keine Ansprüche zu stellen und das ist auch die Aussage des aktuellen Wochenspruches, der da lautet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Wir müssen Gott nicht beweisen, dass wir grandiose Glaubenshelden sind. Wir dürfen uns von ihm einfach beschenken lassen. Und das ist doch irgendwie auch viel schöner.

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  Verlässlichkeit

Verlässlichkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.08.2018

Verlässlichkeit
Wir Menschen brauchen Verlässlichkeit. Unser Leben fällt uns leichter, wenn wir wissen, womit wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, wo wir sicher übernachten können und dass wir auch morgen noch genug zu essen haben werden. Neben diesen materiellen Grundlagen ist es aber auch wichtig, dass wir in unserem Leben einen Sinn sehen. Ein solcher Lebenssinn hilft uns, jeden Morgen wieder aus dem Bett zu steigen, uns den durchaus vorhandenen Unwägbarkeiten in dieser Welt zu stellen und zielorientiert unseren Weg zu gehen. Ein solcher Lebenssinn kann beispielsweise unser Beruf sein. Es geht also nicht darum, immer Friede, Freude, Eierkuchen und eitel Sonnenschein zu erleben. Ich persönlich sehe meine berufliche Tätigkeit durchaus als sinnstiftend an, was jedoch keineswegs bedeutet, dass ich es an 220 Arbeitstagen im Jahr morgens kaum aushalten kann, wieder ins Büro zu kommen. Ja, manchmal ist so ein Lebenssinn durchaus anstrengend und nervig.

Auch in den Beziehungsgeflechten, die uns mit unseren Mitmenschen verbinden, brauchen wir Verlässlichkeit. Es ist wichtig, dass ich weiß, auf wen ich mich verlassen und wem ich vertrauen kann oder bei wem ich eher etwas vorsichtiger sein muss. Das schafft Sicherheit und erleichtert ganz maßgeblich unser Miteinander.

Immer wieder jedoch geraten wir in unserem Leben in Situationen, in denen bis dahin Verlässliches auf einmal durch massive Veränderungen oder böse Überraschungen infrage gestellt oder komplett zunichte gemacht wird. Einerseits helfen uns Veränderungen in unserem Leben dabei, dass wir uns weiterentwickeln, andererseits kann uns dadurch aber auch im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Wenn ich ungeplant meinen Job verliere, mein Lebenspartner oder meine Lebenspartnerin auf einmal nicht mehr da ist oder ich durch eine schwere Krankheit aus der Bahn geworfen werde, kann mich das vor Herausforderungen stellen, die ich kaum zu bewältigen weiß.

Insbesondere dann, wenn auf einmal der besagte Sinn meines Lebens wegbricht, auf den ich alles gesetzt habe, für den ich alles getan und für den ich gelebt habe, kann es passieren, dass ich eine Leere in mir habe, die kaum mehr zu füllen ist. Oft genug passiert das, wenn ein Leben im Wesentlichen an materiellen Werten ausgerichtet ist, die durch einschneidende Veränderungen auf einmal nichts mehr wert sind. Bei den wirklich existenziellen Fragen helfen ein dickes Bankkonto, drei Kreuzfahrten im Jahr und der Porsche in der Garage nicht viel weiter.

Gut ist, wenn der Kern unseres Lebens durch menschliche Einflüsse nicht zerstört, beschädigt oder beseitigt werden kann. Unser Freund und Bruder Jesus Christus bietet uns an, genau das für uns zu sein: Ein Anker, auf den wir uns allezeit verlassen können. Jesus sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Dieses Bibelwort kann Vertrauen schaffen, aus dem heraus wir auch schwierige Wegstrecken auf unserem Lebensweg gut bewältigen können.

