Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Mitgefühl schenkt Leben

Mitgefühl schenkt Leben

Henning Böger, Pfarrer - 26.07.2021

Emilio Märquez aus Puerto Rico ist seit einigen Tagen offiziell der älteste Mann der Welt. Dieser Titel wurde ihm nach gründlicher Prüfung vom Guinness-Buch der Rekorde verliehen. Emilio ist nach bestätigten Angaben 112 Jahre und 336 Tage alt; er ist schon seit langem Witwer und hat vier Kinder, inzwischen ebenfalls im Seniorenalter.
Üblicherweise werden solche ,,Alters-Rekordhalter'' ja gefragt, wie sie das denn wohl gemacht hätten mit ihrem sprichwörtlich biblischen Alter. Man hört dann freundliche bis eigensinnige Antworten: Die einen haben jeden Tag ein Glas Rotwein oder Bier getrunken. Andere haben täglich lange Spaziergänge gemacht oder nie Alkohol getrunken. Das alles klingt dann immer ein wenig nach Rezept.
Bei Emilio Märquez ist das anders gewesen. Auch er wurde gefragt, was ihn seiner Meinung nach so lange hat leben lassen. Auch er hat geantwortet, aber wie! Das Geheimnis seiner Langlebigkeit - 112 Jahre und 336 Tage - liege schlicht ,,im Mitgefühl".
Das ist eine eigenwillige und zugleich besonders schöne Antwort, finde ich: Mitgefühl schenkt Leben. Vielleicht nicht immer ein besonders langes, wie bei Emilio, aber immer ein aufmerksames Leben mit Blick nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.
Mitgefühl schenkt Leben. Emilios Antwort erinnert mich an jenen Menschen, der zu Jesus kommt und ihn fragt: ,,Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?" Auch bei dieser Frage geht es nicht zuerst um die Länge des Lebens, sondern vielmehr um seine Tiefe, seinen Wert. Auf die Gegenfrage Jesu, was denn die Bibel dazu sage, antwortet der Mensch kurz und knapp: Man solle Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Die Reaktion Jesu darauf ist ebenfalls kurz und knapp: ,,Tu das, so wirst du leben!" (nachzulesen im Lukasevangelium, Kapitel 10)
Emilio denkt ähnlich wie Jesus, könnte man sagen: Mitgefühl macht lebendig und hält lebendig. Es werden dann nicht immer sagenhafte 112 Jahre sein, manche möchten das wohl auch gar nicht. Aber eine besondere Tiefe, einen Sinn fürs Leben schenkt das ehrliche Mitgefühl allemal. Wer andere achten kann ,,wie sich selbst", wer sich bemüht, möglichst wenig auf Kosten anderer zu lesen, der spürt jeden Tag etwas vom Wert und Sinn des eigenen Lebens. Für seinen 113. Geburtstag, sagt Emilio Märquez, habe er darum nichts Besonderes geplant.

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  Wir sind dabei!

Wir sind dabei!

Heiko Frubrich, Prädikant - 24.07.2021

Es gibt so Ereignisse, Veranstaltungen, Events, bei denen ist es manchen Menschen unglaublich wichtig, dass sie dabei sind. Da kommt dann Presse, Funk und Fernsehen und mit ein bisschen Glück ist man dann am kommenden Tag auf der Titelseite der Lokalzeitig neben irgendeinem Promi zu sehen oder man flimmert sogar, je nach Wichtigkeit, bei „Niedersachsen 19:30“ oder sogar in der Tagesschau über den Bildschirm. Gesehen werden ist wichtig. Auch in anderen Lebensbereichen wird viel Energie investiert, um dazuzugehören – zur angesagten Clique in der Schule, zur Führungsriege in der Firma, oder, oder, oder.
Wer dazugehört, der ist wichtig, der hat Einfluss, der hat es geschafft und ist auf der Gewinnerstraße unterwegs und all die anderen sind dann eben die grauen Mäuse, die man nicht wahrnimmt und die dann in der großen Zahl untergehen. Ja, ich gebe zu, dass ist ziemlich schwarz-weiß gezeichnet, aber von der Hand zu weisen sind derartige Gesetzmäßigkeiten leider auch nicht so ganz.
Wie ist das eigentlich in unserem Verhältnis zu Gott? Gibt es da auch jene, die dazugehören zum engeren Zirkel der Superfrommen? Gibt es die Clique derer, die Gott ganz besonders wichtig sind, weil sie vielleicht überdurchschnittlich viel Kirchensteuer zahlen, herausragende klerikale Ämter bekleiden oder besonders vorwurfsvoll auf jene herabsehen können, die mit Gott und dem Glauben so ihre Schwierigkeiten haben? Die Antwort wird Sie nicht überraschen: Nein, diese inneren Zirkel gibt es bei Gott nicht und ich kommentiere das mit einem deutlichen „Gott sei Dank!“
Wie es tatsächlich aussieht, schreibt uns Paulus an die Gemeinde in Ephesus im aktuellen Wochenspruch, und der lautet: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Und mit „Ihr“ meint Paulus uns, Sie und Euch und mich. Wir sind nicht mehr nur Gäste, sondern Mitbürger und Hausgenossen, weil wir uns zu Jesus Christus bekennen und glauben.
Vorgestern habe ich hier an dieser Stelle laut darüber nachgedacht, wie es uns gelingen kann, unser Leben so zu führen, wie Gott es von uns erwartet. Mit dem aktuellen Wochenspruch im Rücken, klingt diese Frage bei Weitem nicht mehr so bedrohlich. Denn Gott hat uns längst angenommen, hat uns seine Tür geöffnet und uns zu sich hereingebeten. „Herzlich willkommen, Ihr seid meine Hausgenossen. Lasst uns Gemeinschaft miteinander haben. Alles andere wird sich finden.“ So könnte man den Wochenspruch in wörtliche Rede übersetzen.
Natürlich erfordert ein gutes Zusammenleben, dass wir uns an Regeln halten – auch mit Gott. Zu Hause macht ja schließlich auch nicht jeder, was er will. Aber wir haben einen Status bei Gott, der uns nicht mehr genommen werden kann, weil uns Gott in seiner Liebe unsere menschlichen Unzulänglichkeiten längst verziehen hat. Wir gehören zu seiner, wir gehören zur Heiligen Familie – einfach so, ohne Eintrittskarte, ohne Frömmigkeitszertifikat auf dem Smartphone, einfach, weil wir seine Kinder sind. Gut so! Amen.

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  DEM HIMMEL GANZ NAH

DEM HIMMEL GANZ NAH

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.07.2021

Gestern habe ich die Jugendkantorei des Domes – also vielmehr die halbe (coronabedingt fahren nun nicht alle hundert jungen Leute zehn Tage lang weg, sondern zwei Gruppen je fünf Tage) mit einem Reisesegen verabschiedet. Dafür hatte ich nach einem Sommersegenswort gesucht und dabei gefunden, dass die christliche Kommunität Iona am äußersten Ende Schottlands die Wildgans als Logo hat. Sie ist das keltische Symbol für den heiligen Geist (vielleicht ist denen da oben im rauen Norden das Täubchen zu zart). Die Menschen auf der Insel erklären jedenfalls dazu: Die Wildgans ist „Immer unterwegs, niemals gezähmt, in einer Ordnung zusammen fliegend wegen der besseren Geschwindigkeit, anstößig für die festen Siedler, aber eine Inspiration für unruhige Geister. … Sie ist das Bild, wie wir sein wollen.“
Das gefällt mir. Nicht nur für junge Leute, die sich aufmachen – zusammen, abenteuerlustig, singend und hoffentlich in einem Geist.
Es gefiele mir auch als Bild für unsere Kirche.
Beweglich und frei, kraftvoll und doch zusammen.
Wenn wir so unterwegs sind, ist vieles möglich – dann berühren sich manchmal Himmel und Erde, wird Realität, was wir erhofft und erträumt haben. Ein solches Wunder spielt sich in dieser Woche auf 2759m hoch oben in den Ötztaler Alpen ab. Dort steht seit über 125 Jahren die Braunschweiger Hütte. Als ich vor vier Jahren zum Hüttenjubiläum oben war, träumten die Braunschweiger von einer kleinen Kapelle. Früher hatte es einen Andachtsraum gegeben aber nach der Sanierung war der weggefallen. Dem Himmel so nah, auf schwierigen Wegen auf- und absteigend, gibt es viele Gründe innezuhalten – nicht nur um zu heiraten, sondern auch um Gottes Schutz und Geleit zu erbitten bzw. dafür zu danken.
Wie aufwändig so etwas ist, wenn alles Material nach oben gebracht werden muss, ein Fundament gebaut und immer wieder von Schnee befreit werden muss, Corona dazwischenkommt, kann sich jeder ausmalen. Wie viele Menschen diese Idee geteilt und unterstützt haben, ist hingegen fast unvorstellbar: einer baut einen Altar, ein anderer Fenster, einer stiftete Bänke, eine Glocke findet sich auch und nicht zuletzt gab es einen, der nicht nur Hubschrauberflüge spendiert hat. Immer wieder fahren Menschen hin, steigen auf, legen Hand an. Was selbst gemacht werden kann, wird so erledigt.
Jetzt steht sie. Gestern kam das Bild. Aus hellem Holz, innen ist es Zirbe, ein kleines Gotteshaus. Eine Idee, die Wirklichkeit geworden ist. Menschen, die zusammengearbeitet haben, inspiriert und ohne aufzugeben, getragen bis da oben hin von einem gutem Geist.
Ein schönes Bild für Kirche.

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  Zielvereinbarungen?

Zielvereinbarungen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 22.07.2021

In vielen Unternehmen ist es seit geraumer Zeit üblich, dass jeder Mitarbeiter einmal im Jahr ein Zielvereinbarungsgespräch mit seinem Chef oder seiner Chefin führt. Dabei wird dann häufig auf das abgelaufene Jahr zurückgeschaut und besprochen, was gut war und was nicht so gelungen ist und man schaut gemeinsam nach vorne und legt Ziele fest. Meist geht es um die Unternehmensziele insgesamt oder aber auch um eigene Persönlichkeitsentwicklung. Und man vereinbart Messkriterien für die genannten Ziele und je nach Erfüllungsgrad bekommt man möglicherweise einen Bonus oder eben auch nicht.
Wäre es nicht großartig, wenn wir solche Zielvereinbarungsgespräche auch mit Gott führen könnten? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich treibt sehr oft die Frage um: Was erwartet Gott eigentlich von mir? Bin ich mit meinem Leben aus seiner Sicht einigermaßen auf Kurs? In welchen Bereichen passt es so leidlich und wo ist noch Luft nach oben? Wenn ich mir im Job bei diesen Fragen unsicher war, konnte ich meinen Chef fragen, aber im Verhältnis mit meinem Gott ist das schon um einiges schwieriger.
Ja, natürlich, das Gebet hilft. Darüber komme ich gut in den Austausch mit Gott und auch mit mir selbst, aber es ist eben ganz und gar nicht so, wie im Beruf, wo ich an Zahlen, Daten und Fakten ablesen kann, dass ich erst 75% oder doch schon 90% meiner Ziele erreicht habe. Gott antwortet nicht in Prozentwerten. Und es ist auch nicht so wie im Film bei Dom Camillo, wo Gott auf jede Frage laut und vernehmlich eine klare Antwort parat hat. Gottes Zeichen im wahren Leben sind viel dezenter, zurückhaltender und oftmals nur mit großer Aufmerksamkeit zu erkennen.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wenn jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“ Aus dem 1. Johannesbrief stammt dieses Bibelwort. Dass Gott von uns erwartet, dass wir einander helfen, steht außer Frage. Und dass Menschen dazu bereit sind, zeigt sich zum Beispiel dieser Tage im Zusammenhang mit den Opfern der Flutkatastrophe im Westen unseres Landes. Aber gibt es für das individuelle Helfen ein Maß? Für mich ist das eine schwer zu beantwortende Frage.
Ich glaube nicht, dass Gott von uns erwartet, dass wir alle mit unserem Leben im Hier und Jetzt komplett brechen, all unseren Besitz verkaufen und in den Missionsdienst nach Indien oder sonst wohin gehen sollen. Mal ganz abgesehen davon, dass es auch hier bei uns in Deutschland mittlerweile bei all jenen, die von Gott nichts wissen wollen, genug zu missionieren gibt.
Ich denke schon, dass es Gottes Plan entspricht, dass wir ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier unser Leben leben. Doch wie wir das genau tun, bleibt unsere Entscheidung und unsere Verantwortung. Christlich zu leben, bedeutet zu suchen und zu fragen, jeden Tag aufs Neue. Und ob wir die richtigen Antworten gefunden haben, werden wir wohl erst erfahren, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Ich bin sehr gespannt. Amen.

