Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Gedichte! Sofort!

Gedichte! Sofort!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.09.2020

Vor ein paar Jahren saß ich im Herbst in einer Dortmunder Kongresshalle – alles dicht an dicht – unvorstellbar heute – und hörte mir einen Vortrag in Vorbereitung des Reformationsjubiläums an. Ich weiß nicht mehr, worum es genau ging aber es muss irgendwie doch sehr technokratisch und marktförmig gewesen sein, denn irgendwann seufzte mein Nachbar tief auf, erhob sich von seinem Platz und sagte: „Ich brauch jetzt sofort Gedichte.“
Da hatte er recht.
Ich habe danach mit einigen Kollegen zusammengesessen und das kühne Ziel verfolgt, eine Anthologie für unseren Pfarramts-Alltag hier in der braunschweigischen Landeskirche herauszugeben. Soweit haben wir es nicht geschafft – aber immerhin Gedichte gesammelt und einen sehr poetischen Gesamtpfarrkonvent erlebt.
Jetzt ist es mal wieder soweit. Ich brauche Gedichte – denn sie sind verdichtete Lebenserfahrung und geteilte Hoffnung, Konzentrate aus Lebenselixier und Menschlichkeit. Egal, ob wir zuviel arbeiten müssen oder Menschen betrauern, Jugendliche begleiten oder Liebesgeschichten zuhören, ob Corona mal wieder Pläne schrotet oder wir in Erinnerungen versinken ob wir vielleicht doch nur den Mond anheulen: alles geht besser mit Gedichten. Kein Wunder, dass es so viele gibt.
Ich habe für heute – am Ende einer Woche mit vollem Leben und so vielen Nachrichten aus aller Welt - eines gefunden von Juan Ramón Jiménez:
„Wirf den Stein von heute weg. / Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist, / wirst du ihn morgen wiederfinden, / zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.“
Fast hätte ich das freudsch verdorben und statt „Sonne“ „Sorge“ geschrieben. Darum noch einmal:
„Wirf den Stein von heute weg. / Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist, / wirst du ihn morgen wiederfinden, / zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.“
Wenn das mal nicht eine Auslegung des Bibelwortes ist: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.“
Während wir schlafen, macht er aus den Steinen unserer Mühen und Sorgen, aus den Brocken unseres Kummers ein Licht - er verwandelt alles, was uns schwer fällt in Hoffnung und Freude, er macht es hell ums uns und in uns, denn was uns leuchtet –am Abend und am Morgen - kommt von Ostern her. Woher denn denn sonst.

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  Nachdenken über das gute Leben

Nachdenken über das gute Leben

Pfarrer Henning Böger - 17.09.2020

Wie es war, wird es nicht wieder! Diesen Satz hört man jetzt häufiger. Oder auch diesen: Es muss sich etwas ändern! Gemeint ist die Zeit nach Corona. Es wird nicht wieder normal, sagen die einen. Und andere ergänzen: Wir müssen etwas ändern! Aber was?
Darüber hat der Bonner Philosoph Markus Gabriel nachgedacht und ein Buch geschrieben. Sein Titel lautet: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Untertitel: Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Leidenschaftlich erinnert der Philosoph darin an die Zeit der Aufklärung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, also jenen denkerischen Aufbruch des Menschen aus seiner Unmündigkeit mit der Kraft seines Verstandes.
Einen eben solchen Aufbruch brauche es auch jetzt, fordert Markus Gabriel. Man müsse anders, vor allem gemeinsam denken. Denn die Corona-Pandemie zeige, dass ein Virus nicht zwischen nah und fern unterscheidet, dass wir wirklich eine Welt sind und dass die Zukunft dieser einen Welt gemeinsame Aufgabe aller ist. Darum brauche es, so der Philosoph, eine neue Aufklärung, eine Ethik für alle unabhängig von Schulform und Bildungsgrad, unabhängig von Religion, Herkunft, Vermögen, Geschlecht oder persönlicher Meinung.
Wie es war, wird es nicht wieder! Für den Philosophen beginnt der erste Schritt in die Zukunft mit dem gründlichen Nachdenken über gutes Leben mit sich und anderen. Denn, so schreibt er: „Ziel und Sinn des menschlichen Lebens ist das gute Leben.“ Und um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir aufrichtiges Nachdenken über alle Fragen, die Menschen bewegen. Mit schnellen Lösungen ist es nicht getan in Fragen des Klimas, von Armut und Reichtum oder der zunehmenden Alterung unserer Gesellschaft.
Die Menschheit als weltweite Schicksalsgemeinschaft: Das ist für mich ein starkes Bild. Und mir gefällt der Gedanke, dass etwas von der Zukunft dieser Welt auch in meinen Händen liegt; dass uns Menschen durch gemeinsames Nachdenken nachhaltige Entwicklung und heilsamer Fortschritt gelingen können; gerade in dunklen Zeiten, in denen für viele oft erst das eigene Fressen kommt und dann die Moral.
Mein Glaube lehrt mich einen anderen Satz. Er lautet: Wir müssen keine ethischen Analphabeten bleiben! In jeden von uns ist schöpferische Kraft gelegt ist, das Gute zu suchen und zu tun.
Glaube und Ethik, moralische Überzeugung und praktisches Handeln sind nie getrennte Größen, sondern immer zwei untrennbare Seiten des einen guten Lebens. Und dieses Leben wird vor allem dadurch gut, dass es niemals für sich bleibt, sondern immer über sich hinaus will - hin zu Gott und zu den Nächsten.

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  Übung in Dankbarkeit II

Übung in Dankbarkeit II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.09.2020

„Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
So begann mein Kollege gestern Abend hier seine Andacht. Er ergänzte dieses Bibelwort mit einer Übungsanleitung der Theologin Dorothee Sölle, sich täglich drei Dinge zu suchen, für die wir Gott loben und danken können.
Mit dieser Aufgabe habe ich gestern Nachmittag den Konfirmandenunterricht begonnen und sie begleitet mich weiter.
Drei Dinge:
Erstens: Das Licht dieser Spätsommertage, die wunderbaren Farben. Die Natur ist tröstlich und unbegreiflich schön. Neben allem, was einem manchmal auf die Seele schlagen mag, hält unser Gott so immer wieder Momente bereit, die erinnern, dass unsere Welt gut eingerichtet ist und einer über sie wacht, der es gut mit uns meint.
Zweitens: Ich wundere mich manchmal über mich selbst, dass es bei all den Nachrichten aus aller Welt, möglich bleibt in Gedanken und Herz und Sinn ganz hier zu sein. Das Explosionsunglück im Hafen von Beirut ist angesichts der Katastrophe auf der Insel Lesbos schon fast vergessen. So viele Menschen sind ihrer allerletzten kläglichen Zuflucht beraubt und trotzdem bleibt dürfen wir uns an dem freuen und von dem zehren, was unsere Tage hier füllt. Das mag hartherzig klingen und ist vielleicht ein Schutz für unsere Seelen und Herzen, ein Grund froh und dankbar zu sein.
Drittens: und immer wieder begegnet man Menschen, die einen anstecken mit Lebensfreude und Fröhlichkeit. Ein ganz und gar ungewöhnliches Erlebnis dieser Art bescherte mir eine Klofrau auf Rügen. Ihr Toilettenhäuschen war ein herrlicher Ort: voll Musik und Blumen, mit einem Kofferradio und Boxen vor der Tür. Und einem Gästebuch, wie es sich sonst in Kirchen findet. Seitenweise hatten Menschen dieser Frau für den fröhlichsten und heitersten Toilettenbesuch ihres Lebens gedankt. Diese Begegnung hat mich noch tagelang beschäftigt. Dass ein Mensch an einem solchen Ort, so ausstrahlend wirken kann, das andere noch tagelang davon erzählen.
Gründe Gott zu loben gibt es viele, einmal angefangen zu suchen, finden sich immer mehr. Eine gute Beschäftigung. Das Herz wird weit und licht. Dank an meinen Kollegen und einmal mehr: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

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  Übung in Dankbarkeit

Übung in Dankbarkeit

Pfarrer Henning Böger - 15.09.2020

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
(Psalm 103,2)
Die Theologen Dorothee Sölle hat es einmal als eine geistliche Übung bezeichnet, am Tag drei Dinge zu finden, für die man Gott danken kann. Sie schreibt: „Drei Dinge sind manchmal ganz leicht. Und an anderen Tagen fällt es sogar schwer, einen einzigen Grund zum Danken zu finden. Probieren Sie es doch einmal aus!"
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Eine Kollegin schreibt davon, wie sie dieses bewusste Danken in einer persönlichen Krisenzeit regelrecht trainiert habe. Jeden Morgen sei sie damals zum Laufen aufgebrochen und habe sie sich dabei überlegt, wofür sie gerade dankbar sein kann. Und wenn sie etwas gefunden hatte, habe sie laufenderweise nach einem kleinen oder größeren Stein gesucht. Den trug sie dann so lange mit sich, bis sie ihn mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung abgelegte mit einem Moment des Innehaltens und Dankens. Es sei mit der Zeit ein richtiger Danke-Steinkreis geworden. Als sie nach einem Jahr, längst war die Krise überstanden und ein neuer Lebensort gefunden, auf die Waldlichtung zurückgekehrt sei, da habe sie das, was sie dort sah, bewegt: Andere Menschen hatten ihre Steine entdeckt und daraus auf dem Waldboden ein großes Herz gelegt. Erst da habe sie gemerkt, wie sehr sich durch das tägliche Danken etwas in ihrem Herzen verändert habe.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Nicht alles, was uns widerfährt, erscheint uns dankenswert. Im Gegenteil: Es gibt Geschehnisse, die wir oft nicht verstehen. Und es gibt eigentlich immer irgendwo die Angst, es könnte nicht reichen, die Sorge, wir schaffen es nicht, wir sind zu wenige, die Kraft ist zu klein, die Probleme zu mächtig.
Aber meine eigene Erfahrung ist: Wenn ich mich trotz dieser Dinge entscheide, mit dem Danken zu beginnen, öffnet sich oftmals eine unsichtbare Tür und ich werde zu einer neuen Sicht auf die Dinge befreit. Mein Blick ändert sich: weg von mir, von meinem Mangel und meinen Unmöglichkeiten, hin zu den Menschen, die mir in alldem hilfreich zur Seite stehen.
Und zu Gott, zu seinen Gaben und Möglichkeiten, mit denen er hier und dann auch ewig für mich sorgen will.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

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  Besinnungswege...

Besinnungswege...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2020

„Siehe in die Hände habe ich dich gezeichnet…“
So steht es bei dem Propheten Jesaja. Und es klingt als wäre dann alles klar und deutlich ablesbar. Ohne Zweifel, wohin uns unserer Wege führen werden.
Aber so leicht ist es nicht.
Wohl sind unsere Hände einzigartig und gibt es keinen Menschen, in dessen Hand dieselben Linien stehen – aber das macht sie nicht lesbarer. Nicht für mich.
So bleibt nur der Versuch, selbst die richtigen Wege zu finden, hinzuhören.
Und auszuhalten, dass manche Menschen ein so ungeheuer schweres Leben haben und andere leicht und sorglos vorübergehen.
Vor wenigen Tagen bin ich in Südtirol gewesen und im Ahrntal noch einmal den Besinnungsweg zur Franziskuskapelle hinaufgestiegen – so wie vor fast zwanzig Jahren mit den Konfirmanden meiner ersten Gemeinde. Ganz oben am Weg, der dem Sonnengesang des Franz von Assisi gewidmet ist, ein Weg, der vorbei an Wasserfällen führt und die Schöpfung lobt, der zerborstene Felsen markiert und Frieden erbittet, kurz vor der uralten Kirche. kommt ein Holztor. Ganz oben, am Ende des Weges kommt die Auferstehungsstation.
Über dem Durchgang steht ein Bibelwort aus der Offenbarung:
„Ich habe vor Dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr verschließen kann.“
Dieses Mal habe ich gezögert, hindurchzugehen.
Ich kenne inzwischen zu viele, die diesen Weg mit den Jugendlichen gegangen und – für meine Begriffe – zu früh gestorben sind. In ihren Händen wird es gestanden haben. In meinen kann ich nicht lesen. Jetzt geht mir das an die Substanz. Keine konnte ahnen, geschweige denn in der Hand lesen, dass die die Tür schon offensteht.
Tut sie es jetzt?
Weggehen und Wiederkommen. Heimkommen. Ankommen.
In diesem September begleitet mich die Frage von Menschen, die Angehörige verloren haben und schmerzhaft zweifeln, ob es denn gewiss ist, dass da am Ende ein Ort wartet, an dem alles gut ist.
Ich weiß es nicht.
Aber ich glaube es.
Bei Jesaja steht übrigens noch: „Bis in euer Alter bin ich derselbe…“
Der unsere Wege kennt und die Tür öffnet, er hat uns am Anfang beim Namen gerufen. Sein Segen war mit uns. So bleibt er. Bis wir ankommen bei ihm.

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  Fürsprache und Fürbitte

Fürsprache und Fürbitte

Werner Busch, Pfarrer - 12.09.2020

Möglicherweise haben Sie an diese Andacht bestimmte Erwartungen. An einem Tag, der Menschen wegen eines Parteitages zu Protesten auf die Straße bringt, hört jeder, was er hören will. Deshalb stelle ich eines an den Anfang. Wir sprechen hier nicht gegen, sondern für. Fürsprache und Fürbitte stehen uns Christenmenschen gut zu Gesicht. Wenn es nach dem Willen und Gebot Jesu Christi geht, sind Fürsprache und Fürbitte für andere unverwüstlich. „Tut Fürbitte und Danksagung für alle Menschen und für alle (!) Obrigkeit“ (1. Timotheus 2). Betet sogar „für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5). Liebt eure Feinde. Verflucht und verdammt sie nicht, sondern segnet sie (Römer 12).
Hass und Rücksichtslosigkeit sind jedoch auch in der Welt und ansteckender als jedes Virus. Die politischen Emotionen Wut und rechthaberischen Zorn kannst Du Dir schlecht vom Leib halten. Diese Aerosole wehen hinter jede Maske. Denn Hass, der einem entgegenschlägt, kontaminiert sogar die Toleranz und verdirbt jeden guten Willen. Sie kontaminiert auch die Vernunft und macht Gespräch und Debatte unmöglich. Hass ist, wenn es keine Brücke mehr zwischen dir und mir gibt. Wer in so eine Situation kommt, steckt fest im Reagierenmüssen, aber lass dich nicht vom Bösen überwinden! Da ist kein Wort mehr miteinander und keines mehr füreinander. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Parolen und Schlagwörter in die Öffentlichkeit gerotzt werden, wird krank und kränker. Unser Land, die ganze Welt braucht Menschen, die Fürbitte halten. Menschen, die segnen können. Unter allen Umständen segnen können. Ich glaube, das ist ein Heilmittel. Es ist kein Impfstoff. Gebet und Glaube machen uns nicht immun. Wir stehen nicht über den Dingen und schon gar nicht über anderen Menschen, sondern sind genauso anfällig für die Sorgen und den Zorn wie alle anderen auch.
Aber wir kennen einen Ort, wo wir wieder genesen. Deshalb kehren wir in unsere Kirchen ein. Denn der Segen Jesu für alle Menschen kann nur mit dem Atem der Auferstehung gesprochen werden. Dieser Segen wird frei verschenkt und kennt kein Maß. Er ergeht ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf Herkunft oder auf politische Meinung. Ohne, dass Menschen von Menschen irgendwo ein- oder aussortiert werden.
Ich gebe zu: Manchmal geht mir die Puste aus. Ich bin nicht Christus und mein Geduldsfaden ist kein Stahlseil. Beim Nachrichtensehen und Zeitunglesen schüttle ich den Kopf über die Dummheit, über den ungebremsten Zorn, der sich in die Welt ergießt, und über die Kaltherzigkeit und Borniertheit, mit der manchmal über Sachfragen und die Not der Bedrängten hinwegdiskutiert wird. Ich merke, wie ich dann selber unerbittlich werde. Herz und Sprache verhärten, Tonfall und Argumente werden rigoros. Ich komme mit meinem Verständnis und meiner Kompromissbereitschaft manchmal schlicht an Grenzen.
Und suche Erholung und Erneuerung. Wir brauchen Atem und Liebe für die Worte, die heute an der Zeit sind. Worte der Fürsprache und Fürbitte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich beten soll angesichts der zunehmenden Polarisierung und der Auseinandersetzungen, die in unserer Gesellschaft anstehen. Außer dieses: Herr, erbarme dich.
Mit diesem kleinen Gebet will ich Fürbitte halten für die, die ohne Obdach sind, auch in unserem Land, und deren Lage sich nicht im Handumdrehen ändern lässt. Auch für die politisch Verantwortlichen will ich beten, die oft genug zwischen souveränen Entscheidungen und peinlicher Überforderung hin- und herschwanken. Herr, erbarme dich auch über sie. Für die Menschen auf Lesbos, die Fremden und die Einheimischen dort, für die Flüchtlinge, die großer Bedrängnis ausweichen und in ihrer Not sich und ihre Kinder in Lebensgefahr bringen. Für sie will ich beten: Herr, erbarme dich. Und für die, die mit Kritik und ehrlichen Fragen auf ungelöste Probleme hinweisen, und sich nach Lösungen sehnen. Es gibt ein Gebet für alle, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Beten wir es auch für uns: Herr, erbarme dich.

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  ERKLÄRUNG ODER ERHÖRUNG

ERKLÄRUNG ODER ERHÖRUNG

Werner Busch, Pfarrer - 11.09.2020

In Krisen und Notlagen fragen Menschen oft: „Warum?“, "Warum gerade ich?" oder "Warum gerade meine Kinder?"
Die Warumfrage wird allerdings oft missverstanden, als würden mit ihr nach Erklärung gesucht. Wenn mir oder einem geliebten Menschen was Schweres widerfährt, reißt das natürlich eine große Verständnislücke in mein Weltbild. Jedoch ist die Warum-Frage nicht das schnippsende Melden des Schülers, der etwas erklärt haben möchte. „Gott, warum?!“ ist vielmehr ein Notschrei. Wer nach Gott verlangt, braucht nicht unbedingt Erklärungen. Vielmehr ist die “Warum”-Frage manchmal schlicht eine Anklage. Mein Verstand rebelliert gegen Gott, “den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde”. Die Klage-Frage verlangt nicht zuerst Antwort, sondern sie verlangt nach Anhörung. Ratlosigkeit will ernstgenommen und nicht weg erklärt werden. Dafür steht die Hiob-Geschichte in der Bibel. Anfangs schweigt er. Und seine Freunde schweigen mit ihm. Im Schweigen arbeitet die Seele. Im Schweigen trägt sie Schmerzen aus, bis sie Worte gebiert. Es ist so wichtig, sich aussprechen zu können. Manchmal braucht es Zeit, bis die richtigen Worte da sind, in denen die Seele sich verstanden fühlt.
Endlich! Endlich fängt Hiob an zu reden. Er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, sondern spricht alles aus, was in ihm ist. Gott muss sich einiges anhören. Und die Freunde auch. Doch sie halten das nicht aus. Wenn jemand seinen Zweifel, seiner Kränkungen, seiner Wut Luft macht, kommen keine Komplimente dabei heraus. Auch keine wohlgesetzten Gebetsworte. Wenn Herzen wirklich zu sprechen beginnen, wird es manchmal schmutzig, laut. Und schwer erträglich. Also fangen die Freunde an, ihn zu beschwichtigen. Ihm zu widersprechen. Die Stimme der Vernunft soll den Kläger wieder zur Besinnung bringen. „Ihr seid leidige Tröster“, wirft Hiob ihnen entgegen und kann sich nicht beruhigen. Denn sie haben nur Erklärungen für ihn. Sie deuten seine Lage. Sie suchen Sinn in dem, was ihm widerfahren ist. Sie finden Gründe, warum es ihm so ergangen ist. Aber eines haben sie nicht für ihn. Ein offenes Ohr. Am Ende des Hiobbuches sagt Gott selbst zu ihnen: „Ihr habt nicht recht von mir geredet.“
Denn Gott tröstet uns nicht mit Erklärungen. Er tröstet uns, indem er uns anhört. Indem er uns ernst nimmt. Die Losung für den heutigen Tag ist ein Gebet, das genau nach dieser Erfahrung sucht: „Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen.“ Psalm 39,13.

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  Zum Welttag der Suizidprävention

Zum Welttag der Suizidprävention

Pfarrer Christian Kohn - 10.09.2020

Viele Menschen kümmern sich intensiv darum, dass unser Straßenverkehr immer weniger Opfer fordert. Ebenso sorgen Polizei und Sicherheitskräfte dafür, dass wir relativ sicher und unbehelligt von Gewalt in unserer Gesellschaft leben können. Und auch für Menschen, die in die Abhängigkeit von Drogen geraten sind, gibt es zahlreiche Unterstützungs-angebote, die einen Ausstieg aus dieser Abhängigkeit ermöglichen wollen. Das wissen jedenfalls die meisten von uns. Was die meisten von uns jedoch nicht wissen, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. Statistisch gesehen sind das mehr Menschen als die, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Im Gegensatz zu den anderen Themen scheint der Suizid trotz dieser erschreckenden Zahlen noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft zu sein. Auch wenn es auf der einen Seite sinnvoll erscheint, dass zum Beispiel die Medien darüber nicht berichten, weil sie um den sogenannten Werther-Effekt, den Nachahmer-Effekt wissen, so hilft uns doch dieses Tabu insgesamt auf der anderen Seite sehr wenig.
Denn wenn wir nicht öffentlich darüber reden, wie könnte man dem Suizid dann vorbeugen? Wie könnten wir mit diesem Thema überhaupt angemessen umgehen, wenn wir es in unserer Mitte exkommunizieren? Und wie sonst könnte man drohende Anzeichen erkennen und denen, die sich mit diesem Gedanken tragen, weiterhelfen und andere Wege aufzeigen?
Der heutige Welttag der Suizidprävention möchte dieser tabuisierenden Haltung entgegenwirken und uns alle zu einer höheren Achtsamkeit und Sensibilität füreinander aufrufen! Auch wenn wir den Suizid mit unseren Kräften wohl nicht aus der Welt schaffen werden, so geht es dennoch um das hilfreiche Vorbeugen. Es geht um das Aufzeigen von Alternativen, mit den eigenen Lebens- und Sinnkrisen umzugehen. Und es geht ebenso um eine hilfreiche Begleitung von den Menschen, die durch einen Suizid betroffen sind. Auch sie brauchen Begleitung und Unterstützung, brauchen Orte, an denen ihre Gedanken und ihre Trauer einen Platz hat. Brauchen sie Menschen, die bereit sind, ihnen zuzuhören und sie zu begleiten.
Möglicherweise wäre es ebenso eine hilfreiche Form von Prävention, einmal einen kritischen Blick auf unsere heutigen medial vermittelten Lebensvorstellungen zu werfen, in denen Krisen, Rückschläge und auch Scheitererfahrungen selten oder keinen Platz haben. Gerade die aktuelle Situation macht uns ja mehr als deutlich, wie schnell unser Leben aus den gewohnten Bahnen geworfen kann. Und wie anfällig unser so sicher geglaubtes Leben in Wirklichkeit ist. Doch auch hier ließe sich feststellen, dass unsere Solidarität und unsere Gemeinschaft die wirksamen Mittel sind, mit denen wir diesen Umständen begegnen können.
Wir jedenfalls machen heute öffentlich darauf aufmerksam, dass es zahlreiche Beratungsstellen gibt, die bereit und kompetent sind, Menschen in Krisen zu begleiten. Und die beste Nachricht, die sich auf diese Weise verbreiten würde, wäre wohl: Auch wenn Du denkst, Du bist ganz allein - Du bist es nicht! Und: Sorgen teilen kann helfen!

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  Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium

Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium

Pfarrer Werner Busch - 09.09.2020

„Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium.“
Ein geflügeltes Wort. Wenn ohne gründliche Planung schnell eine Lösung gefunden werden muss, fliegt dieses Sprichwort durch Gespräche und Köpfe. „Wir machen das erst mal so“. Bevor wir uns eine neue Küche kaufen, stellen wir doch die alte noch mal um.
Seit einigen Monaten gibt es viele Provisorien. In Geschäften und Schulen, an Arbeitsplätzen, in Büros und auch in Kirchengemeinden. Bei uns in St. Katharinen ist das so, hier im Braunschweiger Dom auch. Jeder kann es sehen: Unter normalen Umständen würden wir die Sitzordnung, die Chorpodeste, den Eingangsbereich nicht so handhaben, wie wir es jetzt tun. An solche Provisorien kann man sich gewöhnen. Menschen müssen manchmal eine Zeitlang in Provisorien klarkommen. Vorübergehende Lösungen sind nicht selten, können anregend sein, auch wenn das ein bisschen anstrengend ist. Die inneren Bilder, die alte Routine – das ist alles ist ja noch da, noch in uns. Wir dürfen ihnen z.Zt. nur nicht folgen, und das wird wohl auch noch einige Monate so weitergehen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der innerstädtischen Trümmerwüste erst einmal Buden aufgestellt. Das Handeln ging wieder los. Und wo einst stolze Fachwerkhäuser standen, zog man zunächst einstöckige Flachbauten hoch. Einzelne solche einfachen Gebäude stehen noch heute zwischen den 3-stöckigen Neubauten der 60er und 70er Jahre. Irgendwie musste es ja wieder losgehen. Manches Provisorium ist langlebig. Irgendwann gehörte es zum neuen Stadtbild dazu und wurde Teil des Lebens, das man als gegeben hinnimmt.
Nicht nur unsere Stadt, auch die Bibel beherbergt Geschichten, die genau davon handeln: „Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium.“ Als das Volk Israel Sinai ankam, war das nur eine vorübergehende Station, ein Zwischenstopp. Bald brachen sie wieder auf. Der Weg ins gelobte Land, in die Sesshaftigkeit, war noch lang und beschwerlich. Am Sinai entstand ein besonderes Heiligtum. Gott ließ ein Zelt errichten, genannt die „Stiftshütte“ oder das „Zelt der Begegnung“. Ein provisorisches Gotteshaus, ein Reisetempel, der sich abbauen und an anderen Orten neu errichten ließ. Die biblische Erzählung schildert es so: Jedes Mal beim Aufbruch, rief Mose laut über’s Lager: „Herr, steh auf!“ Und sie bauten das Zelt ab, sie hüllten die heiligen Gegenstände in Decken und Tücher und machten sich auf den Weg. Gott machte sich mit seinem Volk auf den Weg. Wenn sie sich wieder lagerten, rief Mose laut über den Treck der Reisenden: „Herr, komm wieder!“ Gott ließ sich mit seinem Volk nieder. Doch weder das Unterwegssein noch die Lagerplätze waren endgültig.
Auch wir bewegen uns seit Wochen und noch bis 2021 von einem Provisorium zum andern. Das kostet Kraft. Und wir brauchen eigentlich ein bewegliches Gemüt. Jedes Mal, wenn uns die Situation herausfordert, und wir uns umstellen müssen, wo wir beharren möchten, wo wir gebremst werden, obwohl wir lospreschen wollen – jedes Mal haben wir ein Gebet aus diesen alten Geschichten zur Hand. „Herr, steh auf.“ „Herr, komm wieder.“ Wenn unsere Herzen ihn zum Gefährten haben, geht manches leichter und wir halten länger durch.
Amen.

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  Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.

