Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Sophie Scholl

Sophie Scholl

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.05.2021

Heute jährt sich das Kriegsende vor 71 Jahren.
Morgen ist der 100. Geburtstag von Sophie Scholl, die das selbst schon nicht mehr miterlebt hat.
Ihr Tod ist einer von den Millionen zu frühen gewaltsamen Abbrüchen von Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert.
Ihre Büste steht in der Walhalla zwischen Dichtern, Malern, Komponisten, Architekten, gekrönten und gewählten Häuptern und so wurde in Bayern amtlich, dass sie eine bedeutende Persönlichkeit "teuschter Zunge" ist.
Das hätte sie selbst von sich wohl nicht so gesagt. Vielmehr:
"In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen etwas 80 - 100 Flugblätter vom zweiten Stockwerk der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden."
So beschreibt sie selbst während der Vernehmung den Moment am 18. Februar 1943, der sie, ihren Bruder Hans und den gemeinsamen Freund Christoph Probst vier Tage später das Leben kosten wird.
An dem Wochenende dazwischen, so erzählt es Barbara Beuys in ihrer Biografie waren in Scholls Elternhaus in Ulm ihre Eltern und Geschwister beieinander. Werner Scholl soll damals seine Mutter Lina gebeten haben, etwas aus der Bibel vorzulesen.
Sie wählt eine Stelle aus dem 2. Makkabäerbruch. Dort wird erzählt, dass Antiochus IV, eine Frau und deren sieben Söhne zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen. Einer nach dem anderen weigert sich und bezahlt das mit seinem Leben. Als auch der Jüngste an der Reihe ist, soll seine Mutter ihn überreden und sie sagt:
"Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Schoß entstanden seid, und den Odem und das Leben habe ich euch nicht gegeben noch habe ich zusammengefügt, woraus jeder von euch besteht. Darum wird der, der die Welt geschaffen und alle Menschen gemacht und das Werden aller Dinge erdacht hat, euch den Odem und das Leben gnädig zurückgeben, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen keinerlei Rücksicht nehmt auf euch selbst."
Später kommt ein Anruf, der darüber informiert, dass der Prozess gegen Hans und Sophie Scholl am Montag, 22. Februar 1943 im Münchner Justizplast stattfinden wird.

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  Behutsam will ich dir begegnen

Behutsam will ich dir begegnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.05.2021

Eines der Lieder, das mir zu singen fehlt, habe ich in einer kleinen Südtiroler Bergkapelle gelernt: „Behutsam will ich dir begegnen, Dir zeigen, Du bist nicht allein. Der Engel Gottes wird uns segnen, das Licht an unsrer Seite sein. Mit Sanftmut will ich dich berühren…“
Wir waren auf dem dreiwöchigen Konfirmandenferienseminar – ich war zum ersten Mal dabei, als Vikarin. Einer der tiefen Eindrücke dieser Zeit war es, zu sehen, wie sich die Mädchen und Jungen in den drei Wochen veränderten. Als Mutter erlebte ich das später an meinen eigenen Kindern und habe manches Mal von Eltern schmerzlich wehmütig gehört, sie hätten Kinder in den Zug gesetzt und junge Erwachsene abgeholt. So war es tatsächlich oft. Kinder, die Angst vor Heimweh hatten, wollten gar nicht mehr zurück. Mädchen, die in Jogginghosen und Kapuzenpullis in den Zug einstiegen und sich in ihrer weiten Montur versteckten, kamen als braungebrannte junge Frauen in Tops und kurzen Hosen heim, rechts und links einen Jungen, der vor der Reise gar nicht wusste, dass er flirten kann.
Aber nicht nur das. Drei Wochen hinter und in den Bergen, stets umgeben von einer atemlos machenden Natur und dazwischen beschäftigt mit den großen Fragen: wer bin ich denn eigentlich und was hat Gott mit mir vor, wie will ich leben und welche Spuren im Leben der anderen hinterlassen, gehen nicht spurlos an einem vorbei – erst recht nicht, wenn die vertraute Rolle als Klassenclown oder Nesthäkchen nicht gespielt werden kann.
Oft erlebten wir an den jungen Menschen eine bezaubernde Entdeckungsreise zu sich selbst. Dabei galt es, behutsam zu sein und liebevoll einerseits – und so ehrlich wie möglich andererseits. Sich selbst kennenzulernen ist, als würde man eine Landkarte malen – mit weiten Wiesen und undurchdringlichen Wäldern, Sümpfen, Bergen, klaren Seen, Morast, Steinen, Blumen. Keineswegs gut ausgeschildert oder überall mit Sicherungen am Weg versehen. Zu solcher Landkarte, die wir miteinander malten, gehörte immer auch ein Datum und die Erkenntnis, dass dort, wo ich mich heute verirren würde morgen vielleicht ein klarer Weg zu sehen ist und auch andersrum: manches Schneefeld verdeckt Gletscherspalten und ist keineswegs so sicher wie gedacht.
An all das habe ich mich erinnert, als ich heute Morgen den Bericht einer jungen Frau las, die als Mädchen geboren zum Mann wurde und dann den mühsamen Rückweg zu sich selbst gegangen ist. Heute begleitet sie die Frage, ob es tatsächlich gut ist, wenn Jungen und Mädchen mit 14 Jahren elternunabhängig über ihr Geschlecht entscheiden können.
Jungen und Mädchen brauchen Gehör und Behutsamkeit denke ich und die Freiheit, ihre eigene Landkarte zu erkunden ohne von Erwachsenen getrieben oder festgelegt zu werden. Und sie brauchen Zeit. Miteinander. Jetzt.

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  Aller Augen warten auf Dich

Aller Augen warten auf Dich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.05.2021

In der Tageslosung heute heißt es aus dem 145. Psalm:
„Aller Augen warten auf dich…“
Oh ja. Wir warten. Nicht nur auf die unmittelbare schnelle Besserung aller Umstände, sondern vor allem auch darauf, dass Heilung endlich auch dort beginnen kann, wo wir es im Moment nicht sehen und nicht hören. Oft sind es ja gerade die Wunden, die am schlechtesten heilen, die dort geschlagen werden, wo keiner hinsieht und niemand drüber spricht, wo Menschen versuchen allein fertig zu werden mit ihrer Not.
Ich jedenfalls warte dringend, dass Kinder wieder fröhlich und unbekümmert zusammenkommen können, dass Jugendliche schwimmen, tanzen, küssen dürfen, dass die Welt wieder so weit wird, dass die Enge und Dunkelheit aus der Seele verschwindet. Ich warte darauf, dass es klingt wie im Märchen vom Eisernen Heinrich, als das Band vom Herzen springt, weil es nun geheilt ist.
In der Tageslosung heißt es weiter, wie wir es in einem anderen Leben vor Mahlzeiten gesungen haben:
„Aller Augen warten auf dich, HERR, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen.“
Speise zu rechten Zeit…
Mehr als sonst klingt das jetzt in meinen Ohren wie: Und du gibt’s ihnen ihre Speise rechtzeitig. Ehe es zu spät ist. Nahrung, nicht nur für den Leib, sondern auch für die Seele, kommt.
Aber ein bisschen ratlos macht mich das letzte Wort: Wohlgefallen.
Es geht doch um Heilung und Ganz-Sein, um Liebe und Freude, um Frieden im Herzen und in der Seele, in unserer Gesellschaft und unserer Welt.
Aber Wohlgefallen. Sollen wir davon satt werden?
Die Basisbibel übersetzt anders: „Du öffnest deine wohltuende Hand und alles, was lebt, wird satt.“ Und so gehört und gelesen, heißt es dann vielleicht: Es gefällt Gott, er hat Wohlgefallen daran, uns zu sättigen mit allem, was wir zum Leben brauchen.
Möge er uns auch Vertrauen schenken und Zuversicht, dass all seine Wohltat die Ausgezehrten rechtzeitig erreicht.

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  Bin ich schön?

Bin ich schön?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.05.2021

Zoomen ist anstrengend, nicht nur weil wir uns dabei konzentrieren und vor allem auch disziplinieren müssen, sondern – so habe ich sehr einleuchtend gelesen – weil wir die ganze Zeit auch uns selber sehen und immer gleichermaßen angestrengt, genervt oder ausdrücklich desinteressiert dabei zugucken müssen, wie wir selber „rüberkommen“. Das führt für viele Menschen zu einem neuen Blick auf sich selbst, der allermeist bei weitem unbarmherziger und kritischer ist als der Anderer.
Kontrolle über das eigene Erscheinungsbild zu behalten, wenn man nicht mal mehr aus dem Haus muss, ist dabei nicht so einfach. So verstärkt sich ein Thema, das auch ohne Corona absurde Blüten getrieben hat:
Bin ich schön? Und was heißt das überhaupt: Schönsein?
Für Schönheit gibt es keine wirklich Definition. Schön ist, was Wahrnehmung angenehm macht. Folgerichtig spannt sich ein weites Feld zwischen natürlicher Schönheit und solcher, die man herstellen kann. Weil Menschen sich danach sehnen, von Schönheit umgeben oder eben selbst schön zu sein, ergibt sich hier ein Markt. Geld wird mit schönen Orten und schönen Dingen verdient und nicht zuletzt in der Schönheitsindustrie und –Chirurgie. Ganz vorn dabei ist Südkorea, ein Pilgerort für Schönheitsuchende. Dort gibt es allein in Seoul über 500 Kliniken. Es ist ganz normal, eben eine gute Investition in die Zukunft, wenn Eltern ihren Töchtern zum Schulabschluss die Weitung der Mandelaugen durch Verdopplung der Lidfalte oder eine Nasenbegradigung schenken. Analog zum Führerschein, den es anderswo gäbe. Denn es geht nicht um Freude sondern um Erfolg, um Qualifikation für einen guten Job.
Dahinter steht ein normierter Schönheitsbegriff, der ein bestimmtes Gesicht zu verlangen scheint – und vielleicht eine veränderte Sehgewohnheit. Es geht, so habe ich gelesen, um eine gemeinsame makellose Identität.
Dabei ist gerade Schönheit etwas ganz und gar Unnormierbares.
Die koreanische Fotografin Kim Geum-hee erzählt, dass sie mit Menschen, die sich von ihr porträtieren lassen möchten, zunächst lange erzählt. Sie fragt danach, was Menschen lieben und mögen und wartet darauf, dass sich ihr Gesicht im Erzählen über die schönen Dinge des Lebens löst und entspannt, klar wird und hell. Nachdem sie selbst drei Beratungen in Schönheitskliniken erlebt und ihre angebliche Korrekturbedürftigkeit zur Kenntnis genommen hat, sagt sie: „Diese Art Schönheit will ich nicht.“ So gesehen ist Schönheit keine Form, kein ideales Maß, sondern ein inneres Licht.
Schließlich: Wenn Himmel und Erde von der Ehre und Herrlichkeit Gottes erzählen, warum nicht auch unsere so unterschiedlichen Gesichter?

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  Unterwegs

Unterwegs

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.05.2021

Nach dem es letzte Woche geregnet hat, kann man den Bäumen beim Grünwerden förmlich zusehen. Haben Sie die Gelegenheit genutzt, um schon mal eine Wanderung durch die frühlingshafte Umgebung zu machen? Ich finde, dass man dabei gut den Kopf frei kriegt, neue und schöne Eindrücke mitnehmen kann und mal etwas größer gedacht: So eine Wanderung hat für mich auch immer so einiges mit unserem Leben insgesamt gemein.
So, wie unsere Wanderwege, die wir gehen, so sind wir auch auf unseren Lebenswegen unterwegs. Jede und jeder von uns hat ihren oder seinen ganz individuellen. Und so, wie die Wanderwege im Elm oder im Harz bringen uns auch unsere Lebenswege an Abzweigungen und Kreuzungen, an denen wir uns entscheiden müssen, wo wir weitergehen wollen, rechts oder links oder geradeaus.
Unsere Wege führen uns zu Rastplätzen, an denen wir bleiben können. Unser Elternhaus, unsere Schule, unser Arbeitsplatz sind solche Rastplätze, an denen wir Zeit verbringen und Weggefährten treffen können, die uns begleiten und die wir begleiten – ein kurzes Stück oder eine sehr lange Etappe. Wir teilen mit ihnen Erlebnisse, meistern Herausforderungen, schließen Freundschaften. Wege trennen sich wieder, es gibt Abschiede, wir machen neue Bekanntschaften und je länger wir unterwegs sind, desto mehr erfahren wir, desto trainierter sind wir unterwegs.
Unsere Wanderungen in der Natur können ganz unterschiedliche Ziele haben. Unsere Wanderungen auf unseren Lebenswegen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben alle dasselbe Ziel. Doch wie wir dieses Ziel verstehen, das ist sehr unterschiedlich.
Mir sagte mal jemand, dass jedes Leben auf die größte, vorstellbare Katastrophe zusteuert: den Tod. Für Menschen, die das so sehen, enden unsere Lebenswege im Nichts, in einem schwarzen Loch, an einem ultimativen Nullpunkt. Mich schaudert bei einer solchen Vorstellung und ich verstehe, dass Menschen in Panik verfallen, in Torschlusspanik und alles unternehmen, um aus diesem Leben so viel wie möglich herauszuquetschen, gehetzt und voller Angst etwas zu versäumen.
Für uns Christinnen und Christen ist das Gott sei Dank anders. Unsere Wege führen uns nach Hause, wir sind unterwegs auf unserem Heimweg. Wir haben Ostern im Rücken, das Fest, das uns für diese Sicht der Dinge den Mut und die Hoffnung gibt. Wir dürfen wissen, dass es am Ende unserer irdischen Wanderung weitergeht, dass etwas Großartiges auf uns wartet, wenn wir zu Hause angekommen sind. Denn Gott hat für uns in Jesus Christus eine Tür aufgestoßen, die uns eine Perspektive ermöglicht, die weit über all das hinausweist, was wir mit unserer menschlichen Vernunft überhaupt fassen können.
Und auch, wenn wir auf einigen Streckenabschnitten unseres Lebens den Eindruck haben, dass gerade kein Wegbegleiter für uns da ist, einen haben wir immer an unserer Seite: unseren Freund und Bruder Jesus Christus. Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, verspricht er uns. Darauf dürfen wir uns verlassen – auf glattem Asphalt genauso wie auf holprigen Feldwegen und in tiefen Schlaglöchern. So lässt es sich gut unterwegs sein, im Leben ebenso wie im frühlingshaften Braunschweiger Land. Amen.