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  Die Berliner Mauer

Die Berliner Mauer

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.08.2018

Heute vor 57 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet. Bis 1989 sollte sie die Stadt Berlin zerschneiden und zu einem für die ganze Welt sichtbaren Zeichen der deutschen Teilung werden. Diese Mauer war nicht nur eine bloße und unüberwindbare Grenze zwischen den westlichen und östlichen Sektoren der Stadt Berlin, an dieser Mauer starben mehrere 100 Menschen; sie wurden erschossen bei ihrem Versuch, in den Westteil der Stadt zu flüchten.
Die Berliner Mauer hat eine Stadt zweigeteilt, aber auch Familien, Freundschaften, Arbeitswege und Lebenswege getrennt und zerstört. Die Errichtung der Berliner Mauer markiert geschichtlich den Beginn des sogenannten Kalten Krieges zwischen Ost und West. Wechselseitig bewusst am Leben gehaltenes Misstrauen, Propaganda und auch materielle Interessen waren sein Nährboden.
Seit Anfang der sechziger Jahre hat sich diese Welt rapide und massiv verändert. Die Weltbevölkerung hat sich mehr als verdoppelt, politische Systeme haben sich weiterentwickelt oder gar aufgelöst, die deutsche Teilung ist mittlerweile Gott sei Dank überwunden und die Berliner Mauer bis auf ein paar Erinnerungsstücke nur noch Geschichte. Sie ist heute bereits länger Geschichte als sie bestanden hat. Dennoch ist es gut, sich mit dem heutigen Gedenktag an sie zu erinnern, denn aus ihrer Existenz zu lernen, ist nach wie vor richtig und wichtig.
Menschen durch Mauern voneinander zu trennen, ist selten eine gute Idee, wenn man mal von der Notwendigkeit von Gefängnissen absieht. Menschen durch Mauern voneinander zu trennen bedeutet auch immer, sie massiv in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und dort, wo man das durch Mauern tut, werden nicht selten auch andere Freiheiten gleich mit eingemauert. Und so gab es in der ehemaligen DDR eben auch keine Meinung- oder Pressefreiheit; was man sagen durfte und zu denken hatte, wurde staatlicherseits stark reglementiert.
Sehr schnell werden dann aus Mauern aus Beton und Steinen auch Mauern in den Köpfen, deren Überwindung mitunter nicht minder schwierig ist. Mauern, die vielleicht auch wir manchmal in unseren Köpfen haben, verhindern, dass Menschen offen, wertschätzend und mit liebevollem Vertrauen aufeinander zu und miteinander umgehen. Mauern in den Köpfen blockieren auch Gottes Liebe, die dann von Mensch zu Mensch nicht weitergegeben wird. So liegt es auf der Hand, dass Gott diese Mauern nicht will – weder die physischen, die Menschen die Freiheit nehmen, noch die anderen, die verhindern, dass diese Welt sich zum Besseren verändert.
Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, spricht uns Jesus Christus selbst zu, wenn er sagt: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe.“ Ein Leben aus dieser Liebe heraus macht es schwer, Mauern zu errichten. Der Jahrestag der Berliner Mauer ist ein gutes Datum, uns das noch einmal bewusst zu machen.

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  "Heue habe ich viel zu tun..."

"Heue habe ich viel zu tun..."

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.08.2018

„Ich hab keine Zeit“, sang Marius Müller-Westernhagen einst in fortwährender Wiederholung. Keine Zeit für Vergangenheit, für die Religion, für die Liebe auf Erden. Keine Zeit.

Kürzlich hat mir jemand ein Video gezeigt, in dem es in einer Philosophiestunde um die genutzte Lebenszeit ging. Der Dozent nahm ein Glas und zuerst große Bälle, bis kein einziger mehr hinein passte. „Ist das Glas voll?“, fragte er; „Ja!“, antworteten die Schüler. Im Anschluss nahm er eine Tüte mit Murmeln und schüttete sie ins Glas. Leicht rutschten sie an den großen Kugeln vorbei und die Zwischenräume füllten sich. Wieder die Frage: „Ist das Glas voll?“ Die Schüler ahnten, was weiter geschehen würde, antworteten aber trotzdem brav: „Ja.“ Danach füllte er Sand in das Glas. „Ist es voll?“ – „Ja!“ Und zuletzt holte er eine Flasche Bier hervor und goss sie in das Glas.

Die Botschaft des Ganzen sollte lauten: Im Leben geht es darum, sich zuerst über die großen Dinge Gedanken zu machen und sie anzugehen, denn sonst ist kein Platz mehr für sie im Lebensglas: Familie, Freunde, Schule, Arbeit, Wohnung. Sie alle brauchen ausreichend Raum. Erst wenn sie ihren festen Platz gefunden haben, können weitere Kleinigkeiten hinzukommen. Der Sand besagt: übrigens geht immer noch einmal mehr als man denkt. Allein dem Bier wurde keine Bedeutung durch den Lehrer zugeordnet. Konsequent folgte die Frage, wofür es denn stünde. Die Antwort: „O, das ist die Erinnerung daran, dass für eine Flasche Bier mit Freunden immer Zeit ist.“

„Ich hab keine Zeit.“ Mindestens für Menschen in der Mitte des Lebens gilt dieser Satz nur allzu oft. Aber ich kenne auch erstaunlich viele Ruheständler, die über ihre vollen Kalender klagen. Hier die Enkel in Bayern, dort die an der Küste. Hier ein Ehrenamt und dort ein liebgewonnenes Hobbie, das auch Zeit braucht. „Ich hab keine Zeit.“
Und so führt die Zeitknappheit in echten Stress und Unwohlsein.

