Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Im Garten

Im Garten

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.06.2021

Es ist jetzt die Jahreszeit, in der es sich wieder vor unseren Augen abspielt, das Fest des Lebens in der Natur. Es grünt und blüht und wächst und duftet allerorten und es ist eine wahre Wonne, wenn man die Gelegenheit hat, all das zu sehen und zu genießen. Gestern war dazu passend der Tag des Gartens.
Menschen und Gärten, das ist eine uralte Beziehung. Wir wurden quasi, so berichtet es die Bibel, in einen Garten hineingeschaffen, in den Garten Eden, den Gott anlegte, unmittelbar nachdem er dem Menschen seinen Odem eingehaucht hatte. Und es gab dort allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen und in der Mitte des Gartens den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Gott erlaubte den Menschen, Früchte von allen Bäumen zu essen, nur nicht die vom Baum der Erkenntnis. Man hört immer mal wieder, dass es ein Apfel gewesen sein soll, doch davon steht in der Bibel nichts. Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Adam und Eva halten sich nicht an das göttliche Gebot und sie essen doch von diesem Baum, was Gott natürlich nicht verborgen bleibt.
Und dann beginnt ein Spielchen, das wir auch heute noch allzu gut kennen. Das beliebte und immer wieder gern aufgeführte: Mich trifft keine Schuld – der war’s! Als Gott Adam und Eva zur Rede stellt, sagt sie, die Schlange habe sie verführt. Er ist noch dreister und will die Schuld sogar Gott in die Schuhe schieben: „Die Frau, die du mir zugestellt hast, hat mir die Frucht gegeben“ – frei nach dem Motto: Na, dann hättest Du Dir mit meiner Gefährtin mal etwas mehr Mühe geben müssen, dann wäre das alles nicht passiert. Ich, Adam, kann nichts dafür.
Die Konsequenzen sind bekannt: Gott schmeißt Adam und Eva raus aus dem Paradies und bestraft sie mit Vergänglichkeit. „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Ach wie wunderbar könnte doch unser Leben sein, wenn sich die beiden damals doch bloß an die Regeln gehalten hätten, oder?
Also – ich bin mir da nicht so sicher. In jedem Fall wäre unser Leben heute ein vollkommen anderes. Ja, es wäre wahrscheinlich sorgenfreier und unbeschwerter als heute, möglicherweise aber auch unglaublich viel langweiliger. Und wie es mit unseren Freiheiten aussähe, das ist auch so eine Frage.
Denn was bleibe uns, wenn wir nicht wüssten, was gut und böse ist, richtig und falsch, wertschätzend und abweisend, sinnstiftend und irreführend. Nach diesen Kriterien treffen wir unsere Entscheidungen und gestalten so unser Leben, uns Miteinander, diese Welt und selbst unsere Beziehung zu Gott. Ja, muten ihm dabei immer wieder so einiges zu, denn er hat mächtig zu tun mit unseren Fehlern, unseren Schwächen und dem ganzen Bockmist, den wir Menschen so verzapfen.
Doch nur so können wir sie tatsächlich erfahren, diese Freiheit eines Christenmenschen, von der Luther spricht. Und nur so können wir uns dafür entscheiden, unser Leben so zu führen, wie Gott es für uns gedacht hat – mit seiner Liebe und Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Happyend – Gott sei Dank!

Happyend – Gott sei Dank!

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.06.2021

Widerstehe doch der Sünde, sonst ergreifet dich ihr Gift. Lass dich nicht den Satan blenden; denn die Gottes Ehre schänden, trifft ein Fluch, der tödlich ist. Donnerwetter, denke ich, für einen Frühlingssonnabend ist das ganz schön harter Tobak. Draußen vor der Domtür der Blumenmarkt mit einem wunderbaren Meer aus bunten und duftenden Blüten und hier drin schreibt uns Anne Schuld singend diese deutlichen Worte in unsere Stammbücher.
Der Arientext hat nur 26 Worte, doch Platz genug für Sünde, Gift, Satan, Ehrschändung, Fluch und Tod. Und reimen tut er sich auch noch – das muss man erstmal hinkriegen. Georg Christian Lehms hat ihn geschrieben und beim ersten Lesen habe ich mich gefragt, warum Bach ihn überhaupt für eine Kantate verwendet hat.
Johann Sebastian Bach, der fünfte Evangelist, wie er auch genannt wird, der musikalische Verkündiger der Frohen Botschaft schlechthin und ein überzeugter Protestant. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meinem Verständnis von Evangelium und dem lutherischen Duktus von Gnade und Rechtfertigung entsprechen die Worte, die wir gehört haben, nicht. Das ist mir alles viel zu finster, zu drohend und zu hoffnungslos.
Wir Menschen mögen ja vieles sein, perfekt sind wir auf jeden Fall nicht. Das wissen Sie und das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Und so wird uns das mit dem Widerstand gegen die satanischen Fallstricke nicht immer gelingen. Natürlich sollen wir uns bemühen, sollen unserer Verantwortung gerecht werden, die uns aus unserer christlichen Überzeugung zuwächst – Verantwortung für unsere Mitmenschen, für Gottes Schöpfung und last but not least auch für uns selbst. Doch uns werden Fehler unterlaufen, wir werden immer mal wieder scheitern und eben auch so manchen Scherbenhaufen wegzuräumen haben.
„Lascia ch’io pianga“ – „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“, das ist dann mitunter die Konsequenz. Weinen wirkt ja durchaus befreiend, aber nur zu weinen, verändert die Situation meist nicht. Auch in Händels Oper Rinaldo, aus der diese wunderschöne Arie stammt, ist bis zum Happyend noch einiges zu tun. Aber, so viel sei verraten, es gibt eines.
Und in Bachs Kantate im Übrigen auch, denn die Arie, die wir gehört haben, war ja nur der Anfang. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, denn dieser hat sie aufgebracht. Doch wenn man ihren schnöden Banden mit rechter Andacht widerstanden, hat sie sich gleich davongemacht.
Das klingt schon mehr nach Evangelium, wie ich finde. Wir haben Gott an unserer Seite, der uns aus unseren Fehlern heraushilft, der stets ein offenes Ohr hat für unsere Gebete und Anliegen, der uns nicht alleinlässt mit unseren Tränen und unserem Schicksal. Und wir dürfen ihn immer und überall auf unsere Sorgen, auf unsere Angst und auf unsere Trauer aufmerksam machen.
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“, so lädt Jesus uns ein. Und er meint es ernst – mit Ihnen und mit mir. Amen.

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  Jona

Jona

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.06.2021

Am letzten Sonntag war die Geschichte Jonas Predigttext in unseren Kirchen, also genaugenommen der Anfang dieser Geschichte. Kurz zur Erinnerung: Der Prophet Jona erhält von Gott den Auftrag, die Bewohner der Stadt Ninive zur Ordnung zu rufen, traut sich aber nicht und will vor Gott fliehen. Er geht auf ein Schiff und dieses Schiff gerät in Seenot, weil Gott ein schweres Unwetter schickt, dem nicht zu entkommen ist. Jona erkennt an, dass er die Schuld daran trägt und sagt zu den anderen Männern, die sich mit ihm auf dem Schiff befinden: „Werft mich über Bord, dann wird sich das Meer beruhigen.“ Und so geschieht es auch.
Was ich mich gefragt habe: Warum springt er nicht einfach selbst über Bord? Warum zieht er seine Mitreisenden mit hinein und verlangt von ihnen, dass sie ihn ins Meer werfen? Glaubt er, er könne sich so seiner Verantwortung entziehen, weil er meint, die Menschen um ihn herum würden vor einer solchen Grausamkeit zurückschrecken? Nein, ich denke, dass Jonas Motivation eine andere war.
Sicher, er hatte keine Lust auf Gottes Auftrag, wollte nach Spanien fliehen, weit weg von Gott, wie er sagt. Doch er sieht, welche Folgen seine Verweigerungshaltung hat. Gott lässt ihn nicht laufen, er ignoriert Jonas „Ich-Will-nicht“ und macht seinen Unmut mehr als deutlich. Jona ist sich sicher, dass er durch seinen Ungehorsam gegenüber Gott sein Leben verspielt hat. Aber im Grunde seines Herzens hofft Jona dann wohl doch, dass ihn Gott nicht einfach so fallen lassen wird. Er ahnt, dass der Herr mit ihm trotz allem etwas vorhat.
Und so bügelt Jona durch seine Bereitschaft, sich in den vermeintlich sicheren Tod werfen zu lassen, seinen Fehler nicht nur aus, er wird darüber hinaus hier auch zum Botschafter für Gottes Macht, für Gottes Barmherzigkeit und für Gottes Liebe. Er demonstriert den Menschen, die mit ihm in Seenot geraten sind und andere Götter um Hilfe angebetet haben, dass es sein Gott ist, der alles in Händen hält und dem wir Menschen nicht egal sind.
Darum kann er nicht einfach heimlich von Bord springen. Darum müssen ihn die anderen ins Meer werfen, damit sie erkennen, wie Gott wirklich ist – zugewandt, vergebungsbereit und liebevoll.
Und weil Gott mit Jona weitermachen will, rettet er ihn. Nach drei Tagen im dunklen Bauch des Fisches, der ihn auf Gottes Weisung hin verschluckt hat, kommt er wieder zurück ans Land und kann seinem ursprünglichen Auftrag nachgehen, was er dann auch tut. Nach drei Tagen in der Dunkelheit zurück ans Licht – das kommt uns österlich bekannt vor.
Auch im Folgenden zeigt sich Jona immer mal wieder ziemlich bockig. Doch Gottes Geduld mit ihm ist unerschütterlich und seine Gesprächsbereitschaft grenzenlos. Und wenn er schon mit einem seiner Propheten so umgeht, wie viel großzügiger wird er dann mit uns sein. Amen.

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  Ich steh vor Dir mit leeren Händen

Ich steh vor Dir mit leeren Händen

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.06.2021

Da fühlt sich einer klein und alleingelassen, verzweifelt und verbittert. Ein fester Glaube scheint ihn nicht zu trösten, in seinen Worten klingen Zweifel und Vorwürfe an. Doch er wendet sich an Gott, nach dem er sich sehnt, den er sucht, dessen Nähe er sich wünscht – trotz allem. Der, von dem ich rede, ist der Ich-Erzähler im aktuellen Wochenlied „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Es ist eines der moderneren Kirchenlieder, in den 70er Jahren aus dem Holländischen übersetzt und ursprünglich für eine Beerdigung eines jungen Mannes geschrieben.
„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.“ So lautet die erste Strophe.
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. Lebensphasen, in denen Menschen so zu Gott beten, kennt wohl jede und jeder von uns. Immer dann, wenn wir mal nicht auf der Sonnenseite unterwegs sein können, wenn unser Lebensweg über holpriges Kopfsteinpflaster und durch tiefe Schlaglöcher führt, die uns aus der Bahn zu werfen drohen, wird unser Glaube gefordert und muss sich bewähren. Doch das tut er eben nicht immer.
Glaube ist zerbrechlich und immer wieder haben Menschen ihr Gottvertrauen verloren.
Wenn einen so etwas trifft, hat man dann eigentlich irgendetwas falsch gemacht? Hat man falsch geglaubt, nicht sorgfältig oder intensiv genug? Solche Fragen und Selbstzweifel kommen häufig noch hinzu und tragen dazu bei, dass es den Betroffenen dann noch schlechter geht.
Vielleicht fühlt sich der Beter oder die Beterin im Wochenlied genauso. „Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.“ Unvermögen zu glauben, Unvermögen, zu vertrauen, Unvermögen, den Weg zu finden, der aus der Krise herausführt. Zweifel, Trauer und Not sind große Energiefresser und manchmal kommen wir nicht mehr heraus aus einer Spirale, die sich nur abwärts dreht, aus einem Strudel, der uns unentrinnbar nach unten zieht.
„Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“ Zumindest ist noch Hoffnung wach, die Hoffnung, dass Gott uns herausholen kann aus unserem Tal, dass er unsere Not lindern, unsere Sorgen zerstreuen und unsere Trauer heilen wird; dass er unseren Schmerz in Frieden wandelt. Darum bittet der Liedtext.
Doch neben allem Zweifeln und Klagen schimmert auch die Gewissheit durch, dass Gott da ist, dass er zuhört und dass wir ihm nicht egal sind. Denn das Lied schließt mit einem starken Bekenntnis: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“ Und wir wissen: Nicht nur dann. Amen.

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  Tag des Meeres

Tag des Meeres

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.06.2021

Heute ist der Tag des Meeres. Am 8. Juni 1992 wurde er auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro ausgerufen und soll uns alle für die lebensnotwendige Bedeutung der Ozeane sensibilisieren. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass wir Menschen mit den Weltmeeren nicht so umgehen, wie es sein sollte. Überfischung, Vermüllung und Verunreinigung durch Mikroplastik sind nur ein paar Schlagworte zu dieser Problematik. Und dass wir dabei kräftig und unerschrocken an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen, ist längst kein Geheimnis mehr. Auch das ist wieder so ein Thema, bei dem man laut rufen möchte: Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Und ich weiß wohl: Wenn ich selbst davon etwas abkriegte, schadete das auch nicht.
Wir Menschen des 21. Jahrhunderts halten uns ja durchaus für fortschrittlich, auch in Bezug auf Forschung und Wissenschaft. Doch die Ozeane dieser Welt geben uns noch immer viele ungelöste Rätsel auf. Denn was sich in den Tiefen der Tiefsee abspielt, wie viel und welches Leben es dort trotz aller Lebensfeindlichkeit gibt, ist uns bis heute definitiv noch nicht bekannt. Dabei ist es gar nicht so weit entfernt. Elf Kilometer tief ist das Meer an seiner tiefsten Stelle, in etwas also die Strecke von hier nach Wolfenbüttel. Und dennoch bleiben viele Geheimnisse im wahrsten Sinne des Wortes verborgen in der Dunkelheit.
Doch das Meer ist bei weitem nicht nur Quelle von Nahrungsmitteln, Stabilisator unseres Klimas und Lebensraum unüberschaubar vieler Tiere und Pflanzen. Für mich hat es auch eine emotionale und sogar spirituelle Bedeutung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich am Meer bin und aufs Wasser schaue und die Weite des Horizontes auf mich wirken lassen kann, dann hat das auf mich eine enorm beruhigende und ausgleichende Wirkung. Ich finde, dass wir am Meer eine kleine Idee davon bekommen können, was Ewigkeit bedeutet – sowohl durch seine Größe als auch durch das niemals endende Kommen und Gehen der Wellen und den ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut.
Und doch wird es nicht ewig sein, wie uns die Bibel lehrt. „Und das Meer ist nicht mehr“, so heißt es in der Offenbarung des Johannes. Der Seher beschreibt, wie es sein wird, wenn Gottes Herrlichkeit anbricht am Ende der Zeit. Dann wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben und wir werden das himmlische Jerusalem sehen, das in der Vierung des Hohen Chores in unserem Dom dargestellt ist.
Und dann wird Gott abwischen alle Tränen von unseren Augen und wird sagen: „Siehe, ich mache alles neu.“ Doch bis dahin sollten wir sorgsam mit alledem umgehen, was er uns anvertraut hat, denn es sind Leihgaben, nicht mehr. Der Tag des Meeres soll uns auch daran erinnern. Amen.

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  Erben will gelernt sein

Erben will gelernt sein

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.06.2021

Haben Sie schon einmal etwas geerbt? Viele träumen von der reichen Erbtante in Amerika, von der niemand etwas wusste und deren Ableben dann plötzlich unerwarteten Reichtum beschert. Für andere wiederum hat sich eine Erbschaft auch schon einmal zum Albtraum entwickelt, weil persönliche Begehrlichkeiten der lieben Verwandtschaft auf einmal größer wurden als Anstand und Zuneigung. So manche Familie hat sich wegen Erbangelegenheiten im wahrsten Sinne des Wortes heillos zerstritten.
Je mehr Leute zu einer Erbengemeinschaft gehören, desto komplizierter wird es. Etwas entspannter geht es dann erst wieder zu, wenn es ganz viele Leute sind, ganz, ganz viele, so wie gestern am Welterbetag. Denn da ging es um das Erbe, das der gesamten Menschheit zusteht in Form von Denkmälern und besonderen Orten und Ensembles des Weltkulturerbes oder Naturgebilden und Naturstätten im Weltnaturerbe.
Seit 1978 nimmt die UNESCO besonders schützens- und bewahrenswürdige Güter und Orte auf der ganzen Welt in die Liste der Welterbe auf. Hier in unserer Region sind es zum Beispiel das Bergwerk Rammelsberg in Goslar, die Harzer Wasserkunst oder der Dom und die Michaeliskirche in Hildesheim.
Doch auch ohne dass sich Güter, Werte und Sachverhalte auf der Welterbeliste befinden, haben wir in allen möglichen Lebensbereichen mit Erbschaften zu tun – erfreulichen und lästigen gleichermaßen. Wenn Sie irgendwo den Satz hören: „Das haben wir schon immer so gemacht“, dann deutet das auf ein solches Erbe hin, auf das Sie gestoßen sind. Und wie gesagt, manche sind echt hinderlich, weil sie uns im Wege stehen und verhindern, dass wir vorankommen.
Auch in unserer Kirche ist das so. Wir befassen uns gerade damit, wie Kirche im Jahr 2030 aussehen kann. Auch dabei stellt sich immer wieder die Frage, auf was wir verzichten wollen, um Neues zu wagen. Alles zu behalten und gleichzeitig neue Wege zu beschreiten, ist angesichts enger Ressourcen nicht möglich und so ist die Diskussion über den Zukunftsprozess auch eine Diskussion darüber, wie wir mit dem umgehen, was wir geerbt haben.
Es wird, wie überall dort, wo sich die Gesellschaft, wo sich unser Leben verändert, darauf ankommen, sorgsam zu prüfen, welche Dinge aus der Zeit gefallen sein mögen, welche auch heute noch ihre Berechtigung haben und welche so wertvoll sind, dass sie von allen Veränderungsprozessen nicht berührt werden dürfen. Für mich gehört der Gottesdienst in die letztgenannte Kategorie. Hier besteht Einigkeit: Wir können über das Wie miteinander reden aber nicht über das Ob.
Ich glaube, dass wir bei allen Entscheidungen, die wir treffen, bei denen es um Bewahren, Verwerfen, Beenden und Neuanfangen geht, um gutes Geleit durch den Heiligen Geist bitten sollten. Denn wir sind auch begrenzt in der Bewertung der Konsequenzen unserer Entscheidungen und brauchen umso mehr die Kraft, die Liebe und die Besonnenheit dieses Heiligen Geistes – und das nicht nur am Welterbetag. Amen.