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  …und des Friedens kein Ende in seinem Königreich

…und des Friedens kein Ende in seinem Königreich

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.04.2021

Vor so etwa 130 Tagen war Weihnachten. Haben Sie noch Bilder von diesem in 2020 so besonderem Fest in Erinnerung? Vieles war anders als wir es gewohnt sind, anders auch als wir es liebgewonnen haben. Es gab keinen Weihnachtsmarkt, viele Gottesdienst sind ausgefallen, andere, wie hier bei uns am Dom, konnten nur mit wenigen Menschen und großem Abstand zueinander gefeiert werden und es gab auch kein kräftig gesungenes „O, du fröhliche“.
Doch wiederum gab es trotz allem auch vertrautes, so zum Beispiel die weihnachtlichen biblischen Lesungen. Und ein Ausschnitt aus der folgenden ist die Tageslosung für heute: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich.“
Wir hören diesen Text jedes Jahr aufs Neue und wir verstehen, dass Jesaja hier in göttlichem Auftrag das Kommen Jesu Christi angekündigt hat. Dieser Teil seiner Prophezeiung ist eingetreten, aber was ist mit dem Rest? Was ist mit „des Friedens kein Ende in seinem Königreich“? Haben wir da irgendwas verpasst?
Ein Blick in die Tageszeitung oder eine Nachrichtensendung im Fernsehen ließe uns sehr schnell zu dem Schluss kommen, dass Jesaja hier mit seiner Prophezeiung wohl kräftig danebenlag. Denn wenn wir auf dieser Welt von etwas meilenweit entfernt sind, dann ja wohl von Frieden ohne Ende, oder wie sehen Sie das? Ich habe neulich Zahlen gesehen, wie viel Geld die einzelnen Staaten dieser Welt für Rüstung ausgeben und es fällt selbst mir als Banker schwer, diese Beträge zu begreifen. Frieden ohne Ende geht anders.
Doch ich denke, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir immer nur auf Gott warten, damit er alle Probleme für uns löst, vor allem meine ich solche, die wir selbst zu verantworten haben. Wie ein Leben in Frieden und Liebe zueinander geht, hat Gott uns in seinem Sohn eindrucksvoll vorgelebt. Darum hat er ihn in diese Welt geschickt, was wir ja alljährlich an Weihnachten feiern. Doch dieses Beispiel nun mit Leben im Hier und Jetzt zu füllen, das ist und bleibt nun mal unser Job.
Und ja, man möchte die Leute, die für die Rüstungsausgaben verantwortlich sind, gern mal am Schlafittchen packen, sie alle an einen Tisch holen und ihnen sagen: Schaut auf Jesus Christus. Der hat Euch gezeigt, wie es gehen kann. Nun bemüht Euch endlich mal und macht was draus!
Klingt naiv und weltfremd, ich weiß. Doch es ist ja gerade das Thema, dass Frieden so Welt-fremd ist. Und mal ganz persönlich: Ich möchte mir diese naive Hoffnung und den Glauben, dass es uns Menschen irgendwann einmal gelingt, friedlich und liebevoll miteinander zu leben, nicht nehmen lassen. Denn wenn diese Hoffnung erst einmal gestorben ist, dann ist es die Chance auf Frieden ohne Ende auch. Ich denke, dass Gott will, dass wir es immer weiter versuchen, ihm zur Ehre und im Namen des Kindes, das uns geboren ist. Amen.

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  Demut

Demut

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.04.2021

Niemand ist überflüssig. Er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Natürlich ist dieser Spruch nicht so ganz ernst gemeint. Doch er deutet auf eine gewisse menschliche Schwäche hin, jene nämlich, aus bereits gemachten Fehlern anderer zu lernen. Das gelingt uns nur eingeschränkt gut und oft genug holen wir uns dann selbst nochmal eine blutige Nase, weil wir die unseres Mitmenschen irgendwie nicht so ganz ernst genommen haben und lieber selber nochmal vor die Wände laufen, vor die schon andere vor uns gelaufen sind.
Erfolgversprechender scheint es zu sein, wenn wir uns nicht auf die Fehler anderer fokussieren sollen, sondern auf ihre Stärken. Menschen entwickeln große Motivation und Energie, wenn sie einem Idol nacheifern. Ein solches Idol kann ein erfolgreicher Sportler sein, eine gute Sängerin, ein Bestsellerautor, ein Arbeitskollege oder eine Freundin, die etwas gut kann, was auch wir gerne so gut können würden. Unsere Eltern können unsere Vorbilder sein, genauso wie unsere Lehrer, oder, oder, oder.
Was solche menschlichen Positivbeispiele von den Negativbeispielen unterscheidet ist auch, dass erstgenannte oftmals in besonderer Weise ausgezeichnet werden. Ihnen werden Oscars und Grammys verliehen, nationale und internationale Kulturpreise, Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, Pokale und diverse andere Ehrenabzeichen. Auch das Bundesverdienstkreuz ist in diesem Zusammenhang zu nennen als eine Auszeichnung für Menschen, die sich in besonderer Weise um das Gemeinwohl verdient gemacht haben.
Auch Kardinal Marx sollte das Bundesverdienstkreuz bekommen für seinen beispielgebenden Einsatz für Geflüchtete. Marx hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder und sehr klar für Gerechtigkeit und Solidarität in unserer Gesellschaft gegenüber den hier bei uns angekommenen Geflüchteten eingesetzt.
Als nun bekannt wurde, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden sollte, kam deutliche Kritik auf. Diese machte sich insbesondere daran fest, dass Marx auch bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche Verantwortung trage und dieser gesamte Themenkomplex bei weitem noch nicht zufriedenstellend abgeschlossen sei.
Kardinal Marx hat daraufhin Bundespräsident Steinmeier gebeten, von der Auszeichnung abzusehen, auch, um Missbrauchsopfer nicht noch mehr zu verletzen. Ich finde, dass dieser Schritt aller Ehren wert ist. Es ist kein Schuldeingeständnis, aber ein deutliches Zeichen für eine angemessene und demütige Sensibilität.
Wenn jemand bereit ist, in Demut und Bescheidenheit auf persönliches Lob zu verzichten, dann ist das eine durchaus christliche Lebensäußerung. Denn Jesus Christus sagt von sich selbst: „Ich bin sanftmütig und von ganzem Herzen demütig.“ Selbst ihm als Sohn Gottes war also Demut nicht fremd. Demut als Verneigung des eigenen Egos vor etwas Größerem – sie kann ein guter Wegweiser sein auf unseren Lebenswegen und das nicht nur, wenn es um das Bundesverdienstkreuz geht. Amen.

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  WORKER’S MEMORIAL DAY

WORKER’S MEMORIAL DAY

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.04.2021

Heute ist der Worker’s Memorial Day, der Tag des Gedenkens an Lohnarbeiter, die auf Grund ihrer Arbeit verletzt wurden, erkrankten oder sogar ihr Leben verloren haben. Der Gedenktag wurde in 80er Jahren in Kanada ins Leben gerufen und 1996 vom Internationalen Gewerkschaftsbund weltweit übernommen.
Allein in Deutschland ereignen sich im Jahr rd. eine Million Arbeitsunfälle, mehrere Hundert davon mit tödlichem Ausgang. Bei den in unserem Land über 40 Millionen Erwerbstätigen ist das eine im internationalen Vergleich eher geringe Quote. Doch wie immer, wenn es um Statistiken geht, darf man nicht vergessen, dass hinter jeder einzelnen Zahl ein individuelles Schicksal steht, ein wertvolles Menschenleben, dass durch einen Unfall beeinträchtigt oder sogar zerstört wird.
Dass die Zahlen in unserem Land dennoch vergleichsweise niedrig ausfallen, liegt sicherlich auch an den hierzulande geltenden Sicherheitsvorschriften, die das Leben und die Gesundheit der Menschen schützen und bewahren. Hier und da wird immer mal wieder Kritik laut, dass so manches überreguliert und dadurch umständlich und bürokratisch ist und so die Preise steigen und die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Doch wenn dadurch Menschenleben geschützt werden, haben diese Vorschriften ganz sicher ihre Berechtigung.
In anderen Ländern ist die Situation wesentlich schlechter. Dort werden Menschen und ihre Arbeitskraft in erster Linie als Produktionsfaktoren gesehen und bewertet und Arbeitsschutz lediglich als Kostenfaktor. Ein sehr prominentes Beispiel dafür ist Katar.
Dort soll im kommenden Jahr die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden. Seitdem das Land den Zuschlag hierfür erhalten hat, sind nach inoffiziellen Angaben mehr als 6.500 Gastarbeiter ums Leben gekommen. Die überwiegend jungen Männer hatten an diversen Infrastrukturprojekten im Zusammenhang mit der WM und beim Stadionbau gearbeitet. Da die Statistiken lückenhaft sind, geht man davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer noch höher liegen dürfte.
Katar steht für seine schlechten und offenbar lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen berechtigterweise international in der Kritik. Die Arbeitsmigranten werden oftmals von dubiosen und intransparenten Agenturen aus dem Ausland nach Katar gebracht und müssen für die Vermittlung horrende Beträge zahlen. Doch es ist für diese Menschen, die überwiegend aus Südasien oder Afrika kommen, vielfach die einzige Lösung, ihre Familien zu ernähren.
Katar selbst hat auf die Kritik bisher mit nur halbherzigen Reformen reagiert. Und die FIFA, die mit ihrer Vergabe ja quasi der Auslöser dieses Elends ist, hält sich eher zurück, beschönigt die Zahlen und sieht sich kaum in der Verantwortung. Ein fröhliches Fußballfest soll es werden im kommenden Jahr. Wie das gehen kann, wenn die Vorbereitung dieses Festes mehrere Tausend Menschen mit dem Leben bezahlt haben, ist für mich schwer vorstellbar. Und damit, dass Profifußballer das Wort „Menschenrechte“ auf ihre Trikots drucken lassen, dann aber doch hinfahren, ist es ganz sicher auch nicht getan.
Jesus Christus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Kann man in diesem Zusammenhang ja mal drüber nachdenken. Amen.

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  In die Falle getappt

In die Falle getappt

Henning Böger, Pfarrer - 27.04.2021

Manchmal ist es „wie verhext“: Egal, wohin man einen Schritt tut, irgendeine Falle schnappt immer zu! Man ahnt nichts Böses, und schon bekommt man von einem Mitmenschen etwas an den Kopf geworfen. Wie ungerecht ist das denn? An manchen Tagen scheint sich alles gegen einen zu verschwören!
Aber es geht auch anders herum: Du äußerst gedankenlos Kritik am Kollegen. Du vergisst einen wichtigen Geburtstag. Du triffst den falschen Ton im Gespräch mit deiner Frau, den Eltern und Kindern. Jede Menge Fallen, die sich im Laufe eines Tages auftun können!
Ein Sprichwort sagt: „In Fettnäpfchen treten, ist wie Fahrradfahren: Man verlernt es einfach nie!“ So sehr wir uns auch bemühen, in die eine oder andere Falle tappen wir. Wer das akzeptiert, der hat fürs Leben gelernt.
Wenn ich der Spur meiner Fettnäpfchen etwas grundsätzlicher folge,
dann kann ich schon nachdenklich werden: Warum ist das Leben denn so oft von dieser durchwachsenen Qualität, die sich anfühlt, als würde man in eine Falle tappen? Warum gibt es nichts, was einfach nur gut und positiv ist, und zwar für immer?
Wer das Leben mit seinen Fallstricken kennt, der kennt auch den Wunsch, dass dieses Leben sich wandeln könnte: Von den alten Mustern in neues Verhalten. Vom Frust zur Lust. Von der Falle zur Freude.
Dazu passt ganz gut ein Satz, den der Apostel Paulus im zweiten Korinther-brief schreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Ich verstehe Paulus so so: Wer sich mit Christus verbunden weiß, der aus Gottes Liebe den Stricken des Todes entronnen ist, der wird selbst auf neue Wege geführt. Dem kann sich eine wirklich andere Sicht der Dinge auftun: Ganz gleich, wie viele Fallen es im Leben geben mag, mitten darin gibt es schon ein anderes Leben, das mit diesem Christus zu tun hat. Wer zu ihm gehört, der wird verwandelt.
Aus dem Alltag mit seinen Fallstricken und Fettnäpfchen heraus auf Christus zu schauen, macht den Blick weit für dieses neue Leben. Das eigene und das der anderen.
Und jede Falle, in die man dennoch tappt, wird zur Erinnerung daran, dass Gottes neue Welt keine Fallen mehr hat. Ganz gleich, wohin man dann tritt: Das Leben steht im Letzten auf gutem und sicherem Grund.

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  Neues wird

Neues wird

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.04.2021

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Von Ödön von Horváth stammt dieser Satz, der uns beim ersten Hören ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann. Doch es steckt eine große Wahrheit hinter diesen Worten. Eigentlich bin ja gar nicht so, eigentlich ist sie oder er ja gar nicht so, das hören wir oftmals dann, wenn auf der zwischenmenschlichen Ebene irgendetwas danebengegangen ist. Da rutscht uns im Gespräch mal eine eher unbedachte Äußerung raus, die unseren Gegenüber verletzt, da kommt eine schroffe Abfuhr auf eine freundliche Anfrage, da bricht sich etwas beinahe unkontrolliert Bahn, was schon lange in uns gärte, und schon ist der Ärger da.
Wir wollen es nicht und doch passiert es. Das gilt für alle möglichen Lebensbereiche. Immer und überall unterlaufen uns Fehler. Besonders schwer ist es für jene, die das nicht akzeptieren wollen, weder bei sich noch bei den anderen. Sie werden regelmäßig mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert. Etwas leichter kommen wir durchs Leben, wenn wir unsere Begrenztheit und Fehlbarkeit anerkennen und einfach mal hinnehmen, dass wir nicht perfekt sind.
Und dennoch ist es nicht schön, dass wir immer wieder Schuld auf uns laden, gegenüber unseren Mitmenschen genauso wie gegenüber Gott. Auch ihm bleiben wir regelmäßig etwas schuldig. Auch das ist unabwendbar, ganz egal wie sehr wir uns bemühen und anstrengen.
Über dieser Woche heiß es: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Dass Altes vergeht und Neues wird, ist uns geläufig. Der Frühling liefert gerade ein Paradebeispiel dafür, wie Neues prachtvoll werden kann. Doch Paulus spricht uns an, Sie und Euch und mich. Auch mit uns und in uns kann Neues werden, wenn wir, wie der Apostel sagt, in Christus sind.
Wir haben die Chance, den ganzen alten Mist hinter uns zu lassen, unsere Verfehlungen, unsere Missgeschicke oder biblisch gesprochen: unsere Sünden. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“, sagt Jesus selbst und er meint das auch so. Wir dürfen bei ihm abladen, was uns bedrückt, was uns auf der Seele liegt, was wir unseren Mitmenschen und auch Gott schuldig geblieben sind. So gibt er uns immer wieder die Gelegenheit, neu anzufangen.
Das ist kein Persilschein dafür, dass wir machen können, was uns mal eben so in den Sinn kommt. Verantwortung sollen wir schon übernehmen. Aber wir müssen uns nicht davor fürchten, dass wie uns damit übernehmen, denn er verspricht, uns die Fehler, die uns unterlaufen, zu vergeben.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Eine entlastende Zusage, mit der es sich leben lässt, in heiter Gelassenheit und voller Zuversicht und Dankbarkeit. Amen.

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  Was ist los?

Was ist los?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.04.2021

Die Magazine zu den Wochenendausgaben der großen Zeitungen machen derzeit jede Menge Fotoserien mit Sehnsuchtsorten, weil man ja nur in Gedanken reisen kann. Vermutlich tun das auch viele. Und so ziehen wir kreuz und quer durch Europa, verweilen an Lieblingsorten oder nehmen uns fest vor, wirklich loszufahren und endlich nachzusehen, wie es ist, wenn es wieder geht – denn unser Kontinent ist ja ein fantastisches Fleckchen Erde, voller verschiedenster Kulturen, Gerichte, Sprachen, Traditionen, Feste – und untereinander verbunden durch eine große Idee.
Dieser widmet sich der Aachener Karlspreis. 2016 wurde an Papst Franziskus verliehen. Damals befanden wir uns unter dem Eindruck der großen Flüchtlingskrise, Karawanen von Menschen waren losgezogen und kamen auch auf dem Münchner Hauptbahnhof an. Es gab große Gastfreundschaft aber bald wurden Grenzen wieder spürbarer. Angst, teilen und das eigene Leben ändern zu müssen, nahm zu. Und Abschottung galt manchen als Mittel der Wahl.
Heute erleben wir das unter anderem Vorzeichen: jetzt sind Grenzen kaum passierbar, jedes Land ringt allein mit den Wellen der Pandemie, den sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Begegnungen und Teilhabe sind kaum möglich. Aber alle sind irgendwie betroffen. Die Wahrnehmung des Elends an Europas Grenzen, des Sterbens auf dem Mittelmeer, die Gewalt in Irland und die Verarmung vieler Menschen, die keinen Anteil am unermesslichen Reichtum der westlichen Welt haben, rückt dabei in den Hintergrund.
Umso eindrücklicher die Worte des Papstes, die klingen als seien sie nur wenige Stunden alt:
„Was ist mit dir los, Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa? … Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundetetn Welt ist es doch notwendig, zur Solidarität der Tat, zur konkreten Großzügigkeit zurückzukehren…“
Was ist los?
Wir befinden uns in einer Krise, die Stärken und Schwächen unbarmherzig offenlegt. Wir sind unterwegs in einer Zeit, in der man fast vergisst wie das Unterwegssein war, in der man das Gestaltenkönnen vermisst, erst recht die Berührung und überraschende Begegnung, das Lernen voneinander – wir sind ratlos, wohin uns das alles führen mag.
Aber wir sind auch unterwegs zwischen Ostern und Himmelfahrt und immer klingt über allem das: „Fürchtet euch nicht“ des Ostermorgens und das „Bleibt in der Stadt bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.“
Lasst uns also nicht zu lange in Gedanken reisen, sondern konkrete
Wege suchen. Für das hier und dort, das jetzt und dann, die Menschen, mit denen die Welt teilen.

