Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Äquinoktikum

Äquinoktikum

Jakob Timmermann, Pfarrer - 23.09.2022

In der Landgemeinde in Othfresen, in der ich bis vor zwei Jahren gearbeitet habe, gab es zwei Mal im Jahr ein kleines Zusammentreffen in und vor der Kirche. Unser Prädikant hatte dazu eingeladen und der Anlass war mir beim ersten Mal ein Rätsel: wir feiern Äquinoktikum, sagte er. Und lächelte süffisant, als er die Fragezeichen in meinen Augen sah.
Neugierig folgte ich aber natürlich der Einladung und fand mich mit anderen Interessierten am 23. September um 18 Uhr vor der Kirche ein.
Er machte es spannend. Öffnete langsam beide Flügel der schweren Kirchentür. Dann gingen wir hinein und öffneten gemeinsam die Flügel der zweiten Tür. Gingen dann hindurch und wurden gebeten einen Schritt an die Seite zu machen. Ja, und dann haben wir es gesehen: Es war magisch. Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne schienen schnurgerade durch den ganzen, langen Raum hindurch und ließen den Altar am anderen Ende Kirche in goldenem Licht erstrahlen. Zwei Mal im Jahr leuchtete er in diesem besonderen Licht.
Äquinoktikum kommt aus dem Lateinischen und im Deutschen würde man Tag-und-Nacht-Gleiche sagen. Und die ist ungefähr heute. Tag und Nacht sind heute ziemlich genau gleich lang. Und überall auf der Welt, geht die Sonne heute ziemlich genau im Osten auf und ziemlich genau im Westen unter.
Und die Architekten der Kirche in Othfresen haben dieses Phänomen genutzt und für zwei besondere Momente Jahr gesorgt. Zwei Mal im Jahr scheint die Sonne im Moment ihres Untergangs direkt auf den Altar. Nur für wenige Minuten erstrahlte das Bild auf dem Altar in diesem besonderen Licht.
Und auf diesem Bild war Jesus zu sehen, wie er seinen sogenannten Lieblingsjünger in den Arm nimmt und tröstet. Den tröstenden Jesus in einem anderen Licht betrachten, die Hoffnung für die Welt mit neuen Augen sehen, dem grauen Trübsinn einen goldenen Rahmen setzen. Das geht! Zum Beispiel heute bei Sonnenuntergang.
Denn bei Gott ist die Quelle des Lebens. Und in seinem Licht sehen wir das Licht. (Psalm 36,10)

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  Nichts

Nichts

Werner Busch, Pfarrer - 22.09.2022

Ich spreche heute über „Nichts“.
Immer haben wir etwas zu tun. Immer beschäftigt mich irgendetwas. Es ist fast unvorstellbar, einmal nichts zu tun. Nichts zu denken. Von nichts beansprucht zu werden. Gerade auch nichts planen, sich auf nichts vorbereiten.
„Ich will einfach nur hier sitzen.“ Sie kennen den Loriot-Sketch. Der Mann sitzt schweigend im Sessel während seine Frau in der nebenanliegenden Küche sehr beschäftigt ist und gleichzeitig auf ihn einredet.
„Hermann, was machst du da?“
„Nichts.“
„Nichts? Wieso nichts?“
„Ich mache nichts.“
„Gar nichts?“
„Nein.“
„Überhaupt nichts?“
„Nein. Ich sitze hier.“
„Du sitzt da?“
„Ja.“
„Aber irgendwas machst du doch!“
„Nein.“
„Denkst du irgendwas?“
„Nichts Besonderes.“
Die Unterhaltung geht noch in diesem Stil weiter und endet in einem wütenden Schrei. Das kann doch nicht sein, dass da einer einfach sitzt und nichts tut oder denkt. Zugegeben: Loriot hat in diese Szene in den gängigen Klischees seiner Zeit gestaltet. Die geschäftige Hausfrau in der Küche und der Mann, der sich im Wohnzimmer entspannt. „Ich will einfach nur hier sitzen.“
Trotzdem legte diese Szene eine Wahrheit frei, die für Männer und Frauen gleichermaßen gilt.

Es ist unvorstellbar, einfach nur da zu sein. Einfach nur sein. Ohne Beschäftigung. Ohne Geistestägigkeit. „Was machst du da?“ „Nichts.“
Die Bibel versetzt uns schon im zweiten Satz, ganz am Anfang, in diesen Zustand. Der Schöpfungsbericht beginnt mit fast nichts. Später passiert sehr viel in diesem poetischen Schöpfungslied, von Strophe zu Strophe geschieht Grundlegendes. Sollte man das alles in einer Filmanimation darstellen, dann würden diese fundamentalen Schöpfungsakte mit einem Krachen und Rauschen dem Gebilde zunehmend Ordnung und Leben einstiften. Bis es im Meer und in der Luft von Tieren nur so wimmelt. Aber ganz am Anfang, in Vers 2, ruht alles. Pures Sein. „Die Erde war wüst und leer. Finsternis erfüllte die Tiefe. Und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“
Was machst du da? Nichts. Noch nichts.
Das ist der Anfang. So beginnt Gott seine Werke: mit Nichts als mit ruhender Leere, mit Dasein, mit ungeordneter Anwesenheit. Und jedes Mal, wenn Tag und Nacht einander abwechseln, taucht die Welt in eine Zwischenphase, die an diesen Anfang erinnert. Wenn die Dämmerung über die Welt und über unser Leben kommt, wie in diesen Stunden, ahnen wir, dass es nicht aufs Tun, nicht auf Beschäftigtsein ankommt.
Die Bibel hat viele Namen für Gott.
„… der Himmel und Erde gemacht hat.“
„… der ich dich aus Ägytenland geführt habe.“
„… der Christus von den Toten auferweckt hat.“
Diese Namen nennen ihn bei seinen Taten. Aber ein Name ist anders. Es ist der geheimnisvollste Name von allen. „Ich bin, der ich bin.“ So stellt er sich Mose vor, in der Wüste.
In unseren Lebenswüsten, wenn sich alles öde und leer anfühlt, und finster bis in die Tiefe. Dann leuchtet dieser Name, und führt uns in die Stille und mitten in seine Anwesenheit hinein: Ich bin, der ich bin.
Amen.

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  Weltalzheimertag "Verbunden bleiben"

Weltalzheimertag "Verbunden bleiben"

Werner Busch, Pfarrer - 21.09.2022

Anlässlich des heutigen Weltalzheimertages wenden wir uns dem Motto „Verbunden bleiben“ zu.
„Hört mir zu, ihr Nachkommen Jakobs, die ihr von Israel übriggeblieben seid.“ (Jesaja 46)
Die hebräische Bibel überliefert diese Prophetenworte. Propheten waren und sind ein besonderes Phänomen in unserem Alten Testament. Oftmals waren Propheten und manchmal Prophetinnen Menschen mit einem besonderen Charisma. Sie stellten sich quer zu den etablierten Autoritäten. Sie kritisierten die Regierenden und die Priester und das Volk. Ihre Botschaft ist in dicht gedrängten Sinnsprüchen überliefert. Über Generationen wurden diese Schriften bewahrt und von Schülerkreisen weitergeschrieben, bis sie schließlich Teil der Heiligen Schriften wurden.
Prophetenworte bringen Botschaften, die von anderswoher in die Zeit sprechen. Was sie sagen, ergibt sich nicht aus der Lage.
„Hört mir zu, ihr Nachkommen Jakobs, die ihr von Israel übriggeblieben seid.“
In den Traditionen unserer jüdischen Brüder und Schwestern sind Erfahrungen des alten Israels überliefert. Erfahrungen mit dem Menschsein, Erfahrungen mit den Völkern, Erfahrungen mit Gott.
Die damaligen Großmächte Assyrien und Babylonien überfielen, belagerten und annektierten dieses kleine Land in mehreren Etappen. Die eigene Geschichte, die eigene Identität sollte nicht mehr zählen. Sie wurden verschleppt und kamen für Generationen in das sprichwörtliche babylonische Exil. Was blieb, waren Erinnerungen. Doch Erinnerungen sind nicht immer ein Trost. Manchmal pocht ein Schmerz in ihnen. „Gott hat uns aus den Augen verloren“, klagten sie frustriert (Jesaja 40). Vorbei ist vorbei. Die goldenen Zeiten verblassten immer mehr. Mehmütige Nostalgie ist manchmal nicht mehr als ein Verlustschmerz. Du drehst Dich grübelnd im allerkleinsten Kreis und bist kaum empfänglich für neue Gedanken. Am liebsten erzählst Du nur, doch dein Hunger nach Angehörtwerden ist unersättlich, unstillbar.
„Hört mir zu, ihr Nachkommen Jakobs, die ihr von Israel übrig geblieben seid.“ Ein Aufmerksamkeitsruf. Öffne deinen Geist und lass einmal andere Gedanken in deinen Sinn. Das ist das, wozu diese Prophetenbücher da sind: Menschen auf neue Gedanken bringen. Das ist unbequem. Denn es geht gegen den Strich.
So auch dieses Mal. Gegen die Resignation. Gegen die Verzweiflung. Gegen die Selbstzerfleischung. Ist doch egal, was aus mir wird.
„Hört mir zu, ihr vom Hause Jakob und alle, die ihr noch übrig seid vom Hause Israel, die ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an und vom Mutterschoße an mir aufgeladen seid: Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“
Wenn die eigenen Kräfte dich nicht mehr tragen. Wenn du nicht mehr ganz Herr deiner selbst bist. Wenn Du Dir selbst entgleitest, dann hör wenigstens dies: Du wirst getragen. Gott lässt Dich nicht los. Israel ist ein Zeichen, ein Beispiel für die Treue Gottes. Durch Jesus haben wir Anschluss an die Trost- und Hoffnungsbotschaft, die aus ferner Vergangenheit durch die Zeiten und Orte geht. Weil Gott sich selbst treu bleibt und etwas einmal Begonnenes nie wieder aus der Hand gibt, sind diese Worte ein Anker für unsere jüdischen Geschwister. Und sie sind ein Anker auch für uns.
„Ich will euch Tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet.“ Und wenn Euch Eure Kräfte, Eure Souveränität schon vorher entgleiten: Ich trage Euch auch dann schon. Ich bleibe mit euch verbunden und bin bei euch alle Tage, bis an das Ende Welt. Amen.

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  Wortwahl

Wortwahl

Werner Busch, Pfarrer - 20.09.2022

Es lohnt sich eigentlich immer, auf die Wortwahl zu achten. Wir alle kennen Situationen, in denen der Umgang grob und unverschämt geworden ist. Das kommt gelegentlich vor, manchmal ganz plötzlich und unvermittelt. Im Straßenverkehr, auf Familienfeiern oder im Berufsleben. Dann fällt besonders auf, wie wichtig und wirksam unser Sprechen sein kann. Mit Worten kann man einiges anrichten, im Guten wie im Bösen.
„Wie redest du mit mir?“ fragt die Mutter ihren Sohn. Sie ist verärgert, denn er hat sich gerade im Ton vergriffen. Und ihre Frage ist natürlich vorwurfsvoll gemeint. Sie weist ihn zurück. Seine Wortwahl hat die Beziehung verletzt und ihre Gefühle. Auf seine blöde Bemerkung folgt ihre Frage: „Wie redest du mit mir?“
Ich finde, das ist eine kluge Frage. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf unsere Alltagssprache, auf die Wortwahl, den Tonfall. Es ist wie bei einem Foul im Fußball. Manchmal ist der Videobeweis nötig. Wenn das Spiel ein hohes Tempo hat, schneller Ballwechsel usw. Da übersieht man schnell den Tritt vors Schienbein. Du siehst nur den Spieler am Boden liegen, wie er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht windet. Und denkst vielleicht: Du Schauspieler! Dann, in Zeitlupe, wird noch einmal genau und langsam gezeigt, was wirklich passiert ist. Exakt dazu fordert diese Frage auf: „Wie redest du mit mir?“
Die Wortwahl hat Wirkungen. Mit Worten formen wir unsere Beziehungen und mit Worte zerstören wir sie wieder. Worte können unseren Kontakt vertiefen oder erkalten lassen. Worte können beruhigen und Sorgen lindern, oder einen Streit entfachen. In der Bibel steht die Zunge als Organ für unsere Sprachkompetenz. „… so klein“, heißt es im Jakobusbrief. Die Zunge ist so ein kleines Organ. Wie ein Flämmchen. Nur ein Funke, aber was für einen Wald zündest du damit an? Das setzt dein ganzes Leben in Brand, wenn du achtlos mit Worten umgehst.
„Wie redest du mit mir?“ Es kann helfen, ab und zu einmal den Videobeweis anschauen. Die Wahrheit aushalten und ehrlich werden vor sich selbst.
Allerdings ist die Zeitlupe nicht das natürliche Lebenstempo. Du kannst nicht in Zeitlupe leben. Situationen, in denen es wild wird, lassen sich nicht anhalten und zurückspulen. Gerade Menschen sind manchmal kaum zu bremsen. Der Prophet Jeremia hatte mit seiner Beobachtung schon Recht: „Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.“ (Jeremia 8)
Das wirft eine Frage auf. Womit und wodurch bessern wir unser Reden, unser Leben, unsere Welt? Bei schriftlichen Dingen, Briefen und E-Mails, hat man ja Zeit zum Nachdenken und zum Verarbeiten. Solche Freiräume sind oft sehr wichtig, und wir sollten sie nutzen oder schaffen. Aber wenn Verlangsamung und Korrektur nicht möglich sind, wie geht es dann?
Am Leben sein heißt: In Beziehung sein. Immer schon finden wir uns in Beziehungen vor. Eine Beziehung ist näher, stabiler, lebendiger und verheißungsvoller als alle anderen. Denn sie beruht nicht auf uns. Gott selber hat seine Hand ausgestreckt zum Friedensschluss mit Dir und mir. Jesus hat ein unverbrüchliches Willkommen in die Welt gerufen. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Und: „Ich bin bei euch alle Tage.“ Auch an den stürmischen. Da liegt eine Kraftquelle für uns, aus der uns Gutes zufließt, auch wenn es einmal schwierig und grob wird.
Amen.

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  "Man soll den Morgen nicht vorm Abend loben."

"Man soll den Morgen nicht vorm Abend loben."

Werner Busch, Pfarrer - 19.09.2022

Ein Sprichwort warnt: "Man soll den Morgen nicht vorm Abend loben." Und jedes Kind versteht, was gemeint ist. Was gut begonnen hat, kann böse enden. Am Morgen noch Sonnenstrahlen und blauer Himmel, wie heute früh. Und am Tag dann Wolken und Regen.
Eine glückliche Kindheit ist noch keine Garantie für ein gutes Leben. Bestnoten beim Schulabschluss sichern Dir noch nicht Deinen beruflichen Erfolg. Und das rauschendste Hochzeitsfest macht nicht immun gegen spätere Ehekrisen.
Der Zauber des Anfangs beflügelt und hilft über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Ein guter Start in einen neuen Lebensabschnitt ist viel wert. Die Freude beim Beginnen ist eine gute und notwendige Basis. Aber erst wenn die Mühen der Ebene gemeistert sind, zeigt sich Gelingen und wächst daraus auch ein Segen.
Jesus macht es ganz anschaulich mit einer simplen Beispielgeschichte. Sie ist wie gemacht für eine Stadt mit Technischer Universität. Ein paar Worte nur aus Lukas 14: "Stellt euch vor: Einer von euch will einen Turm bauen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft, ob sein Geld reicht? Sonst passiert es, dass er das Fundament legt, aber den Bau nicht fertigstellen kann. Alle, die das sehen, lachen ihn aus und sagen: ›Dieser Mensch wollte einen Turm bauen – aber er konnte ihn nicht fertigstellen.‹ (Lukas 14,28-30)"
Das sind Allerweltsweisheiten, die jedem einleuchten. Aber so abgedroschen der Rat auch klingt und so leicht und flotte sich das dahersagt – Man soll den Morgen nicht vorm Abend loben - : Es geht um etwas sehr Anspruchsvolles. Wer Ziele erreichen will, muss Hindernisse überwinden. Wer sich ins Gelingen verliebt hat, muss mit Rückschlägen rechnen. Wer ankommen will, braucht einen Rucksack voll Geduld und anhaltend geistige Spannkraft. Wenn am Ende so etwas wie Erfolg, Fortschritt und eine gute Bilanz stehen sollen, musst Du die Kosten der ganzen Strecke einplanen. Aus millionenfachen Geschichten des Scheiterns haben Kulturen und Gesellschaften viel Klugheit gesammelt. Modernes Projektmanagement ist nichts anderes als die Kunst, einen Verlauf mit schwer kalkulierbaren Risiken und Krisen am Ende doch zu meistern.
Dabei ist es gar nicht so leicht, sich eine Sache einzugestehen. Es kann schief gehen. Du könntest scheitern. Vielleicht reicht Deine Tatkraft, Deine Energie nicht aus. Vielleicht übersteigt das freudig begonnene Projekt mit der Zeit Deine Möglichkeiten. Jeder Mensch hat Grenzen. Du auch.
In der Benediktiner-Regel gibt es schon auf der ersten Seite einen guten Rat. In eine Klostergemeinschaft einzutreten und sich lebenslang zu verpflichten, ist so ein unabsehbares Vorhaben. Benedikt von Nursia hat deshalb eine Empfehlung gegeben. Sie ist sehr allgemein formuliert, weil sie nicht nur für seine Mönche, sondern auch für viele andere Lebenslagen eine Hilfe ist.
„Wenn Du etwas Gutes beginnst, bestürme ihn beharrlich im Gebet, er möge es vollenden.“
Mit unseren Grenzen gehen wir zu Gott, unserm Schöpfer.
Mit unserem Scheitern gehen wir zu Christus. Er verurteilt nicht, sondern richtet auf.
In unserer Hinfälligkeit öffnen wir uns für Gottes Geist, der unseren inneren Menschen heilt und erneuert.
So segne und behüte uns der dreieinige Gott.

