Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  1000 Meilen bis zum Paradies

1000 Meilen bis zum Paradies

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.01.2022

In einem seiner aktuellen Pop-Songs klagt Dermot Kennedy: „O, du meine Güte! Es liegen 1000 Meilen zwischen mir und dem Paradies.“ Das ist ein weiter Weg und was der Sänger damit ausdrücken möchte, ist ein Gefühl, das wir, denke ich, alle gut kennen: Wir leben ein Leben, das sich anfühlt, als wäre das Paradies ganz weit weg. Und in der Tat ist es ja auch so. Aus dem Paradies sind wir rausgeflogen, weil unsere Vorfahren Adam und Eva sich nicht an die Regeln halten wollten, die Gott ihnen mit auf den Lebensweg gegeben hat.
Doch es wäre falsch und ungerecht, nun mit dem Finger auf die beiden zu zeigen. Denn die überwiegende Mehrheit der Menschen, ja, ich möchte sagen, wahrscheinlich alle, legen immer wieder Verhaltensweisen an den Tag, die mit Gottes Regeln nicht vereinbar sind; ich nehme mich dabei nicht aus.
Nun hat Gott uns Menschen glücklicherweise nicht einfach nur den Koffer vor die Tür gestellt und gesagt: „Nun seht mal zu“. Doch während wir im Paradies tatsächlich ein Leben mit dem Premium- Rundum-Sorglos-Paket hätten führen können, ist es nun etwas heraufordernder geworden. Wir müssen schon selbst ein stückweit zusehen, dass wir ein gutes Leben leben.
Doch das erforderliche Instrumentarium hat uns Gott trotz allem nicht verwehrt. Es sind seine Liebe und seine Barmherzigkeit, seine Vergebungsbereitschaft und seine Geduld, die er uns schenkt, von denen er aber auch sagt: „Gebt sie weiter an Eure Mitmenschen und verhaltet Euch ihnen gegenüber so, wie ich mich euch gegenüber verhalte. Denn so wird Euer Leben gelingen.“
Wie sich das dann im Alltag konkretisiert, kann ganz unterschiedlich ausfallen. Am vergangenen Freitag beispielsweise hat sich unsere Kirche an einer Mahnwache in Hannover unter der Überschrift „Gemeinsam Haltung zeigen für Demokratie und Zusammenhalt“ beteiligt. Ziel war, deutlich zu machen, welche Gefahr für unsere Demokratie unter anderem von rechten Trittbrettfahrern ausgeht, die die vielerorts stattfindenden Montagsspaziergänge für ihre Zwecke instrumentalisieren.
In solchen Fragen klar Position zu beziehen und für unsere demokratische Grundordnung einzutreten und denen ihre Grenzen aufzuzeigen, die zu Hass und Gewalt aufrufen, ist für mich Aufgabe unserer Kirche und Aufgabe eines jeden einzelnen Christenmenschen. Auch dafür hat uns Gott ausgerüstet mit Kraft, Liebe und Besonnenheit, wie es Paulus zusammenfasst.
Mit unserem Rausschmiss aus dem Paradies hat Gott uns Menschen das Leben ganz sicher nicht zur Hölle gemacht, weil seine Liebe zu uns einfach stärker war als seine Enttäuschung über unser Fehlverhalten. Doch wir müssen wachsam sein, dass wir Menschen uns nicht aus eigenem Antrieb in Richtung Hölle auf den Weg machen. Immer dann, wenn Respekt, Würde und Nächstenliebe unter die Räder zu geraten drohen, laufen wir diese Gefahr.
Ja, es mögen gefühlt 1000 Meilen zwischen uns und dem Paradies liegen. Doch wir können dafür Sorge tragen, dass sich dieser Abstand nicht noch weiter vergrößert – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Ach dass du den Himmel zerrissest

Ach dass du den Himmel zerrissest

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.01.2022

Meine Oma hatte die Ruhe weg, wie man so sagt. Das Leben hatte es mit ihr nicht immer nur gutgemeint. Sie musste mit ihren zwei kleinen Kindern aus Ostpreußen fliehen, einen kompletten Neuanfang starten und mit dem Tod ihres Mannes klarkommen, der irgendwo in Russland gefallen war. All das ließ sie meist sehr gelassen auf die kleinen Holprigkeiten des Alltags schauen, denn sie hatte eben auch schon viel Schlimmeres durchlebt und gemeistert. Was sie allerdings so gar nicht mochte, war Streit. Und wenn ich mich beim Spielen mit irgendwem mal in die Haare bekam, war sie schnell zur Stelle und ermahnte uns mit einem strengen: „Nun vertragt Euch!“
So naiv es klingt, aber mit diesem Satz meiner Oma im Gepäck wäre ich gern am Mittwoch nach Brüssel gefahren und hätte ihn den Verhandlungsparteien beim NATO-Russland-Gipfel eindringlich ans Herz gelegt. Erwachsene und ganz sicher auch schlaue Leute sitzen da in einem Konferenzraum zusammen und reden miteinander. Und sie haben die Chance, das Risiko eines bei uns in Europa drohenden Krieges zu entschärfen – und kriegen es nicht hin.
Alle, die sie dort beieinandersaßen, wissen, welche Folgen ein Krieg hat, welches Leid, welche Not und welches Elend er über die Menschen bringt, in aller Regel über solche, die ihn gar nicht zu verantworten haben. Sie wissen, dass ein Krieg Lebenspläne und Lebenswege zerstört und am Ende nur Verlierer kennt und dennoch gehen sie auseinander, ohne Ergebnis und noch nicht einmal in der Gewissheit, ob sie sich wenigstens zu einem weiteren Gespräch treffen wollen und werden.
Ja, wir könnten jetzt anfangen nach demjenigen Ausschau zu halten, der am Scheitern der Gespräche den größten Anteil hat und wir wären uns hier möglicherweise auch schnell einig. Aber würde das etwas ändern? Eher nicht. Meine Oma hat übrigens auch nie gefragt, wer denn den Streit angefangen hätte und sie hat sich auch nie auf eine Seite gestellt. „Nun vertragt euch“, das war ihre Ansage und ihr Auftrag.
Es macht mich betroffen und auch wütend, wenn ich sehe, wie leichtfertig Menschen mit dem wertvollen Gut Frieden umgehen. Ich werde ja nicht müde, immer wieder daran zu erinnern, dass wir Menschen für unser Tun und Lassen selbst verantwortlich sind und dass Gott uns große Freiheiten geschenkt hat, um diese Welt und unser Leben zu gestalten. Doch manchmal wünschte ich mir tatsächlich, dass Gott ein bisschen intensiver und deutlich eingreifen würde.
Mir fallen Worte des Propheten Jesaja ein: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Auch dem Propheten geht es darum, dass Gott uns Menschen wachrüttelt uns daran erinnert, was er von uns erwartet. Manchmal reicht es eben nicht aus, darauf zu vertrauen, dass wir selber erkennen, was zu tun ist. Beten wir darum, dass die Verantwortlichen einsichtig werden, damit der Frieden auf Erden, den Gott der Welt verheißen hat, auch tatsächlich eine Chance bekommt. Amen.

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  Orientier dich am Licht

Orientier dich am Licht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.01.2022

Das Letzte Blatt im Anderen Advent lag noch unbesehen auf meinem Schreibtisch mit einem Text von Sebastian Schmid::
„Ich (zurückblickend): Das war also 2021.
Caspar: Orientier dich am Licht.
Ich: Und wenn es nur kleine Punkte sind?
Melchior: Immer am Licht!
Ich: Und wenn es nur einzelne…
Balthasar: Am Licht!
Ich: Wohin wird mich das führen?
Caspar: Weiter.
Ich: Weiter als ich sehen kann?
Melchior: Weiter.
Ich: Wo Gott und Mensch eins sind?
Balthasar: Weiter.
Ich: Wo soll ich starten?
Caspar: Ich starte im Staub.
Melchior: Im Schnee.
Balthasar: Im Nebel.
Ich setze mich an den Esszimmer-Tisch.
Orientiere mich am Licht.“

Draußen ist es trübe und es zieht nasse Kälte in die Knochen.
Von Licht ist nicht viel zu sehen: ein Fahrradrücklicht, ein Lämpchen vor der Polizei (ist das ein öffentliches Telefon?), ein kleines Außenlicht bei Harrys.
Woran soll ich mich orientieren?
Wo soll ich starten? Nicht wann. Wo. Hier?
Warum nicht. Es ist der Ort, an dem ich mich vorfinde, an den ich gestellt bin.
Es ist ein Ort, an dem es Licht gibt. Im Küchenfenster und im Dom, am Himmel.
Vor allem aber in den Gesichtern der Menschen sehen wir ob es heller wird unter uns. Da irrt man sich selten auch - wenn ein Gesicht nur ganz verhalten leuchtet oder sich verdunkelt. Diese Orientierung taugt. Erst recht, wenn Gott uns in unserem Nächsten entgegenkommt.
Und starten? Im Staub, Schnee und Nebel. Warum nicht. Auch das spricht für hier.

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  Am Anfang meiner Stille

Am Anfang meiner Stille

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.01.2022

So ist das.
Am Sonntag habe ich über das Lauschen gepredigt. Es war ein Jesajatext dran und ging um Gottes Knecht, den Menschen, den Gott sendet, ausgestattet mit seinem Geist, das Recht aufzurichten. Es ging um den, an dem Gottes Seele Wohlgefallen hat – und einen, der leise, so leise daherkommt, dass „er schreit nicht und nicht ruft nicht, seine Stimme nicht zu hören ist, nicht mal in schmalen Gassen…“
Es waren solche Bibelworte, die dem Schießbefehl in Kasachstan standhalten sollten, dem russischen Militär an der ukrainischen Grenze und ich habe mich gefragt, ob es möglich diesen leisen Retter zu erlauschen.
Und auch, ob es zwischen all der Not dieser Zeit nicht dran ist, hier Liebesgeschichten zu erzählen – von Großmüttern und ihren Taschentüchern, von Blumen jeden Tag neu auf der Türschwelle in Erinnerung an eine Frau, die da aus- und einging, von Müttern, die leise am Bett ihrer Kinder stehen und deren Schlaf hüten, egal wie alt sie sind.
Und dann holt mich der Alltag ein. Eine obdachlose Frau, ein unglückliches Paar, ein Streit, wie das nun mit den Coronaregeln ist – dabei wollte ich doch eine Liebesgeschichte erzählen. Ich schicke Nachrichten und Anfragen und stoße beim Suchen nach einer Telefonnumer auf eine Webseite „Gottessprache“.
Ganz oben ein Gedicht – in Anlehnung an das Evangelium des ersten Weihnachtstages:
„Am Anfang /meiner Stille / tonlos / den Stürmen / lauschend / bis das Rauschen / verstummt
Ein Wort / beginnt zu singen / so fremd / so neu / so schön / so nah /
so tief / so unerhört / so weit
Dein Wort / mir übergehend / in Fleisch und Blut“
Am Anfang meiner Stille / tonlos / den Stürmen / Lauschend …
Das werden keine alten Worte sein. Sie klingen leise herüber. Aber eben doch als würde jemand von einer Liebesgeschichte erzählen, weil er etwas erlebt hat : nah und tief, neu und schön. So schön.
Da ist jemand nah. Da verbindet Gottes Geist fremde Menschen und wir hören voneinander, ohne uns zu kennen. Endlich eine schöne Geschichte.

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  „Der Stern ist immer noch da!“

„Der Stern ist immer noch da!“

Henning Böger, Pfarrer - 11.01.2022

Der kleine Junge hockte auf dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel.
Er förderte allerhand wertlose Dinge zutage, darunter auch einen silberglänzenden Stern. „Was ist das?“, fragte er. „Ein Weihnachtsstern“, sagte die Mutter. „Etwas von früher,
von einem alten Fest.“ „Was war das für ein Fest?“, fragte der Junge. „Ein langweiliges“, sagte die Mutter. „Die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Tannenbaum
und sang Lieder. Und an der Tannenspitze befestigte man den Stern. Er sollte an
den Stern erinnern, dem Hirten und Könige nachgingen, bis sie den kleinen Jesus
in der Krippe fanden.“ „Der kleine Jesus?“, fragte der Junge, „wer soll das nun wieder sein?“ „Das erzähle ich dir ein andermal“, sagte die Mutter und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers. Ihrem Sohn gab sie den Stern in die Hand: „Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst.“ Der Junge warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Aber als die Mutter wiederkam, stand er wie vorher über den Müllschlucker gebeugt. „Was machst du da?“ „Ich sehe ihn immer noch“, flüsterte er. „Der Stern glitzert. Er ist noch immer da!“
Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat diese so kurze wie tiefgründige Geschichte erzählt vom Jungen, der ganz unbedarft das Licht der Weihnacht wiederfindet in einer Zeit, in der die Menschen das Fest tatsächlich abgehakt haben.
Nun, soweit sind wir, Gott sei Dank, noch nicht, aber ich fände etwas mehr weihnachtlichen Glanz einfach passend für dieses noch junge neue Jahr, das mit seinen Routinen und Aufgaben, den kleinen und größeren Katastrophen, mit dem ratlosen Blick auf Infektionszahlen und Impfquoten schon wieder kräftig nach uns greift. In alldem soll nicht vergessen sein, dass dieser große Gott, der im kleinen Kind aufscheint, sich nicht einfach abräumen lässt, sondern einer für alle Tage ist!
„Er glitzert, er ist immer noch da!“, sagt der Junge staunend, als er dem Stern auf dem Weg hinab ins Schattendunkel nachschaut. Ich höre das so: Das Licht, das von der Krippe her scheint, besitzt eine ungeheure Strahlkraft. Es lässt sich nicht auslöschen und es lässt unsere Welt nicht los. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!“ So sagen es die alten biblischen Segensworte am Ende unserer Gottesdienste. Das darf, nein das muss uns Mut machen, dieses Leuchten in uns zu hüten und zu bewahren - weit über Weihnachten hinaus. Damit wir Gottes Schutz und Beistand das ganze Jahr hindurch nicht aus dem Blick verlieren.

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  Gut gemeint!?

Gut gemeint!?

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.01.2022

„Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.“ Dieses Sprichwort wird Kurt Tucholsky zugeschrieben und es lohnt sich, einen Moment darüber nachzudenken, wie ich finde. Tucholsky nimmt hiermit unsere immer wieder zu beobachtenden Versuche aufs Korn, dieser Welt, unseren Mitmenschen und auch uns selbst etwas Gutes zu tun, was dann aber mitunter eben auch in einer zwar ungewollten, deshalb aber nicht weniger Schaden anrichtenden Katastrophe endet. Gut gemeint, ist eben nicht immer auch gut gemacht.
„Ich habe es doch nur gut gemeint“, ist dann häufig entschuldigend zu hören. Das macht nichts ungeschehen, verdeutlicht aber, dass zumindest mal kein böser Vorsatz im Spiel war. Immerhin! Manchmal liegt es an unserer Ungeschicklichkeit, manchmal an einer Fehleinschätzung der Situation oder auch an einer nicht ausreichenden Beachtung der ganz persönlichen Befindlichkeiten unseres Gegenübers. So kann das verschenkte teure Deospray fälschlicherweise als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, die aus Unwissenheit missachtete Nussallergie des Arbeitskollegen als Anschlagsversuch auf die Gesundheit fehlinterpretiert oder die ertränkten Zimmerpflanzen der Nachbarin als mangelnde Wertschätzung missverstanden werden. Aber ich habe es doch nur gut gemeint!
Die heutige Tageslosung und auch der biblische Lehrtext zielen auch auf solche Situationen. Da bittet der Psalmist: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Herr, verzeihe mir die verborgenen Sünden!“ Und Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: „Der Herr wird auch, was im Dunkeln verborgen ist, ans Licht bringen und wird Sinnen und Trachten der Herzen offenbar machen. Und dann wird einem jeden sein Lob zuteilwerden von Gott.“
Besonders dieses Paulus-Wort finde ich sehr tröstlich. Gott wird das Trachten unserer Herzen offenbar machen. Es geht ihm also nicht darum, was bei unserem Tun am Ende tatsächlich als Resultat herauskommt, sondern vielmehr aus welcher Motivation wir es getan haben. Das ist eine sehr faire Herangehensweise, wie ich finde. Wenn wir mit besten Absichten handeln, haben wir Gott auf unserer Seite, auch, wenn das Ergebnis eher mäßig ausfällt.
Wenn wir ein teures Deo verschenken, um Freude zu bereiten, ist es Gott egal, ob es missverstanden wird. Wenn wir den Salat mit Erdnüssen zu einem kulinarischen Erlebnis zum Wohle unserer Arbeitskollegen aufpeppen wollen, dann ist das trotz der Nussallergie eines einzeln vor Gott in Ordnung und wenn wir es beim Gießen der Orchideen unserer Nachbarin etwas übertrieben haben, was die Pflanzen mit ihrem Ableben quittieren, dann wird es von Gott dennoch gutgeheißen.
Unsere Motivation ist in erster Linie entscheidend, das Ergebnis nur in zweiter. Und so sagt Paulus auch, dass einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden wird – nicht sein Tadel, sondern sein Lob. Damit widerlegt Paulus Tucholsky, ohne ihn gekannt zu haben. Denn allein der Vorsatz, etwas Gutes tun zu wollen, ist schon einmal die halbe Miete. Amen.