Martin Luther war, so lassen zumindest die Anzahl seiner Schriften und Briefe sowie sein Lebenslauf vermuten, ein sehr umtriebiger Mensch. Einer, der objektiv kaum Zeit gehabt haben dürfte. Von ihm ist folgender Satz überliefert:
„Heute habe ich viel zu tun. Deshalb muss ich heute viel beten.“

Das Gebet als Ort der Sammlung, der Ausrichtung, der inneren Ruhe im äußeren Wahnsinn. Das Gebet als Suchbewegung auf Gott hin; und als Worte des Vertrauens, dass Gott in den konkreten Sorgen und Nöten des Tages begleiten und beistehen wird. Das Gebet als Möglichkeit, Kraft und Stärke zu finden für das, was zu tun ist. Das klingt klug und der Nachahmung wert.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  "Zu mir gekommen"

"Zu mir gekommen"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 10.08.2018

„Eine Erinnerung tauchte aus der Vergangenheit auf. Wie alt mochte ich damals wohl gewesen sein? Viereinhalb … Fünf Jahre…
An diesem Tag hatte sich etwas Großes ereignet. Als ich den ausgetreten, von niedrigen Sträuchern gesäumten Pfad mit meinem roten Tretauto entlangfuhr, hatte ich plötzlich den Eindruck, als würde sich das Licht verändern. Es war, als hätte sich der Vorhang gehoben und die Umgebung ihre Substanz verändert. Ich hielt den Atem an und sperrte die Augen weit auf. Zu meinen Füßen erstreckte sich die Stadt Lyon. Zu meiner Linken spürte ich deutlich die Präsenz meines Vaters. Dabei reichte ich mit dem Kopf gerade mal bis an seine Knie heran. Ich musste mir den Hals verrenken, um seinen Oberkörper zu sehen, und noch weiter oben sein Kinn, das von einem dünnen Bart umrahmt war. Er war tief in Gedanken versunken.
‚Ich bin da.‘ Mir war soeben schlagartig etwas klargeworden: Ich war da, inmitten dieser Welt, neben meinem Vater! Ja, meine Überraschung bestand darin, dass mir soeben bewusst geworden war, dass ich lebe. Ich war stolz, wie berauscht vor Freude, gerührt: Ich war soeben geboren worden. Nicht ‚zur Welt gekommen‘, sondern ‚zu mir gekommen.‘ Es war ein wunderbares Gefühl! Dies war mein erster Tag. Der erste Tag meines bewussten Lebens.“
Es ist eine schöne Erinnerung, und sie gehört dem Literaten Eric-Emmanuel Schmitt.

Bewusstes Leben…
Wann eigentlich wird uns in unseren Alltagen bewusst, dass wir leben?
Weckerklingeln, müdes Aufstehen, Morgenritual, Tagewerk, Abendritual, Nachtruhe. Und viel zu oft das Gefühl, dass die Zeit nicht ausreicht.
Manchmal ein Innehalten mit der Frage: „Was ist das eigentlich – Leben?“

Vielleicht geht das Selbst-Bewusstsein ja tatsächlich inmitten der täglichen Beanspruchungen verloren; vielleicht muss man tatsächlich zuerst wieder lernen, über die eigene Existenz zu staunen und für sie zu danken, ehe man neu zu sich findet.

Dazu wäre es wohl hilfreich, sich selbst als Geschöpf begreifen zu können. Denn gerade so wie Schmitt sich neben seinem Vater als von diesem unabhängig, individuell und selbständig begriff, könnten wir uns neben unserem Lebensvater neu begreifen. Im Gegenüber des anderen zum Selbst werden, Martin Buber war es, der diesen Gedanken prominent philosophisch erfasste. Dazu lassen sich viele gewichtige Gedanken machen, aber es geht auch ganz leicht: nämlich pfeifend oder summend, vielleicht sogar schon früh morgens fröhlich unter der Dusche:

„Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst. // Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad / und ewge Quelle bist, / daraus uns allen früh und spat / viel Heil und Gutes fließt. // Was sind wir doch? Was haben wir / auf dieser ganzen Erd, / das uns, o Vater, nicht von dir / allein gegeben wird? // Wohlauf, mein Herze, sing und spring / und habe guten Mut! / Dein Gott, der Ursprung aller Ding, / ist selbst und bleibt dein Gut.“ (EG 324)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Neues Schuljahr…

