Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Zu große Zahlen

Zu große Zahlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.01.2020

Diese Woche ist teuer. Gerade hat Ursula von der Leyen von einer Billion Euro gesprochen, eine Billion – 1000 000 000 000, zwölf Nullen! – die sie für den klimagerechten Umbau Europas braucht. Gestern tagte die Kohlekommission in Berlin und bezifferte die Kosten für Strukturwandel und Entschädigung der Energiekonzerne auf 44,35 Milliarden Euro.
Und fast zeitgleich schlich sich noch eine leise aber große Zahl in die Nachrichten: 45 Millionen, nicht Euro sondern Menschen – 45 Millionen sind im südlichen Afrika von Unterernährung bedroht und noch schlimmer: in den nächsten zehn Jahren werden 56 Millionen Kinder an vermeidbaren Ursachen sterben, 56 Millionen Kinder…
Das alles sind Zahlen, die unsere Vorstellungskraft sprengen, die unendlich weit über das hinausgehen, was wir begreifen, gestalten, verantworten können. Und doch sind es Zahlen, mit denen wir operieren und kalkulieren, warnen, drohen, erinnern. Sie lassen kalt oder schocken.
Vielleicht heißt es bei dem Propheten Jesaja deswegen:
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Das klingt einigermaßen überschaubar: der Hungrige ist in der Einzahl, der Nackte auch, Elende und Obdachlose gibt es ein paar mehr… aber nur so viele, wie ins Haus passen.
Man mag solche Horizontverkürzung für naiv halten aber womöglich ist das ein Ansatz, der dem menschlichen Maß folgt und daher am ehesten gelingen kann: eins zu eins. Jeder tut das, was er kann, dort wo er lebt. Die Welt und sogar das Klima müssten sich radikal ändern; wenn wir uns der Aufforderung uns nicht rauszuziehen, stellen.
Brot für die Welt hat 2018 übrigens fast 64 Millionen Euro Spenden und Kollekten eingesammelt. Ist das viel? Ja ohne Frage aber angesichts all der anderen Zahlen ahnen wir auch, dass es nicht reicht und wissen einmal mehr:
Wir sind endlich und haben Grenzen für das was wir denken und schaffen, was wir uns vorstellen können. Hoffentlich finden wir auch welche für das, was wir anrichten. Darum ist es heilsam uns dann und wann daran zu erinnern, dass der Friede Gottes größer ist als alles, was wir denken oder in Zahlen ausdrücken können.

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  Organspende?!

Organspende?!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.01.2020

Christine Brückner erzählt in „Jauche und Levkojen“ die Geschichte einer Frau, geboren auf einem Gut in Hinterpommern während des ersten Weltkrieges. Die Predigt zu ihrer Hochzeit endet mit den berühmten Worten aus dem Galaterbrief: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Und dann wird erzählt, dass die Braut sich wundert. Die Worte fliegen nicht einfach vorbei, sondern bleiben hängen: Warum einer des anderen Last? Warum nicht jeder seine?
Eine naheliegende Frage, die auch in die heutige Debatte im Bundestag hineingespielt hat. Selbstbestimmung, Mündigkeit, persönliche Verantwortung sind hohe Güter in unserer Gesellschaft. Eingriffe in Persönlichkeitsrechte tabu oder mindestens streng geordnet. Darum ist jede und jeder aufgefordert, sich Gedanken darüber zu machen, wie im Falle eines plötzlichen Todes mit den eigenen Organen verfahren werden soll. Ein Gedankengang, der vielen schwerfällt und dessen Ergebnis nicht einmal die Hälfte der Volljährigen in unserem Land dokumentiert hat. Darum standen im letzten 9004 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan, wurden in Deutschland aber nur 2995 Organe gespendet und starben 885 wartende Patienten. Über 200 Organe aus dem Ausland deutschen Patienten implantiert, aber Deutschland kann nahezu nie mit einem Organ helfen. Die Zahlen zeigen: Es gibt eine erhebliche Unwucht zwischen Bedarf und Bereitschaft, die größer wird, wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit ein Organ zu brauchen deutlich größer ist als die, durch tragische Umstände zum Spender zu werden…
Das macht die Debatte nicht einfacher. Natürlich sähe es schon anders aus, wenn tatsächlich alle, die sich zu dieser Frage im Klaren sind, einen Spenderausweis bei sich hätten. Aber es gibt auch Ängste und nicht zuletzt religiöse Vorbehalte, die Klarheit erschweren: Wenn mein Leib und meine Seele eins sind, was wird dann, fragen die einen, leibliche Auferstehung ohne Haut und Augen fragen die anderen? Dein Name ist aufgehoben bei Gott antworten die einen, leibliche Auferstehung glauben wir doch auch für die, die durch Krieg, Gewalt, Krankheit oder Unfall versehrt oder gänzlich zerfetzt sind, da ist kein Unterschied, sagen die anderen.
Und nicht genug: Darf der Staat über meine Organe oder die meines Nächsten verfügen? Wiegt das Recht zu leben stärker als alles andere? Debattieren wir so auch in anderen Zusammenhängen wie Sterbehilfe oder Abtreibung und wenn nicht, was macht den Unterschied?
In Berlin herrschte heute kein Fraktionszwang. Es wurde argumentiert und gestritten. Am Ende haben sich 379 Abgeordnete dafür entschieden, dass die Entscheidung bei jedem Einzelnen bleibt, sie haben das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gestärkt und die Verantwortung in je unseren eigenen Händen gelassen.
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Es ist eine weise Aufforderung, denn kaum eine Entscheidung betrifft nur mich. Was ich selbst nicht ordne, müssen andere tun; was ich gebe, können andere nehmen, was ich verweigere, fehlt, was ich zugestehe, schmerzt, was ich befürchte, hindert, was ich kläre, ordnet. Irgendwer wird auch meine Last zu tragen haben. Wohl dem, der ein Gebet in sich hat, eine Richtschnur, Halt. Der Rest ist Hochleistungsmedizin, menschliche Begabung und handwerkliches Können, Forschergeist – auch das sind Gottes Gaben.

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  Du baust mich auf!

Du baust mich auf!

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.01.2020

Hören Sie gern auch mal emotionale Lieder und Gedichte? Ich gestehe: Ich ab und zu schon. Und vor ein paar Tagen ist mir so ein Lied im Radio begegnet, dass mich sehr berührt hat. Es heißt „You raise me up“, was auf Deutsch so viel heißt wie: „Du baust mich auf“, oder „Du ermunterst mich“. Vielleicht kennen Sie es ja, die Melodie werden wir gleich im Anschluss hören.
Das Lied stammt ursprünglich aus Norwegen. Der Komponist Rolf Lövland hat es 2001 geschrieben und es war eigentlich für ein Instrumentalduo vorgesehen. Allerdings verstarb die Mutter des Komponisten während der Entstehungszeit des Liedes und so wurde es auf ihrer Trauerfeier erstmals öffentlich gespielt. Der irische Komponist und Schriftsteller Brendan Graham schrieb schließlich den Text. Und der geht so:
„Wenn ich ganz unten bin und meine Seele so müde, wenn Sorgen kommen und mein Herz schwer ist, dann bin ich ganz ruhig und warte hier in der Stille, bis du kommst und eine Weile bei mir sitzt.“
„Du baust mich auf, dass ich auf den Bergen stehen kann, Du baust mich auf, um auf stürmischen Meeren zu gehen. Ich bin stark, wenn ich auf deinen Schultern bin, Du baust mich auf zu mehr, als ich je sein kann.“
Ist doch schön, oder? Und es ist für mich ein Glaubenslied, dass meiner Vorstellung und meiner Erfahrung von Gott sehr nahe kommt. Ich glaube, dass Gott in eben diesen Momenten, von denen das Lied spricht, ganz besonders für uns da sein will, in den Momenten und Lebensphasen, in denen wir ganz unten sind, mit müder Seele und einem von Sorgen schweren Herzen. Leben spielt sich nicht nur auf der Sonnenseite ab, das wissen wir alle und haben wir wahrscheinlich auch schon alle selbst erfahren. Und ich finde es zutreffend beschrieben, dass es dann vollkommen in Ordnung ist, still zu werden und abzuwarten. Panik, Hektik und Verzweiflung bringen uns im Zweifel nicht weiter. Zur Ruhe zu kommen, Ruhe zu finden und in all dem Belastendem hinzuhören, auf das was sich verändert, auf das, was in uns hörbar wird, hinzuhören auf das, was Gott uns in solchen Momenten zu sagen hat, das kann helfen.
Und dann kann es tatsächlich sein, dass wir Entlastung erleben, dass es uns besser geht, dass Sorgen und Ängste kleiner werden. Gott und unser Glaube an ihn können uns Kraft und Zuversicht geben, die es uns leichter machen, unsere Lebenskrisen zu meistern. So kommen wir wieder heraus aus den dunklen Tälern unserer Lebenswege, werden aufgerichtet, so dass wir wieder auf den Bergen stehen und über stürmische Meere gehen können, wie der Liedtext es sagt.
Ja, all das ist sehr prosaisch und vielleicht auch ein wenig kitschig formuliert. Aber dennoch ist es wahr und es entspricht dem, was Gott für uns tut, für uns sein will und uns schenken kann. Du baust mich auf – you raise me up.

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  Zeit für Gott

Zeit für Gott

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.01.2020

Als ich neulich morgen an der Tankstelle meine Rechnung bezahlte, fing plötzlich das Smartphone einer Dame, die direkt hinter mir stand, laut an zu piepen. Es war allerdings kein Anruf, sondern eine Erinnerung. Die Dame kramte ihr Handy aus der Tasche und schaltete es aus mit den Worten: „Entschuldigung, ich hatte vergessen, den Alarm stumm zu schalten. Aber gleich geht die Sonne auf und dann ist Gebetszeit.“
Die Frau war eine Muslima und wir haben uns noch ein wenig unterhalten, bevor wir unserer Wege gegangen oder besser: gefahren sind. Mich hat die Frömmigkeit dieser Frau beeindruckt, die sich im Alltag eben auch darin manifestiert, dass es reservierte Zeiten gibt, die dem Glauben gehören, Zeiten, die Gott geschenkt werden. Und dafür wird alles andere unterbrochen.
In unserer christlichen Tradition gab es früher auch feste Gebetszeiten. Der Tag war strukturiert durch Tagzeitgebete und damit die Menschen diese nicht vergaßen, wurden sie von den Kirchenglocken daran erinnert. Nur weniges davon ist geblieben, so zum Beispiel das Läuten der Gebetsglocke jeden Tag um 12:00 Uhr, hier bei uns am Dom aber auch in anderen Kirchen unsers Landes. Und vereinzelt hören wir ebenfalls am Abend von einigen Kirchtürmen die Glocken läuten.
Leider hat unser Lebensrhythmus die Tagzeitgebete aus unserem Alltag verdrängt. Dabei waren sie nicht nur für die Strukturierung des Tages sehr hilfreich, sie haben uns auch dabei unterstützt, unseren Glauben zu festigen und Gott direkt hineinzulassen in unser Leben. Wenn wir am Sonntag zum Gottesdienst gehen, ist das schon etwas Besonderes. Wir bereiten uns vor, verlassen unser Zuhause und machen uns auf den Weg. Ja, auch das bietet Struktur und Unterbrechung, aber wir begeben uns an einen besonderen Ort zu einem besonderen Zweck. Bei den Tagzeitgebeten war das anders. Die wurden dort gebetet oder gefeiert, wo man gerade war. Auf dem Feld, im Büro, in der Schule, zu Hause. Wenn die Glocke läutete, legte man beiseite, was einen gerade beschäftigte und schenkte Gott ein paar Minuten im Gebet – um Danke zu sagen, um für etwas oder für jemanden zu bitten, um seine Sorgen und Ängste loszuwerden und sie vor Gott zu bringen, um sich des eigenen Glaubens und der Gegenwart Gottes zu versichern.
Manche von uns haben sich solche Rituale im Persönlichen bewahrt oder für sich neu entdeckt. Das Gebet am Morgen, bevor wir das Haus verlassen, das Gebet vor dem Schlafengehen, in dem wir alles Gute und Schlechte des Tages zurück in Gottes Hand legen. Ganz egal was es ist, wie es abläuft und wann es stattfindet: Gespräche mit unserem Schöpfer sind immer gut und hilfreich – und empfehlenswert. Und wenn wir schon alle so wunderbare Smartphones in der Tasche haben, warum lassen wir uns nicht von ihnen auch daran regelmäßig erinnern: „Hallo Mensch, hier ist dein Telefon. Es wäre mal wieder ein guter Moment, um mit Deinem Schöpfer zu reden!“

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  St.-Knut-Tag

St.-Knut-Tag

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.01.2020

Kennen Sie die Fernsehwerbung dieses schwedischen Möbelhauses, in der aus ganz vielen Fenstern Weihnachtsbäume auf die Straße geworfen werden? „In Schweden begehen wir das Ende der Weihnachtszeit mit einem Fest, das man Knut nennt.“ So wird der Fernsehzuschauer über den Hintergrund der tieffliegenden Weihnachtsbäume informiert. Heute ist Knut, oder besser der St.-Knut-Tag, der Feiertag des Endes der Weihnachtszeit in Skandinavien.
r geht zurück auf den dänischen König Knut IV., der angeordnet hat, die Weihnachtszeit auf 20 Tage zu verlängern. In vielen Regionen der Welt endet Weihnachten mit dem Epiphaniasfest am 6. Januar, Knut IV. fand das zu früh und ließ noch eine Woche dranhängen. Eine sehr weise Entscheidung, wie ich finde. Denn je mehr Zeit wir Menschen haben, uns mit der weihnachtlichen Botschaft zu befassen und sie zu verinnerlichen, desto besser. Ich möchte die Gelegenheit des heutigen St.-Knuts-Tages nutzen, um mit Ihnen noch einmal einen Blick zurück zu werfen auf das, was wir vor 20 Tagen gefeiert haben.
Wenn Sie im Alten Testament der Bibel lesen, werden Sie an vielen Stellen darauf stoßen, dass es im Verhältnis zwischen uns Menschen und Gott nicht immer zum Besten stand. Adam und Eva fliegen kurz nach Abschluss der Schöpfungsgeschichte aus dem Paradies, weil sie sich nicht nach Gottes Regeln verhalten haben, der Herr schickt die Sintflut, gießt Pech und Schwefel über Sodom und Gomorra, schickt Plagen und Elend auf die Welt und, und, und. Das ist mitunter ganz weit weg von eitel Sonnenschein und erinnert eher an eine ziemlich heftige Beziehungskrise.
Doch Gott gibt uns Menschen noch einmal eine gigantische zweite Chance, in dem er seinen Bund mit uns erneuert. Und er tut dies dadurch, dass er einer von wird. Er kommt als Mensch in diese Welt und erlebt so auch alles, was menschliches Leben mit sich bringt an Gutem und Bösem, Schwerem und Leichtem. Und er zeigt uns in seinem Sohn wie gutes Leben gelingen kann: „Nehmt Euch an ihm ein Beispiel. Er lebt Euch vor, wie ich mir die Welt für euch Menschen gedacht habe.“ Und in dem, wie die Geschichte unseres Freundes und Bruders Jesus Christus weitergeht, zeigt uns Gott wie unbedingt und wie groß sein Liebe zu uns ist. Sein eigener Sohn muss qualvoll sterben, damit für uns alle der Tod ein für allemal besiegt werden kann, damit wir wissen dürfen, dass nach unseren ganz persönlichen Karfreitagen berechtigte Hoffnung auf das Licht des Ostermorgens bleibt.
Das ist weihnachtliche Botschaft und es wäre doch unglaublich schade, wenn wir dies aus dem Blick verlören, nur, weil wir keinen Baum mehr im Wohnzimmer und keinen Lichterbogen mehr im Fenster stehen haben. Und deshalb kann ich König Knuts Entscheidung gut nachvollziehen. Denn und ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende!

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  Ruhig auch mal albern sein

Ruhig auch mal albern sein

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.01.2020

Auf der Suche nach einem Thema für die heutige Andacht habe ich ein wenig im Internet gesurft und bin auf einen Kalender gestoßen, der den heutigen 11. Januar als „Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ ausweist. Das habe ich bei mir dann erst einmal so sacken lassen. Es ist nicht erklärt, woher dieser besondere Tag kommt, wer ihn wann und warum ausgerufen hat und wie er denn so zu begehen ist. Und eigentlich wollte ich das alles auch gar nicht so genau wissen. Es gab lediglich den Hinweis, dass man ihn besonders im Süden Europas gut feiern könne, da es dort kaum Eis auf den Pfützen gäbe – na immerhin!
„Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ – ich hab das Thema dann doch irgendwie nicht mehr aus dem Kopf bekommen, weil ich es witzig fand, einen Tag einfach mal einem solchen Blödsinn zu widmen. Es herrscht ja momentan draußen in der Welt kein Mangel an Nachrichten, die alles andere als witzig sind. Und ich persönlich brauche davon auch einfach mal etwas Ablenkung, gerne auch mal mit einer Runde Albernheiten. Leider trauen wir uns das nicht immer, weil wir meinen, mal so richtig albern zu sein, das gehöre sich nicht, sei irgendwie unfein und dürfe man sich als mündiger und verantwortungsbewusster Erwachsener einfach nicht mehr erlauben. Ich glaube, dass das nicht stimmt. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir immer nur ernst und hoch seriös durch die Gegend laufen, hätte er uns ganz bestimmt nicht unseren Humor geschenkt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Gott Humor hat. Wäre sonst diese Welt so schön und bunt und vielfältig? Wüssten wir dann zu lachen und würden wir es so gern tun, wie wir es tun? Gott lässt Abrahams Frau Sara schwanger werden, als sie 90 Jahre alt ist und Sara lachte, als sie es erfuhr, wie die Bibel verrät. Ja, zugegeben, die Bibel ist nicht gerade voll von mehr oder weniger witzigen und humorvollen Begebenheiten. Auch Jesus wird eher ernst und unnahbar dargestellt. Dieses Bild findet sich übrigens auch in vielen Bibelverfilmungen wieder. Jesus als stoischer Held, der seinen Weg ohne große emotionale Regungen geht. Vielleicht hat man aus Ehrfurcht vor der Person darauf verzichtet, ihn allzu menschlich darzustellen, ich weiß es nicht.
Doch er ist Mensch geworden, wir haben es gerade erst gefeiert. Und er hat ganz sicher auch gelacht, war fröhlich und bestimmt auch mal albern. Und wir dürfen das auch. Kinder haben uns da so einiges voraus. Die können ganz unbefangen fröhlich sein und Blödsinn machen. Ich finde, wir sollten das nicht verlernen, denn es macht das Leben reicher und heller – gerade wenn so vieles um uns herum so schwer und traurig ist.
Jesus will uns ein Leben in Fülle schenken, wie er selbst sagt. Und in einem solchen Leben in Fülle darf man ganz sicher auch den „Spring-in-eine-Pfütze-und-bespritze-Deine-Freunde-Tag“ feiern. Ein kleines Lächeln wäre doch schon mal ein schöner Anfang.

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  Solidarisch gegen den Hass

Solidarisch gegen den Hass

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.01.2020

Vor ein paar Tagen hat der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, darüber berichtet, dass er Morddrohungen erhalten habe, insbesondere, weil er sich seit Jahren sehr klar und sehr engagiert für die Seenotrettung von Menschen im Mittelmeer einsetzt. Der Bischof reagierte vergleichsweise gelassen, sagte, dass er die Drohungen gegen ihn nicht besonders ernst nehme. Dennoch: Erschütternd ist der Sachverhalt allemal. Doch es ist nicht nur der EKD-Ratsvorsitzende, der derartig bedroht wird. Viele Menschen des öffentlichen Lebens müssen sich mit solchen Anfeindungen auseinandersetzen. Meist geschieht dies anonym und vielfach in den sogenannten sozialen Netzwerken. Sie bieten Raum für verbale Entgleisungen, für Hetze und Hass, ohne, dass diejenigen, die diese Inhalte veröffentlichen, sich mit ihrem echten Namen dazu bekennen müssten.
Nun könnte man sagen: Sind ja alles nur leere Worte, die da zu lesen sind. Doch ich fürchte, dass wir es uns damit zu leicht machen. Erst sind es Gedanken, dann sind es Worte und am Ende werden Taten daraus. Und es gab eben schon die ersten grausamen Taten in unserem Land, bei denen Menschen, die sich für Flüchtlinge und gegen Hass und Ausgrenzung positionieret haben, verletzt und sogar umgebracht wurden – hier bei uns in Deutschland. Die Forderungen nach strengeren Regeln im Internet sind nicht neu, echte Verbesserungen der Situation lassen allerdings auf sich warten. Und so mancher engagierte Mensch in Politik, Gesellschaft und auch bei uns in den Kirchen hat sich bereits zurückgezogen, weil der Druck und die Drohungen nicht mehr zu ertragen waren. Jüngstes Beispiel ist der Bürgermeister aus dem niedersächsischen Estorf, der ebenfalls rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt war, dessen Auto mit Hakenkreuzen beschmiert wurde und der eben auch Morddrohungen erhalten hat.
Da engagieren sich Menschen ehrenamtlich für ihre, für unsere Mitmenschen, treten ein für Demokratie, für Nächstenliebe, für Menschenrechte und Menschenwürde und werden dafür mit dem Tod bedroht. Es ist nicht leicht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, weil diejenigen, die den Hass säen, nicht so ohne weiteres zu finden sind. Zudem scheint eine gewisse Gewöhnung einzutreten: „Ja, das ist nun mal so. Damit muss man halt rechnen, wenn man sich öffentlich äußert“, so ist mitunter zu hören. Nein, damit muss man nicht rechnen müssen. Ich denke, ein wesentlicher Hebel, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, ist, dass wir uns eben nicht daran gewöhnen, sondern unmissverständlich sagen, dass wir so etwas nicht hinnehmen.
Es ist Aufgabe, auch und gerade von kirchlicher Seite, klar und deutlich unsere Solidarität mit denen zum Ausdruck zu bringen, die sich dem Hass anderer ausgesetzt sehen. Wer sich einsetzt für die Schwachen, für die Bedrohten, für die Angstvollen; wer sich einsetzt für die Demokratie, wer sich einsetzt für das Evangelium und in Jesu Namen und Jesu Sinne handelt, der muss die volle Solidarität von Christinnen und Christen im Rücken haben und sich darauf verlassen können.
Jesus Christus spricht: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um meinetwillen.“ Gerade in Zeiten wie diesen, sollten wir einmal mehr auf dieses Bibelwort hören.