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  Zwischen Kassandra und Herkules...

Zwischen Kassandra und Herkules...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.04.2021

Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Diesem düsteren Geschlecht ist nicht zu helfen; man muss nur meistenteils verstummen, um nicht, wie Kassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man weissagte, was schon vor der Tür steht.“ Christa Wolf hat das Zitat ihrem Band „Kassandra, Voraussetzungen einer Erzählung“ vorangestellt. Das Buch erschien 1983 in der DDR. Kassandra, eine Figur der griechischen Mythologie, war beschenkt mit der Gabe des Hellsehens und verflucht, weil niemand auf sie hörte.
Als Christa Wolf sie ins Bewusstsein holte und ihr bestürzende Aktualität verlieh, begegnete ich zum ersten Mal ernsthaft der ökologischen Frage: Es ging um das Waldsterben.
Umweltfragen waren im Osten ein Tabu und wurden in der Öffentlichkeit kaum thematisiert; darum saß ich, gerade konfirmiert zwischen langhaarigen Typen in der Jungen Gemeinde und hörte gruseligen Analysen dessen zu, was ich bei meiner Großmutter im Osterzgebirge zu sehen bekam: Fichten wurden braun und starben ab, Königskerzen verschwanden, der Waldboden wurde immer trockener und gute Pilzjahre selten…
Schuld waren der saure Regen und die Braunkohle, die auch in meinen Haaren während der Heizsaison einen speziellen Duft hinterließ.
Jenseits der Grenze wurden Tannen ohne Nadeln zum Sinnbild für ein Überleben ohne Wald.
Eigentlich undenkbar für Deutsche, deren Waldleidenschaft schon fast sprichwörtlich ist.
Das Thema aktivierte die Menschen und brachte Veränderungen: Filter für Kraftwerke und Katalysatoren für Autos. Die Luft wurde wieder besser und der deutsche Wald erholte sich. Aber offenbar nur vorübergehend. Denn jetzt geht es dem Wald schlechter als jemals zuvor: Trockenheit, Stürme, Schädlinge… - man muss nicht weit fahren ums sich das ganze ausmaß anzusehen.
Wieder ruft Kassandra…
Diese Woche steht die Klimafrage einmal mehr auf der weltpolitischen Tagesordnung, bei der EU, in Washington, in der ganzen Welt. Es werden ziele formuliert und hoffentlich Wege gesucht. Eine „Herkulesaufgabe“ nennt Angela Merkel das. Auch der eine Figur der griechischen Mythologie, ein Held, der Ungeheuer besiegte und einen legendären Stall ausmistete, den des Augias. Unschaffbar also?
In einem Brevier mit Texten des Theologen Jürgen Moltmann steht über diesem Freitag: „Das Fest der Schöpfung ist das Ziel der ganzen Geschichte Gottes mit der Welt von der Schöpfung im Anfang bis zur Schöpfung der Endzeit.“ Wir sind nur ein kleiner Teil in allem, Mitgeschöpfe und dürfen hören: das Ende, das Fest der Schöpfung steht noch aus. Bis dahin lasst uns achtsam mit ihr sein.

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  Was ist ein Verlierer?

Was ist ein Verlierer?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.04.2021

Was ist eigentlich ein Verlierer?
Einer, der zuletzt ins Ziel kommt, die wenigsten Punkte hat, zu tief gesprungen ist, sich nicht getraut hat?
Einer, der gewartet hat? Einer, der nicht nur den eigenen Vorteil im Blick hat?
Einer, der …?
Wenn man Interviews und Kommentare zur Entscheidung über die Kanzlerkandidatur bei den Grünen liest, dann scheint vor allem Robert Habeck einer zu sein. Der hat seinen Traum geopfert und eigene Ambitionen zurückgestellt, sich womöglich in der Situation gesehen, keine Freiheit zu haben und zurückstecken zu müssen nur weil er ein Mann ist. Der muss sich nun fragen lassen, wie weh das tut.
Und er tut nicht so als ob ihn das nicht schmerzt.
Wer bis so weit gekommen ist, hat sehr viel, wenn nicht alles gegeben und seinem Ziel vieles untergeordnet. Nun geht es Robert Habeck wie manch anderem – weißen – Mann, der einen Job oder eine Rolle nicht bekommt, eben weil er genau das ist: ein weißer Mann.
Das ist nicht gerecht. Das sollte kein Kriterium sein.
Es ist aber vielleicht der Weg. Irgendjemand muss die Spur treten.
Ist Robert Habeck deswegen ein Verlierer?
Ich finde das nicht. Es ist eine konsequente Haltung und Habeck steht dazu, auch wenn es zu seinem Nachteil ist. Erstaunlich, dass ihm – jedenfalls in der ZEIT – gerade Frauen in den Mund legen, dass er die Rolle des männlichen Verlierers prägen würde.
Dabei ist er keineswegs der Erste. Sind all die Männer, die in ihren Partnerschaften und als Väter, Frauen und Töchter ermutigt und bestärkt haben, im Beruf voranzugehen und selber auf Karriere verzichtet haben, deswegen auch Verlierer? Sind all die begabten gut ausgebildeten Frauen, die jahrzehntelang Zuhause geblieben sind, Verliererinnen?
Solche Perspektive macht hart.
Solcher Perspektive nach sind wir EU-Bürgerinnen und Bürger, die wir nicht alle in der EU produzierten Impfdosen nur für uns verbrauchen, dumme Verlierer.
Oder eben doch die, die wenigstens dann und wann versuchen, Lasten gemeinsam zu tragen.
Über dem Tag der Bekanntgabe der Kandidatur hieß es übrigens in den Herrnhuter Losungen: „Der Herr festigt dem die Schritte, dessen Weg ihm gefällt. Kommt er zu Fall, so stürzt er doch nicht, denn der Herr stützt seine Hand.“

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  Sonne!

Sonne!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.04.2021

Wenn man es nicht immer mal wieder selber erleben würde, wie regelrecht euphorisierend so ein warmer heller Sonnentag ist, würde man den Schwärmern beim Übertreiben milde zulächeln – schon klar, Sonne setzt Hormone frei - oder sowas.
Aber wenn man dann an sich selbst erlebt, wie die Sonne den Schritt beschwingt und das Herz leicht macht, staunt man doch und jedenfalls ich bin in solchen Momenten oft voll Ohrwurm. Letzteren hat man in dieser ablenkungsarmen Zeit - das glaube ich jedenfalls beobachtet zu haben – länger und intensiver als sonst.
Glück für mich, dass meiner gar nicht nervt:
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne, bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht.“
Paul Gerhardt, der Textdichter, erlebte ungleich schwerere Zeiten als wir. Er durchlitt den dreißigjährigen Krieg und eine schreckliche Pestepidemie, stand an den Gräbern seiner Kinder und rang nach Worten, die durchhelfen.
Es ist tief berührend zu hören, wie der Mann – dem wir so wunderbare Lieder wie: „Ich steh an deiner Krippen hier“ oder „Ich singe dir mit Herz und Mund“ verdanken – Kraft aus dem geschöpft hat, was ihn umgab: die Natur. Aus ihrer Fülle und Schönheit zog er die Gewissheit, dass die schmerzhaften Grenzerfahrungen seines Lebens tragen zu können.
Er nahm das Sonnenlicht und all die Wärme und Energie, Lebenskraft und Zuversicht, wie ein Geschenk. Vielleicht ein bisschen so, wie der Prophet Elia die Stärkung durch den rauben erlebte, der dem erschöpften mürben und verzweifelten Mann in der Wüste zu essen und trinken brachte und ihn ermunterte, aufzustehen und wieder loszugehen.
Und also heißt es dann auch:
„Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich bin munter und fröhlich, schaue dem Himmel mit meinem Gesicht.“
So alt sind diese Worte – man kann fast nicht glauben, dass Menschen sich seit vierhundert Jahren daran trösten und stärken ohne den leisesten Abnutzungseffekt. Obwohl: kaum scheint die Sonne, kann man mal wieder selber erleben, wie euphorisierend so ein warmer heller Sonnentag ist, heilsam. Wunderbar.

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  Acht Jahre alt und Lust auf Eis

Acht Jahre alt und Lust auf Eis

Henning Böger, Pfarrer - 20.04.2021

Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Er sitzt aber im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht bewegen und nicht sprechen. Sein Kopf fällt immer leicht nach rechts. Muskeln nicht auch keine da. Aber große Lust auf Eis im ersten Frühlingssonnenschein.
Darum sitzen die Eltern mit dem Jungen jetzt im Park. Auch die Oma ist dabei oder eine Freundin. Eine muntere Runde ist das. Und der Junge, vielleicht acht Jahre alt, ist in ihrer Mitte.
Acht Jahre alt und Lust auf Eis, dass passt. Und das bekommt er auch, wie alle anderen. Jeder hat einen Becher aus der Eisdiele in der Hand und löffelt. Mama und Oma reichen dem Jungen Löffel mit Eis, manchmal auch der Papa. Der Junge gibt Laute von sich. Es klingt vergnügt. Die Erwachsenen sind im Gespräch miteinander. Manchmal schauen sie zum Jungen im Rollstuhl. Ein neuer Löffel mit Eis. Und dann auch eine zweite Hand, die mit einem Läppchen vorsichtig über den Mund des Jungen wischt.
Zwischen den Löffeln mit Eis sorgt jemand auch für die Atemmaske des Jungen. Hinten am Rollstuhl ist eine Maschine angebracht, die beim Atmen hilft. Die Maske kommt kurz runter von Mund und Nase und ein neuer Löffel eins. Dann muss die Maske wieder aufgesetzt werden. Eingespielt wirkt das. Alle legen Hand an; alle wissen, was zu tun ist. Sie sind da miteinander und füreinander. Einfach so.
Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Für einen allein wäre die Last zu groß mit dem Jungen und Eis und Rollstuhl und Atemmaschine. Aber miteinander geht es. Wenn man nicht viel sagen oder fragen muss, wenn alle wissen, was zu tun ist, und Hand anlegen. Sicher, die Last bleibt schwer. Jeden Morgen und Abend. Und jede Nacht. Aber niemand soll sie alleine tragen.
Oft verstehen wir das Leben nicht mit seinen Erfahrungen von Krankheit, Last und Leid, die so willkürlich verteilt erscheinen. Eigentlich kann man es nie verstehen! Aber das, was sich uns nicht erklärt, können wir gemeinsam tragen. Herz und Hand anlegen, wenn jemand Hilfe braucht. Oder Lust hat auf ein Eis. Dann sollen wir da sein. Einfach so.

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  Schafe und Hirten

Schafe und Hirten

Heiko Frubrich, Prädikant - 19.04.2021

Eine Schafherde und ihr Hirte – dieses Bild steht kirchenkalendarisch über der neuen Woche zusammen mit dem 23. Psalm und dem Jesuswort: „Ich bin der gute Hirte.“ Ich habe schon seit geraumer Zeit in unserer Region keine Schafherde mehr gesehen, die mit ihrem Hirten unterwegs war, im Fernsehen vielleicht irgendwann mal, aber in natura eher nicht. Für die Menschen zur Zeit Jesu gehörte das allerdings zum Alltag. Ihnen war dieses Bild sehr vertraut und sie wussten sofort, was es ausdrücken sollte.
Der Hirte ist einer, der sich kümmert, dem das Wohl seiner Schafe am Herzen liegt, dem es nicht zu mühsam ist, jedes einzelne zu suchen, wenn es sich von der Herde getrennt und verlaufen hat. Und so sagt Jesus von sich: Ich bin der gute Hirte. Denn das Adjektiv „gut“ ist wichtig, weil es eben auch die anderen gibt.
Es gibt die, die sich selbst als Hirten postulieren, um Menschen hinter sich zu versammeln. Doch ihre Absichten sind ganz weit weg von gut. Sie nutzen die menschliche Ursehnsucht aus, sich jemandem anschließen zu können, der Idol, Ideal oder Leitstern ist. Wir alle wissen, was passieren kann, wenn bei den Schafen so gar keine kritische Haltung mehr vorhanden ist oder zugelassen wird. Alle Diktatoren bezeichnen sich selbst als gute Hirten und irgendwann ist es zu spät, um zu erkennen, welche Ziele sie tatsächlich verfolgen.
Ich denke, dass wir auch in unserem Land sehr wachsam sein müssen, um die falschen Hirten zu erkennen, die gerade jetzt wieder versuchen, neue Herden um sich zu scharen. Es gilt, Vorsicht walten zu lassen, gegenüber jenen falschen Hirten, die die Angst, die Verunsicherung und die Zweifel vieler Menschen ausnutzen, um sich als Heilsbringer darzustellen, die die Wahrheit für sich gepachtet haben, tatsächlich aber etwas ganz anderes im Schilde führen.
Hier wird auch ein anderes Bild wach. Schafe gelten gemeinhin als einfältig und unmündig. Anstatt selbst auf den Weg zu achten und das eigene Gehirn einzuschalten, vertraue ich mich mehr oder weniger blind irgendeiner Führergestalt an. Soll die sich doch kümmern, ich lauf brav hinterher und wenn es dann am Ende schiefgeht, habe ich auch gleich jemanden, dem ich die Schuld anhängen kann.
Das ist nicht die Vorstellung, die Jesus als guter Hirte vermitteln will. Er lässt uns Freiheiten, und er fordert und geradezu auf, sie zu nutzen. Wir sollen Verantwortung übernehmen für unser Tun und Lassen, Verantwortung für unser Leben und für das Leben unserer Mitmenschen. Jesus wünscht sich eine Herde mündiger und selbstbewusster Schafe, die verstanden haben, worum es geht, und die gerne und auch engagiert dafür eintreten.
Und wir dürfen sicher sein, dass wir ihn als unseren guten Hirten dabei immer an unserer Seite haben. Amen.