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  Perfektionismus

Perfektionismus

Christian Kohn, Pfarrer - 17.09.2022

Ein Mann ging zu einem Rabbi und beklagte sich darüber, dass er sich immer wieder so niedergeschlagen fühlen würde. Er hätte schließlich den Eindruck, dass er ein Nichts, ein Niemand sei. Nachdem sich der Rabbi eine Weile schweigend die Klagen dieses Mannes angehört hatte, fragte er ihn: „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du glaubst, ein Niemand zu sein?“

Folgt man dieser kleinen Geschichte, dann scheint die Niedergeschlagenheit dieses Mannes eine Kehrseite seiner übersteigerten Erwartungen an sich selbst zu sein. Das jedenfalls würde die Reaktion des Rabbis erklären, der fragt: Was glaubst du eigentlich, wer oder wie du in Wirklichkeit sein müsstest, um das Gefühl zu haben, dass du jemand seist und nicht ein Niemand!?
Denn sogenannte Probleme sind ja strukturell betrachtet nichts anderes als die von einem Menschen erkannte Differenz zwischen einem erlebten Ist - und einem geglaubten Soll - Zustand. Ohne den mitgedachten/mitgeglaubten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Soll-Zustand wären sie schließlich gar nicht als Probleme zu erkennen, weil es dann ja auch keinen wahrnehmbaren Unterschied zum Ist- Zustand gäbe!
Das heißt in diesem Fall: Möglicherweise hegt und pflegt dieser Mann ja zu hohe Ansprüche an sich selbst und sein Leben, die er in der Realität allerdings nicht zu erfüllen vermag! Vergleichbar mit einem Hochspringer, der sich die Latte, die er zu überspringen gedenkt, täglich so hochlegt, dass er sie unter Garantie unterlaufen wird, worauf er sich wiederum täglich wie ein Versager vorkommt. Es wäre demnach an der Zeit, sich mit seinen vielleicht zu perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst und dem Ursprung seines Selbstbildes kritisch auseinander zu setzen. Und es wäre weiterhin zu fragen, wie streng oder unbarmherzig ich mit meinem eigenen Leben umgehen muss, damit es meinen eigenen überzogenen Ansprüchen gelingen kann, mich selbst in die Verzweiflung zu treiben?!
Dabei gilt doch für uns auch im übertragenden Sinne die simple Einsicht: Wer auf dem Boden schläft, kann nicht aus dem Bett fallen. Wer mit seinen Ansprüchen an sich selbst auf dem „Teppich“ bleibt, der wird auch mit seinen Schwächen und Fehlern, mit seiner Schuld und seinem Versagen leben können. Denn sie gehören zu unserem Dasein dazu wie die Dunkelheit zum Licht. Wir müssen sie nicht beschönigen, aber sie sollten uns auch nicht so beunruhigen, dass wir uns als nichtig, als ein Niemand empfinden. Und wir sollten nicht vergessen, dass kein Mensch stets so gut ist wie in seinen besten Augenblicken, aber auch nie so schlecht wie in seinem schlechtesten Moment. Ich glaube, dieses Wissen lässt uns menschlich und barmherzig werden, - mit uns selbst und mit anderen! Denn wenn es etwas gibt, in dem wir alle vollkommen sind, - dann ist es unsere Unvollkommenheit! Und wenn es anders wäre, bräuchten wir die Liebe nicht…
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. (Kol 3,14)

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  Gedanken übers Denken

Gedanken übers Denken

Pfarrer Christian Kohn - 16.09.2022

„Cogito, ergo sum!“ (Ich denke, also bin ich) René Descartes (1595 -1650)
„Ich denke, also spinn ich!“ J. Mai, D. Rettig (2012)

Zwischen diesen beiden Zitaten liegen inzwischen über 350 Jahre Geistesgeschichte und ein Nachdenken darüber, was „das Denken“ für den Menschen und seine Existenz bedeutet. Während der eine noch davon ausgeht, dass ihn das kritische Denken zur Erkenntnis der Welt und der Wirklichkeit (zur „objektiven Wahrheit“!) führt, hat sich dieser Optimismus drei Jahrhunderte später deutlich abgekühlt. So jedenfalls ließe sich das Zitat Nummer 2 verstehen. Denn gerade die psychologische Forschung hat sich intensiv mit dem Wesen des menschlichen Denkens befasst und festgestellt, dass dieser Prozess alles andere als rational oder logisch verläuft, sondern vielmehr als subjektives Konstrukt verstanden werden muss.
Das „Spinnen“ könnte man sich also sehr bildlich (und zudem wertfrei!!) vorstellen als ein Tun, bei dem ein Mensch vergleichbar mit einer Spinne sich sein eigenes „Gedankennetz“ webt und auf diese Weise seine eigene Wirklichkeit herstellt, in der er sein Leben verbringt, deutet und einordnet. Und nicht nur das: Unser Denkapparat scheint auch noch nach seinen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten zu funktionieren, die wir scheinbar nicht bewusst steuern können!
Eines der bekannteren Denk-Phänomene ist wohl das Experiment mit dem Eisbären: Der Psychologe Daniel Wegner beauftragte Teilnehmer in seiner Studie, nicht an einen weißen Bären zu denken. Die folgenden fünf Minuten mussten die Teilnehmer alle Gedanken laut aussprechen und eine Klingel betätigen, wenn sie etwas über den weißen Bären dachten bzw. sagten. Im Durchschnitt kam der weiße Bär jede Minute mindestens einmal vor. Nach den fünf Minuten war das Ergebnis noch drastischer: Die Studienteilnehmer dachten zweimal so oft an den weißen Bären, als Beteiligte, die beauftragt wurden, wirklich an einen weißen Bären zu denken. Nimmt man diese Beobachtungen ernst, könnte man auf die Idee kommen, dass menschliches Denken wenig mit Freiheit oder Erkenntnis, sondern ganz viel mit scheinbaren, mitunter paradoxen Gesetzmäßigkeiten zu tun hat. Denn die, die nicht an den Bären denken sollen, tun es umso mehr, die anderen, die es tun sollen, tun es umso weniger!
Mir jedenfalls kommt es mehr und mehr so vor, als ließe sich seelische Gesundheit auch gerade daran erkennen, wenn man seinem eigenen Denken misstrauen darf. Und wenn man in sich in der glücklichen Situation befindet, nicht alles glauben zu müssen, was man sich selbst so denkt! Denn dann hat man ja zumindest verstanden, dass der eigene „Kopf“ einen Menschen nicht unbedingt und zwangsläufig zur „Erkenntnis der Welt“ führt, sondern auch ganz schön zum Narren machen kann!
So hielt bereits der Apostel Paulus folgende Empfehlung parat: Haltet euch nicht selbst für klug. (Röm 12,16)

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  Suizidprävention

Suizidprävention

Christian Kohn, Pfarrer - 15.09.2022

Es ist wohl eine Binsenweisheit, dass Krisen unvermeidlich zu unserem menschlichen Leben gehören. Ob man sie will oder nicht, sie finden einfach statt. Und selbst, wenn man versucht, ihnen auszuweichen, führt auch das wiederum in eine Krise. Wir alle kennen persönliche und gesellschaftliche Krisen, die uns in unserem Leben begegnen und natürlich auf unser eigenes Leben einwirken. Und so, wie wir das mit der Coronapandemie oder dem Ukrainekrieg erleben, geschehen sie einfach, ohne dass wir gefragt werden oder die Möglichkeit hätten, ihnen zu entkommen. Das heißt aber mit anderen Worten, dass wir lernen müssen, mit Krisen zu leben. Wir müssen lernen, mit ihnen umzugehen und sie zu bestehen. Denn nur so können wir an ihnen wachsen und zu neuen Einsichten und Erkenntnissen über uns und das Leben gelangen.
Auch Suizidalität könnten wir verstehen als einen möglichen Umgang mit einer Krise. Als eine Lösung von Problemen, die scheinbar anders nicht zu lösen sind. Ein Suizid geschieht ja niemals grundlos! Allerdings stellt er eine folgenschwere und endgültige Krisenbewältigung dar, die sich selbst keine weiteren Möglichkeiten oder Alternativen mehr erlaubt. Zudem kommt hinzu, dass er zahlreiche weitere Menschen, die in nächster Nähe davon betroffen sind, ebenfalls in schwere Krisen zu stürzen vermag. So dass die scheinbare Lösung des einen paradoxerweise zum Problem für die anderen wird.
Und das stellt uns alle vor die wichtige Frage, ob wir dagegen etwas tun können, dass Menschen diesen endgültigen Entschluss fassen? Ob wir etwas dagegen tun können, um das mit dem Suizid einhergehende Leid bei allen Beteiligten zu verhindern? Und weiter, ob und auf welche Weise es in unserer Macht steht, zumindest einige der unzähligen Motive für einen Suizid außer Kraft zu setzen?
Dem Weltsuizidpräventionstag geht es vor allem um die Prävention. Es geht um das hilfreiche Vorbeugen, das den betroffenen Menschen dabei unterstützt, in anderer Weise mit den eigenen Lebenskrisen umzugehen. Dazu braucht es allerdings eine gesellschaftliche Offenheit im Gegensatz zu einer Tabuisierung, eines Verschweigens von Krisen und suizidalen Gedanken. Denn gerade Gespräche mit anderen können dabei helfen, den eigenen sogenannten Tunnelblick wieder zu weiten, in den man durch eine Krise geraten kann.
Weil wir aber anderen Menschen nicht hinter die Stirn schauen können, um ihre Gedanken zu lesen, braucht es auch offene Augen und Ohren füreinander. Denn oft gibt es bei betroffenen Menschen Warnsignale, - eine veränderte Sprache oder ein verändertes Verhalten -, die wir aber nicht zu deuten wissen oder einfach ignorieren.
Weiter wäre es eine gute Form von Prävention, wenn wir uns untereinander unsere Krisen, Ängste und Zweifel nicht verschweigen würden. Und wir weder für uns selbst noch für andere ein Bild des Lebens entwerfen, in dem Krisen, Rückschläge und auch das Scheitern keinen Platz finden. Zudem erscheint es hilfreich zu sein, wenn wir uns untereinander mitteilen würden, was uns selbst geholfen hat, diesen Widerständen und dunklen Seiten des Lebens zu begegnen und durch sie hindurchzugehen. Manchmal kann das auch die Hoffnung auf Gott sein! Dies jedenfalls, so glaube ich, könnte vielen Menschen zum Guten dienen, die im Moment nicht wissen, wie es für sie weiter geht. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps 23,4)

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  Wenn die Glocken rufen...

Wenn die Glocken rufen...

Peter Kapp, Pfarrer - 14.09.2022

Am vergangenen Sonntag war der 11. September. 21 Jahre ist es inzwischen her, dass Terroristen mit entführten Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers geflogen sind. Fast 3.000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Die Bilder gingen um die Welt, die ganze Welt hielt an diesem Tag den Atem an. Wohl jede und jeder von uns weiß noch, wo er war, als ihn oder sie erstmals damals die Nachricht erreichte, die ersten Bilder, die Schreckensmeldungen.
Ich war damals gerade seit ein paar Tagen Pfarrer in Braunschweig. Und ich erhielt am Nachmittag einen Anruf, was denn Kirche nun machen würde, wie wir denn reagieren sollten angesichts der unfasslichen Meldungen und Bilder. Ich wusste es auch nicht, ich wusste es später. Denn am Abend dieses Tages läuteten die Glocken des Domes. Nach meiner Erinnerung war dieser Dom damals voll von Menschen. Schweigend, das Entsetzen angesichts der unvorstellbaren Bilder stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Aber sie alle waren gekommen. Hierher an diesen Ort des Gebetes in der Mitte unserer Stadt.
Sie kamen in den Dom, die Glocken hatten gerufen. Und sicher auch noch hier und da ein paar Anrufe, die diesen Termin dann weiteregegeben hatten. Aber sonst hatte es keine Ankündigungen gegeben. Wie auch! Keine Plakate, keine Zeitungsmeldungen. Und dennoch waren die Menschen da. Kirche als Raum, wo man sein kann, wenn der Boden unter den eigenen Füßen ins Wanken gerät. Kirche als Ort, an dem Klagen über das Unbegreifliche eine zaghafte Stimme bekommen können. Kirche als Ort, wo man zusammen aushalten kann, was eigentlich nicht auszuhalten ist. Kirche als Ort, wo man zulassen kann, dass einem die eigenen Worte fehlen. Ich kann mich an die Worte von damals nicht erinnern. Und ich war dankbar, dass ich sie nicht selbst finden musste. Aber mich hat seitdem dieser Eindruck dieser vollen Kirche an diesem denkwürdigen Abend nicht losgelassen.
Wir haben in unserer Stadt einen großen Reichtum an Kirchengebäuden. Sie prägen die Silhouette unserer Stadt. Wer auf das Parkdeck von Karstadt nebenan geht, kann das eindrucksvoll selbst sehen. Es ist ein Zeichen für einen ganz besonderen Reichtum. Wir haben Orte, an denen wir mit unserer Ohnmacht sein können. Wir haben Schutzräume, in die wir mit unseren Fragen gehen können, ohne gleich die schnellen und passenden Antworten zu haben. Wenn wir in den Kirchen zunehmend fragen, ob sich der Erhalt und der Unterhalt dieser besonderen Gebäude noch lohnen, dann sollten wir nie diese Besonderheiten vergessen. Nicht alles lässt sich verrechnen. Nicht alles lässt sich ersetzen. Es geht immer um mehr als nur um Quadratmeter. Gut, dass wir die Kirchen unserer Stadt haben.

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  Der weite Weg zum Nächsten

Der weite Weg zum Nächsten

Jakob Timmermann, Pfarrer - 13.09.2022

Was bin ich früher sauer gewesen auf den Leviten und den Priester! Da liegt ein ausgeraubter Mann halbtot am Straßenrand, die beiden sehen ihn - und helfen nicht! Sie erinnern sich, es geht um die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Ja, und Gott sei Dank kommt dieser barmherzige Samariter dann doch vorbei und hilft.
Fassungslos hat mich diese Geschichte früher gemacht. Wie kann man denn einen Menschen der Hilfe braucht nicht helfen!?!
Doch es gibt Gründe, warum der Levit und der Priester tatenlos an dem Opfer vorbeigegangen sind. Denn es gab Gesetze. Als Mitarbeiter am Tempel mussten sie sehr gut darauf achten, dass sie ihre Reinheit nicht verlieren. Denn wenn sie diese Reinheit verloren hätten, dann hätten sie nicht mehr arbeiten können.
Ich finde, das gibt der Geschichte eine andere Wendung. Denn es sind nicht abgestumpfte Egoisten, die da ein Opfer links liegen lassen. Es sind Gesetze, die Nächstenliebe blockieren. Reinheitsgebote blockieren die gute Tat.
Geschichten von früher? Kann heute nicht passieren?
Schön wär’s!
Unser Land schließt Verträge mit Ländern, damit sie uns die Flüchtlinge aus Afrika, Afghanistan, Syrien und dem Iran vom Leib halten. Wir sind der Priester, der vorbeiläuft. In der EU haben wir Abkommen, die dafür sorgen, dass kriegstraumatisierte Menschen in Länder abgeschoben werden, in denen sie in Gefängnissen landen. Wir sind der Levit, der vorbeigeht. In unserem Land gibt es Gesetze, die das Einkommen von Menschen unter dem Existenzminimum für ausreichend halten. Wir sind nicht der Barmherzige Samariter.
Doch vielleicht ist das für heute eine Nummer zu groß für uns. Vielleicht sollte ich kleiner anfangen. Vielleicht sollte ich einfach sehr sensibel darauf achten, welche Systeme mich daran hindern, Gutes zu tun. Ist es nur die Gewohnheit oder die Erziehung? Ist es die Angst oder ist es die Tradition? Was hindert mich?
Es ist ein weiter Weg zu meinem Nächsten, wenn ich mich einschränken lassen. Es ist ein weiter Raum, der vor mir liegt, wenn ich mich meinen Nächsten liebe – und mich selbst.