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  Wo bleibt der Friedefürst?

Wo bleibt der Friedefürst?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.01.2022

Ich kenne eine alte Frau, die ihre Leichtigkeit schon in Kindertagen während des Bombenkrieges verloren hat. Die Geburten ihres Sohnes und Enkelsohnes erlebte sie beide Male mit demselben Schrecken: Ein Junge. Der muss zur Armee.
Ich glaube, dass dies nicht zuerst aus der Angst herrührte, dass diese beiden Menschen ihr Leben als Soldaten verlieren könnten. Als Pazifistin, die sie war und ist, fürchtete sie vielmehr, dass die beiden Männer, die ihrem Herzen so nah sind, womöglich eines Tages auf andere Menschen würden schießen müssen und darüber nie wieder Frieden fänden.
Dies geschieht ja immer wieder und überall auf der Welt.
Hier in unserem Heimatland zuletzt an der innerdeutschen Grenze.
Nun hat Kasachstans Präsident Tokajew einen Schießbefehl erteilt. Sicherheitskräfte sollen ohne Vorwarnung das Feuer eröffnen. Sie sollen auf ihre Landleute schießen, die sich gegen das Regime wehren, welches zuletzt Treibstoffprise erhöht hatte.
Kasachstan haben die meisten unter uns wahrscheinlich nur als Herkunftsort russlanddeutscher Spätaussiedler im Kopf. Wir wissen wenig. Es mangelt uns an eigenen Bildern. Die Menschen, die dort leben, die Mütter und Väter, Frauen und Männer sind uns dabei ganz ähnlich. Sie fürchten wie wir, dass Krieg das lebend er verschlingt, die als unschuldige Kinder geboren wurden, großgeworden mit der Hoffnung auf ein erfülltes gelingendes Leben.
Noch ist der Stern von Bethlehem zu sehen.
Noch hören wir das „Fürchtet euch nicht und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
In der alten Geschichte folgte auf die Geburt Jesu der bethlehemitische Kindermord. Die kleinen Jungen sollten gar nicht erst groß werden, gar nicht erst Widerstand leisten, selbstbestimmt und womöglich unbequem leben wollen. Es war ein Blutbad von vielen. Irgendwen hat Heroldes in Marsch gesetzt und mit einem tödlichen Befehl versehen.
Wir stehen heute einmal mehr vor der alten Gewaltgeschichte.
Ohnmächtig wie das Kind in der Krippe, voller Sehnsucht, dass der Friedefürst endlich regiert.

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  Zusammenhalt

Zusammenhalt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.01.2022

Nun sind sie also alle an der Krippe angekommen. Die Könige und die Hirten. Ob sie - so wie in unserer Olivenholzkrippe - nebeneinander gekniet haben? Wahrscheinlich wohl eher nicht. Die Weihnachtsgeschichte erzählt ja, dass die Hirten nachdem sie das Kind gesehen hatten, umkehrten und Gott lobten und priesen.
Auch da ist die alte Erzählung genau und ehrlich. Es gab keinen sogenannten „Zusammenhalt“ - nicht mal an der Krippe. Die armen Hirten hatten, um dem Stern zu folgen, ihre Existenzgrundlage zurückgelassen. Jedenfalls wird nichts davon erzählt, dass sie mitsamt ihren Herden aufgebrochen seien. Im Gegenteil: „sie gingen eilend…“ und brachten keine Geschenke mit. Sie hatten wohl nichts, was sie entbehren konnten - geschweige denn den Überfluss, aus dem heraus man leichten Herzens geben kann.
Die Könige hingegen brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es ist zu vermuten, dass jemand sich um ihre Angelegenheiten und Geschäfte kümmerte, während sie reisten.
Die Wirklichkeit der Hirten und der Obdachlosen jungen Eltern teilten und verstanden sie vermutlich nicht.
Sie waren an der Krippe nicht gleich.
Sie haben für den Weg zur Krippe nicht dasselbe riskiert.
Kein Wort davon, dass die Könige Gott gelobt und gepriesen hätten für das, was sie gesehen hatten.
All das fiel mir auf, als ich heute Morgen - im Nachgang der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers - in der Zeitung gelesen habe, dass der versucht habe, „die drohende Spaltung der Gesellschaft durch das Mantra zusammen … wegzumeditieren.“ Oder anders gesagt: „Zusammenhalt lässt sich nicht proklamieren“ oder durch Krippenfiguren suggerieren. Zusammenhalt entsteht durch gelebtes Mitgefühl.
Die Könige hatten es in der Hand - nachdem sie auf anderen Wegen in ihr Land zurückgekehrt sind. Ob aus ihrem Kniefall vor dem Kind armer Leute politisches Handeln wurde? Grundstürzend kann es nicht gewesen sein. Dann hätte man sich davon erzählt.
Und wir, die wir aus dem Weihnachtsfest kommen? Haben wir gespürt, dass wir mit Menschen an der Krippe waren, die diese Pandemie sehr unterschiedlich trifft?
Die einen sind sehr viel reicher geworden, für andere ist ein Lebensentwurf zusammengebrochen. Die einen haben Familie genossen, die andern haben sie erlitten. Die einen konnten nicht wie immer, die anderen können nie mehr. Die einen haben auf und ab erlebt, die anderen waren bis zur Erschöpfung und darüber hinaus immer und immer dran…
Maria hat all das gesehen und in ihrem Herzen bewahrt. Übers Jahr wird sie wieder singen: „Er, Gott. hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen.“
Und wir? Werden wir hingesehen haben?

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  Wichteltür

Wichteltür

Peter Kapp, Pfarrer - 05.01.2022

Zum letzten Weihnachtsfest hatte ich erstmals eine Wichteltür in meiner Wohnung angebracht. Den Tipp hatte meine Tochter mir gegeben. Mein Enkelkind ist fast vier und liebt die kleinen Wesen, die sie aus Büchern und Erzählungen kennt. Sie würde sich bestimmt sehr freuen. Und man kann ja nie wissen…
Also bestellte ich eine solche Tür bei einer hiesigen Buchhandlung und bekam ein paar Tage später die Meldung: die Tür sei inzwischen vergriffen. Eine Lieferung zu Weihnachten nicht mehr zu erwarten. Ich hatte dennoch Glück: in einem Spielzeuggeschäft fand ich eine Wichteltür, knapp 15 Zentimeter hoch, ganz schön angemalt, ein winziger Briefkasten daneben und eine ebenfalls winzige kleine Fußmatte vor der Tür. Eine Leiter gehört ebenfalls zum Set, damit man die Tür auch über der Fußleiste gut erreicht. Und ein Besen, denn Wichtel kehren auch schon mal gern. Und beseitigen dabei das, was beim Fest stören könnte. Über Wichtel kann man im Online-Lexikon Wikipedia lesen:
Als Wichtel werden in Märchen, Sagen und Erzählungen Wesen bezeichnet, die von der Gestalt und Art her menschenähnlich sind, aber deutlich kleiner und in eigenen Gemeinschaften lebend. Sie tauchen meist in Gruppen auf, leben unterirdisch, in Höhlen oder in versteckten Ecken in den Häusern der Menschen. Im Allgemeinen sind sie den Menschen gegenüber freundlich und helfen ihnen, meist unaufgefordert, bei der täglichen Arbeit.
Ich hätte, ehrlich gesagt, vor ein paar Jahren nie gedacht, dass ich eine solche Tür einmal in meiner Wohnung anbringen würde. Aber nun ist es so. Und vielleicht ist diese Tür und all die Phantasien, die sich damit verbinden, ja auch ein Hinweis darauf, dass wir nicht nur als kleine Menschen Geheimnisse brauchen. In einer Welt, die wir manchmal für weitgehend entzaubert halten, da sind plötzlich Wichteltüren ausverkauft. Wer hätte das gedacht!
Für mich ist die kleine Tür an einer Ecke über der Fußleiste ein Zeichen dafür, dass nicht alles klar und eindeutig ist im Leben. Dass es oft mehr Fragen als Antworten gibt, dass wir mit unserem Verstehen oft ganz am Anfang sind. Die Hirten der Weihnacht hätten sich ja auch nicht träumen lassen, dass sie einfach so die Herden stehen lassen, nur weil ein paar Engel gesungen hatten. Und dass der Retter der Welt einfach nur ein Kind ist! Eigentlich ist diese Botschaft ja alles andere als normal. Man muss, man darf also bei Gott tatsächlich mit Überraschungen rechnen.
Und wir, die wir gerade sozusagen angekommen sind im neuen Jahr, dürfen das auch. Ich werde die kleine Wichteltür noch einige Zeit hängen lassen. Mal sehen, woran sie mich in diesen Tagen noch so erinnern wird. Bei Gott jedenfalls kann sogar eine Nacht hell werden. Und es kann sein, dass ein heller Stern nicht über einem Palast stehen bleibt, sondern über einem Stall. Wenn das nicht ermutigend ist!

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  Mitnehmen und weglassen

Mitnehmen und weglassen

Peter Kapp, Pfarrer - 04.01.2022

Heute ist der 4. Januar. Das neue Jahr ist noch ganz frisch. 89 Stunden ist es gerade alt geworden in diesen Minuten. Bei Neugeborenen findet in dieser Zeit die U 2 statt. Diese „U2“ ist die erste ärztliche Grunduntersuchung „von Kopf bis Fuß“. Wichtige Funktionen werden überprüft: die Haut, die Sinnesorgane, das Skelettsystem von Knochen, Muskeln und Nerven und anderes mehr. Man will jetzt alles gut vorbereiten für das kommende Leben, das irgendwann ja mal auf eigenen Füßen stehen soll. Für das neue Leben, das einmal erwachsen werden wird.
Das neue Jahr lässt sich nicht so einfach untersuchen wie ein Kleinkind. Und auch das ist ja oft schon mühsam genug. Das neue Jahr muss einfach ausprobiert werden. Wir müssen uns auf die anvertraute Zeit einlassen. Dabei ist es sinnvoll, auch einmal wieder nach hinten zu blicken. Wie war es denn im alten Jahr? Was kann ich getrost zurücklassen, wovon möchte ich mich verabschieden, was hatte seine Zeit? Und auch: was lohnt, eingepackt zu werden? Was kann ich wahrscheinlich auch im neuen Jahr gut gebrauchen?

Wer eine Reise unternimmt, manche erinnern sich sicher noch…, der muss ja packen. Nicht immer kann alles das mitgenommen werden, was man gern hätte. Oft muss man sich beschränken, muss also aussortieren und weglassen.
Die letzten Tage eines alten Jahres und die ersten eines neuen Jahres sind die so genannten Rauhnächte. Diese Zeit geht vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Manche verzichteten in diesen Tagen nach einem der vielen alten Bräuche aufs Wäschewaschen. Es ist eine Zeit, in der die Ängste größer sind als an anderen Tagen. Es ist wie das dünne Eis auf einem See, das man zuerst ganz vorsichtig prüfen muss, bevor man tatsächlich einen Fuß darauf setzen kann.
Und es kann eine Zeit sein, in der wir versuchen, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Was werde ich brauchen im neuen Jahr? Was steht mir schon zur Verfügung? Wir fangen ja nicht an wie ein neugeborenes Kind. Wir sind schon ausgerüstet mit Erfahrungswerten, wir haben schon Proviant im Rucksack, so könnte man sagen. Wir dürfen bei allen Erfahrungswerten nur nicht vergessen, dass das neue Jahr auch Chancen hat, dass es Neues bieten kann, dass Überraschungen möglich sind.
Die ersten Tage sind Übergangszeit. Das alte Jahr hängt noch nach, das neue Jahr ist noch nicht so vertraut. Erinnern wir uns an die weihnachtlichen Worte damals auf den Feldern: Fürchtet euch nicht. Das galt damals den Engeln und das gilt bis heute uns. Wir sind ja nicht allein unterwegs durch die Zeiten. Darauf dürfen wir trauen. Auch schon an diesem vierten Tag!

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  Ansichtssache

Ansichtssache

Peter Kapp, Pfarrer - 03.01.2022

Willkommen zu diesem ersten Wort zum Alltag im Braunschweiger Dom im Jahr 2022. Wir werden uns beim Schreiben der neuen Jahreszahl vielleicht noch ein paar Mal verschreiben. Das gehört dazu zu einem neuen Anfang. Außerdem natürlich die Frage, wie sich all die guten Hoffnungen und Vorsätze tatsächlich in dieses neue Jahr hinüberretten lassen. Wir ahnen sicher schon: manches wird da auf der Strecke bleiben. Mal sehen.
Noch ist es ganz frisch und neu, dieses Jahr, hoffen wir also, dass wir auch in 2022 wieder Gutes erleben werden, dass wir Grund haben, für Bewahrung und gutes Geleit zu danken.
Man sagt ja: wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Könnte das auch für dieses neue Jahr gelten? Dass dieses zarte neue Jahr vielleicht einen gewissen Anspruch darauf hat, dass wir ihm freundlich begegnen? Dass wir es herzlich willkommen heißen? Dass wir ihm Gutes zutrauen und nicht gleich mit unseren Vorurteilen kommen? Geben wir ihm also getrost eine Chance…
Als ich neulich mal wieder in Goslar war, sah ich im Vorbeifahren an den Wallanlagen eine große Skulptur stehen. Und aus dem Autofenster heraus konnte ich lesen: „Love“ – Liebe. Ein wenig habe ich den Kopf geschüttelt, das gestehe ich. Was soll das denn…? Und dann ist mir diese Skulptur im Kalender „Der andere Advent“ wieder begegnet. Und ich habe gestaunt. Man kann dieses Wort, so raffiniert ist es dort geschrieben, nämlich auch von der anderen Seite lesen. Und dann heißt es. „Hate“ – also Hass. Es ist die Skulptur „love-hate“ der Künstlerin Mia Florentine Weiss. Sie hat eine kleine Europareise hinter sich und ist nun in Goslar an ihren endgültigen Standort gekommen. Seit Juli 2021 steht sie nun dort in der Nähe der Kaiserpfalz.
Das Kunstwerk stellt die beiden menschlichen Emotionen einander gegenüber. Manchmal lassen sie sich ja kaum trennen. Liebe und Hass sind oft erschreckend nah beieinander. Und es kommt auf den Standort an, den wir einnehmen beim Lesen. Von der einen Seite Liebe, von der anderen Seite Hass.
Das wäre doch ein guter Vorsatz für dieses neue Jahr: einmal die Standorte wechseln. Einem anderen Standort eine andere Sicht und also eine neue Ein-Sicht zutrauen. Sich von einem neuen Ausblick überraschen lassen.
Die Goslarer Skulptur, so habe ich gelesen, ist ein „Ambigramm“. Von lateinisch ambo – beide und griechisch gramma Schrift. Es meint ein Wort oder einen Schriftzug, der aus verschiedenen Blickwinkeln gelesen werden kann und dann jeweils eine andere Bedeutung hat. Liebe und Hass sind es hier. Und ich denke, auch das neue Jahr wird mindestens ambivalent werden. Gebe wir ihm eine faire Chance und wechseln wir gelegentlich die eigene Position. Wir werden überrascht sein über die neuen Aussichten.

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  Was noch?