Neues Schuljahr…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.08.2018

Dieses Jahr hätte ich das Ferienende fast nicht bemerkt. Es ist zu schön, wenn der Schmerz nachlässt und niemand mehr in der Familie in die Schule muss. Aber solange noch einer drinsteckt, sagt man das natürlich nicht laut – im Gegenteil: man macht sich gemeinsam auf den Weg, fördert Lust und Motivation und hofft, dass die Kinder auf Menschen treffen, die sie begeistern und anstecken, die für ihr Fach und die jungen Leute brennen.
Und man hofft, dass die viele Lebenszeit, die Kinder in der Schule verbringen, nicht verloren ist und dass all die Erfahrungen von Gelingen und Scheitern, erfolgreicher Gruppendynamik und Bewältigung von Problemen , die es nun mal gibt, wenn viele Menschen aufeinander hocken, dazu beitragen im altmodischen Sinne des Wortes lebenstüchtige Menschen zu werden.
Drunter liegen die Erwartungen nicht…
Dabei ahnt man, dass Schule das kaum schaffen kann und sie wohl auch noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Denn wie soll man Kinder überzeugen Vokabeln und Jahreszahlen auswendig zu lernen, wenn sie sie mit einem Click abrufen können? Warum schriftlich multiplizieren und dividieren, wenn das der Rechner kann? Weshalb im Atlas rumsuchen, wenn GoogleMaps ganz allein Orte und Routen findet? Andersherum: wie kann ich in der ungeheuren digitalen Datenfülle herausfinden, welcher Information ich trauen kann? Wie finde ich mein eigenes Urteil? Wie geht lernen und selber denken überhaupt??? Was brauchen unsere Kinder für die Welt von morgen? Welche ethischen Entscheidungen werden sie treffen müssen und unter welchen Bedingungen leben?
Es ist ein riesiges Feld, indem man sich leicht verlaufen, über- oder unterfordern kann und alle reden mit, weil alle ja selbst mal in der Schule waren und jeder seine eigene Meinung hat, was man im Leben braucht und wissen muss und was nicht.
Darum ist es gut, dass es landauf landab Schulanfangsgottesdienste gibt. Denn wie alle bei allen anderen Kasualien, egal ob Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung, passiert man eine Lebensschwelle. Dann tut es gut sich zu vergewissern, dass Gott mit seinem Segen mit uns geht was auch kommen mag, dass wir uns in seiner Hand bergen können, dass er unseren Weg kennt und etwas mit uns vorhat. Letzteres birgt Zuversicht. Auch die braucht es ja, wenn man in eine neue Phase startet. Darum wohl heißt es auch – von vielen Menschen so geliebt, dass sie es für einen Bibelspruch halten: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben“ Wohl wahr. Aber: Ein Zauber ist es nicht, sondern Gottes Geleit.

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  Geschichten erzählen

Geschichten erzählen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.08.2018

Eine jüdische Legende erzählt, dass Rabbi Israel Baal Schem Tow, der Gründer des Chassidismus, wenn er ein Problem lösen musste, in den Wald ging und dort nach einem besonderen Ritual ein Feuer entzündete und sich in ein Gebet versenkte. Sein Schüler kannte die Stelle im Wald genau und beherrschte auch den Wortlaut des Gebetes. Aber er wusste nicht mehr, nach welchem Gebrauch der Rabbi das Feuer entzündete hatte. Dessen Schüler wiederum erklärte, dass er zwar nicht mehr wisse, was die vor ihm gebetet und wie sie das Feuer entzündet hätten aber den Ort würde er noch kennen und das würde genügen. Und eine weitere Generation später hieß es: „Wir wissen nicht mehr, wo genau sich der Ort im Wald befindet, und wir sind nicht mehr in der Lage das Feuer zu entfachen. Und was den Wortlaut des Gebetes betrifft, so hat man ihn uns nie gelehrt. Aber wir können die Geschichte davon erzählen.“
Es scheint also nicht so zu sein, dass wir die Ersten sind, die vergessen haben, was denen vor uns noch in Fleisch und Blut übergegangen war und wie es eigentlich funktionieren kann, tagtäglich am Geländer des Glaubens entlang zu leben. Darum ist an uns, die wenigstens die alten Geschichten zu erzählen, damit wir wieder Kontakt zu den Wurzeln unseres Glaubens finden.
Vielleicht ist das wenig aber es immer noch viel mehr als wenn wir ganz und gar auf uns selbst geworfen wären.
Denn was immer uns widerfährt, in der Bibel haben wir einen Spiegel, der uns zeigt wie unser Weg gehen könnte, wo und wie wir Gott dabei begegnen. Darum: ob wir unter die Räuber fallen oder verletzt und leer am Wegesrand liegen; ob wir trotz allen Reichtums keinen Lebenssinn finden, ob unsere Geschwister völlig anderes wichtig und richtig finden als wir, ob es uns vielleicht schwer fällt, den Nächsten zu lieben, ob wir nicht begreifen können, warum ausgerechnet uns dieses und jenes trifft, immer öffnet sich durch die alten Geschichten eine Tür, die deuten und verstehen hilft und denen wir getrost zutrauen können uns zurückzubringen zu unserem Gott.
Vielleicht lernen wir dann wieder, das Feuer zu entfachen, Gebetsworte zu finden, Glaubensorte zu gründen. Dass uns das gut täte steht außer Frage – bis dahin lasst uns auf die alten Geschichten hören. Zum Beispiel Freitagabend in der Sommernacht. Herzlich willkommen!