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  Fredericks Schätze

Fredericks Schätze

Jakob Timmermann, Pfarrer - 12.09.2022

Frederick ist eine faule Maus. Während alle Mäusekollegen, sich mühsam um die Ernte kümmern, lässt Frederik sich faul die Sonne auf den Pelz scheinen. Während das Mäusesystem geräuschlos tut, was es tun muss – nämlich funktionieren – sitzt Frederik auf der Mauer und denkt nach. Diese Geschichte erzählt Leo Lionni in seinem mittlerweile 55 Jahre alten Bilderbuch.
Ja, und dann kommen die ersten kühleren Tage und es regnet. Und der Wind singt schon das Lied von den eiskalten Wintertagen und Wehmut erfasst mich. Die Leichtigkeit des Sommers weicht und ich frage mich, habe ich eigentlich genug gesammelt? Ist der Speicher ausreichend gefüllt, um über den Winter zu kommen?
Und Frederick, was hast du gemacht für diesen Winter? Während wir alle unsere Pflicht erfüllt haben, hast du dich um nichts gekümmert. Und jetzt willst du unsere Vorräte?
Fredericks Stunde wird später schlagen. Dann nämlich als die Vorräte der Mäuse sich dem Ende neigen. Dann nämlich als es kälter wird, als die Mäuse das erwartet hatten. In dem Moment, wo das Wintergrau die Stimmung endgültig in den Abgrund stößt - da schlägt Frederick die Stunde von Frederick.
Und Frederick beginnt die Schätze auszupacken, die er im Sommer gesammelt hat. Langsam tropfen seine Worte in die Ohren der ängstlichen Mäuse. Und es sind gute Worte. Es sind Worte voller Kraft und Hoffnung. Er erzählt von den Sonnenstrahlen, die warm die Wangen streicheln. Das machen die nämlich nur, wenn man der Sonne die Wangen auch hinhält. Er erzählt von den Farben, die jeden grauen Tag mit einem Regenbogen beschenken. Und Farben leuchten nur, wenn man sie auch ansieht. Und Frederik dichtet Worte zu Bildern und Bilder zu Geschichten und Geschichten zu Hoffnungen. - Und die Mäuse hören ergriffen zu. Dichten kann man nur, wenn man sich Zeit nimmt nachzudenken. Vorräte kann man nur verwenden, wenn man sie gesammelt hat.
Bei aller Sorge vor diesem Winter, vor der harten Zeit, die für viele einbrechen wird, sollten wir nicht vergessen: wir brauchen nicht nur Gas und Geld, wir brauchen auch Geschichten für diesen Winter und gute Gedanken, wir brauchen Menschen, die im Winter von der Hoffnung erzählen können und von einer warmen Zukunft. Ich hoffe, die Speicher sind gefüllt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (5. Mose 8,3)

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  Kontraste

Kontraste

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.09.2022

Gestern Nachmittag war ich auf einer Beerdigung und bin von dort aus direkt hier zum Dom gefahren, um den Abendsegen mitzufeiern – ein starker Kontrast der Stimmung und der Gefühle. Zuerst Trauer um einen plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissenen Menschen, dessen Angehörige und Freunde durchaus mit Gott gehadert haben. Da waren noch so viele gemeinsame Pläne und Hoffnungen und die Vorfreude auf den gemeinsamen Ruhestand, auf Urlaube und auf viel Zeit, die man hätte noch miteinander verbringen wollen. All das wurde schlagartig durch den Tod zunichtegemacht.
Dann hier im Dom fröhliche Menschen, ein in strahlendem Dur gesungener Psalm, erfüllte Gemeinschaft bei der Abendmahlsfeier. Freud und Leid, Heiterkeit und Trauer, Dur und Moll, all das liegt in unserem Leben oftmals ganz dicht beieinander.
Und dabei sind es gar nicht nur einzelne Anlässe, wie zum Beispiel eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle oder ein Abendsegen im Dom. Ich finde, dass sich momentan unser gesamtes Leben deutlicher denn je in diesem Spannungsfeld bewegt. Da sind wir nun hier im Dom und hören wunderbare Orgelmusik, flanieren anschließend vielleicht noch ein wenig durch die Stadt und genießen einen Kaffee oder ein Eis in der Septembersonne. Später dann wartet möglicherweise ein Treffen mit Freunden oder mit der Familie oder ein gemütlicher Fernsehabend auf uns – alles in allem ein entspannter Einstieg in ein schönes Wochenende.
Zeitgleich herrscht Krieg beinahe vor unserer Haustür, Wirtschaft und Privathaushalte ächzen unter steigenden Preisen für Lebensmittel, Rohstoffe und Energie und der Klimawandel hinterlässt auch in unseren sonst eher gemäßigten Breiten deutliche Spuren.
Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Das hört sich super an, ist in der Umsetzung aber durchaus herausfordernd, denn diese Stimmungswechsel müssen wir selbst erst einmal hinbekommen. Dazu bedarf es eines sicheren Einfühlungsvermögens und vor allem einer eigenen Stabilität.
Über diesem Tag heißt es: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ Diese Worte stammen auch aus dem Römerbrief. Was der Apostel ausdrücken will, ist, dass wir eine stabile Basis in unserem Leben brauchen, auf der wir einen sicheren Stand haben und von der aus wir uns dann mit den Fröhlichen freuen und mit den Traurigen weinen können.
Diese stabile Basis kann uns aus unserem Glauben erwachsen und sie besteht dann aus eben jener fröhlichen Hoffnung, mit der wir unsere Mitmenschen anstecken können, aus der in Geduld ertragenen Trübsal, von der wir wissen, dass sie endlich ist, und dem beharrlichen Beten, bei dem wir all das vor Gott bringen können, was uns belastet, worum wir bitten und wofür wir dankbar sind.
So können wir gut durchs Leben kommen, die Sonne genießen und den bald aufziehenden Herbststürmen trotzen, unseren Mitmenschen gute Wegbegleiter sein und einander zum Segen werden. Amen.

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  Heile, heile Segen

Heile, heile Segen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.09.2022

„Heile Du mich, HERR, so werde ich heil; hilf mir, so ist mir geholfen.“
So steht es bei Jeremia über diesem Tag.
Hilf mir…!
Vielleicht hatte der Prophet niemanden, den er sonst um Hilfe bitten konnte.
Vielleicht litt er an einem Leiden, dass Menschen nicht heilen können.
Vielleicht wollte er anderen nicht zeigen, dass er litt.
Oder durfte es nicht? Konnte es nicht?
Gott scheint die letzte Zuflucht zu sein.
Oder der Einzige, der überhaupt helfen kann.
Ich bin dieser Tage einer Frau begegnet, die so etwas in sich gespürt haben muss und den Weg zum Dom gefunden hat.
Sie stammt aus einem anderen Land und kam – wie viele Gastarbeiterkinder – mit ihren Eltern nach Deutschland. Begleitet und unbegleitet zugleich.
Um das Wohl des Mädchens scherte sich keiner. Weder darum, dass man sie nicht zur Schule gehen und Lesen und Schreiben lernen ließ, noch darum, dass sie mit einem Fremden verheiratet wurde, der das väterliche Regime fortsetzte. Nichts von dem, was für mich selbstverständliche Rechte und Freiheiten sind, in ihrem Leben vorstellbar.
Von außen war sieht man das nicht.
Eine zarte Frau saß da vor mir, mit dunklen klugen Augen. Nur die unruhigen Hände erzählten still von ihrer Not.
Ihr Glaube ist nicht der unsere. Aber ihr Vertrauen in den einen Gott ist so groß, dass sie hofft, hier am Dom Heilung zu finden. Es war ein anrührender Moment – unsere Hände lagen ineinander und so gerne hätte ich etwas von ihrer Last auf meine Schultern genommen. Es wäre so viel leichter für ich zu tragen, denn mein Mann hätte tragen geholfen statt zu drohen.
So blieb nur ein Segen: „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten.“
Zu dem alten Prophetenwort gehört in den Tageslosungen ein Lehrtext aus dem Markusevangelium: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“

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  Verzeih, wenn Du kommst

Verzeih, wenn Du kommst

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.09.2022

Über diesem Donnerstag heißt es bei dem Propheten Maleachi: „Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll.“
Es ist dies eines der Bibelworte, die eine Ahnung aufblitzen lassen, wie unwegsam es in die Zukunft gehen mag, wie unbegehbar Wegabschnitte sein können und auch, dass auf Gottes Wegen manche Strecke eben nicht infrage kommt.
Es steckt in der Ankündigung einen Engel zu schicken, der den Weg sichtet und vielleicht auch sichert beides: der Respekt vor der ungewissen Zukunft und das „trotzdem!“
Trotzdem leben wir und schmieden Pläne, trotzdem trauen sich Menschen zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Trotzdem und obwohl die Krisen nicht enden, die Prognosen so beängstigend sind.
Von Hendrik Rost stammt folgendes Gedicht:
„Notiz an das Neugeborene
Verzeih, wenn du kommst, wie es / hier aussieht, leblose Information /
Fliegt überall rum: Klimawandel,
Endlager, Menschenjagden … Alles / stapelt sich, Massakernachrichten / Tsunamis brechen durchs Wohnzimmer,
Tumulte in Massen. Wir wissen genau, / was uns einst stürzen lassen wird. / Sei dabei. Es geht vorüber. Verzeih.“
Verzeih, dass wir dich in die Welt gesetzt haben?
Verzeih, dass Du diese Welt so vorfindest?
Verzeih, dass wir es nicht besser können?
Vielleicht alles. Und auch: wie gut, dass du da bist. Es wird alles gut.
Ich finde dies Gedicht wunderbar. Es ist so ambivalent wie das Leben, bestürzend und zärtlich. Und indem ich das schreibe, fällt mir ein modernes Kirchenlied ein, das davon erzählt, dass Gottes Engel nicht nur vor ihm her, sondern auch neben uns geht und hoffentlich erst recht neben unseren Kindern. Darin heißt es:
„Behutsam will ich dir begegnen, dir zeigen, du bist nicht allein. Der Engel Gottes wird dich segnen, als Licht an unsrer Seite sein.“



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  Anderswelt

Anderswelt

Henning Böger, Pfarrer - 06.09.2022

Er nennt es einen Selbstversuch in Sachen Lüge und Wahrheit. Im vergangenen Jahr beschließt der Medienmanager Hans Demmel, für sechs Monate auf die alltäglichen Zeitungen und Nachrichten zu verzichten und nur noch das zu lesen, was oft „alternative Medien“ genannt wird. Der erfahrene Nachrichtenmann liest ein halbes Jahr lang nur Schriften und Internetseiten wie „Junge Freiheit“ und „Compact“, die als rechtsradikal gelten und teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Am Ende dieses ungewöhnlichen Versuches schreibt er ein Buch über seine Erfahrungen mit rechten Medien. Sein Titel lautet „Anderswelt“. Darin berichtet Hans Demmel anschaulich von der Aggressivität dieser Texte und Nachrichten, „von der Menge an Hass und Hetze, aus der diese dunkle Welt besteht“, wie er es formuliert.
Denen, die diese Schriften und Internetseiten lesen, gehe es nicht um Richtig oder Falsch; es gehe vor allem darum, sich von der Masse abzuheben, als etwas Besonderes zu fühlen und die „eigentliche Wahrheit“ zu kennen. Zu dieser behaupteten Wahrheit gehört oft eine große Weltverschwörung dunkler Mächte, die die Welt fest im Griff hat und ins Unglück lenken will. So denken Menschen in der „Anderswelt“, schreibt Hanns Demmel am Ende seines Selbstversuches nachdenklich.
Im Umgang mit Andersdenkenden kann sein Buch ein wichtiger Anstoß sein, finde ich, und zwar zu dem, was jeder und jede von uns zu tun imstande ist: selber zu denken, den eigenen Kopf zu gebrauchen und zu versuchen, sich selbst über alles ein Urteil zu bilden.
Die Wahrheit, so verstehe ich Hans Demmel, hat man nicht wie einen sicheren Besitz. Man muss für sie eintreten und streiten und sich dabei auch selbst infrage stellen können: Was weiß ich? Oder was meine ich zu wissen? Könnten andere mehr Recht haben als ich? Das sind wichtige Fragen. Wir alle müssen uns und unsere Ansichten selbst überprüfen und überprüfen lassen.
Glauben wir möglichst nie, die Wahrheit zu besitzen. Aber streben wir nach ihr im Gespräch miteinander. Und wir bitten Gott um Hilfe, wenn wir unsicher sind: Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie uns leiten auf unseren Wegen. (Psalm 43,3).

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  München 1972

München 1972

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.09.2022

Eine Welle aus Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit nahm heute vor 50 Jahren von München aus ihren Weg um den gesamten Globus. Insgesamt 17 Menschen verloren ihr Leben – elf israelische Sportler, ein Polizist und fünf palästinensische Terroristen. All das passiert während der olympischen Spiele in München, die die heiteren Spiele werden sollten.
Es ist die erste Olympiade in Deutschland nach den von den Nazis zu Propagandazwecken missbrauchten Spielen von 1936. Als Freund der Welt wollte man sich präsentieren, als ein freundlicher, herzlicher und friedfertiger Gastgeber, bei dem alle willkommen sind, um miteinander in einem friedlichen und fairen Wettkampf um sportliche Siege zu wetteifern.
Es kam bitter anders. Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ dringen am frühen Morgen des 5. September in das olympische Dorf ein und nehmen elf israelische Sportlerinnen und Sportler als Geiseln. Verhandlungen scheitern, die deutschen Sicherheitskräfte sind offenkundig überfordert, lehnen jedoch internationale Hilfe ab. Keine 24 Stunden später sind 17 Menschen tot.
Die Spiele werden fortgesetzt. „Es ist schon so viel gemordet worden – wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden“, sagt Willi Daume, seinerzeit Präsident des Organisationskomitees. Was sich in der Zeit nach der Olympiade anschließt, ist in vielerlei Hinsicht ein Trauerspiel aus Verantwortungsgeschiebe, Vertuschungs- und Verdrängungsversuchen, mangelndem Gedenken und quälenden, beinahe 50 Jahre andauernden Diskussionen und Verhandlungen über Entschädigungen. Auch die Aufarbeitung einer Katastrophe kann überaus schmerzhaft sein.
Heute vor 50 Jahren wurde der Welt – wie schon so oft davor und viel zu oft auch danach – vor Augen geführt, wozu Radikalisierung Menschen fähig macht. Der den Ereignissen in München zugrundeliegende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist in seinem Kern politisch. Doch Teile der streitenden Parteien hatten und haben die friedliche Ebene des Gespräches und der Verhandlungen seit Langem verlassen. Sie haben sich radikalisiert und betrachten jedes Mittel der Auseinandersetzung für legitim, auch Terror und Gewalt gegen Leib und Leben.
Radikalisierung ist oft ein schleichender Prozess, der in den Köpfen der Menschen beginnt, sich in Worten fortsetzt und schließlich in Taten manifestiert. Radikalisierung findet fruchtbaren Boden überall dort, wo Menschen falsch und unzureichend informiert werden oder sich selbst falsch und unzureichend informieren. Radikalisierung gedeiht, wo Menschen Zuversicht und Vertrauen genommen wird, wo Offenheit und selbstbewusste Toleranz verdrängt werden von Fanatismus und totalitärer Ideologie.
Wir müssen wachsam sein, auch in unserem Land, und gerade im Licht der vor uns stehenden besonderen Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen. Wir müssen wachsam sein – auch als Kirche – und selbst und mit den Verantwortlichen darauf achten, dass niemand auf der Strecke bleibt, wenn es darum geht, durch inflationäre Zeiten, durch Energiepreisexplosionen und durch die weiteren Krisen unserer Tage zu kommen. Solidarität ist auch ein Baustein für den Frieden in unserem Land.
Die Opfer von München 1972 und die unzählbar vielen anderen Menschen, die durch Gewalt und Terror ihr Leben oder ihren Lebensinhalt verloren haben, sind uns eindringliche Mahnung. Und Jesus Christus sagt uns. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Amen