Was noch?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.12.2021

Alle Jahre wieder findet sich in der Süddeutschen Zeitung, Seite 4, dort wo sonst Meinungen und Kommentare zu den Themen des Tages abgedruckt sind, eine Art Weihnachtspredigt von Heribert Prantl. Schon allein das - diese Platzierung an renommiertem Ort - ist bemerkenswert und gilt vermutlich nicht nur dem verdienstvollen Autor.
Und erst recht: für einen kurzen freundlichen Moment macht eine der wichtigsten deutschen Tageszeitungen die Weihnachtsbotschaft zum Topthema - vor Corona und Wladimir Putin.
Für einen kurzen und doch ernstgemeinten Moment wird abgebildet, was sonst nur noch in theologischen Vorträgen laut wird: dieses Ereignis ist das Prisma durch das hindurch wir auf alles andere sehen. Weltdeutung macht keinen Sinn, wenn man sie in anderem Lichte versucht als in diesem. Damals, in der Krippe von Bethlehem passiert, was für alle Zeiten Vorzeichen dessen bleiben wird, was wir - mitten in dieser Welt - mitsamt ihren komplexen Gesellschaften und politischen Systemen erleben.
Alle Jahre wieder macht Heribert Prantl darum das, was sonst vor allem die tun, die auf die Kanzel müssen: die uralte Geschichte wird daraufhin abgeklopft, was sie genau dieses Jahr erzählt.
2021 hält er fest:
„Die Weihnachtsgeschichte handelt von kleinen Leuten, die zwar in der Volkszählung des Kaisers gezählt werden, die aber eigentlich nichts zählen. In der Weihnachtsgeschichte zählen sie etwas, deshalb begegnet ihnen das Heilige.“ Deshalb.
Jeden Morgen in diesem zuende gehenden Jahr haben wir gehört, wieviel Menschen dieses Mal gezählt wurden, erfasst von einem Amt. Mal waren es Hunderte, mal Zehntausende - dahinter bargen sich Namen und Lebensgeschichten. Dahinter stehen Hoffnungsgeschichten, Angst und Leid, Sterben und hin und wieder auch ein Wunder.
Die Weihnachtsgeschichte erinnert daran, dass es in Gottes Augen keine namenlosen Menschen gibt; niemand ist nur eine Nummer.
Darum erscheinen die Engel auch nicht den Großen und Mächtigen, deren Namen und Taten in Nachrichten und Geschichtsbüchern ohnehin festgehalten werden- sondern den Hirten, denen die es nötig haben, dass einer ihnen sagt: „Fürchtet Euch nicht!“

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  Rettung muss man zulassen

Rettung muss man zulassen

Heiko Frubrich, Prädikant - 28.12.2021

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ So lautet der Wochenspruch aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums. Auch hier geht es um Weihnachten, doch klingt es bei Johannes so ganz anders als zum Beispiel bei Lukas, der ja tatsächlich die Weihnachtsgeschichte sehr detailreich erzählt: „Und es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“, diese Worte sind uns sehr geläufig.
Bei Johannes hingegen finden wir eine Beurteilung, die, wie ich finde, an Aktualität kaum zu übertreffen ist. Ich meine den Satz: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Ja, auch das ist ein Markenzeichen unserer Beziehung zu Gott: Wir entscheiden, ob wir sie eingehen oder nicht. Gott drängt sich nicht auf, er zwingt uns zu nichts und er lässt sogar zu, dass wir ihn ignorieren. Dabei ist das schon `ne echte Nummer, denn wir müssen uns mal klarmachen, was an Weihnachten passiert ist.
Dass Gott Mensch wird, ist ja nicht nur ein Zeichen von großer Solidarität, so nach dem Motto: „Ich werde einer von Euch!“ Nein, Gott macht sich ganz bewusst klein und unbedeutend, was ja auch die Rahmenbedingungen zeigen, unter denen all das passiert: in einem miefigen Stall, nachts, draußen, im Winter. Und die ersten, die davon erfahren, sind einfache Hirten.
Und wir Menschen nehmen uns das Recht heraus, das einfach mal zu ignorieren – na lass diesen Gott doch machen, ich lebe mein Leben so, wie ich es für gut und richtig halte. Es ist diese Mischung aus Überheblichkeit und Egoismus, die es Gott so schwermacht, die er uns aber zubilligt. Die Freiheiten, die er uns schenkt, beinhalten eben auch, ihn, Gott, nicht ernst zu nehmen.
Überheblichkeit und Egoismus sind aber auch eine gute Basis, um seine Mitmenschen nicht ernst zu nehmen, sie nicht zu sehen mit ihren Bedürfnissen, ihren Sorgen und ihrer Not. Ja auch dazu hat uns Gott Freiheit geschenkt, Freiheit über alles und über jeden hinwegzusehen, wenn er, sie oder es nicht in mein eigenes, selbstgebasteltes Weltbild hineinpasst.
Und im Basteln von Weltbildern sind wir wirklich beinahe unschlagbar! Wir werden bestens versorgt mit alternativen Fakten, wie es freundlich umschrieben wird, gemeint sind Lügen, verdrehte Tatsachen und wüste Verschwörungstheorien. Und einmal gefangen in so einem Netz aus ideologisierten Informationen, wird es schwer, wieder herauszufinden. Das wissen diejenigen, die hier ihr eigenes Süppchen kochen, und sie befeuern ganz bewusst solche Entwicklungen.
Prädikant Marc Bühner hat gestern seine Andacht mit dem Satz beendet: „Christ, der Retter, ist da!“. Das stimmt. Doch wir müssen uns auch retten lassen wollen! Wir müssen uns auf die Seite derer schlagen, die bereit sind, Gottes Angebot anzunehmen. Wir müssen seine offenen Arme sehen und uns ihm zuwenden, so, wie er sich uns zugewendet hat. Wir müssen Gott und seine Botschaft an uns heranlassen. Dann, aber eben auch nur dann, haben wir eine Chance auf Rettung.
Und dann gilt uns auch das Wort des Engels, dass er den Hirten auf den Feldern Bethlehems zugesprochen hat: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude. Denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Halleluja. Amen.

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  Was bleibt von Weihnachten?

Was bleibt von Weihnachten?

Marc Bühner, Prädikant - 27.12.2021

Mal eine Frage: Gehören Sie zu den Menschen, die es schade finden oder die froh sind? Worüber? Na, dass die Weihnachtsfeiertage vorbei sind.
Ja, Weihnachten liegt nun wieder hinter uns. Wir haben es für dieses Jahr wieder geschafft. Ob die Vorbereitungen nun gut waren oder nicht, ob alles perfekt gelaufen ist oder nicht, nun ist es vorbei und die einen sind halt froh darüber und andere finden es schade. OK, es gibt sicherlich auch noch die, denen es egal ist.
Auch wenn die Festtage nun vorbei sind und die Stadt die meisten Weihnachtsdekorationen schon bereits vor dem Heiligen Abend abgebaut hat (was ich persönlich sehr schade finde und auch ziemlich unpassend), so ist Weihnachten genau genommen noch lange nicht vorbei, denn mit Weihnachten beginnt ja erst die Weihnachtszeit.
Doch irgendwie macht es gerade in diesem Jahr den Eindruck, als wäre alles schon wieder richtig vorbei. Es wird sicherlich auch nicht mehr lange dauern und die Weihnachtsbäume werden abgeschmückt und durch die Stadtreinigung abgeholt. Doch hier im Dom und in den Kirchen bleibt alles noch geschmückt und die Stadtreinigung wird auch dieses Mal einmal extra hier in die Innenstadt kommen müssen, um unsere Weihnachtsbäume vom Dom abzuholen.
Ja, dann werden wir hier die Krippe auch abbauen und die Dekorationen können dann wieder gut verpackt weggestellt werden, bis zum nächsten Mal!
Und wenn Weihnachten dann wirklich vorbei ist, was wird bleiben?
Nur ein paar freie Tage, einige Erinnerungen an schöne und besinnliche Stunden oder was? Ist dann alles schnell wieder vergessen oder klingen die uns so bekannten und geliebten Worte doch noch in unseren Ohren nach? Was nehmen wir von diesem Weihnachtsfest mit, für unser Leben?
Wie wäre es mit Jesus selbst? Nehmen wir doch einfach ihn mit in das neue Jahr, in unser Leben. Ihn, der nie ein Weihnachtsfest erlebt hat und nie einen Weihnachtsbaum gesehen hat. Der nie die Dekorationen gesehen hat, ohne die bei uns das Fest unmöglich wäre. Aber wäre er nicht in unsere Welt gekommen, dann hätte es auch nie ein Weihnachtsfest gegeben! Er selbst hat seit fast 2000 Jahren Kindern und Erwachsenen viel mehr Freude vermittelt, als irgendein anderer auf dieser Welt. Er hat mehr Licht, Zuversicht und Hoffnung in diese Welt gebracht, als alle Denker, Schriftsteller und Philosophen der Weltgeschichte. Er ist das Geschenk Gottes an die Menschen. Er ist aber nicht das kleine Christkind geblieben, sondern wurde der Mann, der für unsere Sünden ans Kreuz gegangen ist. So sehen wir nun schon wieder auf Ostern, denn beides – Weihnachten und Ostern – beides gehört zusammen wie die zwei Seiten einer Medallie.
Ja, dass Weihnachtsfest mag vorbei sein, die Kerzen verglühen, Gefühle verschwinden, frohe Stunden sind schnell vorbei gegangen und die Dekorationen werden eingepackt.
Das Licht der Weihnacht aber bleibt, wenn wir Gottes Liebe annehmen und weitergeben. Wenn wir begreifen, das Gott zu uns gekommen ist in dieser Weihnacht, jetzt und jedes Jahr neu und auch die Weihnachtsbotschaft gilt weiter: Christ, der Retter, ist da!

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  IN EINIGEN TAGEN...

IN EINIGEN TAGEN...

Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen - 20.12.2021

In einigen Tagen ist es wieder soweit. Die Krippe steht aufgebaut unterm Baum. Holz und Stroh, dazwischen die Figuren. Eine kleine Lampe wirft schwaches Licht über die Szene. Weihnachtliches Stillleben.
Aus ihrem Stall schauen sie in unsere Wohnzimmer herüber. Dort Provisorium, hier gepflegte Festlichkeit. Wortlos fallen ihre Blicke auf uns. Schauen Sie: Josef steht mehr daneben und im Hintergrund. Keine Hauptrolle. Es ist, als wolle er uns seinen Platz anbieten. Komm! Mach weniger Programm. Hab weniger Kontrolle. Übe dich im Dasein. Nicht nur machen, sondern einmal nur assistieren. Und sich freuen, wenn etwas Schönes geschieht.
Maria ist ganz nah am Zentrum, in der Mitte dieser Szene. Sie ist matt und ihre Energie ist verbraucht. Schwangerschaft und Geburt sind zusammen die schöpferischste Tat, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist. Nun hockt sie entkräftet neben der Krippe. Sie sitzt dort für die angegriffenen und ausgelaugten Gemüter. Eure Anstrengung, eure Aufopferung, eure Mühsal bringt etwas in die Welt, das mehr und größer ist als ihr selbst. Erholt euch in dem Glanz, mit dem Gott euch jetzt anstrahlt.
Da stehen noch andere Figuren. Aber wer findet sich unter uns als Gegenüber zu den Hirten und Weisen? Ich habe den Eindruck, in der gegenwärtigen Lage gibt es kaum Zuschauer in dieser Szene. Gewiss gibt es viele, die am Rande stehen. Einflusslos können sie nur wahrnehmen und hinnehmen, was gerade geschieht, und für sich das Beste daraus machen. Die, die aus rauer Lebenskälte kommen, dürfen hier nicht fehlen. Die, die aus ihrer wohligen Kultiviertheit heraustreten und sich mit wacher Neugier auf den Weg machen, auch nicht. Es gibt z.Zt. viel zu wenig Gelegenheiten und Orte, wie Menschen zusammenkommen und etwas Gemeinsames finden. Wir brauchen solche leicht zugänglichen Provisorien, offene Aufenthaltsorte, wo wir einander flüchtig begegnen. Die Pandemie engt die Möglichkeiten dafür ein. Trotzdem dürfen wir einander nicht aus den Augen verlieren.
Weihnachten ist ein Angebot, das in unserer jetzigen Lage treffender nicht sein könnte. Wo auch immer wir uns aufhalten, von dieser Geschichte geht in alle Richtungen eine Botschaft aus. Wohin auch immer sich Menschen zurückziehen, eine Nachricht soll in jeden Winkel, in jede Twete und jede noch so dunkle Einsamkeit gelangen. „Euch ist der Heiland geboren.“ Gott lässt euch nicht. Lässt euch nicht allein. Lässt euch nicht in Ruhe. Auch wenn die Zeit erbarmungslos über dich hinweggeht, lässt Gott dich im Gewoge der Weltgeschichte nicht unter- und verlorengehen. Dieser Name, die dazu gehörende Person und ihre Geschichte ist Gottes ausgestreckte Hand. Jesus von Nazareth. In aller Not und Traurigkeit ist er ein Lichtblick, „eine Freude, die allem Volk widerfahren wird“. In seiner Geschichte kommt Gott zu dir.
Bitte nicht missverstehen! Der Glaube an Jesus ist keine frömmlerische Heimeligkeit, auch wenn er uns eine tiefe Geborgenheit bringt. „Allem Volk“ – das weitet den Blick. Wo diese Botschaft ankommt, darf keine und keiner übersehen werden. Irgendwann, liebe Leserin und lieber Leser, irgendwann stehen wir wieder gemeinsam „an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben“. Dann schauen wir einander verwundert an und merken, wie geräumig und menschenfreundlich diese Botschaft ist. Gemessen an der Liebe Gottes sind unsere großen romanischen und gotischen Kirchen nur ein schwaches Abbild. Verglichen mit der Engherzigkeit und Pedanterie, die die Pandemie uns aufzwingt, sind sie gerade richtig, um unsere verkümmerten Seelen wieder aufzurichten und unseren Tunnelblick wenigstens etwas zu weiten. Hier ist genug Platz zum Verweilen und Luft zum Atmen. Hier ist die Botschaft zu Hause, in der Christus sagt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!
Der immer schon uns nahe war,
der stellt sich als Mensch den Menschen dar.

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  Es ist ein Ros entsprungen

Es ist ein Ros entsprungen

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.12.2021

Wahrscheinlich war sie gerade einmal 12 Jahre alt, als sie sich verlobt hat, oder besser gesagt: als sie verlobt wurde. Dabei hat sie wohl Glück gehabt, denn der Mann an ihrer Seite geht mit ihr im wahrsten Sinne des Wortes durch dick und dünn. Die Umstände hätten es ihm erlaubt, seine Verlobte zu verlassen, sie allein zu lassen mit ihrem Schicksal, doch das tut er nicht. Und was dieses jüdische Mädchen trotzdem noch alles auszuhalten hat, ist wirklich ein dickes Brett.
„Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd; aus Gottes ew’gem Rat hat sie ein Kind geboren wohl zu der halben Nacht.“
Das, was die zweite Strophe des Chorals „Es ist ein Ros entsprungen“ beschreibt, wird Marias Lebensleistung bei Weitem nicht gerecht. Sie wird als junges Mädchen unehelich schwanger. So etwas bringt ja selbst heutzutage Lebenspläne ganz ordentlich durcheinander, zu Marias Lebzeiten war es eine echte Katastrophe.
Für ihren Verlobten und ihr gesamtes Umfeld musste klar sein: Maria hatte etwas mit einem fremden Mann und das bedeutete seinerzeit mindestens den Ausschluss aus der Gesellschaft, wenn nicht sogar den Tod der Frau. Wir wissen heute, dass Maria dieses Schicksal erspart blieb, auf Rosen gebettet, um mal im Bild zu bleiben, wurde sie allerdings auch nicht.
Aus Gottes ew’gem Rat hat sie ein Kind geboren, so heißt es richtigerweise. Ich frage mich nur: Hätte Gott es Maria nicht ein bisschen leichter und komfortabler machen können? Warum diese widrigen Umstände, warum die kaum auszuhaltenden Beschwernisse, warum musste Maria das alles über sich ergehen lassen?
Diese Fragen dürfen wir uns im Übrigen durchaus auch bezogen auf uns selbst stellen. Unsere Lebenswege führen keineswegs nur über glattem Asphalt. Immer wieder müssen wir uns über holpriges Kopfsteinpflaster oder durch tiefe Schlaglöcher quälen. Warum eigentlich? Die Frage ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit und eine befriedigende Antwort hat noch niemand gefunden – und wenig überraschenderweise ich auch nicht.
Allerdings gibt es auf eine andere wesentliche Frage eine Antwort, nämlich auf die, wie Maria das alles aushält. Vertrauen ist die Antwort. Vertrauen darauf, dass all das, was ihr und uns in unserem Leben widerfährt, zu Gottes großem Plan gehört an dessen Ende er es gutmachen wird – auch mit uns.
Maria lässt sich nicht unterkriegen, ihr Gottvertrauen ist stärker als all ihre Zweifel und ihre Angst. Sie hat ganz sicher in vielen Momenten keine Ahnung gehabt, wie es weitergehen soll, nächste Woche werden wir davon hören. Doch sie hat nicht aufgegeben, sie ist ihren Weg weitergegangen, weil sie wusste, dass Gott sie in allem begleitet und dass er es gut mit ihr meint.
Ja, wir werden auch in diesem Jahr feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Doch wir dürfen auch feiern, dass uns Maria gezeigt hat, welche Kraft uns aus Gottvertrauen zuwachsen kann. Unser evangelisches Verhältnis zu Maria ist ja deutlich nüchterner als das unserer katholischen Geschwister. Und dennoch sage ich: Ich bin tief beeindruckt und begeistert vom Lebens- und Glaubenswerk dieser tapferen jüdischen Frau.