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  Eine Wasserflasche auf's Grab

Eine Wasserflasche auf's Grab

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.06.2021

Zur Ausbildung im Pfarrberuf gehörte es in dieser Landeskirche, eine ökumenische Studienreise zu unternehmen. Angehende Pfarrerinnen und Pfarrer sollten andere christliche Gemeinden kennenlernen, Kontakte knüpfen, sich in der eigenen Theologie und dem eigenen Weltbild stören lassen. Wir reisten damals – vor fast genau zwanzig Jahren – nach Namibia, genauer ins Ovamboland ganz im Norden an der angolanischen Grenze. Damals wütete die AIDS-Epidemie. Es gab zahllose Waisen, riesige Friedhöfe und wir hatten den Eindruck als ob die Menschen nichts anderes täten, als von einem Trauerhaus zum nächsten weiterzuziehen. Das Leben blieb stehen.
Es war eine unvergessliche oft bestürzende Reise.
Wir teilten uns auf, meine Kollegin und ich, die beiden jungen Frauen, fuhren in ein Dorf mit einem Pfarrhaus aus Stein, dem einzigen der Gegend. Man hatte Angst um uns. Dort haben wir eines Abends eine Bibelarbeit gemacht – halb deutsch, halb englisch. Viele der Alten verstanden deutsch. Sie hatten auf deutschen Farmen gearbeitet. Ein Mann, er kam uns uralt vor, sagte am Ende des Bibelgesprächs: jetzt begönne für ihn Versöhnung, das Ende der Apartheit – weil wir zwei weiße Frauen in sein Dorf gekommen waren und nun gemeinsam aus der Bibel lasen. Wir waren damals überwältigt und beschämt.
Später reisten wir zum Waterberg. Dort kam es 1904 zur Schlacht zwischen den Herero und der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika. Über 60.000 Hereros hatten sich mit ihren Viehherden dort versammelt. Generalleutnant Lothar von Trotha versuchte, die Herero einzukesseln. Dies misslang. Die Herero entkamen in die Wüste und verdursteten, denn der Rückweg wurde abgeriegelt, die Wasserversorgung unterbunden.
Jetzt ist dieser Massenmord wieder auf der Tagesordnung. Es geht um Schuldeingeständnis und Geld.
Und ich erinnere mich wieder an die Wasserflaschen auf den Friedhöfen im Norden. Dort standen Wasserflaschen auf den Gräbern. Später habe ich gelernt: Wer dem Verstorbenen im Leben etwas schuldig geblieben ist, stellt ihm eine Flasche Wasser aufs Grab…“ Was für ein Bild!
In der Bergpredigt Jesu heißt es: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“
Noch klingt das auf Zukunft hin. Hoffentlich stehen wir dem nicht im Weg.

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  Fronleichnam

Fronleichnam

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.06.2021

„Wir danken dir, Gott, wir danken dir und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist.“
Ein Vers aus dem 75. Psalm und ein Wort, das gut über diesem Tag zu stehen kommt, bei dem anderswo in Deutschland heute gefeiert wird, dass der „Himmel unterwegs“ ist – hier unter uns.
Fronleichnam. Hand auf’s Herz! Sie haben – jedenfalls wenn Sie wie ich gut evangelisch sozialisiert sind – auch gedacht, dass das irgendwas mit froh und Leiche zu tun hat und vielleicht ein bisschen gewundert, wo dieser Feiertag jetzt nach Pfingsten noch herkommt. Der Herr ist ja schon längst auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Keine Leiche mehr da!
In meinen Ohren hat bei „Fronleichnam“ jedenfalls immer bisschen was mitgeschwungen aus Siegfried Lenz‘ masurischen Geschichten: da erzählt er von einer fröhlichen Leich, bei der sich erkundigt wird, wo das verschiedene Tantchen denn sei? Im Sarg hochkant an die Wand gestellt, damit die Kapelle und alle anderen Platz finden beim Leichenschmaus – „da steht der Leib bequem.“
Aber, Sie ahnen es, damit hat der katholische Feiertag heute in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland nix zu tun. Es geht vielmehr um die Einsetzung des Abendmahls, um Gottes lebendige Gegenwart in Brot und Wein, ist also eine Art Gründonnerstag. Letzterer wiederum ist ein Termin, der sich für’s fröhliche Feiern nur fast eignet. Darum haben unsere lebensfrohen katholischen Geschwister den zweiten Donnerstag nach Pfingsten als Datum festgelegt.
Und so wird mit festlichem Abendmahlsgottesdienst und anschließender Prozession, gefeiert. Es ist traditionell ein schöner Umzug, mit Fahnen und Blumen, manchmal auch einem kleinen Baldachin über dem Gefäß mit der Hostie – daher der Himmel, der unterwegs ist. Man zieht hinaus und schon im Mittelalter wurden daraus Flurumgänge, Umrundungen von Feldern und Wiesen, auf denen es verheißungsvoll wächst und gedeiht, Grün explodiert.
So wurden Gottes Nähe im Abendmahl auch als Segen für Wald und Feld, Dorf und Stadt verstanden. Mithin ein Fest des Lebens!
Solche Freude und Dankbarkeit steht uns auch. Gut, dass es über diesem Tag in den Herrnhuter Losungen heute heißt: „… der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ Amen

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  House of One

House of One

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.06.2021

Vor einigen Jahren fuhr ich zum ersten Mal auf die Citykirchenkonferenz. Dort erlebte ich das Ankommen eines Kollegen aus Berlin, der schnell gefragt wurde, wie es denn um seinen „Wahnsinnsprojekt“ stünde. „Es frisst Nerven und Zeit ohne Ende, man braucht ordentlich Geld, aber es wird“, war die Antwort. Die Rede war vom „House of One“, damals eine Idee, ein äußerst ambitioniertes Vorhaben.
Die drei monotheistische Buchreligionen, die drei der Weltreligionen, die an den Einen Gott glauben und fraglos gemeinsame Wurzeln haben, wollten nun ein gemeinsames Haus bauen – und nicht nur das. Sie wollten es auch gemeinsam bauen. Ein Gotteshaus, ein Begegnungsort, ein Lernort. Vieles verbindet sich mit dieser Idee und vor allem die Hoffnung, dass die Menschen – gläubige und neugierige, tief in ihren Religionen eingewurzelte und glaubensferne – dieses Haus als das ihre annehmen und mit Leben füllen.
Während eben jener Tagung machten wir eine Exkursion in der Schweiz und schauten uns dort interreligiöse Begegnungshäuser an. Sie alle waren unter anderem entstanden, um das Miteinander der Religionen zu erlernen, mehr Gespür dafür zu bekommen, was anderen unaufgebbar wichtig ist und wo Schritte aufeinander zu und dann miteinander möglich seien können. Und schließlich galt es auch zu verstehen, was miteinander eben nicht geht oder warum es Zögern, Widerstände, Hindernisse gibt. Das beginnt bei der Architektur: wohin soll ein solches Haus ausgerichtet sein? Braucht es Glocken, ein Minarett, Wasserbecken? Wie kann es finanziert werden?
Für das „House of One“ in Berlin sollten Lottogelder verwendet werden, aber die muslimische Seite war dagegen. Es hat gedauert, bis die beteiligten Juden und Christen verstanden haben, woran es lag. Wetten sind nicht halal, deswegen konnte der Iman nicht „ja“ sagen.
Dieses Beispiel zeigt, das ehe das große Haus steht, lange Zeiten der Übung und des Hinhörens nötig sind. Schon das war ein wertvoller Teil des Weges. Jetzt konnte endlich der Grundstein gelegt werden konnte.
Dass das in zeitlicher Nähe zu Pfingsten und Trinitatis geschah, soll sicher keine christliche Dominanz beschreiben. Aber es steht für die Erfahrung, dass es der Geist des Lebens ist, auf den wir hoffen. Denn bei Sacharja und über Pfingstsonntag heißt es ja: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen“, spricht der HERR.

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  Der Tag des Heils

Der Tag des Heils

Heiko Frubrich, Prädikant - 31.05.2021

Fühlen Sie sich glücklich und zufrieden? Ich meine, so richtig, rundum? Es gibt wenige Menschen, die diese Frage mit einem uneingeschränkten: „Aber sicher doch!“ beantworten. Einige von Ihnen können sich vielleicht noch an Ruth Levin erinnern, die im vergangenen Sommer mit 103 Jahren verstorben ist. Sie war so ein positiver Mensch, der immer strahlte und niemals gejammert hat. Doch das ist ganz sicher die Ausnahme. Und ich glaube, dass das auch so eine deutsche Angewohnheit ist, jede Suppe auch gern dreimal durchzuprüfen, ob sich denn nicht doch ein Haar darin finden ließe. Und wenn man ordentlich sucht, findet man ja irgendwann auch eines.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Paulus schreibt diese Worte an die junge christliche Gemeinde in Korinth. Ein paar Worte zur Einordnung: Gerade diese Gemeinde war sehr zerstritten. Unterschiedlichste Strömungen rangen miteinander um den richtigen Weg und mitunter flogen wirklich die Fetzen. Und diese Gemeinde war nun auch nicht riesengroß. Wir dürfen uns nicht 5000 engagierte Christinnen und Christen dort vorstellen, auch keine 500, nein, es waren wohl so um die 50. Und die drohten sich nun so zu entzweien, dass das Ende des christlichen Lebens in Korinth zu befürchten stand.
Ich erkenne dort durchaus Parallelen zu unserem Leben. Wie steht es denn mit unserem Glauben und unserem Gottvertrauen, wenn es mal nicht so gut läuft? Haben Sie mit Gott gehadert angesichts dieser Pandemie oder in anderen schweren, traurigen und belastenden Lebenssituationen, die Ihnen ihr Glück und Ihre Zufriedenheit gründlich genommen haben? Bei den Korinthern war das so. Sie hatten auf Aufbruch und Hoffnung gesetzt und jetzt flog ihnen ihre neue Gemeinschaft um die Ohren.
„Siehe jetzt ist der Tag des Heils“, setzt Paulus dagegen und man möchte ihn fragen, was er wohl geraucht haben mag angesichts dessen, was sich vor seinen Augen abspielte. Doch er hat recht, damals wie heute. Denn wir dürfen nicht nur sicher sein, dass uns Gott gerade in diesen dunklen Zeiten nahe ist, unser Glaube und die Hoffnung, die uns daraus zufließt ist auch der Kompass, der uns wieder herausführt aus unseren Lebenstälern.
Gestern haben wir Trinitatis gefeiert, das Fest der Dreigestalt Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Auch in dieser Dreieinigkeit können wir Gott nicht abschließend begreifen, sie ist ein bildhafter Versuch, seinem Wesen ein wenig näher zu kommen. Doch wir dürfen sicher sein, dass uns Gott in jedweder Gestalt und immer und überall mit Liebe begegnet. Noch einmal Paulus:
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Diese Gewissheit kann uns tragen und halten und ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns dessen zeitlebens sicher sind – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Blindheit

Blindheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.05.2021

Bei dem Propheten Jesaja heißt es: „Ich, der Herr, habe dich gerufen, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.“
Wie Losungsworte immer, sind solche Verse aus dem Zusammenhang gerissen und wir darum gefährdet, sie misszuverstehen. Wiederum setzen solche Verse ohne Deutungsrahmen manchmal sehr unmittelbare Assoziationen frei, die den alten Worten möglicherweise deshalb gerecht werden, weil wir durch sie etwas in unserem Leben begreifen oder als Theologin gesagt: Weil Gott in unser Leben hineinspricht.
Dass jede und jeder von uns blinde Flecken hat, ist hochwahrscheinlich. Manchmal spüren wir ja ganz deutlich, dass wir irgendetwas übersehen oder überhaupt gar nicht sehen. Dann quält die Blindheit und wir merken, wie gefangen wir sind. Ich jedenfalls kenne das Gefühl, an anderen einfach nicht zu begreifen, warum sie sich so oder so benehmen und ahne dann, dass ich irgendetwas nicht sehe.
So ungefähr muss es auch Paul Maar, dem Schöpfer des Sams, gegangen sein. Dass herrliche Wesen im blauen Taucheranzug mit den Wunschpunkten im Gesicht, bringt Herrn Taschenbier das richtige Wünschen und obendrein sein ganzes Leben durcheinander. Es sind wunderbare, warmherzige und komische Bücher, die Paul Maar geschrieben hat. Da kann man leicht glauben, dass da einer aus der Fülle einer überbordend fröhlichen Kindheit schöpft.
Aber nun hat Paul Maar ein Buch darüber geschrieben, „Wie alles kam“. Geboren 1937 kann es keine unbeschwerte Kindheit gewesen sein, trotzdem hat es an Liebe, Freundschaft und Abenteuern nicht gefehlt. Schmerzlich ist Paul Maars Geschichte immer dann, wenn die Rede auf seinen Vater kommt. Es geht nicht gut zwischen ihnen, gibt Angst, schrecken und Schläge.
294 Seiten lang ist das so.
Und dann bekommt Paul Maar - das Buch ist eigentlich schon fertig - Kriegsbriefe seines Vaters an seine Frau in die Hände. Im Mai 1942 schrieb Edmund Maar für den Fall, dass er nicht wieder heimkäme. Er bat sie in diesem Falle Zuflucht bei seinem Bruder zu suchen, von dem er sicher wusste, dass der ein guter Mensch ist, denn: „...ich habe nur eine Angst, dass Paul einen Vater bekommen würde, der nicht gut zu ihm wäre.“
Diesen guten Vater hatte er mit ihm nicht. Aber der Brief öffnet dem Sohn die Augen und half ihm aus dem Gefängnis seines Urteils heraus. Es ist ein schmerzlicher und bitterer Moment. Er erkennt, dass es auch an ihm lag, dass der Vater bei seiner Heimkehr nicht das Kind wiederfand, dass er verlassen hatte. Es tat not. Denn:
„Ich, der Herr, habe dich gerufen, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.“



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  Spuren im Gesicht

Spuren im Gesicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.05.2021

Wenn man sein Kind lange nicht gesehen hat, erst recht, wenn man sich Sorgen macht, wie es denn gehen mag, beginnt man genauer hinzuhören, wie die Stimme klingt, gründlicher zu lesen, was zwischen den Zeilen steht und im Gesicht zu forschen, wenn man sich denn per Zoom oder Skype zu sehen kriegt. Man sucht in den vertrauten Zügen nach Spuren dessen was gewesen sein mag: Augenringen, Falten, Pickeln – und ist erleichtert, wenn man nicht findet.
Dieses Rastern der letzten Worte und Bilder erlebten gerade die Eltern des entführten belorussischen Bloggers Roman Protassewitsch. Von ihrem Sohn und seiner Freundin fehlt nach der Entführung aus einem innereuropäischen Linienflug jede Spur.
Vor dem endgültigen verschwinden gab es noch ein „offizielles“ Video. Darin lesen seine Eltern: Roman „spricht nicht seine eigenen Worte, sondern einen gelernten Text. ... Man kann annehmen, dass dieser Text ... nach Misshandlungen aufgenommen wurde. Das sieht man an seinem Gesicht. Wir meinen, seine Nase ist gebrochen und links die unteren Zähne fehlen, am Gesicht links ist eine große Beule. Und am Hals sind Würgemale zu sehen - von einer Leine oder einem Seil.“
Wer solche Spuren an seinem Kind findet, erlebt einen Alptraum, in dem die Fantasie rekonstruiert, was ihm angetan worden sein muss. Man kann sich zwingen zu hoffen, aber die Gedanken laufen unerbittlich immer in dieselbe Richtung. Man keine ruhige Minute mehr.
Roman Protassewitschs Eltern appellieren an alle Menschen, denen so etwas nicht egal ist, dafür zu sorgen, dass bekannt wird, was in ihrem Heimatland geschieht, damit die Menschen dort und ihr 27-jähriger Sohn nicht vergessen werden. Darum erzähle ich das heute.
Und weise einmal mehr auf die Aktion 100x Solidarität hin. Uns kostet das nur ein bisschen Zeit und Porte, nicht Schmerz noch Leid noch Angst.
Über dem Pfingstmontag am Anfang der Woche heiß es aus Psalm 34: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“
Deutlicher kann man nicht sagen, dass Frieden noch nicht ist sondern erst werden muss. Roman Potassewitsch hat getan, was er dafür tun konnte, dass sich die Verhältnisse ändern. Wir können uns an seine Seite stellen und sollten das dringend tun.

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  Lasst die Kinder zu mir kommen

Lasst die Kinder zu mir kommen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.05.2021

Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht“ - so heißt es im Markusevangelium. Die Verse werden in jeder Kindertaufe laut, darum heißt es auch das „Kinderevangelium“.
Die Szene dazu ist eher unangenehm. Jesus Christus ist von Erwachsenen umgeben, vornehmlich Männern (ob es Väter sind oder waren, ehe sie ihre Familien verließen und mit Jesus weiterzogen - wer weiß). Die Themen, die sie mit Jesus zu besprechen haben, sind relevant und zu wichtig, um nach hinten geschoben zu werden. Ihre Zeit ist kostbar.
Da kommen andere, namenlose - also wahrscheinlich Frauen - die ihre Kinder zu Jesus Christus bringen wollen, damit er sie „berühren“ möge. So übersetzt Martin Luther.
Vielleicht waren sie überzeugt, dass eine solche Berührung ihre Kinder unter seinen Schutz und Segen stellen würde. Vielleicht erhofften sie sich, dass er diese Kinder dann kennt und im Auge behalten würde, damit sie einen guten Weg durchs Leben finden - ganz ähnlich wie Eltern das heute tun, wenn sie ihre Kinder zur Taufe bringen.
Womöglich hatten sie aber auch Sorgen. Es war eine schwere Zeit für kleine Leute - im besetzten Land. Womöglich fürchteten sie, dass ihre Kinder nicht heil und unbeschadet groß werden können, dass ihnen Lebenschancen und eine guten Zukunft verwehrt bleiben. Vielleicht hatten die Jüngsten schon Schaden genommen?
So versuchen sie die Kindern, die oft keine Stimme oder Lobby haben, die sich ich alleine durchsetzen können, die auf Schutz und Hilfe angewiesen sind, in Jesu Nähe zu bringen. Und scheitern. Die Männer um ihn sind empört. Als wären Kinderrechte wichtiger als ihre Anliegen...
Eine Szene, die man ohne große Fantasie in die Gegenwart übertragen kann.
Wirtschaft, Spitzensport, Wahlkämpfer haben raumgreifend dafür gesorgt, dass ihre Interessen beachtet werden. Kinder mussten aufpassen, dass sie dazwischen nicht vergessen und erdrückt werden. Jetzt, wo die Großen allmählich beiseite treten, rücken sie ins Bild: Ihre Körper und Seelen zeigen Spuren von Gewalt. Wirklicher zerstörerischer Gewalt.
Gestern konnte man Zahlen hören. Sie ist so hoch, dass jeder ein Kind kennen müsste, das betroffen ist. Viele von ihnen haben wir im letzten Jahr nicht gesehen. Sie waren den Erwachsenen ausgeliefert...
Jetzt hören wir endlich wieder hin: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht“
Jetzt ist es keine Frage mehr, ob sie vorsorglich zärtlich berührt werden, damit sie behütet bleiben mögen. Jetzt brauchen sie Heilung und Segen, damit sie weiterleben können.