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  Spring!

Spring!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.08.2018

Wenn man dieser Tage versucht, im Freibad zu überleben, kann man immer wieder Zeugin der immer selben Szene werden. Kinder, kleine Jungs und Mädchen, die grade eben vorgeturnt haben, dass sie sich schwimmend über Wasser halten können, stehen nun auf dem Sprungturm. Als nächsten Schritt nach dem Freischwimmer braucht es für Silber braucht den Sprung vom Dreimeterturm.
Der sieht von unten kleiner aus, als wenn man oben auf dem Brett steht …
Also beginnt nun ein zögerndes vor und zurück, zauderndes an der Leiter warten, vielleicht doch wieder absteigend und entschlossen vor laufen, bis ganz vorn und dann… lieber doch nicht.
Und unten am Beckenrand sitzen die Mütter mit dem Smartphone, um den ersten Sprung ja festzuhalten und im Becken paddeln die Väter, weichen eleganten Saltos oder platschenden Wasserbomben der Älteren aus, und motivieren: Komm, spring doch! Trau dich! Ist gar nicht schlimm! Kann nichts passieren! Schatziiii! Und wenn das alles nicht hilft, dann kommen sie noch raus und springen selber noch mal: Guck! So geht das! Und man sieht den Kleinen an, dass sie denken: aber fangen kannst du mich nicht….
Ich muss da ganz alleine durch.
Und doch: irgendwann, nach gefühlter Ewigkeit, springen die Kleinen auf einmal und schwimmen stolz plappern an Land. War doch ganz einfach!
Wahrlich ein Bild des Lebens!
Wie oft stehen wir und wissen, dass wir jetzt springen müssen und darauf vertrauen, dass wir wieder hochkommen und an Land. Es tröstet ein bisschen, dass es andere auch schon gemacht haben und zugleich wissen wir, dass muss ich allein schaffen.
Es kostet Überwindung und Mut. Damit man es am Ende doch wagt, braucht es den Vertrauensvorschuss, dass einen niemand an einer totbringenden Stelle dazu ermuntern würde, es braucht die Zuversicht, dass wir gehalten werden auch wenn wir uns grade völlig hilflos fühlen.
Im Freibad haben wir Väter und Mütter, Geschwister und Freunde.
Im wahren Leben ist der Turm manchmal noch erheblich höher…
Aber dort spricht Gott der Herr, der an diesem Tag zu uns sagt: „Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!“

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  Wasser

Wasser

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.08.2018

Am ersten Januar habe ich hier zur Jahreslosung gepredigt. Erinnern Sie sich?
Sie hieß: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
Damals lag das Jahr noch vor uns. Man konnte nicht ahnen, wie trocken es werden würde. Seit Jahren hören wir von zunehmenden Dürren anderswo auf der Erde, von der rasant wachsenden Kostbarkeit der Ressource Wasser – aber erst jetzt, wenn wir sterbenden Bäumen und sinkenden Wasserpegeln zusehen, ahnen wir, was es wirklich bedeuten wird.
Über das Schwimmen habe ich zu Neujahr geredet, weil es im fremden Element überleben hilft. Dass Gewässer zu warm werden könnten, hier, kam damals in meinem Denken nicht vor.
Darüber, dass uns manchmal Meere und Wasserfluten voneinander trennen, habe ich geredet. Aber wahrscheinlich werden es Wüsten sein…
Und über den Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit
- wenn Menschen ihres Glaubens wegen verfolgt und umgebracht werden
- wenn Kriege Heimat in Schutt und Asche sinken lassen
- wenn so viele vor Hunger und Not fliehen und dann in Schlauchboot hocken
- wenn Menschen krank sind, einsam und an sich selbst verzweifelt
- wenn der Durst danach, dass es endlich wieder hell und gut werden möge, quälend ist und lebensbedrohlich.
Und gefragt habe ich, ob wir denn eigentlich auch zu den Durstigen gehören? Wir, die wir seit drei Generationen in Frieden und erheblichem Wohlstand leben, die wir noch immer mit Trinkwasser duschen und hier dort sogar noch den Rasen besprenkeln.
Und dann habe ich geschlossen: „Auch wir kennen den Durst nach gelingendem Leben, das mehr sein muss als materielle Fülle, wir kennen den Durst nach Liebe und Geborgenheit, nach Heil und Heilung, den Durst, der einem die Kehle trocken macht, weil man nicht zusehen kann, wenn Menschen, an denen man hängt, zu ertrinken drohen. Ja, auch wir brauchen Hoffnung und Zuversicht, ein lebenspendendes Elixier für unser Leben.
Und: Wir brauchen den Mut, endlich unserer Lebensgewohnheiten zu ändern, diese Erde zu hüten und zu bewahren, nicht nur zu verbrauchen, anders und schonungsvoller zu leben und für das Wasser, das noch immer aus unserer Leitungen fließt so dankbar zu sein, wie man es sein sollte – für ein Wunder, für Gnade, für lebendiges Wasser.