Pfarrer Werner Busch - 08.09.2020

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist bekannt. Zu bekannt.
Auf ein Detail möchte ich Sie gerne hinweisen, das mir selber erst vor kurzem aufgefallen ist. Ein wesentlicher Teil dieses berühmten Gleichnisses spielt am Weg. In der Fußgängerzone. Auf dem Bürgersteig. Auf den Wanderpfaden. „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho … Und es begab sich, dass auch ein Priester hinabzog … Und ein Levit … Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam auch.“
Dort kam es zu einem Vorfall. Einem Überfall. Einem Unfall. Der Mensch ging und fiel … Er „fiel unter die Räuber“. Jetzt die Frage: Wer ist zuständig? Wer kümmert sich um so etwas im öffentlichen Raum. Im Niemandsland. Wenn das vor meiner Haustür passiert, dann bin ich verantwortlich, so wie ich dort ja auch für Schneedienst und Verkehrssicherung sorgen muss. Aber im Irgendwo der Stadt?
Der Priester kam, sah … und ging vorüber. Auch der Levit, ein Tempeldiener, kam, sah und ging. Beides Männer des Hauses. Zwischen vier Wänden ist ihr Element. Unter Dächern fühlen sie sicher. Da ist auch ihr Glaube zu Hause. Da sind sie fromm und redlich. Und manchmal auch redselig. Wo es einen klaren Hausherrn gibt und Stammplätze, Regeln und Etikette. Oder Liturgie. Aber unter freiem Himmel, wo die Geier kreisen, verwunschenes Gelände, wo alle gleich und frei und unberechenbar sind – da machen sie innerlich dicht. Da sind sie fremd und nur auf der Durchreise. Da sind Sie Migranten, nicht heimisch. Dort in der Kommunikationswüste der Fußgängerzonen und dem der Gesprächsarktis an Kassen haben sie im wahrsten Sinn des Wortes nichts verloren.
Aber genau hier passiert’s. Genau hier verwandelt sich ein Samariter, den das Klischee für religiös unterbelichtet erklärt, auf dessen Herkunft durch alte Geschichten ein Stigma liegt … Hier verwandelt sich so ein geistlicher Analphabet in einen Nächsten. Die anderen bleiben Passanten. Da wo etwas passiert, passieren sie, gehen vorbei. Weil ihr Herz nicht geübt hat, bei Wind und Wetter zu lieben. Immerhin: sie sehen. Sie schauen noch hin. Wir Städter haben ja gelernt, mitten im Trubel präzise aneinander vorbeizusehen.

Mit diesem Gleichnis erklärt Jesus den öffentlichen Raum zum Ort des Glaubens. Das freie Gelände, wo es keine Zugangsregeln und Aufenthaltsbestimmungen gibt, wo du nur Mensch bist unter Menschen, Fremder und Fremden: das ist der Ort, über dem Gott sein Gebot und seine Verheißung ausruft. Da draußen, jenseits der Kirchenportale.
Das nächste Mal, wenn Du dort jemanden siehst, dann schau und hör genau hin. Vielleicht verändert dich das auch und du wirst ein Nächster. Eine Nächste. „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam, sah und hatte Erbarmen. Geh hin. Und tu desgleichen!“

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  Das innere Team

Das innere Team

Pfarrer Werner Busch - 07.09.2020

Manchmal bin ich mit mir selbst nicht einig. Eine Entscheidung ist zu treffen, und ich zaudere etwas und bin zwischen „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht“ hin- und hergerissen. Zweifel und Vorfreude gehen durcheinander. Die Psychologie sagt: Dann ist Selbstklärung nötig. Mit sich selbst in Klausur gehen. Dabei kann es helfen, sich die widerstreitenden Gedankenimpulse und Emotionen wie ein inneres Team vorzustellen. Im eigenen Kopf oder Herzen steckt eine Zweiflerin, ein Bedenkenträger, ein Planer und Manager, eine Problemlöserin usw. Nehmen Sie sich einmal Zeit, und lassen die einzelnen Mitglieder Ihres inneren Teams aussprechen. Welche Zweifel, welche Sorgen stecken in Ihnen? Oder geben Sie Ihrer Problemlöserin, Ihrem begeisterten Planer einmal das Rederecht. Ausreden lassen.
Solche internen Gedankenkonferenzen kennt auch die Bibel. Das Selbstgespräch hat in den Psalmen einen viel besseren Ruf als in unserer Zeit. „Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes / und das Gespräch meines Herzens vor dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser.“ (Psalm 19,15). Beten kann auch heißen: Gott zum Zeugen und Mithörer meines inneren Dialogs zu machen. Gerade wenn das Grübeln losgeht und ich Zeit brauche, den inneren Knoten vorsichtig zu lösen und meine Gedanken zu sortieren. „Lass dir wohlgefallen das Gespräch meines Herzens vor dir.“
Die Bibel geht noch ein bisschen weiter. Sie rät dazu, dass eine Stimme im inneren Team nicht verstimmt. „Lobe den Herrn, meine Seele.“ (Psalm 103). Nicht immer lässt sich Gefühlschaos durch vernünftige Überlegung klären. Manchmal braucht es einen Entschluss, einen inneren Ruck. Wenn alle anderen Stimmen im inneren Team ausgeredet haben – und das dürfen sie - , dann geben Sie dieser Stimme auch noch das Wort: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Denn wir sind nicht die Meisterinnen und Meister unseres eigenen Lebens. Gott hat die ganze Welt in seiner Hand und auch mein kleines Leben. Schon manches Mal sind meine Zweifel widerlegt worden und mein Ärger hat sich in Luft aufgelöst, weil es sich überraschend gefügt hat. Das kann wieder passieren, liebe Seele. Vielleicht darf die Stimme des Glaubens, des Vertrauens, der Hoffnung beim nächsten Mal das Schlusswort haben.
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält, wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!
Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran, was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

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  Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

Markus Fay-Fürst, Pfarrer - 05.09.2020

„Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen.“ Mit diesen Worten Adolf Hitlers, gesprochen in einer Soldatenuniform im Deutschen Reichstag am Morgen des 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg vor 81 Jahren.
Mit einer Lüge begann der Zweite Weltkrieg. Denn es wurde nicht zurückgeschossen, es wurde sofort geschossen. Die deutsche Regierung erfand einfach einen angeblichen polnischen Überfall auf einen deutschen Radiosender, den in Wahrheit deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen ausführten, um scheinbar berechtigt zurückschlagen zu können.
Wer Krieg will, muss lügen, die Wahrheit verbiegen oder unterschlagen. Denn wer Krieg will, muss in den Köpfen seiner Mitmenschen Feindbilder pflanzen, die ein rigoroses Vorgehen gegenüber den anderen rechtfertigt.
Das galt schon immer für die großen Kriege, aber auch genauso für die kleinen Kriege in der Familie, in der Nachbarschaft, im Verein, im Beruf.
Wer Frieden will, darf nicht lügen. Die Lüge gehört zum Krieg, zum Frieden gehört es, unbedingt aufrichtig zu bleiben, zu bedenken, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat. Dass nicht alles, was man hört, richtig ist. Wer Frieden will, muss auch Verantwortung dafür übernehmen, was er sagt und was er nicht sagt.
Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!
Wenn man „Frieden stiften“ hört, denkt man an Großes, aber es beginnt mit den kleinen Entscheidungen.
Eine kurze Geschichte dazu:
Eines Tages kam Kritias zu Socrates, aufgeregt rief er:
„ Höre, Socrates, das muss ich dir erzählen, ein Freund hat…“
„Halt ein!“, unterbricht ihn der Weise, „lass sehen, ob das, was du erzählen willst, durch die drei Siebe geht.“
„ Drei Siebe?, fragt Kritias voll Verwunderung.
„Ja, mein Freund, drei Siebe! Das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist das, was du mir erzählen willst, wahr?“
„Nun, ich weiß nicht, ich hörte es erzählen, und ….“
„Aber vielleicht hast du es im zweiten Sieb geprüft, dem Sieb der Güte, ist das, was du mir erzählen willst, wenn nicht schon als wahr erwiesen, wenigsten gut, hilfreich für dich oder andere?“ Zögernd sagte Kritias: „ Nein, das nicht, eher im Gegenteil…“
„Dann“, unterbrach ihn der Weise, „lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden: Ist es notwendig, mir zu erzählen, was dich so erregt?“
Notwendig nun gerade nicht…“
„ Also“, lächelt Sokrates, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder erwiesen wahr, noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“
Frieden stiften ist nicht einfach, denn schon ganz am Anfang fordert es von uns den Verzicht auf Klatsch und Tratsch, an dem Weitergeben von Halbwahrheiten nicht teilzuhaben und wenn nötig, dem mit einer klaren Stellungnahme entgegenzutreten.
Kritias macht es deutlich, nicht zu reden, wo schweigen besser wäre, fällt uns Menschen sehr schwer. Vielleicht sollten wir uns gegenseitig daran erinnern, wenn mal wieder ein Gerücht geboren und weitergegeben wird, wenn mal wieder schnell, aus dem Bauch heraus, ein abwertendes Urteil über andere, als Wahrheit verkauft wird. Hier beginnt schon die Unterstützung eines zukünftigen Friedens. Wir Christen müssen auch den Mut haben uns zu unterscheiden.
Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!

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  HEGELS WELTGEIST, ODER: GEGENSÄTZE ZIEHEN SICH AN

HEGELS WELTGEIST, ODER: GEGENSÄTZE ZIEHEN SICH AN

Henning Böger, Pfarrer - 04.09.2020

Er war ein echter Nachtarbeiter und großer Liebhaber der griechischen Antike: der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In der vergangenen Woche, am 27. August jährte sich sein Geburtstag zum 250. Mal.
In Stuttgart geboren, studierte das älteste von drei Geschwisterkindern evangelische Theologie und Philosophie in Tübingen. Später lehrte er als Professor für Philosophie in Berlin.
Seinen Zeitgenossen galt Hegel als etwas umständlicher, dafür aber in die Tiefe bohrender Denker. Bis heute ist er einer der herausragendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Wagen wir heute Abend einen kurzen Blick in sein Denken hinein.
Der von Hegel entwickelte Denkansatz besagt (in aller Kürze), dass gegensätzliche Größen einander nicht ausschließen müssen, sondern in einer „goldene Mitte“ aufgehoben werden. Dieses Prinzip lässt sich ganz lebenspraktisch in vielen Partnerschaften beobachten. Gegensätze ziehen sich an, sagt man ja.
Auch Hegel hat sein philosophisches Prinzip an der Liebe entdeckt. Es sei mit jenem Gefühl beschreibbar, dass man in einem anderen Menschen ganz bei sich selbst sein kann. Hegel formuliert es so: „Es ist das Wesen der Person, sich selbst ganz an ein Gegenüber hinzugeben und sich gerade so im anderen wiederzugewinnen.“
Gegensätze ziehen sich an und führen gemeinsam über sich hinaus: Für den studierten Theologen Hegel war es nur ein kurzer Schritt hin zum Gedanken, auch Gott nach diesem Prinzip zu verstehen: Gott, der die Welt geschaffen hat, überlässt die Schöpfung nicht sich selbst, sondern geht in die Schöpfung ein und schreitet in ihr als „Weltgeist“ immer weiter fort.
Man hat den Philosophen Hegel für seinen Glauben an den ungebrochenen Fortschritt kritisiert. Dass Fortschritt um jeden Preis nicht immer Segen bringt, das wissen wir heute alle. Aber der Gedanke, dass in uns Menschen schöpferische Kraft gelegt ist zur Veränderung, dass wir nicht bleiben müssen, wie wir sind in unseren Lebensentwürfen und Beziehungen zu anderen, auch im Glauben an Gott, der ist noch immer tröstlich und bleiend aktuell:
Wie gut, uns und unsere Welt nicht allein in den Klauen eines kleinen Virus wissen zu müssen, sondern im Innersten von Gott als gutem Weltengeist gehalten und geführt.
Irgendwie passt dazu auch das Ende Hegels: Als die Cholera in Berlin grassiert, unterschätzt der große Denker die Gefährlichkeit der Epidemie.
Zu früh wagt er sich wieder aufs universitäre Katheder, erkrankt schwer und stirbt im November 1831 im Alter von 61 Jahren. Seine Grabstätte findet sich bis heute auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
Aus der letzten Vorlesung Hegels sind folgende Worte überliefert: „Freiheit ist das Innerste, denn aus ihr steigt der ganze Bau der geistigen Welt hervor.“
Wir alle haben diese innere Freiheit zum Leben, Denken und Glauben nötig.

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  Versöhnung leben

Versöhnung leben

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.09.2020

Dass es uns Menschen nicht immer gelingt, friedlich und freundlich miteinander umzugehen, bedarf keiner weiteren Erklärungen. Ein Blick in die Zeitung, das Hören einer Nachrichtensendung oder nur ein paar Minuten der 20:00-Uhr-Ausgabe der Tagesschau reichen aus, um hierfür hinreichend Belege zu finden. Doch auch in unserer kleinen Welt machen wir immer mal wieder die Erfahrung, dass uns unsere Mitmenschen ärgern, auf den Geist gehen oder sonst wie die Lebensfreude eintrüben.
Kritisch betrachtet sind wir es allerdings manchmal auch selbst, die die Ursache von atmosphärischen Störungen sind. In der Hektik des Alltags, aus Unachtsamkeit oder vielleicht sogar ganz gezielt, verursachen wir auch schon mal Stress im Beziehungsgeflecht zu den Menschen um uns herum. Selbst zwischen Jesus und seinen Jüngern herrschte nicht immer nur eitel Sonnenschein. Auch hier gab es Meinungsverschiedenheiten und blankliegende Nerven – selbst auf Jesu Seite, wenn seine Gefolgsleute ihn mal wieder so gar nicht verstanden. Niemand ist davon frei und wahrscheinlich gehört es zum Leben einfach dazu, so, wie das Amen in der Kirche.
Ich denke auch, dass in unserem Verhältnis zu Gott das eine oder andere Knirschen auftauchen kann. Wir Menschen geben Gott mit unserem Verhalten ganz sicher ausreichend Anlass, zumindest mal – bildlich gesprochen – irritiert den Kopf zu schütteln oder die Augen zu verdrehen, wenn nicht sogar noch mehr. Wie oft kriegen wir es nicht hin, so zu leben, wie Gott es für uns vorgesehen hat und wahrscheinlich auch von uns erwartet?
Auf gut Norddeutsch könnte man jetzt sagen: „Es ist ja mal, wie’s ist!“ Und das stimmt auch. Entscheidend ist doch aber, dass das aus welchem Grund auch immer zerschlagene Porzellan wieder weggeräumt wird. Und dazu braucht es jemanden, der damit anfängt, der bereits ist, nötigenfalls auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Das kann eine echte Herausforderung sein, insbesondere dann, wenn man der festen Überzeugung ist, dass der Andere mit dem ganzen Theater ja schließlich angefangen hat.
Über dem Monat September heißt es: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.“ Von Paulus stammen diese Worte und der Apostel macht deutlich, dass es Gott war und ist und immer wieder sein wird, der von sich aus den ersten Schritt gemacht hat. Er ist in Jesu Christus auf uns zugekommen und hat seine Hand ausgestreckt, um uns zu vergeben. Er ist sich nicht zu schade dafür und er beweist uns damit, wie groß seine Liebe zu uns ist.
Und wenn Gott bereit ist, uns Menschen so unvoreingenommen zu vergeben und sich mit uns zu versöhnen, dann dürfen wir uns davon ruhig eine Scheibe abschneiden – in Jesu Namen. Amen.

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  Die Wahrheit? Nicht verhandelbar!

Die Wahrheit? Nicht verhandelbar!

Henning Böger, Pfarrer - 01.09.2020

In vielen Länder erleben wir gerade etwas, was besorgt: ein Spiel mit der Wahrheit. Nachrichten werden verbreitet, Erkenntnisse gestreut, die entweder nicht überprüfbar sind oder sogar schlicht falsch.
Quer über die Kontinente ziehen sich diese gefährlichen Spiele: In den USA gibt es Diskussionen um die Briefwahl. Diese lade zum Betrug ein, twitterte Präsident Trump. Belegen will er das nicht. In Weißrussland behauptet der Diktator Lukaschenko wahlweise, die Proteste gegen seine Wiederwahl seien von Drogenabhängigen oder ausländischen Kräften gesteuert. Und weltweit leugnen Menschen die Gefahr des Coronavirus und behaupten, es gehe um eine Weltdiktatur des Microsoft-Gründers Bill Gates, der uns Chips einimpfen und gefügig machen will.
Man kann diese Liste noch fortschreiben. Aber schon so wird deutlich: Mit der Wahrheit wird vielerorts gespielt. Sie wird verdreht, gedehnt, verschleiert, ins Gegenteil verkehrt. Soweit und solange, bis sie nicht mehr gefunden werden kann, bis niemand mehr in der Lage ist, einen Durchblick oder Überblick zu finden. Was wahr ist, wird bestritten und oder vertuscht; was gelogen ist, wird als wahr behauptet.
Die Wahrheit aber ist nicht verhandelbar. Es mag wohl eine Weile gut gehen, wenn man der Wahrheit aus dem Weg geht oder sie leugnet. Aber dann, nach Monaten, Jahren oder Jahrzehnten kommt sie doch ans Licht. Denn die Wahrheit ist nicht ewig unterdrückbar.
Das ist ein Gedanken, der Jesus wichtig war: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird“, sagt er (Lukas 12,2). In diesen Worten liegt Hoffnung für alle, die sich nach Wahrheit sehnen, nach dem rechten Licht, in dem das eigene Leben und alles Leben stehen und bestehen kann.
Es ist eine doppelte Hoffnung. Ihr erster Satz lautet: Das Verlogene wird erkannt werden; die Lüge hat nicht das letzte Wort. Und ihr zweiter, der noch wertvoller ist: Wir können diese Hoffnung jetzt schon leben. Wir können in unseren Worten und Taten, nach bestem Wissen und Gewissen aufrichtig und ehrlich sein. Wer so lebt, lebt im Geiste Jesu, der sagt: „Wer die Wahrheit tut, der kommt zum Licht.“ (Johannes 3,21)

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  Grenzen aufzeigen

Grenzen aufzeigen

Heiko Frubrich, Prädikant - 31.08.2020

Am vergangenen Wochenende waren in Berlin verstörende Szenen zu sehen. Am Rande der Proteste gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen durchbrachen mehrere der Demonstranten gewaltsam die Absperrungen vor dem Reichstag und stürmten auf die Treppenanlage vor das Parlament. Einige unter ihnen schwenkten die bei den Reichsbürgern gebräuchlichen schwarz-weiß-roten Reichsfahnen, trugen Kleidung mit Aufdrucken rechtsradikalen Inhalts und beschimpften die Polizisten, die vor Ort waren. Denen gelang glücklicherweise, ein Eindringen in das Reichstagsgebäude zu verhindern. Für alles gibt es Grenzen. Und wenn Vertreter von Gruppierungen, die sich ganz klar und eindeutig gegen unsere demokratische Grundordnung stellen, gewaltsam vor unser Parlament vordringen und dort ihre Fahnen schwenken, dann ist so eine Grenze überschritten.
Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Presse- und Religionsfreiheit sind hohe Güter und Werte, ohne die unsere Demokratie nicht vorstellbar wäre. Doch wenn diese Freiheiten von Leuten missbraucht werden, um sich genau gegen diese Werte zu stellen, von denen sie selbst profitieren, dann ist es an der Zeit, sie in ihre Schranken zu verweisen. Unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und Politiker nahezu aller im Bundestag vertretenen Parteien haben dies sehr klar und eindeutig herausgestellt.
Nun mögen Sie sich vielleicht gerade fragen, was dieses Thema hier und heute im Dom zu suchen hat. Ich finde: Sehr viel! Rechtsextreme Tendenzen und rechtsextreme Gewalt nehmen in Deutschland immer mehr zu. Die politischen Ziele, wenn man sie denn überhaupt so bezeichnen kann, sind mit christlichen Werten nicht vereinbar und so sind wir auch als Kirche gefordert, hier klar Position zu beziehen.
Unser Dom ist in seiner Geschichte von Nazis entweiht und als nationale Weihestätte missbraucht worden. Und so ist es eine historische Verpflichtung, in ganz besonderer Weise wachsam zu sein, wenn in unserem Land wieder etwas zu erstarken droht, von dem wir alle wissen sollten, wohin es führt.
Ja, es mögen unter den Demonstranten Menschen gewesen sein, die von Unsicherheit und echter Zukunftsangst getrieben waren. Für all jene müssen wir ansprechbar sein und bleiben und ihre Sorgen ernst nehmen – auch als Kirche. Doch wer Freiheit und Demokratie in Frage stellt, egal ob von rechts oder von links, wird Christinnen und Christen nicht auf seiner Seite haben.
„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Freiheit ist ein Gottesgeschenk, dass Menschen einander nicht verwehren dürfen. Darauf zu achten ist christlicher Auftrag, den wir hier am Dom gern und engagiert wahrnehmen. Amen.

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  (NOCH) KLEINE HOFFNUNGSTRÄGER

(NOCH) KLEINE HOFFNUNGSTRÄGER

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.08.2020

Heute ist für viele kleinen Menschen in unserer Stadt und unserem Land ein großer und bedeutender Tag: Heute ist vielerorts Einschulung. Auch mein Patenkind ist dabei, ich komme gerade vom Einschulungsgottesdienst aus St. Magni. Es ist wunderbar, die Erstklässler zu beobachten. Sie sind voll von Emotionen – Vorfreude, Aufgeregtheit, Unsicherheit, Stolz. Manche bleiben nah bei ihren Eltern, andere stürmen los zu ihren neuen Klassenkameraden, stürmen los in ihren neuen Lebensabschnitt.
Es ist schon bemerkenswert, wie unterschiedlich wir Menschen mit Veränderungen so umgehen, die sich in unserem Leben ergeben. Manch einer marschiert einfach drauf los, so wie viele der neuen Schulkinder, erwartungsvoll, neugierig, mit hochgekrempelten Ärmeln - manch anderer ist doch eher schüchtern und zurückhaltend, vielleicht sogar ängstlich und sorgenvoll. Wir sind eben alle mit unterschiedlichen Charakteren ausgestattet worden, und das ist auch gut so.
Damit unser Zusammenleben funktioniert, in unseren Familien, in unseren Freundeskreisen, in unseren Kirchengemeinden, in der Wirtschaft, in dieser Welt, brauchen wir diese Vielfalt. Wir brauchen die Forschen, die Innovativen, die Mutigen, die Neues für uns erschließen, wir brauchen aber auch die Nachdenklichen, die Zurückhaltenden, die Risikobewussten, damit nichts und vor allem auch Niemand bei Veränderungsprozessen unter die Räder gerät.
Es ist gut, dass Gott uns so verschieden gemacht hat und dass jeder mit seiner ganz persönlichen Art an seinem ganz persönlichen Platz etwas dazu beitragen kann, dass wir alle miteinander ein gutes Leben haben können. Jeder und jede hat hier die Möglichkeit mitzugestalten und ich finde, auch die Verantwortung, es zu tun.
Wichtig ist allerdings, dass wir diese Verantwortung wahrnehmen. Dass wir auf dieser Welt noch mehr als ausreichend an unerledigten Baustellen haben, liegt auf der Hand. Lebensmittel und Lebenschancen sind höchst ungerecht verteilt und von einem friedlichen Miteinander sind wir ebenfalls in vielen Regionen meilenweit entfernt. Damit es besser wird auf dieser Welt, brauchen wir Menschen, die sich kümmern, die sich engagieren, die sich einbringen und einmischen. Und wir brauchen sie, so, wie sie sind, mit ihren ganz persönlichen Eigenschaften und Eigenarten, ihren Stärken und Schwächen, ihren Talenten und Neigungen.
Heute beginnt für viele kleine Hoffnungsträger die Zeit, in denen sie ihr Handwerkszeug für ihr weiteres Leben zugerüstet bekommen. Und es ist gut, dass wir dazu in vielen Kirchen um Gottes Segen bitten. Denn den brauchen wir, wenn das, was wir tun, Erfolg haben soll. In unserem Gesangbuch heißt es: „Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.“ So sei es! Amen.

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  Zeichen der Liebe

Zeichen der Liebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.08.2020

Am 15. März 2019 tötete ein Rechtsextremist im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen der Stadt. Gestern wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, ohne eine Möglichkeit, die Haftstrafe vorzeitig zu beenden – das härteste Urteil, das in Neuseeland je verhängt wurde. Der Attentäter wollte die Gesellschaft spalten, sich zum Anführer der guten und richtigen Seite stilisieren, die sich dann gemeinsam gegen die böse und schlechte Seite, auf der in seinem kruden Weltbild unter anderem Muslime standen, erheben sollte.
Leider ist dieser terroristische Anschlag kein Einzelfall. Überall auf der Welt und auch in unserem Land häufen sich derartige Vorgänge, denken wir beispielsweise an Halle, wo ein Rechtsterrorist zwei Passanten tötete, nachdem es ihm nicht gelang, die in ihrer Synagoge betende jüdische Gemeinde zu überfallen und dort ein Massaker anzurichten.
Auch hier war die Motivation Hass, der sich gegen eine bestimmte Glaubensgemeinschaft richtete. Und es ist immer wieder dasselbe: Menschen maßen sich an, andere Menschen einer geringeren Wertigkeit zuzuordnen und sie machen es fest an der Religion, der Herkunft, der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung, der politischen Weltanschauung, oder, oder, oder.
Der Attentäter au Christchurch landet nun also bis zum Ende seines Lebens im Gefängnis. Das mag eine juristisch angemessene Reaktion auf die Tat des Verurteilten sein. Doch viel wichtiger war und ist die Art und Weise, wie unmittelbar nach dem Attentat die Menschen in Neuseeland reagiert haben. Sie haben deutlich gemacht, dass sie sich nicht trennen lassen und dass in ihrem Land jede Form von Rassismus, Mobbing und Spaltung höchst unerwünscht ist. Die Menschen in Neuseeland haben Zeichen der Liebe gesetzt als Antwort auf Terror und Gewalt.
Ich denke, dass es das ist, was wir brauchen und eben nicht nur in Neuseeland. Natürlich ist eine faire und unabhängige Gerichtsbarkeit zwingend notwendig, um den einzelnen Handelnden zu begegnen. Doch ein breiter und vor allem sichtbarer gesellschaftlicher Konsens gegen Rassismus und Ausgrenzung ist mindestens genauso wichtig.
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.", so heißt es bei Mose im Alten Testament. Da stehen keine Einschränkungen. Alle Menschen sind gleich viel wert, jeder Mensch ist für sich unendlich wertvoll, einfach, weil er Mensch ist. Diese Botschaft müssen wir verinnerlichen, denn sie entzieht jeder Form von Gewalt gegen andere den Boden. Die Neuseeländer haben das verstanden und Zeichen gesetzt. Davon zu lernen, ist durchaus erlaubt. Amen.