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  David gegen Goliath

David gegen Goliath

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.05.2021


Von Franz Beckenbauer geht die Legende, dass er in achtziger Jahren gesagt haben soll: „Was ihr Journalisten schreibt, interessiert mich so viel, als wenn in Peking ein Radel umfällt“. Später hat es ihn wahrscheinlich mehr interessiert…
So ähnlich verhält es sich mit einem Urteil des niederländischen Privatrechtes. Damals wurde ein Café-Besitzer schuldig gesprochen, in dessen ungesicherten Kellereingang ein Gast gestürzt war. Er hätte sich der Gefahr und seiner Verantwortung frühzeitig bewusst sein können und wurde nun dafür bestraft, dass sein Versäumnis bzw. sein Verhalten absehbar andere schädigt. Das Denken drehte sich um. Es ging nun nicht mehr darum, in die Vergangenheit zu sehen und bereits entstandenen Schaden wieder gut zu machen sondern um die Verantwortung für die Zukunft.
Dieses umgefallene Fahrrad hat bislang kaum interessiert. Aber jetzt der Anwalt Roger Cox einen Präzedenzfall daraus und verklagt den Ölkonzern Shell. Dieser ist für ca 1s weltweiten industriellen Treibhausgases verantwortlich. Das Unternehmen soll nun gezwungen werden, seinen Kohlendioxid-Ausstoß zu halbieren, um größeren Schaden gar nicht erst entstehen zu lassen. Zusammen mit dem Ansatz des Bundesverfassungsgerichtes eine Art Grundrecht auf Umweltschutz anzuerkennen, könnte das spannend werden.
David gegen Goliath.
Das macht Hoffnung.
Auch die Bibel kennt solche Ausweitung und Fortschreibung des Rechts von der kleinen Gemeinschaft in der Wüste rund um Mose bis zur weltweiten Christenheit. Allein im alten Testament gibt es drei Rechtssammlungen. Aus den zehn Geboten wurden ganze Codizes. Jesus Christus lehrte in der Bergpredigt, dass manche der alten Gesetze geweitet oder aktualisiert werden müssten, um das, was damit gewollt wird, weiterzutragen. Recht kann Wege gelingenden Lebens bahnen und auch die Schöpfung schützen.
Bereits König Salomo wusste: „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben.“ (Sprüche 12,28)


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  Ein Tropfen Heiliger Geist

Ein Tropfen Heiliger Geist

Henning Böger, Pfarrer - 25.05.2021

Im Kindergarten ist das Pfingstfest Thema. Die Kinder sitzen im Morgenkreis. Sie haben Lieder gesungen und die biblische Pfingstgeschichte gehört. Jetzt wird mit buntem Papier gebastelt. Die Kinder falten Blätter wie eine Ziehharmonika und schneiden eine Figur aus. Sie sind eifrig dabei, manche Zunge wandert von einem Mundwinkel in den anderen; die Finger umklammern die Bastelschere.
Später sollen sie die Figur auseinanderfalten. Dann werden sie eine ganze Kette haben aus vielen miteinander verbundenen Menschlein. Vorher aber bekommt die eine ausgeschnittene Figur noch einen Tropfen Duft-Öl aus einem Fläschchen auf den Kopf geträufelt. Und am Ende wird jedes einzelne Menschlein in der Kette einen Hauch davon haben. Ein kleiner Knirps von vier Jahren hat längst begriffen, worum es hier geht. Er läuft mit seiner Bastelarbeit zur Erzieherin, hält ihr die Figur entgegen und sagt: "Kann ich bitte auch einen Tropfen Heiligen Geist bekommen?"
Eine kleine, aber feine Szene zum Pfingstfest, das hinter uns liegt. Denn Pfingsten erzählt davon, dass es mit diesem Geist Gottes dort, wo er uns Mensch trifft, kinderleicht sein soll, gut zu begreifen, fast von selbst zu verstehen.
„Kann ich bitte auch einen Tropfen vom Heiligen Geist bekommen?“
Ja, wir dürfen getrost und von Herzen um dieses Geisteskraft Gottes bitten, die uns dort sucht, wo wir ganz Menschen sind: ängstlich und begrenzt in unseren Möglichkeiten, aber doch guten Willens, unsere Kraft in dieser Welt einzusetzen.
Rechnet damit, erinnert das Pfingstfest, dass ihr eben nicht von allen guten Geistern verlassen leben müsst, sondern Gottes Geist auf euch aus ist, euch dazu bringen will, Menschen zu sein mit Herz und Vernunft, achtsam auf Abstand und doch verbunden miteinander.
"Kann ich bitte auch einen Tropfen Heiligen Geist bekommen?"
Manchmal ist es mit Gott so kinderleicht. Davon erzählt Pfingsten: Dass Gott geistreich in uns wirken will, uns Menschen begabt und bestärkt, uns frei durchs Leben gehen lässt! Amen.

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  Die Erde braucht uns nicht

Die Erde braucht uns nicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.05.2021

„Ach, Herr, lass doch deine Ohren aufmerken, dass du das Gebet hörst“ so steht es bei Nehemia über diesem Tag. „Ach, Herr, lass doch deine Augen aufmerken, dass du diese Bilder siehst“ füge ich hinzu, denn in der Süddeutschen Zeitung springt einen heute das Porträt einer schönen jungen Frau an, die mindestens aus einer anderen Welt, wenn nicht sogar aus einer anderen Zeit zu kommen scheint.
Der brasilianische Fotograf und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Sebastiano Saldago hat das Bild gemacht. Daneben steht: „Die Erde braucht uns nicht“. Ich habe das dieses Jahr schon einmal gehört. Auf einer Tagung über die theologische Einordnung der Corona-Krise sagte die Referentin für Nachhaltigkeit der EKD in an Anlehnung an den Schöpfungstheologen Jürgen Moltmann: „Wir brauchen die Erde. Aber die Erde braucht uns nicht.“ und gemeint war der Hinweis, uns nicht länger als Hüter und Bewahrer der Schöpfung zu überhöhen, sondern als Mitgeschöpfe zu begreifen.
"Die Erde braucht uns nicht“ - das klingt ein bisschen, als würde man davongejagt. Sebastiano Saldago muss so etwas gefühlt haben, denn er hat sich im Laufe seines Lebens tief in das Elend hineinbegeben.
1994 hatte er monatelang den Völkermord in Ruanda dokumentiert. „Wegsehen ist stille Zustimmung“ sagte der Fotograf später. Aber das Zusehen hat ihn lebensbedrohlich krank gemacht. Als er nicht mehr mit seiner Frau schlafen konnte, weil aus seinem Penis Blut statt Sperma kam, ging er zum Arzt. „Ihre Seele lässt ihren Körper sterben“ sagte der. „Sie müssen aufhören!“
So ließ er seine Kunst hinter sich und ging nach Hause auf die Farm seiner Eltern, um festzustellen, dass die Erde genauso krank und müde war wie er selbst. Er hoffte, wenn er dieses Stückchen Land in Frieden beackern würde, käme der Frieden in seine Seele zurück. Aus diesem Mühen wurde kein landwirtschaftlicher Betrieb sondern wieder ein Regenwald.
„Die Erde braucht uns nicht“ ist für Sebastiano Saldago die Erkenntnis eines Heilungsprozesses. Sie wird sich, so glaubt der Brasilianer, von uns Menschen wieder erholen so wie sich die tote Erde seines Ackers erholte. Blumen sind wieder da, 300 verschieden Baumarten und 173 Vogelarten.
Jahrelang zog er sich in die tiefste Einsamkeit der Natur zurück, um in vollkommener Abgeschiedenheit Landschaften und Tiere zu fotografieren.
So wurde er wieder gesund. „Genesis“ hieß das nächste Projekt. Schöpfung. Gott alles in allem. Er wird uns nicht zuschanden werden lassen, denn: „Ach, Herr, lass doch deine Ohren aufmerken, dass du das Gebet hörst“.

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  SAID zum Gedenken

SAID zum Gedenken

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.05.2021

Am vergangenen Wochenende ist Said Mirhadi gestorben.
Der Dichter wurde 1947 in Teheran geboren. Siebzehnjährig kam er zum Studium nach München. Nach dem Sturz des Schahs 1979 ging er zurück in den Iran. Aber er konnte dort nicht bleiben.
Diesem Schicksal verdanken wir einen Künstler, der Lyrik und Prosa in deutscher Sprache schrieb und sie so gut beherrschte, als wäre er immer schon darin zuhause gewesen.
"In unserem dürren exil / wollte niemand meine persischen gedichte. / … da nahm ich zuflucht / zur deutschen sprache; / die mich aufnahm / so gastlich sie konnte." Schrieb er.
2017 erschien sein Briefwechsel mit dem viel jüngeren syrischen Poeten Yamen Hussein. Die beiden Exilanten lebten in derselben deutschen Stadt. Aber sie kannten sich nicht. In ihren Briefen schreiben sie von Flucht und Heimweh, von Ankommen, von Sprache und dem Hiersein unter uns, von Teheran und Homs, von Liebe und Poesie, von Gewalt.
SAID eröffnete das Gespräch mit folgendem Gedicht:
„die tür war offen
er brauchte nicht daran zu kratzen.
Er kam herein,
setzte sich an den tisch,
auf den freien stuhl,
aß und trank, rauchte und hörte zu.
dann ging er
und schloß die tür.“
„Der gast“ heißt der kurze Text und erinnert an Reinhard Mey, der sang:
„Gute Nacht Freunde / Es wird Zeit für mich zu gehen/ Was ich noch zu sagen hätte / Dauert eine Zigarette / Und ein letztes Glas im Stehen
Für den Tag, für die Nacht unter eurem Dach habt Dank / Für den Platz an eurem Tisch, für jedes Glas, das ich trank / Für den Teller, den ihr mir zu den euren stellt / Als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt“
Aber so selbstverständlich war es nicht.
Nicht für Said und nicht für Yamen Hussein. Nicht für die vielen, die auf dem Weg nach Europa sterben oder endlich angekommen abgewiesen werden.
"Wo ich sterbe ist meine fremde" hatte er gesagt.
Möge es eine Fremde in Frieden sein.





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  Die Tür aufhalten?!

Die Tür aufhalten?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.05.2021

Zu den unerschöpflich guten Büchern für meinen Berufsalltag gehört ein „Jahresbegleiter“ von Dorothee Sölle, der „Leidenschaft für das Leben“ heißt. Für jeden Tag des Jahres gibt es ein paar Worte. Es ist eine Fülle weiser, manchmal hochpolitischer dann wieder sehr zärtlicher Gedanken und Zitate und immer eine kostbare Fundgrube.
Ich stöber immer wieder gern darin und lese:
„Er wusste nicht mehr wozu eine zahnbürste gut ist / wie man einen schuh anzieht / selbst seinen namen kannte er nicht immer / aber es wäre ihm nie eingefallen / vor mir sagt eine freundin / aus der tür zu gehen / er hielt sie auf…“
Diesen kleinen Text habe ich vermutlich schon viele Male überblättert.
Aber jetzt springt er mich an. Nicht nur, weil das Rausgehen und dabei die Möglichkeit, die Tür für jemanden aufzuhalten für so viele alte Menschen so tabu war. Sie saßen in Schutzhaft. Erst jetzt mit dem Frühling beginnt das Aufatmen und Aufleben wieder und endlich sehen wir einander auch - nach langer Zeit– und oft vor der Tür.
Aber in den wenigen Zeilen steckt noch etwas ganz Anderes:
Dorothee Sölle erzählt von einer tief eingeprägten Geste der höflichen Aufmerksamkeit. Heute ist es längst nicht mehr selbstverständlich, dass Männer Frauen die Tür aufhalten. Die einen wissen nichts mehr davon, die anderen wollen es nicht mehr, die Dritten wissen nicht, ob das noch gewollt ist.
So bleibt die Tür übrig und jeder muss sie selbst öffnen.
Ich versteh schon, dass die Fürsorglichkeit darin als Bevormundung verstanden werden kann, als Kraftgefälle. Es ist richtig, Frauen nicht darauf zu reduzieren, das schwache Geschlecht zu sein ...
Aber solche Bereinigung der alter Verhaltensregeln zwischen den Geschlechtern macht unser Leben oft auch ärmer, leerer.
Denn eigentlich ist es schön, wenn wir achtsam miteinander umgehen, zärtlich und aufmerksam. Und wenn am Ende nur noch das übrigbleibt, ist es doch eigentlich ein gutes Zeichen, oder?

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  Viele bunte Vögel

Viele bunte Vögel

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.05.2021

Seit zwei Wochen habe ich erfreulich viel Zeit, um auch mal tagsüber längere Spaziergänge durch die Feldmark und die Rieselfelder nördlich von Braunschweig zu machen. Was mich dort besonders begeistert, ist die Vielfalt der Vogelarten, die es dort zu sehen gibt und die sich auf den flachen Teichflächen im wahrsten Sinne des Wortes eingenistet haben. Ich bin kein Experte, kann aber schon sagen, dass es dort über Störche, Schwäne, diverse Enten- und Gänsearten bis hin zu Fasanen und Amsel, Drossel, Fink und Star einen ganzen Strauß von bunten Vögeln zu sehen gibt.
Der Vergleich ist etwas holprig, aber auch wir Menschen sind ja so eine Sammlung verschiedener bunter Vögel. 7,6 Milliarden gibt es von uns auf dieser Welt und ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine zwei gibt, die in ihrem Lebenslauf, ihrem Denken und Handeln und ihrem Äußeren vollkommen gleich sind. 7,6 Milliarden bunte Vögel und jeder davon einzigartig und wunderbar.
Wir könnten uns alle über diese Vielfalt freuen und sie als Bereicherung und Chance verstehen. Viele, und ich möchte sagen, die meisten Menschen sehen das auch so. Doch es gibt auch andere Standpunkte. Solche, die allen, die in welcher Form auch immer anders sind als die Mehrheit, ängstlich, abweisend oder sogar feindselig gegenüberstehen. Die Kriterien, an denen sich diese negative Abgrenzung, die Diskriminierung, festmacht, sind sehr unterschiedlich und wir kennen sie alle. Da geht es um die Herkunft, die Hautfarbe, die Religion, den gesellschaftlichen Status, das Vermögen oder auch die sexuelle Orientierung.
Heute ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, ein recht sperriger Name für ein bedauerlicherweise aber noch immer notwendiges Mahnen. In vielen Ländern dieser Erde steht eine von der Mehrheit abweichende sexuelle Orientierung unter Strafe, nicht heterosexuelle Menschen werden sogar mit dem Tod bedroht. Und selbst in Ländern, in denen es keine rechtlichen Restriktionen mehr gibt, müssen Menschen mit mangelnder Akzeptanz und Ausgrenzung wegen ihrer sexuellen Identität rechnen – auch bei uns in Deutschland haben wir das noch nicht komplett hinter uns gelassen.
Jede und jeder von uns hat die Möglichkeit, vieles im eigenen Leben selbst zu gestalten. Wir können entscheiden, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, wofür wir uns engagieren und was uns egal ist. Doch manch anderes ist ein Gottesgeschenk, dass sich unserem Einfluss entzieht. Tag und Ort unserer Geburt gehören dazu, unsere Schuhgröße, unsere Begabungen, unsere Hautfarbe und auch unsere sexuelle Orientierung. Und bei letztgenannter geht dann eben auch um das größte Gottesgeschenk überhaupt: die Liebe. Menschen wegen solcher Attribute auf- oder abwerten zu wollen, ist gelinde gesagt ziemlich dämlich und ganz sicher nicht das, was Gott von uns erwartet.
Wir sind alle Gottes Kinder, gehören zur Heiligen Familie, zur Schar seiner bunten Vögel. Wir sind Kinder des Lichts, wie es Paulus sagt, völlig losgelöst von hetero, homo, bi, trans oder sonst was. Gott ist das egal und seine Liebe kennt diese Unterscheidung nicht. Daran sollten wir Menschen uns orientieren – ihm zur Ehre und in Jesu Namen. Amen.

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  Das Meer ist nicht mehr

Das Meer ist nicht mehr

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.05.2021

„Himmel, Erde, Luft und Meer…“ zeugen von des Schöpfers Ehr, so klingt es durch dieses Mittagsgebet. Die fünfte Strophe des Liedes heißt: „Seht der Wasserwellen Lauf, / wie sie steigen ab und auf, / von der Quelle bis zum Meer / rauschen sie des Schöpfers Ehr.“
Das geht leicht über die Lippen und verstärkt die Sehnsucht nach dem Meer, seiner Unendlichkeit und den vielen Nuancen, in denen es uns begegnen kann. Es hätte also ein ganz leichtes mai- und meergrünes Mittagsgebet werden sollen, aber dann kam gestern Mittag mit der Post das aktuelle Heft der Aktion Sühnezeichen. Beim Durchblättern bin ich auf eine Andacht zum letzten Kapitel der Johannesoffenbarung gestoßen:
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erst Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.“
Das Meer ist nicht mehr.
Wer davon träumt verbindet mit dem Meer nicht heilsame und wohltuende Zeit, entspannt im Wasser treibend, lustvoll schwimmend oder stundenlang am Strand entlang laufend, wer so schreibt, der braucht kein Meer im Leben.
„Wie bedrängend und todbringend muss das Meer sein, damit seine Nichtexistenz zu einer Vision wird, zu einer beglückenden Aussicht.“
So lese ich. Und auch, dass der Seher Johannes, so lehrt es die griechisch-orthodoxe Kirche, auf der Insel Patmos lebte. Überall Meer, soweit das Auge reicht.
Das soll kein Sehnsuchtsort sein?
Biblische Autoren romantisieren diesbezüglich nie. Im Gegenteil: das Meer ist für sie ein Ort des Todes. Und für zahllose arme elende Menschen auch. Zehntausende sind in den letzten zwanzig Jahren im Mittelmeer ertrunken und weit über 100 000 aus Seenot gerettet worden.
Hört das erst auf, wenn das Meer nicht mehr ist?
„Wenn wir als Christenmenschen von der Vision des Johannes her leben wollen, wenn wir weiterhin glauben, dass Gott größer ist als das todbringende Meer, dann müssen wir das Unsere zur Bewährung dieser Wahrheit beitragen“ schreibt die Kollegin.
Das alte Lied endet mit den Worten:
„Ach mein Gott, wie wunderbar, stellst du dich der Schöpfung dar! Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin.“ Ja, bitte drücke das in meinen Sinn!