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  Gottes Spuren

Gottes Spuren

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.09.2022

Im Kirchenkalender gehört zu jeder Woche ein Lied, so auch zu der, die morgen beginnt. Und um in Ihnen schon einmal die Vorfreude zu wecken und weil ich die Aussage des Liedtextes so tröstlich und hoffnungsstiftend finde, erlaube ich mir, schon mal einen kleinen Spoiler loszulassen. Wir haben Gottes Spuren festgestellt. Das ist der Titel und wenn Sie jetzt in Gedanken antworten: „Ich auch!“, dann dürfen Sie sich freuen.
Ich finde, dass sich Gott manchmal sehr zurückhält mit seinen Spuren. Ich könnte davon mehr vertragen. Wir leben in bewegten und bewegenden Zeiten. Es steht aktuell so Vieles und so Weitreichendes und so Existenzielles weit oben auf der Agenda, so, wie schon lange nicht mehr. Ich kann mich jedenfalls an solch eine drängende und bedrückende Fülle nicht erinnern. Krieg in Europa, hohe Inflation, Energiekrise, Klimawandel und beängstigende Tendenzen zur Spaltung unserer Gesellschaft sind nur einige Überschriften, die uns quasi täglich begleiten.
Ich empfinde bei all dem eine große Hilflosigkeit. Ja, natürlich kann und werde ich Energie sparen, ich kann und werde für Solidarität werben und sie leben und für den Frieden beten. Doch unter dem Strich empfinde ich meinen ganz persönlichen Einfluss als sehr gering. Ich will das gar nicht als Ausrede dafür anführen, die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass die anderen doch mal anfangen mögen, ihren Beitrag zur Problemlösung zu liefern. Aber ich ahne und sehe, dass es viele, wenn nicht sogar fast alle und vor allem jene erfordert, die auf Sie und mich nicht hören, um Lösungen zu finden und wirksam umzusetzen.
„Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen, Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.“ So lautet die erste Strophe des Wochenliedes und ich frage mich: Laufe auch ich Gefahr, eine Hoffnung zu vergessen? Laufe auch ich Gefahr, einfach zuzusehen, dass auch meine Hoffnung begraben wird unter einem Berg schlechter Nachrichten, unter Resignation, Angst und unter eben jenem Gefühl der Hilflosigkeit?
Es könnte besser gehen, wenn es leichter, ja vielleicht sogar unvermeidbar wäre, Gottes Spuren in dieser Welt und in jedem einzelnen Leben zu erkennen, wenn es nicht nötig wäre, so angestrengt oder sogar verzweifelt danach zu suchen. Es könnte besser gehen, wenn uns Gott einfach mal über seine Spuren stolpern ließe, sie so offenbar auf unserem Lebensweg platzierte, dass wir gar nicht daran vorbeikämen.
Aber tut er das nicht sogar? Ja, es braucht ein wenig wache Sinne und es braucht Offenheit. Doch dann können wir Gottes Spuren sehr wohl erkennen. In der Gnade aus der heraus er uns dieses privilegierte Leben geschenkt hat, diese Welt, die trotz allem so wunderbar ist, in den Menschen, die er uns zum Geleit gibt und die uns guttun und in dem Vertrauen, das er in uns setzt, in dem er uns so große Freiheiten einräumt.
Gottes Spuren sind da, und sie können und sollen uns Quelle für die Hoffnung sein, die wir brauchen, um uns diesem Leben und seinen ganz besonderen Herausforderungen zu stellen, denn: „Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen, Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.“ Amen.

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  Der Mensch denkt, doch Gott lenkt!

Der Mensch denkt, doch Gott lenkt!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.09.2022

Der Mensch denkt, doch Gott lenkt, so sagt ein Sprichwort. Oder wenn wir es biblisch haben wollen: Vor 2.700 Jahren gibt Gott dem Propheten Jesaja Folgendes mit auf den Weg: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege.“
Wieviel Wahrheit in diesen Worten liegt, haben wir sicher alle schon mehrfach erlebt. Ja, Gott hat uns in unserem Leben mit großen Freiheiten ausgestattet. Und so dürfen und sollen wir uns auch entscheiden, welche Schwerpunkte wir setzen wollen. Wo soll es beruflich hingehen, wie unser privates Leben aussehen? Sehen wir unsere Zukunft auf der heimischen Scholle oder lockt das ferne Ausland? Wie und womit gestalte ich meine Freizeit, und, und und.
All diese Fragen wollen beantwortet und die gefunden Antworten dann mit Leben erfüllt werden. Dazu machen wir uns dann auf den Weg, auf den Lebensweg, für den wir meinen, eine detaillierte Karte im Rucksack oder ein GPS-Navigationssystem in der Hand zu haben. Und trotz und alledem müssen wir eben immer wieder feststellen, dass es erstens anders kommt und zweitens als wir denken.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott mit jedem Menschen etwas vorhat – mit Ihnen genauso wie mit mir. Und ich bin ebenso davon überzeugt, dass es hierzu große Linien in unseren Lebensläufen gibt, die der Herr für uns vorgesehen hat. Gott hat uns etwas in die Wiege gelegt, dass unser Leben beeinflusst und er lässt uns Erfahrungen sammeln und Menschen treffen, die uns etwas mitgeben, die Interessen und Begabungen in uns wecken, die uns aber auch aufzeigen, wenn wir in die falsche Richtung unterwegs sind.
Nun wissen wir alle, dass es auch Ereignisse und Erlebnisse in unserem Leben gibt, die uns schwer zu schaffen machen, die Leid und Angst und Trauer mit sich bringen und an denen wir im wahrsten Sinne des Wortes zu ver-zweifeln drohen. Manchmal sehen wir erst sehr viel später, dass selbst solch schmerzhafte Stationen ihr Gutes für uns hatten. Doch es bleiben auch genug andere, bei denen wir nur fragen können: Warum tut Gott mir das an.
Wir verlieren den Lebenspartner, weil unsere Beziehung in die Brüche geht oder der Tod ihn uns von der Seite reißt. Es geht bergab mit unserer Gesundheit. Wir verlieren die Lebensfreude und den Lebensmut und alles ist nur noch schwer und dunkel. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Dieser Satz kann auch eine bittere Wahrheit sein und auf die eben formulierte Frage: „Warum tut Gott mir das an?“ finden wir keine zufriedenstellende Antwort. Auch das gehört zu unserem Leben dazu. Es ist uns nicht gegeben, Gott in allem zu verstehen.
Und doch erleben wir immer wieder und, wie ich finde, unbeschreiblich oft, gnadenvolle Momente, für die wir dankbar sein können: dafür, dass wir hier heute Gemeinschaft haben, dass wir gleich Abendmahl miteinander feiern, dafür, wir ein Dach über dem Kopf und einen gefüllten Kühlschrank zu Hause haben, dafür, dass es Menschen gibt, die uns durchs Leben begleiten und die es gut mit uns meinen. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Doch Jesus will uns vollkommene Freude schenken. Und auf diese Verheißung dürfen wir zählen. Amen.

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  MICHAIL GORBATSCHOW

MICHAIL GORBATSCHOW

Cornelia Götz, Dompredigerin - 31.08.2022

Über dem Tag gestern hieß es im 2. Buch Mose: „Als Mose sein Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind.“
Das Alte Testament erzählt hier von Gottes Geschichte mit seinem Volk, das er aus der Sklaverei in die Freiheit führt - mitten durchs Meer hindurch. Er rettet die Sehnsüchtigen vor den Waffen der Ägypter; es ist ein starker Wind, der aus dem Osten kommend den Weg freibläst.
Ausgerechnet diese Tageslosung steht über dem Sterbetag Michail Gorbatschows, der so viel bewegt hat, der so gründlich gescheitert ist.
Als er 1987 der letzte Präsident der Sowjetunion wurde, begann sich meine Welt zu ändern. Ich spürte es zuerst im Russischunterricht. Damals ging ich an die Karl-Marx-Oberschule am Platz der Opfer des Faschismus. Als Jugendliche, die aus einem Elternhaus kam, in dem niemand der Sozialistischen Einheitspartei angehörte, war ich hier in der absoluten Minderheit. Aber das machte mich nicht einsam (nur perpektivlos), denn es gab - gerade unter denen aus sehr linientreuen Familien - Leute, die darunter litten, was aus der kommunistischen Idee geworden war, die unfair fanden, wie ich und Andere behandelt wurden, die sich nach einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz sehnten. Und bei aller ideologischen Härte, gab es das wohl auch unter den Lehrern.
Wir spürten jedenfalls, dass die Porträts mit dem Konterfei des neuen Mannes in Moskau nicht - wie bisher stets- als reine Pflichtübung aufgehängt wurden. Etwas war anders. Auch das Übersetzen der „Prawda“ war auf einmal spannend, wir spürten, dass Lehrer und Schüler ungläubig wahrnahmen, dass hier einer von Transprenz und Reformen redete, dass er dem Wettrüsten abschwor und es ernst meinte. Dass hier einer tatsächlich glaube, er könne die Sowjetunion demokratisieren…
Wir hielten den Atem an. Auf einmal lohnte es sich, Russisch gelernt zu haben.
Und nicht nur das: auch zu Hause gab es neue Töne und ganz nebenher unvorstellbar: Sympathie für einen Politiker an der Spitze des Ostblocks, der mit seiner Frau Raissa an der Hand auch noch den Eindruck machte, vor aller Augen eine echte Liebesgeschichte zu leben…
Gorbatschow war nicht Mose. Das Meer teilte sich nicht. Das Land, das er verändern und besser machen wollte, zerbrach. Die Liebe seines Lebens wurde nicht mit ihm alt. Die Diktatur des Proletariats taugt nicht für Demokratie und Menschenrechte. Am Ende seines Lebens herrscht Krieg dort, wo er öffnen und befrieden wollte.
Michail Gorbatschow war nur Mensch.
Möge Gott seinen Ausgang und Eingang segnen.

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  VOM GEHEIMNIS EINES LÄNGEREN LEBENS

VOM GEHEIMNIS EINES LÄNGEREN LEBENS

Henning Böger, Pfarrer - 30.08.2022

Seit drei Monaten ist er nun der älteste Mensch der Welt. Ende Mai feierte Juan Vincente Pérez aus Venezuela seinen einhundertzwölften Geburtstag. In seinem Arbeitsleben war er Landwirt und Sheriff. Er hat Streitigkeiten auf den Feldern und in Familien geschlichtet. Es sei nie langweilig gewesen, sagt Juan Pérez, der nun schon lange im Ruhestand ist und sich immer noch bester Gesundheit erfreut. Er hat die Familie wachsen sehen. Und angeblich weiß er alle Namen in seiner großen Familie mit elf Kindern und zahlreichen Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln. Überhaupt sei er gerne mit Menschen zusammen, erzählen seine Kinder, dann gäbe es viele Geschichten aus seinem Leben zu hören.
Zu seinem einhundertzwölften Geburtstag im Mai wurde Juan Pérez gefragt: „Sag uns, was ist dein persönliches Geheimnis für so ein langes und zufriedenes Lebens?“ Fünf Dinge fielen ihm ein: hart arbeiten, im Urlaub ausruhen, früh ins Bett gehen, jeden Tag einen Schnaps trinken - und Gott lieben, ihn immer im Herzen tragen.
Das sind fünf gute Lebensratschläge, auch wenn ich beim täglichen Schnaps etwas zögerlich bin. Wunderbar finde ich vor allem den Gedanken, Gott nicht zu vergessen über alldem, was wir Leben nennen, sein Worte wie einen kostbaren Schatz im Herzen zu haben.
Die Französin Madeleine Delbrel hat dafür einmal diese Worte gefunden: "Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen bis zum Ende der Welt. Man trägt es in sich, man nimmt es in sich mit auf den Weg. Man stellt es nicht in eine innere Ecke, in einen Winkel des Gedächtnisses, um es aufzuräumen wie in das Fach eines Schrankes. Man lässt es bis auf den Grund seiner selbst sinken, bis zu dem Dreh- und Angelpunkt, in dem sich unser ganzes Selbst dreht."
So soll es sein mit Gott und uns: Er möchte in uns mit auf den Weg genommen werden. Wir müssen nicht dauernd von ihm reden, wenn wir ihn nur, wie der älteste Erdenbürger sagt, im Herzen tragen. Dann werden wir etwas ruhiger im Leben, oft wohl auch zufriedener, manchmal sogar glücklich. Wir werden vermutlich nicht reicher oder gesünder sein und unsere Lasten und Sorgen werden nicht gleich leichter, aber sie können etwas erträglicher werden. Und das nicht erst nach einhundertundzwölf Jahren, sondern schon jetzt, ganz gleich, wie alt wir gerade sind.

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  Der widerständige Gott

Der widerständige Gott

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.08.2022

Über dieser Woche heißt es aus dem 1. Petrusbrief: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Es ist ein vielschichtiger Bibelvers, wie ich finde. Gleich beim zweiten Wort bin ich hängengeblieben: widersteht. Das klingt so, als würde Gott gegen die Hochmütigen ankämpfen, sich ihnen aktiv entgegenstellen, sie aufhalten auf dem Weg, den sie eingeschlagen haben. Dass wir mit Hochmut nicht zu Gott durchdringen, war mir schon klar. Doch wenn es das allein gewesen wäre, hätte Petrus wohl geschrieben, dass Gott die Hochmütigen ignoriert, ihnen die kalte Schulter zeigt und sie einfach mal links liegen lässt. Doch es ist mehr: Gott scheint hochmütige Menschen als Gegner zu begreifen, und er hat sich offenbar zur Aufgabe gemacht, ihnen seinen Widerstand entgegenzusetzen.
Stellt sich die Frage, was Hochmut ist. Mangelnde Demut könnte man als Antwort versuchen, denn auch Petrus stellt diesen beiden Begrifflichkeiten, Hochmut und Demut, als Antagonisten gegenüber. Ich denke, dass das auch durchaus in die richtige Richtung geht. Hochmut kann überall dort gut gedeihen, wo wir Menschen unsere Begrenztheit vergessen oder bewusst ignorieren. Wenn wir meinen, die Größten, die Besten, die Schönsten, die Intelligentesten, die Stärksten und genau die zu sein, die uneinholbar weit vorne sind, dann haben wir ein dickes Problem, denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stimmt das einfach nicht. Jeder und jede findet irgendwann und irgendwo seinen Meister oder seine Meisterin und dann zieht unser Hochmut ganz unausweichlich den sprichwörtlichen Fall nach sich.
Und selbst, wenn wir in irgendetwas tatsächlich der Beste sein sollten, dürfen wir niemals vergessen: Wir sind es nur, weil Gott es uns geschenkt hat. Klar, wir können an unseren Talenten feilen, können trainieren, lernen, üben, und, und, und. Doch die Basis für alles, was uns gelingt, haben wir bildlich gesprochen in die Wiege gelegt bekommen. Und selbst in unseren Paradedisziplinen sind uns Grenzen gesetzt. Gott hat dafür gesorgt, dass auch unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen, damit wir die Bodenhaftung nicht verlieren.
Wenn wir das verinnerlicht haben, dann werden wir dankbar sein für alles Gelingende in unserem Leben. Wir werden dankbar sein, weil wir spüren, wie Gott seinen Segen zu unserem Bemühen gibt, wie er uns begleitet und uns unterstützt. Dann schenkt uns Gott seine Gnade, wie es Petrus formuliert.
Und ich finde, dass wir uns über unsere Erfolge dann in doppelter Hinsicht freuen können. Denn in dem wir erfolgreich sind, erfahren wir, dass wir Gott als verlässlichen Wegbegleiter an unserer Seite haben und dass er uns freundlich anschaut – voller Wohlwollen, voller Barmherzigkeit und voller Liebe. Denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Amen.