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  Monika von Tagaste

Monika von Tagaste

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.08.2020

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht auch eine Mutter hat. Das verbindet die Alten mit den Jungen, die Armen mit den Reichen, die Bedeutenden mit den Otto-Normalverbrauchern. Auch der große Kirchenvater Augustinus hatte eine Mutter, Monika hieß sie und ob Augustinus ohne ihre Unterstützung jemals zu so großer Berühmtheit gekommen wäre, ist zumindest mal fraglich.
Monika von Tagaste war eine fromme und starke Frau, eine überzeugte Christin. Sie wurde um das Jahr 332 in Nordafrika geboren. Als Jugendliche rutscht sie in die Alkoholabhängigkeit, wohl auch, weil ihre Eltern nicht ausreichend auf sie achten. Doch sie besiegt ihre Sucht. Sie heiratet einen römischen Beamten und aus dieser Ehe geht auch Augustinus hervor.
Dieser will sich anfänglich nun so gar nicht zum Christentum bekennen. Er schließt sich den Manichäern an, einer streng reglementierten nicht christlichen religiösen Gemeinschaft, findet dort allerdings auch keine spirituelle Erfüllung. Seine Mutter Monika lässt jedoch nicht ab von ihrem Bemühen, Augustinus für ein christliches Leben zu begeistern und hat schlussendlich auch Erfolg. 387 lässt sich Augustinus zur großen Freude seiner Mutter in Mailand taufen. Monika stirbt noch im selben Jahr mit 56 auf der Rückreise in ihre nordafrikanische Heimat. Auf Bildern wird sie oft mit einem Krug dargestellt. Er soll die Tränen versinnbildlichen, die Monika weinte, bis ihr Sohn sich endlich zum Christentum bekehrte.
Mit der Lebensgeschichte der Monika von Tagaste wird die Frage aufgeworfen, wie das denn so ist, mit dem christlichen Glauben. Kann man ihn zum Beispiel seinen Kindern verordnen? Kann man ihn vorschreiben, so wie es im Mittelalter häufig die Herrscher gemacht haben – cuius regio, eius religio – wem die Herrschaft, dem auch die Religion? Ich denke, so einfach ist das nicht.
Unser Glaube und auch unsere christliche Grundüberzeugung, die sich aus diesem Glauben speist, sind ein Geschenk. Gott entscheidet darüber, wem er es zuteilwerden lässt und wem nicht. Natürlich können und sollen wir Menschen dafür den Weg ebnen, in dem wir von unserem Glauben erzählen, neugierig machen auf das, was Gottes frohe Botschaft ist. Doch Glauben schaffen, können wir nicht.
Das ist einerseits manchmal frustrierend, andererseits für uns Christinnen und Christen aber auch eine große Entlastung. Wir sind nicht allein dafür verantwortlich, den Glauben weiterzugeben. Wir können uns den Mund fusselig reden beziehungsweise predigen – wenn Gott das seine nicht dazugibt, haben wir keine Chance. Doch falls wir mal nicht so ganz die richtigen Worte finden: Gott hilft, sie für unsere Mitmenschen zu übersetzen.
Augustinus Mutter, Monika von Tagaste, war unermüdlich und erfolgreich. Heute ist ihr Gedenktag, weshalb wir gern von ihr erzählen. Und vielleicht motiviert sie uns ja auch, uns an ihrer Beharrlichkeit ein Beispiel zu nehmen. Amen.

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  Gott ist nicht berechenbar

Gott ist nicht berechenbar

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.08.2020

Ich habe gerade ein Buch gelesen mit dem Titel: „Der Wal uns das Ende der Welt“. Es handelt von einem Investmentbanker, der mehr oder weniger freiwillig mit seinem alten Leben komplett bricht und dann während einer weltweiten Krise, die durch ein aggressives Grippevirus ausgelöst wird, in einem kleinen englischen Küstenort ein komplett neues Leben kennenlernt und dann auch lebt. In diesem Roman erzählt der Chef dieses Bankers seinem Angestellten folgende Episode über den englischen Wissenschaftler Francis Galton:
Dieser initiierte 1906 auf einem Jahrmarkt in Plymouth eine Lotterie, bei der die Jahrmarktbesucher das Gewicht eines Ochsen schätzen sollten. Von den rund 800 Teilnehmern hatte keiner das korrekte Gewicht von 599 kg geraten und viele lagen weit daneben. Allerdings stellte Galton im Nachhinein fest, dass der Durchschnitt aller abgegebenen Tipps bei 598.5 kg lag, also nur 500 Gramm neben dem richtigen Wert. Schwarmintelligenz nennt man diesen Effekt, der tatsächlich in vielen Lebenslagen funktioniert.
Wochen später verbringt der Protagonist des Buches, der selbst nicht besonders religiös ist, eine lange Zeit mit einem Pfarrer und die beiden kommen im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt ins Gespräch. Und dabei entsteht folgende Überlegung: Kein Mensch weiß hundertprozentig, ob es einen Gott gibt, so wie kein Mensch das genaue Gewicht des Ochsen sicher wusste. Würde man aber sehr viele Menschen um eine Schätzung bitten, ob es einen Gott gibt, so wäre das Ergebnis sicherlich positiv.
Ob das wohl ein Weg sein könnte, Gott zu beweisen? So attraktiv dieses Gedankenspiel auch sein mag und so groß unsere Sehnsucht nach einem Beleg für Gottes Existenz auch ist – ich fürchte, dass das so nicht klappt. Denn zum einem wären die Antworten sicherlich vom Wunsch nach Klarheit beeinflusst und zum anderen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Gottes Wesen und Wirken und Sein für derartig banale Herangehensweisen viel zu großartig und im Wortsinne wunderbar ist.
Schade eigentlich. Andererseits aber auch nicht. Denn es gibt genügend Möglichkeiten und Gelegenheiten, Gottes Gegenwart zu spüren: in den vielen Zeichen seiner Gnade, die uns zuteil wird – in den Wegbegleitern, die er uns an die Seite stellt und die uns guttun, in dieser Welt, die er uns anvertraut und in der Liebe, die immer wieder aufleuchtet zwischen uns Menschen.
Gott ist weit mehr als das Ergebnis einer mathematischen Formel, weit mehr als die Summe von Befragungsergebnissen und sei sie noch so groß. Gott ist weit mehr, als unsere menschliche Vernunft fassen kann. Doch er ist da, für Sie, für Euch, für mich – voller Freundlichkeit und Wärme. Amen.

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  Bitte abstauben!

Bitte abstauben!

Henning Böger, Pfarrer - 25.08.2020

Viele Jahre lang staubte es einfach vor sich hin und nun ist es plötzlich kostbar geworden: das Gemälde „Porträt einer Dame“. Über Jahrhunderte meinte man, es sei von einem Schüler des genialen flämischen Malers Peter Paul Rubens (1577-1640) gemalt worden und deswegen von nur geringerem Wert.
Jetzt aber hat man vorsichtig und gründlich den Staub und die Patina vom Bild entfernt und genau hingesehen. Und siehe da: Die Experten sagen, es sei vom Meister Rubens selbst: Ein kostbares Gemälde haben lange unentdeckt vor sich hin gestaubt.
Den Besitzer, der ungenannt bleiben will, wird es freuen. Er hat das Bild vor Jahren für ein paar Tausend Euro gekauft und will es nun in London versteigern lassen. Versehen mit den neuesten Gutachten, wird ein Erlös von um die drei Millionen Euro erwartet. Ein gutes Geschäft, oder? Nur weil man mal gründlich abgestaubt hat!
Eine feine Geschichte mit tieferem Hintersinn, meine ich. Denn manchmal ist es ja so, dass etwas Jahre oder Jahrzehnte unerkannt oder unbeachtet bleibt, aber unter dem Staub des Vergessens doch seinen wertvollen Glanz behält.
Ich muss dabei an die vielen Bibelverse denken, die wir Menschen uns an besonderen Wegmarken unserer Lebensgeschichten auswählen und ganz wörtlich ins Stammbuch schreiben lassen: oftmals mit großer Sorgfalt ausgesuchte Worte, die das Neue, das mit ihnen beginnt, deuten und dann mit uns gehen sollen: der eigene Konfirmationsspruch, den Jugendliche sich wählen, der gemeinsam gesuchte Trauspruch, die Taufsprüche der Kinder und schließlich auch die letzten Worte im Abschied an den Gräbern gesprochen.
Viele Menschen tragen solche Bibelworte mit sich auf Urkunden oder in Familienbücher geschrieben. Häufig sind sie stille Wegbegleiter, die dann und wann in Gedanken hervortreten, abgestaubt und erinnert werden wollen: „Ach ja, so war das!“ Und oftmals ist mit diesen Bibelworten ein besonderes Gefühl verbunden: von anderen bedacht worden zu sein, die uns gut waren so, wie Gott uns gut ist.
Eine Pfarrkollegin, inzwischen hochbetagt, erzählt bei einem Besuch von „ihrem“ Bibelwort. Es hat sie fast durch ein ganzes Jahrhundert begleitet und steht im 73. Psalm: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ Sie sagt das Wort auswendig auf und wir schweigen danach. Es ist alles gesagt. Und ich merke: Dieses Wort ist kostbarer als alles, was man für Geld erwerben könnte!

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  Großes passiert oft unbemerkt…

Großes passiert oft unbemerkt…

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.08.2020

Der biblische Lehrtext aus dem Markusevangelium ist heute ein Auszug aus dem Bericht über Jesu Besuch im Hause Simons, des Aussätzigen. Dort heißt es: „Als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Eine bemerkenswerte Geschichte – in vielerlei Hinsicht. Ich möchte Sie aufmerksam machen auf das, was hier an Grundlegendstem passiert: In dieser Szene wird aus Jesus von Nazareth Jesus Christus, Jesus der Gesalbte. Und es vollzieht sich so unspektakulär. Nicht mit direktem göttlichen Eingreifen, wie bei Jesu Taufe, wo eine Stimme vom Himmel zu hören ist. Und es ist auch nicht eine so berühmte Persönlichkeit, wie Johannes der Täufer, der hier agiert. Nein, es ist eine namenlose Frau, die hier Großes vollzieht.
Und auch der Ort des Geschehens ist besonders. Nicht mit großem Publikum, wie damals am Jordan, sondern all das passiert im Hause eines Aussätzigen, um das ganz sicher alle Einwohner Bethaniens einen großen Boden machten – aus Angst vor Ansteckung und aus der Überzeugung heraus, dass Simons Aussatz eine göttliche Strafe für ein schlimmes Vergehen sein musste. Lediglich Jesu Jünger sind Zeugen. Und die sind nicht etwa tief beeindruckt von dem, was da gerade vor ihren Augen passiert. Nein, sie meckern und motzen und nörgeln und werfen der Frau Verschwendung und Leichtfertigkeit vor.
Jesus nimmt die Frau, deren Namen wir nicht kennen, in Schutz. Er und sie sind die beiden einzigen, die verstanden haben, worum es hier geht und was all das auch für unser Leben bedeutet. Es geht um Liebe, es geht um Erkenntnis und es geht darum, deutlich zu machen, dass materielle Werte bei weitem nicht die erste Geige spielen sollten, wenn so viel Größeres im Spiel ist. Hier wird klar, dass Liebe keine berühmten Namen braucht, und dass Gott unsere Taten versteht, wenn sie aus Liebe geschehen, auch wenn sie für die übrige Welt unsinnig, verrückt oder unvernünftig erscheinen.
Eine namenlose Frau zeigt uns hier, worauf es wirklich ankommt in unserem Leben, sie zeigt uns, was wirklich zählt. Und sie lädt uns ein, uns daran ein Beispiel zu nehmen. Und so will es Jesus, denn er sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ Amen.

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  Eine Grafik erzählt...

Eine Grafik erzählt...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.08.2020

In unserem Erker liegt ein Blatt, eine Grafik, von Gerd Winner. Ein Rahmen wie aus Balken, vielleicht eine Tür. Drinnen eine Figur. Diagonal füllt sie den Raum. Sie fällt, sie fliegt, sie jagt. Blick zurück – voller Angst, fette schwarze Farbe markiert das Gesicht. Was liegt da hinter ihr?
Der Mensch, der hier um sein Leben rennt, flieht. Die Tür zur Freiheit wird zum Tunnel. Es ist nicht geschafft. Aber auch: wer immer da hinauswill, es ist ein Unschuldiger. Die Figur ist so licht als würde sie gleich auferstehen. Bis auf Gesicht und Arme. Schwatze Striche, quer. Eine Anmutung von einem Kreuz. Kann man das sagen, schreiben? Ein Kreuz ist niemals anmutig – aber dieses hier?
Das Bild ist unter dem Eindruck des Mauerbaus 1961 entstanden und Ausdruck eines Lebensthemas des Liebenburger Künstlers. Seither hat Gerd Winner Passionen gemalt, Kreuzigungen im Drahtverhau und damit all den Fluchtversuchen ein Denkmal gesetzt. Etliche dieser Werke wird er im Herbst hier im Dom zeigen. Georg Oswald Cott wird Texte hinzufügen, Gedichte aus seinem Band „Marienborn.“
Es wird ein Ausstellungsprojekt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit.
Die Vorgespräche dazu gehen unter die Haut. Gerade jetzt, während dieser Pandemie, in der man noch gar nicht weiß, wohin rennen – zu den Tests oder dem Impfstoff oder vielleicht lieber überhaupt nicht irgendwohin stürzen und in seiner Grube bleiben wie ein erschrockener Hase?
„Wer lebt und glaubt an mich, der wird nicht sterben.“ sagt Jesus Christus. Und auch: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, die Tür dahin.“ Jesus Christus wusste von höchster Todesnot. Und er war großgeworden mit den Erzählungen seiner Väter. Dazu gehörte auch die von Daniel in der Löwengrube. Der hatte solche lebensgefährliche Enge mit Gottes Hilfe überstanden. Ihm hatte der weltliche Herr über Mauern und Grenzen, Gewalt und Gefangenschaft zugestanden, wie es in der Herrnhuter Tageslosung heute heißt: „Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige.“ (Dan 2,47)


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  Ein Wunsch, den Gott sich erfüllt

Ein Wunsch, den Gott sich erfüllt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.08.2020

Letztes Jahr in Dortmund habe ich in der Kirchentagsbuchhandlung ein Buch mit einem Titel gekauft, der mich irgendwie angesprungen hat: „Du bist ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat…“
Wahrscheinlich dachte ich, dass da sicher ein paar gute Texte für den Pfarrerinnenalltag bei sein werden. Gestern fiel es mir wieder in die Hände als ich einen Taufgottesdienst vorbreiten wollte. Aber eigentlich habe ich dabei an mein Patenkind gedacht. Es hatte Geburtstag, wurde vier und ist in der Piratenphase. Kein klassisches Wunschkind eigentlich. Seine Eltern hatten sich lange ganz dringend und innig noch ein Kind gewünscht. Aber gerade als sie aufgehört haben sich zu wünschen, dass es noch ein Kind gäbe, da kam er. Eine ein wortwörtlich unverhofftes Glück, ein Geschenk.
Wenn man dieses Kind sieht, so voller vitaler Fröhlichkeit und Zuversicht, dann ist es leicht zu glauben, dass Gott sich da selbst einen Wunsch erfüllt hat. Größergeworden wird das schwieriger.
Wir selbst fühlen uns wahrscheinlich manchmal eher wie eine Laune, unausgereift und unfertig, wenn nicht gar misslungen und unbrauchbar. Es ist nicht jedem möglich, zufrieden und guter Dinge in der eigenen Haut zu stecken. Im Gegenteil: so viele Menschen leiden am eigenen Ungenügen, werden von Selbstzweifeln geplagt. Dann liegt wenig ferner als sich selbst als einen Wunsch oder ein Geschenk zu beschreiben.
In dem herrlichen Jugendfilm „Lady Bird“ fragt eine wahrlich verunsicherte und beunruhigte Tochter ihre entnervte Mutter: „Was ist, wenn ich schon die bester Version meiner selbst bin?“ Mit anderen Worten: „Was ist, wenn nicht mehr drin ist“, „Was ist, wenn ich immer nur eine Enttäuschung bin?“, „Was ist, wenn es keinen gibt, der mich besonders findet oder doch wenigstens halbwegs liebenswert, der mich für ein Geschenk hält?“
Ja, was ist dann?
Dann leben wir im hier und jetzt, unvollkommen und angefochten, irritiert, verunsichert – angewiesen darauf, dass nicht nur ein verzerrter Spiegel oder geschönte Fotos auf diese Fragen antworten, sondern ein wirklicher Mensch, einer der in mir das sieht, was ich von Anfang unzweifelhaft war und bin: Eine gute Idee, ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat.
Dann leben wir davon, dass uns gesagt ist, dass wir Gott ebenbildlich sein dürfen, dass wir seine geliebten Kinder sind und dass es nicht schadet, meinen Nebenmenschen dann und wann daran zu erinnern.

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  Wo ist Zuhause???

Wo ist Zuhause???

Markus Fay-Fürst, Pfarrer - 20.08.2020

Es war auf dem Rückweg. Eine wunderbare Urlaubswoche an der Nordsee lag hinter mir und meiner Frau. Ich fuhr durch die Einfallsstraße eines Dorfes, da waren die Worte in großen Buchstaben an eine fast eingefallene Wand gesprüht.
„Wo ist Zuhause???“ Es war nur ein flüchtiges Lesen aus dem Augenwinkel heraus, aber die Frage blieb in meinem Kopf hängen.
Da war die Ahnung von purer Verzweiflung, die in einem Menschen hoch kommen kann, wenn er auf diesen Satz mit den drei großen Fragezeichen keine, gar keine Antwort mehr in sich findet.
Wo ist Zuhause? Wenn ich im Urlaub bin und die Rückfahrt ansteht, finde ich in mir, neben der Trauer, dass die freien Tage schon dem Ende zugehen, auch immer ein bisschen Freude auf Zuhause, mit dem klaren Bild von dem Haus, in dem ich mit meiner Familie lebe. Allerdings hat sich die Adresse im Laufe des Lebens schon mehrfach geändert. Im Rückblick gar nicht so einfach zu beantworten, an welchem dieser Orte das Gefühl, zu Haus zu sein, am tiefsten verankert war oder ist, an welchem Ort es sich in meinem Herzen zu richtig eingenistet hat?
Neben dem aktuellem Zuhause gibt es einige aus der Vergangenheit, die in uns weiter wirksam sind. Welches Bild taucht vor ihrem geistigen Auge auf bei der Frage: Wo ist zuhause?
Das Elternhaus, die elterliche Wohnung zu der man von der Schule und vom Spielen nach Hause kam. Mit ihrem typischen Geruch, dem Ticken der Wohnzimmeruhr, den Stimmen der Eltern und Geschwister.
Ist dieses erste Zuhause unser wahres Zuhause, in dem man als Kind Geborgenheit erfahren hat? Manchmal könnte man das glauben, ich habe mit Menschen gesprochen, die als Jugendliche im Krieg fliehen mussten, und dieses Zuhause, das sie damals für immer verlassen mussten, noch als alte Menschen als ihr wahres Zuhause bezeichneten.
Oder begann das Gefühl von Zuhause mit der ersten eigenen Wohnung? Auf eigenen Füßen stehen, sich das Leben erobern - allein oder zu zweit. Einen Rückzugspunkt haben, wo man selbst bestimmen kann. Wo der Satz: „Solange du deine Füße unter meinem Tische stellst….“ Keine Gültigkeit mehr hatte. Mein Zuhause - mein Entscheidungsbereich.
Oder ist das wahre Zuhause die Wohnung, in der man die eigenen Kinder großgezogen hat? Die eigene Familie in Freud und Leid erlebt hat, wo man selbst ein Zuhause für die Kinder gestaltet und aufrecht erhalten hat, wo es so viel Leben, so viel Freude, so viel Streit und so viel Versöhnung gab? Ist das unser wahres Zuhause?
All diese Orte kann man mit Adressen angeben, doch wenn sich die Anschrift ändert, das Gefühl aber mitzieht, ist dann das wahre Zuhause vielleicht gar nicht an einen Ort sondern an Menschen gebunden?
Im Sinne, ich bin da zu Hause, wo meine geliebten Menschen sind. Egal wo wir wohnen, wir sind uns gegenseitig ein Zuhause.
Die Frage: „Willst du mich heiraten, mit mir das Leben teilen?“ Ist ja letztendlich gleichbedeutend mit der Frage: „Darf ich dein Zuhause sein, willst du mein Zuhause sein, solange wir leben?“ Das Gegenüber, von dem ich mich geliebt fühle, wie ich bin und bei dem ich mich nicht verstellen muss, der mich wirklich kennt, an den ich mein Herz festmacht habe. Der Ehepartner, die Lebenspartnerin, die Kinder, die Großfamilie, die besten Freunde sind sie unser wirkliches Zuhause?
Eine Erkenntnis trifft mich plötzlich hart tief in der Magenkuhle. All diese Antworten sind dazu bestimmt vergänglich zu sein.
Was ist, wenn die Menschen, die ich liebe mich verlassen oder vor mir sterben, wenn die Kinder weit, weit weg ziehen? Was ist, wenn ich das Familienhaus verkaufen muss, um ins Seniorenheim oder in eine altengerechte Wohnung zu ziehen? Verliere ich dann mein Gefühl zuhause zu sein? Werde ich vielleicht sogar zwangsläufig innerlich heimatlos werden?
War es solch eine Erfahrung, die den Menschen dazu trieb, diese drei Worte mit den Fragezeichen an die Wand zu sprühen?
Die Generation meiner Eltern musste im Konfirmationsunterricht noch den 23. Psalm als Rüstzeug für das Leben auswendig lernen. Ob das Bild von Gott als Hirten tragfähig ist, muss wohl jeder für sich entscheiden, aber der Psalm endet mit einem wunderbaren Vers:
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immer da.
Gott bietet mir in der vertrauensvollen Beziehung zwischen ihm und mir zwischen mir und ihm ein Zuhause an. Ein Zuhause nicht gebunden an Menschen, noch an Adressen, denn es ist verortet tief in mir. Ein Ruhepunkt, ein Hoffnungsschimmer, eine Kraftquelle.
Der Glaube kann uns sicherlich nicht das Zuhause-Sein in der Welt gänzlich ersetzen, aber er kann uns die Angst nehmen, heimatlos zu werden. Gott sein Dank gibt es ein Zuhause, das nicht vergänglich ist, selbst im Tod Bestand haben soll, haben wird.
Drei Worte mit Fragezeichen an eine Wand gesprüht.
Wo ist Zuhause?
Mir ist durch sie deutlich geworden, die Menschen, die mir das Gefühl gegeben haben und gegenwärtig geben zuhause zu sein, waren und sind die wertvollsten Geschenke im Leben und vielleicht sollte man es ihnen öfters sagen- öfters zeigen.
Und darüber hinaus und nicht zu vergessen, wie gut tut es, ein Zuhause in sich zu tragen, das nicht vergänglich ist. Hin und her geschoben von den Geschehnissen des Lebens, mit Hoffnung und mit Angst besetzt, ist es doch gut Kontakt zu haben zu dem Unvergänglichen, zu Gott, der Quelle unseres Lebens. Eine Heimat verortet in meinem Herzen. Amen.

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  beim Sterben helfen?

beim Sterben helfen?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.08.2020

Helen Mirren und Donald Sutherland spielen ein altgewordenes Ehepaar – Ella und John - in dem Roadmovie „Das Leuchten der Erinnerung“.
Von Massachusetts wollen sie nach Key West und dort das Haus von Ernest Hemingway besuchen. Sie fahren mit dem Wohnmobil wie schon unzählige Male zuvor als die Kinder klein waren. Es ist ein Ausbruch aus Alter und Krankheit, die Vergewisserung einer guten gemeinsamen Geschichte und eine letzte Reise.
Nach vielen heiter-traurigen Erinnerungen und auch schmerzhaften Erkenntnissen, nach Zusammenbrüchen und Havarien kommen sie endlich auf den Keys an. Dort sterben sie. Gemeinsam und freiwillig.
Der Zuschauer sieht es kommen und erwischt sich dabei zu denken: dieses Ende ist auf merkwürdige Weise stimmig. Selbstbestimmt, fürsorglich und angesichts dessen, was noch zu erwarten ist, verständlich. Die erwachsenen Kinder gehen schließlich in der Schlussszene friedlich vom Friedhof, sie scheinen mit ihren Eltern einverstanden zu sein.
Ein guter Film und ein ungeheuer schweres Thema.
Hier in Deutschland haben wir uns in den letzten Jahren immer wieder damit auseinandergesetzt. Beim Sterben helfen. Darf man das? Die evangelische Kirche hat das nicht formulieren wollen. Im Sterben beistehen ja. Unbedingt sogar. Aber nicht mehr. Denn es liegt nicht in unserer Hand, unserem Leben eine Stunde hinzuzufügen oder wegzunehmen.
Vielleicht erinnern Sie noch an das allgemeine Innehalten als der damalige Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider mitteilte, er könne für diese Position nicht länger in der Öffentlichkeit einstehen, denn er habe seiner kranken Frau versprochen, ihr – wenn es denn soweit käme – beim Sterben zu helfen. Die Liebe, das Eheversprechen, war für ihn in diesem Moment, in dem seine Frau das erbat, das höhere Gut.
Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot der organsierten Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärt. Autonome Selbstbestimmung schließe die Entscheidung, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen mit ein. Dieser Tage äußerte sich der Hannoversche Landesbischof Ralf Meister und sagte: „Ich glaube, dass Gott mir mein Leben geschenkt und zugleich in meine Verantwortung gelegt hat. Dies währt – wenn möglich – bis zum letzten Atemzug. So kann ich auch den Zeitpunkt und die Art, wie ich sterbe, mitgestalten.“
Diese Einordnung macht Hilfe im Sterben nicht zur Normalität aber denkbar. Und: solche Sicht nimmt niemandem ab, damit allein fertig zu werden. Es bleibt eine Entscheidung, die ich mit mir vor Gott treffe und vor ihm verantworte. Etwas anderes kann ich darin nicht hören. Grund genug, sich einmal mehr festzuhalten, wie es im Heidelberger Katechismus heißt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

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  Gnade

Gnade

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.08.2020

„Der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.“
So heißt es im 100. Psalm in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag.
Gottes Gnade geschieht allein aus ihm an uns. Sie ist nicht berechnend, sie ist nicht an Bedingungen geknüpft, sie hat nach menschlichem Maß keine Grenze. Sie ist eben Gnade.
Nur so ist es Gnade.
Wer sie erfährt, erlebt nicht die Willkür einer Begnadigung – den lass ich leben und den eben nicht, dem bin ich gnädig und dem nicht – sondern die Zugewandtheit Gottes.
Ganz anders Donald Trump.
Seine Wiederwahl ist gefährdet, darum scheint ihm jedes publikumswirksame Mittel recht zu sein, um Stimmen zu gewinnen. Warum sollte er sich also nicht mal mit dem Fall Edward Snowden „beschäftigen“ und laut mit dem Gedanken spielen, dass Snowden vielleicht nicht fair behandelt wird und man den Whistleblower ja begnadigen könnte.
Einfach so – weil man es kann.
Es geht auch nicht um Wahrheit.
Es geht nicht um das sorgfältige und faire Ringen vor Gericht und die Suche nach einem Urteil, das dem Mann gerecht wird, von dem sich ja schwer sagen lässt ob er ein Verräter ist oder uns allen einen notwendigen Dienst erwiesen hat. Ganz zu schweigen von dem komplizierten Zusammenhang von Sicherheit und Freiheit.
Es geht um Macht.
Der Mensch Edward Snowden ist nur ein Objekt. Er interessiert nur solange sich an ihm Macht erweisen lässt. Trump nennt das Gnade und demaskiert sich. Und er gibt uns ein Beispiel, an dem wir verstehen, wie himmelweit der Unterschied zu Gottes Gnade, die genau uns meint, weil er genau uns ansieht und es ihm um uns geht.
Denn:
„Der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.“



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  Im Gleichgewicht bleiben

Im Gleichgewicht bleiben

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.08.2020

Gestern war als Evangelienlesung das Doppelgebot der Liebe zu hören. Dabei sagt Jesus den berühmten Satz: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Diese Worte stammen übrigens gar nicht von ihm direkt. Jesus zitiert aus dem Alten Testament, aus dem 3. und dem 5. Buch Mose. Als ich mir dessen zum ersten Mal richtig bewusstgeworden bin, war ich ein wenig überrascht. Denn ich dachte, dass die Sache mit der Nächstenliebe schon so eine Art christliche Erfindung ist. Wir denken an die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der Nächstenliebe ganz praktisch umsetzt. Doch weit gefehlt. Die Worte stammen von Gott höchst selbst und er hat sie ursprünglich an Mose und das Volk Israel gerichtet.
Ich finde, dass insbesondere der zweite Teil sehr aufmerksam zu lesen ist. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Gerade Menschen, die die Nächstenliebe in besonderer Weise verinnerlicht haben, neigen dazu, die letzten drei Worte nicht vollumfänglich wahrzunehmen – wie dich selbst. Das, was hier beschrieben wird, stelle ich mir gern wie eine Waage vor. Eigenliebe und Nächstenliebe sollen im Gleichgewicht sein, ja ich meine sogar, sie müssen es.
Wenn ich immer nur für andere da bin, mich aufopfere, verausgabe, alle meine Kraft investiere, dann werde ich das nicht lange durchhalten. Denn irgendwann sind die Akkus leer. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten, zu schauen, dass auch immer genug Raum und Zeit für mich selbst bleibt – Zeit, um zur Ruhe zu kommen, Zeit, um wieder aufzutanken, Zeit für die anderen schönen Dinge des Lebens, die es neben dem Dienst am Nächsten zweifelslos auch noch gibt.
Selbst Jesus war nicht rund um die Uhr und an sieben Tagen der Woche für alle verfügbar. Auch er hat sich seine Auszeiten genommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott es gefällt, wenn es uns gut geht. Er will nicht, dass wir bis zur totalen Erschöpfung für andere da sind, uns selbst ausbeuten bis nichts mehr geht.
Paulus schreibt: „Den fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Das gilt auch für Situationen, in den wir uns selbst hingeben, unsere Zeit und unsere Kraft. Doch wir sollen es so dosieren, dass wir dabei fröhlich bleiben können und nicht kurz vorm Umkippen sind.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ein guter und wertvoller Wegweiser durch unser Leben. Doch es gilt wie beim Beipackzettel in der Tablettenschachtel: Bitte bis zu Ende lesen. Amen.