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  Zeugnistag

Zeugnistag

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.07.2021

Ferienbeginn in Niedersachsen, heute war der letzte Schultag und damit ist diese schräge Schuljahr zu Ende. Es war geprägt von großen Herausforderungen – für unsere Schulen, für Schüler und Lehrer aber auch für die Eltern. Denn Homeschooling, Wechselmodelle und stark eingeschränkte Kontakte zu den Freundinnen und Freunden aus der Klasse mussten in den Familien irgendwie organisiert und aufgefangen werden. Und wenn dann das Ganze noch zu kombinieren war mit Homeoffice-Tätigkeiten von Mama und Papa war die Belastungsgrenze schnell überschritten.
Nichtsdestotrotz und nach vielfachen Diskussionen wurden auch für das abgelaufene Schuljahr heute Zeugnisse ausgegeben. Und wie in jedem Jahr gab es dabei zufriedene und strahlende Gesichter, genauso wie Enttäuschung, Frust und vielleicht sogar Tränen. Und auch die Reaktionen zu Hause werden ganz unterschiedlich ausgefallen sein: von Lob und Freunde über tröstendes Schulterklopfen bis hin zu vorwurfsvollem Kopfschütteln.
In allen Lebenslagen, ich kann es gar nicht oft genug sagen, empfiehlt sich ein Blick in die Bibel. Dort findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom folgende Aufforderung: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ Nun könnte man auf die Idee kommen und sagen: „Was interessieren mich die Zeugnisse der Schülerinnen und Schüler, die sie heute bekommen haben? Ich habe mit denen doch nichts am Hut.“ Ja, das mag so sein und sicherlich hätte es auch einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen, wenn wir uns alle heute Vormittag vor dem Gymnasium „Kleine Burg“ hier um die Ecke getroffen hätten, um mit den Zeugnisempfängerinnen und Zeugnisempfängern Freud und Leid zu teilen.
Doch das Pauluswort ist viel weiter gefasst. Es gilt generell für das Zusammenleben von uns Menschen. Es ermuntert uns, einander mitfühlend zu begegnen. Das setzt voraus, dass wir überhaupt erst einmal bereit sind, die Stimmungslagen unserer Zeitgenossen wahrzunehmen, offen zu sein für deren Freude und deren Kummer und uns darauf einzulassen.
Jesus war so unterwegs und er hat alles durchlebt und durchlitten, was menschliches Leben ausmachen kann. Er weiß genau, wie sich Glück und Heiterkeit anfühlen, genauso wie Trauer, Leid und Verzweiflung. Das auf sich zu nehmen, kostet Kraft und auch sich mit anderen zu freuen oder mitzuleiden kann anstrengend sein. Aber wir dürfen uns das zutrauen, denn wir alle können uns getragen und angenommen fühlen von eben diesem Jesus Christus, der uns kennt und der uns stärkt und der uns freundlich ansieht.
Sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden, ich glaube, dass eine solche Haltung das Miteinander auf dieser Welt insgesamt verbessern kann und vielleicht strahlen wir gleich auf dem Weg nach Hause doch einfach mal zurück, wenn uns fröhliche, junge Leute in der Stadt begegnen oder verschenken ein Lächeln, wenn uns jemand mit traurigem Gesicht entgegenkommt. Risiken gibt es dabei keine, vielleicht aber ein paar schöne Nebenwirkungen. Amen.

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  Mitgefühl

Mitgefühl

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.07.2021

In diesen Tagen kann man Einiges darüber verinnerlichen, was es heißt, sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können – oder vielleicht überhaupt auch nur zu wollen. Als gestern die Plätze für den Gottesdienst in der Burgplatzarena viel schneller als gedacht vollständig belegt waren, gab es bittere Szenen am Eingang. Das Sicherheitspersonal des Staatstheaters konnte nichts dafür - aber manchen von ihnen werden die bösen verletzenden und zum Teil rassistischen Anwürfe noch lange nachgehen…
So werden Wunden geschlagen.
Es bleiben dünne Stellen und die Frage: können wir das noch?
Einfühlen und Verstehen, von den eigenen Themen und Interessen absehen?
Und das gilt erst recht für wirkliches Unglück und echte Katastrophen!
Können wir das noch: Mitfühlen über den Moment der größten Emotion hinaus?
Mitgefühl ist ja etwas anderes als sich erschauern zu lassen von schlimmen Bildern. Hannah Ahrendt ging so weit zu sagen, dass Empathie – die sich von der bloßen Sympathie für Opfer unterscheidet – politischen Charakter hat. Letzteres erweist sich wohl auch daran, wie ernst gemeint ist, was man vor Schreck verspricht: Ich komme wieder, ich helfe sofort, ich werde es nicht vergessen….
Es macht verletzte Menschen bitter, wenn die Mitleidsprofis vergessen, dass Krisen, Katastrophen und schwere Schicksalsschläge nicht einfach von neuen und anderen Bildern oder Ereignissen überlagert werden, sondern Lebensgeschichten für immer prägen. Sag nicht, dass Du dich meldest, wenn Du es dann nicht tust…
Ehe die schrecklichen Bilder der Flutkatastrophe kamen, lag auf meinem Schreibtisch eine Erinnerung an das Attentat auf der norwegischen Insel Utøya vor zehn Jahren. Damals waren auf einem Jugendcamp 69 Menschen erschossen und viele mehr schwer verletzt worden. Eine Reporterin hat die jungen Überlebenden, die sie damals traf, jetzt wieder besucht. Ihnen allen sieht man die Verletzung an. Manche haben schlimme Narben, sind körperlich versehrt. Andere sehen so durchscheinend aus als würde die Seele noch immer die Luft anhalten.
Ihre Porträts erzählten stellvertretend davon, wie tief sich solche Erlebnisse eingraben – dass es nicht zu begreifen ist, dass zu den Katastrophen, die die Natur uns bereitet auch och die aus Hass und Hartherzigkeit kommen.
„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ sagt der Prophet Hesekiel und meint hoffentlich nicht nur die, denen Wunden in das empfindsame Herz geschlagen werden.








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  Hören sie Mose und die Propheten nicht...

Hören sie Mose und die Propheten nicht...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2021

Vor vier kostbaren Jahren im November 2017 tagte die Klimakonferenz in Bonn. Damals berichtete ein Mann aus Kiribati, einem Kleinstaat im Pazifik - von uns aus gesehen am Ende der Welt: „Wir verlieren unsere Heimat, unsere Bananenplantagen, unser Trinkwasser. Das Grundwasser mischt sich mit dem steigenden Salz des Meeres.“ Ann Dunn aus dem Nachbarstaat Fidschi konnte damals nicht glauben, dass es in Europa Menschen gibt, die den Klimawandel leugnen und ihn als vorgeschobenen Fluchtgrund betrachten. Sie brachte ein Foto des Friedhofs mit, auf dem ihre Großeltern liegen. "Anfang des Jahres starb mein Vater. Er wollte bei seinen Eltern begraben werden. Aber den Friedhof, wo meine Großeltern liegen, gibt es nicht mehr. Da ragen nur noch ein paar Steine aus dem Meer. Das Meer spült meine ganze Identität hinweg. Die Orte, aus denen ich komme, gibt es nicht mehr. Dabei träumen und lachen wir wie alle Menschen. Wir sind nicht nur ein kleiner Punkt auf dem Globus. Wir leben da."
Es gab viele Beispiele mehr…
2020 endlich hatte ein UN-Menschenrechtsausschuss festgestellt, Klimaflüchtlingen dürfe das Recht auf Asyl nicht verweigert werden, wenn ihr Leben in Gefahr sei. Das Bundesinnenministerium ließ daraufhin verlauten: „Wer wegen der Folgen des Klimawandels seine Heimat verlässt, kann nach Auffassung der Bundesregierung in Deutschland weder Asyl noch Flüchtlingsschutz einfordern. Zwischen Klimawandel, Migration und Flucht bestehe zwar ein Zusammenhang, dieser sei aber bislang nur unzureichend untersucht…“
Wir haben uns weiter gegönnt, für Spinner zu halten, wer autofreie Innenstädte plant und die Chimäre gepflegt, hier würden Wohlstand und Sicherheit nicht betroffen sein. Uns geht das beinahe nichts an. Klimakatastrophen betreffen andere Punkte auf dem Globus. Die Abschaffung von Einweggeschirr ist mühsam genug.
Jetzt erlebt Deutschland die schlimmste Katastrophe nach der Hamburger Flut.
Orte versinken im Wasser, reißen Mensch und Tier mit sich…
Im Lukasevangelium wird von Lazarus erzählt, dessen reicher Nachbar die Not des Lazarus nicht sehen, sich davon nicht berühren und stören lassen will. Erst als der Reiche selbst Höllenqualen leidet, ahnt er, dass er umkehren muss und bittet Gott, „dass du ihn - Lazarus - sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.“ Und er hört: „Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“
Aber Jesus Christus ist auferstanden. Über diesem Tag heißt es in den Herrnhuter Losungen: „Die Frauen kamen zum Grab und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war…“
Darum lasst uns endlich umkehren! Was muss denn noch passieren???

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  Wasser

Wasser

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.07.2021

In Ramsgate, Südengland, steht ein kleiner Leuchtturm in der Hafeneinfahrt. Wer näher herankommt, hört eine kleines „Pingen“, Morsezeichen. Der Leuchtturm sendet die Namen von mehr als 2000 Schiffen, die vor dieser Küste gesunken sind – in endloser Wiederkehr.
Es ist ein Kunstprojekt, das Nick de Carlo entworfen hat, dessen Vater Funkoffizier war. Immer wieder hörte der Sohn: „Worse things happen at sea“. Die schlimmsten Sachen passieren auf See.
Die Erfahrungen dahinter sind von der konkreten Gefahr einer Kette von Sandbänken in der Straße von Dover geprägt. Aber man kann sich leicht vorstellen, dass auch andere Namen gemorst werden könnten: die der vielen, vielen ertrunkenen Flüchtlinge auf der Mittelmeerroute, die der Menschen, die durch Tsunamis oder Flutkatastrophen ihr Leben verloren haben.
In dieser Woche kommen viel zu viele deutsche Namen dazu.
Wasser, das wir in den heißen und dürren Sommern der letzten Jahre so sehr vermisst haben, das wir zum Leben brauchen, das uns erquickt und erfrischt, kann sehr gefährlich werden.
Was mag hinter Armin Laschets Stirn vorgegangen sein als er ausgerechnet in Altena, einer Stadt, die ganz wesentlich von der Autoindustrie bzw. de, Zulieferern lebt, stand und sah, dass Existenzen vollkommen zerstört sind durch das, was Claus Kleber im heute Journal so beschrieb: „Dass solche Tiefdruckgebiete häufiger werden, liegt daran, dass die Arktis und die Luft darüber immer wärmer werden … es liegt am Klimawandel. Die Folgen sind spürbar, nicht irgendwann, irgendwo, jetzt und hier.“
Wir werden das zur Kenntnis nehmen müssen und sollten nicht denen glauben, die uns erzählen wollen, dass all das unseren Lebensstil und Wohlstand nicht berühren wird.
Gottes Schöpfung ist gut eingerichtet. „Ströme lebendigen Wasser fließen umsonst“ heißt es in der Offenbarung des Johannes. Und über diesem Tag heute steht aus Psalm 142: „Herr, Du bist eine Zuversicht im Lande der Lebendigen.“ Gott hat uns einen Geist der Kraft und der Besonnenheit gegeben – auf dessen Rat sollten wir trauen und unser Leben verändern.

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  Komm!

Komm!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.07.2021

Wort zum Alltag 15. Juli 2021
Am Fuße des Montmartre in Paris findet sich eine besondere Kirche, die man vielleicht übersehen kann – wegen des Lebens auf dem Bürgersteig – aber einmal wahrgenommen, nicht vergisst: Saint-Jean de Montmartre.
Sie wurde zwischen 1894 und 1904 gebaut und gilt als der erste Sakralbau in Stahlbetonbauweise. Man brauchte auch damals eine kostengünstigere Variante.
Darum verwendete man Hohlblocksteine, durch die Eisenstangen gezogen und anschließend mit Zement vergossen wurden. Von draußen sieht man also Ziegel und im fast schwarz gestrichenen Inneren sehr dünne tragende Wände und Pfeiler; vor allem aber sagenhafte Fenster, die in den verblüffendsten Winkels goldgelbes Licht in die Kirche lassen.
Man ahnt, wenn man die Geschichte dieses berühmten Bezirks der Stadt kennt, welche Nöte in den Gebeten der Menschen den Kirchenraum erfüllt haben mögen. Das wussten wohl auch die, die ihn gestaltet haben.
Schon am Eingang stehen große Engel mit Weihwasserschalen, die auf eine so wohltuende Weise den Besucher empfangen, dass man auch als Protestantin gerne seine Hände hineinlegen würde – es gibt nur keines. Covid…
Für mich am Eindrücklichsten ist ein großes Marienbild, voll im Licht, herrlicher Jugendstil. Zu Füßen der Jungfrau, die fast wie eine Ikone dargestellt ist, sind sie alle: Alte und Junge, ein Brautpaar, Kinder, Verletzte und Sterbende, ein Neugeborenes. Es ist die Fülle des Lebens mit all seinen Hoffnungen und Ängsten. Der Bräutigam trägt Uniform und hält die Hand seiner Liebsten ganz fest…
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ – so heißt es bei Matthäus. Ich erinnere mich an eine meiner Konfirmandenstunden mit diesem Vers. Damals hieß die Frage: welches Wort ist dir darin am wichtigsten oder springt dich an?
Ich weiß nicht mehr, was es damals war. Heute höre ich das „Komm“ am stärksten. Komm! Schafft man das denn immer? Hinkommen? Erst recht dann, wenn man mühselig und beladen ist. Muss Kirche nicht eher zu den menschen gehen, so diskutieren wir doch. Aber auch: ich habe von diesem Kommen in den Pariser Kirchenraum zu diesem Bild lange gezehrt. Es hat mich erquickt.