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  Autonom

Autonom

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.08.2018

Haben Sie ihr Leben gut im Griff? Gelingt Ihnen für gewöhnlich, was Sie sich vorgenommen haben? Haben Sie den Marschallsstab in ihrem Tornister immer griffbereit und sind Sie allein ihres Glückes erfolgreicher Schmied? Es scheint sich ein neuer Wert in unserer Gesellschaft entwickelt zu haben, der Wert der Unabhängigkeit. Vielen Menschen erscheint es heute wichtig, ein Leben zu führen, in dem sie nicht auf andere angewiesen sind.
Autonomie und Selbstständigkeit sind zunächst einmal positiv besetzte Begriffe. Wenn ich sie höre, dann klingt unterschwellig das Wort Freiheit mit. Und die ist erstrebenswert, daran gibt es keinen Zweifel. Dennoch bleibt zu fragen, aus welcher Motivation heraus wir uns immer wieder bemühen, frei zu werden und vor allem auch wovon. Wenn ich Freiheit verstehe als einen Zustand, in dem es keinen Druck und keine Zwänge gibt, liegt die Antwort auf der Hand, wenn es mir allerdings darum geht, meine eigenen Egoismen zu bedienen, dass Wir aus dem Zentrum meines Lebens durch das Ich zu ersetzen, dann läuft etwas schief.
Solche Tendenzen sind bei einzelnen Menschen zu beobachten, genauso aber auch auf anderen Ebenen. Schauen wir auf unser Europa: Die europäische Idee ist eine Idee von Gemeinschaft. Sie ist eine Idee davon, die Stärken einzelner auch für die Schwächeren nutzbar zu machen und Problemstellungen und Herausforderungen solidarisch zu bestehen. Viele Ereignisse aus den letzten Jahren zeigen uns allerdings, dass genau das nicht mehr funktioniert und sich Europa immer weiter entsolidarisiert anstatt zusammenzurücken. Wir freuen uns deshalb ganz besonders, an diesem Wochenende mit Theo Jellema einen Organisten aus der europäischen Nachbarschaft bei uns zu haben, ein schönes Symbol, dass es viele Bindeglieder zwischen uns Menschen, zwischen uns Europäern gibt, ein ganz wunderbares davon ist die Musik.
Bindungen sind wichtig. Immer dann, wenn Menschen der eigenen Hybris erlegen sind, wenn sie meinten, alles allein zu können, alles allein zu beherrschen und vor allen Dingen auch alles allein zu dürfen, waren die Konsequenzen meist ganz weit weg von Gutem. Daraus zu lernen ist uns Menschen nicht gelungen und so wird die Anzahl der Despoten und Autokraten auf dieser Welt eher größer statt kleiner. Überall da, wo die Achtung vor den Mitmenschen und die Demut vor Gott verloren gehen, da entwickelt sich die Freiheit des einzelnen schnell zur Unterdrückung für ganz viele, da geraten Geben und Nehmen, Zulassen und Dürfen, Gönnen und Beanspruchen schnell aus der Balance.
Das Bibelwort für diesen Tag will uns verdeutlichen, dass wir allerdings an einer Instanz bei allem was wir tun und lassen nicht vorbeikommen. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: „Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Es tut gut, dass wir uns das immer wieder einmal ins Gedächtnis rufen.