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  Anschwung ins Leben

Anschwung ins Leben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2021

Das letzte Mittagsgebet mit der großen Orgel ehe sie auseinandergenommen, gereinigt und restauriert wird. Noch einmal voller Klang und Pomp und die Ahnung wieviel Schall tausend Menschen schlucken wenn hier in der Osternacht oder zu Heiligabend ordentlich Register gezogen werden. So kommen nun einige Monate mit weniger Volumen, schlichter grader Stil –mit einer kleinen geliehenen Behelfsorgel und anderen Instrumenten.
In Großbritannien wird indessen Prinz Philip beigesetzt. Auch das wird für königliche Verhältnisse eher schlicht ablaufen- vorgefahren in seinem Land Rover und ohne Hundertausende spalierstehende Menschen. Netflixexperten wissen mehr als dass er zwei Schritte hinter der Queen bleiben musste – denken sie jedenfalls. Was mich betrifft, habe ich gerade ihm in „The crown“ ganz besonders gerne zugesehen…
Am Ende bleibt seine lebenslange Gefährtin allein, stehen Kinder am Grab, die ihm Sorgen gemacht haben müssen und an deren Mühsal das Elternhaus seinen Anteil hat, Brüder, die nicht nebeneinander gehen können…
Am Ende wird ein Mensch zu Grabe getragen, der Träume beerdigt und trotzdem seine Passion gelebt hat – einer der uralt wurde (weswegen es eigentümlich ist, von Bestürzung zu reden), einer der es glücklich getroffen hat und im Osterfestkreis heimgegangen ist als würde er den Schwung der Osterfahrt nutzen – durch das Dunkel hindurch.
Vielleicht erinnern Sie sich daran, als wir hier im letzten Sommer eine afrikanische Trauerfeier hatten. Es war eine turbulente Situation, denn in einer afrikanischen Großfamilie ist es ein bisschen wie mit den Royals – jeder will zum Haushalt dazugehören… Am Ende standen alle in ihren bunten traditionellen Gewändern im großen Kreis auf dem Burgplatz und sangen. Und wie sie sangen!
„Wir geben der Toten Anschwung in den Himmel“ sagten sie.
Morgen wird überall im Land der Menschen gedacht, die an Corona gestorben sind. Vielleicht gelingt es erlösende Worte zu finden für alle, die zurückgeblieben sind, befriedend für die, die Umstände nicht verzeihen können – Anschwung ins Leben hier und dort, denn uns ist gesagt:
„Ich glaube aber doch, das sich sehen werde, die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“

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  Wohnen

Wohnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.04.2021

Unsere Tochter sucht eine Wohnung und also begibt sich die ganze Familie auf diese Mission: Registrierung bei Immowelt und Immoscout, Angebote sichten, sofort (nicht erst nachher, dann ist die Anzeige schon wieder weg) Interesse anmelden und Besichtigungen vereinbaren…
Es ist eine nervenaufreibende und zeitfressende Aktion – dabei ist unserer Familie gut dran, denn etliche Wohnungen liegen in unserer finanziellen Reichweite. Ich bin also optimistisch, dass wir das Problem mit vereinten Kräften, reichlich zeitlichem Vorlauf und bisschen Glück in den Griff kriegen werden.
Das ist eine privilegierte Situation – in vielerlei Hinsicht.
Und sie reißt den engen Coronahorizont auf (während ich das geschrieben habe, wurde das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Mietendeckel verkündet, der zwar schlecht eingefädelt dennoch ein drängendes Problem markiert):
Denn was machen junge Menschen, die dem überteuerten leergefegten Wohnungsmarkt allein gegenüberstehen – ohne den moralischen, organisatorischen und finanziellen Rückhalt eines stabilen Elternhauses?
Was machen alle die, die durch private, berufliche oder jetzt weltweite Krisen aus dem Tritt geraten sind und wohnen müssen, ja eigentlich sogar dringend schön wohnen sollten, denn gerade wenn Angst Seele frisst und Trauer drüber hängt, sind lichte schöne Räume eine kostbare Arznei…
Was machen alle die, deren Ersparnisse in den letzten Monaten weggeschmolzen sind, deren Einkommen eingebrochen ist und was machen unter denen die Frauen, die es finanziell meistens noch härter trifft?
Ganz zu schweigen von all den Menschen, großen und kleinen, in Notlagern und Camps…
Wer spricht da von Wohnen im Sinne eines Zuhauses, in dem man geborgen ist?
Deutschland ist ein reiches Land.
Und doch ist Wohnen auch hier ein Sorgenthema (vielleiht gerade hier, weil Geld Geld macht und Reichtum reicher). Wohnen ist ein Sorgenthema, das zu vielen Menschen Entwicklung, Integration, Familiengründung, Selbstbestimmung verhindert oder erschwert.
Wohnen ist ein Thema, das Menschen in die Obdachlosigkeit drängt.
Wohnen ist nicht im Grundgesetz verankert aber ein Menschenrecht.
Eines von denen, die jetzt in den Hintergrund geraten.
Es wird Zeit, die Horizonte aufzureißen…


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  Fröhlich bleiben – trotz allem!

Fröhlich bleiben – trotz allem!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.04.2021

„Wie geht’s?“ „Ach, im Grunde ganz gut. Aber ich habe so langsam die Nase echt voll!“ Ein oft gehörter Gesprächsbeginn in diesen Tagen – ich kann es gut verstehen. Schon über ein Jahr ist unser Leben nicht mehr so, wie wir es kannten und liebten, schon über ein Jahr müssen wir uns einschränken, auf vieles verzichten und uns zurücknehmen. Wir laufen komisch maskiert durch die Gegend, sehen nur mit Mühe, welchen Gesichtsausdruck unser Gegenüber gerade hat und irgendwie weht uns fast überall der Duft von Desinfektionsmittel entgegen, sogar hier im Dom.
Wir sind Corona-müde und der durchschnittliche Grad an Genervtheit steigt kontinuierlich an. Man merkt das zum Beispiel beim Einkaufen. Ich finde, dass die Leute viel öfter gereizt und leicht aggressiv reagieren als früher. Da dauert es mal es bisschen länger an der Fleischtheke oder an der Kasse und schon wird gemosert und gemeckert. Das Unangenehme daran ist, dass negative Stimmung viel ansteckender ist als positive. Andere Leute runterzuziehen mit der eigenen schlechten Laune ist weitaus einfacher, als schlecht gelaunte Menschen wieder zum Lächeln zu bringen. Und so breitet sich die schlechte Stimmung mancherorts genauso schnell aus wie momentan das Virus.
Manchmal hilft es, sich konkret zu fragen, ob es einem denn wirklich schlecht geht. Denn die Analyse der eigenen Lebenssituation zeigt dann nicht selten, dass man abgesehen von ein paar Einschränkungen im Grunde nichts Gravierendes auszuhalten hat. Es gibt natürlich viele Menschen, die von Corona gesundheitlich und wirtschaftlich schwer betroffen sind. Das will ich hier in aller Deutlichkeit sagen und nicht kleinreden. Diese Menschen brauchen unser aller Unterstützung und Solidarität. Doch es gibt eben auch genügend andere, die einfach nur deswegen rummosern, weil es im Moment viele andere auch tun.
Ich finde, wir sollten fair bleiben, auch in der Bewertung unserer eigenen Lebensumstände. Ich will jetzt nicht alles beschönigen, doch es gibt auch und gerade jetzt viele Dinge, an denen wir uns freuen können – jeden Tag aufs Neue. Die meisten von uns haben eine warme Wohnung, einen gut gefüllten Kühlschrank, sind gesund und haben auch sonst ihr Auskommen. Wir können uns draußen frei bewegen, können uns freuen an den ersten Zeichen des Frühlings, an zartem Grün und blühenden Osterglocken und Forsythiensträuchern. Und es gibt darüber hinaus eine Perspektive, dass mit zunehmender Impfquote weitere Lockerungen in nicht allzu ferner Zeit möglich werden.
Und wir haben Ostern im Rücken, unser ganz persönliches Dauer-Abo auf Hoffnung und Zuversicht, das auch in Pandemiezeiten sicher liefert. Über dem heutigen Tag heißt es: „Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!“ Dieses Wort aus dem 5. Psalm kann uns daran erinnern, dass wir auch aus unserem Glauben und unserem Gottvertrauen Mut zur Fröhlichkeit ziehen können – eine Quelle, die verlässlich und reichlich sprudelt.
Ja, vieles ist schwierig in diesen Zeiten, doch manchmal ist es deutlich weniger schwierig, als wir es fühlen und denken und erleben. Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben! Amen.

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  Kinder an die Macht

Kinder an die Macht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.04.2021

Zu meinem Leben gehört seit zwei Jahren eine Schäferhündin. Sie ist Zuhause bei Menschen, die mir so wichtig sind, dass ich versuchen musste, mich mit einem Hund anzufreunden. Nun genieße ich es, zu beobachten, wie Ziva die Natur entdeckt, wie aus dem tapsigen Welpen eine schlanke junge Dame wird und wie sie heute Morgen in aller Frühe andere Hunde begrüßt, beschnuppert, ein bisschen umtänzelt, Zärtlichkeiten austaucht, Begegnungen genießt.
Im Kopf hatte ich da noch ein Zeitungsfoto der beiden englischen Prinzen William und Harry, wie sie nebeneinander stehen, Abstand halten um jeden Preis…
Dann ist da der Berg von Briefen meiner Konfirmanden, in jedem auch eine Übersetzung des 23. Psalms in eigene Sprache. Für die Zeile: „Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein“ schreiben sie: „Gott schenkt mir Respekt und Vertrauen. Er ist großzügig…“ und zu „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ lese ich: Gott setzt uns zusammen an den Tisch, damit wir uns vertragen. Meine Feinde können sehen, dass Gott hinter mir steht.
Und Herbert Grönemeyer ist 65 geworden. Vor einem halben Leben hat er gedichtet: „Gebt den Kindern das Kommando / Sie berechnen nicht
Was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht…“
Kinder an die Macht?!
Ach nein: die langen Sitzungen, die mühsame Last der Verantwortung, das Scheinwerferlicht, die ständige Beobachtung, das Gezerre – nein, das braucht es nicht.
Aber endlich Kinder im Blick, ernsthaft und wirklich wichtiger als Fußball, Autos, Aktionäre, Wählerstimmen. Sie sind so viel schlechter dran als junge Hunde und dabei hellsichtig und aufmerksam, verletzlich und vorsichtig.
Es sind nicht die Kinder, die Partys feiern oder Parteitage abhalten, denen Ausnahmen gegönnt werden und Coronahilfen gezahlt. Es sind aber die Kinder, deren Lebenswochen doppelt und dreifach und vierfach zählen.
„Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht“ sagte Jesus Christus. Er wusste, dass sie Gehör brauchen. Zuerst und vor allem. Egal, ob die Jünger und alle anderen murren. Hoffentlich begreifen es endlich auch die, die die Macht haben.

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  Für ein friedliches Miteinander

Für ein friedliches Miteinander

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.04.2021

Heute vor 35 Jahren besuchte Papst Johannes Paul II. die Große Synagoge in Rom. Das klingt jetzt beim ersten Hören vielleicht so ein wenig nach der Bedeutung des berühmten Reissackes, der in China umfällt, doch der Besuch hatte durchaus historische Dimension. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein Papst ein jüdisches Gotteshaus besuchte und so markiert dieses Datum eine wesentliche Etappe bei der Intensivierung und auch bei der Verbesserung der Beziehungen zwischen Christen und Juden.
Das Verhältnis war in den vergangenen Jahrhunderten, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Immer wieder waren es auch Christen, die sich religiös motiviert an der Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger beteiligt hatten. Begründet oder besser bemäntelt wurden diese Verbrechen oft mit dem christlich begründeten Auftrag zur Judenmission, also zur Bekehrung von Menschen jüdischen Glaubens zum christlichen Glauben.
Das Thema ist im Übrigen kein rein katholisches. Martin Luther hatte sich anfänglich zwar klar gegen eine gewaltsame Missionierung ausgesprochen, da Gewalt, und da kann man ihm nur zustimmen, den christlichen Glauben verleugne. Doch später, als friedliche Missionserfolge ausbleiben, hetzte er ganz offen gegen Juden und forderte sogar von evangelischen Fürsten, die Synagogen zu zerstören und die Juden nötigenfalls zu vertreiben.
Im 19. Jahrhundert in der Zeit des Kolonialismus, in der Europa meinte, seine Kultur und Religion in der ganzen Welt verbreiten zu müssen und das durchaus mit Gewalt, wurde auch die Judenmission massiv verstärkt. Und vor noch nicht einmal 100 Jahren wurde der Holocaust während des Nazi-Regimes auch von Teilen der evangelischen Kirche, die sich Deutschen Christen nannten, zumindest gebilligt, wenn nicht sogar befördert. Die evangelische Kirche hat sich mittlerweile von der Judenmission abgekehrt und endlich anerkannt, dass beide, Juden und Christen, aus ihrem jeweiligen Glauben heraus Zeugen Gottes sind.
Israel ist und bleibt Gottes auserwähltes Volk. Sicherlich und Gott sei Dank hat Jesus diese Auserwählung generalisiert und auch uns in den Kreis der Auserwählten mit aufgenommen. Den Bund Gottes mit Israel hat er aber keinesfalls geschwächt oder gar gelöst. Und bei allen Diskussionen über dieses Thema müssen wir uns, so denke ich, immer wieder vor Augen führen: Jesus, seine Jünger und auch seine Mutter Maria, sie waren weder Katholiken noch Protestaten. Sie waren überzeugte Jüdinnen und Juden.
Ich bin kein studierter Theologe und so maße ich mir noch viel weniger an, den Glauben anderer Menschen mit Kategorien wie richtig und falsch zu bewerten. Kann ich denn ausschließen, dass alle diese Glaubensrichtungen in Gottes großem Plan eine Rolle spielen? Nein, das kann ich nicht.
Doch ich meine verstanden zu haben, dass Gott von uns Toleranz und Wertschätzung gegenüber unseren Mitmenschen fordert, weil nur so ein Miteinander möglich wird, das Gottes Frieden zulässt. Und ich glaube, dass alle Menschen, die ihr Leben in Respekt und Wertschätzung zueinander führen, Gott an ihrer Seite haben, ganz egal, an wen ihre Kirchensteuer geht. Amen.

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  Sehen und doch nicht erkennen?

Sehen und doch nicht erkennen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.04.2021

Gestern wurde in unseren Kirchen über die Geschichte von Jesus am See Tiberias gepredigt. Dort erscheint der auferstandene Jesus einigen seiner Jünger, die dort am See in Galiläa, weit weg von Jerusalem, gemeinsam fischen. Jesus kommt zu ihnen und fragt, ob sie etwas zu essen für ihn hätten. Doch die Jünger haben nichts, denn ihr Fischzug war erfolglos. Wer dort vor ihnen steht, ist den Jüngern in diesem Augenblick überhaupt nicht klar. Jesus ermuntert seine Freunde allerdings, erneut auf den See herauszufahren und das Netz diesmal auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen. Das tun sie und siehe da: Das Netz ist zum Reißen voll mit Fischen.
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass die Jünger Jesus schon wieder nicht erkennen. Es ist schließlich das dritte Mal, dass er sich ihnen nach seiner Auferstehung zeigt. Das erste Mal gleich am Abend des Ostertages, dann eine Woche später, als der Jünger Thomas seine Hände in Jesu Wundmale legen will und nun schon wieder. Doch immer braucht es geraume Zeit, bis die Jünger realisieren, dass Jesus vor ihnen steht und mit ihnen spricht. Woran liegt das? Sie waren schließlich drei Jahre mit ihm unterwegs im Heiligen Land, waren Tag und Nacht zusammen, kennen ihn, wie kaum einen anderen und stehen doch jedes Mal wie der Ochse vor Scheunentor und sehen bildlich gesprochen den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Die Gründe sind schwer auszumachen. Allerdings ist das, was Gott in Jesus vollbracht hat, wirklich epochal. Er durchbricht die Mauer des Todes und führt ihn nach drei Tagen heraus aus dieser Einbahnstraße, er holt ihn zurück von einer Reise, für die es vorher niemals eine Rückfahrkarte gab.
Doch das Leben, das Jesus nach seiner Auferstehung hat, ist ein anderes. Es ist nicht eine bloße Fortsetzung dessen, was zunächst am Karfreitag am Kreuz geendet hatte. Jesu Auferstehungsleben ist ganz anders, es ist neu und es ist fremd und vielleicht sogar so fremd, dass es für unsere Sinne einfach nicht greifbar ist. Die Augen der Jünger, die Augen von uns Menschen sind möglicherweise nicht dafür geschaffen, solches Auferstehungsleben zu erkennen. Möglicherweise ist das ein Erklärungsansatz dafür, dass die Jünger nicht bemerken, wer da vor ihnen steht und mit ihnen redet.
Doch offenbar ist ein Erkennen möglich. Die Emmaus-Jünger erkennen Jesus beim Brotbrechen und in der Geschichte vom See Tiberias ist es Johannes, der ausruft: „Es ist der Herr.“ Ich denke, dass alle Versuche, das Leben, das auf uns wartet, schlüssig und vollständig zu beschreiben, zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt vielleicht immer mal wieder ein kurzes Aufleuchten von Erkenntnis, aber ein nachhaltiges Begreifen werden wir wohl erst dann erlangen, wenn es soweit ist und wir tatsächlich auf der anderen Seite angekommen sind.
Doch das schmälert überhaupt nicht unsere berechtigte Hoffnung darauf, dass es großartig und herrlich werden wird. Bleiben wir also wachsam und neugierig und lassen wir uns überraschen, wenn es dann soweit ist. Der Herr ist auferstanden und wir werden es ihm gleichtun. Amen.