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  Geworfenheit

Geworfenheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.07.2021

Heute Morgen im „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung: „Von Martin Heidegger gibt es den etwas kälbchenartigen Begriff von der Geworfenheit, der bedeutet, dass uns keiner fragt…“ ob wir geboren werden und leben wollen. Martin Heidegger spricht davon, dass wir da sein müssen. In dieser Formulierung schwingt mit, was denn auch die Streiflichtautoren angesprungen haben mag, dass wir auch in dieser Pandemie von Welle zu Welle geworfen werden und ausgeliefert sind an die „willkürliche, undurchsichtige, unwissbare Natur des Daseins“. So formulierte Martin Heidegger.
Sein Existentialismus war nicht auf Behaglichkeit aus. Wir sterben alle. Er nannte das „Sein zum Tode.“ Als Christen glauben und hoffen wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir in unserem Leben nicht irgendwie willkürlich hin- und hergeworfen werden, sondern dass Gott etwas mit uns vorhat und manchmal wagen wir so viel Vertrauen zu sagen: dass Gott einen guten Plan mit uns hat.
Computer kennen solche menschliche Zögerlichkeit nicht.
Die Rechtschreibkorrektur meines Computers jedenfalls macht aus Geworfenheit eins fix drei „Geborgenheit“.
Aber so leicht ist es nicht.
Unser Leben erzählt auch andere Geschichten. Solche von Unbarmherzigkeit und Ungerechtigkeit, Zweifel, ob da einer gute Wege lenkt. Dieser Tage habe ich einen Menschen begleitet, dessen Frau schwer krank ist und operiert werden muss. Aus eigener Erfahrung kennt er das Gefühl des Ausgeliefertseins, des sich anderen Anvertrauens und sich aus der Hand geben.
Und so sagte er: Mich selbst konnte ich leicht in Gottes Hand geben. Aber bei meiner Frau vermag ich es nicht.
Das kann ich gut verstehen.
Sich in Gottes Hand zu geben heißt ja: sich seinem unerforschlichem Ratschluss anvertrauen und auszuhalten, dass wir nicht wissen, was er mit uns vorhat. Sich in Gottes Hand zu geben, heißt zu vertrauen, dass er mitgeht – auch wenn der Weg schwer wird. Und dann, wenn man das gewagt hat, dann kann man auch vertrauen, dass er – wie es heute in der Tageslosung heißt: „den Elenden gute Botschaft bringen und zerbrochene Herzen verbinden lässt.“

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  Geduld und Gnade

Geduld und Gnade

Jakob Timmermann, Pfarrer - 09.07.2021

Vor einiger Zeit durfte ich einen jungen Menschen taufen. Jung heißt in diesem Fall, er war 13 Jahre alt. Die Eltern hatten die Entscheidung über die Taufe ihrem Sohn überlassen und nun ging es auf die Konfirmation zu, und ja, er wollte es: getauft werden! Und so saßen dann Mutter und Sohn vor mir und ich fragte, welchen Taufspruch er sich denn ausgesucht habe. Ein schüchterner Blick zur Mutter, dann wieder auf den Zettel und dann las er vor: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“
Ich fragte, warum er sich ausgerechnet diesen Spruch ausgesucht habe. „Naja, wegen der Geduld“, sagte er ein bisschen zögerlich. „Ich bin selbst nämlich immer so hibbelig.“ Vom Nachbarplatz aus sah ich seine Mutter nicken. Ich konnte fühlen, wie oft die beiden über dieses Thema diskutiert und gestritten hatten. Es war ihr gemeinsames Thema. „Er kann einfach nicht stillsitzen“, sagte sie. „Kaum kommt er von der Schule, muss er raus, sich bewegen. Sonst dreht er durch. - Und ich übrigens auch.“
Ich merkte, wie sich Widerstand in mir regte. Der Junge war zu hibbelig. Er passte nicht in das System. Nicht in das System Schule, nicht in das System Familie. Der Junge war zu wild, hatte zu viel Energie. Und mittlerweile hatte sein Umfeld es geschafft, dafür zu sorgen, dass er das auch selbst dachte. „Ich bin nicht richtig. Mir fehlt etwas, das alle anderen Menschen haben – nämlich Geduld.“
Wie gut tut das, in diese Situation hinein von einem Gott erzählen zu können, der nicht dauernd herummäkelt. Der nicht sagt: „Du passt nicht dazu! Hier ist man brav und angepasst!“ Denn der Gott, an den ich glaube, der fordert nicht, dass man sich an ein menschliches System anpasst. Gott freut sich über jeden, der versucht, das übliche, menschliche Schema zu durchbrechen. Wenn jemand liebt, wo wir uns längst an den Hass gewöhnt haben. Wo jemand geduldig ist, wenn alle anderen gestresst vorbeilaufen. Wo jemand Energie besitzt, während andere schon auf dem Sofa liegen.
Der Gott, an den ich glaube, freut sich darüber, wenn wir anderen gegenüber geduldiger sind, gnädiger, barmherziger; aber er erwartet nicht, dass sich alle in ein System pressen lassen. Denn vielleicht ist nicht der Junge das Problem, sondern ein ungnädiges System! Gott, aber ist gnädig. Und bei ihm sind alle scheinbaren Schwächen aufgehoben. Er erträgt meine Unvollkommenheit, er erträgt, dass ich schwach bin. Er erträgt, dass ich nicht halten, was ich verspreche. Er trägt, dass ich bin, wie ich bin. Das macht Gott so viel stärker, als uns Menschen.
Ich wünsche mir, dass dem Jungen ausreichend Menschen begegnen, die ihm zeigen, wie toll seine Energie ist. Und sollte das nicht der Fall sein, dann hoffe ich auf Gott, der barmherziger ist, und gnädiger, geduldiger und von viel größerer Güte als wir Menschen es je sein können.

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  Kinderkram

Kinderkram

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.07.2021

Man kann nicht wissen, wo man hingeht, wenn man nicht weiß, wo man herkommt! Ich kann Ihnen nicht sagen, von wem dieser Satz stammt, aber es steckt viel Wahrheit drin. Wir Menschen brauchen Erinnerungen, Erfahrungen und Traditionen. Und damit diese nicht verlorengehen und der Vergessenheit anheimfallen, gibt es Gedenk- und Jahrestage. Manche davon sind religiös motiviert, andere sehr persönlich. Es gibt ernste und fröhliche, wichtige und weniger bedeutende und heute ist auch so einer, den Sie bitte selbst einordnen mögen: Heute ist der „Sei-noch-mal-ein-Kind-Tag“.
Ich finde, dass wir das durchaus ernst nehmen können, denn Kinder sind uns Erwachsenen in einer Reihe von Punkten deutlich im Vorteil. Kinder sind zum Beispiel unglaublich kreativ und spontan. Sie sprudeln geradezu über, wenn es darum geht, neue Spiele zu erfinden, aus ein paar Kleinigkeiten etwas zu basteln oder sich Geschichten auszudenken. Uns Erwachsenen wurde das im Laufe des Lebens leider wieder abtrainiert, weil es in Schule und Beruf nicht so nachgefragt, wenn nicht sogar als störend empfunden wurde. Bei mir als Banker in der Kreditabteilung waren Kreativität und Spontanität durchaus verzichtbar, und man konnte trotzdem einen guten Job machen.
Ein weiteres Beispiel: Kinder sind ungefiltert emotional. Sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Ob Trauer, Wut oder Freude, all das darf raus, darf sichtbar und erlebbar werden in herzhaftem Lachen, wüstem Geschrei oder bitteren Tränen. Auch hier haben wir „Großen“ so manches verlernt, weil es, wie man uns gelehrt hat, peinlich ist, sich nicht gehört oder es niemanden etwas angeht. Und so werden unsere Gefühle schon einmal unter der Decke gehalten und verdrängt. Dass uns das nicht guttut, ist kein Geheimnis. Angst, Trauer und Wut holen uns irgendwann wieder ein.
Der „Sei-noch-mal-ein-Kind-Tag“ ist eine Einladung, mehr von dem zurückzuholen und zuzulassen, was uns über die Jahre abhandengekommen ist. Einfach mal von Herzen rumzublödeln, wenn uns danach ist, den Tränen freien Lauf zu lassen, wenn wir traurig sind und mal was Neues auszuprobieren, wenn wir einen Gedankenblitz haben, ohne vorher stundenlang zu überlegen, ob wir damit gegen irgendwelche gesellschaftlichen Konventionen verstoßen. Solange wir niemandem damit schaden, dürfen wir uns ruhig mal trauen, finde ich.
„Ihr müsst euch ändern und wie die Kinder werden. Nur so könnt ihr ins Himmelreich kommen“, sagt uns Jesus Christus. Unbefangen, treuherzig und unverstellt sollen wir ihm gegenüber sein. Wir sollen anerkennen, dass sein Friede größer ist als all unsere menschliche Vernunft und wir sollen und dürfen glauben, dass er uns liebt und annimmt, einfach, weil wir Menschen, einfach, weil wir Gotteskinder sind.
Mit dieser Haltung kommt man nach meiner Überzeugung im Übrigen nicht nur am Sei-noch-mal-ein-Kind-Tag gut durch Leben, sondern an jedem Tag, den Gott werden lässt. Und wenn wir uns dann noch gestatten, auch anderweitig immer mal wieder etwas mehr kindlich zu fühlen, zu denken und zu sein, dann macht es sicher gleich doppelt so viel Freude. Amen.

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  Ein meisterlicher Rat

Ein meisterlicher Rat

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.07.2021

Am vergangenen Sonntag haben wir das Evangelium vom Fischzug des Petrus gehört. Er und seine Fischerkollegen haben die ganze Nacht erfolglos gefischt und wollen müde und enttäuscht Feierabend machen, als ihnen Jesus begegnet. Der ermuntert Petrus, noch einmal hinaus auf den See zu fahren und die Netze auszuwerfen, dort, wo das Wasser besonders tief ist. Begeisterungsstürme löst das beim müden Petrus nicht aus. Er will nach Hause und im tiefen Wasser zu fischen, macht ohnehin keinen Sinn, denn die Fische sind im flachen Wasser, weil es dort wärmer ist und sie dort mehr Nahrung finden. Doch Petrus sagt: „Meister, auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Und siehe da: Die Männer fangen Fische ohne Ende, so viele, dass die Netze fast reißen und die Boote unter der Last beinahe untergehen.
„Meister, auf dein Wort hin“, so beginnt Petrus‘ Antwort. Was hier durchklingt, ist Vertrauen. Er kennt Jesus bis dahin kaum. Vielleicht hat er von ihm schon einmal gehört, aber es ist das erste persönliche Zusammentreffen der beiden. Und dennoch folgt Petrus der auf den ersten Blick vollkommen widersinnigen Aufforderung, noch einmal hinauszufahren, nach all den vergeblichen Versuchen der vergangenen Nacht und dann auch noch dort zu fischen, wo man ohnehin kaum Chancen hat, etwas zu fangen.
Wie sieht es eigentlich mit uns so aus, mit Ihnen und mit mir? Wie hätten wir uns verhalten, wenn uns fremder Wanderprediger hätte erzählen wollen, wie das Leben geht, bzw. das Fischen, uns, die wir ja schließlich Experten auf diesem Gebiet sind? Offen gesagt, ich weiß nicht, ob ich nochmal losgefahren wäre.
Petrus hat es gemacht und das, obwohl er Jesus nicht kannte. Wir wissen heute, wer sein Ratgeber war. Und wir wissen, dass er gut daran getan hat, Jesu Aufforderung Folge zu leisten, denn die Netze und die Boote waren übervoll. Und je länger ich darüber nachdenke, desto lauter wird die Frage in mir: Woher nehme ich, woher nehmen wir Menschen eigentlich die Überheblichkeit, schlauer sein zu wollen, als Gott? Ich glaube schon, dass es in vielen Lebenssituationen klärend sein kann, zu fragen, wie sich wohl Jesus verhalten hätte und welches Beispiel er uns gegeben hat.
Klar, wir haben unseren freien Willen. Er ist ein Gottesgeschenk, genauso, wie unser Glaube und unser Gottvertrauen auch. Doch ein Freifahrtschein für Arroganz ist das allemal nicht. Jesus verheißt uns volle Netze oder anders gesagt: ein erfülltes Leben, wenn wir auf ihn und sein Wort hören. Das erfordert schon einen gewissen Mut, denn wir werden dabei neue Wege beschreiten, die wir allein und aus eigenem Antrieb wahrscheinlich nicht gegangen wären. Aber Petrus bestärkt uns, indem er Jesus folgt – gegen alle Vernunft, gegen alle Erfahrungen und gegen alle Müdigkeit.
Wir könnten uns doch darauf einlassen und zumindest öfter mal fragen: Was würde Jesus uns jetzt wohl vorschlagen? Und um mal den Eröffnungssatz der NDR-Comedy-Serie „Radio Stenkelfeld“ zu zitieren: „Da werden Sie nicht dümmer von!“ Und ich auch nicht. Amen.

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  In ihm leben und weben und sind wir!

In ihm leben und weben und sind wir!

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.07.2021

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ So lautet das Bibelwort für den Monat Juli. Paulus hat es zu den Athenern gesagt, als er ihre Stadt besuchte und zu ihnen predigte. Zuvor, so berichtet uns Lukas in der Apostelgeschichte, war Paulus durch die Stadt gegangen und hatte viele Tempel und Altäre für alle möglichen griechischen Götter gesehen und auch einen Altar mit der Inschrift: „Dem unbekannten Gott“.
Können Sie sich vorstellen, warum die alten Griechen einen solchen Altar aufgebaut hatten? Vielleicht wollten sie auf Nummer sicher gehen. Es wäre ja schon übel, wenn man sich mit den vielen Altären alle erdenkliche Mühe gegeben hätte, um die Götter milde zu stimmen und dann vergisst man aber trotzdem einen und der macht dann den Menschen aus seiner Verärgerung heraus so richtig Stress. Dann doch lieber einen Altar mehr bauen und dafür auf der sicheren Seite sein, oder?
Vielleicht will man aber auch einfach Toleranz demonstrieren und anderen Menschen, die nun nicht an die griechische Götterwelt glauben, einen spirituellen Platz in der Stadt freilassen. Paulus sagt: „Ihr Athener habt mit dem Altar für den unbekannten Gott genau das Richtige getan. Denn ihr habt, ohne es zu wissen, diesen Altar dem tatsächlichen Gott gewidmet, dem Gott, von dem alles kommt und zu dem alles geht. Und dieser Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns.“ Oder positiv gesagt: Er ist uns allen nahe. Und mehr noch: Er bietet allen den Glauben an ihn an. Und um zu bekräftigen, wie wichtig ihm das ist, hat er seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt gesandt und ihn von den Toten auferweckt.
Das wird den einen oder anderen Griechen überrascht haben, denn so freundlich und einladend waren deren Götter nicht. Die wollten schon durch Opfergaben bei Laune gehalten werden. Dieser neue Gott, von dem Paulus ihnen berichtete, war nun aber so ganz anders.
Ja, unser Gott ist so ganz anders. Er ist in der Tat ein freundlicher Gott, der es gut mit uns meint, auch ohne, dass wir ihm an jeder Ecke einen Altar bauen, ständig Opfergaben darbringen und uns von einer frommen Höchstleistung zur nächsten hangeln. Unser Gott ist der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit, der uns annimmt, einfach, weil wir sind.
Und er ist für uns da, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche, denn in ihm leben und weben und sind wir, wie es Paulus den Athenern schon gesagt hat. Diese Gewissheit ist für meinen Glauben existenziell: Egal, was mir passiert, egal, was ich erlebe – an Schönem und Schwerem, an Freudigem und Leidvollem, an Erfolgen und an Momenten des Scheiterns: Gott ist an meiner und an Ihrer und an Eurer Seite als Stütze, als Freund, als guter Wegbegleiter, damals in Athen genauso wie heute hier in Braunschweig. Gott sei Dank! Amen.