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  Noch immer...

Noch immer...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.05.2021

Vor ein paar Jahren erschien David Großmanns Roman: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Er erzählt die Geschichte einer israelischen Mutter deren Sohn beim Militär ist. In ihrer unsäglichen Angst, dass ihr Kind sein Leben verlieren könnte, verlässt sie ihr Zuhause. Wenn die Todesnachricht sie nicht erreichen kann, wird ihr Kind nicht sterben, so die verzweifelte Hoffnung.
Es ist ein entsetzlich trauriges Buch, das vom Leid auf allen Seiten erzählt. Während David Grossmann daran gearbeitet hat, ist sein Sohn Uri gefallen. Am 12. August 2006. Grossmann war damals so alt wie ich jetzt…
10 Jahre später postete Basman Derawi aus Gaza:
„Nachts weckt mich eine schmerzliche Abwesenheit …
Ich höre, du warst ein liebenswerter Mann, … Ich berühre dein Foto, / wisch mit dem Hemdschoß / eine Träne weg / damit dein Bild heil bleibt.
Ich schau in den Spiegel / und seh Spuren von dir: / die gleichen kleinen dunklen Augen, / das runde Gesicht, das breite Lächeln …
Es brennt, weil ich den Geruch / deiner warmen Hand nie kannte / weil ich dich nie Papa rief.“
Wer weiß welche Texte in diesen Tagen jetzt, heute nacht, in Israel, in Gaza und den Palästinensergebieten entstehen – während ein neuer Krieg ausbricht.
Es muss doch in jeder Familie Einschläge geben, Opfer von Krieg und Gewalt.
Das ganze Land muss voller verwaister Eltern und Großeltern, Witwen, Witwer und Waisen sein. Überall müssen Brüder, Schwestern und Geliebte fehlen.
Es ist doch unfassbar, dass man noch immer Menschen findet, die bereit sind, im eigenen Land Raketen abzuschießen…
Dass man noch immer Menschen findet, die glauben, dass militärische Gewalt Wege bahnt, Recht verschafft, Unrecht sühnt.
Von hier aus stellen sie solche Fragen besonders schwer.
Es ist ja eine der Folgen des Holocaust, dass sich die Konflikte im Nahen Osten verschärft haben. Und auch: So lange ist es nicht her, dass Deutsche auf Deutsche geschossen haben.
Umso mehr sollten wir – auch hier – darum ringen, dass unser Reden und Tun gewaltfrei bleibt, das Hetze und Hass keine Ohren finden.
Und für den Frieden beten. Immer wieder.



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  Jerusalem

Jerusalem

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.05.2021

In Israel heulen Sirenen und fliegen Raketen, von den einen gefürchtet, von den anderen bejubelt. Einmal mehr ist das Heilige Land Austragungsort militärischer Auseinandersetzungen. Der Tempelberg ist so vielen Menschen heilig. Aber das schützt sie und ihn nicht vor Gewalt und Blutvergießen. Der Glauben an den einen Gott stiftet keinen Frieden.
Toleranz zwischen den Religion ist oft nicht mehr als das, was das Wort ursprünglich sagt: gegenseitiges Ertragen und Erdulden. Von dort zum wirklichen Miteinander sind es weite Wege und wir alle noch lange nicht am Ziel. Dabei bekennen Juden, Muslime und Christen den einen Gott und wissen um ihre religionsgeschichtliche Verbindung.
Es wäre naheliegend, solche Nähe zu leben und so dem einen Gott die Ehre zu geben aber es ist offenbar eine menschliche Wahrheit, dass geschwisterliche Konkurrenz manchmal mit aller Härte aufgeflochten wird. Dies umso mehr, je näher man beieinander lebt.
Hier in Braunschweig kennen wir solche Enge nicht. Trotzdem sollten wir uns vor Eigenlob hüten.
Es wird seinen guten Grund haben, dass die Stadt Braunschweig hinterm Dom (oder davor - je nachdem), die Christentumssäule des Künstlers Jürgen Weber aufstellen ließ. Vergewisserung einer langen nicht immer heilvollen und friedlichen Geschichte.
Obendrauf finden sich die drei Ringe, Symbol der Lessingschen Ringparabel aus Nathan dem Weisen: ein kostbarer Opal, der die Eigenschaft hat, vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wanderte in einer Familie vom Vater auf den liebsten Sohn, bis er auf einen Vater traf, der die Entscheidung nicht treffen wollte, weil er seine Söhne gleichermaßen liebte. Darum ließ er heimlich Kopien anfertigen. Später war nicht mehr zu unterscheiden, welcher Ring denn nun der echte ist. Das hätte sich an seiner Wirkung erweisen sollen. Darum urteilte ein weiser Richter:
„Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!“
Und wenn das so wäre, dann würde Jerusalem endlich die Stadt nach der sich alle sehnen.

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  Leihgaben

Leihgaben

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.05.2021

Sogar der Tagesschau war es eine Meldung wert: Bill Gates und seine Frau Melinda lassen sich scheiden. Du meine Güte, denke ich, so etwas Außergewöhnliches ist das ja nun wirklich nicht. Allein in Deutschland werden in jedem Jahr an die 150.000 Ehen geschieden, das sind gut 400 jeden Tag. Und nun lässt sich da jemand in den USA scheiden und Presse, Funk und Fernsehen sind voll davon. Ja, natürlich ist Bill Gates eine international bekannte Persönlichkeit und steht insofern auch mit seinem Leben im Licht der Öffentlichkeit.
Doch ich denke, dass es nicht allein und nicht in erster Linie der Bekanntheitsgrad ist, der diese Scheidung der Eheleute Gates in die Schlagzeilen gebracht hat, sondern es ist das viele Geld, um das es geht. Bill Gates gehört zu den reichsten Menschen der Welt und ganz offenbar scheint es ein großes Interesse an der Frage zu geben, welche Konsequenzen denn nun diese Scheidung für sein Vermögen und das seiner Frau haben wird.

Schon bemerkenswert, wie ich finde. Dass so eine Trennung ganz sicher auch mit Schmerz und Leid und Trauer zu tun hat, dass da ein gemeinsamer Lebensweg endet und sich zwei Menschen komplett neu sortieren müssen, weil eine über Jahrzehnte verlässliche Größe in ihrem Leben weggebrochen ist, davon ist kaum etwas zu lesen, wohl aber über 120 Milliarden Dollar, die es nun irgendwie zu verteilen gilt.
Unser Denken, unsere Entscheidungen, unser Handeln, ja diese Welt insgesamt sind in hohem Maße von materiellen Einflüssen bestimmt. Wer die Musik bezahlt, darf auch bestimmen, was gespielt wird. Dieser Zusammenhang von Geld und Macht, er ist nicht zu leugnen und es ist an uns Menschen, dafür zu sorgen, dass es sozialen Ausgleich gibt zwischen Arm und Reich in unserem Land aber auch zwischen den Ländern in der Welt insgesamt.

Doch diese Fokussierung auf Materielles darf uns vor allem über eines nicht hinwegtäuschen: Bei den wirklich existenziellen Fragen kommen wir mit Geld und Macht nicht weiter. So wenig, wie das milliardenschwere Vermögen der Eheleute Gates ihre Beziehung retten konnte, so wenig können wir uns Zufriedenheit, Gesundheit oder Liebe kaufen. Und wir können am Ende unserer irdischen Reise nichts mitnehmen, denn all das, was uns hier zur Verfügung steht, ist bestenfalls geliehen – auf ewig behalten können wir nichts davon.
Über dem heutigen Tag heißt es aus dem 5. Buch Mose: „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des Herrn, deines Gottes.“ Diese Erkenntnis erdet, denn sie macht uns deutlich, von wem alles kommt und zu wem alles geht. Und sie entlastet auch, wie ich finde, denn uns wird gesagt, dass wir alles, das Gute und das Schlechte, zurücklegen dürfen in Gottes Hand. Denn dort ist beides gut aufgehoben. Amen.

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  Wahrheit

Wahrheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.05.2021

Können Sie sich noch daran erinnern, dass es in Niedersachsen mal Regierungspräsidenten gab? Einer davon hatte seinen Amtssitz gleich hier um die Ecke. Es gab sie nur ein paar Jahre, von 1978 bis 2004 und kaum jemand erinnert sich wohl noch an die Namen der Amtsinhaber, außer, man kannte einen von ihnen persönlich. Vor 2000 Jahren hatte das römische Reich vergleichbare Verwaltungsstrukturen, wobei die römischen Regierungspräsidenten wesentlich größere Machtbefugnisse hatten und überdies Statthalter hießen. Der berühmteste unter ihnen war unbestreitbar Pontius Pilatus.
In jedem Gottesdienst erinnern wir an ihn, wenn wir unser Glaubensbekenntnis sprechen: „gelitten unter Pontius Pilatus“. Er verhört Jesus Christus und die Bibel berichtet recht ausführlich darüber. In diesem Verhör stellt Pilatus eine bemerkenswerte Frage: „Was ist Wahrheit?“ Eine wirklich große Frage und sie ist auch in unseren Zeiten höchst aktuell, wie ich finde.
Es gibt immer mehr Möglichkeiten, sich zu informieren. Waren es vor ein paar Jahrzehnten im Wesentlichen noch die Zeitung, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das Buch, so stehen wir heute im digitalen Zeitalter vor unüberschaubaren Informationsfluten im Internet, die kaum mehr zu verarbeiten sind. Damit einher geht die Problematik, dass diese Vielfalt den Informationslieferanten auch die Möglichkeit gibt, ganz bewusst falsche Informationen zu verbreiten. Fake news gehören mittlerweile zu unserem Alltag und sie werden von bestimmten Kreisen ganz bewusst für ihre eigenen Ziele eingesetzt. Der ehemalige amerikanische Präsident ist ein Paradebeispiel dafür, die Infiltration des Internets mit falschen Nachrichten durch nationale Geheimdienste, um Wahlen zu beeinflussen, ist ein anderes. Und so mach totalitäres System lässt den freien Informationsaustausch über das Internet gar nicht erst zu.
Auch in unserem Land wurde versucht, Information und Meinung ganz bewusst zu steuern. Heute vor 88 Jahren, am 10. Mai 1933, wurden in Deutschland Bücher vor allem jüdischer, sozialdemokratischer, marxistischer und pazifistischer Autoren verbrannt, deren Haltung den Nazis nicht in den Kram passte. Auch bei uns in Braunschweig brannten die Scheiterhaufen vor dem Schloss und vor der TU.
Ziel der Nazis und Ziel eines jeden totalitären Regims und totalitär denkender Menschen ist es, die Wirklichkeit auf die ganz eigene Wahrheit zu reduzieren. Um dem entgegenzuwirken ist unter anderem ein freier Journalismus existenziell. Allerdings hat auch in Deutschland in den letzten Jahren der Druck auf Journalisten erheblich zugenommen. Die Behinderung ihrer Arbeit ist besonders durch jene, die meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, mittlerweile Gang und Gäbe. Hier gilt es, wachsam zu sein und klar Position zu beziehen, auch als Kirche.
Über dem heutigen Tag heißt es: „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ Möge Gott uns geben, dass sich uns diese Schätze eröffnen und wir unser Leben daran ausrichten können – mit seiner Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Sophie Scholl

Sophie Scholl

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.05.2021

Heute jährt sich das Kriegsende vor 71 Jahren.
Morgen ist der 100. Geburtstag von Sophie Scholl, die das selbst schon nicht mehr miterlebt hat.
Ihr Tod ist einer von den Millionen zu frühen gewaltsamen Abbrüchen von Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert.
Ihre Büste steht in der Walhalla zwischen Dichtern, Malern, Komponisten, Architekten, gekrönten und gewählten Häuptern und so wurde in Bayern amtlich, dass sie eine bedeutende Persönlichkeit "teuschter Zunge" ist.
Das hätte sie selbst von sich wohl nicht so gesagt. Vielmehr:
"In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen etwas 80 - 100 Flugblätter vom zweiten Stockwerk der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden."
So beschreibt sie selbst während der Vernehmung den Moment am 18. Februar 1943, der sie, ihren Bruder Hans und den gemeinsamen Freund Christoph Probst vier Tage später das Leben kosten wird.
An dem Wochenende dazwischen, so erzählt es Barbara Beuys in ihrer Biografie waren in Scholls Elternhaus in Ulm ihre Eltern und Geschwister beieinander. Werner Scholl soll damals seine Mutter Lina gebeten haben, etwas aus der Bibel vorzulesen.
Sie wählt eine Stelle aus dem 2. Makkabäerbruch. Dort wird erzählt, dass Antiochus IV, eine Frau und deren sieben Söhne zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen. Einer nach dem anderen weigert sich und bezahlt das mit seinem Leben. Als auch der Jüngste an der Reihe ist, soll seine Mutter ihn überreden und sie sagt:
"Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Schoß entstanden seid, und den Odem und das Leben habe ich euch nicht gegeben noch habe ich zusammengefügt, woraus jeder von euch besteht. Darum wird der, der die Welt geschaffen und alle Menschen gemacht und das Werden aller Dinge erdacht hat, euch den Odem und das Leben gnädig zurückgeben, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen keinerlei Rücksicht nehmt auf euch selbst."
Später kommt ein Anruf, der darüber informiert, dass der Prozess gegen Hans und Sophie Scholl am Montag, 22. Februar 1943 im Münchner Justizplast stattfinden wird.

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  Behutsam will ich dir begegnen

Behutsam will ich dir begegnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.05.2021

Eines der Lieder, das mir zu singen fehlt, habe ich in einer kleinen Südtiroler Bergkapelle gelernt: „Behutsam will ich dir begegnen, Dir zeigen, Du bist nicht allein. Der Engel Gottes wird uns segnen, das Licht an unsrer Seite sein. Mit Sanftmut will ich dich berühren…“
Wir waren auf dem dreiwöchigen Konfirmandenferienseminar – ich war zum ersten Mal dabei, als Vikarin. Einer der tiefen Eindrücke dieser Zeit war es, zu sehen, wie sich die Mädchen und Jungen in den drei Wochen veränderten. Als Mutter erlebte ich das später an meinen eigenen Kindern und habe manches Mal von Eltern schmerzlich wehmütig gehört, sie hätten Kinder in den Zug gesetzt und junge Erwachsene abgeholt. So war es tatsächlich oft. Kinder, die Angst vor Heimweh hatten, wollten gar nicht mehr zurück. Mädchen, die in Jogginghosen und Kapuzenpullis in den Zug einstiegen und sich in ihrer weiten Montur versteckten, kamen als braungebrannte junge Frauen in Tops und kurzen Hosen heim, rechts und links einen Jungen, der vor der Reise gar nicht wusste, dass er flirten kann.
Aber nicht nur das. Drei Wochen hinter und in den Bergen, stets umgeben von einer atemlos machenden Natur und dazwischen beschäftigt mit den großen Fragen: wer bin ich denn eigentlich und was hat Gott mit mir vor, wie will ich leben und welche Spuren im Leben der anderen hinterlassen, gehen nicht spurlos an einem vorbei – erst recht nicht, wenn die vertraute Rolle als Klassenclown oder Nesthäkchen nicht gespielt werden kann.
Oft erlebten wir an den jungen Menschen eine bezaubernde Entdeckungsreise zu sich selbst. Dabei galt es, behutsam zu sein und liebevoll einerseits – und so ehrlich wie möglich andererseits. Sich selbst kennenzulernen ist, als würde man eine Landkarte malen – mit weiten Wiesen und undurchdringlichen Wäldern, Sümpfen, Bergen, klaren Seen, Morast, Steinen, Blumen. Keineswegs gut ausgeschildert oder überall mit Sicherungen am Weg versehen. Zu solcher Landkarte, die wir miteinander malten, gehörte immer auch ein Datum und die Erkenntnis, dass dort, wo ich mich heute verirren würde morgen vielleicht ein klarer Weg zu sehen ist und auch andersrum: manches Schneefeld verdeckt Gletscherspalten und ist keineswegs so sicher wie gedacht.
An all das habe ich mich erinnert, als ich heute Morgen den Bericht einer jungen Frau las, die als Mädchen geboren zum Mann wurde und dann den mühsamen Rückweg zu sich selbst gegangen ist. Heute begleitet sie die Frage, ob es tatsächlich gut ist, wenn Jungen und Mädchen mit 14 Jahren elternunabhängig über ihr Geschlecht entscheiden können.
Jungen und Mädchen brauchen Gehör und Behutsamkeit denke ich und die Freiheit, ihre eigene Landkarte zu erkunden ohne von Erwachsenen getrieben oder festgelegt zu werden. Und sie brauchen Zeit. Miteinander. Jetzt.

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  Aller Augen warten auf Dich

Aller Augen warten auf Dich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.05.2021

In der Tageslosung heute heißt es aus dem 145. Psalm:
„Aller Augen warten auf dich…“
Oh ja. Wir warten. Nicht nur auf die unmittelbare schnelle Besserung aller Umstände, sondern vor allem auch darauf, dass Heilung endlich auch dort beginnen kann, wo wir es im Moment nicht sehen und nicht hören. Oft sind es ja gerade die Wunden, die am schlechtesten heilen, die dort geschlagen werden, wo keiner hinsieht und niemand drüber spricht, wo Menschen versuchen allein fertig zu werden mit ihrer Not.
Ich jedenfalls warte dringend, dass Kinder wieder fröhlich und unbekümmert zusammenkommen können, dass Jugendliche schwimmen, tanzen, küssen dürfen, dass die Welt wieder so weit wird, dass die Enge und Dunkelheit aus der Seele verschwindet. Ich warte darauf, dass es klingt wie im Märchen vom Eisernen Heinrich, als das Band vom Herzen springt, weil es nun geheilt ist.
In der Tageslosung heißt es weiter, wie wir es in einem anderen Leben vor Mahlzeiten gesungen haben:
„Aller Augen warten auf dich, HERR, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen.“
Speise zu rechten Zeit…
Mehr als sonst klingt das jetzt in meinen Ohren wie: Und du gibt’s ihnen ihre Speise rechtzeitig. Ehe es zu spät ist. Nahrung, nicht nur für den Leib, sondern auch für die Seele, kommt.
Aber ein bisschen ratlos macht mich das letzte Wort: Wohlgefallen.
Es geht doch um Heilung und Ganz-Sein, um Liebe und Freude, um Frieden im Herzen und in der Seele, in unserer Gesellschaft und unserer Welt.
Aber Wohlgefallen. Sollen wir davon satt werden?
Die Basisbibel übersetzt anders: „Du öffnest deine wohltuende Hand und alles, was lebt, wird satt.“ Und so gehört und gelesen, heißt es dann vielleicht: Es gefällt Gott, er hat Wohlgefallen daran, uns zu sättigen mit allem, was wir zum Leben brauchen.
Möge er uns auch Vertrauen schenken und Zuversicht, dass all seine Wohltat die Ausgezehrten rechtzeitig erreicht.