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  Florence Nightingale

Florence Nightingale

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.08.2020

Heute ist der 110. Todestag von Florence Nightingale, der Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege. Die in Florenz geborene Britin hat sich dafür eingesetzt, dass neben dem des Arztes auch ein qualifizierter Lernberuf für die Krankenpflege etabliert wird. Hierzu gründete sie in London eine Schule für Pflegekräfte und sorgte so auch für eine höhere gesellschaftliche Anerkennung der Pflegeberufe.
Die Frage der gesellschaftlichen Anerkennung hat gerade im letzten halben Jahr eine neue Dynamik erhalten. Während in vielen Lebensbereichen durch ein weitgehendes Zurückfahren von Kontaktmöglichkeiten der Ausbreitung des Coronavirus begegnet wurde, war dies im Bereich der Pflege nicht möglich. Ganz im Gegenteil: In den Krankenhäusern wurde der Kontakt der Pflegekräfte zu den infizierten Patienten notwendigerweise hergestellt, da diesen eben dort geholfen werden sollte und auch wurde.
Es gibt ja diesen lockeren und meist mit Augenzwinkern vorgebrachten Spruch: „Augen auf bei der Berufswahl!“ Der hat ganz sicher viel Wahres in sich. Wer eine Tierhaarallergie hat, sollte sich nicht unbedingt im Zoo bewerben, wer Zahlen langweilig findet, ist vielleicht als Banker nicht gerade gut aufgehoben. Doch für den Pflegebereich sind, wie ich finde, ganz andere und grundlegendere Wesenseigenschaften zu berücksichtigen. Die Menschen, die die Pflege und die Fürsorge zu ihrem Beruf gemacht haben, tun dies in aller Regel nicht, weil sie weiße Kittel besonders kleidsam finden. Sie tun es, weil sie Freude am Dienst am Menschen haben, weil sie helfen, unterstützen, begleiten und betreuen wollen und darin ihre Aufgabe oder vielleicht sogar ihre Berufung sehen. Und das auch, wenn sie sich dafür weiter ins Risiko begeben müssen als beispielsweise ich, der in Corona-Zeiten warm und trocken und virusfrei im Homeoffice sitzen konnte.
Ich finde diesen Einsatz wirklich bewundernswert, denn er ist eine besondere Ausdruckform von Nächstenliebe. Jede und jeder, der schon einmal selbst im Krankenhaus gelegen hat, wird bestätigen können, dass der Dienst, den die Pflegerinnen und Pfleger erbringen gar nicht genug gewürdigt werden kann und dass er mindestens genauso wichtig für das Gesundwerden ist, wie der der Ärzte.
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus Christus. Dieses Wort hat eine enge Beziehung zu Lebenssituationen, in denen Menschen Menschen helfen. Jesu Botschaft ist aber auch zu bedenken, wenn es darum geht, wie wir alle mit den Helfenden umgehen, ob den Pflegekräften in unserem Land tatsächlich in angemessener Weise Wertschätzung entgegengebracht wird und ob wir dafür sorgen, dass ihre Arbeitsbedingungen passen.
Es ist gut, dass dieses Thema coronabedingt noch einmal stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. Florence Nightingale hat einen wesentlichen Grundstein für all diese notwendigen gesellschaftlichen Diskussionen gelegt. Ihr 110. Todestag ist ein passender Anlass, daran auch an diesem Ort zu erinnern. Amen.

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  Mauern und Grenzen

Mauern und Grenzen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.08.2020

Dies Jahr haben manche lernen und andere sich erinnern müssen, wie es sich anfühlt, wenn Reise- und Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, man zu Geburtstagen, Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten nicht zueinander kommen kann und vielleicht am Schlimmsten:
Wenn man Menschen, die man liebt, nicht beim Sterben begleiten oder zur Beerdigung gehen kann.
Solche Erfahrungen schlagen Wunden, die schwer oder gar nicht heilen…
Gott sei Dank sind diese allerschlimmsten Härten des Coronajahres 2020 hierzulande nicht mehr an der Tagesordnung. Zudem hilft in all dem wenigstens ein bisschen, dass wir diese schweren Bedingungen notgedrungen aber doch freiwillig auf uns genommen haben…
Ganz anders war die Situation im August 1961.
Der Bau der Berliner Mauer und die Abriegelung der innerdeutschen Grenzen haben Familien und Liebespaare zerrissen, Kinder verwaist, Eltern das Herz gebrochen, Todesopfer verlangt.
Fassungslos haben Menschen hier und dort an der Grenzen gestanden und nicht glauben können, dass das passiert. Später sind junge Männer ihres Lebens nicht mehr froh geworden, weil sie zum Dienst an der Grenze eingezogen wurden. Viele haben im Sperrgebiet in lebenslanger Quarantäne ausgeharrt. Manche Spur hat sich verloren.
Die Hoffnung auf Freiheit wurde ein Gefahrengut, das die einen zu Verrätern machte und die anderen ins Gefängnis brachte.
Inzwischen gehören diese 38 Jahre der deutschen Teilung zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seither ist eine neue gesamtdeutsche Generation herangewachsen; hat sich die Welt rasant verändert. Die digitale Revolution und die Globalisierung haben viele Grenzen auf unvorstellbare Weise gesprengt – und auch das Schicksal der Menschheit stärker miteinander verknüpft.
Dabei lernt man. Grenzen und Mauern sind in dieser Welt so viel häufiger als Freiheitserfahrungen. Grenzen strukturieren unsere Welt, halten die einen draußen und die anderen gefangen, markieren Herrschaftsbereiche und Währungsgebiete, fixieren soziale, religiöse, nationale Unterschiede, zementieren Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
Grund genug innezuhalten und dafür zu danken, dass wir erfahren durften wie es in den Psalmen heißt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen – Er stellt meine Füße auf weiten Raum.“

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  SCHWIMMEN

SCHWIMMEN

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.08.2020

Wenn es irgend in den Tag passt, gehe ich schwimmen, natürlich am liebsten in kühlen klaren Seen – aber dieser Tage bin ich dankbar für die Braunschweiger Bäder und ziehe am frühen Morgen Bahnen im Bürgerbadepark. Das heißt, ich versuche es. Tatsächlich schwimme ich Schlangenlinien, denn einerseits ist das Bad voll, weil auch andere gerne so in den Tag starten – aber andererseits ist so ein 50m-Becken auch Anschauungsunterricht für den Slogan „Survival of the fittest“.
Die Fitten erkennt man an Kraulbewegungen, am allerbesten Schmetterling. Sie pflügen in schnurgerade Bahnen durchs Wasser und schätzen es nicht, wenn ihnen eine arglose Brustschwimmerin im Weg ist bzw. sie machen nicht den Eindruck als ob sie damit rechnen, dass die Old-Style-People nicht angesichts solcher Naturgewalt aus dem Weg schwimmen und Platz machen werden.
Sie merken, mir macht das ein bisschen schlechte Laune…
Das Vorrecht des Schnelleren und Stärkeren scheint ein Naturgesetz zu sein.
Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und tatsächlich trifft man kurz vorm Glutpunkt auf einen freundlichen Krauler, der zwischendurch immer mal den Kopf hebt und dafür sorgt, dass wir beide mit leichtem Ausweichen in der Spur bleiben können. Ein Glück, denn der Selbstversuch am Morgen vorher – ich weiche nicht aus auch wenn ich mich verspanne – war nicht wiederholenswert. Ein Start in den Morgen mit einer Extradosis Sturheit und Rücksichtslosigkeit ist keine Lösung. Also schwimme ich wieder Schlangenlinien und fühle mich immerhin freundlich.
Solche Entscheidungsfreiheit ist eine Luxuslösung merke ich am Nachmittag bei einem seelsorglichen Gespräch. Tränen fließen aus Traurigkeit und Verzweiflung über das eigene schwache Selbstbewusstsein, die Hilflosigkeit für eigene Interessen nicht wirksam sorgen zu können und sich selbst erleben zu müssen, wie man gute Argumente verschweigt aus Angst nicht gehört zu werden…
Um im Bild zu bleiben: Wie soll man sich da über Wasser halten ohne ständig getreten zu werden oder eine Ladung Wasser ins Gesicht zu bekommen?
Carolin Emcke schrieb vor ein paar Jahren in einer Kolumne der Süddeutschen Zeitung, dass es im babylonischen Talmud eine Passage gibt, die die Aufgaben eines Vaters seinem Sohn gegenüber festlegt und ihn unter anderem verpflichtet, dem Sohn das Schwimmen beizubringen.
Man wusste offenbar: Schwimmend erleben Menschen nicht nur, dass sie sich im fremden Element über Wasser halten und zielstrebig bewegen können, sondern auch, dass man loslassen muss. Wer klammert, geht man unter. Das gilt sowohl für das Klammern an Vorrechten des Stärkeren als auch für das Festhalten an einem ängstlichen und verzagten Selbstbild.
Es gilt, sich freizuschwimmen – manchmal im Getümmel und mit Schlangenlinien, dann wieder voller Lust und ungestört in langen einsamen Bahnen. Und dann merkt man wieder – egal ob kraulend oder brustschwimmend, was doch alles geht. Denn wie hieß es gleich über diesem heißen Monat im 139. Psalm? „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“

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  Anschwung in den Himmel

Anschwung in den Himmel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.08.2020

Gestern habe ich einen Krankenbesuch gemacht. Eine Frau, so alt wie ich, liegt elend. Ihr Körper ist voller Metastasen. Jeder Schritt ist eine Kraftanstrengung, jede Bewegung ein Schmerz – aber wenn sie über die schönen Dinge des Lebens redet, dann leuchtet ihr Gesicht, scheint die Freude auf, die sie daraus geschöpft hat und noch immer schöpfen kann. Es ist dann ein besonderes Licht in ihrem Gesicht.
Vielleicht scheint es schon von der anderen Seite her.
Sie weiß, dass ihre letzte Zeit hier angebrochen ist und hofft darauf, dass das Licht von dem Menschen mit Nahtoderfahrung erzählen, auch ihr leuchten wird.
Ich sehe sie an und denke an eine Konfirmandin, mit der ich dieser Tage einen größeren Block Hausaufgaben besprochen habe. Dabei ging es auch um die Zuordnung wichtiger Glaubensworte – als Orientierung gab es dafür ein Armband mit den Perlen des Glaubens: Gottesperle und Perle der Nacht, Perle der Stille, der Taufe und der Auferstehung, der Liebe und Gemeinschaft, Ich-Perle, Wüstenperle, Geheimnis. In welcher Reihenfolge sollten sie am besten aufgefädelt werden, frage ich und das Mädchen sagt: sie würde lieber statt der vorgeschlagenen Variante Gott-Stille-Auferstehung Liebe-Geheimnis-Auferstehung fädeln. Und sie begründet: nur wer liebt, kann an Auferstehung glauben und beides sei irgendwie ein Geheimnis.
Ich war platt von so viel Erleuchtung.
Die Kranke hat diese Geschichte gefreut. Und dann erzählte ich ihr noch von den Afrikanern, die am Freitag hier in ihren herrlichen bunten Gewändern in großer Runde auf dem Burgplatz standen und voller Kraft und Freude sangen. Ein Passant fragte mich: Was wird hier geboten? Das ist die Trauerfeier für eine viel zu jung gestorbene Frau aus Lesotho, sagte ich. Da drehte sich eine der Afrikanerinnen rum und sagte. „Wir geben ihr Anschwung in den Himmel.“
Loslassen voller fröhlicher Hoffnung, weil die Gestorbene etwas so Schönes vor sich hat. Osterfreude pur. Ich war so dankbar, das erlebt zu haben und der Kranken in ihrem heißen Zimmer erzählen zu können. das könnte gemeint sein, wenn Jesus Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben auch wenn er stirbt.“


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  Sommer

Sommer

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.08.2020

Es ist Sommer. Auch die Klimaanlage hier bei uns im Dom aus der Zeit Heinrichs des Löwen kommt langsam an ihre Grenzen – doch irgendwann ist auch die dickste Kirchenmauer mal durchgewärmt. Aber was soll’s, nach eher wechselhaften Wochen ist es nun mal richtig heiß und das gehört doch irgendwie zum Sommer auch dazu.
Wenn Sie es sich einmal gönnen, dieser Tage durch die Felder und Wiesen rund um Braunschweig zu spazieren, dann können Sie diesen ganz besonderen Duft wahrnehmen: Es riecht nach Ernte, nach gemähtem Getreide und nach Heu und ein warmer Wind legt Ihnen diese besondere August-Atmosphäre zu Füßen. Und wenn es am Abend dunkel und feuchter draußen wird, dann intensiviert sich diese bemerkenswerte Stimmung noch durch das wunderbare Licht der untergehenden Sonne.
„Der Sommer spannt die Segel und schmückt sich dem zum Lob, der Lilienfeld und Vögel zu Gleichnissen erhob“, so dichtet der niedersächsische Pfarrer Detlev Block und so ist es in unseren Gesangbüchern zu lesen.
Mit gefällt dieses Bild der Segel gut, die gespannt sind, voller Wärme, Licht und Leben. Es ist die Zeit, in der das reift und vollendet wird, was mit kleinen Samenkörnern begonnen hat, die wir im noch kalten Spätwinter auf unsere kahlen Felder ausgebracht haben, es ist die Zeit, in der das reift und vollendet wird, was begonnen hat mit erstem, zarten Grün und kleinen Blüten an Bäumen und Sträuchern, die sich noch durch Nachtfröste und Dunkelheit kämpfen mussten.
Der Sommer ist die Zeit, in der wir unsere Speicher wieder füllen können, die Akkus aufladen mit Dankbarkeit und Lebensfreude, damit wir gut durch die dunklen Zeiten kommen, die sich auch wieder einstellen werden – in der Natur und auch in unserem Leben.
Es ist gut, zu wissen, dass alles seine Zeit hat, dass der Sommer von Herbst und Winter zwar abgelöst wird, dass es aber auch wieder Frühling und Sommer werden wird. Gott hat all das gut für uns eingerichtet und er hat es so gemacht, dass wir unsere Freude daran haben können, auch wenn es mal etwas schweißtreibender wird.
Detlev Block schließt sein Lied mit folgenden Worten: „Der Botschaft hingegeben stimmt fröhlich mit uns ein: Wie schön ist es, zu leben und Gottes Kind zu sein!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Amen.

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  Weil es um die Liebe geht…

Weil es um die Liebe geht…

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2020

Wir Menschen sind Weltmeister im Kategorisieren, Schubladisieren, Eingruppieren. Kaum nehmen wir etwas wahr, so bewerten wir es, ordnen es ein in sympathisch oder unsympathisch, schön oder hässlich, gut oder böse, Freund oder Feind, richtig oder falsch. Dieses Verhalten ist seit Urzeiten antrainiert und war uns ist in einigen Situationen sogar lebensnotwendig. Der Mensch der Steinzeit musste sehr schnell entscheiden, ob ein Säbelzahntiger eine nette Miezekatze ist oder ob man doch besser unverzüglich das Weite suchte. Zu lange Entscheidungsprozesse und falsche Ergebnisse konnte man sich gegebenenfalls nur ein einziges Mal erlauben. Problematisch an dieser Eigenschaft allerdings ist zweierlei. Erstens tun wir uns schwer damit, unsere einmal getroffenen Einschätzungen zu revidieren – wer einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen hat, muss sich mitunter ganz schön abstrampeln, um den wieder wettzumachen – und zweitens bewerten wir auch Dinge, Sachverhalte, Eigenschaften, für die das nicht zulässig ist. Auch solche ungerechtfertigten Kategorisierungen wieder aus der Welt zu schaffen, ist kein leichtes Unterfangen.
Vor unserem Rathaus und an vielen anderen Orten in unserer Stadt wehen seit ein paar Tagen die Regenbogenfahnen – Sommerlochfestival 2020, diesmal coronabedingt anders als sonst, doch es findet statt, schon zum 25. Mal in Braunschweig – gut so! Es hat, so wie glücklicherweise an vielen Orten dieser Welt der Christopher-Street-Day auch, seinen Charakter verändern können, etwas mehr weg von einer reinen Protestveranstaltung hin zu einem fröhlichen Fest. Auslöser und Grund für den CSD und das Sommerlochfestival war und ist die menschliche Anmaßung, Liebe mit Kategorien von richtig und falsch in Verbindung zu bringen. Wenn ein Mann eine Frau liebt, dann ist das richtig, wenn aber eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann, dann ist das falsch. Und es blieb und bleibt nicht bei der Bewertung der Liebe, auch die Menschen, die lieben, wurden und werden, daraus abgeleitet, in gut und schlecht sortiert: heterosexuell ist gut, alles andere ist schlecht.
„Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott und wer liebt, der ist aus Gott geboren“, so heißt es im 1. Johannesbrief. Und von Jesus Christus ist zu hören: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe!“ Haben Sie irgendetwas von richtig oder falsch gehört? Ich nicht. Ich bin kein studierter Theologe, aber ich habe ein Bild von meinem Gott, das sich geformt hat auch aus meinen eigenen Erfahrungen. Und danach bin ich mir ziemlich sicher, wie Gottes Standpunkt zu diesem Thema aussieht. Ich glaube, dass überall da, wo zwei Menschen Liebe füreinander empfinden, wo sie für einander Verantwortung übernehmen, eine Partnerschaft eingehen, gemeinsam ihre Lebenswege teilen wollen, dass überall da Gottes Liebe aufleuchtet. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch unsere sexuelle Orientierung ein Gottesgeschenk ist, so wie unsere Hautfarbe, unser Geschlecht, unser Humor. Und ich glaube, dass Gott uns genauso gewollt hat und uns liebt, so, wie wir sind.
Jeder Mensch ist ein Gotteskind und damit ist jeglicher Form von Diskriminierung der Boden entzogen – von menschlicher und auch von göttlicher Seite. Und so denke ich, dass auch das diesjährige Sommerlochfestival unter seinem Segen steht und er es freundlich anschaut – weil’s um die Liebe geht. Amen.

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  Mut trägt man im Herzen – Gottvertrauen auch!

Mut trägt man im Herzen – Gottvertrauen auch!

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.08.2020

Lesen Sie ab und zu mal Kinderbücher? Auch, wenn wir aus der klassischen Zielgruppe mittlerweile herausgewachsen sind – Gelegenheiten dazu gibt es ja immer mal wieder: Vielleicht haben Sie selbst Kinder oder Enkel oder Sie sind Lesepate in einer Kita oder in einer Schule. Mir ist neulich bei meinem Patenkind ein wunderbar illustriertes Buch in die Hände gefallen: Die kleine Hummel Bommel.
Es erzählt die Geschichte einer kleinen Hummel, die nicht fliegen kann. Sie versucht alles Mögliche, fragt um Rat und strengt sich kräftig an, doch es will und will nichts werden. Bommel wird von ihren Freunden ausgelacht und ist am Ende ganz verzweifelt. Erst Dr. Willi Weberknecht kann ihr helfen. Er sagt: „Schließ die Augen, kleine Hummel, und schlag mit den Flügeln.“ Und siehe da: Bommel fliegt!
Ich habe gerade gesagt, dass die Geschichte von einer Hummel erzählt, die nicht fliegen kann, doch das stimmt so gar nicht. Die Geschichte handelt von einer Hummel, die es sich nicht zutraut, zu fliegen, und das ist ein himmelweiter Unterschied.
Der kleinen Hummel fehlt es an Selbstvertrauen. Diesen Gemütszustand kennen wohl fast alle Menschen. Da wartet eine besondere Herausforderung und auf einmal werden die Hände feucht, die Knie fangen an zu zittern, die inneren Zweifel werden lauter und lauter und der Berg, vor dem man steht, wird immer größer. Und dann kommen wir an den Punkt, wo es auf einmal wirklich nicht mehr klappt, weil all unsere Energie aufgesogen wird von unserer Unsicherheit und unserer Angst.
„Mit dir, meinem Gott, kann ich über Mauern springen“, so heiß es im 18. Psalm. Manchmal reicht selbst das größte Selbstvertrauen nicht mehr aus, all das Zutrauen in uns selbst und unser Wissen und Können ist zu klein. Dann ist es gut, zu wissen, dass wir Gott an unserer Seite haben, der uns hilft, uns Mut macht und uns mit der Kraft versorgt, die wir brauchen, um die Herausforderungen unseres Lebens zu meistern.
Gottvertrauen und Selbstvertrauen sind eine gute Kombination. Wenn wir das erst einmal selbst erlebt haben, dürfen wir diese Erfahrung im Übrigen ruhig auch an unsere Mitmenschen weitergeben. Denn auch die sind immer mal wieder mit ziemlich leerem Akku unterwegs. Die kleine Hummel Bommel ermutigt einen frisch aus einer Raupe verwandelten Schmetterling, einfach loszufliegen. Und siehe da: Auch er kann es!
Dr. Willi Weberknecht hat der kleinen Hummel übrigens noch etwas mit auf den Weg gegeben: „Mut trägt man im Herzen“, hat er gesagt. Und ich füge hinzu: Gottvertrauen auch. Amen.

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  Frieden

Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.08.2020

Heute vor 75 Jahren ereignete sich eine vermeidbare humanitäre Katastrophe, ja man kann sagen eine humanitäre Bankrotterklärung. Um 8:16 Uhr explodiert über der japanischen Stadt Hiroshima die Atombombe „Little Boy“. In Sekunden verlieren 70.000 bis 80.000 Menschen ihr Leben, knapp dieselbe Anzahl sterben später an den Folgen der Strahlung. Zur Verdeutlichung: Zwei Drittel der Einwohnerschaft unserer Stadt Braunschweig sterben durch eine einzige Bombe, durch einen einzigen Knopfdruck. 150.000 Lebenswege und Lebenspläne werden zerstört, Träume, Pläne, Hoffnungen ausradiert. Drei Tage später, am 09. August 1945, wird über Nagasaki eine weitere Atombombe abgeworfen. Die Konsequenzen sind vergleichbar verheerend.
Es gibt Argumentationsketten, die lassen mich schaudern. Da wird ausgeführt, dass doch die beiden Atombombenabwürfe zu einem schnellen Kriegsende geführt hätten. Die Japaner haben knapp eine Woche später kapituliert. Und dadurch seien viel mehr Menschenleben gerettet worden als es gekostet hätte. Solche Rechnungen sind zynisch und in einem nicht zu vertretenden Umfang anmaßend. Das Leben eines Menschen ist nicht verfügbar – schon gar nicht als Kalkulationsgröße zur Erreichung irgendwelcher politischer oder sonstiger Ziele.
Was den Einsatz von atomaren Waffen in besonderer Weise verwerflich macht, ist ihre unfassbar große zerstörerische Kraft. Dadurch wird das Töten noch weiter anonymisiert. 150.000 Menschenleben mit einem einzigen Knopfdruck auszulöschen, übersteigt unsere konkrete Vorstellungskraft. Die Konsequenzen des Bombenabwurfes werden beinahe abstrakt, der individuelle Mensch, dessen Existenz vernichtet wird, verliert sich in der großen Zahl. Und dadurch kann die Hemmschwelle sinken, sich solcher Waffen zu bedienen.
Gegenseitige Abschreckung als Basis für den Frieden ist ein weiteres Argument, mit der der Besitz von atomaren Waffen gerechtfertigt werden soll. Doch kann Angst ein stabiles Fundament für den Frieden sein? Ich denke, dass es vielmehr Respekt, Wertschätzung und Freundschaft zwischen den Nationen sein sollten, die den Frieden sichern. In Europa sind wir mit diesen Werten in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich unterwegs gewesen. Bleibt zu hoffen, dass das auch weiterhin trägt – trotz aller Zwistigkeiten, Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlicher Interessenlagen.
Zu hoffen bleibt auch, dass es uns gelingt aus Hiroshima und Nagasaki zu lernen, dass es uns gelingt überhaupt und grundlegend zu lernen, dass Krieg kein legitimes Mittel sein darf, um Probleme zu lösen und Machtinteressen durchzusetzen. Ja, es mag für den einen oder die andere abgedroschen klingen, aber Jesus hat uns in der Bergpredigt gesagt, wie es gehen kann: Wir Menschen sollen Friedensstifter sein, sanftmütig, gerechtigkeitsliebend, barmherzig und liebevoll. Das mit Leben zu füllen, es umzusetzen im Miteinander von uns Menschen, im Miteinander der Völker, im Miteinander der Nationen ist eine große Aufgabe. Doch ich will nicht aufhören, daran zu glauben, dass es gehen kann und dass es uns irgendwann einmal gelingt! Amen.

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  Ihr seid das Salz der Erde!

Ihr seid das Salz der Erde!

