Das Wort zum Alltag

Weltsuizidpräventionstag


Jedes Jahr am 10. September werden wir durch den Weltsuizidpräventionstag schmerzlich darauf aufmerksam gemacht, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl einer Stadt wie Bad Harzburg vor den Toren Braunschweigs. Statistisch betrachtet sind das mehr Menschen als die, die im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Warum und wieso das so ist, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es gibt keine Erklärung, die hier für alle und alles gilt. Die einzelnen Gründe dafür sind wahrscheinlich genauso vielfältig wie die Lebensumstände derer, die sich zu diesem letzten Schritt veranlasst sehen.
Doch trotz dieser erschreckenden Zahlen scheint das Thema Suizid noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft zu sein. Auch wenn es auf der einen Seite sinnvoll erscheint, dass zum Beispiel die Medien darüber nicht berichten, weil sie um den sogenannten Werther-Effekt, den Nachahmer-Effekt wissen, so hilft uns doch dieses Tabu insgesamt auf der anderen Seite sehr wenig.
Zum einen, weil es damit die vielen Menschen, Familienangehörige, Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Mitschülerinnen und Mitschüler und alle anderen, die von einem Suizid in ihrer Nähe betroffen sind, mundtot macht. Denn wo können sie öffentlich zum Ausdruck bringen, wie es in ihnen aussieht, welchen Kummer und welches Leid sie erlebt haben und immer wieder erleben? Und wer von denen, die nicht davon betroffen sind, wäre bereit, sie auf diesem schmerzlichen Weg zu begleiten, wenn keiner es denn weiß, wovon sie betroffen sind? Oder vielleicht sogar die öffentliche Meinung dahin geht, dass „man“ darüber ohnehin nicht spricht? Es wäre eine weitere schwere Last, die wir als Gesellschaft diesen Menschen auferlegen würden und sie wären wohl doppelt verlassen und einsam: Erst von denen, die gegangen sind und dann auch noch von denen, die mit ihnen weiterleben, aber nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Der Braunschweiger Arbeitskreis Suizidprävention will mit der heutigen Andacht im Braunschweiger Dom dieser Haltung entgegenwirken und ein deutliches Zeichen setzen!
Und zum anderen: Wenn wir nicht öffentlich über den Suizid reden, wie könnte man ihm dann vorbeugen? Wie sonst könnte man drohende Anzeichen erkennen und denen, die sich mit diesem Gedanken tragen, weiterhelfen und ihnen auf diese Weise wieder zu neuem Lebensmut verhelfen? Auch wenn wir den Suizid mit unseren Kräften wohl nicht aus der Welt schaffen werden, so geht es dennoch um das hilfreiche Vorbeugen, es geht um das Aufzeigen von anderen Wegen, mit den eigenen Lebenskrisen umzugehen. Denn auch das ist eine Erfahrung dieser Präventionsarbeit: Menschen, die von suizidalen Gedanken begleitet werden, wollen schon leben, aber nicht so, wie es gerade ist. Doch weil sie für sich keinen praktischen Ausweg sehen, denken sie, ihr Tod wäre die einzige Lösung. Dabei könnte eine gute Lösung aber auch so aussehen, dass sie mit anderen Menschen in Kontakt treten, die bereit sind, ihnen zuzuhören und mit ihnen gemeinsam nach anderen Wegen suchen, die Krise zu überwinden.
Möglicherweise wäre es auch eine gute Form von Prävention, nicht nur, aber auch gerade jungen Menschen ein realistisches Bild vom Lebens vor Augen zustellen, in dem Krisen, Rückschläge und auch Scheitererfahrungen einen Platz haben dürfen und nicht gleich das Ende darstellen. Wir jedenfalls machen öffentlich darauf aufmerksam, dass es zahlreiche Beratungsstellen gibt, die bereit und kompetent sind, anderen Menschen in ihren Krisen zu begleiten. Die beste Nachricht, die sich auf diese Weise verbreiten würde, wäre wohl: Auch wenn Du denkst, Du bist ganz allein - Du bist es nicht!

Christian Kohn, Pfarrer

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