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  Bin ich schön?

Bin ich schön?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.05.2021

Zoomen ist anstrengend, nicht nur weil wir uns dabei konzentrieren und vor allem auch disziplinieren müssen, sondern – so habe ich sehr einleuchtend gelesen – weil wir die ganze Zeit auch uns selber sehen und immer gleichermaßen angestrengt, genervt oder ausdrücklich desinteressiert dabei zugucken müssen, wie wir selber „rüberkommen“. Das führt für viele Menschen zu einem neuen Blick auf sich selbst, der allermeist bei weitem unbarmherziger und kritischer ist als der Anderer.
Kontrolle über das eigene Erscheinungsbild zu behalten, wenn man nicht mal mehr aus dem Haus muss, ist dabei nicht so einfach. So verstärkt sich ein Thema, das auch ohne Corona absurde Blüten getrieben hat:
Bin ich schön? Und was heißt das überhaupt: Schönsein?
Für Schönheit gibt es keine wirklich Definition. Schön ist, was Wahrnehmung angenehm macht. Folgerichtig spannt sich ein weites Feld zwischen natürlicher Schönheit und solcher, die man herstellen kann. Weil Menschen sich danach sehnen, von Schönheit umgeben oder eben selbst schön zu sein, ergibt sich hier ein Markt. Geld wird mit schönen Orten und schönen Dingen verdient und nicht zuletzt in der Schönheitsindustrie und –Chirurgie. Ganz vorn dabei ist Südkorea, ein Pilgerort für Schönheitsuchende. Dort gibt es allein in Seoul über 500 Kliniken. Es ist ganz normal, eben eine gute Investition in die Zukunft, wenn Eltern ihren Töchtern zum Schulabschluss die Weitung der Mandelaugen durch Verdopplung der Lidfalte oder eine Nasenbegradigung schenken. Analog zum Führerschein, den es anderswo gäbe. Denn es geht nicht um Freude sondern um Erfolg, um Qualifikation für einen guten Job.
Dahinter steht ein normierter Schönheitsbegriff, der ein bestimmtes Gesicht zu verlangen scheint – und vielleicht eine veränderte Sehgewohnheit. Es geht, so habe ich gelesen, um eine gemeinsame makellose Identität.
Dabei ist gerade Schönheit etwas ganz und gar Unnormierbares.
Die koreanische Fotografin Kim Geum-hee erzählt, dass sie mit Menschen, die sich von ihr porträtieren lassen möchten, zunächst lange erzählt. Sie fragt danach, was Menschen lieben und mögen und wartet darauf, dass sich ihr Gesicht im Erzählen über die schönen Dinge des Lebens löst und entspannt, klar wird und hell. Nachdem sie selbst drei Beratungen in Schönheitskliniken erlebt und ihre angebliche Korrekturbedürftigkeit zur Kenntnis genommen hat, sagt sie: „Diese Art Schönheit will ich nicht.“ So gesehen ist Schönheit keine Form, kein ideales Maß, sondern ein inneres Licht.
Schließlich: Wenn Himmel und Erde von der Ehre und Herrlichkeit Gottes erzählen, warum nicht auch unsere so unterschiedlichen Gesichter?

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  Unterwegs

Unterwegs

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.05.2021

Nach dem es letzte Woche geregnet hat, kann man den Bäumen beim Grünwerden förmlich zusehen. Haben Sie die Gelegenheit genutzt, um schon mal eine Wanderung durch die frühlingshafte Umgebung zu machen? Ich finde, dass man dabei gut den Kopf frei kriegt, neue und schöne Eindrücke mitnehmen kann und mal etwas größer gedacht: So eine Wanderung hat für mich auch immer so einiges mit unserem Leben insgesamt gemein.
So, wie unsere Wanderwege, die wir gehen, so sind wir auch auf unseren Lebenswegen unterwegs. Jede und jeder von uns hat ihren oder seinen ganz individuellen. Und so, wie die Wanderwege im Elm oder im Harz bringen uns auch unsere Lebenswege an Abzweigungen und Kreuzungen, an denen wir uns entscheiden müssen, wo wir weitergehen wollen, rechts oder links oder geradeaus.
Unsere Wege führen uns zu Rastplätzen, an denen wir bleiben können. Unser Elternhaus, unsere Schule, unser Arbeitsplatz sind solche Rastplätze, an denen wir Zeit verbringen und Weggefährten treffen können, die uns begleiten und die wir begleiten – ein kurzes Stück oder eine sehr lange Etappe. Wir teilen mit ihnen Erlebnisse, meistern Herausforderungen, schließen Freundschaften. Wege trennen sich wieder, es gibt Abschiede, wir machen neue Bekanntschaften und je länger wir unterwegs sind, desto mehr erfahren wir, desto trainierter sind wir unterwegs.
Unsere Wanderungen in der Natur können ganz unterschiedliche Ziele haben. Unsere Wanderungen auf unseren Lebenswegen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben alle dasselbe Ziel. Doch wie wir dieses Ziel verstehen, das ist sehr unterschiedlich.
Mir sagte mal jemand, dass jedes Leben auf die größte, vorstellbare Katastrophe zusteuert: den Tod. Für Menschen, die das so sehen, enden unsere Lebenswege im Nichts, in einem schwarzen Loch, an einem ultimativen Nullpunkt. Mich schaudert bei einer solchen Vorstellung und ich verstehe, dass Menschen in Panik verfallen, in Torschlusspanik und alles unternehmen, um aus diesem Leben so viel wie möglich herauszuquetschen, gehetzt und voller Angst etwas zu versäumen.
Für uns Christinnen und Christen ist das Gott sei Dank anders. Unsere Wege führen uns nach Hause, wir sind unterwegs auf unserem Heimweg. Wir haben Ostern im Rücken, das Fest, das uns für diese Sicht der Dinge den Mut und die Hoffnung gibt. Wir dürfen wissen, dass es am Ende unserer irdischen Wanderung weitergeht, dass etwas Großartiges auf uns wartet, wenn wir zu Hause angekommen sind. Denn Gott hat für uns in Jesus Christus eine Tür aufgestoßen, die uns eine Perspektive ermöglicht, die weit über all das hinausweist, was wir mit unserer menschlichen Vernunft überhaupt fassen können.
Und auch, wenn wir auf einigen Streckenabschnitten unseres Lebens den Eindruck haben, dass gerade kein Wegbegleiter für uns da ist, einen haben wir immer an unserer Seite: unseren Freund und Bruder Jesus Christus. Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, verspricht er uns. Darauf dürfen wir uns verlassen – auf glattem Asphalt genauso wie auf holprigen Feldwegen und in tiefen Schlaglöchern. So lässt es sich gut unterwegs sein, im Leben ebenso wie im frühlingshaften Braunschweiger Land. Amen.

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  …und des Friedens kein Ende in seinem Königreich

…und des Friedens kein Ende in seinem Königreich

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.04.2021

Vor so etwa 130 Tagen war Weihnachten. Haben Sie noch Bilder von diesem in 2020 so besonderem Fest in Erinnerung? Vieles war anders als wir es gewohnt sind, anders auch als wir es liebgewonnen haben. Es gab keinen Weihnachtsmarkt, viele Gottesdienst sind ausgefallen, andere, wie hier bei uns am Dom, konnten nur mit wenigen Menschen und großem Abstand zueinander gefeiert werden und es gab auch kein kräftig gesungenes „O, du fröhliche“.
Doch wiederum gab es trotz allem auch vertrautes, so zum Beispiel die weihnachtlichen biblischen Lesungen. Und ein Ausschnitt aus der folgenden ist die Tageslosung für heute: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich.“
Wir hören diesen Text jedes Jahr aufs Neue und wir verstehen, dass Jesaja hier in göttlichem Auftrag das Kommen Jesu Christi angekündigt hat. Dieser Teil seiner Prophezeiung ist eingetreten, aber was ist mit dem Rest? Was ist mit „des Friedens kein Ende in seinem Königreich“? Haben wir da irgendwas verpasst?
Ein Blick in die Tageszeitung oder eine Nachrichtensendung im Fernsehen ließe uns sehr schnell zu dem Schluss kommen, dass Jesaja hier mit seiner Prophezeiung wohl kräftig danebenlag. Denn wenn wir auf dieser Welt von etwas meilenweit entfernt sind, dann ja wohl von Frieden ohne Ende, oder wie sehen Sie das? Ich habe neulich Zahlen gesehen, wie viel Geld die einzelnen Staaten dieser Welt für Rüstung ausgeben und es fällt selbst mir als Banker schwer, diese Beträge zu begreifen. Frieden ohne Ende geht anders.
Doch ich denke, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir immer nur auf Gott warten, damit er alle Probleme für uns löst, vor allem meine ich solche, die wir selbst zu verantworten haben. Wie ein Leben in Frieden und Liebe zueinander geht, hat Gott uns in seinem Sohn eindrucksvoll vorgelebt. Darum hat er ihn in diese Welt geschickt, was wir ja alljährlich an Weihnachten feiern. Doch dieses Beispiel nun mit Leben im Hier und Jetzt zu füllen, das ist und bleibt nun mal unser Job.
Und ja, man möchte die Leute, die für die Rüstungsausgaben verantwortlich sind, gern mal am Schlafittchen packen, sie alle an einen Tisch holen und ihnen sagen: Schaut auf Jesus Christus. Der hat Euch gezeigt, wie es gehen kann. Nun bemüht Euch endlich mal und macht was draus!
Klingt naiv und weltfremd, ich weiß. Doch es ist ja gerade das Thema, dass Frieden so Welt-fremd ist. Und mal ganz persönlich: Ich möchte mir diese naive Hoffnung und den Glauben, dass es uns Menschen irgendwann einmal gelingt, friedlich und liebevoll miteinander zu leben, nicht nehmen lassen. Denn wenn diese Hoffnung erst einmal gestorben ist, dann ist es die Chance auf Frieden ohne Ende auch. Ich denke, dass Gott will, dass wir es immer weiter versuchen, ihm zur Ehre und im Namen des Kindes, das uns geboren ist. Amen.

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  Demut

Demut

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.04.2021

Niemand ist überflüssig. Er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Natürlich ist dieser Spruch nicht so ganz ernst gemeint. Doch er deutet auf eine gewisse menschliche Schwäche hin, jene nämlich, aus bereits gemachten Fehlern anderer zu lernen. Das gelingt uns nur eingeschränkt gut und oft genug holen wir uns dann selbst nochmal eine blutige Nase, weil wir die unseres Mitmenschen irgendwie nicht so ganz ernst genommen haben und lieber selber nochmal vor die Wände laufen, vor die schon andere vor uns gelaufen sind.
Erfolgversprechender scheint es zu sein, wenn wir uns nicht auf die Fehler anderer fokussieren sollen, sondern auf ihre Stärken. Menschen entwickeln große Motivation und Energie, wenn sie einem Idol nacheifern. Ein solches Idol kann ein erfolgreicher Sportler sein, eine gute Sängerin, ein Bestsellerautor, ein Arbeitskollege oder eine Freundin, die etwas gut kann, was auch wir gerne so gut können würden. Unsere Eltern können unsere Vorbilder sein, genauso wie unsere Lehrer, oder, oder, oder.
Was solche menschlichen Positivbeispiele von den Negativbeispielen unterscheidet ist auch, dass erstgenannte oftmals in besonderer Weise ausgezeichnet werden. Ihnen werden Oscars und Grammys verliehen, nationale und internationale Kulturpreise, Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, Pokale und diverse andere Ehrenabzeichen. Auch das Bundesverdienstkreuz ist in diesem Zusammenhang zu nennen als eine Auszeichnung für Menschen, die sich in besonderer Weise um das Gemeinwohl verdient gemacht haben.
Auch Kardinal Marx sollte das Bundesverdienstkreuz bekommen für seinen beispielgebenden Einsatz für Geflüchtete. Marx hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder und sehr klar für Gerechtigkeit und Solidarität in unserer Gesellschaft gegenüber den hier bei uns angekommenen Geflüchteten eingesetzt.
Als nun bekannt wurde, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden sollte, kam deutliche Kritik auf. Diese machte sich insbesondere daran fest, dass Marx auch bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche Verantwortung trage und dieser gesamte Themenkomplex bei weitem noch nicht zufriedenstellend abgeschlossen sei.
Kardinal Marx hat daraufhin Bundespräsident Steinmeier gebeten, von der Auszeichnung abzusehen, auch, um Missbrauchsopfer nicht noch mehr zu verletzen. Ich finde, dass dieser Schritt aller Ehren wert ist. Es ist kein Schuldeingeständnis, aber ein deutliches Zeichen für eine angemessene und demütige Sensibilität.
Wenn jemand bereit ist, in Demut und Bescheidenheit auf persönliches Lob zu verzichten, dann ist das eine durchaus christliche Lebensäußerung. Denn Jesus Christus sagt von sich selbst: „Ich bin sanftmütig und von ganzem Herzen demütig.“ Selbst ihm als Sohn Gottes war also Demut nicht fremd. Demut als Verneigung des eigenen Egos vor etwas Größerem – sie kann ein guter Wegweiser sein auf unseren Lebenswegen und das nicht nur, wenn es um das Bundesverdienstkreuz geht. Amen.

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  WORKER’S MEMORIAL DAY

WORKER’S MEMORIAL DAY

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.04.2021

Heute ist der Worker’s Memorial Day, der Tag des Gedenkens an Lohnarbeiter, die auf Grund ihrer Arbeit verletzt wurden, erkrankten oder sogar ihr Leben verloren haben. Der Gedenktag wurde in 80er Jahren in Kanada ins Leben gerufen und 1996 vom Internationalen Gewerkschaftsbund weltweit übernommen.
Allein in Deutschland ereignen sich im Jahr rd. eine Million Arbeitsunfälle, mehrere Hundert davon mit tödlichem Ausgang. Bei den in unserem Land über 40 Millionen Erwerbstätigen ist das eine im internationalen Vergleich eher geringe Quote. Doch wie immer, wenn es um Statistiken geht, darf man nicht vergessen, dass hinter jeder einzelnen Zahl ein individuelles Schicksal steht, ein wertvolles Menschenleben, dass durch einen Unfall beeinträchtigt oder sogar zerstört wird.
Dass die Zahlen in unserem Land dennoch vergleichsweise niedrig ausfallen, liegt sicherlich auch an den hierzulande geltenden Sicherheitsvorschriften, die das Leben und die Gesundheit der Menschen schützen und bewahren. Hier und da wird immer mal wieder Kritik laut, dass so manches überreguliert und dadurch umständlich und bürokratisch ist und so die Preise steigen und die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Doch wenn dadurch Menschenleben geschützt werden, haben diese Vorschriften ganz sicher ihre Berechtigung.
In anderen Ländern ist die Situation wesentlich schlechter. Dort werden Menschen und ihre Arbeitskraft in erster Linie als Produktionsfaktoren gesehen und bewertet und Arbeitsschutz lediglich als Kostenfaktor. Ein sehr prominentes Beispiel dafür ist Katar.
Dort soll im kommenden Jahr die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden. Seitdem das Land den Zuschlag hierfür erhalten hat, sind nach inoffiziellen Angaben mehr als 6.500 Gastarbeiter ums Leben gekommen. Die überwiegend jungen Männer hatten an diversen Infrastrukturprojekten im Zusammenhang mit der WM und beim Stadionbau gearbeitet. Da die Statistiken lückenhaft sind, geht man davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer noch höher liegen dürfte.
Katar steht für seine schlechten und offenbar lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen berechtigterweise international in der Kritik. Die Arbeitsmigranten werden oftmals von dubiosen und intransparenten Agenturen aus dem Ausland nach Katar gebracht und müssen für die Vermittlung horrende Beträge zahlen. Doch es ist für diese Menschen, die überwiegend aus Südasien oder Afrika kommen, vielfach die einzige Lösung, ihre Familien zu ernähren.
Katar selbst hat auf die Kritik bisher mit nur halbherzigen Reformen reagiert. Und die FIFA, die mit ihrer Vergabe ja quasi der Auslöser dieses Elends ist, hält sich eher zurück, beschönigt die Zahlen und sieht sich kaum in der Verantwortung. Ein fröhliches Fußballfest soll es werden im kommenden Jahr. Wie das gehen kann, wenn die Vorbereitung dieses Festes mehrere Tausend Menschen mit dem Leben bezahlt haben, ist für mich schwer vorstellbar. Und damit, dass Profifußballer das Wort „Menschenrechte“ auf ihre Trikots drucken lassen, dann aber doch hinfahren, ist es ganz sicher auch nicht getan.
Jesus Christus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Kann man in diesem Zusammenhang ja mal drüber nachdenken. Amen.