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.08.2020

Sie werden mir Recht geben, wir haben es nicht immer leicht. Ständig will irgendwer etwas von uns, alle möglichen und unmöglichen Leute, Institutionen und sonst wer hat Erwartungen an uns, was unser Tun und Lassen, unser Denken und Reden und unsere Lebensgestaltung angeht. Doch es sind nebenbei nicht nur die anderen, die uns das Leben schwermachen, manchmal sind wir es auch selbst, weil wir uns unter Druck setzen mit unserem Perfektionismus, weil wir uns einfach zu viel vornehmen, weil wir zu streng mit uns sind.
In diese Gemengelage hinein hörten wir dann am vergangenen Sonntag folgende Worte aus dem Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“
Von Jesus stammen diese Worte. Zu Einordnung: Salz war zur damaligen Zeit sehr wertvoll und in besonderer Weise lebensnotwendig, denn es diente dazu, Nahrungsmittel zu konservieren und überhaupt erst genießbar zu machen – ohne Salz kein Leben. Gewonnen wurde das kostbare Gut aus dem Toten Meer und es war nur eine begrenzte Zeit haltbar. War diese Zeit abgelaufen, konnte man es nur noch wegwerfen.
Und nun teilt uns Jesus also mit, dass wir ebenso wertvoll und lebensnotwenig sind, wie dieses Salz und dass auch wir nun eine begrenzte Haltbarkeit haben hier auf dieser Erde. Was will er uns damit sagen? Werden wir nun auch noch von ihm unter Druck gesetzt?
Ich verstehe es anders. Ich höre nicht: „Deine Lebenszeit ist begrenzt, Mensch. Sieh zu, dass du alles erledigt kriegst, was zu deinen Aufgaben gehört und achte insbesondere darauf, dass du dich so verhältst, wie ich es dir vorgelebt habe und wie ich es von dir erwarte.“ Ich verstehe Jesu Worte hier viel mehr als Aufmunterung und Motivation. „Mensch, ich setzte viel Vertrauen in dich. Du und ich, wir gemeinsam haben die Chance, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich habe keine Hände, nur deine Hände. Ich helfe dir und bin an deiner Seite. Du bist das Salz dieser Erde!“
So kann ich es gut annehmen und ich habe Lust, mich darauf einzulassen. Christliches Leben soll nicht schwer, nicht stressig, nicht erzwungen sein. Es soll Freude machen – Freude zu gestalten, Freude, zu helfen, Freude, mit Gott durch die Zeiten zu gehen. Wir sind das Salz der Erde – Sie und Ihr und ich. Daraus lässt sich was machen, mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Wolgatreidler

Wolgatreidler

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2020

Eines der berühmtesten Bilder des russischen Realismus hat Ilja Repin gemalt: Die „Wolgatreidler“. Jedes DDR-Schulkind hat das Bild der verzweifelten Leibeigenen, die das riesige Schiff an Gurten durch die niedrige Wolga zerren, besprochen wenn nicht gar kopieren sollen. Die Männer schleppen wie Tiere und können kaum den Kopf heben. Es ist eine schier aussichtslose Plackerei, aus der man sich nicht so ohne Weiteres befreien kann.
Menschen geraten manchmal in solche Situationen.
Man kann in einer Beziehung leben und weiß, dass man füreinander und für die gemeinsamen Kinder Verantwortung übernommen hat und dennoch wird es irgendwann so schwer, dies gemeinsame Lebensprojekt voranzubringen, dass man nur noch in den Seilen hängt und sich mühsam vorwärtsschleppt.
Oder man hat endlich allen Mut zusammengenommen und alle Kraft und alles Geld in einen eigenen Laden oder ein Restaurant – einen Träume eben -gesteckt und dann kommt man einfach nicht von den Schulden runter und die Arbeitstage werden immer länger, es ist nicht zu schaffen.
Irgendwann hat man sich so sehr in den Gurt gestemmt, dass man den Kopf nicht mehr heben, Zukunft nicht mehr sehen kann und nicht mehr weiß, wofür das eigentlich…
Oder da ist ein Kind, das anders ist – mehr Aufmerksamkeit und Förderung braucht, viel mehr Zeit als andere Kinder. Es ist das eigene sehr geliebte Kind, fraglos ein Herzensmensch – aber dann wächst einem das über den Kopf, man spürt Grenzen – physische und seelische. Man kann nicht einfach aussteigen aus dem Geschirr, wer sollte sich sonst kümmern…?
Ich könnte noch lange fortfahren, ein letztes Beispiel will ich aber noch nennen: auch die EKD scheint in solchem Niedrigwasser ein viel zu großes Schiff ziehen zu wollen. „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ liegen seit gestern auf meinem Schreibtisch und klingen nach trüben Aussichten. Man versucht es mit Erklärungsmustern: weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Ressourcen, weniger Relevanz – kein Wunder, dass das Schiff so schwer ist.
Aber ist uns nicht gesagt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen“ und auch „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der liebe du der Besonnenheit…“ Wird Gott, wenn wir uns auf ihn verlassen, „wenn wir aufsehen und unseren Kopf heben, weil Erlösung naht“, wird er uns dann nicht helfen, aus diesem schweren Geschirr auszusteigen und barmherzige Weg zu finden, für die, die uns anvertraut sind und für uns selbst?
Ich glaube das fest und ich wünschte mir, dass auch das EKD-Papier etwas mehr davon erzählt, dass Gott uns seinen Geist schenkt, der Leben verheißt, dass die Auferstehung Jesu uns allen gilt, dass wir diesem Gott – dem gnädigen und auferstandenen - ebenbildlich sind und Grund haben zu hoffen, dass er unsere Wege zum Guten wendet.
Vielleicht müssen wir das Schiff liegen lassen, vielleicht wird der Fluss irgendwann mehr Wasser führen, vielleicht wächst uns neue Kraft zu: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ heißt es über diesem Jahr. Daran lasst uns festhalten.



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  Auf dem Teppich bleiben

Auf dem Teppich bleiben

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2020

Wir tasten uns vorsichtig voran in Richtung auf eine neue Normalität. In den letzten Wochen wurden im Zusammenhang mit dem Corona Virus immer wieder Beschränkungen aufgehoben. Auch bei uns in der Kirche wird dies spürbar. Erinnern wir uns: Über mehrere Wochen war auch unser Dom komplett geschlossen. Zwar ist die allgemeine Gemütslage nach wie vor nicht überbordend, doch hier und da ist schon so etwas wie Aufbruchstimmung zu spüren. Zu hoffen bleibt, dass sich die Besonnenheit der Menschen über den Sommer und den Urlaub nicht verliert, damit die Situation auch weiterhin einigermaßen beherrschbar bleibt.
Aber noch mal zurück zur Aufbruchstimmung: Kennen Sie dieses Gefühl auch? Da ist ganz viel Motivation, Gestaltungswille und Zuversicht im Spiel, Menschen krempeln in die Ärmel hoch, packen mit an und arbeiten an einem gemeinsamen Ziel. Aus so einer Aufbruchstimmung heraus kann viel Gutes entstehen und ich könnte mir vorstellen, dass auch die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden so unterwegs gewesen sind.
Doch die Bibel beschreibt uns, dass es teilweise auch ganz anders war. Gerade Paulus hatte alle Hände voll zu tun, in den neu gegründeten christlichen Gemeinden dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht derart in Streit gerieten, dass es den Fortbestand ihrer Gemeinschaft gefährdet hätte. In vielen seiner Briefe finden sich mahnende und ermahnende Worte, Verhaltensregeln und erhobene Zeigefinger. So heißt es im Lehrtext für den heutigen Tag aus dem Epheserbrief: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“
Ja, das ist eine sehr christliche Haltung, die Paulus hier beschreibt. Wir sollen nicht egoistisch sein und nicht eitel, sondern vielmehr das Wohl unserer Mitmenschen im Fokus haben und uns selbst nicht so wichtig nehmen. Paulus schreibt all das an die ersten Christen in Ephesus, und ich denke: Er hätte es auch mir schreiben können. Ich räume ganz unumwunden ein, dass mir ein bisschen mehr Demut in der einen oder anderen Situation durchaus gut zu Gesicht gestanden hätte. Und ja, bisweilen ist auch noch Luft nach oben beim Thema, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.
So ein wenig tröstet es mich dann, dass selbst unsere Schwestern und Brüder, die ganz unmittelbar mit den großen Aposteln zu tun hatten, offenbar mit denselben Problemen klar zukommen hatten und hin und wieder einmal eine klärende Erinnerung brauchten.
Dann lassen wir uns doch heute auch mal von Paulus in aller Wertschätzung diesen freundlichen Fingerzeig überbringen, damit es besser gelingt, auf dem Teppich zu bleiben: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den Andern höher als sich selbst. Amen.

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  Wunderbar gemacht

Wunderbar gemacht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2020

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“
So steht es über dem neuen Monat.
So perlt es manchmal aus einem heraus, wenn man einen guten Tag hat und mit sich selbst im Reinen ist. Oder noch einfacher: wenn man jemanden ansieht, den man liebt und wunderbar findet. Und ganz leicht ist es, wenn man ein Neugeborenes bestaunt – die rosigen vollkommenen Nägel, den Mund, die Augen…
Aber dazwischen gibt es viele Menschen, die ihren Körper lieber verstecken als ihn wunderbar zu finden, die sich schämen, weil sie irgendeinem Schönheitsideal nicht entsprechen und quälen, um den richtigen BMI zu haben – deren Seele weit davon entfernt ist, zu erkennen, dass alles wunderbar gemacht ist und eine wunderbare Ordnung widerzuspiegeln.
Denn in unserer Welt geht es unbarmherzig zu. Wir verhüllen nicht, sondern entblößen. Wir staunen nicht, sondern normieren. Wir lieben nicht, sondern vermessen. Und vergessen dabei, dass unser Gott eine Geschichte mit uns gehen will und uns braucht, wie wir sind, weil er in uns gelegt hat, was noch werden soll.
„Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. …“
Gott sieht uns und weiß um uns.
Seine Werke sind wunderbar und vollkommen – auch wenn wir das manchmal nicht wahrnehmen können, weil wir seinen liebevollen Blick nur ahnen können und weil die Wege, die er für uns vorsieht manchmal so schwer sind, dass wir nicht verstehen können, dass er es so kommen lässt. Darum spricht der Psalmbeter:
Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.“
Es wäre zu einfach, dass was wir fühlen und wünschen, wegzubügeln als wäre nicht doch eine große Sehnsucht im Herz, dass es anders wäre.
Gottes Wege sind unerforschlich – es ist uns nicht immer gegeben, dankbar und froh zu sein darüber, wie er es mit uns meint.
Auch das ist gut aufgehoben bei ihm. Gott weiß, wie wir es meinen.

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  Zu Gast auf erden...

Zu Gast auf erden...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.07.2020

Claus Kleber moderierte neulich Abend den Filmstart des jüngsten Films des finnischen Regisseurs Mika Kaurismäki auf eine sehr eigentümlich Weise an. Es klang ein bisschen so, als ob die Redaktion ein so leichtes Kinovergnügen nicht wirklich besprechenswert fände aber weil in Corona grade freundliche sommerliche Unterhaltung wohltäte, könnte man ja doch…
Beim genaueren Hinsehen erwies sich, dass der Altmeister auf seine stille Weise doch eine ganze Menge erzählt. Zum Glück geht Programmkino ja wieder und also: „Master Cheng in Pohjanjoki“: In der Weite Lapplands unter hellem Himmel steigt eine Tages ein Chinese mit seinem Sohn an der Hand aus dem Bus. Sie gehen in den Imbiss, den einzigen öffentlichen Ort und fragen nach „Mister Fongtron“, den keiner kennt. Bis sich das aufklärt, bleibt Zeit die finnischen Stammgäste des Imbiss‘ an die chinesische Küche und den Koch Cheng an die finnische Sauna heranzuführen, dem finnischen Tango die Ehre zu geben, in einer hellen Nacht im hohen Norden eine Liebesgeschichte zu beginnen, eine Kinderseele zu befrieden.
Das kleine Dorf Pohjanjoki ist eine gute Metapher für unsere Welt in diesen Tagen. Es gibt kaum Ablenkung und Unterhaltung von außen, der Aktionsradius ist klein, das Leben glitzert und schillert nicht – die Stille dort ist für die einen selbstverständlich und für die anderen ein Wunder.
„Dass es so viel freien Raum geben kann“ – wundert sich das chinesische Großstadtkind.
Die wenigen Menschen setzen sich der Weite manchmal aus, dann wider suchen einander und schleppen dabei – wie wir auch – urmenschliche Fragen und Sorgen mit sich herum.
Master Cheng hat seine Frau verloren, sein Sohn die Mutter – die beiden vereinsamen in ihrer Not nebeneinander. Dort oben müssen sie keine großen Worte machen, man versteht sich eh kaum – aber ausgerechnet dort, wo sonst nur Himmel ist, haben die Menschen ein gutes Sensorium füreinander. Dort, wo sonst nicht viel ist, versteht sich von selbst, dass diese zwei ein Zuhause brauchen, eine Zuflucht, einen Ort, an dem sie langsam zurückfinden können ins Leben.
Auch Sirkka, die Besitzerin des Imbisses, ist eigentlich weder eine Wirtin noch eine Köchin. Auch sie ist eine Gestrandete, deren Träume und Ehe gescheitert sind. Die Männer an den Tischen schließlich sind krank und gesund, neugierig und engstirnig, sie essen gern.
Dort – in der endlosen Natur wird der Mensch ganz klein - man begreift von allein, dass wir alle nur zu Gast sind.
Aber eben nicht fremd, sondern Menschen – einander zutiefst ähnlich, egal wie weit weg voneinander unsere Wurzeln liegen.
Oder wie es über dieser Woche steht: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.“

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  Gottvertrauen

Gottvertrauen

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.07.2020

Am vergangenen Sonntag war in unseren Gottesdiensten die Alttestamentliche Geschichte vom Himmelsbrot zu hören. Mose und Aaron haben die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft herausgeführt. Doch anstatt dankbar zu sein, fangen sie an zu meckern, weil es nicht genug zu essen gibt. Gott hört das Murren und verspricht, für ausreichend Nahrung zu sorgen. Er stellt allerdings die Bedingung, dass jeder nur so viel einsammeln darf, wie er für sich und seine Familie an einem Tag braucht. Und dann passiert ein doppeltes Wunder: Zum einen regnet es wirklich Brot vom Himmel und ein Schwarm Wachteln landet direkt im Lager der Israeliten. Und zum anderen beschränken sich die Menschen tatsächlich darauf, nur so viel in die Krüge zu sammeln, wie sie für einen Tag benötigen.
Was meinen Sie, ist wohl das größere Wunder? Vor einem halben Jahr hätte ich diese Frage anders beantwortet – vorsichtiger, differenzierter, unentschlossener. Aus der Erfahrung der letzten Monate mit leeren Supermarktregalen, in denen sonst die Taschentücher lagen, die Konservendosen standen oder die Nudeln, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Beschränkung auf eine Tagesration uns tatsächlich staunen machen sollte.
Es fällt uns Menschen offenbar sehr schwer, uns zurückzuhalten, einfach auch mal etwas liegenzulassen, obwohl reichlich davon da ist und es im Zweifel noch nicht einmal etwas kostet. Das geht eben vom Hamstern von Toilettenpapier in Corona-Zeiten, für das nebenbei im Internet teilweise horrende Preise aufgerufen wurden, bis hin zur heißen Schlacht am kalten Buffet, von der Reinhard Mey in einem Lied launig aber mit viel Wahrheit singt. Damals im Heiligen Land versuchen dann allerdings doch einige der Israeliten, entgegen der göttlichen Anweisung Vorräte anzulegen. Das geht daneben, denn die Nahrung wird faulig und Maden sammeln sich darin. So etwas wird mit dem gehamsterten Toilettenpapier nicht passieren, aber es nimmt auf jeden Fall mal ordentlich Platz im Keller oder im Vorratsraum weg, bis dann die letzte Rolle im Spätherbst 2025 aufgebraucht sein wird.
Der überwiegende Anteil der Israeliten allerdings hörte auf Gottes Weisung. Wie gelang es ihnen, sich zu bescheiden? Nun, ich denke, dass ihr Gottvertrauen groß genug war, um sich darauf verlassen zu können, dass der Herr am nächsten Tag wieder für ausreichend Nahrung sorgen würde. Und das tut er dann ja auch, wie uns Mose berichtet.
Gottvertrauen ist ein großer Schatz. Er nimmt uns Angst und Sorge vor der Zukunft und lässt uns in verantwortlicher Gelassenheit durch unsere Tage gehen. Ich muss mich nicht um alles kümmern, denn um vieles kümmert sich Gott. Und seine Liebe zu uns Menschen ist eben unfassbar viel wichtiger, als ein großer Vorrat an Himmelsbrot, der dann doch verdirbt oder Berge von Toilettenpapier, die nur im Weg rumstehen.
Oder wie Jesus Christus zu uns sagt: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Amen.

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  Ich liebe dich sehr, wenn es regnet

Ich liebe dich sehr, wenn es regnet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.07.2020

Im MDR-Kultur, dem Radio, das früher den bei weitem reizvolleren Namen „MDR-Figaro“ trug, läuft im Moment täglich um 19.00 Uhr das ARD-Radiofestival. Vierzig namhafte Autoren erzählen. Es sind bisher unveröffentlichte Texte. Gestern also Heinz Helle:
„Ich liebe dich sehr, wenn es regnet.“
Ein Paar sitzt auf dem eben frisch gestrichenen Balkon, weiß und sauber ist der geworden, schön eigentlich. Er beschreibt. Es klingt ein bisschen ausgebremst aber auch heimelig normal. Es geht mal besser, mal schlechter miteinander aber meistens doch ganz gut und bei Regen ist es richtig schön. Nur irgendwo untendrunter lummert etwas, da bahnt sich eine Krise an.
Verdient er nichts?
Sie erwartet das zweite Kind.
„Ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.“
So steht es aus dem Buch Hiob in den Herrnhuter Losungen über diesem Tag. So verletzlich ist der Mensch. Immer …
Er erzählt von einer Bewerbung in der öffentlichen Bücherei. Paar Stunden nur aber er könnte es sich gut vorstellen: Leute begrüßen und einweisen, ihnen Bücher empfehlen oder Teenies begeistern, Er ahnt, dass das vielleicht schwer würde. Aber er redet sich in Lust und Vorfreude. Ist nichts Spektakuläres, aber ihm würde das Spaß machen …
Man hört zu und erwärmt sich. Die Atmosphäre wird freundlicher. Hoffnungsbilder tauchen auf. Ein kleiner Urlaub vielleicht? Helle erzählt weiter, wie das Paar auf seinem Balkon sitzt und sich ausmalt, wie es sein könnte. Nichts Verfressenes. Nur ein bisschen träumen.
„Dass die Arschlöcher seine Bewerbung gestern schon abgelehnt haben, erzählt er nicht.“ Dieser Satz haut rein. Er trifft den Hörer völlig unvermittelt.
Derb ist er. Brutal die Wirklichkeit dahinter.
„Wir haben nichts in die Welt gebracht…“ heißt es im Lehrtext der Losungen aus dem ersten Timotheusbrief, „darum können wir auch nichts hinausbringen.“
Von der Hand in den Mund. Wir kommen und wir gehen und sitzen zwischendurch auf dem Balkon und träumen ein bisschen.
Wann mag die Erzählung von Heinz Helle entstanden sein?
Ich habe nicht zuende gehört. Kam was dazwischen. Aber ein Haken sitzt. Das wird manche Familie erlebt haben dieses Jahr, dass auf einmal ein Satz, eine Handungsempfehlung, ein Moment zum Schutz der Anderen, dazwischenhaut. Und dann beginnt es zu puckern…
„Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen.“ So beendet Timotheus seinen Satz.
Ich weiß nicht, ob wir das mitsprechen können und wollen. Und andererseits: Wie gut, dass es uns allen so gut geht, dass wir Nahrung und Kleider haben.


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  Die grünen Wassertanks an den Bäumen...

Die grünen Wassertanks an den Bäumen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.07.2020

Es sind Ferien und ist doch sehr anders als sonst. Der Übergang vom trubeligen Alltag, wenn alle zur Arbeit oder zur Schule müssen, Kinder noch schnell von A nach B transportiert und zwischendurch Besorgungen erledigt werden müssen zur plaudernden eisessenden Feriengangart fällt dieses Jahr nicht besonders drastisch aus.
Es war eh schon ruhiger. Wir sind alle viel spazieren gewesen in diesem Frühjahr und Kinder jeden Alters waren zu allen Tageszeiten dabei. Der erste Schreck und die Schicksalsergebenheit der ersten Wochen sind einer gewissen Gewöhnung gewichen. Der Coronaticker und der Chef des RKI kommen nicht mehr jeden Abend in den Nachrichten.
Dafür dämmert allmählich allen, dass sich unser Leben gerade radikal ändert, wieviel Abbrüche und Veränderungen es gibt.
Es ist angenehm, wenn ich beim Schwimmen nicht wie verrückt aufpassen muss, dass mir keiner aufs Kreuz springt – aber wo sind die Kinder und Jugendlichen eigentlich?
Es ist gut, dass die Geschwindigkeit des Alltags ein bisschen an Fahrt verloren hat, aber was machen jetzt eigentlich die, die die großen Kinosäle gefüllt und sich auf Chorproben getroffen haben?
Wovon leben die Schausteller und die Barkeeper der Nachtclubs, die Tanzschulen und Eventmanager, die Aushilfen bei Festivals und Openairs? Wie ergeht es Kindern, die nicht in Schullandheime und Jugendherbergen fahren können …?
Und erst recht, was ist drumherum, andernorts auf dieser Welt, los? Die Masken schlucken scheinbar nicht nur den Schall unsere Stimmen sondern auch die Horizonte.
Manchmal ist es ganz unheimlich, wie klein die Kreise geworden sind auch wenn ich in Braunschweig ganz neue Ecken kennengelernt habe.
Und zwischen allem die grünen Säcke an den Bäumen in unserer Stadt.
Als das begann habe ich mich gewundert. Jetzt bin ich froh – irgendwer hat über der ganzen Pandemie nicht vergessen, dass die Natur ächzt und stöhnt, dass Wasser fehlt und sich das Klima ändert, dass wir riesige Themen in Angriff nehmen wollten – vor Corona – die sich nicht erledigt haben, im Gegenteil.
Irgendjemand ist dran geblieben und hat sich nicht beirren lassen. Jetzt sind die grünen Wassertanks ein Zeichen von Fürsorglichkeit und Nachhaltigkeit, von Weitsicht und globalem Denken.
„Alle Bäume sollen erkennen, dass ich der Herr bin: Ich erniedrige den hohen Baum und erhöhe den niedrigen; ich lasse den grünen Baum verdorren und den dürren Baum lasse ich grünen. Ich, der Herr, rede es und tue es auch.“
So steht es bei dem Propheten Hesekiel. Nicht bleibt wie es war. Aber auch: Es wird nicht alles verdorren – sondern es wird dort grün werden, wo keiner mehr mit rechnet.

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  Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben...

Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.07.2020

Gestern ist Hans-Jochen Vogel gestorben. Er war wohl das, was man einen „fleißigen Arbeiter im Weinberg des Herrn nennt“ – sein ganzes Leben lang hat er sich in den Dienst nehmen lassen, von der SPD, von München und Berlin, von Deutschland.
Er hat als Oberbürgermeister die Olympiade nach München geholt und begleitete nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft deren Särge nach Hause. Er war Bundesjustizminister als die RAF Hanns-Martin-Schleyer entführte und die Debatte um die Todesstrafe neu aufbrach. Er war Bürgermeister im geteilten Berlin und ein ewiger Wahlverlierer. Er setzte sich für ein Ehescheidungsrecht ein, dass nicht mehr zuerst die Schuldfrage stellt, kämpfte für eine Novellierung des Paragraphen 218 und warb um Verständnis für die jugendlichen Hausbesetzer in Berlin.
Der katholische Jurist war gründlich aber nicht verbohrt, wissensdurstig und pedantisch und er arbeitete, so Heribert Prantl, mit „bürokratischer Genialität“. Dass es sowas gibt…
94 Jahre alt ist er geworden. Über seinem Sterbetag heißt es im Matthäusevangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ das hätte ihn vielleicht gefreut.
Hans- Jochen Vogel, so kann man heute in der SZ lesen, glaubte nicht an eine göttliche Strafkammer mit Hölle und Fegefeuer nach dem Tode. Vielmehr sagte er, dass „man im Jenseits, wenn man die enge Pforte durchschritten hat, noch einmal in ein sehr ernstes Gespräch gezogen wird.“
Ob er es schon geführt hat?
Hier für uns kommt dabei mal wieder etwas Merkwürdiges zusammen, denn wir hatten gestern einen üblen Druckfehler im Gottesdienstprogramm. Im Liedtext zum Glaubensbekenntnis stand: „der niederfuhr und auferstand / erhöht zu Gottes rechter Hand / und kommt am Tag vorherbestimmt / da alle Welt ihr Unheil nimmt…“ Ich habe mich darüber gründlich erschrocken. Was für eine Verschiebung! Denn eigentlich heißt es ja: „da alle Welt ihr Urteil nimmt.“ Ich glaube nicht, dass am Ende über alle Welt Unheil kommt – denn immer dort, wo Gottes Reich unter uns aufscheint, erzählt es eine andere Sprache. Ich vertraue darauf, dass Gott uns gnädig ansehen wird. Aber der Schreck mahnt, nicht leichtfertig zu sein, nicht zu vergessen, dass wir das unsere dazu tun müssen, damit diese Welt nicht im Unheil endet.
Hans-Jochen Vogel wäre so ein Druckfehler wahrscheinlichen nicht passiert. Möge er das was ihm geschehen ist und was er hat passieren lassen in Frieden aus der Hand gegeben haben und heimgekommen sein in Gottes Herrlichkeit.

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  Die menschliche Dummheit

Die menschliche Dummheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.07.2020

Ich weiß, dass man es eigentlich nicht soll. Ich weiß, dass es arrogant und überheblich ist und ich weiß noch mehr, dass sich dadurch nichts ändert – und trotzdem: Ich kann mich mitunter unglaublich über die Blödheit anderer Leute aufregen. Albert Einstein soll gesagt haben: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.
Nun ist es mit diesen Begrifflichkeiten Weisheit und Dummheit so eine Sache. Was aus meiner Perspektive ganz furchtbar dämlich erscheint, mag für einen anderen höchst clever wirken. Wenn führende Politiker mancher Länder nachhaltig versuchen, Corona zu ignorieren oder zumindest klein zu reden, dann mag das dumm und töricht wirken. Wenn man das politische Kalkül im Hintergrund in die Bewertung mit einbezieht, bleibt es zwar verantwortungslos, taktisch nachvollziehbar wird es aber schon.
Nichtsdestotrotz möchte man bisweilen einfach nur noch, dass es aufhört, dass endlich mal einer dazwischenhaut und dem ganzen Irrsinn auf dieser Welt ein Ende setzt. Idealerweise könnte das ja Gott übernehmen. So dachte wohl auch der Prophet Jesaja, als er den Satz schrieb, der über dem heutigen Tag steht: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“
Fänden Sie es nicht auch großartig, wenn es tatsächlich mal passierte, wenn Gott vom Himmel herabkäme und würde hier mal so richtig aufräumen bei all denen, die auf dieser Welt permanent den Betriebsfrieden stören? Klingt beim ersten Hören sicher ganz attraktiv, aber können wir uns sicher sein, dass wir in der Meinung unserer Mitmenschen nicht auch zu diesen Störenfrieden gehören – vielleicht nicht immer aber immer mal wieder?
Ich bin dankbar dafür, dass Gott mir meine Freiheit gegeben hat. Ich habe von Gott einen freien Willen, mit dem ich in meinem Leben und sogar ein bisschen in dieser Welt mitgestalten kann. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum, so heißt es im 31. Psalm. Würde Gott direkt eingreifen, hätte es sich erledigt mit unserer Freiheit. Und das möchte ich ganz sicher nicht. Denn dann würden wir unser Leben nur noch abwarten, statt es tatsächlich zu leben.
Der Preis dafür ist, dass wir eben auch Zeitgenossen aushalten müssen, die ihre Freiheit, die Gott eben auch ihnen geschenkt hat, für Dinge einsetzen, die uns gegen Strich und auf die Nerven gehen. Aber wir müssen ja zum Glück nicht allen einfach so hinnehmen, sondern wir können uns zu Wort melden und sagen, was aus unserer Sicht nicht in Ordnung ist. Und ich bin mir sicher, dass Gott das sogar bei manchen Dingen von uns erwartet. Amen.