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  Das leben ist riesengroß

Das leben ist riesengroß

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.01.2020

Gestern Abend, Staatstheater, Kleines Haus, krankheitsbedingte Spielplanänderung: „Novencento. Die Legende vom Ozeanpianisten.“ Ein Ein-Mann-Stück mit Götz van Ooyen nach dem Roman von Alessandro Baricco. Es erzählt die Geschichte eines Findelkindes, das im Ballsaal eines Ozeandampfers in einem Karton auf dem Klavier zurückgelassen wird.
„Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“
So steht es im 69. Psalm. So muss es den Auswanderern, den Wirtschaftsflüchtlingen zu allen Zeiten ergangen sein…
Der Junge, kurz Novecento, wächst auf dem Ozeanriesen auf, wird ein großartiger Pianist, eine Legende. Und er geht niemals von Bord; zunächst aus Sicherheitsgründen, denn er hat keine Papiere, später aus Angst vor der entgrenzten Welt.
Denn, wieder im 69. Psalm: „Ich bin fremd geworden meinen Brüdern / und unbekannt den Kindern meiner Mutter“
Als das Stück vor fast zwanzig Jahren in Braunschweig auf die Bühne kam, war Götz van Ooyen dreißig. Es gab noch keine Smartphones und die Geschichten von unbegleiteten Minderjährigen spielten noch in einer anderern Welt. Damals taumelte Götz van Ooyen slapstickartig über die Bühne, so dass man schon von Zugucken seekrank wurde und rast mit dem ungebremsten Klavier durch den Ballsaal. Übermut, Wahnsinn, Genie. Keiner hatte mehr Boden unter den Füßen. Novecento, der die ganze Welt in den Augen der Reisenden sieht und im Kosmos der Musik zum Ausdruck bringt, war kompromisslos und verletzlich, einer der die Welt im Sturm erobern könnte aber darauf verzichtet, der „Amerika“ schreit und man weiß nicht, ob da Sehnsucht mitschwingt…
Zwanzig Jahre später wackelt nichts mehr. Jetzt steht dieser Novecento ganz oben auf der Brücke, die das Schiff mit dem Land verbindet und beim Zusehen bleibt einem das Herz stehen: er wird hoffentlich nicht in den dunklen Zuschauerraum stürzen wie er da so ungesichert auf der schmalen Stufe steht und zurückschreckt: Was soll er in dieser Welt?
„Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen…“
Als das Schiff nach dem zweiten Weltkrieg schließlich nicht mehr fahrtüchtig ist, wird es versenkt und Novecento geht mit unter. Auch das klingt heute schmerzlich aktuell.
Zwanzig Jahre später erzählt Götz van Ooyen diese Geschichte aus den Augen eines Trompeters, der sich alt geworden erinnert: An den heimatlosen Jungen, dem die Weite des Meeres weniger gefährlich schien als die grenzenlose Stadt, der Inbegriff der westlichen Welt. Jetzt erzählt er von einem Musiker, dem das Duell und die Leistungsschau fremd sind, der aber die Lieder der Reisenden durch die Zeit in sich versammelt hat, ihre Geschichten, das was sein wird und deswegen das je größere Lied spielt. Auch 2020 schreit er „Amerika“ aber vor allem: „Das Leben ist riesengroß!“ Oder: „Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied / und will ihn hoch ehren mit Dank.“


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  Sternsinger 2020

Sternsinger 2020

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.01.2020

Wir haben Besuch! Man wird es den Rest des Jahres noch an unserer Domtür sehen können, dass die Sternsinger dagewesen sind und ihren Segen angeschrieben haben. 2020 wird dann neben dem CMB stehen und wir werden im Laufe des Jahres immer wieder durch diese Tür gehen und daran denken, dass wir hier seit 75 Jahren ohne Bombennächte leben dürfen, dass seit dreißig Jahren die kriegsbedingte Spaltung Deutschland zuende ist.
Bis zum achten Mai werden dabei noch einige schwere Tage kommen: das Gedenken an die Ermordung von Helmuth James von Moltke und Dietrich Bonhoeffer oder die Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz. Für unsere Kinder ist das Geschichte. Sie werden nicht mehr ohne Väter und Großväter groß, müssen nicht Brüder oder Liebste beweinen, können zur Schule oder in die Ausbildung statt an die Front. Gott sei Dank!
Wirklich! Gott sei Dank!
Denn das ist keineswegs überall auf der Welt so.
Die Sternsingeraktion 2020 „Frieden im Libanon und weltweit“ erinnert daran und trägt dazu bei, dass unsere Kinder wenigstens davon hören, dass ihre Altersgenossen sich anderswo solche friedliche Normalität wie wir sie hier haben, nicht vorstellen können. Das ist Friedenserziehung im besten Sinne, denn unserer Kinder leben mit den Kindern aus den Kriegsgebieten in einer Welt und werden gemeinsam Verantwortung tragen. Dafür ist wichtig zu wissen, was Andere durchgemacht und erlitten haben, warum sie Manches nicht lernen oder ausprobieren konnten.
Im Materialheft der diesjährigen Aktion habe ich folgenden kleinen Text gelesen:
„Salomon ist zwölf Jahre und sehr schüchtern. Er verwechselt Frieden mit Krieg. Er sagt: „Im ‚Frieden‘ töten die Menschen sich mit dem Messer. Wenn die Person weglaufen will, nimmt man die Machete und schlägt auf sie ein, damit sie stirbt. Manchmal stellt man Fallen mit Kabeln auf und fängt so die Person. Wenn die Menschen sich nicht mehr mit Macheten töten, dann streiten und kämpfen sie miteinander. Mehr weiß ich nicht. Frieden kenne ich nicht.“
Diese Verwechslung nicht zu korrigieren war einfühlsam und klug, denn sie zeigt so überaus deutlich, wie alles wegrutscht, wenn solche Bilder zum Alltag eines Kindes gehören.
Noch steht hier die Krippe, noch ist einem im Ohr, das Jesaja sagt:
„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“
Ja, uns ist dies Kind geboren – aber nicht nur uns, sondern uns allen und erst recht den Kindern dieser Welt. Darum ist es gut, dass die Sternsinger kommen, davon hören und singen und uns daran erinnern.


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  Charlie Hebdo

Charlie Hebdo

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.01.2020

Heute jährt sich der Abschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo zum fünften Mal. Im Januar 2015 hatten im Nu zahllose Menschen ein blau-weiß-rotes Profilbild. Der Schreck, dass der Terror nun auch uns so nah gerückt war, verbündete Menschen in einem kurzen Moment der Solidarität.
Inzwischen wissen wir, dieser Anschlag war nur der Auftakt eines schweren Jahres in Frankreich, ganz zu schweigen von all den Opfern von Hass und Gewalt überall auf der Welt.
Im 69. Psalm heißt es:
„Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupte habe. Die mir zu Unrecht Feind sind / und mich verderben wollen, sind mächtig. Ich soll zurückgeben, was ich nicht geraubt habe.“
Ich versinke in tiefen Schlamm… - wohin der Hass führt, kann man tagtäglich sehen. Aktuell bringt er nicht nur den Iran und die Vereinigten Staaten in eine wirkliche gefährliche Situation; der allenthalben salonfähige Hass in den verschiedensten Medien tut sein Übriges.
Schon längst werden wir dieser Flut kaum noch Herr.
Carolin Emcke hat kurz nach dem Anschlag in Paris ein kleines Buch „Gegen den Hass“ veröffentlicht. Darin beschreibt sie, dass es eine Grundstruktur des Hassens ist, möglichst nicht genau hinzusehen, zu verallgemeinern, sich nicht verunsichern zu lassen. „Gehasst wird ungenau. Präzise lässt sich nicht gut hassen. Mit der Präzision käme die Zartheit, das genaue Hinsehen oder Hinhören, mit der Präzision käme die Differenzierung…“
Und vielleicht auch das Interesse füreinander und Verständnis für das jeweilige Anderssein. Diese Erfahrung könnte Renate Künast bestätigen, die davon ausgeht, dass die verbalen Angriffe nicht genau ihr galten, sondern einer wie ihr.
Hass ist keine Meinung, schreibt sie. Deswegen verdient er keine Freiheit, deswegen lässt er sich nicht auf Argumente ein, deswegen macht er blind. „Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“
Schreibt der Psalmist. Nicht blind vor Hass, sondern trüb vor Tränen.
So muss es nicht sein, nicht unter uns.

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  Guter Vorsatz

Guter Vorsatz

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.01.2020

Tag 4 im neuen Jahr. Weihnachtlicher Glanz bestimmt noch immer unsere Wohnungen, unsere Innenstädte und auch unsere Kirchen. Doch spätestens ab der kommenden Woche, wenn wir am 6. Januar Epiphanias gefeiert haben, werden wohl mehr Weihnachtsbäume vor unseren Häusern liegen als noch in den Wohnzimmern stehen und auch die festlichen Beleuchtungen, die uns seit Anfang Dezember begleiten, werden nach und nach verblassen.
Apropos verblassen: Wie sieht es eigentlich so mit Ihren Neujahrsvorsätzen aus, wenn Sie denn welche gefasst haben sollten? Sind noch alle präsent oder gab es schon erste Ausfälle? Wie dem auch sein mag: Wenn Sie mit der Zusammenstellung Ihrer eigenen Ziele für 2020 noch nicht so ganz zufrieden sein sollten: Der 4. Januar ist, wie ich finde, noch immer so dicht an Silvester und Neujahr, dass Korrekturen erlaubt sein sollten.
Vielleicht wollen Sie ja noch etwas richtig Anspruchsvolles und gleichzeitig unglaublich Sinnvolles mit auf die Liste nehmen. Ich hätte da was für Sie, nämlich das Bibelwort der Herrnhuter Losungen, das über dem heutigen Tag steht. Es sind Worte von Jesus Christus höchstpersönlich und der rät uns: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“
Ich könnte verstehen, wenn Sie dann doch lieber bei gesunder Ernährung, mehr Sport oder öfter mal im Haushalt helfen bleiben wollen. Doch Sperrigkeit ist und bleibt eben ein Markenzeichen des Evangeliums und der Botschaft Jesu ebenso. Das, was uns die Bibel als Lebensorientierung mit auf den Weg gibt, das ist nicht zart wie glattgerührte Butter. So manches ist harte Kost und fordert uns massiv heraus, insbesondere dann, wenn wir uns vornehmen, danach zu leben.
Jesus Aufforderung, dass wir unsere Feinde lieben sollen, gehört ganz sicher in diese Kategorie. Und doch ist es ein ganz wesentlicher Schritt, der zum Frieden führt. Wenn wir immer nur Gleiches mit Gleichem vergelten, uns dem Automatismus unterwerfen, der Gewalt mit Gegengewalt beantwortet, dann wird das nichts mit Friede auf Erden. Vielleicht hilft es, das Thema nicht gleich zu groß zu denken mit Beispielen, die auf die Weltbühne gehören. Es wird einfacher und greifbarer, wenn wir im Kleinen anfangen. Wenn mir jemand dumm kommt, mich verletzt, kränkt, beleidigt, warum kann ich im ersten Impuls dann nicht zunächst einmal vergeben, bevor ich über alles mögliche Andere nachdenke? Wenn mir Vergebung gelingt, ist ganz viel Druck aus dem Kessel, dann ist der Wunsch nach Vergeltung weg, denn es gibt nichts mehr, was zu vergelten wäre. Und damit hat die Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von „Wie Du mir, so ich Dir“ keine Energie mehr.
Vielleicht wäre das ja noch so eine Idee für 2020. Erst einmal vergeben, bevor wir unsere Waffen wetzen. Wenn das Schule macht, könnte sich einiges zum Besseren verändern auf dieser Welt.

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  Die Sache mit den guten Vorsätzen

Die Sache mit den guten Vorsätzen

Henning Böger, Pastor an St. Magni - 03.01.2020

„Der schwierigste Weg, den der Mensch zurückzulegen hat, ist der zwischen Vorsatz und Ausführung.“ Dieser Gedanke des Braunschweiger Erzählers Wilhelm Raabe passt ganz gut zu den vielen „guten Vorsätzen“, die Menschen auch in diesem Jahr verwirklichen wollen. Ganz oben auf der Gute-Vorsätze-Liste stehen laut einer aktuellen Umfrage: Stress vermeiden, mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich mehr bewegen. Leider gibt es keine Statistiken darüber, wie viele der guten Vorsätze tatsächlich eingehalten wurden. Schade eigentlich!
Noch einmal Wilhelm Raabe: „Der schwierigste Weg, den der Mensch zurücklegen kann, ist der zwischen Vorsatz und Ausführung.“ Warum ist das so? Warum scheitern unsere guten Vorsätze sooft? Aus eigener Erfahrung vermute ich: Das Schwierige an guten Vorsätzen ist weniger das Gute, das sie anstreben, sondern vielmehr der Umstand, dass sie oft aus Unzufriedenheit gedeihen, also aus dem Gefühl, dass etwas nicht gut oder gut genug ist. Gutes gelingt aber vor allem aus Freude. Auch die Lust auf Veränderung wächst besser aus einem guten Gefühl heraus. Dann könnte unseren guten Vorsätzen folgende biblische Einsicht ganz gut tun: „Ich danke dir, Gott, dass ich so wunderbar gemacht bin.“ Das weiß der Beter des 139. Psalms von sich selbst zu sage. Und er dürfte dabei auch die eigenen Problemzonen nicht aus dem Blick verloren haben.
„Ich danke dir, Gott, dass ich so wunderbar gemacht bin.“ Das ist ein starker Satz zu Jahresbeginn. Ich höre ihn so: Dass gute Vorsätze scheitern können, dass uns längst nicht alles so gelingt, wie wir es wünschen oder wollen, das muss kein Anlass zur Resignation sein, weil wir so, wie wir sind, Gott immer schon gut genug sind. Ganz gleich, wie mir das Leben im neuen Jahr gelingen mag, diesen einen Satz darf ich dafür schon jetzt hören: Gott ist da, und darum ist er auch für mich da! Gott sorgt dafür, dass es mit mir gut ausgeht. Auch da, wo ich mir selbst und meinen Möglichkeiten im Wege stehe.

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  Neustart

Neustart

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.01.2020

Ist irgendetwas anders? Haben Sie eine Veränderung bemerkt an sich selbst, an Ihren Mitmenschen, an Ihrer Umwelt? Schließlich hat ein neues Jahr begonnen und eigentlich könnte man doch erwarten, dass irgendetwas augenfällig anders ist. Schließlich veranstalten wir Menschen ja einigen Zinnober an Silvester: große Party, Feuerwerk, Sekt, Tanz, Trallala. Und doch ist dann der erste Morgen im neuen Jahr nicht anders als der letzte Morgen des abgelaufenen, von einem leichten Kater und etwas verstärkter Müdigkeit vielleicht mal abgesehen.
Und doch verspüren manche unserer Zeitgenossen so etwas wie Aufbruchstimmung an jedem Jahresanfang. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen kann es daran liegen, dass wir uns einige dieser berühmten guten Vorsätze zu eigen gemacht haben. Ich will Sie nicht langweilen damit, deshalb nur ein paar wenige als Beispiel: mehr Sport, gesünder und weniger essen, nicht mehr rauchen, öfter mal bei Tante Elisabeth anrufen, und, und, und.
Unsere Aufbruchstimmung kann aber auch daraus erwachsen, dass wir unter Erlebnisse, Erfahrungen, Begegnungen aus der Vergangenheit am Jahresende einfach ein Strick gemacht haben, sie abschließen und uns von ihnen ein Stück weit distanzieren und verabschieden konnten. Das ist, wie ich finde, ein sehr wichtiger und erleichternder Effekt eines Jahreswechsels.
Ich kann Belastendes hinter mir lassen, so, wie ich das alte Jahr hinter mir gelassen habe. Ich kann Trauer und Sorgen und Angst einen zeitlichen Ort geben und der ist dann eben in der Vergangenheit und damit gehören Trauer, Sorgen und Angst zumindest ursächlich zur Vergangenheit und nicht mehr zum heute. Natürlich heißt das nicht, dass wir alle am 1. Januar wie neugeboren sind, wie ein unbeschriebenes Blatt, ohne irgendwelche Probleme und Nöte. Das ganz sicher nicht. Aber so manches wird leichter, wenn uns ein Jahreswechsel davon trennt.
Unterstützt werden wir dabei von Jesus Christus höchstpersönlich. Petrus schreibt: Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Erfreulicherweise hat Petrus hierbei nicht nur zum Jahreswechsel recht, sondern immer. Jesus lädt uns ein, zu ihm zu kommen, wenn wir mühselig und beladen sind, an 365 Tagen im Jahr, in 2020 sogar an 366. Es fällt uns Menschen aber leichter, uns das zu vergegenwärtigen, wenn es dazu noch einen äußeren Impuls gibt – so, wie an Silvester oder Neujahr.
Ich finde Jesu Einladung einfach großartig. Egal wie schwer unsere Sorgen sind, egal wie groß der Bockmist ist, den wir mal wieder gebaut haben: Unser Freund und Bruder Jesus Christus ist bereit, ihn uns abzunehmen. Und wenn Sie also nun heute Abend oder morgen oder wann auch immer noch irgendwelchen alten belastenden Kram aus 2019 finden: Alle Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.

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  Endspurt

Endspurt

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.12.2019

Endspurt. Dies ist das letzte Wort zum Alltag in 2019, die letzte 5-Minuten-Andacht. Es waren überschlägig 300, die von Montag bis Samstag von dieser Kanzel aus gesprochen wurden und einige Tausend Menschen haben zugehört. Neben diesen Andachten gab es dann noch Gottesdienste, Bläser-, Chor- und Orgel-Vespern, Bach-Zeiten, Sommernächte und so manches mehr. Und immer waren Menschen hier im Dom, haben gemeinsam gesungen und gebetet und auf Gottes Wort gehört.
Wir werden öfter mal gefragt, ob uns denn, gerade für die täglichen Andachten, auch immer etwas einfiele. Und die Antwort ist erstaunlicherweise: Ja! Wobei das so erstaunlich gar nicht mal ist. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Petrus und Johannes gefangen genommen und in Jerusalem vor dem Hohen Rat verhört werden, weil sie von Jesu Auferstehung und seiner frohen Botschaft berichtet hatten. Und das passte den religiösen Führern so gar nicht in den Kram. In diesem Verhör sagen die beiden dann: „Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“
In dieser Tradition verstehen wir uns hier auch. Wir können es auch nicht lassen, immer wieder von Gottes froher Botschaft zu reden und dieser Botschaft so eine Stimme zu geben. Und unsere Andachten heißen dazu aus gutem Grund „Wort zum Alltag“. Denn Gottes Wort und sein Evangelium hat genau da seinen Platz und gehört genau da hin: in unseren Alltag. Ja, natürlich feiern wir hier im Dom die hohen kirchlichen Feste in ganz besonderer Art und Weise – die Weihnachtsfeiertage liegen gerade hinter uns, Epiphanias steht vor der Tür, Ostern, Pfingsten und Trinitatis werden folgen. Doch viel wichtiger ist doch, dass wir uns auch außerhalb dieser Festtage in unserem täglichen Leben von Gott und seiner Liebe begleitet fühlen können. Wichtig ist doch, dass wir die Relevanz des Evangeliums nicht nur sonntags von 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr erleben, sondern täglich von Montag bis Sonntag.
Und weil Evangelium immer erlebbar ist, gibt es auch jeden Tag ein anderes Thema hier bei uns im Dom, ohne dass wir uns ständig wiederholen müssten. Gott wird sichtbar in unser aller Alltag, in den Menschen, die uns begegnen, in den kleinen Episoden, die sich millionenfach ereignen, im Großen wie im Kleinen. Gott wird sichtbar überall dort, wo Menschen sind, sie sich ihrem Leben stellen mit allem, was dazugehört. Und so ist es gar kein Problem, jeden Tag auf neue unsere Aufmerksamkeit mit einem Wort zum Alltag auf unseren Alltag zu lenken und aufzuzeigen, dass das Evangelium keine 2000 Jahre alte Geschichte ist, sondern dass es Bedeutung hat im Hier und Jetzt, dass es aktuell ist wie eh und je und dass uns Gottes Liebe, von der es berichtet, trägt und hält und begleitet.
Auch wir hier am Dom können es nicht lassen, davon zu reden. Das war so in 2019 und das wird so bleiben auch in 2020.

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  Segensreiche Zeit

Segensreiche Zeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.12.2019

Die Weihnachtszeit gilt als segensreiche Zeit. Auch wenn das Wort „segensreich“ wohl inzwischen zu den gefährdeten Wörtern gehört. Segensreich – was soll das schon bedeuten? Im Internet recherchiert, meint die Seite „Wortbedeutung.info“, dass das Wort „etwas Positives bewirkend, etwas Gutes aufweisend“, meine. Und dann gilt das erste Beispiel der Technik. Hm. Denkt sich die Theologin. Segensreich hat doch zuallererst etwas damit zu tun, dass uns – ja!, etwas Positives geschieht, aber doch, dass es uns von Gott geschieht. Es geht um etwas, das uns geschenkgleich widerfährt.

So ist eine echte Begegnung zweier Seelen segensreich.
Segensreich ist, wo Menschen einander zuhören und achtsam miteinander umgehen.
Segensreich ist das freundliche Lächeln, das Antwort findet.
Segensreich ist jenes Vertrauen zueinander, das in Lust gemeinsam Dinge angehen lässt, um sie Wirklichkeit werden zu lassen; ein Vertrauen, das noch Kritik und Meinungsverschiedenheit aushält.
Segensreich ist gemeinsam vertrödelte Zeit.
Segensreich ist das Ringen umeinander. Ich lasse dich nicht, ganz gleich, was geschieht.
Segensreich ist Austausch untereinander: Was denkst du, was glaubst du, worauf hoffst du, was sehnst du? Und interessiert dich, was ich denke, glaube, hoffe, sehne?
Segensreich ist gemeinsames Tun; und wertschätzen, wenn ein anderer etwas für mich tut.

Vermutlich könnte sich diese Liste lange fortsetzen – und spannend wäre es, müsste jede und jeder unter uns zehn segensreiche Dinge seines Lebens benennen. Welche Übereinstimmungen es wohl gäbe? Und trotzdem möchte ich vermuten, dass so eine Liste lang wäre, weil für uns als Individuen eben doch ganz verschiedene Dinge segensreich sind.