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  Komm in unsre stolze Welt

Komm in unsre stolze Welt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.07.2021

„Komm in unsre stolze Welt“ – so klang es eben durch den Dom. Es ist eines der jüngeren Lieder im Gesangbuch und merkwürdigerweise wurde es unter „Erhaltung der Schöpfung“ sortiert. Dabei ist es eher ein Bittlied für unsere Welt und Gesellschaft. Es geht Geiz und Unverstand, arm und reich, Hass und Feindschaft einerseits. Und auch um Leichtigkeit, letzte und vorletzte Dinge, Nacht und Tag. Und um Barmherzigkeit!
Komm! So beginnt jede Strophe.
Komm, Gott in unsere Stolze Welt und unser reiches Land!
Komm in unserer laute Stadt und unser festes Haus.
Komm in unser dunkles Herz…
Es ist ein wortgewaltiges Lied und man ahnt, dass der Autor des Textes Mächte und Gewalten hat toben sehen....
Der Text stammt von Hans Graf von Lehndorff, geboren 1910 in der Nähe von Torgau. Er arbeitete während des Krieges als Assistenzarzt am Kreiskrankenhaus in Insterburg / Ostpreußen und später im Lazarett in Königsberg. Dort hat er den Weg in die Bekennende Kirchen und in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus gefunden.
Er war einer, so klingt es, der sich jeden einzelnen Tag von den Herrnhuter Losungen leiten ließ.
Als Königsberg 1945 von der Roten Armee eingenommen wurde, blieb er und erlebte massenhaftes Sterben, Gewalt, Hunger Seuchen. Die Erfahrungen dieser Zeit mit ihrem entsetzlichen Leid müssen so schwer gewesen sein, dass er sagte: „Ich bin so ausgelöscht, dass ich nicht einmal mehr beten kann“.
Erst im Herbst 1945 schlug er sich nach Westen durch, vorbei an zahllosen Gräbern, auch denen seiner Verwandten, dem Massengrab, in dem seine Mutter und sein Bruder lagen…
Wenn Menschen sich solche Gräuel antun, dann sind sie ohne Gott, sagte er.
Was soll man dann anders beten als: „Komm in unsre stolze Welt!“
Wann er diese Worte und damit auch seine Gebetsspache wiederfand, wir wissen es nicht. Jedenfalls schloss er mit diesem Gedicht 1968 einen Vortrag in Bonn über den Sinn der „Barmherzigkeit in der modernen Welt" ab. Vierzehn Jahre später kreist bei einem Kirchenmusikertreffen in der damaligen DDR eine Mappe mit Texten. Sie enthielt auch Graf Lehndorffs Verse. Manfred Schlenker, damals Domkantor in Greifswald, war sofort davon angerührt und nahm es an sich. So wurde aus dem Gedicht ein Lied, das lange fortwirkt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt.

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  Endlich wieder Kino

Endlich wieder Kino

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.07.2021

Endlich wieder Kino und man merkt, was einem gefehlt hat. Etwas genau im selben Moment erleben, darüber reden, der Beliebigkeit des Überangebots ausweichen, sich auf das einlassen, was es gerade gibt: diesen einen Film.
„Ich bin dein Mensch“ – eine romantische Komödie.
Alma, eine Expertin für Altorientalistik, beteiligt sich als Versuchsperson für einen Testlauf, der klären soll, ob humanoide Roboter so menschentauglich sind, das man sie zum Beispiel auf dem Standesamt zulassen könnte.
Was schräg klingt und ausgezeichnet gespielt ist, erweist sich als weises Lehrstück darüber, wie begrenzt Vorstellungskraft ist und welche Entscheidungen uns der rasende technische Fortschritt abverlangt.
Der Roboter Tom ist jedenfalls 100% - auf Alma hin konfiguriert. Er weiß, wie ihr idealer Partner sein müsste und lernt blitzschnell, mit ihren emotionalen und irrationalen Reaktionen umgehen. Zudem ist er auch äußerlich durchaus vorzeigbar.
Mithin: Tom ist eine durchaus denkbare Alternative für einsame Menschen, die den richtigen Lebensgefährten einfach nicht finden können – er müsste denn noch geboren oder eben in einer Fabrik entwickelt werden.
Alma ist Probandin, nicht Kundin. Eine kluge dazu. Sie hält also innere Distanz, reflektiert nüchtern und ist mehr genervt als erfreut – aber: der aufmerksame harmoniebereite und liebenswürdige Maschinenmann weckt Sehnsüchte, erinnert schmerzhafte Leerstellen im eigenen Leben. Dann also vielleicht doch: Zusammenleben von Mensch und Maschine? Liebe sogar?
Alma wehrt sich und erklärt dem Robotermann:
„Ich glaube nicht an Gott. Ich bin Atheistin und wenn ich mit einem Flugzeug abstürzen sollte, so habe ich mir geschworen, nicht aus Panik anzufangen zu beten.“ „Und deshalb“ antwortet Tom, der Maschinenmann, „wirst du dich auch nicht in eine Maschine verlieben und dir eine Beziehung vorstellen, selbst wenn es noch so gut läuft.“
Nein, wird Alma nicht. Und ehe sie völlig verwirrt ist, bricht sie lieber den Versuch ab.
Letzte Einstellung. Alma liegt mit geschlossenen Augen auf einer Tischtennisplatte an einem Kindheitsort. Tom hat sie dort erwartet. Als guter Roboter wusste er, dass sie dorthin kommen würde. Und jetzt? Wartet sie darauf, dass er sie küsst? Oder, dass ein Gebet in ihrem Herzen aufsteigt?
Es bleibt offen.
„Was ist der Mensch?“ Und was ist unverwechselbar menschlich? So fragt der Film. Und Psalm acht antwortet:
„Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan…“
Die Maschine ist vollkommen. Aber der Mensch einzig.

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  Afghanistan

Afghanistan

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.07.2021

Die letzten Mitglieder der Bundeswehr sind in dieser Woche aus Afghanistan nach Hause gekommen. Ein Kriegseinsatz geht zu Ende, der 20 Jahre lang gedauert hat, Menschenleben und wahnsinnig viel Geld kostete. Ob sich das gelohnt hat? Darüber werden Experten diskutieren und Doktorarbeiten geschrieben werden und sicher gibt es unzählige sehr persönliche Perspektiven, so wie es Wunden, Narben, Trauer und Traumata gibt, die aus dieser Zeit herrühren – und auch Geschichten von Freiheit und Selbstwerdung.
So alt wie der Einsatz ist auch Siba Shakibs Buch: „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen.“ Schon dieser Titel spricht von ungeheurer Verlassenheit, damals - weil die exemplarische Lebensgeschichte der Protagonistin Shirin Gol so traurig ist. Gott ist da, um mit zu weinen. Mehr vermag er nicht. Und auch heute wird man den Eindruck nicht los, als würden Menschen zurückgelassen, weil man sich die Zähne ausgebissen hat. Ist das alles nur noch zum Weinen? Die Frage geht mit, wofür ausgebildet, beraten, gekämpft und gestorben worden ist, wenn es nun heißt, die Ziele seien ohnehin unrealistisch gewesen.
Vielleicht erinnern Sie sich ja an den Aufschrei, als Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche 2010 sagte: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Fast zehn Jahre lang war man schon dort…
Es war eine Predigt zur Jahreslosung: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Es war eine Pedigt, die den Schrecken nicht verschwieg und trotzdem der Hoffnung das Wort redete. Die gibt es ja: heute gibt es junge Frauen in Afghanistan, die studieren können - sie werden hoffentlich auch mit daran tun können, Recht zu sprechen, Gesetze zu schreiben und darüber zu berichten.
Sie alle sind Schwestern von Shirin Gol, die als neuntes von elf Kindern auf einem Bauernhof aufwächst und selbst sechs Kinder bekommt. Wer die Schritt ihres Lebens mitgeht ahnt: „… das Schlimmste ist nicht die Schande, die den Frauen bereitet wird, das Schlimmste ist der permanente Aufbruch, die stete Hoffnung, die Lage möge sich zum Besseren wenden, die doch immer wieder zerstört wird.“ Irgendwann, so erzählt der Roman, bricht Shirin Gols Mann Morad zusammen: „Weint, weint, weint.(...) macht sich Vorwürfe, kann es nicht aushalten, mit ansehen zu müssen, wie armselig das Leben ist, das er seiner Frau und seinen Kindern bietet, nach all den Jahren, die er sie hin und her geschleppt hat, vom Süden in den Norden, von Pakistan in die Berge, von der Heimat in den Iran und zurück und all das, nur um an Ende wieder auf Gottes nackter Erde zu schlafen, dafür, dass seine Kinder seit Tagen kein frisches Wasser getrunken und kein warmes Essen bekommen haben.“
Und nun? Ist es jetzt wieder soweit? Es war mutig von diesem Land zu erzählen und zu hören: „Euer Herz erschrecke nicht“ - aber vielleicht auch das einzig Mögliche…


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  Sind wir Nummern?

Sind wir Nummern?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.06.2021

Johanna Haberer, Theologin, Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung, hat einen „spirituellen Ratgeber für das Netz geschrieben.“
Ganz analog zur Vergewisserungsfrage im 5. Buch Mose: „Wenn dein Kind dich morgen fragt, dann antworte: …Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand…“ schreibt sie: „Was sagst Du, wenn Dich Deine Kinder und Enkel fragen: Warum hast du nichts getan gegen die Vermessung der Menschen und die Monetarisierung seiner Daten? Warum hast Du nichts gesagt, als Menschen zu Nummern wurden? Warum hast du nichts getan, als die Menschen zum Produkt und Objekt der digitalen Erzieher wurden…?“
An diese Frage – das Buch liegt nun schon seit zwei Jahren auf meinem Tisch und ich habe noch nichts gesagt und getan – habe ich mich erinnert, als ich gestern wieder einmal einen Artikel über die digitale Überwachung chinesischer Schulkinder gelesen habe.
Es mag fern klingen, wenn Kinder dort ganztags überwacht werden und all ihre Daten, was sie essen, wieviel sie sich bewegen, wie stark sie schwitzen oder der Puls beschleunigt wird, ans Gesundheitsministerium gehen und dafür sorgen, dass entsprechende Ernährungspläne nach Haus geschickt werden. Chips im Trikot verhindern, dass man beim Laufen die Spur wechselt oder beim Seilspringen aufrundet.
Menschliche Fehler sollen minimiert werden, wo es nur geht. Es zählt Leistung. Nur Leistung.
Aber die Rede ist von Kindern und man ahnt, dass ihnen beizeiten vergehen wird, zu fragen warum sich mit ihren Namen nicht Individualität, liebenswerte Schwächen und Stärken verbinden, Geschichten über Gelingen und Scheitern, Witz, Humor, pfiffige Ausreden, geniales Improvisieren – sondern Daten. Es scheint, als wollte man mit je klügerer künstlicher Intelligenz die Unnachahmlichkeit der Natur korrigieren, die aus unzähligen Varianten von Kindern eines Elternpaares ausgerechnet dich und mich hat werden lassen.
Dabei ist das sicherlich nur die Spitze eines Eisberges, der auch hier schiebt – denn auch hier kontrollieren Eltern per App, wo ihre Kinder sind oder knacken Uniserver, um Creditpoints zu checken…
Ja, es ist eine neue Zeit und wir werden uns vielem nicht entziehen können. Aber noch immer gilt, wie es über diesem Jahr aus dem Lukasevangelium steht: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Denn niemand ist perfekt und muss es auch nicht sein.

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  Reden hilft!

Reden hilft!