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  Jauchzet

Jauchzet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.12.2021

Am vergangenen Wochenende wurde hier im Braunschweiger Dom das Weihnachtsoratorium aufgeführt. Ich saß (wie alle mit Abstand rechts und links und Maske auf der Nase) im halbleeren Dom und es sprang mich richtiggehend an: „Jauchzet frohlocket!“
Bin ich gemeint? Danach war mir nicht zumute.
Ob die Menschen sich 1734 in Leipzig auch wunderten und fragten, was da in dem großen Meister vorgegangen ist, dass ausgerechnet das die ersten Sätze sind?
„Jauchzet, frohlocket! Lasset das Zagen, verbannet die Klagen, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit ein.“ Es täte uns wohl gut. Aber so einfach geht es nicht.
Ich stelle mir die Hirten vor – müde und abgearbeitet, vielleicht auch sorgenvoll, wie lange sie das noch so durchhalten; ich stelle mir eine Krankenschwester vor, mitten in der Nacht, die xte-Schicht, müde und am Ende ihrer Kräfte und noch immer steht Schwieriges bevor.
Und dann klingt es, woher auch immer:
„Jauchzet, frohlocket … Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören…“
Sie dient ja, wie die Hirten, Tag und Nacht, bis zum Umfallen … - aber mit herrlichen Chören? Geht das nicht alles am wirklichen Leben vorbei?
Kein Wunder, dass nötig wird zu singen: „Brich an du schönes Morgenlicht…“.
Darauf kommt es schließlich an: dass es wieder hell wird, dass sich im Alltag der Welt, bei Tageslicht besehen, Hoffnung schöpfen lässt.
So saß ich und sinnierte staunend, was Johann Sebastian Bach da den Menschen zugemutet hat.
Und dann passierte eine Art Wunder. Das Konzert ist vorbei. Chor und Orchester erheben sich und sie strahlen und leuchten – fast als stünden uns die himmlischen Heerscharen gegenüber. Unglaublich: sie sehen so erfüllt aus, dass man nicht anders kann als ihnen abzunehmen:
Es muss einen Grund geben, das Klagen und Zagen zu lassen, zu jauchzen und fröhlich einzustimmen. Susanne Krumbiegel im leuchtenden Marienblau scheint zu ahnen, dass dieser Moment entsteht, denn gerade hat sie gesungen: „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinen Glauben ein!“ So möge es sein. So kann Weihnachten werden.

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  …und wie begegne ich dir?

…und wie begegne ich dir?

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.12.2021

Nichts ist beständiger als der Wechsel. Dieser Satz will ausdrücken, dass wir uns in unserem Leben stets und ständig mit Veränderungen auseinanderzusetzen haben – ob wir das nun mögen oder nicht. Unser Umfeld verändert sich, die Menschen um uns herum tun es und wir selbst sind davon auch nicht frei. Kurz: Nichts bleibt so wie es war und auch nicht wie es ist.
Veränderungen werden oftmals durch äußere Einflüsse ausgelöst, zum Beispiel durch Menschen, die wir neu kennenlernen, zu denen wir Kontakte aufbauen, mit denen wir Freundschaften oder Beziehungen eingehen. Manches kommt für uns dabei überraschend, anderes ist planbar und ermöglicht uns, dass wir uns darauf vorbereiten.
Eines der, wie ich finde, schönsten Adventslieder ist Paul Gerhardts „Wie soll ich dich empfangen?“. Hier fragt einer, der sich auf etwas vorbereiten will, vorbereiten darauf, dass da ein Kind in der Krippe in sein Leben tritt. Hier fragt einer, der nichts falsch machen möchte, der wissen will, worauf es ankommt, der wissen will, was Jesus Freude macht. Setze mir die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei – so fasst es Paul Gerhardt in Worte.
In unseren Gesangbüchern hat das Lied die Nummer 11. Es steht ganz vorne bei den Adventsliedern und wir singen es meist auch nur in den Wochen vor Weihnachten. Doch was ist dabei eigentlich unsere Motivation oder unsere Intention, wenn wir es singen? Wollen wir damit sicherstellen, dass Weihnachten gelingt? Wollen wir uns gut vorbreiten auf dieses Fest, an dem wir feiern, dass Gott Mensch wird. Wollen wir uns gut vorbereiten, damit dieses Fest „schön“ wird, ohne Krach in der Familie, ohne Enttäuschungen bei den Geschenken und idealerweise so, dass wir den süßlich harmonischen Zauber der Weihnacht erleben, den wir den Weihnachtsfeiertagen so gerne andichten?
Aus all diesen Gründen könnten wir das Lied singen, doch das ginge an dem, was Paul Gerhardt ausdrücken wollte, meilenweit vorbei. Die Frage „Wie soll ich dich empfangen?“ ist keine Adventsfrage. Sie ist eine Lebensfrage! Es ist ja in aller Regel nicht so, dass wir nur ein einziges Mal in unserem Leben in irgendeiner Weise auf Gott treffen, einmal von ihm lesen, von ihm hören oder ihn erleben und damit ist dann alles klar zwischen ihm und uns, ein für alle Mal. Ich denke, dass sich unser Verhältnis zu Gott und Jesus Christus auch permanent verändert, dass wir Nähe erfahren und Ferne, dass wir verstehen und dann auch wieder fragen und zweifeln, dass wir Liebe und Geborgenheit empfinden und dann auch wieder Wut und Hadern.
Und so treffen wir eben immer wieder auf Gott, lernen ihn immer wieder neu kennen, lernen dabei vielleicht sogar auch uns selbst immer wieder neu kennen in anderen Facetten unseres Christ-Seins. Und es stellt sich jedes Mal wieder diese Frage: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir? Und wir werden immer wieder neue Antworten finden – unser Leben lang. Amen.

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  Wie soll ich dich empfangen?

Wie soll ich dich empfangen?

Jakob Timmermann, Pfarrer - 11.12.2021

In seinem Bauch kribbelt es schon den ganzen Tag. Die Vorbereitungen haben ihn mal mehr, mal weniger abgelenkt. Ganz weg aber, war die Anspannung nie. Und jetzt steht er vor dem Spiegel und weiß nicht mehr weiter.
Den ganzen Tag über hat er überlegt, wie er sich vorbereiten soll? Längst ist die Wohnung aufgeräumt. Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt. Und trotzdem hat er jetzt schon drei Mal das Hemd gewechselt, drei verschiedene Krawatten um- und wieder abgebunden. Hat alle Sakkos anprobiert, die im Schrank hingen. Aber nichts scheint zu passen.
Wenn es ein Theaterbesuch wäre, dann wüsste er Bescheid! Fein und bequem. Klar. Wenn er zum Essen eingeladen wäre. Leger und gemütlich. Und auf jeden Fall die Hose, bei der sich der Knopf heimlich öffnen lässt, falls das Essen zu gut ist. Wenn es ein Festakt wäre oder ein Gottesdienst – er wüsste Bescheid; aber jetzt steht er ratlos vor dem Spiegel.
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“
So stand es auf dem Brief, den er am 1. Advent vor seiner Haustür gefunden hatte. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Lange hat er sich geärgert: Das ist ja noch dreister als die Telekom oder die Schornsteinfeger, die einem irgendwelche Termine und Zeitfenster aufzwingen. Doch gleichzeitig hatten diese Worte etwas so Stolzes, Ehrfurchteinflößendes, dass die Unruhe in ihm immer größer wurde. Und seitdem überlegt er, wie er diesen besonderen Gast empfangen soll. Wie soll ich jemanden empfangen, von dem ich nichts weiß? Wie soll ich denn auf etwas vorbereitet sein, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, was es ist?
Genervt reißt er sich die Krawatte vom Hals, die Karierte, zieht das Hemd wieder aus, das Blaue, zieht die Hose aus und schmeißt alles auf den Boden.
Und dann klopft es!
Er erschrickt! Jetzt schon? Es klopft nochmal. Er kann sich nicht bewegen. Er erstarrt. Sein Herz schlägt wie wild in seiner Brust und trotzdem versucht er leise zu atmen. Damit ihn niemand hört. Wieder klopft es. Und dann hört er auch noch eine sanfte Stimme: „Mach doch auf! Ich möchte mit dir zusammen essen!“
Ein paar Sekunden später hört er nichts mehr. Es klopft nicht mehr. Er hört keine Stimme mehr. Jedenfalls nicht mehr aus dem Treppenhaus. Geräusche dringen jetzt von der Straße zu ihm durch das Fenster. Er geht hin. Zieht zaghaft den Vorhang zur Seite, um mit einem Auge nachzusehen, was da vor sich geht. Und er traut seinen Augen nicht. Unten auf der Straße saßen plötzlich hunderte von Menschen an einer langen Festtafel – und alle in Unterwäsche!
Alle hatten sie gedacht, sie wären schlecht vorbereitet gewesen und trotzdem haben sie die Tür aufgemacht: Und dann war Weihnachten.

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  Schutzhandschuhengel

Schutzhandschuhengel

Henning Böger, Pfarrer - 10.12.2021

Mitten im bayerischen Passau werden Menschen zu Engeln. Das können sie sicher auch anderswo, aber in Passau besonders!
Dort hängt neben dem Eingang der Votivkirche in der Heilggeistgasse ein Paar Engelsflügel auf der Kirchenwand. Ein wenig sieht es so aus, als ob ein Engel sein Federkleid absichtlich zurückgelassen hätte, um darin Platz für andere zu machen. So jedenfalls verstehen viele Menschen die Einladung: Sie treten heran und erleben, wie ihnen auf einmal Flügel wachsen. Sie lachen. Sind gerührt. Fröhlich. Entzückt.
Eine Schülerin hat den Passauerinnen und Passauern dieses Erlebnis geschenkt. Vor zwei Jahren sind die Engelsflügel im Rahmen eines Schulprojektes zum Thema „Street Art“, zu deutsch Straßenkunst, entstanden.
„Schutzhandschuhengel“ heißt die Installation: ein origineller Titel für ein Kunstwerk aus unkonventionellem Material. Denn geformt sind die Engelsflügel aus 196 Latex-Handschuhen und 400 Metern Gartendraht. Für die Handschuhe habe sie sich entschieden, so die jugendliche Künstlerin, weil die Finger wie Federn aussehen. Auf einer Tafel neben der Installation hat sie einen Satz notiert: „Nicht alle Engel haben Flügel, aber ein gutes Herz.“
Das ist ein schöner Satz, finde ich, einer zum Nachdenken: Der Schutzhandschuhengel würdigt die vielen Hände, die täglich in Haushalt oder Pflege Engelsdienste verrichten. Die sich denen zuwenden, die wenig oder keine Kraft mehr haben. Die sich müde arbeiten, um dort zu helfen, wo Not
am Mann oder an der Frau ist. Die jedes Menschenleben als würdig erachten, angesehen und berührt zu werden. Denen jedes Leben der Liebe wert ist.
„Engel kennen sich aus mit wunden Seelen.“ Das schreibt der Theologe Gerhard Engelsberger. Und weiter: „Engel kennen sich aus mit Gottes Liebe. Engel kennen sich aus mit menschlichen Schleichwegen. Sie kommen uns auf die Schliche. Sie wehren und warnen. Sie schützen und heilen.“
Im bayerischen Passau scheint einer von ihnen wie durch die Wand geschlüpft und hat die Flügel draußen gelassen. „Nicht alle Engel haben Flügel, aber ein gutes Herz.“ Ich höre das so: Wenn du einem Menschen Aufmerksamkeit und Ansehen schenkst, bist du wie ein Engel. Eine Botin Gottes, die seine Liebe mitten ins Leben trägt.

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  Weltantikorruptionstag

Weltantikorruptionstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.12.2021

Über diesem Donnerstag heißt es in den Herrnhuter Losungen bei dem Propheten Joel: „Der Tag des HERRN ist groß und voller Schrecken, wer kann ihn ertragen? Doch auch jetzt noch, spricht der HERR, kehrt um zu mir von ganzem Herzen!“
Das klingt wie ein allerletzter Aufruf. Da kommt etwas Ungeheuerliches, aber
noch ist es nicht zu spät, wenn wir uns jetzt noch ganz schnell Gott zuwenden – nicht aus Überzeugung nur aus Angst, sicher ist sicher - dann geht es noch, dann schlupfen wir noch durch.
Heute ist Weltantikorruptionstag.
Da gibt es viel zu untersuchen, in Zeiten, in denen unbürokratisch große Hilfen fließen und es vor allem auf Tempo ankommt, ist die Versuchung erst recht groß.
Antikorrupt. Gegen Bestechlichkeit. In gewisser Weise ist das auch ein sehr protestantischer Gedenktag, denn das mittelalterliche Ablasswesen war ja durchaus nicht frei von Bestechungsabsichten: Menschen kaufen sich frei als könnte man den Preis der Gnade berechnen oder Gott mit extra großen Zahlungen bestechen, nicht so genau hinzusehen, was denn sonst noch zu Buche schlägt.
Einmal aufgespießt, hat Martin Luther die ganze Gnaden- und Rechtfertigungslehre diesbezüglich durchgebürstet: wenn wir Gutes tun, damit Gott nicht anders kann, als uns liebevoll und gnädig anzusehen, dann nötigen wir ihn. Aber Gott lässt sich nicht bestechen. Wenn er uns freundlich ansieht, wenn wir ihm recht sind, dann geschieht es aus lauter Gnade und nur aus Gnade. Nicht, weil wir es irgendwie verdient hätten.
Darum liegt wohl auch der Schwerpunkt des Prophetenwortes nicht auf dem Zeitdruck: wenn du dich ganz sehr beeilst, dann kannst du schnell noch umkehren, ehe die Welt untergeht – aber eigentlich ist es schon (frei nach Jens Spahn) halb eins. Der Schwerpunkt liegt auf dem Herzen:
„Kehrt um zu mir von ganzem Herzen!“ Nicht, weil ihr euch davon Nutzen ausrechnet, sondern weil ihr in der Tiefe eures Herzens überzeugt seid, dass es gut und richtig wäre, ganz anders zu leben und falsche Wege nicht länger zu gehen. Und dann? „Dann seht auf und erhebt eure Häupter…!“ Und das geht ja nur, wenn man freimütig umhersehen kann, einen graden Rücken hat und sich nicht hat korrumpieren lassen…

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  Stoner und Weihnachten

Stoner und Weihnachten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.12.2021

Freundliche Menschen haben mir den „Anderen Advent“ geschenkt und ich genieße es, darin zu blättern und die Fotos anzusehen – mich finden zu lassen, von Ideen, Gedanken und Bildern, die andere angesprungen haben, als sie an diese Weihnachtszeit 2021 dachten.
Ein klimperkleines bisschen habe ich vorgeblättert zu John Williams, der in seinem Roman „Stoner“ schrieb:
„Als er sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel ..., dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegensehen sollte…“
So kann es einem auch mit Weihnachten gehen:
„Als er sehr jung war, hatte er die Weihnachten für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Weihachten sei der Himmel…, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegensehen sollte…“
Ungläubig, dass das Wunder der Weihnacht wirklich passiert sein soll oder passieren wird, ein bisschen staunend gegenüber den sentimentalen Weihnachtsmenschen und dabei verlegene sehnsüchtig, selbst ein Fitzchen Weihnachtsgefühl erhaschen zu können.
Da findet sich wohl manch eine wieder – und vielleicht ist die zwangsweise Reduktion all dessen, was sonst in diese Adventszeit fällt, wie ein Textmarker – nur das ganz Wichtige wird unterstrichen.
Bei John Williams klingt solche Herauskristallisieren so:
„Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung…“
Weder Gnade noch Illusion – so mag es mit der Menschenliebe sein, wenn sie unsere besten Seiten zum Klingen bringt.
Dass Gott kommt, dass Weihnachten wird – ist Menschwerdung aus lauter Gnade und ohne jede Illusion ein Liebesbeweis. Selig, wer dazu Zugang hat.