Ich für meinen Teil würde z.B. meine Familie ergänzen. Und zwar jene, die mich groß gezogen haben. Meine Eltern und Geschwister; und jene, mit denen ich heute lebe. Dazu Freunde - und überhaupt irgendwie alle, die in Nah und Fern dazu gehören, die Teil meines Gewordenseins sind.
Segensreich sind mir jene, mit denen ich Tag für Tag arbeite.
Jene Menschen, die sich selbst verpflichten, an diesem Ort der Verkündigung mitzutun. Einige von uns werden bezahlt, die meisten aber nicht.
Segensreich ist das Vertrauen im Miteinander, das uns fröhlich denken, streiten, verkündigen, auf diesen Ort aufpassen und von ihm und seiner Geschichte erzählen lässt.
Segensreich war mir in diesen Jahren alles einander begegnen.
In den gemeinsamen Andachten und Gottesdiensten.
Im Konfirmandenunterricht.
Auf der JuKa-Fahrt.
Segensreich ist mir dieser Raum. Der Blick von meinem Stuhl auf das Kreuz des Meisters Imervard. Das Licht, das plötzlich durch die Fenster bricht. Seine Theologie: Heinrich und Mathilde, der Marienaltar, der Leuchter, das Himmlische Jerusalem.
Segensreich waren die vielen gemeinsamen Erlebnisse in Taufen, Vorstellungsgottesdiensten, Konfirmationen, Hochzeiten, auch Beerdigungen, in der Advents- und Weihnachtszeit, zum Abschluss des Weihnachtsmarktes, wenn die Schausteller ihr ganz persönliches Erntedank feiern. Im Polizeigottesdienst. Mit den Chören von außerhalb in der Adventszeit. Beim Tischabendmahl am Gründonnerstag vor dem Osterleuchter. Zu Karfreitag. In der Osternacht. Das Blumenkreuz im Familiengottesdienst. Der Tag der Domsingschule. Pfingsten und unsere Pfingstwanderungen. Die Landfrauen zu Erntedank. Das gemeinsame Bedenken von Themenfeldern wie Krieg und Frieden, wenn die Nacht vom 14. auf den 15. Oktober naht, oder in der Friedensgebetswoche. Die vielen, vielen wunderbaren Konzerte, Konzert-Vespern, BachZeiten, Sommernächte. Das Erleben, dass Chormusik nicht nur gelungenes Event, sondern tatsächlich Ausdruck lebendigen Glaubens sein kann. Weiter: die Überlegungen zur Chororgel, die jetzt durch so viel ehrenamtliches Engagement vielleicht wirklich Wirklichkeit wird. Ich würde es diesem Ort und den Menschen, die sich dafür einsetzen, von Herzen gönnen! Und natürlich: die Kollekten, die hier für andere möglich sind – die Dachziegel-Beschriftung für die Schule in Addis, der Buchstaben-Verkauf unserer Reformationsausstellung zu Gunsten der Kapelle bei der Braunschweiger Hütte oder Jahr für Jahr Sami und Samar, die hier für Mitglieder der christliche Gemeinde in Bethel deren Krippenschnitzereien verkaufen.

Überhaupt habe ich am Dom gelernt, dass Gemeindebilder sich glücklich verändern können, wo wir als Kirche neue Wege beschreiten; der Kern unserer Botschaft aber bleibt über die Zeiten hinweg: Es gibt jene Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt die Sehnsucht nach Licht in der Dunkelheit. Es gibt die Sehnsucht, dass das Leben mehr sein könnte, als wir es aus unseren Alltagsabläufen gewohnt sind; die Sehnsucht, dass die Gegenwart Gottes segensreiche Perspektiven im eigenen Leben aufschließt.

Wenn ich heute hier meine letzte Andacht als Dompfarrerin halte, bevor ich dann in Helmstedt in neuer Funktion predigen und so Gott will auch wirken darf, dann tue ich das mit vollem Herzen und zutiefst dankbar. Segensreich war mir diese Zeit. So viel Gutes, das ich erfahren und hier und da hoffentlich auch geben durfte.

Fragten Sie mich, was mir am wichtigsten von all dem gewesen sei, dann antwortete ich: All jene Momente, in denen wir miteinander und füreinander gerungen haben. Wo wir uns begegnet sind im Austausch – vielleicht nicht immer einer Meinung, aber immer einander wertschätzend. Das ist oft in kleinen Gesprächsrunden geschehen. Dann, wenn wir im Kirchenvorstand über die Zukunft dieses Ortes, über seine Möglichkeiten und Grenzen, vor allem aber über die Menschen nachgedacht haben, die hier ihre kirchliche Heimat finden und die etwas von diesem Ort wollen. Und es war dann, wenn Sie mir in Gesprächen vor Tauf- oder Traugottesdienst, und natürlich auch vor Beerdigungen vertraut und mir erzählt haben. Es geschah in seelsorgerlich-intensiven Phasen oder auch nur im Türrahmen, wenn wir uns über Gott und die Welt austauschten. Für mich lag der größte Segen nicht in den großen Events selbst, sondern im Erleben, dass diese Veranstaltungen an ihren Rändern ermöglichen.

Vielleicht mögen Sie nun gegen Ende meines Redens doch kritisch anmerken: Na, jetzt hat sie ihre Definition von „segensreich“ zwar nicht mit der Technik begonnen, aber von Gott hat sie auch nicht geredet. Also doch nur eine irdische Angelegenheit, der Segen?

Als Gott den Mose beauftragt, da fragt Mose ihn, wer er denn sei, von welchem Gott er den Israeliten denn verkündigen solle? Wie lautet sein Name?
Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3,14)

Gott ist mit, in und unter unserer Wirklichkeit. So drückte es Luther aus.
Wer Gott nicht im Geschenk des Lebens auf Erden findet, und wer ihn nicht im Lebensgeschenk seiner selbst entdeckt, dem lässt sich leider nicht helfen bei seiner Gottsuche. Denn niemand wird Gott extraterrestrisch irgendwo im Universum finden, sondern wir werden ihn nur in uns selbst finden und dann auch mitten unter uns. Und wo das geschieht, da erfahren wir ihn, den reichen Segen, die segensreiche Zeit. Amen.


Gebet:
Himmlischer Vater,
die brücke betreten
zwischen abend und morgen
abschied und ankunft
himmel und krippe
der liebe vertrauen
und spüren: sie trägt

schenke uns solchen Segen in diesen Tagen
zwischen altem und neuem Jahr,
zwischen dem, was war, und dem, was kommt.
Sei uns Schutz und Schirm vor allem Bösen,
Stärke und Hilfe zu allem Guten,
dass wir bewahrt bleiben zum ewigen Leben. Amen.

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  Alles ist gut

Alles ist gut

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.12.2019

Alles vorbei.
Wie schnell die Stunden vergehen.
Zuerst in der Hetze der Vorbereitungen.
Dann im Fluge des Festes.
Und nun liegt Weihnachten schon wieder hinter uns.

Als ich gestern die Kinder vor dem Familiengottesdienst gefragt habe, ob Weihnachten denn schön gewesen sei, da leuchteten die Augen und aus den Mündern erscholl das kleine Wörtlein „Ja!“. Es gibt eben nicht nur Vorfreude, sondern auch Nachfreude. Und es gibt Mit-Freude. Die geschieht nämlich, wenn die Idee eine Freude zu machen, gezündet hat. Und sie geschieht, wo gutes Zusammensein gelingt. Für mich persönlich passiert diese Mit-Freude, wenn ich dem Knaben und seinem Cousin beim Bauen zusehe. Und den Mädels bei der schweren Entscheidung, welches der neuen Bücher denn jetzt wohl zuerst zu lesen wäre. Dieses oder jenes, vielleicht das andere? Oder doch lieber kapitelweise abwechselnd alle gleichzeitig? Sie geschieht in der sich leerenden Süßigkeitenschale, woraus sich alle ganz unverfroren bedienen dürfen – es ist ja schließlich Weihnachten! Sie geschieht beim Spielen und Telefonieren und Fotos Teilen und überhaupt. Und sie geschieht in den vielen Andachten und Gottesdiensten dieser Tage. Da, wo man zwar gemeinsam, aber doch auch irgendwie allein sitzt. Mit sich und seinen Gedanken. Mit dem persönlichen Resümee, mit allem Schönen, genauso wie dem offen Gebliebenen. Hier ist ein Ort, um ganz selbst zu sein. Ein Ort, wo tiefe Fragen leise gestellt werden können: „Was meinst du, Gott, zu diesem oder jenem?“, „Bitte, Gott, hilf mir doch.“, oder: „Danke, Gott, danke!“, und vielleicht sogar: „Lob, Gott, lob sei dir für diese Stunden weihnachtlicher Zeit!“

Diese Tage zwischen den Jahren sind gute Tage, weil wir uns innerlich zurücklehnen können. Sie sind Unterbrechung des üblichen Lebenslaufs, Interim im Alltagstrott. Sie laden dazu ein, zurückzublicken und voraus – und das nicht unter den Vorzeichen von Stress, Zielen, Verbesserungsstrategien, Problemlösungen oder sonst irgendetwas, sondern unter den Vorzeichen von Ruhe und Freude.

Der Schriftsteller Wolfgang Poeplau schreibt wie folgt:
Wenn das Notwendige getan, / und das Überflüssige verworfen,
wenn das Zuviel verschenkt / und das Zuwenig verschmerzt ist,
wenn alle Irrtümer aufgebraucht sind, / kann das Fest des Lebens beginnen.

Über diesen Worten steht als Titel: „Alles ist gut“.
Ja. Alles ist gut – an diesen Tagen danach.
Wenn wir nur unter den Himmel des Friedens Gottes treten,
der für uns aufgespannt worden ist in jener Heiligen Nacht.

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  Fehlinterpretationen

Fehlinterpretationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.12.2019

Und, alles fertig? Alle Geschenke vorbereitet, Kühlschrank ausreichend gefüllt, Baum gekauft und vielleicht sogar schon geschmückt? Morgen ist es dann soweit und so ab 14:00 Uhr ist es wirklich vorbei mit dem Rennen, Kaufen, Vorbereiten. Dann schließen auch die letzten Geschäfte, die ersten Kirchenglocken werden zu hören sein und es beginnt der Heilige Abend mit Krippenspiel, Christvesper, gemeinsamem Essen, gemeinsamem Singen, Bescherung, friedlich harmonischer Familienidylle, leuchtenden Kinderaugen und, und, und. Schön, wenn das morgen Abend bei Ihnen genau so sein wird. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, kein Automatismus, der sich, einmal in Gang gesetzt, einfach so abspielt wie ein Schweizer Uhrwerk. Bei vielen Menschen wird es morgen Abend anders sein, weil sie Weihnachten ohne ihre Familie verbringen, weil Trauer, Krankheit oder Ängste keine Festtagsstimmung aufkommen lassen, weil sich die erwartete weihnachtliche Besinnlichkeit trotz allergrößter Anstrengungen einfach nicht einstellen will.
Und dann? Ist es dann Essig mit Weihnachten? Haben wir sie einfach nur versemmelt diese wunderbare Chance auf fröhliche Weihnachten? Nein, das haben wir ganz sicher nicht. Ich denke, dass wir aufpassen müssen, damit wir uns mit diesem Fest nicht überfordern, aber auch damit wir dieses Fest selbst nicht überfordern. Denn was war da wirklich los vor gut 2020 Jahren im Heiligen Land? Maria wird unehelich schwanger, die erste Katastrophe. Ihr Mann, Josef, will sie verlassen, die zweite Katastrophe. Maria muss hochschwanger im Winter auf einem Esel von Nazareth nach Bethlehem reiten, die dritte Katastrophe, um dann dort in irgendeinem miefigen Stall unter gruseligen hygienischen Bedingungen ihr Kind zur Welt zu bringen. Wo bitteschön finden wir eigentlich in dieser Geschichte unsere mit Weihnachten verbundene süßlich, kitschig, harmonisch verklärte Kuschelatmosphäre wieder? Also ich tue mich damit mehr als schwer.
Aber was Anderes kann ich in dieser Geschichte finden: Da sind zwei miteinander unterwegs, die allen Grund hätten, verzweifelt und frustriert zu sein, weil sich scheinbar die ganze Welt gegen sie verbündet hat. Da sind zwei miteinander unterwegs, bei denen man sich nur wundern kann, dass sie sich überhaupt noch gemeinsam ihrem Schicksal stellen. Doch da sind eben diese beiden miteinander unterwegs und sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie lassen sich nicht unterkriegen, weil sie etwas ganz Wertvolles in sich und bei sich tragen: Gottvertrauen!
Maria und Josef vertrauen auf den, der ihnen verheißen hat, dass am Ende alles gut werden wird. Sie vertrauen auf den, der gesagt hat: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Maria und Josef haben Gott an ihrer Seite. Das macht sie so hoffnungsvoll und stark. Und das dürfen auch wir uns an Weihnachten immer wieder zusprechen lassen, jedes Jahr aufs Neue.
Gott kommt an unsere Seite, mitten hinein in Ihr und in Euer und in mein Leben. Nicht mit süßlich kitschiger Harmoniesoße, sondern mit unbedingter Liebe. Und die können wir spüren völlig unabhängig davon, wie der morgige Abend verläuft. In diesem Sinne und eben wirklich in diesem Sinne wünschen wir vom Dom Ihnen allen: Gesegnete Weihnachten!

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  Ein Weihnachtsgebet

Ein Weihnachtsgebet

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.12.2019

Ausnahmsweise beginne ich heute mal mit einem Gebet. Ich habe es in einer Biographie über Dorothee Sölle gefunden, die nicht aus Fließtext, sondern der chronologischen Abfolge von Gedichten und Gebeten besteht.
In der zweiten Hälfte ihres Lebens, Weihnachten 1984, schrieb sie:
„Lass dein licht leuchten / allen einsamem der welt /
allen alleingelassenen und hinterbliebenen /
allen jungen menschen die sich nicht zuhause fühlen /
und allen verlassenen frauen / lass uns nicht an ihnen vorbeisehen /
sondern dein licht des trostes verbreiten /
lass die einsamen wissen / dass keiner allein ist /
nicht im schmerz / nicht in depression /
nicht in der niederlage um der gerechtigkeit willen /
lass uns alle dein licht sehen / damit wir selber licht werden /
mach uns stark in deinem licht…“
Einsam und allein, übrig, ungeborgen – das sind wir wohl alle immer mal wieder und mancher manchmal viel zu sehr.
Als Dorothee Sölle dies Gebet mitten im kalten Krieg, der Hochrüstung und Apartheit schrieb, kam wohl extra noch Frost in die Seele. Jedenfalls meinte sie, dass gegen die Verzweiflung und die Fakten, den Hunger und den Krieg, gegen die Not jedes Einzelnen tatsächlich nur hilft, dass wir uns immer wieder vergewissern, dass wir doch eigentlich eins sind – mit der Schöpfung und dem, wie es wirklich sein sollte.
Letzteres ist oft gar nicht so genau zu fassen, weil die Dinge komplex und verzwirbelt sind, Menschen unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen haben und auch verschieden viel Kraft und Mut.
Zu Weihnachten wird das klarer und irgendwie deutlicher, obwohl wir mitten in der dunklen Jahreszeit sind, dunkler als heut wird es jetzt nicht mehr. Weihnachten erzählt von Licht und Menschlichkeit, Behutsamkeit und Wärme. Dabei ist die Lichtsymbolik nicht nur einleuchtend und tröstlich, sondern auch wohltuend begrenzend. Denn eine Kerze leuchtet nicht den letzten Winkel aus – wohl aber ins nächste Gesicht.
Mit ein bisschen Herzenswärme werden wir dann sehen, dass es so viel um uns herum zu trösten, zu verbinden, zu heilen, zu reden und zu hoffen gibt. Und weil das Licht nicht aus der Steckdose kommt, sondern von dem her, der die Finsternis überwunden hat, darum können wir in seinem Licht gehen und auf sein Licht zuleben und schließlich selber Licht werden.


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  O du schöne Weihnachtszeit

O du schöne Weihnachtszeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.12.2019

Eigentlich singen und hören wir ja in diesen Tagen immer von der fröhlichen und seligen Weihnachtszeit und das ist auch gut so, dahinter möchte ich nicht zurück. Das Wunder der Weihnacht, die frohe Botschaft der Engel ist ein Segen, Freude, Gnade - nicht Happyness weltweit. Aber zugleich bereiten wir auch ein schönes Fest vor ganz im Sinne von Joseph von Eichendorff:
„Markt und Straßen stehen verlassen, / Still erleuchtet jedes Haus, / Sinnend geh ich durch die Gassen, / Alles sieht so festlich aus…“
Festlich geschmückt und schön soll es sein. Auch das braucht es, um das Herz zu heben, sich vom Alltag zu unterscheiden. Fjodor Dostojewski sagte: „Schönheit wird die Welt retten“, weil Schönheit verwandeln, heilen, befrieden kann. Musik lässt etwas davon erahnen. Schmerz wird zu Schönheit.
Wenn wir etwas schön machen, widmen wir dieser Sache unsere Aufmerksamkeit und Hingabe. Darum machen wir einander Geschenke und packen sie schön ein. Es sieht schöner aus, liebevoller. „Geschenkevielfalt“ oder „Geschenkartikel“ sind dagegen schon fast hässliche Worte. Es geht dann nicht mehr darum, sich Gedanken zu machen, was einen anderen freut, was er mag oder sich vielleicht sogar heimlich wünscht, sondern klingt nach der flinken Besorgung dessen, was hin und wieder eben erledigt werden muss.
Dabei kommt das Wort „schön“ von „schauen“. Wenn ich etwas liebevoll anschaue, wird es schön. Das geht so weit, dass ich mir Situationen, Dinge und erst recht Menschen schön schauen kann, die vielleicht gar nicht soo schön sind, weil ich sie liebe.
Und dann ist da ja noch der je ganz eigene Geschmack. Was einer schön findet, ist subjektiv und kann gerade in der Weihnachtszeit heftigst auseinanderfallen. Einigkeit herrscht aber hoffentlich darin, dass es nicht so schön ist, wenn wir hier jeden Tag Müll einsammeln, den Menschen einfach unter den Stuhl fallen lassen – als wäre dies nicht Gottes Haus, ihm zur Ehre schön gemacht.

Aber zurück zur schönen Weihnacht, denn auch der Schönheit wegen ist es eine wunderbare Idee Gottes als Kind zu uns kommen. Nicht nur, weil wir Menschen, die wir unsere eigenen Kinder am schönsten finden, da eine weiche Stelle haben. Glaubend erkennen wir Gottes Schönheit und Liebe in allen Menschen und den Dingen.
Zu Weihnachten ahnen wir, wie schön es sein könnte – unter uns…

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  Sehnsucht

Sehnsucht

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.12.2019

Pater Anselm Grün ist vielen Menschen ein Begriff, nicht nur denen, die gelegentlich zum Seelenreinigen nach Münsterschwarzach kommen, sondern auch als einer, der Worte findet.
In einem Artikel schreibt er: „Adventszeit ist die Zeit, in der wir in Berührung kommen mit unserer Sehnsucht.“ Denn, so erinnert er seine Leserinnen und Leser, wenn man auf Kerzen schaut, dies warme lebendige Licht, dann fallen einem alte Hoffnungen und Sehnsüchte wieder ein – die Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit und nach Heimat.
Alle Tage gönnt man sich das Sehnen nicht; vielleicht aus Sorge, dann nicht ordentlich funktionieren zu können, denn Sehnsucht zieht uns fort, irgendwohin, wo wir noch nicht waren – wo es besser ist oder wir einfach nur selbstverständlich dazu- und hingehören. Sehnsucht macht das Sein im Hier und Jetzt manchmal schwer und wenn es schlimm kommt, bleibt nur die Sucht übrig.
Tina Willms hat das gedichtet:
„Im Dezemberdunkel / tappe ich / meiner Sehnsucht hinterher.
So oft schon / ins Leere gefasst. / Durch Löcher gestolpert. / An dornigen Zweigen mir / das Hoffnungskleid zerrissen.“
Das klingt nach einer bisschen anderen Art des „alle Jahre wieder“.
Alle Jahre wieder wird man im Advent empfindsamer, harmoniesüchtiger, dünnhäutiger. Gerade die dunkle Jahreszeit macht es manchmal schwer zu ertragen, wie es ist…
Aber, so schreibt sie weiter
„Da schweift am Horizont / ein Stern.
Als suche jemand die Erde ab. / Als hoffe er, im Lichtkegel / einen Verlorenen zu entdecken.
Einer hat sich / auf den Weg gemacht / zu mir.“
Da schweift ein Stern. Er steht nicht still. Auch in der endlosen Nacht und dem ewigen Himmel bewegt sich etwas, scheint Licht auf. Als würde Einer eine Kerze anzünden, vor die Tür treten und uns im Dunkeln entgegenkommen, weil Er weiß, dass wir unterwegs sind, weil Er weiß, dass wir uns sonst verlaufen. Lichtkegel sind nicht immer friedlich. Es können auch sehr unbarmherzige und gefährliche Suchscheinwerfer sein…
Aber wer würde sich nicht danach sehnen, dass da einer auf uns wartet.
Denn Adventszeit ist Zeit für eine andere Sehnsucht, eine, die das Hier und Jetzt nicht aufgibt,

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  Süßer die Glocken nie klingen

Süßer die Glocken nie klingen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.12.2019

In einem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert heißt es:
"Seht, wie die Sonne dort sinket hinter dem nächtlichen Wald / Glöckchen zur Ruhe uns winket hört nur, wie lieblich es schallt. / Trauliches Glöcklein du läutest so schön! / Läute, mein Glöckchen, nur zu, läute zur süßen Ruh".
Die Abendglocke läutet den Feierabend ein und wenn man dann noch ein bisschen romantische Verklärung dazutut, sieht man gleich Wilhelm Buschs Figuren „Arm in Arm geschmieget, sorgenlos und still vergnüget“ vor dem Hause sitzen…
Glocken kündigen den neuen Tag an oder rufen Menschen zur Mittagszeit heim vom Feld. Glocken strukturieren die Zeit und tun das nicht nur mit gleichmäßiger vertrauter Präzision sondern sie markieren auch ganz besondere Zeiten. Sie läuten zu Ostern und zu Weihnachten, am Beginn des neuen Kirchenjahres. Sie läuten, wenn Menschen beten oder Gottesdienst feiern. Sie läuten mancherorts, wenn ein Kind geboren ist oder ein Mensch stirbt, zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sowieso. Ich kenne Menschen, die sich überhaupt nicht vorstellen können außerhalb der Hörweite ihrer Heimatglocken zu leben.
Und Glocken waren immer auch Warnerinnen. Sie läuten, wenn es brennt oder andere Gefahr droht und sind zu Kriegszeiten selbst gefährdet, weil sich das kostbare Metall perfekt umgießen und neu zu Waffen verarbeiten lässt. Unzählige kostbare alte Glocken sind so verloren gegangen…
Gut, dass diese Zeiten vorbei sind!
Wer wollte sich einen Heiligen Abend ohne das festliche Geläut der Glocken vorstellen.
Weil Glocken gerade in der Weihnachtszeit so unverzichtbar sind, dichtete der Theologe Friedrich Wilhelm Kritzinger das oben erwähnte Abendlied um und sorgte so dafür, dass die alte Melodie erst richtig berühmt wurde, denn nun singt man überall: „Süßer die Glocken nie klingen
als zu der Weihnachtszeit, / ’s ist, als ob Engelein singen / wieder von Frieden und Freud’. / Wie sie gesungen in seliger Nacht, / Glocken mit heiligem Klang, / klinget die Erde entlang!“


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  Der Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.12.2019

Haben Sie eigentlich schon einen Baum? Wir am Dom: Ja, sogar zwei! Wie in jedem Jahr schmücken sie den hohen Chor und werden den Dom beginnend am Heiligen Abend in ein warmes und weiches Licht tauchen. Weihnachten ohne Baum, das ist nur schwer vorstellbar. Die Fichte oder die Nordmanntanne, sie gehört einfach zum Fest dazu.
In unseren Breiten kam der Brauch, sich zu Weihnachten einen geschmückten Baum ins Zimmer zu stellen, im 16. Jahrhundert auf. Hergeleitet wurde er über den Gedenktag für Adam und Eva, der in der katholischen Kirche am 24. Dezember gefeiert wurde. Es war seinerzeit üblich, einen mit Äpfeln geschmückten Baum aufzustellen. Die Bedeutung des 24. Dezember hat sich kirchenfestlich verändert. Wir feiern an diesem Tag den Heiligen Abend, das Vorabendfest zu Weihnachten. Doch der Baum blieb, veränderte sich im Aussehen und wurde so nach und nach zum heutigen Weihnachtsbaum. Seit dem 18. Jahrhundert hat er dann auch rasant an Popularität zugelegt. Heute, wie schon gesagt, geht Weihnachten ohne Baum irgendwie gar nicht.
Wichtig ist, dass der Baum grün ist und bleibt. Er unterliegt nicht dem jahreszeitlichen Zyklus von Frühling und Herbst, dem Zyklus von belauben und entlauben. Nein, er ist und bleibt grün. Immergrüne Pflanzen waren von alters her ein Symbol für das Leben. Und so dachte man in früheren Jahren, dass man sich Gesundheit und Lebenskraft mit diesen Bäumen ins Haus holen konnte. Christlich interpretiert könnte ein Baum, dessen Blätter im Herbst nicht welken und abfallen, dessen Blätter also nicht sterben, auf das ewige Leben hindeuten. Anders als Laubbäume trotzen Nadelbäume dem Verfall und bleiben auch optisch lebendig.
Der, dessen Geburtstag wir an Weihnachten feiern, hat uns genau dieses ewige Leben versprochen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst, wenn er stirbt“, sagt Jesus Christus. Doch nun stellen wir uns nicht nur einfach so eine Tanne oder Fichte ins heimische Wohnzimmer oder hier in unseren Dom, nein, wir schmücken den Baum mit Licht. Und auch hier liegt der Bezug zu Jesu Botschaft nahe: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“, auch diese Zusage kommt von Jesus Christus höchstpersönlich.
Licht und Leben, das ist die Botschaft des Weihnachtsbaumes und des Weihnachtsfestes natürlich ebenso. Licht und Leben wollen wir feiern in gut einer Woche. Und wenn es Ihnen in Grün und Licht zu wenig ist: Gegen ein paar bunte Kugeln ist ganz bestimmt nichts einzuwenden.