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.06.2021

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag Geschichten mit Happyend. Ein schönes Buch oder ein packender Film – wenn am Ende alle Beteiligten glücklich und zufrieden sind, finde ich das erfüllender, als wenn es Sieger und Besiegte gibt. Ja, ich weiß, das Leben ist oft anders, aber eben zum Glück nicht immer.
Auch die Bibel kennt Geschichten mit tragischem und mit glücklichem Ausgang. Die wohl längste überhaupt ist die von Josef und seinen Brüdern aus dem ersten Buch Mose. Sie zieht sich über 13 Kapitel hin und beschreibt das Auf und Ab des Lebens aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und welche Rolle Gott bei all dem spielen kann.
Eine ganz kurze Zusammenfassung: Josef ist der Lieblingssohn seines Vaters und lässt dies seine Brüder bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren. Überdies wird er von seinem Vater sehr verhätschelt. Das bringt seine Brüder gegen ihn auf. Sie täuschen seinen Tod vor und lassen ihn nach Ägypten verschleppen. Der Vater kommt über den vermeintlichen Tod des Lieblingssohnes zeitlebens nicht hinweg. Viele Jahre später geraten Josefs Brüder in existenzielle Not. Als der Vater stirbt, brechen sie nach Ägypten zu ihrem Bruder auf, der dort inzwischen als Berater des Pharaos zu großer Macht und Reichtum gekommen ist. Seine Brüder flehen ihn um Vergebung und Hilfe an. Josef hätte alle Möglichkeiten, sich an ihnen zu rächen, doch genau das tut er nicht, sondern er sagt: „Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa Gott? Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet.“
Josef sieht in dem, was passiert ist, einen göttlichen Plan. Auslöser für die Versöhnung der Brüder war aber zunächst einmal ein Gespräch. Beide Seiten hatten im Laufe der Jahre Schuld auf sich geladen, doch all das spielt keine Rolle mehr. Man blickt gemeinsam nach vorne in eine für alle gute Zukunft.
Szenenwechsel: Letzte Woche saßen bis in den frühen Morgen die Regierungschefs der EU zusammen und haben über den weiteren Umgang mit Russlands Putin-Regierung verhandelt. Ein Lager wollte ein Gipfeltreffen mit Putin, ein anderes Lager wollte das nicht und letzteres hat sich dann durchgesetzt. Die Beziehungen zwischen Europa und seinem von Putin autokratisch regierten Nachbarn Russland sind schwierig. Doch das waren sie zwischen Josef und seinen Brüdern auch. Und sie wären es geblieben, wenn nicht eine Seite das Gespräch gesucht hätte. Ja, Josef sieht in all dem Gottes Handschrift, doch wenn wir Menschen nicht nach seinem Willen und somit für ihn handeln, dann wird es schwierig mit der Umsetzung seiner Pläne.
Sprechenden Menschen kann geholfen werden, so sagt man, und ich bin davon überzeugt, dass das auch in der Politik gilt. Um zwischenmenschliche und auch zwischenstaatliche Probleme zu lösen, muss man über sie reden, sonst wird das nichts.
Die Josefsgeschichte endet übrigens so: Und Josef sprach: „Deshalb fürchtet euch nicht! Ich werde für euch und für eure Kinder sorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ Na, geht doch! Amen.

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  Zuerst die Schreibfeder

Zuerst die Schreibfeder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.06.2021

Vor einer Woche war ich tatsächlich mal wieder im Museum, genauer: Im „Museum Fünf Kontinente“ in München. Es wurde 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen „Königlich Ethnographische Sammlung“ gegründet. Seit 1917 hieß es Museum für Völkerkunde und nun also „Fünf Kontinente“. Es ist eine beeindruckende Sammlung von Gebrauchsgegenständen, Kleidung, Schmuckstücken und Werkzeugen, Kunst. In manchen Momenten gelingt ein intensiver Eindruck fremder Welt. Sorgsam werden die Betrachter, vor allem weiße, dazwischen daran erinnert, mit welch übrgriffigem Hochmut gegenüber anderen Kulturen solche Ausstellungen zusammengetragen worden sind.
Tief anrührend ein Foto, dass drei weiße Frauen zeigt, die dunkelhäutige Babys in die Luft halten – nicht zärtlich, eher wie Trophäen. Die Mütter, früher nannte man sie Eingeborene oder gar Wilde, stehen daneben. Betroffen. Finster. Diese Mahnung schärft den Blick und so findet man erst recht Großartiges. Unter anderem einen bemalten und lackierten Federkasten aus Kaschmir.
Dazu der Hinweis: „nach einer Überlieferung der Propheten heißt es, dass Gott zuerst die Schreibfeder erschaffen habe, … um alle Ereignisse bis zum Ende der Zeiten aufzuschreiben.“
Das gefällt mir. Ich bin eine Freundin der Kalligraphie und bewundere die Kunst alter Handschriften – egal ob sie aus Japan, dem Orient oder einem deutschen Kloster stammen. Denn jeder Strich – das sieht man in unserem Evangeliar - erzählt von diesem so besonderen Handwerk.
Und mir gefällt der Gedanke dahinter: es lohnt aufzuschreiben, was geschieht, Worte zu bewahren und weiterzugeben. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist so lang und wundersam, dass es schade wäre um jedes einzelne Wort, das verlorengeht, erst recht um jedes, das man im Moment nicht versteht.
Und auch: in einer Zeit, in der wir unendliche viele Belanglosigkeiten einfach mal schnell in die Gegend posten, irgendwelche Clouds zahllose unwichtige Wörter bewahren, die wir schnell getippt aber kaum durchdacht haben, ist die Erinnerung an die langsame meditative Schreibweise, die Verzierung der Buschstaben und Blätter auch eine Erinnerung daran, wie kostbar Wörter sein können.
Das Johannesevangelium beginnt mit den Worten:
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort…“ und dann folgt, wie dieses Wort lebendig wird unter uns. Gut, dass das Schreibzeug schon da war.

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  Confessio Augustana

Confessio Augustana

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.06.2021

Am kommenden Sonntag werden hier im Dom drei junge Kolleg*innen ordiniert. In diesem festlichen Gottesdienst wird man gefragt, ob man das Pfarramt übernehmen will. Es ist ein Versprechen nach bestem Wissen und Gewissen – so ähnlich auf Zukunft und vor allem Gottes Hilfe hin gebaut wie bei einer Trauung. Ich fand es schwer…
Laut Agende heißt es dann: „Du wirst berufen, das Evangelium von Christus zu predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist.“
Mit Letzterem ist die „Confessio Augustana“, das Augsburger Bekenntnis gemeint. Mit diesem Text legten die lutherischen Reichsstände am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg vor Kaiser Karl V. ihr Bekenntnis ab. Die 28 Artikel führen die Grundlage christlichen Lebens und theologischer Lehre der Wittenberger Reformatoren präzise aus und grenzen sich von anderen protestantischen Konfessionen ab. Taufe und Abendmahl, Beichte und Predigtamt, weltliche Ordnung, freier Wille und Ursache der Sünde – kaum vorstellbar, dass uns heute noch ein so konzentrierter Text gelingen würde.
Weil das Augsburger Bekenntnis schließlich für uns alle, die wir Mitglieder einer lutherischen Kirche sind, maßgeblich ist, steht es auch im Gesangbuch (Nr 808). Im 15. Artikel heißt man beispielsweise: „Von Kirchenordnungen, die von Menschen gemacht sind, lehrt man bei uns, diejenigen einzuhalten … die dem Frieden und der guten Ordnung der Kirche dienen … doch werden dabei die Menschen unterrichtet, dass man die Gewissen nicht damit beschweren soll, als seien solche Dinge notwendig zur Seligkeit.“
Das lohnt sich zu Herzen zu nehmen, wenn man an der äußeren Gestalt unserer Institution verzweifeln und verzagen will. Das lohnt erst recht, weil es in all dem doch darum geht, dass wir zu einer Hoffnung berufen sind – Artikel 7.
Heute nun ist der Gedenktag des Augsburger Bekenntnisses, der mancherorts mit einem Gottesdienst begangen wird. Und in den biblischen Texten dazu heißt es bei Esra: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke.“
Hoffentlich erleben das auch unsere jungen Kolleg*innen zuerst und vor allem.






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  Johannistag

Johannistag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.06.2021

24. Juni. Ende der Spargelsaison und womöglich Anfang der Johannisbeerernte - jedenfalls aber Tag Johannes des Täufers, der ein Wegbereiter war, ein Pionier. Einer, der vorangehen musste, ehe es alle wussten, der Dinge zu sagen hatte, die noch nicht mehrheitsfähig waren. Einer, der sich konzentrierte und absonderte, der sich eigenwillig kleidete, der von Anfang nicht wie alle anderen war.
Der Evangelist Lukas erzählt, dass seine Eltern Elisabeth und Zacharias hochbetagt und kinderlos waren, als der Engel Gabriel ihnen die Geburt ankündigte. Zacharias zweifelte und wird deshalb mit Stummheit geschlagen. Er kann nun nicht mehr laut zweifeln oder sich verhalten zu dem, was passiert. Er kann die Mutmaßungen der Leute nicht kommentieren und auch seiner Frau nicht gut zureden. Er ist eingekapselt in und mit sich selbst.
So etwas Ähnliches haben wir auch gerade durch. Seelische Verstopfung. Wir konnten zwar reden aber uns nicht umarmen, miteinander lachen und weinen, singen und feiern. Für die meisten von uns war es wohl eher eine Dürrezeit. Für Zacharias wird das eine Zeit sein, in der er sich einfinden kann in das was kommt - ein neue Leben, eine neue Rolle.
Und dann erzählt Lukas:
„Für Elisabet kam die Zeit der Geburt und sie brachte einen Sohn zur Welt und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr ihr so große Barmherzigkeit erwiesen hatte. Sie freuten sich mit ihr … und wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
Aber Elisabeth widersprach: Nein, er soll Johannes - Gott ist gnädig - heißen! Sie hielten ihr entgegen: Es gibt niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt. Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen: Wie soll er heißen? und der verlangte ein Holztäfelchen und schrieb: Er heißt Johannes. Darüber wunderten sich alle. Im selben Augenblick konnte Zacharias wieder sprechen und er redete und lobte Gott ... und alle die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was soll aus diesem Kindchen werden?“
Auch wir sind solche, die davon hören. Heute. Jetzt.
Und wir hören: es geht nicht einfach weiter, bleibt wie es ist. Der Junge heißt nicht selbstverständlich nach dem Vater; er tritt nicht in alten Spuren. Mit ihm beginnt etwas Neues. „Was krumm ist, soll gerade werden und Unebenes eben.“ Nun werden die Dinge zurechtgerückt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Der alte Zacharias spürt das und das löst ihm die Zunge. Endlich wieder befreit singen. Das tut er – von ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Er sorgt sich nicht, Gott ist seinem Kind gnädig.
Seine Menschengeschwister sorgen sich sehr wohl. Was soll werden? fragen sie und die unmittelbare Realität scheint ihnen Recht zu geben. Johannes geht einen schweren Weg. Aber! Mit ihm „bekehren sich die Herzen der Väter zu ihren Kindern.“, wendet sich der Blick - nicht zurück sondern nach vorn. Das Land ist hell und weit.

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  aktiv statt neutral

aktiv statt neutral

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.06.2021

Gestern jährte sich der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die ehemalige Sowjetunion. Er war verbunden mit Millionen Toten auf beiden Seiten, vor allem aber auch unter der Zivilbevölkerung. Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen, Aushungern – ich will es nicht ausmalen. Später kam das Leid zurück. Und auch hier: Vergewaltigungen, Vertreibung, Lynchjustiz…
Viele haben Hitler gewollt und auch diesen Krieg.
Einige haben sich gewehrt. Manche haben gehofft, sich raushalten zu können. Aber auch Schweigen ist politisch.
In der DDR-Schule lasen wir das Drama „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf. Der Schriftsteller und Arzt ist vermutlich vor allem durch seine „Weihnachtsgans Auguste“ und die beiden je auf ihre Weise berühmten Söhne Markus und Konrad Wolf im Bewusstsein geblieben. Das Schauspiel um den jüdischen Arzt, der glaubt, wenn er in seiner Klinik politische Diskussionen verbietet, in Ruhe sein Zeug machen zu können, ist jedenfalls ein nachhaltiges Lehrstück über vermeintliche politische Neutralität.
Gestern kam ein weiteres hinzu.
Die UEFA meinte, es wäre politisch neutral, die Münchner Allianz Arena nicht in Regenbogenfarben leuchten zu lassen. Man kann darüber streiten, ob der Ausdruck menschlicher, menschenwürdiger Haltung mit Statuten kanalisiert oder instrumentalisiert werden kann. Mit Neutralität hat solche Verweigerung jedenfalls nichts zu tun. Das merkt man an der Zufriedenheit derer, die durch diese Entscheidung geschützt worden sind und an der Empörung aller anderen, die das Thema nun – meiner Meinung nach glücklicherweise – erst recht groß machen.
„Suchet den Frieden und jaget ihm nach“ – so hieß die Jahreslosung aus dem 34. Psalm irgendwann vor Corona. Sie ist aktuell wie eh und je, denn sie erinnert uns daran, dass es aktiver Haltung bedarf, damit es auf dieser Welt friedlich zugeht. Ohne aktive Unterstützung und ohne das Bekenntnis Einzelner können Menschenrechte nicht geschützt werden. Im Gegenteil. Es heißt ja nicht: „Suchet den Frieden und schlendert ihm nach“ Sollte nun, so klang es heute Morgen, Victor Orban tatsächlich nicht zum Spiel nach München kommen, kann jeder begreifen, wie politisch es ist, etwas nicht zu tun.

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  22. Juni 1941

22. Juni 1941

Henning Böger, Pfarrer - 22.06.2021

Ein schlimmer Tag war das, erinnern sich die inzwischen hochbetagten Zeitzeugen. Sie blicken auf den 22. Juni 1941 zurück, heute vor achtzig Jahren. Da begann unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Mit rund 3,3 Millionen Soldaten griff die deutsche Wehrmacht zwischen Ostsee und Schwarzem Meer auf breiter Front an.
Manche meinten damals am Morgen, sie hörten vielleicht nicht richtig am Weltempfänger: Russland? Da gab es doch schon über längere Zeit einen sogenannten Nichtangriffspakt! Als hätte Adolf Hitler das interessiert. Den Pakt gab es nur, damit die deutsche Wehrmacht 1939 unbehelligt in Polen einmarschieren konnte. Als der Pakt ihm nichts mehr nützte, erteilte Hitler den Befehl zum Überfall auf die Sowjetunion, für den es auch von kirchlicher Seite viel Zustimmung gab. Weihnachten 1941 wollten sie gewonnen haben und nach Hause zurückkehren. Vier Jahre später war alles verloren. Allein in Russland gab es über 25 Millionen tote Soldaten und Zivilisten. Fünf Millionen deutsche Soldaten verloren das Leben.
Ein schlimmer Tag, der 22. Juni 1941. Heute wissen und bekennen wir: Der Überfall auf die Sowjetunion war ein schweres Verbrechen, das sich bitter rächte. Deutschland wurde zum Trümmerland. Und warum das alles? Aus ideologischem Größenwahn, aus „Deutschland über allem!“ Man kann fremde Menschen kaum mehr verachten als die Nationalsozialisten und ihr sogenanntes Drittes Reich dies taten. Es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder ins Bewusstsein rufen, meine ich.
Alles Unglück in der Welt beginnt mit einem verächtlichen Blick. Den Blicken folgen dann oft verächtliche Worte und irgendwann, wenn man nicht gut aufpasst, die bösen Taten wie von selbst. Wer das verhindern will, der fängt am besten immer ganz vorne an: Der macht nicht mit bei der Verachtung. Der versagt sich jeden anmaßenden, verächtlichen Blick auf andere. Wer Frieden schaffen oder bewahren will, der darf nicht lügen. Keinerlei Gerüchte ausstreuen. Über die Nachbarn nicht, über Kolleginnen und Kollegen nicht. Über Andersdenkende und Andersglaubende nicht. Über niemanden.
„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“ Diesen Satz sagt Jesus in der Bergpredigt. Das sind starke Worte wie ein Leuchtturm gegen die gewaltsamen Konflikte in den Geschichtsbüchern und in unserer Gegenwart. Selig sind nicht die, die andere hassen und verachten. Gottes Kinder heißen die Menschen, die ihre Fantasie für friedliche Wege nutzen und ihre Kraft für Versöhnung einsetzen. Damit sich schlimme Tage wie der 22. Juni 1941 nicht wiederholen.