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  …wie Schuppen von den Augen

…wie Schuppen von den Augen

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.04.2021

Vorgestern hat unsere Dompredigerin hier über die Emmaus-Jünger gesprochen. Ich liebe diese Ostergeschichte, weil sie so ein tolles Happy End und auch ein paar beinahe heitere Aspekte hat. Nochmal kurz zur Erinnerung:
Nach der Katastrophe am Karfreitag und dem Entdecken des leeren Grabes machen sich zwei Jünger von Jerusalem aus auf den Weg nach Emmaus. Wahrscheinlich halten sie es dort einfach nicht mehr aus und wollen weg aus dem Trubel und auch aus der Gefahr, als Jünger Jesu entdeckt zu werden. Unterwegs treffen sie einen ihnen fremden Mann, der sich ihnen anschließt. Sie kommen ins Gespräch und erzählen ihm die ganze Geschichte, sie erzählen von ihren geplatzten Träumen, von ihren zerstörten Hoffnungen, von ihrer Trauer und von ihrer Angst.
Dass Jesus, so, wie er es vorhergesagt hatte, auferstanden war, das glaubten die beiden Jünger zu diesem Zeitpunkt definitiv nicht. Jesus hatte das ja durchaus öfter erlebt, dass seine Jünger ihn nicht verstanden. Seine Reaktion hier auf dem Weg nach Emmaus fällt daher sehr deutlich aus: „O, Ihr Toren“, übersetzt Luther vornehm; auf gut Deutsch: „Ihr Idioten, warum fällt es euch so schwer, zu glauben, was die Propheten gesagt haben?“
Und dann erklärt ihnen Jesus noch einmal die ganze Geschichte. Mit wem die Jünger unterwegs sind, erkennen sie allerdings erst am Abend beim gemeinsamen Essen. Da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie stürmen mitten in der Nacht zurück nach Jerusalem, um allen zu erzählen, dass Jesus lebt.
Mir sagt diese Geschichte, dass es sich allemal lohnt im Glauben wachsam zu sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott uns immer wieder Zeichen seiner Gegenwart präsentiert – mal größere und mal kleinere. Und es ist an uns, diese Zeichen zu erkennen. Und ich glaube ebenso, dass Jesus auch oft genug an unserer Seite ist, ohne dass wir es tatsächlich bemerken.
Bei den beiden Emmaus-Jüngern hat es ziemlich lange gedauert, bis sie erkannten, wer sie da begleitet hat. Das schien Jesus wenig zu stören und außer seiner ziemlich deutlichen Ansprache hat er dann aber sehr viel Geduld bewiesen und den Jüngern, so berichtet Lukas, von Mose bis zu den Propheten alles erklärt, was über ihn im Alten Testament geschrieben steht.
Diese Geduld hat er ganz sicher auch mit uns. Er wird sich die Zeit nehmen, die wir brauchen, um uns ihm anzunähern, um zu verstehen, welche Botschaft er für uns hat, um zu fassen, wie lebensverändernd es ist, wenn wir uns auf ihn einlassen.
Und ich glaube, dass wir genauso enthusiastisch und freudig wie die Jünger von dieser Erkenntnis berichten können und sollen, wenn es auch uns wie Schuppen von den Augen fällt – und das selbst wenn draußen bereits tiefe Nacht herrscht. Amen.

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  Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.04.2021

Heute ist der Todestag Dietrich Bonhoeffers. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg in Franken nach einem sogenannten „Prozess“ aber auch auf direkten Befehl Hitlers von den Nazis ermordet.
Bonhoeffer war ein engagierter Vertreter der Bekennenden Kirche und aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Die evangelische Kirche im Dritten Reich war in zwei Lager gespalten. So gab es zum einem unter Reichbischof Müller die Deutschen Christen. Sie waren rassistisch, antisemitisch und am Führerprinzip orientiert. Es gibt schwer erträgliche Bilder von evangelischen Pfarrern mit Hitlergruß und umgehängtem Hakenkreuz. Und es gab vollkommen abwegige und verstörende Bestrebungen, die Bibel zu „entjuden“. Hierzu sollte ein „Volkstestament“ bzw. ein fünftes Evangelium geschaffen werden, das den Mythos eines arischen Jesus verkündigen sollte.
Dietrich Bonhoeffer widersetze sich diesen Bestrebungen mit aller Vehemenz. Schon 1933 war er zusammen mit Pfarrer Martin Niemöller quasi ein Gründungsmitglied des Pfarrernotbundes, dem sich aus Protest gegen die Entfernung nichtarischer Christen aus dem Kirchendienst ein Drittel der deutschen Pfarrerschaft anschloss.
Bonhoeffer wirkte in der Zeit des Nationalsozialismus zunächst in England. Von 1937 an bildete er in Deutschland Pfarrer der Bekennenden Kirche aus. Seine aktive Mitarbeit im Widerstand begann 1938, nachdem die Nazis das Predigerseminar, an den Bonhoeffer lehrte, zwangsweise geschlossen hatten.
Dietrich Bonhoeffer hat in unerschütterlicher Zivilcourage immer und immer wieder aufgezeigt, dass die Politik der Nazis in diametralem Gegensatz zur Botschaft Jesu Christi steht. Das gilt im Übrigen auch in unseren Tagen für alle politischen und sonstigen Strömungen, die sich als rassistisch, antisemitisch oder in anderer Weise ausgrenzend gegenüber bestimmten Menschen zeigen. Heute können wir frei unsere Stimme gegen derartige Gedanken, Worte und Taten erheben. Als aufrechte Christenmenschen und als Kirche insgesamt sollten wir das tun.
Aus den letzten Lebensjahren Bonhoeffers sind viele Briefe und sonstige Schriften erhalten geblieben, die seine Sicht auf den Glauben, die Kirche und das Evangelium bezeugen. Auch der Choraltext „Von guten Mächten“ stammt aus dieser Zeit. Besonders bemerkenswert ist sein individuelles Glaubensbekenntnis, das er verfasst hat:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ Amen.

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  Herzerwärmung

Herzerwärmung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.04.2021

Frühlingskälte kann ich nicht gut ab. Sie trifft mich bei weitem härter als Polarluft im November oder Februar. Ich ziehe mich zusammen, erinnere mich, dass das, was im Rücke weh tut die Zwischenrippenmuskeln sind und wenn ich dann beim schnellen Laufen durch die leere zugige Stadt darüber brüte, ob heute die armen Menschen, die in Calais gestrandet sind und wild im Wald zelten Thema sind oder die politischen Gefangenen in Belarus, brauche ich kein Selfie, um zu wissen, was man oberhalb meiner Maske zu ziehen kriegt: zwei tiefe Falten über der Nasenwurzel.
Ob die Emmausjünger, die nach der Kreuzigung Jesu aus Jerusalem fortgingen und sich über all das eben erlebte Unheil unterhielten, auch so in die Welt geguckt haben - innerlich fröstelnd, mürbe, grimmig?
Sie hätten allen Grund. Sehr viel schlimmer kann es gar nicht kommen. Über Unheil kann man leicht einer Meinung sein und sich lang und breit auslassen und bestärken und tiefer reingraben und … – war da nicht eben noch die Rede vom hellen Ostertag? Von Freude? Vom neuen Anfang?
Wie halte ich das fest? Wie gelingt es, dass die Auferstehungshoffnung trägt? Woher kommt uns Licht und Wärme, wenn die Nachrichten und das Wetter schlecht sind?
Mir half –wie den Emmausjüngern – die Begegnung mit einem fremden Menschen: an der dm-Kasse. Ich hatte Masken und Desinfektionstücher auf dem Band und was man sonst in Bad und Küche so braucht und wegen des Plastikmülls nicht mehr so unbeschwert auswählt. Ich gucke vor mich hin und auf die Abstandsmarkierung am Boden und dann schaue ich ins Gesicht einer Kassiererin, die so hell und herzerwärmend lächelt, dass das ganze Gesicht leuchtet, genauer die Stirn und Augen. Als hätte sie lange auf mich gewartet und wäre nun richtig glücklich mich zu sehen! Dass man mit Maske einen völlig fremden Menschen so liebenswert lächeln kann! Was muss die Frau für ein warmes Herz haben! Es muss mindestens ein Kachelofen sein.
Auch die Emmausjünger erleben solche Herzerwärmung. Ein Fremder geht ein Stück mit und hört zu, er lässt sich einladen und sie essen gemeinsam. In seiner Geste erkenne sie den, den sie so vermisst und betrauert haben - und dann merken sie, dass es in ihren Herzen längst ganz warm und hell geworden war. „Brannte nicht unser Herz“ fragen sie sich. Ja doch!

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  Furcht und Hoffnung

Furcht und Hoffnung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.04.2021

Im kürzesten unserer Evangelien, wird vom Ostermorgen erzählt, wie die beiden Frauen zum Grab gehen und es leer vorfinden. Ein Engel erwartet sie und sagt:
„Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“
Man kann 2021 daran knaupeln, warum ausgerechnet die Osterbotschaft mit Angst und Schrecken daherkommt – gerade dieses Jahr, wo wir das zuallerletzt gebrauchen können. Aber man kann genau in diesem Jahr auch sehr viel Unmittelbarkeit erleben, die direkt unserer Gegenwart zugesprochen scheint.
Zum einen: Gerade jetzt, während unsere katholischen Geschwister so heftig um die Gestalt ihrer Kirche ringen, während sich bei Maria 2.0 Frauen sammeln, die endlich daran mittun wollen – als Geistliche ohne Einschränkungen - tut es gut zu hören, dass es zwei Frauen sind, denen die Osterbotschaft anvertraut wird, damit sie sie verkündigen und weitertragen.
Zum anderen: Ja, sie fürchten sich und schweigen. Wer wollte das nicht verstehen können? Gerade jetzt, wo Menschen so gierig darauf warten, dass ihnen Heil und Heilung, Leben und Zukunft eröffnet wird, wo Menschen so dünnhäutig darauf reagieren, wenn Hoffnung enttäuscht wird und es nicht aufwärts geht - kann man da nicht verstehen, dass diejenigen, die diese gute Botschaft überbringen sollen, vor Schreck weiche Knie kriegen?
Wer wollte sich nicht fürchten, wenn auf ihm die Hoffnung aller ruht?
Und das erst recht, wenn es so viel Mut und Glauben braucht, dem zu vertrauen, was da geschehen ist: Ein leeres Grab, weil der Tod überwunden ist???
Diese Furcht ist Gottesfurcht und Ehrfurcht vor dem unfassbar großen wundern und der Hoffnungsbedürftigkeit der Menschen. Und irgendwann haben sie es doch auch erzählt.
Der Herr ist auferstanden! Halleluja! Es klingt bis hierher.

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  Das Grab war leer?!

Das Grab war leer?!

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.04.2021

Haben Sie noch im Ohr, wie es Weihnachten war? Den Hirten erscheint die Menge der himmlischen Heerscharen und die jubeln laut und fröhlich: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden! Und die Klarheit des Herrn umleuchtete die Hirten, wie die Bibel berichtet. Auf den Feldern Bethlehems war richtig was los bei Jesu Geburt.
Und jetzt? Nichts, aber auch gar nichts dergleichen. Drei Frauen kommen am Ostermorgen zum Grab, um Jesu Leichnam zu salben, der ist aber nicht mehr auffindbar. Stattdessen treffen sie auf einen Engel, der ihnen mit der Emphase eines Nachrichtensprechers mitteilt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er ist nicht hier.“ Das hatten die Frauen nun auch schon alleine festgestellt und es war die nächste Katastrophe: erst sein Tod am Karfreitag und jetzt auch noch die Leiche weg. Die Reaktion der Frauen beschreibt die Bibel so: Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen und sie fürchteten sich sehr!
Ostern – das wichtigste und lebensveränderndste Fest, das wir Christen haben. Und dann solch eine Geschichte dazu? Sie beginnt mit der Trauer und der Verzweiflung am Karfreitag und endet mit Angst und Entsetzen am Ostermorgen. Keine Rede von Glauben, von Freude, von Hoffnung, von Liebe. Wer auch immer Menschen dazu bringen will, an Jesus Christus zu glauben, der sollte doch wohl auf jeden Fall die Finger von dieser Geschichte lassen, die von drei völlig verstörten Frauen berichtet, die einen lieben Verstorbenen besuchen wollen, ihn aber nicht finden.
Oder vielleicht gerade diese Geschichte? Sie ist verstörend und erschreckend, und sie ist für die handelnden Personen ja auch irgendwie peinlich, weil sie gar nicht begreifen, was los ist. Ich bin davon überzeugt: Eine solche Geschichte erzählt man nicht, um jemanden zu manipulieren. Eine solche Geschichte erzählt man tatsächlich nur aus einem einzigen Grund: Weil es genau so war!
Und diese Geschichte räumt mit einem Thema auf, mit dem wir, wenn es um Jesus geht, ganz sicher nicht weiterkommen: Wir sollen keine Grabpflege für ihn betreiben. Jesus braucht uns nicht, damit wir für ihn die Erinnerung an seine Wirkungszeit wachhalten. Die Frauen wollten sich um den toten Jesus kümmern, doch Jesus will eine lebendige Beziehung zu uns – kein Salböl, keine Leichentücher, sondern Dialog und Leben in Gemeinschaft mit ihm.
Wenn wir das nicht zulassen, sondern ihn nur nach Belieben auf dem Friedhof besuchen, ansonsten aber lieber allein entscheiden, wie viel Einfluss er auf unser Leben haben soll, weil wir meinen, dass wir das ohnehin viel besser können, dann ist Grabpflege nur konsequent.
Wenn ich aber wirklich an seine Auferstehung glaube, dann hat es sich erledigt mit solcher Grabpflege und dann weicht auch die Angst und das Entsetzen, das die Frauen getroffen hatte und wird verdrängt durch echte Freude darüber, dass das Grab leer war.
Dann ist Ostern keine schöne Tradition, sondern das Siegesfest über den Tod und das Fest der Freundschaft zum auferstandenen Jesus Christus, der bei uns ist heute, morgen und allezeit und in Ewigkeit. Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja! Amen.

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  Tatsächlich nur ein Verräter?

Tatsächlich nur ein Verräter?