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  Vollkommene Klarheit

Vollkommene Klarheit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.12.2019

Dorothee Sölle hat gedichtet: „… als die hirten den engel sahen / bei bethlehem / wussten sie vollkommen deutlich / was tun und was lassen / furcht und verwirrung fielen ab / die klarheit des lichts war um sie / in der zeit / außerhalb jeder zeit …“
Ja, auch das ist ein Aspekt der alten Geschichte, den man – weil sie uns so vertraut ist – leicht überlesen kann. Oft sind es ja gerade die vielen Möglichkeiten, die uns lähmen und verwirren, der Wald, den wir vor lauter Bäumen nicht sehen. Wann man dann erstmal anfängt zu grübeln, wächst die Frage sich in großen Schritten zum Problem aus und wird immer unlösbarer.
Und so ist es auch, wenn etwas Unerwartetes und Besonderes passiert.
Man weiß dann oft gar nicht, dass das jetzt der Moment ist, loszugehen, zu jauchzen und zu frohlocken. Neulich erzählte mir eine Frau, dass sie sich noch einmal Günter Schabowski und dessen Pressekonferenz am neunten November 19889 angehört habe und noch immer völlig verblüfft sei, dass die Menschen seinerzeit daraus gehört haben, es lohnt den Grenzübergang jetzt sofort zu versuchen…
Die Hirten jedenfalls gehörten mutmaßlich zu einer Gesellschaftsschicht, in der selten solche leuchtenden Wunder passieren. Es galt wohl eher das Gegenteil: Verschlechterungen der Lage, Kummer und Sorgen stellten sich mit verlässlicher Regelmäßigkeit ein, nie war wirklich sicher, ob und wie es weitergehen kann. Tiere mussten Tag und Nacht gehütet werden. Wem das nicht in Fleisch und Blut übergegangen war, der war kein guter Hirte…
Darum sollte man annehmen, dass die Nachricht, ein neugeborenes Kind in einer Futterkrippe mithin ein armes und elendes Kind, sei eine große Freude und wäre der Heiland, der Retter, auf Skepsis stößt. Könnten das nicht Fake News sein? So wahrscheinlich klingt es nicht…
Aber die Hirten urteilen nicht nach dem Maßstab dieser Welt. Sie denken auch nicht über das existenzgefährdende Risiko nach, ihre Tiere allein zu lassen. Sie wissen einfach, dass das der Moment ist, der ihr Leben und alle Zusammenhänge, die sie überschauen können, ein für alle Mal verändert.
Sie wissen mit vollkommener Klarheit, dass nichts weder jetzt noch sonst irgendwann wieder so wichtig sein wird, wie diesem Stern nachzugehen.
Verwirrung und Frucht fielen ab.
Und dann? Wird Weihnachten.

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  Die 2. Halbzeit

Die 2. Halbzeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.12.2019

Heute ist der erste Tag der zweiten Hälfte. Am 1. Dezember haben wir den ersten Advent gefeiert, nun liegt schon die Hälfte der Adventszeit hinter uns. Macht Sie das irgendwie unruhig? Es gibt ja so Dinge, Aufgaben oder auf Neudeutsch „To-dos“, die gerne mal auf die berühmte lange Bank geschoben werden. Bei dem einen oder der anderen gehört auch das rechtzeitige Kümmern um Weihnachtsgeschenke dazu. Einen Baum brauchen Sie möglicherweise übrigens auch noch, wenn ich Sie erinnern darf und über das Essen zum Fest könnten Sie sich nun ebenfalls langsam mal Gedanken machen – geht alles, was Sie gern essen oder muss es für die Verwandtschaft, die zu Besuch kommt, laktose- oder glutenfrei, vegetarisch oder vegan sein? Wie sind Sie so unterwegs in diesen Tagen – adventlich besinnlich oder doch eher hektisch und gestresst?
Über dem heutigen Tag heißt es: „Wir sind Bürger im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus.“ Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Philippi. Und er erwähnt dabei denjenigen, dessentwegen wir diesen ganzen Zauber jedes Jahr aufs Neue veranstalten: Jesus Christus. In ihm ist Gott in diese Welt gekommen, mitten hinein in unser aller Leben. Und wenn Sie sich noch einmal vergegenwärtigen möchten, wie das so war, dann schauen Sie gern im Anschluss bei unseren Olivenholzschnitzern hier im Dom vorbei: Gottes Sohn kam als Kind in diese Welt, klein, hilflos, unschuldig – liebevoll und liebenswürdig. Und er wurde nicht in einem 5-Sterne-Hotel oder einer Privatklinik geboren. Nein, es war ein einfacher Stall auf irgendeiner Schafweide im Nahen Osten. Und die ersten, die von den Engeln über Jesu Geburt informiert wurden, waren keine Präsidenten, Bischöfe oder andere hochgestellte Persönlichkeiten, sondern ein paar einfache und bodenständige Hirten.
Es war alles ziemlich unspektakulär, einfach und unprätentiös damals in Bethlehem und vielleicht könnten wir das als kleine Orientierungshilfe für die Art und Weise, wie wir den Advent begehen und Weihnachten feiern, verwenden. Es geht nicht um Pomp und Luxus, es geht nicht um groß und teuer und es geht auch nicht um aufwendig und mühsam. Im Kern von Weihnachten steht vielmehr unsere Dankbarkeit über das große Geschenk, das Gott uns gemacht hat, über seinen Liebesbeweis gegenüber uns Menschen. Darüber sollen und dürfen wir uns freuen und das kann auch ordentlich gefeiert werden.
Doch es kommt auf den Inhalt des Festes an und nicht auf seine Äußerlichkeiten. Es kommt darauf an, dass wir an Weihnachten Gottes Liebe nachspüren und sie auch erlebbar und sichtbar werden lassen zwischen uns Menschen – in unseren Familien aber eben nicht nur dort.
Wir haben noch die zweite Adventshalbzeit, uns auf das Fest so vorzubereiten, dass es tatsächlich das Fest der Liebe wird. Ich wünsche uns allen dazu gutes Gelingen und eine gesegnete Zeit.

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  Ledig und frei

Ledig und frei

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.12.2019

Damit es Advent wird, hat wahrscheinlich jeder und jede von uns die eigenen Traditionen:
Das Schmücken der Wohnung, einen Adventskalender, bestimmte Geschichten und Filme, feste Weihnachtsmarktrundgänge oder Familientreffen. Grußkarten schreiben. Wieder einmal das Gedächtnis durchforsten, bei wem man sich schon lange nicht mehr gemeldet hat. Kekse, Punsch, Schul-, Vereins- und Betriebsfeiern, wieder einmal in eine Andacht oder in einen Gottesdienst gehen. Den festen Auftrittstermin mit dem Chor im Braunschweiger Dom. Und vieles andere mehr.

Vieles davon ist einfach schön. Es macht diese Zeit auf besondere Weise kostbar.
Dieses Bewusstsein des füreinander da und aufeinander bezogen Seins.
Und das Schöne daran, wenn bestimmte Dinge einmal im Jahr verlässlich geschehen.

Für andere ist es gerade deswegen eine schwere Zeit.
Da sind liebe Menschen verstorben und eben das erste Mal nicht mehr da.
Anderen hat es vielleicht den Alltag zerschossen, berufliche oder private Trennungsprozesse machen alte Bräuche unmöglich. Hier fällt dann wahrscheinlich die auffallende Andersheit der Tage schwer und ist schmerzhaft.

Während das Wohlfühlen in Traditionen dazu verleitet zu denken, dass das Gelingen der Advents- und Weihnachtstage von uns selbst abhinge, lässt das zweite doch deutlich fragen: Stimmt das? Geschehen Advent und Weihnachten wirklich ausschließlich im romantischen Bild fröhlicher Gesellschaft?

„Markt und Straßen stehn verlassen, / still erleuchtet jedes Haus, / sinnend geh ich durch die Gassen, / alles sieht so festlich aus. // An den Fenstern haben Frauen / buntes Spielzeug fromm geschmückt, / tausend Kindlein stehn und schauen, / sind so wunderstill beglückt. // Und ich wandre aus den Mauern / bis hinaus ins freie Feld, / hehres Glänzen, heilg’es Schauern! / wie so weit und still die Welt. // Sterne hoch die Kreise schlingen, / aus des Schnees Einsamkeit / steigt’s wie wunderbares Singen – o, du gnadenreiche Zeit!“

Wir alle werden dieses Gedicht von Joseph von Eichendorff kennen, auch romantisch, aber in romantischer Einsamkeit. Was er festhält ist tatsächlich ein alter christlicher Gedanke, wie ihn auch schon Meister Eckhart formulierte auf die Frage hin, wo und wann eigentlich Gott in uns, in unserer Seele geboren wird. Nicht in der Fülle von Licht und Duft und Geschmack und Gemeinschaft, sondern: „Gott wird dann in uns geboren, wenn alle Kräfte der Seele, die vorher durch Gedanken, Bilder und was es auch sei gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden und in uns alle Absicht zum Schweigen kommt.“

Genießen wir all das Schöne dieser Tage, ihre Fülle und Überfülle, wenn es unsere Herzen freut, aber Gott werden wir hier wahrscheinlich nur als Klang im Klang, als Licht im Licht, als Wort inmitten der Worte finden – und so auch leicht einmal Gefahr laufen, ihn zu übersehen. Wer Gott in größerer Klarheit sucht, der sollte sich Zeit nehmen für einige Momente der Stille inmitten der Fülle und auf das hören, was ihm in aller Absichtslosigkeit aus der Seele emporsteigt.

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  Worum geht's?

Worum geht's?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2019

In diesen Zeiten schwirrt der Kopf…. Sind schon alle Geschenke vorbereitet? / Bis wann lässt sich das Fleisch für Weihnachten vorbestellen? / Wann war noch einmal der Adventsnachmittag in der Schule? Und im Sportverein? Und wann ist jetzt das Chorsingen? / Wo ist die Liste für die Weihnachtspost? Haben wir genug Briefmarken? / In der Firma geht’s jetzt auf Jahresschluss. Da ist immer noch einmal extra viel zu tun. / Heute um vier auf dem Weihnachtsmarkt! Du denkst dran, oder?

... „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jes 9,5)...

Worum geht’s eigentlich?
In der Adventszeit, zu Weihnachten?
Und auch zu Ostern und Pfingsten und in der Zeit von Trinitatis.
Es geht darum, dass uns ein Kind geboren wurde.
Ein Kind, das heranwächst.
Das von seinem Vater zu einem Zimmermann ausgebildet wird.
Um einen Mann, der predigt und zuhört und tröstet und segnet
und der uns fragt, worauf es uns ankommt in unserem Leben.
Um einen, dessen Herrschaft auf nichts anderem ruht als auf seinen Worten und Taten für die Menschen und auf seiner Auferstehung.
Es geht um mehr als Tannenduft bei Kerzenschein.
Es geht um das Symbol des immergrünen Zweiges in einer kahlen und tot scheinenden Welt; und es geht das Licht, dem wir schon in diesem Leben folgen sollen.
Es geht um uns.
Darum, dass wir dieses Leben als Geschenk begreifen und leben sollen.
Mit Zeit und Lust, mit leisem Schmunzeln und dreckig lautem Lachen, mit echten Tränen, wenn wir traurig sind, mit geradem Rücken, wenn wir zornig sind, mit trotziger Hoffnung, wenn wir verzweifelt sind, mit Großzügigkeit, mit Barmherzigkeit, aber in Gerechtigkeit. Es geht um uns. Um unser Leben.

Hans Magnus Enzensberger beschreibt mit seinen Worten, natürlich viel schöner, worum’s geht, wenn er schreibt:
Grundsätzlich haben wir nicht viel einzuwenden
gegen Fegfeuer, Reinkarnation, Paradies.
Wenn es sein muss, bitte!
Vorläufig allerdings
haben wir andere Prioritäten.

Um das Katzenklo, den Kontostand
und die unhaltbaren Zustände auf der Welt
müssen wir uns unbedingt kümmern,
ganz abgesehen vom Internet
und den Wasserstandsmeldungen.

Manchmal wissen wir nicht mehr,
wo uns der Kopf steht
vor lauter Problemen.
Immerzu stirbt jemand,
dauernd wird jemand geboren.

Da kommt man gar nicht richtig dazu,
sich Gedanken zu machen
über die eigene Unsterblichkeit.
Erst einmal ein rascher Blick
in den Terminkalender,

dann sehen wir weiter.

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  Verrückte, aber schöne Idee!

Verrückte, aber schöne Idee!

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2019

Kürzlich bin ich auf einen Text gestoßen, in dem jemand erzählt, dass ihn die Frage, was eigentlich er während seines Urlaubs machen könne, während seine Frau beruflich unterwegs war, zu folgendem Inserat in Zeitungen seiner Region bewegt hat:
Unter der Rubrik „Verschenken“ inserierte der Mann: „Biete 1 Tag gratis Hilfe für Haus- oder Gartenarbeit o.ä. in der Zeit vom Mi, 30.8., bis Di, 5.9.2017. Räumen – Reinigen – Streichen. Bin männlich, evangelisch, praktisch, mobil. Melden Sie sich unter“… und dann folgte die Telefonnummer.

Tatsächlich haben sich binnen kürzester Zeit 15 Personen bei dem Herrn gemeldet. Vor allem Alleinstehende, ältere und kranke Menschen waren es, die um Hilfe baten. Und so kam er dazu, Hecken zu schneiden, Decken zu streichen, Böden zu schleifen, Dächer zu decken und Pflanzen zu setzen. Aber nicht nur das, auch zuhören gehörte dazu. Hörbereitschaft sei Hilfsbereitschaft, schreibt er. Und am Ende zieht er das Fazit: „Nach vier Tagen intensiver Arbeit: Muskelkater, aber vor allem Glücksgefühle dank wertvoller Gespräche. Und dann die Nachwirkungen: Kerstin, einer jungen Frau mit abgebrochener Lehre, konnte ich einen Job bei unserem Logistikpartner vermitteln. Frau N. hat meine Frau und mich zum Abendessen eingeladen. Bei Ehepaar G. habe ich noch den Rasen gemäht. Ich hoffe, dass diese Kontakte nicht abreißen werden. Sie bedeuten mir viel.“

Es ist eine verrückt schöne Geschichte, aus einer schönen Geste heraus entstanden, in der jemand Zeit nicht nur für sich nutzen, sondern sie an andere verschenken wollte. Wir verschenken so viel Zeug, dabei sind kleine Gesten der Hilfsbereitschaft und Hörbereitschaft oftmals so viel wichtiger.

Es ist schön, dass einer eine solche Idee hatte – und auch schön, dass Menschen sich darauf eingelassen haben. Denn Hilfe anzunehmen fällt ja manchmal doch schwer.

Sagen Sie, was antworten sie eigentlich, falls dieser Tage Sie jemand fragt:
„Was wünscht Du Dir?“
Ich höre dann oft die Antwort: „Ach, nichts, wir haben doch alles.“
Das ist bestimmt wahr. Aber vielleicht wäre die Antwort: „Einmal Fenster putzen“, auch eine wahre Antwort. Oder „drei Mal einkaufen gehen“. Oder: „Gutschein für ein Abendessen bei mir zu Haus“. Oder „Ein gemeinsamer Filmabend“.

Solche Wünsche zu formulieren, das fällt schwer – weiß Gott, warum.

In der Bergpredigt des Matthäusevangeliums heißt es (Mt 7,12):
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.
Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Ich vermute, für unsere Wunschzettel wären sie nicht der schlechteste Ratgeber, denn vielleicht gelänge es dann, uns einander unsere wahre Bedürfnisse zu nennen.

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  Lebenshilfe Braunschweig

Lebenshilfe Braunschweig

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.12.2019

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. So schreibt es Paulus an die Gemeinden in Galatien. Klingt nachvollziehbar, klingt schlüssig, klingt sinnvoll. Doch so eine richtige Gebrauchsanweisung für unser Leben ist es dann doch irgendwie nicht. Des anderen Last tragen, wie geht das? Nun, es hat ganz offensichtlich etwas damit zu tun, anderen Menschen zu helfen, die Hilfe benötigen, die manches nicht so gut alleine hinbekommen, die, nur auf sich gestellt, an ihre Grenzen stoßen.
Nochmal: Menschen, die Hilfe benötigen, irgendwas nicht alleine hinbekommen, an ihre Grenzen stoßen – das betrifft uns doch alle. Ja, genau, so ist es. Jeder und jede von uns ist auf die Unterstützung anderer angewiesen, immer mal wieder und immer und immer wieder. Das Großartige dabei ist, dass wir alle mit ganz unterschiedlichen Talenten ausgestattet wurden. Das heißt, dass das, was der eine nicht so gut kann, dem anderen umso besser und leichter von der Hand geht. Ich persönlich tue mich zum Beispiel unglaublich schwer damit, Geschenke so einzupacken, dass es einigermaßen nach was aussieht. Ich bin deshalb jedes Mal sehr dankbar, wenn mich die freundliche Verkäuferin bei Karstadt dabei unterstützt und aus Papier und Schleifenbad ein kleines Kunstwerk zaubert.
Manchmal ist es leichter zu helfen, wenn es Menschen gibt, die Hilfsbereitschaft organisieren. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Braunschweiger Lebenshilfe. 1960 als Verein gegründet, 1969 dann durch die Gründung einer gemeinnützigen GmbH erweitert, um ehren- und hauptamtliches Engagement zu bündeln und zu ergänzen, leistet die Lebenshilft Braunschweig in vielerlei Hinsicht wertvolle Arbeit. So macht sie zunächst einmal überhaupt darauf aufmerksam, dass es Menschen gibt, die Hilfe brauchen können. Einer trage des anderen Last. Die Lebenshilfe sagt: „Hallo Ihr Leute, hier sind einige, von denen Paulus spricht, einige, die es gerade gut vertragen können, dass ihnen etwas Last abgenommen wird.“
Und dann hilft die Lebenshilfe helfen. Denn dort sind Menschen beieinander, die wissen, wie man’s macht: Es geht darum, Menschen, zu begleiten, zu fördern, mit ihnen gemeinsam Leben zu gestalten, ein selbständiges Meistern des Alltags zu unterstützen und Begegnungen zu ermöglichen zwischen denen, die gerade mal auf Hilfe angewiesen sind, wie gesagt, das sind wir ja alle stets und ständig – und denen die gerade helfen können und wollen. Wenn ich aufzählen würde, was sich an konkreten Aktivitäten dahinter so alles verbirgt, wären wir alle zur Tagesschau noch nicht zu Hause. So vielfältig, individuell und kreativ ist das Angebotsspektrum der Lebenshilfe. Schauen Sie ins Internet oder noch viel besser, gehen Sie doch mal dorthin, wo Sie mit den Menschen der Lebenshilfe ins Gespräch kommen können: im Fairkauf-Laden in der Geysostraße, im Cafe Flora im Hasenwinkel, im Bistro Rehnstoben in der Kaiserstraße, oder, oder, oder.
Einer trage des anderen Last – die Lebenshilfe Braunschweig zeigt, wie’s geht. Das ist ganz konkreter Dienst am Nächsten zum Ansehen aber auch zum Mitmachen. Und singen können sie im Übrigen auch.

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  Zweiundvierzig

Zweiundvierzig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 07.12.2019

Kennen Sie die Antwort auf alle Fragen? Douglas Adams nennt sie in seinem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort sucht eine außerirdische Existenz die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Siebeneinhalb Millionen Jahre mussten die Außerirdischen auf die Antwort warten, bis endlich das Signal kam, der Rechner sei fertig. Gespannt erwartungsvoll blicken sie auf das Ergebnis. Es lautet: „Zweiundvierzig“ – und diese Antwort, so der Rechner, sei mit absoluter Sicherheit korrekt. Es ist keine zufriedenstellende Antwort, finden die Programmierer, aber, so noch einmal der Rechner, das Problem sei eben, um ehrlich zu sein, dass die Programmierer niemals wussten, wie die Frage lautet.