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  100 – 1 = 0

100 – 1 = 0

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.06.2021

Gestern wurde in unseren Kirchen über das verlorene Schaf gepredigt, ein Gleichnis aus dem Lukasevangelium. Die Geschichte klingt beim ersten Hören plausibel. Da weidet ein Hirte 100 Schafe, eines geht verloren und er macht sich auf, um es zu suchen. Und nachdem er es wiedergefunden hat, gibt es ein großes Fest.
Ja, klingt nachvollziehbar, aber schräg ist es dann doch irgendwie. Also da ist dieser Hirte, der für 100 Schafe verantwortlich ist. Eines haut ihm ab und er überlässt dann alle anderen allein in der Wüste ihrem Schicksal? Und nicht nur das. Nachdem er dann das eine verlorene wiedergefunden hat, geht er nicht etwa so schnell wie möglich wieder zu seiner Herde zurück.
Nein, er klemmt sich das Schaf unter den Arm und geht nach Hause! Dort lädt er spontan Freunde und Nachbarn ein und dann gibt es „Danz op de Deel“. Mal ehrlich: Das ist doch unverantwortlich, oder?
Klar, Jesus will uns mit diesem Gleichnis etwas verdeutlichen. Und dann helfen Übertreibungen. So groß wird die Freude im Himmel sein über einen Sünder, der umkehrt und Buße tut, sagt Jesus. OK, verstanden.
Aber noch etwas Anderes wird deutlich. Wir Menschen sind immer schnell dabei und kalkulieren Aufwand und Nutzen, Chancen und Risiken. Es ist natürlich hoch riskant, 99 Schafe ihrem Schicksal zu überlassen, um eines zu retten. Aber so kalkuliert Gott nicht. Bei ihm ergibt 100 minus 1 nicht 99. 100 minus 1 ist bei ihm Null! Und jedes einzelne verlorene Schaf, jeder einzelne verlorene Mensch zählt bei ihm so viel, dass alles andere auf einmal in den Hintergrund rückt.
Diese Logik ist für uns schwer nachvollziehbar. Das macht aber nichts, denn wir müssen die Maßstäbe göttlichen Handels nicht verstehen. Wir dürfen aber zur Kenntnis nehmen, dass wir mit unseren menschlichen Beurteilungs- und Entscheidungskriterien bisweilen zu kurz springen.
Und was wir ebenfalls wissen und verstehen dürfen: Diese Wertigkeit, die Gott einem einzelnen Menschen beimisst, die gilt natürlich auch für uns. Und wir mögen bitte nicht vergessen: Verlorengehen, sich verloren fühlen, das ist ein menschliches Schicksal, dass jeden treffen kann.
Da fangen wir auf einmal an, merkwürdige Prioritäten zu setzen und komische Entscheidungen zu treffen. Dann hängen wir unsere Seligkeit an das neue Auto, den Karibikurlaub, die steile Berufskariere und benutzen schon mal die Ellenbogen, um an deren vorbeizukommen, die uns vermeintlich im Weg stehen. Und schon sind wir ganz schnell raus aus unserer Schafherde, deren Hirte Gott ist.
Klar erkennen wir das bisweilen auch aus eigenem Antrieb. Aber dann den Weg zurück zu finden, auf uns allein gestellt, das ist eine echte Herausforderung. Wie wunderbar zu wissen, dass unser Hirte sich bereits auf den Weg gemacht hat, um uns zu suchen und uns entgegenzukommen. Denn für ihn ist die Herde erst vollkommen, wenn alle 100 Schafe dabei sind. Alles andere ist für Gott keine Option. Amen.

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  Autistic Pride Day

Autistic Pride Day

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2021

Heute ist der Autistic Pride Day, holprig übersetzt: der Tag des Autismus-Stolzes. Er soll dazu beitragen, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz für Menschen mit autistischen Besonderheiten zu schaffen und insgesamt für Autismus zu sensibilisieren. Autisten beklagen, dass sie vielfach und pauschal als „krank“ abgestempelt werden, mit der Begründung, dass ihre persönliche Neurologie nicht der gängigen Norm entspreche.
Tatsächlich sind die Formen von Autismus sehr weit gefächert und höchst individuell. Gleiches gilt bezogen auf die aus dieser Disposition heraus resultierenden Einschränkungen und Besonderheiten. Bisweilen verfügen Autisten über hoch ausgeprägte Fähigkeiten, sogenannte Inselbegabungen, in denen sie anderen Menschen weit überlegen sind.
Nicht einfach nur krank, nicht einfach nur behindert, sondern eben auch besonders, so wünschen sich viele Autisten gesehen zu werden. Wir Menschen haben oftmals so unsere Schwierigkeiten, anderen, die in ihrer Art, ihrem Aussehen, ihrem Verhalten nicht dem entsprechen, was wir als „normal“ ansehen, vorbehaltsfrei zu begegnen. Wir fühlen uns wohl und sicher, wenn möglichst alles kalkulierbar und bekannt ist.
Eine gewisse Vorsicht bei Neuem und Fremdem ist ja durchaus sinnvoll, denn manch Unbekanntes kann auch gefährlich sein. Aber wir dürfen dabei nicht überziehen und alle ausgrenzen, wegschieben und ablehnen, nur, weil sie anders sind. Wir haben hier am Dom eine enge Beziehung nach Neuerkerode, die auch dadurch zu Ausdruck kommt, dass wir einen festen Termin für einen gemeinsamen Gottesdienst haben. Und jedes Mal wieder ist es wunderbar zu erleben, wie bereichernd Vielfalt ist.
Und wer schon einmal im Café Kreuzgang an der Brüdernkirche oder im Café Flora im Hasenwinkel war, beide von der Lebenshilfe betrieben, der wird bestätigen können, wie wohltuend diese von Liebenswürdigkeit geprägte Atmosphäre dort ist, auch, wenn die Bestellung mal fünf Minuten länger dauert als im Schnellimbiss um die Ecke.
Gott hat diese Welt bunt gemacht. In der Schöpfungsgeschichte ist es beschrieben, dass es viele verschiedene Tiere und Pflanzen sind, die er sich erdacht hat. Und so bunt wie diese Erde sind auch wir Menschen, die wir auf ihr leben dürfen. Gott ist kein Freund von Uniformität und langweiligem Einerlei, da bin ich mir sicher. Und ich denke, dass er von uns erwartet, dass wir diese geschenkte Verschiedenheit in allen Bereichen unseres Lebens und Zusammenlebens in erster Linie wertschätzen sollen, anstatt sie anstrengend zu finden.
Und das jeder Mensch in gleichem Maße unermesslich wertvoll ist, einfach, weil er ist, dass muss ich Ihnen nicht extra sagen. Wir alle sind von Gott angenommen und geliebt. Und noch wichtiger: Wir sind von ihm so gewollt, wie wir sind: groß, klein, dick, dünn, laut, leise, autistisch, liebenswürdig, begabt, zu Gutem bestimmt und zu Gutem befähigt. Das sollten wir uns immer mal wieder ins Gedächtnis rufen. Amen.

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  17. Juni

17. Juni

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.06.2021

Wollen Sie gleich noch eine kleine Runde durch die Geschäfte unserer Innenstadt machen oder haben Sie schon was eingekauft? Vor 31 Jahren wäre das nicht möglich gewesen, denn bis dahin, 1990, war der heutige 17. Juni unser Nationalfeiertag, an dem wir alle frei hatten und somit die Geschäfte geschlossen blieben. Heute ist der 17. Juni zwar nicht mehr arbeitsfrei, ein Gedenktag ist er aber immer noch. Wir erinnern uns heute an die Arbeiteraufstände vom 17. Juni 1953 in der DDR. Auslöser waren Erhöhungen der Arbeitsnormen, die zusammen mit der schon im Vorfeld kritisierten allgemeinen Versorgungskrise und der der vielfach spürbaren Misswirtschaft das Fass zum Überlaufen brachten.
Es kam zu landesweiten Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen. Die Reaktion des Staates war brutal. Man ging mit Panzern und Soldaten gegen die Demonstranten vor und schlug den Widerstand blutig nieder. 39 Menschen verloren dabei ihr Leben. Der 17. Juni ist heute Gedenktag gegen staatliche Willkür, Gedenktag für Menschenrechte und Gerechtigkeit, Gedenktag für ein friedliches Miteinander von uns Menschen insgesamt.
Staatliche Willkür wird auch den Regierenden unseres Landes von einer ganzen Reihe von Menschen im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen vorgeworfen. Auch die Meinungsfreiheit sei in Deutschland in Gefahr. Es fällt mir mehr als schwer, derartige Vorhaltungen nachzuvollziehen und ich denke, dass Wachsamkeit gefordert ist, um die Motivation derer, die so reden, zu erkennen. Denn so manchen geht es nicht darum, unsere Demokratie zu retten, sondern vielmehr darum, sie verächtlich zu machen, zu schwächen und zu beschädigen.
Um zu wissen, wie staatliche Willkür tatsächlich aussieht, müssen wir allerdings gar nicht mal so weit schauen. 1.000 Kilometer weiter östlich in Belarus kann man sehen, wie ein Staat Menschen peinigt, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen. Auch die Kirche bekleckert sich dort beileibe nicht mit Ruhm. Der belarussische Metropolit Pawel, der sich für ein Ende der staatlichen Gewalt aussprach und verprügelte Demonstranten besuchte, wurde kurzerhand von seinem russischen Chef und Putin-Freund Kyrill abberufen und gegen den linientreuen Wenjamin ausgetauscht. Viele, insbesondere junge Menschen wenden sich seitdem von der orthodoxen Kirche in Belarus ab. „Wenn die Kirche den Staat heiratet, dann bleibt sie kinderlos“, dieser Spruch kursiert in kritischen Kirchenkreisen.
Unsere Einflussmöglichkeiten sind insgesamt begrenzt. Staatliche Sanktionen gegen Belarus werden von Russland abgefedert. Was bleibt, sind Gesten, die den Menschen zeigen, dass sie nicht vergessen werden. So haben wir uns hier, vielleicht erinnern Sie sich, an einer Aktion beteiligt, in der Menschen politischen Gefangenen Postkarten geschrieben haben als Zeichen der Solidarität. Darüber hinaus können und sollen wir für all jene beten, die unter Gewalt und Unterdrückung leiden.
Und natürlich bleibt, dass wir als Kirche immer wieder darauf aufmerksam machen, wo Menschenwürde und Menschenrechte missachtet werden und die Freiheit auf dem Spiel steht. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Amen.

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  Nicht auf die lange Bank schieben

Nicht auf die lange Bank schieben

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.06.2021

Ich bin gerne auch mal faul. Ich kann gut mit einem Buch auf der Terrasse sitzen und lesen oder auch mal so gar nichts tun. Besonders bei Dingen, die nicht so angenehm sind, führt das dazu, dass es etwas dauern kann, bis ich mich aufraffe und sie erledige. So habe ich mir das Leben schon des Öfteren selbst schwergemacht, denn unangenehme Dinge haben die blöde Eigenschaft, dass sie uns ziemlich belasten können, wenn wir sie noch vor uns haben. „Je schneller daran, desto schneller davon“, das ist ein wahres und weises Sprichwort, aber der innere Schweinehund ist eben gern mal schwerhörig.
Die Liste dieser unangenehmen Sachen kann von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich aussehen. Da steht dann vielleicht der notwendige Schnitt der Gartenhecke drauf, die Steuererklärung, kleine Renovierungsarbeiten in der Wohnung oder der nächste Zahnarztbesuch. Doch auch Zwischenmenschliches kann dazugehören: die noch ausstehende Aussprache nach einem Streit mit einem Arbeitskollegen, die Bitte um Verzeihung bei der Freundin oder dem Freund, demgegenüber man sich mal im Ton vergriffen hatte. Das kostet alles Überwindung und so schiebt man diesen Mist ewig vor sich her, oft, bis es dann gar nicht mehr geht, und manchmal sogar solange, bis es zu spät ist.
Wenn wir uns dann aber irgendwann doch mal aufgerafft haben, und derlei Tätigkeiten hinter uns liegen, dann stellen wir – und ich spreche hier wirklich auf Erfahrung – oft genug fest, dass es erstens gar nicht so schlimm war, wir zweitens überhaupt nicht mehr verstehen können, dass wir uns damit so lange rumgeärgert haben und wir uns drittens nach der Erledigung einfach großartig fühlen.
Über dem heutigen Tag heißt es: „Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“ Der Prophet Sacharja darf in einer Vision einen Blick in die himmlische Ratsversammlung werfen, vor der ein Priester steht, der vom Satan angeklagt wird. Der Priester fühlt sich unwürdig, weil er gesündigt hat; sichtbarer Ausdruck dafür sind seine schmutzigen Kleider.
Doch Gott stört das nicht, ganz im Gegenteil. Er ist erfreut darüber, dass der Priester seine Versäumnisse erkennt und Demut und Reue zeigt. Und aus seiner Freude heraus verzeiht ihm Gott mit eben diesen Worten: „Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“
Vielleicht hatte der Priester seine Umkehr vorher auch auf die lange Bank geschoben, weil er Angst vor Gottes Reaktion hatte. Vielleicht hatte er sich lange damit herumgetragen, hat sich gequält und belastet mit dem, was er vor Gott nicht offen auszusprechen und zuzugeben wagte. Doch Gottes Reaktion zeigt uns, dass es dazu keinen Grund gibt.
Und noch klarer sagt es Jesus Christus im aktuellen Wochenspruch: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Also bei allem, was wir mit Gott zu klären haben, sollte unser innerer Schweinehund kein Thema sein, denn wir können uns auf Gottes Vergebungsbereitschaft und auf seine Liebe verlassen. Und bei allem anderen haben wir ihn ohnehin an unserer Seite. Was soll dabei noch schiefgehen? Amen.