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.04.2021

Warum tut er das? Was treibt ihn an? Ist es nur das Geld? Ist er enttäuscht, weil es nicht so richtig vorangeht? Vielleicht haben ihn die Hohepriester überzeugt und als gottesfürchtiger Jude bleibt ihm keine andere Wahl, als das zu tun, was er tut. Seit 2000 Jahren versuchen Menschen zu ergründen, warum Judas Jesus verraten hat. Eine Antwort ist schwer zu finden.
Ja, er bietet sich an, fragt, was es den Hohepriestern wert ist. 30 Silberlinge bekommt er; 30 Silberlinge, die ihn nicht glücklich machen werden. Immer wieder geraten Menschen des Geldes wegen vom rechten Weg ab. Menschen sind bestechlich, Menschen sind käuflich. Es gibt das geflügelte Wort, dass jeder käuflich ist, es kommt nur auf den Betrag an.
Gerade in den letzten Tagen und Wochen mussten wir es wieder erleben. Da waren Bundestagsabgeordnete offenbar nicht stark genug, sich der Versuchung zu widersetzen. Sie nahmen Geld für Vermittlungen an und ich bin mir sicher, dass sie es alle heute bereuen.
War auch Judas einfach nur korrupt und geldgierig? War ihm das Schicksal seines Herrn und Meisters, war ihm das Schicksal seines Freundes weniger wert als diese 30 Silberlinge? Ich weiß es nicht, aber ich glaube, das wäre zu einfach.
Hat er vielleicht Angst bekommen? War er zu überwältigt von dem, was an Palmsonntag passiert war? Jesus wird empfangen wie ein König. Alle Welt läuft ihm nach, haben die Pharisäer verzweifelt ausgerufen. Und vielleicht war sich Judas sicher, dass die Jubelnden auf das falsche Pferd gesetzt haben. Jesus hatte nie gesagt, dass er Israel von den römischen Besatzern befreien würde. Vielleicht wollte Judas vermeiden, dass das Volk seine gesamte Hoffnung auf den falschen setzt und dann maßlos enttäuscht wird. War Jesus jetzt größenwahnsinnig geworden? Vielleicht war das Judas Motivation, all dem eine Ende zu setzen. Oder war Judas eine ganz wichtige Person in Gottes großem Plan?
Was auch immer ihn angetrieben haben mag, er wird mit seiner Tat nicht fertig. Nachdem er gesehen hat, welche Konsequenzen sein Verrat hat, versucht er alles rückgängig zu machen. Er will das Geld nicht mehr, doch er wird es nicht mehr los. Er versucht, zu retten, was zu retten ist, doch es ist nichts mehr zu retten aus seiner Sicht.
Alles läuft alles aus dem Ruder und Judas wird die Tragweite dessen klar, was durch ihn seinen Lauf genommen hat. Und so sieht er keinen anderen Ausweg als den eigenen Tod. Judas nimmt sich das Leben und stirbt einsam vor den Toren der Stadt.
Es gibt ein beeindruckendes Theaterstück, das die ganze Tragik des Judas verdeutlichet und in dem die Passionsgeschichte aus seiner Sicht und von ihm selbst erzählt wird. Und ganz am Ende, da fragt er das Publikum und damit auch uns:
„Ihr ach so schlauen Leute, wenn ich die Geschichte zurückdrehen könnte / Keine Tat des Verrats, wie Ihr das gerne nennt / Kein letztes Abendmahl / Kein Kuss / Kein Kreuz / Kein Tod / Würdet Ihr das wirklich wollen?“
Ich denke: Nein! Amen.

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  Alleingelassen?

Alleingelassen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 31.03.2021

Er wird zwar eine Weile mit seinem Trost verziehn und tun an seinem Teile, als hätt in seinem Sinn er deiner sich begeben und solltst du für und für in Angst und Nöten schweben, als frag er nicht nach dir.
Auch Paul Gerhardt kannte offenkundig diese Lebensphasen, in denen man sich von Gott verlassen vorkommt. Es gibt Zeiten, da verfestigt sich der Eindruck, Gott hätte sich losgesagt und würde nicht mehr an uns denken. Jesus erlebt so etwas in Gethsemane.
Mich bewegt diese Szene jedes Mal sehr, weil wir hier einen Jesus erleben, der so ganz anders ist. Bisher kannten wir ihn als jemanden, der mit wahrhaft göttlicher Ruhe über sein eigenes Leiden, Sterben und Begräbnis sprach. Wir konnten ihn erleben, bei seinem königlichen Auftritt am Palmsonntag unter seinen Befürwortern aber auch, und das war ihm bewusst, unter seinen Feinden.
Und jetzt? Was für ein Kontrast! Wir sehen einen Menschen, der klagt, trauert und zittert. Wir sehen einen Menschen, den seine Angst fast erdrückt. Wir sehen einen Menschen, der sich nach Unterstützung seiner Freunde sehnt. „Wachet und betet mit mir“, bittet er sie.
Und Jesus selbst betet. Er fällt auf sein Gesicht fällt uns schreit: „Vater, ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Doch Gott schweigt. Jesu Schreien und Weinen und Klagen verhallt ungehört in der Nacht. Und so steht Jesus auf und hofft, wenigstens bei seinen betenden Freunden Trost und Unterstützung zu finden. Doch auch sie haben ihn alleingelassen und sind eingeschlafen. Ich glaube, dass Jesus niemals so allein war wie in diesem Moment.
Seine Hoffnung treibt ihn weiter an. Erneut bittet er die Jünger wach zu bleiben und zu beten und erneut wendet er sich in tiefer Verzweiflung seinem Vater zu und schreit sein Gebet in die Nacht. Erfolglos. Noch einmal. Und auch beim dritten Mal wird es nicht anders sein. Gott bleibt stumm in dieser Nacht und seine engsten Freunde schlafen.
Es scheint, als habe alles Beten und Bitten nichts genützt, es scheint, als hätte sich Jesus diese erniedrigende Erfahrung auch sparen können und doch kommt er nach dem dritten Gebet anders zu seinen Jüngern zurück. Er wirkt gefestigt und darin bestärkt, seinen ihm vorgezeichneten Weg nun mit geradem Rücken und festen Schritten weiter zu gehen. „Steht auf, lasst uns gehen. Siehe, er ist da, der mich verrät.“
Steht auf! Jesus hat Kraft, das so zu sagen. Obwohl Gott sichtbar nicht auf das Flehen seines Sohnes reagiert hat, hat das Gebet Jesus verändert. Er ist nun bereit, Leid, Demütigung und qualvolles Sterben auf sich zu nehmen, weil er weiß, dass es sein muss, weil er weiß, dass es Gottes Wille ist und weil er weiß, dass Gott ihn hindurchtragen wird.
Jesus geht mit festem Schritt auf das Kreuz zu. Er tut es für uns! Amen.

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  „Ihn lass tun und walten!“ (Paul Gerhardt)

„Ihn lass tun und walten!“ (Paul Gerhardt)

Henning Böger, Pfarrer - 30.03.2021

Das Leben - ein Traum. Fünf Jahre lang, jeden Tag. Das Kennenlernen,
der Beginn der Liebe. Dann die Hochzeit. Keine Sorgen ums Geld.
Zwei prachtvolle Kinder, schöne Urlaube, der Hausbau.
Alles wie aus dem Bilderbuch.
Nach fünf Jahren dann das Unheil: Ein Hirnschlag. Er fällt ins Koma, sie muss alles regeln. Das lange Krankenhaus, das Erwachen, die Reha, den Umbau des Hauses, die Betreuung der Kinder. Fast ein Jahr dauert das. Sie wächst über sich hinaus, sagt sie heute dazu. Jeder Tag ein kleiner Kampf mit Behörden, Firmen, der Schule. Immer wieder Erklären und Bitten, um Verständnis Werben. Das kostet Kraft, sagt sie. Mehr als man hat.
Ich hatte Kraft, sagt sie. Nur nicht von mir, das weiß ich. Solche Kräfte besitzt man nicht aus sich selbst. Wie oft kamen mir einfach die Tränen. Ich saß da und konnte nicht mehr. Schimpfte auf Gott und mit Gott, weinte vor mich hin. Jetzt ist es so weit, dachte ich dann: Jetzt kannst du nicht mehr.
Sie macht eine lange Pause, dann sagt sie: Weißt du, irgendwann bin ich wieder aufgestanden, weil etwas geregelt werden musste. Brote oder Schulranzen oder Abholen vom Arzt. Irgendwas war immer. Und ich stand wieder auf den Beinen und hatte Kraft. Manchmal nur kleine, aber ich hatte sie. Nicht von mir. Solche Kräfte macht man nicht, besitzt wohl niemand. Die bekommt man. Sie sind ein Zeichen, glaube ich. Gott lässt dich mit dir nicht allein, dachte ich. Es war so. Und blieb so.
Erst nach einem Jahr ging nichts mehr. Eigentlich war alles geregelt oder auf dem Weg, erzählt sie. Nur ich konnte nicht mehr, war nur noch erschöpft. Da halfen Nachbarn und Familie. Sie sorgten dafür, dass ich zur Kur konnte. Viele Wochen. Weg von allem. Noch ein Zeichen: Gott will mich. Aber erholt! Ja, sagt sie, so war das. Und so geht es weiter in kleinen Schritten durchs Leben. Mit Gottes Hilfe.

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  Befiehl du deine Wege

Befiehl du deine Wege

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.03.2021

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. So beginnt die erste Strophe des Chorals, den wir eben gehört haben und mit dem wir durch die kommenden drei Tage gehen wollen. Wir sind angekommen in der Heiligen Woche, der Karwoche, über der es heißt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Von Jesus selbst stammen diese Worte und wie Johannes es berichtet, spricht er sie aus, ganz am Anfang seines öffentlichen Wirkens. Jesus war sehr früh klar, welcher Weg für ihn bestimmt war und es war ihm ebenso klar, dass dieser Weg kein leichter sein würde.
Natürlich kannte Jesus den Liedtext von Paul Gerhardt noch nicht. Und doch mag er sich ähnliche Worte selbst zugesprochen haben: Befiehl du deine Wege, vertrau dein Leben demjenigen an, der den Himmel lenkt. Allertreuste Pflege wird er dir angedeihen lassen. Er wird sich kümmern um dich und um deine Sorgen. Er wird dir helfen, all das durchzustehen, was auf dich wartet, denn wer Wolken, Luft und Winden Wege, Lauf und Bahn geben kann, den wird es nicht überfordern, auch für uns Menschen so zu sorgen, dass wir sicher und geborgen durch die Zeiten kommen.
Wir wissen nicht genau, wie Jesus und seine Jünger den Tag nach dem Einzug in Jerusalem verbracht haben. Möglicherweise haben die Jünger versucht, dass, was sie gestern erlebt haben, einzusortieren und zu verstehen. Diese Geschichte mit dem Esel hat sich ihnen erst nach Jesu Tod erschlossen, Vielleicht waren sie verängstigt wegen des massiven Drängens der Menschen gestern am Palmsonntag. „Hosianna!“ haben sie gerufen. „Hilf doch, Du Sohn Davids! Hilf uns heraus aus dem Joch der römischen Besatzer, aus der Unterdrückung durch die Zöllner, hilf uns heraus aus unserem Elend!“
Die Menschen wollten Jesus zu ihrem König machen, zu ihrem König, so, wie sich ihn sich vorstellten. Aber dafür stand er nicht zur Verfügung. Jesus war ein anderer Weg vorgezeichnet, den er zu gehen hatte und er wollte sich ganz sicher nicht vor den Karren der Leute spannen lassen. Das ahnten die Jünger und möglichweise machte ihnen diese Gemengelage Angst.
Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehen dichtet Paul Gerhardt. So ähnlich wird es ihnen Jesus wohl zugesprochen haben, um ihnen Mut zu machen. Ja, sie werden sicherlich an diesem Montag der Karwoche zusammen gebetet und miteinander geredet haben.
Vielleicht war da auch Vorfreude auf das anstehende Passahfest, denn deswegen waren sie schließlich nach Jerusalem gekommen. Und vielleicht hatten sie die Hoffnung, dass es schön und versöhnlich werden würde und dass der Jubel der Menschen vom Palmsonntag in ein fröhliches Fest zur Ehre Gottes münden könnte. Dass alles dramatisch weitergehen würde in Gottes Plan, das wusste nur einer unter ihnen, Jesus selbst.
Dein ewge Treu und Gnade, o Vater, weiß und sieht, was gut sei und was schade dem sterblichen Geblüt. Und was du dann erlesen, das treibst du, starker Held und bringst zum Stand und Wesen, was deinem Rat gefällt. Amen.

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  Es geschah aus Liebe

Es geschah aus Liebe

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.03.2021

Sechs Tage vor dem Passafest und einen Tag vor seinem Einzug in Jerusalem am Palmsonntag kam Jesus nach Bethanien, so berichten es die Evangelien. Das könnte also heute vor knapp 2000 Jahren gewesen sein. Jesus und seine Jünger kehren im Hause Simons, des Aussätzigen ein, um dort gemeinsam zu essen. Auch der von den Toten auferweckte Lazarus saß mit am Tisch. Und als sie da sind, kommt eine Frau auf Jesus zu und gießt ein Fläschchen kostbaren Nardenöls über ihm aus.
Das führt zu massivem Widerspruch insbesondere bei Judas. Der fährt die Frau an, man hätte das Öl doch wohl besser verkaufen können, um das Geld dann den Armen zu geben. Der Wert des Öls betrug immerhin ein durchschnittliches Jahreseinkommen. Auf den ersten Blick oder besser: auf das erste Hören hin, klingt das schon irgendwie schlüssig. Doch Jesus selbst rechtfertigt diese vermeintliche Verschwendung.
„Lasst sie“, sagt er, „sie hat mich bereits heute für mein Begräbnis gesalbt.“ Wie mögen die Anwesenden reagiert haben, mit Unverständnis, mit Erschrockenheit, mit Angst? Die Bibel berichtet darüber nichts. Schon oft hatte Jesus seinen Tod angekündigt, doch immer mehr oder weniger vage und ohne Zeitangabe. Doch nun scheint es sich zu konkretisieren. Wenn er, wie er selbst sagt, bereits jetzt eine vorweggenommene Totensalbung erhält, steht sein Sterben wohl kurz bevor. Wir wissen heute, dass es keine Woche mehr dauern wird bis zum Karfreitag.
Doch Jesus sagt noch mehr: „Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Auch damit bestätigt Jesus, dass seine Salbung angemessen war. Die Frau, bei Johannes ist es Maria, die Schwester des auferweckten Lazarus, hat aus Liebe und Dankbarkeit zu Jesus gehandelt. Und Liebe rechnet nicht. Liebe fragt nicht nach dem Nutzen. Es sieht aus wie sinnlose Verschwendung, doch im Kern ist es Liebe. Judas hingegen rechnet. Ja, er gibt vor, an die Armen zu denken, doch er kritisiert auch die Liebestat der Maria. Beide Aspekte sind wichtig, wie ich finde.
Noch ein weiteres: Wenn Jesus sagt, dass die gemeinsame Zeit mit ihm zu Ende geht, dann macht er damit auch deutlich, dass es kaum mehr Gelegenheiten geben wird, ihn verschwenderisch zu ehren. Man kann daraus ableiten, dass es nach seinem Tod nicht mehr angezeigt ist, sondern dass wir uns nun wirklich den Armen zuwenden sollen, die wir, und da hat Jesus unübersehbar recht, tatsächlich allezeit bei uns haben, überall auf dieser Welt.
Die Bestrebungen, Jesus auch heute noch mit äußerlichen Kostbarkeiten und goldenem Schmuck zu ehren, sind nicht in seinem Sinne. Um Jesus nahe zu sein und ihm nachzufolgen braucht es keine goldenen Altäre und mit Edelsteinen besetzte Abendmahlskelche. Die letzte Gelegenheit, Jesus auch materiell verschwenderisch zu danken und ihm Liebe zu bezeugen, hatte Maria in Bethanien. Und sie hat sie eindrucksvoll genutzt. Amen.