Es ist eine schöne Parodie der Wirklichkeit, die Adams in seinem inzwischen vierzig Jahre alten Büchlein gelingt. Nicht nur an dieser Stelle, sondern überhaupt. Doch warum nun hier und heute die „Zweiundvierzig“?

Weil ich vermute, dass nicht nur Sie, sondern jedes halbwegs gut informierte Kind mir auf die Frage: „Worauf warten wir im Advent?“, „Weihnachten“, antworten könnte. Aber irgendwie gleicht diese Antwort der Zweiundvierzig. Sie ist nichtssagend, solange sie mir nichts sagt. Auch wenn sie mit absoluter Sicherheit korrekt ist. Doch damit sie für mich zur wirklichen Antwort wird, brauche ich eben die richtige Frage.

Machen wir also den Selbstversuch: Was ist die Frage, damit es mir Weihnachten wird?
Unsere Kinder hätten vor ein paar Jahren wahrscheinlich geantwortet, sie warteten im Advent auf das, was passiert: auf den Tannenbaum, das Zusammensein und die Geschenke. Aber schon heute wäre ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob diese Antwort noch trifft. Denn worauf wartet man mit knapp fünfzehn? Ich erinnere mich, dass diese Jugendtage jene waren, in denen mir langsam aufging, dass das Leben leider und glücklicherweise vielschichtig ist. Und dass deshalb auch die Fragen des Lebens leider und glücklicherweise vielschichtig sind.

Aber weiter im Selbstversuch: Stellen Sie sich vor, Ihnen gelänge es, nur einige wenige Augenblicke lang herzensstill zu werden. Welche Fragen stiegen dann aus der Tiefe zu Ihnen herauf? Verdrängte Fragen? Oder Fragen, für die sonst weder Zeit noch Raum ist? Welche Wünsche?

In mir ist es die Frage, ob ich mir eigentlich oft genug bewusst mache, was für ein Glück ich mit diesem Leben habe? Gerade weil es natürlich auch in meinem Leben Krisen gab und gibt, und gerade auch weil immer so viel zu tun und Zeit knapp ist, und gerade auch, weil vieles sich schon so lange und selbstverständlich eingespielt hat. Bin ich mir des Guten meines Lebens bewusst genug? Und wem eigentlich danke ich für dieses Gute?

Im Johannesevangelium gibt es die sogenannten „Ich bin“-Worte Jesu. Ich bin das Brot, ich bin der gute Hirte, ich bin die Tür. Solche Worte. Bei genauerem Hinsehen, lässt sich bemerken, dass jede dieser Antworten kein Ziel, sondern eine Wegbegleitung beschreibt. Deshalb scheint es mir nicht das Schlechteste, Jesus als jene Tür zu begreifen, die sich in den Tagen der Weihnacht öffnet und hinter der sich neue, aber wesentliche Fragen finden.

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  Nikolaus

Nikolaus

Heiko Frubrich, Prädikant - 06.12.2019

Heute ist Nikolaus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt, wenn ich „Nikolaus“ höre, immer gleich dieser wunderbare Sketch von Gerhard Polt ein. In dem versucht ein am Ende tobender Vater seinem kleinen Sohn beizubringen, was ein „Osterhasi“ ist. Doch der Kleine ignoriert alle pädagogisch mehr oder weniger wertvollen Bemühungen seines Vaters und sagt trotz vor die Nase gehaltenem Schokoladenosterhasen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit immer wieder „Nikolausi“.
Doch allein mit dieser heiteren Episode werden wir dem Bischof Nikolaus von Myra, auf den der heutige Nikolaustag zurückgeht, keinesfalls gerecht. Nikolaus wurde im 4. Jahrhundert in Myra, nicht weit entfernt vom türkischen Antalya, geboren. Er gehört zu den bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der katholischen Kirche. Der heutige 6. Dezember gilt als sein Todestag und wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Bräuchen begangen. Um Nikolaus ranken sich viele Legenden. Eine davon berichtet, dass ein verarmter Mann seine drei Töchter zu Prostituierten machen wollte, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus erfuhr von diesem Plan und soll in mehreren Nächten Goldklumpen durch die Fenster der drei Mädchen geworfen haben, um sie vor ihrem Schicksal der Prostitution zu bewahren. Auf diese Legende geht unser Brauch zurück, in der Nacht zum Nikolaustag Geschenke in die Stiefel unserer Lieben zu stecken.
Ursprünglich war dann auch der Nikolaustag der Tag der Weihnachtsbescherung. Erst die Ablehnung der Heiligenverehrung im Zuge der Reformation führte dazu, dass der Brauch, sich zu beschenken, auf das Weihnachtsfest verlagert wurde und der Nikolaus als Geschenkebringer durch das Christkind, Knecht Ruprecht oder den Weihnachtsmann abgelöst wurde. Der eine oder andere mag Martin Luther auch hierfür dankbar sein – wir haben so zweieinhalb Wochen mehr Zeit, uns um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Doch auch wenn der Brauch des Beschenkens auf Nikolaus zurückgeht – wir sind dabei meist anders unterwegs als er. Denn Nikolaus hat anonym geschenkt. Im Schutze der Nacht hat er die Goldklumpen durchs Fenster geworfen. Er hat tatsächlich sehr selbstlos gehandelt. Und auch auf der Seite der Beschenkten war etwas anders, denn die hatten keinerlei Erwartungshaltungen, etwas geschenkt zu bekommen.
Und wie sieht das bei uns aus an Weihnachten? Klar, Geschenke gehören dazu. Doch besonders schön wird es doch erst dann, wie ich finde, wenn es uns gelingt, zu schenken, ohne uns in irgendeiner Weise verpflichtet zu fühlen und beschenkt zu werden, ohne dass wir darauf gewartet, ohne dass wir es erwartet hätten. Wenn wir das erreichen, wird das weihnachtliche Schenken auf einmal zum Bumerang, denn der Schenkende bekommt echte Freude als Geschenk zurück und der Beschenkte freut sich tatsächlich von Herzen, weil er nichts erwartet hat.
Wie gesagt, wir haben noch zweieinhalb Wochen Zeit, um uns um Geschenke zu kümmern, aber eben auch zweieinhalb Wochen, um uns, inspiriert vom Heiligen Nikolaus, noch einmal über das Schenken an sich Gedanken zu machen.

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  Ganz leise

Ganz leise

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2019

Die Tageslosung steht im ersten Buch der Könige: „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.“
Diese Worte gehören zur Geschichte des Propheten Elia. Der hatte seinem Gott treu gedient und den Mächten der Welt die Autorität seines Gottes entgegengehalten. Es war nach vielen Drohungen, Hungersnot und Dürre schließlich zu einem Blutbad gekommen und Elia hatte fliehen müssen, bis er erschöpft in der Wüste aufgab und bekannte: „Ich bin nicht besser als meine Väter“ und sterben wollte.
Vielleicht kennen Sie auch etwas von dieser tiefen Erschöpfung und Resignation, die einen im Großen wie im Kleinen befallen kann: Man hat versucht, es gut zu machen, mit seinen Kindern und Eltern, in der Ehe – aber es ist geendet in Streit und Tränen, in der Beziehungswüste.
Man hat sich engagiert und gerungen um politische, soziale, ökologische Vernunft und eine friedliche konfliktfähige Gesellschaft und nun liegt man erschöpft unterm Baum und will nicht mehr.
Und längst ahnt man, dass die großen Umstürze immer auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit einhergehen, Opfer haben. Ganz zu schweigen von den Gräueltaten oder Unterlassungssünden, die wissentlich, absichtlich geschehen…
Zu Elia, der aufgeben will, weil er nicht glaubt, dass es noch gut werden kann in seinem Leben und mit dieser Welt, schickt Gott einen Engel mit Lebensmitteln. Der päppelt ihn auf bis er wieder zuhören und klarer denken kann und dann sagt Gott zu ihm: „Ich bin nicht im Sturm, im Erdbeben, im Feuer“. Also: ich in nicht in den zerstörerischen Kräften, das ist nicht meine Handschrift, daran kannst Du nicht erkennen, wie es sein soll. „Ich bin im stillem sanften Sausen“ oder wie Martin Buber so wunderbar übersetzte: „eine Stimme verschwebenden Schweigens.“ Ganz leise, sehr zart …
Kann sich so etwas ändern? Wird Gott dann nicht erst recht überhört und verkannt? Wird er dann in unserer lauten unbarmherzigen Welt nicht ohnmächtig und wirkungslos bleiben? So kann man sich fragen? So ist es vielleicht auch gewesen. Denn Gott hat noch einen zarten und ganz leisen Versuch gestartet, sich uns so zu zeigen, dass wir endlich verstehen, wie er wirken will: Er kommt als Kind, als Neugeborenes – vollkommen, zart und klein und sorgt so dafür, dass wir leise sind, vorsichtig auftreten und nicht stampfen, sanft berühren und Zärtlichkeit zulassen, statt derb zuzupacken, innehalten und hinsehen, uns anrühren und verändern lassen…
Alle Jahre wieder.

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  Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff geladen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.12.2019

Vor genau 75 Jahren saß Helmuth James von Moltke im Gefängnis. Er gehörte als Begründer und Mitglied des Kreisauer Kreises zum deutschen Widerstand. Im Fragment eines offiziellen Briefes vom 3. Dezember 1944 schreibt Helmuth an seine Frau Freya: „Mir ist heute riesig weihnachtlich zu Mute, so kindlich-weihnachtlich wie seit Jahren nicht, ich möchte den ganzen Tag Weihnachtslieder singen. Ich habe übrigens ein neues Advents-Volkslied entdeckt, das mir sehr gut gefallen hat: Es kommt ein Schiff geladen. Brummelt Konrädchen eigentlich schon mit? Nein, dazu ist er wohl zu klein, aber er sitzt auf Deinem Schoß und hört es sich an.“
Was muss das für ein tapferer Mensch gewesen sein, der aus seiner schweren Situation heraus solche Briefe zu schreiben vermag, die seine Frau und Kinder viele Jahre durchgetragen haben. Es war sein letztes Weihnachten. Helmuth James von Moltke wurde im Januar 1945 hingerichtet.
Das Adventslied gehört für uns zum Kernbestand: „Es kommt ein Schiff geladen / bis an sein höchsten Bord / trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters höchstes Wort …“ Wenn man dem Text des Liedes nachgeht ahnt man, wie tröstlich dieses Bild ist. Da kommt ein Schiff unangekündigt und unvermutet. Es bringt den Retter mit sich und ist geeignet gerade dort zu Ankern, wo Menschen in Angst und Not sind.
Der Gedankenschritt zur Rettungsweste, die noch vor wenigen Wochen hier am Portal und in der Laterne hing, ist nicht groß. Damals haben wir gemeinsam mit anderen Braunschweiger Kirchengemeinden darauf aufmerksam gemacht, dass die Seenotrettung im Mittelmeer nicht funktioniert und Tausende ertrunken sind, immer noch ertrinken während wir auf Weihnachten zugehen.
Gestern hat das Aktionsbündnis United4Rescue zum Kauf eines hochseetauglichen Rettungsschiffs, das im Frühjahr 2020 auslaufen soll, gestartet. Nun braucht es Spender und Unterstützer. Bitte sehen Sie sich das im Internet an!
Weihnachten ist ein Fest, bei dem die Reichen und Mächtigen ihre Knie beugen vor dem Kind, das ohne Zuflucht und Herberge angewiesen auf unsere Menschlichkeit geboren ist.
Nicht ohne Grund heißt es in dem alten Lied: „Zu Bethlehem geboren / im Stall ein Kindelein, / gibt sich für uns verloren; / gelobet muß es sein.
Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel.“


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  Stimmungswechsel

Stimmungswechsel

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.12.2019

Vorgestern war der erste Advent. Für mich ist der Beginn des neuen Kirchenjahres immer wieder ein massiver gefühlsmäßiger Bruch, den anzunehmen, zu akzeptieren, für mich durchaus seine Zeit kostet. Von einem Tag auf den anderen endet die Stille und die Dunkelheit des Novembers und wird verdrängt von warmem und strahlendem Licht. Die Stille der vergangenen Wochen wird abgelöst durch wuselige und auch geräuschvolle Geschäftigkeit – rund um unseren Dom herum haben Sie es life und in Farbe erlebt. Das sind die Äußerlichkeiten.
Doch darüber hinaus, und das finde ich besonders bemerkenswert, verändert sich auch die Stimmung ganz massiv, der Duktus, wie wir unser Leben gestalten. Wir kommen aus einer Zeit, die uns mit den letzten Dingen und den existenziellen Fragen konfrontiert hat – Endlichkeit, Trauer und Tod. Der Volkstrauertag, der Buß- und Bettag und der Toten- und Ewigkeitssonntag sind diese Tage im Kirchenjahr, die für diese Themen stehen. Und nun, von jetzt auf gleich, herrschen draußen Jubel, Trubel, Heiterkeit, Weihnachts- und Adventsfeiern bestimmen unsere Abende und Shoppingwochenenden führen uns in knall volle Innenstädte.
Mir geht das irgendwie alles etwas zu schnell. Vielleicht liegt es ja an mir und ich bin nur nicht ausreichend flexibel, um mich umzustellen, das mag sein. Aber es ändert nichts: Ich brauche mehr Zeit, um von dunkel auf hell zu schalten, von leise auf laut und auch, ja, von traurig auf fröhlich.
Umso mehr verstehe ich, warum wir jetzt Advent haben. Wenn Sie mal in den hohen Chor kommen, werden Sie feststellen, dass das Parament am Altar dort oben violett ist. Das hängt da auch in der Passionszeit. Und das hat seinen Grund. Denn so wie die Passionszeit ist auch der Advent eine Zeit der Vorbereitung. Wir sollen uns vorbereiten auf das große Fest, das wir feiern, weil Gott Mensch geworden ist. Wir sollen uns besinnen auf das, was kommt. Wir sollen, wenn Sie so wollen, noch einmal kräftig Schwung holen, Kräfte sammeln und uns konzentrieren, um dann richtig loszulegen, wenn es in drei Wochen soweit ist.
Verstehen Sie das bitte nicht falsch: Kirche will nicht der Spielverderber sein und Ihnen die Freude am Advent verderben. Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, ist ganz sicher immer in Jesu Sinne. Das hat er auch stets und ständig genau so gemacht. Aber sich ab und zu mal eine Auszeit zu gönnen in den kommenden Wochen, mal darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist und die Vorfreude auf Weihnachten zu genießen, dafür sollten Sie sich ebenso Zeit nehmen – in einem Konzert, einem Gottesdienst oder einer Andacht hier bei uns im Dom oder in aller Ruhe zu Hause auf dem Sofa. Gönnen Sie sich einen besinnlichen Advent und erleben und genießen Sie den besonderen Zauber dieser Zeit. Ich glaube, dass Gott es so für uns gedacht hat.

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  Gemeinsam!

Gemeinsam!

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.12.2019

Was war das für ein Wochenende! Nicht nur, dass wir gestern mit einem festlichen Gottesdienst hier im Dom in das neue Kirchenjahr gestartet sind, nicht nur, dass die heiße Phase des Weihnachtsgeschenkekaufens begonnen hat, nicht nur, dass wir die ersten beiden Adventssingen unserer Domsingschule feiern konnten, nein auch politisch war am vergangenen Wochenende mächtig was los hier bei uns in Braunschweig.
Da hat eine Partei als ungebetener Gast ihren Parteitag in unserer Stadt abgehalten. Diese Partei vertritt Positionen, die nicht unsere sind, die mit christlichen Werten und Grundüberzeugungen nicht zusammengehen, die mit der Botschaft Jesu einfach nicht vereinbar sind. Das haben wir hier bei uns im Dom deutlich gemacht – sehr klar, sehr konkret, sehr unmissverständlich. Ebenso klar, konkret und unmissverständlich hat unser Landesbischof aber auch herausgestellt, dass wir für die Menschen, die sich momentan mit dieser Partei identifizieren, ansprechbar bleiben, Respekt zeigen und ihnen die Wertschätzung entgegenbringen, die jedem Menschen zusteht. Respekt und Wertschätzung steht jedem Menschen zu, ganz einfach, weil er Mensch ist, weil jeder Mensch er ein Kind Gottes ist.
Das ist unsere Position und mit der sind wir anders unterwegs als viele der Parteianhänger, die immer wieder versuchen, Menschen, die anders sind, eine andere, eine geringere Wertigkeit anzudichten. Das ist mit uns und das ist vor allem mit Gott nicht zu machen.
Wohltuend und hoffnungsstiftend war, dass wir viele waren. Zum einen waren hier bei uns im Dom über 1.000 Menschen – Kirche schafft es ganz offensichtlich doch, für eine gute Sache zu mobilisieren – zum anderen aber auch in der Stadt vor dem Schloss. Über 20.000 Menschen haben dort für unsere Demokratie, für Meinungs- und Pressefreiheit und gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass demonstriert. Und das wichtigste ist: Sie haben es friedlich getan! Aus allen Teilen der Bevölkerung, aus Stadt und Land und aus allen Altersklassen haben sich Menschen zusammengefunden, die klargemacht haben, wo in unserer Gesellschaft politische Grenzen sind, deren Überschreiten nicht geduldet werden kann und darf. Diese Menschen haben die Motivation und den Mut gehabt, aufzubrechen, Gesicht zu zeigen und ihre Stimme zu erheben für ein friedliches und respektvolles Miteinander und dafür, Unterschiedlichkeit als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu sehen.
Ja, vielleicht ist es ein wenig zu pathetisch, aber ich habe dieses friedvolle Miteinander schon als ein Aufleuchten der frohen Botschaft empfunden, als ein Symbol dafür, wie Solidarität als gemeinsame Grundüberzeugung Dinge in Bewegung setzen kann.
Über diesem Tag heißt es: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Darum geht es: Um ein friedvolles und angstfreies Miteinander, um liebevolle Begegnungen zwischen uns Menschen und darum, dass wir so einer Welt näherkommen, die so ist, wie Gott sie für uns gedacht hat.

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  Gemunkel

Gemunkel

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.11.2019

Während das Sprichwort „Im Dunkeln ist gut Munkeln“ für so manch einen mit positiver Aufregung oder Erinnerung verbunden ist, weil es für ihn den Austausch von Zärtlichkeiten meint, zielen die Worte „munkeln“ oder „Gemunkel“ auf gar nichts Gutes. Denn dahinter verbirgt sich jenes Gerede, das etwas Heimliches, Verstecktes, gar Boshaftes hat. Es ist das leise mit dem Finger auf jemanden Zeigen, es sind böse Gerüchte, es ist üble Nachrede. Das tut, wer beeinflussen will, ohne für sein Wort Verantwortung übernehmen zu wollen. „Wird man doch noch mal sagen dürfen“, heißt es nicht selten, wenn jemand ertappt und darauf hingewiesen wird, dass solches Gerede schadet.

Ach, wie genial wäre eine Nachbarschaft, ein Betrieb, das Internet, könnte man sich auf die Worte, die gesprochen oder geschrieben werden, verlassen. Gäbe es keinen Lug und Trug, keine Geschäftemacherei, keine Leute, die auf irgendwelchen Netzwerken anonym ihr Zeug verbreiteten. Dann ließe sich streiten über Meinungen, aushalten, wenn andere anders denken, wenn man nur wüsste, dass das Leben ohne üble Nachrede und Meinungsmacherei funktionierte. Aber: Die Leute bleiben lieber im Dunkel, wo niemand sie anspricht und zur Rechenschaft zieht.

Christlich ist das nicht, wenn man an das Wort im 1. Petrusbrief denkt, in dem es heißt: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von Euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

Aber gerade die angehende Adventszeit, die von Woche zu Woche mehr Licht ins Dunkel bringt, könnte auch zu diesem Gemunkel im Dunkel Stellung beziehen. Gerade in dieser Zeit geht es ja um das Licht, das im Christus angebrochen ist und unsere Welt erhellen will. „Der Morgenstern ist aufgedrungen“ (EG 69), heißt es in einem der Gesangbuchlieder. Denn das Licht, dass da heraufbricht, will unsere Herzen erhellen. Und das gleich im doppelten Sinne: Zum einen will es mir zeigen, was in meinem Herzen drin ist. Und wenn da dunkles Gemunkel herrscht, will es mich zur Umkehr rufen, dazu, dass es besser geht im menschlichen Miteinander. Und dann will es mein Herz erhellen: mir Mut machen, dass ich andere Wege gehen und finden kann, dass Füreinander sich mehr lohnt als Gegeneinander und dass es keine Angst braucht, nicht einmal in der finstersten Stunde einer Nacht, hochschwanger, auf der Suche nach einer Unterkunft und überhaupt. Eben weil Gott es ist, der uns die Dinge zum Guten wirkt und unsere Schritte im Leben lenkt.

Aus der Dunkelheit ins Licht; jenem Licht entgegen, das uns wieder und wieder, alle Jahre, aber manchmal – Gott sei Dank – auch täglich, entgegen leuchtet, dass wir aus dem Dunkel unseres Lebens in lichte Zeiten finden.

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  Wünsche: Einen gelassenen Advent

Wünsche: Einen gelassenen Advent

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.11.2019

„Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall“. Es ist wieder Weihnachtsmarkt rund um den Dom. Seit gestern Abend tönt es schön und riecht es gut und sieht man so manchen mit einem Lächeln auf den Lippen über den Markt schlendern.

Sicher, diese Stimmung teilen nicht alle, manchem ist es zu früh oder zu warm oder zu nass oder überhaupt zu weihnachtlich statt adventlich. Aber: Gestern Abend standen zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes viele froh gestimmte Menschen in den Straßen und warteten darauf, dass endlich Licht werde.