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  In die Falle getappt

In die Falle getappt

Henning Böger, Pfarrer - 27.04.2021

Manchmal ist es „wie verhext“: Egal, wohin man einen Schritt tut, irgendeine Falle schnappt immer zu! Man ahnt nichts Böses, und schon bekommt man von einem Mitmenschen etwas an den Kopf geworfen. Wie ungerecht ist das denn? An manchen Tagen scheint sich alles gegen einen zu verschwören!
Aber es geht auch anders herum: Du äußerst gedankenlos Kritik am Kollegen. Du vergisst einen wichtigen Geburtstag. Du triffst den falschen Ton im Gespräch mit deiner Frau, den Eltern und Kindern. Jede Menge Fallen, die sich im Laufe eines Tages auftun können!
Ein Sprichwort sagt: „In Fettnäpfchen treten, ist wie Fahrradfahren: Man verlernt es einfach nie!“ So sehr wir uns auch bemühen, in die eine oder andere Falle tappen wir. Wer das akzeptiert, der hat fürs Leben gelernt.
Wenn ich der Spur meiner Fettnäpfchen etwas grundsätzlicher folge,
dann kann ich schon nachdenklich werden: Warum ist das Leben denn so oft von dieser durchwachsenen Qualität, die sich anfühlt, als würde man in eine Falle tappen? Warum gibt es nichts, was einfach nur gut und positiv ist, und zwar für immer?
Wer das Leben mit seinen Fallstricken kennt, der kennt auch den Wunsch, dass dieses Leben sich wandeln könnte: Von den alten Mustern in neues Verhalten. Vom Frust zur Lust. Von der Falle zur Freude.
Dazu passt ganz gut ein Satz, den der Apostel Paulus im zweiten Korinther-brief schreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Ich verstehe Paulus so so: Wer sich mit Christus verbunden weiß, der aus Gottes Liebe den Stricken des Todes entronnen ist, der wird selbst auf neue Wege geführt. Dem kann sich eine wirklich andere Sicht der Dinge auftun: Ganz gleich, wie viele Fallen es im Leben geben mag, mitten darin gibt es schon ein anderes Leben, das mit diesem Christus zu tun hat. Wer zu ihm gehört, der wird verwandelt.
Aus dem Alltag mit seinen Fallstricken und Fettnäpfchen heraus auf Christus zu schauen, macht den Blick weit für dieses neue Leben. Das eigene und das der anderen.
Und jede Falle, in die man dennoch tappt, wird zur Erinnerung daran, dass Gottes neue Welt keine Fallen mehr hat. Ganz gleich, wohin man dann tritt: Das Leben steht im Letzten auf gutem und sicherem Grund.

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  Neues wird

Neues wird

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.04.2021

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Von Ödön von Horváth stammt dieser Satz, der uns beim ersten Hören ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann. Doch es steckt eine große Wahrheit hinter diesen Worten. Eigentlich bin ja gar nicht so, eigentlich ist sie oder er ja gar nicht so, das hören wir oftmals dann, wenn auf der zwischenmenschlichen Ebene irgendetwas danebengegangen ist. Da rutscht uns im Gespräch mal eine eher unbedachte Äußerung raus, die unseren Gegenüber verletzt, da kommt eine schroffe Abfuhr auf eine freundliche Anfrage, da bricht sich etwas beinahe unkontrolliert Bahn, was schon lange in uns gärte, und schon ist der Ärger da.
Wir wollen es nicht und doch passiert es. Das gilt für alle möglichen Lebensbereiche. Immer und überall unterlaufen uns Fehler. Besonders schwer ist es für jene, die das nicht akzeptieren wollen, weder bei sich noch bei den anderen. Sie werden regelmäßig mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert. Etwas leichter kommen wir durchs Leben, wenn wir unsere Begrenztheit und Fehlbarkeit anerkennen und einfach mal hinnehmen, dass wir nicht perfekt sind.
Und dennoch ist es nicht schön, dass wir immer wieder Schuld auf uns laden, gegenüber unseren Mitmenschen genauso wie gegenüber Gott. Auch ihm bleiben wir regelmäßig etwas schuldig. Auch das ist unabwendbar, ganz egal wie sehr wir uns bemühen und anstrengen.
Über dieser Woche heiß es: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Dass Altes vergeht und Neues wird, ist uns geläufig. Der Frühling liefert gerade ein Paradebeispiel dafür, wie Neues prachtvoll werden kann. Doch Paulus spricht uns an, Sie und Euch und mich. Auch mit uns und in uns kann Neues werden, wenn wir, wie der Apostel sagt, in Christus sind.
Wir haben die Chance, den ganzen alten Mist hinter uns zu lassen, unsere Verfehlungen, unsere Missgeschicke oder biblisch gesprochen: unsere Sünden. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“, sagt Jesus selbst und er meint das auch so. Wir dürfen bei ihm abladen, was uns bedrückt, was uns auf der Seele liegt, was wir unseren Mitmenschen und auch Gott schuldig geblieben sind. So gibt er uns immer wieder die Gelegenheit, neu anzufangen.
Das ist kein Persilschein dafür, dass wir machen können, was uns mal eben so in den Sinn kommt. Verantwortung sollen wir schon übernehmen. Aber wir müssen uns nicht davor fürchten, dass wie uns damit übernehmen, denn er verspricht, uns die Fehler, die uns unterlaufen, zu vergeben.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Eine entlastende Zusage, mit der es sich leben lässt, in heiter Gelassenheit und voller Zuversicht und Dankbarkeit. Amen.

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  Was ist los?

Was ist los?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.04.2021

Die Magazine zu den Wochenendausgaben der großen Zeitungen machen derzeit jede Menge Fotoserien mit Sehnsuchtsorten, weil man ja nur in Gedanken reisen kann. Vermutlich tun das auch viele. Und so ziehen wir kreuz und quer durch Europa, verweilen an Lieblingsorten oder nehmen uns fest vor, wirklich loszufahren und endlich nachzusehen, wie es ist, wenn es wieder geht – denn unser Kontinent ist ja ein fantastisches Fleckchen Erde, voller verschiedenster Kulturen, Gerichte, Sprachen, Traditionen, Feste – und untereinander verbunden durch eine große Idee.
Dieser widmet sich der Aachener Karlspreis. 2016 wurde an Papst Franziskus verliehen. Damals befanden wir uns unter dem Eindruck der großen Flüchtlingskrise, Karawanen von Menschen waren losgezogen und kamen auch auf dem Münchner Hauptbahnhof an. Es gab große Gastfreundschaft aber bald wurden Grenzen wieder spürbarer. Angst, teilen und das eigene Leben ändern zu müssen, nahm zu. Und Abschottung galt manchen als Mittel der Wahl.
Heute erleben wir das unter anderem Vorzeichen: jetzt sind Grenzen kaum passierbar, jedes Land ringt allein mit den Wellen der Pandemie, den sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Begegnungen und Teilhabe sind kaum möglich. Aber alle sind irgendwie betroffen. Die Wahrnehmung des Elends an Europas Grenzen, des Sterbens auf dem Mittelmeer, die Gewalt in Irland und die Verarmung vieler Menschen, die keinen Anteil am unermesslichen Reichtum der westlichen Welt haben, rückt dabei in den Hintergrund.
Umso eindrücklicher die Worte des Papstes, die klingen als seien sie nur wenige Stunden alt:
„Was ist mit dir los, Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa? … Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundetetn Welt ist es doch notwendig, zur Solidarität der Tat, zur konkreten Großzügigkeit zurückzukehren…“
Was ist los?
Wir befinden uns in einer Krise, die Stärken und Schwächen unbarmherzig offenlegt. Wir sind unterwegs in einer Zeit, in der man fast vergisst wie das Unterwegssein war, in der man das Gestaltenkönnen vermisst, erst recht die Berührung und überraschende Begegnung, das Lernen voneinander – wir sind ratlos, wohin uns das alles führen mag.
Aber wir sind auch unterwegs zwischen Ostern und Himmelfahrt und immer klingt über allem das: „Fürchtet euch nicht“ des Ostermorgens und das „Bleibt in der Stadt bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.“
Lasst uns also nicht zu lange in Gedanken reisen, sondern konkrete
Wege suchen. Für das hier und dort, das jetzt und dann, die Menschen, mit denen die Welt teilen.

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  Zwischen Kassandra und Herkules...

Zwischen Kassandra und Herkules...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.04.2021

Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Diesem düsteren Geschlecht ist nicht zu helfen; man muss nur meistenteils verstummen, um nicht, wie Kassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man weissagte, was schon vor der Tür steht.“ Christa Wolf hat das Zitat ihrem Band „Kassandra, Voraussetzungen einer Erzählung“ vorangestellt. Das Buch erschien 1983 in der DDR. Kassandra, eine Figur der griechischen Mythologie, war beschenkt mit der Gabe des Hellsehens und verflucht, weil niemand auf sie hörte.
Als Christa Wolf sie ins Bewusstsein holte und ihr bestürzende Aktualität verlieh, begegnete ich zum ersten Mal ernsthaft der ökologischen Frage: Es ging um das Waldsterben.
Umweltfragen waren im Osten ein Tabu und wurden in der Öffentlichkeit kaum thematisiert; darum saß ich, gerade konfirmiert zwischen langhaarigen Typen in der Jungen Gemeinde und hörte gruseligen Analysen dessen zu, was ich bei meiner Großmutter im Osterzgebirge zu sehen bekam: Fichten wurden braun und starben ab, Königskerzen verschwanden, der Waldboden wurde immer trockener und gute Pilzjahre selten…
Schuld waren der saure Regen und die Braunkohle, die auch in meinen Haaren während der Heizsaison einen speziellen Duft hinterließ.
Jenseits der Grenze wurden Tannen ohne Nadeln zum Sinnbild für ein Überleben ohne Wald.
Eigentlich undenkbar für Deutsche, deren Waldleidenschaft schon fast sprichwörtlich ist.
Das Thema aktivierte die Menschen und brachte Veränderungen: Filter für Kraftwerke und Katalysatoren für Autos. Die Luft wurde wieder besser und der deutsche Wald erholte sich. Aber offenbar nur vorübergehend. Denn jetzt geht es dem Wald schlechter als jemals zuvor: Trockenheit, Stürme, Schädlinge… - man muss nicht weit fahren ums sich das ganze ausmaß anzusehen.
Wieder ruft Kassandra…
Diese Woche steht die Klimafrage einmal mehr auf der weltpolitischen Tagesordnung, bei der EU, in Washington, in der ganzen Welt. Es werden ziele formuliert und hoffentlich Wege gesucht. Eine „Herkulesaufgabe“ nennt Angela Merkel das. Auch der eine Figur der griechischen Mythologie, ein Held, der Ungeheuer besiegte und einen legendären Stall ausmistete, den des Augias. Unschaffbar also?
In einem Brevier mit Texten des Theologen Jürgen Moltmann steht über diesem Freitag: „Das Fest der Schöpfung ist das Ziel der ganzen Geschichte Gottes mit der Welt von der Schöpfung im Anfang bis zur Schöpfung der Endzeit.“ Wir sind nur ein kleiner Teil in allem, Mitgeschöpfe und dürfen hören: das Ende, das Fest der Schöpfung steht noch aus. Bis dahin lasst uns achtsam mit ihr sein.

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  Was ist ein Verlierer?

Was ist ein Verlierer?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.04.2021

Was ist eigentlich ein Verlierer?
Einer, der zuletzt ins Ziel kommt, die wenigsten Punkte hat, zu tief gesprungen ist, sich nicht getraut hat?
Einer, der gewartet hat? Einer, der nicht nur den eigenen Vorteil im Blick hat?
Einer, der …?
Wenn man Interviews und Kommentare zur Entscheidung über die Kanzlerkandidatur bei den Grünen liest, dann scheint vor allem Robert Habeck einer zu sein. Der hat seinen Traum geopfert und eigene Ambitionen zurückgestellt, sich womöglich in der Situation gesehen, keine Freiheit zu haben und zurückstecken zu müssen nur weil er ein Mann ist. Der muss sich nun fragen lassen, wie weh das tut.
Und er tut nicht so als ob ihn das nicht schmerzt.
Wer bis so weit gekommen ist, hat sehr viel, wenn nicht alles gegeben und seinem Ziel vieles untergeordnet. Nun geht es Robert Habeck wie manch anderem – weißen – Mann, der einen Job oder eine Rolle nicht bekommt, eben weil er genau das ist: ein weißer Mann.
Das ist nicht gerecht. Das sollte kein Kriterium sein.
Es ist aber vielleicht der Weg. Irgendjemand muss die Spur treten.
Ist Robert Habeck deswegen ein Verlierer?
Ich finde das nicht. Es ist eine konsequente Haltung und Habeck steht dazu, auch wenn es zu seinem Nachteil ist. Erstaunlich, dass ihm – jedenfalls in der ZEIT – gerade Frauen in den Mund legen, dass er die Rolle des männlichen Verlierers prägen würde.
Dabei ist er keineswegs der Erste. Sind all die Männer, die in ihren Partnerschaften und als Väter, Frauen und Töchter ermutigt und bestärkt haben, im Beruf voranzugehen und selber auf Karriere verzichtet haben, deswegen auch Verlierer? Sind all die begabten gut ausgebildeten Frauen, die jahrzehntelang Zuhause geblieben sind, Verliererinnen?
Solche Perspektive macht hart.
Solcher Perspektive nach sind wir EU-Bürgerinnen und Bürger, die wir nicht alle in der EU produzierten Impfdosen nur für uns verbrauchen, dumme Verlierer.
Oder eben doch die, die wenigstens dann und wann versuchen, Lasten gemeinsam zu tragen.
Über dem Tag der Bekanntgabe der Kandidatur hieß es übrigens in den Herrnhuter Losungen: „Der Herr festigt dem die Schritte, dessen Weg ihm gefällt. Kommt er zu Fall, so stürzt er doch nicht, denn der Herr stützt seine Hand.“

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  Sonne!

Sonne!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.04.2021

Wenn man es nicht immer mal wieder selber erleben würde, wie regelrecht euphorisierend so ein warmer heller Sonnentag ist, würde man den Schwärmern beim Übertreiben milde zulächeln – schon klar, Sonne setzt Hormone frei - oder sowas.
Aber wenn man dann an sich selbst erlebt, wie die Sonne den Schritt beschwingt und das Herz leicht macht, staunt man doch und jedenfalls ich bin in solchen Momenten oft voll Ohrwurm. Letzteren hat man in dieser ablenkungsarmen Zeit - das glaube ich jedenfalls beobachtet zu haben – länger und intensiver als sonst.
Glück für mich, dass meiner gar nicht nervt:
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne, bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht.“
Paul Gerhardt, der Textdichter, erlebte ungleich schwerere Zeiten als wir. Er durchlitt den dreißigjährigen Krieg und eine schreckliche Pestepidemie, stand an den Gräbern seiner Kinder und rang nach Worten, die durchhelfen.
Es ist tief berührend zu hören, wie der Mann – dem wir so wunderbare Lieder wie: „Ich steh an deiner Krippen hier“ oder „Ich singe dir mit Herz und Mund“ verdanken – Kraft aus dem geschöpft hat, was ihn umgab: die Natur. Aus ihrer Fülle und Schönheit zog er die Gewissheit, dass die schmerzhaften Grenzerfahrungen seines Lebens tragen zu können.
Er nahm das Sonnenlicht und all die Wärme und Energie, Lebenskraft und Zuversicht, wie ein Geschenk. Vielleicht ein bisschen so, wie der Prophet Elia die Stärkung durch den rauben erlebte, der dem erschöpften mürben und verzweifelten Mann in der Wüste zu essen und trinken brachte und ihn ermunterte, aufzustehen und wieder loszugehen.
Und also heißt es dann auch:
„Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich bin munter und fröhlich, schaue dem Himmel mit meinem Gesicht.“
So alt sind diese Worte – man kann fast nicht glauben, dass Menschen sich seit vierhundert Jahren daran trösten und stärken ohne den leisesten Abnutzungseffekt. Obwohl: kaum scheint die Sonne, kann man mal wieder selber erleben, wie euphorisierend so ein warmer heller Sonnentag ist, heilsam. Wunderbar.

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  Acht Jahre alt und Lust auf Eis

Acht Jahre alt und Lust auf Eis

Henning Böger, Pfarrer - 20.04.2021

Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Er sitzt aber im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht bewegen und nicht sprechen. Sein Kopf fällt immer leicht nach rechts. Muskeln nicht auch keine da. Aber große Lust auf Eis im ersten Frühlingssonnenschein.
Darum sitzen die Eltern mit dem Jungen jetzt im Park. Auch die Oma ist dabei oder eine Freundin. Eine muntere Runde ist das. Und der Junge, vielleicht acht Jahre alt, ist in ihrer Mitte.
Acht Jahre alt und Lust auf Eis, dass passt. Und das bekommt er auch, wie alle anderen. Jeder hat einen Becher aus der Eisdiele in der Hand und löffelt. Mama und Oma reichen dem Jungen Löffel mit Eis, manchmal auch der Papa. Der Junge gibt Laute von sich. Es klingt vergnügt. Die Erwachsenen sind im Gespräch miteinander. Manchmal schauen sie zum Jungen im Rollstuhl. Ein neuer Löffel mit Eis. Und dann auch eine zweite Hand, die mit einem Läppchen vorsichtig über den Mund des Jungen wischt.
Zwischen den Löffeln mit Eis sorgt jemand auch für die Atemmaske des Jungen. Hinten am Rollstuhl ist eine Maschine angebracht, die beim Atmen hilft. Die Maske kommt kurz runter von Mund und Nase und ein neuer Löffel eins. Dann muss die Maske wieder aufgesetzt werden. Eingespielt wirkt das. Alle legen Hand an; alle wissen, was zu tun ist. Sie sind da miteinander und füreinander. Einfach so.
Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Für einen allein wäre die Last zu groß mit dem Jungen und Eis und Rollstuhl und Atemmaschine. Aber miteinander geht es. Wenn man nicht viel sagen oder fragen muss, wenn alle wissen, was zu tun ist, und Hand anlegen. Sicher, die Last bleibt schwer. Jeden Morgen und Abend. Und jede Nacht. Aber niemand soll sie alleine tragen.
Oft verstehen wir das Leben nicht mit seinen Erfahrungen von Krankheit, Last und Leid, die so willkürlich verteilt erscheinen. Eigentlich kann man es nie verstehen! Aber das, was sich uns nicht erklärt, können wir gemeinsam tragen. Herz und Hand anlegen, wenn jemand Hilfe braucht. Oder Lust hat auf ein Eis. Dann sollen wir da sein. Einfach so.