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  Lydia von Philippi

Lydia von Philippi

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2018

Heute ist der Tag der Heiligen Lydia. „Wer ist das denn?“, mögen Sie jetzt vielleicht denken und zugegebenermaßen gibt es prominentere Heilige als eben diese Frau, dennoch ist sie, wie ich finde, in vielerlei Hinsicht bedeutungsvoll.
ydia lebte im Nordosten Griechenlands in der antiken Stadt Philippi. Die Apostelgeschichte berichtet, dass sie dort Purpurhändlerin war. Der aus Meeresschnecken gewonnene Farbstoff zählt noch heute zu den teuersten der Welt und Lydia dürfte wohl eine taffe Geschäftsfrau gewesen sein, wenn sie sich mit diesem Handelsgewerbe in der doch nahezu komplett männerdominierten Zeit der Antike zu behaupten wusste. Lydia trifft nun auf den Apostel Paulus, der mit seinem Gefährten Silas auf der zweiten Missionsreise unterwegs ist. Sie kommen hierbei zum ersten Mal nach Europa. Lydia hört Paulus predigen und die Bibel berichtet, dass ihr der Herr das Herz auftat und sie dadurch offenen wurde für die Worte des Apostels und für die frohe Botschaft. Lydia wird hier ihr Glaube an Jesus Christus geschenkt und sie lässt sich taufen mit ihrem ganzen Hause, also mit ihrer Familie und ihren Angestellten.
Damit war etwas ganz Wesentliches passiert, denn Lydia wurde durch ihre Taufe zum ersten Christenmenschen in Europa. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine Frau hat in Europa das Christentum begründet. Darüber haben die Männer in den sich anschließenden 2000 Jahren Kirchengeschichte auf unserem Kontinent gerne auch mal geschwiegen.
Gott hat Lydia das Herz aufgetan, so schreibt es Lukas in der Apostelgeschichte. Ich finde und ich kann es aus eigener Erfahrung bestätigen, dass diese Formulierung einen wichtigen Aspekt enthält: Wir können uns unseren Glauben nicht verdienen, nicht erarbeiten, nicht ererben und schon gar nicht irgendwo kaufen. Unser Glaube ist ein Geschenk, dass von Gott kommt und er allein entscheidet, ob und wem er es zuteil werden lässt. Natürlich setzt es voraus, dass wir bereit sind, uns zu öffnen, dass wir Interesse zeigen, dass wir uns nicht sofort abwenden, wenn Gott ins Spiel kommt. Hätte Lydia Paulus nicht zugehört, die Geschichte wäre wahrscheinlich anders verlaufen. Aber ihr Zutun allein war nicht ausreichend. Gott war zur Stelle, um ihr im entscheidenden Moment das Herz aufzutun.
Wenn so etwas passiert, haben unser Glaube und Gottes Geist freie Bahn und dann wird eine engagierte Geschäftsfrau von einer Minute auf die andere zur Christin und setzt damit den Anfang zu einer Bewegung, der sich bis heute unterschiedlichste Menschen anschließen, weil auch sie von Gott das Geschenk des Glaubens erhalten haben. Und wie wertvoll und großartig dieses Geschenk ist, schreibt uns Johannes in seinem ersten Brief: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Lydia aus Philippi durfte das erfahren, genauso wie wir. Heute ist ein guter Tag, davon zu erzählen.

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  Wunder - Bewusstsein

Wunder - Bewusstsein

Christian Kohn, Pfarrer - 02.08.2018

Wissen Sie, was Wunder mit Problemen gemeinsam haben? Nun, beide brauchen ihre Entdecker, sonst haben sie keinerlei Bedeutung. Denn was wären sie, wenn kein Mensch weder das eine noch das andere bemerken würde? Dann ist es doch gleichsam so, als würde es sie nicht geben! Und was es nicht gibt, das spielt auch keine Rolle in unserem Leben! Und: Das kann auch nicht besprochen werden!
Erstaunlich allerdings erscheint mir die Beobachtung, dass es kaum Menschen gibt, die die Existenz von Problemen anzweifeln. Jeder Mensch scheint sozusagen über ein Problem-Bewusstsein zu verfügen. Aber verfügen Menschen auch über ein Wunder-Bewusstsein? Schließlich wird ja die Existenz von Wundern von vielen Menschen in Frage gestellt. Das dem aber so ist, hätte dann allerdings logischer Weise mehr mit uns Menschen und unserem Bewusstsein zu tun als mit der Frage, was es wirklich gibt oder nicht. Und dann wäre zu fragen, warum es anscheinend eher gelingt, ein Problem zu erkennen als ein Wunder zu schauen?
Möglicherweise hat es ja mit der Art und Weise unseres Denkens zu tun. Oder genauer: wie wir uns die Welt und das Leben erklären. Wir versuchen, mit unserer Logik das Leben zu verstehen und vergessen dabei, dass unser Verstand wohl ein nützliches Werkzeug darstellt, jedoch zu klein ist, das Große und Ganze zu erkennen. Alles kann er nicht erkennen, denn Alles wäre ja gleichsam wieder Nichts und somit nicht zu begreifen! Genau genommen müsste man vom Verstand sagen, dass er nur dadurch funktionieren kann, weil er das meiste ausschließen muss, um etwas erkennen und benennen zu können. Wer sich also allein auf seinen Verstand verlässt, dem gehen wahrscheinlich auch nur die kleinen Fische ins Netz, zu denen sein Verstand in der Lage ist, sie zu „fangen“. Kein Wunder, dass es dann häufig die Probleme sind, die hängen bleiben und erkannt werden.
Wer hingegen nicht nur mit seinem Verstand und seinen eigenen Erklärungen das Leben abfischt, sondern unvoreingenommen mit offenen Augen, seiner Seele und allen Sinnen in die Welt blickt, dem begegnen dabei auch Wunder. Denn Wunder nennen wir ja deswegen Wunder, weil sie unerklärlich oder eben auch unlogisch sind! Doch genau so wenig, wie schönes Wetter das Resultat von leer gegessenen Tellern darstellt, lässt sich unser Leben als das Ergebnis unseres Tuns und Lassens begreifen. Recht besehen ist es doch mehr ein unerklärliches Geschenk, eine unverdiente Gnade, die mit unserem Verstand und unserer Logik allein nicht zu erfassen ist.
Wer sich jedoch diese Wahrnehmung seines Lebens, diesen großen Blick mit seinen selbstgemachten Erklärungen und Denkweisen verstellt, überschätzt damit nicht nur seinen Verstand. Er verkennt damit auch das Wunder, das ihm wahrscheinlich am nächsten liegt: Nämlich sich selbst! Denn wer von uns könnte sich anderen Menschen schon lückenlos erklären, ohne Gefahr zu laufen, für „verrückt“ erklärt zu werden?
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke;
das erkennt meine Seele. (Ps. 139,14)