Leider sind viele froh gestimmte Menschen nicht alle. Und so erlebte ich gestern eine doch eher skurrile Viertelstunde vor Weihnachtsmarkteröffnung. Denn ganz in meiner Nähe stand ein Herr, der laut, lauter und noch lauter im Wiederholungstakt erklärte: „Ich lasse hier niemanden mehr durch. Ich gehe nicht zur Seite. Hier ist alles voll. Wer Zeitung lesen kann, der weiß, dass es hier voll ist. Ich lasse hier niemanden mehr durch.“

Es ist nicht einmal, dass er im Unrecht gewesen wäre. Schließlich gibt es alle Jahre wieder zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes rund um die Bühne vor dem Dom kaum ein Durchkommen. Es ist eng. Aber, ganz ehrlich, die Erfahrung lehrt doch, dass am Ende immer noch etwas geht, um Menschen einen Pfad vorbei finden zu lassen. Meine Meinung. Die aber wurde von dem Herrn deutlich nicht geteilt. Und so war festzustellen, dass mit jedem Menschen, mit jeder Gruppe, die Durchlass suchte, die Aggression dieses Mannes, d.h. seine Lautstärke und die Häufigkeit der Wiederholung, zunahm. Auch uns als seine Nachbarn machte er damit auch von Mal zu Mal genervter und aggressiver. Wer wissen möchte, wie aus dem Nichts eine Situation entstehen kann, in der die Fäuste fliegen, der hätte gestern Abend ein gutes Lehrbeispiel finden können. Zum Glück waren die Menschen um mich her aber freundliche Leute mit langen Nerven, so dass wir das Gemaule alle miteinander mit tiefem Durchatmen, Kopfschütteln, kurzen, aber freundlichen Hinweisen und schließlich mit Ignorieren aushielten. Wäre da ein ähnlicher Typ wie unser Redner mit anderer Meinung in der Nähe gewesen, dann hätte ich mir auch anderes vorstellen können.

Am Wochenende sind nun viele Menschen in Braunschweig, die grundsätzlich verschiedener Ansicht über Richtig und Falsch in Alltag und Politik sind. Der Oberbürgermeister bat in seiner Rede um Frieden angesichts dieses drohenden Unfriedens. Und ich dachte mir: Wie wichtig es doch ist, dass schon hier die persönliche Grundhaltung stimmt. Denn wie leicht gehen die Fäuste zusammen, wenn nur ein einziger lang und laut und aggressiv und nervraubend genug seine Parolen ruft. Mit der Mahnung des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief wünsche ich uns deshalb ein gelassenes erstes Adventswochenende und eine gelassene Adventszeit.

„Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein“ (2. Kor. 13,11)

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  Licht weitergeben

Licht weitergeben

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.11.2019

Letztens habe ich einen Vortrag gehört, der sich im Kern der berühmten Feststellung Dostojewskis widmete: „Schönheit wird die Welt retten.“
Darüber lässt sich trefflich streiten aber fraglos ist bestimmt, dass Verschönerungen Freude machen, dass wir uns und unsere Umgebung schmücken, um die Festtagsstimmung zu heben und dass die liebevolle Mühe, die alle hier rund um den Dom an ihre Weihnachtsmarktbuden verwendet haben, um sie wirklich richtig schön zu machen, dazu beiträgt, frohgemut und versöhnlich, friedlich und heiter im Herzen der Stadt noch ein bisschen mehr Zeit zu verbringen.
Das wird ein Ausdruck dafür sein, wie wir hier miteinander leben wollen und wer heute Morgen den Kommentar der Braunschweiger Zeitung gelesen hat, der ist nachdrücklich daran erinnert worden, dass wir hier als Menschen, die einander zugewandt sind, miteinander leben wollen. Das schließt gerade hier in Braunschweig Hetze, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Judenhass aus. Punkt.
Zurück zum Vortrag über die mögliche Rettung der Welt durch Schönheit, denn der endete mit einer Geschichte, die am Beginn der Advents- und Weihnachtszeit auf ganz besonderer Weise plausibel wird:
Ein Mann fragte halb scherzhaft halb im Ernst nach dem „Sinn des Lebens“ und er bekam zur Antwort die Aufforderung, mit hinauszukommen. Dort zog der Referent eine Spiegelscherbe aus der Hosentasche. Er trägt sie seit Jahrzehnten mit sich. Sie stammt von einem Wehrmachtsmotorrad aus dem zweiten Weltkrieg. Diese Scherbe hielt er in die Sonne und lenkte deren Licht in eine kleine dunkle Kapelle und leuchtete sie aus. „Du kannst jemand sein, in dem sich Licht spiegelt. Du kannst jemand sein, der anderen Menschen leuchtet. Du kannst jemand sein, der Licht in das Leben anderer Menschen bringt – Du kannst das Leben anderer heller machen.“
So klar kann eine Antwort sein. Sie birgt nicht nur Zuversicht sondern auch das Wissen, dass wir nicht die Quelle des Lichtes sind, sondern nur die Verteiler sein sollen. Als Christen kommt uns das besonders nahe, denn wir hören wir auf den, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt wird nicht im Finstern wandeln.“ Und in der Weihnachtszeit hören wir das nicht nur. Wir sehen den Stern von Bethlehem, sehen wie er die Gesichter der Menschen erhellt, wir sehen, wie die Kerzen, die wir anzünden und mit denen wir das Licht weitergeben, anderer Menschen Gesichter heller macht und auch, dass sie schön aussehen im Kerzenschein, warm und friedlich.
Wer wollte also nicht glauben, dass uns von Weihnachten her Rettung kommt!

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  Schutzengel

Schutzengel

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2019

Haben Sie einen? Ich denke, wir alle sollten einen haben, denn ohne einen solchen durchs Leben zu kommen, ist mitunter gar nicht so einfach. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass jede und jeder von uns einen hat – einfach so. Unsere katholischen Schwestern und Brüder haben einen eigenen Feiertag dafür. Bei uns Lutheranern ist der irgendwie unter die Räder geraten, vielleicht, weil es unsere altvorderen Protestanten ein wenig zu kitschig fanden. Mir fühle mich wohl mit der Vorstellung, dass da einer ist und deswegen heute auch dieses Wort zum Alltag. Nun aber mal Butter bei die Fische – ich rede von Schutzengeln und über die dürfen sich auch Lutheraner freuen, wie ich finde.
Schutzengel stehen hoch im Kurs und das auch bei Menschen, die mit Kirche sonst nicht so ganz viel am Hut haben. Sie begleiten uns in Form von Schlüsselanhängern, als Aufkleber auf unseren Autos, als Chip für den Einkaufswagen oder als kleiner Handschmeichler aus Messing. „Fahre nicht schneller als dein Schutzengel fliegen kann“, ist zu einem tatsächlich geflügelten Wort geworden und auch der Begriff der Gelben Engel ist uns geläufig, wenn wir an den Pannennotdienst denken.
In der Bibel haben Engel wichtige Funktionen. Sie sind Nachrichtenübermittler und tauchen an ganz zentralen Stellen der biblischen Geschichten auf. Ein Engel informiert Maria über Gottes Pläne, den Hirten auf den Feldern bei Bethlehem wird von Engeln große Freude verkündigt und als die Frauen am Ostermorgen das leere Grab betreten, sitzt dort ein Engel und erklärt Ihnen, was an Wunderbarem gerade passiert ist.
„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“, hat der Autor Rudolf Otto Wiemer ein Gedicht überschrieben und er bringt damit zum Ausdruck, dass es nicht immer Himmelswesen sind, die Menschen mit Engelstaten beschenken, sondern dass auch wir Menschen zu Engeln werden können. Überall da, wo Menschen einander in Liebe, in Wertschätzung und mit Respekt begegnen, überall da, wo Menschen füreinander da sind, sich helfen und unterstützen, da kann Engelskraft sichtbar werden – einfach so, mitten im Leben und ganz unprätentiös.
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, man könnte sogar sagen, es sollen bitteschön nicht nur Männer mit Flügeln sein. Ich denke, vieles auf dieser Welt wäre schon erreicht, wenn wir Menschen den Anspruch hätten, ab und zu mal unserem Nächsten zum Engel zu werden. Und daran darf uns dann gerne auch ein Einkaufswagenchip in Engelsform erinnern.

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  Leben ist jetzt!

Leben ist jetzt!

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.11.2019

Ich war im September im Urlaub auf Sizilien und habe von dort aus auch einen Tagesausflug nach Lipari gemacht, das ist eine kleine, wunderschöne Insel nördlich von Messina. Auf der Überfahrt bin ich mit einem netten Holländer ins Gespräch gekommen und der sagte mir mit seinem charmanten niederländischen Akzent: „Wissen Sie, das Leben ist wie eine Kukident-3-Phasen-Tablette: Erst kommt die Phase der Kindheit und der Schulzeit, dann die Phase des Arbeitslebens und zum Schluss die dritte Phase des Ruhestandes und die ist am Schönsten!“
Mir hat dieser Vergleich sehr gut gefallen – er ist lustig und deshalb auch so einprägsam. Die dritte Phase ist am Schönsten. Alle, die bereits in der dritten Phase sind, können nun beurteilen, ob der Holländer recht hatte. Aber was machen wir, die wir noch in Phase 1 oder 2 unterwegs sind? Es gibt hierzu mehrere Möglichkeiten.
Erste Variante: Wir sind voller Vorfreude auf das, was noch kommt. Wir akzeptieren, dass wir uns heute vielleicht noch quälen müssen, halten das aber irgendwie aus, weil wir ja wissen, dass in ein paar Jahren oder Jahrzehnten alles wunderbar sein wird. Bis dahin heißt es dann eben: Zähne zusammenbeißen und irgendwie durch.
Das kann man so machen, aber ich glaube, so richtig schlau ist das nicht. Denn wenn wir immer darauf warten, dass es im übertragenen Sinne erst morgen richtig schön wird in unserem Leben, dass verpassen wir heute eine ganze Menge. Deshalb empfehle ich auf jeden Fall die zweite Variante: Die geht so, dass wir unser Leben jetzt leben – heute, hier, ganz konkret. Leben geht immer nur in dem Moment, in dem wir gerade sind. Und eine Ausrichtung nur auf das, was noch kommt, vielleicht kommt, irgendwann mal kommt oder eben auch nicht kommt, eine solche Ausrichtung führt dazu, dass wir die wunderbaren und schönen Aspekte im Hier und Jetzt verpassen, nicht wahrnehmen, nicht wertschätzen.
Und ich glaube, dass wir damit auch Gottes Erwartungshaltung an uns nicht gerecht werden. Gott will durch uns Menschen handeln. Wir sollen jeden Tag aufs Neue dazu beitragen, dass diese Welt ein wenig menschlicher, freundlicher und liebevoller wird. Wenn wir aber nur darauf warten, dass irgendwann mal für uns die goldene Zukunft anbricht, dass wir endlich in Phase 3 landen, dann werden unsere Sinne für das, was jetzt dran ist, einfach nicht wach genug sein.
Und ob wir Phase 3 wirklich erreichen und ob sie dann für uns tatsächlich so schön ist und nicht beeinträchtigt wird durch Krankheit, Einsamkeit und Kummer, dass liegt allein in Gottes Hand. Also genießen wir jeden einzelnen Tag und machen wir das Beste draus, für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Und es ist Jesus Christus selbst, der uns darin bestätigt, wenn er sagt: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“

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  Ich lebe!

Ich lebe!

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.11.2019

„Steh nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht.“ Tröstet das? Oder macht es uns nur noch trauriger, verzweifelter, hilfloser? Jeder und jede von uns, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, kennt diese Leere, die auf einmal da ist. Diese Leere, die immer und immer wieder schmerzhaft wachgehalten wird, jedes Mal, wenn wir etwas wahrnehmen, das uns an unseren lieben Verstorbenen erinnert. Orte, die wir gemeinsam besucht haben, Musik, die wir gemeinsam gemocht haben, Erinnerungen, die wir gemeinsam geteilt haben.
Da ist dieser Wunsch nach Nähe, die es nicht mehr gibt, nach Geborgenheit, die nicht mehr gegeben wird, und da ist Liebe, die sich aber auf einmal so ganz anders anfühlt, kälter, ferner, ja fast schmerzhaft. Es erleichtert, wenn wir dort hingehen können, wo unsere Trauer einen Ort hat, wo wir unseren Mitmenschen auf seinem letzten Weg hinbegleitet haben. Es erleichtert, wenn wir an seinem Grab stehen können, um zu trauern, um zu erinnern, um doch irgendwie zu fühlen, dass er noch da ist. Steh nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht. Es ist nicht leicht, das anzunehmen, wenn die Trauer schmerzt. Es ist nicht leicht, gerade an den Gräbern unserer Lieben noch einmal loszulassen, sich einzugestehen, dass wir dort nur die irdische Hülle finden, Und eben nicht mehr.
Ich bin tausend Winde die wehen, ich bin diamantenes Glitzern im Schnee, ich bin das Sonnenlicht auf reifem Korn, ich bin die sanften Sterne, die scheinen in der Nacht. Gottesgeschenke all das, was hier beschrieben wird, der Wind, der Schnee, das Sonnenlicht, die Sterne. Und in all dem sollen wir sie, die uns so sehr fehlen, wiederfinden können, unsere Partnerinnen und Partner, unsere Eltern und Großeltern, unsere Freunde und Bekannten, all diejenigen eben, die uns vorausgegangen sind. Sie sind nicht in den Gräbern. Sie sind in und bei Gott.
Ja, es ist und bleibt jedes Mal wieder eine Anfechtung und eine harte Bewährungsprobe für unseren Glauben und für unsere Hoffnung, wenn wir uns verabschieden müssen von einem geliebten Menschen. Doch wir dürfen uns eben verlassen auf den, der uns gesagt hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Echten Trost finden wir nicht an den Gräbern. Dort tut es bestenfalls kurzzeitig etwas weniger weh. Echten Trost schenkt uns unser Glaube und die Hoffnung darauf, dass Gott tatsächlich alle Tränen von unseren Augen abwischen wird, und dass es ein Ende hat mit Leid, Geschrei und Schmerz, weil das erste vergangen ist und weil Gott in Jesus Christus den Tod für uns besiegt hat – für Sie für Euch für mich und das ein für alle Mal.
Steh nicht an meinem Grab und weine, ich bin nicht dort. Ich lebe!

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  Human Scum

Human Scum

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.11.2019

Die Polizei klagt in meiner Tageszeitung über die Respektlosigkeit, die ihr Tag für Tag auf den Straßen Braunschweigs begegnet: „Man muss nicht grüßen, nicht siezen, darf beleidigen, spucken und treten“, sagt die Polizeisprecherin Carolin Scherf. Und ein Polizist äußerst, dass er auf Streife manchmal den Eindruck habe, dass er der erste sei, der bei so manchem alkoholisiert-pöbelnden Jugendlichen klar und deutlich Grenzen zu setzen versuche, „als hätte ihnen noch niemals jemand Stopp gesagt“. Aber nicht nur die Jugend wird als Problemfeld beschrieben, sondern auch jene Eltern, die mit ignoranter Selbstverständlichkeit morgens ihre Kinder zur Schule fahren und bei polizeilicher Ansprache dann tatsächlich darüber zu diskutieren beginnen, warum es falsch sei, in einem Halteverbot zu parken, oder warum überhaupt ein solches Schild an dieser Stelle zu stehen habe.

Es mehren sich die Anzeichen eines grundlegenden Wandels im gesellschaftlichen Miteinander. Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch andernorts. So lese ich auf der Homepage der Tagesschau eine Nachricht über das Verfahren, das einer Amtsenthebung Trumps den Boden bereiten soll. Nun ist Trump jemand, der bekanntermaßen gerne sprachlich unflätig unterwegs ist. Aber er hat es wieder einmal geschafft, sich selbst zu unterbieten, indem er die Demokraten in einem Tweet als „human scum“, also als menschlichen Abschaum verunglimpft. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte solch eine Beschimpfung des politischen Gegners wahrscheinlich dazu geführt, dass der Sprecher selbst sich für jegliches politische Amt disqualifiziert. Heute aber scheinen solche Typen interessant für Wählerinnen und Wähler zu sein. Vielleicht ja, weil die sich von dem Mann mit dem verbalen Vorschlaghammer erhoffen, dass er auch ihre Interessen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen wird.

Sprache bildet Wirklichkeit ab – und sie schafft Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit, in die wir uns derzeit hineinreden, brüllen, beschimpfen, tweeten oder aber auch umgekehrt in Gesprächsabbrüche bugsieren und dann ignorieren, die beunruhigt.

So manch einer mag die biblische Rede von Nächstenliebe, Demut oder Liebe nicht oder auch nicht mehr hören. Und doch könnte gerade sie wirksames Gegenwort zu der in dieser Zeit mehr und mehr egoistischen und unhöflichen Rede zwischen Menschen sein. So wir denn zu hören bereit werden und uns mahnen lassen. Denn so diffus das Wörtlein „Liebe“ auch manchem in den Ohren klingen mag, so klar wird doch, dass sie nichts mit der gepflegten Rücksichtslosigkeit dieser Tage zu tun hat, wenn es im 1. Brief an die Korinther heißt (1. Kor 13,4-7): „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.“

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  Wunder

Wunder

Heiko Frubrich, Prädikant - 21.11.2019

Es gibt eine Fernsehserie die heißt „Welt der Wunder“. Dort werden alltägliche aber auch spektakuläre Dinge präsentiert – vom Laternenfisch, der in der Tiefsee lebt und leuchtet, über die Herstellung von Croissants bis hin zum beheizten Eisportionierer. Welt der Wunder. So manches, was wir dort zu sehen bekommen, ist tatsächlich überraschend und neu, aber echte Wunder sind es dann irgendwie doch nicht. Denn alles das, was uns die Sendung vorstellt, gibt es ja tatsächlich und es gehorcht auch immer den Gesetzen der Natur.
Wenn wir etwas über echte Wunder erfahren wollen, sollten wir einen Blick in die Bibel werfen. Es gibt viele Berichte über Wunder, die Jesus tut. So zum Beispiel, als er einen Mann heilt, der schon seit über 38 Jahren gelähmt am Teich Betesda liegt und auf Heilung wartet. Und nun kommt Jesus zu diesem Mann, fragt ihn, ob er gesund werden wolle. Als der Mann das bejaht, sagt Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ Und der Mann ist gesund von jetzt auf gleich, steht auf und geht seiner Wege. Donnerwetter! Ein echtes Wunder! Und, glauben Sie, dass das so war? Glauben Sie an Wunder?
Das ist eine der vielen Gretchenfragen, die mit unserem Glauben zusammenhängen oder mit ihm mitklingen. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts sind stolz auf all die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich in den letzten Jahrhunderten so angesammelt haben. Sie helfen uns, vieles besser zu verstehen, was in dieser Welt um uns herum so passiert. Sie verleiten uns aber auch dazu, aus großer Überzeugung heraus zu sagen, dass diese Geschichte am Teich Betesda so nicht passiert sein kann. Nein, sie ist bestimmt nur bildhaft und im übertragenen Sinne zu verstehen. Wörtlich zu nehmen, ist sie nicht, weil das, was geschildert wird, all unseren Erkenntnissen über die Gesetze der Natur entgegensteht.
Es wird immer wieder hervorgehoben, dass die Wundererzählungen des Johannesevangeliums hinweisenden Charakter haben. Sie weisen auf den hin, der die Wunder tut, der sie möglich macht, sie weisen hin auf Jesus Christus und weiter auf Gott selbst. Und hiermit ist die Frage an uns alle gestellt, ob wir denn Gott dies so zutrauen, ob wir ihn in seiner Unerreichbarkeit und Unfassbarkeit akzeptieren, ob unser Glaube weit genug ist, um eben auch ein solches Wunder Wunder sein zu lassen. Wir laufen schnell Gefahr, Gott durch unsere eigene Erkenntnis zu begrenzen, ihn nur soweit zuzulassen, wie wir es selbst nachvollziehen können. Doch damit machen wir Gott unzulässig klein.
Ja, wir müssen aus unserer Komfortzone des „Ich verstehe alles und kann alles wissenschaftlich belegen und begründen“ herauskommen, um Gott gerecht zu werden. Und wir müssen bereit sein, auch Wunder zu akzeptieren. Über dem heutigen Tag heiß es: „Siehe, ich, der HERR, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein?“
Gott und Gottes Friede sind höher als unsere menschliche Vernunft. Das ist so und das ist auch gut so!

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  Nehmen, was geht? Wort zum Buß- und Bettag

Nehmen, was geht? Wort zum Buß- und Bettag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.11.2019

Friedensklima lautete das Thema der Friedensdekade, die heute zu Ende geht. Zehn Tage lang haben wir uns zugemutet, uns selbst zu befragen, wie wir es denn halten mit Friedens- und Umweltthemen. Auch wenn Selbstkritik nicht unbedingt zu guter Laune führt, bin ich doch alle Jahre wieder dankbar über diese ritualisierte Form der Selbstunterbrechung. Denn sie ist etwas anderes als ein Sich-selbst-klein-machen, das im schlimmsten Fall kein Ende nimmt. Die Friedensdekade mit ihrem Anfang und ihrem Ende ist vielmehr eine Form der Gegenwartsbuße. So altmodisch dieses Wort auch klingen mag. Sie bietet einen Moment des Innehaltens, des wachen Umsehens und der Selbstbefragung, wo eigentlich ich in diesem ganzen Durcheinander der Gegenwart stehe.

Am vergangenen Sonntag vertrat unser Bischof in seiner Predigt die These, dass äußerer Friede den inneren Frieden der Menschen als Voraussetzung habe. Und mit Paulus befand er, dass der innere Friede nur selten von dem abhänge, was von außen begegnet. An dessen Lebensgeschichte wies er auf, dass Paulus sich weder von seinen Schiffbrüchen noch von den Streitigkeiten mit anderen Christen noch von Rückschlägen in seiner Mission noch von seiner Krankheit noch von Verhaftungen seinen Frieden hat nehmen lassen. Für Paulus war allein der Glaube, sein Vertrauen in Gott, das, was ihm Frieden verlieh. Und von dieser sturmfesten Wirklichkeit aus, vermochte er für das einzutreten, was ihm als richtig und gut erschien.

Und heute nun eine Erzählung, die anhand der Bitte eines Mannes ein großes Fass aufmacht. Der Mann bittet Jesus, zwischen ihm und seinem Bruder zu richten. Er verlangt nicht mehr als das, was ihm rechtmäßig zusteht: sein Erbe. Jesus aber weist ihn grob zurück: Niemand habe ihn zum Richter oder Schlichter der Brüder eingesetzt. Alles weitere spricht er nicht mehr zum Mann, sondern zu „ihnen“, wen auch immer wir uns darunter vorstellen wollen: Die Jünger, die Menschenmenge, uns. Oder alle miteinander.

Jesus erklärt, dass wir Menschen uns vor der Habgier hüten sollen, denn niemand lebe davon, dass er viele Güter habe.

Und an dieser Stelle erzählt er jenes uns allen bekannte Gleichnis von dem reichen Kornbauern, der auf den Tag X hin schuftet und schuftet mit dem Ziel, seiner Seele durch materielle Absicherung Ruhe zu verschaffen. Jesus behauptet dessen Tun als unsinnig. Zum einen, weil das letzte Hemd nun einmal keine Taschen hat, und zum anderen, weil Gott keine einzige Seele auf ihren wirtschaftlichen Erfolg zu Lebzeiten hin ansehen werde.