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  Im Garten

Im Garten

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.06.2021

Es ist jetzt die Jahreszeit, in der es sich wieder vor unseren Augen abspielt, das Fest des Lebens in der Natur. Es grünt und blüht und wächst und duftet allerorten und es ist eine wahre Wonne, wenn man die Gelegenheit hat, all das zu sehen und zu genießen. Gestern war dazu passend der Tag des Gartens.
Menschen und Gärten, das ist eine uralte Beziehung. Wir wurden quasi, so berichtet es die Bibel, in einen Garten hineingeschaffen, in den Garten Eden, den Gott anlegte, unmittelbar nachdem er dem Menschen seinen Odem eingehaucht hatte. Und es gab dort allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen und in der Mitte des Gartens den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Gott erlaubte den Menschen, Früchte von allen Bäumen zu essen, nur nicht die vom Baum der Erkenntnis. Man hört immer mal wieder, dass es ein Apfel gewesen sein soll, doch davon steht in der Bibel nichts. Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Adam und Eva halten sich nicht an das göttliche Gebot und sie essen doch von diesem Baum, was Gott natürlich nicht verborgen bleibt.
Und dann beginnt ein Spielchen, das wir auch heute noch allzu gut kennen. Das beliebte und immer wieder gern aufgeführte: Mich trifft keine Schuld – der war’s! Als Gott Adam und Eva zur Rede stellt, sagt sie, die Schlange habe sie verführt. Er ist noch dreister und will die Schuld sogar Gott in die Schuhe schieben: „Die Frau, die du mir zugestellt hast, hat mir die Frucht gegeben“ – frei nach dem Motto: Na, dann hättest Du Dir mit meiner Gefährtin mal etwas mehr Mühe geben müssen, dann wäre das alles nicht passiert. Ich, Adam, kann nichts dafür.
Die Konsequenzen sind bekannt: Gott schmeißt Adam und Eva raus aus dem Paradies und bestraft sie mit Vergänglichkeit. „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Ach wie wunderbar könnte doch unser Leben sein, wenn sich die beiden damals doch bloß an die Regeln gehalten hätten, oder?
Also – ich bin mir da nicht so sicher. In jedem Fall wäre unser Leben heute ein vollkommen anderes. Ja, es wäre wahrscheinlich sorgenfreier und unbeschwerter als heute, möglicherweise aber auch unglaublich viel langweiliger. Und wie es mit unseren Freiheiten aussähe, das ist auch so eine Frage.
Denn was bleibe uns, wenn wir nicht wüssten, was gut und böse ist, richtig und falsch, wertschätzend und abweisend, sinnstiftend und irreführend. Nach diesen Kriterien treffen wir unsere Entscheidungen und gestalten so unser Leben, uns Miteinander, diese Welt und selbst unsere Beziehung zu Gott. Ja, muten ihm dabei immer wieder so einiges zu, denn er hat mächtig zu tun mit unseren Fehlern, unseren Schwächen und dem ganzen Bockmist, den wir Menschen so verzapfen.
Doch nur so können wir sie tatsächlich erfahren, diese Freiheit eines Christenmenschen, von der Luther spricht. Und nur so können wir uns dafür entscheiden, unser Leben so zu führen, wie Gott es für uns gedacht hat – mit seiner Liebe und Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Happyend – Gott sei Dank!

Happyend – Gott sei Dank!

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.06.2021

Widerstehe doch der Sünde, sonst ergreifet dich ihr Gift. Lass dich nicht den Satan blenden; denn die Gottes Ehre schänden, trifft ein Fluch, der tödlich ist. Donnerwetter, denke ich, für einen Frühlingssonnabend ist das ganz schön harter Tobak. Draußen vor der Domtür der Blumenmarkt mit einem wunderbaren Meer aus bunten und duftenden Blüten und hier drin schreibt uns Anne Schuld singend diese deutlichen Worte in unsere Stammbücher.
Der Arientext hat nur 26 Worte, doch Platz genug für Sünde, Gift, Satan, Ehrschändung, Fluch und Tod. Und reimen tut er sich auch noch – das muss man erstmal hinkriegen. Georg Christian Lehms hat ihn geschrieben und beim ersten Lesen habe ich mich gefragt, warum Bach ihn überhaupt für eine Kantate verwendet hat.
Johann Sebastian Bach, der fünfte Evangelist, wie er auch genannt wird, der musikalische Verkündiger der Frohen Botschaft schlechthin und ein überzeugter Protestant. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meinem Verständnis von Evangelium und dem lutherischen Duktus von Gnade und Rechtfertigung entsprechen die Worte, die wir gehört haben, nicht. Das ist mir alles viel zu finster, zu drohend und zu hoffnungslos.
Wir Menschen mögen ja vieles sein, perfekt sind wir auf jeden Fall nicht. Das wissen Sie und das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Und so wird uns das mit dem Widerstand gegen die satanischen Fallstricke nicht immer gelingen. Natürlich sollen wir uns bemühen, sollen unserer Verantwortung gerecht werden, die uns aus unserer christlichen Überzeugung zuwächst – Verantwortung für unsere Mitmenschen, für Gottes Schöpfung und last but not least auch für uns selbst. Doch uns werden Fehler unterlaufen, wir werden immer mal wieder scheitern und eben auch so manchen Scherbenhaufen wegzuräumen haben.
„Lascia ch’io pianga“ – „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“, das ist dann mitunter die Konsequenz. Weinen wirkt ja durchaus befreiend, aber nur zu weinen, verändert die Situation meist nicht. Auch in Händels Oper Rinaldo, aus der diese wunderschöne Arie stammt, ist bis zum Happyend noch einiges zu tun. Aber, so viel sei verraten, es gibt eines.
Und in Bachs Kantate im Übrigen auch, denn die Arie, die wir gehört haben, war ja nur der Anfang. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, denn dieser hat sie aufgebracht. Doch wenn man ihren schnöden Banden mit rechter Andacht widerstanden, hat sie sich gleich davongemacht.
Das klingt schon mehr nach Evangelium, wie ich finde. Wir haben Gott an unserer Seite, der uns aus unseren Fehlern heraushilft, der stets ein offenes Ohr hat für unsere Gebete und Anliegen, der uns nicht alleinlässt mit unseren Tränen und unserem Schicksal. Und wir dürfen ihn immer und überall auf unsere Sorgen, auf unsere Angst und auf unsere Trauer aufmerksam machen.
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“, so lädt Jesus uns ein. Und er meint es ernst – mit Ihnen und mit mir. Amen.

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  Jona

Jona

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.06.2021

Am letzten Sonntag war die Geschichte Jonas Predigttext in unseren Kirchen, also genaugenommen der Anfang dieser Geschichte. Kurz zur Erinnerung: Der Prophet Jona erhält von Gott den Auftrag, die Bewohner der Stadt Ninive zur Ordnung zu rufen, traut sich aber nicht und will vor Gott fliehen. Er geht auf ein Schiff und dieses Schiff gerät in Seenot, weil Gott ein schweres Unwetter schickt, dem nicht zu entkommen ist. Jona erkennt an, dass er die Schuld daran trägt und sagt zu den anderen Männern, die sich mit ihm auf dem Schiff befinden: „Werft mich über Bord, dann wird sich das Meer beruhigen.“ Und so geschieht es auch.
Was ich mich gefragt habe: Warum springt er nicht einfach selbst über Bord? Warum zieht er seine Mitreisenden mit hinein und verlangt von ihnen, dass sie ihn ins Meer werfen? Glaubt er, er könne sich so seiner Verantwortung entziehen, weil er meint, die Menschen um ihn herum würden vor einer solchen Grausamkeit zurückschrecken? Nein, ich denke, dass Jonas Motivation eine andere war.
Sicher, er hatte keine Lust auf Gottes Auftrag, wollte nach Spanien fliehen, weit weg von Gott, wie er sagt. Doch er sieht, welche Folgen seine Verweigerungshaltung hat. Gott lässt ihn nicht laufen, er ignoriert Jonas „Ich-Will-nicht“ und macht seinen Unmut mehr als deutlich. Jona ist sich sicher, dass er durch seinen Ungehorsam gegenüber Gott sein Leben verspielt hat. Aber im Grunde seines Herzens hofft Jona dann wohl doch, dass ihn Gott nicht einfach so fallen lassen wird. Er ahnt, dass der Herr mit ihm trotz allem etwas vorhat.
Und so bügelt Jona durch seine Bereitschaft, sich in den vermeintlich sicheren Tod werfen zu lassen, seinen Fehler nicht nur aus, er wird darüber hinaus hier auch zum Botschafter für Gottes Macht, für Gottes Barmherzigkeit und für Gottes Liebe. Er demonstriert den Menschen, die mit ihm in Seenot geraten sind und andere Götter um Hilfe angebetet haben, dass es sein Gott ist, der alles in Händen hält und dem wir Menschen nicht egal sind.
Darum kann er nicht einfach heimlich von Bord springen. Darum müssen ihn die anderen ins Meer werfen, damit sie erkennen, wie Gott wirklich ist – zugewandt, vergebungsbereit und liebevoll.
Und weil Gott mit Jona weitermachen will, rettet er ihn. Nach drei Tagen im dunklen Bauch des Fisches, der ihn auf Gottes Weisung hin verschluckt hat, kommt er wieder zurück ans Land und kann seinem ursprünglichen Auftrag nachgehen, was er dann auch tut. Nach drei Tagen in der Dunkelheit zurück ans Licht – das kommt uns österlich bekannt vor.
Auch im Folgenden zeigt sich Jona immer mal wieder ziemlich bockig. Doch Gottes Geduld mit ihm ist unerschütterlich und seine Gesprächsbereitschaft grenzenlos. Und wenn er schon mit einem seiner Propheten so umgeht, wie viel großzügiger wird er dann mit uns sein. Amen.

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  Ich steh vor Dir mit leeren Händen

Ich steh vor Dir mit leeren Händen

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.06.2021

Da fühlt sich einer klein und alleingelassen, verzweifelt und verbittert. Ein fester Glaube scheint ihn nicht zu trösten, in seinen Worten klingen Zweifel und Vorwürfe an. Doch er wendet sich an Gott, nach dem er sich sehnt, den er sucht, dessen Nähe er sich wünscht – trotz allem. Der, von dem ich rede, ist der Ich-Erzähler im aktuellen Wochenlied „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Es ist eines der moderneren Kirchenlieder, in den 70er Jahren aus dem Holländischen übersetzt und ursprünglich für eine Beerdigung eines jungen Mannes geschrieben.
„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.“ So lautet die erste Strophe.
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. Lebensphasen, in denen Menschen so zu Gott beten, kennt wohl jede und jeder von uns. Immer dann, wenn wir mal nicht auf der Sonnenseite unterwegs sein können, wenn unser Lebensweg über holpriges Kopfsteinpflaster und durch tiefe Schlaglöcher führt, die uns aus der Bahn zu werfen drohen, wird unser Glaube gefordert und muss sich bewähren. Doch das tut er eben nicht immer.
Glaube ist zerbrechlich und immer wieder haben Menschen ihr Gottvertrauen verloren.
Wenn einen so etwas trifft, hat man dann eigentlich irgendetwas falsch gemacht? Hat man falsch geglaubt, nicht sorgfältig oder intensiv genug? Solche Fragen und Selbstzweifel kommen häufig noch hinzu und tragen dazu bei, dass es den Betroffenen dann noch schlechter geht.
Vielleicht fühlt sich der Beter oder die Beterin im Wochenlied genauso. „Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.“ Unvermögen zu glauben, Unvermögen, zu vertrauen, Unvermögen, den Weg zu finden, der aus der Krise herausführt. Zweifel, Trauer und Not sind große Energiefresser und manchmal kommen wir nicht mehr heraus aus einer Spirale, die sich nur abwärts dreht, aus einem Strudel, der uns unentrinnbar nach unten zieht.
„Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“ Zumindest ist noch Hoffnung wach, die Hoffnung, dass Gott uns herausholen kann aus unserem Tal, dass er unsere Not lindern, unsere Sorgen zerstreuen und unsere Trauer heilen wird; dass er unseren Schmerz in Frieden wandelt. Darum bittet der Liedtext.
Doch neben allem Zweifeln und Klagen schimmert auch die Gewissheit durch, dass Gott da ist, dass er zuhört und dass wir ihm nicht egal sind. Denn das Lied schließt mit einem starken Bekenntnis: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“ Und wir wissen: Nicht nur dann. Amen.