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  Streit und Kompromisse

Streit und Kompromisse

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.07.2020

Nun hat es am Montag doch noch eine Einigung auf dem Europa-Gipfel in Brüssel gegeben. Selbst mir als Banker fällt es schwer, für die Beträge, um die es dort ging, ein Gespür zu entwickeln. Die Zahlen sind mir einfach zu groß. In jedem Fall wird es eine große Herausforderung sein, die Kredite und Zuschüsse über die Jahre wieder einzuspielen; hierbei kann man sicherlich in Jahrzehnten rechnen.
Gut gefallen hat mir der ursprüngliche Ansatz, dass nur die Staaten europäische Unterstützung erhalten sollten, die rechtsstaatliche Grundsätze beachten. Das allerdings stieß insbesondere bei den osteuropäischen Ländern und zuvorderst bei Ungarn auf Ablehnung. Man drohte damit, die Verhandlungen durch ein Veto scheitern zu lassen. Das hat mich schon ein wenig wütend gemacht, dass diejenigen, die sich nicht an europäische Spielregeln halten wollen, eben diese Spielregeln dazu verwenden, alle anderen mit Drohungen zu erpressen.
Dass so etwas möglich ist, muss man wohl in Kauf nehmen, wenn in einem demokratischen System keiner, auch nicht der Kleinste, unter die Räder geraten darf und soll. Ob das so in Ordnung ist oder nicht, kann man sicherlich kontrovers diskutieren. Schlussendlich gab es nun aber doch einen Kompromiss – zähneknirschend, wobei das Knirschen der Zähne diesmal sehr deutlich vernehmbar war.
Wenn Menschen miteinander unterwegs sind, kommt es immer wieder dazu, dass unterschiedliche Meinungen, Standpunkte und Lebensweisen aufeinandertreffen und solche Gemengelagen bergen das Potenzial für Konflikte. Das ist zunächst einmal gar nichts schlimmes, denn fair ausgetragene Konflikte können eine Gemeinschaft auch weiterbringen, denn sie beinhalten die Chance, sich aus unterschiedlichen Ideen die beste herauszusuchen und dann gemeinsam umzusetzen.
Auch die Bibel ist voll von Geschichten, in denen es um menschliche Reibereien geht. So hat beispielsweise der Apostel Paulus alle Hände voll zu tun, dafür zu sorgen, dass sich die jungen christlichen Gemeinden nicht gleich wieder auflösen, weil sich die Menschen in ihnen heillos zerstritten haben. „Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet; und lasst keine Spaltungen unter euch sein. Denn mir ist bekannt geworden, dass Streit unter euch ist.“ So schreibt er zum Beispiel an die Gemeinde in Korinth.
Die christlichen Gemeinden haben es geschafft, 2000 Jahre durchzuhalten. Gestritten wird aber heute noch immer – und das ist auch gut so, solange es dabei sachlich und wertschätzend zugeht. Es bleibt zu hoffen und dafür zu beten, dass wir das in Europa auch hinkriegen. Amen.

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  kleine und große Zahlen

kleine und große Zahlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.07.2020

Ich weiß nicht, welche Rituale es an einem Gipfeltag in Brüssel geben mag, schon gar nicht wie sich die verschiedenen Regierungschefs innerlich zurüsten, wenn sie einen derartigen Verhandlungsmarathon mit so weitreichenden Entscheidungen vor sich haben. Aber gestern dachte ich, dass es vielleicht gut wäre, wenn auf ihren Startbildschirmen und auf schönem Papier zwischen ihren Beratungsunterlagen der achte Psalm auftauchen würde:
„Gott, Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? … Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan…“
Worte, zur seelischen Erholung, weil sie klingen und Bilder von weitem Land hervorrufen. Worte als Entscheidungshilfe, um das Ganze, den großen Zusammenhang allen Lebens nicht zu vergessen. Worte zur Entlastung – denn was ist der Mensch - und zur Erinnerung an alle die, die in Brüssel nicht zu sehen sind:
die junge tätowierte Frau, die in einem kleinen Büdchen an der Ostsee Bratwürste und Fischbrötchen macht und so froh über diesen Job ist, dass das ansteckt…
die Familie, die wegen kaltem Wind nicht baden kann und sich schon den teuren Strandkorb geleistet hat, 60 € die Woche. Jetzt gibt es noch eine Piratenfahne für die Sandburg, 2,50€…
die Frau im Schuhladen ein Stückchen landeinwärts – wer weiß, ob sie den Mietrückstand auffangen kann.
Sie alle müssen sich hinsetzen, wenn sie von Milliardenbeträgen hören und die Nullen schreiben, um eine Ahnung der Zahlen zu kriegen, die da in Brüssel verhandelt werden. Es ist Geld, von dem sie sich nicht vorstellen können, wie man es verdienen will.
Und dann ist da noch die junge Frau, die sorglos und unbekümmert erzählt, dass ihre Eltern ihr grade zwei Häuser überschrieben haben, wegen der Erbschaftssteuer…
„Was ist der Mensch und des Menschen Kind…?“
Ein historischer Gipfel war das in Brüssel, steht in der Zeitung, die die einen Kinde noch nicht lesen können und die anderen nicht lesen werden. Ich mache mir Sorgen, ob die junge Frau im Büdchen ihren Mut behält und ob die kleinen Sandburgbauer wenn sie groß sind, sicher wohnen werden. Wer weiß, ob dann noch Muscheln am Meer liegen und ob hier überhaupt noch jemand baden gehen kann…
Auch ich muss mir den achten Psalm vorlesen: zur Erholung und Erinnerung, als Orientierungshilfe und Entlastung, als Gebet:
„HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / hast du eine Macht zugerichtet …
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast …HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“



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  Guter Gott?

Guter Gott?

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.07.2020

Am vergangenen Sonntag sprach mich ein Gottesdienstbesucher an und sagte mir, dass er seine Schwierigkeiten damit habe, die Anrede „Guter Gott“ mitzubeten. Wir hatten an diesem Tag leider nur wenig Zeit und so blieb es zunächst einmal bei ein paar Sätzen hin und her. Nichtsdestotrotz hat mich die Rückmeldung weiter beschäftigt und mir ist danach aufgefallen, dass ich Fürbitten oder auch Hinführungen zum Kyrie und sonstige Gebete sehr regelmäßig so beginne: „Guter Gott“.
Kann man das so sagen, ist Gott gut? Ich denke, dass diese Frage so alt ist wie die Geschichte von Gott und uns Menschen. Zunächst einmal wäre ja zu klären, was wir überhaupt unter „gut“ verstehen. Es gibt keine allseits anerkannte Definition dafür. Manchmal kann man sich einer Bedeutung über Unterscheidungen und Gegensätze nähern. Doch wie ist etwas, das nicht gut ist? Ist es dann schlecht oder ist es böse?
Schlecht oder böse ist Gott ganz sicher nicht, doch bei all dem, was auf dieser Welt, was in jedem einzelnen Leben passiert und eben nicht gut ist, kann dann Gott, der über allem steht, der Ursprung und Ziel von allem und allen ist, kann er dann einfach gut sein?
Wie ich mich mit diesen Fragen auseinandersetze, stelle ich fest, dass ich in eine Falle getappt bin, in der schon viele andere vor mir gelandet sind. Zweierlei wird mir klar: Zum einen versuche ich gerade das, von dem ich selbst schon oft genug gesagt habe, dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt ist: Ich versuche Gott mit menschlichen Maßstäben zu beschreiben, zu erklären, zu kategorisieren. Und ich tue dies, obwohl ich weiß, dass es nicht geht. Und zum anderen maße ich mir an, ihn beurteilen zu können und mir in meinem Urteil so sicher zu sein, dass ich ihn sogar damit anspreche: „Guter Gott!“ Ich verstehe, dass ich ihn durch dieses Adjektiv „gut“ viel zu klein denke. Gott ist nicht einfach nur gut. Das wird ihm auch nicht ansatzweise gerecht. Gott ist kategorial anders; sein Friede ist und bleibt höher als alle menschliche Vernunft und höher als meine allemal!
Nichts, was wir Menschen sagen, schreiben oder denken, kann Gott gerecht werden. Wir können versuchen, uns ihm anzunähern, mehr aber eben auch nicht. Wir bleiben im Stückwerk und werden Gott erst erkennen, wenn dieses Stückwerk aufhört und durch die Vollkommenheit abgelöst wird, so drückt es Paulus aus.
Ich bin sehr dankbar für die Rückmeldung unseres Gemeindegliedes. Und ich werde ganz sicher nun noch etwas bewusster formulieren, wenn ich ihn anspreche – unseren Gott. Amen.

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  Gemeinsam feiern

Gemeinsam feiern

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.07.2020

In Vorbereitung auf die Worte zum Alltag schaue ich immer mal ganz gern im Internet, ob es irgendwelche besonderen Gedenk-, Feier- oder Aktionstage gibt, über die man eine Kurzpredigt halten könnte. Vieles ist da zu finden: vom skurrilen „Tag der Hängematte“ über alle möglichen nationalen und internationalen Feiertage bis hin zu den Geburts- und Sterbetagen berühmter und auch eher unbekannter Menschen.
Manchmal fällt mir dabei auf, wie relativ doch mein Zeitempfinden ist. Bei einigen Ereignissen stelle ich fest, dass sie mir noch sehr präsent sind und doch schon 30 Jahre zurückliegen, zum Beispiel die Feiern rund um die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, andere wiederum sind gerade mal ein paar Monate her und ich habe den Eindruck, dass seitdem schon Ewigkeiten vergangen sind, mein letzter Urlaub fällt mir da ein. Das hängt ganz einfach davon ab, welche Bedeutung ein Ereignis für das eigene Leben hatte, wie dicht man dabei war und wie nachhaltig es möglicherweise das eigene Leben verändert hat. Insofern ist dieses Empfinden sehr individuell.
Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Mir ist aufgefallen, dass Gedenk- und Feiertage immer nur eine bestimmte Gruppe von Menschen betreffen. Das können die Bewohner eines bestimmten Landes sein, Anhänger einer Religion, Frauen oder Männer oder Kinder oder, oder, oder. Nicht gefunden habe ich bisher einen weltweiten Feiertag für uneingeschränkt alle Menschen. An einem solchen globalen Feiertag könnten wir zum Beispiel unsere Freude und Dankbarkeit für diese Welt und für unser Leben zum Ausdruck bringen.
Ja, natürlich gibt es sowas in unterschiedlichen Ausprägungen – ich denke an den ökumenischen Schöpfungstag, an Erntedank, an den eigenen Geburtstag oder was wir sonst so regelmäßig feiern. Aber es sind irgendwie niemals alle Menschen auf der ganzen Welt mit einbezogen. Sicherlich würde ein solcher Tag je nach Land, Kontinent, Kultur und Religiosität ganz unterschiedlich ausfallen, aber das machte es ja gerade interessant und spannend, wie ich finde.
Ein solches weltweites Fest wäre genauso bunt und vielfältig, wie diese Erde und wir Menschen bunt und vielfältig sind. Und es könnte dazu beitragen, das Gefühl einer weltumspannenden Verbundenheit zwischen uns Menschen herzustellen, aus dem heraus sich die Einsicht verstärken könnte, dass die großen Probleme unserer Zeit in nationalen Alleingängen kaum zu lösen sind, sondern dass man sie gemeinsam angehen muss.
Zugegeben, das ist eine etwas verrückte Idee aber so ein bisschen verrückt darf man ruhig mal sein – auch und vielleicht auch gerade in der Kirche. Und gemeinsam zu feiern ist auf jeden Fall ganz dicht am Evangelium. Oder wie Paulus es sagt: „Freut euch im Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch!“ Und das doch dann gerne mit vielen. Amen.

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  verknotete Seelen

verknotete Seelen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2020

Eine Folge unserer sozialen Distanzierung ist die Veränderung der Begrüßungsformen. Kein Handschlag mehr, keine Umarmung, keine Küsschen.
Fangen wir bei Letzteren an: zu meiner großen Verwunderung sind auch diejenigen, die ich bisher für absolute Profis beim rechts und links Küssen gehalten habe, erleichtert, diese ewige Verunsicherung mit allen ungewollten Kollisionen hinter sich zu haben. Mal stößt man zusammen, mal trifft man, wo man nicht will, ganz zu schweigen davon, dass man noch vom Radfahren verschwitzt war oder dann nach fremden Parfum riecht…
Darauf verzichte ich, das wird keinen überraschen, gern.
Bei den Umarmungen ist es schon schwieriger. Auch da weiß man manchmal nicht, soll ich oder soll ich nicht? Waren wir das letzte Mal schon beim Du und der Umarmung oder war das nur ein emotionaler Ausrutscher nach einem intensiven Tag? Dass das jetzt nicht mehr dran ist, vermindert die Gefahr, durch einen Rückfall ins ausschließliche Händeschütteln irgendwen zu verletzen. Manchmal passierte da ja ganz ungewollt soziale Distanzierung.
Aber dann gibt es die, die ich umarmen will. Herzlich, innig, endlich. Das fehlt mir. Gerade jetzt, denn ich sehe, wie diese Zeit an dem einen oder der anderen zehrt. Was sollen da große Worte, lieber will man sich endlich einmal wieder in den Arm nehmen, festhalten, physisch spüren – ich bin da, du auch.
Und zuletzt das Händeschütteln. Da bin ich ganz deutsch. meine Form. Da kann man nichts falsch machen. Herzlich, kräftig, einander vergewissernd, nicht zu cool und nicht zu steif, Du oder Sie… und dabei doch punktgenau. Ein Moment,
der genau diesem Menschen gilt.
Das hätte ich gern wieder…
In der Bibel, ich habe mit Corona begonnen, sie von vorn abzuschreiben und noch lange damit zu tun, staune ich manchmal, wie körperlich erzählt wird: Menschen glühen innerlich und weinen aneinander. Merken werde ich mir, dass Jakobs Söhne von ihrem Vater und ihrem jüngsten Bruder Benjamin sagen: „ihre Seelen seien miteinander verknotet.“ Ohne jede physische Berührung ist da eine Verbindung beschrieben, die nicht nur von Unzertrennlichkeit erzählt, sondern auch von Angewiesenheit und Teilnahme. „Ein Herz und eine Seele“, ein Küsschen – das ist gut aber gilt wohl nur für lichte Tage. Dagegen ist eine Seele, die sich verknotet hat mit einer anderen, auch verschlungene unübersichtliche und verworrene Wege mitgegangen, hat nicht losgelassen, ist dichter und fester zusammengewachsen und weiß zu manchem Knoten noch, wann er sich festgezogen hat.
Ein gutes Bild. Vielleicht eins, dass auch von Gottes Beziehung zu uns erzählt. Und jedenfalls eins, dass von einer Nähe weiß, die kein Mindestabstand dieser Welt beeindrucken kann.


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  Nicht widersprechen

Nicht widersprechen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.07.2020

In Bristol, im Südwesten Englands, wurde 1636 Edward Colston als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Wie sein Vater wurde er Händler und stieg ab 1680 als Eigner von vierzig Schiffen in den überaus lukrativen Sklavenhandel ein. Colston war Mitglied der Royal African Company, die das Monopol für den Handel mit Gold, Silber, Elfenbein und Sklaven an der Westküste Afrikas innehatte.
Eine Bronzefigur in seiner Heimatstadt erinnerte seit über hundert Jahren an den Mann, der als Förderer von Schulen, Kirchen, Kranken- und Armenhäusern galt. Umstritten war das Denkmal offenbar immer. Am 7. Juni 2020 wurde die Figur von Demonstranten ins Hafenbecken gestürzt, denn es zeigt auch einen Mann, der an der Versklavung von mehr als 84.000 Menschen, darunter 12.000 Kinder beteiligt war, auf dessen Schiffen 19.000 Menschen, so schätzt man, starben.
Auf den verwaisten Sockel stellte der britische Künstler Marc Quinn innerhalb weniger Tage eine neue Figur: sie zeigt Jen Reid, die mit hoch gereckter Faust an den gewaltsamen Tod von Georg Floyd erinnert. Am 7. Juni war sie auf den leeren Sockel geklettert und so zum Symbol geworden. Es war ein wichtiger Tag in ihrem Leben, wohl nicht zuletzt deshalb, weil eine immer wieder verdrängte Frage endlich einen Ausdruck gefunden hat.
Jen Reid hat als farbiges Kind und später als Erwachsene schmerzhaft erlitten, wie dieses alte schwere Unrecht noch immer das Leben zahlloser Menschen beschwert und gefährdet.
Auch in unserem Land haben Menschen mit afrikanischen oder asiatischen Wurzeln, persischen oder polnischen Namen einmal mehr ihre Geschichten erzählt und beim Namen genannt, was wir nicht hören wollen: es lebt sich nicht gut unter uns, wenn man ein bisschen anders aussieht oder der Name anders klingt auch wenn man hier geboren und aufgewachsen ist, Steuern zahlt und einen deutschen Pass hat.
„Ein sprichwort aus südafrika sagt / man kann weinenden nicht die tränen abwischen / ohne sich die hände nass zu machen…“
Desmond Tutu, südafrikanischer Bischof, jahrzehntelanger Kämpfer gegen die Apartheid und Friedensnobelpreisträger sagt es zu Menschen wie Jen Reid so: „Sei nett zu den Weißen sie brauchen dich, um ihre Menschlichkeit wieder zu entdecken.“
Man möchte einen bitteren Geschmack hinunterschlucken.
Aber nicht widersprechen.

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  Hoffnung

Hoffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.07.2020

Über diesem Tag heißt es aus den Sprüchen des weisen Predigers Salomo:
„In eines Mannes Herzen“ ich ergänze getrost: in eines Menschen Herzen „sind viele Pläne; aber zustande kommt der Ratschluss des Herrn.“
Wer das nicht wahrhaben wollte, der hat es 2020 gründlich lernen können.
Heute ist wieder einer der Tage, an denen einem das besonders gründlich bewusst wird: Heute ist Ferienanfang und eigentlich würde der Sonderzug des Konfimandenferienseminars heute Abend ab Hauptbahnhof, Gleis 7 nach Südtirol fahren und am Wochenende hätte hier der Bus für die Jugendkantorei Richtung Norden vor der Tür gestanden… Gute Pläne. Manche Mädchen und Jungen hätten sich elterlicher Enttäuschung über Zeugnisse flink entziehen können, andere nach Wochen voller Klausuren und Referate endlich durchgeatmet und auf Spaß umgeschaltet. Jedenfalls hätte es aufgeregtes Durcheinander gegeben, für manche wäre es die erste Auslandsreise geworden… ganz zu schweigen von heimlichen Träumen auf erste Küsse.
Nun ist es anders gekommen.
Die Gefahr, sich groß Ärger wegen der Zeugnisse einzuhandeln ist halbwegs gebannt. „Corona hat meinen süßen Hintern gerettet“, sagte neulich eine 15-Jährige aber ansonsten stehen die Sterne in vielen Familien eher für Ratlosigkeit und Sorge als für Romantik…
Wer weiß, wie es weitergehen wird im Herbst.
Wer weiß, wie weit unsere vorsichtigen Pläne dann noch zur Realität passen.
Wer weiß, ob im September …
Eines ist in all dem gewiss: Zustande kommt der unerforschliche „Ratschluss des Herrn“. Dem kann man sich ohnmächtig ausliefern. Aber auf den kann man vor allem hoffen. Hoffnung ist ein wichtiges Lebenselixier, manchmal trägt sie uns wider alle Vernunft durch. Manchmal hoffen wir so unrealistisch, dass Wunder nötig sind, manchmal so kleinmütig als gäbe es kein Morgen. Hoffnung hilft, den nächsten Schritt zu tun auch wenn man ahnt, dass die eigenen Möglichkeiten am Ende sind. Hoffnung beflügelt.
Ein Unbekannter schrieb: „Hoffnung ist für das Leben wie Sauerstoff für die Lunge. Wer keine Hoffnung hat, erstickt in der Gegenwart.“
Wieder mal ein Luft-Leben-Lungen-Bild, das man in diesem Jahr so besonders deutlich hört. Wir haben Grund zu hoffen und dann wird es – auch wenn unsere Pläne durcheinander geraten - sein, wie Jeremia schreibt:
„Wessen Hoffnung auf Gott gründet, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt … wenn auch die Hitze kommt, seine Blätter bleiben grün.“



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  Danke, Gott!

Danke, Gott!

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.07.2020

Der Evangelist Lukas berichtet von einer Begebenheit, bei der Jesus zehn Aussätzige heilt. Er trifft sie auf seinem Weg nach Jerusalem. Menschen, die Aussatz hatten, hatten nicht nur mit der Krankheit zu kämpfen. Meist wurden sie aus ihrer Dorfgemeinschaft ausgeschlossen und mussten zusehen, wie sie sich auf eigene Faust durchschlagen konnten. Der Grund war zum einen die Angst vor Ansteckung, zum anderen aber auch die Überzeugung der Gesunden, dass sich die Aussätzigen ihre Krankheit durch irgendein schlimmes Fehlverhalten selbst zuzuschreiben hätten – der Aussatz also eine göttliche Strafe wäre. Mit solchen Leuten wollte man auf gar keinen Fall etwas zu tun haben und so vertrieb man sie.
Als Jesus diese zehn kranken Männer trifft, flehen sie ihn um Hilfe an. Und Jesus hilft. Er schickt sie zu einem Priester. Die waren damals dafür zuständig, zu bestätigen, dass jemand vom Aussatz geheilt war. Und tatsächlich: Als sie im Tempel ankommen und sich dem Priester vorstellen, sind sie wieder gesund.
Einer unter den zehn war ein Samariter. Er gehörte also nicht zur Gemeinschaft der Jerusalemer Juden, sondern war ein nicht gerngesehener Fremder. Dieser eine – und eben nur dieser eine – kommt nach seiner Heilung zurück zu Jesus und bedankt sich. Jesus ist sehr verwundert, dass er der einzige ist, der das tut, und er fragt: „Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“
Wie bewerten Sie das Verhalten der neun anderen, die nicht zurückgekommen sind? Waren sie undankbar oder konnten sie Jesu Hilfe als Selbstverständlichkeit annehmen, weil man sich eben hilft, wenn man zum selben Volk, zur selben Gesellschaft, zur selben Gemeinde gehört? Wir wissen nicht, wie lange diese Männer bereits unterwegs waren, wie lange sie schon nicht mehr in ihre Dörfer zurückdurften, wie lange sie ihre Freunde und ihre Familien nicht gesehen hatten. Vielleicht war das erst einmal wichtiger als ein „Danke!“.
Wie ist das mit unserer eigenen Dankbarkeit? Wenn wir Hilfe von unseren Mitmenschen erhalten, dann bedanken wir uns in aller Regel schon dafür. Aber wie ist es mit der Hilfe, die von Gott kommt? Sind wir dafür überhaupt aufmerksam genug, um sie zu registrieren? Ich bin mir für meine Person ziemlich sicher, dass ich so manche göttliche Hilfe erhalten und hingenommen habe, ohne dass es mir großartig aufgefallen wäre und ohne dass mir danach die großen Dankesworte eingefallen sind.
Manchmal ist Gottes Hilfe als solche tatsächlich schwer zu erkennen, weil sie sich eben in den Handlungen anderer Menschen ausdrückt. Damit ist aber keinesfalls ausgeschlossen, dass der Initiator für diese Hilfsaktionen Gott ist, der uns eben diese helfenden Menschen zur Seite stellt.
Jesus hat sich über den Dank des einen sehr gefreut. Vielleicht gelingt es uns ja, Gott des Öfteren mal „Danke!“ zu sagen – auch und gerade für die kleinen und großen Selbstverständlichkeiten. Amen.

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  Unser Gott, ein Verlierer?

Unser Gott, ein Verlierer?

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.07.2020

Heutzutage darf man sich keine Schwäche mehr erlauben. Das wird sofort von anderen ausgenutzt. Ist das auch Ihre Meinung? In vielen Bereichen ist unser Zusammenleben in der Tat ruppiger geworden. Denken Sie an die Arbeitswelt: der Anteil der Arbeitnehmer, die ohne einen schützenden Tarifvertrag arbeiten müssen, hat deutlich zugenommen – sogenannte Werkverträge und Scheinselbständigkeiten machen es möglich. Und wer dann die geforderte Leistung nicht mehr erbringen kann, ist ganz schnell weg vom Fenster.
Doch auch größer gedacht, stellt man schnell fest, dass Schwäche existenziell gefährlich sein kann. Denken wir an die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, an die Kinder, die Frauen und die Männer in den syrischen Kriegsgebieten, zu denen keine Hilfsgüter mehr gebracht werden können, weil man Grenzübergänge geschlossen hat. Sie alle haben keine wirtschaftliche Macht, keine Lobby, keine Kraft, sich aus ihrer Schwachheit zu befreien.
Gestern wurde in unseren Kirchen ein Auszug aus einem Brief gelesen, den der Apostel Paulus an die Christinnen und Christen in Korinth geschrieben hat. Darin heißt es unter anderem: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten.“ Ja sicher, werden Sie nun vielleicht denken, wen denn sonst?
Aber ich denke, dass man sich diesen Satz mal auf der Zunge zergehen lassen sollte. Wer ist das denn, dieser Gekreuzigte? Nun, es ist einer, der auf den ersten Blick gescheitert ist. Er war der große Hoffnungsträger seiner Zeitgenossen, derjenige, der sie befreien sollte von den Römern, der machtvoll und nachhaltig aufräumen sollte mit aller Ungerechtigkeit und aller Willkür der Besatzer. Er sollte der Messias sein, auf den sie schon so lange gewartet hatten. Und dann endet er elendig, alleingelassen und verhöhnt am Kreuz – ein Sinnbild eines Verlierers.
Wenn sich nun unser Gott nicht scheut, sich in einer solchen Schwachheit zu zeigen, sich selbst hineinzugeben in das Elend und die Not, die daraus erwachsen, sollten wir uns dann nicht sicher sein dürfen, dass er größtes Verständnis auch für unsere Schwäche hat? Können wir dann nicht davon ausgehen, dass er auf der Seite der Schwachen steht? Unser Gott ist nicht ein Gott der Superhelden. Unser Gott ist ein Gott derer, die nicht perfekt sind, die auch mal scheitern, Zweifel haben, Unsicherheit verspüren. Und es ist ein Gott, der uns dazu ermuntert, einander zu helfen, weil er aus eigenen Erfahrung weiß, wie es ist, hilfsbedürftig, ja hilflos zu sein.
Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten. Wir predigen einen Gott, der uns Menschen nahe sein will – auch und gerade dann, wenn wir mit unserem Lebens-Latein am Ende sind. Großartig, dass wir ihn an unserer Seite haben. Amen.