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  Schafe und Hirten

Schafe und Hirten

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.04.2021

Eine Schafherde und ihr Hirte – dieses Bild steht kirchenkalendarisch über der neuen Woche zusammen mit dem 23. Psalm und dem Jesuswort: „Ich bin der gute Hirte.“ Ich habe schon seit geraumer Zeit in unserer Region keine Schafherde mehr gesehen, die mit ihrem Hirten unterwegs war, im Fernsehen vielleicht irgendwann mal, aber in natura eher nicht. Für die Menschen zur Zeit Jesu gehörte das allerdings zum Alltag. Ihnen war dieses Bild sehr vertraut und sie wussten sofort, was es ausdrücken sollte.
Der Hirte ist einer, der sich kümmert, dem das Wohl seiner Schafe am Herzen liegt, dem es nicht zu mühsam ist, jedes einzelne zu suchen, wenn es sich von der Herde getrennt und verlaufen hat. Und so sagt Jesus von sich: Ich bin der gute Hirte. Denn das Adjektiv „gut“ ist wichtig, weil es eben auch die anderen gibt.
Es gibt die, die sich selbst als Hirten postulieren, um Menschen hinter sich zu versammeln. Doch ihre Absichten sind ganz weit weg von gut. Sie nutzen die menschliche Ursehnsucht aus, sich jemandem anschließen zu können, der Idol, Ideal oder Leitstern ist. Wir alle wissen, was passieren kann, wenn bei den Schafen so gar keine kritische Haltung mehr vorhanden ist oder zugelassen wird. Alle Diktatoren bezeichnen sich selbst als gute Hirten und irgendwann ist es zu spät, um zu erkennen, welche Ziele sie tatsächlich verfolgen.
Ich denke, dass wir auch in unserem Land sehr wachsam sein müssen, um die falschen Hirten zu erkennen, die gerade jetzt wieder versuchen, neue Herden um sich zu scharen. Es gilt, Vorsicht walten zu lassen, gegenüber jenen falschen Hirten, die die Angst, die Verunsicherung und die Zweifel vieler Menschen ausnutzen, um sich als Heilsbringer darzustellen, die die Wahrheit für sich gepachtet haben, tatsächlich aber etwas ganz anderes im Schilde führen.
Hier wird auch ein anderes Bild wach. Schafe gelten gemeinhin als einfältig und unmündig. Anstatt selbst auf den Weg zu achten und das eigene Gehirn einzuschalten, vertraue ich mich mehr oder weniger blind irgendeiner Führergestalt an. Soll die sich doch kümmern, ich lauf brav hinterher und wenn es dann am Ende schiefgeht, habe ich auch gleich jemanden, dem ich die Schuld anhängen kann.
Das ist nicht die Vorstellung, die Jesus als guter Hirte vermitteln will. Er lässt uns Freiheiten, und er fordert und geradezu auf, sie zu nutzen. Wir sollen Verantwortung übernehmen für unser Tun und Lassen, Verantwortung für unser Leben und für das Leben unserer Mitmenschen. Jesus wünscht sich eine Herde mündiger und selbstbewusster Schafe, die verstanden haben, worum es geht, und die gerne und auch engagiert dafür eintreten.
Und wir dürfen sicher sein, dass wir ihn als unseren guten Hirten dabei immer an unserer Seite haben. Amen.

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  Anschwung ins Leben

Anschwung ins Leben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2021

Das letzte Mittagsgebet mit der großen Orgel ehe sie auseinandergenommen, gereinigt und restauriert wird. Noch einmal voller Klang und Pomp und die Ahnung wieviel Schall tausend Menschen schlucken wenn hier in der Osternacht oder zu Heiligabend ordentlich Register gezogen werden. So kommen nun einige Monate mit weniger Volumen, schlichter grader Stil –mit einer kleinen geliehenen Behelfsorgel und anderen Instrumenten.
In Großbritannien wird indessen Prinz Philip beigesetzt. Auch das wird für königliche Verhältnisse eher schlicht ablaufen- vorgefahren in seinem Land Rover und ohne Hundertausende spalierstehende Menschen. Netflixexperten wissen mehr als dass er zwei Schritte hinter der Queen bleiben musste – denken sie jedenfalls. Was mich betrifft, habe ich gerade ihm in „The crown“ ganz besonders gerne zugesehen…
Am Ende bleibt seine lebenslange Gefährtin allein, stehen Kinder am Grab, die ihm Sorgen gemacht haben müssen und an deren Mühsal das Elternhaus seinen Anteil hat, Brüder, die nicht nebeneinander gehen können…
Am Ende wird ein Mensch zu Grabe getragen, der Träume beerdigt und trotzdem seine Passion gelebt hat – einer der uralt wurde (weswegen es eigentümlich ist, von Bestürzung zu reden), einer der es glücklich getroffen hat und im Osterfestkreis heimgegangen ist als würde er den Schwung der Osterfahrt nutzen – durch das Dunkel hindurch.
Vielleicht erinnern Sie sich daran, als wir hier im letzten Sommer eine afrikanische Trauerfeier hatten. Es war eine turbulente Situation, denn in einer afrikanischen Großfamilie ist es ein bisschen wie mit den Royals – jeder will zum Haushalt dazugehören… Am Ende standen alle in ihren bunten traditionellen Gewändern im großen Kreis auf dem Burgplatz und sangen. Und wie sie sangen!
„Wir geben der Toten Anschwung in den Himmel“ sagten sie.
Morgen wird überall im Land der Menschen gedacht, die an Corona gestorben sind. Vielleicht gelingt es erlösende Worte zu finden für alle, die zurückgeblieben sind, befriedend für die, die Umstände nicht verzeihen können – Anschwung ins Leben hier und dort, denn uns ist gesagt:
„Ich glaube aber doch, das sich sehen werde, die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“

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  Wohnen

Wohnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2021

Unsere Tochter sucht eine Wohnung und also begibt sich die ganze Familie auf diese Mission: Registrierung bei Immowelt und Immoscout, Angebote sichten, sofort (nicht erst nachher, dann ist die Anzeige schon wieder weg) Interesse anmelden und Besichtigungen vereinbaren…
Es ist eine nervenaufreibende und zeitfressende Aktion – dabei ist unserer Familie gut dran, denn etliche Wohnungen liegen in unserer finanziellen Reichweite. Ich bin also optimistisch, dass wir das Problem mit vereinten Kräften, reichlich zeitlichem Vorlauf und bisschen Glück in den Griff kriegen werden.
Das ist eine privilegierte Situation – in vielerlei Hinsicht.
Und sie reißt den engen Coronahorizont auf (während ich das geschrieben habe, wurde das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Mietendeckel verkündet, der zwar schlecht eingefädelt dennoch ein drängendes Problem markiert):
Denn was machen junge Menschen, die dem überteuerten leergefegten Wohnungsmarkt allein gegenüberstehen – ohne den moralischen, organisatorischen und finanziellen Rückhalt eines stabilen Elternhauses?
Was machen alle die, die durch private, berufliche oder jetzt weltweite Krisen aus dem Tritt geraten sind und wohnen müssen, ja eigentlich sogar dringend schön wohnen sollten, denn gerade wenn Angst Seele frisst und Trauer drüber hängt, sind lichte schöne Räume eine kostbare Arznei…
Was machen alle die, deren Ersparnisse in den letzten Monaten weggeschmolzen sind, deren Einkommen eingebrochen ist und was machen unter denen die Frauen, die es finanziell meistens noch härter trifft?
Ganz zu schweigen von all den Menschen, großen und kleinen, in Notlagern und Camps…
Wer spricht da von Wohnen im Sinne eines Zuhauses, in dem man geborgen ist?
Deutschland ist ein reiches Land.
Und doch ist Wohnen auch hier ein Sorgenthema (vielleiht gerade hier, weil Geld Geld macht und Reichtum reicher). Wohnen ist ein Sorgenthema, das zu vielen Menschen Entwicklung, Integration, Familiengründung, Selbstbestimmung verhindert oder erschwert.
Wohnen ist ein Thema, das Menschen in die Obdachlosigkeit drängt.
Wohnen ist nicht im Grundgesetz verankert aber ein Menschenrecht.
Eines von denen, die jetzt in den Hintergrund geraten.
Es wird Zeit, die Horizonte aufzureißen…


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  Fröhlich bleiben – trotz allem!

Fröhlich bleiben – trotz allem!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.04.2021

„Wie geht’s?“ „Ach, im Grunde ganz gut. Aber ich habe so langsam die Nase echt voll!“ Ein oft gehörter Gesprächsbeginn in diesen Tagen – ich kann es gut verstehen. Schon über ein Jahr ist unser Leben nicht mehr so, wie wir es kannten und liebten, schon über ein Jahr müssen wir uns einschränken, auf vieles verzichten und uns zurücknehmen. Wir laufen komisch maskiert durch die Gegend, sehen nur mit Mühe, welchen Gesichtsausdruck unser Gegenüber gerade hat und irgendwie weht uns fast überall der Duft von Desinfektionsmittel entgegen, sogar hier im Dom.
Wir sind Corona-müde und der durchschnittliche Grad an Genervtheit steigt kontinuierlich an. Man merkt das zum Beispiel beim Einkaufen. Ich finde, dass die Leute viel öfter gereizt und leicht aggressiv reagieren als früher. Da dauert es mal es bisschen länger an der Fleischtheke oder an der Kasse und schon wird gemosert und gemeckert. Das Unangenehme daran ist, dass negative Stimmung viel ansteckender ist als positive. Andere Leute runterzuziehen mit der eigenen schlechten Laune ist weitaus einfacher, als schlecht gelaunte Menschen wieder zum Lächeln zu bringen. Und so breitet sich die schlechte Stimmung mancherorts genauso schnell aus wie momentan das Virus.
Manchmal hilft es, sich konkret zu fragen, ob es einem denn wirklich schlecht geht. Denn die Analyse der eigenen Lebenssituation zeigt dann nicht selten, dass man abgesehen von ein paar Einschränkungen im Grunde nichts Gravierendes auszuhalten hat. Es gibt natürlich viele Menschen, die von Corona gesundheitlich und wirtschaftlich schwer betroffen sind. Das will ich hier in aller Deutlichkeit sagen und nicht kleinreden. Diese Menschen brauchen unser aller Unterstützung und Solidarität. Doch es gibt eben auch genügend andere, die einfach nur deswegen rummosern, weil es im Moment viele andere auch tun.
Ich finde, wir sollten fair bleiben, auch in der Bewertung unserer eigenen Lebensumstände. Ich will jetzt nicht alles beschönigen, doch es gibt auch und gerade jetzt viele Dinge, an denen wir uns freuen können – jeden Tag aufs Neue. Die meisten von uns haben eine warme Wohnung, einen gut gefüllten Kühlschrank, sind gesund und haben auch sonst ihr Auskommen. Wir können uns draußen frei bewegen, können uns freuen an den ersten Zeichen des Frühlings, an zartem Grün und blühenden Osterglocken und Forsythiensträuchern. Und es gibt darüber hinaus eine Perspektive, dass mit zunehmender Impfquote weitere Lockerungen in nicht allzu ferner Zeit möglich werden.
Und wir haben Ostern im Rücken, unser ganz persönliches Dauer-Abo auf Hoffnung und Zuversicht, das auch in Pandemiezeiten sicher liefert. Über dem heutigen Tag heißt es: „Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!“ Dieses Wort aus dem 5. Psalm kann uns daran erinnern, dass wir auch aus unserem Glauben und unserem Gottvertrauen Mut zur Fröhlichkeit ziehen können – eine Quelle, die verlässlich und reichlich sprudelt.
Ja, vieles ist schwierig in diesen Zeiten, doch manchmal ist es deutlich weniger schwierig, als wir es fühlen und denken und erleben. Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben! Amen.

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  Kinder an die Macht

Kinder an die Macht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.04.2021

Zu meinem Leben gehört seit zwei Jahren eine Schäferhündin. Sie ist Zuhause bei Menschen, die mir so wichtig sind, dass ich versuchen musste, mich mit einem Hund anzufreunden. Nun genieße ich es, zu beobachten, wie Ziva die Natur entdeckt, wie aus dem tapsigen Welpen eine schlanke junge Dame wird und wie sie heute Morgen in aller Frühe andere Hunde begrüßt, beschnuppert, ein bisschen umtänzelt, Zärtlichkeiten austaucht, Begegnungen genießt.
Im Kopf hatte ich da noch ein Zeitungsfoto der beiden englischen Prinzen William und Harry, wie sie nebeneinander stehen, Abstand halten um jeden Preis…
Dann ist da der Berg von Briefen meiner Konfirmanden, in jedem auch eine Übersetzung des 23. Psalms in eigene Sprache. Für die Zeile: „Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein“ schreiben sie: „Gott schenkt mir Respekt und Vertrauen. Er ist großzügig…“ und zu „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ lese ich: Gott setzt uns zusammen an den Tisch, damit wir uns vertragen. Meine Feinde können sehen, dass Gott hinter mir steht.
Und Herbert Grönemeyer ist 65 geworden. Vor einem halben Leben hat er gedichtet: „Gebt den Kindern das Kommando / Sie berechnen nicht
Was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht…“
Kinder an die Macht?!
Ach nein: die langen Sitzungen, die mühsame Last der Verantwortung, das Scheinwerferlicht, die ständige Beobachtung, das Gezerre – nein, das braucht es nicht.
Aber endlich Kinder im Blick, ernsthaft und wirklich wichtiger als Fußball, Autos, Aktionäre, Wählerstimmen. Sie sind so viel schlechter dran als junge Hunde und dabei hellsichtig und aufmerksam, verletzlich und vorsichtig.
Es sind nicht die Kinder, die Partys feiern oder Parteitage abhalten, denen Ausnahmen gegönnt werden und Coronahilfen gezahlt. Es sind aber die Kinder, deren Lebenswochen doppelt und dreifach und vierfach zählen.
„Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht“ sagte Jesus Christus. Er wusste, dass sie Gehör brauchen. Zuerst und vor allem. Egal, ob die Jünger und alle anderen murren. Hoffentlich begreifen es endlich auch die, die die Macht haben.

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  Für ein friedliches Miteinander

Für ein friedliches Miteinander

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.04.2021

Heute vor 35 Jahren besuchte Papst Johannes Paul II. die Große Synagoge in Rom. Das klingt jetzt beim ersten Hören vielleicht so ein wenig nach der Bedeutung des berühmten Reissackes, der in China umfällt, doch der Besuch hatte durchaus historische Dimension. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein Papst ein jüdisches Gotteshaus besuchte und so markiert dieses Datum eine wesentliche Etappe bei der Intensivierung und auch bei der Verbesserung der Beziehungen zwischen Christen und Juden.
Das Verhältnis war in den vergangenen Jahrhunderten, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Immer wieder waren es auch Christen, die sich religiös motiviert an der Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger beteiligt hatten. Begründet oder besser bemäntelt wurden diese Verbrechen oft mit dem christlich begründeten Auftrag zur Judenmission, also zur Bekehrung von Menschen jüdischen Glaubens zum christlichen Glauben.
Das Thema ist im Übrigen kein rein katholisches. Martin Luther hatte sich anfänglich zwar klar gegen eine gewaltsame Missionierung ausgesprochen, da Gewalt, und da kann man ihm nur zustimmen, den christlichen Glauben verleugne. Doch später, als friedliche Missionserfolge ausbleiben, hetzte er ganz offen gegen Juden und forderte sogar von evangelischen Fürsten, die Synagogen zu zerstören und die Juden nötigenfalls zu vertreiben.
Im 19. Jahrhundert in der Zeit des Kolonialismus, in der Europa meinte, seine Kultur und Religion in der ganzen Welt verbreiten zu müssen und das durchaus mit Gewalt, wurde auch die Judenmission massiv verstärkt. Und vor noch nicht einmal 100 Jahren wurde der Holocaust während des Nazi-Regimes auch von Teilen der evangelischen Kirche, die sich Deutschen Christen nannten, zumindest gebilligt, wenn nicht sogar befördert. Die evangelische Kirche hat sich mittlerweile von der Judenmission abgekehrt und endlich anerkannt, dass beide, Juden und Christen, aus ihrem jeweiligen Glauben heraus Zeugen Gottes sind.
Israel ist und bleibt Gottes auserwähltes Volk. Sicherlich und Gott sei Dank hat Jesus diese Auserwählung generalisiert und auch uns in den Kreis der Auserwählten mit aufgenommen. Den Bund Gottes mit Israel hat er aber keinesfalls geschwächt oder gar gelöst. Und bei allen Diskussionen über dieses Thema müssen wir uns, so denke ich, immer wieder vor Augen führen: Jesus, seine Jünger und auch seine Mutter Maria, sie waren weder Katholiken noch Protestaten. Sie waren überzeugte Jüdinnen und Juden.
Ich bin kein studierter Theologe und so maße ich mir noch viel weniger an, den Glauben anderer Menschen mit Kategorien wie richtig und falsch zu bewerten. Kann ich denn ausschließen, dass alle diese Glaubensrichtungen in Gottes großem Plan eine Rolle spielen? Nein, das kann ich nicht.
Doch ich meine verstanden zu haben, dass Gott von uns Toleranz und Wertschätzung gegenüber unseren Mitmenschen fordert, weil nur so ein Miteinander möglich wird, das Gottes Frieden zulässt. Und ich glaube, dass alle Menschen, die ihr Leben in Respekt und Wertschätzung zueinander führen, Gott an ihrer Seite haben, ganz egal, an wen ihre Kirchensteuer geht. Amen.

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  Sehen und doch nicht erkennen?

Sehen und doch nicht erkennen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.04.2021

Gestern wurde in unseren Kirchen über die Geschichte von Jesus am See Tiberias gepredigt. Dort erscheint der auferstandene Jesus einigen seiner Jünger, die dort am See in Galiläa, weit weg von Jerusalem, gemeinsam fischen. Jesus kommt zu ihnen und fragt, ob sie etwas zu essen für ihn hätten. Doch die Jünger haben nichts, denn ihr Fischzug war erfolglos. Wer dort vor ihnen steht, ist den Jüngern in diesem Augenblick überhaupt nicht klar. Jesus ermuntert seine Freunde allerdings, erneut auf den See herauszufahren und das Netz diesmal auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen. Das tun sie und siehe da: Das Netz ist zum Reißen voll mit Fischen.
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass die Jünger Jesus schon wieder nicht erkennen. Es ist schließlich das dritte Mal, dass er sich ihnen nach seiner Auferstehung zeigt. Das erste Mal gleich am Abend des Ostertages, dann eine Woche später, als der Jünger Thomas seine Hände in Jesu Wundmale legen will und nun schon wieder. Doch immer braucht es geraume Zeit, bis die Jünger realisieren, dass Jesus vor ihnen steht und mit ihnen spricht. Woran liegt das? Sie waren schließlich drei Jahre mit ihm unterwegs im Heiligen Land, waren Tag und Nacht zusammen, kennen ihn, wie kaum einen anderen und stehen doch jedes Mal wie der Ochse vor Scheunentor und sehen bildlich gesprochen den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Die Gründe sind schwer auszumachen. Allerdings ist das, was Gott in Jesus vollbracht hat, wirklich epochal. Er durchbricht die Mauer des Todes und führt ihn nach drei Tagen heraus aus dieser Einbahnstraße, er holt ihn zurück von einer Reise, für die es vorher niemals eine Rückfahrkarte gab.
Doch das Leben, das Jesus nach seiner Auferstehung hat, ist ein anderes. Es ist nicht eine bloße Fortsetzung dessen, was zunächst am Karfreitag am Kreuz geendet hatte. Jesu Auferstehungsleben ist ganz anders, es ist neu und es ist fremd und vielleicht sogar so fremd, dass es für unsere Sinne einfach nicht greifbar ist. Die Augen der Jünger, die Augen von uns Menschen sind möglicherweise nicht dafür geschaffen, solches Auferstehungsleben zu erkennen. Möglicherweise ist das ein Erklärungsansatz dafür, dass die Jünger nicht bemerken, wer da vor ihnen steht und mit ihnen redet.
Doch offenbar ist ein Erkennen möglich. Die Emmaus-Jünger erkennen Jesus beim Brotbrechen und in der Geschichte vom See Tiberias ist es Johannes, der ausruft: „Es ist der Herr.“ Ich denke, dass alle Versuche, das Leben, das auf uns wartet, schlüssig und vollständig zu beschreiben, zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt vielleicht immer mal wieder ein kurzes Aufleuchten von Erkenntnis, aber ein nachhaltiges Begreifen werden wir wohl erst dann erlangen, wenn es soweit ist und wir tatsächlich auf der anderen Seite angekommen sind.
Doch das schmälert überhaupt nicht unsere berechtigte Hoffnung darauf, dass es großartig und herrlich werden wird. Bleiben wir also wachsam und neugierig und lassen wir uns überraschen, wenn es dann soweit ist. Der Herr ist auferstanden und wir werden es ihm gleichtun. Amen.