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  Wahrnehmungsfähigkeit

Wahrnehmungsfähigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.08.2018

Für eine Studie der Deutschen Krankenversicherung wurden 2900 Menschen auf ihre Gesundheit hin befragt. Eine der Fragen lautete, ob sie selbst sich gesund fühlen. Diese Frage bejahten 61%. Immerhin. Allerdings wurden sie ebenfalls danach befragt, wie ihre Alltagsgewohnheiten im Leben aussähen. Und demnach, so die Studie, würden tatsächlich nur 9r Befragten gesund leben. Vor allem Bewegung sei es, an der es mangele.

Was für ein Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Situation! Wie kann es sein, dass Menschen sich selbst scheinbar so schlecht wahrnehmen? Vielleicht ist es ja so, dass einem der gewohnte Alltagstrott dermaßen vertraut ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie es auch sein könnte. Ich denke an einen Knaben aus der Klasse meines Sohnes. Ein toller Junge, allerdings bewegt er vor allem die Finger auf seinem Handy. Kürzlich habe ich ihn und andere Kinder über einen Baum balancieren sehen und es ließ sich nicht leugnen: man sah, wie ungewohnt solche Bewegungsabläufe für ihn waren. Er hat das toll gemacht, nicht aufgegeben und ist in seiner Geschwindigkeit Schritt für Schritt tapfer über den Baumstamm gegangen. Wahrscheinlich würde er weder heute noch morgen sagen, dass er sich krank fühle. Nur weiß er gar nicht, wie sein Körper sich auch anfühlen könnte, wenn er des Öfteren hüpfen, springen oder Ball spielen würde.

Beim Lesen habe ich an die Religion gedacht. Ist es mit dem Glauben nicht ähnlich? Aktiver Glaube ist schließlich mit Bewegung verbunden. Es ist die Suche nach Frömmigkeitsformen, die zu einem selbst passen. Es ist die Einübung spiritueller Praktiken wie des Gebets, des Gesangs, der Meditation, der bewussten Wahrnehmung der Welt als Schöpfung, des aktiven Zuhörens von geistlicher Musik oder auch der bewussten Teilnahme an einer Andacht oder einem Gottesdienst; die möglichen Ausdrucksformen sind Legion. Aber die Deutung hängt an der aktiven Aneignung des Glaubens. Sonst bleibt der Glaube leer.

Vermutlich stimmt es, dass den meisten Menschen der Glaube in ihrem Leben nicht fehlt. Dass sie ohne diese Bewegung, ohne dieses Suchen und Tun auskommen und zufrieden sind. Ich bedaure nur, dass solche Zufriedenheit vor dem Selbstversuch steht, wie es auch sein könnte. Denn ich halte das Geschenk des Glaubens für eine Bereicherung. Glaube ist neugierig; er fragt nach dem, wie Gott mich wohl gedacht hat. Darin setzt er Veränderungsfähigkeit voraus und die Möglichkeit zur Entwicklung frei. In jener alten Erzählung, die davon berichtet, dass Gott Abraham auffordert, sein altes Land und Leben zu verlassen, heißt es (Gen 12. 1f.):
„Geh in ein Land, das ich dir zeigen will.
Denn ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!