Nun, lese ich diese Verse, dann empfinde ich den Mann, der bei Jesus Gerechtigkeit sucht, erst einmal gar nicht als habgierig. Und dennoch werden wir durch die Reaktion Jesu daraufhin befragt, wie viel Streit und Unfrieden wir um materieller Güter willen zulassen wollen.

Bedeutet z.B. Gerechtigkeit heute, dass jeder das Recht auf eine beliebig große Menge an Umweltverschmutzung durch Mobilität, Ressourcenverbrauch oder Industrie hat?
Und umfasst Gerechtigkeit das Recht, zur Durchsetzung eines echten oder auch nur behaupteten Rechts den Frieden im Land gefährden zu dürfen?
Bedeutet Gerechtigkeit zu realisieren, was einem irgendwie zusteht? Was durchsetzbar, was machbar ist? Oder wird Gerechtigkeit hier nicht zu einem Deckmäntelchen dessen, einfach zu nehmen, was geht?

Wie viele Familien sind eigentlich schon an Erbstreitigkeiten zerbrochen, an deren Ende jeder symbolische 7,50€ mehr hatte?
Und was eigentlich zerbricht gerade in dieser Zeit zwischen Menschen und Völkern und in der Natur, weil zu viele Leute auf nicht mehr und nicht weniger als ihr gutes Recht bestehen?

Ich weiß, dass es nicht leicht ist mit dieser Frage von Recht und Gerechtigkeit. Niemand will sich für dumm verkaufen lassen von seinem Nächsten. Niemand übers Ohr hauen lassen. Aber vermutlich wäre es doch hilfreich, sich hin und wieder einmal selbst zu verdeutlichen, dass das Seelenheil – nicht erst nach dem Tod, sondern auch schon hier und jetzt auf Erden, nicht davon abhängt, wie viel einer besitzt, sondern davon, wie gut er seinen inneren Frieden zu finden vermag.

Wo aber solcher Friede zu finden ist, das beschreibt Martin Luther in seiner, wie ich meine, unübertrefflich schönen Auslegung der Brot-Bitte im Vaterunser, die da lautet:

„Unser tägliches Brot gib uns heute. Was ist das?
Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er's uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot. – Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Und vermutlich braucht es gar nicht alles und viel, sondern nur einiges und überhaupt von dieser Liste, um Dankbarkeit und Zufriedenheit, also inneren Frieden zu haben.

Die Erzählung zum Andachtswort: Lukas 12,13-21:
Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm:
Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.
Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter über euch gesetzt?
Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier;
denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach:
Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun?
Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun:
Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen
und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele:
Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre;
habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.
Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

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  Leben, wie es Gott gefällt

Leben, wie es Gott gefällt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.11.2019

Siebenundzwanzig Jugendliche sitzen heute unter uns. Seit knapp vier Monaten seid Ihr als Konfis unterwegs. Und fragt: Was ist das eigentlich mit diesem christlichen Glauben? Und warum sollte ich mich konfirmieren lassen? Einige von Euch werden laut die Antwort geben, die ich damals auch gegeben hätte: „Weil’s bei uns Tradition ist.“ Oder: „Weil ich bei meiner großen Schwester das Feierliche des Konfirmationstages und auch den Geschenketisch ziemlich cool fand.“ Und leise? Leise hätte ich gewusst, dass ich abends gerne bete: „Lieber Gott, bitte beschütze mich für diese Nacht und alle, die ich lieb habe. Amen.“ Und dass ich Gottesdienste mag – zugegeben, die Predigten waren weit von mir weg und oft erschien mit das Amen am Ende ihr schönster Moment, aber ich mochte den Raum, das Licht, das durch die Fenster fiel; das Gefühl, mit Menschen, die Jahrhunderte vor mir gelebt haben, durch die Musik und die Worte und den Ort verbunden zu sein, selbst Teil dieser Geschichte zu sein; ich mochte, was ich in den biblischen Texten hörte: Was du willst, das man dir tu, das tue auch den anderen. Und: Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist die passende Antwort auf Gottes Schöpfungsgeschenk. Denn Gott will, so steht’s geschrieben, dass wir Menschen in Frieden beieinander wohnen; dass alle genug zu essen und zu trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf haben; dass Menschen einander aufhelfen; und dass Macht auf Erden etwas sein sollte, das zum Wohle aller genutzt wird.

Wahrscheinlich war ich damals eine Träumerin. Wahrscheinlich bin ich noch immer eine. Aber je mehr ich erlebe, wie unsere Welt sich verändert, umso fester werde ich in meinem Traum. Diese Welt, dieser phantastische, unglaubliche und vielleicht sogar einzigartige, dieser wunderbare und so gefährdete Planet, er könnte so gut sein, wenn wir in aller uns geschenkten Freiheit den Willen Gottes für uns Menschen leben wollten. Bei Jesus Sirach heißt es: „Gott gab den Menschen den Gebrauch der fünf Sinne, als Sechstes gab er ihnen den Verstand und als Siebtes das Wort, seine Werke auszulegen. Er gab ihnen Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und das Herz zum Denken.“ (Jes Sir 17,5-6)

Und so bete ich mit jenen alten und gleichzeitig so aktuellen Worten des Franz von Assisi:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe übe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; / nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; / nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

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  ... ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe...

... ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe...

Gabriele Geyer-Knüppel, Pfarrerin St. Petri - 18.11.2019

So sagte es eins meiner Gemeindeglieder in einer Rede zu ihrem 80.Geburtstag – Sie ist vor wenigen Wochen mit 93 Jahren verstorben, also 1925 geboren.
…ich bin dankbar, dass ich in Frieden lebe…wer 1925 geboren ist, zwischen beiden großen Weltkriegen und die ersten 25 Jahre seines Lebens mit deren Nachwirkungen und Vorwehen zu tun hatte, der weiß, von was er spricht, wenn er oder sie dankbar ist, im Frieden zu leben.
Die Frage aber, was Frieden eigentlich ist und meint, wird in jeder Generation neu gestellt und beantwortet werden müssen. Ist Frieden nur die Abwesenheit von Krieg? Sicher , wenn wir Krieg auf kämpferische Handlungen, die das Töten von Menschen einschließen und das Erobern anderer Ländern reduzieren, dann haben wir hier Frieden. Doch greift diese Antwort zu kurz. Denn Frieden ist nicht nur ein kostbares Gut, sondern eine schillernde Größe: Da gibt es den Weltfrieden, den gesellschaftlichen Frieden, den Frieden zwischen Mensch und Natur, der gerade in den letzten Monaten durch die Fridays for Future Bewegung wieder in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt ist, und schließlich gibt es auch noch den ganz eigenen, den „inneren Frieden“.
Fängt nicht alles damit an, dass ich den nicht habe oder finde, “meinen inneren Frieden“- dass ich ihn schnell wieder verliere, weil andere mehr haben als ich, gesünder sind ,schneller Karriere machen, glücklicher verheiratet sind, es in allem, was das Leben so fordert scheinbar leichter haben? Unfrieden und Un-zu –friedenheit hängen in der Tat zusammen! Darum an dieser Stelle die Einladung an Sie, den Satz…Ich bin zufrieden mit…einmal positiv für sich zu Ende zu formulieren. Es dürfen auch gerne mehr Sätze sein!
Ich bin der Überzeugung, dass Menschen - mit sich selbst zufrieden - nach außen friedenswirksam handeln und Prozesse in Gang setzen können, die dem Frieden dienen: zu Hause, in der Lebenspartnerschaft, in der Firma, in dieser Stadt und unserer Gesellschaft. Wer den Anspruch formuliert, Frieden zu wollen, der und die muss ihn- und das sicher auch mit Gottes Hilfe-zu allererst mit sich selber herstellen. Das ist und bleibt ein lebenslanges Ringen.
Und so, wie die Isobarenkarte sich immer wieder verschiebt und sich das Wetter entsprechend verändert, so kann ein gelebter Frieden hier den Unfrieden andernorts nicht verhindern! In derselben Dynamik begegnet uns der Bibeltext für den heutigen Tag der Friedensdekade. Da heißt es im 2. Buch Mose, Kapitel 34,5-7:Da kam der Herr hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu Mose. Und er rief aus den Namen des Herrn. Und der Herr ging vor Moses Angesicht vorüber und er rief aus: Herr, Herr, Gott, barmherzig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat ,Übertretung und Sünde; aber ungestraft lässt er niemand ,sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied. Der Text nennt Wohlwollen und Strafe Gottes in einem Atemzug.
Es bleibt ein Wunder, dass Jesus Christus, von dem der Apostel Paulus im Brief an die Epheser sagt: „Christus ist unser Friede“, diesen polar agierenden Gott als seinen Vater bezeichnet. Genau darin liegt für Christen Herausforderung und Zusage in einem: Wo Christus unser Friede wird, da werden wir selber friedensfähig und finden auch Zeit und Kraft uns für den großen Frieden einzusetzen.

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  Kraftquelle

Kraftquelle

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.11.2019

Wenn ich zu Jahresbeginn mit meinen Konfis deren Konfirmationssprüche erarbeite, dann kündige ich ihnen diese als ihre ganz persönlichen Lebensworte an; als Worte, die sie dazu auserwählen über ihrem Leben zu stehen: als Ermutigung oder Schutzwort, als Segen oder als Weisheitswort, als Lob oder als Dank. Eines der Lieblingsworte, die alle Jahre wieder mindestens ein oder zwei Liebhaber finden, ist folgendes: „Die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ – Oft sind es Jungs, die sich für dieses Wort entscheiden. Und wenn ich die Konfis dann ihre Sprüche malen lasse, dann sehe ich nicht selten einen großen Bizeps. Kraft, Leistungsstärke, vielleicht sogar Heldentum – all dies scheint ihnen das Wort zu verheißen.

Nun endet unser heutiger Textvorschlag zur Friedensdekade auf genau jenem Wort.
Aber siehe, der Anfang, der ist überraschend anders und geht wie folgt:
„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes 40,28-31)

„Jünglinge werden müde und matt, Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren…“. Vermutlich ist es fast schon das Gegenteil dessen, was die Jungs sich erhoffen. Hier nämlich geht es zuerst um das Eingeständnis, dass menschliche Kraft ganz schön schnell ermüdet. Und wer kennt das nicht: So manche Aufgabe scheint doch wie eine Möhre, die dem Esel mit dem Stock vor die Nase gehalten wird. Er läuft und läuft, nur erreichen kann er sein Ziel nicht.

Friedensklima heißt es in diesen zehn Tagen zum Ende des Kirchenjahres. Und beschreibt darin gleich zwei Hoffnungen: den Frieden von Menschen untereinander und eine friedvolle Natur. Nicht selten erscheinen uns in unserem täglichen Handeln sowohl der eine als auch der andere Friede als nicht erreichbare Ziele. Wir können uns vielleicht vorstellen, wie eine Welt ohne Krieg und ohne Umweltmissbrauch aussähe, doch wissen wir nicht, wie sie zu erreichen sein könnten. Und selbst ein Land, so stark wie Deutschland, scheint in seinen Bemühungen regelmäßig wie der Jüngling zu ermatten und müde zu werden. Das heutige Bibelwort mahnt wie schon andere dieser Woche zu Vertrauen und Treue. Selbst wenn wir uns hilflos fühlen, gilt es, nicht aufzugeben. Warum? Weil Friede etwas zu Suchendes ist. Friede ist etwas Leises, etwas Freies, etwas, das wir Menschen uns als Traum im Herzen bewahren müssen. Ich für meinen Teil glaube: Je sanfter wir den Frieden suchen, desto mehr werden wir erleben, dass, wer sucht, auffährt mit Flügeln wie Adler, läuft und nicht matt wird, wandelt und nicht müde wird – und findet.

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  Echte Helden

Echte Helden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.11.2019

Für jeden Tag schlägt das Team der Friedensdekade einen biblischen Text vor. Der von heute überrascht. Es ist einer der mehr oder weniger strengen Gerichtstexte des Evangelisten Matthäus. Dort heißt es (Mt 10,40-42): „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird auch wie ein Prophet belohnt werden. Und wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird auch wie ein Gerechter belohnt werden. Und wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt, weil er mein Jünger ist, Amen, das sage ich euch: ein solcher Mensch wird ganz bestimmt seine Belohnung dafür erhalten.“

Do ut des. Wie du mir, so ich dir. Das scheint das Grundmuster dieser Worte Jesu zu sein. Puh. Denke ich. Denn meine Theologie ist das nicht. Und überhaupt: was hat das eigentlich mit dem Stichwort Friedensklima zu tun?

Geht es darum, dass sowas von sowas kommt, dass Freundlichkeit Freundlichkeit wirkt oder Umweltschutz Umweltheil? Für mich stelle ich fest, dass ich beim Lesen dieses Textes vor allem bei den Worten: „wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt …“, aufmerke.

Wie oft geht es in unserem Reden nicht um das große Ganze? Um dann resigniert festzustellen: Das Bisschen, das ich tun kann, das bringt doch sowieso nichts.

„Wer einem unbedeutenden Menschen nur einen Becher mit kaltem Wasser zu trinken gibt“, heißt es in der Bibel. Genau. Es geht um mehr als die ganz wichtigen, um die ganz großen Dinge. Es geht um das, was ich tun kann. Mir mag weder ein Prophet noch ein Gerechter begegnen, und weder bin ich der Wirtschaftsminister und für die Zeichnung der Waffentransporte zuständig noch Bundeskanzlerin mit Richtlinienkompetenz, aber die kleinen Dingen auf meinem Weg, in meinem Umfeld, die kann ich angehen. Oft ist es das scheinbar Unbedeutende, das Bedeutung hat: Dem Dürstenden ein Glas kühlen Wassers zu geben – das ist wichtig.

In Umweltfragen ziehe ich für mich also das Fazit, dass ich getreulich weiter versuche umweltbewusst zu leben. Mit meinem Fahrrad, mit meinen Stoffbeutelchen, mit meinem Klamotten Auftragen, mit meiner Bevorzugung regionaler Produkte, mit meinem Versuch, möglichst wenig wegzuschmeißen, mit all meinen Tropfen auf den heißen Stein. Auch dann, wenn ich an der Wirkkraft meines Engagements manchmal zweifle. Aber wie hat schon Fanta Vier in meiner Jugend gesungen: „Wir retten die Welt, sag ich, und werd ausgelacht; doch wenn das alle denken würden, hätten wir’s schon längst gemacht.“

Wenn das mal nicht prophetisch ist;)

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  "Sieh zu, was du tust"

"Sieh zu, was du tust"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.11.2019

„Wir Wissenschaftler sagen seit 30 Jahren das Gleiche und bisher ist fast nichts passiert. Da wird es immer weniger realistisch, Ziele für die 2030er oder 2040er Jahre zu erreichen. Wichtiger als die Festlegung, welches Ziel oder welches Datum wir schaffen müssen, finde ich die Frage: Wie kann eine Gesellschaft in einer Demokratie dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern? Da sehe ich persönlich noch keine Antwort.“

Das sind Worte von Professor Dirk Notz, Klimawissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe „Meereis im Erdsystem“ am Max-Planck-Institut in Hamburg. Friedensklima heißt die diesjährige Friedensdekade und nimmt damit auf, dass Friede mehr braucht als freundliche Menschen, die sich vertragen. Eine der Auswirkungen des Klimawandels, so Notz, seien mit hoher Wahrscheinlichkeit Wetterextreme, also Hitze, Dürre und starke Niederschläge. Dies sei auch für die Landewirtschaft eine große Herausforderung. Denkt man seine Worte konsequent weiter, geht es also um die Ressourcen Wasser, Nahrung und Lebensraum. Ressourcen, um die schon viele Kriege geführt worden sind.

Seit 30 Jahren sei also nichts passiert, resümiert Notz trocken. Und die vielen Schülerinnen und Schüler, die sich der „Fridays-for-future“-Bewegung anschließen, fragen mit Recht, warum eigentlich Erwachsene sich nicht an Verträge halten, die sie einst geschlossen haben. Wie viel Gezerre um Umweltschutzmaßnahmen gab es nicht schon auf all den weltweiten Klimakonferenzen, deren Beschlüsse oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner fanden; und nicht einmal die wurden konsequent verfolgt. – Trotz der Bilder von Plastikinseln im Meer, von Bergen unseres Mülls, den wir nach Russland verkaufen, um ihn dort in Sibiriens Weiten abzuladen, von Flüssen, die Schaumbädern gleichen, Städten, denen unter Smog-Glocken die Luft wegbleibt und der Umweltnachrichten mehr.

Also: Warum halten wir uns nicht an die Verträge, von denen wir wissen, wie zukunftsrelevant sie sind? In der heutigen Erzählung zur Friedensdekade geht es auch um einen Vertragsbruch. Und der hat keinen anderen Grund als schnöde, kurzsichtige Gewinnsucht.

Nabal heißt der Vertragsbrüchige. Und David ist der Mann, gegen den er vertragsbrüchig wird. David, reizbar wie er ist, zieht daraufhin los und schwört dem Nabal blutige Rache. Verhindert wird dieses Blutbad durch Abigajil, Nabals kluger Ehefrau. An sie hatten sich die Männer Nabals gewandt, nachdem sie Zeugen dessen unglückseligen Handelns geworden waren. Ihr Bericht endet mit den Worten (1. Sam. 25, 17): „So bedenke nun und sieh zu, was du tust.“ Abigajil ahnt, was kommen wird, und entschließt sich um ihrer aller Überleben willen, dem David entgegen zu gehen. Sie erfüllt dem David den Vertrag übermäßig und bittet für ihren Mann um Entschuldigung. Der, erklärt sie, sei, wie er heiße: Nabal, zu Deutsch: ein Narr. – Nun, auch wir können so manche Narretei nicht mehr ändern. Aber wie Abigajil können wir bedenken und sehen, was zu tun ist.

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  Nicht verzagen

Nicht verzagen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.11.2019

Hongkong, 2019. Lina, 38, erzählt: „Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist zu einem Albtraum geworden…. 2014 war ich noch gegen die Proteste für Demokratie. Mir ging die Forderung der Regenschirmbewegung nach einem allgemeinen Wahlrecht einfach zu weit. … Im Großen und Ganzen war ich mit der Arbeit der Regierung zufrieden. / Die Attacke in Yuen Long hat mich und meine Freunde furchtbar enttäuscht. Ich habe keinerlei Vertrauen mehr in die Regierung oder die Polizei. Wir fingen deshalb an, die Proteste logistisch zu unterstützen. …. Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein. / Die Proteste haben mein gesamtes Leben verändert. Ich glaube, allen Hongkonkerinnen geht es so, egal, auf welcher Seite sie stehen. … Die Proteste haben auch großen Einfluss auf meine Arbeit in der Finanzindustrie. ... Für mich ist das in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass der Kampf für unsere Zukunft wichtiger ist als finanzielle Verluste. Aber ich muss auch sagen, dass es mir finanziell gut geht. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren eine Wohnung kaufen können. Jetzt besitze ich sogar mehrere, die ich vermiete. Ich habe diesen Wohlstand nicht mehr oder weniger verdient als andere oder die jungen Leute heutzutage. Ich hatte einfach Glück, früher geboren zu sein und schnell einen guten Job zu finden. / Viel schlimmer als die wirtschaftlichen Auswirkungen sind die psychischen: Ich bekomme die Bilder der Polizeigewalt, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen und die selber miterlebt habe, nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Tränengas rieche, sobald ich meine Augen schließe. Und ich mache mir permanent Sorgen um meine Eltern, weil sie in einer Gegend leben, in der die Polizei immer wieder Tränengas einsetzt.“

Die Journalistin Katharin Tai protokollierte für „Die Zeit“, was Menschen aus Hongkong heute von ihrem Alltag berichten. Veröffentlicht wurde der Beitrag am 11. November auf zeit-online. Als ich Kind war, da gehörte Hongkong noch zum British Empire. Im Fernsehen sah ich damals die Bilder, wo Menschen protestierten, weil sie sich vor dem fürchteten, was sich mit der neuen Staatszugehörigkeit für sie in ihrem Alltag ändern könnte.

An dem gerade zitierten Bericht geht mir nah, dass die Berichtende eine erfolgreiche Geschäftsfrau mittleren Alters ist. Es geht ihr nicht um Prinzipien, nicht um Gesellschaftsvisionen, sondern um ihr Entsetzen angesichts ihres Staates als Unrechtsstaat. „Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein“, konstatiert sie – und versucht mit sich selbst Kompromisse zu schließen: Wie weit kann, wie weit will sie gehen? Wäre ich an ihrer Stelle, mir ginge es wohl ähnlich.

Und doch tut sie mehr als nichts. Sie steht zu ihrem leisen, aber aufrechten Widerstand. Unser heutiger Bibeltext zur Friedensdekade zitiert den Brief des Timotheus an seine Gemeinde, der schreibt: „Der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr weckt er in uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ (2. Tim. 1,7)

Mögen dieser Gottesgeist jene stärken, die derzeit für Recht und Gerechtigkeit einstehen, und ihnen in ihrem friedlichen Protest zum Erfolg verhelfen.

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  Hasspredigten

Hasspredigten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.11.2019

Manchmal hängen Leute Zettel an unsere Schaukästen. Meist sind es nicht die klügsten Botschafter, die sich auf diese Weise Ausdruck verschaffen, weshalb wir die Botschaften auch nicht weiter kommentieren. In dieser Woche eine Ausnahme von der Regel:

Dieses Mal ging es um die Kritik am Bischof, weil dieser dazu einlädt, am 30. November im Mittagsgebet gemeinsam um Frieden zu bitten. Außerdem hat er angekündigt, sich auf dem Schlossplatz an der Abschlusskundgebung der Initiative „Bündnis gegen Rechts“ zu beteiligen und sich damit gegen all jene Stimmen in der AfD zu stellen, die Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder die hässlichen Seiten eines Nationalismus aufleben lassen, die wir vor 74 Jahren hinter uns zu lassen gehofft hatten. Besonders seltsam ist an dieser Kritik, dass unser anonymer Zettel-Schreiber gar nicht auf das eingeht, was der Bischof in seinem Bischofswort sagt, sondern er sich gegen einen Aufruf des Spiegel-Redakteurs Haznain Kazim wendet, der mahnt, sich gar nicht erst mit jenen auseinanderzusetzen, die die AfD wählen, sondern diese auszugrenzen und zu ächten. Zu diesen Votum kann man stehen wie man möchte. Christlich würde ich behaupten, dass überall da, wo Unversöhnlichkeit gepredigt wird, am Ende auch Unversöhnlichkeit steht. Aber zurück zu uns: Wir haben vor gar nicht langer Zeit einen Anschlag auf eine Synagoge erleben müssen, und täglich erleben wir sprachliche Ausfälle, die fassungslos machen. Gar nicht selten sind jene, die sich im Ton vergreifen, Mitglieder der AfD. Deshalb die berechtigte Frage: Wie stellen Christen sich dazu?