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  …wie Schuppen von den Augen

…wie Schuppen von den Augen

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.04.2021

Vorgestern hat unsere Dompredigerin hier über die Emmaus-Jünger gesprochen. Ich liebe diese Ostergeschichte, weil sie so ein tolles Happy End und auch ein paar beinahe heitere Aspekte hat. Nochmal kurz zur Erinnerung:
Nach der Katastrophe am Karfreitag und dem Entdecken des leeren Grabes machen sich zwei Jünger von Jerusalem aus auf den Weg nach Emmaus. Wahrscheinlich halten sie es dort einfach nicht mehr aus und wollen weg aus dem Trubel und auch aus der Gefahr, als Jünger Jesu entdeckt zu werden. Unterwegs treffen sie einen ihnen fremden Mann, der sich ihnen anschließt. Sie kommen ins Gespräch und erzählen ihm die ganze Geschichte, sie erzählen von ihren geplatzten Träumen, von ihren zerstörten Hoffnungen, von ihrer Trauer und von ihrer Angst.
Dass Jesus, so, wie er es vorhergesagt hatte, auferstanden war, das glaubten die beiden Jünger zu diesem Zeitpunkt definitiv nicht. Jesus hatte das ja durchaus öfter erlebt, dass seine Jünger ihn nicht verstanden. Seine Reaktion hier auf dem Weg nach Emmaus fällt daher sehr deutlich aus: „O, Ihr Toren“, übersetzt Luther vornehm; auf gut Deutsch: „Ihr Idioten, warum fällt es euch so schwer, zu glauben, was die Propheten gesagt haben?“
Und dann erklärt ihnen Jesus noch einmal die ganze Geschichte. Mit wem die Jünger unterwegs sind, erkennen sie allerdings erst am Abend beim gemeinsamen Essen. Da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie stürmen mitten in der Nacht zurück nach Jerusalem, um allen zu erzählen, dass Jesus lebt.
Mir sagt diese Geschichte, dass es sich allemal lohnt im Glauben wachsam zu sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott uns immer wieder Zeichen seiner Gegenwart präsentiert – mal größere und mal kleinere. Und es ist an uns, diese Zeichen zu erkennen. Und ich glaube ebenso, dass Jesus auch oft genug an unserer Seite ist, ohne dass wir es tatsächlich bemerken.
Bei den beiden Emmaus-Jüngern hat es ziemlich lange gedauert, bis sie erkannten, wer sie da begleitet hat. Das schien Jesus wenig zu stören und außer seiner ziemlich deutlichen Ansprache hat er dann aber sehr viel Geduld bewiesen und den Jüngern, so berichtet Lukas, von Mose bis zu den Propheten alles erklärt, was über ihn im Alten Testament geschrieben steht.
Diese Geduld hat er ganz sicher auch mit uns. Er wird sich die Zeit nehmen, die wir brauchen, um uns ihm anzunähern, um zu verstehen, welche Botschaft er für uns hat, um zu fassen, wie lebensverändernd es ist, wenn wir uns auf ihn einlassen.
Und ich glaube, dass wir genauso enthusiastisch und freudig wie die Jünger von dieser Erkenntnis berichten können und sollen, wenn es auch uns wie Schuppen von den Augen fällt – und das selbst wenn draußen bereits tiefe Nacht herrscht. Amen.

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  Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.04.2021

Heute ist der Todestag Dietrich Bonhoeffers. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg in Franken nach einem sogenannten „Prozess“ aber auch auf direkten Befehl Hitlers von den Nazis ermordet.
Bonhoeffer war ein engagierter Vertreter der Bekennenden Kirche und aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Die evangelische Kirche im Dritten Reich war in zwei Lager gespalten. So gab es zum einem unter Reichbischof Müller die Deutschen Christen. Sie waren rassistisch, antisemitisch und am Führerprinzip orientiert. Es gibt schwer erträgliche Bilder von evangelischen Pfarrern mit Hitlergruß und umgehängtem Hakenkreuz. Und es gab vollkommen abwegige und verstörende Bestrebungen, die Bibel zu „entjuden“. Hierzu sollte ein „Volkstestament“ bzw. ein fünftes Evangelium geschaffen werden, das den Mythos eines arischen Jesus verkündigen sollte.
Dietrich Bonhoeffer widersetze sich diesen Bestrebungen mit aller Vehemenz. Schon 1933 war er zusammen mit Pfarrer Martin Niemöller quasi ein Gründungsmitglied des Pfarrernotbundes, dem sich aus Protest gegen die Entfernung nichtarischer Christen aus dem Kirchendienst ein Drittel der deutschen Pfarrerschaft anschloss.
Bonhoeffer wirkte in der Zeit des Nationalsozialismus zunächst in England. Von 1937 an bildete er in Deutschland Pfarrer der Bekennenden Kirche aus. Seine aktive Mitarbeit im Widerstand begann 1938, nachdem die Nazis das Predigerseminar, an den Bonhoeffer lehrte, zwangsweise geschlossen hatten.
Dietrich Bonhoeffer hat in unerschütterlicher Zivilcourage immer und immer wieder aufgezeigt, dass die Politik der Nazis in diametralem Gegensatz zur Botschaft Jesu Christi steht. Das gilt im Übrigen auch in unseren Tagen für alle politischen und sonstigen Strömungen, die sich als rassistisch, antisemitisch oder in anderer Weise ausgrenzend gegenüber bestimmten Menschen zeigen. Heute können wir frei unsere Stimme gegen derartige Gedanken, Worte und Taten erheben. Als aufrechte Christenmenschen und als Kirche insgesamt sollten wir das tun.
Aus den letzten Lebensjahren Bonhoeffers sind viele Briefe und sonstige Schriften erhalten geblieben, die seine Sicht auf den Glauben, die Kirche und das Evangelium bezeugen. Auch der Choraltext „Von guten Mächten“ stammt aus dieser Zeit. Besonders bemerkenswert ist sein individuelles Glaubensbekenntnis, das er verfasst hat:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ Amen.

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  Herzerwärmung

Herzerwärmung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.04.2021

Frühlingskälte kann ich nicht gut ab. Sie trifft mich bei weitem härter als Polarluft im November oder Februar. Ich ziehe mich zusammen, erinnere mich, dass das, was im Rücke weh tut die Zwischenrippenmuskeln sind und wenn ich dann beim schnellen Laufen durch die leere zugige Stadt darüber brüte, ob heute die armen Menschen, die in Calais gestrandet sind und wild im Wald zelten Thema sind oder die politischen Gefangenen in Belarus, brauche ich kein Selfie, um zu wissen, was man oberhalb meiner Maske zu ziehen kriegt: zwei tiefe Falten über der Nasenwurzel.
Ob die Emmausjünger, die nach der Kreuzigung Jesu aus Jerusalem fortgingen und sich über all das eben erlebte Unheil unterhielten, auch so in die Welt geguckt haben - innerlich fröstelnd, mürbe, grimmig?
Sie hätten allen Grund. Sehr viel schlimmer kann es gar nicht kommen. Über Unheil kann man leicht einer Meinung sein und sich lang und breit auslassen und bestärken und tiefer reingraben und … – war da nicht eben noch die Rede vom hellen Ostertag? Von Freude? Vom neuen Anfang?
Wie halte ich das fest? Wie gelingt es, dass die Auferstehungshoffnung trägt? Woher kommt uns Licht und Wärme, wenn die Nachrichten und das Wetter schlecht sind?
Mir half –wie den Emmausjüngern – die Begegnung mit einem fremden Menschen: an der dm-Kasse. Ich hatte Masken und Desinfektionstücher auf dem Band und was man sonst in Bad und Küche so braucht und wegen des Plastikmülls nicht mehr so unbeschwert auswählt. Ich gucke vor mich hin und auf die Abstandsmarkierung am Boden und dann schaue ich ins Gesicht einer Kassiererin, die so hell und herzerwärmend lächelt, dass das ganze Gesicht leuchtet, genauer die Stirn und Augen. Als hätte sie lange auf mich gewartet und wäre nun richtig glücklich mich zu sehen! Dass man mit Maske einen völlig fremden Menschen so liebenswert lächeln kann! Was muss die Frau für ein warmes Herz haben! Es muss mindestens ein Kachelofen sein.
Auch die Emmausjünger erleben solche Herzerwärmung. Ein Fremder geht ein Stück mit und hört zu, er lässt sich einladen und sie essen gemeinsam. In seiner Geste erkenne sie den, den sie so vermisst und betrauert haben - und dann merken sie, dass es in ihren Herzen längst ganz warm und hell geworden war. „Brannte nicht unser Herz“ fragen sie sich. Ja doch!

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  Furcht und Hoffnung

Furcht und Hoffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.04.2021

Im kürzesten unserer Evangelien, wird vom Ostermorgen erzählt, wie die beiden Frauen zum Grab gehen und es leer vorfinden. Ein Engel erwartet sie und sagt:
„Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“
Man kann 2021 daran knaupeln, warum ausgerechnet die Osterbotschaft mit Angst und Schrecken daherkommt – gerade dieses Jahr, wo wir das zuallerletzt gebrauchen können. Aber man kann genau in diesem Jahr auch sehr viel Unmittelbarkeit erleben, die direkt unserer Gegenwart zugesprochen scheint.
Zum einen: Gerade jetzt, während unsere katholischen Geschwister so heftig um die Gestalt ihrer Kirche ringen, während sich bei Maria 2.0 Frauen sammeln, die endlich daran mittun wollen – als Geistliche ohne Einschränkungen - tut es gut zu hören, dass es zwei Frauen sind, denen die Osterbotschaft anvertraut wird, damit sie sie verkündigen und weitertragen.
Zum anderen: Ja, sie fürchten sich und schweigen. Wer wollte das nicht verstehen können? Gerade jetzt, wo Menschen so gierig darauf warten, dass ihnen Heil und Heilung, Leben und Zukunft eröffnet wird, wo Menschen so dünnhäutig darauf reagieren, wenn Hoffnung enttäuscht wird und es nicht aufwärts geht - kann man da nicht verstehen, dass diejenigen, die diese gute Botschaft überbringen sollen, vor Schreck weiche Knie kriegen?
Wer wollte sich nicht fürchten, wenn auf ihm die Hoffnung aller ruht?
Und das erst recht, wenn es so viel Mut und Glauben braucht, dem zu vertrauen, was da geschehen ist: Ein leeres Grab, weil der Tod überwunden ist???
Diese Furcht ist Gottesfurcht und Ehrfurcht vor dem unfassbar großen wundern und der Hoffnungsbedürftigkeit der Menschen. Und irgendwann haben sie es doch auch erzählt.
Der Herr ist auferstanden! Halleluja! Es klingt bis hierher.

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  Das Grab war leer?!

Das Grab war leer?!

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.04.2021

Haben Sie noch im Ohr, wie es Weihnachten war? Den Hirten erscheint die Menge der himmlischen Heerscharen und die jubeln laut und fröhlich: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden! Und die Klarheit des Herrn umleuchtete die Hirten, wie die Bibel berichtet. Auf den Feldern Bethlehems war richtig was los bei Jesu Geburt.
Und jetzt? Nichts, aber auch gar nichts dergleichen. Drei Frauen kommen am Ostermorgen zum Grab, um Jesu Leichnam zu salben, der ist aber nicht mehr auffindbar. Stattdessen treffen sie auf einen Engel, der ihnen mit der Emphase eines Nachrichtensprechers mitteilt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er ist nicht hier.“ Das hatten die Frauen nun auch schon alleine festgestellt und es war die nächste Katastrophe: erst sein Tod am Karfreitag und jetzt auch noch die Leiche weg. Die Reaktion der Frauen beschreibt die Bibel so: Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen und sie fürchteten sich sehr!
Ostern – das wichtigste und lebensveränderndste Fest, das wir Christen haben. Und dann solch eine Geschichte dazu? Sie beginnt mit der Trauer und der Verzweiflung am Karfreitag und endet mit Angst und Entsetzen am Ostermorgen. Keine Rede von Glauben, von Freude, von Hoffnung, von Liebe. Wer auch immer Menschen dazu bringen will, an Jesus Christus zu glauben, der sollte doch wohl auf jeden Fall die Finger von dieser Geschichte lassen, die von drei völlig verstörten Frauen berichtet, die einen lieben Verstorbenen besuchen wollen, ihn aber nicht finden.
Oder vielleicht gerade diese Geschichte? Sie ist verstörend und erschreckend, und sie ist für die handelnden Personen ja auch irgendwie peinlich, weil sie gar nicht begreifen, was los ist. Ich bin davon überzeugt: Eine solche Geschichte erzählt man nicht, um jemanden zu manipulieren. Eine solche Geschichte erzählt man tatsächlich nur aus einem einzigen Grund: Weil es genau so war!
Und diese Geschichte räumt mit einem Thema auf, mit dem wir, wenn es um Jesus geht, ganz sicher nicht weiterkommen: Wir sollen keine Grabpflege für ihn betreiben. Jesus braucht uns nicht, damit wir für ihn die Erinnerung an seine Wirkungszeit wachhalten. Die Frauen wollten sich um den toten Jesus kümmern, doch Jesus will eine lebendige Beziehung zu uns – kein Salböl, keine Leichentücher, sondern Dialog und Leben in Gemeinschaft mit ihm.
Wenn wir das nicht zulassen, sondern ihn nur nach Belieben auf dem Friedhof besuchen, ansonsten aber lieber allein entscheiden, wie viel Einfluss er auf unser Leben haben soll, weil wir meinen, dass wir das ohnehin viel besser können, dann ist Grabpflege nur konsequent.
Wenn ich aber wirklich an seine Auferstehung glaube, dann hat es sich erledigt mit solcher Grabpflege und dann weicht auch die Angst und das Entsetzen, das die Frauen getroffen hatte und wird verdrängt durch echte Freude darüber, dass das Grab leer war.
Dann ist Ostern keine schöne Tradition, sondern das Siegesfest über den Tod und das Fest der Freundschaft zum auferstandenen Jesus Christus, der bei uns ist heute, morgen und allezeit und in Ewigkeit. Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja! Amen.

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  Tatsächlich nur ein Verräter?

Tatsächlich nur ein Verräter?

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.04.2021

Warum tut er das? Was treibt ihn an? Ist es nur das Geld? Ist er enttäuscht, weil es nicht so richtig vorangeht? Vielleicht haben ihn die Hohepriester überzeugt und als gottesfürchtiger Jude bleibt ihm keine andere Wahl, als das zu tun, was er tut. Seit 2000 Jahren versuchen Menschen zu ergründen, warum Judas Jesus verraten hat. Eine Antwort ist schwer zu finden.
Ja, er bietet sich an, fragt, was es den Hohepriestern wert ist. 30 Silberlinge bekommt er; 30 Silberlinge, die ihn nicht glücklich machen werden. Immer wieder geraten Menschen des Geldes wegen vom rechten Weg ab. Menschen sind bestechlich, Menschen sind käuflich. Es gibt das geflügelte Wort, dass jeder käuflich ist, es kommt nur auf den Betrag an.
Gerade in den letzten Tagen und Wochen mussten wir es wieder erleben. Da waren Bundestagsabgeordnete offenbar nicht stark genug, sich der Versuchung zu widersetzen. Sie nahmen Geld für Vermittlungen an und ich bin mir sicher, dass sie es alle heute bereuen.
War auch Judas einfach nur korrupt und geldgierig? War ihm das Schicksal seines Herrn und Meisters, war ihm das Schicksal seines Freundes weniger wert als diese 30 Silberlinge? Ich weiß es nicht, aber ich glaube, das wäre zu einfach.
Hat er vielleicht Angst bekommen? War er zu überwältigt von dem, was an Palmsonntag passiert war? Jesus wird empfangen wie ein König. Alle Welt läuft ihm nach, haben die Pharisäer verzweifelt ausgerufen. Und vielleicht war sich Judas sicher, dass die Jubelnden auf das falsche Pferd gesetzt haben. Jesus hatte nie gesagt, dass er Israel von den römischen Besatzern befreien würde. Vielleicht wollte Judas vermeiden, dass das Volk seine gesamte Hoffnung auf den falschen setzt und dann maßlos enttäuscht wird. War Jesus jetzt größenwahnsinnig geworden? Vielleicht war das Judas Motivation, all dem eine Ende zu setzen. Oder war Judas eine ganz wichtige Person in Gottes großem Plan?
Was auch immer ihn angetrieben haben mag, er wird mit seiner Tat nicht fertig. Nachdem er gesehen hat, welche Konsequenzen sein Verrat hat, versucht er alles rückgängig zu machen. Er will das Geld nicht mehr, doch er wird es nicht mehr los. Er versucht, zu retten, was zu retten ist, doch es ist nichts mehr zu retten aus seiner Sicht.
Alles läuft alles aus dem Ruder und Judas wird die Tragweite dessen klar, was durch ihn seinen Lauf genommen hat. Und so sieht er keinen anderen Ausweg als den eigenen Tod. Judas nimmt sich das Leben und stirbt einsam vor den Toren der Stadt.
Es gibt ein beeindruckendes Theaterstück, das die ganze Tragik des Judas verdeutlichet und in dem die Passionsgeschichte aus seiner Sicht und von ihm selbst erzählt wird. Und ganz am Ende, da fragt er das Publikum und damit auch uns:
„Ihr ach so schlauen Leute, wenn ich die Geschichte zurückdrehen könnte / Keine Tat des Verrats, wie Ihr das gerne nennt / Kein letztes Abendmahl / Kein Kuss / Kein Kreuz / Kein Tod / Würdet Ihr das wirklich wollen?“
Ich denke: Nein! Amen.

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