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  Zuckertüten

Zuckertüten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.08.2022

An diesem Wochenende gibt es Zuckertüten. Seit fast 250 Jahren wird so Jungen und Mädchen der Einstieg ins Schulleben versüßt. Ein sächsischer Pfarrerssohn war der erste, der in seinen Kindheitserinnerungen von einer Zuckertüte schrieb, die er von seinem Schulmeister bekam.
Die wahrlich herzensgute Idee verbreitete sich schnell, bald hörte man von Zuckertüten aus Dresden, Leipzig und Jena. Und während man die Kleinen glauben ließ, dass es Zuckertütenbäume gäbe, baute ein geschäftstüchtiger Sachse schon mal eine Zuckertütenfabrik.
Im 119. Psalm heißt es: „Dein Wort ist meinem Mund süßer als Honig.“ Jüdischen Kindern schenkte man deshalb süßes Buchstabengebäck, um den Start ins Schulleben zu versüßen.
Wie süß die Fülle schließlich ausfallen konnte, erzählt Erich Kästner, der 1906 zur Schule kam und in seiner Schultüte mit der seidenen Schleife „Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldene Maikäfer“ fand.
Aber es gibt auch an andere Geschichten. Für manches Kind offenbart sich die soziale Schere und damit einhergehend die ungleiche Verteilung von Bildungschancen knallhart in diesem Moment. Ich erinnere mich an einen Experten für Sozialpolitik, der erzählte wie schrecklich er sich schämte, als er sich für das Einschulungsfoto von einem Klassenkameraden die Schultüte borgen musste. Auch von meiner Mutter weiß ich, dass ihr das Herz stehen blieb, als es in der Schule keine Zuckertüte für sie gab. Meine schwer arbeitende Großmutter hatte es nicht mehr geschafft, die Schultüte ins Nachbardorf zu bringen. Und auch heute gibt ist Schultüte keineswegs gleich Schultüte.
Manchen Müttern und Vätern schließlich ist der Zuckertütenbrauch ein wohltuender Trost, um das geliebte und gut behütete Kind nun einem anderen - keineswegs immer als freundlich erinnerten -System anzuvertrauen.
So sind Zuckertüten auch das Symbol eines Passagerituals, des Schrittes über eine Lebens-Schwelle. Wohl dem Kind, den Lehrer*innen und Eltern, die dabei Gottes Segen zugerüstet werden, der uns allen unter Gottes Angesicht immer durchhilft: „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten.“

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  Mit dem Herzen

Mit dem Herzen

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.08.2022

Vor ein paar Wochen habe ich in der katholischen Schlosskirche in Liebenburg eine ökumenische Vesper mitgefeiert. Liebenburg liegt etwa 20 Kilometer südlich von Wolfenbüttel sehr idyllisch im Harzvorland und die Schlosskirche ist ein wahres Schmuckstück barocker Kirchenbaukunst. Obwohl es „nur“ eine Vesper war, wurde an nichts gespart. Es gab reichlich Weihrauch, opulente Orgelklänge und eine wortgewaltige Predigt unseres emeritierten Dompredigers Joachim Hempel. All das war eingebettet in die barocke Pracht des Kirchraumes mit viel Blattgold, Stuck und einem uns alle überspannenden Deckengemälde.
Hier bei uns im Dom ist es schlichter – zumindest was sie Ausstattung und Ausgestaltung angeht. Keine Frage, wir können auch prächtig und eindrucksvoll feiern mit liturgischen Gesängen, großen Chören und protestantischen Chorälen, doch es geht auch ganz anders.
So zum Beispiel an jedem Freitag, wenn wir gemeinsam das Heilige Abendmahl miteinander feiern, so wie auch heute. Es gibt eine kurze Hinführung, ein vom Liturgen gesprochenes und eher niedrigschwelliges Sündenbekenntnis mit Absolution und die Einsetzungsworte – alles eher zurückhaltend und schlicht.
Das Abendmahl und die Taufe sind die beiden einzigen Sakramente, die die evangelische Kirche kennt. Ist es denn da in Ordnung, dieses Heilige so unprätentiös zu begehen? Müsste es nicht wesentlich pompöser ablaufen, zumindest mal so wie in unseren Sonntagsgottesdiensten?
Ich denke, beides hat seine Berechtigung. Wir können durch eine besonders festlich gestaltete und hoch liturgische Abendmahlsfeier unsere Ehrfurcht und unsere Demut zum Ausdruck bringen. Dabei sollte uns aber klar sein: Das letzte Abendmahl, das Jesus am Gründonnerstag mit seinen Jüngern gefeiert hat, war so nicht. Das Brot, das Jesus brach, lag sicherlich nicht auf einem Silbertablett und der Wein wurde sehr wahrscheinlich aus Tonbechern getrunken – von Gold und Edelsteinen keine Spur.
Dem sind wir möglicherweise heute Nachmittag näher und doch gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es ist eine wunderbare Eigenschaft unseres Gottes, dass er sich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken lässt, dass wir uns ihm nähern können, wie es für uns gut ist und dass er sich uns nähert ohne Ansehen der Person, ohne irgendwelchen Dünkel, einfach mit offenen Armen. Er verspricht, dass er sich von uns finden lassen will, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen.
Es kommt nicht auf die Form an, nicht auf den Ort und nicht auf die Zeit und auch nicht darauf, ob wir katholisch, evangelisch oder orthodox sind. Es kommt aber sehr wohl darauf an, dass wir es ernst meinen. Gottesdienste, Andachten oder auch das Heilige Abendmahl nur zu feiern, weil es im Kalender steht, womöglich noch, um anderen zu demonstrieren, wie fromm wir doch sind, bringt uns Gott nicht einen Millimeter näher. Wir müssen mit dem Herzen dabei sein; das ist entscheidend! Und so dürfen wir uns auch jetzt eingeladen fühlen, um zu schmecken und zu sehen, wie freundlich der Herr ist. Amen.

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  Wo Menschen...

Wo Menschen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.08.2022

n einem der viel gesungenen neueren Kirchenlied heißt es:
„Wo Menschen sich vergessen / die Wege verlassen / und neu beginnen, ganz neu / da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“
So hören wir und singen und ich vermute, dass viele von uns einsteigen Bei. „neu beginnen ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde“.
Zu recht, denn wenn wir neu beginnen können, ist Unverhofftes möglich – darum erleben wir ja auch das Abendmahl als solche Zäsur, die Neuanfänge möglich macht.
Aber nichts wird gehen ohne die beiden Halbsätze davor: „wo Menschen sich vergessen / die Wege verlassen.“
Wie schwer das ist, erlebe ich in seelsorglichen Gesprächen. Manchmal sind es zerstrittene Familien, in denen Väter und Töchter, Mütter und Söhne oder Geschwister umeinander ringen und nicht verlieren wollen, sich trottzdem wehtun und aus den Augen verlieren. Jede und jeder von ihnen erzählt eine plausible Geschichte, voller Missverständnisse und Verletzungen. Jede und jeder von ihnen erzählt eine Geschichte, in der er sich allein gelassen fühle gerade in Momenten in denen es so besonders nötig war, gehört und gesehen zu werden. Jede und Jeder kann sich nur schwer vorstellen, dass es den anderen ganz genauso geht, die Vorwürfe sich manchmal im Wortlaut gleichen. Unglaublich, wieviel Schmerz und Staunen entsteht, wenn sie die Perspektive wechseln.
„Wenn du deinen Bruder verstehen willst, geh eine Zeitlang in seinen Schuhen“ sagt man bei den first nations in Nordamerika. Wenn du einen anderen Menschen verstehen willst zieh eine Zeitlang seine Schuhe an und stell fest, wo sie Blasen reiben und scheuern, wo sie drücken und schmerzen, für welche Gelegenheit sie gut geeignet sind.
Das ist ein hilfreiches Bild und manchmal blitzt dann die Erkenntnis auf, dass ausgerecht Zeiten, die im eigenen Leben Fülle und Konzentration geschenkt haben, die waren, in denen andere zurückgeblieben sind, sich allein gelassen fühlten.
Oder dass ausgerechnet Zeiten, in denen viel Gespräch gut getan hätte, die gewesen sind in denen man verstummt ist und sich voneinander entfernt hat. Dass ausgerechnet Zeiten, in denen man meinte, überhaupt keine Kraft mehr zu haben, die waren, in denen das meiste miteinander möglich war.
Solche Blickwechsel helfen Wege zu verlassen, Denkwege, Deutungswege. Sie führen ins Freie und ermöglichen den Anfang, der dann zur zweiten Strophe führt: „Wo Menschen sich verbinden … - da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“

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  Heute vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.08.2022

Heute ist der ukrainische Nationalfeiertag
– vor einem Jahr hätte niemand von uns das auf dem Schirm gehabt
– vor einem Jahr hätten die Wenigsten bei blau-gelb an die Ukraine gedacht, schon gar nicht hier in Braunschweig
– vor einem Jahr haben sich nur Liebhaber mit Lemberg beschäftigt oder nach Odessa geguckt
– vor einem Jahr haben wir gebannt und geschockt nach Afghanistan gestarrt und den fluchtartigen Abzug der westlichen Truppen verfolgt
niemand hätte sich damals vorstellen können,
– dass wir jetzt über Aufrüstung, Waffenlieferungen und Militärdienst reden und all das für denkbar wenn nicht sogar für dringend nötig halten,
– dass unter uns zahllose ukrainische Flüchtlinge leben,
– dass in Europa ein unbarmherziger Krieg tobt, der sich Monat für Monat durch das Jahr wühlt …
„Suchet den Frieden und jaget ihm nach…“ – so heißt es im 34. Psalm.
Wir haben das nicht gemacht. Wir haben uns immer einmal wieder erschrocken und inngehalten. Aber dem Frieden nachgejagt?
In einem Gedicht aus dem Jahr 1778 beschreibt Matthias Claudius das immergleiche Elend:
„’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?


Wenn tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!“

Es ist immer dasselbe schreckliche Leid.
Es ist immer ganz konkretes furchtbares Unglück.
Und immer scheinen wir etwas Falsches zu hören – als wäre uns gesagt:
„Suche den Sieg und jage ihm nach.“
Aber:
Aufzuhören, siegen zu wollen … - wer könnte das?
Aufzuhören, sich wehren zu dürfen – wer könnte das?
Und was für ein Friede könnte das sein?
„Gottes Friede ist höher als unserer Vernunft“ – so erklingt es in jedem Gottesdienst.
Was für eine Zumutung.
Was für ein Trost.
Und hoffentlich endlich auch die Wirklichkeit der Menschen in der Ukraine und in Russland und überall sonst.


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  Wehret den Anfängen!

Wehret den Anfängen!

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.08.2022

Vorgestern haben wir in unseren Kirchen den Israelsonntag gefeiert. So wichtig dieser Tag in unserem Kirchenkalender ist, so schwierig ist er auch. Das resultiert unter anderem aus dem gesellschaftlichen und historischen Kontext, in dem dieser Sonntag steht. Jüdinnen und Juden mussten über Jahrtausende Verfolgung, Terror und Gewalt erdulden, auch begründet mit dem vermeintlichen Willen Gottes. Unter der Nazi-Gewaltherrschaft wurden mehrere Millionen Menschen jüdischen Glaubens ermordet. Diese Gräueltaten erfüllen uns bis heute mit Scham und legen uns eine besondere Verantwortung auf. Das betrifft auch und in besonderem Maße die evangelische Kirche in Deutschland, denn Teile von ihr haben im sogenannten Dritten Reich nicht nur aktiv weggeschaut, sondern die Nazis auch proaktiv unterstützt. Bilder von Bischöfen und Pfarrern im Talar mit umgehängtem Hakenkreuz bezeugen dies sehr eindringlich.
Doch trotz dieser grausamen Gewaltexzesse, die an Menschen jüdischen Glaubens verübt wurden, und der Chance, aus ihnen zu lernen, flammt der Antisemitismus auch in unserem Land immer wieder auf. Mal zeigt er sich in einem zunächst eher harmlos erscheinenden großformatigen Bild auf der Documenta, auf das Verantwortliche nicht ausreichend sensibel reagieren, mal wird er in antijüdischen Parolen auf irgendwelchen Demonstrationen hörbar. Und er zeigt sich in Gewalt gegen Leib und Leben, zum Beispiel am jüdischen Feiertag Jom Kippur 2019 in Halle.
Terror gegen Menschen, die einen besonderen Glauben haben, eine andere Herkunft, eine andere Hautfarbe oder die in anderer Weise anders sind, taucht immer wieder auf. Gestern haben sich zum 30. Mal die Ausschreitungen um das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen gejährt. Es waren die bisher gravierendsten rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Gewalttaten in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Mehrere hundert rechte Gewalttäter setzten mit Molotowcocktails das Wohnheim in Brand und verfolgten die dort leben Menschen, bejubelt von bis zu 3.000 Schaulustigen und Sympathisanten. Rostock erlebte vier Tage lang ein Pogrom, das eine vollkommen überforderte Polizei erst viel zu spät zu beenden vermochte.
Den Weg geebnet und die Stimmung angeheizt haben seinerzeit populistische, fremdenfeindliche Kampagnen. Maßgeblich beteiligt waren Politiker der Parteien „Die Republikaner“ und der „DVU“, die mittlerweile weitgehend im Orkus der Geschichte verschwunden sind. Doch es gibt Nachfolger, die es gerade jetzt darauf anlegen, unsere Gesellschaft gezielt zu spalten und dabei die Gewaltbereitschaft von einigen Menschen zumindest billigend in Kauf nehmen. Sie verbreiten durch gezielte Falschinformationen und Verschwörungstheorien Misstrauen und Hass, wobei sich ihr Tun im Kern gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung richtet.
Dem sichtbar und hörbar entgegenzutreten, ist, wie ich finde, Aufgabe auch der Kirchen in unserem Land und die Aufgabe jedes einzelnen Christenmenschen. Denn Ausgrenzung, Entsolidarisierung und Gefährdung der Freiheit sind mit christlichen Maßstäben in keiner Weise zu rechtfertigen. Es ist von uns allen große Wachsamkeit gefordert und hoffentlich ist es für ein „Wehret den Anfängen“ nicht bereits zu spät. Amen.

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  Die Hummel

Die Hummel

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.08.2022

Neulich las ich irgendwo im Internet: „Das sympathischste Insekt ist die Hummel: leicht übergewichtig, tiefenentspannt, will keinen Stress und nervt nicht beim Essen.“ Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Und es gibt zu diesen wolligen Brummern noch eine weitere nette Anekdote. Nach Berechnungen eines französischen Mathematikers und eines deutschen Physikers dürften Hummeln gar nicht fliegen können, weil ihre Flügelfläche von etwa 0,7 Quadratzentimetern bei einem Körpergewicht von 1,2 Gramm dafür nicht ausreichend wäre. Da die Hummeln diese Berechnung aber nicht kennen, fliegen sie trotzdem.
Mittlerweile hat man festgestellt, dass sich die Hummeln sehr wohl an die aerodynamischen Gesetzmäßigkeiten halten und mit ihren Flügeln besondere Luftwirbel erzeugen, die einen ausreichenden Auftrieb liefern. Trotzdem finde ich die Geschichte schön, denn wir können, obwohl sie nicht stimmt, aus ihr etwas für unser Leben lernen. Und ich spiele damit nicht auf die latente Übergewichtigkeit der Hummel an.
Nein, ich finde vielmehr, dass die Hummel der permanente Protest gegen alle Unkenrufe und selbsterfüllende Prophezeiungen ist. „Das klappt doch sowieso nicht! Das kann doch gar nichts werden! Das kriegst Du doch nie hin!“ Hätte die Hummel die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Mathematikers und des Physikers verinnerlicht, wäre sie vielleicht heute nur noch zu Fuß unterwegs. Aber sie fliegt.
Auch in uns, in Ihnen und in mir, sind vielleicht Talente verborgen, die wir bisher nicht angetastet haben, weil sie nach der Welt und unserer eigenen Überzeugungen nicht umsetzbar sind. Solche Handlungsblockaden schleppen wir mitunter seit frühester Kindheit mit uns herum, weil uns ein Lehrer eingeredet hat, dass wir nicht singen könnten, weil wir uns an Idealen im Sport, im Beruf, im Freundes- und Bekanntenkreis orientieren, die so groß sind, dass wir gar nicht erst den Versuch unternehmen, ihnen nachzueifern.
Und dann bleibt so manches Gottesgeschenk in uns verborgen, es verstaubt in der Vitrine unseres fehlenden Mutes. Bei so einigen Fähigkeiten ist das nicht schlimm. Sicherlich wäre ich in der Lage, einen Bungee-Sprung zu absolvieren, aber das muss dann vielleicht wirklich nicht sein. Doch auch Wertvolles bleibt unentdeckt, weil wir uns nicht trauen und / oder andere es uns nicht zutrauen. Und tatsächlich kann selbst so ein Bungee-Sprung wichtig sein, wenn wir damit unsere eigenen Grenzen überschreiten und so über uns hinauswachsen.
In einem Gleichnis berichtet uns Jesus über Gottes Haltung zu diesem Thema. Gott begrüßt und belohnt, wenn wir aus den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die er uns geschenkt hat, etwas machen, wenn wir sie nutzen, um unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen zu bereichern und diese Welt zu einem besseren Ort machen. Das Zeug dazu haben wir alle – jede und jeder ganz individuell. Und wenn wir uns dann fragen, ob wir wirklich mal was Neues ausprobieren sollen, lassen sie uns an die sympathische Hummel denken: Sie fliegt! Amen.