Wortwörtlich erklärt der Landesbischof, ich zitiere: „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinen. Christen sehen in jedem Menschen, egal, welchem Volk er angehört, ein Kind Gottes. Das gilt auch für die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Zu ihnen zählen die Flüchtlinge und Fremden.“ Die Schnittmenge mit dem „Bündnis gegen Rechts“ benennt er mit den Schlagworten „Gerechtigkeit, Wertschätzung, Gleichberechtigung und Solidarität“. Diese entsprächen einer Kultur der Aufmerksamkeit, die er als Bischof unserer Landeskirche unterstützen möchte. Sie brauche es nämlich, um unserem Land in seinen demokratischen und humanen Grundlagen verpflichtet zu bleiben. Ihm geht es also gerade nicht um Ausgrenzung oder Ächtung irgendwelcher Menschen, sondern um die Ablehnung konkreter Positionen, durch die Menschen zu Worten des Hasses oder gar zur Taten der Gewalt verleitet werden.

Nicht Hass predigen, sondern aller Hasspredigt, ganz gleich aus welchem Munde, widerstehen; dem Nächsten Nächster sein, Falschem und Gefährlichem laut und klar widersprechen – das ist christlich. Dem entspricht das heutige Bibelwort zur Friedensdekade. Es lautet (Eph 2,14): „Christus selbst ist unser Friede. Er hat aus den beiden Teilen eine Einheit gemacht und die Mauer niedergerissen, die sie trennte. Er hat die Feindschaft zwischen ihnen beseitigt, indem er seinen Leib hingab.“

Oder – auf heute übertragen: Weil wir Menschen in Christus durch das Opfer seines Todes Frieden haben, sollte zu keiner Zeit an keinem Ort kein Mensch dem anderen Feind sein, und die Mauern zwischen Menschen sollten endlich niedergerissen werden.

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  Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Sie werden den Krieg nicht mehr lernen!

Pastor Henning Böger - 11.11.2019

Wer das Städtische Museum am Löwenwall besucht, der kann dort ein ganz passendes Kunstwerk zur diesjährigen Friedensdekade betrachten. Inmitten der Sammlung, die einst Bürger der Stadt zusammentrugen, findet sich - eher kleinformatig - ein Bild des Malers Carl Spitzweg. Der lebte im 19. Jahrhundert und wurde von seinen Zeitgenossen wegen seines humorigen Blicks auf die Ideale seiner Zeit geschätzt.
Auf seinem Bild im Städtischen Museum sitzt ein einsamer, alternder Wachsoldat auf der kanonenbewährten Zinne einer Festung. Vor lauter Langeweile hat er das Stricken begonnen, weil Frieden ist und kein Feind in Sicht. Das ist ein feiner, ironischer Blick auf alles Heroische und Kämpferische, das auch unsere Gegenwart wieder so sehr prägt. Wie gerne möchte man den Herrschenden unserer Tage, den Präsidenten und Despoten, ihre Waffenarsenale aus den Händen nehmen - und Strickzeug in dieselben legen.
Der Gedanke, dass Menschen den Krieg vor lauter Frieden glatt verlernen können, der spricht schon aus den die biblische Friedensvisionen. Eine besonders schöne kann man beim Propheten Micha nachlesen: Er sieht den alles überragenden Gottesberg,
auf den herauf nur noch Friedenspfade führen. Auf ihnen kommen die Völker der Erde zusammen. Niemand muss sich den Weg dorthin mit Gewalt erkämpfen! Nein, das Kriegsgerät hilft hier zum Leben: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“
So sieht es der Prophet Micha. Und in mir beginnen, die Bilder zu sprechen: Aus Schwertern werden Pflugscharen! Aus Kriegshelmen Kochtöpfe! Aus Gewehrläufen Orgelpfeifen! Aus Hellebarden Stricknadeln!
Wenn die Phantasie so zu malen beginnt, dann entsteht mit festem Strich eine neue Welt. Dann ist der Frieden nicht mehr ferne Zukunftsmusik, sondern er prägt unser Handeln im Hier und Jetzt. Damit das Friedensklima unter uns eine echte Chance hat.

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  Füße

Füße

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2019

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ So heißt es im 31. Psalm. Freiheit schwingt da mit und auch die Herausforderung, sich in die Weite zu wagen, den eigenen Schutzraum zu verlassen und der Offenheit etwas zuzutrauen. Gut, dass es andernorts in den Psalmen heißt: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Immer sind es die Füße die uns tragen, denen wir aber, solange sie nicht wundgelaufen sind, schmerzen oder stinken, allermeist nur wenige Gedanken gönnen. Es mag überraschen, aber in unseren Füßen haben wir mehr Sinneszellen als in unserem Gesicht. Vielleicht fühlt es sich deshalb so bestürzend ja sogar intim an, wenn andere uns die Füße waschen…
Füße sorgen für Stabilität, Gleichgewicht und Beweglichkeit. Tausende Schritte tragen sie uns, oft innerhalb weniger Tage. Zahllose Nervenenden spüren den Boden, jede Unebenheit. Beim Barfußlaufen merkt man erst wie zart unsere Füße sind …
Auch Füße sind Gottes Meisterwerke: Es konzertieren fast 30 Knochen, beinahe 30 Gelenke, 60 Muskeln, mehr als 100 Bänder und über 200 Sehnen. Unsere Fußsohlen dämmen jeden Schritt, denn sie beherbergen ein Fettpolster, das nicht verrutschen kann. Niemals treten wir mit der ganzen Fußsohle auf, sondern rollen bei jedem Schritt ab. So sorgt diese Technik für einen gleichmäßigen schonenden Gang. Das aber will gelernt sein. Kinder setzen noch mit der ganzen Sohle auf und es braucht seine Zeit, oft bis ins zehnte Lebensjahr, bis ihre Füßchen rollen. Darum braucht es gute Kinderschuhe.
Gerade Kinderfüßen sieht man am deutlichsten an, wie es um den Wohlstand einer Familie bestellt ist. Mit anderen Worten, wer Armut nicht lesen und erkennen kann, sollte sich Kinderfüße ansehen. Manche stecken in schweren schwitzigen Kunststoffschuhen, andere in schlecht sitzenden Sandalen oder Flipflops und wieder andere sind ganz barfuß. Letzteres ist an sich gar nicht schlecht; so sind wir Menschen ja gestartet. Allerdings hört das auf gesund zu sein, wenn Wege nicht aus Sand und Wiese bestehen, mit Laub gepolstert sind. Über Asphalt und Schotter kann kein Kind laufen ohne sich die Füße wundzustoßen oder zu verbrennen…
Darum möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die mit ihrem Kirchgeld dazu beigetragen haben, dass 300 äthiopische Kinder der German Church Shool in Addis Abeba neue gute Schuhe bekommen können. 6000,00€ sind zusammengekommen. Wir sind es nicht und müssen es auch nicht sein, die diese 600 Füßchen auf weiten Raum stellen, aber wir können dazu beitragen, dass das Loslaufen auf hartem und heißen Asphalt nicht wehtut und diese Kinder noch viele, viele Schritte gehen können.
Und für uns mag an diesem Vorabend des neunten November, der ein so bestürzendes und segensreiches Datum gleichermaßen ist, Richtlinie sein: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

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  Hier und dort

Hier und dort

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2019

„Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle.“ So heißt es über diesem Tag aus dem ersten Buch der Chronik und dazu gelegt wurde aus dem Johannesevangelium: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Ein großer Rahmen. Unbehaust hier und mit Wohnung dort, als wäre es nicht andersherum dringender. Unbehaust hier: würde jetzt noch die Rettungsweste in der Laterne hängen, läge es nahe die Zeilen mit Blick auf die vielen Flüchtlinge zu aktualisieren. Das Thema ist ja nicht erledigt im Gegenteil. Unbehaust hier: 30 Jahre nach dem November 1989 schwingt durch diese Zeilen mit, was die ostdeutsche Schauspielerin Jutta Wachowiak letzte Woche hier im Staatstheater erinnerte. Nach der Öffnung der Mauer und der Deutschen Einheit konnten (wir) Ostdeutsche überall hin, nur nicht mehr nach Hause.
Unbehaust hier aber geborgen und Zuhause dort. Worte also, die im Blick behalten, dass wir im Laufe unseres Lebens zu einem Ziel hin unterwegs sind. Wegworte, die erzählen vom Wandern durch die Lebenszeit, vom sich fremd fühlen und irgendwann heimkommen, von Einsamkeit und Geborgenheit.
Die alten Worte kommen aus der Wüste und ländlicher Gegend. Aber es fällt nicht schwer, sie in der Stadt zu hören, denn hier wird man eher nicht gekannt und schneller nicht vermisst als auf dem Dorf. Vielleicht deshalb hat das Pilgern in der Stadt inzwischen solche Konjunktur, denn man spürt dabei Wegen nach, die mit Sicherheit an Orte führen, die uns bergen und ein Ziel sein können, die ein Vorgeschmack auf die Bleibe dort sind.
In Zürich haben Kollegen eine App entwickelt, die Menschen dazu bringen soll, nicht einfach nur durch ihre Stadt zu laufen als wären sie Fremdlinge, die nirgends hingehören, sondern einlädt zu testen wie sich die Plätze, an denen man sonst nur vorbeiläuft, anfühlen, ob man aushält, dort wirklich länger anzuhalten, still zu sein. Zwischendurch gibt es kleine geistliche und musikalische Impulse. Am Ende, so ist die Idee, soll man einen Gedanken, der an diesem Ort entstanden ist, in die App tippen. 33 Tage schickt sie diese Eingebung zurück. So kommt man langsam an. Und nicht nur das: die Züricher erzählen, dass es allermeist ganz verdichtete Nachrichten sind, die in uns im Stillehalten gewachsen sind, fast wie ein Gebet.

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  Bedürftigkeit

Bedürftigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2019

Gestern verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass die bisherige Sanktionspraxis der Jobcenter, nach der Hartz-IV-Empfängern Bezüge gekürzt werden, so nicht beibehalten werden darf. Denn der „Mensch dürfe nicht auf das schiere Überleben reduziert werden“. Erwartungsgemäß ging sofort die Debatte über die soziale Grundsicherung mit neuer Lebendigkeit los und dies in einer Zeit, in der die Bundesregierung unter anderem über die Grundrente streitet. Zentraler Konfliktpunkt ist die Frage, ob Menschen ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen oder ob ihnen dieses Geld einfach zusteht, weil sie Mitglieder unserer Gesellschaft sind.
Den Debatten spürt man ab: es geht um mehr. Womöglich könnten Entscheidungen hier ja andere Prozesse lostreten, Überlegungen zum bedingungslosen Grundeinkommen zum Beispiel. Dabei stellt sich – neben vielen anderen und nicht nur wirtschaftlichen Aspekten – auch die Frage nach unserem Menschenbild (sind wir von Natur aus Faulpelze oder doch leidenschaftliche Gestalter?) und der Bedeutung bezahlter Arbeit für den Wert und das Ansehen eines Menschen. Sehr interessant ist auch der bisher unbezifferte Wert unbezahlter Fürsorge, die Kinder und Alte – mithin jede und jeder von uns irgendwann – erfahren.
Nach Karlsruhe wird neu nachgedacht und gestritten werden müssen, was Menschenwürde eigentlich bedeutet, wenn eine erwerbsunfähig ist oder seelisch krank, abhängig von Hilfe. Und vielleicht müssen wir auch neu darüber nachdenken, was uns die Arbeit von Polizisten und Kindergärtnern, Lehrern, Ingenieuren, Bäckern, Müllfahrern, Pflegerinnen, Reinigungskräften und Musikern wert ist.
In einem Gleichnis erzählt Jesus Christus von einem Weinbergsbesitzer, der im Laufe des Tages Arbeiter einstellt und am Ende zur Empörung derer, die den ganzen Tag gearbeitet haben, alle gleich bezahlt. Ganz aktuell bestätigt die alte Geschichte davon, dass das Auskommen derer, die nicht viel beitragen (egal, woran es liegt), strittig ist. Und er überführt die tüchtigen Erfolgsmenschen ihrer Hartherzigkeit mit der Frage: „Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“



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  Werde licht!

Werde licht!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.11.2019

November ist für viele Menschen eine wirkliche Herausforderung. Trübe graue Tage noch ohne adventliches Leuchten und Schimmern machen es manchmal wirklich schwer, guter Dinge zu sein. Rainer Maria Rilke hat gedichtet: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Man möchte ihm ein recht geben und schon kriecht Novembereinsamkeit ins Herz und in die Knochen. Und nicht nur das: November ist auch voller schwerer Termine: das Gedenken an die Pogromnacht, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Das Ende des Kirchenjahres markiert auch unsere Endlichkeit und menschlichen Grenzen.
November ist eine Zeit, um bei der Wahrheit zu bleiben.
November ist eine Zeit, um Dinge beim Namen zu nennen.
Egal, ob es Kriegsschuld ist oder nur Müdigkeit.
Aber nicht nur: Auch November ist gottgeschenkte Zeit, in der immer noch wieder etwas Neues und Besonderes möglich ist, in der Karneval gefeiert wird und Martinstag, in der Menschen sich verlieben, zum ersten Mal oder wieder neu, sich versöhnen und vertragen. Auch im November werden Kinder geboren, Talente entdeckt, fallen Mauern, wird Frieden geschlossen.
Darum ist es eine besonders glückliche Fügung, wenn gerade für einen eher dunklen Herbsttag in der der silbernen Herrnhuter Schale noch drin ist und denn auch gezogen wird: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“
Es scheint an uns zu sein, ja es scheint uns möglich zu sein, licht zu werden. Schöne deutsche Sprache! Dies „licht“ schreibt sich klein. Wir müssen nicht das Licht an sich, schon gar nicht das der Welt sein. Wir sind es nicht, die die Welt ausleuchten müssen, damit andere den Weg finden.
Aber wir können kleingeschrieben licht sein, hell und heiter, hoffnungsvoll und zuversichtlich, denn im Ende scheint schon wieder der Anfang auf.


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  Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.11.2019

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ Die Schriftstellerin Christa Wolf hat die Grenzen der kommunizierbaren Erinnerung beschrieben nicht ohne dennoch zu erzählen. Mir gefällt das, weil in diesen Worten so schön mitschwingt, dass es allermeist eben doch noch ganz anders gewesen ist, als es klingt und weil solche Weisheit Raum gibt, mit neuer Offenheit zu hören, wie Andere besondere Zeiten und Situationen erlebt haben. Wir alle erzählen ja je unsere Deutung und unser Urteil mehr oder weniger absichtlich mit – je nachdem, was das Erlebte für uns bedeutet hat.
Die Ereignisse im Herbst 1989 in Ostdeutschland machen das einmal mehr bewusst. Heute vor dreißig Jahren versammelte sich eine ungeheure Menschenmenge auf dem Berliner Alexanderplatz zur ersten genehmigten nichtstaatlichen Demonstration der DDR-Geschichte, die zu aller Überraschung sogar im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Es war für viele der wichtigste Tag der friedlichen Revolution obwohl dieser vierte November im allgemeinen Bewusstsein im Schatten des Mauerfalls fünf Tage später geblieben ist.
Wenn man aber denen zuhört, die damals auf Initiative einiger Theaterleute auf der Holzbühne ausgerechnet vor dem „Haus des Reisens“ standen – es sind viele bekannte Namen: Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Günter Schabowski, Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer … - dann erinnert man sich wieder, wieviel Mut und Zuversicht unter Menschen möglich ist. Inzwischen ist eine weitere Generation in unser gemeinsames Land gegangen und wie müssen wieder von vorn lernen, miteinander zu streiten, Demokratie zu üben, Frieden zu bewahren und dabei keinen Millimeter nach rechtsaußen zu rücken.
Die Tageslosung hieß damals aus dem Propheten Jeremia: So spricht der Herr: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Und im Hebräerbrief stand dazu: „Christus erlöste die, die durch Furcht vor dem Tod im Leben Knechte sein mussten.“ Das kann getrost auch über diesem vierten November stehen.


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  Fortschritt

Fortschritt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.11.2019

„Der philosophisch, politisch, technologisch und ökonomisch geprägte Begriff Fortschritt wird verwendet, um bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften als grundlegende Verbesserungen zu kennzeichnen. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand.“ So ist ein erster Versuch der Definition des Begriffs Fortschritt auf Wikipedia nachzulesen, bevor es dann lang und breit in die Tiefe geht.

Nun war ich am Reformationstag gottesdienstlich mit meiner Familie unterwegs. Thematisch handelte der Gottesdienst von der Frage, die Pilatus im Johannesevangelium stellt: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) Einer der Prediger formulierte, dass wir doch in vielen Kontexten die Wahrheit kennen würden, sie aber lieber verdrängten, weil sie eine Veränderung unseres Handelns erforderte. In der Umweltfrage z.B. wüssten wir, wie schädlich das Fliegen sei. Dennoch wäre trotz aller „Fridays for future“-Bewegung die Zahl der Flüge im vergangenen Jahr nicht gesunken, sondern gestiegen. Jetzt möchte ich gar nicht über Vor- oder Nachteile einzelner Bewegungsmittel diskutieren, stelle aber in den Raum, dass anscheinend unser Bedürfnis nach Mobilität grenzenlos ist. Der Fortschritt macht es möglich, so schnell wie noch nie zuvor reisen zu können. Und in unserer Leidenschaft für Bewegung sind wir bereit, diese Möglichkeiten zu nutzen. Angesichts des Gesamtergebnisses stellt sich nun die Frage: Ist diese Möglichkeit zu großer Mobilität wirklich ein Fortschritt?

Im Nachgang zum Gottesdienst zitierte mir jemand das recht trockene Zitat des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, der meinte: „Wenn man Abgrund steht, dann ist der Rückschritt ein Fortschritt.“ Angesichts vieler Nachrichten dieser Tage, scheint da viel Wahres dran zu sein. Und doch bleibt das tief verwurzelte Empfinden, dass Rückschritt oder Stillstand tatsächlich keine Lösung sind, wenn Fortschritt per Definition eine grundlegende Verbesserung meint. Wenn Sie mich fragten, worin eine Verbesserung dieser Gegenwart liegen könnte, dann antwortete ich Ihnen: in der Konzentration. Nicht die Mobilität an sich ist ein Problem, sondern die Masse der Mobilität. Nicht das Mobiltelefon an sich ist ein Problem, sondern die Menge der Zeit, die wir darauf verwenden. Nicht die verschiedenen Ansichten in einer Gesellschaft sind das Problem, sondern jene Unerbittlichkeit, die zu Kompromisslosigkeit führt.

Die Reformation suchte nach der Wahrheit Gottes für diese Welt, die es in der Wahrheit Christi allein fand. Alle Äußerungen kirchlichen Lebens, forderten sie, sollten sich an dieser einen Wahrheit messen lassen. Es war die Konzentration auf das Wesentliche, die die Reformatoren einforderten; auf das, was das Leben befördert, groß macht und seinen Wert herausstellt. Das ist mehr als die Suche nach dem persönlichen Wohlergehen. Das ist mehr als eine Messung des Fortschritts an Zahlen aus der Wirtschaft oder der technischen Entwicklung. Die Konzentration auf das Wesentliche ist zuerst eine geistige und aus Perspektive der Christin: geistliche Größe. – Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass wir derzeit in einer eher geistlosen Welt leben, sondern Konsequenz dessen, an welchen Kennzahlen wir den Fortschritt zu messen begonnen haben. Uns neu auf die Werte dessen zu konzentrieren, der einst sagte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), das erschiene mir, ganz ehrlich, als ein großer Fortschritt unserer Zeit.

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  Eine dreifache Schnur

Eine dreifache Schnur

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.11.2019

In den letzten drei Trauungen, die ich begleiten durfte, wählten alle Brautpaare zufälligerweise denselben Trauspruch. Er steht im Buch des Predigers und lautet (Koh 4,9f):

„So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm der andere auf. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

Den letzten Teil haben zwei der drei Paare weggelassen, weil er so fremd und unverständlich klingt. Da geht’s die ganze Zeit um wunderbare Zweisamkeit, darum, wie man sich als Paar verhält, zueinander steht, einander im Leben weiterhilft – und dann kommt da irgendetwas über eine dreifache Schnur. Was soll das sein? Und selbst jene, die die Bibel aufschlagen, um zu sehen, ob sich irgendetwas aus dem ergibt, was drum herum steht, werden enttäuscht. Diese Verse finden sich inmitten einer Sammlung von Lebensweisheiten. Und so bleiben wir in der Deutung auf uns selbst verwiesen.

Ich glaube, dass diese dritte Schnur neben jenen zwei Lebensfäden des Paares für den steht, von dem es heißt, dass er die Liebe ist. Gott selbst wirkt und webt das Leben von Menschen zusammen; so sie es denn zulassen und möchten. Und zwar nicht irgendwie als Zaubermittel, sondern indem Menschen sich gemeinsam vor Gott stellen und auf sich als einzelne und als Paar blicken. Meinem Paar heute habe ich deshalb ein Ritual vorgeschlagen: Wie wäre es, wenn sie regelmäßig in den Dom oder auch in eine andere Kirche gingen und dort eine Kerze entzündeten? Und wenn sie dann ein Gebet sprächen, in dem sie dafür danken, dass sie einander begegnet und gemeinsam auf dem Weg sind? Und zwar nicht nur dann, wenn die Liebe gerade heiß und fettig ist, sondern auch und gerade dann, wenn sie nur noch als Schatten ihrer selbst erscheint. Und was wäre, wenn die beiden dann im Anschluss hinausgingen und sich in ein Café setzten und einander zu erzählen begännen? Wie habe ich die letzten Wochen und Monate erlebt? Was wünsche ich mir von dir? Was du dir von mir? Worin kann ich dir aufhelfen und gegen welche Kälte dieser Welt solch ich dich wärmen? Und umgekehrt zu fragen: Hilfst du mir auf und wärmst mich da, wo mir das Herz kalt und schwer ist?

Wissen Sie, manchmal habe ich den Eindruck, dass Paare nach dem glücklichen Start in eine Beziehung irgendwann an dem Punkt sind, an dem die Partner jedem aufhelfen: den Arbeitskollegen, dem Betrieb, den Freunden, der Familie, den Kindern, dem Sportverein, dem Kindergarten, der Schule, wem auch immer, nur sich als Partner verlieren sie dabei aus dem Blick und helfen sich gegenseitig nicht mehr auf. Liebe, so besagt einer der biblischen Texte zur Ehe, braucht Pflege und Aufmerksamkeit. Und das geht am besten, indem man sich diese Liebe je und je neu bewusst macht. Als göttliches Geschenk, also dritter Faden, vor Gott und in der Partnerschaft.

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