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  Nikolaus

Nikolaus

Marc Bühner, Prädikant - 06.12.2021

„Lieber, guter Nikolaus. Schau mich nicht so böse an.
Stecke deine Rute ein, ich will auch immer artig sein.“
Und? Waren Sie artig im vergangenen Jahr? Haben Sie gestern ihre Stiefel geputzt und vor die Tür gestellt?
Also ich hab gestern keine Schuhe geputzt und vor die Tür gestellt. Zum einen, weil ich sicherlich nicht immer brav gewesen bin im vergangenen Jahr, zum anderen, weil ich ja nun alt genug und kein Kind mehr bin.
Ach, wie schön war es doch als Kind, mit dem kindlichen Glauben an den Nikolaus und den Weihnachtsmann. Wie einfach war es doch, daran zu glauben und wie aufgeregt war man. Man konnte es kaum erwarten, dass man zuerst das erste Türchen vom Adventskalender öffnen durfte, dann konnte man kaum den Nikolaustag abwarten und dann fieberte man auf den Weihnachtsabend hin. Doch je älter man wurde, umso mehr verschwand der kindliche Glaube an einen Nikolaus und man musste die kalte Realität akzeptieren: Mama war es, die die Schuhe mit Süßigkeiten befüllte. Ein Jahr konnte der Glaube an den Nikolaus noch mit einer Erklärung gerettet werden: Der Nikolaus hat so viel zu tun, dass ihm alle Mütter bei seiner Arbeit helfen.
Und heute? Heute als Erwachsener hat einem der kindliche Glaube an den Nikolaus ganz verlassen… Leider!

Seit dem 12. Jahrhundert wird nun am 6. Dezember der Nikolaustag begangen. Viele Bräuche gibt es an diesem Tag, wovon das nächtliche beschenkt werden aber wohl der bekannteste ist. Doch warum ist das so? Diese Frage hat man sich als Kind nicht gestellt, sondern sich einfach über die Süßigkeiten gefreut. Doch als Erwachsener hinterfragt man ja nun immer alles.
Wenn man nun genau dieses hinterfragt, dann muss man erstmal fragen wer dieser Mann namens Nikolaus eigentlich war:
Bischof Nikolaus von Myra, eine Stadt in der heutigen Türkei, der im dritten Jahrhundert lebte und Nikolaus von Sion, einem Ort in der Nähe von Myra, der im sechsten Jahrhundert lebte, verschmolzen zu dem, den wir heute als den „Heiligen Nikolaus“ kennen. Und viele Legenden ranken sich um ihn. So soll er zahlreiche Wunder vollbracht haben: Zum Beispiel soll er einen Sturm besänftigt und mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben. Eine Erzählung handelt davon, wie er einem verarmten Vater von drei Töchtern hilft: Der verzweifelte Vater steht kurz davor, seine Töchter in die Prostitution zu schicken. Da hilft Nikolaus, indem er heimlich in der Nacht Goldstücke durch das Fenster wirft. Der Mythos des barmherzigen Helfers und Beschützers, der unerkannt in der Nacht Kinder beschenkt, ist geboren.

Die Kinder bekommen Süßigkeiten geschenkt und was bleibt an diesem Tag für uns Erwachsene?
Bischof Nikolaus von Myra... Diesen Mann oder besser gesagt diese Männern, dessen wir heute gedenken, können uns Erwachsenen am heutigen Tag ein gutes Beispiel sein. Welches, dass drückt folgendes Gedicht sehr gut aus:
„Lieber heiliger Nikolaus, komm doch heut in unser Haus.
Lehr uns an die Armen denken, lass uns teilen und verschenken.
Zeig uns, wie man fröhlich gibt, wie man hilft und wie man liebt.“
Nehmen wir Nikolaus als gutes Beispiel für unser eigenes Leben und versuchen wir es ihm gleich zu tun, so sind wir auf dem richtigen Weg, auf dem Weg hin zur Krippe von Bethlehem!

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  Sich eine Sehnsucht leisten

Sich eine Sehnsucht leisten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2021

Mittagsgebet 4.12.2021
Dietrich Bonhoeffer schrieb 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge: „Wer leistet sich hier noch ein starkes, persönliches Gefühl, eine wirkliche Sehnsucht?“ Damals saß er bereits ein Jahr im Gefängnis, noch nicht mal vierzig Jahre alt. Die Frau, die er liebte, hatte er gerade erst gefunden, ihre Lebensgeschichten hatten sich berührt aber noch nicht verbunden - dabei wird es bleiben. Ob er das ahnte? Immerhin schrieb er weiter: „Von mir persönlich muss ich jedenfalls sagen, dass ich viele viele Jahre lang zwar nicht ohne Ziele und Aufgaben und Hoffnungen, doch ohne persönliche Sehnsucht gelebt habe; und man ist vielleicht dadurch vorzeitig alt geworden….“
Vielleicht klingt in diesen Zeilen etwas nach - nicht im vollem Sound, das wäre vermessen, denn wir leben ja trotz aller Sorgen in relativer Behaglichkeit - vom Lebensgefühl dieses Advents. Wir sitzen nun auch schon über ein Jahr in Virushaft. Wir haben weiter gearbeitet, manche sogar bis an die Grenzen ihrer Kraft, natürlich hatten wir Ziele und Aufgaben, riesige sogar. Und Hoffnung - dass es dieses Weihnachten endlich vorbei wäre zum Beispiel, dass wir einander wieder richtig nah sein können. Mit Haut und Haar.
Hartmut Rosa, Soziologe in Jena, sagte vor Monaten: dieser Virus würde wie Mehltau auf unserer Gesellschaft, auf unseren Leben liegen. Mehltau. Natürlich, den Vergleich kennen wir und wissen: wenn Mehltau drauf liegt, sind Leichtigkeit und Klarheit dahin - dann dumpft man irgendwie rum.
Mehltau. Ich habe mich belernt. Im Brockhaus, dem gedruckten Old-Style-Lexikon steht: „mehlstaubähnlicher Belag auf den Blüten vieler Pflanzen, der aus echten oder falschen Mehltaupilzen besteht. Die Pilze entziehen der Pflanze durch Saugorgane die Nahrung.“
Wenn es ganz schlimm kommt, führt der Mehltaubefall zum Totalausfall der Ernte, jedenfalls aber gibt es vertrocknete braune Blätter - man wird, mit Dietrich Bonhoeffer, vorzeitig alt…
Dagegen hilft nur, so scheint es, „sich eine große Sehnsucht zu leisten“.
Zu leisten. Zu gönnen. Über den Durst hinaus. Ganz unabhängig von der Alltagsbilanz. Eine große Sehnsucht. Nicht nur die nach Plätzchen von Zuhause, sondern nach der Rückkehr des richtigen Lebens.
Dietrich Bonhoeffer, der hier in der Diesseitigkeit glauben lernen wollte, schrieb vielleicht deshalb an seine Liebste: „Du schreibst glücklicherweise keine Bücher, sondern tust, weißt, erfährst, erfüllst mit wirklichem Leben das, wovon ich nur geträumt habe.“
Vielleicht muss Weihnachten auch deshalb genau so sein: Gott kommt in das wirkliche Leben und füllt es so. Das ist die große Sehnsucht, die wir uns leisten können und sollten.

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  Was Musik so kann

Was Musik so kann

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.12.2021

Da saß Angela Merkel gestern abend vor dem Bendlerblock in der Stauffenbergstrasse – dort wo einst das Reichsmarineamt und später das Reichswehrministerium samt Heeresleitung residierten. 1938 wurde das Gebäudeensemble für das Allgemeine Heerasamt umfassend erweitert. Am 21. Juli 1944 wurden Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sein Adjutant Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht im Innenhof des Oberkommandos hingerichtet.
Und nun sitzt da eine Frau.
Uniformierte mit Stahlhelm und Fackeln marschieren auf und spielen: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nina Hagen, die nur ein Jahr jüngere Musikikone, Stieftochter von Wolf Biermann und wie er ausgebürgert, hatte das Lied 1973 gesungen. Das war sie genauso jung wie Angela Merkel. Vielleicht war es das Lied dieser Generation, ein heißgeliebter DDR-Schlager voller Bitternis.
Später folgten noch Hildegart Knefs: „Für mich soll es rote Rosen regnen“ und „Großer Gott, wir loben Dich.“
Alles ohne Text.
Alles in dieser Kulisse.
Unglaublich, wie sich die große Geschichte auf einmal in wenigen Liedern verdichtet und man spürt, dass man diesen Moment im Leben dieser Frau und der Geschichte der beiden Deutschlands gar nicht besser ausdrücken könnte.
Das ist eine Erfahrung, die ich dieser Tage auch mache.
Eigentlich schlägt einem die Situation aufs Gemüt – ich sehe den leeren Weihnachtsmarkt draußen und habe traurige alte Menschen am Telefon, die nicht wissen ob sie ihre Lieben dieses Jahr zu Weihnachten sehen werden und wer weiß, ob sie nächstes Jahr noch…
Es ist manchmal schier unmöglich, trotzdem von Hoffnung zu erzählen. Wie gut, dass es dann Musik gibt: die zauberhafte Chormusik aus dem Kings-College in Cambridge und die Mädchen und Jungen hier, die großartigen alten Gesangbuchlieder und das Weihnachtsoratorium: Lasset das Zagen, verbannet die Klage; Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit ein.“
In solchen Liedern kann man sich bergen – nicht zuletzt, weil die, die sie schufen – wussten, wie es sich anfühlt, wenn das Leben ein Schwarz-Weiß-Film ist. Erst recht, kann man sich darin bergen, wenn sie besingen für das, was der Kopf nicht fassen kann: „Die Nacht ist schon im Schwinden, / macht euch zum Stalle auf! / Ihr sollt das Heil dort finden, / das aller Zeiten Lauf / von Anfang an verkündet, / seit eure Schuld geschah. / Nun hat sich euch verbündet, / den Gott selbst ausersah.“




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  Welt-AIDS-Tag

Welt-AIDS-Tag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.12.2021

Heute ist Welt-AIDS-Tag. Wenn Sie mögen, können Sie – wie in den Jahren zuvor auch – ein Bärchen erwerben. Es ist noch das vom letzten Jahr, denn die Reiseerschwernisse treffen auch die Teddys – immerhin habe ich bei der Gelegenheit aber gelernt, dass sie handgemacht sind – und zwar nicht von Kindern.
Als AIDS nach und nach in unser Bewusstsein drang, hat es gedauert, bis wir wahrgenommen haben, was für eine schreckliche Plage da über die Menschheit kam. Der Übertragungsweg tat sein Übrigens, um die Krankheit zu tabuisieren und die Menschen, die an ihr litten und starben zu stigmatisieren.
Erst als das große Sterben begann – inzwischen sind es über 36 Millionen Tote - und die Zahl der AIDS-Waisen unübersehbar wurde, begann ein ernsthaftes Aufklären und Umdenken. Dabei gehörte zum Alptraum dazu, dass die HIV-Infektion unheilbar war und es entsetzlich lange dauerte, bis endlich Medikamente auf dem Markt waren. Doch damit war den Ärmsten der Armen – die unter anderem auch deswegen so schwer betroffen waren, weil Männer sich als Wanderarbeiter verdingten und Kondome ungebräuchlich waren – noch lange nicht geholfen, denn die Patente wurden nicht aus der Hand gegeben.
Vielmehr verteuerten Patente einmal mehr die Preise lebensnotwendiger Medikamente.
Vielleicht erinnern Sie an den Beginn der Corona-Pandemie.
Damals warnten verschiedene Politiker nahezu sofort, die Fehler aus dem Umgang mit den AIDS-Medikamenten nicht zu wiederholen und die Patente für Coronamedikamente und –impfungen der Weltgesundheit zur Verfügung zu stellen – und wenn es das schon nicht aus humanitärer Einsicht geschähe, dann doch wenigstens weil Unsummen staatlicher Gelder in die Entwicklung geflossen sein würden.
Nun stehen wir vor dem zweiten Coronaweihnachten und hören die Nachrichten, ahnen wie bitter die Konsequenzen der Gier für alle sein werden. Und hören noch immer und auch immer noch nicht auf den Propheten Jesaja, der sagt: „Merke auf mich... denn Weisung wird von mir ausgehen und mein Recht will ich zum Licht der Völker machen.“



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  Maria durch ein Dornwald ging

Maria durch ein Dornwald ging

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2021

Wort zum Alltag 1. Dezember 2021
Eines meiner Lieblingslieder im Advent ist schon immer „Maria durch ein Dornwald ging.“- Ich glaube, das liegt daran, dass meine Mutter das Lied so liebte und ich es immer ganz mit Dornröschen in Verbindung gebracht habe. Irgendwie habe ich da wohl immer eine Prinzessin gesehen, die sich durch die Dornen kämpft – Prinzen spielten in meiner Gedankenwelt keine große Rolle…
Später habe ich dann selbst ein in Kind im Dezember bekommen und noch einmal neu gehört, was es bedeutet, sich hochschwanger durch ungewisse Zeiten zu schleppen – damals wussten wir nicht, ob wir für unserer kleine Familie einen Ort finden würden, an dem wir gemeinsam leben und arbeiten können. Aber es war Advent und ging auf Weihnachten zu… - was für ein Segen.
Und heute höre ich:
„Maria durch ein' Dornwald ging. Kyrieleison!
der hatte in sieben Jahr'n kein Laub getragen! Jesus und Maria.“
Maria, sie ist noch eine ganz junge Frau – wenn der Wald seit sieben Jahren dürr und trocken war, dann sind es Kindheitserinnerungen, die von grünen Bäumen erzählen. Damals…
Wird das denen, die jetzt jung sind auch so gehen – dass sie sich eines Tages an ihre Kindheit erinnern werden – und erzählen: damals als die Pandemie noch nicht ausgebrochen war und im Harz noch Fichtenwälder standen.
„Was trug Maria unterm Herzen? Kyrieleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.“
Sicher und geborgen wächst das Christkind in Marias Leib heran. Einerseits. Und andererseits kommt Gott genauso auf die Erde – nicht von Engeln getragen und vorsichtig in die Krippe gelegt. Er wird von einer Menschenmutter ausgetragen, die sich sorgte, ob das Kind gesund sein würde und ob es in eine Welt geboren wird, in der es heil an Leib und Seele großwerden kann. Gott kommt im Leib einer Frau zur Welt, die sich angestrengt und mit geschwollenen Knöcheln durch dürre Landschaft schleppte – so wie überall auf der Welt junge Frauen ohne jede Fürsorge und Schutz schwanger gehen. Wie viele mögen es heute Abend sein?
In den Hungergebieten, in Flüchtlingslagern, dort wo kein Impfstoff hingeliefert wird???
„Da haben die Dornen Rosen getrag'n; Kyrieleison! Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen! Jesus und Maria.“
Gott kommt und die Dornen blühen Brot und Rosen heißt es in einem andern wunderbaren Lied, Heil und Heilung endlich – dort, wo man sich durch Dornen kämpft.

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  Richtig reich sein!

Richtig reich sein!