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  Stadtsommervergnügen

Stadtsommervergnügen

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2022

Auf dem Platz der Deutschen Einheit dreht sich das Riesenrad, der Duft auf dem Domplatz nach frischen Mandeln und Bratwurst erinnert ein wenig an Weihnachtsmarkt und fröhliche Musik schallt vom Kinderkarussell – das Stadtsommervergnügen 2022 hat begonnen. Vier Wochen lang gibt es auf den Plätzen unserer Stadt Unterhaltungsmöglichkeiten und für das leibliche Wohl ist ebenfalls gesorgt; nicht immer uneingeschränkt gesund, sehr überwiegend aber ausgesprochen lecker.
Aber passt das eigentlich in die Zeit? Wenn man sich einmal umsieht, kann einem das, was in dieser Welt gerade so passiert, die Lust auf ein Sommervergnügen ziemlich verderben: Krieg, Dürre, Inflation, Hunger, Waldbrände, Lieferkettenprobleme, Corona, Rohstoff- und Energieverknappung, und ich könnte locker so weitermachen.
Hätten wir angesichts dieser uns alle betreffenden Probleme nicht besseres zu tun, als Zuckerwatte zu essen und Riesenrad zu fahren? Jedes einzelne Thema für sich genommen, bringt Menschen in Not und in der Kombination potenzieren sich mitunter die negativen Kräfte. So verstärkt der Krieg gegen die Ukraine den Hunger in der Welt, die Energieverknappung treibt die Preise nicht nur für Strom und Gas nach oben und eine drohende Corona-Welle im Herbst wird die europäische Wirtschaft und die Staatshaushalte insgesamt weiter belasten.
Und wir hier in Braunschweig feiern unser Stadtsommervergnügen und ich sage Ihnen: Das ist auch gut so! Die Zeiten, in denen wir leben, kosten uns in besonderer Weise Kraft. Wir werden überschüttet mit schlechten Nachrichten, die verdaut werden wollen, wir werden uns in mancherlei Hinsicht einzuschränken haben, und viele Menschen sind bereits jetzt und werden zukünftig in hohem Maße auf unsere Solidarität angewiesen sein.
Durch all das müssen wir gemeinsam durch. Und damit uns das gelingt und uns nicht unterwegs die Puste ausgeht, brauchen wir neben anderem auch Momente und Orte, an denen wir mal was anderes zu sehen und zu hören bekommen als immer nur neue Katastrophenmeldungen. Ablenkung und Zerstreuung sind wichtig, und wir dürfen uns auch mal was gönnen. All das tut unserer Seele gut und auch die braucht mal Erholung.
Die Bibel berichtet nichts von Riesenrädern und Bratwurstbuden. Sie berichtet allerdings sehr wohl davon, dass Jesus oft und gern mit Menschen zusammengesessen, gegessen und getrunken hat. Und ich bin fest davon überzeugt, dass bei diesen Anlässen nicht nur hoch theologische Gespräche geführt wurden. Ich denke, dass dort auch gelacht und gefeiert worden ist. Jesus hat uns allen ein Leben in Fülle versprochen und dazu gehören auch fröhliche Feste.
Gott will, dass es uns Menschen gutgeht. Darum schenkt er uns unseren Glauben, der uns stärkt, darum schenkt er uns die Liebe, die uns mit ihm und uns untereinander verbindet und darum schenkt er uns die Freude und das Lachen, mit denen sich vieles wesentlich besser ertragen lässt. Und wenn eine Fahrt mit dem Karussell und eine Portion Poffertjes dazu beitragen, ist das ganz sicher in seinem Sinne. Amen.

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  Lebenslanges Zwiegespräch

Lebenslanges Zwiegespräch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.08.2022

Vor fast genau 80 Jahren schreibt eine junge Frau in ihr Tagebuch:
„Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leides an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“
Es ist eine radikales Gebet und eine bestürzender mutiger Trotz darin.
Es ist Teil einer Zwiesprache mit Gott, eines Lebens als Zwiegespräch.
Es ist keine Antwort auf die Frage, warum Gott so viel Leid und Finsternis
zulässt – aber eine zutiefst menschliche Möglichkeit, damit zu leben – ohne bitter oder zynisch zu werden.
Die achtundzwanzigjährige Frau, die diesen Text schrieb, die Niederländerin Etty Hillesum, wusste, dass Menschen auch in tiefster Not die Klarheit ihres Verstandes und Reinheit ihrer Seele bewahren können. Freiwillig ging sie mit in das Transitlager Westerbork und arbeitete dort im Krankenhaus, ehe sie selbst nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.
Sie muss ein Leuchten in sich gehabt haben. Andere erzählen davon – eine übergroße Liebe für das Leben.
Dieser Tage werden Auszüge aus ihrem Tagebuch neu herausgegeben.
Es ist der richtige Moment – für alle, die nach Gott suchen.

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  Hungersteine

Hungersteine

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.08.2022

„Wenn du mich siehst, dann weine…“
So steht es auf einem der Hungersteine, die wie alle Anzeichen von drohender Not, vergessen werden, wenn die Ernte fett ist und das Wasser des Lebens umsonst strömt.
Hungersteine liegen in vielen Flüssen – aber allermeist kann man sie nicht sehen; das Wasser verbirgt sie. In diesem Jahr kommen sie wieder ans Tageslicht.
Es stehen Jahreszahlen darauf.
Manchmal auch wenige Worte.
Die vor uns waren, haben sie in die Steine geritzt und Botschaften hinterlassen, die nur sehr selten – eben in Notzeiten - lesbar sind.
Wenn Hungersteine auftauchen, dann ächzt die Natur schon lange.
Wenn Hungersteine auftauchen, dann ist es kurz vor zwölf.
Hungersteine erinnern an schreckliche Trockenzeiten.
Wer behauptet oder verspricht, in Zeiten wie diesen, müssten wir nicht jede und jeder tun, was nur geht, uns einschränken, wo wir nur können, uns einüben in einen bescheideneren Lebensstil, der bleibt nicht bei der Wahrheit.
Hungersteine heißen so, weil mit ihrem Auftauchen der Hunger kommt.
Für zahllose Menschen auf der Welt, wird es der lebensbedrohliche Hunger sein, weil Getreide und Brot fehlen werden, erst recht sauberes Wasser – aber mit Herta Müller: „Nur darf man über den Hunger nicht reden, wenn man Hunger hat.“
Wir sind also gefragt. Wir, die wir diese Art Hunger nicht haben, müssen uns zur Verantwortung ziehen lassen – und da ist einmal mehr Grund, über unsere genaue Sprache zu staunen: wer gezogen werden muss, geht meistens nicht gern von allein…
Was muss geschehen, bis wir Verantwortung wahrnehmen?
Im Rhein und in der Elbe sieht man Hungersteine.
Jetzt.
Sie kündigen sorgenvolle schwere Zeit an. Auch hier.
Vielleicht hören wir endlich auf die, die schon lange mahnen und kehren um, nehmen nur – wie einst die Israeliten in der Wüste – was wir wirklich brauchen. Es wird helfen, denn die Hungersteine erzählen auch von Schutz und Bewahrung - das Wasser kam zurück, die Welt atmete auf. Die Hungersteine waren wieder generationenlang verborgen…

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  Friedfertigkeit

Friedfertigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.08.2022

Vor vielen Monaten – oder sind es schon Jahre ? – war ich bei einer Lesung mit Salman Rushdie im Staatstheater hier in Braunschweig. Ich sehe mich da sitzen, gebannt von diesem wunderbaren Erzähler und zugleich verwirrt: ich kann keine Spuren davon finden – nicht in meinem Tagebuch und nicht im Internet. Sollte ich mir das einbilden? War der große weltberühmte Autor wirklich hier, in Braunschweig, an der Oker?
Ich will es glauben und das innerliche Bild hüten, das dieser Mann bei mir damals hinterlassen hat – …
Es war die Begegnung mit einem, der auf Todeslisten steht und ausstrahlt, dass er wusste, dass seine Freiheit und Menschlichkeit verlorengeht, wenn er sich gefangen nehmen lässt von Angst und Hass.
Jetzt ist er niedergestochen worden.
Jetzt hat er Gott sein Dank überlebt.
Und wir sind einmal mehr Zeugen geworden, dass Menschen vor lauter Hass und Zorn, vor lauter Propaganda und Fremdbestimmung – sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes vergessen: sie vergessen ihr Menschsein und ihre Würde, lassen sich missbrauchen für Gewalt und Tod.
Wieder einmal …
Die Reihe derer, die Opfer von Attentaten, Lynchjustiz, politischen Morden geworden sind, wird stetig länger und es ist eher die Ausnahme, dass wir davon erfahren, dass alle Welt zusehen kann.
Das macht ratlos und traurig.
Und:
Wer gedenkt derer, die plötzlich verschwinden?
Wer gedenkt derer, die gar nicht erst gekannt werden?
Wir leben in Kriegszeiten – Propaganda ist eine scharfe Waffe. Sie tötet.
Nach den Terroranschlägen 2015 in Paris schrieb Antoine Leiris: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Menschen geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht…“
Wieder einmal halte ich sein kleines Buch in Händen. Es ist wie eine Illustration der fast übermenschlichen Friedfertigkeit des Versöhnungsgebetes aus Coventry.
Das gibt es auch. Überall. Immer wieder.

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  Gottes Schöpfung ist einmalig.

Gottes Schöpfung ist einmalig.

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2022

Millionen toter Fische in der Oder, innerhalb weniger Tage stirbt ein ganzes Ökosystem, menschenverursacht, doch die genauen Gründe und Hintergründe weiß man noch nicht. War es ein Unfall, war es Vorsatz, wird man Verantwortliche zur Verantwortung ziehen können? All diesen Fragen sind noch offen. Fest steht allerdings, dass, selbst, wenn man die Verursacher ausfindig machen sollte, sie den angerichteten Schaden nicht wiedergutmachen können werden.
Das größte Atomkraftwerk Europas im ukrainischen Saporischschja ist von russischen Truppen besetzt und wird beschossen. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, für den Beschuss verantwortlich zu sein. Fakt ist, dass bei der Zerstörung der Kühlsysteme eine Kernschmelze droht, was dann den Lebensraum von Millionen Europäern gefährden würde. Radioaktivität macht im Übrigen auch an Staatsgrenzen keinen Halt.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht von neuen Waldbränden und einer zu erwartenden Rekorddürre in unserem Land berichtet wird. Hierbei ist 2022 kein singuläres Ereignis. Seit 2018 ist es nun bereits das dritte Jahr mit viel zu wenig Regen. Es sind die Folgen des menschengemachten Klimawandels, die wir hier spüren. Ob es gelingt, den Prozess der Erderwärmung noch in den Griff zu bekommen, ist nicht sicher.
„Wir wollen gut verwalten, was Gott uns anvertraut, verantwortlich gestalten, was unsre Zukunft baut.“ So heißt es in einem Choral aus unserem Gesangbuch. Ich will mich ganz sicher nicht zum Moralapostel aufschwingen – ich bin mit dem Auto hier und es fährt mit Diesel. Auch ich habe noch deutlich Luft nach oben, was meinen Beitrag angeht.
Aber ich bin denen dankbar, die mir und vielen anderen auch hierzu immer wieder ins Gewissen reden und mich auch auf meine eigenen Defizite hinweisen. Sich dazu auf dem Asphalt festzukleben, halte ich für eher grenzwertig. Hier werden Menschen genötigt und das ist aus meiner Sicht nicht in Ordnung.
Doch mich beeindrucken beispielsweise diese jungen Menschen, die friedlich und hoch engagiert bei „Fridays for Future“ demonstrieren und die Finger in die Wunden unserer Zeit legen und auch mich an meine Verantwortung zu erinnern. Ihnen ist es gelungen, ein anderes Bewusstsein für die Themen Klimawandel und Klimagerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu schaffen.
Viele Veränderungen bedürfen eines gemeinschaftlichen Vorgehens – in Deutschland, in Europa und auch weltweit. Doch das entbindet uns eben nicht davon, auch individuell aktiv zu werden und vor unserer eigenen Haustür zu kehren. „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ So heißt es im 1. Buch Mose. Unsere Verpflichtung ist es, Gottes Schöpfung zu bewahren, denn sie ist im wahrsten Sinne des Wortes einmalig. Amen.

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  Kurskorrekturen

Kurskorrekturen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.08.2022

Kirchenräume, so wie unser Dom, haben eine ganz besondere Atmosphäre. Und diese Atmosphäre macht was mit uns. Auf viele Menschen wirkt sie beruhigend, beeindruckend und sie erfüllt uns mit Ehrfurcht. Das hat Einfluss auch auf unser Verhalten. Männer nehmen die Mütze oder den Hut ab, wir reden vielleicht etwas gedämpfter als draußen, und wir benehmen uns insgesamt zurückhaltender. Und wir hier vorne achten in besonderer Weise darauf, was wir sagen und wie wir es sagen, denn unser Dom ist und bleibt ein Domus Dei, ein Haus Gottes.
Gestern war allerdings der Tag im Jahr, an dem man auch mal etwas vulgärer und fäkalsprachlicher sein durfte, wenn man wollte. Sie alle kennen dieses Wort mit Sch, das man nicht sagt, schon gar nicht in der Kirche. Aber Paulus hat es verwendet in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi. Er bezeichnet damit sein altes Leben aus der Zeit, als er einer der engagiertesten und fanatischsten Verfolger der jungen christlichen Gemeinden war. Als Pharisäer lebte er in einem starren System aus Regeln und Vorschriften. Und er war fest davon überzeugt, dass nur diese Art zu leben, von Gott gewollt war. Daraus abgeleitet sah er seinen Auftrag darin, alle anderen Lehren und Lebens- und Glaubensmodelle mit aller Vehemenz zu bekämpfen.
Selbstkritik hatte dabei für ihn keinen Platz, Selbstgerechtigkeit allerdings sehr wohl. Das ändert sich erst, als ihm vor Damaskus der auferstandene Jesus Christus begegnet und alles, was für Paulus bisher richtig und wichtig war, über den Haufen wirft. Manchmal bedarf es eben, bildlich gesprochen, eines göttlichen Trittes in den Allerwertesten, damit wir wach werden.
Nicht unsere Baustelle, könnten wir jetzt denken, denn so fanatisch wie Paulus es in seinen frühen Jahren war, sind wir ja gar nicht. Stimmt! Doch Selbstgerechtigkeit kann sehr subtil beginnen, und das bedarf unserer Achtsamkeit. So ertappe ich mich immer mal wieder dabei, Menschen, denen ich begegne, nach dem ersten Eindruck zu beurteilen, sie in mein ganz persönliches Schubladensystem einzusortieren und ihnen Attribute zuzuordnen, die nach meinem subjektiven Empfinden ganz sicher auf sie zutreffen.
Wenn es gutgeht, bemerke ich diesen inneren Prozess und rufe mich selbst zur Ordnung. Manchmal klappt das aber auch nicht und dieses aus meiner Selbstgerechtigkeit heraus gezeichnete Bild eines Menschen, es bleibt.
Paulus strebt nach der Gerechtigkeit, die von Gott aus dem Glauben kommt. Ich will Ihnen nichts unterstellen, aber ich denke, das tun wir alle. Wir wollen nach christlichen Werten leben, respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen, unseren Mitmenschen helfen, wenn sie Hilfe brauchen, und durch alle Klischees hindurch den Menschen sehen, der uns begegnet.
Doch wir wissen, dass das leichter gesagt als getan ist. Paulus weiß das übrigens auch, denn er sagt, dass er dieses Ziel bei weitem noch nicht erreicht hat. Doch er jagt ihm nach. Das könnte ja auch für uns ein Ansporn sein, um den Versuch zu starten, morgen noch ein bisschen besser zu werden als heute – aus eigener Initiative und ohne, dass es uns, so wie Paulus vor Damaskus, erst vom Esel hauen muss. Amen.