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  Gottes Werkzeuge

Gottes Werkzeuge

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.03.2021

Was mögen sie wohl heute gemacht und erlebt haben? Wie mag ihr Freitag ausgesehen haben, zwei Tage vor Palmsonntag? Die Bibel berichtet, dass sie in der Stadt Ephraim waren. Dorthin hatten sie sich zurückgezogen, nachdem Jesus Lazarus von den Toten auferweckt hatte. Diese Auferweckung führte bei den Pharisäern und Hohepriestern zu heller Aufregung. Sie berufen den Hohen Rat ein, doch dort herrscht zunächst Ratlosigkeit. „Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen“, so klagten sie. „Und wenn das so weitergeht, werden alle an ihn glauben und die Römer nehmen uns den Tempel weg und das Volk obendrein.“
Lediglich ihr Vorsitzender Kaiphas, hat einen Plan und antwortet seinen Priesterkollegen ziemlich ruppig: „Ihr habt doch alle keine Ahnung! Es ist doch allemal besser, wenn einer für das Volk stirbt als dass das ganzes Volk zugrunde geht.“
Auf den ersten Blick scheint es hier um Machterhalt zu gehen. Jesus muss weg, damit sich ihm nicht alle anschließen, denn damit wäre die Vorrangstellung der Priester und Pharisäer ernstlich in Frage gestellt. Machterhalt: Unendlich oft ist er der Grund für Streit, Krieg und Gewalt. Gib einem Menschen Macht und du erkennst seinen wahren Charakter, und du erkennst ihn insbesondere dann, wenn er seine Macht wieder abgeben soll. Wozu das selbst in einer Demokratie führen kann, haben wir vor einigen Wochen in den USA mit ansehen müssen – Machterhalt um jeden Preis.
So scheint auch Kaiphas unterwegs zu sein. Doch der Evangelist Johannes lässt dessen Aussage nicht unkommentiert stehen. Denn was sagt der Hohepriester hier eigentlich – ohne, dass es ihm bewusst wird? Er verkündigt Gottes Plan. Einer muss sterben, damit das Volk gerettet wird. Und Johannes fügt hinzu: Nicht nur, das Volk wird gerettet, sondern alle verstreuten Gotteskinder sollen wieder zusammengeführt werden.
Auf Kaiphas Wutrede hin beschließt der Hohe Rat, Jesus zu töten. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg, der unser aller Versöhnung mit Gott zum Ziel hat. Kaiphas und die Mitglieder des Hohen Rates werden hier zu Gottes Werkzeugen, ohne, dass sie es wollen und ohne, dass sie es merken.
Ich bin mir sehr sicher, dass es Ihnen und mir ganz oft schon ebenfalls so gegangen ist. Wir werden zu Werkzeugen Gottes, stellen Weichen in seinem Plan für unser und für das Leben unserer Mitmenschen und sind uns dessen im Moment unseres Handelns gar nicht bewusst.
Wir sind, wie wir meinen, zufällig zugegen, wenn ein anderen Mensch Hilfe, einen Gesprächspartner, einen Freud oder eine Freundin braucht. Wir treffen Entscheidungen, die sich im Nachhinein als höchst bedeutend für unser weiteres Leben herausstellen, wir verspüren den Drang, etwas Besonderes zu tun, können aber nicht erklären, wo er herkommt.
Gott wird nicht müde, immer wieder in unser Leben hineinzusprechen, darauf dürfen wir uns verlassen und das ist für mich so sicher, wie das Amen in unserer Kirche. Kaiphas und der Hohe Rat in Jerusalem sind ein greifbares Beispiel, dass das auch vor 2000 Jahren schon so war. Amen.

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  Verkündigung des Herrn

Verkündigung des Herrn

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.03.2021

Heute feiern wir in vielen christlichen Kirchen und so auch bei uns den Tag der Verkündigung des Herrn. Der Erzengel Gabriel wird von Gott nach Nazareth gesandt. Dort verkündigt er Maria, dass sie schwanger werden und einen Sohn gebären wird, dem sie den Namen Jesus geben soll. Dieser Jesus, so der Erzengel weiter, wird Sohn des Höchsten genannt werden und sein Reich wird kein Ende haben.
Versuchen Sie sich nur einen kurzen Moment in die Situation Marias hineinzuversetzen. Sie ist mit Joseph verlobt und führt zu Hause wahrscheinlich ein relativ normales Leben. Und dann taucht wie aus dem Nichts der Erzengel Gabriel auf und bringt Marias Leben komplett durcheinander. Denn das, was er ihr verkündigt, ist nicht nur Gnade, wie er sagt. Maria hat durch diese Wendung einiges auszuhalten.
Sie wird unehelich schwanger, was an sich schon schlimm genug wäre, aber der Vater ihres Kindes ist nicht etwa ihr Verlobter, sondern der Heilige Geist. Das muss Maria den Menschen um sich herum und insbesondere ihrer Familie und ihrem Verlobten erst einmal plausibel machen. Ich glaube nicht, dass ihr diese Geschichte jeder sofort und mit verständigem Nicken abgekauft hat.
Der Engel beginnt seine Rede nicht ohne Grund mit einem aufmunternden „Fürchte dich nicht“. Das kann Maria auch wirklich gut gebrauchen. Sie ist immerhin so geistesgegenwärtig, dass sie nachfragt: Wie kann ich schwanger werden, obwohl ich noch nie etwas mit einem Mann hatte? Der Engel führt den Heiligen Geist an und um Marias nachvollziehbare Zweifel zu entkräften, berichtet er von Elisabeth, Marias Verwandter, die schon recht betagt war und als unfruchtbar galt. Auch sie ist schwanger und wird einen Sohn zur Welt bringen, Johannes den Täufer. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“, erklärt Gabriel diese unglaublichen Entwicklungen.
Bemerkenswert finde ich Marias Reaktion. Man hätte sicher für alles Verständnis aufgebracht: für einen Wutausbruch, für einen Weinkrampf, für schreiendes Weglaufen, für was auch immer. Doch Maria sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast!“
Was für ein Gottvertrauen spricht aus diesen Worten. Ja, Gott ruft Maria hier sehr spektakulär und auch unüberhörbar in seinen Dienst. Aber würden wir genauso reagieren, wenn wir Gottes Ruf hören? Maria wird hier mit Unglaublichem konfrontiert und ihr Leben wird komplett auf den Kopf gestellt. Doch sie willigt ein, sie nimmt es an ohne jedes Zögern.
Natürlich wird mit der Verkündigung des Herrn die Basis gelegt für den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen eingeht. Es wird die Basis gelegt für unsere nachhaltige Versöhnung mit ihm, für die Vergebung aller unserer Sünden und für ein Leben in Gottes Herrlichkeit, das weit über unser irdischen Leben hinausweist. Und dennoch sollte man, wie ich finde, das beeindruckende Beispiel der jungen Jüdin Maria nicht vergessen, die sich hineinnehmen lässt in Gottes Plan, die sich darauf verlässt, dass er es gutmachen wird, auch mit ihr. Amen.

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  Rollentausch

Rollentausch

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.03.2021

Über dieser Woche heißt es: „Jesus Christus spricht: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Dieser Satz hat es wirklich in sich und ich habe seine ganze Tragweite anfangs gar nicht verstanden. An 79 Stellen in den Evangelien nennt Jesus sich selbst „Menschensohn“. Mir war lange nicht klar, was er damit meint.
Jesus will damit nicht etwas umständlich beschreiben, dass er als Sohn eines Menschen eben auch ein Mensch ist. Der Begriff stammt aus dem Alten Testament, aus dem Buch Daniel. Dort berichtet der Prophet von einer Vision, in der Gott selbst einem anderen, der aussieht wie eines Menschen Sohn, Macht und Ehre überträgt. Und diese Macht ist ewig und sein Reich hat kein Ende. Die Juden zur Zeit Christi verstanden das sofort. Der Menschensohn ist der von Gott selbst eingesetzte Weltenherr und Weltenrichter.
Aber was ist das für eine Aussage? Dass der Richter und Herr dieser Welt als Diener kommt, ist ja schon mal eine Nummer für sich. Aber dass er sterben muss, um andere zu erlösen, er, der seine Macht aus Gottes Hand empfängt? In ein paar Tagen beginnt die Karwoche, in der sich vor 2000 Jahren Jesu Worte erfüllt haben.
Am Palmsonntag zieht Jesus unter dem Jubel der Menschen in Jerusalem ein – auf einem Esel, um noch einmal zu unterstreichen, dass er derjenige ist, von dem die Propheten geredet haben. Und dann, nachdem er gefoltert, verspottet und gedemütigt wurde, stirbt Jesus unter großen Qualen am Kreuz. Der Menschensohn ist gekommen, dass er sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Paulus schreibt dazu: „Obwohl Christus ohne jede Sünde war, hat Gott ihm unsere Sünde aufgeladen.“ Gott richtet Jesus stellvertretend für uns, wir tauschen mit ihm die Rollen. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Menschen, die damals gelebt haben. Nein, es erfasst auch uns im Hier und Jetzt im Braunschweiger Land. Alles das, was uns von Gott trennt, hat Jesus stellvertretend für uns mit ans Kreuz genommen. Es ist aus dem Weg geräumt, ein für alle Mal.
Und Paulus schreibt weiter: „Durch diese Verbindung mit Christus sollen wir an Gottes Gerechtigkeit teilhaben.“ Gottes Gerechtigkeit bedeutet aber, dass er uns annimmt und uns nicht verurteilt, obwohl wir seine Gebote übertreten. Gottes Gerechtigkeit ist geprägt von seiner Liebe zu uns Menschen.
All dessen gedenken wir in der kommenden Woche. Und damit ist es noch nicht genug. Denn gekrönt wird dieser unerhörte Rollentausch durch Jesu Sieg über den Tod, der uns allen eine Perspektive gibt, die weit über unser irdischen Leben hinausweist.
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Die Jünger haben lange nicht verstanden, was Jesus damit gemeint hat. Uns aber darf all das klarer und greifbarer sein. Wir dürfen glauben und staunen und danken! Amen.

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  Mit dem Rücken an der Wand

Mit dem Rücken an der Wand

Henning Böger, Pfarrer - 23.03.2021

Doch, sagt sie, manchmal mache ich das. Manchmal frage ich einfach ins Blaue hinein: Was soll das alles, Gott? Was willst du von mir? Neulich zum Beispiel, im Wartezimmer, erzählt sie: Ich bin genervt. Das dritte Mal in der Woche muss ich zum Arzt. Ohne Termin. Das Wartezimmer ist übervoll. Nicht ein freier Stuhl ist da. Ich lehne mich an die Wand. Das kann jetzt aber dauern, sagt die Helferin. Ich mit dem Rücken zur Wand und entzündeten Augen. Kann kaum richtig gucken. Und dann passierte es, sagt sie. Eigentlich könnte ich heulen. Will ich natürlich nicht im Wartezimmer. Also atme ich lieber tief durch und frage still vor mich hin: Was soll das alles, Gott? Was willst du von mir diese Woche?
Was hat das denn mit Gott zu tun?, frage ich verblüfft. Alles, sagt sie. Oder nichts. Ich muss doch immer wählen: Wenn ich heulen könnte mit dem Rücken zur Wand, hat Gott entweder damit zu tun - oder eben nicht. Entweder gibt es Gott, dann handelt er auch. Oder es gibt Gott nicht, dann ist alles Zufall. Das überlege ich da so vor mich hin im Wartezimmer mit dem Rücken zur Wand. Dann wird endlich ein Stuhl frei. Aber an der Reihe bin ich noch lange nicht. Ich sitze, schaue zu, höre auf Stimmen und sehe Pflaster und Augenklappen. Menschen mit Sorgen im Gesicht.
Dann macht sie eine Pause. Und sagt schließlich: Weißt du, manchmal gebe ich mir auch eine Antwort. Im Wartezimmer, auf meinem Stühlchen. Da denke ich mir: Vielleicht soll ich das alles hier sehen und fühlen. Das Leid. Die Angst. Die Schmerzen und das Seufzen. Vielleicht soll ich das alles ganz bewusst wahrnehmen, diesen traurigen Teil der Welt. Wo Menschen häufig mit dem Rücken zur Wand stehen, nicht nur eine halbe Stunde wie ich in dieser Woche.
Weißt du, was ich glaube? Gott gibt uns manchmal auch traurige Zeichen. Warum? Weil es zum Glauben die wachen Sinne braucht. Damit wir inmitten von Leid und Klagen nicht vergessen, dass dieser Gott das Leben nicht preisgibt. Niemals. Nicht eines.

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  Weltwassertag

Weltwassertag

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.03.2021

Wasser, das Lebenselixier schlechthin. Ohne feste Nahrung halten wir gut ein paar Wochen aus, ohne Wasser höchstens ein paar Tage. Die Industrie ist davon abhängig; allein zur Produktion eines Autos benötigt man 400.000 Liter Wasser. Wir brauchen es in der Landwirtschaft und wir haben in den drei vergangenen Jahren gesehen, was es bedeutet, wenn es zu wenig davon gibt: Die Ernteerträge gehen dramatisch zurück – sogar bei uns. Und in den Regionen unserer Erde, die ohnehin schon zu den ärmsten gehören, bedeutet ein einziges Trockenjahr für viele Menschen den Hungertod. Wasser ist existenziell. Wasser bedeutet Leben.
Heute ist Weltwassertag. Vor knapp 30 Jahren wurde er von der UN ins Leben gerufen und soll das Bewusstsein für die Wichtigkeit dieses im wahrsten Sinne des Wortes Lebensmittels schärfen. Dass das nötig ist, liegt auf der Hand. So hat jeder sechste Mensch auf dieser Welt keinen Zugriff auf sicheres Frischwasser. Lediglich ein Prozent des auf der gesamten Erde verfügbaren Wassers ist Trinkwasser. 99 Prozent sind Salzwasser oder als Eis auf den Polkappen gebunden.
Und wie es oft so ist: Dieses eine Prozent an verfügbarem Trinkwasser ist keinesfalls gerecht verteilt. Es fehlt gerade in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Nach UN-Angaben sterben auf dieser Welt jede Stunde 187 Kinder, weil es für sie nicht genug Wasser gibt; während ich hier auf der Kanzel stehe, sind es 15.
Bei uns und vielen anderen Ländern dieser Erde liegt die Trinkwasserversorgung in der öffentlichen Hand. Immer wieder allerdings gibt es Diskussionen, ob man diesen meist kommunalen Sektor nicht auch privatisieren könnte, so, wie zum Beispiel die Strom- und Gasversorgung oder die Telekommunikation. Ich halte das für gefährlich, weil es zum Wasser eben keine Alternative gibt und aus meiner Sicht negative Auswirkungen nicht auszuschließen sind, wenn es zum Gegenstand von Gewinnerzielung wird. Für manches ist ein staatliches Monopol durchaus sinnvoll, beim Wasser ist das so, wie ich finde.
Auch im biblischen Kontext spielt Wasser eine große Rolle. „Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“, so heißt es ganz am Anfang der Bibel. Wasser war schon, bevor alles andere wurde. Insofern ist es durchaus schlüssig, dass Wissenschaftler auf fremden Planeten erst einmal nach Wasser suchen, um die Möglichkeit zu überprüfen, ob es dort Leben geben kann.
Oder denken wir an die Taufe. Dort wird das Wasser erneut zum Symbol des Lebens. Unsere Sünden werden mit dem Wasser der Taufe abgewaschen und wir werden hineingenommen in die lebensspendende Gemeinschaft mit Gott.
Es ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden, dass gutes, gesundes Wasser aus der Leitung fließt und wir es immer und ausreichend zur Verfügung haben. Der heutige Weltwassertag möge uns daran erinnern, wie wertvoll dieser Luxus ist. Amen.