Henning Böger, Pfarrer - 30.11.2021

Manche Menschen haben viel gewonnen in der Coronazeit. Die Pandemie,
die uns auch in diesem Advent wieder schwer zu schaffen macht, hat rund
um den Globus Reiche und Superreiche noch etwas reicher gemacht.
Das hat die Studie einer Schweizer Bank ergeben.
Allein in Deutschland sind demnach in den letzten beiden Jahren etwa 90 Milliarden Euro an Geld und Vermögen hinzugekommen. Manche verdienten vor allem im Bereich der Computertechnik und an allem, was mit Hygiene- und Gesundheitsartikeln zu tun hat. Und andere hatten einfach zur richtigen Zeit die richtigen Aktien im Depot und sind jetzt eben noch ein wenig vermögender.
Was wird wohl aus dem schönen neuen Geld?
Das würde Jesus vielleicht auch gerne wissen. Denn der hatte ja, folgt man den Bibelerzählungen, nichts gegen reiche Menschen. Aber Jesus konnte sie dann und wann richtig herausfordern mit der Frage, was es bedeutet, richtig reich zu sein.
Als einmal ein reicher junger Mann zu Jesus kommt und mit ihm redet, sagt Jesus einen Satz, der berühmt geworden ist: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Das ist ein starker Satz, bei dem es, wenn ich recht sehe, gar nicht ums Geld geht, sondern um etwas anderes, nämlich um Verantwortung. Es ist schön, reich zu sein. Aber was machst du mit deinem vielen schönen Geld?
Darauf fällt dem jungen Mann nichts mehr ein. Und das ist sein Problem. Dabei könnte die Antwort doch ziemlich einfach sein, oder? Vor allem in der Adventszeit …
Ich gebe etwas ab von dem, was ich habe. Ich muss nicht alles festhalten. Lieber teile ich. Und jede und jede teilt, was er oder sie verantworten kann. Und im Zweifel vielleicht einfach ein klein wenig mehr. Das ist ein schöner Gedanken, finde ich! Es ist eine wunderbare Gabe, etwas besitzen zu dürfen. Man kann sich mit seinem Besitz das Leben schön machen. Aber das war es dann ja noch nicht. Wie wäre es, höre ich Jesus fragen, wenn du noch ein Schrittchen weiterdenkst: Besitz ist schön, aber richtig reich bist du erst, wenn du auch abgeben kannst. Dann können sich nämlich noch andere ihr Leben etwas schöner machen.

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  Acht Kerzen

Acht Kerzen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.11.2021

Mittagsgebet 27. November 2021
In diesem Jahr hätten wir unter anderen Umständen 1700 Jahre Jüdisches Leben gefeiert - nicht nur daran gedacht - und dann wäre uns auch mit besonderer Freude aufgefallen, dass das Chanukkafest mit dem ersten Advent zusammenfällt.
Das jüdische Lichterfest hat seine Wurzel in der Erinnerung an die Wiedereinweihung des jüdischen Tempels 146 vor Christus. Nach der jüdischen Zeitrechnung ist das das Jahr 3597. Während ich das schreibe, staune ich still: so selbstverständlich orientiert sich unser Kalender noch immer an der Geburt Jesu. Unvorstellbar, dass sich das heute durchsetzen würde…
Zu Chanukka jedenfalls gehört nicht nur die Geschichte des Makkabäeraufstandes sondern auch ein Lichtwunder. Es gab eigentlich bei jener Einweihung nur Öl für einen Tag, aber es reichte acht Tage lang. Zeit, den Neuanfang zu feiern. Zeit, zu feiern, dass man überstehen kann und das man länger durchhalten kann als man dachte. Acht Tage lang staunen, wieviel Widerstandskraft in uns ist und sich zu vergewissern, dass wir nicht allein sind - denn dort, wo man als jüdische Familie sicher wohnen kann - steht der Chanukkaleuchter im Fenster…
Während ich der Geschichte des Festes nachgegangen bin, stieß ich in der „Jüdischen Allgemeinen“ auf eine spannende Debatte zwischen zwei jüdischen Denkschulen Beit Hillel und Beit Schammai. Man stritt über die ideale Art, die Chanukkakerzen anzuzünden. Nach Beit Schammai sollten am ersten Tag von Chanukka acht Kerzen und an jedem weiteren Tag eine Kerze weniger angezündet werden. Nach Beit Hillel sollte sich die Anzahl der Kerzen hingegen in jeder Nacht erhöhen.
Vielleicht spiegelt diese die Art und Weise wider, wie wir von solchen Geschichten zehren. Entweder schenken sie uns einen inspirierenden Monet, eine Art Erleuchtung, die nach und nach verglimmt und wieder in Vergessenheit gerät oder an Bedeutung verliert. Oder es wird eine Hoffnung gesät, die Wurzeln schlägt und Kraft gewinnt, bis aus einem winzigen Flämmchen richtig helles Licht geworden ist. Der Londoner Rabbi
Jonathan Sacks schloss daraus: „Es gibt immer zwei Wege, um in einer Welt zu leben, die dunkel und voller Tränen ist: Wir können die Dunkelheit verfluchen oder wir können ein Licht anzünden.“
Morgen ist für uns der erste Advent…

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  Das neue Kirchenjahr...

Das neue Kirchenjahr...

Marc Bühner, Prädikant - 26.11.2021

Ewigkeitssonntag liegt hinter uns und damit schließen sich die Pforten des alten Kirchenjahres und das neue Kirchenjahr öffnet seine um einen Spalt. Und wie bei allem Neuen wird gefragt, was es bringen wird und was wird uns erwarten?
Das neue Kirchenjahr beginnt übermorgen, also am kommenden Sonntag und damit die Adventszeit. Irgendwie hat man ja aber schon wieder seit Anfang November das Gefühl, das Advent ist. Im Fernsehen laufen schon seit Wochen irgendwelche amerikanischen Weihnachtsfilme, in den Regalen im Supermarkt liegt das Weihnachtsgebäck auch schon lange zum Kauf bereit und die Innenstadt ist geschmückt und auch viele Hausbesitzer haben weihnachtlich dekoriert und der Weihnachtsmarkt ist im vollen Gang. Die einen freuen sich sehr darüber und die anderen fragen sich, ob es in der derzeitigen Situation mit den steigenden Corona-Zahlen wirklich vernünftig ist.
Ja und so laufen auch wir mal wieder im vollen Gang, denn nun ist es auch an uns die Advents- und Weihnachtszeit vorzubereiten und halt alles was so dazu gehört. So beginnen wir das neue Kirchenjahr mit Hektik und Stress, wobei wir doch eigentlich in der kommenden Zeit die Ankunft unseres Herrn bedenken sollten. Nicht ohne Grund ist die Adventszeit eine stille Zeit und das zeigt uns auch die liturgische Farbe violett. Aber können wir uns auf die Ankunft unseres Herrn vorbereiten, bei allem was uns in diesen Tagen treibt?

Ein in Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne.
Dieser sagte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“
Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: „Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“
Er sagte wiederum: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“
Wieder sagten die Leute: „Das tun wir doch auch.“
Er aber sagte zu ihnen: „Nein! Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

Und? Wie sieht es mit Ihnen aus?
Sind Sie gerade noch mit Ihren Gedanken hier in der Andacht oder sind die Gedanken schon auf Ihrem weiteren Weg?
Ich wünsche uns allen immer das Richtige zur rechten Zeit in dieser doch hektischen und ungewöhnlichen Zeit.
Ach so: Und natürlich eine ruhige und besinnliche Adventszeit!

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  Zwischen den Jahren...

Zwischen den Jahren...

Marc Bühner, Prädikant - 25.11.2021

Wir sind nun zwischen den Jahren. Mit "zwischen den Jahren" bezeichnen wir ja die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Keine Angst, Sie haben Weihnachten nicht verpasst und ich bin nicht zu dumm den Kalender zu lesen. Diese Zeit meine ich gerade nicht. Ich meine jetzt, zwischen Ewigkeitssonntag und erstem Advent.
Das alte Kirchenjahr liegt hinter uns und wir gehen mit großen Schritten auf das neue Kirchenjahr zu, was am kommenden Sonntag mit dem 1. Advent beginnt.
Hatten wir doch gerade erst noch Ostern gefeiert und Trinitatis und war es doch auch gerade erst noch Sommer. Und so wie draußen das Wetter dunkler wurde, so wurden auch die Feste des Kirchenjahres dunkler. Volkstrauertag, Buß- und Bettag und der Ewigkeitssonntag, sie liegen nun aber auch schon wieder hinter uns. Es war die Zeit, in der wir über das Leben und vor allem über den Tod nachgedacht haben. Zugegeben, eigentlich möchte niemand über den Tod nachdenken, aber wir müssen. Und da ist es gut, dass im Lauf des Kirchenjahres wir auch damit beschäftigt werden. Schließlich gehört der Tod nun mal zum Leben dazu. Ein altes, deutsches Sprichwort sagt: „Den Tod frißt ein jeder mit dem ersten Brei.“ Ja, so ist der Lauf der Dinge. Müssen wir es deshalb einfach so hinnehmen? Wenn ja, dann brauchen wir nicht mehr groß darüber nachdenken und das tun manche Menschen auch. Sie denken nicht weiter darüber nach. Sie nehmen es als gegeben hin.
Und wir? Und ich meine damit wir Christen? Wir nehmen es nicht einfach hin. Wir denken darüber nach. Wir gedenken unserer Verstorbenen und denken daran, dass wir Staub waren und zu Staub wieder werden. Eigentlich trostlos – oder doch nicht? Denn: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben!“ So bekennen wir unseren Glauben, immer wieder. Sicherlich nicht unerschütterlich und fest, aber wir warten voller Sehnsucht auf den Tag, an dem der Glaube vom Schauen abgelöst wird.
Und noch eins: Unser himmlischer Vater hat in seiner schöpferischen Weisheit den Tod ans Ende gestellt. Stellen Sie sich vor, er hätte den Tod an den Anfang gestellt? Was wäre dann unser Leben: nichts!
Und am jüngsten Tage wird er auch den Tod nicht am Ende lassen, sondern das ewige Leben! Das glauben wir, darauf hoffen wir.

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  Jetzt

Jetzt

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.11.2021

Gestern habe ich hier das Evangelium über die zehn törichten und zehn klugen Jungfrauen vom letzten Sonntag des Kirchenjahres noch einmal vorgelesen und einen Aspekt herausgekommen: es gibt ein zu spät. Es gibt keine Entschuldigung, wenn wir uns aus Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht vorbreiten, nicht sorgen und nicht kümmern. Aber der Text hat noch andere Punkte:
Hören wir also ein drittes Mal hin:
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.
Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“
Ich glaube, dass dieses Gleichnis auf zweierlei Weise vom Reich Gottes spricht. Wie ein Senfkorn oder ein winziges bisschen Sauerteig ist es unter uns, nur eine Schimmer, eine Ahnung – aber eben auch eine Hoffnung.
Es ist da seitdem Gott Mensch geworden ist. Aber noch ist es nicht mehr.
Jetzt aber spricht Matthäus von dessen Vollendung. Auch das wird geschehen. Am Ende der Zeit, wenn es Tag und Stunde nicht mehr gibt oder um Mitternacht – dann wenn wir genau die Uhr stellen können und ein neuer Tag anbricht. Mit Datum. Es könnte morgen sein. Haben wir damit jemals gerechnet?

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   Zu spät

Zu spät

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2021

Das Evangelium über diesen letzten Tagen des Kirchenjahres ist immer anders schwer verdaulich. Vielleicht haben Sie es am Sonntag schon gehört:
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.
Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“
Es gibt Vieles an unbegreiflicher Härte in diesem Text. In diesem Jahr sprang mich im Gottesdienst gestern an:
Es gibt ein zu spät. Wir können die Zeit nicht beliebig verrinnen lassen. Es hat einen bitteren Preis, sich nicht zu vorzubereiten. Dass die Situation unabsehbar ist und alles elend lange dauert, entschuldigt Fahrlässigkeit und Sorglosigkeit nicht.
Wir werden die Verantwortung für das, was wir nicht besorgt und uns gekümmert haben, übernehmen müssen.
Es mag alles wieder gut werden – aber nicht für die, die ihren Teil nicht tun.
Das klingt so ganz anders als alle Gnadenzusage, als das „Wir sind Gott recht“.
Das klingt knochenhart und wird nicht milder. Wenige Zeilen später heißt es: Werft den unnützen Knecht hinaus. Wie gesagt: es ist keine Rede davon, dass Gott die nicht kennen will, die scheitern, die sich kein Öl hätten besorgen können.
Er will die nicht kennen, die gedankenlos zum Fest wollen – als gäbe es keine Nacht und kein Morgen.

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  Kirche 2030

Kirche 2030

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.11.2021

Während ich am Schreibtisch sitze, habe ich immer wieder dem Lifestream der Landessynode zugehört. Es sind lange Debatten und ist gut, wenn sich Zeit genommen wird, einander zuzuhören. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, die Menschen und ihre Einschätzungen auch.
Ein wichtiger Tagesordnungspunkt ist der sogenannte Zukunftsprozess. In verschiedenen Arbeitsgruppen wird darüber nachgedacht, wie unsere Kirche in Zukunft aussehen und arbeiten könnte. Es geht um Versorgung in der Fläche, um Profis und um Professionen, um Zielzahlen und Strukturen.
Weil es ein Prozess ist, muss man damit leben, dass das Ergebnis noch nicht feststeht und auch mit einiger Leidensfähigkeit ertragen, dass es oft so zäh und mühsam vorwärts geht. Auch so gesehen, ist eine Synode Ende November gut terminiert. Es geht um die vorletzten Dinge, das was wir hier auf Erden tun und lassen, verantworten müssen.
Und während ich dem Ringen noch zuhörte, sagt einer: „Irgendwie bräuchte man doch noch ein Bild von dieser Kirche 2030.“ Und er wünsche sich dafür fünf klare Sätze. Die Wörter „Problem“, „schrumpfend“, „Mitglieder“ und Kirchensteuern“ sollten bitte nicht vorkommen.
Da hat er Recht. Es gibt so viele bessere Wörter: Geschwisterlichkeit und Auferstehung, Fülle und Segen, gute Nachricht, Begegnung, Umkehr, Barmherzigkeit, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Normalerweise versuchen wir hier mit dem Kirchenjahr streng zu sein:
Kein Weihnachten im Advent, kein Advent vor Totensonntag, kein Ostern vor Karfreitag. Einerseits. Denn solche gute Ordnung schafft Klarheit und hilft, sich vorzubereiten und den Weg mitzugehen.
Aber andererseits ist alles doch immer schon gewesen!
Der Geist, der tröstet und begeistert, der uns verbindet und hilft, das wir uns verstehen, kommt nicht erst in einem halben Jahr zu Pfingsten. Der Stern, der uns dorthin führt, wo Jesus Christus mitten unter uns gegenwärtig ist, scheint immer. Auch jetzt und über der Synode und warum nicht in einem Gottesdienst 2030? Mögen uns die genialen fünf Sätze jetzt nicht einfallen, so gilt doch, „dass Gott sich finden lassen wird, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen werden.“

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  Ströme lebendigen Wassers

Ströme lebendigen Wassers

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2021

Heute Morgen habe ich eine Geschichte gehört – ich weiß nicht mehr, wer sie geschrieben hat – aber das Bild war einprägsam. Ein Liebespärchen wandert tagtäglich an einem Kanal entlang. Die Hochzeit steht bevor und sie planen. Die Rede ist von einer Garage und einem Bad, Zentralheizung. Was man so braucht...
Als die Hochzeitsannonce in der Zeitung erscheint, der Tag gekommen ist, werden die beiden vermisst. Man findet ihre Kleider am Kanal und später auch das Liebespaar, eng umschlugen.
Wäre, so fragt sich der Erzähler, das alles anders ausgegangen, wenn die beiden jeden Abend an einem Fluss und nicht an einem Kanal spazieren gegangen wären? Hätten die beiden dann anders geträumt und gedacht?
Ein Fluss nimmt überraschende Biegungen, mal fließt er ruhig und unaufgeregt dahin, mal gibt es Stromschnellen, das Wasser ist hier flacher und dort tiefer – und überhaupt: von der Quelle bis zur Mündung wird manchmal aus einem Rinnsal ein breiter Strom, dann wieder aus einem kalten Gebirgsbach ein lieblicher Fluss.
Ein Kanal dagegen ist eine menschengemachte Wasserstraße. Er ist darauf angelegt, absehbar zu sein, Überraschungen und Umwege sollen tunlichst vermieden werden. Für ein Transportsystem ist es äußerst wünschenswert, Klarheit über Weg und Dauer für die Bewältigung einer Strecke zu haben. Aber für unser Leben ist solche Geradlinigkeit beängstigend.
Es gäbe keinen Ausweg, keine Veränderung, keine unerwartete Herausforderung, keine unverhoffte Richtungsänderung, keine neue Chance.
Wir wären fest eingespannt in den knallharten Zusammenhang von Tun und Ergehen, Ursachen und Wirkung – ausweglos verdammt, in die einmal festgelegte Richtung zu fahren. Das kann vielleicht sogar gut ausgehen – aber allermeist ist es eine hoffnungslose Vorstellung.
Auch die Bibel erzählt von Wasser.
Es kann totbringend über Menschen zusammenschlagen oder sich lebensbedrohlich verströmen. Dann wieder macht es uns rein und schenkt als Taufwasser einen neuen Anfang. Es löscht Durst – nicht nur den des Leibes, sondern auch den nach Gerechtigkeit und Freiheit.
Gott verheißt es als „Ströme lebendigen Wassers“ – kaum vorstellbar, dass es kanalisiert werden kann. Nicht auszudenken, wenn Gnade nur erfährt, wer sie absehbar verdient. Wenn zwingend eintrifft, was wir auf die Spur gesetzt haben.