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  Richtige und falsche Liebe?

Richtige und falsche Liebe?

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.08.2022

Wir leben in einer Region, die wirtschaftlich stark vom Automobilbau geprägt ist. Und so verwundert es wenig, dass die Marken des Volkswagenkonzerns unser Straßenbild dominieren. Stellen Sie sich nun einmal vor, VW würde ein Auto bauen, dass nur noch ganz wenig Energie verbraucht, dabei aber unglaublich schnell fährt. Einzige Nachteile: die Bremsen funktionieren nicht immer und ab und zu setzt die Lenkung aus. Würden Sie sich so ein Auto zulegen?
Natürlich ist das alles pure Theorie und ebenso natürlich würde ein solches Vehikel niemals durch die Qualitätskontrollen kommen. Ich habe dieses schräge Beispiel dennoch gewählt, weil ich denke, dass wir Menschen einem solchen Auto ziemlich ähnlich sind. Wir haben wunderbare Qualitäten: Wir können kreativ sein, intelligent, schön, liebevoll, weitblickend, musikalisch, freundlich, humorvoll, und, und, und.
Doch wir haben eben auch diese unzuverlässigen Bremsen und eine hakenden Lenkung: Wir machen ständig Fehler, sind in keinerlei Hinsicht perfekt und regelmäßige Misserfolge gehören zu unserem Leben so sicher dazu wie das Amen in dieser Kirche.
Sind wir nun die Krone der Schöpfung oder doch eher das Montagsauto aus Gottes Schöpfungsfabrik? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Fakt ist jedenfalls, dass wir uns mit unseren Unzulänglichkeiten irgendwie arrangieren müssen. Ein guter Ansatz ist, dass wir unser Denken, Tun und Handeln immer mal wieder selbstkritisch hinterfragen. Bin ich noch auf Kurs? Passen meine Werte? Kann ich morgens mit ruhigem Gewissen in den Spiegel schauen? Und last but not least: Wie sieht es aus mit meiner Demut?
Sie ist, wie ich finde, eines der wirksamsten Instrumente, um sicherer durchs Leben zu kommen. Wenn Demut fehlt, werden wir anmaßend – auch gegenüber Gott und dann wird es kritisch. Menschen und auch Institutionen laufen dann zum Beispiel Gefahr, die Deutungshoheit über Gottes Wort für sich zu beanspruchen und fest davon überzeugt zu sein, dass sie und eben nur sie verstanden haben, was Gottes Wille tatsächlich ist.
So war und teilweise ist Kirche noch immer der Meinung, dass es richtige und falsche Liebe gibt. Die richtige ist die, die Gott zwischen Mann und Frau stiftet, die falsche ist jene, die Gott zwei Menschen gleichen Geschlechts schenkt. Dass Liebe und unsere Sexualität generell Gottesgeschenke sind, wird dabei gar nicht mal in Zweifel gezogen, doch wir erlauben uns, die Kriterien, nach denen Gott sie verteilt, einfach mal in Frage zu stellen.
Es liegt sehr wohl in unserer Hand, zu entscheiden, ob wir nachher beim Verlassen des Doms links zum Ringerbrunnen oder rechts zum Rathaus abbiegen. Es liegt aber überhaupt nicht in unserer Hand, zu entscheiden, in wen wir uns verlieben oder wer sich in uns verliebt. Und noch viel weniger dürfen wir uns erlauben, die eine Gruppe der Liebenden zu segnen und es der anderen vorzuenthalten. Gut, dass seit Anfang des Jahres auch in unserer Kirche die Ehe für alle möglich ist.
Denn ich bin mir sicher, dass Gott sich freut, wenn zwei Menschen sich lieben, wenn sie füreinander Verantwortung übernehmen und ihren Lebensweg gemeinsam gehen wollen. Warum sonst hätte er die Liebe zwischen ihnen gestiftet. Menschliche Urteilskriterien von richtig und falsch sind hierbei nicht gefragt. Amen.

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  Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.08.2022

Vieles wird momentan spürbar teurer. Die Inflation, also die Preissteigerungsrate oder andersherum betrachtet, der Wertverlust unseres Geldes, liegt nicht weit entfernt von 10%, ein in der Nachkriegszeit rekordverdächtiger Wert. Das bringt viele Menschen in unserem Land in ernste Schwierigkeiten, denn wer ohnehin den Euro vor dem Ausgeben schon zweimal umdrehen musste, muss es jetzt mindestens dreimal tun. Und wenn Anfang des kommenden Jahres die Nebenkostenabrechnungen in den Briefkästen landen, wird es für manche richtig eng.
Hilfe ist notwendig, auch staatlicherseits. Doch wie hilft man gezielt, schnell und gerecht. Eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Der Staat will Steuern senken. Nach einem aktuellen Vorschlag hätte jemand, der 20.000 € im Jahr verdient, knapp 200 € mehr im Portemonnaie, jemand der 60.000 € verdient, rund 480 Euro. Ist das gerecht? Brauchen nicht diejenigen, die wenig verdienen, eine größere Unterstützung, oder sollte man die Besserverdiener stärker entlasten, einfach, weil sie mehr zum Steueraufkommen beitragen?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Jesus nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten. Und sie teilten sie unter das Volk aus.“ Diese Worte stammen aus dem Bericht über die Speisung der 5.000. Um sie alle satt zu bekommen, gibt es nur die genannten sieben Brote und ein paar Fische. Es ist auf den ersten Blick und nach menschlichem Ermessen herzlich wenig für so viele, doch am Ende reicht es.
Die Jünger teilen das Brot unter das Volk aus, so schreibt es der Evangelist Markus. Glauben Sie, dass sie die Leute gefragt haben, wie viel Geld sie verdienen, um danach die Größe der Brotstücke festzulegen? Glauben Sie, dass sie nach dem Beruf, der Herkunft oder dem Elternhaus gefragt haben? „Ach so, Sie stammen aus einer angesehenen Beamtenfamilie. Warten Sie, ich hole ein kleines, silberneres Tellerchen für Ihr Brot!“ Nein, so war es nicht. Jeder hat so viel bekommen, dass er davon gut satt werden konnte – ohne Ansehen der Person.
Ist das sozialistische Gleichmacherei oder ist das Gerechtigkeit? Wie gehen Sie mit Menschen um, die Ihnen am Herzen liegen? Wenn Sie Freunde zu sich nach Hause eingeladen haben, bekommen dann die Reichen unter ihnen den besseren Wein und das teurere Essen? Ich will Ihnen nichts unterstellen, aber ich vermute: eher nicht.
So ist es auch bei Gott. Er wendet sich allen Menschen in gleicher Weise zu. Seine Wertschätzung und seine Liebe gelten uns, einfach, weil wir sind – von ihm gewollt und von ihm angenommen. Wir Menschen selbst sind es, die immer wieder daran scheitern, Lebensmittel und Lebenschancen gerecht zu verteilen. Wie das gelingen kann, zeigt uns Gott in Jesus Christus. Gerade in Zeiten, wo die Not größer wird, lohnt es sich, einmal mehr auf ihn zu schauen und sich zu fragen, wie er wohl entschieden hätte. Amen.

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  Ich eine schöne Blum

Ich eine schöne Blum

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.08.2022

In Paul Gerhards Lied „Du meine Seele singe“ heißt es:
„Er ist das Licht der Blinden / erleuchtet ihr Gesicht / und die sich schwach befinden / die stellt er aufgericht … Er ist der Fremden Hütte / die Waisen nimmt er an“ Es ist eine lange Reihe von Not und Sorgen, die sich durch dieses Lied zieht obwohl oder vielleicht gerade weil sich seine Melodie von ganz unten weit nach oben hell hinaufschwingt.
Die Seele singt, sie soll singen – dem er alles in Händen hält. Es ist ein bisschen wie mit dem Scherflein der Witwe am letzten Sonntag – der armen Frau, die ihre letzte Habe in den Tempel bringt und sich damit ganz in Gottes Hände gibt. Sich ihm anvertraut, mit Haut und haar – und auch alternativlos.
Sind Seele – dem, der es weiß und kann.
Und dann klingt es in der letzten Strophe ein bisschen, als würde man unter Gottes Fenster stehen und zu ihm hochsingen:
„Ach, ich bin viel zu wenig, zu rühmen deinen Ruhm. Der Herr allein ist König, ich eine welke Blum …“
Es klingt darin das tiefe Bewusstsein der eigenen Ohnmacht und der denkbar größten Unterschiedenheit zu dem, der alles richten und gut machen kann.
Eine welke Blum…
Die ist wirklich zu gar nichts nütze, sie macht keine Freude, sie duftet nicht mehr, ihre Farben haben aufgehört zu leuchten. Er dagegen ist König in aller Pracht und Herrlichkeit.
Das ist nicht jedem Menschenkind recht. Manch eine bezieht Ebenbildlichkeit und Gotteskindschaft auch sehr lustvoll auf sich selbst.
Und so Fulbert Steffensky erzählte bei einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag 2017 über diese Strophe, dass er und seine Frau Dorothee Sölle das Lied besonders geliebt und gern gesungen hätten. In der letzten Strophe hörte die Einigkeit auf. Dann sang sie „… ich eine schöne Blum.“
Das gefällt mir.
Es ist noch immer der ganz große Unterschied. „Der Herr allein ist König…“ - und ich nur eine Blume, vielleicht sogar nur eine kleine Blume - aber eine schöne, eine an der man sich freuen kann.


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  Und er heißt ...

Und er heißt ...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.08.2022

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
So klingt es alle Jahre zu Weihnachten (nicht nur) durch den Dom – so steht es auch über diesem Tag heute. Wie gut! Denn es tut not, sich auch im Hochsommer dann und wann daran zu erinnern, dass die frohe Botschaft von Weihnachten uns ein für alle Mal gilt – auch wenn wir es jedes Jahr am Heiligen Abend wieder so erleben als geschähe es gerade jetzt. Und zudem könnte ja gerade jetzt nichts aktueller sein.
So hell und hoch diese Tage auch daherkommen, es herrscht Krieg in Europa, leben Menschen unter uns, die zwar ihr Leben retten konnten aber nicht wissen, wie es weitergehen soll, das Sterben auf dem Mittelmeer ist wieder viel schlimmer geworden und es drohen Kriegsfolgen wie zu allen Zeiten…
Letzteres trifft auf Menschen, die sich - ausgezehrt von der Pandemie und aufgeschreckt durch den Klimawandel – fragen, wie es denn weitergehen soll und woher die Kraft nehmen. Und dazwischen ahne ich einige, die sich längst übernommen haben und gar nicht wagen, an Schonung zu denken.
Ihnen und uns allen tut die Erinnerung an die alte – neue Heilsgeschichte gut.
Die Hirten mögen ein unendlich anderes Leben geführt haben als wir, aber auch sie kannten die Sorgen um das tägliche Brot, die Unruhe im besetzten Land, die Perspektivlosigkeit der Umhergetriebenen, die Angst vor trockenen Brunnen und dürren Weideflächen – und sie vertrauten demselben Gott, vor dem 1000 oder 2000 Jahre ja eh nur ein Wimpernschlag sind.
Vielleicht haben die Hirten sich auch die alten Prophetenworte aufgesagt und sich gefragt, ob das jetzt die finstere Zeit ist oder ob sie nur zu mühsam ist wie jede Zeit und ob es die guten alten Zeiten denn überhaupt je gab.
Und dann hören und erzählen sie – von einem, der wundersamen wunderbaren Rat gibt, der heldenhaft ist auf ganz andere Weise, der uns zugewandt bleibt und treu durch alle diese Zeiten, mit dem Frieden kommt, endlich – in unsere Herzen und Seelen, in unsere angestrengten Körper – aber auch in unserer Gespräche und Beziehungen, in unsere Wirtschaft und Politik, in diese Welt. Und wir wissen.er ist schon da. Mitten unter uns.

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  Gottes Liebe ist grenzenlos!

Gottes Liebe ist grenzenlos!

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.08.2022

Über dem heutigen Tag heißt es: „Philippus fragte den Kämmerer: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, auf den Wagen zu steigen und sich zu ihm zu setzen.“
Dieser Text stammt aus der Apostelgeschichte, ganz konkret aus der Episode, in der vom äthiopischen Kämmerer berichtet wird, der aus seiner Heimat nach Jerusalem gepilgert ist, um dort am Tempel zu beten. Philippus ist Diakon der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Er erhält von einem Engel den Auftrag, dem Kämmerer hinterherzureisen. Das tut er, und als ihn eingeholt hat, liest der Äthiopier im Buch des Propheten Jesaja und an dieser Stelle kommt es zu dem kleinen Dialog: „Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, auf den Wagen zu steigen und sich zu ihm zu setzen.“
So weit so gut. Doch es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte. Der Kämmerer aus Äthiopien war ein Eunuch. Damit war er anders und damit gehörte er zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten. Eunuchen waren unerwünscht und der Kontakt zu ihnen ebenso. Sie durften nicht Mitglied einer jüdischen Gemeinde werden und auch nicht in den Temel gehen. Der Kämmerer wird vor den Stufen gebetet haben, weil er weiter hinein nicht durfte.
In unserer Stadt wehen Regenbogenfahnen zum diesjährigen Sommerlochfestival. Seit über 25 Jahren gestalten und organisieren Schwule, Lesben, Trans-Menschen und andere, die sich als queere Leute fühlen, ein buntes Programm, dass für Toleranz und Akzeptanz wirbt und zu Begegnung und Gespräch und natürlich auch zum Feiern einlädt.
Menschen werden in unserem Land heute deutlich weniger wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Und doch möchte ich daran erinnern, dass der § 175 des Strafgesetzbuches, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, erst 1994 außer Kraft gesetzt wurde. Und es gibt nach wie vor gesellschaftliche Baustellen in Sachen Akzeptanz.
Vor 2000 Jahren war die Situation im Heiligen Land allerdings noch deutlich rigider, wenn es um Menschen ging, die in sexueller Hinsicht anders waren als die Mehrheit. Umso bemerkenswerter ist es, dass Philippus unter diesen Umständen den göttlichen Auftrag bekommt, sich des äthiopischen Eunuchen freundlich anzunehmen und ihm die Prophetenworte Jesajas auszulegen. Die beiden kommen in einen tiefen Austausch an dessen Ende sich der Kämmerer taufen lässt. Und die biblische Erzählung endet mit dem Satz: Und er zog seine Straße fröhlich.
Und die Moral von der Geschicht? Gott grenzt nicht aus. Seine Liebe ist grenzenlos. Alle sind ihm willkommen und jene, die von einer Mehrheit an den Rand gedrängt werden, weil sie zu einer Minderheit gehören, liegen ihm ganz besonders am Herzen. Zu denen schickt er dann auch schon mal einen Diakon mit direktem göttlichen Auftrag. Und wenn Gott so einladend ist, wer sind wir, dass wir meinen, es besser wissen? Amen.