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  Abstellräume

Abstellräume

Henning Böger, Pfarrer - 20.03.2021

Es gibt Räume, da stellen wir Menschen Dinge ab. Wir wollen sie nicht wegwerfen, aber jetzt brauchen wir sie nicht. Es gibt Räume, da lagern wir ein, was wir nur zeitweise benötigen: Saisonartikel, wie den Schneeschieber, die Weihnachts- oder Frühlingsdeko, die Terrassenmöbel, die Koffer zum Verreisen. In Abstellräumen landen auch jene Dinge, die nützliche Helfer im Alltag sind, aber nicht schön genug für den Wohnbereich: die Staubsauger und Putzeimer, Leitern und Werkzeugkisten.
Manchmal erzählen Menschen davon, dass in ihrer Kindheit der Abstellraum ein beliebter Ort für Strafen war: „Ab auf die Kellertreppe!“ Dort saß man dann „wie abgestellt“ und blickte auf Eimer, Kartoffelkiste und Besen. Für eine Zeit lang war man nicht tauglich für das Familienleben.
Heute als Erwachsener mag ich die Abstellräume unserer Wohnung. Sie erleichtern und sortieren das Familienleben. Und für unsere beiden Söhne sind Keller und Dachboden echte Glücksorte, an denen sie ausrangiertes Spielzeug und viele andere, nützliche Geräte entdecken können. Oft zum Leidwesen der Eltern, die das ganze Zeug schon längst vergessen hatten!
Auch in meinem Inneren gibt es einen Abstellraum. Dort sind viele Erinnerungen abgelegt, mal ganz offen und mal eher versteckt. Es ist eine bunte Mischung von Erlebnissen, die mir guttaten und weiterhalfen. Aber auch die schwierigen Begegnungen, die mich nie wirklich loslassen, haben hier ihren Ablageort. Kein anderer Raum erzählt wohl so viel von mir.
Auch mein Glaube hat im inneren Abstellraum Staufläche. Da ist Platz für den kinderleichten Glauben an einen Gott, der wie selbstverständlich über meinem Leben und dem der anderen wacht. Man findet dort aber auch die Wüstenzeiten, in denen Gott für mich wie verborgen und der Glaube brüchig war, voller Zweifel und Fragen.
Häufig sind die Dinge in meinem inneren Abstellraum stille Wegbegleiter, die dann und wann in Gedanken hervortreten, abgestaubt und erinnert werden wollen: „Ach ja, so war das!“ Und oftmals ist mit diesen Erinnerungen auch ein besonderes Gefühl verbunden: von anderen bedacht worden zu sein, die mir gut waren so, wie Gott mir gut sein will.
Sind Sie jetzt in Gedanken schon unterwegs in Ihre eigenen Abstellräume? Die äußeren und die inneren? Gut so! Nehmen Sie sich Zeit dafür. Holen Sie die Dinge ans Licht! Was sollte mal gereinigt und wieder genutzt werden? Oder Sie verschenken etwas davon. Manchmal braucht es auch Platz für Neues!

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  WENN DEIN KIND DICH MORGEN FRAGT

WENN DEIN KIND DICH MORGEN FRAGT

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.03.2021

In einem Nachwort zu den Texten von Edeltraud Eckert schreibt Ines Geipel: „Das Gefühl innerer Einsamkeit bestimmt zunehmend ihr Leben… Die Einsamkeit zieht auch in ihre Verse, nistet sich dort ein, macht den Binnenklang poröser…“. Und so klingen ihre Verse dann:
„Ich weiß nicht viel von mir zu sagen, / Nur dass ich lebe, dass ich bin, / Und alle Wünsche, die ich tragen, / Sind im Verzicht ein Neubeginn. …
Die Menschen, die mich hier umgeben, / Stehn grell geschminkt im kalten Licht, / Das man das Schicksal nennt. Sie leben, / Zumeist mit Masken vorm Gesicht.
So steh ich wartend unter vielen. / Ich lache mit und bin nicht froh. / Ich hör und seh ich selber spielen. / Mein Herz ist weit und anderswo.“
Eine junge Frau hat diese Zeilen geschrieben. 21 Jahre ist sie alt.
Es klingt nach verlorenem Leben, nach Worten, entstanden irgendwann im langen Lockdown, wenn sich die Seele langsam eintrübt und die maskierte Außenwelt nur noch digital oder als Supermarktversion erlebbar ist. Anrührend und erschreckend. Aber es sind Worte eines Menschen, die unsere Sorgen und Probleme, die Einschränkung unserer Freiheit relativieren.
Diese 21-jährige lebt schon lange nicht mehr. Sie starb 1955 in einem Leipziger Krankenhaus, drei Jahre nach diesem Gedicht, an den Folgen einer schweren, überaus nachlässig behandelten Kopfverletzung.
Edeltraud Eckert war eine politische Gefangene der DDR.
Ines Geipel, die ihre Gedichte und Briefe in der „Verschwiegenen Bibliothek“ der Büchergilde Gutenberg herausgegeben hat, wurde fünf Jahre später in Dresden geboren. Auch ihre Lebensgeschichte ist schmerzhaft verbunden mit dem Land, in dem sie geboren wurde. Sie war die Tochter eines Top-Spions und Leistungssportlerin, Opfer unbegreiflicher physischer Gewalt durch ihren Vater und die Staatssicherheit, auf deren Anweisung ihr bei einer
Unterleibsoperation wurde ihr der gesamte Bauch samt Muskulatur durchgeschnitten wurde. Ines Geipel erfuhr davon erst durch Einsicht in ihre Stasi-Akte, weil deren Zugänglichkeit nach der friedlichen Revolution mühsam erstritten worden war.
Heute Mittag stellte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, in Berlin seinen letzten Bericht vor. Die Behörde wird aufgelöst, Millionen Akten werden Teil des Bundesarchivs.
Im Alten Testament heißt es im 5. Buch Mose: „Wenn dein Kind dich morgen fragt … dann sollst du sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand….“
Sorgen wir dafür, dass auch unserer Kinder weiter fragen, dass nicht vergessen wird.

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  Achtsamkeit für die Mitschöpfung

Achtsamkeit für die Mitschöpfung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.03.2021

Während unsere Umweltministerin noch berichtet, dass wir die Klimaziele 2020 doch noch erreicht haben – dies aber nicht wegen umsichtiger Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Energieversorgung sondern wegen Zwangspause – füllen sich die Ferienflieger nach Mallorca. Letzteres kann ich leichten Herzens anprangern, weil ich da mühelos verzichten kann – wäre Hiddenseeurlaub möglich, würde ich auch sofort aufbrechen…
Aber im Ernst - die Coronakrise sollte uns gründlicher zum Nachdenken und Umkehren bringen – vielleicht im Sinne eines Weckrufes. Denn der vermutlich größeren ökologischen Krise werden wir nicht mit Impfen beikommen können. Mittendrin und hier unter Gottes Angesicht werden alte und neue Fragen wach – denn es geht um Heilung und Erlösung, um Umkehr und Schonung.
Lange haben wir von „Bewahrung der Schöpfung“ geredet – als wäre es an uns die Erde zu retten. Dass das ein Irrtum ist, merken wir immer dann, wenn die Erde sich wehrt – mit Stürmen und Überschwemmungen, Erdbeben, Dürrezeiten, Heuschreckenplagen…
Dass das ein Irrtum ist, ahnen wir wenn wir ihre Geschichte betrachten: Die Erde ist so viel älter als die Menschheit. Darum sollten wir begreifen, dass sie uns nicht braucht. Wir sie aber schon. Darum sollten wir uns ein bisschen demütiger als Mitgeschöpfe begreifen und vielleicht eher von „Achtsamkeit gegenüber der Mitschöpfung“ sprechen.
Die aktuelle Zwangspause wirkt dabei wie eine Erinnerung an den uralten Schöpfungsbericht: Gott schuf die Erde in sieben Tagen, er trennt Wasser vom Land und Licht von der Finsternis, er machte Pflanzen, Tiere und Menschen. Am siebenten Tag ruhte er aus. Sabbat, Pause, Stille.
Darin vollendete Gott seine Schöpfung, deren Krone nicht der Mensch ist – sondern eben der Sabbat.
Heilig blieb er den Juden. Wir haben den Sonntag. Vormals war das Gottesdienstzeit gefolgt von langweiliger Feiertagsruhe. Jetzt haben wir keine heilige Zeit mehr aber langweilige Ruhe im Übermaß. Kein Wunder, dass ich dieser Tage dem Gedanken begegnet bin, ob sich unsere Erde gerade all die verlorenen und vergessenen Sabbatzeiten zurückholt.
Vielleicht tut sie das und danach wird es Abend und Morgen, ein neuer Tag und wir beginnen wieder mit dem, was wir Tagwerk nennen – vielleicht, hoffentlich behutsamer, weitsichtiger, fürsorglicher …

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  Du siehst mich

Du siehst mich

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.03.2021

In der Tageslosung heißt es heute aus dem ersten Buch Mose. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das sind schon ganz pur und aus dem Zusammenhang gerissen tröstliche Worte: Wir werden gesehen. Der große Gott kennt und liebt uns, nicht oder nicht nur als Menschheit, sondern Dich und mich – ganz im Sinne des Liedes „Weißt Du wieviel Sternlein stehen.“ Die große Zahl ist dem großen Gott nicht zu groß; der kleine Mensch dem Gott, der uns Mutter und Vater ist, nicht zu klein.
So könnten wir heimgehen, stärker als wir gekommen sind.
Aber es lohnt, das alte Wort in seinem Kontext zu hören: Es stammt aus der Geschichte von Abraham, Sara und ihrer Magd Hagar. Gott hatte dem Abraham verheißen, ihn zu segnen und aus ihm ein großes Volk zu machen, eine unzählbar große Familie, zahllos wie die Sterne am hohen Himmelszelt. Aber in Abrahams unmittelbarer Lebenswirklichkeit ereignete sich der denkbar größte Widerspruch zu dieser Verheißung: Seine Ehe mit Sara bleib kinderlos. Beide waren alt; nach menschlichem Ermessen würde es so bleiben. Darum bediente sich Sara einer schwerwiegenden, allermeist konfliktbeladenen, Notlösung – der Leihmutterschaft. Sie ließ ihre Magd Hagar das Kind austragen, das sie selbst nicht bekommen konnte.
Vermutlich waren beide Frauen voller guter Vorsätze – aber es gelang ihnen nicht, in Frieden nebeneinander zu leben. Als die Situation eskaliert, flieht die schwangere Hagar in die Wüste und kommt schließlich an eine Quelle. Dort begegnet ihr ein Engel, der sie fragt:
„Wo kommst du her und wo gehst Du hin?“
Es sind die zwei der ganz großen Fragen – an jeden Menschen. „So wird nicht gefragt, um eine Antwort zu erhalten, so wird in Fraglichkeit gestoßen.“
Der Engel rüttelt an Hagar, zwingt sie, nicht nur zu reagieren und fortzustürzen, sondern sich ihrer selbst bewusst zu werden. „Du wirst ein Kind bekommen.“ sagt er. Imperativ und Futur. Beides Zeitformen für etwas, was nicht ist aber sein wird. Daran erkennt Sara den Gott, der von sich selber sagt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sie erkennt sich selbst, angesehen von diesem Gott. Darum nennt sie die Quelle: „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.“ Und so schenkt uns die Tageslosung nicht nur Gegenwart, sondern auch Zukunft – erst recht dann, wenn wir uns gerade in einer Wüste erleben.


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  Was den Mensch zum Menschen macht

Was den Mensch zum Menschen macht

Henning Böger, Pfarrer - 16.03.2021

Was macht den Mensch zum Menschen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt eine aktuelle Studie der Universität Boston: Es ist das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen, die Gefühle andere zu erkennen und ihr Verhalten mit den eigenen zu vergleichen. Diese Fähigkeit, so die Hirnforscher aus Boston, sei Menschen eigen und entwickle sich etwa ab dem dritten oder vierten Lebensjahr.
Mensch bist du, weil du mit anderen empfinden kannst! Das klingt so kinderleicht und ist im Miteinander von Menschen oft so schwer: Da wird sehr viel von sich erzählt. Und es wird, oft eher rücksichtslos, der eigene Vorteil gesucht und betrieben. Jedenfalls kann man diesen Eindruck gewinnen.
Und dann erlebt man wiederum große Selbstlosigkeit: Menschen lassen Eigenes stehen und liegen, um anderen zu helfen. Menschen opfern Zeit und Geld, um andere zu unterstützen. Viele Zeitgenossen kümmern sich um andere in einer Weise, die höchste Bewunderung verdient. Und das gilt umso mehr in diesen Zeiten „unter Corona“, in denen alles Miteinander so sehr auf Abstand funktionieren muss.
Mensch bist du, weil du mit anderen empfinden kannst! Dieser Gedanke ist schon nahe dran an Karwoche und Osterfest, die vor uns liegen mit ihren Erzählungen von Verrat und Versöhnung, vom Leben, das sich selbst verschenkt, und der Liebe, die den Sieg behält, weil Gottes Sorge weiter reicht.
„Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt!“
Das ist ein starker Jesussatz, nachzulesen im Johannesevangelium und dann mitzunehmen in diesen Abend und die noch junge Woche hinein.
Was ich an Zeit oder Mitgefühl für andere aufbringe, wird mich selber stärken. Nichts ist vergeblich, was ich für andere einsetze oder hingebe: kein Gedanke, keine Stunde, kein geopfertes Geld. Alles kommt auf andere Weise zu mir zurück.
„Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt!“
Ich höre das so: Mensch, du verkümmerst, wo du dich nur um dich kümmerst.
Dein Leben blüht auf, wo du empfindsam bist für andere!

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  Unglaublich

Unglaublich

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.03.2021

Jeder Vergleich hinkt, das liegt in der Natur der Sache. Wir versuchen, durch Vergleiche Sachverhalte verständlicher zu machen. Dazu suchen wir nach Analogien aus uns vertrauten Wissens- und Erfahrungsbereichen und laufen dabei aber immer Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Natürlich hilft es jemandem, der nicht weiß, was ein Apfel ist, zu beschreiben, dass der so ähnlich wächst und aussieht wie eine Birne; aber es bleibt dabei: Auch dieser Vergleich hinkt.
Davon ist auch Jesus nicht frei, der uns vieles in Vergleichen, in Gleichnissen erklärt hat. Über dieser Woche heißt es: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Ein Bild aus der Landwirtschaft, dass auch wir nach 2000 Jahren noch verstehen. Jesus beschreibt damit sein Sterben und das, was daraus erwächst. Er ist das Weizenkorn und viel Frucht sind all jene, die durch seinen Tod am Kreuz zum Glauben kommen und errettet werden.
Doch der Vergleich passt nicht so ganz. Wenn man Pflanzen aussät, im heimischen Garten oder im Blumentopf auf der Fensterbank, dann bleibt vom ursprünglichen Samen tatsächlich nichts über. Doch bei Jesus war genau das eben nicht so. Er ist am dritten Tage auferstanden, er ist zurückgekommen ins Leben, herausgerissen aus der Macht des Todes. Und diese Auferstehung hat sich nicht wie bei Blumensamen vollzogen, wo das einzelne Samenkorn sozusagen nur stellvertretend durch die neuen Pflanzen weiterlebt. Nein, es war Jesus höchstpersönlich, den Gott auferweckt hat.
„Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber“, so sagt er zu seinen Jüngern, als er sie als Auferstandener in ihrem Versteck trifft. Und weil das den Jüngern immer noch nicht zu reichen scheint, setzt er noch einen drauf und isst vor ihren Augen ein Stück gebratenen Fisch. Jesus ist kein Geist, er, das Weizenkorn, ist ins Leben zurückgekehrt.
Ich denke, dass es für uns zu den größten Herausforderungen unseres Glaubenslebens gehört, das so anzunehmen. Denn es widerspricht allen Erfahrungen, die wir gesammelt haben, allen wissenschaftlichen Beweisversuchen und allen Regeln, die unser Leben auf dieser Welt erklären und verständlich machen. Und doch ist es so passiert.
Immer wieder berichtet die Bibel darüber, dass selbst Jesu Jünger all das überfordert. Wir lesen, dass sie vor Freude nicht glauben konnten, dass sie also dachten, Jesus sei nie wirklich tot gewesen und nun wieder wach und bei ihnen. Irgendwann fällt bei ihnen auch der Groschen und sie begreifen, bei welch wunderbarem Geschehen sie Zeugen sein durften, Zeugen, wie auch wir.
Wir gehen auf die Festtage zu, an denen wir all das feiern. Und wir können besser verstehen, was uns zuteilwurde: Aus Leid und Schmerz und Tod ist neues Leben geworden, Auferstehungsleben. Amen.

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In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine öffentlichen Führungen statt!