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  Kartenhaus

Kartenhaus

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.07.2020

Irgendwo zwischen Beschäftigung gegen Langeweile und Kunststückchen rangiert das Kartenhaus. Je nachdem, wie geübt man darin ist und wie klebrig die Karten vom Kneipentisch oder der langen Benutzung sind, schafft man drei, vier oder in sensationellen Glücksmomenten fünf Stockwerke. Dann passiert, was unweigerlich kommen muss: die nächste Karte ist zu schwer, unten verrutscht was oder jemand macht das Fenster auf, stößt an den Tisch und die ganze Sache fällt zusammen.
Kartenhäuser sind faszinierend und großartig, verschaffen einem Augenblicke von Stolz und Könnerschaft, aber sie sind eben auch der Inbegriff von Instabilität. Der Zusammenbruch liegt in ihrer Natur.
Dieser Tage begegnet mir das Bild öfter.
Ein Freund abends am Küchentisch, müde, erschöpft. Mit ungeheurer Energie und Verlässlichkeit, mit sehr viel Liebe, hat er sein Kartenhaus lange vor dem Einsturz bewahren können. Er und seine Frau haben anstrengende und herausfordernde Jobs, für die sie brennen und ein Kind, das mehr Zuwendung und Fürsorge, Geduld braucht als andere. Dazu kam Corona mit allen Sorgen… Jetzt noch ein Unfall. Das Kartenhaus kann keine Erschütterung mehr vertragen.
Daneben eine Frau, alleinerziehend, freischaffend. Notbetreuung? Wenn beide Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Rücklagen Fehlanzeige. Perspektive heikel – wer weiß, wann es in ihrem Arbeitsfeld wieder gute Aufträge geben wird. Die Nerven liegen blank, wochenlang hat sie nachts gearbeitet und tagsüber ihr Kind versorgt. Jetzt kann sie nicht mehr…
Das Leben, ein Kartenhaus?
Und eine Großmutter, die einen scharfen Blick hat und Kartenhäuser schon von weitem erkennt, oft noch ehe die, die daran bauen, die Einsturzgefahr ahnen. Sie spricht nicht gern aber die Sorgen drücken aufs Herz und so rät ihr ein kluger Arzt, sich vor dem Einschlafen herzusagen: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für mich.“
Was ich davon halte, fragt sie mich.
Ich staune über diesen Satz. Er klingt anders als das „all eure Sorge werft auf ihn“. Man muss nicht mal mehr das. Nicht mal mehr die Sorge werfen. Es ist ein Satz für die, die auch das nicht mehr schaffen. Und ich erinnere mich an die Jahreslosung. Ein Vater bittet für sein krankes Kind. Er sieht nur noch das sein Lebensgebäude ein wackliges Kartenhaus ist und ruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Ja, ich glaube: „Gott findet immer zu jedem Zeitpunkt den richtigen Weg für unseren Freund, die alleinerziehende Frau, die Großmutter, für uns alle...“
Hilf meinem Unglauben.


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  Wundersam

Wundersam

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.07.2020

In der Tageslosung hieß es gestern aus dem Propheten Jesaja: „Ich will auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe.“
Diesen Vers habe ich mit Bewusstsein noch nie gehört. Es lohnt, sich diese merkwürdigen Worte auf der Zunge zergehen zu lassen.
Propheten sprechen zukunftsorientiert, sie sagen an, was kommt.
Sie sprechen, was Gott ihnen in den Mund legt.
Hier spricht Jesaja diesen Aspekt ausdrücklich mit: „ich will auch hinfort…“, in Zukunft, immer weiter und wie schon immer „… mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste …“
Wunderlich werden manche alten Menschen.
Wunderlich sind Narren und Kinder.
Wunderlich sind Liebende.
Wunderlich, merkwürdig und komisch – nicht ganz bei Verstand.
Damit soll Gottes Tun beschrieben werden? Wer würde das wagen? Aber offenbar sagt Gott das selbst und nachdrücklich:
Ja, wunderlich will ich handeln, sehr wunderlich und auch sehr seltsam…
Er braucht nicht hinzufügen, dass einem beim Hören solcher Worte alle Weisheit vergeht.
denn ja, es ist seltsam, dass Gott uns seine Erde anvertraut, obwohl er uns doch so gut kennt. Es ist wunderlich, dass er uns gewähren lässt, auch dann noch, wenn wir nicht zuende denken, was wir tun und das Maß verlieren, wenn wir unsere Mitmenschen schlecht behandeln.
Es ist höchst seltsam, dass er dabei zusieht, wie wir unsere Kreativität und Intelligenz missbrauchen, um Waffen zu entwickeln, Steuerschlupflöcher zu finden oder andere mit schlechten und minderwertigen Dingen zu betrügen.
Es ist wunderlich und seltsam, dass er uns immerfort eine neue Chance gibt und immer wieder einen neuen Tag werden lässt, dass er uns immerfort erfreut mit Sonne und Wind, Blumen und Früchten, dass er uns immer noch eine Ressource entdecken lässt und eine Technologie erfinden…
Es ist nahezu unglaublich, dass er uns die Freiheit schenkt, zu kommen und zu gehen, ihm zu vertrauen oder an ihm zu verzweifeln und uns trotzdem nachgeht, uns trotzdem heimkommenlässt – immer und auch dann, wenn wir nichts begreifen und uns nicht geändert haben.
Es ist so seltsam, dass wir ihm mit Weisheit nicht beikommen können.
Es ist so ungeheuer gnädig, dass einer Weiser sich nicht zu denken wagen geschweige zu sagen wagen würde, dass Gott uns trotz allem liebt.


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  Durst

Durst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.07.2020

Das Theater gehört dieser Tage zu den besonders schwer gebeutelten Orten. Umso vielschichtiger sind die Versuche, Theater trotz allem erlebbar zu machen. Seit letzter Woche gibt es nun eine Sonderausgabe der Theaterformen mit einigen Installationen, live.
Gestern Abend habe ich „Thirst“, Durst, gesehen. Der lettische Künstler Voldemärs Johansons verbindet dabei seine Interessen an Klang, Visualisierung und Wissenschaft. Es geht um Sturm. Meeressturm. Genauer: einen jahrhundertsturm auf den Färöer-Inseln. Auf der ganzen Bühnenbildfläche im Großen Haus donnert dem direkt davor sitzenden mit Ohrstöpseln versehenen Betrachter das schwarze Meer entgegen. Wellen bersten, die Wucht des Sturms brummt im ganzen Körper…
Man wird eingesaugt und ausgespuckt.
Diese brüllende gewaltvolle Masse kommt einem mit solcher brachialen Energie entgegen, dass man sich wundert, dass Menschen sich je aufs Meer gewagt haben…
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ heißt es in Psalm 8.
Klein fühlt man sich, machtlos, verletzlich, gefährdet.
Daneben ein anderer Gedanke: das sind die Urwasser, die die Erde bedeckten, von denen auch die Bibel am Anfang erzählt. „Gottes Geist“ schwebte darüber. Das scheint undenkbar. Schweben ist viel zu sanft angesichts solcher Kraft. Oder ist des allmächtigen Gottes Schweben für spielend ausreichend, das Toben der Ozeane zu befrieden?
Wenn Gott so unvorstellbar groß ist, wieviel Kraft mag dann seiner Schöpfung innewohnen? Was passiert, wenn sie sich aufbäumt? Was bleibt möglich, wenn sie uns Zuflucht schenkt? Was für ein unfassbarer Auftrag ist es, sie zu hüten und zu bewahren – als könnten wir das, klein und armselig, wie wir sind…
Ehrfurcht. Demut. Gottesfurcht.
Und dazwischen der Titel: „Durst“. Wonach?
Was mensch in dieser Installation zu verschlingen droht, ist Salzwasser. Undenkbar, damit physischen Durst stillen zu wollen. Aber diese sintflutartigen Wasserberge spülen durch, reinigen das Angesicht der Erde, legen Sehnsucht frei:
In einem unserer neuen Lieder heißt es: „da wohnt ein Sehnen tief in uns … es ist ein Sehnen, ist ein Durst … nach Frieden und Freiheit, Beherztheit und beistand, nach Heilung und Ganzsein, nach Zukunft, nach dir, Gott.“
Nach vierzig Minuten hat man das seltsame Gefühl, der eigene Herzschlag stimmt ein in das Donnern des Meeres, vielleicht auch in den Rhythmus der Schöpfung, als atmet Gott in uns.


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  Übermut

Übermut

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.07.2020

Ich bin aus der Sommerrodelbahn geflogen. Zu schnell gewesen.
Man erntet Anerkennung von anderen Verrückten und nimmt zur Kenntnis, was man schon vor Jahrzehnten zu hören bekam: „Übermut tut selten gut.“
Übermut.
Eigentlich ein komisches Wort. Ist das mehr als Mut oder schon keiner mehr? Mut ohne die Fähigkeit, Folgen einzuschätzen? Die Worterklärung ist streng: „Selbstüberschätzung zum Nachteil Anderer“, „Leichtsinn“.
In der Tat, das war es.
Die Sache ist zwar glimpflich abgegangen – aber es hätte auch anders kommen und andere gefährden können. So gab es nur eine schmerzhafte Bremsspur auf Armen und Beinen.
Coronatattoos.
Sehr passend in diesem Sommer. Denn vielleicht sind wir ja auch aus der Bahn geflogen, weil wir von selbst kein vernünftiges Tempo mehr gefunden haben? Das war ja in den ersten Tagen der Stille in diesem Jahr ein sehr spürbarer Kontrast: statt immer weiter alles immer schneller und immer mehr, musste man sich auf einmal ganz genau überlegen, was wirklich nötig ist, auf Ablenkung verzichten, mit menschlichem Maß und menschlichen Grenzen klarkommen.
Viele empfanden das als wohltuend, lehrreich, nötig.
Dabei konnte keiner wissen, wie es gehen wird und so haben wir uns als Schicksalsgemeinschaft wahrgenommen, die wir - mit Verlaub - auch sonst sind. Übriggeblieben von all dem sind vor allem die Masken, die uns erinnern, dass wir diese Krise noch nicht hinter uns haben und eben nicht allzu übermütig werden sollten.
Auch die Bibel ist voller Übermutsgeschichten:
Das Alte Testament erzählt vom Turmbau zu Babel, dem maßlosen Projekt, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht. Es gibt keinen Grund außer der Lust, Grenzen zu durchbrechen. Einfach, weil man es kann….
Später ist da Petrus, der von sich glaubt, übers Wasser gehen zu können. Nicht weil er es kann, sondern weil er es will.
Erinnern wir uns: während eines Sturms, in dem die Jünger vor Angst fast von Sinnen sind, sehen sie Jesus übers Wasser kommen. Und dann sagt Petrus: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot …“
Es ist purer Übermut. Es geht auch fast schief.
Aber es ist nicht nur Übermut. Es ist auch eine Geschichte, die zeigt, was möglich ist, wenn Menschen auf Gott vertrauen.
Dann trägt das sie Wasser. Sonst braucht man es, um die Bremsspur zu kühlen.

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  Wenn Gott schweigt

Wenn Gott schweigt

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.07.2020

Ein Mann mittleren Alters, nennen wir ihn Paul, ist seit Jahrzehnten alkoholkrank. Es gab sehr lange Phasen der Abstinenz, insgesamt aber auch drei Rückfälle, den letzten vor ein paar Monaten. Freunden war es aufgefallen und sie haben ihn gleich ins Krankenhaus gebracht, wo ihm professionell geholfen wurde, den Weg zurück in die Abstinenz zu finden. Heute geht es ihm wieder gut.
Natürlich hatte der Rückfall einige größere und kleinere Scherbenhaufen hinterlassen, denn mit dem Trinken kamen die Lügen, der Versuch zu vertuschen, geheim zu halten, unter den Teppich zu kehren. Das hat Freunde verletzt und Vertrauen zerstört. Dieses Vertrauen galt und gilt es nun wiederaufzubauen – nicht immer eine ganz leichte Aufgabe; das geht nicht einfach so von jetzt auf gleich und manches lässt sich vielleicht auch gar nicht mehr reparieren.
Paul ist überzeugter Christ und in einem Gespräch sagte er: „Weißt Du, in der Zeit, in der ich getrunken habe, da hat mein Glaube geschwiegen und Gott war für mich nicht spürbar.“ Das klang gar nicht mal so sehr nach Vorwurf, so nach dem Motto: Na, da hätte der Herr ja wohl besser auf mich aufpassen können! Nein, es klang eher fast fragend, verwundert, überrascht. Es klang beinahe so, als hätte Paul seinen Rückfall nicht nur vor seinen Freunden verbergen können und wollen, sondern sogar vor Gott.
Es ist eine der ganz großen Fragen, die mit unserem Glauben zusammenhängen und der wir uns nicht entziehen können: Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Wo ist Gott, wenn wir ihn brauchen? Warum hilft er nicht ganz konkret, wo doch so klar ist, wie geholfen werden könnte? Einfache Antworten auf diese Fragen sind kaum zu finden, weil wir uns als Menschen immer in diesem Spannungsfeld zwischen der ganz persönlichen Freiheit und unserer Verantwortung befinden, weil diese Welt eben beides kennt: Gutes und Böses.
Wo ist Gott, wenn es uns schlecht geht? Die Antwort finden wir, wenn wir vertrauen. Selbst wenn Paul den Eindruck hatte, sein Glaube habe geschwiegen und Gott sei nicht da gewesen, so hat sich seine Situation doch wieder zum Guten gewendet. Da waren Menschen, die geholfen haben, da war neue Zuversicht und Hoffnung, das war ganz viel Vergebungsbereitschaft und da waren und sind Neuanfänge – große und kleine.
Paul kann heute sagen, dass er all das als Gottesgeschenke sehen kann und dass Gott ihn auch durch diese schweren Zeiten begleitet hat. Aber eben nicht so, wie erhofft, nicht so, wie erwartet, nicht so, wie erbeten, eben nicht so, wie es nach menschlichen Maßstäben doch so offensichtlich gewesen wäre. Gott ist oft ganz anders, als wir es erwarten. Aber er ist da für uns – verlässlich, liebevoll und manchmal eben auch ganz leise. Amen.

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  Ruhetage

Ruhetage

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.07.2020

Heute, auf den Tag genau vor 1699 Jahren, am 3. Juli des Jahres 321 nach Christus, trat ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin in Kraft, nachdem im gesamten römischen Reich der Sonntag zum allgemeinen Ruhetag erklärt wurde. Lediglich landwirtschaftliche Arbeiten blieben sonntags gestattet.
„Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ So lesen wir im ersten Buch Mose. Dieser siebente Tag ist allerdings der Samstag und nicht der Sonntag, da nach jüdischer und christlicher Tradition die Woche nicht am Montag beginnt, sondern eben schon am Sonntag. Nur nach dieser Zählung liegt der Mittwoch dann tatsächlich in der Mitte der Woche. Mit einem Wochenbeginn am Montag passt das irgendwie nicht.
Der gute Kaiser Konstantin hat also nicht den siebten Schöpfungstag im Hinterkopf, als er den Sonntag zum Ruhetag erklärte. Und wir Christinnen und Christen im Übrigen auch nicht. Wir feiern den Sonntag in ganz besonderer Weise, weil es der Tag Jesu Auferstehung ist. Somit ist jeder Sonntag ein kleines Osterfest. Dass es sich lohnt, das zu feiern, liegt auf der Hand, wie ich finde.
Die Bedeutung des Sonntages hat allerdings seit geraumer Zeit zu erodieren begonnen. Natürlich können nicht alle Menschen am Wochenende die Hände in den Schoß legen. Damit würde unser Gesellschaftssystem zusammenbrechen. Wir brauchen Menschen, die auch am Sonntag arbeiten und wir sind dankbar, dass es sie gibt – im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr, in der Gastronomie und nicht zuletzt auch bei uns in der Kirche.
Doch unabhängig davon gibt es immer wieder Tendenzen, die Sonntagsruhe infrage zu stellen und ihn mehr oder weniger zu einem Tag wie jeder andere zu machen. Die Diskussion um verkaufsoffene Sonntage wird in diesem Zusammenhang immer wieder geführt, so auch jetzt, wo seitens der Landesregierung vier zusätzliche Termine zur Ladenöffnung für dieses Jahr genehmigt wurden.
Es gibt nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung, denn insbesondere der Einzelhandel in unseren Städten hat unter der Coronakrise massiv gelitten und leidet noch immer. So ist die Ermöglichung von zusätzlichen Öffnungszeiten als einmalige Reaktion auf den Lock-down durchaus verständlich. Dennoch sollten wir achtgeben, dass sich hier durch die kalte Küche nicht irgendetwas einschleicht, was dann zur Regel wird.
Ich denke, dass wir Menschen die Wochenunterbrechung am Sonntag zwingend brauchen – natürlich, um uns an unserem Glauben zu erinnern und um den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern, aber eben auch, damit es einen besonderen Tag in der Woche gibt, an dem wir zur Ruhe kommen, an dem unser Alltagsleben pausiert und an dem wir uns erholen können. Wenn alles an jedem Tag in gleicher Weise möglich und gleich gültig ist, dann ist eben irgendwann alles gleichgültig. Wir sollten wachsam sein, dass Bewahrenswertes auf bewahrt bleibt. Amen.

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  Blühende Dornwälder

Blühende Dornwälder

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2020

Nun haben wir bereits den Zenit des Jahres überschritten, gestern war der erste Tag der zweiten Halbzeit. Jetzt geht es schon wieder stark auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. Grund genug, an ein Adventslied zu erinnern, dass im Grunde gar keines ist. Ich meine das Lied: „Maria durch ein Dornwald ging“. Leider ist es in unserem evangelischen Gesangbuch nicht zu finden, ich persönlich finde es wunderschön. Es ist entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts und bezieht sich auf eine biblische Geschichte, und zwar der Begegnung von Maria und ihrer Cousine Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers.
Heute wird in den christlichen Kirchen dieses Ereignisses gedacht und das ganze passiert unter der Überschrift „Mariä Heimsuchung“. Um das nicht misszuverstehen, muss man wissen, dass das Wort Heimsuchung ursprünglich nicht negativ besetzt war. Maria besucht Elisabeth in ihrem Heim – so soll es verstanden werden. Und das Lied beschreibt eben den Weg, den Maria dabei zurücklegt und der sie, so wie es die erste Strophe metaphorisch beschreibt, durch einen Dornwald führt, der seit sieben Jahren kahl ist.
Elisabeth ist im sechsten Monat schwanger und auch ihr ist, ebenso wie Maria, Wunderbares widerfahren. Sie ist trotz ihres hohen Alters schwanger geworden. All das hatte Maria der Engel mitgeteilt, der ihr erschienen war, um zu verkünden, dass sie den Gottessohn zur Welt bringen soll.
Lukas schildert das Zusammentreffen der beiden schwangeren Frauen sehr anschaulich. So schreibt er, dass der ungeborene Johannes der Täufer, im Leib seiner Mutter hüpfte, als er die Stimme Marias hörte. Es ist dies quasi das erste Zusammentreffen von Jesus und Johannes und schon hier wird die große Bedeutung der beiden füreinander sichtbar.
Auch das Adventslied, das wie gesagt eigentlich gar keines ist, beschreibt die Wirkung, die von Jesus ausgeht. „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen“, so heißt es. Noch ungeborenen zeigt sich Jesu Kraft, die augenscheinlich Totem wieder Leben einhauchen kann. Kahle Dornen beginnen zu blühen und der ungeborene Johannes hüpft im Mutterleib.
Jesus löst Begeisterung und Lebensfreude aus, einfach, weil er da ist. Und weil wir glauben, dass Jesus auch uns überall begleitet – „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, so hat er uns versprochen – dürfen wir uns auch von dieser Lebensfreude und dieser Begeisterung anstecken lassen, jeden Tag aufs Neue. Und so können aus unserem Glauben heraus auch die kahlen Dornen, die immer mal wieder rechts und links unserer Lebenswege stehen, wieder Rosen tragen; Gott sei Dank! Amen.

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  Tal-Weg-Worte

Tal-Weg-Worte

Henning Böger, Pfarrer - 01.07.2020

Nach einer alten indianischen Erzählung kommt der Mensch in seinem Leben der Reihe nach an vier Berge: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. Jeder der vier Berge ist steil. Jeder hat seine Herausforderungen und Gefahren. Aber bist du einmal oben, sagt die Legende, dann gehst du eine Zeit lang einen ebenen Weg. Du kannst den Berg ‚oben‘ erleben, machst die Erfahrung von Weite und hast dein eigenes Bild von der Welt.
So mühsam wie der Aufstieg auf die Berge ist auch jeweils der Abstieg von ihnen. Es falle den meisten Menschen ungemein schwer, meinen die alten Indianer mit einer Lebensweisheit, die alle Berge gesehen hat, die einzelnen Berge wieder zu verlassen. Aber man muss hinuntergehen, ins Tal hinein und hindurch, damit man von unten her den nächsten Berg wieder besteigen kann. So nur kommt das Leben letztlich zu seinem Ziel!
Vom Tal aus beginnt der neue Aufstieg. Dieser Gedanke gefällt mir. Denn da ist viel Lebenserfahrung im Spiel. Mit dem Leben, das eben nicht nur Höhen kennt, sondern auch die Tiefen, die Täler, die uns zu schaffen machen, weil das Leben dort wie feststeckt - in Krankheit oder Krise, in Angst oder Streit. Manchmal ist da unten im Tal einfach kein Licht und kein Ende in Sicht; und ein Aufstieg in neue Höhen erst recht nicht.
Wer mit diesem Gedanken im Kopf die Bibel zur Hand nimmt, kann echte Mut-Mach-Worte für diese Talwege entdecken. Eines stammt aus dem 23. Psalm, den wir soeben gehört haben: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."
Ich höre diesen Satz so: Ja, es gibt die finsteren Täler, unbestritten. Nicht, dass man sich wünschen müsste, dort dauerhaft unterwegs zu sein. Aber wer weiß schon, was ihm bevorsteht. Und wo steht geschrieben, dass mir dort im Tal kein Unglück widerfahren wird? Im 23. Psalm steht etwas anderes geschrieben: „Ich fürchte kein Unglück.“
Das heißt nicht beschwichtigend: Es wird schon nichts passieren. Doch, mir kann etwas zustoßen. Aber: Ich muss mich davon nicht beherrschen lassen. Und das hat einen einzigen Grund: „Du, Gott, wirst bei mir sein, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gerade dort, wo das Leben hart daherkommt, sollen wir Menschen erfahren dürfen, dass der Glaube an Gott uns zu tragen vermag, auch Sorgen und Zweifel überwinden lässt, eben weil wir Gott über uns und neben uns wissen dürfen als treuen Weg-Begleiter.
"Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." In diesem Satz liegt ein Versprechen, das uns allen gilt: Gott trägt. Gott hält. In Zeit und Ewigkeit.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Amen.

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  Was uns lebendig hält

Was uns lebendig hält

Henning Böger, Pfarrer - 30.06.2020

Endlich darf Walter seinen Freund wieder besuchen. Natürlich unter Auflagen, denn dieser lebt in einem Seniorenwohnheim. Die Zeit war lang, in der die beiden sich nicht sehen durften. Viele ältere Menschen und ihre Angehörigen haben darunter gelitten.
Jetzt geht es an vielen Orten wieder. Und an manchen hat man kreative Ideen dazu: In Frankreich zum Beispiel, so berichtet eine Zeitung, stehen nun kleine Zelte im Garten eines Seniorenheimes. Hier können Familien ihre Angehörigen besuchen. Dann braucht man nicht durchs ganze Haus zu gehen und ist zugleich vor Wind und Wetter und den Blicken anderer geschützt.
In Frankreich und auch hier in Braunschweig: Endlich kann man sich wieder in die Augen sehen, endlich lächelt man sich wieder an und hört dabei, was der andere sagt. Wie sehr haben Menschen das vermisst. Es ist noch nicht alles wie früher, aber es gibt erste vorsichtige Schritte. Wir können einander wieder zeigen: Wir haben uns nicht vergessen!
Es gibt ja Menschen, die sagen: Ich brauche niemanden! Hoffentlich sagen sie das nur und glauben es nicht auch noch. Denn das wäre ein schwerer Irrtum! Jeder und jede braucht Freunde und Vertraute im Leben. Es müsse nicht viele sein, aber es sollen Menschen sein, die auf uns achtgeben, die anrufen und nachfragen oder nach dem Rechten sehen.
In den vergangenen Corona-Wochen war das vielfach zu erleben: wie Menschen sich umeinander kümmern. Und so vorleben, was niemand vergessen sollte: Dass wir Menschen keine Insel sind, sondern andere zum Leben brauchen.
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Diesen Gedanken Gottes überliefert die Bibel im ersten Mosebuch und erzählt dann in wunderbaren Bildern davon, wie Gott den Menschen als Beziehungswesen schafft. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Ich höre das so: Wir Menschen sind füreinander bestimmt. Wir brauchen einander, mal etwas weniger, mal viel mehr. Wir brauchen Menschen, die auf uns achtgeben und sich um uns sorgen. Das hält uns lebendig.
Auch Walter wird nun bald seinen Freund im Seniorenheim besuchen. Die Zelte im Garten sind aufgebaut. Es gibt so viel zu erzählen, sagt er. Und Gott danken wollen sie dafür, dass sie einander haben und sich nun wiedersehen dürfen. Endlich!

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  Ärmel hochkrempeln!

Ärmel hochkrempeln!