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  Ermutigung

Ermutigung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.11.2021

In dieser Woche ist Wolf Biermann 85 Jahre alt geworden. Eines seiner berühmtesten Lieder heißt: „Ermutigung“. Und beginnt so:
„Du, lass dich nicht verhärten / In dieser harten Zeit.“
Wie schwer muss eine Zeit sein, wenn die Ermutigung darin besteht, nicht hart zu werden. Die Gründer und Mitarbeiter von „Memorial“, einer internationalen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau zum Beispiel stehen kurz vor dem Verbot. Soll man da nicht hart werden und sei es nur, um nicht mehr ganz so empfindlich zu sein?
Verhärtung…
Ein Herz aus Stein oder ein Herz aus Fleisch? Die Bibel kennt das alte Bild genauso wie den Hinweis, dass Ehescheidung möglich sein muss – unserer Herzenshärtigkeit wegen. Menschliche Herzen sind gefährdet, sehr hart zu werden. Die Mosegeschichte erzählt in großen Bögen von der immer weiter fortschreitenden Verhärtung des Pharaos gegenüber den Bitten des Mose, sein Volk in die Freiheit zu entlassen. Solche Verhärtung mag reine Abwehr sein, vielleicht kommt sie dem Entstehen von Mitgefühl sicherheitshalber zuvor – jedenfalls führt sie direkt ins Scheitern: für den verhärteten Pharao und für die Menschen, für die er verantwortlich ist – die Ägypter, über die Gottes Plagen mit Wucht hereinbrechen.
Auch wir erleben Härte, nicht nur bei politisch Verantwortlichen.
Manchmal kann man der Versteinerung regelrecht zusehen und ahnt wieviel Bitternis und Leid folgen werden. Auch für den, der hart wird, denn:
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich
Verletzlich und berührbar sein zu wollen und zu bleiben, braucht Mut – aber von daher kommt auch die Hoffnung, denn Gott hat uns nicht einen „Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe“ – oder mit den Worten des alten Barden:
„Wir woll'n es nicht verschweigen / In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen / Wir wolln das allen zeigen / Dann wissen sie Bescheid.“

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  Kosten aufrechnen

Kosten aufrechnen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.11.2021

In den Materialien der ökumenischen Friedensdekade finden sich neben Meditationen, Literaturtipps, Filmempfehlungen und Lebenserinnerungen auch Zahlen. Teilweise sind sie so groß, dass ich sie mühsam gliedern muss, um überhaupt aussprechen zu können, wovon ich rede. Vorstellen kann ich mir diese Größenordnungen ohnehin nicht – darum sind Gegenrechnungen von Rüstungs- und Sozialausgaben allein deswegen erhellend, weil sie Dimensionen illustrieren.
So klingt das:
Eine Flugstunde im Eurofighter: 67 852,00€
Eine Sozialwohnung: 60 000€
Nachfolgeauftrag für den Panzer Leopard 2: 100 000 000 000€
Sanierung deutscher Hochschulen und bestandserhaltende Maßnahmen in den Krankenhäusern: 53 000 000 000€
Weltweite Militärausgaben 2019: 1 589 000 000 000€
Stopp der Klimakrise und des Welthungers: 1 061 000 000 000€
„Aufrüstung tötet auch ohne Krieg“
So hieß ein Buch von Dorothee Sölle als ich noch ein Schulkind war.
Seither hat sich nicht viel verändert.
Seither haben Menschen immer wieder dafür gestritten und geworben, die Logik der Abschreckung und Aufrüstung endlich zu überwinden.
Ist es naiv, anderer Wege suchen zu wollen?
Ist es sinnlos, angesichts solcher Zahlen von David zu erzählen?
Der hatte, wie jeder weiß, nur eine Schleuder und fünf glatte Steine.
Die Philister hingegen, so erzählt die Bibel, waren martialisch gerüstet.
Militärische Aufrüstung ist für David keine Option.
Sie wird ausdrücklich verworfen und findet ihr Bild darin, dass David in der Rüstung, die Saul ihm zur Verfügung stellt, nicht gehen kann.
Er ist vollkommen unbeweglich.
Um die Situation zu verändern, muss er seine Berufs- und Lebenserfahrung in den Konflikt einbringen. Das tut er nicht kampflos – sondern als der Hirte, der er ist und der seine Vision von einer humaneren Gesellschaft verteidigt.



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  Ungemalte Bilder

Ungemalte Bilder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.11.2021

„Wer ist bereit, dem Herrn heute eine Gabe zu bringen?“
So heißt es heute in den Tageslosungen aus dem ersten Buch der Chronik. Eine Gabe für unseren Gott. Was könnte das sein?
Ein Moment uneingeschränkter Hingabe?
Bewusstsein dafür, wie unverdient und unvergleichlich gut es mir doch trotz allem geht?
Zehn Tage mit Friedensgebeten, in denen wir nicht übersehen, wieviel Unglück durch Kriege entsteht – Kriege ,die nicht abstrakt irgendwo gewonnen oder verloren werden, sondern Menschenleben kosten und Biographien prägen, Familien zerstören.
Vielleicht ist eine Gabe an Gott auch der dankbare Blick auf das, was mir zuteilwurde durch die, die er zu meinen Nächsten macht?
So sehend habe ich einmal mehr das Heft der Aktion Sühnezeichen 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion in die Hand genommen. Jede Seite, jedes Bild ist mit solcher Sorgfalt gesetzt und gewählt – ich kann nur ahnen, wieviel Lebenszeit und Herzblut allein in diesem 60-Seiten-Magazin steckt.
Und ich fühle mich gegrüßt von denen, die es gemacht haben, auch wenn wir uns nicht kennen. Wir erkennen und bestärken uns.
In dem Heft finden sich etliche Porträts. Es sind junge und alte Gesichter. Die einen haben einen Friedensdienst bei Aktion Sühnezeichen gemacht und werden die Geschichten und Begegnungen dieser Zeit in ihren Herzen bewahren und in ihr Leben mitnehmen. Die anderen haben ihre Kindheit und Jugend in einem grauenvollen Krieg verloren, waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, sind KZ-Überlebende.
Die Furchen in ihren Gesichtern sind tief. Aber Gott sei Dank: ich finden in ihren Gesichtern keinen Hass. Einer heißt Victor Sabulis, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, aus Odessa und er sagt: „Wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht ein noch freundlicherer Mensch geworden. Wahrscheinlich wäre ich Maler geworden."
Seine ungemalten Bilder fehlen uns. Sie fehlen genauso wie angesungene Lieder und ungehaltene Reden. Gaben, die uns jetzt helfen würden, einander nicht aus den Augen verlieren. Gaben, die wir Gott und einander hätten schenken können. Es ist so viel verloren worden und trotzdem noch kein Frieden. Auch deshalb gibt es die Friedensdekade.

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  Klagen

Klagen

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.11.2021

„Wie geht’s?“ „Ach, ich kann nicht klagen.“ Diesen kurzen Dialog kennen wir wahrscheinlich alle. Die Frage nach dem Wohlbefinden wird beantwortet mit einer augenzwinkernden Umschreibung von „Mir geht es gut“. Ich kann nicht klagen. Damit soll fast immer gesagt werden: Ich habe keinen Grund, zu klagen. So verstehen wir es jedenfalls meistens. Doch es könnte auch bedeuten, dass der Gefragte Gründe genug hat, es aber einfach nicht kann.
In der Bibel gibt es ein ganzes Buch, dass sich mit diesem Thema beschäftigt, die Klagelieder im Alten Testament. Wer sie verfasst hat, ist unklar, bisweilen werden sie dem Propheten Jeremia zugeschrieben, doch das ist eher unwahrscheinlich, im Grunde aber auch nicht wichtig. Inhaltlich geht es um die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 586 v. Chr.
„Ach, wie einsam ist sie geworden, die Stadt, die so voller Menschen war. Sie weint bitterlich in der Nacht, Tränen rinnen über ihre Wangen. Niemand ist da, der sie tröstet.“ So lauten die ersten Verse. Jerusalem ist gemeint, doch diese Worte hätte man im Oktober 1944 auch über Braunschweig sagen können, im August 1945 über Hiroshima, im November 1940 über Coventry.
Der Verfasser dieser Verse konnte klagen. Er konnte seine Trauer, seine Wut und seine Verzweiflung in Worte fassen, konnte benennen, was schwer war und er konnte es adressieren. „Gott, du hast mit meinen Seelenfrieden genommen“, so bringt er es auf den Punkt.
Macht es sich da einer mal wieder zu leicht? Da hat es einen Krieg gegeben, Jerusalem liegt in Schutt und Asche und Gott ist schuld. Da hat es einen Krieg gegeben, Coventry, Braunschweig und Hiroshima liegen in Schutt und Asche und Gott ist schuld? Nein, das ist er ganz sicher nicht. Die Verantwortung liegt nicht bei ihm, sondern bei uns. Es waren und es sind Menschen, die sich dazu entschließen, gegeneinander Krieg zu führen. Und am Rande bemerkt: Diejenigen, die diese Entscheidungen treffen, sind meist am wenigsten betroffen.
Doch ich möchte das Thema „Verantwortung“ gar nicht so sehr strapazieren. Ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass sich der oder die Klagende hier zurecht an Gott wendet, völlig unabhängig davon, wer hier nun woran Schuld ist.
Gott hat uns zugesagt, für uns da zu sein. „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Diese Einladung spricht uns Jesus Christus zu. Und er sagt nicht: “Aber nur, wenn ich auch wirklich zuständig bin.“ Wir dürfen mit allem Mist zu ihm kommen, können in uns aufräumen und alles, was uns bedrückt, vor ihn bringen. Das entlastet und befreit. Und es ist eben auch eine Aufforderung, das Klagen zu üben. Denn es braucht unsere Sprachfähigkeit, damit wir selbst erst einmal Klarheit darüber bekommen, was uns denn tatsächlich auf der Seele liegt.
Wenn wir das wissen, dürfen, ja sollten wir es rauslassen, dürfen wir klagen und uns auch beklagen und damit mit dem einen oder anderen sorgenbehafteten Thema unseren Frieden machen. Dafür hat Gott stets ein offenes Ohr. Klagen ist wichtig. Amen.

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  Nicht erst irgendwann, sondern jetzt!

Nicht erst irgendwann, sondern jetzt!

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.11.2021

Schwerter zu Pflugscharen - unter diesem Bibelwort aus dem Buch des Propheten Micha steht seit über 40 Jahren die Ökumenische Friedensdekade. Wörtlich heißt es dort im Alten Testament: „Gott wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
Das klingt alles ganz wunderbar und man möchte nur noch fragen: „Wo muss ich unterschreiben?“ Dabei dürfen wir allerdings ein kleines Detail nicht übersehen: Der Text steht im Futur. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ja, wann wird es denn soweit sein?, ist die schlüssige Frage, die sich aufdrängt. Und der Prophet Micha beantwortet sie mit: „In den letzten Tagen“.
Das ist nun mehr als desillusionierend. Wann beginnen denn diese letzten Tage und wenn es ohnehin die letzten sind, ist dann nicht sowieso alles egal? In mir regt sich Widerspruch gegen diese Perspektive, denn ich denke, dass es doch möglich sein muss, Frieden auf dieser Welt zu haben, bevor der jüngste Tag anbricht.
Ja, Gott selbst hat gesagt, dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist. Aber wenn das denn das Ende der Geschichte sein soll, dann frage ich mich, warum er den ganzen Aufwand betrieben hat, selbst Mensch zu werden und in Jesus Christus in diese Welt zu kommen?
Immer und immer wieder sagt Jesus zu uns Menschen: Frieden sei mit Euch! Das tut er doch nicht, weil es nett klingt und irgendwie sympathisch rüberkommt. Nein, er meint das ganz ernst und es ist, so wie ich es verstehe, Wunsch und Aufforderung gleichermaßen.
Es liegt in der Verantwortung von uns allen, dafür Sorge zu tragen, dass der Friede eine Chance hat. Jesus wünscht uns, dass wir bei unseren Bemühungen erfolgreich sein werden und er zeigt uns, welche Schritte zum Ziel führen. Er lebt uns vor, wie wir respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen können, woher wir die Kraft und den Mut dazu bekommen und wie es eine Freude für jede und jeden einzelnen sein kann, so zu leben.
Doch er hat eben keinen Zauberstab, mit dem er unseren freien Willen gerade in diesem Punkt soweit beeinflussen könnte, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kämen, irgendetwas zu denken, zu sagen oder zu tun, was schlecht oder böse ist.
Wir müssen das selber hinkriegen. Dass wir Menschen insgesamt dabei nicht die Besten sind, zeigt die Geschichte ebenso eindrucksvoll wie ernüchternd. Ich möchte aber einfach nicht aufhören, daran zu glauben, dass wir es hinbekommen können und uns einer Welt nähern, die dann schon jetzt so aussieht, wie der Prophet Micha sie beschreibt. Das Zeug dazu haben wir. Wir müssen es einfach nur machen – mit Gottes Hilfe und in Jesu Namen. Amen.

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  Eine heilige Pflicht

Eine heilige Pflicht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.11.2021

Wir sind mitten in der Friedensdekade und über diesem Tag heute heißt es aus dem Propheten Jeremia: „Weicht den von den felsige Hängen der Schnee des Libanon? Oder versiegend die laufenden Wasser aus sprudelnden Quellen…?“
So alt ist der Text und doch so aktuell, denn die Lebensbedingungen so vieler Menschen im Libanon sind erbärmlich. Es fehlt an allem. Genauso wie im Irak oder in Afghanistan. Es ist nicht lange her, dass wir der Katastrophe in Kabul zugesehen haben und erinnert wurden, dass es mal hieß, „unsere Freiheit würde am Hindukusch verteidigt“.
Leicht vergisst sich, was man nicht wahrhaben oder gern erinnern will.
Die vielen Flüchtlinge im Jahr 2015 setzten sich in Bewegung, weil zugesagte Hilfsgelder aus der westlichen Welt fehlten und deshalb die Situation in den großen Lagern unerträglich wurden.
Auf der Insel Lesbos haben „effektiver“ Grenzschutz und Abschreckung absolute Priorität. Deswegen hausen Menschen wie Tiere in Zelten, eingesperrt und ohne Hoffnung. An der polnischen Grenze werden derzeit Europas Wohlstand und Sicherheit verteidigt, vielleicht auch die Menschenrechte der Westeuropäer.
Aber was ist mit den Menschen in den Wäldern?
Flüchtlinge als Waffen.
Kinder als Waffen.
Frauen als Waffen.
Mag es das Ziel der Diktatoren in Minsk und Moskau sein, vorzuführen, dass die EU mit ihren westlichen Werten scheitert. Sie erreichen es – auf Kosten von Menschen, die nicht wegen der Reisefreiheit, sondern aus existentieller Not ihre Heimat verlassen haben und fortgegangen sind aus Weltgegenden, in die wir Waffen geliefert haben, deren Konflikte wir wegen diverser Verteilungskämpfe nicht befriedet haben.
Im jüngst erschienen „Gemeinsamen Wort der deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland – Migration menschenwürdig gestalten“ heißt es: „Die Bibel erinnert … daran, dass der Schutz des Lebens jedes einzelnen Menschen eine heilige Pflicht ist.“
Wenn das nicht der Maßstab unseres Handelns an der polnischen Grenze ist, wird nichts gut werden.