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  Es geht nur gemeinsam

Es geht nur gemeinsam

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.08.2022

Ich war die letzten zwei Wochen im Urlaub und hätte Zeit gehabt, ein wenig intensiver als sonst Diskussionen über aktuelle Fragen in Leserbriefen und Online-Kommentaren der Tageszeitungen oder auch auf Twitter zu verfolgen. Doch ich habe ganz schnell wieder damit aufgehört. Schlechte Umgangsformen hätte ich ja noch erträglich gefunden, die Respektlosigkeit, die absolut fehlende Wertschätzung füreinander und sogar offener Hass gegeneinander, die dort an den Tag gelegt werden, haben mich entsetzt, geängstigt und mit Unverständnis zurückgelassen. Und wenn sich Menschen mit ausgedachten Pseudonymen im Schutz der Anonymität wähnen, wird es besonders schlimm und schmutzig.
Durch die Verknappung unserer Energieressourcen, inflationsbedingt auf breiter Front steigende Preise und weitere dramatische Veränderungsprozesse in unserem Leben – unter anderem ausgelöst durch den Krieg gegen die Ukraine oder den Klimawandel – stehen wir vor Herausforderungen, die für uns in ihrer Kombination vollkommen neu sind. Natürlich wurden in der Vergangenheit auf unterschiedlichen Gebieten Fehler gemacht, die die aktuellen Probleme befördert haben. Doch jetzt erst einmal mit großer Vehemenz auf die vermeintlich Schuldigen einzudreschen, bringt überhaupt nichts – außer Frust und Verletzungen.
Was wir vielmehr brauchen ist Lösungsorientierung, Offenheit und Solidarität. All das setzt aber voraus, dass ich abweichende Meinungen zumindest aushalten muss, um mich dann mit ihnen in der Sache auseinanderzusetzen. Dazu gehören auch durchaus kontroverse und engagierte Diskussionen, aber eben keine Herabwürdigungen und Diffamierungen der Menschen, die andere Positionen vertreten.
In Österreich wurde eine Ärztin aus Impfgegner- und Querdenkerkreisen derartig mit unter anderem Morddrohungen überzogen, dass sie sich aus Verzweiflung und Angst das Leben genommen hat. Und ihr Suizid wurde in einschlägigen Internetforen triumphal gefeiert. Wo bitteschön sind wir gelandet, dass wir so miteinander umgehen?
Beim Propheten Maleachi heißt es: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir denn einer den andern?“ Diese Frage ist zeitlos aktuell und sie beschreibt eine menschliche Baustelle, die in den Griff zu bekommen, immer weniger wahrscheinlich zu werden scheint.
Und mich erfüllt mit Sorge, wenn ich sehe, dass es Kreise gibt, die diese destruktive Stimmung für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sie durch Falschinformationen anheizen, gezielt Zwietracht säen und so unsere demokratische und vielfältige Gesellschaftsordnung schwächen und nachhaltig schädigen wollen.
Gerade wir als Christinnen und Christen und wir als Kirche insgesamt sind nach meiner Meinung gefordert, einer zunehmenden Verrohung von Gedanken, Worten und Taten entgegenzuwirken. Wir können das tun, in dem wir uns zunächst einmal untereinander achtsam und liebevoll begegnen. Und es gilt immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass wir die großen Probleme unserer Zeit nur im Schulterschluss lösen werden. Völlig unabhängig davon sind Hass und Gewalt – auch verbale – mit christlichen Werten nicht übereinzubringen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus Christus. Unter dem geht es einfach nicht. Amen.

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  Ein Klassenfoto

Ein Klassenfoto

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.08.2022

Auf dem letzten Magazin der Süddeutschen Zeitung sieht man ein Klassenfoto – Mädchen und Jungen, junge Erwachsene vielmehr, in Schuluniform, grauer Rock oder Hose, weißes Hemd, weiße Bluse, grauer Pullunder, blau-weiß gemusterte Krawatte. Fast alle dunkelhaarig. Dazwischen eine Lehrerin im gelben Blümchenkleid.
Ich schaue mir solche Bilder gerne an. Vielleicht weil solche Aufnahme einen Moment festhalten, der ein Konzentrat zu sein scheint – voller herausfordernder, schelmischer, schüchterner Blicke in die Zukunft. Aber es ist noch mehr. Dies Foto birgt die Unwiederbringlichkeit solcher Augenblicke. Dies erst recht und auf anders eindringliche Weise, denn es stammt aus Mariupol.
Am 23. Februar 2022 haben sie alle noch gemeinsam in ihrem Klassenzimmer gesessen und eine Mathetest geschrieben. Es war ihr letzter Schultag. Inzwischen leben sie verstreut in Griechenland, Kalifornien, Niedersachsen, Süddeutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz oder irgendwo anders in der Ukraine, bis auf Bohdan und Ksenia, die in Mariupol geblieben sind.
Jetzt schauen sie zurück auf etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätten:
Bomben und Granaten, zerstörte Wohnungen, bitterkalte Nächte ohne Wasser und Strom, Angst. Ihre Familien sind auseinandergerissen. Manche sind allein.
Jetzt schauen sie mit einem Ernst und einer Trauer in die Kamera, die nur ahnen lässt, was sie erlebt haben. Und es sind Einzelporträts …
Vorhin haben Sie den 8. Psalm gehört.
Darin heißt es:
„Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.“
Es ist eine verletzliche Macht, das sieht man den Jungen und Mädchen an.
Es ist eine ernstzunehmende Macht – sie werden Worte finden. Sie haben schon begonnen, ihre Geschichte zu erzählen.
Es ist beruhigend, dass nicht sie den Feind vertilgen müssen und auch nicht die sein müssen, die Rache wollen oder verüben. Der Psalmist legt das Gott in die Hände, dem von dem wir Christen glauben, dass er nicht als Kriegsherr, sondern als Friedefürst geboren wird unter uns.

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  LEHRE MICH BEDENKEN...

LEHRE MICH BEDENKEN...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.08.2022

Karstadt – Haushaltsabteilung.
Während ich nach einem Teesieb suche, steht ein altes Ehepaar ein paar Meter weiter vor dem Regal mit den diversen Aufbewahrungsbehältnissen.
Man findet eine Brotlose – zum stolzen Preis von 100,- €.
Er ist perplex. „Hundert Euro? Was kann die denn???“
Eine berechtigte Frage.
Sie: „Na das ist eine besonders gute Qualität – eben eine Anschaffung für’s Leben.“
Er: „Was glaubst Du denn, wie lange wir noch leben?“
Auch das ist eine berechtigte Frage…
Im 90. Psalm heißt es: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen…“
Kleiner Sprung an den Esstisch einer Braunschweiger Familie, die Mutter und Großmutter ist gestorben – im seligen Alter von 88 Jahren. „Hatte sie Angst vorm Sterben?“ frage ich. „Nein, sie wollte hundert werden.“
„Thema verfehlt“ hätte unter einem Aufsatz gestanden, der vermutlich in keiner Schule geschrieben wird.
Dabei würde das Nachdenken übers Sterben Leben helfen.
Nicht nur am Ende, wenn wir ahnen, dass wir im Abendlicht des Lebens unterwegs sind und dass es Zeit wird, loszulassen. Früher hat man mit dem Tod immerhin noch gerechnet. Zur Konfirmation gab es mancherorts ein Leichenhemd...
Heute müssen wir jung bleiben, fit und dynamisch, als wollten wir uns selbst austricksen und endlich unsterblich sein. Wer weiß, vielleicht lohnt eine Brotdose mit jahrzehntelanger Lebensdauer ja doch noch?
Man könnte meinen, dies sei ein neues Thema und Frucht des unglaublichen medizinischen Fortschritts. Aber es ist alt. Auch der Psalmist musste bitten: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen…“
Wenn wir das täten, dann würde uns das vielleicht helfen, Gelegenheiten, Frieden zu schließen nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen, keine Entscheidungen zu treffen, die wir nicht verantworten können, ehrfürchtig zu bleiben – vor dem Leben, der Schöpfung und Gott.

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  Ein Kind hat es in der Hand

Ein Kind hat es in der Hand

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.08.2022

Zu dieser Woche gehört als Evangelium die Geschichte von der Speisung der 5000. Sie wird auf verschiedene Weise erzählt. Zu der Variante über dieser Woche aus dem Johannesevangelium gehört ein Detail, das die anderen Evangelisten nicht kannten oder wichtig fanden, denn Johannes erzählt, dass „Andreas, der Bruder des Simon Petrus zu Jesus sagte: Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische.“
Mit diesen fünf Broten und zwei Fischen wird Jesus alle satt machen. Es wird mehr als genug sein. Er ist es, der die Menschen stärkt und kräftigt.
Aber ein Kind ist es, das die Ressourcen der Zukunft in Händen hält.
Ein Kind bringt mit, was alle zum Leben brauchen.
Ohne dieses Kind haben die Erwachsenen keine Idee, wie es weitergehen könnte. Wohlgemerkt: die Erwachsenen wissen es nicht. Jesus hat das kommen sehen, denn einige Verse vorher fragt er seine Jünger: „Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.“
Darum ist es vielleicht auch eine Geschichte, die die Augen dafür öffnen soll, Kindern zuzuhören und ihnen zuzusehen, ihnen Räume zu eröffnen – sie nicht einfach nur mitzuschleppen.
Mir ist dies bewusst geworden als ich gestern Vormittag über den Platz der deutschen Einheit kam: dort sind im Rahmen des Projektes „Sommer in der Stadt“ ja nicht nur grüne Oasen entstanden mit bunten Liegestühlen, in denen Menschen der Hitzeschlappigkeit beikommen können. Es gibt auch Bücherboxen. Und so saßen in der milden Brise Kindergärtnerinnen mit den Jüngsten um sich geschart und lasen ihnen vor.
Es war ein schönes Bild: nicht nur der liebevollen Zuwendung, die die Kinder dort erfuhren und die vermutlich nicht für alle selbstverständlich ist – vorgelesen bekommen!
Es ist auch der Ausdruck eines guten Projektes, bei dem wirklich an Kinder und Jugendliche gedacht wurde und jemand sie ernsthaft wahrgenommen hat. Denn eine Rollschuhdisko ist so viel besser als ein Zuckerwattestand… -
Jetzt und für die Zukunft erst recht.




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  In Bremen...

In Bremen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.08.2022

Nancy Pelosi ist nach Taiwan gereist. Das ist das Thema des Tages in den Zeitungen und Nachrichtensendungen. In diesem Jahrtausend hat es keinen derartig hochrangigen Besuch aus den Vereinigten Staaten auf der demokratischen Insel Taiwan gegeben, denn man man fürchtet Ärger mit der chinesischen Volksrepublik. Und aktuell mag sich keiner Parallelen zum Krieg in der Ukraine ausmalen – obwohl man das vielleicht sollte...
Mit gutem Grund. Viel zu lange wurde weggesehen oder rote Linien benannt, deren Überschreiten dann doch folgenlos blieb. Die wirtschaftliche Abhängigkeit hat auch hier einen enormen Preis.
Während der Krieg in der Ukraine nun schon ein halbes Jahr lang Menschenleben kostet und in Asien ein neues Schlachtfeld droht, graben Archäolog*innen im Nordwesten Bremens Knochen aus, 14 000 sind es inzwischen. Knochen, nicht vollständige Skelette. Es ist ein Massengrab, wie es kommende Generationen ausgraben werden – in Mariupol oder Butscha.
In Bremen sind es die Überreste von Zwangsarbeitern.
Hin und wieder finden sich Erkennungsmarken. Es waren Russen und Ukrainer, junge Männer, die ihr Leben noch vor sich hatten – hier sind sie zusammen umgekommen, fern der Heimat - unter grausamsten Bedingungen.
Eigentlich wollte der französische Konzern Alstrom an dieser Stelle eine Zugfabrik mit Rangierwerk errichten. Aber Alstrom steht in der Rechtsnachfolge der Linke-Hofmann-Werke, die seinerzeit mit Zwangsarbeitern Vieh- und Güterwaggons montiert hatten … -
Genau hier gibt es aber eine vergessene, verdrängte, verschlampte Kriegsgräberstätte und es gibt klare Bestimmung der Genfer Konvention.
All das wäre schon unter „normalen“ Umständen eine schwierige Angelegenheit, erst recht nachdem es in den letzten 70 Jahren an Sorgfalt im Umgang mit diesen Kriegsopfern gefehlt hat.
Aber jetzt müssten Russland und die Ukraine sich über Tote, gemeinsame Tote, verständigen. Menschen die ungeachtet ihrer Herkunft ihr Leben verloren haben …
Dass das unvorstellbar ist, zeigt eine neue Fratze des Krieges.
Auch sie macht nicht halt an unseren Grenzen.


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  menschenleer

menschenleer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.08.2022

Heute musste ich zum Zahnarzt. Zum Glück war das nicht so schlimm, dass ich keinen klaren Gedanken hätte fassen können oder wenn dann nur das grausige Staunen, wie unsere Eltern und Großeltern das überlebt haben mögen: mit dem langsamen Bohrer, der zumindest den Erzählungen meines Vater nach noch mit einem Fußpedal betrieben wurde wie die alten Nähmaschinen und ohne schnelle Betäubung.
Ich hatte Glück und zu meiner Entspannung und Entängstigung reichten die Bilder im Behandlungszimmer aus: Blick nach vorn mit Dünen und Seegras, dahinter das Meer, so wie ich es von Amrum oder dem Fischland kenne. Und über dem Behandlungsstuhl gab es eine ausgeleuchtete Fotografie auf Glas mit einem großen Lavendelfeld. Bei Senanque könnte das sein, der Berg im Hintergrund sieht jedenfalls wie der Ventoux aus – freundliche Gedanken sollen einen wegschwemmen…
Nichts stört die Anmut beider Bilder, vollkommene Natur, wunderbares Wetter und Menschenleere. Ist es das, was es so wohltuend macht??? Ist unsere Welt nur dann vollkommen und tröstlich, wenn Menschen sie sich nicht untertan gemacht haben und mit ihren Bedürfnissen dominieren, nicht ihren Müll hinterlassen und rumlärmen?
Obwohl: beiden Bilder zeigen menschliche Spuren innewohnen.
Das eine zeigt einen Weg – eben hin zum Meer.
Das andere Lavendelbüsche in ordentlichen Reihen.
Und während ich da noch liege und auf den nächsten Behandlungsschritt warte erinnere ich mich an andere menschenleere Bilder – sie gehörten zu einer Präsentation über die Zukunft der Landeskirche. Und auch da: alles menschenleer. Leerer Landschaften und leere Kirchen…
Auch da ist jedes Bild sorgfältig ausgesucht und von berückender Schönheit, heimatlich.
Aber die Leere ist irritierend.
Ohne Menschen ist es nicht gut, zwei oder drei braucht es schon.
Ohne all die, die Gott uns als gegenüber und Weggefährten zur Seite gestellt hat, die uns herausreißen aus unserer Selbstbezogenheit und den Blick weiten, das Gefühl gebraucht zu werden und die Erfahrung, lieben zu können.
Das wussten auch die Alten. Bei dem weisen Prediger Salomo heißt es:
„So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn … fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

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  Herzlichen Glückwunsch

Herzlichen Glückwunsch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2022

Über diesem 1. August heißt es bei dem Propheten Jesaja: „Friede, Friede denen in der Ferne und denen in er Nähe, spricht der Herr; ich will sie heilen.“ Es sind Worte am Ende eines Selbstgespräches. Es scheint, als müsse Gott selbst sich sortieren, denn er sagt;
„Ich wohne in der Höhe und … bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. Denn ich will nicht immerdar hadern … Ich war zornig über ihre Habgier und schlug sie, verbarg mich und zürnte. Aber sie gingen treulos die Wege ihres Herzens. Ihre Wege habe ich gesehen …, aber ich will sie heilen und … ihnen wieder Trost geben.
Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe … ich will sie heilen.
Aber die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und Unrat auswerfen…“
Trauer und Zorn, Ratlosigkeit, Erbarmen, Friede, Heilung…
Hin- und hergeworfen und doch keinen Moment, in dem er die gedemütigten und Zerschlagenen aus den Augen verloren hätte.
Einer, der das gehört haben muss,
einer, der eine sehr genaue Kenntnis vom Schlamm und Unrat, den Menschen produzieren können, hat,
einer, der der sizilianischen Mafia und der gnadenlosen europäischen Flüchtlingspolitik die Stirn geboten hat,
einer, der Fremden seine Stadt als Zuhause und sichereren Hafen im ungestümen Meer der Unmenschlichkeit anbot,
ist Leoluca Orlando, der langjährige Bürgermeister von Palermo.
Die Palermitaner haben sein Leben gerettet, sagt er.
Das kann man – fast - wörtlich nehmen. Es waren die Palermitanerinnen. Als er auf der Todesliste der Mafia stand, boten sich Tausende von Frauen aus Palermo an, ihn künftig mit ihren Kindern in dessen Dienstwagen und auf seinen Dienstgängen zu begleiten. Sie wussten, dass die Mafia größeren Respekt vor den Frauen und Kindern hatte als vor der Polizei.
Heute wird er 75. Möge er in ein behütetes neues Lebensjahr starten.

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