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.06.2020

In den vergangenen Tagen wurden in den Medien gleich mehrere Hiobsbotschaften über unsere Kirche verbreitet. Zum einen wurde berichtet, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Kirchenaustritte deutlich zugenommen hat und zum anderen, dass Corona durch sinkende Steuereinnahmen die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland massiv und schmerzhaft treffen wird.
Es wird sie nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, dass diese Nachrichten bei uns keine gute Laune auslösen. So waren auch die Reaktionen der Kirchenleitungen eher traurigen Inhalts, denn was ist die Konsequenz, wenn einem die Mitglieder weglaufen und die Einnahmen wegbrechen: Sparen ist angesagt. Dabei besteht die große Gefahr, dass man es an der falschen Stelle tut. Glücklicherweise haben beide großen Kirchen darauf hingewiesen, dass sie sich gerade nicht aus der diakonischen Arbeit und aus dem Verkündigungsdienst noch weiter zurückziehen wollen – na wenigstens was.
Für mich persönlich ist aber auch eine weitere Konsequenz zwingend, und zwar die Frage nach dem Warum. Warum wenden sich Menschen von der Kirche ab? Warum können wir diese Menschen nicht davon überzeugen, zu bleiben? Und was müssen wir tun, damit sich das ändert? Antworten auf diese Fragen sind nicht ganz leicht zu finden. Aber manchmal kann man es ja auch nach dem Ausschlussprinzip versuchen. Hoch falsch wäre auf jeden Fall, auf die Zahlen zu blicken und sich dann jammernd in den Schmollwinkel zurückzuziehen, um die ach so böse und ungerechte Welt zu beweinen. Das wäre ebenso verkehrt wie nutzlos und wer auch nur ein bisschen vom Evangelium verstanden hat, kann auf eine derartig schräge Idee eigentlich gar nicht kommen.
Denn worum geht‘s? Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der sich für uns interessiert, dem unser Wohlergehen am Herzen liegt und der uns lieb hat. Es geht darum, Menschen von einem Gott zu erzählen, der nicht gern allein ist und deshalb den Kontakt zu und sucht. Es geht darum, Menschen von der frohen Botschaft zu erzählen, die dieser Gott für uns alle bereithält. Es geht darum, Menschen von Jesus Christus zu erzählen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht! Es geht darum, Menschen davon zu berichten, dass dieser Jesus Christus den Tod für uns besiegt hat, ein für alle Mal und der uns so eine Perspektive schenkt, in der Hoffnung aufleuchtet im Licht des Ostermorgens.
Ja, all das ist der Institution Kirche nicht immer abzuspüren. Auch und gerade in diesen Corona-Zeiten haben wir uns als Kirche anfangs nicht mit Ruhm bekleckert, waren vielfach angstgetrieben, zu leise, zu angepasst. Doch ich glaube, wenn wir es schaffen, zu den Menschen zu gehen, und ihnen zu erzählen, worum es wirklich geht, nämlich Gottes Liebe zu empfangen und sie weiterzugeben an die Menschen um uns herum, wenn wir uns als Kirche einmischen und einsetzen für die Schwachen, für Gerechtigkeit und für den Frieden, dann sollten wir gute Chancen haben, auch wieder bessere Zeiten zu erleben – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  75 Jahre Vereinte Nationen

75 Jahre Vereinte Nationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.06.2020

Heute vor 75 Jahren, am 26. Juni 1945 wurden in San Francisco die Vereinten Nationen gegründet. Dies geschah durch Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen durch 50 Staaten, darunter die USA, Russland und China. Aus der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege heraus war die Initiative zur Gründung der Vereinten Nationen der Versuch, eine dauerhafte und stabile Basis für ein friedliches Miteinander der Staaten dieser Erde zu etablieren.
Nach Art. 1 der Charta der Vereinten Nationen sind die Hauptaufgaben der UN folgende: die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, die Entwicklung besserer, freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen, die internationale Zusammenarbeit und Lösung globaler Probleme und die Förderung der Menschenrechte. Die UN soll bei alledem der Mittelpunkt sein, an dem die Nationen diese Ziele gemeinsam verhandeln.
Die UN kann auf viele bedeutende Erfolge zurückblicken. So hat sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948 entwickelt und weltweit verbreitet, maßgeblich an der Ausrottung und Eindämmung von Krankheiten mitgewirkt, mit der UNHCR eine Organisation zum Flüchtlingsschutz gegründet und unter anderem mit dem Welternährungsprogramm wesentliche Beiträge zur Unterstützung der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern geleistet. Schwerpunkt der Arbeit ist nach wie vor die Friedenssicherung. Und auch hier haben wir, hat die Welt der UN viel zu verdanken. Sie hat an der Gründung des Staates Israel mitgewirkt, dazu beigetragen, die Kubakrise zu entschärfen und war und ist in vielen Ländern mit ihren Blauhelmen aktiv in der Friedenssicherung engagiert.
Ein ums andere Mal wird auch bei der UN deutlich, dass in Gemeinschaft große Aufgaben, Probleme und Herausforderungen deutlich besser zu meistern sind, als im Alleingang. Insbesondere das Thema Friedenssicherung erfordert den Schulterschluss der einzelnen Nationen und den Blick auf das gemeinsame Ziel. Insbesondere die Förderung des gemeinschaftlichen Austausches ist hier hervorzuheben, denn Menschen, die miteinander reden und sich für eine gemeinsame Sache einsetzen, führen in aller Regel keinen Krieg gegeneinander.
Ganz ohne Frage sind die Vereinten Nationen nicht perfekt. Immer wieder fällt negativ auf, dass einzelne Länder durch ihr Vetorecht wichtige Entscheidungen blockieren können. Auch die Frage nach der demokratischen Legitimation der UN wird immer wieder gestellt. Nichtdestotrotz sollten wir aus meiner Sicht dankbar sein, dass es sie gibt, denn sie hat trotz ihrer Schwächen und Fehler in den vergangenen 75 Jahren viel Gutes bewirken können.
Paulus schreibt: „Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, sind doch ein Leib.“ Das, was der Apostel hier auf die Gemeinde Jesu Christi bezieht, kann auch ein schönes Bild für die Staatengemeinschaft sein. Denn auch die funktioniert nur, wenn alle mittun. Die Vereinten Nationen sind ein erfolgreicher Versuch, dem einen Rahmen zu geben. Hoffen und beten wir, dass das dem Frieden weiterhin dienlich ist. Amen.

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  Friede sei mit Dir!

Friede sei mit Dir!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2020

Vor ein paar Tagen bin ich mit einer Dame ins Reden gekommen, die so wie ich hier am Dom ehrenamtlich tätig ist. Sie erzählte mir von einer Begebenheit, die sie vorne an unserem Empfangstresen hatte. Während sie dort Dienst tat, betrat ein Mann den Dom und fragte sie, ob er sich den Dom ansehen dürfe. Auf die Frage: „Ja, warum denn nicht?“, antwortete er: „Ich bin Moslem.“ „Bei uns ist jeder willkommen!“, war die knappe und zutreffende Antwort meiner Kollegin.
„Porta patet, cor magis.“ Diese lateinische Inschrift ist oft über Klosterpforten zu lesen. Sie bedeutet: „Die Tür ist offen, das Herz noch mehr.“ Es ist ein uralter Willkommensgruß und ich finde, dass er auch gut über unsere Domtür passen würde. Es ist gute christliche Tradition, dass alle Menschen in unseren Kirchen gern gesehene Gäste sind, vollkommen losgelöst davon, welcher Konfession sie angehören oder ob sie überhaupt an Gott glauben. Natürlich wird erwartet, dass sich die Gäste der Würde dieses Ortes angemessen verhalten. Aber das gilt ja überall dort, wo wir zu Gast sind, ob nun in einer Kirche oder privat bei Freunden in deren Wohnzimmer.
Schon oft haben hier bei uns im Dom ökumenische Friedensgebete stattgefunden, bei denen Juden, Moslems, armenische Christen, Katholiken und Protestanten einträchtig nebeneinander an unserem Marienaltar gebetet haben. Und warum auch nicht? Schließlich glauben wir alle an denselben Gott – den Gott Abrahams und Jacobs. Ich maße mir nicht an, zu sagen, dass nur eine Religion die richtige ist und schon gar nicht, welche. Offensichtlich ist in Gottes Plan Raum für ganz unterschiedliche Wege, die zu ihm führen. Ich fühle mich auf meinem evangelischen gut aufgehoben und von Gott gesehen und angenommen. Aber kann ich deshalb sagen, dass alle anderen Wege falsch sind? Ganz sicher nicht!
Neben aller Unterschiedlichkeit gibt es vieles, was verbindet. Salam alaikum, Shalom, Pax vobiscum, Friede sei mit dir. Ja, der Friede, der von Gott kommt, ist eine der großen Gemeinsamkeiten, die Gott uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Bücher geschrieben hat. Bedauerlicherweise steht das, was wir Menschen daraus gemacht haben, auf einem ganz anderen Blatt – und das völlig unabhängig von Konfessionen. Doch wer friedfertig ist, der ist dann eben hier bei uns im Dom auch jederzeit herzlich willkommen.
Unser muslimischer Besucher war von der einladenden und freundlichen Art meiner Kollegin so berührt, dass er sie zum Abschied herzlich umarmt hat. Gottes Friedensbotschaft verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Amen.

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  Verstockung

Verstockung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.06.2020

Heute ist Ende der Spargelsaison und Johannistag, der Tag Johannes des Täufers, in dessen Mund das Wort über dem Tag aus dem Johannesevangelium liegt: „Er muss wachsen. Ich muss abnehmen.“
Das kann man als hartherzige Verdrängungen lesen, als ein machtvolles Kräftemessen um Räume und Einfluss. Aber darin spiegelt sich großes Einverständnis: Es bleibt nicht, wie es ist. Zukunft wird möglich, wenn ich sie wachsen lasse, wenn ich dem Entwicklung zugestehe, woran ich glaube, wenn ich zulasse, dass es ganz anders kommt.
Das Evangelium für den Johannistag steht bei Lukas und erzählt die Ankündigung und Geburt Johannes des Täufers.
Seine Eltern Elisabeth und Zacharias waren hochbetagt und kinderlos. Elisabeth war unfruchtbar. Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzten das hebräische Wort dafür mit „wurzelverstockt“. Ein hartes schmerzhaftes Wort, so hart und schmerzhaft wie es ungewollte Kinderlosigkeit zu allen Zeiten gewesen. Ein unvorstellbares hartes Schicksal dort, wo der Wert einer Frau darin bestand, ob sie Söhne gebären kann.
Aber bei genauem Hinhören, birgt es doch eine Offenheit, eine Chance: es ist nicht endgültig unmöglich, Veränderung nicht ausgeschlossen, Verstockung kann sich lösen so muss es nicht bleiben. Und auch: Solche Verstockung an der Wurzel hat ihren Ort in der Tiefe. Es ist Elisabeths Leben, nicht ihr Versagen.
Als der Verkündigungsengel, in Zacharias‘ Leben tritt und ein Kind ankündigt, überfällt den Furcht und Zittern. Er kann es nicht glauben. „Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen.“ Sagt der Engel. Es ist eine Verheißung so voller Zukunft und Hoffnung, die mit diesem Kind einhergehen soll, dass man kaum erahnen kann, was für eine kostbare Wurzel in Elisabeth geruht hat.
Aber Zacharias?
Er kann es nicht glauben. Er braucht einen Beweis, ein Zeichen, ein Art Ultraschallbild. Er bekommt das auch eins und finde, da beweist die Bibel Humor. Wenn Zacharias nicht verstehen, begeifern oder glauben kann, was da werden will, wenn er sich eine Zukunft vorstellen kann, die ganz anders ist als alles, was er bisher kennt und erlebt hat, dann ist besser, er kommentiert das nicht und zerredet die Hoffnung nicht.
Und also sagt Gabriel: „Und siehe, du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.“
Zacharias wird aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt, Pause. Zeit zum Nachdenken und genauem Hinsehen. Zeit, zu merken: Die Welt bleibt nicht stehen. Es wächst etwas Neues heran. Leben bricht auf. Den alten Vater wird es überfallen und wie ein Dammbruch aus ihm herausbrechen.
Und dann singt Zacharias.
Ausgerechnet! Das erleben wir auch. Dann.

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  Wir sind gesehen

Wir sind gesehen

Henning Böger, Pfarrer - 23.06.2020

Ein Klassenzimmer, kurz nach Stundenschluss. "Glauben Sie an Gott?", fragt der Schüler mit leiser Stimme. Es ist eine unbelauschte Sekunde. Sonst wäre er wohl mit den anderen sofort in die Pause herausgetollt. Aber diesmal war die Physikstunde zum Nägelbeißen spannend gewesen.
"Glauben Sie an Gott?" Der Lehrer streift seinen Schüler mit einem Blick, wie um zu prüfen, ob die Frage ernst gemeint wäre. Dann tritt er ans Fenster und schaut hinaus. "Wenn, wie Sie sagen", setzt der Junge nach, "wenn da oben wirklich so ein gewaltiges Kräftespiel tobt, wenn schwarze Löcher alles Licht einsaugen, wenn Sterne explodieren und Gravitationswellen hundert Milliarden Galaxien durchrütteln ... Wie kann man da noch an einen Erdengott glauben?"
Ohne den Blick zu wenden, hebt der Lehrer an: "Vielleicht stellen wir uns Gott nicht groß genug vor. Vielleicht erzählen uns die Himmel von seiner wahren Größe. Vielleicht ist Gott größer als das All. Und alles, was sich ausdehnt, lebt und weitet, das bewegt sich mit seinem Atem. Vielleicht wachen wir gerade auf und bekommen eine unfassbare Weite zu sehen. Mit jeder Erkenntnis, die die Astrophysik hervorbringt, wird mir dieser Gott geheimnisvoller, ehrfurcht-gebietender."
Der Junge braucht eine Weile, bis sich dieses Bild in ihm aufbaut: Gott, so groß, dass ein sich ausbreitendes All in IHM Raum hat! Gott als Raum der Welten, in dem sich Endlosigkeit zu Orten und Ewigkeit zu Zeit und Geistesgegenwart verdichten! Die Sekunden verstreichen, dann sagt er: "Glauben Sie an so einen Gott?"
"Glauben", sagt der Lehrer, das Wort wiegend, "ich würde eher sehr sagen, ich bin tief beeindruckt. Ich begreife nicht, wie es IHM möglich ist, so groß zu sein und zugleich so klein, um uns auf dieser Erdmurmelt hier in die Augen zu schauen. Ich glaube, die Generationen vor uns haben wirklich recht gehabt: Wir sind gesehen. Zuweilen spüre ich seinen Blick. Und der Gedanke geht mir durch und durch: Auch ich bin gesehen!"

Gebet:
Gott, in dir sammeln wir uns an diesem Abend, zu dir sammeln wir
unsere Gedanken. In der Weite unseres Lebens bist du unser Fixpunkt.
Darum segne uns mit deinem Schutz. Halte uns in deiner Liebe.
An diesem Abend, am neuen Morgen. Das bitten wir dich durch Christus.
Amen.

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  „Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.06.2020

„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger“ – so beginnt ein Gebet von Margot Käßmann. Man hört schon die Distanz, sie ist unmerklich aber nicht unerheblich. „Dein“ Prediger… - nicht meiner, deine Weisheit, nicht meine, deine Wirklichkeit, nicht meine….
Alles hat seine Zeit. Pflanzen, bauen, lachen, tanzen, weinen, lieben, Steine sammeln… - so heißt es beim Prediger Salomo im dritten Kapitel. Bei Margot Käßmann dagegen folgt der große Stoßseufzer: „Aber ich finde für gar nichts mehr Zeit … Der Magen krümmt sich mir, wenn ich sehe, was zu tun ist. Und dabei bleibt so vieles auf der Stecke…“
Der Magen krümmt sich.
Bei Anderen gerät das Herz aus dem Takt oder schmerzt der Rücken, flieht der Schlaf - erst recht, wenn man den Druck mit sich allein herumträgt. Und ganz schwer wird es, wenn man von denen drumherum gesagt kriegt: „Du bist doch stark…“
Das macht dazu noch einsam.
Ich höre Sorgen dieser Art derzeit viel mehr als sonst.
Wenn ich frage, wie es geht, dann ist die erste Antwort meist: „Gut, alle sind gesund. Wenn klagen, dann doch auf hohem Niveau…“
Aber wenn ich dann einen Moment warte – oft muss ich gar nicht wirklich nachhaken – purzelt anderes hinterher. Der Schmerz, Kinder und Enkel nicht sehen oder wenn, dann nicht in den Arm nehmen zu können. Die ungeheure Erschöpfung nach wochenlangem Homeschooling, Haushalt, Homeoffice und dem Versuch, dabei geduldig zu bleiben und das Beste draus zu machen. Der fehlende – oft mühsam erkämpften – Ausgleich. Die Einsamkeit beim Online-Studium ohne Begegnung.
Der Mehltau über allem.
Die Nerven liegen blank.
Tränen. Die muss sich mancher erst trauen …
Dann folgen Entschuldigungen. Man wollte das eigentlich gar nicht alles sagen. Es ist eine schwer sorgenvolle Zeit – auch wenn es draußen Sommer wird und schon wieder ziemlich lebendig zugeht.
Noch ist kein Ende absehbar.
Während ich das schreibe, erfahren die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof, dass das Haus schließen wird. Es ist ein schlimmer Tag. Viele haben die Angst schon lange mit sich herumgetragen. Der Magen krümmt sich.
„Alles hat seine Zeit, sagt dein Prediger. Aber ich…“
Aber wir?
Wir halten Gott unser Leben entgegen und hoffen, dass er sich der Last annimmt und Zukunft schenkt.

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  Auszeiten

Auszeiten

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2020

Fühlen Sie sich oft gehetzt oder getrieben? Es ist zum Markenzeichen unserer modernen Zeiten geworden, dass wir bei allem, was wir tun, darauf achten, dass es möglichst schnell vonstatten geht. Produktionsprozesse, Abläufe in der IT, Bearbeitungszeiten im Dienstleistungsgewerbe – alles wird auf Tempo getrimmt. Wie Sie vielleicht wissen, arbeite ich in einer Bank. Auch dort ist das Thema Prozessgeschwindigkeit und -Effizienz ein ganz großes. Denn je schneller und effizienter ein solches Unternehmen funktioniert, desto kostengünstiger kann es arbeiten.
Auch im zwischenmenschlichen Bereich spielt Geschwindigkeit eine immer größere Rolle. Wenn wir früher einen Brief mit Tinte auf Papier geschrieben haben, und der dann kuvertiert und mit Briefmarke versehen zur Post gebracht wurde, dann wussten wir, dass es schon ein paar Tage dauert, bis wir eine Antwort erhalten. Heute werden wir mitunter schon unruhig, wenn eine von uns versandte E-Mail nach ein paar Minuten noch unbeantwortet ist. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass gerade im Rahmen der elektronischen Kommunikation mit steigender Geschwindigkeit in gleichem Maße Qualität und Form deutlich nachlassen. Mag es bei E-Mails noch einigermaßen gehen, so treten doch spätestens bei SMS, WhatsApp und Co. die Regeln von Orthographie und Interpunktion deutlich in den Hintergrund, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch es kommt eben darauf an, möglichst schnell zu sein – alles andere rutscht in der Priorität häufig weiter nach unten.
Astrid Lindgren hat einmal gesagt: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Ach, wie recht sie doch hat! Wir brauchen alle unsere Auszeiten, wobei zu hinterfragen wäre, was wir unter Auszeit verstehen. Ich meine damit, dass wir uns regelmäßig aus unseren alltagsbestimmenden Hamsterrädern verabschieden müssen, um zur Ruhe zu kommen und unser Denken, Tun und Lassen einfach mal zu befreien vom Diktat des „Höher, Schneller, Weiter“.
Auch, wenn es sich komisch anhört, aber Nichtstun kann ganz schön anstrengend sein. Vielfach sind wir durch unsere Umwelt so auf Aktivität konditioniert, dass wir ein echtes Problem damit haben, ein paar Gänge zurückzuschalten. Und wenn wir es dann trotzdem schaffen, stellt sich nicht selten ein schlechtes Gewissen ein, weil wir unterschwellig meinen, dass Nichtstun Zeitverschwendung ist und sich irgendwie nicht gehört.
Ein Blick in die Bibel relativiert das glücklicherweise. Denn selbst Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um Zeit für sich zu haben, um nachzudenken und um zu beten. 40 Tage, so berichtet die Bibel, war er alleine in der Wüste. Solche Auszeiten standen ihm zu und das gilt auch für uns. Und wenn uns dazu keine passende Bibelstelle einfällt, dann doch vielleicht wenigstens der vorhin zitierte Satz von Astrid Lindgren. „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Amen.

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  Zeichen sehen lernen

Zeichen sehen lernen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.06.2020

Im ersten Buch Mose wird die Josefsgeschichte erzählt, vielen Familien hier am Dom ist sie zutiefst vertraut. Josef, den seine Brüder den „Meister der Träume“ nennen, träumt nicht nur selber heftig und umtreibend; er kann auch die Träume anderer deuten, Zeichen darin lesen und Zukunftsansagen verstehen.
Das bringt ihn in Schwierigkeiten, denn er sieht nicht rosarote Wunschträume sondern das, was ist oder kommen wird, ganz egal ob es ihm zur Ehre gereicht oder beschämt, ob es anderen dient oder ihnen Angst macht.
Er bleibt bei der Wahrheit, wenn er ausspricht, was er sieht.
Josef träumt schon als Kind. Zuerst von seiner Sonderstellung unter seinen Brüdern, Korngaben verneigen sich, Mond und Sterne umkreisen ihn. Er erlebt die Konsequenzen dieser Konstellation – aber, im eigenen Leben steckend, ohne Abstand, sieht er erst rückblickend, Jahrzehnte später, den Zusammenhang und sich selbst darin.
Anders ist es, als Josef im Gefängnis sitzt und die Träume seiner beiden Mitgefangen deutet. Es wird so im Guten wie im Bösen genauso kommen, wie er sagt.
Diese Fähigkeit führt ihn schließlich vor den Pharao, der sieben fetten Kühe träumt, die von sieben mageren Kühen verschlungen werden und zur Bestärkung dasselbe Bild noch einmal: sieben fette Ähren werden von sieben dürren Ähren gefressen. Keiner kann ihm das erklären.
Denn die Berater des Pharaos, seine Traumdeuter und Weisen, sind Teil des Systems. Sie sind erfüllt von der Kraft des Landes und ihrer eigenen systemrelevanten Rolle darin. Sie fühlen sich sicher.
Was sollte eine Wirtschaftsmacht wie Ägypten gefährden?
So können sie die Zeichen nicht sehen und den Zusammenhang nicht deuten. Sie können gar nicht denken und sich vorstellen, dass die guten Jahre vorbei sein könnten.
Aber Josef, der den Rauswurf aus der Geborgenheit des Vaterhauses und den Sturz, aus der privilegierten Rolle in Potifars Haus ins Gefängnis erlebt hat, der hat längst erfahren, dass Wohlstand und Glück nicht selbstverständlich sind, dass Menschen Verantwortung übernehmen müssen, für das, was ihnen anvertraut ist.
Mit der Freiheit des Ohnmächtigen kann er klar sehen.
Und so sieht er, dass die Krise bevorsteht, dass Hunger und Not über das Land hereinbrechen werden, wenn es seine Verschwendungssucht, seinen wahnsinnigen Ressourcenverbrauch nicht einstellt, sondern nachhaltig und fürsorglich wirtschaften lernt.
Aber das ist nicht das eigentlich Wunder der Geschichte.
Das Wunder geschieht, als der Pharao auf ihn hört. Sofort.
Das sollte uns nahe gehen! Denn auch hier werden die alten Geschichten wieder erzählt und wir staunen, wie aktuell sie sind. Aus der Ferne sehen sie uns klar. Darum mit Eva Zeller: wer wolle nicht meinen, „unverschämtes Glück zu haben, wenn er am Tropf der Bibel hängt.“



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  Offene Arme, weites Herz

Offene Arme, weites Herz

Pastor Henning Böger - 16.06.2020

Eine Woche habe sie geweint, erzählt Gabrielle einem Fernsehsender in den USA. Gabrielle wohnt in Memphis, im Bundesstaat Tennessee.
Reichlich Tränen flossen, weil ihre Hochschule alle Feiern zum Studienabschluss abgesagt hatte – wegen Corona! Keine Feier, kein Beifall, keine schwarzen Hüte als Zeichen der Reife. Das Abschlusszeugnis kam schmucklos per Post. Das war schlimm, sagt Gabrielle. Blödes Corona!
Ihr Vater kann die Tränen nicht lange mit ansehen. Dann hat er eine Idee: Er baut eine Bühne in den Garten. Dort wird seine Tochter gefeiert. In festlichen Kleidern. Mit allen Nachbarn und Freunden. Natürlich mit Abstand und Masken, aber die Tochter ist selig.
Eine Geschichte mit gutem Ende, die davon erzählt, dass Corona das Leben kräftig durcheinanderwirbelt. Auch in unseren Schulen sind die Abi-Bälle abgesagt. Und Konfirmationen werden in diesem Jahr ganz anders sein als geplant. Das passt nicht allen. Da gibt es Diskussionen und manchmal auch Ärger und Tränen.
Und mittendrin gibt es Familien, die merken: Es ist gar nicht leicht, sich in den Rollen von Eltern und Kindern zurecht zu finden. Viele Familien erleben sich zurzeit im Ausnahmezustand, wie auf dem Drahtseil zwischen Schule und Beruf, Aufgaben und freier Zeit, die gestaltet werden will. Für viele gilt: Ja, Familie ist ziemlich anstrengend!
Und sie ist auch ein großes Glück! Wenn das Miteinander gelingt. Wenn Eltern zuhören können und Kinder Rücksicht nehmen. Wenn Stress und Ärger nicht unterm Teppich landen, sondern alle in der Familie aufrichtig miteinander umgehen. Wenn die Arme offen und die Herzen weit bleiben!
Eine meiner liebsten Bibelgeschichten ist eine Familiengeschichte. Jesus erzählt sie von einer Familie, deren Rollen und Erwartungen heftig durcheinandergeraten: Da ist ein Kind, das unbedingt von zuhause fortgehen will, die Welt und ihre Möglichkeiten entdecken. Dazu fordert und erhält es einen beträchtlichen Teil des Familienvermögens und zieht davon. Im Laufe der Zeit aber verirrt sich das Kind in der Welt der Vielfalt und Möglichkeiten. Und merkt es nach Jahren und will wieder heim.
Und daheim? Da hört das Kind keinen Vorwurf, nicht einen! Dafür erlebt es offene Arme und weite Herzen. Einfach zu göttlich, denken Sie? Ja, genau! Denn Jesus sagt: So ist das auch bei Gott. Sein Herz ist weit und seine Freude groß über jedes Menschenkind, das zu ihm findet mit allem, was auf einem Herzen lasten kann. Der Weg dorthin ist nicht immer leicht, aber wenn er gegangen ist ein großes Glück!

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  Päpstliche Abmahnung

Päpstliche Abmahnung

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.06.2020

Wenn man im Berufsleben nicht das macht, was man soll, wenn man aus grober Unachtsamkeit oder gar mit Vorsatz Mist baut, dann muss man damit rechnen, eine Abmahnung zu bekommen. Darin kriegt man dann sein Fehlverhalten noch einmal schriftlich bestätigt, verbunden mit dem deutlichen Hinweis, es nicht noch mal zu tun, anderenfalls kann es sein, dass man seinen Job verliert.
Heute, auf den Tag genau vor 500 Jahren hat unser Bruder Martin Luther eine solche Abmahnung erhalten von seinem seinerzeit noch höchsten Dienstvorgesetzten, Papst Leo X. Die päpstliche Bannandrohungsbulle, wie das Schreiben offiziell heißt, war die Reaktion auf Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg. Den 500. Jahrestag dieses Ereignisses haben wir, wir erinnern uns, vor zweieinhalb Jahren festlich und mit einem neuen gesetzlichen Feiertag begangen.
Mit seiner massiven Kritik am Handeln der katholischen Kirche mit ihren Ablassbriefen, der weit verbreiteten Korruption und dem vielfach in erster Linie an Machterhalt orientierten Agieren der kirchlichen Organe, war Luther in Ungnade gefallen. Und nun wurde er vom Papst höchstpersönlich aufgefordert, innerhalb von 60 Tagen seine Thesen und Lehren zu widerrufen - anderenfalls würde er aus der Kirche ausgeschlossen.
Luther widerruft nicht, wie wir wissen. Als Antwort verfasst er vielmehr die Schrift „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ und ein Antwortschreiben an Papst Leo. Darin verteidigt Martin Luther die Freiheit des Wortes Gottes, dessen Verständnis und dessen Auslegung nicht durch menschliche Regeln eingeengt oder reglementiert werden soll und darf.
Das war konsequent und mutig gleichermaßen. Luther hat klargemacht, dass all das, was wir sind und haben, einzig und allein der Gnade Gottes zu verdanken ist und eben nicht erkauft werden kann. Der Menschen Seelenheil ist nicht abhängig von der Größe ihrer Geldbeutel und Gottes Vergebungsbereitschaft lässt sich nicht durch den Kauf von Ablassbriefen vergrößern. Jeder Mensch ist von Gott angenommen, gewollt und geliebt, einfach, weil er Mensch ist und nicht, weil er irgendetwas Besonderes geleistet hat.
Luther hat dem Druck aus Rom widerstanden und damit der Reformation weiter den Weg geebnet – Gott sei Dank. Durch Martin Luther hat sich die Kirche – und über die Jahre eben auch die katholische – wieder auf das zurückbesonnen, was tatsächlich ihr Auftrag ist, nämlich Gottes frohe Botschaft zu verkündigen und eben nicht den Menschen Angst zu machen und sie klein zu halten.
Manchmal brauchen wir Menschen einen kleinen Impuls, damit uns auffällt, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind, dass wir das eigentliche Ziel aus dem Blick verloren haben, dass wir nicht mehr hundertprozentig erkennen, worauf es wirklich ankommt. Manchmal reicht ein kleiner Impuls, manchmal braucht es einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten. Martin Luther hat diesen Impuls gesetzt und damit eine große Bewegung in Gang gebracht. Spannend fände ich, zu hören, was er heute wohl sagen würde, zu dem, was daraus entstanden ist. Amen.

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