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  9. November

9. November

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.11.2021

Es klingt beinahe abgedroschen, dennoch ist die Formulierung richtig: Der 9. November ist ein deutsches Schicksalsdatum. In den vergangenen gut 100 Jahren fallen vier gravierende und unsere Geschichte nachhaltig verändernde Ereignisse auf einen 9. November: 1918 endet mit der Abdankung Wilhelms II. die Monarchie und Deutschland wird zur Weimarer Republik, 1923 versuchen Adolf Hitler und Erich Ludendorff gegen diese parlamentarische Demokratie zu putschen, was misslingt, den Nationalsozialisten aber zu erhöhter Popularität verhilft, 1938 dann die Reichspogromnacht und 1989 schließlich der Fall der Mauer.
Die Ereignisse sind nicht auf einen Nenner zu bringen, denn sie sind ihrem Charakter und ihrer Bedeutung nach so weit auseinander, wie es weiter nicht sein könnte.
Der 9. November 1938 markiert den Übergang von der immer perfider werdenden Diskriminierung der Juden in Deutschland hin zu ihrer systematischen Vertreibung und Ermordung. Die Pläne für die Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser lagen seit Längerem in den Schubladen der Nazis und es war eben nicht eine spontane Entladung des deutschen Volkszornes, wie es im Nachhinein propagiert wurde, sondern eine von den Machthabern initiierte und geplante Aktion. Mehr als 1.400 Synagogen und Tausende jüdischer Geschäfte wurden angezündet und zerstört. Mehrere Hundert Juden wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November ermordet oder sie nahmen sich verzweifelt und voller Angst das Leben.
Im Epilog aus Berthold Brechts Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ heißt es: „Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert / Und handelt, statt zu reden noch und noch. / So was hätt' einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch / dass keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Vor 80 Jahren geschrieben, an Aktualität kaum zu übertreffen, denn die Zeichen eines wachsenden Antisemitismus in unserem Land sind nicht zu übersehen. Diejenigen, die Anschläge auf Synagogen in den sogenannten sozialen Netzwerken laut und unverhohlen beklatschen, werden mehr und mehr, nutzen Querdenker- und sonstige Corona-Demonstrationen für ihre Zwecke und finden mittlerweile sogar in der Nähe einer im Bundestag vertretenen Partei ihre zweifelhafte politische Heimat.
Wir Christinnen und Christen stehen aus meiner Sicht in einer besonderen Verantwortung, wenn es darum geht, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Zum einen, weil es der Botschaft des Evangeliums diametral entgegensteht, zum anderen weil sich auch unsere evangelische Kirche im Dritten Reich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Viele evangelische Christinnen und Christen und eben auch die Institution Kirche an sich haben das Handeln der Nazis mehr oder weniger stillschweigend gebilligt, wenn nicht sogar offen befördert.
Es ist gut, dass dieser 9. November in die Friedensdekade fällt, denn Frieden kann nur werden, wenn Hass, Gewalt und Unterdrückung weichen und Respekt und Wertschätzung unser Miteinander bestimmen. Dafür einzutreten, heißt Jesu Beispiel zu folgen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ohne Einschränkung und ohne Ausgrenzung. Amen.

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  Reichweite Frieden

Reichweite Frieden

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.11.2021

„Reichweite Frieden“, so lautet das Motto der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade, die wir auch hier bei uns am Dom mit besonderen Andachten und Gottesdiensten begehen. Reichweite Frieden – wie weit reicht er denn tatsächlich oder anders gefragt: Wie weit muss Frieden reichen, damit es besser wird auf dieser Welt?
Um eine Reichweite zu messen, muss ich einen Anfangspunkt haben. Wo ist der Anfangspunkt für Frieden? Liegt er in der Politik, in den Parlamenten, bei den Machthabern der internationalen Staatengemeinschaft? Oder müssen wir den Anfangspunkt ganz woanders suchen? Ich meine, dass er in unseren Gedanken und Empfindungen liegt. Denn dort entsteht das, was unser Miteinander prägt. Dort liegen unsere Werte, unsere Zu- und Abneigungen, unsere Haltung unseren Mitmenschen gegenüber.
Und ein weiterer Meilenstein sind die Worte. Sie zeigen an, wo Respekt und Wertschätzung den Ton angeben und sie zeigen eben auch an, wo genau diese fehlen. Vielerorts wird angemerkt, dass sich deutliche Tendenzen zur Verrohung unserer Sprache zeigen. Da werden dann Menschen als unnütze Subjekte bezeichnet, und Menschenleben mit qualifizierenden Kategorien von wertvoll und weniger wertvoll belegt.
Und es darf niemanden mehr verwundern, dass aus solchen Worten eben auch Taten werden. Deshalb ist es so wichtig, die Macht der Worte nicht zu unterschätzen. Am Wochenende gab es in Leipzig mehrere Demonstrationen von Impfgegnern und Kritikern der Corona-Maßnahmen. Im Fernsehen konnte man einige kurze Interviews mit Teilnehmenden sehen und der abgrundtiefe Hass, der in einigen der Befragten sichtbar wurde, ist schockierend.
Sicherlich gibt es Menschen, die aus einer ehrlichen und verzweifelten Besorgtheit zu diesen Demonstrationen gehen. Doch es gibt eben bedenklich viele andere, die durch gezielte Desinformation, das gebetsmühlenartige Wiederholen von Verschwörungstheorien und anderen Lügen ihre eigenen Ziele verfolgen, die mit Freiheit, Demokratie und eben auch mit Frieden aber auch so gar nichts zu tun haben.
Die Stimmung in Leipzig war, wie bei den meisten anderen Demonstrationen dieser Art auch, von Misstrauen, Hass und einer latent spürbaren Gewaltbereitschaft bestimmter Teilnehmergruppen geprägt. Da war dann augenscheinlich kein Frieden mehr, doch seine Reichweite hat bereits viel früher aufgehört. Frieden hört schon in uns auf, hat keine Chance, auch nur ansatzweise zu wachsen, wenn Menschen ihm in ihrem Inneren keine Nahrung mehr geben.
Reichweite Frieden – es liegt an uns, an jeder und jedem Einzelnen immer wieder auch uns selbst zu überprüfen, ob wir nicht nur sagen, dass die Anderen endlich Frieden machen sollen, sondern ob wir selbst ihn stärken – in unserem eigenen Denken, Reden und Handeln.
Jesus Christus sagt in der Bergpredigt: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Wir können selbst entscheiden, ob wir dazugehören wollen. Amen.

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  Safety first?

Safety first?

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.11.2021

Wir Deutsche sind ganz weit vorne im Abschließen von Versicherungen. Haftpflicht-, Kraftfahrzeug-, Hausrat-, Rechtsschutz-, Unfall-, Berufsunfähigkeit-, Lebens- und Haustierkrankenversicherung sind nur ein paar Beispiele dafür. In Amerika kann man sich für umgerechnet 12,00 Euro pro Jahr auch gegen das Steckenbleiben im Fahrstuhl oder als werdender Vater gegen das Ohnmächtig-Werden im Kreißsaal versichern. Für letzteres weiß ich die aktuelle Jahresprämie grad nicht. Die lässt sich aber sicher in Erfahrung bringen, falls jemand Interesse hat.
Sicherheit zu haben, ist gut, kritisch wird es allerdings, wenn man vor lauter Risikobewusstsein nur noch in einer latenten Angst lebt, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte. Eine solche Lebensangst kann lähmen, alle Freude und Leichtigkeit nehmen und zu einer echten Belastung werden. Dagegen kann man sich dann übrigens nicht versichern.
So oder so ähnlich dachten wohl auch einige Leute in der jungen christlichen Gemeinde in Galatien. Sie hatten, so wie Paulus im Übrigen auch, jüdische Wurzeln, waren im jüdischen Glauben aufgewachsen und mit den Regeln der Tora bestens vertraut.
Klar, sie bekannten sich zu Jesus Christus. Aber von der Beschneidung wollten sie auch nicht lassen, denn sie war wesentlich für ihren bisherigen Glauben und sie besiegelte den Bund mit Gott und bestätigte die Zugehörigkeit zu Israel, Gottes auserwähltem Volk.
Vielleicht dachten sie auch: Sicher ist sicher; falls das mit Christus nun doch nicht so funktioniert, wie gedacht, dann haben wir bei Gott immer noch den Fuß in der Tür, und das mit vergleichsweise geringem Aufwand.
Doch nun kommt Paulus um die Ecke und sagt: Wenn Ihr euch beschneiden lasst, wird euch Christus nichts nützen. Das wollte ganz sicher nicht jeder hören, denn es bedeutete mit anderen Worten: Entweder, du bekennst dich zu Christus, oder du lässt es bleiben. Irgendwas dazwischen funktioniert nicht.
Aber Paulus haut ihnen das nicht einfach so um die Ohren, denn er sagt weiter: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Am vergangenen Sonntag war Reformationstag und dazu passt dieses Pauluswort bestens. Denn es beschreibt kurz und knapp auch Luthers Position und ist somit aus unserer evangelischen Grundüberzeugung nicht mehr wegzudenken.
Paulus sagt, dass Christus dafür gesorgt hat, dass des Menschen Seelenheil nicht mehr davon abhängt, dass man jede einzelne Regel des Alten Testaments bis in die letzte Nachkommastelle 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr im Blick hat und dass allein die Einhaltung dieser Regeln lebensbestimmend wird. Von dieser Knechtschaft, von diesem Joch der Regeln, Gesetze und Vorschriften hat Christus uns befreit und sie durch Gnade ersetzt.
Klingt nach Anarchie, ist es aber nicht. Denn Paulus schlussfolgert richtig weiter: Wenn jemand fest im Glauben steht, dann wird er sich ganz automatisch an dem orientieren, was Christus uns vorgelebt hat. Paulus sagt, dass der Glaube in Liebe tätig wird. Und so ist es auch, niemals in Perfektion, sondern auch immer wieder mit Pleiten, Pech und Pannen, die zu jedem Leben dazugehören. Doch der Kurs sollte stimmen – und zwar aus Überzeugung, aus unserer christlichen Grundhaltung und aus der Freiheit eines Christenmenschen. Amen.

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  Eine Rübe und ein Stück glühende Kohle

Eine Rübe und ein Stück glühende Kohle

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.11.2021

Die Sache mit der Lutherrose im Kürbis - eine Empfehlung aus dem Reformationstagsmaterial der niedersächsischen Kirchen - geht mir immer noch nach…
Wie kommt der Kürbis zur Reformation? Traditionsgeschichtlich scheinen sich da der katholische Feiertag „Allerseelen“ und alte keltische Bräuche in Gegenden mit Kürbisanbau vermischt zu haben.
Den einen ging es um das Gedächtnis ihrer Verstorbenen und anderen um die Rückkehr deren Seelen in den Tagen, wenn auch das Vieh von draußen in die Ställe zurückgeholt wird. Dabei fürchtete man offenbar, nicht nur den Seelen der Verstorbenen Zuflucht zu gewähren sondern auch bösen Geistern. Letztere sollten mit Feuer abgeschreckt werden.
Der heutige Brauch, Kürbisfratzen zu schnitzen, geht vermutlich auf den irischen Bösewicht Jack Oldfield zurück. Dieser musste nach seinem Tod auf der Erde umherirren, denn als Bösewicht konnte er nicht in den Himmel und die Hölle war ihm versperrt, weil er den Teufel überlistet hatte. Immerhin schenkte der ihm eine Rübe und eine glühende Kohle für seinen Weg durch die Dunkelheit. Aus der Rübe wurde später ein Kürbis, in dem man eben Fratzen schnitt – damit das Böse draußen bleibt.
Freundliche Kürbisgesichter sind also sowieso ein Missverständnis oder eben bestenfalls herbstliche Dekoration. Wer es genau nimmt, so habe ich inzwischen von Halloweenexperten gelernt, der schnitzt hinein, was er bannen und jedenfalls nicht im Haus haben will: Corona oder Drogen, unheimliche Monster, böse Gedanken, schlechte Gesellschaft, Schulden, , Intransparenz, Stress, Erschöpfung.
So gesehen ist es wirklich eine merkwürdige Idee, ausgerechnet eine Lutherrose schnitzen zu sollen – es sei denn man will das Gedächtnis an den Reformator und seine Kirchenkritik wirklich draußen halten.
Darum wenn schon Kürbisse – dann hätten wir unsere Engstirnigkeit, unseren Kleinmut, die Selbstgerechtigkeit oder all die Zweifel hineinschnitzen sollen, mit denen wir uns so abplagen und die uns hindern, Licht der Welt zu sein.
Martin Luther wäre vermutlich nicht auf so eine Idee gekommen – so dunkle Zeiten er auch erlebt haben mag.
Er wusste, dass uns das Licht von Jesus Christus herkommt – nicht von beleuchteten Feldfrüchten.

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  Glasgow

Glasgow

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.11.2021

Die Augen der Welt sind auf Glasgow gerichtet, doch nicht, weil die Rangers 1 – 6 gegen Motherwell gewonnen haben, auch nicht, weil gestern in der Kathedrale St. Mungo ein festlicher Gottesdienst gefeiert wurde und ebenso nicht, weil die Müllabfuhr in der Stadt noch immer bestreikt wird. Nein, es geht um Größeres, es geht um Existenzielles und zwar um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunftsaussichten unseres Planeten, um nicht mehr und nicht weniger als unsere und die Lebenschancen nachfolgender Generationen.
COP26, so lautet der offizielle Titel der UN-Klimakonferenz, die bis zum 12. November in Glasgow tagt. Sie muss liefern – konkrete Maßnahmen, konkrete Zeitpläne, konkrete Ziele. Dass das gelingen wird, ist nach den eher schwammigen Vereinbarungen und Erklärungen des gestern zu Ende gegangenen G20-Gipfels in Rom nicht wahrscheinlicher geworden.
Dass akuter Handlungsbedarf besteht, wird mittlerweile von den meisten teilnehmenden Staatenvertretern nicht mehr in Zweifel gezogen, wobei es einige Ignoranten tatsächlich und trotz aller wissenschaftlicher Belege für die von Menschen zu verantwortenden Ursachen des Klimawandels noch immer gibt.
Nichtsdestotrotz führt die Akzeptanz trotzdem viel zu oft zu Aussagen, die der Karikaturist Gerhard Mester heute in der Braunschweiger Zeitung angesichts einer brennenden Welt so treffend ins Bild gesetzt hat: „Man müsste dringend was unternehmen!“ „Ich bin dabei, wenn alle anderen mitmachen.“ „Ich würde ja helfen, aber…“
Es ist immer dasselbe Spiel: Wenn wir gefordert oder sogar gezwungen sind, deutliche Veränderungen in unserem Leben vorzunehmen, dann wird es schwierig. Wer schon einmal versucht hat, sich das Rauchen abzugewöhnen, weiß wovon ich rede. Doch wenn es sich dann auch noch um Veränderungen handelt, von denen ich persönlich und unmittelbar keinen Vorteil habe, sondern nur eine vage Perspektive auf eine ausbleibende Verschlimmerung in der Zukunft, oder sogar vordergründig Nachteile in Kauf nehmen muss, dann bedarf es einer erheblichen Motivation, um eigene bzw. nationale Egoismen hintanzustellen.
Doch es ist noch nicht einmal immer ein Nicht-Wollen, dass konkrete Fortschritte verhindert. Bei einigen der Beteiligten ist es auch ein Nicht-Können. Viele der Maßnahmen auf dem Weg zu Klimaneutralität kosten neben politischem Mut auch viel Geld und das ist gerade bei den Schwellen und Entwicklungsländern mehr als knapp.
Was hülfe, wäre Solidarität zwischen den Reichen und den Armen. Und was somit eben auch auf der Agenda steht, ist mal wieder das Thema einer gerechteren Verteilung von Lebenschancen auf dieser Welt.
Der Apostel Paulus schreibt: „Aber Gott hat den Leib zusammengefügt, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.“ Er hat dies auf das Miteinander von Christinnen und Christen bezogen, doch es passt auf das Miteinander in der Staatengemeinschaft in gleicher Weise.
Es wäre mehr als zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis bei allen Beteiligten in Glasgow durchsetzt. Dafür zu beten, kann ganz sicher nicht schaden. Amen.

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