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  Tag des Meeres

Tag des Meeres

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.06.2021

Heute ist der Tag des Meeres. Am 8. Juni 1992 wurde er auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro ausgerufen und soll uns alle für die lebensnotwendige Bedeutung der Ozeane sensibilisieren. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass wir Menschen mit den Weltmeeren nicht so umgehen, wie es sein sollte. Überfischung, Vermüllung und Verunreinigung durch Mikroplastik sind nur ein paar Schlagworte zu dieser Problematik. Und dass wir dabei kräftig und unerschrocken an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen, ist längst kein Geheimnis mehr. Auch das ist wieder so ein Thema, bei dem man laut rufen möchte: Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Und ich weiß wohl: Wenn ich selbst davon etwas abkriegte, schadete das auch nicht.
Wir Menschen des 21. Jahrhunderts halten uns ja durchaus für fortschrittlich, auch in Bezug auf Forschung und Wissenschaft. Doch die Ozeane dieser Welt geben uns noch immer viele ungelöste Rätsel auf. Denn was sich in den Tiefen der Tiefsee abspielt, wie viel und welches Leben es dort trotz aller Lebensfeindlichkeit gibt, ist uns bis heute definitiv noch nicht bekannt. Dabei ist es gar nicht so weit entfernt. Elf Kilometer tief ist das Meer an seiner tiefsten Stelle, in etwas also die Strecke von hier nach Wolfenbüttel. Und dennoch bleiben viele Geheimnisse im wahrsten Sinne des Wortes verborgen in der Dunkelheit.
Doch das Meer ist bei weitem nicht nur Quelle von Nahrungsmitteln, Stabilisator unseres Klimas und Lebensraum unüberschaubar vieler Tiere und Pflanzen. Für mich hat es auch eine emotionale und sogar spirituelle Bedeutung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich am Meer bin und aufs Wasser schaue und die Weite des Horizontes auf mich wirken lassen kann, dann hat das auf mich eine enorm beruhigende und ausgleichende Wirkung. Ich finde, dass wir am Meer eine kleine Idee davon bekommen können, was Ewigkeit bedeutet – sowohl durch seine Größe als auch durch das niemals endende Kommen und Gehen der Wellen und den ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut.
Und doch wird es nicht ewig sein, wie uns die Bibel lehrt. „Und das Meer ist nicht mehr“, so heißt es in der Offenbarung des Johannes. Der Seher beschreibt, wie es sein wird, wenn Gottes Herrlichkeit anbricht am Ende der Zeit. Dann wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben und wir werden das himmlische Jerusalem sehen, das in der Vierung des Hohen Chores in unserem Dom dargestellt ist.
Und dann wird Gott abwischen alle Tränen von unseren Augen und wird sagen: „Siehe, ich mache alles neu.“ Doch bis dahin sollten wir sorgsam mit alledem umgehen, was er uns anvertraut hat, denn es sind Leihgaben, nicht mehr. Der Tag des Meeres soll uns auch daran erinnern. Amen.

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  Erben will gelernt sein

Erben will gelernt sein

Heiko Frubrich, Prädikant - 07.06.2021

Haben Sie schon einmal etwas geerbt? Viele träumen von der reichen Erbtante in Amerika, von der niemand etwas wusste und deren Ableben dann plötzlich unerwarteten Reichtum beschert. Für andere wiederum hat sich eine Erbschaft auch schon einmal zum Albtraum entwickelt, weil persönliche Begehrlichkeiten der lieben Verwandtschaft auf einmal größer wurden als Anstand und Zuneigung. So manche Familie hat sich wegen Erbangelegenheiten im wahrsten Sinne des Wortes heillos zerstritten.
Je mehr Leute zu einer Erbengemeinschaft gehören, desto komplizierter wird es. Etwas entspannter geht es dann erst wieder zu, wenn es ganz viele Leute sind, ganz, ganz viele, so wie gestern am Welterbetag. Denn da ging es um das Erbe, das der gesamten Menschheit zusteht in Form von Denkmälern und besonderen Orten und Ensembles des Weltkulturerbes oder Naturgebilden und Naturstätten im Weltnaturerbe.
Seit 1978 nimmt die UNESCO besonders schützens- und bewahrenswürdige Güter und Orte auf der ganzen Welt in die Liste der Welterbe auf. Hier in unserer Region sind es zum Beispiel das Bergwerk Rammelsberg in Goslar, die Harzer Wasserkunst oder der Dom und die Michaeliskirche in Hildesheim.
Doch auch ohne dass sich Güter, Werte und Sachverhalte auf der Welterbeliste befinden, haben wir in allen möglichen Lebensbereichen mit Erbschaften zu tun – erfreulichen und lästigen gleichermaßen. Wenn Sie irgendwo den Satz hören: „Das haben wir schon immer so gemacht“, dann deutet das auf ein solches Erbe hin, auf das Sie gestoßen sind. Und wie gesagt, manche sind echt hinderlich, weil sie uns im Wege stehen und verhindern, dass wir vorankommen.
Auch in unserer Kirche ist das so. Wir befassen uns gerade damit, wie Kirche im Jahr 2030 aussehen kann. Auch dabei stellt sich immer wieder die Frage, auf was wir verzichten wollen, um Neues zu wagen. Alles zu behalten und gleichzeitig neue Wege zu beschreiten, ist angesichts enger Ressourcen nicht möglich und so ist die Diskussion über den Zukunftsprozess auch eine Diskussion darüber, wie wir mit dem umgehen, was wir geerbt haben.
Es wird, wie überall dort, wo sich die Gesellschaft, wo sich unser Leben verändert, darauf ankommen, sorgsam zu prüfen, welche Dinge aus der Zeit gefallen sein mögen, welche auch heute noch ihre Berechtigung haben und welche so wertvoll sind, dass sie von allen Veränderungsprozessen nicht berührt werden dürfen. Für mich gehört der Gottesdienst in die letztgenannte Kategorie. Hier besteht Einigkeit: Wir können über das Wie miteinander reden aber nicht über das Ob.
Ich glaube, dass wir bei allen Entscheidungen, die wir treffen, bei denen es um Bewahren, Verwerfen, Beenden und Neuanfangen geht, um gutes Geleit durch den Heiligen Geist bitten sollten. Denn wir sind auch begrenzt in der Bewertung der Konsequenzen unserer Entscheidungen und brauchen umso mehr die Kraft, die Liebe und die Besonnenheit dieses Heiligen Geistes – und das nicht nur am Welterbetag. Amen.

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  Eine Wasserflasche auf's Grab

Eine Wasserflasche auf's Grab

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.06.2021

Zur Ausbildung im Pfarrberuf gehörte es in dieser Landeskirche, eine ökumenische Studienreise zu unternehmen. Angehende Pfarrerinnen und Pfarrer sollten andere christliche Gemeinden kennenlernen, Kontakte knüpfen, sich in der eigenen Theologie und dem eigenen Weltbild stören lassen. Wir reisten damals – vor fast genau zwanzig Jahren – nach Namibia, genauer ins Ovamboland ganz im Norden an der angolanischen Grenze. Damals wütete die AIDS-Epidemie. Es gab zahllose Waisen, riesige Friedhöfe und wir hatten den Eindruck als ob die Menschen nichts anderes täten, als von einem Trauerhaus zum nächsten weiterzuziehen. Das Leben blieb stehen.
Es war eine unvergessliche oft bestürzende Reise.
Wir teilten uns auf, meine Kollegin und ich, die beiden jungen Frauen, fuhren in ein Dorf mit einem Pfarrhaus aus Stein, dem einzigen der Gegend. Man hatte Angst um uns. Dort haben wir eines Abends eine Bibelarbeit gemacht – halb deutsch, halb englisch. Viele der Alten verstanden deutsch. Sie hatten auf deutschen Farmen gearbeitet. Ein Mann, er kam uns uralt vor, sagte am Ende des Bibelgesprächs: jetzt begönne für ihn Versöhnung, das Ende der Apartheit – weil wir zwei weiße Frauen in sein Dorf gekommen waren und nun gemeinsam aus der Bibel lasen. Wir waren damals überwältigt und beschämt.
Später reisten wir zum Waterberg. Dort kam es 1904 zur Schlacht zwischen den Herero und der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika. Über 60.000 Hereros hatten sich mit ihren Viehherden dort versammelt. Generalleutnant Lothar von Trotha versuchte, die Herero einzukesseln. Dies misslang. Die Herero entkamen in die Wüste und verdursteten, denn der Rückweg wurde abgeriegelt, die Wasserversorgung unterbunden.
Jetzt ist dieser Massenmord wieder auf der Tagesordnung. Es geht um Schuldeingeständnis und Geld.
Und ich erinnere mich wieder an die Wasserflaschen auf den Friedhöfen im Norden. Dort standen Wasserflaschen auf den Gräbern. Später habe ich gelernt: Wer dem Verstorbenen im Leben etwas schuldig geblieben ist, stellt ihm eine Flasche Wasser aufs Grab…“ Was für ein Bild!
In der Bergpredigt Jesu heißt es: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“
Noch klingt das auf Zukunft hin. Hoffentlich stehen wir dem nicht im Weg.

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  Fronleichnam

Fronleichnam

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.06.2021

„Wir danken dir, Gott, wir danken dir und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist.“
Ein Vers aus dem 75. Psalm und ein Wort, das gut über diesem Tag zu stehen kommt, bei dem anderswo in Deutschland heute gefeiert wird, dass der „Himmel unterwegs“ ist – hier unter uns.
Fronleichnam. Hand auf’s Herz! Sie haben – jedenfalls wenn Sie wie ich gut evangelisch sozialisiert sind – auch gedacht, dass das irgendwas mit froh und Leiche zu tun hat und vielleicht ein bisschen gewundert, wo dieser Feiertag jetzt nach Pfingsten noch herkommt. Der Herr ist ja schon längst auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Keine Leiche mehr da!
In meinen Ohren hat bei „Fronleichnam“ jedenfalls immer bisschen was mitgeschwungen aus Siegfried Lenz‘ masurischen Geschichten: da erzählt er von einer fröhlichen Leich, bei der sich erkundigt wird, wo das verschiedene Tantchen denn sei? Im Sarg hochkant an die Wand gestellt, damit die Kapelle und alle anderen Platz finden beim Leichenschmaus – „da steht der Leib bequem.“
Aber, Sie ahnen es, damit hat der katholische Feiertag heute in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland nix zu tun. Es geht vielmehr um die Einsetzung des Abendmahls, um Gottes lebendige Gegenwart in Brot und Wein, ist also eine Art Gründonnerstag. Letzterer wiederum ist ein Termin, der sich für’s fröhliche Feiern nur fast eignet. Darum haben unsere lebensfrohen katholischen Geschwister den zweiten Donnerstag nach Pfingsten als Datum festgelegt.
Und so wird mit festlichem Abendmahlsgottesdienst und anschließender Prozession, gefeiert. Es ist traditionell ein schöner Umzug, mit Fahnen und Blumen, manchmal auch einem kleinen Baldachin über dem Gefäß mit der Hostie – daher der Himmel, der unterwegs ist. Man zieht hinaus und schon im Mittelalter wurden daraus Flurumgänge, Umrundungen von Feldern und Wiesen, auf denen es verheißungsvoll wächst und gedeiht, Grün explodiert.
So wurden Gottes Nähe im Abendmahl auch als Segen für Wald und Feld, Dorf und Stadt verstanden. Mithin ein Fest des Lebens!
Solche Freude und Dankbarkeit steht uns auch. Gut, dass es über diesem Tag in den Herrnhuter Losungen heute heißt: „… der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ Amen

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  House of One

House of One

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.06.2021

Vor einigen Jahren fuhr ich zum ersten Mal auf die Citykirchenkonferenz. Dort erlebte ich das Ankommen eines Kollegen aus Berlin, der schnell gefragt wurde, wie es denn um seinen „Wahnsinnsprojekt“ stünde. „Es frisst Nerven und Zeit ohne Ende, man braucht ordentlich Geld, aber es wird“, war die Antwort. Die Rede war vom „House of One“, damals eine Idee, ein äußerst ambitioniertes Vorhaben.
Die drei monotheistische Buchreligionen, die drei der Weltreligionen, die an den Einen Gott glauben und fraglos gemeinsame Wurzeln haben, wollten nun ein gemeinsames Haus bauen – und nicht nur das. Sie wollten es auch gemeinsam bauen. Ein Gotteshaus, ein Begegnungsort, ein Lernort. Vieles verbindet sich mit dieser Idee und vor allem die Hoffnung, dass die Menschen – gläubige und neugierige, tief in ihren Religionen eingewurzelte und glaubensferne – dieses Haus als das ihre annehmen und mit Leben füllen.
Während eben jener Tagung machten wir eine Exkursion in der Schweiz und schauten uns dort interreligiöse Begegnungshäuser an. Sie alle waren unter anderem entstanden, um das Miteinander der Religionen zu erlernen, mehr Gespür dafür zu bekommen, was anderen unaufgebbar wichtig ist und wo Schritte aufeinander zu und dann miteinander möglich seien können. Und schließlich galt es auch zu verstehen, was miteinander eben nicht geht oder warum es Zögern, Widerstände, Hindernisse gibt. Das beginnt bei der Architektur: wohin soll ein solches Haus ausgerichtet sein? Braucht es Glocken, ein Minarett, Wasserbecken? Wie kann es finanziert werden?
Für das „House of One“ in Berlin sollten Lottogelder verwendet werden, aber die muslimische Seite war dagegen. Es hat gedauert, bis die beteiligten Juden und Christen verstanden haben, woran es lag. Wetten sind nicht halal, deswegen konnte der Iman nicht „ja“ sagen.
Dieses Beispiel zeigt, das ehe das große Haus steht, lange Zeiten der Übung und des Hinhörens nötig sind. Schon das war ein wertvoller Teil des Weges. Jetzt konnte endlich der Grundstein gelegt werden konnte.
Dass das in zeitlicher Nähe zu Pfingsten und Trinitatis geschah, soll sicher keine christliche Dominanz beschreiben. Aber es steht für die Erfahrung, dass es der Geist des Lebens ist, auf den wir hoffen. Denn bei Sacharja und über Pfingstsonntag heißt es ja: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen“, spricht der HERR.

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