Das Wort zum Alltag

Über Gott und die Welt


Es gab Zeiten, da sprachen Menschen sprichwörtlich über Gott und die Welt. Über alles und nichts, hieß das. Und ich würde es als eine Art plauderndes Denken beschreiben. Diese Zeiten liegen nicht lange zurück – zumindest erinnere ich mich gut, dass ich in meinem Leben schon viel mit Freunden über Gott und die Welt gegrübelt habe. Auf Freizeiten unter dem Sternenhimmel, beim Kaffee im Garten oder als Jugendliche, als wir redend die Welt als Ganze in ihren Zusammenhängen zu erfassen versuchten. Aber macht man das heute eigentlich noch? Beieinander sitzen und über die Welt und Gott plaudern? Oder sinniert man derzeit nicht eher themenbezogen nur noch über die Welt? Über Kriege und unsere Hilflosigkeit angesichts dessen, was weit weg und so nah zugleich ist; über Flüchtlinge und Politik; über medizinische und technische Fortschritte und die Frage, ob wir eigentlich all das wollen, was wir inzwischen können. – Aber Gott? Gott scheint derzeit eher einer zu sein, mit dem man sich persönlich entweder findet oder nicht findet. Außerhalb des Individuellen und Subjektiven hat er kaum mehr einen Ort. Warum eigentlich?

Thomas Mann beschreibt in „Joseph und seine Brüder“ seine Ansicht dessen, wie Mensch und Gott einst zusammen fanden: „Es fing damit an, dass Abram dachte, der Mutter Erde allein gebühre Dienst und Anbetung, denn sie bringe die Früchte und erhalte das Leben. Aber er bemerkte, dass sie Regen brauche vom Himmel. Also sah er sich an dem Himmel um, sah die Sonne in ihrer Herrlichkeit, Segens- und Fluchgewalt und war auf dem Punkt, sich für sie zu entscheiden. Da jedoch ging sie unter […].“ Und dann geht es weiter zu Mond und Sternen und schließlich zu dem Gedanken: „Hätten sie nicht über sich noch, so hoch sie sind, einen Lenker und Herrn, wie möchte das eine auf- und das andere untergehen? […] So hatte Abraham Gott entdeckt aus dem Drang zum Höchsten, hatte ihn lehrend weiter ausgeformt und hervorgedacht […].“ – Abram ist auf der Suche nach dem Höchsten, das seiner Anbetung würdig ist. Und wir? Wann suchen wir noch nach mehr als jenen Funktionen, Pragmatismen und Kausalitäten, mit denen wir uns die Welt am besten zu Eigen und nutzbar machen? Wo sind das Staunen und die rechte Antwort auf das Staunen, die Anbetung, geblieben?

Auf unserem Osterspaziergang sagte irgendwann unsere Tochter zu uns: „Ganz gleich, wo man beim Nachdenken beginnt, am Ende landet man immer bei Gott.“ Das war unvermittelt und überraschend – und, ja, mir Grund zur Freude. Denn letztlich ist es wohl so, dass jede und jeder von uns Gott für sich hervordenken muss, soll er sein Herz berühren.

Und ich blickte in den sonnigen Ostertag und mit den Gebetsworten des 139. Psalms im Sinn (Ps 139,5.14):
„Von allen Seiten, Gott, umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“



Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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